Nr. 124 «Raphael» - Frühling 2026
Das erwartet dich in der Frühlingsausgabe der MANNSCHAFT: ✨ Poet Raphael Lepenies über das schrecklich schöne Leben
Das erwartet dich in der Frühlingsausgabe der MANNSCHAFT:
✨ Poet Raphael Lepenies über das schrecklich schöne Leben
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Nr 124
Frühling 2026
mannschaft.com
Schrecklich schön
ist das Leben mit Poet
Raphael Lepenies
Seite 6
Wie «queer» sind wir?
Stimmen aus
der Community
Seite 42
«Fuck Gender Roles»:
Brigade Brut über Buh
und Jubel im Ring
Seite 68
EUR 15
DAS
IST
STEFFEN.
STEFFEN
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DEPRESSIV.
Auf den ersten Blick sind Depressionen schwer zu erkennen.
Mehr Infos über die Erkrankung: deutsche-depressionshilfe.de
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EDITORIAL
Bunt wie die
Community
MANNSCHAFT entstand 2010
als Monatsmagazin für schwule
und bi Männer. Seit 2020 sprechen
wir als Quartalsmagazin
die ganze queere Community
an. Einige Inhalte behandeln
LGBTIQ-Themen generell,
andere sind explizit schwul,
lesbisch, trans oder ein Mosaik
diverser Identitäten. So bunt
wie die Community eben.
Bild: Jasmin Zaccone
Neun Storys bilden das Herzstück
der MANNSCHAFT und
stehen jeweils für eine Farbe
der von Gilbert Baker 2017
erweiterten Regenbogenfahne.
MANNSCHAFT MAGAZIN
Nr. 124, Frühling 2026
Das LGBTIQ-Magazin für die
Schweiz, Deutschland, Österreich
und Liechtenstein.
Schrecklich schön
ist das Leben mit Poet
Raphael Lepenies
Seite 6
Raphael
Foto: zvg
Wie «queer» sind wir?
Stimmen aus
der Community
Seite 42
Verschiedene Rubriken zu
Film, Lifestyle, Literatur und
Musik sowie aktuelle Meldungen
runden das Magazin ab.
«Fuck Gender Roles»:
Brigade Brut über Buh
und Jubel im Ring
Seite 68
Nr 124
Frühling 2026
mannschaft.com
«Fuck Gender Roles»:
Brigade Brut über Buh
und Jubel im Ring
Seite 68
Wie «queer» sind wir?
Stimmen aus
der Community
Seite 42
Lady Roqueforce
Foto: Fotosolar
Schrecklich schön
ist das Leben mit Poet
Raphael Lepenies
Seite 6
Nr 124
Frühling 2026
mannschaft.com
Liebe Mannschaft
Wenn sich meine Co-Chefredaktorin Denise Liebchen und ich zusammensetzen,
um eine neue Ausgabe zu planen, versuchen wir immer, möglichst
viele Interessen abzudecken. Einerseits wollen wir unserer gesamten
Leserschaft gerecht werden, denn ihre Interessen sind so vielfältig wie die
Community selbst. Andererseits lassen wir uns auch von unserer eigenen
Neugier leiten: von Themen, die uns gerade beschäftigen oder überraschen.
Manchmal werden uns Geschichten und Artikelideen gepitcht. Manchmal
lassen wir uns von Trends auf Social Media inspirieren, von Büchern, die
wir gerade lesen, oder Serien, die wir gerade schauen. Und manchmal ist es
auch einfach ein Bauchgefühl, dem wir folgen.
Wenn ich jetzt kurz vor Drucklegung die testweise ausgedruckten Storys
noch einmal durchblättere, beschleicht mich plötzlich das Gefühl, wir hätten
eine Konzeptausgabe geplant, obwohl das gar nicht beabsichtigt war. In
vielen Geschichten dieser Ausgabe geht es um Rollenbilder, Schubladen und
Normen, aus denen unsere Protagonist*innen ausbrechen wollen.
Die Geschichten in diesem Magazin beginnen an ganz unterschiedlichen
Orten: auf dem Waffenplatz, im Schwimmbecken oder mit einer
Umfrage auf mannschaft.com. Und doch führen sie alle zu einer ähnlichen
Frage: Wie gehen wir mit Erwartungen um? Mit Labels, mit Rollenbildern,
mit den Kategorien, in denen wir uns selbst sehen – und in die andere uns
stecken wollen?
Carsten Roetz beschäftigt sich mit den Begriffen «gay» und «queer»
(Seite 42). Wir steigen mit der Brigade Brut in den Wrestlingring (Seite 68),
und Michael Freckmann begibt sich auf die Spuren queerer Pionier*innen
in der Armee (Seite 110). Und ich versuche herauszufinden, warum manche
Männer im Sport angehimmelt werden – während andere verspottet werden
(Seite 56). Aber keine Sorge: Diese Ausgabe kann auch anders. Denise
macht einen Abstecher in die Welt der queeren Poesie mit Raphael Lepenies
(Seite 6), und Cora Gäbel stellt die queere Jobmesse «Sticks & Stones» auf
den Prüfstand (Seite 28).
Ich wünsche dir eine anregende Lektüre und grüsse dich herzlich.
Greg Zwygart, Co-Chefredaktor
Frühling 2026
3
Mannschaftsaufstellung
In dieser Ausgabe haben unter anderem diese Personen
für uns geschrieben, gezeichnet und fotografiert.
Foto: zvg
Unsere Kolumnistin Mona
Gamie ist Dragqueen, Chansonnière
und queere Aktivistin.
In ihrer aktuellen Kolumne
geht sie unter die Gürtellinie
– in ihrer von uns überaus
geschätzten eloquenten und
zugleich charmanten Tonart.
→ Seite 51
Foto: Laura Rubli
Bei der Jobmesse «Sticks
& Stones» präsentieren
sich LGBTIQ-freundliche
Unternehmen. Doch wie
queerfriendly sind sie
wirklich? Unsere freie
Autorin Cora Gäbel hat
die Messe in Köln besucht.
→ Seite 28
Foto: zvg
Wenn Carsten Roetz nicht gerade
als Reiseleiter auf dem Motorrad
unterwegs ist, schreibt er für uns
Storys, die er bevorzugt nah am
Nerv der Community ansiedelt. Für
diese Frühlingsausgabe hat er der
Debatte rund um den Begriff
«queer» einen Raum geben wollen,
in dem sich alle ehrlich äussern
können. Die dazugehörige Umfrage
lief so heiss wie keine zuvor bei der
MANNSCHAFT. → S. 42
Foto: Mannschaft
Foto: María José Alonso
Co-Chefredakteurin Denise Liebchen sprach
mit dem Poeten Raphael Lepenies über sein
schrecklich schönes Leben. Das Gespräch hat
sie zu fünf Strophen verdichtet – plus zehn
Lieblingszeilen aus Raphaels Buchreihe «Pragmatische
Poesie» zum Mitlesen und Weiterdenken.
→ Seite 6
Eduardo Luzzatti ist Illustrator
und Designer aus Barcelona. Er
liebt es, Bilder zu kreieren, die
viel mit wenig sagen. Das ist ihm
mit seinen Illustrationen in
unserer Story «Wie queer sind
wir?» überaus gut gelungen.
→ S. 42
Michael Freckmann schreibt
über queere Perspektiven in
Gesellschaft und Popkultur.
In seiner Story erzählt er von
den Erfahrungen queerer
Soldat*innen in den Streitkräften
Deutschlands, der
Schweiz und Österreichs und
ihrem Weg von Ausgrenzung
zu mehr Akzeptanz.
→ Seite 110
Foto: zvg
Kolumnen:
Mann, Frau Mona!, 51
Die trans Perspektive, 83
Queer & Sober, 119
4 Frühling 2026
Storys
1 2 3
Literatur
Der Poet und
das schrecklich
schöne
Leben
Wirtschaft
Jobs für
wirklich alle?
Community
Wie queer
sind wir?
6
28 42
4 5 6
Sport
Eine neue
Männlichkeit
für den Sport
Fotografie
«Yes. Mission
completed.
Fuck Gender
Roles.»
Gesellschaft
Die Freundschaft
daten
56
7
Kultur
Frauen lieben
«Boys’ Love»
68 84
8 9
Militär
Ein Kleckser
Farbe in der
Camouflage
Loslassen
Was bleibt,
wenn ich
weg bin?
98 110 122
Frühling 2026
5
Story — 1
1
Der Poet
und das
schrecklich
schöne
Leben
6 Frühling 2026
Story — 1
Text – Denise Liebchen
Raphael Lepenies schreibt über
verwirrte Liebe, verbotene Wut und
den Mut, sich auszudrücken. Was
seine Texte bewirken, zeigt sich am
Signiertisch: Menschen bleiben
und schreiben ihre Geschichten in
seinen Büchern weiter.
Frühling 2026
7
Story — 1
aphael Lepenies wirkt wie jemand, der einem Plan
folgt: 123 000 Follower auf Instagram, ein eigener
Blog mit Shop, drei Book-On-Demand-Bestseller, zuletzt
eine ausverkaufte Lesereise durch Deutschland,
Österreich und die Schweiz. Doch in Wahrheit folgt
er keiner Strategie. Nur seiner Sehnsucht.
Das erste Mal sehe ich Raphael in einem Zürcher
Hotel. Ich sitze in der ersten Reihe, zwei Meter vor
ihm. Im Licht des Scheinwerfers trägt er eigene Texte
vor, entspannt und eindringlich zugleich. Hinter ihm
schweben projizierte, selbstgezeichnete Illustrationen
langsam übers Grau der Wand. Ich blicke mich im abgedunkelten
Raum um: Hinter mir lächelt eine reife
Frau in Stiefeln, zwei Männer halten Händchen, eine
junge Frau schreibt versunken Seite um Seite ihres
Notizbuches voll. Das ist der Moment, in dem ich mir
vorstelle, wie es wäre, ihn zu interviewen.
Zwei Monate später sehe ich Raphael wieder – für
diesen Artikel. Auf meinem Bildschirm sitzt er nach
vorn gelehnt auf einem Sofa, ich ebenso auf meinem
Bürostuhl. Nach wenigen Minuten lehnen wir uns
beide zurück. Das ist in meinen Augen eine seiner Gaben:
einen Raum zu öffnen, in dem man sich in die
Wahrheit zurücklehnt. Was der Poet auf meine Fragen
geantwortet hat, habe ich in fünf Strophen verdichtet,
die von seinem Blick auf das schrecklich schöne Leben
erzählen.
Strophe 1: die Gleichzeitigkeit
der Widersprüche
Raphael lächelt und spricht davon, wie er nach der
Lesereise in ein kleines Loch fällt. Ihm fällt es schwer,
in den stillen Schreiballtag zurückzukehren nach dem
täglichen Adrenalin und intensiven Kontakt mit seinem
Publikum. Am Signiertisch erzählten sie ihm von
Krisen, Krankheit und dem Trost, den sie in seinen
Texten fanden. «Erst als ich wieder allein war, ist diese
emotionale Welle über mich drüber geschwappt»,
sagt er. «Bis ich merkte: Da will einfach was gefühlt
werden. Und dann kamen die Tränen.»
Dass Gegensätze, Schrecken und Schönheit, nebeneinander
bestehen können, erlebte Raphael erstmals mit fünf Jahren: an der
Beerdigung eines anderen Kindes, der Freundin seiner Schwester,
die durch einen Autounfall starb. «Es war schrecklich», sagt er,
«und zugleich habe ich die Liebe in den Tränen gesehen. Diese
Gleichzeitigkeit begleitet mich bis heute.»
Diese Kindheitserfahrung hat er weitergetragen in sein erstes
Buch «Das Leben ist schrecklich schön» und schreibt darin: «Wir
Menschen versuchen oft Dinge in eine Ecke zu schieben, das ist
entweder gut oder schlecht, dabei existieren Widersprüche oft
gleichzeitig.»
Strophe 2: das Sammelsurium
eines Sehnsüchtigen
Bevor Raphael dem Publikum einen Text vorliest, verortet er
ihn im eigenen Leben, erzählt, aus welchem Gefühl er entsprungen
ist, mit ruhender Stimme, wachem Blick.
Lange haderte er mit seiner Scanner-Persönlichkeit: «Ich bin
multipassioniert, fange vieles an und breche es wieder ab. Manchmal
belastet mich das, weil ich denke: Ich kann mich für nichts
entscheiden.» Sein Lebenslauf ist entsprechend abwechslungsreich:
Arbeit beim Radio, Taschen bedrucken, systemisches Coaching,
Kunstprojekte. Was sich durch dieses Sammelsurium zieht,
ist das Schreiben.
Heute publiziert und illustriert er seine eigenen Bücher. Bis vor
Kurzem hat er die drei Ausgaben seiner «Pragmatischen Poesie»-
Reihe eigenhändig verpackt und verschickt. «Finanziell funktioniert
es gut über die Bücher.» Zwei Tage pro Woche arbeitet er
zusätzlich im Online-Marketing eines mittelständischen Unternehmens.
Ein Bürojob, der ihm eine Leitplanke setzt in seinem
sonst sehr strukturlosen, kreativen Alltag.
«Ich habe weder eine Struktur noch einen Plan. Im Gegenteil:
Ich kämpfe jeden Tag um einen Tagesablauf. Es gibt Hyperfokustage,
und dann welche, an denen ich erst um zehn aufstehe, eine
halbe Seite schreibe – und dann war's das.» Inzwischen vertraue
er seinem natürlichen Zyklus. «Irgendwie wird am Ende immer
alles fertig.»
Eine Konstante pflegt er dennoch: die Morgenseiten. Täglich
schreibt er ohne Anspruch, ohne Ziel. «Ich erlaube mir, alle Gedanken
aufs Papier zu kotzen.» Aus diesen Notizen entstehen später
Sätze, Texte, mal poetisch, mal essayistisch. Kurze teilt er auf
Instagram, längere auf seinem Blog. Nicht alles erscheint sofort,
manches bleibt in der Schublade.
Bild: zvg
8 Frühling 2026
Story — 1
Frühling 2026
9
10 Frühling 2026
Story — 1
Story — 1
Seine Bücher versteht Raphael als Manifeste für die Sehnsucht
– zu seiner eigenen pflegt er ein enges Verhältnis: «Das Schreiben
war für mich schon immer ein Zugang zu mir selbst, zu meinen
Fragen und zu etwas, das grösser ist als ich.»
Strophe 3: Mut zum
eigenen Ausdruck
Raphael hält sein Buch aufgeschlagen in der Hand und liest ins
Publikum: «Du bist eine echte Zumutung. Vielleicht ist das, was
du versteckst, die schönste deiner Facetten.» Er klappt das Buch
zu, vor ihm stille Gesichter.
In der Zumutung stecken drei starke Buchstaben: Mut; und
diesem folgt Raphael schon lange. Vor neun Jahren gründete er
seinen ersten Blog – zunächst anonym, um Texte zu veröffentlichen,
ohne sich voll zu zeigen. «Es war ein kleiner Schritt des
Mutes, um mich rauszuwagen», sagt er. Erst mit seinem ersten
Buch entschied er sich, unter eigenem Namen zu veröffentlichen.
Raphael will selbst bestimmen, wann und wie er sich zeigt,
ohne sich von aussen beeinflussen zu lassen. Gefühlen Raum zu
geben – auch den unangenehmen – ist für ihn zentral. Deshalb
widerspricht er der verbreiteten Tendenz, Traurigkeit sofort einzuordnen
oder abzuschwächen. «Wir sollten einander unsere negativen
Gefühle lassen. Du darfst traurig sein. Du darfst empfinden,
dass das Leben gerade schrecklich ist.» Trost entsteht nicht
im Schönreden, sondern im Aushalten.
Mut braucht keinen grossen Sprung, sondern kleine Verschiebungen:
sich heute ein wenig mehr zu zeigen als gestern – und
sich zu fragen, wem es eigentlich nützt, wenn man sich kleinhält.
«Da immer mehr narzisstische Egomanen regieren, ist es wichtig,
dass sensible, einfühlsame Menschen mutig und ausdrucksstark
werden.» Das müsse nicht laut oder extrovertiert geschehen. Das
Internet bietet Möglichkeiten, aus geschützten Räumen heraus zu
wirken, wie es einem entspricht.
Strophe 4: verworrene Liebe
und verbotene Wut
Am Ende der Lesung schwillt der Applaus an, während Raphael
seiner Crew dankt: der lockigen Emma, seiner poetischen
«Vorband», Felix mit seinen elektronischen Klangflächen zwischen
den Texten, und David, seinem Partner, der im Hintergrund
und am Merch-Stand hilft.
Raphael
Lepenies
Geboren 1991 in Solingen, ist Autor,
Gründer des Blogs «MutHafen» und
systemischer Coach. Seit 2017 vernetzt
er in seiner Community täglich
über 120 000 Menschen, die über
Selbstreflexion, Courage und das
«gute Leben» nachdenken. Seine
lyrischen und essayistischen Texte
sind als selbstpublizierte Book-
On-Demand-Bestseller als Reihe
«Pragmatische Poesie» erschienen:
«Das Leben ist schrecklich schön»
(2020), «Die Liebe ist furchtbar frei»
(2022) und «Die Schönheit bleibt
ewig ohne Namen» (2024). 2025
führte ihn seine erste ausverkaufte
Lesereise durch Deutschland, Österreich
und die Schweiz.
Illustration: Raphael Lepenies
raphaellepenies.com
@raphael.lepenies
Bild: zvg
Raphael hat seine dreiteilige Buchreihe
«Pragmatische Poesie» selbst
illustriert und publiziert.
Frühling 2026
11
Story — 1
Illustration: Raphael Lepenies
Bevor David in Raphaels Leben trat, enttäuschte die
Liebe den Poeten oft. Frühe Herzensbrüche, Dreieckskonstellationen,
unerfüllte Nähe. In seiner Verzweiflung
begann er, der Liebe Briefe zu schreiben, als wäre
sie eine Person. Dabei fand er heraus, dass nicht die
Liebe selbst das Problem ist, sondern das, was er von
ihr erwartet. So hinterfragte er Konventionen und definierte
die Liebe neu: «Verbindung bedeutet für mich,
einen anderen in seiner Tiefe erkennen zu wollen. Diese
Suche verstehe ich als lebenslangen Prozess.»
Diese Suche hat Raphael in seinem zweiten Buch
«Die Liebe ist furchtbar frei» offengelegt. Darin tastet
er sich an eigene Wunden heran und formuliert Sätze
wie: «Ich bin leicht ins Bett zu kriegen, aber schwer zu
umarmen.»
Doch Raphael schreibt nicht nur über die Liebe,
sondern auch jene Gefühle, die wir ungern zeigen:
Wut und Scham. «Über meine Wut habe ich lange
nicht gesprochen», sagt er. «Sie war für mich eine verbotene
Emotion.» Gerade im Konflikt mit Menschen,
die uns nahestehen, sind wir besonders verletzlich.
«Hässliche Gespräche können zu guten Ergebnissen
führen, wenn beide bereit sind, sich zu zeigen. Scham
existiert nur, solange wir sie verstecken.»
Zehn Zeilen
aus Raphaels Buchreihe
«Pragmatische Poesie»
Aus «Das Leben ist schrecklich schön»
«Die Enttäuschung ist nur das Ende
einer Täuschung.»
«Wer sich ständig für seine Wahrheit
entschuldigt, macht sich am Ende an seiner
Wahrheit schuldig.»
«Mach den grossen Traum nicht zum
Feind des kleinen Glücks.»
Aus «Die Liebe ist furchtbar frei»
«Scham überlebt nur in der Dunkelheit.
Also hol' ich sie ans Licht.»
«Jeder deiner Freunde war erst einmal
ein Fremder.»
«Was wenn deine Furcht nur eine
missverstandene Freiheit ist?»
Aus «Die Schönheit bleibt ewig ohne Namen»
«Wenn du versuchst, dich zu begreifen,
lass dich los.»
«Zuversicht heisst Zugemauertes mit
einer Aussicht zu versehen.»
«Schönheit verschenkt sich an den,
der sie loslassen kann.»
«Vertrau deiner Wahrheit, besonders
wenn sie weiterzieht.»
12 Frühling 2026
Story — 1
Seine erste Lesereise war in Deutschland, Österreich und in der Schweiz ausverkauft.
Am Signiertisch nimmt sich Raphael für jeden Menschen Zeit. Oft berühren ihn die Erzählungen.
Frühling 2026
Bilder: Athenea Diapouli-Hariman
13
Story — 1
Geschichten über Anpassung
und People Pleasing
als Folge queeren Aufwachsens
werden zu selten
erzählt, findet Raphael.
Illustrationen: Raphael Lepenies
Strophe 5: das Raum
haltende Chamäleon
In der Schlange vor dem Signiertisch herrscht keine Eile. Die
Gesichter sind weich. Raphael nimmt sich Zeit, schaut in jedes
Augenpaar, als wäre es das einzige im Raum. Er hört zu, erfährt,
welches Eigenleben seine Texte entwickeln, wie Menschen sich
in ihnen wiederfinden. Eine Person zeigt ihm eines seiner Bücher,
vollgeschrieben mit eigenen Randnotizen, das sie durch die Chemotherapie
begleitet hat. Eine andere lässt ein Exemplar für ihren
verstorbenen Partner signieren. «Solche Begegnungen berühren
mich tief. In diesen Momenten versuche ich, den Raum für die
andere Person zu halten. Es darf alles sein, wie es gerade kommt.»
Raphael sagt, es falle ihm leichter, anderen Raum zu geben, als
sich selbst welchen zu nehmen. «Ich war lange ein People Pleaser.
Als queerer Mensch habe ich früh gelernt, mich anzupassen,
weil ich dazugehören wollte. So werden viele von uns zu Chamäleons.»
14 Frühling 2026
Story — 1
Erst über Selbsterfahrung und Coaching fand er
Wege, sich den offenen Selbstausdruck zu erlauben und
das Wirken seiner Arbeit ernst zu nehmen. Trotzdem:
Die Tendenz zur Maskierung ist nicht verschwunden.
«Ich spreche mir täglich zu, die Maske abzunehmen»,
sagt er. «Wenn sich eine Person traut, ermutigt das andere.»
Denn noch zu selten werden sie erzählt: die Geschichten
über Anpassung und People Pleasing als Folge
queeren Aufwachsens.
Am Ende laufe vieles auf eine Frage hinaus: «Wer bin
ich, wenn ich mir wirklich erlaube, mich ganz zu verkörpern
mit meiner Geschichte?» Diese Frage wolle er
seinem Publikum mitgeben. Nicht als Antwort, sondern
als Einladung, den eigenen Platz einzunehmen und die
Gemeinschaft von innen zu verändern.
Die letzten Seiten in Raphaels Büchern sind leer. Nur
ein Titel steht über ihnen: «Raum für dich.»
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LIFESTYLE
TREND BIS TRASH
Zusammengestellt von der
MANNSCHAFT-Redaktion.
Analogisch
Im Zug sichten wir häufiger junge Menschen ohne Handy:
Sie lesen ein Buch, stricken oder schreiben in ein Notizbuch.
Der Analog-Trend scheint es tatsächlich ins Real Life
zu schaffen. Wir drücken ihm weiterhin unsere wunden
Daumen.
Wie geil wäre das: Die Jungen zeigen den
Älteren, wie das Leben ohne Smartphone
geht.
Bild: Disney/Poor Things
Unten knallt’s
Ein Comeback jagt das nächste. Wir
kommen uns mittlerweile vor wie unsere
eigene Oma, die uns regelmässig
zusprach: «Das ist jetzt wieder Mode!»
Nach Ballonhosen, Cigarette-Jeans sind
es nun die bunten Sneakers, schreibt die
«Vogue».
Kein Trend hat ein Ende,
auch an den Füssen nicht.
Bild: converse
Bild: Soundflare
Scharfe Kante
Scharf sein genügt diesem Messer nicht mehr: Das «weltweit
erste Ultraschallmesser» des amerikanischen Unternehmens
Seattle Ultrasonics vibriert mehr als 30 000-mal pro Sekunde,
weil es den Schneideaufwand halbieren will. Wir widerstehen.
Wie schneidet es bei dir ab?
Bild: zvg
16 Frühling 2026
Bild: pexels, angela roma
Glatzen-Girl
Auf Tiktok rasieren sich junge Frauen
den Kopf, weil sie ihre Überzeugungen
von Schönheit herausfordern wollen.
Wir wollen nicht alles nachmachen,
was auf Tiktok so grassiert. Götter
bewahrt uns. Aber irgendwie . . .
. . . finden wir es doch
schon noch so ’n bissl
cool.
LIFESTYLE
Bild: pexels, anh nguyen
Unperfekt
Verwuschelte Haare,
eingeknickter Hemdkragen,
schiefe Jacke, eine Handtasche,
die aussieht, als wäre
ein Auto drübergefahren: So
besinnt sich die Mode auf
die charmante Unvollkommenheit
der Menschen,
weil . . .
... die KI dieser
Tage zu viel in
unserem Leben glatt
bügelt.
Bild: pexels, Ravi Kant
Bombox Bäm!
Die Mini-Disko aus dem Ozean. Der schnuckelige Lautsprecher
Soundflare von Boompods ist klein, aber kräftig und hergestellt aus
meeresgebundenem Kunststoff. Und: Er leuchtet untenrum zum
Takt des Songs.
Arielle, ruf deine Crew, wir tanzen und singen
bis unsere Füsse nicht mehr tragen.
Shakespeare im Sommer
In den Ferien lesen kennen wir. Dem Trend nach folgt nun das Reisen
dem Lesen. Menschen pilgern an Schauplätze oder Geburtsstätten
ihrer literarischen Lieblinge: zu Shakespeare nach Stratford-upon-Avon
(Bild), Jane Austen nach Chawton, in Sherlocks Baker Street.
Literaturtourismus why not? Solange er nicht den
nächsten Übertourismus beflügelt.
Bild: Gambitek
Frühling 2026
17
ALTER EGO
Die absolute Taktlosigkeit
von Spiegeln
am frühen Morgen
Es ist Samstagmorgen. Ich habe gemütlich geduscht und erhasche
auf dem Weg ins Zimmer versehentlich einen Ganzkörpereindruck
meiner selbst im Garderobenspiegel. Seitdem laufe ich
panisch im Korridor hin und her.
Text: Mirko Beetschen
Illustration: Dominik Schefer
Ich: Ohmeingottohmeingott, so kann ich doch unmöglich in die
Badesaison starten.
Alter Ego: Bis dahin geht’s doch gut und gerne noch zwei Monate.
Ich: Oh mein Gott! Nur zwei Monate!
Alter Ego: Jetzt bewahren wir erst einmal Ruhe.
Ich: Okay. Okay. (Schnappatmung.) Okay.
Alter Ego: Ommmmmm.
Ich nehme einen tiefen Atemzug und schliesse kurz die Augen.
Ich: Ab sofort ist Intervallfasten angesagt. Kein Frühstück mehr,
Mittagessen ab frühestens zwölf, und nach 18 Uhr gibt’s nur noch
Wasser.
Alter Ego: War da neulich nicht ein Artikel, in dem stand, dass
Intervallfasten gar nicht so gut sein soll?
Ich: Was? Wo? Ja, stimmt. Dann halt was anderes. Eine Saftkur!
Die wollte ich schon lange mal wieder machen.
Alter Ego: Das sollte man aber keinesfalls ohne ärztliche Aufsicht
tun, davor warnen sie überall.
Ich: Oh nein, das ist mir viel zu aufwändig.
Alter Ego: Wie wär’s stattdessen mit Sport?
Ich: Pfff, ich und Sport.
Alter Ego: Du schwimmst doch gern.
Ich: Ja, aber in der Natur, nicht im Hallenbad. Das ist langweilig
und zeitraubend.
Alter Ego: Ins Gym?
Ich: Das ist langweilig und zeitraubend.
Alter Ego: Laufen gehen! Du hast den Wald direkt vor der Haustür!
Ich: Das ist langweilig, und ausserdem renne ich nicht gern.
Alter Ego: Irgendetwas musst du aber unternehmen!
Ich linse noch einmal vorsichtig in den Spiegel, um zu sehen,
ob die Situation wirklich solch drastische Massnahmen verlangt,
und erschrecke, weil dort ein dicker Mensch steht.
Ich (seufzend): Oh Mann, ich muss wohl wirklich in den sauren
Apfel beissen.
Geknickt schlurfe ich in mein Zimmer, um mich anzuziehen.
Mirko Beetschen ist Schriftsteller –
ausgezeichnet mit dem Literaturpreis
des Kantons Bern.
Er liebt Design und Architektur,
seinen Vizsla-Rüden Puccini, Bäume,
Tee und London.
– alterego@mannschaft.com
Alter Ego: Es gäbe da natürlich eine einfachere Variante.
Ich tue, als hätte ich mein Alter Ego nicht gehört.
Alter Ego: Nur eine klitzekleine Spritze, und das Problem wäre
gelöst.
Ich: Oh nein! Nein, nein, nein! Das kommt überhaupt nicht in Frage.
Alter Ego (sich für das Thema erwärmend): So viele Leute nehmen
es schon und haben ganz wunderbare Erfolge damit.
Ich (dezidiert): Ich will das nicht! Das müsste ich ja dann dauerhaft
spritzen. Und die Langzeitfolgen sind auch noch nicht bekannt.
Alter Ego (zischelnd): Oooozzzzemmmmpic.
Ich (laut): Auf gar keinen Fall!
Unser Hund guckt verwundert um die Ecke, und mein Partner
ruft aus dem Wohnzimmer, was los sei.
Ich (zurückrufend): Alles gut!
Alter Ego (beleidigt): Dann halt nicht.
Ich: Lieber nehme ich nur noch Wassermelonen zu mir. Da
verbraucht man beim Essen mehr Energie, als sie liefern.
Alter Ego: Toll. Sehr ausgewogen.
Ich: No carbs.
Alter Ego: Das hältst du genau einen halben Tag durch.
Ich: Weight Watchers!
Alter Ego: Gibt’s die überhaupt noch?
Ich: Proteinshakes.
Alter Ego: Bäh!
Ich: Eine Hollywood-Diät!
Alter Ego: Mangelernährung, ahoi.
Ich: Jeden Bissen 100 Mal kauen!
Alter Ego: Keine Zeit.
Ich: Kohlsuppendiät!
Alter Ego: Igitt!
18 Frühling 2026
Homosexuelle, bisexuelle, trans- oder intergeschlechtliche Menschen werden noch immer, in vielen Teilen der
Welt, sozial geächtet, ihrer Freiheit und ihres Lebens beraubt. Die Allgemeine Erklärung der Menschen rechte
spricht jedem Menschen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit zu, ohne diskriminiert zu werden. Das
gilt für alle Menschen – egal, wen sie lieben oder wie sie das eigene Geschlecht leben.
Zeige deine Menschlichkeit: Unterstütze unsere Arbeit für
die Menschenrechte mit deiner Unterschrift, deinem Einsatz
und deiner Spende. amnesty.de
MANNSCHAFT+
ARTS
Bild: zvg
Pedro auf der
Leinwand
Alle Fans von Pedro Pascal angeschnallt: Ab 20. Mai düst
er als Kopfgeldjäger Mando durch die Galaxie von Star
Wars und beschützt den niedlichen machtsensitiven Din
Grogu. Das Actionspektakel setzt auf grosses Kino.
Atemberaubende Bilder, packende Spannung und
fulminante Action versprechen bereits jetzt ein galaktisches
Kinoerlebnis. Ab dem 20. Mai ist das neue Abenteuer
von Lucasfilm bundesweit im Kino zu sehen.
– disneycontent.de
Foto: Disney
Lovepop in
Stuttgart
Die Hitmaschine Luca Mahone reist aus
Braunschweig an und spielt erstmals bei
der Lovepop in Stuttgart. In der queeren
Clubbing-Szene hat er sich einen Namen
gemacht an Partys in Hamburg, München
oder Hannover. Seine Mission: Dich mit
seinen Pop, Dance, Black, House & Queer
Classics auf der Tanzfläche ordentlich ins
Schwitzen bringen. Am Samstag, 11. April,
im Romy S. Das Lovepop-Motto: Queer,
straight, whatever – alle sind willkommen.
– lovepop.info/stuttgart
Freie Bühne
Wien: Neustart
als Talentschmiede
Bild: BarbaraPálffy
Queere Filmfestivals
auf
einen Blick
Rund 30 unabhängige queere Filmfestivals in Deutschland
und der Schweiz findest du auf der Seite von «QueerScope»
– darunter auch das Pink Apple in April und Mai in Zürich und
Frauenfeld. Jedes Jahr erreichen die Festivals über 45 000
Besucher*innen (yeah!) und verleihen zahlreiche Preise an
Kurzfilme und Langfilme. Lust auf Leinwand? Dann schau mal
vorbei: – queerscope.de
50 Jahre nach ihrer Gründung war die Freie
Bühne Wieden aufgrund von finanziellen
Einsparungen von der Schliessung bedroht
– und steigt nun als Freie Bühne Wien wie
Phönix aus der Asche. Neu-Direktor Gernot
Kranner öffnet das Haus als Talenteschmiede
für junge Künstler*innen – im Juni mit
gleich zwei kontinentaleuropäischen
Premieren: der Punk-Musical-Songzyklus
«ThirdSex – 1930er Trans*Lieder» (13./14.6.)
mit den deutschen Musicaldarsteller*innen
«AMY» und Elias Heiligendorff, die selbst
trans sind. Eine Woche später folgt das
englische Solo-Musical «The Pink List», das
zuvor in London und Edinburgh Erfolge
gefeiert hatte.
20 Frühling 2026
BESTER
BRITISCHER FILM
BRITISH INDEPENDENT
FILM AWARDS 2025
“Unverschämt
fesselnde DomCom”
CINEMA
Harry Melling
Alexander Skarsgård
EIN FILM VON HARRY LIGHTON
trailer
AB 26. MÄRZ IM KINO
+B
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BRANDS
Bild: zvg
Missior statt
Warteschlange
Alles begann in der Warteschlange vor einer Berliner
Clubtoilette mit der Frage: «Warum gibt es Urinale nur
für Männer?» Aus dieser Idee entwickelte Lena Olvedi
Missoir, ein Hock-Urinal für Frauen und FLINTA. Es
ergänzt die Toilettenschüssel als gleichberechtigte
Option und ist für schnelle, ergonomische und kontaktfreie
Nutzung gemacht. Wasserlos und wartungsarm
eignet es sich besonders für Städte, Events und stark
frequentierte öffentliche Toiletten. Wir finden: Sofort
überall einführen, aber dalli! – missoir.de
Bild: zvg
Bild: zvg
Eiskalter Donut
oder Churro?
Die Glace-Theke bekommt Zuwachs: Ben &
Jerry’s schickt zwei neue Sorten ins Rennen,
«Churrifically Churros-y» und «Strawberry
Doughnut-eee». Beide bauen auf einem
Fünfertrick: zwei Glacesorten, zwei Arten
Chunks, dazu eine Sauce. Einmal Zimt-
Zucker, Caramel und Churros-Vibes, einmal
Erdbeerrahm, weisse Ampersand-Stücke,
Erdbeer-Swirls und Doughnut-Teigstücke,
wie ein Bäckerei-Coup, nur eiskalt.
Eltons edler
Tropfen
Bild: zvg
Raum für Trauer
Caro Zündorf arbeitet in Köln als queere freie Rednerin und
Trauerbegleiterin. Über zwei Semester evangelische
Theologie ist sie ins Thema eingestiegen, geblieben ist der
Wunsch, Menschen zu begleiten und Räume zu schaffen, in
denen sich alle gesehen fühlen. Noch bis Ende März führt
sie dafür einen Pop-up in Köln: «(d)ein Raum für Trauer». Mit
Austauschformaten und Lesungen zu Verlust, Erinnerung
und Chosen-Family-Konstellationen, mit Fokus auf queere
Communitys. – carozuendorf.de
Niemand Geringerer als Elton John bereichert
die Auswahl an alkoholfreien Schaumweinen
um ein hochwertiges und prickelndes Schätzchen,
ausschliesslich aus Chardonnay-Trauben
aus Norditalien hergestellt. Es hört auf den
schlichten Namen «Elton John Zero». Der
Pop-Gott hat in seinem Leben nichts anbrennen
lassen und setzt sich seit vielen Jahren für
einen gesunden Lebenswandel ein. Mit seiner
Premium-Marke will er die Freude und das
Gefühl des Feierns in die Null-Prozent-Welt
bringen. Willst du auch mal probieren? Dann
Augen auf bei gehobenen Weinhändler*innen
oder Online-Versandshops, die auf exklusive
und alkoholfreie Getränke spezialisiert sind.
22 Frühling 2026
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1978.
Q
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M I: eisenherz.berlin I Motzstr. 23 I Tel: +4930 313 99 36
MANNSCHAFT+
COMMUNITY
Grosse ESC-
Ausstellung
Wien stimmt sich auf den ESC 2026 ein. Qwien, Österreichs
grösstes Zentrum für queere Kultur und Geschichte, zeigt mit
«United by Queerness» eine grosse Ausstellung zum Eurovision
Song Contest. Objekte wie auch Video- und Hörstationen
machen sichtbar, warum der ESC für viele Menschen der
LGBTIQ-Community ein Ort von Identität und Sichtbarkeit ist,
aber auch nationale Selbstinszenierungen und politische
Brüche spiegelt. Laufzeit bis 24. Mai. Ergänzend bietet Qwien
queere ESC-Stadtführungen an, etwa zu Conchita Wurst, Udo
Jürgens und queerer Geschichte Wiens. Tickets:
qwien.at/esc
So verpasst
du keine Pride
Von Berlin bis Zürich: Bei uns findest du
eine Übersicht aller Pride- und CSD-Termine
im deutschsprachigen Raum. Leg dir
schon mal die Regenbogenfahne zurecht
und trag dir deine Lieblingstermine ein.
Bild: zvg
Queere
Travel-App
Auf Reisen liebte Nora von Breitenbach das
Gemeinschaftsgefühl beim Couchsurfing, doch zu
oft geriet sie in Situationen, die sie als unangenehm
und unsicher empfand. Als queere Frau
dachte sie: Das muss nicht so sein. Aus diesem
Funken entstand Quouch, eine queer ausgerichtete
Travel-App aus Berlin. Heute verbindet sie über
30 000 Nutzer*innen in 80 Ländern und hilft dir,
unterwegs Menschen und Orte zu finden, bei
denen du dich sofort zuhause fühlst. Neu gibt es
«Quouch Hangouts»: kostenlose, niedrigschwellige
Offline-Treffen und Hinweise auf queerfreundliche
Locations, für Reisende ebenso wie für
Locals. – quouch.com
Happy
Birthday
Sub
Das schwul-queere Zentrum Sub in
München wird 2026 40 Jahre alt. Seit der
Gründung am 4. September 1986 bietet
es einen Schutzraum ohne Konsumzwang
und baute Beratung, Gruppenangebote,
eine Bibliothek und ein Café auf,
das heute an 365 Tagen im Jahr öffnet.
Aus dem «schwulen Wohnzimmer»
wurde ein politisches Sprachrohr, das
queere Anliegen in Stadt und Politik
einbringt. Getragen wird das Sub von
461 Mitgliedern, 16 Hauptamtlichen und
vielen Ehrenamtlichen. Zum Jubiläum
richtet es den Blick nach vorn, auch weil
die bayernweite Fachstelle «Strong!»
2025 bereits 413 Fälle von Diskriminierung
und Gewalt erfasste.
Bild: Mark Kamin
24 Frühling 2026
Wohin zieht es dich
als Nächstes?
Ob persönliche Reisegeschichten, queerfreundliche
Unterkünfte oder Tipps direkt aus der Community –
online findest du bei uns Inspiration für deinen nächsten
Trip (oder einfach fürs Kopfkino).
Jetzt entdecken → QR-Code scannen!
mannschaft.com/reisen
NACHGEFRAGT
mit der Mannschaft
«Die Aviatik
ist ein eigener
Kosmos»
Warum fühlen sich viele queere Menschen
in der Aviatik sicher und wo endet diese
Offenheit? Michael von Allmen von SWISS
erzählt, wie der Alltag an Bord aussieht,
wo Diskriminierung passiert und warum
Veränderung Strukturen braucht.
Warum gilt die Aviatik als besonders
queerer Arbeitsraum?
Die Aviatik ist ein eigener Kosmos. Internationalität
und Vielfalt sind vom ersten
Tag an normal: unterschiedliche Sprachen,
Kulturen und Lebensentwürfe. Dadurch
fällt man weniger auf, weil es diese eine
dominante Norm nicht gibt. Hinzu kommt
die enge Teamdynamik: Man arbeitet und
Michael von Allmen
Culture, Engagement
& DEI Mgmt
Bild: zvg
reist zusammen, übernachtet am selben
Ort und verlässt sich aufeinander. Viele
queere Menschen kennen das Prinzip der
«Chosen Family» – in der Aviatik entsteht
sie oft automatisch. Dass es zudem viele
sichtbare queere Kolleg*innen gibt, trägt
dazu bei, sich früh sicher und gesehen zu
fühlen.
Trotzdem, wo liegen die Herausforderungen?
Der Arbeitsplatz ist eng: Uniform, Service,
keine Möglichkeit auszuweichen. Wenn
Gäste Sprüche machen oder Annahmen
treffen, geschieht das offen und vor anderen.
Man bleibt professionell, für sich
und die Situation an Bord. Auch scheinbar
harmlose Fragen wie «Hast du eine Freundin?»
werden zu Mini-Entscheidungen:
korrigieren, stehen lassen, erklären? Dazu
kommt das Unterwegssein in Ländern mit
anderen rechtlichen Realitäten. Das erzeugt
keine ständige Angst, aber ein dauerhaftes
Mitdenken darüber, wie sichtbar
man ist und was man sagt.
Proud@SWISS
ist ein internes Netzwerk von Mitarbeitenden
der Fluggesellschaft
SWISS. Es wendet sich an LGBTIQ-
Personen wie auch an alle Teammitglieder,
die sich für Diversität,
Gleichberechtigung und Inklusion
am Arbeitsplatz einsetzen.
Das Netzwerk bringt Mitarbeitende
aus unterschiedlichen Bereichen
zusammen, fördert den Austausch
und dient als Anlaufstelle bei Fragen
zu sexueller Orientierung und
Geschlechtsidentität. Es arbeitet
bereichsübergreifend und steht im
regelmässigen Dialog mit Human
Resources.
Proud@SWISS greift Themen wie
Sichtbarkeit, inklusive Sprache, den
Umgang mit Grenzverletzungen
und die Weiterentwicklung interner
Abläufe auf. Ziel ist es, Offenheit
und Akzeptanz dauerhaft im Unternehmen
zu verankern.
Mehr Infos zu Proud@SWISS:
26 Frühling 2026
Das Netzwerk Proud@SWISS setzt sich intern für dauerhafte Offenheit und Akzeptanz ein.
Du arbeitest im HR, fliegst in der Kabine
und hast dich im Bereich Diversity
weitergebildet. Warum reicht Betroffenheit
nicht aus, um etwas zu verändern?
Betroffenheit ist wie ein Scheinwerfer: Sie
zeigt, wo es wehtut, repariert aber nichts.
Organisationen funktionieren über Prozesse,
Zuständigkeiten, Standards. Weiterbildung
hilft, um Einzelfälle in Muster
zu übersetzen. Wenn Veränderung nur an
mutigen Einzelpersonen hängt, ist sie fragil.
Nachhaltig wird sie erst, wenn Strukturen
greifen, etwa bei Grenzverletzungen
oder im Umgang miteinander, messbar mit
Daten, Fakten und Studien.
Du engagierst dich bei Proud@SWISS.
Warum ist das Netzwerk so aktiv?
Die Community ist gross und in der ganzen
Airline verteilt: Kabine, Technik, Büro,
operationeller Betrieb. Wichtig ist auch:
Das Netzwerk ist offen für unbequeme
Dialoge. Wir wollen keine Symbolik sein,
sondern Veränderungen anstossen. Das
motiviert auch neue Teammitglieder, sich
einzubringen.
Welche Themen beschäftigen die
Community?
Die Community beschäftigt vor allem,
wie wir mit Grenzverletzungen umgehen.
Greifen die Prozesse, wenn es zu Grenzüberschreitungen
kommt, zwischen Passagier*innen
und Crew oder innerhalb der
Teams? Viele diskutieren auch Sichtbarkeit
und Verantwortung. Wann zeigen wir Haltung
und wo wird sie zur reinen Symbolik?
Was habt ihr konkret erreicht?
In der Diskussion um die Pride-Teilnahme
während des gesellschaftlichen und politischen
Backlashs gab es viele Meinungen.
Entscheidend war aufzuzeigen, was ein
Rückzug bedeutet hätte: Verlust an Glaubwürdigkeit,
der Vorwurf von Pinkwashing.
Haltung darf nicht vom politischen
Wetter abhängen. Diese Argumentation
hat den Ausschlag gegeben.
Frühling 2026
27
Story — 2
2
Die queere
Karrieremesse:
Jobs für
wirklich
alle?
28 Frühling 2026
Story — 2
Text und Fotos: Cora Gäbel
Heterosexuelle Partnerschaften vortäuschen.
Richtigen Namen und Pronomen
verschweigen. Ständige Angst vor dem
Outing im Job. So geht es vielen queeren
Menschen am Arbeitsplatz, obwohl das
Recht auf ihrer Seite ist. Theoretisch.
In der Praxis erleben sie jedoch Diskriminierung.
Die Job- und Karrieremesse
«Sticks & Stones» will hier Alternativen
sichtbar machen.
Frühling 2026
29
Story — 2
Stick & Stones
Die nächste Sticks & Stones könnt ihr
am 6. Juni 2026 in der Uber Eats Music
Hall in Berlin oder am 30. Januar 2027
im Palladium in Köln besuchen. Hier
könnt ihr nicht nur queerfreundliche
Unternehmen kennenlernen, sondern
auch Inspiration für euren Arbeitsalltag
mitnehmen und euch mit anderen
Menschen vernetzen.
m 20. und 21. Januar 2025 erliess Donald
Trump die Executive Orders 14151 und
14173. Diese Dekrete bezeichneten Massnahmen
zu DEI(A) (DEIA: diversity, equity,
inclusion, and accessibility, also: Diversität,
Chancengleichheit, Inklusion und Barrierefreiheit)
als illegal und unmoralisch, weil
sie bestimmte Gruppen von Menschen bevorzugen
würden: marginalisierte Menschen.
Zukünftig solle es nur noch um
Leistungen, Fähigkeiten, harte Arbeit und
Entschlossenheit gehen – die zentralen
Werte des Kapitalismus. Trumps Handlungen
beeinflussen auch europäische Unternehmen,
was die Arbeitsbedingungen von
queeren Menschen mindestens verkompliziert.
Die «Sticks & Stones» (Stöcke &
Steine) möchte hier eine Brücke zwischen
LGBTIQ-Menschen und Unternehmen, die
Diversität schätzen, bilden. Organisiert
wird die queere Job- und Karrieremesse
von der Uhlala Group, die sich durch verschiedene
Projekte für queeres Empowerment
in der Arbeitswelt einsetzen will.
Willkommen!
Seit 2010 strömen jährlich 2000 Besucher*innen
zur Sticks & Stones nach Berlin,
um sich mit etwa 100 Unternehmen
zu vernetzen. Seit 2024 gibt es die queere
Karrieremesse auch in Köln, zu der 1300
Interessierte und etwa 50 Unternehmen
kommen. Zuletzt fand die Sticks & Stones
am 31. Januar in Köln statt.
Bei ihrer Ankunft sammeln sich die Besucher*innen
vor der Tür, die übersehen
haben, dass das Mitbringen von eigenen
Lebensmitteln und Getränken nur bei
Vorlage eines Attestes erlaubt ist. Hier
wird schnell noch das belegte Brötchen gegessen
– oder auch entsorgt. Ausnahmen
gibt es keine, auch nicht für Besucher*innen
mit Schwerbehindertenausweis oder
für Vortragende.
Direkt im Eingangsbereich gibt es Pronomensticker,
die «Job Wall» mit Stellenausschreibungen
und ein Bereich zum
Ausruhen, Essen und Netzwerken. In der
Haupthalle stellen sich dieses Jahr 43 Unternehmen
und zwölf Vereine und Initiativen
vor, die sich für queere Repräsentation
einsetzen. Ein Awareness-Team hilft in
schwierigen Situationen, verteilt Ohrenstöpsel
oder begleitet Besucher*innen zum
Ruheraum. Awareness wird hier auf mehreren
Ebenen gedacht. Das Team selbst
sieht sich aber eher als präventive Massnahme,
das potenzielle Täter*innen durch
seine Anwesenheit abschreckt.
Eine kleine Ausstellung zeigt verschiedene
queere Flaggen. Es gibt genderneutrale
barrierefreie Toiletten, Catering inklusive
einer veganen Option, zwei ruhige
Stunden am Anfang der Messe, eine DJ für
die Zeit danach, Tätowierer*innen. Über
den Tag verteilt inspirieren Vortragende in
zehn Vorträgen zu Themen wie Stress und
Einsamkeit, Flucht und Migration, Ausbildung,
Selbstwert und Neurodivergenz.
30 Frühling 2026
Story — 2
Frühling 2026
31
Story — 2
Die Kölner Dragqueen Cassy Carrington moderiert die Vorträge des Tages.
Besucher*innen können sich zu kostenlosen
Karriere-Coachings bei sechs Coaches
mit unterschiedlichen Schwerpunkten und
bei vier Networking-Sessions anmelden.
Bin ich hier richtig?
Die Messe richtet sich nicht unbedingt
an selbstständige Personen wie mich als
Event- und Hochzeitsplanerin. Seit mittlerweile
sechseinhalb Jahren bin ich nicht
mehr angestellt. In dieser Zeit spielte in
meinen Jobs Diversität kaum eine Rolle,
auch wenn es die Strukturen (meistens)
gab. Heute bin ich in unterschiedlichen
Bereichen tätig, aber vor allem für Hochzeiten
und Events, und ich spreche explizit
diverse Kund*innen an – besonders queere
Menschen, aber auch darüber hinaus. Entsprechend
war ich auf meine erste Sticks &
Stones sehr gespannt. Würden die anwesenden
Unternehmen wirklich für Diversität
und Inklusion stehen oder, wie so oft in
meiner Branche, Diversität und Inklusion
als smarte Marketingstrategie betrachten?
Ich bin nicht in die Hochzeitsbranche
gegangen, weil ich Hochzeiten damals so
toll fand. Das kam erst später. Ich hatte
32 Frühling 2026
kaum Bezug zu Hochzeiten, war selbst erst
auf wenigen Hochzeiten gewesen. Ich
habe mich damals für diese Karriere entschieden,
als ich realisiert habe, dass die
Branche nicht inklusiv ist und die meisten
Dienstleister*innen vor allem cis-hetero,
weisse, schlanke und scheinbar gesunde
Menschen ansprechen. Auch ausserhalb
vom Pride-Monat darf’s natürlich queere
Repräsentation geben. Ironie off.
In den letzten Jahren habe ich mir ein
Netzwerk aus queeren Hochzeitsdienstleister*innen
und Allys aufgebaut, bei denen
ich weiss, dass sie Diversität nicht nur
sagen, sondern auch leben. Heute würde
ich ohne so ein Umfeld nicht mehr arbeiten
wollen. Als Hochzeitsplanerin ist es eher
selten, angestellt zu werden, als Eventplanerin
ist es nicht unbedingt ausgeschlossen.
Obwohl ich mit meiner Selbstständigkeit
zwar (meistens) zufrieden bin, könnte
ich es mir durchaus vorstellen, mich von
einem kleinen, queeren Unternehmen anstellen
zu lassen – vorausgesetzt, die Werte
passen insgesamt zu meinen und werden
deutlich nach aussen kommuniziert. Bin
ich dafür bei der Sticks & Stones richtig?
Echte Solidarität oder doch
nur Rainbow Washing?
Ein Grossteil der anwesenden Unternehmen
sind grosse Konzerne, die meisten haben
ihren Hauptsitz in Deutschland, einige
davon kommen aus Köln. Viele der Konzerne
haben Tochtergesellschaften in der
ganzen Welt. Die Sticks & Stones hat die
Unternehmen in sechs Kategorien aufgeteilt,
die meisten gehören in die drei Sektoren
«Beratung, Finanzen und Versicherungen»,
«Recht, Bildung und Behörden» und
«IT, Tech und Energie». Weitere Sektoren
enthalten Unternehmen aus Verkauf, Hotel
und Catering sowie Media, Marketing
und Unterhaltung. Nur vier Stände richten
sich an Interessierte im sozialen Bereich,
zwei im Bereich Medien. An vielen Ständen
gibt es Goodies in Regenbogenfarben
und Gewinnspiele. Oft sind die Stände
selbst auch mit Regenbogenflaggen und/
oder inklusiven Slogans gestaltet. Wer
herausfinden will, wie authentisch dieser
präsentierte Diversitätsansatz ist, muss
ausführlicher recherchieren.
So ist A&O Shearman das einzige Unternehmen,
das einen klaren Bezug zu den
USA hat: Es ist aus einer Fusion von zwei
Rechtsanwaltskanzleien aus den USA und
dem Vereinigten Königreich entstanden.
Und während die Kanzlei auf ihrer Website
davon spricht, dass sie unterschiedliche
Perspektiven und Hintergründe
wertschätzen und feiern, wurde im April
2025 bekannt, dass sie die Regierung von
Donald Trump mit kostenlosen Rechtsberatungen
in Höhe von 125 Millionen USD
unterstützen würden – für mich Grund
genug, diesen Stand zu meiden.
Auf seiner Website sagt Vodafone:
«Vielfalt ist in unserer DNA.» Und bei
meinem Gespräch am Vodafone-Stand
spiegelt sich genau das wider: meine Gesprächsperson
spricht vom umfassenden
Story — 2
Nicht alle ausstellenden
Firmen haben auch Jobs
ausgeschrieben.
Inklusionsmanagement, der neuen Diversitätsberaterin,
den Netzwerken unter
anderem für queere Menschen. In vielen
Unternehmen hätten die Mitarbeitenden
seit Trump Angst gehabt, bei Vodafone
seien seit letztem Jahr die Massnahmen
verstärkt worden. Diese Unternehmenskultur
sei auch ein entscheidender Faktor
bei der Wahl des Arbeitsplatzes meiner
Gesprächsperson gewesen.
Als ich bei Next Leuchtfeuer fast schon
provokant frage, wie sie sich für Inklusion
einsetzen, fragen sie zurück: «Was machen
wir nicht?» Next ist eine Tochtergesellschaft
der Stiftung Leuchtfeuer und will
Safer Spaces für junge FLINTA-Personen
schaffen. Und bei Next werden auch die
Mitarbeiter*innen mitgedacht, für die ihr
Arbeitsplatz ebenfalls ein Safer Space sein
soll. Das Projekt selbst ist noch jung und
besteht erst seit Oktober 2024; im Sommer
2025 wurden vier Wohngruppen in
Köln eröffnet. Hier wird das Konzept der
alten Heimerziehung zu feministischer Jugendhilfe
auf Basis von Beziehungen neu
gedacht. Es geht beispielsweise um Selbstbestimmung
und Eigenverantwortung,
Kritik an patriarchalen Machtstrukturen,
Empathie und Vertrauen – und ist damit
ein wichtiger Ort, besonders für queere
Jugendliche.
Zwischen Jobsuche und Networking
Die Besucher*innen, mit denen ich spreche,
scheinen alle queer zu sein, obwohl
sich die Sticks & Stones auch explizit an
«alle Menschen, die Vielfalt feiern», richtet.
Viele sind aktiv arbeitssuchend, aber
nicht alle. Manche wollen sich einen Überblick
verschaffen, wo sie sich vielleicht in
Zukunft mal bewerben können. Einige
erzählen, dass sie sich ein Unternehmen
wünschen, das sie so akzeptiert, wie sie
ANZEIGE
Schauspiel
Auf
allen
vieren
Miranda July
Ab
1.4.
2026
Story — 2
sind – mit ihren Beziehungen, Pronomen
und vielleicht noch nicht offiziell geänderten
Namen. Andere besuchen die Messe
zum Networking und/oder für die Vorträge.
Immer wieder erzählen mir Besucher*innen,
dass die ausstellenden Unternehmen
aktuell keine Jobs hätten – das
enttäuscht so manche Erwartungen. So
geht es auch Eve. Sie sucht hier wie so viele
andere nach einem neuen Job, aber das
Unternehmen, das sie besonders interessiert
hat, hat aktuell keine freien Stellen.
Sie beobachtet: «Bei manchen Unternehmen
musste ich bisschen schmunzeln,
was Diversity angeht.» Als Beispiel nennt
sie ein Unternehmen, das sich ebenfalls
als vielfältig und inklusiv positioniert. In
der Unternehmensstruktur möge dies der
Fall sein, aber ihre eigenen Erfahrungen
in diesem Unternehmen können das nicht
bestätigen.
Ich spreche mit einer weiteren Besucherin.
Caro ist wie ich selbstständig und
besucht die Messe vor allem zum Networking
und für die Vorträge. Aber sie hat
auch eine Motivation, die aus ihrer eigenen
Queerness kommt: «Weil ich es auch
einfach immer wichtig finde, wenn queere
Spaces geschaffen werden, diese zu unterstützen.»
Auch Caro ist von der Repräsentation
teilweise überrascht und hat schon
im Vorfeld bemerkt, dass vor allem grosse
Unternehmen dabei sind. Oder auch
Unternehmen unter katholischer Trägerschaft
wie die Caritas und die Katholische
Hochschule Nordrhein-Westfalen – und
die Einstellung der katholischen Kirche zu
queeren Menschen ist bestenfalls kompliziert.
Besonders gefällt ihr der Bereich mit
den Vereinen und Initiativen, die keine
kapitalistischen Interessen verfolgen, und
das FLINTA-Netzwerktreffen.
IT-Branche bzw. Jurist*innen. Proudr, das
hauseigene queere Karrierenetzwerk von
Uhlala, organisiert eine übergreifende Session,
zu der nicht nur queere Menschen,
sondern auch Allys eingeladen sind. Die
Session von Uhlala selbst lädt FLINTA-
Personen zum Vernetzen ein.
Ich spreche mit Hannah Sophie Welte,
Coach für u.a. Stressmanagement,
Potenzialentfaltung sowie für queere und
neurodiverse Inklusion. Hannah ist aus
Hamburg angereist und das erste Mal bei
der Sticks & Stones. Sie hatte Lust, etwas
beizutragen, und sieht die Sticks & Stones
als eine schöne Möglichkeit, Sinnhaftigkeit
zu erleben – besonders wenn sie sich
anschaut, «was im Moment sonst so in der
Welt geschieht». Im Gegensatz zu manch
anderen Coaches verfolge Hannah keinen
missionarischen Ansatz; sie sei dann da,
wenn Menschen bereit sind. Authentizität
und Integrität sind ihr wichtig. Wenn sie
mit ihren Klient*innen arbeitet, verfolgt
sie die Leitfrage «Was brauchst du jetzt?»
Und auch mir gibt sie einen Impuls mit auf
den Weg, der meinem neurodivergenten
Gehirn hoffentlich bald mehr Ausgeglichenheit
bringt.
Bevor sich Hannah auf ihre geplanten
Coachings vorbereitet, gehen wir gemeinsam
zu Fay Wundersees Vortrag
«Stress und Gefühle von Einsamkeit – gerade
queere Menschen sind besonders betroffen».
Fay spricht über Einsamkeit als
Volkskrankheit und zeigt, wie sich Einsamkeit
und Stress gegenseitig verstärken.
Hannah Sophie Welte unterstützt Menschen im Bereich Stressmanagement
und Potenzialentfaltung – besonders queere und neurodivergente
Menschen.
Von Stress, Empowerment und
Tätowierungen
Das Rahmenprogramm ist so umfangreich,
dass sich Besucher*innen entscheiden
müssen. Und so spannend, dass immer
auch etwas FOMO entsteht – die Angst,
etwas zu verpassen. Abgesehen von einer
kurzen Pause am Nachmittag laufen
von 11 bis 17 Uhr Vorträge, parallel dazu
finden die Coachings statt – bei beiden
Programmpunkten sind FLINTA-Menschen
besonders präsent. Zwei der vier
Networking-Sessions sind branchenspezifisch
und richten sich an Menschen in der
34 Frühling 2026
Story — 2
An der «Job Wall» können Besucher*innen nach neuen Karrierewegen suchen.
Besonders marginalisierte Gruppen seien
von dieser Abwärtsspirale betroffen. Aber
mit dem richtigen Stressmanagement können
Menschen diese Spirale verlassen: Benennung
und Regulierung der Emotionen
reduziere den Stress; neue positive Erinnerungen
würden in schwierigen Zeiten
helfen.
Am Nachmittag mache ich mich auf
den Weg zum FLINTA-Networking. Ich
muss mich zuerst registrieren und darf
dann hoch auf die Empore. Ich bin positiv
überrascht: häufig werden Räume für
FLINTA-Menschen von cisgender Frauen
dominiert. Hier nehmen aber auch trans
und nicht-binäre Menschen teil. Wir werden
in kleine Gruppen von zirka fünf Personen
aufgeteilt und bekommen einzelne
Impulsfragen, um die Gespräche zu initiieren.
Manchen ist das Format zu starr,
anderen bietet es aber auch einen Rahmen,
der ihnen Halt in einer Situation bietet, in
der sie mit fremden Menschen interagieren
sollen.
Auf den ersten Blick haben die Tätowierer*innen
keinen direkten Mehrwert
für eine Job- und Karrieremesse. Sie haben
eigene Motive mitgebracht, aber bieten
auch an, ein Gleichheitszeichen als
Symbol für Chancengleichheit zu stechen.
Mittlerweile wird das Zeichen oft als Symbol
für Diversität, Chancengleichheit, Inklusion
und Barrierefreiheit insgesamt gelesen.
Jeweils zehn dieser Tätowierungen
bieten die Künstler*innen kostenlos an.
Während mir Sarah Klein am Ende meines
Tages ein Gleichheitszeichen mit der
«Hand Poke»-Technik auf den Finger tätowiert,
sprechen wir über Jobs und wie
sich Karrierewege verändern. Hand Poke
– mit der Hand und einer einzelnen Nadel
gestochen – dauert länger und lässt uns
genug Zeit zum Austausch. Auch andere
Besucher*innen beteiligen sich zwischendurch
an den Gesprächen. Wer das Gleichheitszeichen
sichtbar tätowiert hat, wird
in Zukunft sicherlich viele Gespräche über
seine Bedeutung führen – vielleicht auch
in beruflichen Kontexten.
Wie inklusiv ist die Sticks & Stones
wirklich?
Die Idee hinter der Sticks & Stones ist
grossartig. Und vieles funktioniert. Meistens.
Ein Grossteil meiner Gesprächspartner*innen
ist insgesamt zufrieden. Gleichzeitig
gibt es Kritik: an den hohen Preisen
für Essen und Getränke, an fehlender
Zugänglichkeit und an der starken Präsenz
grosser Konzerne. Inklusion endet
nicht beim Regenbogen-Logo – sie beginnt
bei Teilhabe.
Auch die Standpreise zeigen, wie stark
wirtschaftliche Faktoren die Messe prägen.
Mit mindestens 2500 Euro pro Stand
können sich vor allem grosse Unternehmen
präsentieren. Kleinere, oft besonders
engagierte Betriebe bleiben aussen vor.
Umso wichtiger wäre es, dass die ausstellenden
Unternehmen ihre Diversitätsversprechen
auch im Alltag leben. Doch
diese Überprüfung bleibt bisher weitgehend
bei den Besucher*innen selbst. Für
eine Messe, die mit Inklusion wirbt, wirkt
das widersprüchlich.
Frühling 2026
35
REISEN
Chile
Das längste Land der Welt ist ein Land der Extreme –
und genau das macht es so verführerisch. Zwischen
pulsierenden Städten, endlosen Wüstenlandschaften,
kühlen Küsten und tropischem Südsee-Flair auf der
Osterinsel entfaltet sich eine beeindruckende Vielfalt,
die nur darauf wartet, entdeckt zu werden.
Die Salzlagunen der Atacama-
Wüste faszinieren mit intensiven
Farbkontrasten.
Chile zieht sich wie ein schmales
Band entlang der Pazifikküste Südamerikas.
Zwar ist das Land über 4000
Kilometer lang, an manchen Stellen
jedoch nur wenige hundert Kilometer
breit. Diese aussergewöhnliche Geografie
sorgt für eine enorme landschaftliche
Vielfalt: Städte, Wüsten,
Vulkane, Gletscher, Weinregionen und
Inselwelten liegen oft nur einen kurzen
Flug oder eine kurze Autofahrt voneinander
entfernt. Historisch geprägt von
indigener Kultur, spanischer Kolonialzeit
und einer bewegten politischen
Vergangenheit, hat sich Chile in den
letzten Jahrzehnten stark gewandelt.
Heute gilt das Land als wirtschaftlich
stabil, modern und kulturell lebendig.
In den grossen Ballungszentren sorgen
Kunst, Design, Gastronomie und
eine junge, selbstbewusste LGBTIQ-
Szene für eine offene und kreative
Stimmung.
Bilder: Andreas Gurtner
Für die MANNSCHAFT
unterwegs:
Andreas Gurtner
36 Frühling 2026
REISEN
Städte, Wein
und Meeresluft
Die Hochlandwüste mit ihren Vulkanen wirkt wie eine Landschaft aus einer anderen Welt.
Zentralchile ist für viele der Einstieg
ins Land. Hier wartet ein perfekter
Mix aus Urbanität, Genuss und Natur
auf die Reisenden. Die Hauptstadt
Santiago de Chile liegt spektakulär
vor der Kulisse der bis zu 6000 Meter
hohen Anden. Moderne Quartiere,
kreative Bars, Museen und eine lebendige
Kulturszene laden zum Entdecken
ein. Zu den Highlights zählen
der Cerro Santa Lucia mit Blick über
die Stadt, das historische Zentrum
rund um die Plaza de Armas sowie
das trendige Viertel Bellavista.
Magie zwischen Himmel und Erde
Die Atacamawüste im Norden Chiles Gipfeln. Ein weiteres Highlight sind die
gilt als die trockenste Region der Welt. leuchtend roten Felsen von Piedras
Gleichzeitig findet man hier einige der Rojas, ein fast surrealer Ort. Besonders
eindrücklichsten Landschaften Südamerikas.
Ausgangspunkt für Erkundungen 4000 Meter Höhe in Richtung argenti-
eindrücklich ist auch die Fahrt auf über
ist das Oasendorf San Pedro de Atacama. nische Grenze. Entlang der Route eröffnen
sich immer wieder neue Perspek-
Mit seinen Lehmhäusern, kleinen Cafés
und entspannten Vibes ist es der ideale tiven: die stille Laguna Diamante, die
Ort, um anzukommen und sich langsam monumentalen Felsformationen Monjes
an die Höhenlangen von über 2000 Metern
zu gewöhnen.
Laguna de Tara. Die Weite, die Farben
de la Pacana sowie die faszinierende
und die Stille dieser Region wirken fast
Rund um die Stadt warten spektakuläre
Naturwunder darauf, entdeckt zu Wüste zu einem Ort, den man nie mehr
meditativ und machen die Atacamawerden.
Die Lagunen Tebinquiche und vergisst.
Baltinache faszinieren mit schimmernden
Farben und spiegelglatten Wasserflächen,
in denen sich Himmel und Vulkane
reflektieren. Hoch oben in den Anden
liegt die Lagune Miscanti, umgeben von
karger Landschaft und schneebedeckten
Nur gut eine Stunde entfernt liegt
Valparaíso, die farbenfrohe Hafenstadt
mit ihren steilen Hügeln,
historischen Standseilbahnen und
farbenfroher Street Art. Hier lohnt
es sich, ziellos durch die Gassen zu
schlendern, kleine Galerien zu entdecken
und den Sonnenuntergang
über dem Pazifik zu geniessen. Etwas
südlich von Valparaíso zeigt sich
Chile rund um das Küstenstädtchen
Quintay von seiner ruhigeren Seite.
Kleine Buchten, frische Meeresluft
und Wanderungen entlang der Klippen
laden zum Durchatmen ein. Auf
dem Rückweg nach Santiago führt
der Weg durch das malerische Casablanca-Tal,
eine der bekanntesten
Weinregionen Chiles. Weindegustationen,
stilvolle Bodegas und entspannte
Mittagessen zwischen den
Reben machen diesen Ort perfekt,
um Natur und Kulinarik zu verbinden.
Frühling 2026
37
REISEN
Südsee-Feeling am Ende der Welt
Mitten im Pazifik und tausende Kilometer
vom chilenischen Festland entfernt
liegen die Osterinseln – in der Sprache
der polynesischen Urbevölkerung Rapa
Nui genannt. Die Geschichte der Insel
ist eng mit den berühmten Moai-Statuen
verbunden, die zwischen dem 13. und
16. Jahrhundert von den Ureinwohnern
geschaffen wurden. Bis heute geben
sie Rätsel auf und prägen die mystische
Atmosphäre der Insel.
Ein zentraler Ort ist Rano Raraku, der
ehemalige Steinbruch und die «Fabrik»
der Moai. Halb fertige Statuen liegen hier
noch im Fels, als hätte man die Arbeit
erst gestern unterbrochen. Von hier aus
wurden die fertigen Moai über die ganze
Insel transportiert und entlang der Küste
aufgerichtet. Der nahegelegene Tempelplatz
Ahu Tongariki begeistert mit
seinen 15 Moai und bietet insbesondere
bei Sonnenaufgang einen ikonischen
Anblick.
Ganz anders zeigt sich Anakena im
Norden der Insel: ein weisser Sandstrand,
Palmen und türkisfarbenes Wasser sorgen
zusammen mit antiken Moai-Statuen
für echtes Südsee-Feeling. Baden,
entspannen oder einfach die Stimmung
geniessen: Hier fühlt sich Chile plötzlich
tropisch an. Auf dem Rückweg lohnt sich
ein Abstecher nach Ahu Akivi, einem
archäologisch einzigartigen Ort, da die
Moai nur hier direkt aufs Meer blicken.
Alle übrigen Moai-Statuen auf der Insel
sind ins Landesinnere ausgerichtet.
Der südliche Teil von Rapa Nui, in dem
sich die gemächliche Inselhauptstadt
Hanga Roa und die meisten Unterkünfte
befinden, lässt sich wunderbar mit
dem Velo erkunden. Die Distanzen sind
überschaubar, die Küstenlandschaft
eindrücklich und die Atmosphäre entspannt.
Wer möchte, kann sogar bis auf
den Vulkankrater von Rano Kau hinauffahren,
wo man spektakuläre Ausblicke
über die Insel und den Ozean geniessen
kann. Ob Wandern, Schwimmen,
Schnorcheln oder einfach Verweilen
– Rapa Nui ist ein Ort, der entschleunigt
und berührt. Ein perfekter Abschluss
einer Reise durch eines der vielfältigsten
Länder der Welt.
Bilder: Andreas Gurtner
Chile
Queer Life
Hauptstadt — Santiago de Chile
Landessprache — Spanisch
Einwohner*innen — ca. 19 Millionen
Beste Reisezeit — In den warmen
Sommermonaten von Oktober bis April
Einreise — Schweizer*innen und
EU-Bürger*innen benötigen einen gültigen
Reisepass. Bei einem Aufenthalt
bis zu 90 Tagen ist kein Visum erforderlich.
Sicherheit — Chile gilt als eines der
sichersten Reiseländer Südamerikas.
Chile hat in den letzten Jahren
bedeutende Schritte in Richtung
Gleichberechtigung gemacht und
gilt heute als eines der LGBTIQfreundlichsten
Länder Südamerikas.
Homosexualität ist seit 1999
legal, und mit dem Anti-Diskriminierungsgesetz
von 2012 wurde
ein wichtiger rechtlicher Schutz
geschaffen. Seit 2022 sind gleichgeschlechtliche
Ehen inklusive
Adoptionsrecht erlaubt. Vor allem
in den urbanen Zentren ist die gesellschaftliche
Akzeptanz hoch:
Santiago de Chile verfügt über
eine lebendige LGBTIQ-Szene mit
Bars, Clubs, kulturellen Events und
einer aktiven Community, wobei
das Viertel Bellavista als besonders
offen und bunt gilt. Nicht nur in der
Hauptstadt, sondern auch in weiteren
Städten des Landes ziehen Pride-Paraden
jährlich zehntausende
Menschen an. In ländlichen Regionen
sind traditionelle Werte teilweise
noch stärker verankert, weshalb
dort ein zurückhaltenderes Auftreten
empfehlenswert ist. Insgesamt zeigt
sich Chile jedoch offen, modern und
tolerant – ein Reiseziel, in dem sich
LGBTIQ-Reisende willkommen und
sicher fühlen können.
Queerometer:
38 Frühling 2026
REISEN
Vom Rand des Rano Kau blickt man über grüne Hänge in den riesigen mit Wasser gefüllten Krater.
Insidertipps
«Chile vereint
Gegensätze
zu einem unvergesslichen
Erlebnis.»
HOTEL ALTIPLÁNICO, OSTERINSEL
Dieses Boutiquehotel liegt ruhig auf einer
Anhöhe oberhalb des Pazifiks und verbindet
polynesisches Flair mit einer persönlichen,
entspannten Atmosphäre. Die grosszügigen,
geschmackvoll eingerichteten Villen
verteilen sich harmonisch im tropischen
Garten. Zur Anlage gehören ein Pool, eine
Bar, ein Restaurant mit lokaler Küche, weitläufige
Aussenbereiche sowie ein Fahrradverleih.
Die freundlichen Mitarbeitenden
sind stets bemüht, den Gästen die kulturellen
Besonderheiten der Insel näherzubringen.
Das Zentrum von Hanga Roa und der
Flughafen sind in wenigen Minuten erreichbar.
– altiplanicorapanui.com
PUNTA QUINTAY, QUINTAY
Die auf Stelzen erbauten Häuser thronen auf
einer Klippe über dem rauen Pazifik und bieten
maximale Privatsphäre sowie spektakuläre
Ausblicke auf Meer und Küste. Die stilvollen
Unterkünfte sind hochwertig ausgestattet,
verfügen über grosse Fensterfronten, Terrassen
und voll ausgestattete Küchen – ideal
für alle, die Natur, Ruhe und Unabhängigkeit
schätzen. Wanderungen entlang der Küste
beginnen direkt vor der Haustür. Auf Wunsch
wird morgens ein frisches Frühstück direkt
in die Villa gebracht. Santiago und der internationale
Flughafen sind von hier aus in rund
anderthalb Stunden mit dem Auto erreichbar.
– puntaquintay.com
.
Frühling 2026
39
AUSZEIT
mit der Mannschaft
WERBUNG
Bilder: Jonas Odermatt
Pride auf 3303 Metern:
Gemeinsam unterwegs
Wenn sich alpine Landschaft, Kulinarik und queere Community verbinden,
entsteht eine besondere Form von Auszeit. Die Pride Kulinarik-Wanderwoche in
Silvaplana vereint Bewegung, Genuss und Begegnung – mitten im Engadin.
Silvaplana, das beschauliche Dorf am
gleichnamigen See, wird im Herbst zum
Treffpunkt für die queere Community.
Zwischen glasklarem Wasser, Lärchenwäldern
und weiten Bergpanoramen fand hier
2025 erstmals die Pride Kulinarik-Wanderwoche
statt – ein Format, das Genuss, Natur
und Gemeinschaft miteinander verbindet.
Geführt von erfahrenen Wanderleiter*innen
bewegen sich die Teilnehmenden auf Routen
unterschiedlicher Länge durch die eindrucksvolle
Bergwelt: entlang des Silvaplanersees,
durch Seitentäler, in die Berninaregion
oder hoch hinauf auf den Corvatsch.
Das Tempo ist flexibel, die Stimmung
entspannt – «pachific», wie man hier sagt.
Unterwegs öffnen sich immer wieder weite
Blicke auf Seen, Gletscher und Gipfel, mit
etwas Glück lassen sich Steinböcke, Murmeltiere
oder Hirsche beobachten.
40 Frühling 2026
Kulinarisch ist die Woche tief in der Region
verankert. Bündner Spezialitäten wie frisch
gebackene Nusstorte, saisonale Produkte
und lokale Weine gehören ebenso dazu wie
gemeinsame Apéros auf dem Dorfplatz. In
den teilnehmenden Hotels treffen alpine
Küche und internationale Einflüsse aufeinander
– bodenständig, kreativ und stets
regional gedacht. Essen wird hier zum
verbindenden Element, zum Anlass für
Gespräche und neue Bekanntschaften.
Was die Pride Kulinarik-Wanderwoche
besonders macht, ist das Gemeinschaftsgefühl.
Viele reisen allein an und gehen doch
nicht allein nach Hause. Zwischen Wanderungen,
gemeinsamen Mahlzeiten und
entspannten Abenden entsteht eine offene,
wertschätzende Atmosphäre, in der Vielfalt
selbstverständlich ist. Eine Auszeit, die nicht
nur erdet, sondern verbindet.
Gemeinsam unterwegs, verbunden durch
Vielfalt: Die Pride Kulinarik-Wanderwoche in
Silvaplana zeigt das Engadin von seiner
genussvollen, offenen Seite – und macht
Lust auf Wiederkommen, wenn sich die
Lärchen goldgelb färben und der Herbst die
Berge in sein warmes Licht taucht.
ENGADINER KULINARIK-WANDERWOCHE
– PRIDE EDITION
13.–20. September 2026
Silvaplana, Oberengadin
Weitere Informationen:
silvaplana.ch
WERBUNG
Bilder: zvg
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Frühling 2026
41
Story — 3
3
Wie queer
sind wir?
42 Frühling 2026
Story — 3
Text – Carsten Roetz
Illustration – Eduardo Luzzatti
Der Begriff «queer» ist zum allumfassenden
Dach für vielfältige Identitäten
geworden – und genau das sorgt für
Konflikte. Viele Schwule und Lesben
finden sich im weiten queeren Selbstverständnis
kaum noch wieder. Was
steckt hinter der Debatte? Und wie
lassen sich die Spannungen innerhalb
der Community lösen?
Frühling 2026
43
Story — 3
vereinnahmt und dominiert werden. Hoffentlich hat
das bald ein Ende.»
Die Mehrheit der Befragten, 57,5 Prozent, geben an,
dass es sie «durchaus ein bisschen» nerve, mit Begriffen
wie ‹queer› und ‹woke› in Verbindung gebracht zu
werden. 46,3 Prozent finden, ihre Interessen würden
dadurch weniger vertreten. Nur sieben Prozent der
Teilnehmenden bezeichnen sich selbst als queer. 83,2
Prozent sehen sich als schwul, 2,8 Prozent als lesbisch.
3,4 Prozent als bisexuell, 0,8 Prozent als trans.
Auch wenn die Umfrage nicht repräsentativ ist,
zeigt sie, dass die Community gespalten ist. Als Autor
habe ich den Anspruch, diese Stimmung zu beschreiben,
nach Erklärungen zu suchen und mögliche Lösungswege
aufzuzeigen. Meine eigene Meinung aber
soll dabei keine Rolle spielen, und keinesfalls möchte
ich die Stimmung weiter anheizen. In Absprache mit
der Redaktion lasse ich deshalb möglichst viele Stimmen
ausgewogen zu Wort kommen.
ie wohl bekannteste trans Frau der Schweiz, Nadia
Brönimann, sorgte zum Jahreswechsel für Schlagzeilen.
Sie erklärte öffentlich, sich künftig wieder Chris
zu nennen und dem männlichen Geschlecht zuzuordnen.
«Chris Brönimann zieht Schlussstrich unter
seine Vergangenheit», titelte der Blick. Die hämischen
Kommentare in den sozialen Medien liessen nicht
lange auf sich warten.
Auch bei mir löste die Berichterstattung Unbehagen
aus. Ich merke, dass es mir schwerfällt, all das zu
verstehen. Vor allem tue ich mich schwer damit, unter
dem Sammelbegriff «queer» mit Menschen zusammengefasst
zu werden, mit denen ich – nach meinem
Verständnis – nichts gemeinsam habe. Aber vielleicht
irre ich mich? Ich möchte wissen, wie andere in der
Szene darüber denken.
Die Sorge um die öffentliche Wirkung
Die an die Verbände verschickten Medienanfragen
bleiben nicht lange unbeantwortet. In den Reaktionen
zeigt sich: Die Vertreter*innen erkennen das Problem,
zugleich ist der Versuch einer raschen Deeskalation
deutlich spürbar. «Ich finde deine Ausgangsfrage
spannend, aber mache mir ehrlich gesagt auch etwas
Sorgen um die öffentliche Wirkung, insbesondere innerhalb
der Community. Ich fände es schade, wenn
in der Mannschaft schlussendlich mehr Zwietracht
entsteht, als dass gegenseitiges Verständnis geschaffen
wird», schreibt mir Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin
der Lesbenorganisation Schweiz (LOS).
Noch deutlicher wird Jann Kraus vom Transgender
Network Switzerland (TGNS): «Wir wünschen uns
für die Zukunft, dass wir nicht mehr alle zwei Monate
innerhalb unserer Community darüber diskutieren
oder sogar abstimmen, ob bisexuelle Menschen,
Jede zweite befragte Person findet ‹queer› nervig
Als wir im Dezember auf mannschaft.com eine Umfrage
veröffentlichen, antworten rund fünfhundert
Leser*innen. Noch nie hat eine Umfrage der Mannschaft
so viel Resonanz ausgelöst. «Mit dem Thema
hast du einen Nerv getroffen», schreibt mir Denise
Liebchen, die Co-Chefredaktorin dieses Magazins.
In den Kommentaren zeigt sich der Ton der Debatte:
von «Tolle Umfrage» bis «Mich stört gewaltig, dass
wir Schwulen und die Lesben von der Trans-Lobby
Bild: zvg
Alessandra Widmer,
Lesbenorganisation Schweiz
44 Frühling 2026
Story — 3
Frühling 2026
45
Andrea Seaman, LGB
Alliance Switzerland
intergeschlechtliche und trans Personen es verdient
haben, als Teil der Community genannt zu werden.
Wir können endlos darüber diskutieren, wie wir
Gleichstellung erreichen. Aber zu akzeptieren, dass
ich mir Gleichberechtigung in einem Beliebtheitswettbewerb
erbetteln muss, gerade unter Menschen,
mit denen ich Seite an Seite für unsere gemeinsamen
Rechte und Freiheiten kämpfe, ist unwürdig.»
Klima der Toleranz oder Konformitätsdruck?
Doch wo Zwietracht existiert, muss sie journalistisch
benannt werden dürfen. Zumal die Zerrissenheit der
Szene weder neu noch auf den deutschsprachigen
Raum beschränkt ist. Bereits 2019 gründeten Aktivist*innen
in Grossbritannien einen Verband, der sich
als Gegenstimme zur queeren Szene versteht und mit
umstrittenen Aussagen zur Transgeschlechtlichkeit
auffällt. Seit letztem Jahr ist die Organisation auch in
der Schweiz präsent.
Die LGB Alliance Switzerland sieht sich explizit an
der Seite von Lesben, Schwulen und Bisexuellen. Auf
meine Anfrage hin schreibt mir Andrea Seaman, Co-
Präsident der Organisation: «Die frühere Vielfalt der
homosexuellen Community war real und überprüfbar,
gemeinsamer Nenner war die sexuelle Orientierung.
Die heutige Vielfalt meint aber etwas anderes».
Heute gehe es mehr um sexuelle Identitäten, viele davon
seien heterosexuell. Die Community sei dadurch
zwar grösser geworden, Lesben und Schwule hingegen
weniger sichtbar.
Diese Entwicklung habe eine sinkende Akzeptanz
von Schwulen und Lesben zur Folge. «Homosexuelle,
die der Gender-Ideologie widersprechen, werden ausgegrenzt
wegen abweichender Überzeugungen. Kritik
wird nicht diskutiert, sondern moralisch sanktioniert.
Das ist kein Klima der Toleranz, sondern Konformitätsdruck»,
meint Andrea Seaman. Viele Schwule und
Lesben würden sich deshalb von der «LGBTIQ-Gesellschaft»
privat oder öffentlich distanzieren.
Die Ergebnisse unserer Umfrage scheint das zu bestätigen.
«Das Überbetonen der queeren Szene geht
mir sowas von auf die Nerven – ich will einfach nur in
Ruhe mein Leben mit meiner Ehefrau leben», schreibt
eine lesbische Leserin. Ein anderer Leser behauptet,
der Begriff «queer» mache Homosexuelle unsichtbar.
«Solche Aussagen kommen viel mehr von einer kleinen,
lauten Minderheit, die sich gegen gesellschaftlichen
46 Frühling 2026
Story — 3
«Das ist kein
Klima der
Toleranz, sondern
Konformitätsdruck.»
Fortschritt und Gleichstellung stellt», kommentiert Daniel
Furter, Geschäftsleiter von Pink Cross Schweiz.
«Aktuell beobachten wir auch, wie aus dem Ausland
finanzierte Organisationen ohne lokalen Rückhalt diesen
Diskurs vermehrt in die Schweizer Medien bringen
wollen.»
Auch andere etablierte Verbände beziehen klar
Stellung. «Rechte von Minderheiten können immer
nur solidarisch erstritten werden. Es braucht dazu eine
breite Unterstützung, die über die einzelnen Gruppen
hinausgeht. Wenn Akteur*innen beginnen, Gruppen
gegeneinander auszuspielen, dann ist das ein Angriff
auf die Minderheitenrechte generell», sagt Jann Kraus
vom TGNS. «Es gibt Schwule und Lesben nicht länger
als Bisexuelle, trans Personen, intergeschlechtliche
Menschen. Es existiert kein ‹vorher›, wo es nur
schwule und lesbische Communitys gab, in denen alle
gleich waren und dieselben Bedürfnisse hatten.» Er
vergleicht die sexuelle Identität mit anderen Beispielen,
so wie man sich gleichzeitig als Europäer*in und
als Italiener*in verstehen könne, ohne die Zugehörigkeit
zu einer Nation zu degradieren.
Das sehen viele Teilnehmende der Umfrage anders.
«Da werden Menschen in einer Gruppe zusammengefügt,
die weder was gemeinsam haben noch sich zugehörig
fühlen. Das hat in den letzten Jahren gerade der
schwulen und lesbischen Community sehr geschadet!»
schreibt ein Leser. Ein anderer meint: «Immer
mehr Subkulturen führen oft zu Unverständnis und
teils sogar Ablehnung – sowohl in der Gesellschaft als
auch innerhalb der Community selbst.»
Bilder: zvg
Daniel Furter, Pink
Cross Schweiz
Story — 3
Dominik Winter,
Queer Officers
Ähnlich beschreibt es Dominik Winter, Präsident
der Queer Officers, differenziert jedoch: «Es
wird uns zurückgemeldet, dass mit der Verbreiterung
der Vielfalt-Begriffe die Verunsicherung der
Cis-Hetero-Menschen anscheinend zugenommen
hat. Es wird unübersichtlich. Dadurch aber auch
präsenter und sichtbarer. Wir sehen einfach eine
Evolution, die naturgemäss auch dazu führt, dass
die schon länger bekannten Gruppen wie Schwule
oder Lesben normalisierter werden.»
Das Argument der besseren Sichtbarkeit vertreten
alle angeschriebenen Vereine. Zwar gebe es
nach wie vor massive Diskriminierungen gegenüber
Schwulen und Lesben, gleichzeitig verdienten
andere Minderheiten mehr Anerkennung.
Gemeinsam sei man immuner gegen Angriffe von
aussen.
«Der Begriff ‹woke› hat seinen Ursprung in
antirassistischen Bewegungen in den USA, wird
aber nun auch hier von rechtskonservativer Seite
benutzt, um liberale und progressive Haltungen
abzuwerten», erklärt Alessandra Widmer von der
LOS. «Wir können uns auch diesen Begriff zurückholen,
oder einfach sonst beschreiben, was
uns ausmacht: Dass wir achtsam sind und politisch
engagiert und dass wir uns für ein schönes
Leben und eine Welt ohne Gewalt und Diskriminierung
für alle einsetzen. Wir sollten uns auf
Werte fokussieren, die uns einen, und nicht auf
Begriffe, die uns spalten.»
Frühling 2026
47
Story — 3
«Am Ende fühlen
sich viele überhört»
Schwul, lesbisch, trans und queer: Wie
unterscheiden sich diese Identitäten?
Andrei Morar: Schwul und lesbisch
bezieht sich auf sexuelle Orientierung
– also darauf, zu wem man sich hingezogen
fühlt und mit wem man Beziehungen
führt. Trans beschreibt Geschlechtsidentität:
Das innere Wissen um das eigene
Geschlecht und wie man sein Leben
(falls gewünscht) sozial, rechtlich oder
medizinisch daran ausrichtet. «Queer»
ist oft ein Oberbegriff oder eine Haltung
und kann «nicht hetero», «nicht cis»,
«nicht normkonform», «noch in Klärung»
oder die Ablehnung fester Kategorien
meinen.
Was haben sexuelle Orientierung und
Geschlechtsidentität gemeinsam?
Sie hängen zusammen, sind aber nicht
dasselbe: Orientierung betrifft Begehren
und Beziehungen, Geschlechtsidentität
Selbstverstehen und Anerkennung.
Gemeinsam ist, dass beide Dimensionen
gesellschaftlich stark reguliert und
bewertet werden und dadurch Konflikte,
Stigma oder Schutzbedarf auslösen
können.
Was bedeutet eigentlich «queer»?
«Queer» ist bewusst flexibel: Für manche
ist es ein Sammelbegriff, für andere
ein politisches Selbstverständnis oder
ein offener Raum für Ambivalenz und
Exploration. Das kann entlastend sein,
kann aber Spannung erzeugen, wenn
Institutionen «queer» als Standard setzen
und spezifische schwul-lesbische Erfahrungen
unsichtbarer werden.
Warum ist «queer» ein umstrittener
Oberbegriff geworden?
Der Begriff ist über eine Pipeline aus
Aktivismus, Akademie, Institutionen
und Internetkultur in den Mainstream
gelangt und trägt je nach Kontext sehr
unterschiedliche Bedeutungen. Online
wird er zusätzlich belohnt, weil er breit,
identitätsstiftend und Werte-signalisierend
sein kann; zugleich ist er für manche
historisch belastet und wirkt wie eine
Verwischung von Kategorien.
Warum fühlen sich viele Schwule und
Lesben darin nicht mehr wieder?
Häufig geht es nicht um die Ablehnung
anderer, sondern um das Gefühl, dass
eine konkrete Orientierungsidentität in
einem weiten Oberbegriff aufgeht. Wenn
«queer» zur Standardfolie wird, wirken
schwul-lesbische Themen, Geschichte
und Kultur schneller «abgehakt». Gleichzeitig
kann dieser Frust beispielsweise
für trans Menschen wie Zurückweisung
klingen.
Warum erscheinen trans Anliegen
derzeit präsenter?
Viele schwul-lesbische Rechtskämpfe
sind in vielen Ländern vorangekommen,
während trans Themen gerade dort eskalieren,
wo Institutionen Regeln machen:
bei Ausweisen, in Schulen, in der Medizin,
im Sport oder in Schutzräumen. Dazu
kommt, dass trans Personen vielerorts
stärker von Diskriminierung und Gewalt
betroffen sind, was politische und mediale
Aufmerksamkeit zusätzlich bündelt.
Welchen Einfluss hat die öffentliche
Debatte?
Medien- und Online-Logiken belohnen
Zuspitzung: Komplexe Fragen werden
auf wenige Triggerpunkte reduziert,
Nuancen gehen verloren. So fühlen sich
am Ende viele überhört, Schwule und
Lesben in der Koalition weniger gesehen,
trans Menschen oft auf «Regelfragen»
oder Medizin verengt, und «queer»
wird je nach Lager karikiert.
Was wäre ein möglicher Weg
nach vorn?
Aufhören, die gesamte Community
als eine einzige Identität zu behandeln:
Sie ist eine Koalition, keine
homogene Gruppe. Koalitionen
funktionieren, wenn Unterschiede anerkannt,
Sprache nicht erzwungen und
Konflikte institutionell sachlich statt
kulturkämpferisch verhandelt werden
– mit Solidarität, ohne sich gegeneinander
auszuspielen.
ANDREI MORAR
Oberarzt für Psychiatrie
& Psychotherapie bei Spital
Region Oberaargau
48 Frühling 2026
Story — 3
Bild: zvg
Nach allen Seiten offen?
Im Streben nach mehr Integration änderte der Lesbenund
Schwulenverband Deutschland vor eineinhalb
Jahren seinen Namen. Henny Engels vom Bundesvorstand
erklärt: «Mit der Anpassung unseres Verbandsnamens
in «LSVD+ – Verband Queere Vielfalt» haben
wir ein klares Zeichen für mehr Inklusivität und
gegen gesellschaftliche Spaltung gesetzt. Gleichzeitig
haben viele unserer Mitglieder jahrzehntelang dafür
gekämpft, dass ‹schwul› und ‹lesbisch› keine Tabu-
Wörter sind, dass man mit Stolz Lesbe und Schwuler
sein kann. Daher stehen das grosse L und das grosse
S weiter zu Anfang des Kürzels unseres Verbandsnamens,
das vielen von uns ans Herz gewachsen ist.»
Damit adressiert der Verband die durchaus vorhandene
Wehmut der alten Zeiten wegen, macht aber
auch klar, offen für eine gemeinsame Zukunft mit anderen
Minderheiten der Community zu sein.
«Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz
dicht sein», lautet ein berühmtes Sprichwort. Umso
wichtiger erscheint mir also die Frage, was das verbindende
Element in unserer stetig wachsenden, queeren
Community ist. «Ich habe noch nie verstanden, warum
Geschlechtsidentitäten und sexuelle Vorlieben
immer in einen Topf geworfen werden», schreibt ein
Leser. Ein anderer kommentiert: «Als schwuler Mann
habe ich mit den anderen Gruppen genausoviel gemein
wie mit den Heteros.» Die Zusammenfassung
unter dem Begriff «queer» sei daher nicht sinnvoll.
Dem widersprechen die grossen Verbände. «Queere
Menschen eint, dass sie nicht den gesellschaftlichen
Normvorstellungen von Geschlechtlichkeit und Sexualität
entsprechen und oft von queerfeindlicher Diskriminierung
und von Gewalt bedroht sind», kontert
Henny Engels vom LSVD+. Daniel Furter von Pink
Cross Schweiz beschreibt es anders: «Aus meiner Perspektive
eint uns alle, dass wir uns nicht in die überholten
traditionellen Normen zwängen lassen.» Wir
alle stünden einmal an dem Punkt, wo wir ein Coming-out
machen müssen, um frei leben zu können.
Also doch alles rosa Regenbogen in der Community?
Ist das Problem rein rhetorischer Natur? Wenn
ich die Kommentare durchlese, bin ich nicht so sicher.
Es geht um Fragen zu Identität und Zugehörigkeit.
«Wir brauchen Sprache, um analysieren, agieren und
reagieren zu können. Labels können dabei helfen – sie
sind identitätsstiftend», sagt Dominik Winter von den
Queer Officers. Identität hat aber vermutlich immer
auch mit Abgrenzung zu tun, und genau hier scheint
der springende Punkt zu liegen: Wenn alle gleich sind,
hat keiner ein Privileg. Gewonnen und verloren wird
nur als ganze Gruppe. Kritisieren viele Schwule und
Lesben die queere Welt vielleicht, weil sie nichts von
ihren Errungenschaften abgeben wollen?
Wo liegt der Grund für diese Ablehnung und wie
viel Abgrenzung ist sinnvoll? Bei der Beantwortung
dieser Fragen hilft Andrei Morar, Oberarzt für Psychiatrie
und Psychotherapie (siehe separates Interview).
Aber geben Schwule und Lesben tatsächlich Kontrolle
und Akzeptanz ab, wenn sie anderen Minderheiten
auch zu ihren Rechten verhelfen? Die Realität im
deutschsprachigen Raum zeigt ein anderes Bild: «Wir
beobachten eine Zunahme der Akzeptanz – insbesondere
innerhalb der Armee. Im Dienstbetrieb sehen
wir vor allem eine Zunahme von Verunsicherung in
Bezug auf unterschiedliche Geschlechtsidentitäten.
Mit Nicht-Binarität wird heute wohl nicht jeder militärische
Verband umgehen können», sagt Dominik
Winter von den Queer Officers.
Henny Engels vom LSVD+ -Verband queere Vielfalt
bestätigt: «Statistiken zeigen, dass die Akzeptanz
für LSBTIQ in den letzten Jahren überwiegend gestiegen
ist, besonders nach der Einführung der Ehe
Bild: Caro Kadatz
Henny Engels, LSVD+-
Verband queere Vielfalt
«Wir haben
jahrzehntelang
dafür gekämpft,
dass ‹schwul›
und ‹lesbisch›
keine Tabuwörter
sind.»
Frühling 2026
49
Story — 3
für alle.» Pink Cross verweist auf eine repräsentative
Umfrage in der Schweizer Bevölkerung von 2024:
83 Prozent sprechen sich für rechtlichen Schutz und
Gleichstellung in allen Lebensbereichen für LGBTIQ-
Personen aus.
Gleichzeitig warnt Henny Engels: «Die Gewalt gegen
LGBTIQ hat einen neuen Höchststand seit Beginn
der Aufzeichnungen durch das (deutsche) Bundeskriminalamt
erreicht und insbesondere transfeindliche
Gewalt nimmt zu. Nahezu jeder zweite CSD wurde
im letzten Jahr von Rechtsextremen gestört oder angegriffen.»
Vor dem Hintergrund der Radikalisierung
sei es nötig, dass die Community zusammenhalte.
Alessandra Widmer von der LOS ergänzt: «Wir müssen
in den nächsten Jahren dafür sorgen, dass sich die
gesellschaftliche Akzeptanz nicht nur bis zur Heiratsurkunde
erstreckt.»
Was aber, wenn ich mich schwer tue mit Anliegen
anderer Minderheiten in unserer Community? Gelte
ich als Nestbeschmutzer, wenn ich meine Kritik
öffentlich äussere? Alessandra Widmer von der LOS
widerspricht. «Provokation gegen aussen ist nicht das
richtige Mittel, wenn rechtskonservative Kräfte gerade
alles daransetzen, unsere Anliegen gegeneinander
auszuspielen. Aber eine Community zu sein, bedeutet
auch, sich manchmal uneins zu sein, Dinge zusammen
zu diskutieren und voneinander zu lernen.»
Gut möglich also und durchaus zulässig, dass der
Lebenswandel von Chris Brönimann auch von vielen
Schwulen und Lesben durchaus kritisch diskutiert
wird. Ich füge hinzu: Aber bitte respektvoll!
Eine mögliche Lösung
Die Debatte zeigt: Ob mir die queere Welt gefällt oder
nicht, sie ist ein Fakt. Nur wenige werden ernsthaft
versuchen, einen neuen Status quo zu bewirken. Wie
gehe ich also mit der queeren Welt um?
Ich schaue mir erneut die Kommentare unserer
Umfrage an. Ein Leser scheint seine Lösung gefunden
zu haben: «Ich definiere mich als schwul, bin aber
gern Teil einer grossen, queeren Community. Ich finde
es wichtig, dass wir gemeinsam Vielfalt präsentieren
und ein breites gesellschaftliches Spektrum.» So sieht
es mehr als die Hälfte der Befragten.
Daniel Furter von Pink Cross betont: «Es soll weiterhin
schwule Saunas, Bisexuellen-Treffs und FLIN-
TA- und TINA-Räume oder exklusive Memberclubs
geben, ohne dass sich diese dafür rechtfertigen müssen.»
Teil der queeren Community zu sein, bedeutet
nicht, die eigenen Interessen aufzugeben.
Jann Kraus von TGNS schlägt vor: «Wenn ich
schwul meine, kann ich schwul sagen. Wenn ich bisexuelle
oder pansexuelle Männer meine, von denen
manche womöglich in monogamen Partnerschaften
mit Frauen sind, dann kann ich das sagen. Und wenn
ich alle zusammen meine, könnte ich beispielsweise
queere Männer als Oberbegriff nehmen.»
Jann Kraus, Transgender
Network Switzerland
50 Frühling 2026
KOLUMNE
Nicht auf
Linie unter der
Gürtellinie
Letztens nach einem Auftritt kam eine Zuschauerin
zu mir und fragte mit einer unbeirrbaren
Unverschämtheit: «Tuckst du?» Nun wissen vielleicht
nicht alle geschätzten Leser*innen, was Tucking ist.
Ich muss Sie enttäuschen – es hat nichts mit dem
deutschen Wort Tucke zu tun. Es handelt sich um ein
englisches Wort, das eine ganz bestimmte Technik
beschreibt, die manche Dragqueens anwenden.
Achtung, wir rutschen unter die Gürtellinie: Beim
Tucking wird versucht, das beste Stück so mit Klebeband
zu fixieren, dass die charakteristische Wölbung
verschwindet. Auch was sonst noch da unten herumhängt,
wird geschickt verstaut. Jene Drags, die
diese Technik anwenden, tun das, um möglichst alle
Hinweise auf ihr Anhängsel zu verbergen. Spoiler:
Ich gehöre nicht dazu. Viel lieber als mit solch weltlichfleischlichen
Sorgen übe ich mich in der geistreichen
Kunst der Konversation. Anders formuliert:
Lieber ein Mundwerk ausser Rand und Band, als
zwischen den Beinen ein Klebeband. Nun weiss ich
nicht, wie es Ihnen geht, geschätzte Leser*innen,
aber ich halte es für unhöflich, eine fremde Person
nach dem Aufenthalt ihrer Genitalien zu fragen.
Doch das war nicht der einzige Grund, warum mich
die Frage dieser impertinenten Person indigniert hat.
Mir scheint, es hat sich in vielen Köpfen eine klare
Vorstellung eingeschlichen, was und wie eine Dragqueen
zu sein hat. Das hat wesentlich mit der erfolgreichen
Casting-Show RuPauls Drag Race zu tun.
Dort tucken die Drags wie wild, sie werfen sich in
teure Kostüme (wehe, das Kleid stammt von H&M!),
schminken sich auf eine bestimmte Art (wehe, die
Augenbrauen sind nicht mit Leim abgeklebt!), performen
nach Schema X (wehe, die Drags können
keinen Rückwärts-Deathdrop-Salto-Spagat-Purzelbaum!)
– kurz: es wird ein klares Bild präsentiert, wie
eine Dragqueen zu sein hat. Wer dem nicht entspricht,
wird entfernt. Gegen die Sendung an sich ist
nichts einzuwenden, auch ich schaue sie mir ab und
zu an, trotz ihrer Beliebigkeit. Auch gegen die Drags,
die dabei sind, möchte ich nichts sagen. Ich bewundere
ihr Talent. (Sich den Appendix einmal um den
Unterleib zu schlingen, verlangt einiges an Geschick!)
Nur finde ich es schade, dass viele glauben,
so und nur so habe eine Dragqueen zu sein. Dieser
überdrehte Schönheitswettbewerb präsentiert eine
sehr US-amerikanische Version von Drag, lässt dabei
aber kaum Platz für die reiche Geschichte und die
vielen unterschiedlichen Facetten von Travestie. Mir
geht es nun genau nicht darum, verschiedene Arten
von Drag gegeneinander auszuspielen, sondern zu
sagen, dass Drag mehr ist als RuPauls Drag Race.
Dass es eben nicht darum gehen soll, einer bestimmten
Vorstellung von Drag zu entsprechen und
dass es schon gar kein richtiges Bild einer Dragqueen
gibt. Die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit
sind es, die unsere Kunstform bereichern – nicht der
eintönige Einheitsbrei. Drag ist nicht dazu da, alle
Ecken und Kanten wegzukleben, sondern sie stolz
und in ihrer Vielfalt auszustellen – manchmal auch
jene unter der Gürtellinie.
MANN, FRAU MONA!
«Mona Gamie: Dragqueen mit
popkulturellem Schalk und
nostalgischem Charme. Diven-
Expertin, Chansonnière und
queere Aktivistin.»
mona@mannschaft.com
Frühling 2026
51
Interview
«Das Kino hinterfragt
traditionelle
Männlichkeit»
Am 9. April startet «The History of Sound», einer der meisterwarteten queeren
Filme der letzten Monate: Oliver Hermanus inszeniert Paul Mescal und
Josh O’Connor als zwei Männer, die durch den Ersten Weltkrieg getrennt
werden und Jahre später in Maine Volkslieder sammeln. Ein Gespräch
über Nähe, Zurückhaltung und den Hype um den Film, der auf der Kurzgeschichte
von Ben Shattuck basiert.
Interview – Patrick Heidmann
«The History of Sound» basiert auf einer Kurzgeschichte –
und weil du als Autor auch die Drehbuchadaption geschrieben
hast, Ben, starten wir mit dir: Wo nahm die Geschichte
ihren Anfang? Ging es dir von Beginn an um die Liebe zweier
Männer?
Shattuck: Nein, zuerst gar nicht. Wie alle zwölf Kurzgeschichten
des Bandes begann auch diese mit einem konkreten Objekt im
Zentrum. Artefakte beflügeln meine Kreativität; ich kann kaum
ein Museum besuchen, ohne Ideen mitzunehmen. In diesem Fall
war es ein Wachszylinder, die Phonographenwalze: Um 1900 gelang
es Edison damit erstmals, Ton aufzunehmen. Ihm ging es
darum, Stimmen für die Ewigkeit festzuhalten. Vor meinem inneren
Auge erschien ein Mann, der auf sein Leben zurückblickt,
als er plötzlich die Stimme eines Menschen hört, der einst sehr
wichtig für ihn war.
Oliver, dich als queeren Regisseur dürfte besonders gereizt
haben, dass hier von einer schwulen Beziehung erzählt wird,
oder?
Hermanus: Als mein Agent mir Bens Geschichte schickte, hoffte
er sicher, dass ich sofort auf die Lovestory zwischen Lionel und
David anspringen würde. Und das tat ich auch. Gleichzeitig reizte
mich, dass es Ben nicht darum ging, die Schwierigkeiten einer
queeren Beziehung im frühen 20. Jahrhundert auszuerzählen. Im
Zentrum steht nicht Homosexualität, sondern Romantik und Gefühl:
die Frage, ob die erste Liebe im Leben vielleicht immer auch
die grösste ist. Als Regisseur interessiere ich mich ohnehin weniger
für «Themen» als für sensible Porträts von Menschen – damit
konnte ich sehr viel anfangen.
Shattuck: Es freute mich, dass Oliver und ich einen so ähnlichen
Blick hatten. Für uns ist es weniger ein Film über diese eine Liebe
als ein Film über Liebe überhaupt. Und über ein ganzes Leben,
vom Anfang bis zum Ende. Deshalb sehen wir Lionel nicht nur in
Gestalt von Paul Mescal, sondern auch als älteren Mann, gespielt
von Chris Cooper.
Dennoch steht im Kern die Begegnung von Lionel und David.
Entsprechend wichtig ist es, zwei Darsteller zu finden, die
miteinander schwingen. Kanntet ihr euch schon vorher?
Mescal: Nein, Oliver hat uns erst für diese Rollen zusammengebracht.
Aber es gibt Parallelen: Lionel und David finden über
Musik und gegenseitige Bewunderung zueinander. Bei uns war
es ähnlich. Ich habe Josh schon lange bewundert, bevor wir uns
kennenlernten: «Only You» sah ich im Kino, «God’s Own Country»
sogar zweimal im Schauspielstudium. Jemanden zu entdecken,
der praktisch mein Alter hat und so eigenwillige, spannende
Rollen spielt, war für mich inspirierend. Josh war längst ein
Vorbild und mir wichtig, bevor wir uns begegnet sind.
O’Connor: Mir ging es ähnlich. Ich hatte Paul bereits gesehen, bevor
Oliver uns einander vorstellte. Künstlerischer Respekt war
also von Anfang an da. Aber das ist nicht dasselbe wie die Chemie,
die eine Liebesgeschichte zwischen den Figuren braucht.
Hermanus: Mit zwei so phänomenalen Schauspielern wie Paul
und Josh ist man als Regisseur auf der sicheren Seite. Schon bei
unseren ersten Zoom-Gesprächen war klar, dass sie verstanden,
worum es uns geht. Und sie wissen, dass man Chemie nicht
52
Frühling 2026
Interview
Das Interview-Quartett (v.l.): Josh
O'Connor, Oliver Hermanus, Ben
Shattuck und Paul Mescal.
Bild: zvg
Frühling 2026
53
Interview
Die grosse Leidenschaft
wird ganz fein gespielt
von Josh O'Connor als
David (l.) und Paul Mescal
als Lionel.
herbeizaubern kann, sondern auch entsteht, wenn man daran
arbeitet. Also haben sie sich kennengelernt und angefreundet.
Als wir nach Jahren mit der Arbeit am Film begannen, waren sie
längst ein Herz und eine Seele. Ohne diese Vertrautheit hätte die
Beziehung vor der Kamera wohl nicht so getragen.
Wie viel Kalkül steckte hinter der Entscheidung, zwei der
derzeit angesagtesten jungen Schauspieler zu besetzen?
Hermanus: Kalkül insofern, dass ich die Rollen mit den besten
Schauspielern besetzen wollte. Josh schickte ich die Kurzgeschichte,
bevor Ben und ich am Drehbuch arbeiteten. Seinen
Durchbruch konnte man schon ahnen. Paul kam später dazu.
Ihn traf ich für eine Rolle in meinem vorherigen Film «Living».
Und weil beide den gleichen Agenten haben, liess sich das gut
einfädeln.
Shattuck: Wobei damals längst nicht alle Produzent*innen wussten,
wer diese Kerle sind. Wir schrieben «The History of Sound»
mitten in der Corona-Pandemie, und wenn jemand fragte, wer
denn dieser Paul Mescal sei, sagten wir nur: Guckt euch die Serie
«Normal People» an, aus dem wird bald ein Star.
Hermanus: Dass «Living» für zwei Oscars nominiert wurde und
Paul im gleichen Jahr für seine erste Kino-Hauptrolle «Aftersun»
ebenfalls eine Nominierung erhielt, half sehr «The History of
Sound» endlich auf die Beine zu stellen.
Angesagte Shooting-Stars sind das eine, aber dass beide
Schauspieler heterosexuell sind, sorgte für Kritik. Ausserdem
gab es Enttäuschung, weil der Film erotisch so zahm sei ohne
heisse Sexszenen.
Hermanus: Die Enttäuschung über fehlende explizite Sexszenen
hat mich überrascht – da schienen falsche Erwartungen im Umlauf
zu sein. Wer die Kurzgeschichte liest, versteht sofort, dass eine
Verfilmung keinen Fokus darauflegen wird, die Protagonisten im
Bett zu zeigen. Über Repräsentation hingegen können wir gern
sprechen. Bei People of Color ist authentisches Besetzen hochrelevant,
ebenso bei trans Personen. Grundsätzlich vertrete ich aber
54 Frühling 2026
Interview
das korrigieren. Denn tut man das als männlicher Schauspieler
nicht ohnehin ständig? Ich wähle Rollen nicht nach «neuen Maskulinitäts-Facetten».
Aber ich merke, dass auch das Publikum
sensibler auf Stereotype reagiert. Und natürlich ziehen mich als
Schauspieler ohnehin Geschichten an, die nuanciert und mehrdimensional
sind.
Hermanus: Mehrdimensionalität beanspruche ich auch als Regisseur.
Ich sehe mich nicht nur als queeren Filmemacher, sondern
auch als afrikanischen. Hinzu kommt mein Alter, meine soziale
Herkunft und die Tatsache, dass ich ein Mann bin. Das prägt meine
Arbeit, muss aber nicht in jedem Film gleich sichtbar sein.
Eine Verantwortung, als queerer Regisseur auch queere
Geschichten zu erzählen, empfindest du also nicht?
Hermanus: Nein, ich sehe das nicht als Pflicht. Zumal nicht heutzutage,
wo wir im Kino und beim Streaming in einem goldenen
queeren Zeitalter leben. Womit ich nicht sagen will, dass wir uns
ausruhen können. Wir müssen die Vielfalt dieser LGBTIQ-Geschichten
im Blick behalten. Schon die Tatsache, dass die meisten
meiner Filme in vielen Ländern Afrikas bis heute nicht gezeigt
werden dürfen, erinnert daran, wie relevant diese Themen weiterhin
sind.
Wie bekommt ihre diese Relevanz mit? Erlebt ihr bei queeren
Filmen andere Reaktionen als bei anderen?
Mescal: Bei Filmen wie «All of Us Strangers» oder auch «The History
of Sound» höre ich häufiger, wie bedeutsam es für Menschen
war, diese Geschichten auf der Leinwand zu sehen. Gerade in Interviews
hat mich berührt, wie stark die Emotionen meines Gegenübers
waren. Das erinnert mich daran, dass mit dem Erzählen
solcher Geschichten auch Verantwortung einhergeht.
O’Connor: Die leidenschaftlichen Reaktionen auf «God’s Own
Country» haben mir erst richtig gezeigt, was es mit Menschen
macht, wenn sie in Kultur und Medien kaum vorkommen. Wie
gross der Hunger ist, sich auf der Leinwand wenigstens teilweise
wiederzufinden und identifizieren zu können. Wann immer das
bei einer meiner Rollen passiert, berührt mich das.
Bild: zvg
leidenschaftlich die Meinung, dass Schauspielende magische Wesen
sind, die sich in alles und jeden verwandeln können. Mir käme
es nie in den Sinn, ihrer Kunst einen Riegel vorzuschieben.
Ihr habt beide schon häufiger queere Rollen gespielt und
verkörpert oft Männer fernab von Machismo und Heldenkonventionen.
Spricht euer Erfolg dafür, dass sich Maskulinitätsbilder
in Film und Fernsehen verschieben?
Mescal: Wie nachhaltig das ist, muss man abwarten. Aber ich denke,
dass traditionelle Männlichkeit im Kino inzwischen abgelöst
oder zumindest hinterfragt wird. Das ist überfällig! In meiner Jugend
sah ich selten Männer auf der Leinwand, mit denen ich mich
identifizieren konnte. In den Filmen, die mich heute interessieren,
ist das häufig anders. Nicht dass darin alles frei von klassischer
Maskulinität wäre. Aber ich spüre mehr Wahrhaftigkeit, näher an
den Lebensrealitäten von mir und meinen Freunden.
O’Connor: Ich sagte einmal, mich interessierten Rollen, die Männlichkeit
ausloten. Das verfolgt mich nun, und eigentlich muss ich
«The History
of Sound»
Der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus
(«Moffie») verfilmt die gleichnamige Kurzgeschichte
des US-Autors Ben Shattuck – der sein eigenes Werk
auch fürs Drehbuch adaptiert hat. Vor der Kamera
stehen Paul Mescal und Josh O’Connor als Lionel
und David, die sich 1917 am Konservatorium in Boston
begegnen, sich über Musik näherkommen und
durch den Ersten Weltkrieg getrennt werden. Jahre
später finden sie in Maine wieder zueinander: Auf
einer Exkursion zeichnen sie Volkslieder und Balladen
aus ländlichen Regionen auf – ein Winter zwischen
Zeltnächten und Kerzenlicht.
Frühling 2026
55
Story — 4
4
Eine neue
Männlichkeit
für
den Sport
56 Frühling 2026
Story — 4
Text: Greg Zwygart
Sport gilt als männlich. Allerdings
nur dann, wenn er als dominant,
kraftvoll und aggressiv
wahrgenommen wird. Wer sich
als Mann im Synchronschwimmen,
Cheerleading oder Eistanz
zeigt, wird schnell zur Zielscheibe
von Spott und Häme. Ein
Essay über die Ambivalenz gesellschaftlicher
Werte und die
engen Grenzen dessen, was als
«männlich» gelten darf.
Frühling 2026
57
Story — 4
ehenspitzen durchbrechen die Wasseroberfläche, flattern
in der Luft. Aufeinander abgestimmt wie Vogelformationen
richten sich Füsse zuerst nach links, dann nach
rechts und verschwinden unter grossem Getöse wieder
im Becken. Köpfe tauchen auf, braune Haare kleben an
Stirnen. Wasser spritzt in alle Richtungen. Erst bei genauerem
Hinsehen fällt auf: Neben sieben Schwimmerinnen
ist ein Mann Teil dieser Choreografie.
Es ist Frühling 2025. In Soma Bay in Ägypten finden
die Weltmeisterschaften im Synchronschwimmen statt.
Dem spanischen Team gelingt mit seiner Routine «Insanity»
Historisches: Zum ersten Mal gewinnt ein Land
mit einem Mann im Line-up eine Goldmedaille im Teamwettbewerb.
58 Frühling 2026
Wenn die Leistung nicht mehr zählt
Synchronschwimmen – heute meist als «Artistic Swimming»
bezeichnet – ist traditionell eine Frauendomäne.
Erst seit einer Regelanpassung des Weltdachverbands
World Aquatics im Jahr 2015 dürfen Männer im Mixed-
Duett antreten. Für die Sommerspiele 2024 in Paris wurden
Männer erstmals auch für den Teamwettbewerb zugelassen.
Der Mann im spanischen Team heisst Dennis González
Boneu. Neben dem Teamgold holt er in Ägypten zwei
weitere Weltmeistertitel. «Von diesem Moment habe ich
viele Male geträumt. Und ich habe hart dafür gearbeitet»,
sagt er nach dem Sieg gegenüber der Presse.
Für González ist seine Teilnahme nicht nur eine Frage
symbolischer Gleichstellung. Er verweist auf unterschiedliche
körperliche Voraussetzungen, die neue choreografische
Möglichkeiten eröffnen. Die Kraft eines
männlichen Körpers erlaube andere Hebefiguren, andere
Akzente, andere Dynamiken. Männer brächten etwas
Neues ins Becken.
Doch nicht alle teilen diesen Enthusiasmus. Neben
Gratulationen finden sich in sozialen Medien zahlreiche
diskriminierende und homophobe Kommentare über
seinen Auftritt. Der Spott richtet sich nicht gegen seine
Bild: IMAGO / Xinhua
Schau Dennis
beim Synchronschwimmen
zu.
Story — 4
Frühling 2026
59
Story — 4
Leistung, sondern gegen die Irritation, dass hier ein
Mann eine Sportart ausübt, die gesellschaftlich noch
immer als «weiblich» gilt.
Für González ist das nichts Neues. Als Jugendlicher
wurde er gemobbt. Heute hofft er, dass seine Karriere
anderen Jungen Mut macht, die sich für diesen Sport
interessieren. «Ich möchte den Kindern zeigen, dass
sie alles erreichen können, was sie wollen», sagt er.
Artistic Swimming vereine für ihn zwei Leidenschaften:
Tanz und Wasser. Die Sportart wurde zu
einem Ort, an dem Ausdruck möglich war. «Es war
mein Weg, der Realität zu entkommen», erklärt er
rückblickend. Während ausserhalb des Beckens Erwartungen
und Zuschreibungen dominierten, bot der
Sport einen Raum, in dem er nicht korrigiert wurde,
sondern aufblühen konnte.
Von «männlichen» und «weiblichen» Sportarten
Sport soll fair sein und für alle dieselben Voraussetzungen
bieten. Und doch zeigt sich hier besonders
deutlich, wie unterschiedlich Athlet*innen gesellschaftlich
bewertet werden. Frauen werden kritisiert,
wenn sie als «zu männlich» gelten. Wenn sie etwa
muskulös sind, kein Make-up tragen oder zu verbissen
auftreten. Männer wiederum, wenn sie Sportarten
ausüben, die gesellschaftlich als feminin gelten – Disziplinen,
in denen Anmut, Synchronität und Ausdruck
höher bewertet werden als physische Dominanz.
Dass Eigenschaften wie Stärke, Aggressivität und
Durchsetzungsfähigkeit im Sport als männlich gelten,
kommt nicht von ungefähr. Der US-amerikanische
Soziologe Michael Messner beschreibt, wie
Geschlechternormen bereits im Kindesalter über
60 Frühling 2026
Story — 4
Schau Louie beim
Cheerleaden zu.
Bild: IMAGO Images
als «Lifestyle»-Sportarten, Laufen und Schwimmen
wurden als neutral empfunden. Auffällig war zudem:
Männer stuften viele Sportarten systematisch «maskuliner»
ein als Frauen.
Sport ist damit mehr als Bewegung und Leistung.
Er ist ein Ort symbolischer Grenzziehung. Wenn
Männer Sportarten besonders stark als «maskulin»
markieren, verteidigen sie indirekt eine Vorstellung
davon, was als «richtiger» Männersport gilt und was
nicht. Für queere Perspektiven ist diese Grenzziehung
zentral. Denn wer als Mann eine «feminin» gelesene
Sportart ausübt, überschreitet eine gesellschaftliche
Linie. Und Grenzüberschreitungen werden selten
wohlwollend kommentiert.
An dieser Stelle muss kaum erwähnt werden, dass
die Verherrlichung von Männern in klassisch männlichen
Sportarten nicht vor der schwulen Community
Halt macht. Im Gegenteil. Sie werden erotisiert, angehimmelt
und stilisiert – zu Fantasieräumen, die sich
von Partymottos und Fetischabenden bis hin zu ganzen
Büchern, Filmen und Serien erstrecken. Jüngstes
und wohl bestes Beispiel dafür ist der durchschlagende
Erfolg der kanadischen Serie «Heated Rivalry», in
der sich zwei professionelle Eishockeyspieler ineinander
verlieben. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen
Roman von Rachel Reid, der insbesondere
bei heterosexuellen Leserinnen grossen Anklang fand
(siehe Story auf Seite 98).
sportliche Sozialisation verinnerlicht werden. Sport
wird so zu einem sozialen Raum, in dem hegemoniale
Männlichkeit stabilisiert und Geschlechterhierarchien
reproduziert werden – heterosexuell-männlich
wohlgemerkt.
Eine 2019 veröffentlichte Studie mit 423 Erwachsenen
in China untersuchte, wie Sportarten geschlechtlich
eingeordnet werden. Das Ergebnis: Sport wird
gesellschaftlich klar gegendert, jedoch nicht bloss
entlang einer einfachen «männlich versus weiblich»-
Achse. Die Befragten unterschieden zwischen maskulinen,
neutralen, sogenannten «Lifestyle»- und femininen
Sportarten.
Fussball und Basketball wurden deutlich als maskulin
bewertet, Gymnastik oder Aerobic klar als feminin.
Dazwischen fanden sich Klettern oder Radfahren
Frauen jubeln Männern zu
Sport als Raum männlicher Bestätigung zeigt sich
auch in der Entstehung des Cheerleadings, besonders
populär in Nordamerika. Worum es dabei geht?
Überspitzt formuliert: Frauen tanzen und turnen, um
Männer – vor allem im Football – anzufeuern und das
Publikum in Spielpausen zu unterhalten. Aus diesem
Bedürfnis nach Inszenierung entstand auch die legendäre
Super-Bowl-Halbzeitshow, die für Musiker*innen
als Ritterschlag gilt.
Geradezu subversiv wirken in diesem Kontext
männliche Cheerleader. In nordamerikanischen
Highschools und später dann auch im College Football
gibt es sie schon lange, häufig als Stuntmänner. Doch
erst 2018 stehen mit Napoleon Jinnies und Quinton
Peron erstmals zwei Männer als offizielle Cheerleader
Frühling 2026
61
Story — 4
bei einem Team der obersten NFL-Liga unter Vertrag,
bei den Los Angeles Rams.
Viele folgen. Akzeptanz ist dennoch keine Selbstverständlichkeit.
Als die Minnesota Vikings 2025 mit
Louie Conn und Blaize Shiek zwei Männer ins Cheerleading-Team
aufnehmen und dies mit «Die nächste
Generation von Cheerleadern ist da» kommentieren,
fegt auf Social Media ein Sturm der Entrüstung über
das Team hinweg.
Der Aufruhr nimmt politische Dimensionen an,
als der konservative Aktivist und ehemalige Vikings-
Spieler Jack Brewer erklärt, kein Mann solle je ein
Pompon in die Hand nehmen. Der Widerstand wird
so gross, dass das Team ein Statement veröffentlicht:
«Rund ein Drittel aller NFL-Teams beschäftigt inzwischen
männliche Cheerleader; alle durchlaufen ein rigoroses
Auswahlverfahren», heisst es darin.
Die Debatte wird auch auf der anderen Seite des
Atlantiks thematisiert. Der ehemalige NFL-Profi
R. K. Russell schreibt in der britischen Zeitung The
Guardian, die Empörung richte sich nicht gegen Sport,
sondern gegen Sichtbarkeit. «Es geht um Kontrolle –
über Männlichkeit, über Bilder, über die Frage, wer im
öffentlichen Raum gefeiert werden darf», so Russell.
«Es ist derselbe Impuls, der Anti-LGBTIQ-Gesetzgebung
antreibt, dieselbe Angst, die Bücherverbote,
sogenannte ‹Toilettengesetze› und Angriffe auf Drag-
Künstler*innen befeuert. Dieser Moment steht nicht
für sich allein. Er ist Teil einer breiteren kulturellen
Gegenreaktion auf Emanzipation.»
Conn und Shiek, die beiden Cheerleader im Zentrum
der Debatte, halten sich weitgehend heraus. Sie
posten lediglich ein Foto auf Instagram mit der ironischen
Bildunterschrift: «Moment, hat jemand unseren
Namen gesagt?» Kurz darauf veröffentlicht Conn ein
Bild aus Kindertagen im Spagat. «Ich bin dort, wo ich
sein sollte», schrieb er. «Ich habe mich noch nie so geliebt
gefühlt.» Louie Conn und Synchronschwimmer
Dennis González Boneu liessen Interviewanfragen
zum Thema Männlichkeit im Sport unbeantwortet.
Der Text stützt sich deshalb auf Aussagen, die sie gegenüber
der Presse oder in sozialen Medien gemacht
haben.
Der Sport als Safe Space
So laut die Diskussionen um männliche Cheerleader
und Synchronschwimmer geführt werden: Für viele
queere Athleten beginnt die Geschichte an einem
anderen Punkt – nicht mit Erfolg oder Empörung,
sondern mit der Suche nach einem sicheren Ort und
Rückzugsraum.
Beispiel dafür ist Guillaume Cizeron. Zusammen
mit seiner Partnerin gewann der französische Eiskunstläufer
bei den diesjährigen olympischen Winterspielen
in Mailand-Cortina die Goldmedaille. Queerer
Schau Guillaume
beim Eiskunstlaufen
zu.
hätte die Performance nicht sein können: Für ihre
Routine wählte das Paar die LGBTIQ-Hymne «Vogue»
von Madonna.
2020 outete sich Cizeron in einem offenen Brief als
schwul und schilderte darin die Auswirkungen jahrelangen
Mobbings. Er wuchs mit zwei Schwestern auf
und spielte lieber mit Kostümen, Puppen und Makeup.
«Aber ich habe schnell verstanden, dass ein Junge
das nicht tun sollte. Also habe ich aufgehört. Ich sass
auf dem Bett und sah meinen Schwestern beim Spielen
zu», schrieb er.
Noch vor der Pubertät habe er erfahren, was Homosexualität
bedeute. Zuvor hätte dieses Wissen nicht
zu seinem Wortschatz gehört; er habe nicht gewusst,
dass die Liebe zu Jungen nicht Mädchen vorbehalten
sei. «Diese Erkenntnis war befreiend», schrieb er. Sie
62 Frühling 2026
Story — 4
Bild: Stephanie Scarbrough/AP/dpa
habe ihm geholfen, das Gefühl zu verstehen, im falschen
Körper gefangen zu sein. Ganz verschwunden
sei die Scham jedoch nicht. Das Mobbing habe angehalten.
Um den Anfeindungen zu entgehen, habe er
die Pausen oft auf der Toilette verbracht. «Wenn ich
wieder herauskam, veränderte ich Teile von mir –
wie ich ging, wie ich sprach, wie ich lachte. Jeden Tag
schlug ich ein Stück von meinem eigentlichen Selbst
ab, in der Hoffnung, akzeptiert zu werden.»
Der Eiskunstlauf wurde für den jungen Guillaume
zum sicheren Ort. «Eiskunstlauf war für mich nicht
nur ein Sport. Die Eisbahn war, neben meinem Zuhause,
der einzige Ort, an dem ich für meine Art nicht
niedergemacht, sondern bestärkt wurde.» Das Training
habe ihm Selbstvertrauen gegeben und ihm erlaubt,
sich in einem geschützten Umfeld zu entdecken.
Als er sich schliesslich outete, habe er das Glück gehabt,
eine unterstützende Familie zu haben und in
einem Land zu leben, in dem seine Existenz kein Verbrechen
war.
In den klassisch männlichen Sportarten warten
viele noch immer auf das Coming-out eines aktiven
Profispielers. Damit erhoffen sich viele ein Umdenken
im Sport, mehr Akzeptanz für schwule Athleten und
weniger toxische Männlichkeit. Dabei gerät leicht in
Vergessenheit, dass auch jenseits von Fussball, Football
oder Eishockey Pionierarbeit geleistet wird.
Vielleicht lohnt es sich, den Blick nicht nur auf die ersehnten
Coming-outs in den grossen Männerligen zu
richten, sondern auch auf jene, die bereits heute Grenzen
verschieben – beim Synchronschwimmen, beim
Cheerleading und im Eiskunstlauf.
Frühling 2026
63
FILM
Filmguru
Patrick Schneller
filmguru@mannschaft.com
Der Beginn einer besonderen
Beziehung: Ray (r.)
macht Colin zu seinem
Sozius.
Pillion
Let’s Play Master and Servant
Filme über BDSM-Beziehungen sind immer
noch eher selten, und sie entsprechen
oft der Vorstellung von Leuten, die nicht
wirklich eine Ahnung davon haben. Musterbeispiel
ist die «Fifty Shades»-Trilogie
(2015–18), die mit echten Fesselfantasien
herzlich wenig zu tun hat.
Das queere Kino behandelt BDSM
seit jeher offener, obwohl Exempel auch
eher rar gesät sind. Doch so ehrlich und
unverkrampft wie im Spielfilmdebüt des
Engländers Harry Lighton entfaltete sich
eine Meister-und-Sklave-Liebschaft noch
selten. Er adaptierte den Roman «Box
Hill» (2020) von Adam Mars-Jones, verlagerte
die Handlung von den 1970ern
in die Gegenwart und nannte das Ganze
«Pillion», was auf deutsch «Sozius»
heisst.
64 Frühling 2026
Der schüchterne Parkwächter Colin
(Harry Melling) wohnt noch bei den Eltern
im Südostlondoner Stadtteil Bromley und
hatte noch nie ein Gspusi. Da läuft er im
Pub dem strammen Leder-Biker Ray (Alexander
Skarsgård) über den Weg, der ihm
prompt seine Telefonnummer zusteckt.
Zwischen ihnen entwickelt sich ein Verhältnis,
in dem Colin seine devote Ader
erst richtig entdeckt. Doch natürlich ist
nicht alles nur eitel Sonnenschein.
«Pillion» lebt von einer authentischen
Milieuzeichung, lebensnahen Figuren und
der prickelnden Atmosphäre. Alexander
Skarsgård, «The Northman» höchstpersönlich,
und Harry Melling, der seit seiner
Rolle als Harry Potters Cousin Dudley
gerne mit seiner Vielseitigkeit überrascht,
erweisen sich als Idealbesetzungen. Nach
dem Motto «Gegensätze ziehen sich an»
wirken Ray und Colin in ihrer BDSM-
Partnerschaft stets glaubhaft. Und das
Wichtigste: Harry Lighton gibt seine Figuren
nie der Lächerlichkeit preis und
bringt sie in den emotionaleren Momenten
selbst dem verstocktesten Publikum
menschlich näher.
Liebeskomödie, GB/IRL 2025. Regie:
& Drehbuch: Harry Lighton. Mit Harry
Melling, Alexander Skarsgård, Douglas
Hodge, Lesley Sharp, Jake Shears,
Mat Hill. Kinostart CH/D: 26. März, A:
27. März
Bild: ChrisHarris
Das UCLA Film &
Television Archive
hat den Gay-Klassiker
«Pink Narcissus»
(1971) in
4K restauriert,
weshalb er erstmals
auf Blu-ray
erscheint (USA:
Strand Releasing/
UK: BFI, ab
15. Juni). Patrick Schneller
Horrordrama, F/B 2025. Regie &
Drehbuch: Julia Ducournau.
Kinostart D: 2. April, A/CH: tba
FILM/SERIEN
Alpha
Mit «Raw» stürmte Julia Ducournau
2016 die Körperhorror-
«Landkarte». «Titane» katapultierte
die Französin fünf Jahre
später auf den Gipfel, auch dank
der Goldenen Palme. Nun kommt
mit «Alpha» ihr dritter Spielfilm.
1990 verbreitet sich ein Virus
über verunreinigte Nadeln und
ungeschützten Sex. Infizierte verwandeln
sich langsam in Marmorstatuen.
Die 13-jährige Alpha
(Mélissa Baros) hat sich ein Tattoo
stechen lassen, das entzündet ist.
Ihre Mutter (Goldshifteh Farahani),
eine Ärztin, befürchtet das
Schlimmste – schon ihr Junkie-
Bruder Amin (Tahar Rahim) hat
sich angesteckt.
Als hätte Ducournau mit Autor
William S. Burroughs (1914–97)
Bild: zvg
zusammengespannt: Ihre Parabel
auf die Aids-Hysterie avanciert
durch die surreale Verfremdung
zum Plädoyer gegen
Ausgrenzung und Diskriminierung
aller Art. Dies geschieht
etwas zu verkopft und wirkt
nicht mehr so wild und frisch.
Doch selbst ein schwächerer
Ducournau hat mehr drauf als
der gehobene Durchschnitt.
Serienjunkie
«Deadloch» Staffel 2 – Rückkehr
des derben Duos aus Down Under
Ab dem 30. März bei Amazon Prime.
Bild: Amazon MGM Studios
Robin Schmerer
robin@mannschaft.com
Zwei Polizistinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten,
müssen gemeinsam Mordfälle lösen. Die Formel ist nicht neu,
aber «Deadloch», eine Crime-Comedy aus Down Under, ist herrlich
schwarzhumorig, feministisch und erfrischend queer. Sergeant
Dulcie Collins (Kate Box) kennt ihre Heimatstadt in- und
auswendig und ist nicht begeistert, als ihr mit der permanent fluchenden
Ermittlerin Eddie Redcliffe (Madeleine Sami) eine Partnerin
aus der nächstgrösseren Stadt zur Seite gestellt wird.
Die beiden lesbischen Frauen müssen lernen, sich in einem
Umfeld voller Männer zu bewähren, und schnell stellt sich heraus,
dass das vermeintlich starke Geschlecht mit diesem derben
Duo nur den Kürzeren ziehen kann. Homophobe und chauvinistische
Kommentare? Nicht mit den beiden.
In den sechs neuen Folgen der zweiten Staffel, die am 30. März
startet, verschlägt es die Frauen in den schwülen Norden des
Landes, wo sie den Mord an Eddies ehemaligem Partner Bushy
aufzuklären versuchen.
«Deadloch» sorgt für Abwechslung in einem standardisierten
Genre und bricht nicht zuletzt dank einer illustren Schar queerer
Charaktere mit der Norm. Grund für diesen frischen Blick dürfte
auch das überwiegend weibliche Team sein.
Frühling 2026
65
SERIEN
Neues Staffel, alte Konflikte:
«Euphoria» Staffel 3
Ab dem 13. April bei Sky/WOW und HBO Max.
Was? Wo? Wann?
WAS WO & WANN IN EINEM SATZ
Knokke Off
(High Tides)
Drama
Staffel 2
ab 3.4.
Netflix
Das belgische Jugenddrama rund
um Klassenunterschiede geht in
die dritte Runde. So muss auch
Jan, der Vater von Louise, seine
Homosexualität verheimlichen und
lebt mit einer Frau zusammen.
The Testaments
(Die Zeuginnen)
Drama
Staffel 1
ab 8.4.
Disney+
Jahre nach dem Ende von «The
Handmaid’s Tale» angesiedelt,
folgt das Spin-Off einer neuen
Gruppe von Frauen, die sich dem
misogynen, totalitären und homophoben
System entgegenstellt.
Malcolm in the
Middle: Life's
Still Unfair
Comedy
Staffel 1
ab 10.4.
Disney+
Fortsetzung der 2000er Kultcomedy
rund um eine dysfunktionale,
aber liebenswerte Familie. Neuzugang
und jüngstes Kind ist Kelly
(Vaughan Murrae) und definiert
sich als nicht-binär.
Stranger Things:
Tales from ‘85
Animationsserie
Staffel 1
ab 26.4.
Netflix
Nachschub für «Stranger Things»-
Fans! Die Animationsserie
schliesst die Lücke zwischen
Staffel 2 und 3 und will das Gefühlsleben
der Figuren näher
beleuchten.
Einen Tag nach der US-Premiere zeigen Sky/WOW
und HBO Max ab dem 13. April die ersehnte dritte Staffel
des Coming-of-Age-Dramas «Euphoria», auf die Fans
vier Jahre warten mussten. Gründe hierfür waren der
Streik der Writers Guild of America und die Popularität
der Darsteller*innen rund um Zendaya, Jacob Elordi,
Sydney Sweeney und trans Schauspielerin Hunter
Schafer, deren Drehpläne sich nur schwer vereinbaren
liessen. Konsequenterweise setzt die Handlung nach einem
Zeitsprung von fünf Jahren wieder ein, weshalb wir
die drogenabhängige Rue und ihre High School Clique in
anderen Lebensabschnitten wiedertreffen.
Die ersten Bilder der neuen Folgen zeigen, dass alle
zwar die Schulbank, nicht aber ihre Probleme hinter sich
gelassen haben. Cassie scheint nun mit Nate verlobt zu
sein, die Haushaltskasse aber mit heissen Social-Media-
Inhalten aufzubessern. Trans Frau Jules hat es nach London
verschlagen, wo sie ihre Vorliebe für ältere Männer
zu einem Geschäftsmodell gemacht hat. Und die hochverschuldete
Rue treibt sich unweit der mexikanischen
Grenze herum und gerät zwischen zwei verfeindete Drogenbanden.
Neues Staffel, alte Konflikte also.
Auch wenn der Hauptcast zurückkehrt, hat die HBO-
Produktion einige Verluste zu beklagen. Barbie Ferreira
war mit ihrer Rolle unzufrieden. Eric Dane konnte wegen
seiner ALS-Diagnose – einer fortschreitenden Nervenkrankheit,
die zu Muskelschwäche führt – nur noch
eingeschränkt vor der Kamera stehen und ist in der Zwischenzeit
verstorben.. Auch Schauspieler Angus Cloud
verstarb 2023 und Fans erster Stunde werden seine Figur
Fezco wohl vermissen. Doch die Vorfreude auf die neue
Staffel überwiegt und wer will, kann die Wartezeit mit
der deutschen Adaption «Euphorie» (RTL+) überbrücken.
Bild: Photograph by Partick Wymore/HBO
66 Frühling 2026
DIE
QUEERE
SEITE DES
LESENS
DER SCHWEIZER ONLINESHOP
FÜR QUEERE & FEMINISTISCHE MEDIEN
WWW.QUEERBOOKS.CH
HERRENGASSE 30, 3011 BERN
Story — 5
5
«Yes.
Mission
completed.
Fuck
Gender
Roles.»
68 Frühling 2026
Story — 5
Interview – Denise Liebchen
Wrestling ist bei der Brigade
Brut kein stumpfer Kampf. Das
queer-feministische Kollektiv
verhandelt im Ring Macht und
Ungleichheit: wenn etwa Chav
Pe$o$, eine Jeff-Bezos-Persiflage,
gegen eine Arbeiterin verliert.
Das Publikum buht und jubelt
– und manchmal weiss es nicht,
worauf es sich eingelassen hat.
Frühling 2026
69
Story — 5
Wie erklärt ihr Brigade Brut einer Person, die euch
nicht kennt?
Sandy: Wenn ich Menschen sage, ich wrestle, dann fragen sie:
«So wie im Fernsehen?» Und ich antworte: «Genauso, aber nicht
ganz.» Vieles bringen wir uns selbst bei. Wir laden Gastkämpfer*innen
ein, machen Workshops, schauen Videos, probieren aus.
Es ist Do-it-yourself, aber nicht irgendwie. Am Ende ist es eine
Mischung aus Show und echtem Kampf.
Ilayda: Ich beschreibe es meistens als Entertainment. Sehr theatralisch.
Es geht nicht nur darum, dass zwei Leute im Ring stehen,
sondern um Figuren, Storylines, Themen, die uns beschäftigen.
Und darum, dass das Publikum Teil davon wird.
Wie wird das Publikum Teil davon?
Ilayda: Das Publikum soll Stellung beziehen. In vielen Kämpfen
gibt es ein Face und ein Heel, also eine Figur, zu der man sich hingezogen
fühlt, und eine, die provoziert. Aber bei Brigade Brut ist
das nicht einfach der mit den grössten Muskeln gegen irgendwen.
Das kann Chav Pe$o$ sein gegen seine Arbeiterin. Oder eine Immobilienmaklerin
gegen eine Figur, die für bezahlbaren Wohnraum
steht. Dann ist klar, auf wessen Seite man steht.
Sandy: Manchmal ist es nicht so wichtig, ob jemand Face oder
Heel ist, sondern was diese Figur repräsentiert. Dann heisst es bei
einer Show in Zürich halt: Goldküste gegen die weniger wohlhabende
Pfnüselküste. Oder auf dem Land kämpft eine Kuh gegen
eine traditionelle Treichlerin mit schweren Kuhglocken behängt.
Plötzlich ist nicht mehr so klar, wer gut oder böse ist. Dann bist
du einfach für die Seite, der du dich am nächsten fühlst. Auch
wenn du andere Werte hast.
Ist eure Show von vorn bis hinten inszeniert oder
gibt es Raum für Spontanes?
Sandy: Freestyle wäre im Ring zu gefährlich. Deshalb planen wir
alles. Aber es ist nicht so, dass es dadurch tot oder starr wird. Im
Gegenteil. Wir brauchen das Publikum, wir wollen, dass sie jubeln,
buhen, reagieren. Und da entsteht etwas zwischen uns im
Ring und dem Publikum. Das gehört zur Show dazu.
Ilayda: Es ist inszeniert, aber nicht emotionslos. Was im Raum
passiert – die Stimmung, das Schreien, das Mitgehen – das ist jedes
Mal anders. Und darauf reagieren wir.
Wie reagiert das Publikum auf euch?
Ilayda: Ich stehe als DJ seitlich und habe Zeit, die Leute zu beobachten.
Sie halten sich die Hände vor die Augen oder verziehen
das Gesicht, als würde es ihnen selbst wehtun. Es ist so ein Secondhand-Pain-Gefühl.
Obwohl sie wissen, dass es inszeniert ist,
reicht das Geräusch, wenn jemand in den Ring klatscht, dass man
denkt: Das muss doch weh tun. Gleichzeitig wird viel geschrien.
Die Speaker-Person heizt das Publikum auf.
Sandy: Ohne Publikum funktioniert Wrestling nicht. Es ist Teil
der Show.
Wer sitzt bei euren Shows im Publikum?
Sandy: Ein Teil reist aus grösseren Städten an, das sind Leute,
die uns kennen, Fans. Ein grosser Teil ist aber lokales Publikum.
Wenn wir auf dem Land spielen, kommen viele von dort, wollen
schauen, was das ist. Ich habe oft das Gefühl, dass viele nicht wissen,
auf was sie sich einlassen.
Ilayda: Ja. Je nach Ort und Publikum ist es jedes Mal anders.
Sandy: Wir haben auch unterschiedliche Formate. Drag im Ring
zieht ein sehr queeres Publikum an, viele Allies. Dann gibt es
Shows, wo alles da ist: Kids, Jugendliche, Eltern, Grosseltern. Der
Papi einer Kampfperson ist 78 und kommt. Genauso das zehnjährige
Kind einer anderen Kämpferin.
Was erlebt ihr, wenn das Publikum nicht queer-only ist?
Sandy: Das kann kippen. Bei einer Show haben mich schon cis
Männer aus dem Publikum ausgebuht, weil ich als «Striking
Dyke» in Drag mit Silikonoberkörper kämpfe. Es kamen Kommentare
wie: Deine Bewegungen sind mega weiblich, aber dein
Oberkörper sieht so echt aus. Das irritiert sie. Und ich glaube, es
bedroht sie ein bisschen. Ehrlich gesagt denke ich dann: Yes. Mission
completed. Fuck Gender Roles.
Ilayda: Wenn Leute nicht wissen, wohin mit dem, was sie sehen,
merke ich das von der Seite. Gleichzeitig sehe ich Gesichter von
queeren Personen, von Freund*innen, von Menschen, wo du
weisst: Die checken das. Die sind da.
Was braucht es, um bei euch mitzukämpfen?
Sandy: Commitment. Teil der Gruppe sein heisst: viel Zeit investieren,
regelmässig trainieren, Sitzungen haben, Proben, Shows
vorbereiten. Das ist kein einmaliges Erlebnis, das ist ein Prozess.
Ilayda: Es geht nicht darum, wie stark oder akrobatisch du bist.
Die Leute müssen mental präsent sein. Auch wenn du ins Schwitzen
kommst, egal nach wie vielen Sprüngen oder Moves, du musst
trotzdem noch wissen, wo du bist, was gerade passiert ist und
was als Nächstes kommt. Und es braucht mentale Reife. Nicht im
Sinne von: perfekt sein. Sondern die Fähigkeit, Verantwortung zu
übernehmen – für sich selbst und für die andere Person im Ring.
Sandy: All das zusammen – Zeit, Kommunikation, mentale Präsenz,
gegenseitige Verantwortung – das ist es, was es braucht.
Nicht einen bestimmten Körper oder ein bestimmtes Alter.
Ihr investiert viel Zeit, Energie und auch Emotionen.
Warum tut ihr das?
Sandy: Als ich Brigade Brut zum ersten Mal gesehen habe, dachte
ich: Wow, wie geil ist das! Diese Kostüme, die Haltung, das Storytelling
– dieses Abliefern und Einfangen vom ganzen Raum, das
hat mich sofort gepackt. Für mich geht es auch um das Spiel mit
Schmerz. Viele von uns haben Sachen erlebt, die irgendwo raus
müssen. Durch das Schreien, Kämpfen, gemeinsame Jubeln kann
was raus. Und ich kann ausleben, was sonst keinen Platz hat. Drag
wollte ich schon lange machen, hatte aber Hemmungen. Ich habe
mich gefragt: Darf ich das überhaupt? Und dann hatte es bei Brigade
Brut einfach Platz. Es durfte roh sein. Unpolished. Es durfte
auch schiefgehen.
«Wrestling lebt
vom Jubel und
den Buhs»
70 Frühling 2026
Story — 5
Bild: Pawel Streit
Das Wrestling-Kollektiv Brigade Brut: Ilayda liegt im Vordergrund, Sandy steht
als Zweite von rechts mit blonden Strähnen vor der blauen Maske.
Ilayda: Genau. Dieses Unperfekte. Du darfst ausprobieren. Ich
komme vom Radiomachen und DJ-Sein. Immer mit dieser Idee,
Menschen zu unterhalten, einen Raum zu gestalten, eine Stimmung
zu erzeugen.
Sandy: In der Brigade kann ich alle Skills zusammenbringen.
Tanz, Unterhaltung, Dramaturgie, Storytelling, Kulturwissen.
Und ich werde nicht nur gebraucht für meine Technik, sondern
auch für mein Denken. Für meine Perspektive. Wir sind nicht einfach
Kämpfer*innen, die sich schlagen sollen. Wir sind teils Kulturschaffende
mit Wissen aus den darstellenden und bildenden
Künsten, und mit dem, was wir sonst machen.
Ilayda: Und es ist Gemeinschaft. Nicht Training, Bier, nach Hause.
Wir sehen uns, supporten uns auch ausserhalb des Rings, in anderen
Projekten, im Leben. Das trägt sehr fest.
Wohin soll das alles noch gehen? Wovon träumt
Brigade Brut?
Sandy: Von einer Europatour. Nicht im Sinne von grösser, schneller,
mehr. Sondern andere Orte, Kontexte, Publika. Und schauen,
was dort passiert.
Ilayda: Wir reden immer wieder über einen Brigade-Brut-Nightliner,
in dem wir schlafen und fünfzehn Shows hintereinander
spielen. Das wäre schon heftig.
Sandy: Das ist kein abstrakter Traum. Er kommt aus dem, was wir
jetzt schon machen, und aus dem Gefühl: Es trägt, funktioniert
und interessiert Menschen. Und wenn es nicht so kommt, ist es
auch okay. Aber dieser Wunsch, weiterzugehen, weiterzudenken,
der ist schon da.
Ilayda: Einfach schauen, wo das noch hinführen kann. Ohne es
zu müssen.
Brigade
Brut
ist ein queer-feministisches Wrestling-Kollektiv
aus der Deutschschweiz,
das sich 2018 inspiriert von der Serie
«Glow» gegründet hat. Verortet im
Raum Luzern treten sie regelmässig
in anderen Städten und Regionen der
Schweiz auf.
Das Kollektiv besteht aus rund 15 aktiven
Kampfpersonen und Mitgliedern
in Produktion, Sound, Moderation und
Stage-Hand. Brigade Brut produziert
ihre Shows vollständig selbst und
verfügt über einen eigenen Wrestling-Ring.
In den Ring steigen Figuren, die bewusst
mit Machtbildern, Geschlecht
und Popkultur arbeiten – etwa Striking
Dyke, eine Drag-Figur mit Männerbrust,
die legendäre Lady Roqueforce,
der wandelbare Der Didas oder satirische
Rollen wie Chav Pe$o$.
Inhaltlich greifen die Shows gesellschaftliche,
politische und kulturelle
Konflikte auf, oft orts- und kontextspezifisch.
– brigadebrut.ch
Frühling 2026
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Story — 5
Bild: Pawel Streit
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Story — 5
Bild: Pawel Streit
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Story — 5
Story — 5
Bild: Monja Staufenbiel
Frühling 2026
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Story — 5
Bild: Pawel Streit
Bild: Elio Herzog
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Story — 5
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Story — 5
Bild: Pawel Streit
Story — 5
Bild: Pawel Streit
Frühling 2026
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Story — 5
Bild: Pawel Streit
80 Frühling 2026
Story — 5
Bild: Love Liebmann
Frühling 2026
81
Frühling
ohne
Schnee
Jede Linie von deinem
Spass fördert Verbrechen.
KOLUMNE
Glitzer & Kampfstiefel
«Wo stehst du? Nicht direkt im
schwarzen Block, oder?» Sorgenvolle,
mahnende Worte meiner Frau an einem
kühlen Nachmittag vor Monaten in Berlin-Friedrichshain.
Der Anlass: ein Aufmarsch
von rechten Gruppen. Der ganze
Kiez: Gegendemo. Und ich? Ein bisschen
mittendrin.
Ich stand zwischen zwei schwarzen
Blöcken und das fühlte sich ehrlich
gesagt genau richtig an. Mittendrin statt
nur irgendwo dabei. Nicht allein, sondern
mit Freund*innen. Es ist unser Zuhause.
Unser Kiez. Hier ist kein Platz für Fremdenhass,
keine Bühne für Queerfeindlichkeit.
Wir leben hier. Also zeigen wir uns
auch. Regenbogenfahnen. Hoodies. Stiefel.
Und noch Glitzer im Gesicht von der
letzten Nacht. Dieser Widerspruch fühlte
sich perfekt an. Zart und entschlossen zugleich.
Verletzlich und kampfbereit. Genau
so sind wir doch.
Ein paar Monate später, CSD in
Magdeburg. Eigentlich ein Tag für Sichtbarkeit,
für Freund*innen, für diese ganz
besondere queere Leichtigkeit. Doch sie
standen wieder da. Rechte Gruppen.
Laut, einschüchternd, voller Hass. Die Polizei
trennt die Demonstrationen. Auf der
einen Seite Musik, Tanz, Drag, Kinder auf
den Schultern ihrer Eltern. Auf der anderen
Seite geballte Fäuste und Parolen.
Dieser Kontrast hat sich eingebrannt.
Da wird mir wieder klar: Pride ist
nicht nur eine Parade. Pride ist politisch.
Immer noch. Vielleicht mehr denn je. Unsere
Existenz ist für manche schon Provokation
genug.
Genau deshalb dürfen wir nicht
leiser werden. Nicht «unauffälliger». Wer
sich zurückzieht, überlässt den Raum denen,
die ihn mit Hass füllen. Haltung zeigen
heisst nicht, keine Angst zu haben,
sondern trotzdem hinzugehen.
Und für mich bekommt das noch
eine zweite Ebene. Ich bin Soldat*in. Offizier*in.
Ich habe gelernt, was «Haltung»
bedeutet. Für die Freiheit und Würde von
Menschen einzustehen. Für unser Grundgesetz.
Für genau das Recht, verschieden
sein zu dürfen. Dienst bedeutet für mich
auch: im Alltag nicht wegzuschauen,
wenn Menschen bedroht werden. Auf der
Strasse. Wenn Demokratie und Menschenwürde
angegriffen werden. Was
wäre das für eine Uniform, wenn ich sie
nur tragen würde, solange es bequem
ist? Ich verteidige dieses Land nicht abstrakt.
Ich stehe ein für meine Freund*innen,
meinen Kiez, unsere Community.
Das Recht, Hand in Hand zu gehen. Zu
feiern. Sichtbar zu sein. Denn Vielfalt verteidigt
sich nicht von allein. Demokratie
auch nicht. Und unsere Freiheit ganz sicher
nicht.
Zeig dich. Steh da. Bleib nicht am
Rand. Manchmal beginnt Widerstand mit
einem Lächeln, einer Fahne – und ein
bisschen Glitzer auf den Wangen. Aber er
endet immer mit Haltung. Glitzer und
Kampfstiefel gehören zusammen. Gerade
in unsicheren Zeiten brauchen wir beides
– Herz und Rückgrat. Glitzer erinnert uns
daran, wofür wir kämpfen. Kampfstiefel
erinnern uns daran, dass wir es können.
DIE TRANS PERSPEKTIVE
Anastasia war die erste
trans Kommandeurin der
deutschen Bundeswehr und
Protagonistin des Films
«Ich bin Anastasia». Sie
wohnt in Berlin.
anastasia@mannschaft.com
Illustration: Sascha Düvel
Frühling 2026
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Story — 6
6
Die
Freundschaft
daten
84 Frühling 2026
Story — 6
Text und Bilder – Cesare Macri
Was bedeutet Freundschaft,
wenn die Welt wackelt und besonders
queere Menschen den
Backlash direkt spüren? Formate
wie Speedfriending wollen
genau da ansetzen: neue
freundschaftliche Verbindungen
zwischen Queers zu bilden
und zu stärken. Ein Besuch an
einem dieser Abende.
Frühling 2026
85
Story — 6
ie Freundschaft in Zeiten des Backlashes» könnte dieser
Text auch heissen, angelehnt an den berühmten
Roman «Die Liebe in den Zeiten der Cholera». Denn:
Wenn Regierungen europa- oder gar weltweit nach
rechts bis rechtsextrem wandern, steigt üblicherweise
der Druck auf Minderheiten. Konservative Kreise
sehen sie als Störfaktor einer Gesellschaftsordnung,
die Rechte und Ausdrucksformen einschränken will.
Das betrifft auch uns queere Menschen. Wir sollten
uns also möglichst verbünden und zusammenhalten,
um uns zu behaupten und Widerstand zu leisten. Das
ist nicht einfach in einer Zeit, in der Individualismus
und Unabhängigkeit viel gelten. Doppelt schwierig
wird es in einem Land wie der Schweiz, in dem auf
Fremde zuzugehen als unangebracht oder gar verzweifelt
gilt. Doch es gibt Hoffnung.
Für einmal kein Dating
Es ist ein kalter Winterabend in Zürich, an dem das
Speedfriending von Pink Cross, dem Schweizer Verband
für schwule und bisexuelle Männer, stattfindet.
Ich treffe Simon Leutenegger auf dem Weg zur Kweer
Bar, die den Event beherbergt. Er rechnet nicht mit
vielen Leuten: «Teilweise kommen bis zu 50 Personen,
aber das ist eher im Sommerhalbjahr so.» Zum
Zeitpunkt dieser Recherche ist Simon noch Community
Manager bei Pink Cross. Danach wird er sein
Engagement beenden, um sich ganz seiner selbständigen
Tätigkeit als Social Media Manager zu widmen.
Dieser Abend ist also der letzte, den er leiten wird. Er
finde das einerseits schade, denn er habe die Reihe
gern geleitet; andererseits sei er sich sicher, dass eine
neue Person das genauso gut machen werde. Jedenfalls
würde er es begrüssen, wenn es weitere Ausgaben
geben würde, denn: «Mir war es immer ein Anliegen,
queere Menschen zusammenzubringen. Mein
eigener Freund*innenkreis besteht zu einem grossen
Teil aus Queers», meint er und grinst.
In der Kampagne «Reden wir. Über uns.» der Aids-
Hilfe Schweiz und ihrem Beratungsangebot Dr. Gay
aus dem Jahr 2023 ging es um Beziehungen und Zugehörigkeit.
Damals kam die Idee auf, während der
Zurich Pride ein Speedfriending zu testen. Als das
auf grosse Resonanz stiess, wurde aus dem einmaligen
Treffen eine kleine Tradition. Seither findet es regelmässig
in Zürich, Basel, Bern und St. Gallen statt.
«Anfangs gaben wir den Leuten noch Kärtchen mit
Gesprächsthemen», lacht Simon, «aber mittlerweile
haben wir gemerkt, dass das nicht nötig ist.»
Die Idee hinter dem Speedfriending war, Leute zu
verbinden, die nicht auf der Suche nach romantischen
Partner*innen sind, sondern nach neuen Freund*innen.
In einer Szene, in der (v. a. unter schwulen Männern)
oft objektifiziert wird und Begegnungen deshalb
häufig eine oberflächliche, sexuelle Motivation haben,
wollte man den Leuten etwas bieten, das Zwischenmenschliches
betont. Und auch jene anspricht, die
nicht (oder nicht mehr) auf der Suche nach der grossen
Liebe sind.
Erwartungsvolle Stimmung
Wir treffen in der Bar ein: Der hintere Teil ist bereits
durch eine Trennwand für den besonderen Abend reserviert.
Simon begrüsst den Barkeeper, der ihn auf
Anhieb erkennt und genau zu wissen scheint, was
zu tun ist. Ein eingespieltes Team. Eine schmale Tür
führt zum hinteren Raum, der mit Sofas, Sesseln,
Tischchen und Zimmerpflanzen eingerichtet ist. Der
Barkeeper dimmt das Licht, bevor er Simon das Zepter
für die nächsten Stunden übergibt. Dieser hat sich
glücklicherweise getäuscht, denn es trudeln über 40
Personen ein – divers in Alter, Geschlecht und kulturellem
Hintergrund.
Das Bedürfnis nach echtem zwischenmenschlichem
Kontakt – oder, wie es der Psychologe Thomas
Fuchs formulieren würde, zwischenleiblichem Kontakt
– scheint gross zu sein. Ob es mit der fortschreitenden
Dominanz von Social Media in unserem Leben
zu tun hat? Mit der Tatsache, dass wir mehr und mehr
Blickkontakt mit einem «Black Mirror» haben, wie die
populäre Netflix-Serie und der wehmütige Song von
Arcade Fire suggerieren? Jedenfalls ist es wohltuend
86 Frühling 2026
Story — 6
Simon Leutenegger
(links) leitet das Speedfriending
für Queers.
Frühling 2026
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Story — 6
88 Frühling 2026
Story — 6
Max (l.) und Janet finden
über Aktmodell-Posen und
KI schnell zueinander.
gemodelt hat. Er zeigt Nelson die entstandenen Fotos,
auf denen er mit einem anderen jungen Mann ein Pärchen
spielt. Nelson kichert, weil die romantisch wirkenden
Hochglanzbilder offensichtlich gestellt sind,
da Marco in Wahrheit Single ist. So kommen die beiden
ins Gespräch über Liebe und (offene vs. exklusive)
Beziehungen.
zu sehen, wie viele Menschen sich vom Event angesprochen
fühlen, der während ein paar Wochen über
die ganze Community hinweg beworben wurde.
Noch bevor der Event offiziell startet, komme
ich mit Nico ins Gespräch, der in Buenos Aires aufgewachsen
und vor Jahren nach Zürich gezogen ist.
Er erklärt mir, was ihn motiviert, heute Abend hier
zu sein: «Jedes Mal, wenn sich Menschen kennenlernen,
ist es für mich, als würden wirklich zwei Welten
aufeinandertreffen. Es eröffnet mir neue Perspektiven.»
Er sei im Moment noch etwas skeptisch, da er
sich frage, ob hier wirklich alle auf der Suche nach
Freund*innen seien, oder sich nicht doch etwas Romantisches
erhofften . . . Denn er selber sei verheiratet
und in Sachen Romantik somit zufrieden. Grundsätzlich
würde er sich darüber freuen, als Einwanderer
seinen Freundeskreis auszuweiten.
Man bewegt sich im Kreis
Dann ist es so weit: Der offizielle Teil des Abends beginnt,
Simon erklärt die Spielregeln. Die Besucher*innen
sollen sich zu zweit an einen Tisch setzen und
während fünf Minuten ins Gespräch kommen. Wenn
die Zeit rum sei, sollen diejenigen, die an der Wand
sitzen, sitzenbleiben und ihr Gegenüber einen Tisch
weiterrutschen. Auf die Gesprächspartner*innen, mit
denen man sich besonders gut verstanden habe, könne
man nach dem offiziellen Teil nochmals zugehen.
Dann gibt er das Startzeichen und stoppt die Zeit.
Wenn mehr als 40 Personen – oder zumindest die
Hälfte davon – in einem überschaubaren Raum gleichzeitig
zu sprechen und lachen beginnen und sich Hintergrundmusik
dazugesellt, entsteht ein schon fast
ohrenbetäubender Lärm. Nichtsdestotrotz versuche
ich, mich an die Tische zu setzen und den Gesprächen
zu lauschen.
Da sind zum Beispiel Mia, Buchhalterin aus Zürich,
und Florencia, argentinische Grafikdesignerin und
ganz frisch in der Schweiz. Sie sind ein guter Match,
denn Mia spricht ziemlich gut Spanisch; so unterhalten
sie sich angeregt übers Reisen und ihre Berufe.
Florencia ist gerade auf Jobsuche, und Mia gibt ihr einige
Tipps dazu, vor allem zur Schweizer Berufswelt.
Und schon sind die fünf Minuten vorbei.
Bei der nächsten Runde geselle ich mich zu Nelson
und Marco. Ersterer hatte keine Ahnung, was heute
Abend in der Kweer Bar auf dem Programm steht,
und merkte es erst, als es losging. Er entschied spontan,
sich darauf einzulassen. Als Brasilianer, der in
der Hotellerie tätig sei, falle es ihm leicht, mit Unbekannten
ins Gespräch zu kommen. Marco hingegen
kennt den Event durch Pink Cross, für die er kürzlich
Wild zusammengewürfelt
Witzig geht es auch am Tisch von Max und Janet zu
und her: Max erzählt vom Aktmodell-Stehen und
zeigt dabei eine ganze Serie von Posen, die sich bewährt
haben gegen Krämpfe und Verspannungen.
Ausserdem hat Max ein KI-Studium hinter sich, was
bei Janet Interesse und Nachfragen generiert. Diese
hingegen sagt, sie profitiere in diesem Moment gerade
von ihrer Erfahrung bei Toast Master, einem Verein,
in dem sich Mitglieder regelmässig treffen würden,
um in kleiner Runde öffentliches Sprechen und Präsentieren
zu üben.
«Freundschaften
können
erfüllend
sein wie eine
romantische
Beziehung.»
Andrea
Frühling 2026
89
Story — 6
Eine interessante Kombination bilden die beiden
Gays Sebastian und Enrico: Der eine Büroangestellter
in der Fussballbranche, der andere Geschichts- und
Philosophiestudent. Enrico ist ganz erstaunt über die
Kombination schwul und Fussball, und hat einige
Fragen über die traditionelle Männerdomäne. Sebastian
hingegen kann sich nicht so recht vorstellen, so
viele Jahre seines Lebens einem Unistudium zu widmen.
Wie denn die Berufschancen denn so aussehen
würden mit einem geisteswissenschaftlichen Studium?
Enrico scheint nicht zum ersten Mal mit solchen
Fragen konfrontiert zu sein und gibt kompetent
Auskunft.
Weil sich die Zahl der Teilnehmenden über den
Abend verändert – einige kommen später hinzu,
andere gehen früher – bilden sich ab und zu Dreiergrüppchen,
oder einzelne überspringen eine Runde.
So auch Sebastian, der den Moment nutzt, um sich mit
mir unter vier Augen zu unterhalten. Er erwähnt, dass
er schon mehrmals an einem Speed Friending teilgenommen
habe, und ich frage ihn, was er daran schätze.
«Man braucht weniger Überwindung als bei einem
Speed Dating, es ist ungezwungener. Ausserdem ist
es die einzige Art von Event, bei der ich auch allein
hingehen kann und weiss, dass ich mit jemandem ins
Gespräch kommen werde – im Gegensatz zu Partys»,
meint er und verdreht dabei etwas die Augen.
Freundschaft versus Romantik
Da der offizielle Teil des Friendings schon bald vorbei
ist, entscheide ich mich dafür, etwas schneller durch
den Raum zu gehen und kürzere Gesprächsfetzen
aufzuschnappen. Aurilia, Jeanine und Micha sitzen
in der lautesten Ecke des Raumes, und ich schneide
nur mit, dass sie sich gerade über ihre Vornamen
unterhalten, über deren Schreibweise und kulturellen
Hintergrund. Tim erzählt gerade Pascale, dass er aus
Malaysia nach Deutschland zog, wo er Deutsch lernte.
Und dass er, obwohl schon seit sieben Jahren in der
Schweiz, immer noch mit dem Schweizerdeutsch zu
kämpfen habe. Dann erblicke ich nochmals Nico, der
sich mittlerweile mit Dante unterhält. Sie sprechen
über ihre Heimatländer Argentinien und Italien, und
über die Tatsache, dass es schwierig sei, in der Schweiz
neue Kontakte zu knüpfen, geschweige denn Freundschaften
aufzubauen.
Moderator Simon beobachtet interessiert das Geschehen
aus einer Ecke der Bar, und geht ab und zu
durch den Raum, um den Gruppenpuls zu fühlen. Er
hat sich vorgenommen, den Event zu beenden, sobald
sich dieser gesättigt anfühlt, beispielsweise weil gefühlt
jede*r schon mal mit jede*m gesprochen hat. Das
scheint nun langsam der Fall zu sein, denn Simon verkündet:
«Ab jetzt seid ihr wieder frei – vielen Dank
fürs fleissige Mitmachen!»
Ich nutze die Gelegenheit, um nochmals mit einzelnen
Personen ins Gespräch zu kommen. Da ist
etwa Andrea, eine trans Frau, die zufällig über Social
Media von der Veranstaltung erfahren hat. Für
Geschichts- und Philosophiestudent Enrico (r.) ist erstaunt, dass
Sebastian in der Fussballbranche arbeitet.
Andrea sind Freundschaften fundamental im Leben:
«Ich finde, Freundschaften können genauso erfüllend
sein wie eine romantische Beziehung – je nachdem,
wie sie gelebt werden. Man kann mit einer befreundeten
Person in die Ferien fahren, Zukunftspläne
schmieden, körperliche Nähe teilen. Wieso sollten wir
das nur mit Partner*innen ausleben dürfen?» Die Gesellschaft
habe zu starre Vorstellungen davon, was in
eine Freundschaft gehöre und was nicht. Wir würden
zu viele Bedürfnisse auf eine Person projizieren, die
diese unmöglich alle erfüllen könne. Andrea ist überzeugt,
dass viele Paare daran scheitern würden. «Ausserdem
ziehen wir uns, sobald wir ein*e Partner*in
finden, in dieses kleine Konstrukt zurück und beginnen,
Freundschaften zu vernachlässigen. Ferien und
Familienfeiern sind nur noch mit dieser einen Person
möglich. Und die Singles bleiben zurück», meint Andrea
etwas genervt. Andrea sei selbst lange Single gewesen
und spreche deshalb aus Erfahrung.
Verbindendes Erlebnis
Andreas Gedanken hallen bei mir lange nach; einerseits
stimmen sie mich melancholisch, andererseits
hoffnungsvoll. Die Tatsache, dass Singles in unserer
90 Frühling 2026
Story — 6
«Es braucht
weniger
Überwindung
als ein Speeddating.»
Sebastian
Gesellschaft tendenziell abgehängt werden, hat einen
wahren Kern und ist sicherlich ein Armutszeugnis.
Aber die Tatsache, dass gewisse Menschen gewillt
sind, sich zu hinterfragen, Romantik und Freundschaft
neu zu definieren, könnte einiges in Bewegung
bringen. Gerade Mitglieder der LGBTIQ-Community
könnten dabei eine zentrale Rolle spielen, da sie historisch
gesehen oft diejenigen waren, die gesellschaftliche
Normen auf den Kopf gestellt oder zumindest
ausgeweitet haben . . .
Kurz bevor ich den Raum durch die schmale Tür
verlasse, begegne ich nochmals Nico, und ich will von
ihm wissen, wie es für ihn gelaufen sei. Er scheint von
der Erfahrung ganz beflügelt zu sein und sagt, er sei
sich wieder einmal bewusst geworden, wie verbindend
es sei, eine queere Identität zu haben: «Ich bin
heute Personen begegnet, die wissen, was es bedeutet,
Teil einer Minderheit zu sein und für Rechte und
Sichtbarkeit zu kämpfen. Das schafft Empathie füreinander.
Wir verstehen uns, ohne zu viel sagen zu
müssen.» Na wenn das nicht schon Grund genug ist,
an einem Speedfriending teilzunehmen.
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Musik
Neue
Musik
Arlo Parks
Ambiguous Desire
Berauscht von der queeren Szene
New York Citys gelang es Arlo
Parks, zu sich selbst zu finden und
loszulassen. Sie warf die letzten
Gewichte ab, die sie in ihrer Identitätsentwicklung
noch behindert
hatten. Diese neu gewonnene
Freiheit und Leichtigkeit sind auf
«Ambiguous Desire» in jedem
Track zu hören. Euphorisch tänzelt
Parks durch das Neonlicht lauwarmer
Nächte und badet in (Selbst-)
Liebe und Zufriedenheit – begleitet
von Indiepop, Electronica
und Neosoul sowie intelligenten
Texten.
Erscheint am 3.4.2026
(Transgressive Records)
Robyn
Sexistential
Sexualität ist mehr als reiner Geschlechtsverkehr.
Sie basiert auf
den Dimensionen Lust, Fortpflanzung
und Beziehung und ist
eine der wichtigsten Grundlagen,
damit wir ganzheitlich funktionieren
können. Auch Schwedens
Popsuperstar Robyn
widmet sich auf «Sexistential»
dieser Thematik. Neben dem Aspekt
der Ekstase beleuchtet sie
zudem die Rolle zwischenmenschlicher
Beziehungen als
Ressource und die Herausforderungen,
denen sie als alleinerziehende
Mutter gegenübersteht.
Ihren Sohn empfing sie mittels
In-vitro-Befruchtung. Zusammen
mit Klas Åhlund, der sie bei
ihrem Durchbruchserfolg «Robyn»
(2005) unterstützte, Max Martin, mit
dem sie die «Body Talk»-Reihe realisierte,
und Metronomys Joseph
Mount ist eine Platte entstanden,
die den Clubsound des Vorgängers
«Honey» (2018) hinter sich
lässt und wieder mainstreamtauglicher
daherkommt. Feiern wir also
zu Robyns unvergleichlichen
Beats, Melodien und Gesang wieder
vermehrt unsere Unterschiede!
Erscheint am 27.3.2026
(Young/Beggars Group/Indigo)
Redaktion
Martin Busse
Can’t Get
it out of
my Head
Playlist
Eine exquisite Auslese
von aktuellen
Ohrwürmern findest
du in unserer
MANNSCHAFT-
Playlist:
94 Frühjahr 2026
ˇ
Musik
Courtney Barnett
Creature of Habits
Wir alle kennen das Phänomen, dass
wir nicht nur selbst unsere eigenen
grössten Kritiker*innen sind, sondern
uns auch regelmässig Hindernisse in
den Weg stellen, die es dann mit viel
Kraft zu überspringen gilt. «Creature
of Habit» ist der Versuch der Australierin
Courtney Barnett, genau das
zu tun: Mit Elan ungesunde Gewohnheiten
zu durchbrechen. Das
gelingt ihr sowohl textlich als auch
musikalisch. Die LP strotzt nur so vor
Mut, Tatendrang und energetischem
Indierock!
Erscheint am 27.3.2026
(Virgin Music/Fiction Records)
Anjimile
You’re Free To Go
Als schwarzer trans Mann muss sich
Anjimile von niemandem erklären
lassen, was es bedeutet, sich mit den
Schwierigkeiten eines inneren und
äusseren Coming-outs auseinanderzusetzen.
Auf «You’re Free To Go» macht
Anjimile sich dafür stark, dass wir aufhören,
Partnerschaften in feste Formen
pressen zu wollen, und uns stattdessen
darauf einigen, dass Zuneigung
egal in welcher Form glücklich macht.
Vor allem, wenn im Hintergrund dabei
noch derart feinfühlige Songs wie auf
diesem Album laufen.
Erschienen am 13.3.2026
(4AD/Beggars Group)
Melanie Baker
Somebody Help Me, I’m
Being Spontaneous!
Neunzigerjahre-Rock mit seinen Alternative-,
Grunge- und Punk-Einflüssen wurde zumeist
aus einer cis- und heterosexuellen männlichen
Perspektive heraus präsentiert. Drei
Jahrzehnte später schickt sich mit Melanie
Baker hingegen eine Frau an, jenes Genre
zu nutzen, um queere Geschichten über die
Irrungen und Wirrungen des Lebens zu erzählen
und vor allem zu vertonen. «Somebody
Help Me, I’m Being Spontaneous!» reisst
mit und animiert schnell zum ausschweifenden
Tanzen oder Headbangen.
Erscheint am 10.4.2026
(Tambourhinoceros)
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180°
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TONHALLE ZÜRICH
SA, 25*10*2025
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VON ANTONÍN DVORÁK BIS HANS ZIMMER —
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Die Migros-Kulturprozent-Classics sind Teil des gesellschaftlichen
Engagements der Migros-Gruppe: engagement.migros.ch
Literatur
Die guten Seiten
Marek Torčík
Was die Zeit nicht
nimmt
Der erste Satz
Um 3:37 weckt dich das Telefon.
Das Genre
Eine kleine tschechische Industriestadt in den
Nullerjahren. Plattenbau. Mutter schuftet, Vater
weg. Innige Liebe zwischen Mutter und Sohn.
Grosse Scham bei dem «Du»–Erzähler, als ihm
seine Homosexualität bewusst wird, die seine
Familie abnorm findet.
Roland Müller-Flashar vom Buchladen
Prinz Eisenherz hat «Was die Zeit nicht
nimmt» für dich gelesen.
Die Handlung
In seinem Debütroman verarbeitet Dichter und
Schriftsteller Marek Torčík schmerzhafte Kindheitserinnerungen.
Als schmächtiger schwuler Junge
wird der Protagonist in der kleinen Industriestadt
gemobbt. Seine Mutter, eine schlecht bezahlte
Fabrikarbeiterin, die ihren Vater, einen alkoholkranken
Mann im Sterben, pflegt, versteht die sexuelle
Orientierung ihres Sohnes wenig. Ein Lichtblick
inmitten der Tristesse des Kleinstadtlebens ist die
Freundschaft mit seinem neuen Klassenkamerad
Marian, aus der später eine Liebesbeziehung entsteht.
Marek schafft den sozialen Aufstieg, Abitur, Studium
in Prag, und ihm wird früh klar, dass seine
Mutter und er bald unterschiedliche Sprachen
sprechen werden, wenn er das heimische Milieu
verlässt. Das erinnert stark an Didier Eribons und
Edouard Louis‘ Romane, die ja auch sowohl über
Herkunft als auch über ihre Liebe zur Mutter schreiben.
Das Urteil
In «Was die Zeit nicht nimmt» beschreibt Marek
Torčík Menschen am Rande der Gesellschaft auf
überzeugende, differenzierte und präzise Weise,
und deutet auch an, dass ein Neuanfang manchmal
besser ist. Ein liebevolles Portrait vom Leben
und den Menschen in der tschechischen Provinz,
ein grossartiger Coming-of-Age-Roman aus einer
Gegend Europas, von der wir nicht viel kennen.
Das Buch wurde bisher in 27 Sprachen übersetzt
und ist der international erfolgreichste tschechische
Roman seit Jahrzehnten.
96 Frühling 2026
Roman, Anthea, 320 Seiten
Literatur
Kauf deine Bücher im
queeren Buchladen:
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queerbooks.ch
prinz-eisenherz.com
Bist du ein Bücherwurm?
Wühle dich hier
weiter durch:
Julia Armfield
Gestalten der Tiefe
Eine schräge und berührende Liebesgeschichte.
Die Meeresbiologin Leah war zu
einer mehrwöchigen Forschungsexpedition
aufgebrochen, doch das U-Boot sank
auf den Grund der Tiefsee. Als sie nach
sechs Monaten zurückkehrt, ist Leahs Frau
Miri, die sie schon tot glaubte, überglücklich.
Doch Leah spricht kaum noch, lauscht
ihrer Klangmaschine mit Ozeangeräuschen,
verbringt Stunden in der Badewanne. Kann
Miri die Beziehung retten? Und was ist auf
Leahs Expedition geschehen, das sie so
verändert hat?
Wir finden: Müssten wir den Roman mit drei
Worten beschreiben, wären dies: geheimnisvoll,
tief(see)gründig und figurenfühlend.
Die Cliffhanger am Ende jedes Kapitels
haben uns an die Story gefesselt und trotzdem
hat sich die Lektüre leicht gestaltet.
Wir überlegen uns ernsthaft in den Club von
Sängerin Florence Welsh einzusteigen, die
Julia Armfield als eine ihrer Lieblingsautorinnen
betitelt hat.
Roman, btb, 320 Seiten
Hitzetage
Oisín McKenna
London, Sommer 2019: Ein Wal steckt in
der Themse fest und wird zur medialen
Sensation. Während im Netz Memes und
Moraldebatten kursieren, bewegen sich Ed,
Maggie, Phil und ihre Familien durch ein
überhitztes Wochenende voller Entscheidungen.
Eine ungeplante Schwangerschaft,
eine heimliche Begegnung in einer Bahnhofstoilette,
eine Krebsdiagnose: Zwischen
Hitze, Geldsorgen und Zukunftsängsten
geraten langjährige Freundschaften und
Beziehungen ins Wanken.
Wir finden: Hitzetage ist ein temporeicher
Roman über queere Begehren, prekäre
Arbeitsverhältnisse und die leise Panik vor
dem Erwachsenwerden. Oisín McKenna
verbindet intime Szenen mit gesellschaftlichem
Hintergrundrauschen – Klimakrise,
Social-Media-Hysterie, steigende Mieten.
Die zahlreichen Perspektivwechsel
erzeugen Dynamik, verlangen aber auch
Aufmerksamkeit. Besonders stark sind
die Dialoge und die präzise Beobachtung
urbaner Lebensrealitäten. McKenna verdichtet
wenige Tage unterhaltsam zu einem
vielstimmigen Panorama einer Generation
am Kipppunkt.
Neuerscheinungen
Roman, Residenz Verlag, 360 Seiten
TITEL GATTUNG VERLAG SEITEN IN EINEM SATZ
Die Bastion der Tränen
Abdellah Taïa
Bad Times Poetry
Alina Plohmann & Tamer
Düzyol (Hg.)
Eisen
Gusel Jachina
Freiheit
Maggie Nelson
Roman Orlanda 170 Vielfach ausgezeichneter Roman: melancholisch und vielschichtig
über eine verlorene Kindheit in Marokko.
Lyrik w_orten & meer 150 Ein Schwarm von Gedichten in schlechten Zeiten für
schlechte Zeiten und schlechten Zeiten zum Trotz.
Biografie Kanon 416 Gründlich recherchiertes Panorama über Sergej Eisenstein,
den wohl grössten Regisseur des russischen Kinos
zwischen der Tyrannei Stalins und der Freiheit der Kunst.
Sachbuch Hanser Berlin 400 Kontroverse Debatten über die Kunstwelt, die sexuelle
Befreiung, die Paradoxien der Sucht oder die Unabwendbarkeit
der Klimakrise.
Frühling 2026
97
Story — 7
7
Frauen
lieben
«Boys’
Love»
98 Frühling 2026
Story — 7
Text - Anna-Lena Malter
Boys’ Love (BL) klingt harmlos, spaltet
aber: Liebesgeschichten zwischen
Männern, einst in Japans Manga-Szene
entstanden, heute ein globales Genre,
meist von Frauen geschrieben und gelesen.
Es boomt und steht in der Kritik:
Vereinfacht es schwule Liebe zur Fantasie,
zur Ware, zum Klischee? Und warum
fasziniert es Frauen so stark?
Frühling 2026
99
Story — 7
ass Liebesgeschichten zwischen Männern heute ein breites
Publikum erreichen, zeigt der Erfolg neuer Serienadaptionen wie
«Heated Rivalry». In sozialen Medien wird die Produktion häufig
als Boys-Love-Drama bezeichnet. Solche Zuschreibungen zeigen
aber auch: Boys’ Love (BL) ist kein klar abgegrenztes Genre, sondern
ein Sammelbegriff für unterschiedliche Erzähltraditionen –
von romantischen Alltagsgeschichten bis zu stark dramatisierten
Beziehungserzählungen.
Typisch sind idealisierte Hauptfiguren, ein starker Fokus auf
emotionale Bindung und häufig klar codierte Paardynamiken.
Gleichzeitig hat sich das Genre in den vergangenen Jahren sichtbar
ausdifferenziert: Körperbilder, Beziehungskonzepte und Erzählformen
werden vielfältiger.
Zugang über Fankultur
Ich bin schon seit der neunten Klasse ein Fan von Anime und Manga.
Eingestiegen bin ich mit Shōnen-Klassikern (s. Box rechts) wie
Naruto und Attack on Titan, also Geschichten, die sich hauptsächlich
an ein jugendliches männliches Publikum richten. Da es die
letzte Staffel von Naruto noch nicht in übersetzter Fassung gab,
habe ich sogar angefangen, Japanisch zu lernen. Später bin ich
für mein Masterstudium nach Japan gezogen. Hauptgrund war
aber nicht japanische Popkultur, sondern der Forschungsschwerpunkt
meiner Zieluniversität. Während meines Aufenthalts habe
ich mich intensiv mit Manga- und Animekunst beschäftigt, um
meine Japanischkenntnisse weiter zu vertiefen. Ich war in Motto-Cafés,
bei Anime-Ausstellungen und in vielen Museen, die
sich mit der Manga-Geschichte befassten. Ich habe auch den sogenannten
«Yaoi-Heaven» besucht, ein Manga-Geschäft voller
BL-Mangas, Figuren, Stickern. Eingestiegen bin ich bei BL über
Werke, die vor allem auf Charakterentwicklung setzen (wie Given
und The Summer Hikaru Died).
Im «Yaoi-Heaven» gibt es alles ausser Scham. Und auch hier befinden
sich fast nur Frauen. In langem Rock mit Brille steht eine
Kundin mit verschiedenen Acryl-Bildern an der Kasse. Darauf:
zwei Charaktere wie zwei griechische Statuen eng umeinandergeschlungen.
An den Wänden hängen Plakate und vor dem Eingang
stehen lebensgrosse Pappaufsteller.
100 Frühling 2026
Story — 7
BOYS’ LOVE (BL)
Sammelbegriff für japanische und international
geprägte Liebesgeschichten
zwischen männlichen Figuren, meist für
ein weibliches Publikum produziert. Der
Ausdruck entstand in den 1990er Jahren
als Verlagsbezeichnung und löste ältere
Genrebegriffe ab. Heute dient BL als Oberbegriff
für unterschiedliche Stilrichtungen
– von romantisch bis explizit erotisch.
SHŌNEN-AI ( 少 年 愛 )
Früher Begriff für romantische Geschichten
zwischen männlichen Figuren in
Manga für Mädchen (ab den 1970er
Jahren). Historisch bedeutete das Wort
auch «Knabenliebe», weshalb es heute in
Japan kaum noch als Genrelabel verwendet
wird. Im westlichen Sprachraum
wurde «Shōnen-ai» zeitweise für weniger
explizite, stärker romantisch geprägte Titel
benutzt.
TANBI ( 耽 美 , «ÄSTHETIZISMUS»)
Frühe ästhetische Strömung, die Schönheit,
Melancholie und idealisierte männliche
Figuren in den Mittelpunkt stellt. Oft
geprägt von literarischen, historischen
oder europäischen Settings. Tanbi beeinflusste
die visuelle und thematische Entwicklung
früher BL-Erzählungen stark.
JUNE (ジュネ)
Begriff nach einem einflussreichen Manga-
Magazin (ab 1978). Stand für kunstbetonte,
oft tragische Männerromanzen in Tanbi-
Tradition. Wurde in den 1990er Jahren als
Branchenbezeichnung weitgehend durch
«Boys’ Love» ersetzt.
YAOI (やおい)
Entstand in der Fan- und Dōjinshi-Szene
(Erklärung siehe Box). Das Wort ist ein
selbstironisches Akronym für «kein Höhepunkt,
keine Pointe, keine Bedeutung»,
gemeint waren stark sexualisierte Kurzgeschichten
mit wenig Handlung. Ausserhalb
Japans wird «Yaoi» oft für explizit erotische
M/M-Titel verwendet, teils auch als allgemeiner
Genrebegriff.
YURI ( 百 合 )
Yuri bezeichnet Manga, Anime oder
Literatur über romantische oder sexuelle
Beziehungen zwischen Frauen. Das
Wort bedeutet wörtlich «Lilie», die in der
japanischen Literaturtradition Weiblichkeit,
Schönheit und Reinheit symbolisiert
und zum Erkennungszeichen des Genres
geworden ist.
Das Anime «Tadaima, Okaeri» zeigt zwei Männer als junge Familie.
Warum Frauen Boys' Love lesen und schreiben
Lange war diese Szene kaum öffentlich sichtbar. Die Mangaka
Fumi Yoshinaga beschreibt in einem Interview von 2022, dass sie
ihre Begeisterung für BL und Dōjinshi als Jugendliche bewusst
verborgen habe. Erst später sei daraus eine offene kreative Praxis
geworden. Ein zentraler Kern des Genres liegt in der Perspektivverschiebung.
Viele Leser*innen beschreiben BL als Raum, in
dem sie romantische Dynamiken betrachten können, ohne selbst
in klassische weibliche Rollenbilder eingeschrieben zu sein. Viele
romantische Manga mit heterosexuellen Paaren arbeiten oft
mit asymmetrischen Schutz- und Machtmustern. Der männliche
Protagonist ist aggressiv, will Dominanz ausüben und ist derjenige,
der die Frau von sich und einer Beziehung überzeugen will.
Die weibliche Protagonistin ist entweder schüchtern, unterwürfig,
frigide und eine absolute Romantikerin – oder aggressiv, eine
Männerhasserin und überhaupt nicht an einer Beziehung interessiert.
Egal, in welches Schema sie fällt, es ist der männliche
Protagonist, der den dominanten Part der Beziehung übernimmt,
die weibliche Protagonistin wirkt oft nur passiv und wird mitgezogen.
BL scheint diese Rollenverteilung zunächst zu umgehen:
Zwei Männer, so die Erwartung, begegnen sich auf Augenhöhe.
Das erzeugt für manche ein Gefühl von Gleichheit und emotionaler
Gegenseitigkeit.
Bild: ?????????????????
Frühling 2026
101
Story — 7
Andere Bilder von Männlichkeit
Hinzu kommt die Darstellung von Männlichkeit. BL-
Figuren dürfen verletzlich sein, emotional sprechen,
scheitern, sich öffnen. Für ein Publikum, das männliche
Figuren sonst oft als emotional reduziert erlebt,
liegt darin ein starkes Identifikationspotenzial. Yoshinaga
formuliert dazu eine interessante Perspektive.
Sie sagt, sie könne klassische Mann-Frau-Romanzen
kaum schreiben, weil sie sich selbst wenig für romantische
Dramaturgien interessiere. Sie betont, dass
auch viele heterosexuelle Liebesgeschichten nicht realistisch
seien. Sie lese solche Stoffe eher als Wunschfantasien,
nicht als Lebensabbild. Was sie dagegen
erzählerisch sofort anspreche, seien Beziehungen, die
aus Kameradschaft, Meister-Schüler-Konstellationen
oder intensiver Freundschaft entstehen und sich erst
später romantisch aufladen würden. BL sei für sie nie
Identitätspolitik gewesen, sondern ein erzählerischer
Möglichkeitsraum für solche Dynamiken.
Auch die Community spielt eine Rolle. Viele Fans
berichten von einer offenen, kreativen Fankultur mit
starkem Austausch, Fanfiction, Doujinshi und Diskussionsräumen.
Für manche, darunter auch queere
Leser*innen, entsteht hier ein sozialer Resonanzraum,
der Zugehörigkeit ermöglicht. Gleichzeitig gilt: Diese
Erfahrung ist nicht universell. Fankulturen können
ebenso ausschliessend, konflikthaft oder normierend
wirken.
Autorin Anna-Lena im Naruto-Park: Das war eines ihrer ersten Mangas.
Bild: zvg
Wiederkehrende Kritikmuster
Die Kritik an Boys’ Love richtet sich aus queerer Perspektive
meist nicht gegen einzelne Titel, sondern
gegen typische Darstellungsmuster im Genre. Der
zentrale Vorwurf: Beziehungen zwischen Männern
werden oft als ästhetische Projektionsfläche für ein
überwiegend nicht-schwules Publikum erzählt. Soziale
Realität, Diskriminierungserfahrungen und Identitätsfragen
treten in den Hintergrund. Die Figuren
wirken dann weniger wie sozial verortete Menschen,
mehr wie Träger romantischer Fantasien.
Feste Rollen statt offener Dynamik
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die häufigen Rollencodierungen
innerhalb der Paare. Viele Geschichten
arbeiten mit klar verteilten Mustern: aktiv und passiv,
dominant und hingebungsvoll. Persönlichkeitszüge
102 Frühling 2026
werden dabei oft direkt mit sexueller Position verknüpft. Kritiker*innen
sehen darin eine Neuauflage klassischer heteronormativer
Beziehungsmodelle. Zwar lösen neuere Werke diese Zuordnungen
zunehmend auf – besonders erfolgreiche Titel benutzen
sie jedoch weiterhin häufig, weil sie sofort verständliche Dynamiken
liefern.
Wenn Grenzüberschreitung romantisiert wird
Besonders sensibel diskutiert wird der Umgang mit Zustimmung.
In manchen BL-Geschichten werden Überrumpelung, Druck
oder sexualisierte Gewalt als emotionalen Wendepunkt erzählt.
Übergriffe erscheinen dann nicht als Verbrechen, sondern als
Ausdruck «unaufhaltsamer Leidenschaft». Häufig führt der Erzählbogen
dazu, dass die betroffene Figur im Nachhinein Liebe
entwickelt. Andere Werke setzen bewusst den Gegenpunkt und
zeigen solche Erfahrungen als traumatisch und zerstörerisch.
Die Professorin Dr. Anna Madill von der Universität Leeds
kommt in einer Untersuchung englischsprachig verfügbarer BL-
Titel zu einem differenzierten Ergebnis: Vergewaltigungsdarstellungen
treten laut ihr nur in 13 Prozent aller im englischen
Handel verfügbaren BLs auf. Solche Themen finden sich meiner
Meinung mehr in heterosexuellen Liebesbüchern wieder,
ohne dass diese als «Dark Romance» oder ähnliches eingeordnet
Story — 7
DŌJINSHI ( 同 人 誌 )
Im Selbstverlag veröffentlichte Manga
oder Comics von nichtprofessionellen
oder semi-professionellen Zeichner*innen.
OMEGAVERSE
Subgenre aus Fanfiction und BL mit einer
fiktiven biologischen Hierarchie aus
Alphas, Betas und Omegas. Oft können
Omega-Figuren schwanger werden – unabhängig
vom Geschlecht. Das Setting
spielt mit Genderrollen, reproduziert aber
häufig neue Machtordnungen und ist daher
umstritten.
SLICE OF LIFE
Erzählform mit Fokus auf Alltagsmomente
statt grosse Dramaturgie. Beziehungen,
Gespräche und Routinen stehen im
Vordergrund. In BL häufig genutzt, um
Partnerschaft und Zusammenleben ruhig
und realitätsnah zu zeigen.
werden. Hier kommt es oft zu Szenen, die ich nicht
weiterlesen konnte, weil sie nach Definition einer Vergewaltigung
entsprechen. In solchen Momenten fühlte
ich mich überrumpelt. Schon so oft musste die Protagonistin
vom Hauptcharakter «überzeugt» werden,
so oft wurde ihr explizites «Nein» von ihm entgegnet
mit: «Du willst es doch.» Was mich am meisten stört, ist, dass
solche Momente in den Büchern nicht kontextual eingeordnet
werden. Mir wird also erzählt, dass dieses Verhalten romantisch
und erstrebenswert sei, da der männliche Protagonist «morally
grey» ist, weder gut noch schlecht. Wenn Leute über sexualisierte
Gewalt diskutieren wollen, sollten sie dies auch bei Mainstream-
Romance machen.
Wie Autorinnen selbst damit umgehen
Die Mangaka Fumi Yoshinaga sagt, sie gehe beim Zeichnen davon
aus, dass auch schwule Leser ihre Werke lesen. Entsprechend
versuche sie, Figuren nicht so darzustellen, dass sie sich abgewertet
fühlen müssten – auch wenn BL nicht zwingend realistisch
sein müsse. Rückblickend äussert sie dennoch Zweifel an einzelnen
früheren Figurenzeichnungen und entschuldigte sich dafür
bei einem befreundeten Leser. Dessen Reaktion sei pragmatisch
gewesen: Nicht jede ungenaue Darstellung müsse persönlich genommen
werden.
Wer erzählt – und wer profitiert?
Eine weitere Debatte betrifft die Produktionsbedingungen, besonders
bei Verfilmungen. Kritisiert wird, dass queere Rollen
häufig mit nicht-queeren Darstellern besetzt werden, während
offen queere Schauspieler beim Casting ignoriert würden. Kritiker*innen
sagen: Hier wird mit queeren Geschichten Geld
verdient, aber queere Menschen bleiben bei Casting, Regie und
Drehbuch oft aussen vor. Andere halten dagegen, Schauspiel sei
grundsätzlich Darstellung und nicht Identitätsnachweis. Die
Bilder: ?????????????????
Boys-Love-Beispiele (v.l. im Uhrzeigersinn): «No.6», «Banana Fish»
und «The Summer Hikari died».
Frühling 2026
103
Story — 7
Geht zurzeit viral: das queere Eishockey-Drama «Heated Rivalry».
Frage nach Sexualität kam auch bei den Hauptdarstellern von
Heated Rivalry auf. Ich stelle mich da klar auf die Seite von Regisseur
Jacob Tierney. Er hatte in einem Interview betont, dass
es illegal sei, Schauspieler nach ihrer Sexualität zu fragen. Viel
wichtiger sei es ihm, dass die beiden Schauspieler, Hudson Williams
und Connor Storrie, die nötige Begeisterung mitbrachten
und dass die Chemie zwischen ihnen passte. Niemand sollte zu
einem Outing gezwungen werden. Wer Repräsentation möchte,
sollte hinter der Kamera anfangen. Denn bei Regie, Casting und
Drehbuch fallen die Entscheidungen, die zählen.
Fantasie und Verantwortung
Im Kern dreht sich die BL-Debatte um eine grundlegende Frage:
Wo endet legitime Fiktion – und wo beginnt problematische Projektion?
Wann ist romantische Überzeichnung Teil des Genres,
wann wird sie zur Fetischisierung? Und wer setzt die Massstäbe:
Fans, Produktionsteams, Mangaka? Muss die Sexualität der Mangaka
mit derjenigen der Figuren übereinstimmen? Ich finde, bei
solchen Diskussionen bewegen wir uns schnell in die literarische
Debatte, die schon seit Jahren geführt wird: Wer darf über was
schreiben? Ich bin der Meinung, dass grundsätzlich erst einmal
alle Mangaka, alle Autor*innen über alle Themen schreiben dürfen.
Es kommt darauf an, ob die Figuren authentisch sind oder von
Stereotypen durchzogen werden. Haben sich die Verfasser*innen
Gedanken gemacht, recherchiert und mit Menschen aus den Lebensrealitäten
gesprochen, die sie darstellen? Es gibt dabei aber
nicht «die eine Person» aus einer Community, die einem ein Zertifikat
für Authentizität ausstellt. Genauso wie es nicht «die eine
Art» gibt, schwul zu sein. Gleichzeitig ist eine Geschichte nicht
automatisch frei von Vorurteilen, nur weil der*die Autor*in die
gleiche sexuelle Orientierung wie die Charaktere hat. Wir alle
tragen internalisierte Vorurteile mit uns rum, aber
diese sollten nicht zur Ausrede dienen.
Ein Genre im Wandel
Einigkeit besteht vor allem in einem Punkt: Das Genre
ist im Wandel. Entscheidend wird sein, wie offen
das Genre für Kritik bleibt – und wie konsequent es
seine Erzählmuster weiterentwickelt. Für viele ist BL
ein Safe Space. Es ist Fantasieraum jenseits eigener
Verletzbarkeit. Für andere ist es ein Ort, wo ihre Realität
verzerrt oder instrumentalisiert wird. Es kommt
also immer auf die Perspektive an.
Trotz allem sollte man den gesellschaftlichen Einfluss
von BL und die Grenzen nicht vergessen. Japan
verbietet als einziges G7-Land die Ehe für Alle. Dabei
sehe ich dort überall Werbung für BL: An einem
Hochhaus in Tokio hängt ein Plakat für Cherry Magic,
eine Geschichte wie ein Mann, der mit 30 Jahren noch
Jungfrau ist, plötzlich die Fähigkeit bekommt, Gedanken
lesen zu können. Lebensgrosse Figuren aus
Yuri on Ice, einem Anime über Eiskunstlauf, gibt es
in einem Buchladen. BL ist mittlerweile ein fester Teil
japanischer Manga-Kultur, das Gesetz hat sich trotzdem
noch nicht geändert. Das hat vor allem damit zu
tun, dass Homosexualität nicht wirklich öffentlich
gelebt wird, genauso wenig wie heterosexuelle Paare
ihre Liebe nicht offen zeigen. Hier halten sich die wenigsten
an den Händen oder küssen sich in der Bahn.
Beziehungen sind Privatsache.
Sichtbarkeit ersetzt keine Gleichstellung
Als grundsätzlich «revolutionär» lässt sich BL nicht
pauschal beschreiben. Ein Teil der Werke reproduziert
vertraute, teils stark heteronormative Beziehungsmodelle.
Das zeigt sich besonders in bestimmten
104 Frühling 2026
Story — 7
«Es gibt nicht
‹die eine Art›
schwul zu
sein.»
Subgenres wie dem Omegaverse. Dort können zwar Männer
schwanger werden, die sozialen Rollenbilder bleiben jedoch oft
klassisch verteilt. In dem Anime «Tadaima, Okaeri» etwa werden
zwei Männer als junge Familie gezeigt, zugleich ist die Aufgabenverteilung
klar codiert: Der Omega, also der gebärfähige
Part, übernimmt Care-Arbeit und Haushalt, während der Alpha
eine hochrangige Unternehmensposition innehat. Das Setting
verschiebt biologische Voraussetzungen, aber nicht unbedingt
soziale Hierarchien. Sichtbarkeit allein erzeugt noch
keine Akzeptanz. Doch die wiederholte Präsenz
gleichgeschlechtlicher Liebesgeschichten im Mainstream
kann Wahrnehmungen verändern und stereotype
Bilder verschieben.
BL kann kreative und emanzipatorische Perspektiven
eröffnen – und zugleich problematische Muster
fortschreiben. Entscheidend ist eine bewusste, kontextualisierte
Rezeption. In diesem Zusammenhang
lohnt sich auch ein Blick auf Yuri (Girls’ Love), also
Erzählungen über Beziehungen zwischen Frauen.
Das Genre gewinnt derzeit deutlich an Aufmerksamkeit.
Anders als oft vermutet, werden viele dieser
Werke ebenfalls von Frauen geschrieben. Lange war
männliche Homosexualität in bestimmten Manga-
Traditionen sichtbarer als weibliche – das gleicht sich
inzwischen aus. Queere Frauenfiguren und ihre Geschichten
bekommen mehr Raum. Am Ende gilt bei
BL wie bei GL: Entscheidend ist nicht das Label, sondern
wie differenziert eine Geschichte erzählt ist.
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Interview
Bild: The Squirt Deluxe
106 Frühling 2026
Interview
«Auf den Ruinen
des Patriarchats
etwas Neues bauen»
«Fuck the Pain Away» sang Peaches im Jahr 2000: ihr Signature-Track bis
heute. Zuletzt hielt die in Berlin wohnende Punkseele ihre Bälle flacher.
Jetzt macht sie wieder Krach. «No Lube So Rude» ist ihr erstes Album
seit über zehn Jahren. Und was sollte es anderes sein als geballte Sexpositivität?
Interview – Steffen Rüth
Peaches, bist du nach wie vor in Berlin zuhause?
Peaches: Ja, das bin ich. Auch nach all den Jahren ist Berlin für
mich immer noch eine aufregende Stadt, in der ich gerne lebe.
Auch wenn es heisst, Berlin sei eine lahme, mainstreamige,
überteuerte Grossstadt wie alle anderen geworden?
Da stimme ich nicht zu. Gerade in jüngster Zeit entsteht in Berlin
eine neue, vibrierende Undergroundszene, politisch engagiert,
fantastisch performativ und nah am Punk. Ich spreche von queeren
Partys wie Lunchbox Candy oder von PUNX'N'KWEENZ, mit
denen ich vor kurzem einen Auftritt hatte. Aus meiner Sicht sind
das junge Kids mit wunderschönen alten Seelen. Sie verstehen,
was Punk ist und wie wichtig es ist, zusammenzukommen und
das körperliche Beisammensein zu geniessen. Ich gebe mich nicht
mit den langweiligen Seiten Berlins ab, die es zweifelsohne auch
gibt, sondern bin dort, wo Kunst und Leben aufregend sind.
Warum ist dir der physische Kontakt mit Menschen so
wichtig?
Na ja, weil wir immer mehr davon verlieren, wenn wir nicht aufpassen.
Wenn du mit Menschen in einem Raum bist, redest du anders,
als wenn du im Internet aufeinandertriffst. Dort versteckst
du dich, greifst an, wirst angegriffen, aber so etwas wie Konsens
erreichst du wahrscheinlich nicht. Hier in Berlin, Deutschland
generell, weltweit wird die Polarisierung stärker. Ich finde
mit meinen politischen Ansichten hier nur schwer Gehör. Dabei
möchte ich mich hier weiterhin zuhause fühlen.
Was sind deine politischen Ansichten?
Dass die AfD an Boden gutzumachen scheint, hält mich nachts
wach. Genauso der Mangel an Humanität mit Blick auf Palästina.
Als progressive Jüdin fordere ich, dass meine Meinung in Deutschland
respektiert wird. Ich will mir nicht anhören müssen, ich sei
eine mich selbst hassende Jüdin oder eine Antisemitin – das bin
ich selbstverständlich nicht. Aber eine Gegnerin der israelischen
Regierung und des Tötens unschuldiger Menschen. Die vergangenen
zwei Jahre waren hart. Ich fühle mich mit meiner Haltung
in eine Ecke gedrängt, und ich bin nicht die Einzige. Ich erlebe,
wie Geld für Projekte gestrichen wird, wenn Ansichten nicht
mit denen der deutschen Regierung übereinstimmen. Dabei war
mein Hauptgrund, seinerzeit nach Berlin zu ziehen, das tolerante
Lebensklima der Stadt. Aktuell empfinde ich den Zustand als
enttäuschend. Die komplette Welt scheint in Aufruhr, im Chaos.
Hoffentlich kollabieren diese patriarchalen Muster bald, damit
wir auf den Ruinen des Patriarchats etwas Neues bauen können.
Inwieweit spiegelt sich die Zerrissenheit in deinem Album
und im Titelsong «No Lube So Rude» wider?
Auf direkte Weise. Spannungen, kleine Risse, Trockenheit, Irritationen
lassen sich lindern, wenn man sie mit Gleitmitteln behandelt.
Der Titel ist, typisch Peaches, absurd und auf den Punkt. Das
Schmiermittel soll uns helfen, empathischer zu sein, aufeinander
zuzugehen oder zumindest mal miteinander zu sprechen. Selbst
das ist oft zu viel verlangt. Dabei sollten wir Älteren mit den Jüngeren
in Austausch treten, zuhören, die jeweilige Geschichte verstehen
und irgendwie am selben Strang ziehen. Als Frau nach der
Menopause hat der Albumtitel eine persönliche Bedeutung: Wir
sollten die Stigmata darüber, wie wir unsere Sexualität und Bedürfnisse
leben, loswerden und uns auf das einlassen, was uns
Freude macht. Nur, weil ich fast 60 bin, falle ich noch nicht ins
Grab, auch wenn ich mit 20 sicher war, dass das Leben in meinem
jetzigen Alter vorbei ist.
Frühling 2026
107
Interview
Peaches: «Nur weil ich fast 60 bin, falle ich noch nicht ins Grab.»
Ist es aber nicht.
Nein. Schon klar, der Körper knackt an mehr Stellen als früher,
und ich muss besser auf ihn achtgeben. Aber sonst geht es mir
gut. Manche sagen, altern sei Mist, weg damit und her mit dem
ewigen Leben. Davon halte ich nichts. Ich möchte in vollem Bewusstsein
älter werden. Ich bin voller Vitalität und fange mein
Leben auf gewisse Weise sogar neu an. Also: Immer her mit den
Gleitmitteln, damit alles besser flutscht und wir uns unserer Lust
hingeben können – jenseits von geschlechtlichen Konventionen
und Limitierungen. Jeder Mensch verdient es, Spass zu haben.
Auch «No Lube So Rude» macht Spass mit bisweilen derben
und anzüglichen Worten, Sarkasmus und sanften bis aggressiven
Nummern.
Ich bin froh, dass du das so siehst. Es gibt ernste Momente, auch
emotionale, aber auch viel Witz, Heiterkeit und Optimismus. Die
Produktion ist fantastisch, sie stammt von einer spirituellen Erscheinung
namens Squirt Deluxe, deren genaue Identität ich leider
nicht verraten kann (grinst).
Weshalb?
Ich wollte die Dinge anders sagen als in der Vergangenheit. Mich
nicht wiederholen. Und mich als Peaches aus dem Jahr 2026 ausdrücken,
ohne die Peaches von früher zu verlieren.
Als deine Karriere 2000 begann, waren nicht-binäre Geschlechtsidentität
oder Diversität weniger in aller Munde als
heute. Ist es für dich spannend, in einem aufgeklärteren
Umfeld zu agieren?
Ja. Ich lerne in diesem Universum immer noch dazu, auch wenn
ich keine Anfängerin bin.
Elektronische Musik ist populärer denn je. Ist der Mainstream
dir entgegengekommen?
Einerseits ja, und das stört mich nicht. Zugleich will ich mich dem
Mainstream nicht aktiv annähern, denn dort findet vieles statt,
was mich verstört. Dass sich Nicki Minaj neuerdings Trump um
den Hals wirft oder Gwen Stefani Geld mit einer Gebets-App verdient,
finde ich schlicht absurd.
Es ist dein erstes Album seit 2015. Ist dir die Arbeit an den
Liedern leichtgefallen?
Nein, überhaupt nicht. Es war ziemlich schmerzhaft.
Auf der anderen Seite klingt manche junge
Künstlerin, als hättest du sie inspiriert, Billie Eilish
beispielsweise.
108 Frühling 2026
Interview
Wird das relativ Sorglose wie zu Zeiten Obamas
zurückkommen?
Die Demokratie geht zugrunde, wenn alle den Mund halten.
Als Unterhaltungskünstlerin will ich die Menschen
animieren und motivieren, nicht in Stille und Apathie
zu versinken. Ich kann die Welt nicht verändern, aber
ich kann Stellung beziehen. Politische Entwicklungen
sind wie Ebbe und Flut. Es kommen auch wieder andere
Zeiten.
«Die Lust am
Schocken
stand nie im
Mittelpunkt.»
Entsprechend hoffnungsvoll endet dein Album mit der
versöhnlichen Streicherballade «Be Love».
Exakt. Ich wollte das schönste Lied, das ich habe, an den
Schluss setzen.
Bilder: The Squirt Deluxe
Das ist fantastisch. Offenbar habe ich sie mit einigen Ideen angesteckt,
sei es mit meiner Punk-Mentalität oder Überzeugung,
dass es auf Popkünstlerinnen nicht nur die heteromännliche Perspektive
gibt, sondern auch eine queere. Gleichzeitig bin ich mit
diesem Ansatz – auch in Deutschland – nicht die erste. Nina Hagen
machte schon in den Achtzigern, was sie wollte. Auch Grace
Jones ist ein Vorbild für mich.
Kennst du Nina Hagen persönlich?
Wir haben uns einmal getroffen, das ging allerdings nicht sehr
tief. Irgendwie scheint sie in ihre eigene Welt abgetaucht zu sein,
was verständlich ist.
Mit deinen Songs und deinem Erscheinen hast du anfangs
durchaus zu schocken gewusst. Heute auch noch?
Die Lust am Schocken stand nie im Mittelpunkt. Ich habe mich
präsentiert, wie ich war, und es spielerisch verstärkt. Bei den
Kontroversen, die wir heute haben, geht es mir nicht mehr um
Schocks, sondern um gegenseitiges Verständnis.
Dein geringes Verständnis für das Gebaren der aktuellen
US-Regierung zeigst du im Stück «Not In Your Mouth None Of
Your Business».
Ich konnte nicht anders. Die USA waren immer Vorreiter in der
Popkultur und vielen anderen Debatten. Im Guten wie im Üblen.
2006 habe ich das Album «Impeach My Bush» rausgebracht – damals
erkannte man schon die Widersprüchlichkeit, das absurde
Wohlstandsgefälle, die Zerrissenheit des Landes. Eingewanderte
haben die USA aufgebaut. Und guck dir an, wie sie Immigrant*innen
jetzt behandeln. Nie hätte ich gedacht, dass der Fortschritt
und die gesellschaftspolitischen Errungenschaften der Obama-
Jahre so radikal in Gefahr geraten oder zerstört werden könnten.
Aber hier sind wir nun gelandet. Ich sorge mich sehr um das
Einhalten grundlegender Menschenrechte. Deshalb finde ich es
wichtiger denn je, politisch aktivistische Musik zu machen.
Peaches
1966 als Merrill Nisker in Toronto
geboren, lebt Peaches seit 2000
in Berlin. Im selben Jahr gelang
ihr mit dem Debüt «The Teaches
Of Peaches» der Durchbruch.
2024 war sie Gegenstand zweier
Dokumentarfilme («Teaches
Of Peaches», «Peaches Goes
Bananas») und spielte im Stuttgarter
Schauspiel die Hauptrolle
in Bertold Brechts «Die sieben
Todsünden». Jetzt ist sie mit «No
Lube So Rude» zurück: ihr erstes
Album seit über zehn Jahren,
ein Mix aus Electro, Punk, Pop,
Industrial, Balladen und radikaler
Sexpositivität.
Zum Musikvideo «No Lube So
Rude» hier lang:
Frühling 2026
109
Story — 8
8
Ein Kleckser
Farbe in der
Camouflage
110 Frühling 2026
Story — 8
Text: Michael Freckmann
Das Militär gilt vielen als hypermännlicher,
nicht gerade queerfreundlicher Ort. Doch
es gab sie schon immer: Queere Menschen
in den Streitkräften. Anastasia, Beat
und Matthias berichten über Schwierigkeiten
im Alltag und fehlende Vorbilder.
Aber auch über Unterstützung und Freundschaft.
Und wie sie für beides kämpfen –
für Akzeptanz und ihr Land.
Frühling 2026
111
Story — 8
112 Frühling 2026
Zentimeter sind schwul und 81 sind Fahnenflucht!», rief ein Vorgesetzter
in einer Marschübung. Gemeint war damit der Abstand
zum nächsten Kameraden. Ein merkwürdiges Bild von Männlichkeit
und Sexualität haben sie hier, dachte Anastasia Biefang.
Das war 1994, am dritten Tag ihrer Grundausbildung bei der
Bundeswehr. Damals wurde sie von allen noch als Mann gelesen.
Heute hingegen, mehr als 30 Jahre später, ist sie als geoutete trans
Frau im Rang eines Obersts. Vorbei sind die Zeiten, als queere
Soldat*innen von der Bundeswehr offiziell als «Sicherheitsrisiko»
eingestuft wurden.
Allerdings sind geänderte Vorschriften und einzelne mutige
Beispiele das eine – echte Akzeptanz im Alltag für alle etwas
anderes. Und dabei kommt es darauf gerade besonders an. Denn
Deutschland bemüht sich aktuell darum, dass mehr Menschen
zur Bundeswehr kommen und Österreich denkt über eine Wehrdienstverlängerung
nach. Die Schweizer Armee blickt mit Sorge
auf den Geburtenrückgang und den immer beliebter werdenden
Zivildienst. Die Streitkräfte werben mit aufwändigen Social-Media-Kampagnen
um neue Leute. Sie wollen sich als offenen, modernen
Arbeitgeber präsentieren.
Es ist noch nicht so lange her, dass schwule Männer in
Deutschland keine Offiziere werden durften. Bis ins Jahr 2000
war das so. Davor galt: Wehrdienst ja, Karriere nein. Und dies bedeutete
schon eine Verbesserung, denn bis 1979 war Homosexualität
ein Ausmusterungsgrund. Diese Kultur war lange prägend
für das Klima innerhalb der Bundeswehr. Ängste vor Ablehnung
begleiteten deswegen auch Anastasia: «Ich dachte, ich passe dann
hier nicht mehr rein», sagt sie. Dabei ist sie mit der Bundeswehr
aufgewachsen, denn auch ihr Vater war beim Militär und sie
mochte dieses Umfeld.
2015 hielt Anastasia das alles nicht mehr aus und outete sich
vor ihren Vorgesetzten. Sie erlebte Verblüffendes. «Das waren
empathische, verständnisvolle Menschen, die einfach den Menschen
gesehen haben», sagt sie. «Ich hatte aber auch das Gefühl,
nach meinem Outing der erste Fall überhaupt zu sein». Trotz
aller menschlichen Wärme blickte sie oftmals in etwas ratlose
Gesichter.
Bild: VBS, Zentrum Elektronische Medien ZEM
Story — 8
Frühling 2026
Story — 8
«Don’t ask, don’t tell» – auch in der Schweiz
Lange Zeit war Queerness im Militär etwas, über das einfach gar
nicht gesprochen wurde. Das aus den USA bekannte Motto «Don’t
ask, don’t tell» galt auch in der Schweiz. Zumindest bis 1992, als
Homosexualität im Militär entkriminalisiert wurde. So erlebte es
Beat Lauper, der Ende der 70er-Jahre in die Schweizer Armee rekrutiert
wurde und im Jahr 2011 im Rang eines Obersts im Generalstab
freiwillig aus der Armee ausschied. Anfangs interessierte
ihn nichts am Militär, schon gar nicht das Kämpfen und die Waffen.
Er musste als Schweizer eben Militärdienst leisten. Erst im
Laufe der Zeit entdeckte er, dass ihm das Führen von Menschen
Spass machte. «Ich wollte ein moderner Vorgesetzter sein», sagt
er. Die Schweizer Armee gab ihm die Chance dazu.
Gegenüber einigen engen Freunden öffnete er sich bereits 1990
während seines Studiums zum Berufsoffizier an der ETH Zürich
und erzählte ihnen, dass er schwul sei. Innerhalb des Militärs war
das weiterhin kein Thema. Auch Anfeindungen von Kameraden
habe er dort, während seiner ganzen Zeit, keine erlebt, betont er.
Vielleicht, mutmasst Beat, spielte hierbei jedoch eine Rolle, dass
andere ihn nicht als stereotyp schwul wahrnahmen.
Starke Vorgesetzte und gute Freunde sind wichtig
Nur ein einziges Mal wurde seine Homosexualität zum Thema.
Im Auswahlgespräch zum Bataillonskommandanten warf ihm
ein politisch Verantwortlicher vor, er würde unter anderem den
Müll nicht richtig entsorgen. Er sei daher für die Führungsposition
nicht geeignet. Erst hinterher sagte ihm sein Vorgesetzter,
dass es eigentlich darum gegangen sei, dass man ihn gemeinsam
mit einem Mann Arm in Arm durch Zürich habe spazieren sehen.
Sein Chef stellte sich auf Beats Seite. «Mein Privatleben war ihm
egal, sagte mir mein General. Er wollte mich als Bataillonskommandant
haben».
In den Folgejahren führte Beat als Verantwortlicher in der
Ausbildung viele Personalgespräche. Auch hier veränderte sich
kaum etwas. So ging es in den Gesprächen, bei denen er dabei
war, weiterhin nie um die sexuelle Orientierung von Kandidaten,
«Stellt euch
vor, da ist jetzt
irgendeine
Schwuchtel in
der Dusche.»
sagt er. Gleichzeitig wagte Beat persönlich in dieser Zeit
einen mutigen Schritt. Denn er begann, seinen Partner,
den er 1998 kennengelernt hatte, bei beruflichen Veranstaltungen
einfach mitzubringen. «Ich habe da aktiv
nicht drüber gesprochen, es aber auch nicht verheimlicht»,
sagt Beat rückblickend.
Wie sehr der Umgang miteinander von den einzelnen
Persönlichkeiten der Vorgesetzten abhängt, erlebte
auch Matthias, heute Anfang 30, Sanitätsunteroffizier im
österreichischen Bundesheer. Er kam ebenfalls über den
Pflichtdienst zur Armee. Da er Musik machte, wählte er
die Militärmusik und wechselte später in den Sanitätsdienst.
«Stellt euch vor, da ist jetzt irgendeine Schwuchtel
in der Dusche», hörte er öfter in den Mannschaftszimmern.
Ausbilder benutzten das beleidigende Wort immer
wieder als Kraftausdruck oder als Beleidigung. Das war
noch im Jahr 2011 so. Auch später, in seiner Ausbildung
zum Unteroffizier, kam so etwas mehrfach vor.
Matthias aber gefiel seine Tätigkeit beim Bundesheer
von Anfang an und er outete sich früh. Nicht ganz freiwillig,
denn zwei Kameraden sahen in der Stadt, wie er
andere Männer traf und setzten gleich ein Gerücht über
ihn in die Welt. Doch Matthias stand zu sich und sprach
darüber. Die meisten seiner Kameraden akzeptierten es.
Einige allerdings wollten danach nicht länger mit ihm
in einem Zimmer schlafen oder zur selben Zeit duschen.
Dass das auch besser laufen konnte, erfuhr er von einem
anderen Soldaten in seiner Kaserne. Dessen Vorgesetzter
stellte sich auf seine Seite. «Sonst kriegt ihr es mit mir zu
tun!», rief er homophoben Untergebenen zu.
Beat Lauper ist
Mitgründer von Queer
Officers Switzerland.
Bild: Patrick Enssle
Queere Vereine im Militär gründen sich
Was Matthias besonders half, war, dass es in der Militärmusik
einen Soldaten gab, von dem alle wussten, dass er
schwul war und der akzeptiert wurde. «Das war mein
erster Ansprechpartner», erinnert sich Matthias. Seither
engagiert er sich für andere und trat dem 2023 gegründeten
Verein «Queer im Heer» bei. Dieser steht zwar noch
am Anfang, aber sie arbeiten schon daran, dass junge
Menschen bereits bei der «Stellung», wie die Musterung
114 Frühling 2026
Story — 8
Bis 2000 durften schwule Männer in Deutschland keine Offiziere werden.
Bild: Bundeswehr/Christoph Kassette
Gemäss einer Studie erleben queere Menschen und insbesondere Frauen in der Schweizer Armee deutlich häufiger Diskriminierung.
Frühling 2026
Bild: VBS/DDPS, Linus Spitz
115
in Österreich heisst, den Kontakt zu ihnen finden können.
Denn zu viele queere Menschen meiden in Österreich
das Militär, erklärt Matthias, weil sie glaubten,
sie hätten sowieso keine guten Chancen in der Armee.
Dies sei aber nicht richtig, betont er und fügt hinzu:
«Ich erlebe, dass es viele in den Kasernen gibt, die im
engsten Kreis geoutet sind, aber sich nicht öffentlich
präsentieren wollen.»
In der Schweiz gibt es einen solchen Verein für
queere Militärangehörige hingegen schon etwas länger.
Kurz vor der Volksabstimmung über die Eingetragene
Partnerschaft 2005 gründeten Beat Lauper und
ein paar andere die «QueerOfficers Switzerland». Danach
wagten sie sogar ein Gruppen-Coming-out. «Wir
waren zirka 20 Männer und haben vor der Volksabstimmung
in der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift
eine Anzeige geschaltet», sagt Beat.
Darin standen ihre vollen Namen und der Name ihres
Vereins. «Wir haben uns exponiert mit allen Risiken»,
sagt Beat, der in der Anzeige der hochrangigste Soldat
war und dann mit seinen Kollegen auch bei der Zürich
Pride mitlief.
Gemeinsam einander unterstützen
Die «QueerOfficers Switzerland» gibt es noch heute.
Offen sind sie mittlerweile auch für Armeeangehörige,
die keine Offiziere sind, erklärt Alex Häner, der
aktuell im Vorstand des Vereins ist. Sie machen dort
Ausbildungen und Sensibilisierungskampagnen für
die Armee. Über ein niedrigschwelliges Beratungsangebot
können sich alle Mitglieder der Streitkräfte
jederzeit an sie wenden. Durch seine Arbeit hat der
Verein schon erreicht, dass die Armee 2008 ein Diversity-Management
einführte und dass Diskriminierung
aufgrund der sexuellen Orientierung verboten
wurde. «Wir wollen dazu beitragen», sagt Alex von
den «QueerOfficers», «dass die Vielfalt noch stärker
als heute als echten Mehrwert für die ‹Kampfkraft der
Armee› gesehen wird.»
In Deutschland gründete sich in der gleichen Zeit
eine ähnliche Interessenvertretung. Stellvertretende
Vorsitzende des «QueerBw» ist aktuell Anastasia.
«Wir helfen mit unserem Verein queeren Mitgliedern
der Bundeswehr in ihrem Alltag», sagt sie. «Etwa,
wenn es um die Frage geht: ‹Wie sage ich es meinem
Chef?›». Sie machen dort Seminare und treffen sich
einmal im Jahr mit der politischen und militärischen
Führung. Bei dem Rehabilitierungsgesetz für queere
Soldaten von 2021 waren sie ebenfalls massgeblich
beteiligt.
Es gebe viele queere Menschen, die sich in der Bundeswehr
anerkannt fühlen würden, betont Anastasia.
Gleichzeitig habe der Verein «QueerBw» mit seinen
400 Mitgliedern weiterhin viel zu tun. Seit 2017 gibt
es eine Antidiskriminierungsstelle und Leitlinien, um
für Bedürfnisse und Perspektiven von trans Personen
zu sensibilisieren. In Vorschriften aber herrsche
häufig noch Binarität, erklärt Anastasia. Lange Haare
seien für männlich gelesene Personen nicht erlaubt.
Für Menschen mit dem Geschlechtseintrag «divers»
gelten dieselben Regelungen wie für das männliche Geschlecht.
Und zusätzlich zur existierenden Diversitätsstrategie wünscht
sich der Verein eine beauftragte Person für Diversity.
Ein weiterer Aspekt ist die freie Gestaltung des Privatlebens.
Anastasia hatte selbst auf einer Datingplattform ein Profil ohne
jeglichen Bezug zur Bundeswehr angelegt und nach Sexdates unabhängig
vom Geschlecht gesucht. Jemand zeigte das an und ein
Gericht wertete es als einen «erheblichen Mangel an charakterlicher
Integrität». Solche Vorkommnisse zeigen: Genau wie die Gesamtgesellschaft
ringt das Militär in Fragen der Liberalisierung
sichtbar mit sich.
Diskriminierungen und Gewalt finden statt
Es ist nicht so leicht, einen Überblick zu bekommen, wie queerfreundlich
der Alltag in der gesamten Breite der Streitkräfte ist.
Mit einer Studie aus dem Jahr 2024 versuchte die Schweizer Armeeführung
erstmals, Licht ins Dunkel zu bringen. 42,5 % der
queeren Militärangehörigen geben darin an, mehr leisten zu
müssen als nicht-queere Menschen, um in der Armee anerkannt
zu werden.
Auffällig ist, dass queere Personen wesentlich häufiger Diskriminierungen
erlebt haben als nicht-queere Menschen. Knapp
53 % der befragten schwulen cis Männer berichten von solchen
Erfahrungen. Bei den heterosexuellen Männern sind es 26 %.
Noch stärker als Männer sind Frauen, ob queer oder nicht, von
Diskriminierungen, non-verbaler, verbaler und körperlicher
sexualisierter Gewalt betroffen. Denn es ist das weibliche Erscheinungsbild,
das starke Aggressionen im Militär auslöst. Entsprechend
erleiden trans Frauen deutlich öfter Gewalt als trans
Männer. Mit Abweichungen von den klassischen binären Rollenbildern
kommen viele im Militär ebenfalls nicht zurecht. So wird
schwulen Männern ein Mangel an Männlichkeit vorgeworfen.
Lesbischen Soldatinnen paradoxerweise ihre angeblich fehlende
Weiblichkeit.
Wie die Studie weiter ergeben hat, würden viele Übergriffe
gar nicht erst gemeldet. Die meisten Betroffenen machten die
Sache mit sich selbst aus oder mit gleichgestellten Kolleg*innen.
Demnach gilt es manchen als Schwäche oder Loyalitätsbruch,
sich über Diskriminierungen zu äussern. Die Schweizer Armeeführung
zeigte sich daraufhin alarmiert und reagierte mit einem
Massnahmenplan. Ihre schon vorher existierende Strategie der
«Nulltoleranz» will sie nun noch konsequenter durchsetzen.
Anastasia Biefang ist
MANNSCHAFT-Kolumnistin und
Offizierin der deutschen
Bundeswehr
116 Frühling 2026
Story — 8
Bild: VBS, Zentrum Elektronische Medien ZEM
Die Queer Officers
Switzerland wollen
bei Pride-Umzügen
sichtbar sein.
Wo sind die Vorbilder?
Es gibt wenig Grund anzunehmen, dass Ergebnisse für Deutschland
und Österreich wesentlich anders ausfallen würden. Wie
lässt sich aber in einer solchen Situation überhaupt Veränderung
erreichen, da Verhaltensmuster in Organisationen meist äusserst
zäh und langlebig sind? «Es braucht Vorbilder und positive Beispiele»
sagt Anastasia, denn es gehe darum, dass Menschen nicht
mehr das Gefühl haben müssten, dass es Nachteile bringen könne,
sich zu outen. Generäle oder Admiräle, die offen queer leben,
gebe es in der Bundeswehr jedoch noch immer nicht, beklagt sie.
Manchmal allerdings kommen Impulse für Veränderungen
auch von aussen. So bricht in der Popkultur langsam das klassische
Bild des Soldaten auf; des starken, heterosexuellen, männlichen
Kämpfers. Etwa in der Netflix-Serie «Boots», in der ein junger
schwuler Mann zu den US-Marines geht, einem Truppenteil,
in dem es besonders hart zugeht. Ein anderes Beispiel ist der Film
«Eismayer» über einen gleichnamigen Offizier des österreichischen
Bundesheeres. Dieser galt dort als ausgesprochen strenger
Vorgesetzter. Je mehr er seine Homosexualität verstecken wollte,
desto fordernder trat er gegenüber seinen Untergebenen auf. Das
Neue an «Boots» und «Eismayer»: Die queere Figuren sind hier
nicht schwach, sondern mutiger und stärker als viele der anderen.
Queere Militärangehörige bereichern die Streitkräfte
Dass in der breiten Öffentlichkeit Österreichs Charles Eismayer
und sein Ehemann bis heute die einzigen wahrnehmbaren queeren
Militärs sind, verstärkt – nicht nur in Österreich – das Vorurteil,
es gebe lediglich vereinzelt queere Mitglieder im Militär.
Die Schweizer Studie zeigt dagegen ein anderes Bild. Sie stellt
einen etwa gleich hohen Anteil (13–15 %) queerer Menschen in der
Schweizer Gesellschaft und Armee fest. Auch wenn dies an einer
leicht verzerrten Stichprobe in der Studie liegen könnte, einige
wenige sind queere Menschen in der Armee jedenfalls
nicht. Und eine Schweizer Besonderheit dürfte dies
wohl kaum sein.
Wenn queere Menschen nicht nur selten dort zu finden
sind, stellt sich auch die Frage, welche eigenen Erfahrungen
und Perspektiven sie in die Streitkräfte mit
einbringen. «Ich glaube, dass queere Menschen sehr oft
Stärke beweisen müssen, weil sie Anfeindungen erleben.
Dadurch können sie schwierige Situationen leichter
bewältigen», sagt Matthias. Bei seinen Aufgaben
im Sanitätsdienst falle es ihm aufgrund seiner Erfahrungen
als queere Person sogar leichter, sich in einen
Patienten einzufühlen. Anastasia sieht das ähnlich.
Viele queere Menschen «bringen Resilienz mit, den
Mut, zu sich selber zu stehen und Gradlinigkeit». In
ihrer Vereinsarbeit seien ihr oftmals Menschen begegnet,
die «sehr viel empathischer sind, bei denen es
mehr Ausgeglichenheit und Friedfertigkeit gibt».
Trotz all des bisher Erreichten ist Anastasia
manchmal dennoch besorgt. Dann nämlich, wenn sie
wenig Sensibilität von einzelnen Kolleg*innen gegenüber
queeren Themen erfährt. Oder darüber, was der
aktuelle rechte Backlash für das Militär bedeuten
könnte. Aufgeben oder Zurückweichen aber kommt
für sie – ganz soldatisch – natürlich nicht infrage. So
helfe bei all dem nur: «Flagge zeigen, sichtbar sein»,
erklärt Anastasia. «Wenn sich von unseren Vereinsmitgliedern
jede Person in ihrer eigenen Einheit als
Multiplikator identifiziert, dann hätte das ja schon
eine Wirkung.»
Frühling 2026
117
ZITIERT
Gehört, gelesen, gesehen:
Story — 7
«Ich fühle mich
wie ein schwuler
Mann.»
Olivia Colman im Interview mit
dem LGBTIQ-Portal Thema. Die
Oscar-Preisträgerin sagt, sie habe
sich nie als besonders weiblich
empfunden.
«Als Frau in dieser
Branche passt man
seine Perspektive ein
Stück weit an, um
überhaupt gehört zu
werden.»
Kristen Stewart über ihr Regiedebüt «The
Chronology of Water» – zurzeit im Kino.
«Es ist vorerst
besser so.»
TV-Moderator Jochen
Schropp gegenüber der
Bunte über das Ende seiner
Ehe mit Partner Norman.
«Wieso soll ich mich
kostenlos zeigen,
wenn ich Geld dafür
verlangen kann?»
Der ehemalige Top-Athlet Matthew Mitcham über seine Präsenz auf
der Plattform OnlyFans. Der Australier gewann bei den Olympische
Sommerspielen 2008 als erster offen schwuler Mann eine Goldmedaille
im Turmspringen. Heute verdient der 37-Jährige nach eigenen
Angaben mit seinem kostenpflichtigen Account ein Vielfaches dessen,
was er als Spitzensportler erhielt. Für rund zehn Dollar im Monat
zeigt er dort Inhalte, die auf Instagram oder Tiktok gesperrt würden –
jedoch ohne explizite Nacktheit oder sexuelle Handlungen. Mitcham
betont, er behalte die volle Kontrolle und veröffentliche nur, was er
selbst noch als Kunst vertreten könne. «Viele Fans wollen ein
bisschen mehr sehen, andere Plattformen zensieren meinen
Körper – warum also nicht selbst davon profitieren?»
Bilder (im Uhrzeigersinn von oben links): Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa, Jennifer
Bloc/Geisler-Fotopress/picture-alliance/dpa, Michael Bahlo/dpa, Quinn Rooney/dpa
118 Winter 2025/26
KOLUMNE
New year, old me:
Willkommen in der
Spirale
Happy New Year Everybody! Ja, ich weiss, ein
bisschen spät, aber ich hoffe, ihr seid gut ins neue
Jahr gerutscht. Ich bin eher gestolpert, gefallen, kurz
liegen geblieben und habe dann beschlossen, jetzt
erst recht aufzustehen. Denn das letzte Jahr war ein
Hindernisparcours mit Ansage: das härteste meines
Lebens. Und glaubt mir, ich habe eine beachtliche
Sammlung schwieriger Jahre im Angebot.
An dieser Stelle eine kleine Triggerwarnung:
Es geht um erneuten Alkoholkonsum. Denn Nüchternheit
ist kein gerader Weg, sondern eher eine kurvige
Landstrasse mit kreativer Beschilderung. Manche
nennen Umwege Rückfälle. Ich nenne den
Prozess eine Spirale. Man kommt vielleicht an ähnlichen
Punkten vorbei, aber nie mehr als genau derselbe
Mensch.
Letztes Jahr starb mein Vater. Die einzige
Familie, zu der ich noch eine Bindung hatte. Mit 34
Vollwaise zu sein, macht etwas mit einem. Besonders
schwer ist es, queer zu sein und einen Migrationshintergrund
zu haben: Man wächst oft zwischen
Erwartungen, Normen und Welten auf, in denen man
sich nie komplett gesehen oder akzeptiert fühlt.
Mein Leben lang habe ich versucht, irgendwo dazuzugehören.
Als wäre das nicht genug, kam Ende des
Jahres die Trennung von meinem Partner. Eine meiner
wichtigsten Säulen. Zack, weg. Kurz darauf ein
grosser Streit mit einer meiner besten Freundinnen.
Funkstille. Verlassen – von drei Menschen in einem
Jahr. Parallel dazu: neue Stadt, neuer Job, neues
Leben. Hannover statt Berlin. Verantwortung statt
Romantik. Stress statt Schonfrist.
Also begab ich mich in die Gay-Szene. Und
siehe da: Alle tollen Typen waren auf Partys dermassen
betrunken, dass ich mir dachte: Ich muss da
wohl doch dazugehören. Nüchtern danebenstehen
fühlte sich plötzlich nicht mehr wie Selbstfürsorge
an, sondern wie Ausschluss.
Am ersten Weihnachtstag sass ich allein im
Zug, erstes Weihnachten ohne Familie, auf dem Weg
in mein neues Zuhause, emotional leer. Und da fragte
ich mich: Wofür das eigentlich alles?
Also entschied ich mich, wieder zu trinken.
Nicht impulsiv, nicht aus Kontrollverlust, sondern
aus dem Bedürfnis, mich für einen Moment weniger
allein zu fühlen in einem ansonsten schweren
Monat. Vielleicht war es keine Lösung. Aber es war
auch kein Drama. Es war ein Moment. Wer Nüchternheit
öffentlich lebt, darf ehrlich sein. Ich weigere
mich, mein Leben zu einem Gefängnis oder einer
Lüge zu machen. Ich erzähle das nicht, um Alkohol
zu rechtfertigen, sondern um ehrlich zu sein: Manchmal
sind Momente kompliziert, und sie auszuhalten
ist wichtiger als sie schönzureden.
Seit ein paar Wochen bin ich wieder nüchtern.
Und es fühlt sich gut an. New year, old me. Aber
mit neuen Erkenntnissen: Trauer läuft nicht linear.
Manche Menschen gehen, und manchmal heisst
das schlicht, dass sie nicht für einen bestimmt waren.
Zugehörigkeit ist ein starkes Bedürfnis. Und ich
muss mich früher melden, bevor es still wird.
QUEER & SOBER
Vlady Schklover: Regie im
Kopf, Beats im Blut, Kunst im
Herzen. Künstler, Regisseur,
Performer, Musiker – und
Gründer der einzigen regelmässigen
queeren sober Party
Deutschlands.
Insta: @vladypresents,
@lemonadequeers
vlady@mannschaft.com
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«I Am Human» an:
Frühling 2026
119
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120 Frühling 2026
2026 SCHON HUNDERTE
VORSTÖSSE GEGEN LGBTIQ
Washington, D.C. – In den USA sind seit
Jahresbeginn mehr als 360 Gesetzesentwürfe
eingebracht worden, die nach Angaben
der American Civil Liberties Union
(ACLU) die Rechte von LGBTIQ-Personen
einschränken. Betroffen sind 36 Bundesstaaten.
Ein von der ACLU geführter Tracker verzeichnet
aktuell mindestens 366 Vorlagen,
die von der Organisation als homo- oder
transfeindlich eingestuft werden. Seit 2023
seien landesweit über 2000 entsprechende
Gesetze eingebracht worden. Rund 211
davon seien in Kraft getreten, mehr als die
Hälfte jedoch gescheitert.
Die aktuellen Entwürfe betreffen unter anderem
Einschränkungen bei Lehrinhalten,
das Verbot von LGBTIQ-Büchern an Schulen
sowie Vorschriften, wonach Schulen
trans Jugendliche gegenüber ihren Eltern
outen müssen. Die ACLU kündigte an,
juristisch gegen die Vorlagen vorzugehen.
ROB JETTEN IST ERSTER OFFEN
SCHWULER REGIERUNGSCHEF
Den Haag – Die Niederlande haben mit
Rob Jetten erstmals einen offen schwulen
Regierungschef. König Willem-Alexander
vereidigte den 38-jährigen Vorsitzenden
der linksliberalen Democraten 66 (D66)
zum Ministerpräsidenten. Gemeinsam mit
Christdemokraten und Rechtsliberalen
regiert D66 nun in einer Koalition ohne
eigene Mehrheit und ist auf Unterstützung
aus der Opposition angewiesen.
Die Regierung kündigte Reformen im
Sozial- und Gesundheitssystem, höhere
Verteidigungsausgaben sowie Massnahmen
gegen Wohnungsnot und in der Migrationspolitik
an. Kritiker*innen bezweifeln
die Stabilität der Minderheitsregierung.
International sorgt auch Jettens Privatleben
für Aufmerksamkeit: Er lebt mit seinem
Verlobten, dem argentinischen Hockeyspieler
Nicolás Keenan, zusammen – erstmals
zieht damit ein «First Gentleman» in
den Amtssitz ein.
TEAM LGBTIQ ERREICHT
REKORD BEI WINTERSPIELEN
Mailand – Offen queere Athlet*innen
haben die Olympischen Winterspiele 2026
in Mailand-Cortina mit insgesamt elf Medaillen
beendet, so viele wie nie zuvor
für das Team, berichtet Outsports. Wäre
es eine Nation, würde Team LGBTIQ den
13. Platz im Medaillenspiegel belegen.
Von den 49 offen geouteten Athlet*innen
gewannen 19 eine Medaille, darunter
fünfmal Gold, zweimal Silber und viermal
Bronze. Zu den Medaillengewinnenden
zählt der offen schwule Curling-Athlet
Bruce Mouat, der bereits 2022 Olympia-
Silber für Grossbritannien gewann. Mouat
betonte, dass sein Coming-out 2014
sowohl sein Privatleben als auch seine
Karriere positiv verändert habe.
Wäre es eine Nation,
würde Team LGBTIQ
den 13. Platz im
Medaillenspiegel
belegen.
ZWEI FRAUEN NACH KUSS
FESTGENOMMEN
Arua – In Uganda sind zwei Frauen festgenommen
worden, nachdem Nachbar*innen
gesehen hatten, wie sie sich
öffentlich küssten. Das Verhalten verstösst
gegen das Anti-Homosexualitätsgesetz
des Landes, das seit 2023 für gleichgeschlechtliche
Beziehungen lebenslange
Haft und für sogenannte «verschärfte»
Fälle die Todesstrafe vorsieht.
Die Polizei nahm die Frauen, 22-jährig und
21-jährig, am 18. Februar in Arua in Gewahrsam,
nachdem Nachbar*innen Fotos
der beiden eingereicht hatten. Laut AFP
haben sie keinen Zugang zu rechtlicher
Vertretung.
Menschenrechtsgruppen kritisieren das
Gesetz scharf, Aktivist Frank Mugisha
warnte auf X, dass die Regelung zu Erpressung
und Diskriminierung führe und
LGBTIQ-Personen in Uganda erheblichen
Gefahren aussetze.
MALAYSIA BLOCKIERT GRINDR
UND BLUED
Kuala Lumpur – Die malaysische Regierung
hat den Zugang zu den LGBTIQ-
Dating-Apps Grindr und Blued blockiert.
Das teilte das Kommunikationsministerium
im Februar mit und kündigte an, dass
rechtliche Schritte geprüft würden, um
die Präsenz der Apps im Land weiter einzuschränken.
Die Internetaufsichtsbehörde Malaysian
Communications and Multimedia Commission
(MCMC) hat bereits die zugehörigen
Websites gesperrt. Mobile App-Stores
wie Google Play und Apple Store fallen
nach Angaben der Behörden nicht direkt
unter die malaysischen Gesetze, da die
Apps von ausländischen Unternehmen
betrieben werden.
Das Ministerium betonte, dass die MCMC
dafür sorgt, dass Online-Inhalte im Inland
keine gegen lokale Gesetze verstossenden
Inhalte verbreiten – darunter pornografische
Inhalte, Missbrauch, Betrug oder
Gefährdungen der öffentlichen Sicherheit.
GLEICHGESCHLECHTLICHE
PAARE ERHALTEN EIGENTUMS-
RECHTE
Manila – Der oberste Gerichtshof der
Philippinen hat entschieden, dass gleichgeschlechtliche
Paare bei gemeinsam
erworbenen Immobilien Eigentumsrechte
besitzen, selbst wenn der Besitz nur auf
einen Namen eingetragen ist. Voraussetzung
ist, dass beide finanziell zum Kauf
oder zur Renovierung beigetragen haben.
Das Urteil stützt sich auf Artikel 148 des
Philippine Family Code, der Eigentumsrechte
für unverheiratete Paare regelt.
Richterin Amy Lazaro Javier betonte, dass
die Diskrepanz zwischen der Behandlung
heterosexueller und gleichgeschlechtlicher
Paare ungerecht sei.
Da gleichgeschlechtliche Ehen auf den
Philippinen nicht anerkannt sind, gilt die
Entscheidung als wichtige rechtliche Absicherung
etwa im Fall von Trennung oder
Streitigkeiten. Frühere Gesetzesvorstösse
zum Schutz von LGBTIQ-Paaren scheiterten,
unter anderem ein 2017 vorgeschlagenes
Gesetz zu zivilen Partnerschaften.
Im streng katholischen Land sind auch
Scheidungen nicht möglich.
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Story — 9
9
Was
bleibt,
wenn ich
weg bin?
122 Frühling 2026
Story — 9
Text – Kriss Rudolph
Im richtigen Moment abtreten ist
nicht so leicht. Besonders wenn
man ein Projekt oder eine Instution
gegründet, lange geleitet
und geprägt hat. Manchen fällt es
leichter, andere hadern. Über das
Loslassen.
Frühling 2026
123
Story — 9
ein Name stand bei der Kommunalwahl in Bayern am 8. März
nicht mehr auf dem Wahlzettel – oder jedenfalls nicht mehr ganz
oben, sondern auf dem allerletzten, dem 80. Platz, aus Solidarität
und vielleicht auch Nostalgie. Seit 1996 war der schwule Politiker
Thomas Niederbühl im Münchner Stadtrat gesessen. Nun trat er
nicht mehr an.
Thomas Niederbühl
30 Jahre im Stadtrat. Niederbühl war der erste, der über eine
queere, anfangs noch schwule, Wähler*innen-Initiative ins
Rathaus kam: die Rosa Liste. «Das war schon einmalig für München,
für Deutschland und wahrscheinlich für Europa», sagt er
im Gespräch mit MANNSCHAFT anlässlich seines Ausscheidens
aus der Politik. Warum geht er?
«Ich hatte seit 2017 ein paar gesundheitliche Zipperlein, das
war zumindest der Auslöser zu sagen: Wie soll es eigentlich weitergehen?»,
sagt Niederbühl, der Ende März 65 wird.
2020 entschied er sich, noch ein letztes Mal zu kandidieren,
und wollte, im Fall einer Wiederwahl, in der Münchner Aids-
Hilfe aufhören. Dort war er lange Geschäftsführer, ebenfalls 30
Jahre. «Sozusagen mein zweites Baby.» Als er 2021 dann erneut
in den Stadtrat gewählt wurde, war ihm klar: «Nach dieser Legislatur
höre ich auf.»
Es war ihm wichtig, eine klare eigene Entscheidung zu treffen.
Und er findet: «Ich bin gar nicht so schlecht im Aufhören.»
Einerseits sei es natürlich schön zu wissen, dass man vermisst
wird, wenn man geht, dass einem vielleicht auch nachgetrauert
wird. Andererseits: «Es gibt ja einige Stadtratskollegen, bei denen
man das Gefühl hat, die können nicht aufhören. Nach dem Motto:
‹Wann geht der alte Sack eigentlich?› Das wollte ich auf keinen
Fall!»
Ein Abschied sei sicher nicht einfach, aber man sollte sich auch
nicht zu wichtig nehmen, findet Niederbühl.
Illustration: KI Adobe Firefly
124 Frühling 2026
Story — 9
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Story — 9
Ganz ähnlich klang es bei Anne Will, die 16 Jahre
lang ihre gleichnamige Talksendung in der ARD
präsentierte, zuletzt am 3. Dezember 2023. Man
brauche eine gewisse Eitelkeit, um im Fernsehen aufzutreten,
habe der Kollege Frank Plasberg mal zu ihr
gesagt, erzählte Will später. Darauf entgegnete sie mit
leichtem Spott: «Es gibt Moderatoren, die vor allem
mit sich beschäftigt sind, und solche, die vor allem mit
der Sache beschäftigt sind.»
«Ich habe mich davor gefürchtet,
in ein Loch zu fallen»
Anne Will
Bereut hat die lesbische Journalistin den Abschied
nie, sagte sie später als Talkgast bei «3nach9»: Sie vermisse
gar nichts. Will gab aber auch zu, dass sie Bedenken
hatte, ob sie damals die richtige Entscheidung
getroffen hat. «Ich habe mich davor gefürchtet, in ein
Loch zu fallen. Ich arbeite gerne, ich vertiefe mich
gerne in Themen. Ich wollte auch weiter intellektuell
herausgefordert sein», verrät die ehemalige ARD-Moderatorin.
«Davor hatte ich Angst, dass das nicht mehr
da wäre, weil ich dann eben keine wöchentliche Sendung
mehr mache.»
Wieland Speck
Inzwischen ist sie wieder regelmässig auf Sendung in ihrem
eigenproduzierten Podcast «Politik mit Anne Will». Damit habe
sie das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, fund ühle sich
«wesentlich lebendiger», gab sie zu Protokoll.
Wieland Speck, von Haus aus Filmemacher, war lange
das Gesicht des Teddy Award. 1982 hatte er begonnen, als
Assistent von Manfred Salzgeber in der Sektion Panorama
der Berlinale zu arbeiten, von 1992 bis 2017 leitete er selbst die
Sektion. 1987 hatten die beiden gemeinsam den Teddy Award
als unabhängigen queeren Filmpreis der Berlinale initiiert, der
dieses Jahr zum 40. Mal verliehen wurde.
Jedes Jahr sichtete er an die 1000 Filme, flog dafür um die ganze
Welt. Irgendwann reifte in ihm der Entschluss, das Panorama
und den Teddy abzugeben. «Du musst immer auf dem neusten
Stand sein. Du bist in einem permanenten offenen Entdeckungsmodus
und gleichzeitig in einem Bewertungsmodus. Du bist für
die Filmemacher eine ganz wichtige Person. Sie denken oft, ihre
Gesamtkarriere hängt jetzt an dir. Und wenn du den Film nicht
nimmst, musst du diese Zurückweisung moderieren.»
Ein «ganz eigenes Volumen», nennt er das, viel grösser als das,
was sichtbar sei im Rampenlicht. Als er Mitte 60 war, habe er
gemerkt: «Das Brennen für immer neue Werke hat irgendwie
einen Knacks gekriegt und dann wird die Verantwortung dafür
komisch.»
Er wollte Panorama und Teddy weitervererben «im Sinne einer
queeren Situation, die weltweit einzigartig ist». Als er 2017 ging,
übergab er die Panorama-Leitung an ein Trio von engen Mitarbeitenden:
Paz Lázaro, Andreas Struck und Michael Stütz. Doch
Dieter Kosslick, der noch zwei Jahre Berlinale-Chef war, machte
stattdessen Lazaro zur Chefin. «Die sensible Dreierkonstellation
hat das nicht durchgehalten, was mich leider nicht gewundert
hat», sagt Speck. Aber rückblickend ist er zufrieden: «Der Spirit
geht weiter und das gilt eben auch für den Teddy.»
126 Frühling 2026
Story — 9
«Man kriegt es oft mit, dass Leute
so lange klammern, bis sie auf
der Bühne sterben, und dann bricht
das ganze System ein. Das wollte
ich nicht.»
Michael Stütz, jetzt sein alleiniger Nachfolger, war einst sein
Assistent und hatte dessen unbedingten Segen. Zurückblickend
findet Speck darum, es sei ein guter Übergang gewesen. «Holprig
zwar, aber nicht so verkackt, wie man das oft mitkriegt, wo
dann die Leute, wenn sie gegangen sind, unglücklich sind oder
aus Angst davor so lange klammern, bis sie auf der Bühne sterben,
und dann bricht das ganze System ein. Das habe ich oft beobachtet
und das wollte ich nicht.»
Nach Aufgabe der Leitungsposition war Speck noch zwei Jahre
beratend tätig für den Wettbewerb. «Es war also auch nicht so,
dass ich alles abgab und am nächsten Tag in ein Loch fiel.» Es war
eine Art Ausschleichen. «Ich habe noch zwei Retrospektiven für
die Berlinale gemacht, 20 Jahre Panorama Publikumspreis im ersten
Jahr und im zweiten 40 Jahre Panorama. Von daher hat sich
das ganz gut gefügt.»
Auch Niederbühl ist happy mit seiner Nachfolge-Regelung:
Bernd Müller, Aktivist und Mitgründer der Rosa Liste, werde
seine Arbeit sicherlich gut fortsetzen, sagt der Alte. Und der
Neue meint: «Ich freue mich, das Erbe von Thomas Niederbühl
anzutreten.»
Gut, wenn man jemanden findet. Bastian Finke ist noch nicht
so weit. Der Leiter von Maneo ist gerade 66 geworden. Das
schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin besteht seit 1990, Finke
leitet es bis heute. Er werde auch noch etwas weitermachen, teilt
er gegenüber MANNSCHAFT mit. Denn es sei sehr kompliziert,
einen fachlich geeigneten Nachfolger zu finden, der beide Bedingungen
erfülle: einerseits die qualifizierte psychosoziale Opferhilfearbeit
beherrschen, aber auch sozialwissenschaftliche und
politische Expertise mitbringen.
Warum ist es eigentlich so schwer loszulassen? Einer, der
anderen dabei hilft, ist Marcel Weber, «Veränderungsarchitekt».
«Leute, die zu mir kommen, haben einen inneren Wunsch
nach etwas anderem, aber sie wissen noch gar nicht konkret, was
es sein soll und wie sie dahin kommen. Sie brauchen erstmal eine
Sortierhilfe. Da sind oft unspezifische Gefühle im Spiel, die kann
man auch gar nicht in Worte fassen.»
Oft sind es Glaubenssätze, die das Loslassen schwer machen.
Glaubenssätze über sich selber oder über die Welt und den Platz,
den man hat in dieser Welt. Etwa: «Die kommen doch ohne mich
nicht klar.»
«‹Wie wird es ohne mich sein?
Das kann man oft einfach gar nicht beantworten.
Denn: Ohne dich ist es halt
einfach erstmal: anders.»
Coach Weber nennt eine andere Perspektive auf
das Loslassen: ‹Wie wird es ohne mich sein? Eine Frage,
die man oft einfach gar nicht beantworten könne.
«Denn: Ohne dich ist es halt einfach erstmal anders.»
Wenn ihm auffällt, dass in Gesprächen mit Klient*innen
immer wieder Wörter vorkommen wie
«immer», «ständig» oder «andauernd», dann sieht er
erste Anzeichen für einen manifestierten Glaubenssatz,
eine sehr starke Überzeugung. «Dann kann ich
anfangen darüber nachzudenken: Wer sagt es, ist das
wirklich so, wann ist es nicht so und so weiter. Das
kann man dann durchdeklinieren und einen Rahmen
schaffen, um darüber nachzudenken.»
Marcel Weber
Frühling 2026
127
Story — 9
Loslassen nach langer Zeit an verwortungsvoller
Stelle – das kennt auch Weber. Er war viele Jahre Geschäftsführer
des queeren Berliner Traditionsclubs
SchwuZ und schlug im ersten Corona-Jahr eine neue
Richtung ein, begann eine Ausbildung zum Coach.
Unerlässlich für die Neuorientierung waren Gespräche
mit anderen. «Mit meinem Partner, mit Freunden
und Freundinnen, die mich schon lange kennen. Das
hat mir tatsächlich sehr geholfen.»
Loslassen ist ein Prozess und dauert je nach Konstitution,
Verfassung, Umfeld und Rahmenbedingungen
unterschiedlich lang. «Für mich gehörten sehr
viele Mixed Feelings dazu: Wut und Traurigkeit, aber
auch Leere und Hilflosigkeit.»
Es gilt dann herauszufinden: Was brauche ich und
was tut mir gut? «Man muss seine Bedürfnisse kennen
oder kennenlernen. Und dazu zählen eben nicht:
Einfluss, Geld verdienen, in den Urlaub fahren.»
Was man oft noch nicht ahnt, bevor man loslässt:
Es können sich auch positive Gefühle einstellen, wie
sich Wieland Speck erinnert. «Von meinen Schultern
fiel ein riesiges Verantwortungsgefühl. Ich hatte in
der Hoch-Zeit ja immer ein Team von 45 Leuten, die
waren im Prinzip alle abhängig von mir.»
Kurz nach seinem Abtreten als Panorama-Leitung
sass er eines Abends im Kino und stellte fest: Der
Filmprojektor war nicht richtig eingestellt, das Bild
auf der Leinwand war unscharf. «Aber ich konnte auf
meinem Platz sitzen bleiben und sagte mir: ‹Ich muss
das jetzt nicht lösen.› Das ist dann auch schön.»
Mitglieder der queeren Community sind übrigens
nicht per se besser oder schlechter darin, loszulassen,
glaubt der Veränderungsarchitek Weber. «Aber wir
haben grundsätzlich eine höhere Sensibilität für solche
Abläufe.» Die Frage ist: «Wie können wir es mit
diesem Bewusstsein, das wir haben, ein bisschen besser
machen, als es die heteronormative Restrealität
tut?»
Denn nicht selten gehe mit dem Abreten ein Gefühl
von Scham einher. Menschen hinterfragen sich
und haben das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden.
«Oder ihnen fehlt die Sicht auf Alternativen: ‹Was
mache ich denn stattdessen? Ich habe gar keine Idee,
also halte ich daran fest.› Und auch eine Scham, die
von aussen an die Menschen herangetragen wird:
‹Schäm dich dafür, dass du überhaupt so lange diese
Macht hattest.›», so Weber.
Wer zu lange an entscheidender Stelle sitzt, wird
womöglich weggebissen oder weggeekelt. Da fehlt oft
auch in der queeren Community die nötige Wertschätzung,
findet Weber. «Da haben wir noch eine Hausaufgabe
zu machen, nämlich: Wie gelingt es uns, damit
besser umzugehen? Wie können wir das gut hinkriegen?»
Loslassenkönnen ist keine Frage des Alters, schon
eher eine des Geschlechtes oder der Identität. Der
auffälligste Unterschied zwischen Männern und Frauen
ist laut Weber nicht einer von Können oder Nicht-
Können: «Es gibt ja eine ganz klare Ungerechtigkeit
in der Gesellschaft, das ist ein systemisches Problem.»
Männern falle das Loslassen in der Regel nicht
schwerer: Sie nutzen nur seltener die Macht, die sie
haben, auch mal loszulassen, glaubt Weber. «Frauen
werden gar nicht gefragt, es wird für sie entschieden.
Ähnlich wie bei Queers. Das hat vor allem mit dem
Bild von Macht und Männlichkeit in unserer Gesellschaft
zu tun.»
Sprachlich ganz nah an dem Verb loslassen ist aus
gutem Grund das Adjektiv gelassen, was soviel bedeutet
wie «die äussere und innere Ruhe bewahrend».
Für Ex-Stadtrat Niederbühl scheint das zu gelten: Er
ist mit sich im Reinen. «Wenn es nicht funktionieren
sollte, entwertet es ja trotzdem nicht die 30 Jahre, die
ich gute Arbeit gemacht habe», sagt er.
Fest steht für ihn: Ein Nachfolger wird es immer
anders machen. Als Schattenmann oder «graue Eminenz»,
die versucht noch überall Einfluss zu nehmen,
will er sich nicht aufspielen. Im Wahlkampf steht er
auch nicht mehr an den Infoständen. Aber trotzdem
hat er seinem Nachfolger Unterstüzung angeboten.
«Ich halte mich raus, egal ob
ich etwas gut oder nicht so gut
finde. Weg ist weg.»
Beispiele gibt es ja in schwulen deutschen Institutionen
durchaus, deren Mitarbeiter oder heutige Geschäftsführer
sich hinter vorgehaltener Hand genervt
äussern, weil die graue Eminenz auch nach dem Ausscheiden
nicht loslassen kann. Niederbühl will diesen
Fehler nicht machen und verspricht: «Ich halte mich
raus, egal ob ich etwas gut oder nicht so gut finde. Weg
ist weg.»
128 Frühling 2026
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