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Nr. 124 «Raphael» - Frühling 2026

Das erwartet dich in der Frühlingsausgabe der MANNSCHAFT: ✨ Poet Raphael Lepenies über das schrecklich schöne Leben

Das erwartet dich in der Frühlingsausgabe der MANNSCHAFT:

✨ Poet Raphael Lepenies über das schrecklich schöne Leben

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Deine Community, dein Team.

Nr 124

Frühling 2026

mannschaft.com

Schrecklich schön

ist das Leben mit Poet

Raphael Lepenies

Seite 6

Wie «queer» sind wir?

Stimmen aus

der Community

Seite 42

«Fuck Gender Roles»:

Brigade Brut über Buh

und Jubel im Ring

Seite 68

EUR 15


DAS

IST

STEFFEN.

STEFFEN

IST

DEPRESSIV.

Auf den ersten Blick sind Depressionen schwer zu erkennen.

Mehr Infos über die Erkrankung: deutsche-depressionshilfe.de


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EDITORIAL

Bunt wie die

Community

MANNSCHAFT entstand 2010

als Monatsmagazin für schwule

und bi Männer. Seit 2020 sprechen

wir als Quartalsmagazin

die ganze queere Community

an. Einige Inhalte behandeln

LGBTIQ-Themen generell,

andere sind explizit schwul,

lesbisch, trans oder ein Mosaik

diverser Identitäten. So bunt

wie die Community eben.

Bild: Jasmin Zaccone

Neun Storys bilden das Herzstück

der MANNSCHAFT und

stehen jeweils für eine Farbe

der von Gilbert Baker 2017

erweiterten Regenbogenfahne.

MANNSCHAFT MAGAZIN

Nr. 124, Frühling 2026

Das LGBTIQ-Magazin für die

Schweiz, Deutschland, Österreich

und Liechtenstein.

Schrecklich schön

ist das Leben mit Poet

Raphael Lepenies

Seite 6

Raphael

Foto: zvg

Wie «queer» sind wir?

Stimmen aus

der Community

Seite 42

Verschiedene Rubriken zu

Film, Lifestyle, Literatur und

Musik sowie aktuelle Meldungen

runden das Magazin ab.

«Fuck Gender Roles»:

Brigade Brut über Buh

und Jubel im Ring

Seite 68

Nr 124

Frühling 2026

mannschaft.com

«Fuck Gender Roles»:

Brigade Brut über Buh

und Jubel im Ring

Seite 68

Wie «queer» sind wir?

Stimmen aus

der Community

Seite 42

Lady Roqueforce

Foto: Fotosolar

Schrecklich schön

ist das Leben mit Poet

Raphael Lepenies

Seite 6

Nr 124

Frühling 2026

mannschaft.com

Liebe Mannschaft

Wenn sich meine Co-Chefredaktorin Denise Liebchen und ich zusammensetzen,

um eine neue Ausgabe zu planen, versuchen wir immer, möglichst

viele Interessen abzudecken. Einerseits wollen wir unserer gesamten

Leserschaft gerecht werden, denn ihre Interessen sind so vielfältig wie die

Community selbst. Andererseits lassen wir uns auch von unserer eigenen

Neugier leiten: von Themen, die uns gerade beschäftigen oder überraschen.

Manchmal werden uns Geschichten und Artikelideen gepitcht. Manchmal

lassen wir uns von Trends auf Social Media inspirieren, von Büchern, die

wir gerade lesen, oder Serien, die wir gerade schauen. Und manchmal ist es

auch einfach ein Bauchgefühl, dem wir folgen.

Wenn ich jetzt kurz vor Drucklegung die testweise ausgedruckten Storys

noch einmal durchblättere, beschleicht mich plötzlich das Gefühl, wir hätten

eine Konzeptausgabe geplant, obwohl das gar nicht beabsichtigt war. In

vielen Geschichten dieser Ausgabe geht es um Rollenbilder, Schubladen und

Normen, aus denen unsere Protagonist*innen ausbrechen wollen.

Die Geschichten in diesem Magazin beginnen an ganz unterschiedlichen

Orten: auf dem Waffenplatz, im Schwimmbecken oder mit einer

Umfrage auf mannschaft.com. Und doch führen sie alle zu einer ähnlichen

Frage: Wie gehen wir mit Erwartungen um? Mit Labels, mit Rollenbildern,

mit den Kategorien, in denen wir uns selbst sehen – und in die andere uns

stecken wollen?

Carsten Roetz beschäftigt sich mit den Begriffen «gay» und «queer»

(Seite 42). Wir steigen mit der Brigade Brut in den Wrestlingring (Seite 68),

und Michael Freckmann begibt sich auf die Spuren queerer Pionier*innen

in der Armee (Seite 110). Und ich versuche herauszufinden, warum manche

Männer im Sport angehimmelt werden – während andere verspottet werden

(Seite 56). Aber keine Sorge: Diese Ausgabe kann auch anders. Denise

macht einen Abstecher in die Welt der queeren Poesie mit Raphael Lepenies

(Seite 6), und Cora Gäbel stellt die queere Jobmesse «Sticks & Stones» auf

den Prüfstand (Seite 28).

Ich wünsche dir eine anregende Lektüre und grüsse dich herzlich.

Greg Zwygart, Co-Chefredaktor

Frühling 2026

3


Mannschaftsaufstellung

In dieser Ausgabe haben unter anderem diese Personen

für uns geschrieben, gezeichnet und fotografiert.

Foto: zvg

Unsere Kolumnistin Mona

Gamie ist Dragqueen, Chansonnière

und queere Aktivistin.

In ihrer aktuellen Kolumne

geht sie unter die Gürtellinie

– in ihrer von uns überaus

geschätzten eloquenten und

zugleich charmanten Tonart.

→ Seite 51

Foto: Laura Rubli

Bei der Jobmesse «Sticks

& Stones» präsentieren

sich LGBTIQ-freundliche

Unternehmen. Doch wie

queerfriendly sind sie

wirklich? Unsere freie

Autorin Cora Gäbel hat

die Messe in Köln besucht.

→ Seite 28

Foto: zvg

Wenn Carsten Roetz nicht gerade

als Reiseleiter auf dem Motorrad

unterwegs ist, schreibt er für uns

Storys, die er bevorzugt nah am

Nerv der Community ansiedelt. Für

diese Frühlingsausgabe hat er der

Debatte rund um den Begriff

«queer» einen Raum geben wollen,

in dem sich alle ehrlich äussern

können. Die dazugehörige Umfrage

lief so heiss wie keine zuvor bei der

MANNSCHAFT. → S. 42

Foto: Mannschaft

Foto: María José Alonso

Co-Chefredakteurin Denise Liebchen sprach

mit dem Poeten Raphael Lepenies über sein

schrecklich schönes Leben. Das Gespräch hat

sie zu fünf Strophen verdichtet – plus zehn

Lieblingszeilen aus Raphaels Buchreihe «Pragmatische

Poesie» zum Mitlesen und Weiterdenken.

→ Seite 6

Eduardo Luzzatti ist Illustrator

und Designer aus Barcelona. Er

liebt es, Bilder zu kreieren, die

viel mit wenig sagen. Das ist ihm

mit seinen Illustrationen in

unserer Story «Wie queer sind

wir?» überaus gut gelungen.

→ S. 42

Michael Freckmann schreibt

über queere Perspektiven in

Gesellschaft und Popkultur.

In seiner Story erzählt er von

den Erfahrungen queerer

Soldat*innen in den Streitkräften

Deutschlands, der

Schweiz und Österreichs und

ihrem Weg von Ausgrenzung

zu mehr Akzeptanz.

→ Seite 110

Foto: zvg

Kolumnen:

Mann, Frau Mona!, 51

Die trans Perspektive, 83

Queer & Sober, 119

4 Frühling 2026


Storys

1 2 3

Literatur

Der Poet und

das schrecklich

schöne

Leben

Wirtschaft

Jobs für

wirklich alle?

Community

Wie queer

sind wir?

6

28 42

4 5 6

Sport

Eine neue

Männlichkeit

für den Sport

Fotografie

«Yes. Mission

completed.

Fuck Gender

Roles.»

Gesellschaft

Die Freundschaft

daten

56

7

Kultur

Frauen lieben

«Boys’ Love»

68 84

8 9

Militär

Ein Kleckser

Farbe in der

Camouflage

Loslassen

Was bleibt,

wenn ich

weg bin?

98 110 122

Frühling 2026

5


Story — 1

1

Der Poet

und das

schrecklich

schöne

Leben

6 Frühling 2026


Story — 1

Text – Denise Liebchen

Raphael Lepenies schreibt über

verwirrte Liebe, verbotene Wut und

den Mut, sich auszudrücken. Was

seine Texte bewirken, zeigt sich am

Signiertisch: Menschen bleiben

und schreiben ihre Geschichten in

seinen Büchern weiter.

Frühling 2026

7


Story — 1

aphael Lepenies wirkt wie jemand, der einem Plan

folgt: 123 000 Follower auf Instagram, ein eigener

Blog mit Shop, drei Book-On-Demand-Bestseller, zuletzt

eine ausverkaufte Lesereise durch Deutschland,

Österreich und die Schweiz. Doch in Wahrheit folgt

er keiner Strategie. Nur seiner Sehnsucht.

Das erste Mal sehe ich Raphael in einem Zürcher

Hotel. Ich sitze in der ersten Reihe, zwei Meter vor

ihm. Im Licht des Scheinwerfers trägt er eigene Texte

vor, entspannt und eindringlich zugleich. Hinter ihm

schweben projizierte, selbstgezeichnete Illustrationen

langsam übers Grau der Wand. Ich blicke mich im abgedunkelten

Raum um: Hinter mir lächelt eine reife

Frau in Stiefeln, zwei Männer halten Händchen, eine

junge Frau schreibt versunken Seite um Seite ihres

Notizbuches voll. Das ist der Moment, in dem ich mir

vorstelle, wie es wäre, ihn zu interviewen.

Zwei Monate später sehe ich Raphael wieder – für

diesen Artikel. Auf meinem Bildschirm sitzt er nach

vorn gelehnt auf einem Sofa, ich ebenso auf meinem

Bürostuhl. Nach wenigen Minuten lehnen wir uns

beide zurück. Das ist in meinen Augen eine seiner Gaben:

einen Raum zu öffnen, in dem man sich in die

Wahrheit zurücklehnt. Was der Poet auf meine Fragen

geantwortet hat, habe ich in fünf Strophen verdichtet,

die von seinem Blick auf das schrecklich schöne Leben

erzählen.

Strophe 1: die Gleichzeitigkeit

der Widersprüche

Raphael lächelt und spricht davon, wie er nach der

Lesereise in ein kleines Loch fällt. Ihm fällt es schwer,

in den stillen Schreiballtag zurückzukehren nach dem

täglichen Adrenalin und intensiven Kontakt mit seinem

Publikum. Am Signiertisch erzählten sie ihm von

Krisen, Krankheit und dem Trost, den sie in seinen

Texten fanden. «Erst als ich wieder allein war, ist diese

emotionale Welle über mich drüber geschwappt»,

sagt er. «Bis ich merkte: Da will einfach was gefühlt

werden. Und dann kamen die Tränen.»

Dass Gegensätze, Schrecken und Schönheit, nebeneinander

bestehen können, erlebte Raphael erstmals mit fünf Jahren: an der

Beerdigung eines anderen Kindes, der Freundin seiner Schwester,

die durch einen Autounfall starb. «Es war schrecklich», sagt er,

«und zugleich habe ich die Liebe in den Tränen gesehen. Diese

Gleichzeitigkeit begleitet mich bis heute.»

Diese Kindheitserfahrung hat er weitergetragen in sein erstes

Buch «Das Leben ist schrecklich schön» und schreibt darin: «Wir

Menschen versuchen oft Dinge in eine Ecke zu schieben, das ist

entweder gut oder schlecht, dabei existieren Widersprüche oft

gleichzeitig.»

Strophe 2: das Sammelsurium

eines Sehnsüchtigen

Bevor Raphael dem Publikum einen Text vorliest, verortet er

ihn im eigenen Leben, erzählt, aus welchem Gefühl er entsprungen

ist, mit ruhender Stimme, wachem Blick.

Lange haderte er mit seiner Scanner-Persönlichkeit: «Ich bin

multipassioniert, fange vieles an und breche es wieder ab. Manchmal

belastet mich das, weil ich denke: Ich kann mich für nichts

entscheiden.» Sein Lebenslauf ist entsprechend abwechslungsreich:

Arbeit beim Radio, Taschen bedrucken, systemisches Coaching,

Kunstprojekte. Was sich durch dieses Sammelsurium zieht,

ist das Schreiben.

Heute publiziert und illustriert er seine eigenen Bücher. Bis vor

Kurzem hat er die drei Ausgaben seiner «Pragmatischen Poesie»-

Reihe eigenhändig verpackt und verschickt. «Finanziell funktioniert

es gut über die Bücher.» Zwei Tage pro Woche arbeitet er

zusätzlich im Online-Marketing eines mittelständischen Unternehmens.

Ein Bürojob, der ihm eine Leitplanke setzt in seinem

sonst sehr strukturlosen, kreativen Alltag.

«Ich habe weder eine Struktur noch einen Plan. Im Gegenteil:

Ich kämpfe jeden Tag um einen Tagesablauf. Es gibt Hyperfokustage,

und dann welche, an denen ich erst um zehn aufstehe, eine

halbe Seite schreibe – und dann war's das.» Inzwischen vertraue

er seinem natürlichen Zyklus. «Irgendwie wird am Ende immer

alles fertig.»

Eine Konstante pflegt er dennoch: die Morgenseiten. Täglich

schreibt er ohne Anspruch, ohne Ziel. «Ich erlaube mir, alle Gedanken

aufs Papier zu kotzen.» Aus diesen Notizen entstehen später

Sätze, Texte, mal poetisch, mal essayistisch. Kurze teilt er auf

Instagram, längere auf seinem Blog. Nicht alles erscheint sofort,

manches bleibt in der Schublade.

Bild: zvg

8 Frühling 2026


Story — 1

Frühling 2026

9


10 Frühling 2026

Story — 1


Story — 1

Seine Bücher versteht Raphael als Manifeste für die Sehnsucht

– zu seiner eigenen pflegt er ein enges Verhältnis: «Das Schreiben

war für mich schon immer ein Zugang zu mir selbst, zu meinen

Fragen und zu etwas, das grösser ist als ich.»

Strophe 3: Mut zum

eigenen Ausdruck

Raphael hält sein Buch aufgeschlagen in der Hand und liest ins

Publikum: «Du bist eine echte Zumutung. Vielleicht ist das, was

du versteckst, die schönste deiner Facetten.» Er klappt das Buch

zu, vor ihm stille Gesichter.

In der Zumutung stecken drei starke Buchstaben: Mut; und

diesem folgt Raphael schon lange. Vor neun Jahren gründete er

seinen ersten Blog – zunächst anonym, um Texte zu veröffentlichen,

ohne sich voll zu zeigen. «Es war ein kleiner Schritt des

Mutes, um mich rauszuwagen», sagt er. Erst mit seinem ersten

Buch entschied er sich, unter eigenem Namen zu veröffentlichen.

Raphael will selbst bestimmen, wann und wie er sich zeigt,

ohne sich von aussen beeinflussen zu lassen. Gefühlen Raum zu

geben – auch den unangenehmen – ist für ihn zentral. Deshalb

widerspricht er der verbreiteten Tendenz, Traurigkeit sofort einzuordnen

oder abzuschwächen. «Wir sollten einander unsere negativen

Gefühle lassen. Du darfst traurig sein. Du darfst empfinden,

dass das Leben gerade schrecklich ist.» Trost entsteht nicht

im Schönreden, sondern im Aushalten.

Mut braucht keinen grossen Sprung, sondern kleine Verschiebungen:

sich heute ein wenig mehr zu zeigen als gestern – und

sich zu fragen, wem es eigentlich nützt, wenn man sich kleinhält.

«Da immer mehr narzisstische Egomanen regieren, ist es wichtig,

dass sensible, einfühlsame Menschen mutig und ausdrucksstark

werden.» Das müsse nicht laut oder extrovertiert geschehen. Das

Internet bietet Möglichkeiten, aus geschützten Räumen heraus zu

wirken, wie es einem entspricht.

Strophe 4: verworrene Liebe

und verbotene Wut

Am Ende der Lesung schwillt der Applaus an, während Raphael

seiner Crew dankt: der lockigen Emma, seiner poetischen

«Vorband», Felix mit seinen elektronischen Klangflächen zwischen

den Texten, und David, seinem Partner, der im Hintergrund

und am Merch-Stand hilft.

Raphael

Lepenies

Geboren 1991 in Solingen, ist Autor,

Gründer des Blogs «MutHafen» und

systemischer Coach. Seit 2017 vernetzt

er in seiner Community täglich

über 120 000 Menschen, die über

Selbstreflexion, Courage und das

«gute Leben» nachdenken. Seine

lyrischen und essayistischen Texte

sind als selbstpublizierte Book-

On-Demand-Bestseller als Reihe

«Pragmatische Poesie» erschienen:

«Das Leben ist schrecklich schön»

(2020), «Die Liebe ist furchtbar frei»

(2022) und «Die Schönheit bleibt

ewig ohne Namen» (2024). 2025

führte ihn seine erste ausverkaufte

Lesereise durch Deutschland, Österreich

und die Schweiz.

Illustration: Raphael Lepenies

raphaellepenies.com

@raphael.lepenies

Bild: zvg

Raphael hat seine dreiteilige Buchreihe

«Pragmatische Poesie» selbst

illustriert und publiziert.

Frühling 2026

11


Story — 1

Illustration: Raphael Lepenies

Bevor David in Raphaels Leben trat, enttäuschte die

Liebe den Poeten oft. Frühe Herzensbrüche, Dreieckskonstellationen,

unerfüllte Nähe. In seiner Verzweiflung

begann er, der Liebe Briefe zu schreiben, als wäre

sie eine Person. Dabei fand er heraus, dass nicht die

Liebe selbst das Problem ist, sondern das, was er von

ihr erwartet. So hinterfragte er Konventionen und definierte

die Liebe neu: «Verbindung bedeutet für mich,

einen anderen in seiner Tiefe erkennen zu wollen. Diese

Suche verstehe ich als lebenslangen Prozess.»

Diese Suche hat Raphael in seinem zweiten Buch

«Die Liebe ist furchtbar frei» offengelegt. Darin tastet

er sich an eigene Wunden heran und formuliert Sätze

wie: «Ich bin leicht ins Bett zu kriegen, aber schwer zu

umarmen.»

Doch Raphael schreibt nicht nur über die Liebe,

sondern auch jene Gefühle, die wir ungern zeigen:

Wut und Scham. «Über meine Wut habe ich lange

nicht gesprochen», sagt er. «Sie war für mich eine verbotene

Emotion.» Gerade im Konflikt mit Menschen,

die uns nahestehen, sind wir besonders verletzlich.

«Hässliche Gespräche können zu guten Ergebnissen

führen, wenn beide bereit sind, sich zu zeigen. Scham

existiert nur, solange wir sie verstecken.»

Zehn Zeilen

aus Raphaels Buchreihe

«Pragmatische Poesie»

Aus «Das Leben ist schrecklich schön»

«Die Enttäuschung ist nur das Ende

einer Täuschung.»

«Wer sich ständig für seine Wahrheit

entschuldigt, macht sich am Ende an seiner

Wahrheit schuldig.»

«Mach den grossen Traum nicht zum

Feind des kleinen Glücks.»

Aus «Die Liebe ist furchtbar frei»

«Scham überlebt nur in der Dunkelheit.

Also hol' ich sie ans Licht.»

«Jeder deiner Freunde war erst einmal

ein Fremder.»

«Was wenn deine Furcht nur eine

missverstandene Freiheit ist?»

Aus «Die Schönheit bleibt ewig ohne Namen»

«Wenn du versuchst, dich zu begreifen,

lass dich los.»

«Zuversicht heisst Zugemauertes mit

einer Aussicht zu versehen.»

«Schönheit verschenkt sich an den,

der sie loslassen kann.»

«Vertrau deiner Wahrheit, besonders

wenn sie weiterzieht.»

12 Frühling 2026


Story — 1

Seine erste Lesereise war in Deutschland, Österreich und in der Schweiz ausverkauft.

Am Signiertisch nimmt sich Raphael für jeden Menschen Zeit. Oft berühren ihn die Erzählungen.

Frühling 2026

Bilder: Athenea Diapouli-Hariman

13


Story — 1

Geschichten über Anpassung

und People Pleasing

als Folge queeren Aufwachsens

werden zu selten

erzählt, findet Raphael.

Illustrationen: Raphael Lepenies

Strophe 5: das Raum

haltende Chamäleon

In der Schlange vor dem Signiertisch herrscht keine Eile. Die

Gesichter sind weich. Raphael nimmt sich Zeit, schaut in jedes

Augenpaar, als wäre es das einzige im Raum. Er hört zu, erfährt,

welches Eigenleben seine Texte entwickeln, wie Menschen sich

in ihnen wiederfinden. Eine Person zeigt ihm eines seiner Bücher,

vollgeschrieben mit eigenen Randnotizen, das sie durch die Chemotherapie

begleitet hat. Eine andere lässt ein Exemplar für ihren

verstorbenen Partner signieren. «Solche Begegnungen berühren

mich tief. In diesen Momenten versuche ich, den Raum für die

andere Person zu halten. Es darf alles sein, wie es gerade kommt.»

Raphael sagt, es falle ihm leichter, anderen Raum zu geben, als

sich selbst welchen zu nehmen. «Ich war lange ein People Pleaser.

Als queerer Mensch habe ich früh gelernt, mich anzupassen,

weil ich dazugehören wollte. So werden viele von uns zu Chamäleons.»

14 Frühling 2026


Story — 1

Erst über Selbsterfahrung und Coaching fand er

Wege, sich den offenen Selbstausdruck zu erlauben und

das Wirken seiner Arbeit ernst zu nehmen. Trotzdem:

Die Tendenz zur Maskierung ist nicht verschwunden.

«Ich spreche mir täglich zu, die Maske abzunehmen»,

sagt er. «Wenn sich eine Person traut, ermutigt das andere.»

Denn noch zu selten werden sie erzählt: die Geschichten

über Anpassung und People Pleasing als Folge

queeren Aufwachsens.

Am Ende laufe vieles auf eine Frage hinaus: «Wer bin

ich, wenn ich mir wirklich erlaube, mich ganz zu verkörpern

mit meiner Geschichte?» Diese Frage wolle er

seinem Publikum mitgeben. Nicht als Antwort, sondern

als Einladung, den eigenen Platz einzunehmen und die

Gemeinschaft von innen zu verändern.

Die letzten Seiten in Raphaels Büchern sind leer. Nur

ein Titel steht über ihnen: «Raum für dich.»

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Ziele verwirklichen – in jeder Lebensphase.

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LIFESTYLE

TREND BIS TRASH

Zusammengestellt von der

MANNSCHAFT-Redaktion.

Analogisch

Im Zug sichten wir häufiger junge Menschen ohne Handy:

Sie lesen ein Buch, stricken oder schreiben in ein Notizbuch.

Der Analog-Trend scheint es tatsächlich ins Real Life

zu schaffen. Wir drücken ihm weiterhin unsere wunden

Daumen.

Wie geil wäre das: Die Jungen zeigen den

Älteren, wie das Leben ohne Smartphone

geht.

Bild: Disney/Poor Things

Unten knallt’s

Ein Comeback jagt das nächste. Wir

kommen uns mittlerweile vor wie unsere

eigene Oma, die uns regelmässig

zusprach: «Das ist jetzt wieder Mode!»

Nach Ballonhosen, Cigarette-Jeans sind

es nun die bunten Sneakers, schreibt die

«Vogue».

Kein Trend hat ein Ende,

auch an den Füssen nicht.

Bild: converse

Bild: Soundflare

Scharfe Kante

Scharf sein genügt diesem Messer nicht mehr: Das «weltweit

erste Ultraschallmesser» des amerikanischen Unternehmens

Seattle Ultrasonics vibriert mehr als 30 000-mal pro Sekunde,

weil es den Schneideaufwand halbieren will. Wir widerstehen.

Wie schneidet es bei dir ab?

Bild: zvg

16 Frühling 2026


Bild: pexels, angela roma

Glatzen-Girl

Auf Tiktok rasieren sich junge Frauen

den Kopf, weil sie ihre Überzeugungen

von Schönheit herausfordern wollen.

Wir wollen nicht alles nachmachen,

was auf Tiktok so grassiert. Götter

bewahrt uns. Aber irgendwie . . .

. . . finden wir es doch

schon noch so ’n bissl

cool.

LIFESTYLE

Bild: pexels, anh nguyen

Unperfekt

Verwuschelte Haare,

eingeknickter Hemdkragen,

schiefe Jacke, eine Handtasche,

die aussieht, als wäre

ein Auto drübergefahren: So

besinnt sich die Mode auf

die charmante Unvollkommenheit

der Menschen,

weil . . .

... die KI dieser

Tage zu viel in

unserem Leben glatt

bügelt.

Bild: pexels, Ravi Kant

Bombox Bäm!

Die Mini-Disko aus dem Ozean. Der schnuckelige Lautsprecher

Soundflare von Boompods ist klein, aber kräftig und hergestellt aus

meeresgebundenem Kunststoff. Und: Er leuchtet untenrum zum

Takt des Songs.

Arielle, ruf deine Crew, wir tanzen und singen

bis unsere Füsse nicht mehr tragen.

Shakespeare im Sommer

In den Ferien lesen kennen wir. Dem Trend nach folgt nun das Reisen

dem Lesen. Menschen pilgern an Schauplätze oder Geburtsstätten

ihrer literarischen Lieblinge: zu Shakespeare nach Stratford-upon-Avon

(Bild), Jane Austen nach Chawton, in Sherlocks Baker Street.

Literaturtourismus why not? Solange er nicht den

nächsten Übertourismus beflügelt.

Bild: Gambitek

Frühling 2026

17


ALTER EGO

Die absolute Taktlosigkeit

von Spiegeln

am frühen Morgen

Es ist Samstagmorgen. Ich habe gemütlich geduscht und erhasche

auf dem Weg ins Zimmer versehentlich einen Ganzkörpereindruck

meiner selbst im Garderobenspiegel. Seitdem laufe ich

panisch im Korridor hin und her.

Text: Mirko Beetschen

Illustration: Dominik Schefer

Ich: Ohmeingottohmeingott, so kann ich doch unmöglich in die

Badesaison starten.

Alter Ego: Bis dahin geht’s doch gut und gerne noch zwei Monate.

Ich: Oh mein Gott! Nur zwei Monate!

Alter Ego: Jetzt bewahren wir erst einmal Ruhe.

Ich: Okay. Okay. (Schnappatmung.) Okay.

Alter Ego: Ommmmmm.

Ich nehme einen tiefen Atemzug und schliesse kurz die Augen.

Ich: Ab sofort ist Intervallfasten angesagt. Kein Frühstück mehr,

Mittagessen ab frühestens zwölf, und nach 18 Uhr gibt’s nur noch

Wasser.

Alter Ego: War da neulich nicht ein Artikel, in dem stand, dass

Intervallfasten gar nicht so gut sein soll?

Ich: Was? Wo? Ja, stimmt. Dann halt was anderes. Eine Saftkur!

Die wollte ich schon lange mal wieder machen.

Alter Ego: Das sollte man aber keinesfalls ohne ärztliche Aufsicht

tun, davor warnen sie überall.

Ich: Oh nein, das ist mir viel zu aufwändig.

Alter Ego: Wie wär’s stattdessen mit Sport?

Ich: Pfff, ich und Sport.

Alter Ego: Du schwimmst doch gern.

Ich: Ja, aber in der Natur, nicht im Hallenbad. Das ist langweilig

und zeitraubend.

Alter Ego: Ins Gym?

Ich: Das ist langweilig und zeitraubend.

Alter Ego: Laufen gehen! Du hast den Wald direkt vor der Haustür!

Ich: Das ist langweilig, und ausserdem renne ich nicht gern.

Alter Ego: Irgendetwas musst du aber unternehmen!

Ich linse noch einmal vorsichtig in den Spiegel, um zu sehen,

ob die Situation wirklich solch drastische Massnahmen verlangt,

und erschrecke, weil dort ein dicker Mensch steht.

Ich (seufzend): Oh Mann, ich muss wohl wirklich in den sauren

Apfel beissen.

Geknickt schlurfe ich in mein Zimmer, um mich anzuziehen.

Mirko Beetschen ist Schriftsteller –

ausgezeichnet mit dem Literaturpreis

des Kantons Bern.

Er liebt Design und Architektur,

seinen Vizsla-Rüden Puccini, Bäume,

Tee und London.

– alterego@mannschaft.com

Alter Ego: Es gäbe da natürlich eine einfachere Variante.

Ich tue, als hätte ich mein Alter Ego nicht gehört.

Alter Ego: Nur eine klitzekleine Spritze, und das Problem wäre

gelöst.

Ich: Oh nein! Nein, nein, nein! Das kommt überhaupt nicht in Frage.

Alter Ego (sich für das Thema erwärmend): So viele Leute nehmen

es schon und haben ganz wunderbare Erfolge damit.

Ich (dezidiert): Ich will das nicht! Das müsste ich ja dann dauerhaft

spritzen. Und die Langzeitfolgen sind auch noch nicht bekannt.

Alter Ego (zischelnd): Oooozzzzemmmmpic.

Ich (laut): Auf gar keinen Fall!

Unser Hund guckt verwundert um die Ecke, und mein Partner

ruft aus dem Wohnzimmer, was los sei.

Ich (zurückrufend): Alles gut!

Alter Ego (beleidigt): Dann halt nicht.

Ich: Lieber nehme ich nur noch Wassermelonen zu mir. Da

verbraucht man beim Essen mehr Energie, als sie liefern.

Alter Ego: Toll. Sehr ausgewogen.

Ich: No carbs.

Alter Ego: Das hältst du genau einen halben Tag durch.

Ich: Weight Watchers!

Alter Ego: Gibt’s die überhaupt noch?

Ich: Proteinshakes.

Alter Ego: Bäh!

Ich: Eine Hollywood-Diät!

Alter Ego: Mangelernährung, ahoi.

Ich: Jeden Bissen 100 Mal kauen!

Alter Ego: Keine Zeit.

Ich: Kohlsuppendiät!

Alter Ego: Igitt!

18 Frühling 2026


Homosexuelle, bisexuelle, trans- oder intergeschlechtliche Menschen werden noch immer, in vielen Teilen der

Welt, sozial geächtet, ihrer Freiheit und ihres Lebens beraubt. Die Allgemeine Erklärung der Menschen rechte

spricht jedem Menschen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit zu, ohne diskriminiert zu werden. Das

gilt für alle Menschen – egal, wen sie lieben oder wie sie das eigene Geschlecht leben.

Zeige deine Menschlichkeit: Unterstütze unsere Arbeit für

die Menschenrechte mit deiner Unterschrift, deinem Einsatz

und deiner Spende. amnesty.de


MANNSCHAFT+

ARTS

Bild: zvg

Pedro auf der

Leinwand

Alle Fans von Pedro Pascal angeschnallt: Ab 20. Mai düst

er als Kopfgeldjäger Mando durch die Galaxie von Star

Wars und beschützt den niedlichen machtsensitiven Din

Grogu. Das Actionspektakel setzt auf grosses Kino.

Atemberaubende Bilder, packende Spannung und

fulminante Action versprechen bereits jetzt ein galaktisches

Kinoerlebnis. Ab dem 20. Mai ist das neue Abenteuer

von Lucasfilm bundesweit im Kino zu sehen.

– disneycontent.de

Foto: Disney

Lovepop in

Stuttgart

Die Hitmaschine Luca Mahone reist aus

Braunschweig an und spielt erstmals bei

der Lovepop in Stuttgart. In der queeren

Clubbing-Szene hat er sich einen Namen

gemacht an Partys in Hamburg, München

oder Hannover. Seine Mission: Dich mit

seinen Pop, Dance, Black, House & Queer

Classics auf der Tanzfläche ordentlich ins

Schwitzen bringen. Am Samstag, 11. April,

im Romy S. Das Lovepop-Motto: Queer,

straight, whatever – alle sind willkommen.

– lovepop.info/stuttgart

Freie Bühne

Wien: Neustart

als Talentschmiede

Bild: BarbaraPálffy

Queere Filmfestivals

auf

einen Blick

Rund 30 unabhängige queere Filmfestivals in Deutschland

und der Schweiz findest du auf der Seite von «QueerScope»

– darunter auch das Pink Apple in April und Mai in Zürich und

Frauenfeld. Jedes Jahr erreichen die Festivals über 45 000

Besucher*innen (yeah!) und verleihen zahlreiche Preise an

Kurzfilme und Langfilme. Lust auf Leinwand? Dann schau mal

vorbei: – queerscope.de

50 Jahre nach ihrer Gründung war die Freie

Bühne Wieden aufgrund von finanziellen

Einsparungen von der Schliessung bedroht

– und steigt nun als Freie Bühne Wien wie

Phönix aus der Asche. Neu-Direktor Gernot

Kranner öffnet das Haus als Talenteschmiede

für junge Künstler*innen – im Juni mit

gleich zwei kontinentaleuropäischen

Premieren: der Punk-Musical-Songzyklus

«ThirdSex – 1930er Trans*Lieder» (13./14.6.)

mit den deutschen Musicaldarsteller*innen

«AMY» und Elias Heiligendorff, die selbst

trans sind. Eine Woche später folgt das

englische Solo-Musical «The Pink List», das

zuvor in London und Edinburgh Erfolge

gefeiert hatte.

20 Frühling 2026


BESTER

BRITISCHER FILM

BRITISH INDEPENDENT

FILM AWARDS 2025

“Unverschämt

fesselnde DomCom”

CINEMA

Harry Melling

Alexander Skarsgård

EIN FILM VON HARRY LIGHTON

trailer

AB 26. MÄRZ IM KINO


+B

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BRANDS

Bild: zvg

Missior statt

Warteschlange

Alles begann in der Warteschlange vor einer Berliner

Clubtoilette mit der Frage: «Warum gibt es Urinale nur

für Männer?» Aus dieser Idee entwickelte Lena Olvedi

Missoir, ein Hock-Urinal für Frauen und FLINTA. Es

ergänzt die Toilettenschüssel als gleichberechtigte

Option und ist für schnelle, ergonomische und kontaktfreie

Nutzung gemacht. Wasserlos und wartungsarm

eignet es sich besonders für Städte, Events und stark

frequentierte öffentliche Toiletten. Wir finden: Sofort

überall einführen, aber dalli! – missoir.de

Bild: zvg

Bild: zvg

Eiskalter Donut

oder Churro?

Die Glace-Theke bekommt Zuwachs: Ben &

Jerry’s schickt zwei neue Sorten ins Rennen,

«Churrifically Churros-y» und «Strawberry

Doughnut-eee». Beide bauen auf einem

Fünfertrick: zwei Glacesorten, zwei Arten

Chunks, dazu eine Sauce. Einmal Zimt-

Zucker, Caramel und Churros-Vibes, einmal

Erdbeerrahm, weisse Ampersand-Stücke,

Erdbeer-Swirls und Doughnut-Teigstücke,

wie ein Bäckerei-Coup, nur eiskalt.

Eltons edler

Tropfen

Bild: zvg

Raum für Trauer

Caro Zündorf arbeitet in Köln als queere freie Rednerin und

Trauerbegleiterin. Über zwei Semester evangelische

Theologie ist sie ins Thema eingestiegen, geblieben ist der

Wunsch, Menschen zu begleiten und Räume zu schaffen, in

denen sich alle gesehen fühlen. Noch bis Ende März führt

sie dafür einen Pop-up in Köln: «(d)ein Raum für Trauer». Mit

Austauschformaten und Lesungen zu Verlust, Erinnerung

und Chosen-Family-Konstellationen, mit Fokus auf queere

Communitys. – carozuendorf.de

Niemand Geringerer als Elton John bereichert

die Auswahl an alkoholfreien Schaumweinen

um ein hochwertiges und prickelndes Schätzchen,

ausschliesslich aus Chardonnay-Trauben

aus Norditalien hergestellt. Es hört auf den

schlichten Namen «Elton John Zero». Der

Pop-Gott hat in seinem Leben nichts anbrennen

lassen und setzt sich seit vielen Jahren für

einen gesunden Lebenswandel ein. Mit seiner

Premium-Marke will er die Freude und das

Gefühl des Feierns in die Null-Prozent-Welt

bringen. Willst du auch mal probieren? Dann

Augen auf bei gehobenen Weinhändler*innen

oder Online-Versandshops, die auf exklusive

und alkoholfreie Getränke spezialisiert sind.

22 Frühling 2026


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1978.

Q

.

M I: eisenherz.berlin I Motzstr. 23 I Tel: +4930 313 99 36


MANNSCHAFT+

COMMUNITY

Grosse ESC-

Ausstellung

Wien stimmt sich auf den ESC 2026 ein. Qwien, Österreichs

grösstes Zentrum für queere Kultur und Geschichte, zeigt mit

«United by Queerness» eine grosse Ausstellung zum Eurovision

Song Contest. Objekte wie auch Video- und Hörstationen

machen sichtbar, warum der ESC für viele Menschen der

LGBTIQ-Community ein Ort von Identität und Sichtbarkeit ist,

aber auch nationale Selbstinszenierungen und politische

Brüche spiegelt. Laufzeit bis 24. Mai. Ergänzend bietet Qwien

queere ESC-Stadtführungen an, etwa zu Conchita Wurst, Udo

Jürgens und queerer Geschichte Wiens. Tickets:

qwien.at/esc

So verpasst

du keine Pride

Von Berlin bis Zürich: Bei uns findest du

eine Übersicht aller Pride- und CSD-Termine

im deutschsprachigen Raum. Leg dir

schon mal die Regenbogenfahne zurecht

und trag dir deine Lieblingstermine ein.

Bild: zvg

Queere

Travel-App

Auf Reisen liebte Nora von Breitenbach das

Gemeinschaftsgefühl beim Couchsurfing, doch zu

oft geriet sie in Situationen, die sie als unangenehm

und unsicher empfand. Als queere Frau

dachte sie: Das muss nicht so sein. Aus diesem

Funken entstand Quouch, eine queer ausgerichtete

Travel-App aus Berlin. Heute verbindet sie über

30 000 Nutzer*innen in 80 Ländern und hilft dir,

unterwegs Menschen und Orte zu finden, bei

denen du dich sofort zuhause fühlst. Neu gibt es

«Quouch Hangouts»: kostenlose, niedrigschwellige

Offline-Treffen und Hinweise auf queerfreundliche

Locations, für Reisende ebenso wie für

Locals. – quouch.com

Happy

Birthday

Sub

Das schwul-queere Zentrum Sub in

München wird 2026 40 Jahre alt. Seit der

Gründung am 4. September 1986 bietet

es einen Schutzraum ohne Konsumzwang

und baute Beratung, Gruppenangebote,

eine Bibliothek und ein Café auf,

das heute an 365 Tagen im Jahr öffnet.

Aus dem «schwulen Wohnzimmer»

wurde ein politisches Sprachrohr, das

queere Anliegen in Stadt und Politik

einbringt. Getragen wird das Sub von

461 Mitgliedern, 16 Hauptamtlichen und

vielen Ehrenamtlichen. Zum Jubiläum

richtet es den Blick nach vorn, auch weil

die bayernweite Fachstelle «Strong!»

2025 bereits 413 Fälle von Diskriminierung

und Gewalt erfasste.

Bild: Mark Kamin

24 Frühling 2026


Wohin zieht es dich

als Nächstes?

Ob persönliche Reisegeschichten, queerfreundliche

Unterkünfte oder Tipps direkt aus der Community –

online findest du bei uns Inspiration für deinen nächsten

Trip (oder einfach fürs Kopfkino).

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NACHGEFRAGT

mit der Mannschaft

«Die Aviatik

ist ein eigener

Kosmos»

Warum fühlen sich viele queere Menschen

in der Aviatik sicher und wo endet diese

Offenheit? Michael von Allmen von SWISS

erzählt, wie der Alltag an Bord aussieht,

wo Diskriminierung passiert und warum

Veränderung Strukturen braucht.

Warum gilt die Aviatik als besonders

queerer Arbeitsraum?

Die Aviatik ist ein eigener Kosmos. Internationalität

und Vielfalt sind vom ersten

Tag an normal: unterschiedliche Sprachen,

Kulturen und Lebensentwürfe. Dadurch

fällt man weniger auf, weil es diese eine

dominante Norm nicht gibt. Hinzu kommt

die enge Teamdynamik: Man arbeitet und

Michael von Allmen

Culture, Engagement

& DEI Mgmt

Bild: zvg

reist zusammen, übernachtet am selben

Ort und verlässt sich aufeinander. Viele

queere Menschen kennen das Prinzip der

«Chosen Family» – in der Aviatik entsteht

sie oft automatisch. Dass es zudem viele

sichtbare queere Kolleg*innen gibt, trägt

dazu bei, sich früh sicher und gesehen zu

fühlen.

Trotzdem, wo liegen die Herausforderungen?

Der Arbeitsplatz ist eng: Uniform, Service,

keine Möglichkeit auszuweichen. Wenn

Gäste Sprüche machen oder Annahmen

treffen, geschieht das offen und vor anderen.

Man bleibt professionell, für sich

und die Situation an Bord. Auch scheinbar

harmlose Fragen wie «Hast du eine Freundin?»

werden zu Mini-Entscheidungen:

korrigieren, stehen lassen, erklären? Dazu

kommt das Unterwegssein in Ländern mit

anderen rechtlichen Realitäten. Das erzeugt

keine ständige Angst, aber ein dauerhaftes

Mitdenken darüber, wie sichtbar

man ist und was man sagt.

Proud@SWISS

ist ein internes Netzwerk von Mitarbeitenden

der Fluggesellschaft

SWISS. Es wendet sich an LGBTIQ-

Personen wie auch an alle Teammitglieder,

die sich für Diversität,

Gleichberechtigung und Inklusion

am Arbeitsplatz einsetzen.

Das Netzwerk bringt Mitarbeitende

aus unterschiedlichen Bereichen

zusammen, fördert den Austausch

und dient als Anlaufstelle bei Fragen

zu sexueller Orientierung und

Geschlechtsidentität. Es arbeitet

bereichsübergreifend und steht im

regelmässigen Dialog mit Human

Resources.

Proud@SWISS greift Themen wie

Sichtbarkeit, inklusive Sprache, den

Umgang mit Grenzverletzungen

und die Weiterentwicklung interner

Abläufe auf. Ziel ist es, Offenheit

und Akzeptanz dauerhaft im Unternehmen

zu verankern.

Mehr Infos zu Proud@SWISS:

26 Frühling 2026


Das Netzwerk Proud@SWISS setzt sich intern für dauerhafte Offenheit und Akzeptanz ein.

Du arbeitest im HR, fliegst in der Kabine

und hast dich im Bereich Diversity

weitergebildet. Warum reicht Betroffenheit

nicht aus, um etwas zu verändern?

Betroffenheit ist wie ein Scheinwerfer: Sie

zeigt, wo es wehtut, repariert aber nichts.

Organisationen funktionieren über Prozesse,

Zuständigkeiten, Standards. Weiterbildung

hilft, um Einzelfälle in Muster

zu übersetzen. Wenn Veränderung nur an

mutigen Einzelpersonen hängt, ist sie fragil.

Nachhaltig wird sie erst, wenn Strukturen

greifen, etwa bei Grenzverletzungen

oder im Umgang miteinander, messbar mit

Daten, Fakten und Studien.

Du engagierst dich bei Proud@SWISS.

Warum ist das Netzwerk so aktiv?

Die Community ist gross und in der ganzen

Airline verteilt: Kabine, Technik, Büro,

operationeller Betrieb. Wichtig ist auch:

Das Netzwerk ist offen für unbequeme

Dialoge. Wir wollen keine Symbolik sein,

sondern Veränderungen anstossen. Das

motiviert auch neue Teammitglieder, sich

einzubringen.

Welche Themen beschäftigen die

Community?

Die Community beschäftigt vor allem,

wie wir mit Grenzverletzungen umgehen.

Greifen die Prozesse, wenn es zu Grenzüberschreitungen

kommt, zwischen Passagier*innen

und Crew oder innerhalb der

Teams? Viele diskutieren auch Sichtbarkeit

und Verantwortung. Wann zeigen wir Haltung

und wo wird sie zur reinen Symbolik?

Was habt ihr konkret erreicht?

In der Diskussion um die Pride-Teilnahme

während des gesellschaftlichen und politischen

Backlashs gab es viele Meinungen.

Entscheidend war aufzuzeigen, was ein

Rückzug bedeutet hätte: Verlust an Glaubwürdigkeit,

der Vorwurf von Pinkwashing.

Haltung darf nicht vom politischen

Wetter abhängen. Diese Argumentation

hat den Ausschlag gegeben.

Frühling 2026

27


Story — 2

2

Die queere

Karrieremesse:

Jobs für

wirklich

alle?

28 Frühling 2026


Story — 2

Text und Fotos: Cora Gäbel

Heterosexuelle Partnerschaften vortäuschen.

Richtigen Namen und Pronomen

verschweigen. Ständige Angst vor dem

Outing im Job. So geht es vielen queeren

Menschen am Arbeitsplatz, obwohl das

Recht auf ihrer Seite ist. Theoretisch.

In der Praxis erleben sie jedoch Diskriminierung.

Die Job- und Karrieremesse

«Sticks & Stones» will hier Alternativen

sichtbar machen.

Frühling 2026

29


Story — 2

Stick & Stones

Die nächste Sticks & Stones könnt ihr

am 6. Juni 2026 in der Uber Eats Music

Hall in Berlin oder am 30. Januar 2027

im Palladium in Köln besuchen. Hier

könnt ihr nicht nur queerfreundliche

Unternehmen kennenlernen, sondern

auch Inspiration für euren Arbeitsalltag

mitnehmen und euch mit anderen

Menschen vernetzen.

m 20. und 21. Januar 2025 erliess Donald

Trump die Executive Orders 14151 und

14173. Diese Dekrete bezeichneten Massnahmen

zu DEI(A) (DEIA: diversity, equity,

inclusion, and accessibility, also: Diversität,

Chancengleichheit, Inklusion und Barrierefreiheit)

als illegal und unmoralisch, weil

sie bestimmte Gruppen von Menschen bevorzugen

würden: marginalisierte Menschen.

Zukünftig solle es nur noch um

Leistungen, Fähigkeiten, harte Arbeit und

Entschlossenheit gehen – die zentralen

Werte des Kapitalismus. Trumps Handlungen

beeinflussen auch europäische Unternehmen,

was die Arbeitsbedingungen von

queeren Menschen mindestens verkompliziert.

Die «Sticks & Stones» (Stöcke &

Steine) möchte hier eine Brücke zwischen

LGBTIQ-Menschen und Unternehmen, die

Diversität schätzen, bilden. Organisiert

wird die queere Job- und Karrieremesse

von der Uhlala Group, die sich durch verschiedene

Projekte für queeres Empowerment

in der Arbeitswelt einsetzen will.

Willkommen!

Seit 2010 strömen jährlich 2000 Besucher*innen

zur Sticks & Stones nach Berlin,

um sich mit etwa 100 Unternehmen

zu vernetzen. Seit 2024 gibt es die queere

Karrieremesse auch in Köln, zu der 1300

Interessierte und etwa 50 Unternehmen

kommen. Zuletzt fand die Sticks & Stones

am 31. Januar in Köln statt.

Bei ihrer Ankunft sammeln sich die Besucher*innen

vor der Tür, die übersehen

haben, dass das Mitbringen von eigenen

Lebensmitteln und Getränken nur bei

Vorlage eines Attestes erlaubt ist. Hier

wird schnell noch das belegte Brötchen gegessen

– oder auch entsorgt. Ausnahmen

gibt es keine, auch nicht für Besucher*innen

mit Schwerbehindertenausweis oder

für Vortragende.

Direkt im Eingangsbereich gibt es Pronomensticker,

die «Job Wall» mit Stellenausschreibungen

und ein Bereich zum

Ausruhen, Essen und Netzwerken. In der

Haupthalle stellen sich dieses Jahr 43 Unternehmen

und zwölf Vereine und Initiativen

vor, die sich für queere Repräsentation

einsetzen. Ein Awareness-Team hilft in

schwierigen Situationen, verteilt Ohrenstöpsel

oder begleitet Besucher*innen zum

Ruheraum. Awareness wird hier auf mehreren

Ebenen gedacht. Das Team selbst

sieht sich aber eher als präventive Massnahme,

das potenzielle Täter*innen durch

seine Anwesenheit abschreckt.

Eine kleine Ausstellung zeigt verschiedene

queere Flaggen. Es gibt genderneutrale

barrierefreie Toiletten, Catering inklusive

einer veganen Option, zwei ruhige

Stunden am Anfang der Messe, eine DJ für

die Zeit danach, Tätowierer*innen. Über

den Tag verteilt inspirieren Vortragende in

zehn Vorträgen zu Themen wie Stress und

Einsamkeit, Flucht und Migration, Ausbildung,

Selbstwert und Neurodivergenz.

30 Frühling 2026


Story — 2

Frühling 2026

31


Story — 2

Die Kölner Dragqueen Cassy Carrington moderiert die Vorträge des Tages.

Besucher*innen können sich zu kostenlosen

Karriere-Coachings bei sechs Coaches

mit unterschiedlichen Schwerpunkten und

bei vier Networking-Sessions anmelden.

Bin ich hier richtig?

Die Messe richtet sich nicht unbedingt

an selbstständige Personen wie mich als

Event- und Hochzeitsplanerin. Seit mittlerweile

sechseinhalb Jahren bin ich nicht

mehr angestellt. In dieser Zeit spielte in

meinen Jobs Diversität kaum eine Rolle,

auch wenn es die Strukturen (meistens)

gab. Heute bin ich in unterschiedlichen

Bereichen tätig, aber vor allem für Hochzeiten

und Events, und ich spreche explizit

diverse Kund*innen an – besonders queere

Menschen, aber auch darüber hinaus. Entsprechend

war ich auf meine erste Sticks &

Stones sehr gespannt. Würden die anwesenden

Unternehmen wirklich für Diversität

und Inklusion stehen oder, wie so oft in

meiner Branche, Diversität und Inklusion

als smarte Marketingstrategie betrachten?

Ich bin nicht in die Hochzeitsbranche

gegangen, weil ich Hochzeiten damals so

toll fand. Das kam erst später. Ich hatte

32 Frühling 2026

kaum Bezug zu Hochzeiten, war selbst erst

auf wenigen Hochzeiten gewesen. Ich

habe mich damals für diese Karriere entschieden,

als ich realisiert habe, dass die

Branche nicht inklusiv ist und die meisten

Dienstleister*innen vor allem cis-hetero,

weisse, schlanke und scheinbar gesunde

Menschen ansprechen. Auch ausserhalb

vom Pride-Monat darf’s natürlich queere

Repräsentation geben. Ironie off.

In den letzten Jahren habe ich mir ein

Netzwerk aus queeren Hochzeitsdienstleister*innen

und Allys aufgebaut, bei denen

ich weiss, dass sie Diversität nicht nur

sagen, sondern auch leben. Heute würde

ich ohne so ein Umfeld nicht mehr arbeiten

wollen. Als Hochzeitsplanerin ist es eher

selten, angestellt zu werden, als Eventplanerin

ist es nicht unbedingt ausgeschlossen.

Obwohl ich mit meiner Selbstständigkeit

zwar (meistens) zufrieden bin, könnte

ich es mir durchaus vorstellen, mich von

einem kleinen, queeren Unternehmen anstellen

zu lassen – vorausgesetzt, die Werte

passen insgesamt zu meinen und werden

deutlich nach aussen kommuniziert. Bin

ich dafür bei der Sticks & Stones richtig?

Echte Solidarität oder doch

nur Rainbow Washing?

Ein Grossteil der anwesenden Unternehmen

sind grosse Konzerne, die meisten haben

ihren Hauptsitz in Deutschland, einige

davon kommen aus Köln. Viele der Konzerne

haben Tochtergesellschaften in der

ganzen Welt. Die Sticks & Stones hat die

Unternehmen in sechs Kategorien aufgeteilt,

die meisten gehören in die drei Sektoren

«Beratung, Finanzen und Versicherungen»,

«Recht, Bildung und Behörden» und

«IT, Tech und Energie». Weitere Sektoren

enthalten Unternehmen aus Verkauf, Hotel

und Catering sowie Media, Marketing

und Unterhaltung. Nur vier Stände richten

sich an Interessierte im sozialen Bereich,

zwei im Bereich Medien. An vielen Ständen

gibt es Goodies in Regenbogenfarben

und Gewinnspiele. Oft sind die Stände

selbst auch mit Regenbogenflaggen und/

oder inklusiven Slogans gestaltet. Wer

herausfinden will, wie authentisch dieser

präsentierte Diversitätsansatz ist, muss

ausführlicher recherchieren.

So ist A&O Shearman das einzige Unternehmen,

das einen klaren Bezug zu den


USA hat: Es ist aus einer Fusion von zwei

Rechtsanwaltskanzleien aus den USA und

dem Vereinigten Königreich entstanden.

Und während die Kanzlei auf ihrer Website

davon spricht, dass sie unterschiedliche

Perspektiven und Hintergründe

wertschätzen und feiern, wurde im April

2025 bekannt, dass sie die Regierung von

Donald Trump mit kostenlosen Rechtsberatungen

in Höhe von 125 Millionen USD

unterstützen würden – für mich Grund

genug, diesen Stand zu meiden.

Auf seiner Website sagt Vodafone:

«Vielfalt ist in unserer DNA.» Und bei

meinem Gespräch am Vodafone-Stand

spiegelt sich genau das wider: meine Gesprächsperson

spricht vom umfassenden

Story — 2

Nicht alle ausstellenden

Firmen haben auch Jobs

ausgeschrieben.

Inklusionsmanagement, der neuen Diversitätsberaterin,

den Netzwerken unter

anderem für queere Menschen. In vielen

Unternehmen hätten die Mitarbeitenden

seit Trump Angst gehabt, bei Vodafone

seien seit letztem Jahr die Massnahmen

verstärkt worden. Diese Unternehmenskultur

sei auch ein entscheidender Faktor

bei der Wahl des Arbeitsplatzes meiner

Gesprächsperson gewesen.

Als ich bei Next Leuchtfeuer fast schon

provokant frage, wie sie sich für Inklusion

einsetzen, fragen sie zurück: «Was machen

wir nicht?» Next ist eine Tochtergesellschaft

der Stiftung Leuchtfeuer und will

Safer Spaces für junge FLINTA-Personen

schaffen. Und bei Next werden auch die

Mitarbeiter*innen mitgedacht, für die ihr

Arbeitsplatz ebenfalls ein Safer Space sein

soll. Das Projekt selbst ist noch jung und

besteht erst seit Oktober 2024; im Sommer

2025 wurden vier Wohngruppen in

Köln eröffnet. Hier wird das Konzept der

alten Heimerziehung zu feministischer Jugendhilfe

auf Basis von Beziehungen neu

gedacht. Es geht beispielsweise um Selbstbestimmung

und Eigenverantwortung,

Kritik an patriarchalen Machtstrukturen,

Empathie und Vertrauen – und ist damit

ein wichtiger Ort, besonders für queere

Jugendliche.

Zwischen Jobsuche und Networking

Die Besucher*innen, mit denen ich spreche,

scheinen alle queer zu sein, obwohl

sich die Sticks & Stones auch explizit an

«alle Menschen, die Vielfalt feiern», richtet.

Viele sind aktiv arbeitssuchend, aber

nicht alle. Manche wollen sich einen Überblick

verschaffen, wo sie sich vielleicht in

Zukunft mal bewerben können. Einige

erzählen, dass sie sich ein Unternehmen

wünschen, das sie so akzeptiert, wie sie

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Schauspiel

Auf

allen

vieren

Miranda July

Ab

1.4.

2026


Story — 2

sind – mit ihren Beziehungen, Pronomen

und vielleicht noch nicht offiziell geänderten

Namen. Andere besuchen die Messe

zum Networking und/oder für die Vorträge.

Immer wieder erzählen mir Besucher*innen,

dass die ausstellenden Unternehmen

aktuell keine Jobs hätten – das

enttäuscht so manche Erwartungen. So

geht es auch Eve. Sie sucht hier wie so viele

andere nach einem neuen Job, aber das

Unternehmen, das sie besonders interessiert

hat, hat aktuell keine freien Stellen.

Sie beobachtet: «Bei manchen Unternehmen

musste ich bisschen schmunzeln,

was Diversity angeht.» Als Beispiel nennt

sie ein Unternehmen, das sich ebenfalls

als vielfältig und inklusiv positioniert. In

der Unternehmensstruktur möge dies der

Fall sein, aber ihre eigenen Erfahrungen

in diesem Unternehmen können das nicht

bestätigen.

Ich spreche mit einer weiteren Besucherin.

Caro ist wie ich selbstständig und

besucht die Messe vor allem zum Networking

und für die Vorträge. Aber sie hat

auch eine Motivation, die aus ihrer eigenen

Queerness kommt: «Weil ich es auch

einfach immer wichtig finde, wenn queere

Spaces geschaffen werden, diese zu unterstützen.»

Auch Caro ist von der Repräsentation

teilweise überrascht und hat schon

im Vorfeld bemerkt, dass vor allem grosse

Unternehmen dabei sind. Oder auch

Unternehmen unter katholischer Trägerschaft

wie die Caritas und die Katholische

Hochschule Nordrhein-Westfalen – und

die Einstellung der katholischen Kirche zu

queeren Menschen ist bestenfalls kompliziert.

Besonders gefällt ihr der Bereich mit

den Vereinen und Initiativen, die keine

kapitalistischen Interessen verfolgen, und

das FLINTA-Netzwerktreffen.

IT-Branche bzw. Jurist*innen. Proudr, das

hauseigene queere Karrierenetzwerk von

Uhlala, organisiert eine übergreifende Session,

zu der nicht nur queere Menschen,

sondern auch Allys eingeladen sind. Die

Session von Uhlala selbst lädt FLINTA-

Personen zum Vernetzen ein.

Ich spreche mit Hannah Sophie Welte,

Coach für u.a. Stressmanagement,

Potenzialentfaltung sowie für queere und

neurodiverse Inklusion. Hannah ist aus

Hamburg angereist und das erste Mal bei

der Sticks & Stones. Sie hatte Lust, etwas

beizutragen, und sieht die Sticks & Stones

als eine schöne Möglichkeit, Sinnhaftigkeit

zu erleben – besonders wenn sie sich

anschaut, «was im Moment sonst so in der

Welt geschieht». Im Gegensatz zu manch

anderen Coaches verfolge Hannah keinen

missionarischen Ansatz; sie sei dann da,

wenn Menschen bereit sind. Authentizität

und Integrität sind ihr wichtig. Wenn sie

mit ihren Klient*innen arbeitet, verfolgt

sie die Leitfrage «Was brauchst du jetzt?»

Und auch mir gibt sie einen Impuls mit auf

den Weg, der meinem neurodivergenten

Gehirn hoffentlich bald mehr Ausgeglichenheit

bringt.

Bevor sich Hannah auf ihre geplanten

Coachings vorbereitet, gehen wir gemeinsam

zu Fay Wundersees Vortrag

«Stress und Gefühle von Einsamkeit – gerade

queere Menschen sind besonders betroffen».

Fay spricht über Einsamkeit als

Volkskrankheit und zeigt, wie sich Einsamkeit

und Stress gegenseitig verstärken.

Hannah Sophie Welte unterstützt Menschen im Bereich Stressmanagement

und Potenzialentfaltung – besonders queere und neurodivergente

Menschen.

Von Stress, Empowerment und

Tätowierungen

Das Rahmenprogramm ist so umfangreich,

dass sich Besucher*innen entscheiden

müssen. Und so spannend, dass immer

auch etwas FOMO entsteht – die Angst,

etwas zu verpassen. Abgesehen von einer

kurzen Pause am Nachmittag laufen

von 11 bis 17 Uhr Vorträge, parallel dazu

finden die Coachings statt – bei beiden

Programmpunkten sind FLINTA-Menschen

besonders präsent. Zwei der vier

Networking-Sessions sind branchenspezifisch

und richten sich an Menschen in der

34 Frühling 2026


Story — 2

An der «Job Wall» können Besucher*innen nach neuen Karrierewegen suchen.

Besonders marginalisierte Gruppen seien

von dieser Abwärtsspirale betroffen. Aber

mit dem richtigen Stressmanagement können

Menschen diese Spirale verlassen: Benennung

und Regulierung der Emotionen

reduziere den Stress; neue positive Erinnerungen

würden in schwierigen Zeiten

helfen.

Am Nachmittag mache ich mich auf

den Weg zum FLINTA-Networking. Ich

muss mich zuerst registrieren und darf

dann hoch auf die Empore. Ich bin positiv

überrascht: häufig werden Räume für

FLINTA-Menschen von cisgender Frauen

dominiert. Hier nehmen aber auch trans

und nicht-binäre Menschen teil. Wir werden

in kleine Gruppen von zirka fünf Personen

aufgeteilt und bekommen einzelne

Impulsfragen, um die Gespräche zu initiieren.

Manchen ist das Format zu starr,

anderen bietet es aber auch einen Rahmen,

der ihnen Halt in einer Situation bietet, in

der sie mit fremden Menschen interagieren

sollen.

Auf den ersten Blick haben die Tätowierer*innen

keinen direkten Mehrwert

für eine Job- und Karrieremesse. Sie haben

eigene Motive mitgebracht, aber bieten

auch an, ein Gleichheitszeichen als

Symbol für Chancengleichheit zu stechen.

Mittlerweile wird das Zeichen oft als Symbol

für Diversität, Chancengleichheit, Inklusion

und Barrierefreiheit insgesamt gelesen.

Jeweils zehn dieser Tätowierungen

bieten die Künstler*innen kostenlos an.

Während mir Sarah Klein am Ende meines

Tages ein Gleichheitszeichen mit der

«Hand Poke»-Technik auf den Finger tätowiert,

sprechen wir über Jobs und wie

sich Karrierewege verändern. Hand Poke

– mit der Hand und einer einzelnen Nadel

gestochen – dauert länger und lässt uns

genug Zeit zum Austausch. Auch andere

Besucher*innen beteiligen sich zwischendurch

an den Gesprächen. Wer das Gleichheitszeichen

sichtbar tätowiert hat, wird

in Zukunft sicherlich viele Gespräche über

seine Bedeutung führen – vielleicht auch

in beruflichen Kontexten.

Wie inklusiv ist die Sticks & Stones

wirklich?

Die Idee hinter der Sticks & Stones ist

grossartig. Und vieles funktioniert. Meistens.

Ein Grossteil meiner Gesprächspartner*innen

ist insgesamt zufrieden. Gleichzeitig

gibt es Kritik: an den hohen Preisen

für Essen und Getränke, an fehlender

Zugänglichkeit und an der starken Präsenz

grosser Konzerne. Inklusion endet

nicht beim Regenbogen-Logo – sie beginnt

bei Teilhabe.

Auch die Standpreise zeigen, wie stark

wirtschaftliche Faktoren die Messe prägen.

Mit mindestens 2500 Euro pro Stand

können sich vor allem grosse Unternehmen

präsentieren. Kleinere, oft besonders

engagierte Betriebe bleiben aussen vor.

Umso wichtiger wäre es, dass die ausstellenden

Unternehmen ihre Diversitätsversprechen

auch im Alltag leben. Doch

diese Überprüfung bleibt bisher weitgehend

bei den Besucher*innen selbst. Für

eine Messe, die mit Inklusion wirbt, wirkt

das widersprüchlich.

Frühling 2026

35


REISEN

Chile

Das längste Land der Welt ist ein Land der Extreme –

und genau das macht es so verführerisch. Zwischen

pulsierenden Städten, endlosen Wüstenlandschaften,

kühlen Küsten und tropischem Südsee-Flair auf der

Osterinsel entfaltet sich eine beeindruckende Vielfalt,

die nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Die Salzlagunen der Atacama-

Wüste faszinieren mit intensiven

Farbkontrasten.

Chile zieht sich wie ein schmales

Band entlang der Pazifikküste Südamerikas.

Zwar ist das Land über 4000

Kilometer lang, an manchen Stellen

jedoch nur wenige hundert Kilometer

breit. Diese aussergewöhnliche Geografie

sorgt für eine enorme landschaftliche

Vielfalt: Städte, Wüsten,

Vulkane, Gletscher, Weinregionen und

Inselwelten liegen oft nur einen kurzen

Flug oder eine kurze Autofahrt voneinander

entfernt. Historisch geprägt von

indigener Kultur, spanischer Kolonialzeit

und einer bewegten politischen

Vergangenheit, hat sich Chile in den

letzten Jahrzehnten stark gewandelt.

Heute gilt das Land als wirtschaftlich

stabil, modern und kulturell lebendig.

In den grossen Ballungszentren sorgen

Kunst, Design, Gastronomie und

eine junge, selbstbewusste LGBTIQ-

Szene für eine offene und kreative

Stimmung.

Bilder: Andreas Gurtner

Für die MANNSCHAFT

unterwegs:

Andreas Gurtner

36 Frühling 2026


REISEN

Städte, Wein

und Meeresluft

Die Hochlandwüste mit ihren Vulkanen wirkt wie eine Landschaft aus einer anderen Welt.

Zentralchile ist für viele der Einstieg

ins Land. Hier wartet ein perfekter

Mix aus Urbanität, Genuss und Natur

auf die Reisenden. Die Hauptstadt

Santiago de Chile liegt spektakulär

vor der Kulisse der bis zu 6000 Meter

hohen Anden. Moderne Quartiere,

kreative Bars, Museen und eine lebendige

Kulturszene laden zum Entdecken

ein. Zu den Highlights zählen

der Cerro Santa Lucia mit Blick über

die Stadt, das historische Zentrum

rund um die Plaza de Armas sowie

das trendige Viertel Bellavista.

Magie zwischen Himmel und Erde

Die Atacamawüste im Norden Chiles Gipfeln. Ein weiteres Highlight sind die

gilt als die trockenste Region der Welt. leuchtend roten Felsen von Piedras

Gleichzeitig findet man hier einige der Rojas, ein fast surrealer Ort. Besonders

eindrücklichsten Landschaften Südamerikas.

Ausgangspunkt für Erkundungen 4000 Meter Höhe in Richtung argenti-

eindrücklich ist auch die Fahrt auf über

ist das Oasendorf San Pedro de Atacama. nische Grenze. Entlang der Route eröffnen

sich immer wieder neue Perspek-

Mit seinen Lehmhäusern, kleinen Cafés

und entspannten Vibes ist es der ideale tiven: die stille Laguna Diamante, die

Ort, um anzukommen und sich langsam monumentalen Felsformationen Monjes

an die Höhenlangen von über 2000 Metern

zu gewöhnen.

Laguna de Tara. Die Weite, die Farben

de la Pacana sowie die faszinierende

und die Stille dieser Region wirken fast

Rund um die Stadt warten spektakuläre

Naturwunder darauf, entdeckt zu Wüste zu einem Ort, den man nie mehr

meditativ und machen die Atacamawerden.

Die Lagunen Tebinquiche und vergisst.

Baltinache faszinieren mit schimmernden

Farben und spiegelglatten Wasserflächen,

in denen sich Himmel und Vulkane

reflektieren. Hoch oben in den Anden

liegt die Lagune Miscanti, umgeben von

karger Landschaft und schneebedeckten

Nur gut eine Stunde entfernt liegt

Valparaíso, die farbenfrohe Hafenstadt

mit ihren steilen Hügeln,

historischen Standseilbahnen und

farbenfroher Street Art. Hier lohnt

es sich, ziellos durch die Gassen zu

schlendern, kleine Galerien zu entdecken

und den Sonnenuntergang

über dem Pazifik zu geniessen. Etwas

südlich von Valparaíso zeigt sich

Chile rund um das Küstenstädtchen

Quintay von seiner ruhigeren Seite.

Kleine Buchten, frische Meeresluft

und Wanderungen entlang der Klippen

laden zum Durchatmen ein. Auf

dem Rückweg nach Santiago führt

der Weg durch das malerische Casablanca-Tal,

eine der bekanntesten

Weinregionen Chiles. Weindegustationen,

stilvolle Bodegas und entspannte

Mittagessen zwischen den

Reben machen diesen Ort perfekt,

um Natur und Kulinarik zu verbinden.

Frühling 2026

37


REISEN

Südsee-Feeling am Ende der Welt

Mitten im Pazifik und tausende Kilometer

vom chilenischen Festland entfernt

liegen die Osterinseln – in der Sprache

der polynesischen Urbevölkerung Rapa

Nui genannt. Die Geschichte der Insel

ist eng mit den berühmten Moai-Statuen

verbunden, die zwischen dem 13. und

16. Jahrhundert von den Ureinwohnern

geschaffen wurden. Bis heute geben

sie Rätsel auf und prägen die mystische

Atmosphäre der Insel.

Ein zentraler Ort ist Rano Raraku, der

ehemalige Steinbruch und die «Fabrik»

der Moai. Halb fertige Statuen liegen hier

noch im Fels, als hätte man die Arbeit

erst gestern unterbrochen. Von hier aus

wurden die fertigen Moai über die ganze

Insel transportiert und entlang der Küste

aufgerichtet. Der nahegelegene Tempelplatz

Ahu Tongariki begeistert mit

seinen 15 Moai und bietet insbesondere

bei Sonnenaufgang einen ikonischen

Anblick.

Ganz anders zeigt sich Anakena im

Norden der Insel: ein weisser Sandstrand,

Palmen und türkisfarbenes Wasser sorgen

zusammen mit antiken Moai-Statuen

für echtes Südsee-Feeling. Baden,

entspannen oder einfach die Stimmung

geniessen: Hier fühlt sich Chile plötzlich

tropisch an. Auf dem Rückweg lohnt sich

ein Abstecher nach Ahu Akivi, einem

archäologisch einzigartigen Ort, da die

Moai nur hier direkt aufs Meer blicken.

Alle übrigen Moai-Statuen auf der Insel

sind ins Landesinnere ausgerichtet.

Der südliche Teil von Rapa Nui, in dem

sich die gemächliche Inselhauptstadt

Hanga Roa und die meisten Unterkünfte

befinden, lässt sich wunderbar mit

dem Velo erkunden. Die Distanzen sind

überschaubar, die Küstenlandschaft

eindrücklich und die Atmosphäre entspannt.

Wer möchte, kann sogar bis auf

den Vulkankrater von Rano Kau hinauffahren,

wo man spektakuläre Ausblicke

über die Insel und den Ozean geniessen

kann. Ob Wandern, Schwimmen,

Schnorcheln oder einfach Verweilen

– Rapa Nui ist ein Ort, der entschleunigt

und berührt. Ein perfekter Abschluss

einer Reise durch eines der vielfältigsten

Länder der Welt.

Bilder: Andreas Gurtner

Chile

Queer Life

Hauptstadt — Santiago de Chile

Landessprache — Spanisch

Einwohner*innen — ca. 19 Millionen

Beste Reisezeit — In den warmen

Sommermonaten von Oktober bis April

Einreise — Schweizer*innen und

EU-Bürger*innen benötigen einen gültigen

Reisepass. Bei einem Aufenthalt

bis zu 90 Tagen ist kein Visum erforderlich.

Sicherheit — Chile gilt als eines der

sichersten Reiseländer Südamerikas.

Chile hat in den letzten Jahren

bedeutende Schritte in Richtung

Gleichberechtigung gemacht und

gilt heute als eines der LGBTIQfreundlichsten

Länder Südamerikas.

Homosexualität ist seit 1999

legal, und mit dem Anti-Diskriminierungsgesetz

von 2012 wurde

ein wichtiger rechtlicher Schutz

geschaffen. Seit 2022 sind gleichgeschlechtliche

Ehen inklusive

Adoptionsrecht erlaubt. Vor allem

in den urbanen Zentren ist die gesellschaftliche

Akzeptanz hoch:

Santiago de Chile verfügt über

eine lebendige LGBTIQ-Szene mit

Bars, Clubs, kulturellen Events und

einer aktiven Community, wobei

das Viertel Bellavista als besonders

offen und bunt gilt. Nicht nur in der

Hauptstadt, sondern auch in weiteren

Städten des Landes ziehen Pride-Paraden

jährlich zehntausende

Menschen an. In ländlichen Regionen

sind traditionelle Werte teilweise

noch stärker verankert, weshalb

dort ein zurückhaltenderes Auftreten

empfehlenswert ist. Insgesamt zeigt

sich Chile jedoch offen, modern und

tolerant – ein Reiseziel, in dem sich

LGBTIQ-Reisende willkommen und

sicher fühlen können.

Queerometer:

38 Frühling 2026


REISEN

Vom Rand des Rano Kau blickt man über grüne Hänge in den riesigen mit Wasser gefüllten Krater.

Insidertipps

«Chile vereint

Gegensätze

zu einem unvergesslichen

Erlebnis.»

HOTEL ALTIPLÁNICO, OSTERINSEL

Dieses Boutiquehotel liegt ruhig auf einer

Anhöhe oberhalb des Pazifiks und verbindet

polynesisches Flair mit einer persönlichen,

entspannten Atmosphäre. Die grosszügigen,

geschmackvoll eingerichteten Villen

verteilen sich harmonisch im tropischen

Garten. Zur Anlage gehören ein Pool, eine

Bar, ein Restaurant mit lokaler Küche, weitläufige

Aussenbereiche sowie ein Fahrradverleih.

Die freundlichen Mitarbeitenden

sind stets bemüht, den Gästen die kulturellen

Besonderheiten der Insel näherzubringen.

Das Zentrum von Hanga Roa und der

Flughafen sind in wenigen Minuten erreichbar.

– altiplanicorapanui.com

PUNTA QUINTAY, QUINTAY

Die auf Stelzen erbauten Häuser thronen auf

einer Klippe über dem rauen Pazifik und bieten

maximale Privatsphäre sowie spektakuläre

Ausblicke auf Meer und Küste. Die stilvollen

Unterkünfte sind hochwertig ausgestattet,

verfügen über grosse Fensterfronten, Terrassen

und voll ausgestattete Küchen – ideal

für alle, die Natur, Ruhe und Unabhängigkeit

schätzen. Wanderungen entlang der Küste

beginnen direkt vor der Haustür. Auf Wunsch

wird morgens ein frisches Frühstück direkt

in die Villa gebracht. Santiago und der internationale

Flughafen sind von hier aus in rund

anderthalb Stunden mit dem Auto erreichbar.

– puntaquintay.com

.

Frühling 2026

39


AUSZEIT

mit der Mannschaft

WERBUNG

Bilder: Jonas Odermatt

Pride auf 3303 Metern:

Gemeinsam unterwegs

Wenn sich alpine Landschaft, Kulinarik und queere Community verbinden,

entsteht eine besondere Form von Auszeit. Die Pride Kulinarik-Wanderwoche in

Silvaplana vereint Bewegung, Genuss und Begegnung – mitten im Engadin.

Silvaplana, das beschauliche Dorf am

gleichnamigen See, wird im Herbst zum

Treffpunkt für die queere Community.

Zwischen glasklarem Wasser, Lärchenwäldern

und weiten Bergpanoramen fand hier

2025 erstmals die Pride Kulinarik-Wanderwoche

statt – ein Format, das Genuss, Natur

und Gemeinschaft miteinander verbindet.

Geführt von erfahrenen Wanderleiter*innen

bewegen sich die Teilnehmenden auf Routen

unterschiedlicher Länge durch die eindrucksvolle

Bergwelt: entlang des Silvaplanersees,

durch Seitentäler, in die Berninaregion

oder hoch hinauf auf den Corvatsch.

Das Tempo ist flexibel, die Stimmung

entspannt – «pachific», wie man hier sagt.

Unterwegs öffnen sich immer wieder weite

Blicke auf Seen, Gletscher und Gipfel, mit

etwas Glück lassen sich Steinböcke, Murmeltiere

oder Hirsche beobachten.

40 Frühling 2026

Kulinarisch ist die Woche tief in der Region

verankert. Bündner Spezialitäten wie frisch

gebackene Nusstorte, saisonale Produkte

und lokale Weine gehören ebenso dazu wie

gemeinsame Apéros auf dem Dorfplatz. In

den teilnehmenden Hotels treffen alpine

Küche und internationale Einflüsse aufeinander

– bodenständig, kreativ und stets

regional gedacht. Essen wird hier zum

verbindenden Element, zum Anlass für

Gespräche und neue Bekanntschaften.

Was die Pride Kulinarik-Wanderwoche

besonders macht, ist das Gemeinschaftsgefühl.

Viele reisen allein an und gehen doch

nicht allein nach Hause. Zwischen Wanderungen,

gemeinsamen Mahlzeiten und

entspannten Abenden entsteht eine offene,

wertschätzende Atmosphäre, in der Vielfalt

selbstverständlich ist. Eine Auszeit, die nicht

nur erdet, sondern verbindet.

Gemeinsam unterwegs, verbunden durch

Vielfalt: Die Pride Kulinarik-Wanderwoche in

Silvaplana zeigt das Engadin von seiner

genussvollen, offenen Seite – und macht

Lust auf Wiederkommen, wenn sich die

Lärchen goldgelb färben und der Herbst die

Berge in sein warmes Licht taucht.

ENGADINER KULINARIK-WANDERWOCHE

– PRIDE EDITION

13.–20. September 2026

Silvaplana, Oberengadin

Weitere Informationen:

silvaplana.ch


WERBUNG

Bilder: zvg

Frühling, Flair und

Fussmassage

Gönn dir eine Auszeit im Hotel Beatus am Thunersee, wo Frühling

und Erholung früher beginnen.

Wenn am Thunersee die ersten Blüten

aufgehen und das milde Mikroklima die

Ufer wachküsst, öffnet das Hotel Beatus

seine Türen für eine exklusive Frühlingsauszeit.

Alpines Ausatmen, südliches Flair und

ein Hauch Luxus erwarten dich beim

Schwesterhotel des Hotel Ermitage in

Gstaad-Schönried.

Privatsteg unter Palmen

Richtig stilecht reist du per Schiff an. Die

hoteleigene Anlegestelle wird regelmässig

von den Kursschiffen der BLS bedient. Am

Seeanstoss winken dir die Palmen im

glitzernden Frühlingslicht zu.

Bewegung nach Gefühl

Was du im Hotel nicht findest: Leistungsdruck,

Programmzwang, Fitnesshotel-Vibe.

Dafür das, was deinem Körperwohl bekommt:

Spazieren am See, Wandern,

Schwimmen. Oder mit Natur-Guides die

ersten Frühlingsboten entdecken.

Natursole, Massage, Pflege

Im Erlebnis-Frei-Solbad tauchst du in 35° C

warmes Natursolewasser mit einem Salzgehalt

wie im Mittelmeer. Die Wärme stärkt

Durchblutung, Stoffwechsel und Immunsystem

– und Massagedüsen, Steh-Whirlpool

und Sprudelliegen tun ihr verwöhnendes

Übriges. Die Massage- und Pflegebehandlungen

des Frühlingsspecials lassen dich

vollkommen entspannt und regeneriert

zurück.

Feines für Gaumen und Geist

Frühstück mit Blick auf Palmen, leichte

Mittagsgerichte, Kuchenbuffet am Nachmittag

und ein reichhaltiges Abend-Dîner – alles

inklusive. Hier landet alpine Frische mit

mediterranem Twist auf dem Teller, saisonal

aus dem Frühling gepflückt.

Frühlingsspecial «Der Frühling

liegt in der Luft»

Bis 31. Mai erwartet dich das exklusive

Frühlingsangebot (nicht an Feiertagen),

bestehend aus:

> 3 Übernachtungen in deiner gewünschten

Zimmerkategorie

> eine Anwendung nach Wahl:

apple Feuchtigkeitspflege à 60 Minuten

apple Schulter-, Nacken-, Kopfmassage mit

anschliessender Fussmassage à 50

Minuten

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(Alpienne Rücken-Packung, Moor-Kissen,

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Erlebe den Frühling in seiner schönsten

Form: im Hotel Beatus mit Blick über den

Thunersee. Buche deinen Aufenthalt über die

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Frühling 2026

41


Story — 3

3

Wie queer

sind wir?

42 Frühling 2026


Story — 3

Text – Carsten Roetz

Illustration – Eduardo Luzzatti

Der Begriff «queer» ist zum allumfassenden

Dach für vielfältige Identitäten

geworden – und genau das sorgt für

Konflikte. Viele Schwule und Lesben

finden sich im weiten queeren Selbstverständnis

kaum noch wieder. Was

steckt hinter der Debatte? Und wie

lassen sich die Spannungen innerhalb

der Community lösen?

Frühling 2026

43


Story — 3

vereinnahmt und dominiert werden. Hoffentlich hat

das bald ein Ende.»

Die Mehrheit der Befragten, 57,5 Prozent, geben an,

dass es sie «durchaus ein bisschen» nerve, mit Begriffen

wie ‹queer› und ‹woke› in Verbindung gebracht zu

werden. 46,3 Prozent finden, ihre Interessen würden

dadurch weniger vertreten. Nur sieben Prozent der

Teilnehmenden bezeichnen sich selbst als queer. 83,2

Prozent sehen sich als schwul, 2,8 Prozent als lesbisch.

3,4 Prozent als bisexuell, 0,8 Prozent als trans.

Auch wenn die Umfrage nicht repräsentativ ist,

zeigt sie, dass die Community gespalten ist. Als Autor

habe ich den Anspruch, diese Stimmung zu beschreiben,

nach Erklärungen zu suchen und mögliche Lösungswege

aufzuzeigen. Meine eigene Meinung aber

soll dabei keine Rolle spielen, und keinesfalls möchte

ich die Stimmung weiter anheizen. In Absprache mit

der Redaktion lasse ich deshalb möglichst viele Stimmen

ausgewogen zu Wort kommen.

ie wohl bekannteste trans Frau der Schweiz, Nadia

Brönimann, sorgte zum Jahreswechsel für Schlagzeilen.

Sie erklärte öffentlich, sich künftig wieder Chris

zu nennen und dem männlichen Geschlecht zuzuordnen.

«Chris Brönimann zieht Schlussstrich unter

seine Vergangenheit», titelte der Blick. Die hämischen

Kommentare in den sozialen Medien liessen nicht

lange auf sich warten.

Auch bei mir löste die Berichterstattung Unbehagen

aus. Ich merke, dass es mir schwerfällt, all das zu

verstehen. Vor allem tue ich mich schwer damit, unter

dem Sammelbegriff «queer» mit Menschen zusammengefasst

zu werden, mit denen ich – nach meinem

Verständnis – nichts gemeinsam habe. Aber vielleicht

irre ich mich? Ich möchte wissen, wie andere in der

Szene darüber denken.

Die Sorge um die öffentliche Wirkung

Die an die Verbände verschickten Medienanfragen

bleiben nicht lange unbeantwortet. In den Reaktionen

zeigt sich: Die Vertreter*innen erkennen das Problem,

zugleich ist der Versuch einer raschen Deeskalation

deutlich spürbar. «Ich finde deine Ausgangsfrage

spannend, aber mache mir ehrlich gesagt auch etwas

Sorgen um die öffentliche Wirkung, insbesondere innerhalb

der Community. Ich fände es schade, wenn

in der Mannschaft schlussendlich mehr Zwietracht

entsteht, als dass gegenseitiges Verständnis geschaffen

wird», schreibt mir Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin

der Lesbenorganisation Schweiz (LOS).

Noch deutlicher wird Jann Kraus vom Transgender

Network Switzerland (TGNS): «Wir wünschen uns

für die Zukunft, dass wir nicht mehr alle zwei Monate

innerhalb unserer Community darüber diskutieren

oder sogar abstimmen, ob bisexuelle Menschen,

Jede zweite befragte Person findet ‹queer› nervig

Als wir im Dezember auf mannschaft.com eine Umfrage

veröffentlichen, antworten rund fünfhundert

Leser*innen. Noch nie hat eine Umfrage der Mannschaft

so viel Resonanz ausgelöst. «Mit dem Thema

hast du einen Nerv getroffen», schreibt mir Denise

Liebchen, die Co-Chefredaktorin dieses Magazins.

In den Kommentaren zeigt sich der Ton der Debatte:

von «Tolle Umfrage» bis «Mich stört gewaltig, dass

wir Schwulen und die Lesben von der Trans-Lobby

Bild: zvg

Alessandra Widmer,

Lesbenorganisation Schweiz

44 Frühling 2026


Story — 3

Frühling 2026

45


Andrea Seaman, LGB

Alliance Switzerland

intergeschlechtliche und trans Personen es verdient

haben, als Teil der Community genannt zu werden.

Wir können endlos darüber diskutieren, wie wir

Gleichstellung erreichen. Aber zu akzeptieren, dass

ich mir Gleichberechtigung in einem Beliebtheitswettbewerb

erbetteln muss, gerade unter Menschen,

mit denen ich Seite an Seite für unsere gemeinsamen

Rechte und Freiheiten kämpfe, ist unwürdig.»

Klima der Toleranz oder Konformitätsdruck?

Doch wo Zwietracht existiert, muss sie journalistisch

benannt werden dürfen. Zumal die Zerrissenheit der

Szene weder neu noch auf den deutschsprachigen

Raum beschränkt ist. Bereits 2019 gründeten Aktivist*innen

in Grossbritannien einen Verband, der sich

als Gegenstimme zur queeren Szene versteht und mit

umstrittenen Aussagen zur Transgeschlechtlichkeit

auffällt. Seit letztem Jahr ist die Organisation auch in

der Schweiz präsent.

Die LGB Alliance Switzerland sieht sich explizit an

der Seite von Lesben, Schwulen und Bisexuellen. Auf

meine Anfrage hin schreibt mir Andrea Seaman, Co-

Präsident der Organisation: «Die frühere Vielfalt der

homosexuellen Community war real und überprüfbar,

gemeinsamer Nenner war die sexuelle Orientierung.

Die heutige Vielfalt meint aber etwas anderes».

Heute gehe es mehr um sexuelle Identitäten, viele davon

seien heterosexuell. Die Community sei dadurch

zwar grösser geworden, Lesben und Schwule hingegen

weniger sichtbar.

Diese Entwicklung habe eine sinkende Akzeptanz

von Schwulen und Lesben zur Folge. «Homosexuelle,

die der Gender-Ideologie widersprechen, werden ausgegrenzt

wegen abweichender Überzeugungen. Kritik

wird nicht diskutiert, sondern moralisch sanktioniert.

Das ist kein Klima der Toleranz, sondern Konformitätsdruck»,

meint Andrea Seaman. Viele Schwule und

Lesben würden sich deshalb von der «LGBTIQ-Gesellschaft»

privat oder öffentlich distanzieren.

Die Ergebnisse unserer Umfrage scheint das zu bestätigen.

«Das Überbetonen der queeren Szene geht

mir sowas von auf die Nerven – ich will einfach nur in

Ruhe mein Leben mit meiner Ehefrau leben», schreibt

eine lesbische Leserin. Ein anderer Leser behauptet,

der Begriff «queer» mache Homosexuelle unsichtbar.

«Solche Aussagen kommen viel mehr von einer kleinen,

lauten Minderheit, die sich gegen gesellschaftlichen

46 Frühling 2026

Story — 3

«Das ist kein

Klima der

Toleranz, sondern

Konformitätsdruck.»

Fortschritt und Gleichstellung stellt», kommentiert Daniel

Furter, Geschäftsleiter von Pink Cross Schweiz.

«Aktuell beobachten wir auch, wie aus dem Ausland

finanzierte Organisationen ohne lokalen Rückhalt diesen

Diskurs vermehrt in die Schweizer Medien bringen

wollen.»

Auch andere etablierte Verbände beziehen klar

Stellung. «Rechte von Minderheiten können immer

nur solidarisch erstritten werden. Es braucht dazu eine

breite Unterstützung, die über die einzelnen Gruppen

hinausgeht. Wenn Akteur*innen beginnen, Gruppen

gegeneinander auszuspielen, dann ist das ein Angriff

auf die Minderheitenrechte generell», sagt Jann Kraus

vom TGNS. «Es gibt Schwule und Lesben nicht länger

als Bisexuelle, trans Personen, intergeschlechtliche

Menschen. Es existiert kein ‹vorher›, wo es nur

schwule und lesbische Communitys gab, in denen alle

gleich waren und dieselben Bedürfnisse hatten.» Er

vergleicht die sexuelle Identität mit anderen Beispielen,

so wie man sich gleichzeitig als Europäer*in und

als Italiener*in verstehen könne, ohne die Zugehörigkeit

zu einer Nation zu degradieren.

Das sehen viele Teilnehmende der Umfrage anders.

«Da werden Menschen in einer Gruppe zusammengefügt,

die weder was gemeinsam haben noch sich zugehörig

fühlen. Das hat in den letzten Jahren gerade der

schwulen und lesbischen Community sehr geschadet!»

schreibt ein Leser. Ein anderer meint: «Immer

mehr Subkulturen führen oft zu Unverständnis und

teils sogar Ablehnung – sowohl in der Gesellschaft als

auch innerhalb der Community selbst.»

Bilder: zvg

Daniel Furter, Pink

Cross Schweiz


Story — 3

Dominik Winter,

Queer Officers

Ähnlich beschreibt es Dominik Winter, Präsident

der Queer Officers, differenziert jedoch: «Es

wird uns zurückgemeldet, dass mit der Verbreiterung

der Vielfalt-Begriffe die Verunsicherung der

Cis-Hetero-Menschen anscheinend zugenommen

hat. Es wird unübersichtlich. Dadurch aber auch

präsenter und sichtbarer. Wir sehen einfach eine

Evolution, die naturgemäss auch dazu führt, dass

die schon länger bekannten Gruppen wie Schwule

oder Lesben normalisierter werden.»

Das Argument der besseren Sichtbarkeit vertreten

alle angeschriebenen Vereine. Zwar gebe es

nach wie vor massive Diskriminierungen gegenüber

Schwulen und Lesben, gleichzeitig verdienten

andere Minderheiten mehr Anerkennung.

Gemeinsam sei man immuner gegen Angriffe von

aussen.

«Der Begriff ‹woke› hat seinen Ursprung in

antirassistischen Bewegungen in den USA, wird

aber nun auch hier von rechtskonservativer Seite

benutzt, um liberale und progressive Haltungen

abzuwerten», erklärt Alessandra Widmer von der

LOS. «Wir können uns auch diesen Begriff zurückholen,

oder einfach sonst beschreiben, was

uns ausmacht: Dass wir achtsam sind und politisch

engagiert und dass wir uns für ein schönes

Leben und eine Welt ohne Gewalt und Diskriminierung

für alle einsetzen. Wir sollten uns auf

Werte fokussieren, die uns einen, und nicht auf

Begriffe, die uns spalten.»

Frühling 2026

47


Story — 3

«Am Ende fühlen

sich viele überhört»

Schwul, lesbisch, trans und queer: Wie

unterscheiden sich diese Identitäten?

Andrei Morar: Schwul und lesbisch

bezieht sich auf sexuelle Orientierung

– also darauf, zu wem man sich hingezogen

fühlt und mit wem man Beziehungen

führt. Trans beschreibt Geschlechtsidentität:

Das innere Wissen um das eigene

Geschlecht und wie man sein Leben

(falls gewünscht) sozial, rechtlich oder

medizinisch daran ausrichtet. «Queer»

ist oft ein Oberbegriff oder eine Haltung

und kann «nicht hetero», «nicht cis»,

«nicht normkonform», «noch in Klärung»

oder die Ablehnung fester Kategorien

meinen.

Was haben sexuelle Orientierung und

Geschlechtsidentität gemeinsam?

Sie hängen zusammen, sind aber nicht

dasselbe: Orientierung betrifft Begehren

und Beziehungen, Geschlechtsidentität

Selbstverstehen und Anerkennung.

Gemeinsam ist, dass beide Dimensionen

gesellschaftlich stark reguliert und

bewertet werden und dadurch Konflikte,

Stigma oder Schutzbedarf auslösen

können.

Was bedeutet eigentlich «queer»?

«Queer» ist bewusst flexibel: Für manche

ist es ein Sammelbegriff, für andere

ein politisches Selbstverständnis oder

ein offener Raum für Ambivalenz und

Exploration. Das kann entlastend sein,

kann aber Spannung erzeugen, wenn

Institutionen «queer» als Standard setzen

und spezifische schwul-lesbische Erfahrungen

unsichtbarer werden.

Warum ist «queer» ein umstrittener

Oberbegriff geworden?

Der Begriff ist über eine Pipeline aus

Aktivismus, Akademie, Institutionen

und Internetkultur in den Mainstream

gelangt und trägt je nach Kontext sehr

unterschiedliche Bedeutungen. Online

wird er zusätzlich belohnt, weil er breit,

identitätsstiftend und Werte-signalisierend

sein kann; zugleich ist er für manche

historisch belastet und wirkt wie eine

Verwischung von Kategorien.

Warum fühlen sich viele Schwule und

Lesben darin nicht mehr wieder?

Häufig geht es nicht um die Ablehnung

anderer, sondern um das Gefühl, dass

eine konkrete Orientierungsidentität in

einem weiten Oberbegriff aufgeht. Wenn

«queer» zur Standardfolie wird, wirken

schwul-lesbische Themen, Geschichte

und Kultur schneller «abgehakt». Gleichzeitig

kann dieser Frust beispielsweise

für trans Menschen wie Zurückweisung

klingen.

Warum erscheinen trans Anliegen

derzeit präsenter?

Viele schwul-lesbische Rechtskämpfe

sind in vielen Ländern vorangekommen,

während trans Themen gerade dort eskalieren,

wo Institutionen Regeln machen:

bei Ausweisen, in Schulen, in der Medizin,

im Sport oder in Schutzräumen. Dazu

kommt, dass trans Personen vielerorts

stärker von Diskriminierung und Gewalt

betroffen sind, was politische und mediale

Aufmerksamkeit zusätzlich bündelt.

Welchen Einfluss hat die öffentliche

Debatte?

Medien- und Online-Logiken belohnen

Zuspitzung: Komplexe Fragen werden

auf wenige Triggerpunkte reduziert,

Nuancen gehen verloren. So fühlen sich

am Ende viele überhört, Schwule und

Lesben in der Koalition weniger gesehen,

trans Menschen oft auf «Regelfragen»

oder Medizin verengt, und «queer»

wird je nach Lager karikiert.

Was wäre ein möglicher Weg

nach vorn?

Aufhören, die gesamte Community

als eine einzige Identität zu behandeln:

Sie ist eine Koalition, keine

homogene Gruppe. Koalitionen

funktionieren, wenn Unterschiede anerkannt,

Sprache nicht erzwungen und

Konflikte institutionell sachlich statt

kulturkämpferisch verhandelt werden

– mit Solidarität, ohne sich gegeneinander

auszuspielen.

ANDREI MORAR

Oberarzt für Psychiatrie

& Psychotherapie bei Spital

Region Oberaargau

48 Frühling 2026


Story — 3

Bild: zvg

Nach allen Seiten offen?

Im Streben nach mehr Integration änderte der Lesbenund

Schwulenverband Deutschland vor eineinhalb

Jahren seinen Namen. Henny Engels vom Bundesvorstand

erklärt: «Mit der Anpassung unseres Verbandsnamens

in «LSVD+ – Verband Queere Vielfalt» haben

wir ein klares Zeichen für mehr Inklusivität und

gegen gesellschaftliche Spaltung gesetzt. Gleichzeitig

haben viele unserer Mitglieder jahrzehntelang dafür

gekämpft, dass ‹schwul› und ‹lesbisch› keine Tabu-

Wörter sind, dass man mit Stolz Lesbe und Schwuler

sein kann. Daher stehen das grosse L und das grosse

S weiter zu Anfang des Kürzels unseres Verbandsnamens,

das vielen von uns ans Herz gewachsen ist.»

Damit adressiert der Verband die durchaus vorhandene

Wehmut der alten Zeiten wegen, macht aber

auch klar, offen für eine gemeinsame Zukunft mit anderen

Minderheiten der Community zu sein.

«Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz

dicht sein», lautet ein berühmtes Sprichwort. Umso

wichtiger erscheint mir also die Frage, was das verbindende

Element in unserer stetig wachsenden, queeren

Community ist. «Ich habe noch nie verstanden, warum

Geschlechtsidentitäten und sexuelle Vorlieben

immer in einen Topf geworfen werden», schreibt ein

Leser. Ein anderer kommentiert: «Als schwuler Mann

habe ich mit den anderen Gruppen genausoviel gemein

wie mit den Heteros.» Die Zusammenfassung

unter dem Begriff «queer» sei daher nicht sinnvoll.

Dem widersprechen die grossen Verbände. «Queere

Menschen eint, dass sie nicht den gesellschaftlichen

Normvorstellungen von Geschlechtlichkeit und Sexualität

entsprechen und oft von queerfeindlicher Diskriminierung

und von Gewalt bedroht sind», kontert

Henny Engels vom LSVD+. Daniel Furter von Pink

Cross Schweiz beschreibt es anders: «Aus meiner Perspektive

eint uns alle, dass wir uns nicht in die überholten

traditionellen Normen zwängen lassen.» Wir

alle stünden einmal an dem Punkt, wo wir ein Coming-out

machen müssen, um frei leben zu können.

Also doch alles rosa Regenbogen in der Community?

Ist das Problem rein rhetorischer Natur? Wenn

ich die Kommentare durchlese, bin ich nicht so sicher.

Es geht um Fragen zu Identität und Zugehörigkeit.

«Wir brauchen Sprache, um analysieren, agieren und

reagieren zu können. Labels können dabei helfen – sie

sind identitätsstiftend», sagt Dominik Winter von den

Queer Officers. Identität hat aber vermutlich immer

auch mit Abgrenzung zu tun, und genau hier scheint

der springende Punkt zu liegen: Wenn alle gleich sind,

hat keiner ein Privileg. Gewonnen und verloren wird

nur als ganze Gruppe. Kritisieren viele Schwule und

Lesben die queere Welt vielleicht, weil sie nichts von

ihren Errungenschaften abgeben wollen?

Wo liegt der Grund für diese Ablehnung und wie

viel Abgrenzung ist sinnvoll? Bei der Beantwortung

dieser Fragen hilft Andrei Morar, Oberarzt für Psychiatrie

und Psychotherapie (siehe separates Interview).

Aber geben Schwule und Lesben tatsächlich Kontrolle

und Akzeptanz ab, wenn sie anderen Minderheiten

auch zu ihren Rechten verhelfen? Die Realität im

deutschsprachigen Raum zeigt ein anderes Bild: «Wir

beobachten eine Zunahme der Akzeptanz – insbesondere

innerhalb der Armee. Im Dienstbetrieb sehen

wir vor allem eine Zunahme von Verunsicherung in

Bezug auf unterschiedliche Geschlechtsidentitäten.

Mit Nicht-Binarität wird heute wohl nicht jeder militärische

Verband umgehen können», sagt Dominik

Winter von den Queer Officers.

Henny Engels vom LSVD+ -Verband queere Vielfalt

bestätigt: «Statistiken zeigen, dass die Akzeptanz

für LSBTIQ in den letzten Jahren überwiegend gestiegen

ist, besonders nach der Einführung der Ehe

Bild: Caro Kadatz

Henny Engels, LSVD+-

Verband queere Vielfalt

«Wir haben

jahrzehntelang

dafür gekämpft,

dass ‹schwul›

und ‹lesbisch›

keine Tabuwörter

sind.»

Frühling 2026

49


Story — 3

für alle.» Pink Cross verweist auf eine repräsentative

Umfrage in der Schweizer Bevölkerung von 2024:

83 Prozent sprechen sich für rechtlichen Schutz und

Gleichstellung in allen Lebensbereichen für LGBTIQ-

Personen aus.

Gleichzeitig warnt Henny Engels: «Die Gewalt gegen

LGBTIQ hat einen neuen Höchststand seit Beginn

der Aufzeichnungen durch das (deutsche) Bundeskriminalamt

erreicht und insbesondere transfeindliche

Gewalt nimmt zu. Nahezu jeder zweite CSD wurde

im letzten Jahr von Rechtsextremen gestört oder angegriffen.»

Vor dem Hintergrund der Radikalisierung

sei es nötig, dass die Community zusammenhalte.

Alessandra Widmer von der LOS ergänzt: «Wir müssen

in den nächsten Jahren dafür sorgen, dass sich die

gesellschaftliche Akzeptanz nicht nur bis zur Heiratsurkunde

erstreckt.»

Was aber, wenn ich mich schwer tue mit Anliegen

anderer Minderheiten in unserer Community? Gelte

ich als Nestbeschmutzer, wenn ich meine Kritik

öffentlich äussere? Alessandra Widmer von der LOS

widerspricht. «Provokation gegen aussen ist nicht das

richtige Mittel, wenn rechtskonservative Kräfte gerade

alles daransetzen, unsere Anliegen gegeneinander

auszuspielen. Aber eine Community zu sein, bedeutet

auch, sich manchmal uneins zu sein, Dinge zusammen

zu diskutieren und voneinander zu lernen.»

Gut möglich also und durchaus zulässig, dass der

Lebenswandel von Chris Brönimann auch von vielen

Schwulen und Lesben durchaus kritisch diskutiert

wird. Ich füge hinzu: Aber bitte respektvoll!

Eine mögliche Lösung

Die Debatte zeigt: Ob mir die queere Welt gefällt oder

nicht, sie ist ein Fakt. Nur wenige werden ernsthaft

versuchen, einen neuen Status quo zu bewirken. Wie

gehe ich also mit der queeren Welt um?

Ich schaue mir erneut die Kommentare unserer

Umfrage an. Ein Leser scheint seine Lösung gefunden

zu haben: «Ich definiere mich als schwul, bin aber

gern Teil einer grossen, queeren Community. Ich finde

es wichtig, dass wir gemeinsam Vielfalt präsentieren

und ein breites gesellschaftliches Spektrum.» So sieht

es mehr als die Hälfte der Befragten.

Daniel Furter von Pink Cross betont: «Es soll weiterhin

schwule Saunas, Bisexuellen-Treffs und FLIN-

TA- und TINA-Räume oder exklusive Memberclubs

geben, ohne dass sich diese dafür rechtfertigen müssen.»

Teil der queeren Community zu sein, bedeutet

nicht, die eigenen Interessen aufzugeben.

Jann Kraus von TGNS schlägt vor: «Wenn ich

schwul meine, kann ich schwul sagen. Wenn ich bisexuelle

oder pansexuelle Männer meine, von denen

manche womöglich in monogamen Partnerschaften

mit Frauen sind, dann kann ich das sagen. Und wenn

ich alle zusammen meine, könnte ich beispielsweise

queere Männer als Oberbegriff nehmen.»

Jann Kraus, Transgender

Network Switzerland

50 Frühling 2026


KOLUMNE

Nicht auf

Linie unter der

Gürtellinie

Letztens nach einem Auftritt kam eine Zuschauerin

zu mir und fragte mit einer unbeirrbaren

Unverschämtheit: «Tuckst du?» Nun wissen vielleicht

nicht alle geschätzten Leser*innen, was Tucking ist.

Ich muss Sie enttäuschen – es hat nichts mit dem

deutschen Wort Tucke zu tun. Es handelt sich um ein

englisches Wort, das eine ganz bestimmte Technik

beschreibt, die manche Dragqueens anwenden.

Achtung, wir rutschen unter die Gürtellinie: Beim

Tucking wird versucht, das beste Stück so mit Klebeband

zu fixieren, dass die charakteristische Wölbung

verschwindet. Auch was sonst noch da unten herumhängt,

wird geschickt verstaut. Jene Drags, die

diese Technik anwenden, tun das, um möglichst alle

Hinweise auf ihr Anhängsel zu verbergen. Spoiler:

Ich gehöre nicht dazu. Viel lieber als mit solch weltlichfleischlichen

Sorgen übe ich mich in der geistreichen

Kunst der Konversation. Anders formuliert:

Lieber ein Mundwerk ausser Rand und Band, als

zwischen den Beinen ein Klebeband. Nun weiss ich

nicht, wie es Ihnen geht, geschätzte Leser*innen,

aber ich halte es für unhöflich, eine fremde Person

nach dem Aufenthalt ihrer Genitalien zu fragen.

Doch das war nicht der einzige Grund, warum mich

die Frage dieser impertinenten Person indigniert hat.

Mir scheint, es hat sich in vielen Köpfen eine klare

Vorstellung eingeschlichen, was und wie eine Dragqueen

zu sein hat. Das hat wesentlich mit der erfolgreichen

Casting-Show RuPauls Drag Race zu tun.

Dort tucken die Drags wie wild, sie werfen sich in

teure Kostüme (wehe, das Kleid stammt von H&M!),

schminken sich auf eine bestimmte Art (wehe, die

Augenbrauen sind nicht mit Leim abgeklebt!), performen

nach Schema X (wehe, die Drags können

keinen Rückwärts-Deathdrop-Salto-Spagat-Purzelbaum!)

– kurz: es wird ein klares Bild präsentiert, wie

eine Dragqueen zu sein hat. Wer dem nicht entspricht,

wird entfernt. Gegen die Sendung an sich ist

nichts einzuwenden, auch ich schaue sie mir ab und

zu an, trotz ihrer Beliebigkeit. Auch gegen die Drags,

die dabei sind, möchte ich nichts sagen. Ich bewundere

ihr Talent. (Sich den Appendix einmal um den

Unterleib zu schlingen, verlangt einiges an Geschick!)

Nur finde ich es schade, dass viele glauben,

so und nur so habe eine Dragqueen zu sein. Dieser

überdrehte Schönheitswettbewerb präsentiert eine

sehr US-amerikanische Version von Drag, lässt dabei

aber kaum Platz für die reiche Geschichte und die

vielen unterschiedlichen Facetten von Travestie. Mir

geht es nun genau nicht darum, verschiedene Arten

von Drag gegeneinander auszuspielen, sondern zu

sagen, dass Drag mehr ist als RuPauls Drag Race.

Dass es eben nicht darum gehen soll, einer bestimmten

Vorstellung von Drag zu entsprechen und

dass es schon gar kein richtiges Bild einer Dragqueen

gibt. Die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit

sind es, die unsere Kunstform bereichern – nicht der

eintönige Einheitsbrei. Drag ist nicht dazu da, alle

Ecken und Kanten wegzukleben, sondern sie stolz

und in ihrer Vielfalt auszustellen – manchmal auch

jene unter der Gürtellinie.

MANN, FRAU MONA!

«Mona Gamie: Dragqueen mit

popkulturellem Schalk und

nostalgischem Charme. Diven-

Expertin, Chansonnière und

queere Aktivistin.»

mona@mannschaft.com

Frühling 2026

51


Interview

«Das Kino hinterfragt

traditionelle

Männlichkeit»

Am 9. April startet «The History of Sound», einer der meisterwarteten queeren

Filme der letzten Monate: Oliver Hermanus inszeniert Paul Mescal und

Josh O’Connor als zwei Männer, die durch den Ersten Weltkrieg getrennt

werden und Jahre später in Maine Volkslieder sammeln. Ein Gespräch

über Nähe, Zurückhaltung und den Hype um den Film, der auf der Kurzgeschichte

von Ben Shattuck basiert.

Interview – Patrick Heidmann

«The History of Sound» basiert auf einer Kurzgeschichte –

und weil du als Autor auch die Drehbuchadaption geschrieben

hast, Ben, starten wir mit dir: Wo nahm die Geschichte

ihren Anfang? Ging es dir von Beginn an um die Liebe zweier

Männer?

Shattuck: Nein, zuerst gar nicht. Wie alle zwölf Kurzgeschichten

des Bandes begann auch diese mit einem konkreten Objekt im

Zentrum. Artefakte beflügeln meine Kreativität; ich kann kaum

ein Museum besuchen, ohne Ideen mitzunehmen. In diesem Fall

war es ein Wachszylinder, die Phonographenwalze: Um 1900 gelang

es Edison damit erstmals, Ton aufzunehmen. Ihm ging es

darum, Stimmen für die Ewigkeit festzuhalten. Vor meinem inneren

Auge erschien ein Mann, der auf sein Leben zurückblickt,

als er plötzlich die Stimme eines Menschen hört, der einst sehr

wichtig für ihn war.

Oliver, dich als queeren Regisseur dürfte besonders gereizt

haben, dass hier von einer schwulen Beziehung erzählt wird,

oder?

Hermanus: Als mein Agent mir Bens Geschichte schickte, hoffte

er sicher, dass ich sofort auf die Lovestory zwischen Lionel und

David anspringen würde. Und das tat ich auch. Gleichzeitig reizte

mich, dass es Ben nicht darum ging, die Schwierigkeiten einer

queeren Beziehung im frühen 20. Jahrhundert auszuerzählen. Im

Zentrum steht nicht Homosexualität, sondern Romantik und Gefühl:

die Frage, ob die erste Liebe im Leben vielleicht immer auch

die grösste ist. Als Regisseur interessiere ich mich ohnehin weniger

für «Themen» als für sensible Porträts von Menschen – damit

konnte ich sehr viel anfangen.

Shattuck: Es freute mich, dass Oliver und ich einen so ähnlichen

Blick hatten. Für uns ist es weniger ein Film über diese eine Liebe

als ein Film über Liebe überhaupt. Und über ein ganzes Leben,

vom Anfang bis zum Ende. Deshalb sehen wir Lionel nicht nur in

Gestalt von Paul Mescal, sondern auch als älteren Mann, gespielt

von Chris Cooper.

Dennoch steht im Kern die Begegnung von Lionel und David.

Entsprechend wichtig ist es, zwei Darsteller zu finden, die

miteinander schwingen. Kanntet ihr euch schon vorher?

Mescal: Nein, Oliver hat uns erst für diese Rollen zusammengebracht.

Aber es gibt Parallelen: Lionel und David finden über

Musik und gegenseitige Bewunderung zueinander. Bei uns war

es ähnlich. Ich habe Josh schon lange bewundert, bevor wir uns

kennenlernten: «Only You» sah ich im Kino, «God’s Own Country»

sogar zweimal im Schauspielstudium. Jemanden zu entdecken,

der praktisch mein Alter hat und so eigenwillige, spannende

Rollen spielt, war für mich inspirierend. Josh war längst ein

Vorbild und mir wichtig, bevor wir uns begegnet sind.

O’Connor: Mir ging es ähnlich. Ich hatte Paul bereits gesehen, bevor

Oliver uns einander vorstellte. Künstlerischer Respekt war

also von Anfang an da. Aber das ist nicht dasselbe wie die Chemie,

die eine Liebesgeschichte zwischen den Figuren braucht.

Hermanus: Mit zwei so phänomenalen Schauspielern wie Paul

und Josh ist man als Regisseur auf der sicheren Seite. Schon bei

unseren ersten Zoom-Gesprächen war klar, dass sie verstanden,

worum es uns geht. Und sie wissen, dass man Chemie nicht

52

Frühling 2026


Interview

Das Interview-Quartett (v.l.): Josh

O'Connor, Oliver Hermanus, Ben

Shattuck und Paul Mescal.

Bild: zvg

Frühling 2026

53


Interview

Die grosse Leidenschaft

wird ganz fein gespielt

von Josh O'Connor als

David (l.) und Paul Mescal

als Lionel.

herbeizaubern kann, sondern auch entsteht, wenn man daran

arbeitet. Also haben sie sich kennengelernt und angefreundet.

Als wir nach Jahren mit der Arbeit am Film begannen, waren sie

längst ein Herz und eine Seele. Ohne diese Vertrautheit hätte die

Beziehung vor der Kamera wohl nicht so getragen.

Wie viel Kalkül steckte hinter der Entscheidung, zwei der

derzeit angesagtesten jungen Schauspieler zu besetzen?

Hermanus: Kalkül insofern, dass ich die Rollen mit den besten

Schauspielern besetzen wollte. Josh schickte ich die Kurzgeschichte,

bevor Ben und ich am Drehbuch arbeiteten. Seinen

Durchbruch konnte man schon ahnen. Paul kam später dazu.

Ihn traf ich für eine Rolle in meinem vorherigen Film «Living».

Und weil beide den gleichen Agenten haben, liess sich das gut

einfädeln.

Shattuck: Wobei damals längst nicht alle Produzent*innen wussten,

wer diese Kerle sind. Wir schrieben «The History of Sound»

mitten in der Corona-Pandemie, und wenn jemand fragte, wer

denn dieser Paul Mescal sei, sagten wir nur: Guckt euch die Serie

«Normal People» an, aus dem wird bald ein Star.

Hermanus: Dass «Living» für zwei Oscars nominiert wurde und

Paul im gleichen Jahr für seine erste Kino-Hauptrolle «Aftersun»

ebenfalls eine Nominierung erhielt, half sehr «The History of

Sound» endlich auf die Beine zu stellen.

Angesagte Shooting-Stars sind das eine, aber dass beide

Schauspieler heterosexuell sind, sorgte für Kritik. Ausserdem

gab es Enttäuschung, weil der Film erotisch so zahm sei ohne

heisse Sexszenen.

Hermanus: Die Enttäuschung über fehlende explizite Sexszenen

hat mich überrascht – da schienen falsche Erwartungen im Umlauf

zu sein. Wer die Kurzgeschichte liest, versteht sofort, dass eine

Verfilmung keinen Fokus darauflegen wird, die Protagonisten im

Bett zu zeigen. Über Repräsentation hingegen können wir gern

sprechen. Bei People of Color ist authentisches Besetzen hochrelevant,

ebenso bei trans Personen. Grundsätzlich vertrete ich aber

54 Frühling 2026


Interview

das korrigieren. Denn tut man das als männlicher Schauspieler

nicht ohnehin ständig? Ich wähle Rollen nicht nach «neuen Maskulinitäts-Facetten».

Aber ich merke, dass auch das Publikum

sensibler auf Stereotype reagiert. Und natürlich ziehen mich als

Schauspieler ohnehin Geschichten an, die nuanciert und mehrdimensional

sind.

Hermanus: Mehrdimensionalität beanspruche ich auch als Regisseur.

Ich sehe mich nicht nur als queeren Filmemacher, sondern

auch als afrikanischen. Hinzu kommt mein Alter, meine soziale

Herkunft und die Tatsache, dass ich ein Mann bin. Das prägt meine

Arbeit, muss aber nicht in jedem Film gleich sichtbar sein.

Eine Verantwortung, als queerer Regisseur auch queere

Geschichten zu erzählen, empfindest du also nicht?

Hermanus: Nein, ich sehe das nicht als Pflicht. Zumal nicht heutzutage,

wo wir im Kino und beim Streaming in einem goldenen

queeren Zeitalter leben. Womit ich nicht sagen will, dass wir uns

ausruhen können. Wir müssen die Vielfalt dieser LGBTIQ-Geschichten

im Blick behalten. Schon die Tatsache, dass die meisten

meiner Filme in vielen Ländern Afrikas bis heute nicht gezeigt

werden dürfen, erinnert daran, wie relevant diese Themen weiterhin

sind.

Wie bekommt ihre diese Relevanz mit? Erlebt ihr bei queeren

Filmen andere Reaktionen als bei anderen?

Mescal: Bei Filmen wie «All of Us Strangers» oder auch «The History

of Sound» höre ich häufiger, wie bedeutsam es für Menschen

war, diese Geschichten auf der Leinwand zu sehen. Gerade in Interviews

hat mich berührt, wie stark die Emotionen meines Gegenübers

waren. Das erinnert mich daran, dass mit dem Erzählen

solcher Geschichten auch Verantwortung einhergeht.

O’Connor: Die leidenschaftlichen Reaktionen auf «God’s Own

Country» haben mir erst richtig gezeigt, was es mit Menschen

macht, wenn sie in Kultur und Medien kaum vorkommen. Wie

gross der Hunger ist, sich auf der Leinwand wenigstens teilweise

wiederzufinden und identifizieren zu können. Wann immer das

bei einer meiner Rollen passiert, berührt mich das.

Bild: zvg

leidenschaftlich die Meinung, dass Schauspielende magische Wesen

sind, die sich in alles und jeden verwandeln können. Mir käme

es nie in den Sinn, ihrer Kunst einen Riegel vorzuschieben.

Ihr habt beide schon häufiger queere Rollen gespielt und

verkörpert oft Männer fernab von Machismo und Heldenkonventionen.

Spricht euer Erfolg dafür, dass sich Maskulinitätsbilder

in Film und Fernsehen verschieben?

Mescal: Wie nachhaltig das ist, muss man abwarten. Aber ich denke,

dass traditionelle Männlichkeit im Kino inzwischen abgelöst

oder zumindest hinterfragt wird. Das ist überfällig! In meiner Jugend

sah ich selten Männer auf der Leinwand, mit denen ich mich

identifizieren konnte. In den Filmen, die mich heute interessieren,

ist das häufig anders. Nicht dass darin alles frei von klassischer

Maskulinität wäre. Aber ich spüre mehr Wahrhaftigkeit, näher an

den Lebensrealitäten von mir und meinen Freunden.

O’Connor: Ich sagte einmal, mich interessierten Rollen, die Männlichkeit

ausloten. Das verfolgt mich nun, und eigentlich muss ich

«The History

of Sound»

Der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus

(«Moffie») verfilmt die gleichnamige Kurzgeschichte

des US-Autors Ben Shattuck – der sein eigenes Werk

auch fürs Drehbuch adaptiert hat. Vor der Kamera

stehen Paul Mescal und Josh O’Connor als Lionel

und David, die sich 1917 am Konservatorium in Boston

begegnen, sich über Musik näherkommen und

durch den Ersten Weltkrieg getrennt werden. Jahre

später finden sie in Maine wieder zueinander: Auf

einer Exkursion zeichnen sie Volkslieder und Balladen

aus ländlichen Regionen auf – ein Winter zwischen

Zeltnächten und Kerzenlicht.

Frühling 2026

55


Story — 4

4

Eine neue

Männlichkeit

für

den Sport

56 Frühling 2026


Story — 4

Text: Greg Zwygart

Sport gilt als männlich. Allerdings

nur dann, wenn er als dominant,

kraftvoll und aggressiv

wahrgenommen wird. Wer sich

als Mann im Synchronschwimmen,

Cheerleading oder Eistanz

zeigt, wird schnell zur Zielscheibe

von Spott und Häme. Ein

Essay über die Ambivalenz gesellschaftlicher

Werte und die

engen Grenzen dessen, was als

«männlich» gelten darf.

Frühling 2026

57


Story — 4

ehenspitzen durchbrechen die Wasseroberfläche, flattern

in der Luft. Aufeinander abgestimmt wie Vogelformationen

richten sich Füsse zuerst nach links, dann nach

rechts und verschwinden unter grossem Getöse wieder

im Becken. Köpfe tauchen auf, braune Haare kleben an

Stirnen. Wasser spritzt in alle Richtungen. Erst bei genauerem

Hinsehen fällt auf: Neben sieben Schwimmerinnen

ist ein Mann Teil dieser Choreografie.

Es ist Frühling 2025. In Soma Bay in Ägypten finden

die Weltmeisterschaften im Synchronschwimmen statt.

Dem spanischen Team gelingt mit seiner Routine «Insanity»

Historisches: Zum ersten Mal gewinnt ein Land

mit einem Mann im Line-up eine Goldmedaille im Teamwettbewerb.

58 Frühling 2026

Wenn die Leistung nicht mehr zählt

Synchronschwimmen – heute meist als «Artistic Swimming»

bezeichnet – ist traditionell eine Frauendomäne.

Erst seit einer Regelanpassung des Weltdachverbands

World Aquatics im Jahr 2015 dürfen Männer im Mixed-

Duett antreten. Für die Sommerspiele 2024 in Paris wurden

Männer erstmals auch für den Teamwettbewerb zugelassen.

Der Mann im spanischen Team heisst Dennis González

Boneu. Neben dem Teamgold holt er in Ägypten zwei

weitere Weltmeistertitel. «Von diesem Moment habe ich

viele Male geträumt. Und ich habe hart dafür gearbeitet»,

sagt er nach dem Sieg gegenüber der Presse.

Für González ist seine Teilnahme nicht nur eine Frage

symbolischer Gleichstellung. Er verweist auf unterschiedliche

körperliche Voraussetzungen, die neue choreografische

Möglichkeiten eröffnen. Die Kraft eines

männlichen Körpers erlaube andere Hebefiguren, andere

Akzente, andere Dynamiken. Männer brächten etwas

Neues ins Becken.

Doch nicht alle teilen diesen Enthusiasmus. Neben

Gratulationen finden sich in sozialen Medien zahlreiche

diskriminierende und homophobe Kommentare über

seinen Auftritt. Der Spott richtet sich nicht gegen seine

Bild: IMAGO / Xinhua

Schau Dennis

beim Synchronschwimmen

zu.


Story — 4

Frühling 2026

59


Story — 4

Leistung, sondern gegen die Irritation, dass hier ein

Mann eine Sportart ausübt, die gesellschaftlich noch

immer als «weiblich» gilt.

Für González ist das nichts Neues. Als Jugendlicher

wurde er gemobbt. Heute hofft er, dass seine Karriere

anderen Jungen Mut macht, die sich für diesen Sport

interessieren. «Ich möchte den Kindern zeigen, dass

sie alles erreichen können, was sie wollen», sagt er.

Artistic Swimming vereine für ihn zwei Leidenschaften:

Tanz und Wasser. Die Sportart wurde zu

einem Ort, an dem Ausdruck möglich war. «Es war

mein Weg, der Realität zu entkommen», erklärt er

rückblickend. Während ausserhalb des Beckens Erwartungen

und Zuschreibungen dominierten, bot der

Sport einen Raum, in dem er nicht korrigiert wurde,

sondern aufblühen konnte.

Von «männlichen» und «weiblichen» Sportarten

Sport soll fair sein und für alle dieselben Voraussetzungen

bieten. Und doch zeigt sich hier besonders

deutlich, wie unterschiedlich Athlet*innen gesellschaftlich

bewertet werden. Frauen werden kritisiert,

wenn sie als «zu männlich» gelten. Wenn sie etwa

muskulös sind, kein Make-up tragen oder zu verbissen

auftreten. Männer wiederum, wenn sie Sportarten

ausüben, die gesellschaftlich als feminin gelten – Disziplinen,

in denen Anmut, Synchronität und Ausdruck

höher bewertet werden als physische Dominanz.

Dass Eigenschaften wie Stärke, Aggressivität und

Durchsetzungsfähigkeit im Sport als männlich gelten,

kommt nicht von ungefähr. Der US-amerikanische

Soziologe Michael Messner beschreibt, wie

Geschlechternormen bereits im Kindesalter über

60 Frühling 2026


Story — 4

Schau Louie beim

Cheerleaden zu.

Bild: IMAGO Images

als «Lifestyle»-Sportarten, Laufen und Schwimmen

wurden als neutral empfunden. Auffällig war zudem:

Männer stuften viele Sportarten systematisch «maskuliner»

ein als Frauen.

Sport ist damit mehr als Bewegung und Leistung.

Er ist ein Ort symbolischer Grenzziehung. Wenn

Männer Sportarten besonders stark als «maskulin»

markieren, verteidigen sie indirekt eine Vorstellung

davon, was als «richtiger» Männersport gilt und was

nicht. Für queere Perspektiven ist diese Grenzziehung

zentral. Denn wer als Mann eine «feminin» gelesene

Sportart ausübt, überschreitet eine gesellschaftliche

Linie. Und Grenzüberschreitungen werden selten

wohlwollend kommentiert.

An dieser Stelle muss kaum erwähnt werden, dass

die Verherrlichung von Männern in klassisch männlichen

Sportarten nicht vor der schwulen Community

Halt macht. Im Gegenteil. Sie werden erotisiert, angehimmelt

und stilisiert – zu Fantasieräumen, die sich

von Partymottos und Fetischabenden bis hin zu ganzen

Büchern, Filmen und Serien erstrecken. Jüngstes

und wohl bestes Beispiel dafür ist der durchschlagende

Erfolg der kanadischen Serie «Heated Rivalry», in

der sich zwei professionelle Eishockeyspieler ineinander

verlieben. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen

Roman von Rachel Reid, der insbesondere

bei heterosexuellen Leserinnen grossen Anklang fand

(siehe Story auf Seite 98).

sportliche Sozialisation verinnerlicht werden. Sport

wird so zu einem sozialen Raum, in dem hegemoniale

Männlichkeit stabilisiert und Geschlechterhierarchien

reproduziert werden – heterosexuell-männlich

wohlgemerkt.

Eine 2019 veröffentlichte Studie mit 423 Erwachsenen

in China untersuchte, wie Sportarten geschlechtlich

eingeordnet werden. Das Ergebnis: Sport wird

gesellschaftlich klar gegendert, jedoch nicht bloss

entlang einer einfachen «männlich versus weiblich»-

Achse. Die Befragten unterschieden zwischen maskulinen,

neutralen, sogenannten «Lifestyle»- und femininen

Sportarten.

Fussball und Basketball wurden deutlich als maskulin

bewertet, Gymnastik oder Aerobic klar als feminin.

Dazwischen fanden sich Klettern oder Radfahren

Frauen jubeln Männern zu

Sport als Raum männlicher Bestätigung zeigt sich

auch in der Entstehung des Cheerleadings, besonders

populär in Nordamerika. Worum es dabei geht?

Überspitzt formuliert: Frauen tanzen und turnen, um

Männer – vor allem im Football – anzufeuern und das

Publikum in Spielpausen zu unterhalten. Aus diesem

Bedürfnis nach Inszenierung entstand auch die legendäre

Super-Bowl-Halbzeitshow, die für Musiker*innen

als Ritterschlag gilt.

Geradezu subversiv wirken in diesem Kontext

männliche Cheerleader. In nordamerikanischen

Highschools und später dann auch im College Football

gibt es sie schon lange, häufig als Stuntmänner. Doch

erst 2018 stehen mit Napoleon Jinnies und Quinton

Peron erstmals zwei Männer als offizielle Cheerleader

Frühling 2026

61


Story — 4

bei einem Team der obersten NFL-Liga unter Vertrag,

bei den Los Angeles Rams.

Viele folgen. Akzeptanz ist dennoch keine Selbstverständlichkeit.

Als die Minnesota Vikings 2025 mit

Louie Conn und Blaize Shiek zwei Männer ins Cheerleading-Team

aufnehmen und dies mit «Die nächste

Generation von Cheerleadern ist da» kommentieren,

fegt auf Social Media ein Sturm der Entrüstung über

das Team hinweg.

Der Aufruhr nimmt politische Dimensionen an,

als der konservative Aktivist und ehemalige Vikings-

Spieler Jack Brewer erklärt, kein Mann solle je ein

Pompon in die Hand nehmen. Der Widerstand wird

so gross, dass das Team ein Statement veröffentlicht:

«Rund ein Drittel aller NFL-Teams beschäftigt inzwischen

männliche Cheerleader; alle durchlaufen ein rigoroses

Auswahlverfahren», heisst es darin.

Die Debatte wird auch auf der anderen Seite des

Atlantiks thematisiert. Der ehemalige NFL-Profi

R. K. Russell schreibt in der britischen Zeitung The

Guardian, die Empörung richte sich nicht gegen Sport,

sondern gegen Sichtbarkeit. «Es geht um Kontrolle –

über Männlichkeit, über Bilder, über die Frage, wer im

öffentlichen Raum gefeiert werden darf», so Russell.

«Es ist derselbe Impuls, der Anti-LGBTIQ-Gesetzgebung

antreibt, dieselbe Angst, die Bücherverbote,

sogenannte ‹Toilettengesetze› und Angriffe auf Drag-

Künstler*innen befeuert. Dieser Moment steht nicht

für sich allein. Er ist Teil einer breiteren kulturellen

Gegenreaktion auf Emanzipation.»

Conn und Shiek, die beiden Cheerleader im Zentrum

der Debatte, halten sich weitgehend heraus. Sie

posten lediglich ein Foto auf Instagram mit der ironischen

Bildunterschrift: «Moment, hat jemand unseren

Namen gesagt?» Kurz darauf veröffentlicht Conn ein

Bild aus Kindertagen im Spagat. «Ich bin dort, wo ich

sein sollte», schrieb er. «Ich habe mich noch nie so geliebt

gefühlt.» Louie Conn und Synchronschwimmer

Dennis González Boneu liessen Interviewanfragen

zum Thema Männlichkeit im Sport unbeantwortet.

Der Text stützt sich deshalb auf Aussagen, die sie gegenüber

der Presse oder in sozialen Medien gemacht

haben.

Der Sport als Safe Space

So laut die Diskussionen um männliche Cheerleader

und Synchronschwimmer geführt werden: Für viele

queere Athleten beginnt die Geschichte an einem

anderen Punkt – nicht mit Erfolg oder Empörung,

sondern mit der Suche nach einem sicheren Ort und

Rückzugsraum.

Beispiel dafür ist Guillaume Cizeron. Zusammen

mit seiner Partnerin gewann der französische Eiskunstläufer

bei den diesjährigen olympischen Winterspielen

in Mailand-Cortina die Goldmedaille. Queerer

Schau Guillaume

beim Eiskunstlaufen

zu.

hätte die Performance nicht sein können: Für ihre

Routine wählte das Paar die LGBTIQ-Hymne «Vogue»

von Madonna.

2020 outete sich Cizeron in einem offenen Brief als

schwul und schilderte darin die Auswirkungen jahrelangen

Mobbings. Er wuchs mit zwei Schwestern auf

und spielte lieber mit Kostümen, Puppen und Makeup.

«Aber ich habe schnell verstanden, dass ein Junge

das nicht tun sollte. Also habe ich aufgehört. Ich sass

auf dem Bett und sah meinen Schwestern beim Spielen

zu», schrieb er.

Noch vor der Pubertät habe er erfahren, was Homosexualität

bedeute. Zuvor hätte dieses Wissen nicht

zu seinem Wortschatz gehört; er habe nicht gewusst,

dass die Liebe zu Jungen nicht Mädchen vorbehalten

sei. «Diese Erkenntnis war befreiend», schrieb er. Sie

62 Frühling 2026


Story — 4

Bild: Stephanie Scarbrough/AP/dpa

habe ihm geholfen, das Gefühl zu verstehen, im falschen

Körper gefangen zu sein. Ganz verschwunden

sei die Scham jedoch nicht. Das Mobbing habe angehalten.

Um den Anfeindungen zu entgehen, habe er

die Pausen oft auf der Toilette verbracht. «Wenn ich

wieder herauskam, veränderte ich Teile von mir –

wie ich ging, wie ich sprach, wie ich lachte. Jeden Tag

schlug ich ein Stück von meinem eigentlichen Selbst

ab, in der Hoffnung, akzeptiert zu werden.»

Der Eiskunstlauf wurde für den jungen Guillaume

zum sicheren Ort. «Eiskunstlauf war für mich nicht

nur ein Sport. Die Eisbahn war, neben meinem Zuhause,

der einzige Ort, an dem ich für meine Art nicht

niedergemacht, sondern bestärkt wurde.» Das Training

habe ihm Selbstvertrauen gegeben und ihm erlaubt,

sich in einem geschützten Umfeld zu entdecken.

Als er sich schliesslich outete, habe er das Glück gehabt,

eine unterstützende Familie zu haben und in

einem Land zu leben, in dem seine Existenz kein Verbrechen

war.

In den klassisch männlichen Sportarten warten

viele noch immer auf das Coming-out eines aktiven

Profispielers. Damit erhoffen sich viele ein Umdenken

im Sport, mehr Akzeptanz für schwule Athleten und

weniger toxische Männlichkeit. Dabei gerät leicht in

Vergessenheit, dass auch jenseits von Fussball, Football

oder Eishockey Pionierarbeit geleistet wird.

Vielleicht lohnt es sich, den Blick nicht nur auf die ersehnten

Coming-outs in den grossen Männerligen zu

richten, sondern auch auf jene, die bereits heute Grenzen

verschieben – beim Synchronschwimmen, beim

Cheerleading und im Eiskunstlauf.

Frühling 2026

63


FILM

Filmguru

Patrick Schneller

filmguru@mannschaft.com

Der Beginn einer besonderen

Beziehung: Ray (r.)

macht Colin zu seinem

Sozius.

Pillion

Let’s Play Master and Servant

Filme über BDSM-Beziehungen sind immer

noch eher selten, und sie entsprechen

oft der Vorstellung von Leuten, die nicht

wirklich eine Ahnung davon haben. Musterbeispiel

ist die «Fifty Shades»-Trilogie

(2015–18), die mit echten Fesselfantasien

herzlich wenig zu tun hat.

Das queere Kino behandelt BDSM

seit jeher offener, obwohl Exempel auch

eher rar gesät sind. Doch so ehrlich und

unverkrampft wie im Spielfilmdebüt des

Engländers Harry Lighton entfaltete sich

eine Meister-und-Sklave-Liebschaft noch

selten. Er adaptierte den Roman «Box

Hill» (2020) von Adam Mars-Jones, verlagerte

die Handlung von den 1970ern

in die Gegenwart und nannte das Ganze

«Pillion», was auf deutsch «Sozius»

heisst.

64 Frühling 2026

Der schüchterne Parkwächter Colin

(Harry Melling) wohnt noch bei den Eltern

im Südostlondoner Stadtteil Bromley und

hatte noch nie ein Gspusi. Da läuft er im

Pub dem strammen Leder-Biker Ray (Alexander

Skarsgård) über den Weg, der ihm

prompt seine Telefonnummer zusteckt.

Zwischen ihnen entwickelt sich ein Verhältnis,

in dem Colin seine devote Ader

erst richtig entdeckt. Doch natürlich ist

nicht alles nur eitel Sonnenschein.

«Pillion» lebt von einer authentischen

Milieuzeichung, lebensnahen Figuren und

der prickelnden Atmosphäre. Alexander

Skarsgård, «The Northman» höchstpersönlich,

und Harry Melling, der seit seiner

Rolle als Harry Potters Cousin Dudley

gerne mit seiner Vielseitigkeit überrascht,

erweisen sich als Idealbesetzungen. Nach

dem Motto «Gegensätze ziehen sich an»

wirken Ray und Colin in ihrer BDSM-

Partnerschaft stets glaubhaft. Und das

Wichtigste: Harry Lighton gibt seine Figuren

nie der Lächerlichkeit preis und

bringt sie in den emotionaleren Momenten

selbst dem verstocktesten Publikum

menschlich näher.

Liebeskomödie, GB/IRL 2025. Regie:

& Drehbuch: Harry Lighton. Mit Harry

Melling, Alexander Skarsgård, Douglas

Hodge, Lesley Sharp, Jake Shears,

Mat Hill. Kinostart CH/D: 26. März, A:

27. März

Bild: ChrisHarris


Das UCLA Film &

Television Archive

hat den Gay-Klassiker

«Pink Narcissus»

(1971) in

4K restauriert,

weshalb er erstmals

auf Blu-ray

erscheint (USA:

Strand Releasing/

UK: BFI, ab

15. Juni). Patrick Schneller

Horrordrama, F/B 2025. Regie &

Drehbuch: Julia Ducournau.

Kinostart D: 2. April, A/CH: tba

FILM/SERIEN

Alpha

Mit «Raw» stürmte Julia Ducournau

2016 die Körperhorror-

«Landkarte». «Titane» katapultierte

die Französin fünf Jahre

später auf den Gipfel, auch dank

der Goldenen Palme. Nun kommt

mit «Alpha» ihr dritter Spielfilm.

1990 verbreitet sich ein Virus

über verunreinigte Nadeln und

ungeschützten Sex. Infizierte verwandeln

sich langsam in Marmorstatuen.

Die 13-jährige Alpha

(Mélissa Baros) hat sich ein Tattoo

stechen lassen, das entzündet ist.

Ihre Mutter (Goldshifteh Farahani),

eine Ärztin, befürchtet das

Schlimmste – schon ihr Junkie-

Bruder Amin (Tahar Rahim) hat

sich angesteckt.

Als hätte Ducournau mit Autor

William S. Burroughs (1914–97)

Bild: zvg

zusammengespannt: Ihre Parabel

auf die Aids-Hysterie avanciert

durch die surreale Verfremdung

zum Plädoyer gegen

Ausgrenzung und Diskriminierung

aller Art. Dies geschieht

etwas zu verkopft und wirkt

nicht mehr so wild und frisch.

Doch selbst ein schwächerer

Ducournau hat mehr drauf als

der gehobene Durchschnitt.

Serienjunkie

«Deadloch» Staffel 2 – Rückkehr

des derben Duos aus Down Under

Ab dem 30. März bei Amazon Prime.

Bild: Amazon MGM Studios

Robin Schmerer

robin@mannschaft.com

Zwei Polizistinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten,

müssen gemeinsam Mordfälle lösen. Die Formel ist nicht neu,

aber «Deadloch», eine Crime-Comedy aus Down Under, ist herrlich

schwarzhumorig, feministisch und erfrischend queer. Sergeant

Dulcie Collins (Kate Box) kennt ihre Heimatstadt in- und

auswendig und ist nicht begeistert, als ihr mit der permanent fluchenden

Ermittlerin Eddie Redcliffe (Madeleine Sami) eine Partnerin

aus der nächstgrösseren Stadt zur Seite gestellt wird.

Die beiden lesbischen Frauen müssen lernen, sich in einem

Umfeld voller Männer zu bewähren, und schnell stellt sich heraus,

dass das vermeintlich starke Geschlecht mit diesem derben

Duo nur den Kürzeren ziehen kann. Homophobe und chauvinistische

Kommentare? Nicht mit den beiden.

In den sechs neuen Folgen der zweiten Staffel, die am 30. März

startet, verschlägt es die Frauen in den schwülen Norden des

Landes, wo sie den Mord an Eddies ehemaligem Partner Bushy

aufzuklären versuchen.

«Deadloch» sorgt für Abwechslung in einem standardisierten

Genre und bricht nicht zuletzt dank einer illustren Schar queerer

Charaktere mit der Norm. Grund für diesen frischen Blick dürfte

auch das überwiegend weibliche Team sein.

Frühling 2026

65


SERIEN

Neues Staffel, alte Konflikte:

«Euphoria» Staffel 3

Ab dem 13. April bei Sky/WOW und HBO Max.

Was? Wo? Wann?

WAS WO & WANN IN EINEM SATZ

Knokke Off

(High Tides)

Drama

Staffel 2

ab 3.4.

Netflix

Das belgische Jugenddrama rund

um Klassenunterschiede geht in

die dritte Runde. So muss auch

Jan, der Vater von Louise, seine

Homosexualität verheimlichen und

lebt mit einer Frau zusammen.

The Testaments

(Die Zeuginnen)

Drama

Staffel 1

ab 8.4.

Disney+

Jahre nach dem Ende von «The

Handmaid’s Tale» angesiedelt,

folgt das Spin-Off einer neuen

Gruppe von Frauen, die sich dem

misogynen, totalitären und homophoben

System entgegenstellt.

Malcolm in the

Middle: Life's

Still Unfair

Comedy

Staffel 1

ab 10.4.

Disney+

Fortsetzung der 2000er Kultcomedy

rund um eine dysfunktionale,

aber liebenswerte Familie. Neuzugang

und jüngstes Kind ist Kelly

(Vaughan Murrae) und definiert

sich als nicht-binär.

Stranger Things:

Tales from ‘85

Animationsserie

Staffel 1

ab 26.4.

Netflix

Nachschub für «Stranger Things»-

Fans! Die Animationsserie

schliesst die Lücke zwischen

Staffel 2 und 3 und will das Gefühlsleben

der Figuren näher

beleuchten.

Einen Tag nach der US-Premiere zeigen Sky/WOW

und HBO Max ab dem 13. April die ersehnte dritte Staffel

des Coming-of-Age-Dramas «Euphoria», auf die Fans

vier Jahre warten mussten. Gründe hierfür waren der

Streik der Writers Guild of America und die Popularität

der Darsteller*innen rund um Zendaya, Jacob Elordi,

Sydney Sweeney und trans Schauspielerin Hunter

Schafer, deren Drehpläne sich nur schwer vereinbaren

liessen. Konsequenterweise setzt die Handlung nach einem

Zeitsprung von fünf Jahren wieder ein, weshalb wir

die drogenabhängige Rue und ihre High School Clique in

anderen Lebensabschnitten wiedertreffen.

Die ersten Bilder der neuen Folgen zeigen, dass alle

zwar die Schulbank, nicht aber ihre Probleme hinter sich

gelassen haben. Cassie scheint nun mit Nate verlobt zu

sein, die Haushaltskasse aber mit heissen Social-Media-

Inhalten aufzubessern. Trans Frau Jules hat es nach London

verschlagen, wo sie ihre Vorliebe für ältere Männer

zu einem Geschäftsmodell gemacht hat. Und die hochverschuldete

Rue treibt sich unweit der mexikanischen

Grenze herum und gerät zwischen zwei verfeindete Drogenbanden.

Neues Staffel, alte Konflikte also.

Auch wenn der Hauptcast zurückkehrt, hat die HBO-

Produktion einige Verluste zu beklagen. Barbie Ferreira

war mit ihrer Rolle unzufrieden. Eric Dane konnte wegen

seiner ALS-Diagnose – einer fortschreitenden Nervenkrankheit,

die zu Muskelschwäche führt – nur noch

eingeschränkt vor der Kamera stehen und ist in der Zwischenzeit

verstorben.. Auch Schauspieler Angus Cloud

verstarb 2023 und Fans erster Stunde werden seine Figur

Fezco wohl vermissen. Doch die Vorfreude auf die neue

Staffel überwiegt und wer will, kann die Wartezeit mit

der deutschen Adaption «Euphorie» (RTL+) überbrücken.

Bild: Photograph by Partick Wymore/HBO

66 Frühling 2026


DIE

QUEERE

SEITE DES

LESENS

DER SCHWEIZER ONLINESHOP

FÜR QUEERE & FEMINISTISCHE MEDIEN

WWW.QUEERBOOKS.CH

HERRENGASSE 30, 3011 BERN


Story — 5

5

«Yes.

Mission

completed.

Fuck

Gender

Roles.»

68 Frühling 2026


Story — 5

Interview – Denise Liebchen

Wrestling ist bei der Brigade

Brut kein stumpfer Kampf. Das

queer-feministische Kollektiv

verhandelt im Ring Macht und

Ungleichheit: wenn etwa Chav

Pe$o$, eine Jeff-Bezos-Persiflage,

gegen eine Arbeiterin verliert.

Das Publikum buht und jubelt

– und manchmal weiss es nicht,

worauf es sich eingelassen hat.

Frühling 2026

69


Story — 5

Wie erklärt ihr Brigade Brut einer Person, die euch

nicht kennt?

Sandy: Wenn ich Menschen sage, ich wrestle, dann fragen sie:

«So wie im Fernsehen?» Und ich antworte: «Genauso, aber nicht

ganz.» Vieles bringen wir uns selbst bei. Wir laden Gastkämpfer*innen

ein, machen Workshops, schauen Videos, probieren aus.

Es ist Do-it-yourself, aber nicht irgendwie. Am Ende ist es eine

Mischung aus Show und echtem Kampf.

Ilayda: Ich beschreibe es meistens als Entertainment. Sehr theatralisch.

Es geht nicht nur darum, dass zwei Leute im Ring stehen,

sondern um Figuren, Storylines, Themen, die uns beschäftigen.

Und darum, dass das Publikum Teil davon wird.

Wie wird das Publikum Teil davon?

Ilayda: Das Publikum soll Stellung beziehen. In vielen Kämpfen

gibt es ein Face und ein Heel, also eine Figur, zu der man sich hingezogen

fühlt, und eine, die provoziert. Aber bei Brigade Brut ist

das nicht einfach der mit den grössten Muskeln gegen irgendwen.

Das kann Chav Pe$o$ sein gegen seine Arbeiterin. Oder eine Immobilienmaklerin

gegen eine Figur, die für bezahlbaren Wohnraum

steht. Dann ist klar, auf wessen Seite man steht.

Sandy: Manchmal ist es nicht so wichtig, ob jemand Face oder

Heel ist, sondern was diese Figur repräsentiert. Dann heisst es bei

einer Show in Zürich halt: Goldküste gegen die weniger wohlhabende

Pfnüselküste. Oder auf dem Land kämpft eine Kuh gegen

eine traditionelle Treichlerin mit schweren Kuhglocken behängt.

Plötzlich ist nicht mehr so klar, wer gut oder böse ist. Dann bist

du einfach für die Seite, der du dich am nächsten fühlst. Auch

wenn du andere Werte hast.

Ist eure Show von vorn bis hinten inszeniert oder

gibt es Raum für Spontanes?

Sandy: Freestyle wäre im Ring zu gefährlich. Deshalb planen wir

alles. Aber es ist nicht so, dass es dadurch tot oder starr wird. Im

Gegenteil. Wir brauchen das Publikum, wir wollen, dass sie jubeln,

buhen, reagieren. Und da entsteht etwas zwischen uns im

Ring und dem Publikum. Das gehört zur Show dazu.

Ilayda: Es ist inszeniert, aber nicht emotionslos. Was im Raum

passiert – die Stimmung, das Schreien, das Mitgehen – das ist jedes

Mal anders. Und darauf reagieren wir.

Wie reagiert das Publikum auf euch?

Ilayda: Ich stehe als DJ seitlich und habe Zeit, die Leute zu beobachten.

Sie halten sich die Hände vor die Augen oder verziehen

das Gesicht, als würde es ihnen selbst wehtun. Es ist so ein Secondhand-Pain-Gefühl.

Obwohl sie wissen, dass es inszeniert ist,

reicht das Geräusch, wenn jemand in den Ring klatscht, dass man

denkt: Das muss doch weh tun. Gleichzeitig wird viel geschrien.

Die Speaker-Person heizt das Publikum auf.

Sandy: Ohne Publikum funktioniert Wrestling nicht. Es ist Teil

der Show.

Wer sitzt bei euren Shows im Publikum?

Sandy: Ein Teil reist aus grösseren Städten an, das sind Leute,

die uns kennen, Fans. Ein grosser Teil ist aber lokales Publikum.

Wenn wir auf dem Land spielen, kommen viele von dort, wollen

schauen, was das ist. Ich habe oft das Gefühl, dass viele nicht wissen,

auf was sie sich einlassen.

Ilayda: Ja. Je nach Ort und Publikum ist es jedes Mal anders.

Sandy: Wir haben auch unterschiedliche Formate. Drag im Ring

zieht ein sehr queeres Publikum an, viele Allies. Dann gibt es

Shows, wo alles da ist: Kids, Jugendliche, Eltern, Grosseltern. Der

Papi einer Kampfperson ist 78 und kommt. Genauso das zehnjährige

Kind einer anderen Kämpferin.

Was erlebt ihr, wenn das Publikum nicht queer-only ist?

Sandy: Das kann kippen. Bei einer Show haben mich schon cis

Männer aus dem Publikum ausgebuht, weil ich als «Striking

Dyke» in Drag mit Silikonoberkörper kämpfe. Es kamen Kommentare

wie: Deine Bewegungen sind mega weiblich, aber dein

Oberkörper sieht so echt aus. Das irritiert sie. Und ich glaube, es

bedroht sie ein bisschen. Ehrlich gesagt denke ich dann: Yes. Mission

completed. Fuck Gender Roles.

Ilayda: Wenn Leute nicht wissen, wohin mit dem, was sie sehen,

merke ich das von der Seite. Gleichzeitig sehe ich Gesichter von

queeren Personen, von Freund*innen, von Menschen, wo du

weisst: Die checken das. Die sind da.

Was braucht es, um bei euch mitzukämpfen?

Sandy: Commitment. Teil der Gruppe sein heisst: viel Zeit investieren,

regelmässig trainieren, Sitzungen haben, Proben, Shows

vorbereiten. Das ist kein einmaliges Erlebnis, das ist ein Prozess.

Ilayda: Es geht nicht darum, wie stark oder akrobatisch du bist.

Die Leute müssen mental präsent sein. Auch wenn du ins Schwitzen

kommst, egal nach wie vielen Sprüngen oder Moves, du musst

trotzdem noch wissen, wo du bist, was gerade passiert ist und

was als Nächstes kommt. Und es braucht mentale Reife. Nicht im

Sinne von: perfekt sein. Sondern die Fähigkeit, Verantwortung zu

übernehmen – für sich selbst und für die andere Person im Ring.

Sandy: All das zusammen – Zeit, Kommunikation, mentale Präsenz,

gegenseitige Verantwortung – das ist es, was es braucht.

Nicht einen bestimmten Körper oder ein bestimmtes Alter.

Ihr investiert viel Zeit, Energie und auch Emotionen.

Warum tut ihr das?

Sandy: Als ich Brigade Brut zum ersten Mal gesehen habe, dachte

ich: Wow, wie geil ist das! Diese Kostüme, die Haltung, das Storytelling

– dieses Abliefern und Einfangen vom ganzen Raum, das

hat mich sofort gepackt. Für mich geht es auch um das Spiel mit

Schmerz. Viele von uns haben Sachen erlebt, die irgendwo raus

müssen. Durch das Schreien, Kämpfen, gemeinsame Jubeln kann

was raus. Und ich kann ausleben, was sonst keinen Platz hat. Drag

wollte ich schon lange machen, hatte aber Hemmungen. Ich habe

mich gefragt: Darf ich das überhaupt? Und dann hatte es bei Brigade

Brut einfach Platz. Es durfte roh sein. Unpolished. Es durfte

auch schiefgehen.

«Wrestling lebt

vom Jubel und

den Buhs»

70 Frühling 2026


Story — 5

Bild: Pawel Streit

Das Wrestling-Kollektiv Brigade Brut: Ilayda liegt im Vordergrund, Sandy steht

als Zweite von rechts mit blonden Strähnen vor der blauen Maske.

Ilayda: Genau. Dieses Unperfekte. Du darfst ausprobieren. Ich

komme vom Radiomachen und DJ-Sein. Immer mit dieser Idee,

Menschen zu unterhalten, einen Raum zu gestalten, eine Stimmung

zu erzeugen.

Sandy: In der Brigade kann ich alle Skills zusammenbringen.

Tanz, Unterhaltung, Dramaturgie, Storytelling, Kulturwissen.

Und ich werde nicht nur gebraucht für meine Technik, sondern

auch für mein Denken. Für meine Perspektive. Wir sind nicht einfach

Kämpfer*innen, die sich schlagen sollen. Wir sind teils Kulturschaffende

mit Wissen aus den darstellenden und bildenden

Künsten, und mit dem, was wir sonst machen.

Ilayda: Und es ist Gemeinschaft. Nicht Training, Bier, nach Hause.

Wir sehen uns, supporten uns auch ausserhalb des Rings, in anderen

Projekten, im Leben. Das trägt sehr fest.

Wohin soll das alles noch gehen? Wovon träumt

Brigade Brut?

Sandy: Von einer Europatour. Nicht im Sinne von grösser, schneller,

mehr. Sondern andere Orte, Kontexte, Publika. Und schauen,

was dort passiert.

Ilayda: Wir reden immer wieder über einen Brigade-Brut-Nightliner,

in dem wir schlafen und fünfzehn Shows hintereinander

spielen. Das wäre schon heftig.

Sandy: Das ist kein abstrakter Traum. Er kommt aus dem, was wir

jetzt schon machen, und aus dem Gefühl: Es trägt, funktioniert

und interessiert Menschen. Und wenn es nicht so kommt, ist es

auch okay. Aber dieser Wunsch, weiterzugehen, weiterzudenken,

der ist schon da.

Ilayda: Einfach schauen, wo das noch hinführen kann. Ohne es

zu müssen.

Brigade

Brut

ist ein queer-feministisches Wrestling-Kollektiv

aus der Deutschschweiz,

das sich 2018 inspiriert von der Serie

«Glow» gegründet hat. Verortet im

Raum Luzern treten sie regelmässig

in anderen Städten und Regionen der

Schweiz auf.

Das Kollektiv besteht aus rund 15 aktiven

Kampfpersonen und Mitgliedern

in Produktion, Sound, Moderation und

Stage-Hand. Brigade Brut produziert

ihre Shows vollständig selbst und

verfügt über einen eigenen Wrestling-Ring.

In den Ring steigen Figuren, die bewusst

mit Machtbildern, Geschlecht

und Popkultur arbeiten – etwa Striking

Dyke, eine Drag-Figur mit Männerbrust,

die legendäre Lady Roqueforce,

der wandelbare Der Didas oder satirische

Rollen wie Chav Pe$o$.

Inhaltlich greifen die Shows gesellschaftliche,

politische und kulturelle

Konflikte auf, oft orts- und kontextspezifisch.

– brigadebrut.ch

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Story — 5

Bild: Pawel Streit

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Story — 5

Bild: Pawel Streit

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Story — 5


Story — 5

Bild: Monja Staufenbiel

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Bild: Pawel Streit

Bild: Elio Herzog

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Story — 5

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Story — 5


Bild: Pawel Streit

Story — 5

Bild: Pawel Streit

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Story — 5

Bild: Pawel Streit

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Story — 5

Bild: Love Liebmann

Frühling 2026

81


Frühling

ohne

Schnee

Jede Linie von deinem

Spass fördert Verbrechen.


KOLUMNE

Glitzer & Kampfstiefel

«Wo stehst du? Nicht direkt im

schwarzen Block, oder?» Sorgenvolle,

mahnende Worte meiner Frau an einem

kühlen Nachmittag vor Monaten in Berlin-Friedrichshain.

Der Anlass: ein Aufmarsch

von rechten Gruppen. Der ganze

Kiez: Gegendemo. Und ich? Ein bisschen

mittendrin.

Ich stand zwischen zwei schwarzen

Blöcken und das fühlte sich ehrlich

gesagt genau richtig an. Mittendrin statt

nur irgendwo dabei. Nicht allein, sondern

mit Freund*innen. Es ist unser Zuhause.

Unser Kiez. Hier ist kein Platz für Fremdenhass,

keine Bühne für Queerfeindlichkeit.

Wir leben hier. Also zeigen wir uns

auch. Regenbogenfahnen. Hoodies. Stiefel.

Und noch Glitzer im Gesicht von der

letzten Nacht. Dieser Widerspruch fühlte

sich perfekt an. Zart und entschlossen zugleich.

Verletzlich und kampfbereit. Genau

so sind wir doch.

Ein paar Monate später, CSD in

Magdeburg. Eigentlich ein Tag für Sichtbarkeit,

für Freund*innen, für diese ganz

besondere queere Leichtigkeit. Doch sie

standen wieder da. Rechte Gruppen.

Laut, einschüchternd, voller Hass. Die Polizei

trennt die Demonstrationen. Auf der

einen Seite Musik, Tanz, Drag, Kinder auf

den Schultern ihrer Eltern. Auf der anderen

Seite geballte Fäuste und Parolen.

Dieser Kontrast hat sich eingebrannt.

Da wird mir wieder klar: Pride ist

nicht nur eine Parade. Pride ist politisch.

Immer noch. Vielleicht mehr denn je. Unsere

Existenz ist für manche schon Provokation

genug.

Genau deshalb dürfen wir nicht

leiser werden. Nicht «unauffälliger». Wer

sich zurückzieht, überlässt den Raum denen,

die ihn mit Hass füllen. Haltung zeigen

heisst nicht, keine Angst zu haben,

sondern trotzdem hinzugehen.

Und für mich bekommt das noch

eine zweite Ebene. Ich bin Soldat*in. Offizier*in.

Ich habe gelernt, was «Haltung»

bedeutet. Für die Freiheit und Würde von

Menschen einzustehen. Für unser Grundgesetz.

Für genau das Recht, verschieden

sein zu dürfen. Dienst bedeutet für mich

auch: im Alltag nicht wegzuschauen,

wenn Menschen bedroht werden. Auf der

Strasse. Wenn Demokratie und Menschenwürde

angegriffen werden. Was

wäre das für eine Uniform, wenn ich sie

nur tragen würde, solange es bequem

ist? Ich verteidige dieses Land nicht abstrakt.

Ich stehe ein für meine Freund*innen,

meinen Kiez, unsere Community.

Das Recht, Hand in Hand zu gehen. Zu

feiern. Sichtbar zu sein. Denn Vielfalt verteidigt

sich nicht von allein. Demokratie

auch nicht. Und unsere Freiheit ganz sicher

nicht.

Zeig dich. Steh da. Bleib nicht am

Rand. Manchmal beginnt Widerstand mit

einem Lächeln, einer Fahne – und ein

bisschen Glitzer auf den Wangen. Aber er

endet immer mit Haltung. Glitzer und

Kampfstiefel gehören zusammen. Gerade

in unsicheren Zeiten brauchen wir beides

– Herz und Rückgrat. Glitzer erinnert uns

daran, wofür wir kämpfen. Kampfstiefel

erinnern uns daran, dass wir es können.

DIE TRANS PERSPEKTIVE

Anastasia war die erste

trans Kommandeurin der

deutschen Bundeswehr und

Protagonistin des Films

«Ich bin Anastasia». Sie

wohnt in Berlin.

anastasia@mannschaft.com

Illustration: Sascha Düvel

Frühling 2026

83


Story — 6

6

Die

Freundschaft

daten

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Story — 6

Text und Bilder – Cesare Macri

Was bedeutet Freundschaft,

wenn die Welt wackelt und besonders

queere Menschen den

Backlash direkt spüren? Formate

wie Speedfriending wollen

genau da ansetzen: neue

freundschaftliche Verbindungen

zwischen Queers zu bilden

und zu stärken. Ein Besuch an

einem dieser Abende.

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Story — 6

ie Freundschaft in Zeiten des Backlashes» könnte dieser

Text auch heissen, angelehnt an den berühmten

Roman «Die Liebe in den Zeiten der Cholera». Denn:

Wenn Regierungen europa- oder gar weltweit nach

rechts bis rechtsextrem wandern, steigt üblicherweise

der Druck auf Minderheiten. Konservative Kreise

sehen sie als Störfaktor einer Gesellschaftsordnung,

die Rechte und Ausdrucksformen einschränken will.

Das betrifft auch uns queere Menschen. Wir sollten

uns also möglichst verbünden und zusammenhalten,

um uns zu behaupten und Widerstand zu leisten. Das

ist nicht einfach in einer Zeit, in der Individualismus

und Unabhängigkeit viel gelten. Doppelt schwierig

wird es in einem Land wie der Schweiz, in dem auf

Fremde zuzugehen als unangebracht oder gar verzweifelt

gilt. Doch es gibt Hoffnung.

Für einmal kein Dating

Es ist ein kalter Winterabend in Zürich, an dem das

Speedfriending von Pink Cross, dem Schweizer Verband

für schwule und bisexuelle Männer, stattfindet.

Ich treffe Simon Leutenegger auf dem Weg zur Kweer

Bar, die den Event beherbergt. Er rechnet nicht mit

vielen Leuten: «Teilweise kommen bis zu 50 Personen,

aber das ist eher im Sommerhalbjahr so.» Zum

Zeitpunkt dieser Recherche ist Simon noch Community

Manager bei Pink Cross. Danach wird er sein

Engagement beenden, um sich ganz seiner selbständigen

Tätigkeit als Social Media Manager zu widmen.

Dieser Abend ist also der letzte, den er leiten wird. Er

finde das einerseits schade, denn er habe die Reihe

gern geleitet; andererseits sei er sich sicher, dass eine

neue Person das genauso gut machen werde. Jedenfalls

würde er es begrüssen, wenn es weitere Ausgaben

geben würde, denn: «Mir war es immer ein Anliegen,

queere Menschen zusammenzubringen. Mein

eigener Freund*innenkreis besteht zu einem grossen

Teil aus Queers», meint er und grinst.

In der Kampagne «Reden wir. Über uns.» der Aids-

Hilfe Schweiz und ihrem Beratungsangebot Dr. Gay

aus dem Jahr 2023 ging es um Beziehungen und Zugehörigkeit.

Damals kam die Idee auf, während der

Zurich Pride ein Speedfriending zu testen. Als das

auf grosse Resonanz stiess, wurde aus dem einmaligen

Treffen eine kleine Tradition. Seither findet es regelmässig

in Zürich, Basel, Bern und St. Gallen statt.

«Anfangs gaben wir den Leuten noch Kärtchen mit

Gesprächsthemen», lacht Simon, «aber mittlerweile

haben wir gemerkt, dass das nicht nötig ist.»

Die Idee hinter dem Speedfriending war, Leute zu

verbinden, die nicht auf der Suche nach romantischen

Partner*innen sind, sondern nach neuen Freund*innen.

In einer Szene, in der (v. a. unter schwulen Männern)

oft objektifiziert wird und Begegnungen deshalb

häufig eine oberflächliche, sexuelle Motivation haben,

wollte man den Leuten etwas bieten, das Zwischenmenschliches

betont. Und auch jene anspricht, die

nicht (oder nicht mehr) auf der Suche nach der grossen

Liebe sind.

Erwartungsvolle Stimmung

Wir treffen in der Bar ein: Der hintere Teil ist bereits

durch eine Trennwand für den besonderen Abend reserviert.

Simon begrüsst den Barkeeper, der ihn auf

Anhieb erkennt und genau zu wissen scheint, was

zu tun ist. Ein eingespieltes Team. Eine schmale Tür

führt zum hinteren Raum, der mit Sofas, Sesseln,

Tischchen und Zimmerpflanzen eingerichtet ist. Der

Barkeeper dimmt das Licht, bevor er Simon das Zepter

für die nächsten Stunden übergibt. Dieser hat sich

glücklicherweise getäuscht, denn es trudeln über 40

Personen ein – divers in Alter, Geschlecht und kulturellem

Hintergrund.

Das Bedürfnis nach echtem zwischenmenschlichem

Kontakt – oder, wie es der Psychologe Thomas

Fuchs formulieren würde, zwischenleiblichem Kontakt

– scheint gross zu sein. Ob es mit der fortschreitenden

Dominanz von Social Media in unserem Leben

zu tun hat? Mit der Tatsache, dass wir mehr und mehr

Blickkontakt mit einem «Black Mirror» haben, wie die

populäre Netflix-Serie und der wehmütige Song von

Arcade Fire suggerieren? Jedenfalls ist es wohltuend

86 Frühling 2026


Story — 6

Simon Leutenegger

(links) leitet das Speedfriending

für Queers.

Frühling 2026

87


Story — 6

88 Frühling 2026


Story — 6

Max (l.) und Janet finden

über Aktmodell-Posen und

KI schnell zueinander.

gemodelt hat. Er zeigt Nelson die entstandenen Fotos,

auf denen er mit einem anderen jungen Mann ein Pärchen

spielt. Nelson kichert, weil die romantisch wirkenden

Hochglanzbilder offensichtlich gestellt sind,

da Marco in Wahrheit Single ist. So kommen die beiden

ins Gespräch über Liebe und (offene vs. exklusive)

Beziehungen.

zu sehen, wie viele Menschen sich vom Event angesprochen

fühlen, der während ein paar Wochen über

die ganze Community hinweg beworben wurde.

Noch bevor der Event offiziell startet, komme

ich mit Nico ins Gespräch, der in Buenos Aires aufgewachsen

und vor Jahren nach Zürich gezogen ist.

Er erklärt mir, was ihn motiviert, heute Abend hier

zu sein: «Jedes Mal, wenn sich Menschen kennenlernen,

ist es für mich, als würden wirklich zwei Welten

aufeinandertreffen. Es eröffnet mir neue Perspektiven.»

Er sei im Moment noch etwas skeptisch, da er

sich frage, ob hier wirklich alle auf der Suche nach

Freund*innen seien, oder sich nicht doch etwas Romantisches

erhofften . . . Denn er selber sei verheiratet

und in Sachen Romantik somit zufrieden. Grundsätzlich

würde er sich darüber freuen, als Einwanderer

seinen Freundeskreis auszuweiten.

Man bewegt sich im Kreis

Dann ist es so weit: Der offizielle Teil des Abends beginnt,

Simon erklärt die Spielregeln. Die Besucher*innen

sollen sich zu zweit an einen Tisch setzen und

während fünf Minuten ins Gespräch kommen. Wenn

die Zeit rum sei, sollen diejenigen, die an der Wand

sitzen, sitzenbleiben und ihr Gegenüber einen Tisch

weiterrutschen. Auf die Gesprächspartner*innen, mit

denen man sich besonders gut verstanden habe, könne

man nach dem offiziellen Teil nochmals zugehen.

Dann gibt er das Startzeichen und stoppt die Zeit.

Wenn mehr als 40 Personen – oder zumindest die

Hälfte davon – in einem überschaubaren Raum gleichzeitig

zu sprechen und lachen beginnen und sich Hintergrundmusik

dazugesellt, entsteht ein schon fast

ohrenbetäubender Lärm. Nichtsdestotrotz versuche

ich, mich an die Tische zu setzen und den Gesprächen

zu lauschen.

Da sind zum Beispiel Mia, Buchhalterin aus Zürich,

und Florencia, argentinische Grafikdesignerin und

ganz frisch in der Schweiz. Sie sind ein guter Match,

denn Mia spricht ziemlich gut Spanisch; so unterhalten

sie sich angeregt übers Reisen und ihre Berufe.

Florencia ist gerade auf Jobsuche, und Mia gibt ihr einige

Tipps dazu, vor allem zur Schweizer Berufswelt.

Und schon sind die fünf Minuten vorbei.

Bei der nächsten Runde geselle ich mich zu Nelson

und Marco. Ersterer hatte keine Ahnung, was heute

Abend in der Kweer Bar auf dem Programm steht,

und merkte es erst, als es losging. Er entschied spontan,

sich darauf einzulassen. Als Brasilianer, der in

der Hotellerie tätig sei, falle es ihm leicht, mit Unbekannten

ins Gespräch zu kommen. Marco hingegen

kennt den Event durch Pink Cross, für die er kürzlich

Wild zusammengewürfelt

Witzig geht es auch am Tisch von Max und Janet zu

und her: Max erzählt vom Aktmodell-Stehen und

zeigt dabei eine ganze Serie von Posen, die sich bewährt

haben gegen Krämpfe und Verspannungen.

Ausserdem hat Max ein KI-Studium hinter sich, was

bei Janet Interesse und Nachfragen generiert. Diese

hingegen sagt, sie profitiere in diesem Moment gerade

von ihrer Erfahrung bei Toast Master, einem Verein,

in dem sich Mitglieder regelmässig treffen würden,

um in kleiner Runde öffentliches Sprechen und Präsentieren

zu üben.

«Freundschaften

können

erfüllend

sein wie eine

romantische

Beziehung.»

Andrea

Frühling 2026

89


Story — 6

Eine interessante Kombination bilden die beiden

Gays Sebastian und Enrico: Der eine Büroangestellter

in der Fussballbranche, der andere Geschichts- und

Philosophiestudent. Enrico ist ganz erstaunt über die

Kombination schwul und Fussball, und hat einige

Fragen über die traditionelle Männerdomäne. Sebastian

hingegen kann sich nicht so recht vorstellen, so

viele Jahre seines Lebens einem Unistudium zu widmen.

Wie denn die Berufschancen denn so aussehen

würden mit einem geisteswissenschaftlichen Studium?

Enrico scheint nicht zum ersten Mal mit solchen

Fragen konfrontiert zu sein und gibt kompetent

Auskunft.

Weil sich die Zahl der Teilnehmenden über den

Abend verändert – einige kommen später hinzu,

andere gehen früher – bilden sich ab und zu Dreiergrüppchen,

oder einzelne überspringen eine Runde.

So auch Sebastian, der den Moment nutzt, um sich mit

mir unter vier Augen zu unterhalten. Er erwähnt, dass

er schon mehrmals an einem Speed Friending teilgenommen

habe, und ich frage ihn, was er daran schätze.

«Man braucht weniger Überwindung als bei einem

Speed Dating, es ist ungezwungener. Ausserdem ist

es die einzige Art von Event, bei der ich auch allein

hingehen kann und weiss, dass ich mit jemandem ins

Gespräch kommen werde – im Gegensatz zu Partys»,

meint er und verdreht dabei etwas die Augen.

Freundschaft versus Romantik

Da der offizielle Teil des Friendings schon bald vorbei

ist, entscheide ich mich dafür, etwas schneller durch

den Raum zu gehen und kürzere Gesprächsfetzen

aufzuschnappen. Aurilia, Jeanine und Micha sitzen

in der lautesten Ecke des Raumes, und ich schneide

nur mit, dass sie sich gerade über ihre Vornamen

unterhalten, über deren Schreibweise und kulturellen

Hintergrund. Tim erzählt gerade Pascale, dass er aus

Malaysia nach Deutschland zog, wo er Deutsch lernte.

Und dass er, obwohl schon seit sieben Jahren in der

Schweiz, immer noch mit dem Schweizerdeutsch zu

kämpfen habe. Dann erblicke ich nochmals Nico, der

sich mittlerweile mit Dante unterhält. Sie sprechen

über ihre Heimatländer Argentinien und Italien, und

über die Tatsache, dass es schwierig sei, in der Schweiz

neue Kontakte zu knüpfen, geschweige denn Freundschaften

aufzubauen.

Moderator Simon beobachtet interessiert das Geschehen

aus einer Ecke der Bar, und geht ab und zu

durch den Raum, um den Gruppenpuls zu fühlen. Er

hat sich vorgenommen, den Event zu beenden, sobald

sich dieser gesättigt anfühlt, beispielsweise weil gefühlt

jede*r schon mal mit jede*m gesprochen hat. Das

scheint nun langsam der Fall zu sein, denn Simon verkündet:

«Ab jetzt seid ihr wieder frei – vielen Dank

fürs fleissige Mitmachen!»

Ich nutze die Gelegenheit, um nochmals mit einzelnen

Personen ins Gespräch zu kommen. Da ist

etwa Andrea, eine trans Frau, die zufällig über Social

Media von der Veranstaltung erfahren hat. Für

Geschichts- und Philosophiestudent Enrico (r.) ist erstaunt, dass

Sebastian in der Fussballbranche arbeitet.

Andrea sind Freundschaften fundamental im Leben:

«Ich finde, Freundschaften können genauso erfüllend

sein wie eine romantische Beziehung – je nachdem,

wie sie gelebt werden. Man kann mit einer befreundeten

Person in die Ferien fahren, Zukunftspläne

schmieden, körperliche Nähe teilen. Wieso sollten wir

das nur mit Partner*innen ausleben dürfen?» Die Gesellschaft

habe zu starre Vorstellungen davon, was in

eine Freundschaft gehöre und was nicht. Wir würden

zu viele Bedürfnisse auf eine Person projizieren, die

diese unmöglich alle erfüllen könne. Andrea ist überzeugt,

dass viele Paare daran scheitern würden. «Ausserdem

ziehen wir uns, sobald wir ein*e Partner*in

finden, in dieses kleine Konstrukt zurück und beginnen,

Freundschaften zu vernachlässigen. Ferien und

Familienfeiern sind nur noch mit dieser einen Person

möglich. Und die Singles bleiben zurück», meint Andrea

etwas genervt. Andrea sei selbst lange Single gewesen

und spreche deshalb aus Erfahrung.

Verbindendes Erlebnis

Andreas Gedanken hallen bei mir lange nach; einerseits

stimmen sie mich melancholisch, andererseits

hoffnungsvoll. Die Tatsache, dass Singles in unserer

90 Frühling 2026


Story — 6

«Es braucht

weniger

Überwindung

als ein Speeddating.»

Sebastian

Gesellschaft tendenziell abgehängt werden, hat einen

wahren Kern und ist sicherlich ein Armutszeugnis.

Aber die Tatsache, dass gewisse Menschen gewillt

sind, sich zu hinterfragen, Romantik und Freundschaft

neu zu definieren, könnte einiges in Bewegung

bringen. Gerade Mitglieder der LGBTIQ-Community

könnten dabei eine zentrale Rolle spielen, da sie historisch

gesehen oft diejenigen waren, die gesellschaftliche

Normen auf den Kopf gestellt oder zumindest

ausgeweitet haben . . .

Kurz bevor ich den Raum durch die schmale Tür

verlasse, begegne ich nochmals Nico, und ich will von

ihm wissen, wie es für ihn gelaufen sei. Er scheint von

der Erfahrung ganz beflügelt zu sein und sagt, er sei

sich wieder einmal bewusst geworden, wie verbindend

es sei, eine queere Identität zu haben: «Ich bin

heute Personen begegnet, die wissen, was es bedeutet,

Teil einer Minderheit zu sein und für Rechte und

Sichtbarkeit zu kämpfen. Das schafft Empathie füreinander.

Wir verstehen uns, ohne zu viel sagen zu

müssen.» Na wenn das nicht schon Grund genug ist,

an einem Speedfriending teilzunehmen.

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Zürich: 28.4. — 7.5.26

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Musik

Neue

Musik

Arlo Parks

Ambiguous Desire

Berauscht von der queeren Szene

New York Citys gelang es Arlo

Parks, zu sich selbst zu finden und

loszulassen. Sie warf die letzten

Gewichte ab, die sie in ihrer Identitätsentwicklung

noch behindert

hatten. Diese neu gewonnene

Freiheit und Leichtigkeit sind auf

«Ambiguous Desire» in jedem

Track zu hören. Euphorisch tänzelt

Parks durch das Neonlicht lauwarmer

Nächte und badet in (Selbst-)

Liebe und Zufriedenheit – begleitet

von Indiepop, Electronica

und Neosoul sowie intelligenten

Texten.

Erscheint am 3.4.2026

(Transgressive Records)

Robyn

Sexistential

Sexualität ist mehr als reiner Geschlechtsverkehr.

Sie basiert auf

den Dimensionen Lust, Fortpflanzung

und Beziehung und ist

eine der wichtigsten Grundlagen,

damit wir ganzheitlich funktionieren

können. Auch Schwedens

Popsuperstar Robyn

widmet sich auf «Sexistential»

dieser Thematik. Neben dem Aspekt

der Ekstase beleuchtet sie

zudem die Rolle zwischenmenschlicher

Beziehungen als

Ressource und die Herausforderungen,

denen sie als alleinerziehende

Mutter gegenübersteht.

Ihren Sohn empfing sie mittels

In-vitro-Befruchtung. Zusammen

mit Klas Åhlund, der sie bei

ihrem Durchbruchserfolg «Robyn»

(2005) unterstützte, Max Martin, mit

dem sie die «Body Talk»-Reihe realisierte,

und Metronomys Joseph

Mount ist eine Platte entstanden,

die den Clubsound des Vorgängers

«Honey» (2018) hinter sich

lässt und wieder mainstreamtauglicher

daherkommt. Feiern wir also

zu Robyns unvergleichlichen

Beats, Melodien und Gesang wieder

vermehrt unsere Unterschiede!

Erscheint am 27.3.2026

(Young/Beggars Group/Indigo)

Redaktion

Martin Busse

Can’t Get

it out of

my Head

Playlist

Eine exquisite Auslese

von aktuellen

Ohrwürmern findest

du in unserer

MANNSCHAFT-

Playlist:

94 Frühjahr 2026


ˇ

Musik

Courtney Barnett

Creature of Habits

Wir alle kennen das Phänomen, dass

wir nicht nur selbst unsere eigenen

grössten Kritiker*innen sind, sondern

uns auch regelmässig Hindernisse in

den Weg stellen, die es dann mit viel

Kraft zu überspringen gilt. «Creature

of Habit» ist der Versuch der Australierin

Courtney Barnett, genau das

zu tun: Mit Elan ungesunde Gewohnheiten

zu durchbrechen. Das

gelingt ihr sowohl textlich als auch

musikalisch. Die LP strotzt nur so vor

Mut, Tatendrang und energetischem

Indierock!

Erscheint am 27.3.2026

(Virgin Music/Fiction Records)

Anjimile

You’re Free To Go

Als schwarzer trans Mann muss sich

Anjimile von niemandem erklären

lassen, was es bedeutet, sich mit den

Schwierigkeiten eines inneren und

äusseren Coming-outs auseinanderzusetzen.

Auf «You’re Free To Go» macht

Anjimile sich dafür stark, dass wir aufhören,

Partnerschaften in feste Formen

pressen zu wollen, und uns stattdessen

darauf einigen, dass Zuneigung

egal in welcher Form glücklich macht.

Vor allem, wenn im Hintergrund dabei

noch derart feinfühlige Songs wie auf

diesem Album laufen.

Erschienen am 13.3.2026

(4AD/Beggars Group)

Melanie Baker

Somebody Help Me, I’m

Being Spontaneous!

Neunzigerjahre-Rock mit seinen Alternative-,

Grunge- und Punk-Einflüssen wurde zumeist

aus einer cis- und heterosexuellen männlichen

Perspektive heraus präsentiert. Drei

Jahrzehnte später schickt sich mit Melanie

Baker hingegen eine Frau an, jenes Genre

zu nutzen, um queere Geschichten über die

Irrungen und Wirrungen des Lebens zu erzählen

und vor allem zu vertonen. «Somebody

Help Me, I’m Being Spontaneous!» reisst

mit und animiert schnell zum ausschweifenden

Tanzen oder Headbangen.

Erscheint am 10.4.2026

(Tambourhinoceros)

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180°

SOUND NEW WORLD

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TONHALLE ZÜRICH

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VON ANTONÍN DVORÁK BIS HANS ZIMMER —

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Literatur

Die guten Seiten

Marek Torčík

Was die Zeit nicht

nimmt

Der erste Satz

Um 3:37 weckt dich das Telefon.

Das Genre

Eine kleine tschechische Industriestadt in den

Nullerjahren. Plattenbau. Mutter schuftet, Vater

weg. Innige Liebe zwischen Mutter und Sohn.

Grosse Scham bei dem «Du»–Erzähler, als ihm

seine Homosexualität bewusst wird, die seine

Familie abnorm findet.

Roland Müller-Flashar vom Buchladen

Prinz Eisenherz hat «Was die Zeit nicht

nimmt» für dich gelesen.

Die Handlung

In seinem Debütroman verarbeitet Dichter und

Schriftsteller Marek Torčík schmerzhafte Kindheitserinnerungen.

Als schmächtiger schwuler Junge

wird der Protagonist in der kleinen Industriestadt

gemobbt. Seine Mutter, eine schlecht bezahlte

Fabrikarbeiterin, die ihren Vater, einen alkoholkranken

Mann im Sterben, pflegt, versteht die sexuelle

Orientierung ihres Sohnes wenig. Ein Lichtblick

inmitten der Tristesse des Kleinstadtlebens ist die

Freundschaft mit seinem neuen Klassenkamerad

Marian, aus der später eine Liebesbeziehung entsteht.

Marek schafft den sozialen Aufstieg, Abitur, Studium

in Prag, und ihm wird früh klar, dass seine

Mutter und er bald unterschiedliche Sprachen

sprechen werden, wenn er das heimische Milieu

verlässt. Das erinnert stark an Didier Eribons und

Edouard Louis‘ Romane, die ja auch sowohl über

Herkunft als auch über ihre Liebe zur Mutter schreiben.

Das Urteil

In «Was die Zeit nicht nimmt» beschreibt Marek

Torčík Menschen am Rande der Gesellschaft auf

überzeugende, differenzierte und präzise Weise,

und deutet auch an, dass ein Neuanfang manchmal

besser ist. Ein liebevolles Portrait vom Leben

und den Menschen in der tschechischen Provinz,

ein grossartiger Coming-of-Age-Roman aus einer

Gegend Europas, von der wir nicht viel kennen.

Das Buch wurde bisher in 27 Sprachen übersetzt

und ist der international erfolgreichste tschechische

Roman seit Jahrzehnten.

96 Frühling 2026

Roman, Anthea, 320 Seiten


Literatur

Kauf deine Bücher im

queeren Buchladen:

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Bist du ein Bücherwurm?

Wühle dich hier

weiter durch:

Julia Armfield

Gestalten der Tiefe

Eine schräge und berührende Liebesgeschichte.

Die Meeresbiologin Leah war zu

einer mehrwöchigen Forschungsexpedition

aufgebrochen, doch das U-Boot sank

auf den Grund der Tiefsee. Als sie nach

sechs Monaten zurückkehrt, ist Leahs Frau

Miri, die sie schon tot glaubte, überglücklich.

Doch Leah spricht kaum noch, lauscht

ihrer Klangmaschine mit Ozeangeräuschen,

verbringt Stunden in der Badewanne. Kann

Miri die Beziehung retten? Und was ist auf

Leahs Expedition geschehen, das sie so

verändert hat?

Wir finden: Müssten wir den Roman mit drei

Worten beschreiben, wären dies: geheimnisvoll,

tief(see)gründig und figurenfühlend.

Die Cliffhanger am Ende jedes Kapitels

haben uns an die Story gefesselt und trotzdem

hat sich die Lektüre leicht gestaltet.

Wir überlegen uns ernsthaft in den Club von

Sängerin Florence Welsh einzusteigen, die

Julia Armfield als eine ihrer Lieblingsautorinnen

betitelt hat.

Roman, btb, 320 Seiten

Hitzetage

Oisín McKenna

London, Sommer 2019: Ein Wal steckt in

der Themse fest und wird zur medialen

Sensation. Während im Netz Memes und

Moraldebatten kursieren, bewegen sich Ed,

Maggie, Phil und ihre Familien durch ein

überhitztes Wochenende voller Entscheidungen.

Eine ungeplante Schwangerschaft,

eine heimliche Begegnung in einer Bahnhofstoilette,

eine Krebsdiagnose: Zwischen

Hitze, Geldsorgen und Zukunftsängsten

geraten langjährige Freundschaften und

Beziehungen ins Wanken.

Wir finden: Hitzetage ist ein temporeicher

Roman über queere Begehren, prekäre

Arbeitsverhältnisse und die leise Panik vor

dem Erwachsenwerden. Oisín McKenna

verbindet intime Szenen mit gesellschaftlichem

Hintergrundrauschen – Klimakrise,

Social-Media-Hysterie, steigende Mieten.

Die zahlreichen Perspektivwechsel

erzeugen Dynamik, verlangen aber auch

Aufmerksamkeit. Besonders stark sind

die Dialoge und die präzise Beobachtung

urbaner Lebensrealitäten. McKenna verdichtet

wenige Tage unterhaltsam zu einem

vielstimmigen Panorama einer Generation

am Kipppunkt.

Neuerscheinungen

Roman, Residenz Verlag, 360 Seiten

TITEL GATTUNG VERLAG SEITEN IN EINEM SATZ

Die Bastion der Tränen

Abdellah Taïa

Bad Times Poetry

Alina Plohmann & Tamer

Düzyol (Hg.)

Eisen

Gusel Jachina

Freiheit

Maggie Nelson

Roman Orlanda 170 Vielfach ausgezeichneter Roman: melancholisch und vielschichtig

über eine verlorene Kindheit in Marokko.

Lyrik w_orten & meer 150 Ein Schwarm von Gedichten in schlechten Zeiten für

schlechte Zeiten und schlechten Zeiten zum Trotz.

Biografie Kanon 416 Gründlich recherchiertes Panorama über Sergej Eisenstein,

den wohl grössten Regisseur des russischen Kinos

zwischen der Tyrannei Stalins und der Freiheit der Kunst.

Sachbuch Hanser Berlin 400 Kontroverse Debatten über die Kunstwelt, die sexuelle

Befreiung, die Paradoxien der Sucht oder die Unabwendbarkeit

der Klimakrise.

Frühling 2026

97


Story — 7

7

Frauen

lieben

«Boys’

Love»

98 Frühling 2026


Story — 7

Text - Anna-Lena Malter

Boys’ Love (BL) klingt harmlos, spaltet

aber: Liebesgeschichten zwischen

Männern, einst in Japans Manga-Szene

entstanden, heute ein globales Genre,

meist von Frauen geschrieben und gelesen.

Es boomt und steht in der Kritik:

Vereinfacht es schwule Liebe zur Fantasie,

zur Ware, zum Klischee? Und warum

fasziniert es Frauen so stark?

Frühling 2026

99


Story — 7

ass Liebesgeschichten zwischen Männern heute ein breites

Publikum erreichen, zeigt der Erfolg neuer Serienadaptionen wie

«Heated Rivalry». In sozialen Medien wird die Produktion häufig

als Boys-Love-Drama bezeichnet. Solche Zuschreibungen zeigen

aber auch: Boys’ Love (BL) ist kein klar abgegrenztes Genre, sondern

ein Sammelbegriff für unterschiedliche Erzähltraditionen –

von romantischen Alltagsgeschichten bis zu stark dramatisierten

Beziehungserzählungen.

Typisch sind idealisierte Hauptfiguren, ein starker Fokus auf

emotionale Bindung und häufig klar codierte Paardynamiken.

Gleichzeitig hat sich das Genre in den vergangenen Jahren sichtbar

ausdifferenziert: Körperbilder, Beziehungskonzepte und Erzählformen

werden vielfältiger.

Zugang über Fankultur

Ich bin schon seit der neunten Klasse ein Fan von Anime und Manga.

Eingestiegen bin ich mit Shōnen-Klassikern (s. Box rechts) wie

Naruto und Attack on Titan, also Geschichten, die sich hauptsächlich

an ein jugendliches männliches Publikum richten. Da es die

letzte Staffel von Naruto noch nicht in übersetzter Fassung gab,

habe ich sogar angefangen, Japanisch zu lernen. Später bin ich

für mein Masterstudium nach Japan gezogen. Hauptgrund war

aber nicht japanische Popkultur, sondern der Forschungsschwerpunkt

meiner Zieluniversität. Während meines Aufenthalts habe

ich mich intensiv mit Manga- und Animekunst beschäftigt, um

meine Japanischkenntnisse weiter zu vertiefen. Ich war in Motto-Cafés,

bei Anime-Ausstellungen und in vielen Museen, die

sich mit der Manga-Geschichte befassten. Ich habe auch den sogenannten

«Yaoi-Heaven» besucht, ein Manga-Geschäft voller

BL-Mangas, Figuren, Stickern. Eingestiegen bin ich bei BL über

Werke, die vor allem auf Charakterentwicklung setzen (wie Given

und The Summer Hikaru Died).

Im «Yaoi-Heaven» gibt es alles ausser Scham. Und auch hier befinden

sich fast nur Frauen. In langem Rock mit Brille steht eine

Kundin mit verschiedenen Acryl-Bildern an der Kasse. Darauf:

zwei Charaktere wie zwei griechische Statuen eng umeinandergeschlungen.

An den Wänden hängen Plakate und vor dem Eingang

stehen lebensgrosse Pappaufsteller.

100 Frühling 2026


Story — 7

BOYS’ LOVE (BL)

Sammelbegriff für japanische und international

geprägte Liebesgeschichten

zwischen männlichen Figuren, meist für

ein weibliches Publikum produziert. Der

Ausdruck entstand in den 1990er Jahren

als Verlagsbezeichnung und löste ältere

Genrebegriffe ab. Heute dient BL als Oberbegriff

für unterschiedliche Stilrichtungen

– von romantisch bis explizit erotisch.

SHŌNEN-AI ( 少 年 愛 )

Früher Begriff für romantische Geschichten

zwischen männlichen Figuren in

Manga für Mädchen (ab den 1970er

Jahren). Historisch bedeutete das Wort

auch «Knabenliebe», weshalb es heute in

Japan kaum noch als Genrelabel verwendet

wird. Im westlichen Sprachraum

wurde «Shōnen-ai» zeitweise für weniger

explizite, stärker romantisch geprägte Titel

benutzt.

TANBI ( 耽 美 , «ÄSTHETIZISMUS»)

Frühe ästhetische Strömung, die Schönheit,

Melancholie und idealisierte männliche

Figuren in den Mittelpunkt stellt. Oft

geprägt von literarischen, historischen

oder europäischen Settings. Tanbi beeinflusste

die visuelle und thematische Entwicklung

früher BL-Erzählungen stark.

JUNE (ジュネ)

Begriff nach einem einflussreichen Manga-

Magazin (ab 1978). Stand für kunstbetonte,

oft tragische Männerromanzen in Tanbi-

Tradition. Wurde in den 1990er Jahren als

Branchenbezeichnung weitgehend durch

«Boys’ Love» ersetzt.

YAOI (やおい)

Entstand in der Fan- und Dōjinshi-Szene

(Erklärung siehe Box). Das Wort ist ein

selbstironisches Akronym für «kein Höhepunkt,

keine Pointe, keine Bedeutung»,

gemeint waren stark sexualisierte Kurzgeschichten

mit wenig Handlung. Ausserhalb

Japans wird «Yaoi» oft für explizit erotische

M/M-Titel verwendet, teils auch als allgemeiner

Genrebegriff.

YURI ( 百 合 )

Yuri bezeichnet Manga, Anime oder

Literatur über romantische oder sexuelle

Beziehungen zwischen Frauen. Das

Wort bedeutet wörtlich «Lilie», die in der

japanischen Literaturtradition Weiblichkeit,

Schönheit und Reinheit symbolisiert

und zum Erkennungszeichen des Genres

geworden ist.

Das Anime «Tadaima, Okaeri» zeigt zwei Männer als junge Familie.

Warum Frauen Boys' Love lesen und schreiben

Lange war diese Szene kaum öffentlich sichtbar. Die Mangaka

Fumi Yoshinaga beschreibt in einem Interview von 2022, dass sie

ihre Begeisterung für BL und Dōjinshi als Jugendliche bewusst

verborgen habe. Erst später sei daraus eine offene kreative Praxis

geworden. Ein zentraler Kern des Genres liegt in der Perspektivverschiebung.

Viele Leser*innen beschreiben BL als Raum, in

dem sie romantische Dynamiken betrachten können, ohne selbst

in klassische weibliche Rollenbilder eingeschrieben zu sein. Viele

romantische Manga mit heterosexuellen Paaren arbeiten oft

mit asymmetrischen Schutz- und Machtmustern. Der männliche

Protagonist ist aggressiv, will Dominanz ausüben und ist derjenige,

der die Frau von sich und einer Beziehung überzeugen will.

Die weibliche Protagonistin ist entweder schüchtern, unterwürfig,

frigide und eine absolute Romantikerin – oder aggressiv, eine

Männerhasserin und überhaupt nicht an einer Beziehung interessiert.

Egal, in welches Schema sie fällt, es ist der männliche

Protagonist, der den dominanten Part der Beziehung übernimmt,

die weibliche Protagonistin wirkt oft nur passiv und wird mitgezogen.

BL scheint diese Rollenverteilung zunächst zu umgehen:

Zwei Männer, so die Erwartung, begegnen sich auf Augenhöhe.

Das erzeugt für manche ein Gefühl von Gleichheit und emotionaler

Gegenseitigkeit.

Bild: ?????????????????

Frühling 2026

101


Story — 7

Andere Bilder von Männlichkeit

Hinzu kommt die Darstellung von Männlichkeit. BL-

Figuren dürfen verletzlich sein, emotional sprechen,

scheitern, sich öffnen. Für ein Publikum, das männliche

Figuren sonst oft als emotional reduziert erlebt,

liegt darin ein starkes Identifikationspotenzial. Yoshinaga

formuliert dazu eine interessante Perspektive.

Sie sagt, sie könne klassische Mann-Frau-Romanzen

kaum schreiben, weil sie sich selbst wenig für romantische

Dramaturgien interessiere. Sie betont, dass

auch viele heterosexuelle Liebesgeschichten nicht realistisch

seien. Sie lese solche Stoffe eher als Wunschfantasien,

nicht als Lebensabbild. Was sie dagegen

erzählerisch sofort anspreche, seien Beziehungen, die

aus Kameradschaft, Meister-Schüler-Konstellationen

oder intensiver Freundschaft entstehen und sich erst

später romantisch aufladen würden. BL sei für sie nie

Identitätspolitik gewesen, sondern ein erzählerischer

Möglichkeitsraum für solche Dynamiken.

Auch die Community spielt eine Rolle. Viele Fans

berichten von einer offenen, kreativen Fankultur mit

starkem Austausch, Fanfiction, Doujinshi und Diskussionsräumen.

Für manche, darunter auch queere

Leser*innen, entsteht hier ein sozialer Resonanzraum,

der Zugehörigkeit ermöglicht. Gleichzeitig gilt: Diese

Erfahrung ist nicht universell. Fankulturen können

ebenso ausschliessend, konflikthaft oder normierend

wirken.

Autorin Anna-Lena im Naruto-Park: Das war eines ihrer ersten Mangas.

Bild: zvg

Wiederkehrende Kritikmuster

Die Kritik an Boys’ Love richtet sich aus queerer Perspektive

meist nicht gegen einzelne Titel, sondern

gegen typische Darstellungsmuster im Genre. Der

zentrale Vorwurf: Beziehungen zwischen Männern

werden oft als ästhetische Projektionsfläche für ein

überwiegend nicht-schwules Publikum erzählt. Soziale

Realität, Diskriminierungserfahrungen und Identitätsfragen

treten in den Hintergrund. Die Figuren

wirken dann weniger wie sozial verortete Menschen,

mehr wie Träger romantischer Fantasien.

Feste Rollen statt offener Dynamik

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die häufigen Rollencodierungen

innerhalb der Paare. Viele Geschichten

arbeiten mit klar verteilten Mustern: aktiv und passiv,

dominant und hingebungsvoll. Persönlichkeitszüge

102 Frühling 2026

werden dabei oft direkt mit sexueller Position verknüpft. Kritiker*innen

sehen darin eine Neuauflage klassischer heteronormativer

Beziehungsmodelle. Zwar lösen neuere Werke diese Zuordnungen

zunehmend auf – besonders erfolgreiche Titel benutzen

sie jedoch weiterhin häufig, weil sie sofort verständliche Dynamiken

liefern.

Wenn Grenzüberschreitung romantisiert wird

Besonders sensibel diskutiert wird der Umgang mit Zustimmung.

In manchen BL-Geschichten werden Überrumpelung, Druck

oder sexualisierte Gewalt als emotionalen Wendepunkt erzählt.

Übergriffe erscheinen dann nicht als Verbrechen, sondern als

Ausdruck «unaufhaltsamer Leidenschaft». Häufig führt der Erzählbogen

dazu, dass die betroffene Figur im Nachhinein Liebe

entwickelt. Andere Werke setzen bewusst den Gegenpunkt und

zeigen solche Erfahrungen als traumatisch und zerstörerisch.

Die Professorin Dr. Anna Madill von der Universität Leeds

kommt in einer Untersuchung englischsprachig verfügbarer BL-

Titel zu einem differenzierten Ergebnis: Vergewaltigungsdarstellungen

treten laut ihr nur in 13 Prozent aller im englischen

Handel verfügbaren BLs auf. Solche Themen finden sich meiner

Meinung mehr in heterosexuellen Liebesbüchern wieder,

ohne dass diese als «Dark Romance» oder ähnliches eingeordnet


Story — 7

DŌJINSHI ( 同 人 誌 )

Im Selbstverlag veröffentlichte Manga

oder Comics von nichtprofessionellen

oder semi-professionellen Zeichner*innen.

OMEGAVERSE

Subgenre aus Fanfiction und BL mit einer

fiktiven biologischen Hierarchie aus

Alphas, Betas und Omegas. Oft können

Omega-Figuren schwanger werden – unabhängig

vom Geschlecht. Das Setting

spielt mit Genderrollen, reproduziert aber

häufig neue Machtordnungen und ist daher

umstritten.

SLICE OF LIFE

Erzählform mit Fokus auf Alltagsmomente

statt grosse Dramaturgie. Beziehungen,

Gespräche und Routinen stehen im

Vordergrund. In BL häufig genutzt, um

Partnerschaft und Zusammenleben ruhig

und realitätsnah zu zeigen.

werden. Hier kommt es oft zu Szenen, die ich nicht

weiterlesen konnte, weil sie nach Definition einer Vergewaltigung

entsprechen. In solchen Momenten fühlte

ich mich überrumpelt. Schon so oft musste die Protagonistin

vom Hauptcharakter «überzeugt» werden,

so oft wurde ihr explizites «Nein» von ihm entgegnet

mit: «Du willst es doch.» Was mich am meisten stört, ist, dass

solche Momente in den Büchern nicht kontextual eingeordnet

werden. Mir wird also erzählt, dass dieses Verhalten romantisch

und erstrebenswert sei, da der männliche Protagonist «morally

grey» ist, weder gut noch schlecht. Wenn Leute über sexualisierte

Gewalt diskutieren wollen, sollten sie dies auch bei Mainstream-

Romance machen.

Wie Autorinnen selbst damit umgehen

Die Mangaka Fumi Yoshinaga sagt, sie gehe beim Zeichnen davon

aus, dass auch schwule Leser ihre Werke lesen. Entsprechend

versuche sie, Figuren nicht so darzustellen, dass sie sich abgewertet

fühlen müssten – auch wenn BL nicht zwingend realistisch

sein müsse. Rückblickend äussert sie dennoch Zweifel an einzelnen

früheren Figurenzeichnungen und entschuldigte sich dafür

bei einem befreundeten Leser. Dessen Reaktion sei pragmatisch

gewesen: Nicht jede ungenaue Darstellung müsse persönlich genommen

werden.

Wer erzählt – und wer profitiert?

Eine weitere Debatte betrifft die Produktionsbedingungen, besonders

bei Verfilmungen. Kritisiert wird, dass queere Rollen

häufig mit nicht-queeren Darstellern besetzt werden, während

offen queere Schauspieler beim Casting ignoriert würden. Kritiker*innen

sagen: Hier wird mit queeren Geschichten Geld

verdient, aber queere Menschen bleiben bei Casting, Regie und

Drehbuch oft aussen vor. Andere halten dagegen, Schauspiel sei

grundsätzlich Darstellung und nicht Identitätsnachweis. Die

Bilder: ?????????????????

Boys-Love-Beispiele (v.l. im Uhrzeigersinn): «No.6», «Banana Fish»

und «The Summer Hikari died».

Frühling 2026

103


Story — 7

Geht zurzeit viral: das queere Eishockey-Drama «Heated Rivalry».

Frage nach Sexualität kam auch bei den Hauptdarstellern von

Heated Rivalry auf. Ich stelle mich da klar auf die Seite von Regisseur

Jacob Tierney. Er hatte in einem Interview betont, dass

es illegal sei, Schauspieler nach ihrer Sexualität zu fragen. Viel

wichtiger sei es ihm, dass die beiden Schauspieler, Hudson Williams

und Connor Storrie, die nötige Begeisterung mitbrachten

und dass die Chemie zwischen ihnen passte. Niemand sollte zu

einem Outing gezwungen werden. Wer Repräsentation möchte,

sollte hinter der Kamera anfangen. Denn bei Regie, Casting und

Drehbuch fallen die Entscheidungen, die zählen.

Fantasie und Verantwortung

Im Kern dreht sich die BL-Debatte um eine grundlegende Frage:

Wo endet legitime Fiktion – und wo beginnt problematische Projektion?

Wann ist romantische Überzeichnung Teil des Genres,

wann wird sie zur Fetischisierung? Und wer setzt die Massstäbe:

Fans, Produktionsteams, Mangaka? Muss die Sexualität der Mangaka

mit derjenigen der Figuren übereinstimmen? Ich finde, bei

solchen Diskussionen bewegen wir uns schnell in die literarische

Debatte, die schon seit Jahren geführt wird: Wer darf über was

schreiben? Ich bin der Meinung, dass grundsätzlich erst einmal

alle Mangaka, alle Autor*innen über alle Themen schreiben dürfen.

Es kommt darauf an, ob die Figuren authentisch sind oder von

Stereotypen durchzogen werden. Haben sich die Verfasser*innen

Gedanken gemacht, recherchiert und mit Menschen aus den Lebensrealitäten

gesprochen, die sie darstellen? Es gibt dabei aber

nicht «die eine Person» aus einer Community, die einem ein Zertifikat

für Authentizität ausstellt. Genauso wie es nicht «die eine

Art» gibt, schwul zu sein. Gleichzeitig ist eine Geschichte nicht

automatisch frei von Vorurteilen, nur weil der*die Autor*in die

gleiche sexuelle Orientierung wie die Charaktere hat. Wir alle

tragen internalisierte Vorurteile mit uns rum, aber

diese sollten nicht zur Ausrede dienen.

Ein Genre im Wandel

Einigkeit besteht vor allem in einem Punkt: Das Genre

ist im Wandel. Entscheidend wird sein, wie offen

das Genre für Kritik bleibt – und wie konsequent es

seine Erzählmuster weiterentwickelt. Für viele ist BL

ein Safe Space. Es ist Fantasieraum jenseits eigener

Verletzbarkeit. Für andere ist es ein Ort, wo ihre Realität

verzerrt oder instrumentalisiert wird. Es kommt

also immer auf die Perspektive an.

Trotz allem sollte man den gesellschaftlichen Einfluss

von BL und die Grenzen nicht vergessen. Japan

verbietet als einziges G7-Land die Ehe für Alle. Dabei

sehe ich dort überall Werbung für BL: An einem

Hochhaus in Tokio hängt ein Plakat für Cherry Magic,

eine Geschichte wie ein Mann, der mit 30 Jahren noch

Jungfrau ist, plötzlich die Fähigkeit bekommt, Gedanken

lesen zu können. Lebensgrosse Figuren aus

Yuri on Ice, einem Anime über Eiskunstlauf, gibt es

in einem Buchladen. BL ist mittlerweile ein fester Teil

japanischer Manga-Kultur, das Gesetz hat sich trotzdem

noch nicht geändert. Das hat vor allem damit zu

tun, dass Homosexualität nicht wirklich öffentlich

gelebt wird, genauso wenig wie heterosexuelle Paare

ihre Liebe nicht offen zeigen. Hier halten sich die wenigsten

an den Händen oder küssen sich in der Bahn.

Beziehungen sind Privatsache.

Sichtbarkeit ersetzt keine Gleichstellung

Als grundsätzlich «revolutionär» lässt sich BL nicht

pauschal beschreiben. Ein Teil der Werke reproduziert

vertraute, teils stark heteronormative Beziehungsmodelle.

Das zeigt sich besonders in bestimmten

104 Frühling 2026


Story — 7

«Es gibt nicht

‹die eine Art›

schwul zu

sein.»

Subgenres wie dem Omegaverse. Dort können zwar Männer

schwanger werden, die sozialen Rollenbilder bleiben jedoch oft

klassisch verteilt. In dem Anime «Tadaima, Okaeri» etwa werden

zwei Männer als junge Familie gezeigt, zugleich ist die Aufgabenverteilung

klar codiert: Der Omega, also der gebärfähige

Part, übernimmt Care-Arbeit und Haushalt, während der Alpha

eine hochrangige Unternehmensposition innehat. Das Setting

verschiebt biologische Voraussetzungen, aber nicht unbedingt

soziale Hierarchien. Sichtbarkeit allein erzeugt noch

keine Akzeptanz. Doch die wiederholte Präsenz

gleichgeschlechtlicher Liebesgeschichten im Mainstream

kann Wahrnehmungen verändern und stereotype

Bilder verschieben.

BL kann kreative und emanzipatorische Perspektiven

eröffnen – und zugleich problematische Muster

fortschreiben. Entscheidend ist eine bewusste, kontextualisierte

Rezeption. In diesem Zusammenhang

lohnt sich auch ein Blick auf Yuri (Girls’ Love), also

Erzählungen über Beziehungen zwischen Frauen.

Das Genre gewinnt derzeit deutlich an Aufmerksamkeit.

Anders als oft vermutet, werden viele dieser

Werke ebenfalls von Frauen geschrieben. Lange war

männliche Homosexualität in bestimmten Manga-

Traditionen sichtbarer als weibliche – das gleicht sich

inzwischen aus. Queere Frauenfiguren und ihre Geschichten

bekommen mehr Raum. Am Ende gilt bei

BL wie bei GL: Entscheidend ist nicht das Label, sondern

wie differenziert eine Geschichte erzählt ist.

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Interview

Bild: The Squirt Deluxe

106 Frühling 2026


Interview

«Auf den Ruinen

des Patriarchats

etwas Neues bauen»

«Fuck the Pain Away» sang Peaches im Jahr 2000: ihr Signature-Track bis

heute. Zuletzt hielt die in Berlin wohnende Punkseele ihre Bälle flacher.

Jetzt macht sie wieder Krach. «No Lube So Rude» ist ihr erstes Album

seit über zehn Jahren. Und was sollte es anderes sein als geballte Sexpositivität?

Interview – Steffen Rüth

Peaches, bist du nach wie vor in Berlin zuhause?

Peaches: Ja, das bin ich. Auch nach all den Jahren ist Berlin für

mich immer noch eine aufregende Stadt, in der ich gerne lebe.

Auch wenn es heisst, Berlin sei eine lahme, mainstreamige,

überteuerte Grossstadt wie alle anderen geworden?

Da stimme ich nicht zu. Gerade in jüngster Zeit entsteht in Berlin

eine neue, vibrierende Undergroundszene, politisch engagiert,

fantastisch performativ und nah am Punk. Ich spreche von queeren

Partys wie Lunchbox Candy oder von PUNX'N'KWEENZ, mit

denen ich vor kurzem einen Auftritt hatte. Aus meiner Sicht sind

das junge Kids mit wunderschönen alten Seelen. Sie verstehen,

was Punk ist und wie wichtig es ist, zusammenzukommen und

das körperliche Beisammensein zu geniessen. Ich gebe mich nicht

mit den langweiligen Seiten Berlins ab, die es zweifelsohne auch

gibt, sondern bin dort, wo Kunst und Leben aufregend sind.

Warum ist dir der physische Kontakt mit Menschen so

wichtig?

Na ja, weil wir immer mehr davon verlieren, wenn wir nicht aufpassen.

Wenn du mit Menschen in einem Raum bist, redest du anders,

als wenn du im Internet aufeinandertriffst. Dort versteckst

du dich, greifst an, wirst angegriffen, aber so etwas wie Konsens

erreichst du wahrscheinlich nicht. Hier in Berlin, Deutschland

generell, weltweit wird die Polarisierung stärker. Ich finde

mit meinen politischen Ansichten hier nur schwer Gehör. Dabei

möchte ich mich hier weiterhin zuhause fühlen.

Was sind deine politischen Ansichten?

Dass die AfD an Boden gutzumachen scheint, hält mich nachts

wach. Genauso der Mangel an Humanität mit Blick auf Palästina.

Als progressive Jüdin fordere ich, dass meine Meinung in Deutschland

respektiert wird. Ich will mir nicht anhören müssen, ich sei

eine mich selbst hassende Jüdin oder eine Antisemitin – das bin

ich selbstverständlich nicht. Aber eine Gegnerin der israelischen

Regierung und des Tötens unschuldiger Menschen. Die vergangenen

zwei Jahre waren hart. Ich fühle mich mit meiner Haltung

in eine Ecke gedrängt, und ich bin nicht die Einzige. Ich erlebe,

wie Geld für Projekte gestrichen wird, wenn Ansichten nicht

mit denen der deutschen Regierung übereinstimmen. Dabei war

mein Hauptgrund, seinerzeit nach Berlin zu ziehen, das tolerante

Lebensklima der Stadt. Aktuell empfinde ich den Zustand als

enttäuschend. Die komplette Welt scheint in Aufruhr, im Chaos.

Hoffentlich kollabieren diese patriarchalen Muster bald, damit

wir auf den Ruinen des Patriarchats etwas Neues bauen können.

Inwieweit spiegelt sich die Zerrissenheit in deinem Album

und im Titelsong «No Lube So Rude» wider?

Auf direkte Weise. Spannungen, kleine Risse, Trockenheit, Irritationen

lassen sich lindern, wenn man sie mit Gleitmitteln behandelt.

Der Titel ist, typisch Peaches, absurd und auf den Punkt. Das

Schmiermittel soll uns helfen, empathischer zu sein, aufeinander

zuzugehen oder zumindest mal miteinander zu sprechen. Selbst

das ist oft zu viel verlangt. Dabei sollten wir Älteren mit den Jüngeren

in Austausch treten, zuhören, die jeweilige Geschichte verstehen

und irgendwie am selben Strang ziehen. Als Frau nach der

Menopause hat der Albumtitel eine persönliche Bedeutung: Wir

sollten die Stigmata darüber, wie wir unsere Sexualität und Bedürfnisse

leben, loswerden und uns auf das einlassen, was uns

Freude macht. Nur, weil ich fast 60 bin, falle ich noch nicht ins

Grab, auch wenn ich mit 20 sicher war, dass das Leben in meinem

jetzigen Alter vorbei ist.

Frühling 2026

107


Interview

Peaches: «Nur weil ich fast 60 bin, falle ich noch nicht ins Grab.»

Ist es aber nicht.

Nein. Schon klar, der Körper knackt an mehr Stellen als früher,

und ich muss besser auf ihn achtgeben. Aber sonst geht es mir

gut. Manche sagen, altern sei Mist, weg damit und her mit dem

ewigen Leben. Davon halte ich nichts. Ich möchte in vollem Bewusstsein

älter werden. Ich bin voller Vitalität und fange mein

Leben auf gewisse Weise sogar neu an. Also: Immer her mit den

Gleitmitteln, damit alles besser flutscht und wir uns unserer Lust

hingeben können – jenseits von geschlechtlichen Konventionen

und Limitierungen. Jeder Mensch verdient es, Spass zu haben.

Auch «No Lube So Rude» macht Spass mit bisweilen derben

und anzüglichen Worten, Sarkasmus und sanften bis aggressiven

Nummern.

Ich bin froh, dass du das so siehst. Es gibt ernste Momente, auch

emotionale, aber auch viel Witz, Heiterkeit und Optimismus. Die

Produktion ist fantastisch, sie stammt von einer spirituellen Erscheinung

namens Squirt Deluxe, deren genaue Identität ich leider

nicht verraten kann (grinst).

Weshalb?

Ich wollte die Dinge anders sagen als in der Vergangenheit. Mich

nicht wiederholen. Und mich als Peaches aus dem Jahr 2026 ausdrücken,

ohne die Peaches von früher zu verlieren.

Als deine Karriere 2000 begann, waren nicht-binäre Geschlechtsidentität

oder Diversität weniger in aller Munde als

heute. Ist es für dich spannend, in einem aufgeklärteren

Umfeld zu agieren?

Ja. Ich lerne in diesem Universum immer noch dazu, auch wenn

ich keine Anfängerin bin.

Elektronische Musik ist populärer denn je. Ist der Mainstream

dir entgegengekommen?

Einerseits ja, und das stört mich nicht. Zugleich will ich mich dem

Mainstream nicht aktiv annähern, denn dort findet vieles statt,

was mich verstört. Dass sich Nicki Minaj neuerdings Trump um

den Hals wirft oder Gwen Stefani Geld mit einer Gebets-App verdient,

finde ich schlicht absurd.

Es ist dein erstes Album seit 2015. Ist dir die Arbeit an den

Liedern leichtgefallen?

Nein, überhaupt nicht. Es war ziemlich schmerzhaft.

Auf der anderen Seite klingt manche junge

Künstlerin, als hättest du sie inspiriert, Billie Eilish

beispielsweise.

108 Frühling 2026


Interview

Wird das relativ Sorglose wie zu Zeiten Obamas

zurückkommen?

Die Demokratie geht zugrunde, wenn alle den Mund halten.

Als Unterhaltungskünstlerin will ich die Menschen

animieren und motivieren, nicht in Stille und Apathie

zu versinken. Ich kann die Welt nicht verändern, aber

ich kann Stellung beziehen. Politische Entwicklungen

sind wie Ebbe und Flut. Es kommen auch wieder andere

Zeiten.

«Die Lust am

Schocken

stand nie im

Mittelpunkt.»

Entsprechend hoffnungsvoll endet dein Album mit der

versöhnlichen Streicherballade «Be Love».

Exakt. Ich wollte das schönste Lied, das ich habe, an den

Schluss setzen.

Bilder: The Squirt Deluxe

Das ist fantastisch. Offenbar habe ich sie mit einigen Ideen angesteckt,

sei es mit meiner Punk-Mentalität oder Überzeugung,

dass es auf Popkünstlerinnen nicht nur die heteromännliche Perspektive

gibt, sondern auch eine queere. Gleichzeitig bin ich mit

diesem Ansatz – auch in Deutschland – nicht die erste. Nina Hagen

machte schon in den Achtzigern, was sie wollte. Auch Grace

Jones ist ein Vorbild für mich.

Kennst du Nina Hagen persönlich?

Wir haben uns einmal getroffen, das ging allerdings nicht sehr

tief. Irgendwie scheint sie in ihre eigene Welt abgetaucht zu sein,

was verständlich ist.

Mit deinen Songs und deinem Erscheinen hast du anfangs

durchaus zu schocken gewusst. Heute auch noch?

Die Lust am Schocken stand nie im Mittelpunkt. Ich habe mich

präsentiert, wie ich war, und es spielerisch verstärkt. Bei den

Kontroversen, die wir heute haben, geht es mir nicht mehr um

Schocks, sondern um gegenseitiges Verständnis.

Dein geringes Verständnis für das Gebaren der aktuellen

US-Regierung zeigst du im Stück «Not In Your Mouth None Of

Your Business».

Ich konnte nicht anders. Die USA waren immer Vorreiter in der

Popkultur und vielen anderen Debatten. Im Guten wie im Üblen.

2006 habe ich das Album «Impeach My Bush» rausgebracht – damals

erkannte man schon die Widersprüchlichkeit, das absurde

Wohlstandsgefälle, die Zerrissenheit des Landes. Eingewanderte

haben die USA aufgebaut. Und guck dir an, wie sie Immigrant*innen

jetzt behandeln. Nie hätte ich gedacht, dass der Fortschritt

und die gesellschaftspolitischen Errungenschaften der Obama-

Jahre so radikal in Gefahr geraten oder zerstört werden könnten.

Aber hier sind wir nun gelandet. Ich sorge mich sehr um das

Einhalten grundlegender Menschenrechte. Deshalb finde ich es

wichtiger denn je, politisch aktivistische Musik zu machen.

Peaches

1966 als Merrill Nisker in Toronto

geboren, lebt Peaches seit 2000

in Berlin. Im selben Jahr gelang

ihr mit dem Debüt «The Teaches

Of Peaches» der Durchbruch.

2024 war sie Gegenstand zweier

Dokumentarfilme («Teaches

Of Peaches», «Peaches Goes

Bananas») und spielte im Stuttgarter

Schauspiel die Hauptrolle

in Bertold Brechts «Die sieben

Todsünden». Jetzt ist sie mit «No

Lube So Rude» zurück: ihr erstes

Album seit über zehn Jahren,

ein Mix aus Electro, Punk, Pop,

Industrial, Balladen und radikaler

Sexpositivität.

Zum Musikvideo «No Lube So

Rude» hier lang:

Frühling 2026

109


Story — 8

8

Ein Kleckser

Farbe in der

Camouflage

110 Frühling 2026


Story — 8

Text: Michael Freckmann

Das Militär gilt vielen als hypermännlicher,

nicht gerade queerfreundlicher Ort. Doch

es gab sie schon immer: Queere Menschen

in den Streitkräften. Anastasia, Beat

und Matthias berichten über Schwierigkeiten

im Alltag und fehlende Vorbilder.

Aber auch über Unterstützung und Freundschaft.

Und wie sie für beides kämpfen –

für Akzeptanz und ihr Land.

Frühling 2026

111


Story — 8

112 Frühling 2026

Zentimeter sind schwul und 81 sind Fahnenflucht!», rief ein Vorgesetzter

in einer Marschübung. Gemeint war damit der Abstand

zum nächsten Kameraden. Ein merkwürdiges Bild von Männlichkeit

und Sexualität haben sie hier, dachte Anastasia Biefang.

Das war 1994, am dritten Tag ihrer Grundausbildung bei der

Bundeswehr. Damals wurde sie von allen noch als Mann gelesen.

Heute hingegen, mehr als 30 Jahre später, ist sie als geoutete trans

Frau im Rang eines Obersts. Vorbei sind die Zeiten, als queere

Soldat*innen von der Bundeswehr offiziell als «Sicherheitsrisiko»

eingestuft wurden.

Allerdings sind geänderte Vorschriften und einzelne mutige

Beispiele das eine – echte Akzeptanz im Alltag für alle etwas

anderes. Und dabei kommt es darauf gerade besonders an. Denn

Deutschland bemüht sich aktuell darum, dass mehr Menschen

zur Bundeswehr kommen und Österreich denkt über eine Wehrdienstverlängerung

nach. Die Schweizer Armee blickt mit Sorge

auf den Geburtenrückgang und den immer beliebter werdenden

Zivildienst. Die Streitkräfte werben mit aufwändigen Social-Media-Kampagnen

um neue Leute. Sie wollen sich als offenen, modernen

Arbeitgeber präsentieren.

Es ist noch nicht so lange her, dass schwule Männer in

Deutschland keine Offiziere werden durften. Bis ins Jahr 2000

war das so. Davor galt: Wehrdienst ja, Karriere nein. Und dies bedeutete

schon eine Verbesserung, denn bis 1979 war Homosexualität

ein Ausmusterungsgrund. Diese Kultur war lange prägend

für das Klima innerhalb der Bundeswehr. Ängste vor Ablehnung

begleiteten deswegen auch Anastasia: «Ich dachte, ich passe dann

hier nicht mehr rein», sagt sie. Dabei ist sie mit der Bundeswehr

aufgewachsen, denn auch ihr Vater war beim Militär und sie

mochte dieses Umfeld.

2015 hielt Anastasia das alles nicht mehr aus und outete sich

vor ihren Vorgesetzten. Sie erlebte Verblüffendes. «Das waren

empathische, verständnisvolle Menschen, die einfach den Menschen

gesehen haben», sagt sie. «Ich hatte aber auch das Gefühl,

nach meinem Outing der erste Fall überhaupt zu sein». Trotz

aller menschlichen Wärme blickte sie oftmals in etwas ratlose

Gesichter.

Bild: VBS, Zentrum Elektronische Medien ZEM


Story — 8

Frühling 2026


Story — 8

«Don’t ask, don’t tell» – auch in der Schweiz

Lange Zeit war Queerness im Militär etwas, über das einfach gar

nicht gesprochen wurde. Das aus den USA bekannte Motto «Don’t

ask, don’t tell» galt auch in der Schweiz. Zumindest bis 1992, als

Homosexualität im Militär entkriminalisiert wurde. So erlebte es

Beat Lauper, der Ende der 70er-Jahre in die Schweizer Armee rekrutiert

wurde und im Jahr 2011 im Rang eines Obersts im Generalstab

freiwillig aus der Armee ausschied. Anfangs interessierte

ihn nichts am Militär, schon gar nicht das Kämpfen und die Waffen.

Er musste als Schweizer eben Militärdienst leisten. Erst im

Laufe der Zeit entdeckte er, dass ihm das Führen von Menschen

Spass machte. «Ich wollte ein moderner Vorgesetzter sein», sagt

er. Die Schweizer Armee gab ihm die Chance dazu.

Gegenüber einigen engen Freunden öffnete er sich bereits 1990

während seines Studiums zum Berufsoffizier an der ETH Zürich

und erzählte ihnen, dass er schwul sei. Innerhalb des Militärs war

das weiterhin kein Thema. Auch Anfeindungen von Kameraden

habe er dort, während seiner ganzen Zeit, keine erlebt, betont er.

Vielleicht, mutmasst Beat, spielte hierbei jedoch eine Rolle, dass

andere ihn nicht als stereotyp schwul wahrnahmen.

Starke Vorgesetzte und gute Freunde sind wichtig

Nur ein einziges Mal wurde seine Homosexualität zum Thema.

Im Auswahlgespräch zum Bataillonskommandanten warf ihm

ein politisch Verantwortlicher vor, er würde unter anderem den

Müll nicht richtig entsorgen. Er sei daher für die Führungsposition

nicht geeignet. Erst hinterher sagte ihm sein Vorgesetzter,

dass es eigentlich darum gegangen sei, dass man ihn gemeinsam

mit einem Mann Arm in Arm durch Zürich habe spazieren sehen.

Sein Chef stellte sich auf Beats Seite. «Mein Privatleben war ihm

egal, sagte mir mein General. Er wollte mich als Bataillonskommandant

haben».

In den Folgejahren führte Beat als Verantwortlicher in der

Ausbildung viele Personalgespräche. Auch hier veränderte sich

kaum etwas. So ging es in den Gesprächen, bei denen er dabei

war, weiterhin nie um die sexuelle Orientierung von Kandidaten,

«Stellt euch

vor, da ist jetzt

irgendeine

Schwuchtel in

der Dusche.»

sagt er. Gleichzeitig wagte Beat persönlich in dieser Zeit

einen mutigen Schritt. Denn er begann, seinen Partner,

den er 1998 kennengelernt hatte, bei beruflichen Veranstaltungen

einfach mitzubringen. «Ich habe da aktiv

nicht drüber gesprochen, es aber auch nicht verheimlicht»,

sagt Beat rückblickend.

Wie sehr der Umgang miteinander von den einzelnen

Persönlichkeiten der Vorgesetzten abhängt, erlebte

auch Matthias, heute Anfang 30, Sanitätsunteroffizier im

österreichischen Bundesheer. Er kam ebenfalls über den

Pflichtdienst zur Armee. Da er Musik machte, wählte er

die Militärmusik und wechselte später in den Sanitätsdienst.

«Stellt euch vor, da ist jetzt irgendeine Schwuchtel

in der Dusche», hörte er öfter in den Mannschaftszimmern.

Ausbilder benutzten das beleidigende Wort immer

wieder als Kraftausdruck oder als Beleidigung. Das war

noch im Jahr 2011 so. Auch später, in seiner Ausbildung

zum Unteroffizier, kam so etwas mehrfach vor.

Matthias aber gefiel seine Tätigkeit beim Bundesheer

von Anfang an und er outete sich früh. Nicht ganz freiwillig,

denn zwei Kameraden sahen in der Stadt, wie er

andere Männer traf und setzten gleich ein Gerücht über

ihn in die Welt. Doch Matthias stand zu sich und sprach

darüber. Die meisten seiner Kameraden akzeptierten es.

Einige allerdings wollten danach nicht länger mit ihm

in einem Zimmer schlafen oder zur selben Zeit duschen.

Dass das auch besser laufen konnte, erfuhr er von einem

anderen Soldaten in seiner Kaserne. Dessen Vorgesetzter

stellte sich auf seine Seite. «Sonst kriegt ihr es mit mir zu

tun!», rief er homophoben Untergebenen zu.

Beat Lauper ist

Mitgründer von Queer

Officers Switzerland.

Bild: Patrick Enssle

Queere Vereine im Militär gründen sich

Was Matthias besonders half, war, dass es in der Militärmusik

einen Soldaten gab, von dem alle wussten, dass er

schwul war und der akzeptiert wurde. «Das war mein

erster Ansprechpartner», erinnert sich Matthias. Seither

engagiert er sich für andere und trat dem 2023 gegründeten

Verein «Queer im Heer» bei. Dieser steht zwar noch

am Anfang, aber sie arbeiten schon daran, dass junge

Menschen bereits bei der «Stellung», wie die Musterung

114 Frühling 2026


Story — 8

Bis 2000 durften schwule Männer in Deutschland keine Offiziere werden.

Bild: Bundeswehr/Christoph Kassette

Gemäss einer Studie erleben queere Menschen und insbesondere Frauen in der Schweizer Armee deutlich häufiger Diskriminierung.

Frühling 2026

Bild: VBS/DDPS, Linus Spitz

115


in Österreich heisst, den Kontakt zu ihnen finden können.

Denn zu viele queere Menschen meiden in Österreich

das Militär, erklärt Matthias, weil sie glaubten,

sie hätten sowieso keine guten Chancen in der Armee.

Dies sei aber nicht richtig, betont er und fügt hinzu:

«Ich erlebe, dass es viele in den Kasernen gibt, die im

engsten Kreis geoutet sind, aber sich nicht öffentlich

präsentieren wollen.»

In der Schweiz gibt es einen solchen Verein für

queere Militärangehörige hingegen schon etwas länger.

Kurz vor der Volksabstimmung über die Eingetragene

Partnerschaft 2005 gründeten Beat Lauper und

ein paar andere die «QueerOfficers Switzerland». Danach

wagten sie sogar ein Gruppen-Coming-out. «Wir

waren zirka 20 Männer und haben vor der Volksabstimmung

in der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift

eine Anzeige geschaltet», sagt Beat.

Darin standen ihre vollen Namen und der Name ihres

Vereins. «Wir haben uns exponiert mit allen Risiken»,

sagt Beat, der in der Anzeige der hochrangigste Soldat

war und dann mit seinen Kollegen auch bei der Zürich

Pride mitlief.

Gemeinsam einander unterstützen

Die «QueerOfficers Switzerland» gibt es noch heute.

Offen sind sie mittlerweile auch für Armeeangehörige,

die keine Offiziere sind, erklärt Alex Häner, der

aktuell im Vorstand des Vereins ist. Sie machen dort

Ausbildungen und Sensibilisierungskampagnen für

die Armee. Über ein niedrigschwelliges Beratungsangebot

können sich alle Mitglieder der Streitkräfte

jederzeit an sie wenden. Durch seine Arbeit hat der

Verein schon erreicht, dass die Armee 2008 ein Diversity-Management

einführte und dass Diskriminierung

aufgrund der sexuellen Orientierung verboten

wurde. «Wir wollen dazu beitragen», sagt Alex von

den «QueerOfficers», «dass die Vielfalt noch stärker

als heute als echten Mehrwert für die ‹Kampfkraft der

Armee› gesehen wird.»

In Deutschland gründete sich in der gleichen Zeit

eine ähnliche Interessenvertretung. Stellvertretende

Vorsitzende des «QueerBw» ist aktuell Anastasia.

«Wir helfen mit unserem Verein queeren Mitgliedern

der Bundeswehr in ihrem Alltag», sagt sie. «Etwa,

wenn es um die Frage geht: ‹Wie sage ich es meinem

Chef?›». Sie machen dort Seminare und treffen sich

einmal im Jahr mit der politischen und militärischen

Führung. Bei dem Rehabilitierungsgesetz für queere

Soldaten von 2021 waren sie ebenfalls massgeblich

beteiligt.

Es gebe viele queere Menschen, die sich in der Bundeswehr

anerkannt fühlen würden, betont Anastasia.

Gleichzeitig habe der Verein «QueerBw» mit seinen

400 Mitgliedern weiterhin viel zu tun. Seit 2017 gibt

es eine Antidiskriminierungsstelle und Leitlinien, um

für Bedürfnisse und Perspektiven von trans Personen

zu sensibilisieren. In Vorschriften aber herrsche

häufig noch Binarität, erklärt Anastasia. Lange Haare

seien für männlich gelesene Personen nicht erlaubt.

Für Menschen mit dem Geschlechtseintrag «divers»

gelten dieselben Regelungen wie für das männliche Geschlecht.

Und zusätzlich zur existierenden Diversitätsstrategie wünscht

sich der Verein eine beauftragte Person für Diversity.

Ein weiterer Aspekt ist die freie Gestaltung des Privatlebens.

Anastasia hatte selbst auf einer Datingplattform ein Profil ohne

jeglichen Bezug zur Bundeswehr angelegt und nach Sexdates unabhängig

vom Geschlecht gesucht. Jemand zeigte das an und ein

Gericht wertete es als einen «erheblichen Mangel an charakterlicher

Integrität». Solche Vorkommnisse zeigen: Genau wie die Gesamtgesellschaft

ringt das Militär in Fragen der Liberalisierung

sichtbar mit sich.

Diskriminierungen und Gewalt finden statt

Es ist nicht so leicht, einen Überblick zu bekommen, wie queerfreundlich

der Alltag in der gesamten Breite der Streitkräfte ist.

Mit einer Studie aus dem Jahr 2024 versuchte die Schweizer Armeeführung

erstmals, Licht ins Dunkel zu bringen. 42,5 % der

queeren Militärangehörigen geben darin an, mehr leisten zu

müssen als nicht-queere Menschen, um in der Armee anerkannt

zu werden.

Auffällig ist, dass queere Personen wesentlich häufiger Diskriminierungen

erlebt haben als nicht-queere Menschen. Knapp

53 % der befragten schwulen cis Männer berichten von solchen

Erfahrungen. Bei den heterosexuellen Männern sind es 26 %.

Noch stärker als Männer sind Frauen, ob queer oder nicht, von

Diskriminierungen, non-verbaler, verbaler und körperlicher

sexualisierter Gewalt betroffen. Denn es ist das weibliche Erscheinungsbild,

das starke Aggressionen im Militär auslöst. Entsprechend

erleiden trans Frauen deutlich öfter Gewalt als trans

Männer. Mit Abweichungen von den klassischen binären Rollenbildern

kommen viele im Militär ebenfalls nicht zurecht. So wird

schwulen Männern ein Mangel an Männlichkeit vorgeworfen.

Lesbischen Soldatinnen paradoxerweise ihre angeblich fehlende

Weiblichkeit.

Wie die Studie weiter ergeben hat, würden viele Übergriffe

gar nicht erst gemeldet. Die meisten Betroffenen machten die

Sache mit sich selbst aus oder mit gleichgestellten Kolleg*innen.

Demnach gilt es manchen als Schwäche oder Loyalitätsbruch,

sich über Diskriminierungen zu äussern. Die Schweizer Armeeführung

zeigte sich daraufhin alarmiert und reagierte mit einem

Massnahmenplan. Ihre schon vorher existierende Strategie der

«Nulltoleranz» will sie nun noch konsequenter durchsetzen.

Anastasia Biefang ist

MANNSCHAFT-Kolumnistin und

Offizierin der deutschen

Bundeswehr

116 Frühling 2026


Story — 8

Bild: VBS, Zentrum Elektronische Medien ZEM

Die Queer Officers

Switzerland wollen

bei Pride-Umzügen

sichtbar sein.

Wo sind die Vorbilder?

Es gibt wenig Grund anzunehmen, dass Ergebnisse für Deutschland

und Österreich wesentlich anders ausfallen würden. Wie

lässt sich aber in einer solchen Situation überhaupt Veränderung

erreichen, da Verhaltensmuster in Organisationen meist äusserst

zäh und langlebig sind? «Es braucht Vorbilder und positive Beispiele»

sagt Anastasia, denn es gehe darum, dass Menschen nicht

mehr das Gefühl haben müssten, dass es Nachteile bringen könne,

sich zu outen. Generäle oder Admiräle, die offen queer leben,

gebe es in der Bundeswehr jedoch noch immer nicht, beklagt sie.

Manchmal allerdings kommen Impulse für Veränderungen

auch von aussen. So bricht in der Popkultur langsam das klassische

Bild des Soldaten auf; des starken, heterosexuellen, männlichen

Kämpfers. Etwa in der Netflix-Serie «Boots», in der ein junger

schwuler Mann zu den US-Marines geht, einem Truppenteil,

in dem es besonders hart zugeht. Ein anderes Beispiel ist der Film

«Eismayer» über einen gleichnamigen Offizier des österreichischen

Bundesheeres. Dieser galt dort als ausgesprochen strenger

Vorgesetzter. Je mehr er seine Homosexualität verstecken wollte,

desto fordernder trat er gegenüber seinen Untergebenen auf. Das

Neue an «Boots» und «Eismayer»: Die queere Figuren sind hier

nicht schwach, sondern mutiger und stärker als viele der anderen.

Queere Militärangehörige bereichern die Streitkräfte

Dass in der breiten Öffentlichkeit Österreichs Charles Eismayer

und sein Ehemann bis heute die einzigen wahrnehmbaren queeren

Militärs sind, verstärkt – nicht nur in Österreich – das Vorurteil,

es gebe lediglich vereinzelt queere Mitglieder im Militär.

Die Schweizer Studie zeigt dagegen ein anderes Bild. Sie stellt

einen etwa gleich hohen Anteil (13–15 %) queerer Menschen in der

Schweizer Gesellschaft und Armee fest. Auch wenn dies an einer

leicht verzerrten Stichprobe in der Studie liegen könnte, einige

wenige sind queere Menschen in der Armee jedenfalls

nicht. Und eine Schweizer Besonderheit dürfte dies

wohl kaum sein.

Wenn queere Menschen nicht nur selten dort zu finden

sind, stellt sich auch die Frage, welche eigenen Erfahrungen

und Perspektiven sie in die Streitkräfte mit

einbringen. «Ich glaube, dass queere Menschen sehr oft

Stärke beweisen müssen, weil sie Anfeindungen erleben.

Dadurch können sie schwierige Situationen leichter

bewältigen», sagt Matthias. Bei seinen Aufgaben

im Sanitätsdienst falle es ihm aufgrund seiner Erfahrungen

als queere Person sogar leichter, sich in einen

Patienten einzufühlen. Anastasia sieht das ähnlich.

Viele queere Menschen «bringen Resilienz mit, den

Mut, zu sich selber zu stehen und Gradlinigkeit». In

ihrer Vereinsarbeit seien ihr oftmals Menschen begegnet,

die «sehr viel empathischer sind, bei denen es

mehr Ausgeglichenheit und Friedfertigkeit gibt».

Trotz all des bisher Erreichten ist Anastasia

manchmal dennoch besorgt. Dann nämlich, wenn sie

wenig Sensibilität von einzelnen Kolleg*innen gegenüber

queeren Themen erfährt. Oder darüber, was der

aktuelle rechte Backlash für das Militär bedeuten

könnte. Aufgeben oder Zurückweichen aber kommt

für sie – ganz soldatisch – natürlich nicht infrage. So

helfe bei all dem nur: «Flagge zeigen, sichtbar sein»,

erklärt Anastasia. «Wenn sich von unseren Vereinsmitgliedern

jede Person in ihrer eigenen Einheit als

Multiplikator identifiziert, dann hätte das ja schon

eine Wirkung.»

Frühling 2026

117


ZITIERT

Gehört, gelesen, gesehen:

Story — 7

«Ich fühle mich

wie ein schwuler

Mann.»

Olivia Colman im Interview mit

dem LGBTIQ-Portal Thema. Die

Oscar-Preisträgerin sagt, sie habe

sich nie als besonders weiblich

empfunden.

«Als Frau in dieser

Branche passt man

seine Perspektive ein

Stück weit an, um

überhaupt gehört zu

werden.»

Kristen Stewart über ihr Regiedebüt «The

Chronology of Water» – zurzeit im Kino.

«Es ist vorerst

besser so.»

TV-Moderator Jochen

Schropp gegenüber der

Bunte über das Ende seiner

Ehe mit Partner Norman.

«Wieso soll ich mich

kostenlos zeigen,

wenn ich Geld dafür

verlangen kann?»

Der ehemalige Top-Athlet Matthew Mitcham über seine Präsenz auf

der Plattform OnlyFans. Der Australier gewann bei den Olympische

Sommerspielen 2008 als erster offen schwuler Mann eine Goldmedaille

im Turmspringen. Heute verdient der 37-Jährige nach eigenen

Angaben mit seinem kostenpflichtigen Account ein Vielfaches dessen,

was er als Spitzensportler erhielt. Für rund zehn Dollar im Monat

zeigt er dort Inhalte, die auf Instagram oder Tiktok gesperrt würden –

jedoch ohne explizite Nacktheit oder sexuelle Handlungen. Mitcham

betont, er behalte die volle Kontrolle und veröffentliche nur, was er

selbst noch als Kunst vertreten könne. «Viele Fans wollen ein

bisschen mehr sehen, andere Plattformen zensieren meinen

Körper – warum also nicht selbst davon profitieren?»

Bilder (im Uhrzeigersinn von oben links): Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa, Jennifer

Bloc/Geisler-Fotopress/picture-alliance/dpa, Michael Bahlo/dpa, Quinn Rooney/dpa

118 Winter 2025/26


KOLUMNE

New year, old me:

Willkommen in der

Spirale

Happy New Year Everybody! Ja, ich weiss, ein

bisschen spät, aber ich hoffe, ihr seid gut ins neue

Jahr gerutscht. Ich bin eher gestolpert, gefallen, kurz

liegen geblieben und habe dann beschlossen, jetzt

erst recht aufzustehen. Denn das letzte Jahr war ein

Hindernisparcours mit Ansage: das härteste meines

Lebens. Und glaubt mir, ich habe eine beachtliche

Sammlung schwieriger Jahre im Angebot.

An dieser Stelle eine kleine Triggerwarnung:

Es geht um erneuten Alkoholkonsum. Denn Nüchternheit

ist kein gerader Weg, sondern eher eine kurvige

Landstrasse mit kreativer Beschilderung. Manche

nennen Umwege Rückfälle. Ich nenne den

Prozess eine Spirale. Man kommt vielleicht an ähnlichen

Punkten vorbei, aber nie mehr als genau derselbe

Mensch.

Letztes Jahr starb mein Vater. Die einzige

Familie, zu der ich noch eine Bindung hatte. Mit 34

Vollwaise zu sein, macht etwas mit einem. Besonders

schwer ist es, queer zu sein und einen Migrationshintergrund

zu haben: Man wächst oft zwischen

Erwartungen, Normen und Welten auf, in denen man

sich nie komplett gesehen oder akzeptiert fühlt.

Mein Leben lang habe ich versucht, irgendwo dazuzugehören.

Als wäre das nicht genug, kam Ende des

Jahres die Trennung von meinem Partner. Eine meiner

wichtigsten Säulen. Zack, weg. Kurz darauf ein

grosser Streit mit einer meiner besten Freundinnen.

Funkstille. Verlassen – von drei Menschen in einem

Jahr. Parallel dazu: neue Stadt, neuer Job, neues

Leben. Hannover statt Berlin. Verantwortung statt

Romantik. Stress statt Schonfrist.

Also begab ich mich in die Gay-Szene. Und

siehe da: Alle tollen Typen waren auf Partys dermassen

betrunken, dass ich mir dachte: Ich muss da

wohl doch dazugehören. Nüchtern danebenstehen

fühlte sich plötzlich nicht mehr wie Selbstfürsorge

an, sondern wie Ausschluss.

Am ersten Weihnachtstag sass ich allein im

Zug, erstes Weihnachten ohne Familie, auf dem Weg

in mein neues Zuhause, emotional leer. Und da fragte

ich mich: Wofür das eigentlich alles?

Also entschied ich mich, wieder zu trinken.

Nicht impulsiv, nicht aus Kontrollverlust, sondern

aus dem Bedürfnis, mich für einen Moment weniger

allein zu fühlen in einem ansonsten schweren

Monat. Vielleicht war es keine Lösung. Aber es war

auch kein Drama. Es war ein Moment. Wer Nüchternheit

öffentlich lebt, darf ehrlich sein. Ich weigere

mich, mein Leben zu einem Gefängnis oder einer

Lüge zu machen. Ich erzähle das nicht, um Alkohol

zu rechtfertigen, sondern um ehrlich zu sein: Manchmal

sind Momente kompliziert, und sie auszuhalten

ist wichtiger als sie schönzureden.

Seit ein paar Wochen bin ich wieder nüchtern.

Und es fühlt sich gut an. New year, old me. Aber

mit neuen Erkenntnissen: Trauer läuft nicht linear.

Manche Menschen gehen, und manchmal heisst

das schlicht, dass sie nicht für einen bestimmt waren.

Zugehörigkeit ist ein starkes Bedürfnis. Und ich

muss mich früher melden, bevor es still wird.

QUEER & SOBER

Vlady Schklover: Regie im

Kopf, Beats im Blut, Kunst im

Herzen. Künstler, Regisseur,

Performer, Musiker – und

Gründer der einzigen regelmässigen

queeren sober Party

Deutschlands.

Insta: @vladypresents,

@lemonadequeers

vlady@mannschaft.com

Schau dir seinen Song

«I Am Human» an:

Frühling 2026

119


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120 Frühling 2026


2026 SCHON HUNDERTE

VORSTÖSSE GEGEN LGBTIQ

Washington, D.C. – In den USA sind seit

Jahresbeginn mehr als 360 Gesetzesentwürfe

eingebracht worden, die nach Angaben

der American Civil Liberties Union

(ACLU) die Rechte von LGBTIQ-Personen

einschränken. Betroffen sind 36 Bundesstaaten.

Ein von der ACLU geführter Tracker verzeichnet

aktuell mindestens 366 Vorlagen,

die von der Organisation als homo- oder

transfeindlich eingestuft werden. Seit 2023

seien landesweit über 2000 entsprechende

Gesetze eingebracht worden. Rund 211

davon seien in Kraft getreten, mehr als die

Hälfte jedoch gescheitert.

Die aktuellen Entwürfe betreffen unter anderem

Einschränkungen bei Lehrinhalten,

das Verbot von LGBTIQ-Büchern an Schulen

sowie Vorschriften, wonach Schulen

trans Jugendliche gegenüber ihren Eltern

outen müssen. Die ACLU kündigte an,

juristisch gegen die Vorlagen vorzugehen.

ROB JETTEN IST ERSTER OFFEN

SCHWULER REGIERUNGSCHEF

Den Haag – Die Niederlande haben mit

Rob Jetten erstmals einen offen schwulen

Regierungschef. König Willem-Alexander

vereidigte den 38-jährigen Vorsitzenden

der linksliberalen Democraten 66 (D66)

zum Ministerpräsidenten. Gemeinsam mit

Christdemokraten und Rechtsliberalen

regiert D66 nun in einer Koalition ohne

eigene Mehrheit und ist auf Unterstützung

aus der Opposition angewiesen.

Die Regierung kündigte Reformen im

Sozial- und Gesundheitssystem, höhere

Verteidigungsausgaben sowie Massnahmen

gegen Wohnungsnot und in der Migrationspolitik

an. Kritiker*innen bezweifeln

die Stabilität der Minderheitsregierung.

International sorgt auch Jettens Privatleben

für Aufmerksamkeit: Er lebt mit seinem

Verlobten, dem argentinischen Hockeyspieler

Nicolás Keenan, zusammen – erstmals

zieht damit ein «First Gentleman» in

den Amtssitz ein.

TEAM LGBTIQ ERREICHT

REKORD BEI WINTERSPIELEN

Mailand – Offen queere Athlet*innen

haben die Olympischen Winterspiele 2026

in Mailand-Cortina mit insgesamt elf Medaillen

beendet, so viele wie nie zuvor

für das Team, berichtet Outsports. Wäre

es eine Nation, würde Team LGBTIQ den

13. Platz im Medaillenspiegel belegen.

Von den 49 offen geouteten Athlet*innen

gewannen 19 eine Medaille, darunter

fünfmal Gold, zweimal Silber und viermal

Bronze. Zu den Medaillengewinnenden

zählt der offen schwule Curling-Athlet

Bruce Mouat, der bereits 2022 Olympia-

Silber für Grossbritannien gewann. Mouat

betonte, dass sein Coming-out 2014

sowohl sein Privatleben als auch seine

Karriere positiv verändert habe.

Wäre es eine Nation,

würde Team LGBTIQ

den 13. Platz im

Medaillenspiegel

belegen.

ZWEI FRAUEN NACH KUSS

FESTGENOMMEN

Arua – In Uganda sind zwei Frauen festgenommen

worden, nachdem Nachbar*innen

gesehen hatten, wie sie sich

öffentlich küssten. Das Verhalten verstösst

gegen das Anti-Homosexualitätsgesetz

des Landes, das seit 2023 für gleichgeschlechtliche

Beziehungen lebenslange

Haft und für sogenannte «verschärfte»

Fälle die Todesstrafe vorsieht.

Die Polizei nahm die Frauen, 22-jährig und

21-jährig, am 18. Februar in Arua in Gewahrsam,

nachdem Nachbar*innen Fotos

der beiden eingereicht hatten. Laut AFP

haben sie keinen Zugang zu rechtlicher

Vertretung.

Menschenrechtsgruppen kritisieren das

Gesetz scharf, Aktivist Frank Mugisha

warnte auf X, dass die Regelung zu Erpressung

und Diskriminierung führe und

LGBTIQ-Personen in Uganda erheblichen

Gefahren aussetze.

MALAYSIA BLOCKIERT GRINDR

UND BLUED

Kuala Lumpur – Die malaysische Regierung

hat den Zugang zu den LGBTIQ-

Dating-Apps Grindr und Blued blockiert.

Das teilte das Kommunikationsministerium

im Februar mit und kündigte an, dass

rechtliche Schritte geprüft würden, um

die Präsenz der Apps im Land weiter einzuschränken.

Die Internetaufsichtsbehörde Malaysian

Communications and Multimedia Commission

(MCMC) hat bereits die zugehörigen

Websites gesperrt. Mobile App-Stores

wie Google Play und Apple Store fallen

nach Angaben der Behörden nicht direkt

unter die malaysischen Gesetze, da die

Apps von ausländischen Unternehmen

betrieben werden.

Das Ministerium betonte, dass die MCMC

dafür sorgt, dass Online-Inhalte im Inland

keine gegen lokale Gesetze verstossenden

Inhalte verbreiten – darunter pornografische

Inhalte, Missbrauch, Betrug oder

Gefährdungen der öffentlichen Sicherheit.

GLEICHGESCHLECHTLICHE

PAARE ERHALTEN EIGENTUMS-

RECHTE

Manila – Der oberste Gerichtshof der

Philippinen hat entschieden, dass gleichgeschlechtliche

Paare bei gemeinsam

erworbenen Immobilien Eigentumsrechte

besitzen, selbst wenn der Besitz nur auf

einen Namen eingetragen ist. Voraussetzung

ist, dass beide finanziell zum Kauf

oder zur Renovierung beigetragen haben.

Das Urteil stützt sich auf Artikel 148 des

Philippine Family Code, der Eigentumsrechte

für unverheiratete Paare regelt.

Richterin Amy Lazaro Javier betonte, dass

die Diskrepanz zwischen der Behandlung

heterosexueller und gleichgeschlechtlicher

Paare ungerecht sei.

Da gleichgeschlechtliche Ehen auf den

Philippinen nicht anerkannt sind, gilt die

Entscheidung als wichtige rechtliche Absicherung

etwa im Fall von Trennung oder

Streitigkeiten. Frühere Gesetzesvorstösse

zum Schutz von LGBTIQ-Paaren scheiterten,

unter anderem ein 2017 vorgeschlagenes

Gesetz zu zivilen Partnerschaften.

Im streng katholischen Land sind auch

Scheidungen nicht möglich.

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Story — 9

9

Was

bleibt,

wenn ich

weg bin?

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Story — 9

Text – Kriss Rudolph

Im richtigen Moment abtreten ist

nicht so leicht. Besonders wenn

man ein Projekt oder eine Instution

gegründet, lange geleitet

und geprägt hat. Manchen fällt es

leichter, andere hadern. Über das

Loslassen.

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Story — 9

ein Name stand bei der Kommunalwahl in Bayern am 8. März

nicht mehr auf dem Wahlzettel – oder jedenfalls nicht mehr ganz

oben, sondern auf dem allerletzten, dem 80. Platz, aus Solidarität

und vielleicht auch Nostalgie. Seit 1996 war der schwule Politiker

Thomas Niederbühl im Münchner Stadtrat gesessen. Nun trat er

nicht mehr an.

Thomas Niederbühl

30 Jahre im Stadtrat. Niederbühl war der erste, der über eine

queere, anfangs noch schwule, Wähler*innen-Initiative ins

Rathaus kam: die Rosa Liste. «Das war schon einmalig für München,

für Deutschland und wahrscheinlich für Europa», sagt er

im Gespräch mit MANNSCHAFT anlässlich seines Ausscheidens

aus der Politik. Warum geht er?

«Ich hatte seit 2017 ein paar gesundheitliche Zipperlein, das

war zumindest der Auslöser zu sagen: Wie soll es eigentlich weitergehen?»,

sagt Niederbühl, der Ende März 65 wird.

2020 entschied er sich, noch ein letztes Mal zu kandidieren,

und wollte, im Fall einer Wiederwahl, in der Münchner Aids-

Hilfe aufhören. Dort war er lange Geschäftsführer, ebenfalls 30

Jahre. «Sozusagen mein zweites Baby.» Als er 2021 dann erneut

in den Stadtrat gewählt wurde, war ihm klar: «Nach dieser Legislatur

höre ich auf.»

Es war ihm wichtig, eine klare eigene Entscheidung zu treffen.

Und er findet: «Ich bin gar nicht so schlecht im Aufhören.»

Einerseits sei es natürlich schön zu wissen, dass man vermisst

wird, wenn man geht, dass einem vielleicht auch nachgetrauert

wird. Andererseits: «Es gibt ja einige Stadtratskollegen, bei denen

man das Gefühl hat, die können nicht aufhören. Nach dem Motto:

‹Wann geht der alte Sack eigentlich?› Das wollte ich auf keinen

Fall!»

Ein Abschied sei sicher nicht einfach, aber man sollte sich auch

nicht zu wichtig nehmen, findet Niederbühl.

Illustration: KI Adobe Firefly

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Story — 9

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Story — 9

Ganz ähnlich klang es bei Anne Will, die 16 Jahre

lang ihre gleichnamige Talksendung in der ARD

präsentierte, zuletzt am 3. Dezember 2023. Man

brauche eine gewisse Eitelkeit, um im Fernsehen aufzutreten,

habe der Kollege Frank Plasberg mal zu ihr

gesagt, erzählte Will später. Darauf entgegnete sie mit

leichtem Spott: «Es gibt Moderatoren, die vor allem

mit sich beschäftigt sind, und solche, die vor allem mit

der Sache beschäftigt sind.»

«Ich habe mich davor gefürchtet,

in ein Loch zu fallen»

Anne Will

Bereut hat die lesbische Journalistin den Abschied

nie, sagte sie später als Talkgast bei «3nach9»: Sie vermisse

gar nichts. Will gab aber auch zu, dass sie Bedenken

hatte, ob sie damals die richtige Entscheidung

getroffen hat. «Ich habe mich davor gefürchtet, in ein

Loch zu fallen. Ich arbeite gerne, ich vertiefe mich

gerne in Themen. Ich wollte auch weiter intellektuell

herausgefordert sein», verrät die ehemalige ARD-Moderatorin.

«Davor hatte ich Angst, dass das nicht mehr

da wäre, weil ich dann eben keine wöchentliche Sendung

mehr mache.»

Wieland Speck

Inzwischen ist sie wieder regelmässig auf Sendung in ihrem

eigenproduzierten Podcast «Politik mit Anne Will». Damit habe

sie das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, fund ühle sich

«wesentlich lebendiger», gab sie zu Protokoll.

Wieland Speck, von Haus aus Filmemacher, war lange

das Gesicht des Teddy Award. 1982 hatte er begonnen, als

Assistent von Manfred Salzgeber in der Sektion Panorama

der Berlinale zu arbeiten, von 1992 bis 2017 leitete er selbst die

Sektion. 1987 hatten die beiden gemeinsam den Teddy Award

als unabhängigen queeren Filmpreis der Berlinale initiiert, der

dieses Jahr zum 40. Mal verliehen wurde.

Jedes Jahr sichtete er an die 1000 Filme, flog dafür um die ganze

Welt. Irgendwann reifte in ihm der Entschluss, das Panorama

und den Teddy abzugeben. «Du musst immer auf dem neusten

Stand sein. Du bist in einem permanenten offenen Entdeckungsmodus

und gleichzeitig in einem Bewertungsmodus. Du bist für

die Filmemacher eine ganz wichtige Person. Sie denken oft, ihre

Gesamtkarriere hängt jetzt an dir. Und wenn du den Film nicht

nimmst, musst du diese Zurückweisung moderieren.»

Ein «ganz eigenes Volumen», nennt er das, viel grösser als das,

was sichtbar sei im Rampenlicht. Als er Mitte 60 war, habe er

gemerkt: «Das Brennen für immer neue Werke hat irgendwie

einen Knacks gekriegt und dann wird die Verantwortung dafür

komisch.»

Er wollte Panorama und Teddy weitervererben «im Sinne einer

queeren Situation, die weltweit einzigartig ist». Als er 2017 ging,

übergab er die Panorama-Leitung an ein Trio von engen Mitarbeitenden:

Paz Lázaro, Andreas Struck und Michael Stütz. Doch

Dieter Kosslick, der noch zwei Jahre Berlinale-Chef war, machte

stattdessen Lazaro zur Chefin. «Die sensible Dreierkonstellation

hat das nicht durchgehalten, was mich leider nicht gewundert

hat», sagt Speck. Aber rückblickend ist er zufrieden: «Der Spirit

geht weiter und das gilt eben auch für den Teddy.»

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Story — 9

«Man kriegt es oft mit, dass Leute

so lange klammern, bis sie auf

der Bühne sterben, und dann bricht

das ganze System ein. Das wollte

ich nicht.»

Michael Stütz, jetzt sein alleiniger Nachfolger, war einst sein

Assistent und hatte dessen unbedingten Segen. Zurückblickend

findet Speck darum, es sei ein guter Übergang gewesen. «Holprig

zwar, aber nicht so verkackt, wie man das oft mitkriegt, wo

dann die Leute, wenn sie gegangen sind, unglücklich sind oder

aus Angst davor so lange klammern, bis sie auf der Bühne sterben,

und dann bricht das ganze System ein. Das habe ich oft beobachtet

und das wollte ich nicht.»

Nach Aufgabe der Leitungsposition war Speck noch zwei Jahre

beratend tätig für den Wettbewerb. «Es war also auch nicht so,

dass ich alles abgab und am nächsten Tag in ein Loch fiel.» Es war

eine Art Ausschleichen. «Ich habe noch zwei Retrospektiven für

die Berlinale gemacht, 20 Jahre Panorama Publikumspreis im ersten

Jahr und im zweiten 40 Jahre Panorama. Von daher hat sich

das ganz gut gefügt.»

Auch Niederbühl ist happy mit seiner Nachfolge-Regelung:

Bernd Müller, Aktivist und Mitgründer der Rosa Liste, werde

seine Arbeit sicherlich gut fortsetzen, sagt der Alte. Und der

Neue meint: «Ich freue mich, das Erbe von Thomas Niederbühl

anzutreten.»

Gut, wenn man jemanden findet. Bastian Finke ist noch nicht

so weit. Der Leiter von Maneo ist gerade 66 geworden. Das

schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin besteht seit 1990, Finke

leitet es bis heute. Er werde auch noch etwas weitermachen, teilt

er gegenüber MANNSCHAFT mit. Denn es sei sehr kompliziert,

einen fachlich geeigneten Nachfolger zu finden, der beide Bedingungen

erfülle: einerseits die qualifizierte psychosoziale Opferhilfearbeit

beherrschen, aber auch sozialwissenschaftliche und

politische Expertise mitbringen.

Warum ist es eigentlich so schwer loszulassen? Einer, der

anderen dabei hilft, ist Marcel Weber, «Veränderungsarchitekt».

«Leute, die zu mir kommen, haben einen inneren Wunsch

nach etwas anderem, aber sie wissen noch gar nicht konkret, was

es sein soll und wie sie dahin kommen. Sie brauchen erstmal eine

Sortierhilfe. Da sind oft unspezifische Gefühle im Spiel, die kann

man auch gar nicht in Worte fassen.»

Oft sind es Glaubenssätze, die das Loslassen schwer machen.

Glaubenssätze über sich selber oder über die Welt und den Platz,

den man hat in dieser Welt. Etwa: «Die kommen doch ohne mich

nicht klar.»

«‹Wie wird es ohne mich sein?

Das kann man oft einfach gar nicht beantworten.

Denn: Ohne dich ist es halt

einfach erstmal: anders.»

Coach Weber nennt eine andere Perspektive auf

das Loslassen: ‹Wie wird es ohne mich sein? Eine Frage,

die man oft einfach gar nicht beantworten könne.

«Denn: Ohne dich ist es halt einfach erstmal anders.»

Wenn ihm auffällt, dass in Gesprächen mit Klient*innen

immer wieder Wörter vorkommen wie

«immer», «ständig» oder «andauernd», dann sieht er

erste Anzeichen für einen manifestierten Glaubenssatz,

eine sehr starke Überzeugung. «Dann kann ich

anfangen darüber nachzudenken: Wer sagt es, ist das

wirklich so, wann ist es nicht so und so weiter. Das

kann man dann durchdeklinieren und einen Rahmen

schaffen, um darüber nachzudenken.»

Marcel Weber

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Story — 9

Loslassen nach langer Zeit an verwortungsvoller

Stelle – das kennt auch Weber. Er war viele Jahre Geschäftsführer

des queeren Berliner Traditionsclubs

SchwuZ und schlug im ersten Corona-Jahr eine neue

Richtung ein, begann eine Ausbildung zum Coach.

Unerlässlich für die Neuorientierung waren Gespräche

mit anderen. «Mit meinem Partner, mit Freunden

und Freundinnen, die mich schon lange kennen. Das

hat mir tatsächlich sehr geholfen.»

Loslassen ist ein Prozess und dauert je nach Konstitution,

Verfassung, Umfeld und Rahmenbedingungen

unterschiedlich lang. «Für mich gehörten sehr

viele Mixed Feelings dazu: Wut und Traurigkeit, aber

auch Leere und Hilflosigkeit.»

Es gilt dann herauszufinden: Was brauche ich und

was tut mir gut? «Man muss seine Bedürfnisse kennen

oder kennenlernen. Und dazu zählen eben nicht:

Einfluss, Geld verdienen, in den Urlaub fahren.»

Was man oft noch nicht ahnt, bevor man loslässt:

Es können sich auch positive Gefühle einstellen, wie

sich Wieland Speck erinnert. «Von meinen Schultern

fiel ein riesiges Verantwortungsgefühl. Ich hatte in

der Hoch-Zeit ja immer ein Team von 45 Leuten, die

waren im Prinzip alle abhängig von mir.»

Kurz nach seinem Abtreten als Panorama-Leitung

sass er eines Abends im Kino und stellte fest: Der

Filmprojektor war nicht richtig eingestellt, das Bild

auf der Leinwand war unscharf. «Aber ich konnte auf

meinem Platz sitzen bleiben und sagte mir: ‹Ich muss

das jetzt nicht lösen.› Das ist dann auch schön.»

Mitglieder der queeren Community sind übrigens

nicht per se besser oder schlechter darin, loszulassen,

glaubt der Veränderungsarchitek Weber. «Aber wir

haben grundsätzlich eine höhere Sensibilität für solche

Abläufe.» Die Frage ist: «Wie können wir es mit

diesem Bewusstsein, das wir haben, ein bisschen besser

machen, als es die heteronormative Restrealität

tut?»

Denn nicht selten gehe mit dem Abreten ein Gefühl

von Scham einher. Menschen hinterfragen sich

und haben das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden.

«Oder ihnen fehlt die Sicht auf Alternativen: ‹Was

mache ich denn stattdessen? Ich habe gar keine Idee,

also halte ich daran fest.› Und auch eine Scham, die

von aussen an die Menschen herangetragen wird:

‹Schäm dich dafür, dass du überhaupt so lange diese

Macht hattest.›», so Weber.

Wer zu lange an entscheidender Stelle sitzt, wird

womöglich weggebissen oder weggeekelt. Da fehlt oft

auch in der queeren Community die nötige Wertschätzung,

findet Weber. «Da haben wir noch eine Hausaufgabe

zu machen, nämlich: Wie gelingt es uns, damit

besser umzugehen? Wie können wir das gut hinkriegen?»

Loslassenkönnen ist keine Frage des Alters, schon

eher eine des Geschlechtes oder der Identität. Der

auffälligste Unterschied zwischen Männern und Frauen

ist laut Weber nicht einer von Können oder Nicht-

Können: «Es gibt ja eine ganz klare Ungerechtigkeit

in der Gesellschaft, das ist ein systemisches Problem.»

Männern falle das Loslassen in der Regel nicht

schwerer: Sie nutzen nur seltener die Macht, die sie

haben, auch mal loszulassen, glaubt Weber. «Frauen

werden gar nicht gefragt, es wird für sie entschieden.

Ähnlich wie bei Queers. Das hat vor allem mit dem

Bild von Macht und Männlichkeit in unserer Gesellschaft

zu tun.»

Sprachlich ganz nah an dem Verb loslassen ist aus

gutem Grund das Adjektiv gelassen, was soviel bedeutet

wie «die äussere und innere Ruhe bewahrend».

Für Ex-Stadtrat Niederbühl scheint das zu gelten: Er

ist mit sich im Reinen. «Wenn es nicht funktionieren

sollte, entwertet es ja trotzdem nicht die 30 Jahre, die

ich gute Arbeit gemacht habe», sagt er.

Fest steht für ihn: Ein Nachfolger wird es immer

anders machen. Als Schattenmann oder «graue Eminenz»,

die versucht noch überall Einfluss zu nehmen,

will er sich nicht aufspielen. Im Wahlkampf steht er

auch nicht mehr an den Infoständen. Aber trotzdem

hat er seinem Nachfolger Unterstüzung angeboten.

«Ich halte mich raus, egal ob

ich etwas gut oder nicht so gut

finde. Weg ist weg.»

Beispiele gibt es ja in schwulen deutschen Institutionen

durchaus, deren Mitarbeiter oder heutige Geschäftsführer

sich hinter vorgehaltener Hand genervt

äussern, weil die graue Eminenz auch nach dem Ausscheiden

nicht loslassen kann. Niederbühl will diesen

Fehler nicht machen und verspricht: «Ich halte mich

raus, egal ob ich etwas gut oder nicht so gut finde. Weg

ist weg.»

128 Frühling 2026


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