Objekte der Begierde
ISBN 978-3-422-80430-2
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Objekte der
Begierde
Konrad
Klapheck
und seine
Welt der
Dinge
Rheinisches Archiv
für Künstlernachlässe
Objekte der
Begierde
Band 1
Schriften des Rheinischen Archivs
für Künstlernachlässe
Herausgegeben vom Rheinischen
Archiv für Künstlernachlässe
Konrad
Klapheck
und seine
Welt der
Dinge
Objekte der
Begierde
Rheinisches Archiv
für Künstlernachlässe
Maltagebuch, Juli/August 1959, RAK, NL Klapheck
Inhaltsverzeichnis
9 Einleitung Daniel Schütz
15 Präzise Rätsel.
Ein Essay zum Werk
Konrad Klaphecks
Siegfried Gohr
25 „L’aboutissement des désirs“ –
„Am Ziel der Wünsche“
Konrad Klapheck und die
Pariser Surrealisten
Hansdieter Erbsmehl
70 Meine Gegenstände Konrad Klapheck
107 Verzeichnis der ausgestellten Werke
110 Impressum/Bildnachweis
Einleitung
Mit dem dokumentarischen Nachlass von Konrad Klapheck hat das Rheinische Archiv
für Künstlernachlässe (RAK) nicht nur eine umfassende schriftliche und fotografische
Überlieferung erhalten, sondern auch eine umfangreiche Sammlung an Objekten, die
Klapheck für seine Bilder verwendete. Zu nennen sind insbesondere seine Schreibmaschinen
und Nähmaschinen, deren Bilder inzwischen ikonischen Status erlangt haben.
Darüber hinaus befinden sich im Nachlass auch eine Rechenmaschine, zwei Bügeleisen,
Badarmaturen mit Duschschlauch und Brausekopf, zwei Telefone, eine Säge mit
Gehrungslade, ein Telefon, ein Föhn, ein Rollschuh, diverse Schuhspanner, Fahrradklingeln,
Schlüssel, eine Zündkerze u. a.
Jedem, der mit dem Werk von Konrad Klapheck vertraut ist, erscheinen beim Lesen
der Begriffe sofort die passenden Bilder im Gedächtnis. Bei den Schreib- und Nähmaschinen
sind es durchaus konkrete Bilder, bei anderen eher diffuse Vorstellungen,
da Klapheck seine Objekte teilweise öfter variierte, etwa bei Bildern mit Schläuchen
und Schnüren, die einen spielerischen Gegenpol zu seinen fest umrissenen Objekten
bilden, denen sie zugeordnet sind.
Die Aufnahme von Objekten, die als Malvorlage benutzt wurden, ist für ein Künstlernachlassarchiv
an sich durchaus interessant und wird vom RAK bisweilen auch praktiziert,
aber für die Erforschung eines Œuvres im Allgemeinen nicht essenziell. Für den
Nachlass von Konrad Klapheck erweisen sich die erhaltenen Gegenstände hingegen
als besonderer Glücksfall. Klapheck maß den an sich leblosen Gegenständen eine Bedeutung
zu, erhob sie zu Objekten und lud sie mit Bedeutungen seiner eigenen Vorstellungskraft
auf. Ihre Bildsprache offenbart sich zwar nicht plakativ, korreliert jedoch
mit Doppeldeutigkeiten, die in unserem gesellschaftlichen Bewusstsein angelegt sind
und somit vom Betrachter gelesen werden können. Klapheck selbst sprach in Ausstellungskatalogen
über seine Beziehung zu den Objekten und legte freimütig seine
Vorstellungskraft offen, welche Bedeutungen er ihnen zumaß, wie er sie in Beziehung
setzte oder gegeneinander ausspielte:
„Während ich im kläglich möblierten Zimmer in Versailles die Nähmaschine meiner
Wirtin abmalte, dämmerte mir, dass diese mehr wurde als nur das Abbild eines bescheidenen
Gegenstandes der Haushaltstechnik. In den geschwungenen Linien des
Nähmaschinenleibes, im schimmernden Kopf mit Fadenführer, Fuß und Nadel erkannte
ich Lilo wieder, von der ich mich kurz zuvor im Streit getrennt hatte. Ein Teil meines
Kummers war in das Bild geflossen, das ich für mich […] Die gekränkte Braut nannte.“
Er erkannte, dass er mithilfe von Maschinen und anderen Gegenständen seine geheimsten
Wünsche und Gedanken artikulieren konnte: „Meine Ichbezogenheit muß
rückhaltlos sein, damit meine Bilder allgemeingültig werden. In sich selbst findet man
die Rätsel der Welt und ihre Lösung.“
So schuf er sich seine eigene Welt der Gegenstände, die er thematisch ordnete
und ihnen Charaktere zuwies. Die Schreibmaschine symbolisierte in seiner Vorstellung
das männliche Geschlecht, die Nähmaschine das weibliche, das Telefon die Stimme
des Gewissens, Wasserhähne und Duschen die lustvolle Begegnung der eigenen
Körperlichkeit, die Schuhspanner die Zweisamkeit der Ehe und die Fahrradklingeln – in
Erinnerung an die Kindheit – die Gemeinschaft in der Familie.
Klapheck schrieb gerne über sich, seine Malerei und seine Objekte: Warum ich
male. Meine Gegenstände. Über meine Zeichnungen. Linien der Wollust, Linien der
← Manfred Tischer, Konrad Klapheck mit seinen Gegenständen, 1975
13
Präzision – sind Überschriften seiner Texte. Passend dazu arrangierte er die Gegenstände
auf DIN-A4-großen Zeichnungen, die in Katalogen abgebildet wurden. Ebenfalls
schöpfte er aus seinem Fundus an Bildschnipseln aus Zeitschriften, Prospekten
und sonstigen Druckzeugnissen, die er thematisch geordnet in Mappen sammelte und
ebenfalls für Katalogabbildungen bereithielt. Diese Materialien gehören heute zu den
Nachlassdokumenten und gewähren uns einen tiefen Einblick in das Vorlagenspektrum
seiner Arbeit zu den Maschinen- beziehungsweise Objektbildern. Es handelte
sich sicherlich nicht um Geheimmappen, die allein für seine Augen gedacht waren.
Klapheck verleugnete seine Vorbilder und Inspirationsquellen nicht, sondern ging bisweilen
spielerisch mit ihnen um. In den vorhandenen Korrespondenzen mit Galerien
und Museen aus den verschiedenen Dekaden finden sich gelegentlich auch das Vorlagenmaterial
zu den Katalogabbildungen mit konkreten Anweisungen für das Layout
und verworfene Abbildungsvorlagen, die nicht gedruckt wurden, aber auch nicht wieder
in die Vorlagenmappen zurückkehren.
Ebenso gerne und bereitwillig ließ sich Konrad Klapheck auch mit seinen Gegenständen
fotografieren. Dabei präsentiert er sie nicht wie Trophäen eines Jägers, der
sich erhaben über dem erlegten Tierkadaver zeigt. Klapheck entgeht das Bedürfnis,
sich an dem Objekt abzuarbeiten, es malerisch zu bezwingen, um sich innerlich von
unbewussten Zwängen zu befreien, auch wenn er das Unbewusste in ihm damit sichtbar
machen wollte. Was nicht heißt, dass er bei seinen Bildkompositionen und Konstruktionen
nicht gerungen hat. Trotz aller surrealen Verfremdungen und erotischen
Aufladung, die Klapheck den Gegenständen abverlangte und sie somit zu seinen Objekten
der Begierde werden ließ, bleiben es seine Objekte, die er wie eine Familie um
sich herumschart – und, fast möchte man sagen, umsorgt.
Das Foto von Konrad Klapheck auf den Treppenstufen, inmitten seiner Objekte, ist
daher die bildliche Zusammenfassung unserer Ausstellung, in der den Originalobjekten
seiner Bilder erstmals durch ihre Präsentation ein neuer Stellenwert zukommt. Konrad
Klapheck und seine Welt der Dinge laden uns ein, zu seinen Inspirationsquellen
zurückzukehren. Aus ihnen schuf er eine neue Dingwelt und wundersame Bilder, die
heute zu unseren Objekten der Begierde geworden sind.
Dieser Katalog erscheint als Begleitpublikation zur Ausstellung Objekte der Begierde –
Konrad Klapheck und seine Welt der Dinge in der Verwaltungszentrale der Deutschen
Bundesbank in Düsseldorf. Ganz herzlich danke ich der Deutschen Bundesbank für die
erneute hervorragende Zusammenarbeit und die Ermöglichung dieses Ausstellungsprojekts.
Es war uns wichtig, die Ausstellung mit wissenschaftlichen Texten zu begleiten
und die ausgestellten Objekte fotografisch zu dokumentieren. Mein Dank gilt daher
den Autoren der Texte und Dr. Daniel Cremer für die Konzeption der Ausstellung. In
besonderer Weise danke ich der Familie Klapheck für ihre großzügige Unterstützung,
ohne die die Ausstellung so nicht zustande gekommen wäre.
Daniel Schütz
Leiter des Rheinischen Archivs für Künstlernachlässe
Einleitung
15
Peter Sevriens, Konrad
Klapheck im Atelier
Präzise Rätsel
Ein Essay zum Werk
Konrad Klaphecks
Siegfried Gohr
Klapheck und die Surrealisten
Während seines Studiums der Malerei bei Bruno Goller an der Kunstakademie Düsseldorf
suchte Klapheck wie jeder andere in seiner Situation nach Orientierung. Deshalb
experimentierte er mit allen Möglichkeiten der damals herrschenden Abstraktion. Er
versuchte mit informeller Malerei, mit Klecksographien, mit Dripping einen Weg zu
finden. Goller sagte zu ihm sinngemäß, „das machen Sie sehr geschickt“. Klapheck
verstand dies als in Lob verpackte Kritik und vernichtete eine große Anzahl dieser
Werke auf einen Schlag.
Jetzt konnte die neue Machart kommen – die Schreibmaschine. ➀ Sie war der
Auftakt zu seinem eigentlichen Werk, das Bild der Befreiung. Als er die Schreibmaschine
auslieh, um sie als Modell vor Augen zu haben, beantragte er ein Geld, als
ob er ein menschliches Modell bezahlen wollte. Er musste stattdessen die Leihgebühr
für das Schreibgerät entrichten. Diese ließ er sich als Modell-Geld von der Akademie
ersetzen. Ein bürokratisch korrektes Denken lässt sich erkennen, was immer eine
Seite von Klaphecks Eigenart blieb. Diese akkurate Seite wandelte sich in die konstruktive
Methode, die den Gemälden ab 1972 als große Zeichnungen zugrunde liegt.
Ausgefeilte geometrische Entwürfe gehen den Gemälden voraus. Nach bestimmten
Regeln wurden sie konstruiert – mit Geodreieck, Lineal oder Rechenschieber. ➁ Es
gibt die Fotografien, die Klapheck wie einen Ingenieur zeigen. So stellten sich weder
Kunsthistoriker noch Laien einen malenden Künstler vor, von dem stattdessen Impulsivität
erwartet wurde. Klapheck inszenierte sich als ein Mechaniker der Malerei,
jedoch nicht von dem Maschinenoptimismus eines Fernand Léger geprägt, sondern
im Bann der Dinge, die uns gleichsam aus fremden Augen anschauen (siehe Seite
14). Dieser Gedanke, dass nicht wir die Dinge beherrschen, sondern dass sie uns bedrängen,
stammt aus der Romantik. Die Literatur bietet hierfür zahlreiche Beispiele. In
der Malerei war es René Magritte, der eine Generation vor Klapheck die verborgenen
Geheimnisse der Natur und der Gegenstände in eine rätselhafte Aura von Malerei
tauchen konnte. Sowohl Magritte wie Klapheck gehen nicht von der psychischen Improvisation
aus, der die Surrealisten um André Breton gefolgt sind. Sie blieben einer
von der Klassik inspirierten Rhetorik verpflichtet. Beide vermieden das Authentische
➀ Konrad Klapheck,
Schreibmaschine, 1955, Öl
auf Leinwand, 68 x 74 cm,
Privatbesitz
➁ Konrad Klapheck,
Vorzeichnung zu Die
Moralistin, Kohle und
Rotstift, 135 x 92 cm,
Privatbesitz
Präzise Rätsel
18
und das Romantische in einem schwärmerischen Sinn. Ihre Romantik ist kühl und
kalkuliert beschworen. Als André Breton und Magritte sich 1929 zerstritten hatten,
war der vordergründige Grund das Halskettenkreuz von Magrittes Frau Georgette,
das Breton missfiel. Der tiefere Grund lag in der unterschiedlichen Bildkonzeption.
Klapheck blieb immer stolz darauf, dass Breton ihm 1965 einen Text für den Katalog
bei der Galerie Sonnabend geschrieben hatte, die damals noch in Paris bestand.
Breton hatte eine Schwäche für Klapheck und besaß schlussendlich drei Bilder des
jungen Deutschen, obwohl dessen Werk damals eine Nähe zu Magritte aufwies. Aber
die alten Streitigkeiten waren 1965 vergessen und Breton wollte unbedingt den surrealistischen
Impuls in neuem Gewand an eine jüngere Generation vermitteln. Er dachte
strategisch, fand den jungen Maler wohl auch persönlich sympathisch und rezipierte
dessen Malerei. Zwischen Breton und Magritte herrschte lebenslang eine Spannung,
die ab und zu im Zwist endete. Magritte lehnte die Betonung des Traums als Quelle
bildnerischer Erfindung ab und ebenso die rauschhafte psychische Improvisation.
Magritte und seine Brüsseler Dichter wie Paul Nougé und Camille Goemans blieben
bei den Dingen, sie gingen eher spielerisch mit dem Verhältnis von Wort und Bild um.
Diese Grundlage hat mehr mit Klapheck zu tun als dieser wohl zugeben würde, weil er
als Nachbar der Pariser Künstler strategisch günstiger positioniert war.
Klaphecks Bildwelt stammte aus der Dingwelt, die ihn umgab. Das begann mit
der Schreibmaschine. Sie kannte schon der Knabe von zu Hause; denn seine Mutter
Anna war Journalistin für kunsthistorische Reportagen, aber auch sein Vater Richard
arbeitete als Kunsthistoriker und verfasste Bücher und Texte. Das Motiv für ein erstes
eigenständiges Bild kam aus der familiären Nähe und wurde vom Maler mittels
Perspektive und Akzentuierung in eine monumentale Präsenz gerückt. Es blieb nicht
bei Schreibmaschinen, denn große Traktoren und Raupen, Nähmaschinen, Klingeln,
Schläuche usw. wurden zu Bildern.
Entwürfe und Skizzen
Wenn die Skizzen betrachtet werden, die als Keimzellen der Erfindungen anzusehen
sind, zeigt sich sofort, was Klapheck interessiert. Das Verhältnis von Gegenstand und
Bildformat war entscheidend. Aus dem üblichen Maßstab entfernt und entrückt, gelang
der erste Schritt in eine neue, ungewohnte Dimension. Unter den Skizzen finden
sich auch solche, welche die Details der Apparate und Maschinen untersuchen. ➂ Sie
erinnern an die Phantasie-Maschinen von Francis Picabia, so präzise „konstruiert“ sind
Klaphecks Maschinen. Genauigkeit sollte auch im Einzelnen regieren, nur so konnte
Klapheck die Wahrscheinlichkeit seiner Apparate sicherstellen. Während die Bagger
und Rampen deutlich aggressiv und bedrohlich daherkommen, wirken die Details oft
wie kleine Quälgeister aus Metall, wie sie auch in den Skizzen vertreten sind. ➃ Dies
zeigen die zahlreichen Annäherungen an den Stech-Apparat der Nähmaschine: Er
wölbt sich als ein metallener Arm über der Fläche, wo das zu nähende Stück Stoff liegt
und bedrohlich ragt die Spitze der Nähnadel nach unten. ➄ Klapheck hat die normale
Begegnung von Nadel und Stoff aufgeladen zu einer Situation, die dem Blick des
Betrachters fast schmerzhaft die Unheimlichkeit dieses an sich alltäglichen Vorgangs
spüren lässt. Um die Aggressivität des Stechens zu mildern, bettete Klapheck die Nähmaschine
manchmal in eine größere Konstruktion ein, die sich im Bildraum verspannt.
Hierbei handelt es sich um Erweiterungen wegen der Bildwirkung, die über die Abbildung
hinausgehen, die am Beginn von Inspiration und Komposition stand.
Für die Nähmaschinen gilt wie für die anderen Motive, dass sie zu Kompositionen
führen, die nicht auf Erfindung im herkömmlichen Sinn beruhen, sondern auf der
Ein Essay zum Werk Konrad Klaphecks
19
➂ Konrad Klapheck, Skizze, o. J.,
Bleistift, 7,3 x 12,2 cm, RAK, NL
Klapheck
➃ Konrad Klapheck, Skizze
einer Bandsäge, o. J., Tecpoint-
Filzschreiber, 11,2 x 11,3 cm, RAK,
NL Klapheck
➄ Konrad Klapheck, Skizze
einer Standbohrmaschine, o. J.,
Tecpoint-Filzschreiber,
20 x 10,6 cm, RAK, NL Klapheck
➂
➃
➄
Präzise Rätsel 20