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PIPER Reader Herbst 2026

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DER

REA

DER

HERBST 2026

PASCAL ENGMAN

ADÈLE YON

ALLEN LEVI

ANGELIKA KLÜSSENDORF

CÉCILE MURY

THOMAS DURCHSCHLAG

SIBYLLE ANDERL

SUSAN LINK

FRANCA CERUTTI

RICHARD HEMMER,

DANIEL MESSNER

ALEXANDER HUBER

CAROLINA WILGA

THOMAS SCHLESSER

AHMAD MANSOUR

PHILIPP OEHMKE

AVA REID

FRANCA LEHFELDT

CECELIA AHERN


LIEBE

LESERIN,

LIEBER

LESER,

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber die schönsten

und wichtigsten Lektüren meines Leselebens sind

durch persönliche Empfehlung zu mir gekommen.

Wenn mir jemand mit leuchtenden Augen und spürbarer

Begeisterung von einem Buch erzählt, setzt bei

mir unweigerlich dieses von der Tischnachbarin in

»Harry und Sally« legendär beschriebene Gefühl ein:

»Ich will genau das, was sie hatte.«

Insofern ist es für mich beglückend, dass wir in unseren

Herbstprogrammen und auf den folgenden Seiten

gleich mehrere Bücher versammelt haben, die in ihrer

Heimat durch Mundpropaganda und eine Schar begeisterter

Leser:innen zu großen, ja riesigen Erfolgen

geworden sind. Allen Levis »Theo in Golden« – oder

einfach »Theo« für alle, die ihn kennen und lieben –

hat sich in den USA herumgesprochen als eine berührende,

lebensverändernde Lektüre. Es ist ein Buch,

dessen Held auf nachdrückliche Weise Verbindungen

stiftet. Wenn der Autor, der mit über sechzig und einer

Karriere als Anwalt und Richter nun seinen ersten Roman

vorgelegt hat, von den Reaktionen auf sein Buch

und seinen Protagonisten Theo erzählt, weiß man wieder,

dass wir allen Krisen zum Trotz eben doch in der

besten aller Welten leben – oder jedenfalls lesen.

Adèle Yon spürt in »Mein wahrer Name ist Elisabeth«

dem Schicksal ihrer Urgroßmutter nach, das in ihrer

Familie eine Leerstelle war, über das nicht gesprochen

wurde. Das machte die Nachfahrin stutzig, die es sich

daraufhin zur Mission macht, Licht in das Dunkel

dieser Geschichte zu bringen, die davon handelt, wie

eine unangepasste junge Frau auf verstörende Weise

zum Verstummen gebracht wird. Ähnlich wie Anne

Berests »Postkarte« ist Yons Buch eine Mischung aus

Autobiografie, Recherche und Einfühlung, so glänzend

wie mitreißend geschrieben. In Frankreich hat es

Leserschaft und Rezensenten nachhaltig beeindruckt.

Cécile Murys »Paris Hollywood« habe ich, angeregt

von der französischen Verlegerin des Buchs, direkt

während der Frankfurter Buchmesse zu lesen begonnen

– und war dann abends immer früh im Bett, weil

ich unbedingt dieser rasant witzigen (Peter Sellars

stand Pate) und très romantischen Liebesgeschichte

zwischen einem amerikanischen Starschauspieler und

einer französischen Filmjournalistin weiter folgen

wollte. Auch dieser Titel war bei unseren französischen

Nachbarn ein absoluter Publikumsliebling, und

bereits nach wenigen Seiten weiß man warum.

Lassen Sie sich inspirieren von unseren Heldinnen

und Helden dieses Herbstes. Wir danken Ihnen schon

jetzt für Ihre Lektüren!

Herzlich,


INHALT

PASCAL ENGMAN

DER CLAN – DIE STRASSE

ADÈLE YON

MEIN WAHRER NAME IST ELISABETH

ALLEN LEVI

THEO IN GOLDEN

ANGELIKA KLÜSSENDORF

TROST

CÉCILE MURY

PARIS HOLLYWOOD

THOMAS DURCHSCHLAG

FINSTERLAND

SIBYLLE ANDERL

BEQUEME NEUE WELT

SUSAN LINK

»ICH HABE EINE WASSERMELONE

GETRAGEN«

FRANCA CERUTTI

DIE INNERE OMA

04

14

22

30

36

44

50

56

62


RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER

MEHR GESCHICHTEN AUS

DER GESCHICHTE

ALEXANDER HUBER

ÜBERLEBEN TROTZ BERGSTEIGEN

CAROLINA WILGA

DEM OUTBACK ENTKOMMEN

THOMAS SCHLESSER

DER GÄRTNER UND DIE KATZE

AHMAD MANSOUR

HALTUNG OHNE HASS

PHILIPP OEHMKE

PAPENBURG

AVA REID

LADY MACBETH

FRANCA LEHFELDT

GUTE MÜTTER, SCHLECHTE MÜTTER

CECELIA AHERN

LOVE UNLOCKED

66

70

78

84

90

98

106

114

118

VORSCHAU 126


4

PASCAL ENGMAN

DER CLAN – DIE STRASSE

DER

DER

PASCAL ENGMAN


CLAN

CLAN


6

PASCAL ENGMAN

INTERVIEW

INTERVIEW

Was hat dich dazu gebracht, das Thema der

Bandenkriminalität als Trilogie zu erzählen?

Als Schwede, der in Stockholm lebt, kann man der

Entwicklung, die die Bandenkriminalität in den letzten

fünfzehn Jahren durchlaufen hat, kaum entkommen.

Es ist nur schwer begreiflich, dass Schweden,

ein so kleines, lange als friedlich wahrgenommenes

Land mit nur rund zehn Millionen Einwohnern, inzwischen

die höchste Rate an Schusswaffengewalt in

Europa aufweist.

2007 wurden hierzulande zehn Menschen durch

Schusswaffengewalt getötet – genau in diesem Jahr

beginnt meine Trilogie. 2022 ist daraus eine ganz andere

Dimension geworden: 63 Tote – und insgesamt

391 registrierte Schießereien, dazu kamen Hunderte

Bombenanschläge.

Vor diesem Hintergrund habe ich mich gefragt: Wie

konnte es innerhalb von nur fünfzehn Jahren zu so

einer Eskalation kommen – und was ist wirklich passiert:

auf der Straße, in den Familien, in den Strukturen?

Und außerdem: Wer macht die Regeln?

Wie bist du bei deinen Recherchen zur Darstellung

der Clanstrukturen und kriminellen

Netzwerke vorgegangen?

Ich habe mit Kriminellen, Polizist:innen, Beamt:innen

gesprochen – und mit Mädchen und Jungen, die

von Bandenkriminalität betroffen sind, unter ihr gelitten

haben oder selbst Teil davon waren. Außerdem

habe ich mit jungen Frauen gesprochen, die ehrbezogene

Gewalt erlebt haben.

Diese Recherche hat mich seit 2020 begleitet – mal

in großer Intensität, mal mit längeren Pausen. Über

die Jahre war es ein Prozess des genauen Zuhörens,

des Lernens und des Versuchs, Lebenswirklichkeiten

sichtbar zu machen, die sich dem öffentlichen Blick

oft entziehen.

Was war die größte Herausforderung im

Schreibprozess?

Die größte Herausforderung war, meine Rechercheergebnisse

in eine Thrillerhandlung zu verpacken –

und das so zu erzählen, dass sie für Leser:innen nachvollziehbar

ist.

Gleichzeitig ging es darum, Figuren, die Schreckliches

tun, so menschlich wie möglich zu zeichnen.

Nicht, um sie zu entschuldigen, sondern um verständlich

zu machen, warum sie handeln, wie sie handeln –

woher sie kommen, wie sie aufgewachsen sind, wie sie

die Welt sehen und welchen Platz sie darin für sich

selbst beanspruchen.

Und was hat am meisten Spaß gemacht?

All diese Geschichten zu hören. Da war auch Herzerwärmendes

und Fröhliches dabei: Menschen erzählten

über Freundschaft und Kindheitserinnerungen.

Und dann das Schreiben selbst. Ehrlich: Ich habe es

geliebt, diese Bücher zu schreiben und mich so intensiv

in ein Thema zu vertiefen.

Angenommen, du müsstest dich entscheiden:

Wärst du lieber Teil des Clans oder ein Ermittler,

der gegen ihn arbeitet?

Ich würde mich für die Polizei entscheiden. Weil ich

glaube, dass Clans ganze Länder zerstören können.

Und weil ich an den Rechtsstaat glaube.

Ehrbezogene Gewalt bezeichnet Gewalt, die damit

begründet wird, die »Ehre« einer Familie oder Gemeinschaft

zu bewahren oder wiederherzustellen.

Sie reicht von der Überwachung über Drohungen

sowie psychische und körperliche Gewalt bis hin zur

Zwangsverheiratung und in extremen Fällen zu tödlicher

Gewalt. Die Ursache liegt nicht in Religion oder

Herkunft, sondern in Macht- und Kontrollstrukturen

und sozialem Druck innerhalb bestimmter Milieus.


7

PASCAL ENGMAN

FIGUREN- UND BEZIEHUNGSÜBERSICHT

FIGUREN- UND BEZIEHUNGSÜBERSICHT:

CLAN, POLIZEI UND UMFELD

Hjalmar Norén

(Polizei)

(bietet Informationen über Gegner)

Ali Mansour

(Oberhaupt des Clans)

Aza Mansour

(Alis Ehefrau)

Ines

(Tochter)

Nicole

(Hjalmars Lebensgefährtin)

(begleitet Josef durch dessen Kindheit)

Tareq Mansour

(Karims Sohn)

Karim Mansour

(Alis jüngerer Bruder)

Fadi Mansour

(Karims Sohn)

Fatima

(Josefs Mutter)

Muhammed Mansour

(Alis Sohn)

Zara Mansour

(Alis Tochter)

Hector

(Zaras Freund)

Vulture

(Muhammeds Handlanger)

Antonia Strauss

(Josefs Schwarm als Teenager)

Josef

(Muhammeds Handlanger)

Omar

(Josefs bester Freund und

Muhammeds Handlanger)

Irina

(Model-Freundin in New York)

Marko

(von Josef vor den

Mansours gerettet)

Melina

(Josefs Freundin)

Abdulkarim

(Omars großer Bruder; gehört

zu einer anderen Gang)

Privilegierte Gegend

Sozialer Brennpunkt/Problemviertel

1997 2007 2016 2017 Sommer 2020 Herbst 2020 2023

Der Clan

Prolog

Handlungsbeginn von

Band 1:Die Straße

Handlungsbeginn

von Band 2: Die Regeln

Handlungsende

von Band 2: Die Regeln

Handlungsbeginn

von Band 3: Der Krieg

Handlungsende

von Band 3: Der Krieg


8

PASCAL ENGMAN

LESEPROBE

LESEPROBE

PROLOG

Krankenhaus Danderyd, 1. September 1997

Der Säugling liegt an Fatimas Brust. Vorsichtig

streicht sie ihm über das schwarze Haar, schließt

die Augen und atmet seinen Duft ein. Obwohl er

so klein und verletzlich ist, schlummert eine Kraft

in dem kleinen Körper, die überwältigend ist.

Er wiegt nur 3.341 Gramm und ist doch die

schwerste Bürde ihres Lebens, das gerade einmal

zwanzig Sommer zählt.

»Josef«, flüstert sie. »Mein Josef.«

Wie schon oft werden auf dem Flur Schritte lauter.

Auch jetzt hofft Fatima wieder, dass er es ist, Josefs

Papa. Aber die Stimmen verstummen, die Schritte

verebben. Vorbei. Fort. Sie weiß, dass er unzuverlässig

ist, niemand, auf den sie zählen kann oder

der ihr eine Stütze ist. Aber für den Jungen kann

er sich vielleicht ändern, so wie dieses neue Leben

auch sie verändert hat.

Sie ist nicht mehr dieselbe. Irgendetwas ist anders,

auch wenn sie nicht weiß, was.

»Das wird schon«, wispert sie. »Was immer passiert,

dir soll es nie an etwas fehlen. Du sollst ein

schönes Leben haben, mein Junge. Dafür werde

ich sorgen.«

Sie spürt Tränen, schließt erneut die Augen und

atmet seinen Duft ein.

Sie gibt ihm die Brust. Lässt ihren Gedanken freien

Lauf. Sie zuckt zusammen, als sie ein Paar im

Türrahmen bemerkt. Sie lächeln. Die Frau hat ein

Bündel auf dem Arm, ein kleines Kind. Sie nimmt

neben Fatima Platz, beugt sich vor und betrachtet

Josef.

»Ein Junge?«

»Ja.«

»Er ist wirklich süß. Wie heißt er?«

»Josef.«

Das Baby im Arm der Frau ist hell und hat keine

Haare.

»Das ist Antonia«, sagt die Frau.»Seit ihrer Geburt

hat sie kein einziges Mal geweint. Vielleicht haben

wir das glücklichste Kind der Welt bekommen«,

sagt der Mann, geht auf seine Frau zu, gibt ihr

ein Glas Saft und zieht sich einen Stuhl neben das

Sofa.

»Ist das Ihr erstes?«, fragt er dann.

Fatima nickt.

»Michaela und ich haben schon zwei Mädchen zu

Hause«, sagt er. »Es wird bestimmt ganz schön anstrengend,

mit vier Frauen.«

Er und seine Frau lächeln sich an. Ihr Lächeln ist

liebevoll und birgt eine Geschichte, aber auch eine

Zukunft. Sie haben sich gemeinsam eine Welt

aufgebaut. Bestimmt wohnen sie in einem schönen

Haus mit Garten, mit gemähtem Rasen und

pünktlich gezahlten Rechnungen.

In ein paar Stunden sind sie wieder zu Hause, in

ihrer Welt.

Und was wird sie tun?

Vielleicht kommt er ja doch noch, denkt Fatima,

vielleicht sitzen wir dann genauso hier wie diese

Familie und lächeln uns an mit Josef zwischen uns

und machen Pläne für alles, was noch kommt.

Trotz der Qualen, die sie durchlitten hat, und

der Schmerzen, die vom Rücken bis in ihre Beine

ausstrahlen, und trotz der Müdigkeit, die sie

im Schwitzkasten hält, fühlt sie sich stark. Voller

Lebenskraft.

Es spielt keine Rolle, ob er zurückkommt, denkt

sie.

Wenn nicht, wird sie es trotzdem schaffen.

Für Josef.

Mit Josef.

Sie will eine Welt aufbauen für ihn, sie will seine

Welt sein und die Mauer, die diese Welt vor allem

anderen da draußen schützt.


9

PASCAL ENGMAN

LESEPROBE

TEIL I

2007

Anzahl zu Tode gekommener Personen durch

Schusswaffengebrauch im kriminellen Milieu: 10

KAPITEL 1

August

Ali Mansour kann die Slums von Beirut einfach nicht

vergessen. Vielleicht ist es das Essen, das die Frauen

kochen, mit seinen Gerüchen, das ihn dahin zurückversetzt.

Wenn er seine Augen schließt und die Düfte

inhaliert, dann gerät die Welt ins Wanken. Als wäre

er wieder der Junge, der in den Straßen Abfall sammelt,

um ihn dann an die Schrotthändler in der südlichen

Beiruter Peripherie zu verkaufen.

Heute wird er 47 Jahre alt. Er sitzt auf einem wackeligen

weißen Plastikstuhl auf der großen Rasenfläche

im Malmvägen in Sollentuna.

Ich habe so viele Leben gelebt, ich weiß nicht mal

mehr, welches meins ist, denkt er.

Seine weitverzweigte Familie oder zumindest diejenigen,

die an diesem Abend hier sind, zählt 43 Personen.

Nicht alle wohnen in Sollentuna. Einige von ihnen

sind aus Malmö, Berlin, Essen, Göteborg, Örebro

und Västerås gekommen.

Ihnen allen ist gemein, dass ihre Vorväter aus der Provinz

Mardin in der heutigen Türkei stammen, nach

dem Ersten Weltkrieg vertrieben wurden und im Libanon

strandeten. Im libanesischen Bürgerkrieg reisten

viele von ihnen weiter nach Europa. Ali Mansour

kam 1989 mit seiner Frau Aza nach Schweden.

Er arbeitete als Tellerwäscher und Türsteher, sie kümmerte

sich um den Haushalt. Als sein jüngerer Bruder

Karim sich ebenfalls in Schweden niederließ, begann

die Reise, die die Familie groß und mächtig machte.

Die Brüder haben im Libanon noch drei Schwestern,

aber Ali hört nur selten von ihnen.

Der Malmvägen bildet die Basis des Clans. Obwohl

Ali Mansour ein paar Jahre lang nicht hier gewohnt

hat, bilden die zehn Hochhäuser, die 1972 hochgezogen

wurden, noch immer die Einkommensquelle des

Clans. Karim wohnt mit seiner Familie nach wie vor

im Malmvägen. Die Menschen hier im Viertel sollen

niemals vergessen, wer hier das Sagen hat.

Offiziell hat Familie Mansour ein Obst- und Gemüsegeschäft

auf dem Großmarkt von Årsta, und Karim

betreibt eine Autowerkstatt. Die legalen Einnahmen

sind gering, wenn man sie mit den illegalen vergleicht.

Man erpresst Schutzgeld von Gewerbetreibenden in

und um Sollentuna, Restaurantbesitzer zahlen, damit

ihre Lokale nicht niedergebrannt werden. Jüngere

Mitglieder der Familie dealen in der Gegend, hauptsächlich

mit Marihuana.

Der 19-jährige Muhammed, Alis ältester Sohn, steht

ein Stück abseits und schwatzt mit seinem Cousin

Fadi.

Keiner von beiden hat sich jemals so durchschlagen

müssen wie Ali und Karim. Sie haben für ihre Söhne

die Drecksarbeit gemacht, die nun die Früchte ernten.

Aber so soll es wohl sein, denkt Ali. Jede Generation

hat ihren eigenen Kampf. Muhammed und Fadi,

unsere ältesten Söhne, werden das bewahren, was wir

aufgebaut haben.

»Muhammed, komm her.«

Der Sohn wendet sich sofort von seinem Cousin ab.

In den letzten Monaten hat er davon gesprochen, einen

Club aufmachen zu wollen. Diesen Wunsch hat

Ali ihm zunächst abgeschlagen. Er erinnert sich noch,

wie es war, in den Clubs zu arbeiten. Die Schinderei,

Suff und Drogen, die Schlägereien. Er hatte gehofft,

all das hinter sich zu lassen.

Doch er urteilt nun anders darüber. Er verabscheut

Clubs und Bars noch immer, aber hat widerwillig

eingesehen, dass es große Vorteile hätte, eine solche

Lokalität zu kontrollieren. Vor allem weil Kneipen

einer der wenigen Orte sind, wo immer noch Bargeld

im Umlauf ist. Aber nicht nur das: Es sind Orte, an

denen Alkohol verkauft wird und Drogen konsumiert

werden, ein wirtschaftliches System, in dem die tiefsten

Abgründe des Menschen gedeihen. Es treten die

Seiten zutage, die die Durchschnittsschweden zu verbergen

suchen. Und wenn man ihre Schwächen kennt,

hat man die Menschen in der Hand.

Er betrachtet Muhammeds abgekaute Nägel, verkneift

sich jedoch einen Kommentar, obwohl ihn das

anwidert. Nägel zu kauen ist ein Zeichen von Nervosität,

was wiederum ein Zeichen für Schwäche ist.


10

PASCAL ENGMAN

LESEPROBE

Muhammed soll eines Tages das Familienoberhaupt

werden, da kann er keine Zeit mit Nägelkauen vertun.

»Du bekommst deinen Club«, sagt er und grinst,

als er sieht, wie Muhammed seine Begeisterung in

Schach zu halten versucht. »Es gibt allerdings einige

Regeln, an die du dich zu halten hast.«

Muhammed rückt seinen Stuhl näher heran.

»Der Club ist Mittel zum Zweck, er ist nicht für dich

da, sondern für die Familie. Er ist ein Werkzeug.«

Dann erklärt er, welchen Zweck der Club erfüllen

wird.

Muhammed hört konzentriert zu.

»Ich werde dich nicht enttäuschen. Ich schwöre.«

Ali klopft ihm auf die Schulter, schickt ihn weg.

Ein Mädchen im rosa Prinzessinnenkleid läuft

barfuß über den Rasen. Er muss lachen, als er sie

so herumflitzen sieht. Sie ist eine Naturgewalt. Ein

ungezähmtes Tier. Zara, seine einzige Tochter, sein

Augenstern. Sie ist neun, eigentlich alt genug, um

ihrer Mutter und den anderen Frauen bei den Essensvorbereitungen

zu helfen. Aber sie kam zehn

Jahre nach ihrem Bruder und wird entsprechend behandelt.

Er verwöhnt sie.

»Zara« ruft er und winkt.

Sie kommt sofort angestürmt und wirft sich in seine

Arme. Eines Tages wird sie einem anderen Mann gehören,

aber jetzt und für die nächste Zeit gehört sie

nur ihm allein.

Josef Mehrabi wirft den Ball. Er beschreibt einen

Bogen, verfehlt den Korb und landet in einer Pfütze,

die sich auf dem geplatzten Asphalt gebildet hat.

Er trocknet den Ball an seinem T-Shirt. Der Spätsommerabend

ist ungewöhnlich warm, und es riecht

nach Grillfleisch. Vorhin stand er auf dem Balkon

und sah immer mehr Autos eintreffen. Sie waren zu

weit weg, als dass er erkennen konnte, welche Leute

ausstiegen. Sie hatten Grills, Decken, Stühle und

Tische dabei und trugen alles auf die Rasenfläche.

Die Autos parkten kreuz und quer.

Da ging ihm auf, wer sich da versammelte.

Familie Mansour.

Alle in Sollentuna wissen, wer dazugehört.

Er beneidet sie um ihre große Zahl, ihren Zusammenhalt.

Ein Junge aus Josefs Parallelklasse heißt Mehmet,

er ist auch ein Mansour. Kein Lehrer wagt es, ihm

Paroli zu bieten. Kein Schüler lässt es darauf ankommen,

sich mit ihm anzulegen. Vergangenen Winter

hat ein neuer Schüler aus den höheren Klassen den

Fehler gemacht, sich zu wehren, nachdem Mehmet

ihm einen Schneeball an den Kopf geworfen hatte.

Er ist hinter Mehmet hergerannt, und als er ihn

eingeholt hatte, hat er sein Gesicht so lange in den

Schnee gedrückt, bis Blut aus Mehmets Nase lief.

Zwei Stunden später lag der Junge in der Notaufnahme

mit einem gebrochenen Arm. Mehmets Blutsverwandte

– Muhammed und Fadi – sind mit dem

Auto zur Schule gefahren und haben ihn mitten auf

dem Pausenhof zusammengeschlagen.

Josef ist neidisch auf diese Sicherheit. Diese Gemeinschaft.

Diese Stärke.

Er hat nur seine Mutter.

Er liebt sie. Und obwohl sie jünger ist als die Eltern

der anderen Kinder, wirkt sie immer erschöpft. Sie

ist klein. Josef, er wird in ein paar Wochen zehn, ist

fast genauso groß.

Josef zielt auf den Korb, als zwei Jungs auf den Basketballplatz

geschlendert kommen. Sie sind vielleicht

sieben oder acht. Einer der beiden heißt Azim.

Josef weiß, dass sie zum Mansour-Clan gehören. Sie

strahlen bereits diese Sicherheit aus, stets ihren Willen

zu bekommen.

Josef lässt die Arme sinken, drückt den Ball an seinen

Bauch und bleibt stehen.

»Ey. Wirf!«, sagt Azim.

Josef kommt der Aufforderung nach und spielt den

Ball ab. Die Jungs spielen nun zu zweit. Josef bleibt

eine Weile auf dem Spielfeld, um abzuwarten, ob

sie ihn mit einbeziehen, setzt sich dann aber an den

Zaun.

Zehn Minuten verstreichen.

Zwanzig.

Er wird langsam unruhig und fürchtet, dass sie ihm

seinen Ball nicht wieder zurückgeben. Er hat ihn im

Juni bekommen, obwohl er erst am ersten September

Geburtstag hat. Seine Mutter ist so stolz auf ihn, weil

der Direktor gesagt hat, dass er eine Klasse überspringen

kann. Anstatt in der vierten beginnt er in der fünften.

Außerdem hält der Ball ihn beschäftigt, während

seine Mutter in der häuslichen Pflege Schicht arbeitet.


11

PASCAL ENGMAN

LESEPROBE

Er geht pfleglich mit dem Ball um, trocknet ihn jedes

Mal, wenn er ihn benutzt hat, mit einem Lappen

ab. Obwohl er jeden Tag damit spielt, sieht er noch

wie neu aus. Er fragt sich, wie viel Uhr es sein mag,

vermutlich müsste er längst zu Hause sein, aber er

kann jetzt nicht einfach gehen.

Nicht ohne Ball.

Aus den Kellerräumen des Box-Clubs schlurfen ein paar

junge Kerle. Sie entfernen sich, ihre großen Taschen

über der Schulter wie schwarze Schals. Kurz darauf erscheint

Luis Fonseca. Ihm gehört der Club. Er schließt

sein Fahrrad auf und radelt am Basketballplatz vorbei.

Josef möchte nichts lieber, als mit dem Boxtraining anfangen,

doch seine Mutter erlaubt ihm das nicht.

Du sollst deinen Kopf gebrauchen und lesen und

schreiben lernen, gutes Schwedisch, anstatt zu boxen.

Dich zu prügeln lernst du sowieso noch früh

genug, sagt sie immer dann, wenn er davon anfängt.

»Hi Josef«, ruft Luis und winkt.

Er winkt zurück, froh darüber, dass Luis ihn bemerkt hat.

Luis hat auch keine große Familie, nur zwei Töchter.

Trotzdem traut sich niemand, ihn zu provozieren,

weil er sich wehren kann.

Die Jungs spielen ungerührt weiter. Verfehlen den

Korb. Der Ball wird nass, aber sie trocknen ihn nicht

ab. Schließlich verwenden sie ihn als Fußball. Jedes

Mal, wenn sie gegen den Basketball treten, spürt Josef

einen Stich.

Er weiß, dass der Ball davon kaputt geht und Dellen

bekommt.

Von der S-Bahn-Haltestelle kommen drei Jungs. Sie

sind älter, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, tragen

weite Jeans und die Schirme ihrer Caps im Nacken.

Sie setzen sich an den Spielfeldrand. Einer von ihnen

steckt sich eine Zigarette an und gibt sie weiter. Sie

sind nicht aus dem Malmvägen, Josef kennt keinen

von ihnen. Vielleicht sind sie aus Rotebro? Der Ball

springt einem der Neuankömmlinge vor die Nase. Er

fängt ihn und prellt ein paar Mal mit dem Ball, geht

ein paar Schritte. Passt ihn zu seinem Freund.

»Gib den Ball wieder her, du Arschloch«, ruft Azim.

Der Ältere reagiert nicht, als müsste er die Aufforderung

erstmal sacken lassen.

»Wirf den Ball rüber, du motherfucker.«

Azim versucht, den Ball wieder an sich zu nehmen,

aber der andere hält ihn hoch über dem Kopf.

KEIN

LEHRER

WAGT ES,

IHM PAROLI

ZU BIETEN.

Azim spuckt sein T-Shirt an. Der Ältere lässt den

Ball fallen und verpasst ihm eine Ohrfeige. So fest,

dass Azim das Gleichgewicht verliert und umfällt.

Josef stockt der Atem.

»Wart‘s ab, ich fick dich.«

Die beiden Jüngeren ziehen ab, und Josef weiß, was

gleich passiert. Die Älteren nehmen den Ball und

spielen weiter, rauchen und lachen. Josef steht auf.

Seine Mutter sagt, dass man Dinge bekommt, wenn

man freundlich darum bittet. Josef weiß, dass das

nicht stimmt, jedenfalls nicht hier im Malmvägen.

Aber er unternimmt dennoch einen Versuch.

»Darf ich den Ball haben? Er gehört mir, und ich

muss jetzt nach Hause«, sagt er.

Die großen Jungs hören ihn nicht oder stellen sich taub.

Josef setzt sich wieder hin und lehnt den Rücken

gegen den Zaun.

Zuerst taten sie ihm leid, weil sie nicht wissen, was

gleich kommt, aber jetzt sind sie ihm egal.

Er hört Autotüren schlagen, dann tauchen fünf Männer

auf.


12

PASCAL ENGMAN

LESEPROBE

DU

HAST DIE

GLEICHEN

HÄNDE WIE

ER. WIE

DEIN PAPA.

Josef und seine Mutter Fatima sitzen auf ihrem Balkon

und blicken in den Hof hinunter. Aus den umliegenden

Wohnungen dringen Unterhaltungen in verschiedenen

Sprachen und orientalische Musik. Ein

Paar streitet. Die S-Bahn donnert vorbei. Sie trinken

Erdbeersirup mit Wasser und klirrenden Eiswürfeln.

Er betrachtet seine Mutter und denkt, dass er sie liebt.

Aber er hat auch ein schlechtes Gewissen, weil er sich

wünscht, dass sie nicht nur zu zweit wären.

Sie arbeitet bei der ambulanten Pflege. Fährt mit dem

Fahrrad zwischen den Wohnungen der alten Leute hin

und her, kauft für sie ein, hilft ihnen beim Duschen,

leistet ihnen Gesellschaft. Manchmal kommt er mit.

Hält sich auf dem Gepäckträger fest, wenn sie von

Wohnung zu Wohnung sausen. Seine Klassenkameraden

ziehen ihn damit auf, dass seine Mutter alten Leuten

den Hintern abwischt, und dann schämt er sich. Er

mag diese alten runzligen Menschen, die immer nett

zu ihm sind und ihm etwas zu trinken anbieten. Neulich

hat er von einer alten Oma einen Videorekorder

bekommen und eine ganze Tüte mit Videokassetten.

Er hat die Filme alle schon gesehen. Am besten

gefällt ihm Rasmus und der Vagabund, obwohl Die

Brüder Löwenherz auch nicht übel sind. Er weiß auch

nicht, warum er Rasmus und der Vagabund so gern mag,

vielleicht einfach deshalb, weil Rasmus auch einsam

ist und keinen Vater hat.

»Es gab Stress heute auf dem Basketballfeld«, sagt er.

»Warst du auch dabei?«

Er schüttelt den Kopf.

»Nein, das waren andere, von den Mansours.«

Er erzählt, was passiert ist, verschweigt aber, dass sie

ihm zuerst seinen Ball weggenommen haben. Er weiß

nicht, warum, aber seine Mutter wirkt irgendwie immer

so traurig, wenn jemand gemein zu ihm ist. Weil

sie nichts dagegen unternehmen kann.

Sie ist zu klein und zu schwach, genau wie er.

»Dass keiner etwas unternimmt gegen diese Gangster.

Die haben wirklich kein Benehmen.«

»Ich hätte gerne …«

Josef verstummt und trinkt von der Erdbeerschorle.

»Was möchtest du, Josef?«

»Ach, nichts.«

Er wollte eigentlich sagen, dass er gern jemanden hätte,

der ihn da draußen beschützt. So wie die beiden Jungs.

Jemand, den er holen und hinter dem er sich verstecken

könnte. Sie streckt ihre Hand nach ihm aus und fasst

nach seiner. Die Hände sind fast gleich groß.

»Ich habe dich lieb«, sagt er.

Sie mustert seine Hand und schüttelt den Kopf.

»Du hast die gleichen Hände wie er. Wie dein Papa.«

Fatima greift nach dem Krug mit der Erdbeerschorle.

»Warum ist er denn weg?«

Von unten dringt Gelächter nach oben, irgendwo bellt

ein Hund.

»Weil er es nicht ausgehalten hat, meine Liebe mit dir

zu teilen. Er hatte andere Pläne. Er war nicht dafür

gemacht, eine Familie zu haben.«

Wie gebannt hört Josef zu.

»Und wie ist das?«

»Du meinst, Eltern zu sein?«

»Ja.«

Sie lächelt. Er liebt es, wenn sie lächelt.

Dann wird ihre Miene wieder ernst.

»Ich weiß auch nicht, wie ich dir das erklären soll.«

Sie unterbricht sich.

»Ich muss oft daran denken, dass ich vor dir sterbe.


Und das macht mich traurig.«

Josef ist verwirrt.

»Willst du, dass ich vor dir sterbe?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Nein, natürlich nicht. Es ist nur so, dass ich die Vorstellung

einfach nicht aushalte, dass du eines Tages

sterben wirst und ich nicht da sein kann, um dir beizustehen,

wenn es soweit ist. Dass du allein sterben

musst, ohne mich. Ohne deine Mama.«

Sie schweigen eine Weile.

Unten im Hof schmeißen ein paar Kinder mit Knallern.

»Ich will bei Luis Fonseca anfangen. Ich will trainieren«,

sagt er.

Sie seufzt.

»Warum willst du lernen, dich zu schlagen?«

»Weil man das einfach können muss.«

»Ich kann auch nicht boxen und bin bisher ganz gut

klargekommen.«

Er verdreht die Augen.

»Du bist eine Frau. Frauen brauchen das nicht zu können.«

Sie lächelt wieder. Aber diesmal nicht ihr übliches,

offenes Lächeln. Nein, dieses Lächeln birgt etwas anderes:

Traurigkeit.

»Wenn du wüsstest. Wir Frauen schlagen uns öfter als

ihr, nur auf andere Art und Weise.«

Josef fischt einen Eiswürfel aus seinem Glas und

steckt ihn in den Mund. Das zieht in den Zähnen,

aber er mag das.

»Ich will …«

Er unterbricht sich. Er findet es peinlich, das zu sagen.

Lächerlich.

»Du willst was?«

Er senkt den Blick, wenn er es sagt, denn er könnte es

nicht ertragen, wenn sie ihn auslachen würde.

»Ich will mich für dich schlagen können. Um dich …

zu verteidigen. Also uns.«

Als er zu ihr hinüberschielt, bemerkt er zu seiner Erleichterung,

dass sie gar nicht so aussieht, als hätte er

etwas Lustiges gesagt.

»Gegen wen, Josef? Gegen wen willst du uns verteidigen?«

»Gegen alle.«

»Nein, Josef. Das ist mein Job. Ich bin deine Mama,

und ich schlage mich für dich. Gegen alle. Auch gegen

Ali Mansour, wenn es sein muss. Verstehst du?«

04.

SEP

2026

PASCAL ENGMAN

DER CLAN – DIE STRASSE

Aus dem Schwedischen

von Nike K. Müller

Klappenbroschur

560 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06794-2

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ADÈLE YON

MEIN WAHRER NAME IST ELISABETH

ADÈLE YON


MEIN

WAHRER

NAME IST

ELISABETH

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ADÈLE YON

LESEPROBE

LESEPROBE

Betreff: Jean-Louis, Wichtig

Datum: 4. Januar 2023 um 02:18:49 Uhr

An: DIE JÜNGSTE TOCHTER

Wenn Du diese Worte liest, werde ich mich aus dem

7. Stock in die Tiefe gestürzt und meine Tage beendet

haben.

Vor diesem letzten Schritt habe ich den Notruf gewählt,

um die Rettungskräfte vorzuwarnen, dabei

aber nur meinen Namen und die Adresse angegeben.

In der Wohnung habe ich einen Zettel hinterlassen,

mit dem Hinweis, dass ich meine Angehörigen über

meine Absichten informiert habe, und der Bitte, sich

an die Polizei zu wenden.

Ich schicke Euch dreien die gleiche Mail in der Hoffnung,

dass einer von Euch im Laufe des Vormittags in

sein Postfach schaut. Wer sie zuerst liest, müsste die

anderen beiden dann telefonisch darüber informieren,

was passiert ist, und sie auf die Mail hinweisen, die

ich ihnen geschickt habe. Die Polizeiwache müsste

kontaktiert werden, um weitere Informationen auszutauschen.

(Sie werden nur meinen Namen wissen, den

ich am Telefon durchgegeben und auf dem Zettel in

der Wohnung notiert habe.)

Merke:

Mein Sprung in die Tiefe ist keine Verzweiflungstat,

er ist Ausdruck meines Willens: zu sterben, bevor ich

zu alt bin, um selbst darüber zu entscheiden; bevor ich

ins Krankenhaus muss; solange ich bei guter Gesundheit

bin (einigermaßen zumindest). Es handelt sich

nicht um eine momentane Verirrung, die Entscheidung

ist schon vor Monaten gefallen, im letzten Frühjahr,

als ich mein Haus zum Verkauf angeboten habe.

Die Wohnung in Paris ist noch bis zum 20. Januar gemietet.

Kontakt: Julie A., unter der Nummer 06 XX

XX XX XX. Sie muss die Schlüssel zurückbekommen.

Außer meinem Handy habe ich in der Wohnung

nichts zurückgelassen.

Abgesehen von einer Reisetasche, die ein paar Dokumente

und persönliche Unterlagen enthält, habe

ich alle meine Sachen entsorgt. Die Tasche liegt im

Kofferraum meines Autos, ein Honda Civic mit dem

Kennzeichen 245 AWD 32, der im zweiten Untergeschoss

steht. Eine Wegbeschreibung hänge ich an.

Wie ich bereits wiederholt zum Ausdruck gebracht

habe, möchte ich ohne jede Zeremonie eingeäschert

werden, nur Ihr drei sollt dabei anwesend sein, Du

als meine Schwester im Namen der ganzen Familie.

Meine Asche soll irgendwo verstreut werden, fortgetragen

vom Wind oder der Strömung der Seine.

Es tut mir leid, Dir solche Scherereien zu bereiten,

aber ich habe keinen Weg gefunden, meine Reise

selbst zu Ende zu bringen. Sollte es Dir möglich sein,

wäre es gut, wenn Du die anderen beiden bei den

Formalitäten unterstützen könntest, mit denen Du ja

kürzlich erst zu tun hattest.

Danke für Deine Hilfe und Deine Verbundenheit.

Auf Wiedersehen an die ganze Familie.

***

Der Millionär gewordene Erfinder des Minitel rose hat

sein Vorgehen monatelang geplant und ist dann, am

4. Januar 2023, um drei Uhr morgens, aus dem siebten

Stock des Gebäudes in der Rue d'Aligre gesprungen.

Wie ein Paukenschlag vollendet dieser Sprung einen

seit fünfzig Jahren akribisch betriebenen sozialen

Suizid. Der letzte Akt begann nämlich nicht erst ein

paar Tage vorher mit der Anmietung der Wohnung in

Paris, auch nicht ein paar Monate zuvor mit dem Verkauf

seines Hauses im Süden, das er schon komplett

leergeräumt hatte, seine vielen Bücher, die Antiquitäten,

alles entsorgt; der letzte Akt begann tatsächlich

schon fünfzehn Jahre früher, mit dem Tod seines

Vaters, als er jeden Kontakt zur Familie abbrach, und

wahrscheinlich sogar noch früher, in den frühen

1980er-Jahren, als er, etwa dreißigjährig, nach dem

lukrativen Verkauf des ersten Online-Kommunikationsgeräts,

dessen Urheber er war und das später als

Minitel rose bekannt werden sollte, in den Süden zog


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ADÈLE YON

LESEPROBE

und nach und nach alle seine sozialen Beziehungen

beendete, sogar seine Krankenversicherung kündigte

er auf. In Wirklichkeit kam Jean-Louis als Person

schon lange nicht mehr richtig vor.

Im letzten Satz der Mail an die Schwester, einem Satz,

in dem nichts ihn noch mit dem Körper, den er gleich

in die Tiefe werfen wird, zu verbinden scheint, entschuldigt

er sich dafür, dass er sie bitten muss, sich um

seine Einäscherung und das Verstreuen seiner Asche

zu kümmern, aber, sagt er, ich habe keinen Weg gefunden,

meine Reise selbst zu Ende zu bringen. Ein Abgrund tut

sich auf, denn seine Reise endet nicht im Moment des

Todes, in dem Moment, da der Atem verstummt, sondern

erst, wenn alles gänzlich verschwunden ist, wenn

selbst die Asche, die letzten Überreste seines Körpers,

fortgetragen wurde, vom Wind oder der Strömung der

Seine. Darum kann er sich nicht selbst kümmern, und

damit fällt die Verantwortung für sein radikales Verschwinden

im letzten Schritt tragischerweise jemand

anderem zu. Am 4. Januar 2023 um drei Uhr morgens

vollendet Jean-Louis sein Werk. Doch es fällt jemand

anderem zu, die Signatur darunter zu setzen.

So gesehen ist es nicht überraschend, dass mir nach

dem Schlusssatz aus diesen letzten Worten des Briefes

eine tragische Unstimmigkeit entgegenschlägt, denn

sie erteilen im allerletzten Moment nicht nur seiner

ein Leben lang betriebenen Selbstauslöschung eine

Absage, sondern, noch merkwürdiger, auch dem unmittelbar

vorangehenden Satz, einem Satz, der auf

die totale Vernichtung jeder Spur seiner Existenz abzielt

und damit sein ganz auf die eigene Vernichtung

ausgerichtetes Leben als eine bewusste Entscheidung

kennzeichnen soll, und auf den dann noch diese Worte

folgen: Auf Wiedersehen an die ganze Familie.

Wird es am Ende doch etwas wiederzusehen geben?

Absage an eine Absage.

Sprachnachricht von: CHERUBIN

4. Januar 2023–21:14 Uhr

Ich muss sagen, mir bleibt da echt die Luft weg. Die Art,

wie er es gemacht hat, ist schon extrem brutal. Erst zehn

Jahre kein Kontakt, und sich dann nicht mal verabschieden.

Nicht dass ich überrascht wäre, er hat es mir erzählt, hat

mir gesagt, dass er sich umbringen will, aber er hat gesagt,

er macht es mit einer Knarre in der Wüste. Nicht drei Kilometer

von hier aus dem siebten Stock. Das Vorsätzliche

daran ist so brutal, und dass wir nicht zusammenkommen

können, um seiner zu gedenken. Anscheinend dürfen wir

ja nicht kommen zu seiner Beerdigung, oder seiner Einäscherung,

was weiß ich. Nur drei Leute dürfen dabei sein.

Ich hätte echt Lust da aufzukreuzen, allein schon, um ihn

zu ärgern. Außerdem hat er gelogen, er hat nämlich behauptet,

er kommt nach Paris, um näher bei uns zu sein.

Aber das stimmt nicht, er ist bloß gekommen, um direkt vor

unserer Nase aus dem siebten Stock zu springen. Im vollen

Besitz seiner Kräfte. Er war körperlich robust, geistig

brillant. Eine riesengroße Energieverschwendung ist das.

Ich bin ganz schön sauer auf ihn, aber andererseits ist das

Ganze das Ergebnis einer familiären Geschichte, die dramatisch

für ihn war, da kann ich ihn ja schlecht verurteilen.

Sprachnachricht von: CHERUBIN

4. Januar 2023–21:18 Uhr

Vor fünfzehn Jahren habe ich eine Weile bei Jean-Louis gewohnt,

weil ich in Toulouse studiert habe. Er hat mir erzählt,

dass einmal, als er noch klein war, Leute gekommen

sind, um seine Mutter abzuholen, sie hätten sie gepackt und

mitgenommen. Anscheinend war das eine ganz deutliche

Erinnerung. Er wusste nicht, ob noch jemand dabei war,

aber in seiner Erinnerung ist er danach ganz allein in der

Wohnung. In seiner Erinnerung hat er sich an die Beine

seiner Mutter geklammert und … Er meinte, er wäre noch

ganz klein gewesen, keine sechs Jahre alt. Tja, dieser Tod ist

das Ergebnis einer familiären Geschichte.

Am Tag nach Jean-Louis’ Tod rufe ich meine Großmutter

an, um ihr mein Mitgefühl auszusprechen und

ihr Beistand zu leisten. Sie ist ziemlich aufgewühlt – er

war schließlich ihr Bruder und sie hat seit zehn Jahren

nicht mit ihm gesprochen –, aber wie immer lässt sie

sich nichts anmerken.

Sie sagt: Wir sind entsetzt.

Ich denke, dass meine Großmutter schon immer in der

ersten Person Plural gesprochen hat, wenn es um Gefühle

ging.

Dann sagt sie: Das ist das letzte Kapitel für deine

Nachforschungen.

Jetzt, da ein Mensch gestorben ist, könnte man leicht

annehmen und läge damit nicht falsch, dass die


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ADÈLE YON

LESEPROBE

Geschichte an genau diesen Punkt führen musste,

dass ein Körper mit einem Ruck in den Abgrund gestürzt

werden musste, als Ersatz für einen anderen, der

an einem anderen Januarmorgen siebzig Jahre zuvor

von Männern in Weiß weggebracht wurde. Aber kann

diese Geschichte nicht genau hier beginnen?

Jean-Louis ist tot, und die Mitglieder meiner Familie

haben angefangen zu sprechen.

Und ich, ich nehme sie auf.

Im Kofferraum des Honda Civic mit dem Kennzeichen

245 AWD 32 lagen fünf Bücher: So lebt der

Mensch von André Malraux, ein Band mit Gedichten

von Arthur Rimbaud, Schande von J. M. Coetzee, die

Essays Zuviel ist zuviel von Blaise Cendrars und Die

Wörter von Jean-Paul Sartre. Was können fünf Bücher

über ein Menschenleben aussagen?

Außerdem lag im Kofferraum des Honda ein Foto von

seiner Mutter.

Meiner Urgroßmutter, Betsy.

Ein ganz kleines Passfoto, das in die Hosentasche

passt.

***

Elisabeth (Betsy) C., Tochter von Louis C. (1889–1983)

und Louise V. (1891–1986), geboren am 19. August 1916

in Saint-Germain-en-Laye (Yvelines), gestorben am 22.

April 1990 im Alter von 73 Jahren.

***

Wir fahren in dem kleinen, hellblauen Toyota Yaris,

den meine Großeltern mir geschenkt haben, in Richtung

Salamanca. Die Reise von Lissabon nach Paris

ist ihre Art, mir zu zeigen, dass sie für mich da sind,

dass sie mir helfen können, dass ich mich auf sie stützen

und so aus den Ereignissen, die seit zwei Monaten

an mir nagen, wiederauftauchen kann, zurück an die

Oberfläche, wie die Augen eines hungrigen Krokodils,

das auf Beute lauert. Ich bin immer in Bewegung.

Ständig auf der Flucht. Nimm dieses Auto und richte

dich darin ein, komm in einem fahrenden Innenraum

zur Ruhe, wenn es das ist, was du willst: Als sie mir das

Auto schenkte, hat meine Großmutter mir gestanden,

dass ihr Wagen in ihrer Zeit als Krankenschwester

einige Jahre lang ein richtiger Kokon für sie gewesen

war, ein zweites Zuhause, in dem sich die persönlichsten

Gegenstände ansammelten. In gewisser Weise

verstand sie mich.

Mein Großvater sitzt am Steuer. Er konzentriert sich

auf die Straße, denn es regnet in Strömen und ist sehr

windig. Nach der Auffahrt hat er sich mit 110 auf der

rechten Spur eingeordnet und mir geraten, dem Auto

nicht mehr abzuverlangen: Es ist nicht mehr das jüngste,

hat er gesagt, bei dem Tempo läuft es am besten.

Wenn ich später das Steuer übernehmen werde, wird

er ganz unruhig sein und ständig denken, ich fahre zu

schnell.

Allein auf der Rückbank betrachte ich meine Großmutter,

die mir den Rücken zuwendet. Es ist kalt, sie

trägt ein orangenes Tuch um den Hals, das sie bis zum

Haaransatz hochgezogen hat. Es regnet so stark, dass

man nur die paar Meter Asphalt erkennt, die von unseren

Reifen geschluckt werden. Es gibt nichts zu sehen.

Nichts zu kommentieren. Ihr nach vorn gerichteter

Blick bietet ihr Schutz. Jetzt ist der Moment.

Als meine Großeltern mir vorschlugen, das Auto gemeinsam

von Portugal nach Paris zu bringen, wusste

ich, dass ich es tun würde. Ein Loch in die Mauer des

Schweigens schlagen, mich hindurchzwängen. Meiner

Großmutter in die Augen sehen und sagen: Betsy.

Wenn ich daran denke, an das Herumgedruckse, das

dafür nötig sein wird, zieht sich mir der Magen zusammen.

Wie befördert man einen bleischwer mit Geheimnissen

beladenen Namen zurück an die Oberfläche?

Anders ausgedrückt: Wie lässt man eine Bombe

am besten platzen? Später wird das alles einfacher werden.

Die Mitglieder meiner Familie werden auf mich

zukommen, neugierig, misstrauisch: Ich habe gehört,

du recherchierst zu Betsy? Nie werden sie sagen: zu

meiner Mutter, meiner Großmutter, meiner Schwester.

Sondern immer: zu Betsy. Aber noch ist Betsy ein

Name, den man nicht ausspricht. Ich weiß, dass sich

in dem Moment, da ich den Namen mit der gleichen

ruckartigen Bewegung an die Oberfläche befördern

werde, mit der ein Taucher, wenn ihm der Sauerstoff

ausgeht, an der Leine zieht, etwas verändert haben

wird. Eine unmerkliche Veränderung der Luftqualität.

Atemnot, die ansteckend ist. Abrupt einsetzende

Übelkeit. Anspannung in allen Muskeln. Plötzlich bewegungsunfähige

Körper beim Klang dieses Namens.


19

ADÈLE YON

LESEPROBE

Wie soll ich es angehen?

Ich wähle den Umweg.

Ich frage meine Großmutter, wer sich als Kind um sie

gekümmert hat.

Sie antwortet, ihre Großeltern mütterlicherseits, die

schon elf Kinder großgezogen hatten, haben sich

in den ersten Jahren, im Krieg, um sie gekümmert,

und später auch um ihre fünf Geschwister. Louis

und Louise, so hießen die beiden, wohnten in einem

großen Haus in der Rue de la République in Saint-

Germain-en-Laye, westlich von Paris. Später sei ihr

Vater André in die Rue d'Alsace gezogen, dann in die

Rue des Ursulines, und sie hatten ein eigenes Haus

gehabt. Dort habe es eine gewisse Madame Hadingue

gegeben, die Gouvernante, und ein paar Tanten, die

sich abwechselten.

Sie fügt hinzu: Mir hat es an nichts gefehlt.

Ich biege ab.

Ich sage: Und Betsy (Name, Luft, Atemnot, Übelkeit,

Anspannung), deine Mutter, war die nicht da?

Schweigen.

Ohne sich umzudrehen, sagt meine Großmutter: Ich

habe geahnt, worauf du hinauswillst. Nein, meine

Mutter war nicht da. Meine Mutter war krank. Sie

wurde in einer Privatklinik in Versailles behandelt,

den Namen von dem Arzt habe ich vergessen.

Dr. Fouquet, sagt mein Großvater.

Meine Großmutter sagt, sie habe nicht viele Erinnerungen.

Ich habe nichts gesehen. Ich war nicht da. Mein Vater

hatte mich nach Villard-de-Lans in Kur geschickt,

wegen einer Anämie. Ich weiß nur, dass meine Mutter

irgendwann eingewiesen wurde, irgendwo in der

Nähe von Orléans, wie hieß das noch mal?

Fleury-les-Aubrais, sagt mein Großvater.

Ja, stimmt, sagt meine Großmutter, Fleury-les-Aubrais.

Sie sei ab und zu mit ihren Großeltern hingefahren.

Sie habe sie als Einzige unter den Geschwistern besucht.

Betsys Eltern fuhren einen Citroën mit Frontantrieb.

Louis, ihr Großvater, kurbelte den Motor an,

sie sprangen ins Auto und dann ging es los.

Die Fahrt dauerte sehr lang, sagt meine Großmutter,

die Straßen waren in einem fürchterlichen Zustand,

total steinig. Wenn wir da waren, tat mir immer der

A**** weh.

Auch mein Großvater war einmal in Fleury-les-Aubrais.

Als er beschloss, meine Großmutter zu heiraten, sei

er in sein kleines Auto gestiegen und zur Klinik gefahren,

um sich Betsy vorzustellen und ihr die Hochzeit

anzukündigen. Es gab ein Restaurant dort, Chez

Benoît, deren Spezialität war ein ganz fantastisches

Steak mit Pommes. Chez Benoît lag gleich neben dem

Eingang, wenn man vor dem Klinikgebäude stand,

auf der rechten Seite. Mein Großvater ist durch das

Tor gegangen, hat Betsy in ihrem Zimmer abgeholt

und mit ins Restaurant genommen. Sie hatte kaum

Haare auf dem Kopf, einen sehr starren Blick, redete

ganz banales Zeug. Sie fragte nach André, immer

nach André.

Ich kann mich nicht genau erinnern, wie sie reagiert

hat, als ich ihr von unserer Hochzeit erzählt habe, sagt

mein Großvater. Ich weiß noch, dass sie überhaupt

keine Fragen gestellt hat, wirklich keine einzige. Ich

glaube, sie hat genickt, so, den Blick in die Ferne gerichtet,

als käme ihr das alles weit weg vor.

Bei der Hochzeit meiner Großeltern war Betsy dabei.

Ein neuer Arzt in ihrer Abteilung habe ihr sehr geholfen.

Mein Großvater sagt: Tubiana? Oder so ähnlich, ein

spanisch-jüdischer Name. Dank ihm, und dank der

Medikamente, konnte sie zu unserer Hochzeit kommen.

Sie war da, hing in der Kirche an meinem Arm.

Sehr gut gekleidet. Sehr würdevoll. Auf den Fotos

sieht man sie.

Eure Hochzeit?, frage ich. Wie lange war Betsy denn

in der Klinik?

Keine Ahnung, antwortet meine Großmutter. Das

ging alles so schnell damals. Ich hatte mein eigenes

Leben. Ich habe deinen Großvater früh kennengelernt,

wir haben geheiratet, sind nach Marokko gegangen,

dann nach Algerien, dann an die Elfenbeinküste. Ich

war weit weg von all dem.

Als meine Großeltern nach Frankreich zurückkehrten,

1968 oder 1969, war Betsy bereits entlassen worden.

Sie lebte bei ihren Eltern. Dann sind Louis und Louise

gestorben und meine Großmutter musste sich um sie

kümmern.

Damals habe ich meine Mutter besser kennengelernt,

sagt meine Großmutter. Sie hat nicht bei uns gewohnt,

aber sie kam oft vorbei und sie rief mich an. Sieben,

acht Mal am Tag. Sie hat ständig angerufen. Das Telefonklingeln

verfolgt mich jetzt noch. Aber sie war


20

ADÈLE YON

LESEPROBE

eben meine Mutter. Sie war krank, aber sie war meine

Mutter. Ich empfand Zuneigung für sie. Ja, Zuneigung.

Ich habe mich um sie gekümmert, habe für sie

gesorgt. Vielleicht war es eine distanzierte Zuneigung,

ein bisschen rau, aber sie war da.

In welchem Jahr ist sie gestorben?, frage ich.

Meine Großmutter überlegt einen Moment: Nach

dem Tod ihrer Eltern war sie in einem Altersheim,

und dann ist sie relativ bald an Hautkrebs gestorben,

das war …?

Am Tag der Hochzeit deiner Nichte, sagt mein Großvater.

Also … 1989 oder 1990, so was um den Dreh. Viel

mehr kann ich dir nicht sagen. Wirklich, ich habe

nicht viele Erinnerungen. Alles, was ich dir sagen

kann, ist, dass ich meinem Vater ewig dankbar sein

werde, dass er sich nicht hat scheiden lassen. Dass

er uns nicht die Mutter genommen hat. Oder noch

schlimmer, uns eine andere gesucht. In gewisser Weise

ist er ihr treu geblieben.

André hätte die Ehe annullieren lassen können, sagt

mein Großvater, aber er hat es nicht gemacht. Betsy

war offenbar schon vor der Eheschließung krank.

Zusammen mit Louis, seinem Schwiegervater, hat

André nach frühen Hinweisen auf Betsys Krankheit

gesucht. Aber er hat es nicht durchgezogen, sie sind

verheiratet geblieben. Er hätte die Ehe annullieren

lassen können, aber er hat es nicht gemacht.

Schweigen.

Hast du schon mal mit jemandem über die Geschichte

deiner Mutter gesprochen?, frage ich meine Großmutter.

Sie sagt: Nein. Ich habe noch nie über sie gesprochen,

mit niemandem.

Ohne sich umzudrehen, mischt sich vom Fahrersitz

aus mein Großvater ein: Wozu hätte sie denn darüber

sprechen sollen? Es geht ihr doch gut, deiner Großmutter.

Zu einem Psychologen zu gehen kann sehr

gefährlich sein. Manchmal setzen die ihren Patienten

etwas in den Kopf, oder die Patienten denken nur

noch an sich selbst und erfinden letztendlich irgendein

Trauma, um eine Ursache für ihr Leiden zu finden.

Sie merken gar nicht, dass sie gerade deshalb

leiden, weil sie so sehr nach einem Grund dafür suchen,

dass sie leiden. Ganze Familien sind daran zerbrochen,

dass jemand irgendein Trauma erfunden hat.

Einen Vater, Onkel oder Großvater des Inzests beschuldigt,

zum Beispiel, obwohl das überhaupt nicht

stimmt. Nein, wenn man es geschafft hat, mit der

Vergangenheit zu leben, lässt man sie lieber, wo sie

ist. Deiner Großmutter geht es gut. Und weißt du warum?

Weil sie außerordentlich gut im Vergessen ist.

Wenn sie etwas schmerzt, vergisst sie es.

Schweigen.

Was hatte deine Mutter denn eigentlich?, frage ich.

Ich weiß nicht, sagt meine Großmutter. Das wurde

nie wirklich diagnostiziert.

Schweigen.

Doch, natürlich. Ohne sich umzudrehen, mischt mein

Großvater sich ein: Betsy war schizophren.

An diesem Punkt muss ich etwas klarstellen. Man

könnte meinen, meine Recherche beginnt hier, im

Dezember 2020, auf dem Weg nach Salamanca, aber

so ist es nicht. Ich kann das Präsens verwenden, um

den Eindruck zu erwecken, dass ich in dem Moment,

da ich schreibe, dort bin, auf dem Weg nach Salamanca,

und meine Großmutter löchere, die sich an nichts

erinnert. Ich kann das Präsens verwenden, um zu beschreiben,

wie sie dasitzt, vorne, den Blick in den Nebel

gerichtet, und wie ich auf der Rückbank über die

beste Strategie nachdenke, das verbotene Wort auszusprechen.

Ich kann das Präsens verwenden, um davon

zu erzählen, wie ich begreife, was es heißt, eine Frau

leiden zu lassen, und dabei so tun, als wäre nicht auch

ich diese Frau, sondern nur sie, Betsy, im Vergleich zu

der mein Leid mir erscheinen sollte, wie es ist: armselig.

Ich kann das Präsens verwenden, und werde es

übrigens auch weiterhin verwenden, um euch keinen

Schritt meines Weges zur Geschichte dieser Frau zu

ersparen. Aber eins muss klar sein: Während man leidet,

schreibt man nicht, und recherchieren tut man

auch nicht. In dem Präsens, in dem ich erzähle, ist

alles genau, wie ich es in Erinnerung habe: der dichte

Regen, der verkrampfte Bauch, die Fragen, die ich

stelle, die Antworten, die ich bekomme. Ein entscheidendes

Element habe ich allerdings unterschlagen,

ich musste es verschweigen (denn wie eine Recherche

beginnen ohne den Drang zu wissen? Wie eine Erzählung

beginnen ohne Lust zu erzählen?). Als ich

meine Großmutter frage: Wer hat sich als Kind um

dich gekümmert?, als ich sie frage: Und Betsy, deine


Mutter, war die nicht da?, und alles, was dann folgt,

als ich den Namen aus dem Schweigen herausziehe,

treibt mich keinerlei Neugier für Betsys Geschichte.

Ich habe kein Verlangen danach, sie kennenzulernen.

Und zwar deshalb nicht, weil mein Verlangen mit etwas

anderem beschäftigt ist, völlig vereinnahmt von

einem Mann, den ich ein paar Wochen zuvor kennengelernt

habe und der mich misshandelt, oder durch

den ich mich selbst misshandle (in diesem Punkt bin

ich immer noch unschlüssig). Ich hätte erwähnen

können, wie fieberhaft ich zwischen den Fragen an

meine Großmutter auf eine Nachricht von ihm wartete.

Ich hätte die Dialoge mit Einschüben unterbrechen

können, wie: Ich schalte mein Handy aus. Und

weiter unten dann: Erschöpft davon, dass ich so lange

durchgehalten habe, schalte ich es wieder ein: nichts.

Das hätte ich machen können, aber das gehört nicht

zum Thema. Was schon dazu gehört, ist, dass meine

Fragen zu Betsy auf dieser Reise nach Salamanca

nur eine kurzfristige Ablenkung sind. Das meine ich

nicht wertend. Es steht eine Motivation hinter den

Fragen (immerhin haben sie schon die Kühnheit bewiesen,

bis in mein Bewusstsein aufzusteigen), aber

eine Ablenkung sind sie trotzdem. Dank ihnen gelingt

es mir, meine Aufmerksamkeit für dreißig bis

sechzig Sekunden, je nach Intensität der Antworten,

die ich bekomme, von diesem Mann wegzulenken.

Das ist gewaltig. Viel länger als bisher in den drei Monaten

seit unserem Kennenlernen. Die Fragen sind

reiner Überlebensreflex. Ein Pickel, den ich noch in

Richtung Felswand schwinge, während ich schon falle

und meine beiden Arme nach einem Steinschlag gebrochen

sind. Ich habe die vage Vermutung, dass der

über den Abgrund geschleuderte Name durch eine

aberwitzige Anzahl aufeinanderfolgender Zufälle der

Fels sein könnte, von dem im letzten Moment vor dem

Aufprall ein Seil herunterfällt. Damit wir uns nicht

falsch verstehen: Ich habe nicht die Kraft, mich hochzuziehen.

Jemand wird mich hochziehen müssen.

Und ich habe nicht die Absicht, auch nur das kleinste

bisschen mitzuhelfen.

Deshalb spüre ich in dem Auto auf dem Weg nach Salamanca

nichts von der Neugier einer Detektivin, die

einer frischen Spur folgt. Ich denke die ganze Zeit an

ihn, und manchmal denke ich an sie und dann frage

ich mich: Bin ich auch verrückt?

03.

JUL

2026

ADÈLE YON

MEIN WAHRER NAME IST ELISABETH

Deutsch von Sula Textor

Hardcover mit Schutzumschlag

432 Seiten

26,00 € (D) 26,80 € (A)

ISBN 978-3-8270-1542-6

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(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


ALLEN LEVI

22

THEO IN GOLDEN

T

IN

GOL


HEO

ALLEN LEVI

DEN


ALLEN LEVI

24

THEO IN GOLDEN

ALLEN LEVIS ERSTER ROMAN »THEO

IN GOLDEN WAR« IM VERGANGENEN

JAHR DAS BUCH-PHÄNOMEN IN DEN

VEREINIGTEN STAATEN UND WIRD 2026

WELTWEIT IN ÜBER 30 SPRACHEN ER-

SCHEINEN. DIE NEW YORK TIMES FASST

ES IN KURZEN ABSÄTZEN ZUSAMMEN:

»Als Allen Levi, Anwalt und Musiker, der im Laufe seiner Karriere Dutzende

von Songs geschrieben hatte, mit dem Schreiben seines ersten Romans

begann, war sein Plan, diesen Text zu beenden und dann in einer Schublade

verschwinden zu lassen. ›Ich wollte einfach nur sehen, ob ich die

Kraft habe, ein längeres Werk zu schreiben‹, sagt er heute.

Das daraus entstandene Buch ›Theo in Golden‹ handelt von einem älteren

Mann, der in eine Stadt in Georgia zieht und beginnt, 92 Bleistiftporträts

zu kaufen, die an der Wand des örtlichen Cafés hängen. Er möchte sie

den Porträtierten und ›rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben‹.

Nachdem einige Freunde von Levi den Roman gelesen und ihn ermutigt

hatten, das Manuskript nicht einfach in einer Schublade verstauben zu

lassen, veröffentlichte er es schließlich doch.«

»Theo in Golden« wurde einzig durch Mundpropaganda und die Begeisterung

seiner Leserinnen und Leser zu einem durchschlagenden Erfolg.

Bis heute verkaufte er in den USA 1.5 Millionen Exemplare und erhielt

Zehntausende begeisterter Rückmeldungen seiner Leser.

LEN


LE

Wie konnte ein Debütroman, geschrieben

von einem Mann, der in einer Stadt mit 1.200

Einwohnern lebt, veröffentlicht ohne jede

Erfahrung in der Verlagswelt, mit einem

Marketingbudget von null Dollar dahin

kommen, wo er jetzt steht?

Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach eine gute

Geschichte.

Ihr Roman umfasst 450 Seiten, aber viele

Leserinnen und Leser zitieren immer wieder

ihren ganz eigenen Lieblingssatz. Haben Sie

auch einen?

Ja, ich habe sogar mehrere Lieblingssätze, einer steht

in Kapitel 42: »Wenn er morgen den Gerichtssaal

verlässt, hoffe ich, dass er eines weiß: Jemand hat ihn

angesehen und nicht nur einen Fall in ihm gesehen,

nicht eine Idee oder irgendein Etikett, sondern einen

Menschen mit einer Seele. Und einen Mann mit einem

Kind.«

Ein anderer lautet: »Damit etwas gut ist, wirklich gut,

muss Liebe drin sein.« Dieser Satz stammt aus dem

zwanzigsten Kapitel, und auch Oprah Winfrey hat

ihn zu ihrem Lieblingssatz des Jahres erklärt.

25

ALLEN LEVI

INTERVIEW

Lieber Allen Levi, Sie haben sehr viele Lesungen

mit Ihrem Roman gemacht – wie würden

Sie Ihr Publikum beschreiben?

Ich bin dankbar – und sehr überrascht – von der Breite

meiner Leserschaft. Es sind tatsächlich Menschen im

Alter von 12 bis 103 Jahren. Sie alle haben mir auch

geschrieben und erzählt, dass sie »Theo in Golden«

gelesen und sehr gemocht haben.

Hunderte von Buchclubs, die ja überwiegend aus

Frauen bestehen, haben den Roman für ihre Lektüreliste

ausgewählt. Auf den Lesungen wurde mir aber

auch klar, dass er von einer beträchtlichen männlichen

Leserschaft gelesen und sehr positiv aufgenommen

wird.

»Theo« steht aktuell auf Platz 3 der New-York-

Times-Bestsellerliste. Welche Gedanken

gehen einem durch den Kopf, wenn man mit

einem späten Roman einen solch unglaublichen

Erfolg hat?

Seit über einem Jahr besteht mein Leben aus einem

einzigen Gedanken – Dankbarkeit.

V I


ALLEN LEVI

26

LESEPROBE

LESEPROBE

Prolog

Theo blieb nur ein Jahr in Golden, von einem Frühling

bis zum nächsten. Er traf kurz vor Ostern ein, als

Boughery wie Promenade ein Meer aus blühenden

Azaleen und frisch erblühtem Hartriegel waren. Als

Pollen sich wie eine Zitronenpatina über jede Oberfläche

der Stadt legten.

Im Laufe der Zeit würden seine Freunde erfahren,

dass er eine große Vorliebe für Flüsse besaß. Für den

Duro seiner Kindheit, für die Seine seiner glorreichen

Tage, den Hudson seiner Zeit als Pensionär oder für

das halbe Dutzend anderer Flüsse, die durch seine

diversen Heimatstädte strömten, besaß er doch einen

ufersuchenden Instinkt, der ihn stets an den Rand

fließender Gewässer zog. In einer maritimen Nation

aufzuwachsen mochte damit zu tun haben. Und vielleicht

spürt ja jeder Sohn Portugals die Ruhelosigkeit

eines Magellans in seinem Blut.

Aus welchem Grund auch immer konnte es jedenfalls

nicht überraschen, dass er sich entschied, am Oxbow

zu wohnen, solange er in Golden weilte. Aus dem

hinteren, nach Westen zeigenden Fenster sah er ihn

zu jeder Tageszeit. Und von der im zweiten Stock gelegenen

Hintertür konnte er ihn hören. Zumindest

behauptete er das. An jedem Ort und zu jeder Stunde

konnte er ihn hören, sobald er die Augen schloss,

konnte ihn fühlen, sein entschlossenes Streben zum

Golfstrom spüren, die gewundene Reise nach Süden,

sein frohes Fluten zum Atlantik.

Nur ein Jahr. Nicht lang. Doch lang genug, um eine

eigene Strömung zu erzeugen, die andere mit sich

forttrug. Ohne ihr Wissen wurde eine ganze Gruppe

– Asher, Tony, Ellen, Basil und noch ein Dutzend

andere – von dem Strudel namens Theo mitgerissen.

Trieben dahin.

Segelten dahin.

Gewannen an Zahl und Tempo.

Strebten einem Ozean entgegen, über den sie damals

nur wenig wussten.

Rückblickend hätten sie wohl alle den alten Portugiesen

mit dem Singsang in der Stimme und dem steten

Hauch eines Lächelns auf den Lippen gelobt und

gewiss mit den Worten der Bibel gesagt: »Unsere

Herzen brannten in uns.«

1. Kapitel

An seinem ersten Tag in Golden wurde Theo früh

wach, zog die Vorhänge in seinem Hotelzimmer

beiseite und blickte nach Süden hinaus in die Morgendämmerung.

Am Nachmittag zuvor war er von

seinem Haus in New York City aufgebrochen, wo

der späte Winter tobte, mit voller Macht und einem

rekordverdächtigen Chaos aus Schnee und Eis. Der

Flug nach Atlanta (in einem Privatjet) und die Fahrt

weiter südwärts nach Golden (in einer Lincoln-Limousine

mit Chauffeur) hatten ihn in eine warme, in

den Myriaden Schattierungen von Grün, Gelb, Lavendel

und Rosarot erblühende Welt gebracht.

Und nun, nach einer Nacht geruhsamen Schlafs, stand

er nur wenige Zentimeter vor dem Fenster und atmete

so tief ein, als könnte er die Morgenfrische gleichsam

durch die Scheiben einatmen. Mit bewunderndem

Blick betrachtete er die ersten Frühlingsboten.

Seine Augen wanderten westwärts zum breit dahinmäandernden

Oxbow. Ein Nebelband hing über dem

Wasser.

Aus der Höhe des zweiten Stocks erkannte Theo trotz

des vor Sonnenaufgang noch dämmrigen Lichts jene

markanten Merkmale der Stadt, die er in Vorbereitung

seiner Reise studiert hatte: die mit Kopfstein gepflasterten

Straßen, das Eisenhüttenwerk, die alten

Baumwolllagerhäuser und die noch aus der Zeit vor

dem Bürgerkrieg stammenden Eichen.

Jemand mit seiner wissbegierigen Natur aber war im

zweiten Stock den Dingen bei Weitem nicht nahe

genug. Er zog sich bequeme Sachen an, begutachtete

sich im Spiegel, richtete Kragen und Schal und löschte

das Licht. Er hängte ein »Bitte nicht stören«-Schild

an die Türklinke, ging die Treppe hinunter in die


27

ALLEN LEVI

LESEPROBE

Lobby des Hotels, grüßte den Empfangschef, indem

er sich an den Hut tippte, trat hinaus in den kühlen

Morgen und konnte es kaum erwarten, durch die

Straßen zu flanieren, ehe sie mit Fußgängern und

Automobilen allzu belebt sein würden.

Bis auf ein Café und einen kleinen Diner waren die

Geschäfte entlang des Broadways noch geschlossen,

und als Theo seinen Spaziergang begann, hatte er

den Gehweg fast für sich allein.

Er hatte kein bestimmtes Ziel im Sinn. Wenn er etwas

sah, das ihn interessierte – und er war ein Mann,

dessen Interesse leicht geweckt wurde –, hielt er inne

und verweilte, bis seine Neugier gestillt war.

So interessierten ihn beispielsweise die dekorativen

Schmiedeeisenarbeiten an der Fassade des Eckgebäudes.

Ihn interessierte die Zusammensetzung der Ziegel

des alten, doch gut erhaltenen Gebäudes, das gegenwärtig

ein Immatrikulationsbüro der Universität beherbergte.

Ihn interessierte die Plakette, mit der an die Geschichte

der Promenade - jenes mitten über den

Broadway verlaufenden Grünstreifens – erinnert

wurde. (Theo besaß die Angewohnheit, wo immer

er auch wohnte und wohin er auch reiste, historische

Gedenktafeln zu lesen, etwas, dem er sich in fünf

Sprachen ausgiebig widmen konnte.)

Ihn interessierte die Skulptur neueren Datums, die

am Eingang zur Krankenpflegeschule der Universität

stand.

Und er interessierte sich ganz besonders für einen

kleinen Vogel, der auf einer Bank auf dem Gehweg

hockte und um Krumen bettelte.

Einmal blieb er sogar stehen und fischte ein Vergrößerungsglas

aus seiner Tasche, eine Lupe, um die

purpurrote Blüte einer Azalee genauer in Augenschein

zu nehmen.

Und so weiter und so fort.

Dank all dieser interessanten Momente verlief Theos

Bummel im reinsten Schneckentempo. Er war gerade

mal zwei Querstraßen weit spaziert, da floss der

morgendliche Verkehr bereits stetig dahin, auf dem

Gehweg wimmelte es von Studenten und Geschäftsleuten,

und die Parkplätze beiderseits der Promenade,

eben noch leer, waren nahezu alle belegt.

«

Seine Entscheidung,

klein zu leben,

machte ihn

größer als

das Leben.


28

ALLEN LEVI

LESEPROBE

Er kannte keine Menschenseele in dieser Stadt.

Naja... bis auf eine vielleicht.

Noch war er sich nicht sicher, wie lange er bleiben

würde – Wochen? Monate? Sogar länger? -, doch

bereits nach dieser kurzen Zeit war er von der Atmosphäre

seines neuen, vorübergehenden Zuhauses

überaus angetan.

Erster Eindruck: ein höchst angenehmer Aufenthaltsort.

Und noch dazu einer mit mehr als angemessenem

Namen.

Golden.

2. Kapitel

Als Theo seinen Spaziergang entlang des Broadways

beendete, kehrte er zu dem kleinen Café zurück, an

dem er früher am Morgen vorbeigekommen war.

Wie eine duftende Wolke (und eine höchst wirksame

Reklame) strömte ihm vom Eingang das Aroma von

frischem Kaffee entgegen.

Eine bemalte Fensterscheibe gleich neben der Tür

verriet in goldenen, schwarz umrandeten Buchstaben

den Namen des Etablissements:

The Chalice statt Der Kelch:

The Chalice

Light Street / Ecke Broadway

Montags bis donnerstags:

von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends

Freitags bis samstags:

von 7 Uhr morgens bis 11 Uhr abends

Sonntags:

von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends

Kaum eingetreten, atmete Theo tief ein und ließ den

Blick durch den Raum schweifen.

In kleinen Grüppchen unterschiedlichen Alters, diverser

Nationalitäten und verschiedenster modischer

Vorlieben hatten sich hier Menschen der unterschiedlichsten

Art versammelt und bezeugten die

Anziehungskraft dieses Cafés.

Auf dem Weg nach draußen lavierte sich ein junger

Mann mit einem Cello auf dem Rücken und einem

Kaffee in der Hand geschickt zwischen den Tischen

hindurch und entschuldigte sich immer wieder mit

einem geflüsterten »Verzeihen Sie bitte« bei den

eintretenden Kunden. Mit flüchtigem Blick nahm

er Theo wahr, lächelte, nickte und grüßte. In den

großen Städten, in denen Theo zumeist gelebt hatte,

wäre so etwas recht ungewöhnlich, wenn nicht

gar verdächtig gewesen, hier aber erwiderte er diese

Geste lächelnd mit einem Kopfnicken und reihte

sich dann in die kurze Warteschlange ein, um seine

Bestellung aufzugeben.

Er spürte, dass er hier zum Stammkunden werden

könnte, eine Ahnung, die sich für das Jahr, das er in

Golden verbringen würde, als wahr erweisen sollte.

Wenn der Kaffee jetzt noch so gut wie die Atmosphäre

ist, dachte er.

Was sich vermutlich als reines Wunschdenken erweisen

würde.

Theo war den starken Kaffee Europas gewohnt – Abatanado

und Café Pingado in Lissabon, Café con leche

in Madrid, Espresso in Bologna, Café Noisette

in Marseille. Die amerikanischen Lokale hatten ihn

oft enttäuscht, selbst in New York, wo er für jede ausgezeichnete

Tasse, die ihm vorgesetzt worden war,

ein halbes Dutzend Enttäuschungen hatte trinken

müssen. Er habe aber auch, wurde ihm zu verstehen

gegeben, recht gehobene Ansprüche.

Der alte Mann wechselte am Tresen einen Gruß mit

dem Barista, gab seine Bestellung auf, erhielt sein

Getränk und nahm in einem der Sessel Platz.

Die Qualität seines Espressos überraschte ihn auf

angenehmste Weise, weshalb er, den ersten Schluck

noch auf der Zunge, anerkennend nickte.

Sein Blick schweifte durch den Raum: die Gesichter

der Kunden, ihre Stimmen, Begrüßungen und Gesten,

die Sorgfalt, mit der der Barista gutgelaunt seiner

Arbeit nachging, die Aktivitäten an den Tischen.

Schon bald aber wurde seine Aufmerksamkeit ganz

und gar von der Kunst in Anspruch genommen, die

an den Wänden des Cafés hing.

An der linken wie auch der rechten und der hinteren

Wand befanden sich Porträts, zweiundneunzig an

der Zahl, ausgeführt in Bleistift auf weißem Papier

und mit schwarzen Rahmen in drei verschiedenen

Größen versehen. Alle stammten offensichtlich


vom selben Künstler. Und wie ein Spiegelbild der

Kundschaft des Cafés in eben diesem Augenblick

zeigte auch die Sammlung die ganze Bandbreite

des Menschseins – Alter, Geschlecht und Gesichtsausdruck.

Porträts, Porträts und noch mehr

Porträts.

Selbst aus seiner Entfernung zu den gerahmten Gesichtern

konnte Theo erkennen, mit welchem Reichtum

an Detail und Zartgefühl sie wiedergegeben

worden waren. Aus den Bildern sprach eine Qualität,

eine Lebendigkeit, die einen geradezu glauben lassen

konnte, die Porträtierten seien nicht bloß Verzierungen

der Wände, sondern Betrachter des Cafés.

In den Gedanken des alten Mannes entspann sich

eine wundersame Vision: Jeder der zweiundneunzig

Rahmen ist ein Fenster. Jedes in ihm dargestellte

Gesicht weilt außerhalb des Gebäudes und mustert

amüsiert die Kundschaft. Nachts, wenn das Café geschlossen

ist, verlassen die Porträtierten ihre Rahmen,

betreten den Laden, kommen miteinander ins

Gespräch, unterhalten sich darüber, wen und was sie

tagsüber gesehen oder gehört haben, erzählen sich

Geschichten und kehren bei Ladenöffnung in ihre

Rahmen zurück.

Angesichts dieser farbenfrohen, doch hanebüchenen

Vorstellung musste er lächeln. Solcherlei Dinge kamen

ihm häufig in den Sinn.

Er verfügte über die Einbildungskraft eines Poeten.

Allerdings hatte er auch Augen und Verstand eines

Connaisseurs. Viele Dinge konnten leichthin sein

Interesse wecken, einige wenige aber interessierten

ihn ganz besonders. Und die Porträtmalerei fiel in

diese letztere Kategorie.

Doch obwohl er jede der zweiundneunzig Zeichnungen

ausgiebig und von Nahem studieren wollte,

beschloss er, eine passendere Gelegenheit und eine

Zeit abzuwarten, in der das Café nicht ganz so voll

war.

Vorläufig trank er daher seinen Espresso mit kleinen,

genießerischen Schlucken. Alles andere wäre

in seinen Augen einem unwürdigen, gar respektlosen

Benehmen gegenüber der Kunst des Barista

gleichgekommen. Kaum hatte er ausgetrunken,

nahm er seinen Hut, schlenderte mit Blicken nach

links und rechts aus dem Café und kehrte in sein

Hotel zurück.

04.

SEP

2026

ALLEN LEVI

THEO IN GOLDEN

Aus dem amerikanischen Englisch

von Bernhard Robben

Hardcover mit Schutzumschlag

448 Seiten

26,00 € (D) 26,80 € (A)

ISBN 978-3-492-07487-2

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(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


TRO

30

ANGELIKA KLÜSSENDORF

TROST


STANGELIKA KLÜSSENDORF


32

ANGELIKA KLÜSSENDORF

INTERVIEW

INTERVIEW

Trost und Mitgefühl sind ein großes Thema in

diesem Roman und geben ihm den Titel.

Welche Bedeutung hat der Trost in Deinem

literarischen Werk und für Dich persönlich?

Für mich war Trost von Anbeginn an immer das Lesen,

und IMMER schreibe ich mit Bedacht. Ein Buch

ist für mich ein Ort, wo Fremde zu Freunden werden,

wo ich ein Zuhause finde. Ich habe über die Jahre viel

über den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid

nachgedacht. Über Empathie, die nicht nur die

Selbstwahrnehmung, sondern auch das Fremde im

Blick hat. Jeder Mensch braucht einen Tröster. Für

mich ist die Natur eine große Trösterin, und überhaupt,

dass ich schreiben darf.

Die Figuren dieses Romans sind sehr plastisch

und glaubwürdig dargestellt, dabei aber vom

Alter, Geschlecht und der Haltung recht unterschiedlich.

Wie gelingt diese Figurendarstellung,

die zu Mitgefühl einlädt? Braucht es da

reale Vorlagen?

Weil meine Texte sich aus einem unerschöpflichen

Speicher von Erinnerungen speisen, gibt es natürlich

reale Vorlagen. Doch aus der Figurenentwicklung

ergeben sich neue Fragen: Wie denkt ein melancholischer

Mensch? Ein fröhlicher Mensch? Was macht

ihn aus? Figuren entwickeln sich manchmal in eine

Richtung, die ich nicht vorhergesehen habe. Ich habe

mich beispielsweise für die Perspektive der beiden

siebzehnjährigen Mädchen entschieden, um über den

Krieg in der Ukraine schreiben zu können. Es ist etwas

anderes, über die Verzweiflung eines jungen Menschen

zu schreiben, als über die Verzweiflung der Alten.

In deinem Roman geht es um Beziehungen:

Verwandtschaften, Paarbeziehungen,

Freundschaften. Welche davon sind die

belastbarsten? Man bekommt den Eindruck,

dass es besonders wichtig ist, Freude teilen zu

können. Wie kann man Leid teilen?

Ich denke, Freundschaften sind am belastbarsten. Wie

die Freundschaft zwischen Lea und Jane. Ob sie von

Dauer sein wird? Ich weiß es nicht, aber während ich

darüber nachdenke, merke ich, dass meine Figuren für

mich über den Roman hinweg existieren. Wie soll man

Leid teilen? Mitleid ist für mich ein selbstbezogenes

Gefühl, ist Sentimentalität. Eine vollständige Identifikation

mit dem Leid des anderen gelingt in der Regel

wohl nur zwischen Eltern und Kindern. Dann gibt es

noch das Mitgefühl, bei dem man zumindest eine Ahnung

davon haben sollte, wer der Andere ist und was er

braucht, um sein Leid zu lindern oder zu beenden.

Was ist die beste und was ist die schlechteste

Seite am Schriftstellerdasein?

Im Schreiben bin ich in der für mich einzig verlässlichen

Welt, es ist tatsächlich meine Art des Überlebens. Wenn

ich an einem Text arbeite, habe ich eine Verbindung zur

Welt und bin doch ganz bei mir. Und ich mache mir

die Menschen, mit denen ich Gesellschaft habe, selbst.

Wenn ich nicht schreibe, bin ich ganz gewöhnlich neurotisch

und kapituliere vor jeder Steuererklärung.

Tiere kommen in allen Deinen Romanen vor,

und zwar sowohl Wildtiere als auch Haustiere.

Welche Rolle spielen sie, was bedeutet Dir

der Umgang mit Tieren, welches sind Deine

Lieblingstiere, und wenn Du es Dir aussuchen

könntest, welches Tier wärst Du?

Ein Freund hat einmal die Vögel in meinen Romanen

gezählt, es waren Hunderte, und da ist »Trost« mit dem

Vogelliebhaber noch gar nicht dabei. Als Kind habe ich

eine alte Frau beobachtet, die jeden Tag auf einer Bank

saß und Vögel fütterte. Wahrscheinlich war die Frau

gar nicht so alt, doch sie kam mir deshalb alt vor, weil sie

Vögel fütterte. Als Kind interessierten mich nur Tiere

auf vier Beinen und ein Fell sollten sie auch haben. Inzwischen

wohne ich längst auf dem Land, und da sind

Tiere tägliche Begleiter; aus dem Kalb mit den schönen

langen Wimpern wird ein Nutztier, das irgendwann geschlachtet

wird. Ich habe kein Lieblingstier, doch wenn

ich es mir aussuchen könnte, wäre ich gern eine Eule.

Ein Uhu hat kaum Feinde, ein exzellentes Gehör und

kann seinen Kopf um 270 Grad drehen.


33

ANGELIKA KLÜSSENDORF

INTERVIEW

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in

Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung

1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf

dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte

mehrere Erzählbände und Romane und die

von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene

Romantrilogie »Das Mädchen«,

»April« und »Jahre später«, deren Einzeltitel

alle für den Deutschen Buchpreis nominiert

waren und zweimal auch auf der Shortlist

standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie

Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet.

Die französische Übersetzung ihres Romans

»Vierunddreißigster September« stand auf

der Longlist des Prix Femina 2022. Ihr Roman

»Risse« wurde für die Longlist des Deutschen

Buchpreises 2023 nominiert.


34

ANGELIKA KLÜSSENDORF

LESEPROBE

LESEPROBE

Joachim beschließt an den See zu fahren, und gleich

geht es ihm besser, er packt ein Handtuch ein, nimmt

die Treppen in die Tiefgarage, setzt sich in den Van

und fährt los. Er flucht sich durch die Staus von Berlin,

er flucht, obwohl ihn niemand hört; er hält sich an die

Geschwindigkeit, will seinen Führerschein nie wieder

abgeben müssen. Ohne Ritas genervtes Gesicht

macht das Fluchen weniger Spaß; er gestattet sich diesen

Gedanken nur kurz, dann plagen ihn Schuldgefühle.

Er hat ihren Körper und ihre Seele geliebt, und

nun, wo ihr Körper nicht mehr da ist, sollte er doch

ganz und gar ihre Seele lieben, tatsächlich kommt er

sich wie ein Analphabet in der Seelenliebe vor.

Als er die Stadt hinter sich lässt, wird es stürmisch, die

Kiefern biegen sich so sehr, dass er fürchtet, sie könnten

brechen und auf sein Auto fallen. (Wie er von Rita

weiß, sind diese Bäume Flachwurzler.) Also hält er an

ihrem Haus, verflucht seine Wehmut, und obwohl er

den Schlüssel dabeihat, geht er nicht hinein, sondern

klingelt bei Sperling. Statt seiner öffnet Kerstin die

Tür und lächelt erstaunt: Na, so was, da hat sich ja

einer verirrt

Joachim räuspert sich, auch er ist überrascht, Sperlings

Schwester hier zu sehen. Er muss daran denken,

dass er nach dem gemeinsamen Weihnachtsfest an sie

gedacht hat, schon wieder ist er schuldbewusst, kann

sie nicht ansehen, richtet seinen Blick auf die geöffnete

Tür.

Komm doch rein, sagt sie, mein Bruder ist gleich zurück,

er ist was fürs Grillen einkaufen.

Er folgt ihr neugierig. Obwohl er sich keine Vorstellung

von Sperlings Wohnung gemacht hat – sie saßen

bisher in Ritas Garten –, passen die Räume zu ihm,

aber auch dieser Gedanke streift ihn nur flüchtig. Er

spürt sein Interesse für Kerstin, ihm ist, als würde die

Spannung in seinem Körper wiederhergestellt.

Grillen, fragt er, es stürmt draußen.

Dauert nicht mehr lange, erwidert sie, und weist aus

dem Fenster: Siehst du?

Der Sturm hat sich tatsächlich gelegt, und im Garten

ist es geradezu windstill. Du hast recht, sagt er, woher

wusstest du das? Kannst du in die Zukunft sehen?

Sie wiegt vielsagend den Kopf.

Die Art, wie sie den Kopf bewegt, gefällt ihm, überhaupt

gefällt ihm einiges an ihr. Freude überkommt ihn,

er wird übermütig und lacht, obwohl ihm sein Lachen

etwas versetzt vorkommt, zu schnell, zu spät, zu laut.

Als sie am Grill sitzen, Bratwürste essen, Bier trinken,

wird er ruhiger. Es ist heller Nachmittag, keine Spur

mehr vom Sturm, nur leichte Frische in der Luft und

etwas Vertrautes von früher. Während Joachim erzählt,

tausendfach erzählte Anekdoten, kommen ihm

diese überhaupt nicht abgenutzt vor, und Kerstins

Pupillen scheinen das Sonnenlicht wie ein Brennglas

einzufangen.

Später fährt er nach Hause und hat das Gefühl, aus

einer tiefen Dunkelheit erwacht zu sein. Dankbarkeit

überwältigt ihn, er beginnt zu weinen; er hat längst

die Stadt erreicht und muss am Straßenrand halten,

so sehr wird er vom Schluchzen geschüttelt. Er vermisst

Rita, jedoch nicht das Leben mit ihr, das ihm

nun wie eine Frist vor dem Tod erscheint; er hatte sich

in ihrem Blick ganz und gar nicht mehr gesehen, sein

Selbstbild war ein anderes. Wie hat sie ihn bezeichnet?

Hausmeister. Sie hat ihn einen Hausmeister genannt.

»

EINMAL HAT ER

ZU RITA GESAGT,

ALS DIESE IM

GARTEN ROSEN

SCHNITT, ICH

HASSE BLUMEN,

UND SIE WAR

IN TRÄNEN

AUSGEBROCHEN.


Er war mehr als das, natürlich war er mehr – niemand

ist nur ein Hausmeister. Sie haben nicht gelernt, mit

ihren Konflikten umzugehen, wie oft hatte sie ihn

schroff zurückgewiesen. Er wollte Geborgenheit und

Liebe von ihr, war das zu viel verlangt? Er wünscht

sich, dass sie nie mehr aufwacht, er weiß, dass der

Schmerz noch nicht in sein Begreifen eingedrungen

ist, dass er sie irgendwann einmal vermissen wird,

doch er will an der zart aufkeimenden Wut unbedingt

festhalten.

Die nächsten Tage geht er stundenlang durch die

Straßen, wie früher als junger Mann. Er meldet sich

im Fitnesscenter an, und nein, er kauft sich weder

ein neues Auto noch ein Motorrad, diese Dinge interessieren

ihn nicht, er ist kein äußerlicher Mensch.

Er macht sich auch nichts aus Blumen; einmal hat

er zu Rita gesagt, als diese im Garten Rosen schnitt,

ich hasse Blumen, und sie war in Tränen ausgebrochen.

Und doch kauft er eine gelbe Blume im Topf,

bevor er Kerstin anruft, ihm sei nach Grillen, sie

könnten sich bei ihrem Bruder treffen, was sie davon

halte?

Diese gelbe Blume trägt er wie einen letzten Schutzschild

vor sich, als er Kerstin begrüßt. Seine Lebensgefährtin

liegt zwar im Koma, und dieses Ereignis hat

ihn einmal mehr betäubt, doch er ist nicht untröstlich

– er hat ein Recht auf Leben, auf Liebe; nicht nur

Kerstins Lächeln ist schön, auch ihr Hintern und ihre

Brüste sind es. Er staunt, wie sich alles wiederholt, als

wäre er fünfzehn, und natürlich hat er nichts dazugelernt,

warum auch. Wenn es einen trifft, trifft es einen,

es ist schön zurückzufallen in die Jugend und in ein

irreales Glücksverlangen.

Sie sitzen am Grill, er muss sie andauernd ansehen,

sie feiert im Herbst ihren Vierzigsten, er trinkt viel

und schnell, ihm ist heiß, obwohl er im Schatten sitzt.

Er schwitzt nicht, es ist eher wie eine Glut in seinem

Innern, er weiß nicht mehr, was er sagt, findet die zarte

blaue Ader auf ihrem Handrücken anrührend, legt

seine Hand darüber. Ja, er ist dabei, sich in Kerstin zu

verlieben, und es ist ihm egal, was die Welt von ihm

denkt, er zögert nicht mehr, und Sperling ist noch

sprachloser als sonst, als sie sich vor seinen Augen

küssen.

03.

JUL

2026

ANGELIKA KLÜSSENDORF

TROST

Hardcover mit Schutzumschlag

208 Seiten

24,00 € (D) 24,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07267-0

Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum

Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


36

CÉCILE MURY

PARIS HOLLYWOOD

PARIS

HOLLY

WOOD

CÉCILE MURY



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CÉCILE MURY

INTERVIEW

INTERVIEW

Frau Mury, Sie haben selbst, wie Ihre Heldin

Marianne, jahrelang als Filmjournalistin gearbeitet.

Haben Sie sich in der Zeit auch einmal in

einen Star verliebt, den Sie interviewt haben?

Ja und nein. Anfang der 2000er Jahre, als ich eine

junge Journalistin war, habe ich mich Hals über Kopf

in Russell Crowe verliebt, der damals auf dem Höhepunkt

seines Ruhms und seines Talents stand. Ich

kannte ihn überhaupt nicht, bevor ich Gladiator gesehen

habe, und als ich aus dem Kino kam, war ich

verliebt! Ich habe dann alle Filme nachgeholt, die ich

Ich beschloss, ihn zu überarbeiten und weiterzuschreiben,

und war sofort Feuer und Flamme! Es ist natürlich

kein Zufall, dass mein Held Ben Whyte Neuseeländer

ist, genau wie Russell Crowe. In Erinnerung an meine

damalige Schwärmerei habe ich sogar hier und da viele

andere Anspielungen in den Roman eingebaut ...

Welchen Star würden Sie gerne interviewen?

Nun, abgesehen von Russell Crowe würde ich zum

Beispiel gerne Mark Ruffalo treffen, dessen Talent

und politisches Engagement ich bewundere.

ICH WERDE MICH IMMER AN DIE GROSSE,

UNANGENEHME STILLE ERINNERN, DIE

DARAUF FOLGTE, UND DARAN, WIE

SCHNELL ICH DAVONRANNTE UND EIN

UNVERSTÄNDLICHES »AU REVOIR« STAMMELTE!

verpasst hatte, insbesondere Brokeback Mountain und

L.A. Confidential, und bin dann zu einer Pressekonferenz

gegangen, die er anlässlich des Kinostarts von

A Beautiful Mind in Paris gab. Ich war so aufgeregt

und eingeschüchtert, dass ich mich nicht getraut habe,

auch nur eine einzige Frage zu stellen!

Ist irgendetwas davon in dem Buch zu finden?

Natürlich! Damals inspirierte mich diese jugendliche

Schwärmerei zu der Idee eines umgekehrten

Notting Hill, ganz zufälligerweise mit einer Filmjournalistin

in der Hauptrolle. Ich schrieb ein paar Seiten,

die fast schon Fanfiction waren, und gab dann auf.

Viele Jahre später stieß ich beim Aufräumen wieder auf

diesen Text und hatte viel Spaß beim erneuten Lesen.

Was war Ihr größtes Missgeschick bei einem

Interview mit einem Star?

Ich werde nicht sagen, um wen es sich handelt, aber

vor einigen Jahren, am Ende eines Interviews mit

einem sehr bekannten Schauspieler, beugte er sich

zu mir herüber, um mir eine leichte Umarmung nach

amerikanischer Art zu geben. Leider hatte ich einen

sehr französischen Reflex: Instinktiv gab ich ihm

einen Kuss auf die Wange. Er schlug sich laut auf

seine Wange. Ich werde mich immer an die große,

unangenehme Stille erinnern, die darauf folgte, und

daran, wie schnell ich davonrannte und ein unverständliches

»Au revoir« stammelte! Ich lache noch

immer darüber und habe diesen Fauxpas sogar in

eine Szene meines Romans eingebaut.


39

CÉCILE MURY

LESEPROBE

LESEPROBE

1 Vertigo

Selbst der Teppichboden weiß, dass ich hier nichts

zu suchen habe. Voller Verachtung raschelt er unter

meinen Sneakern. Hôtel Meurice, fünf Sterne, dritte

Etage. Ich streife an vergoldeten Zierleisten entlang

durch einen zu stillen Flur, dessen cremefarbener

Luxus mich komplett zu verschlingen droht.

Fast vermisse ich das Durcheinander, das unten

herrscht. Den von der Rue de Rivoli bis zur Concorde

gesperrten Fußweg. Die Schreie, das Gehupe.

Die Hälfte aller Pariser Polizisten – ich übertreibe

nur ein klein wenig –, ist am Rotieren und hat alle

Hände voll zu tun. Die Fans bilden ein Meer aus

Smartphones, Plakaten mit Liebesbotschaften und

Blumensträußen in Plastikfolie. Die Paparazzi lauern

mit ihren Teleobjektiven in Bazooka-Größe.

Und schließlich die Schaulustigen, die sich vor dem

Hotel die Beine in den Bauch stehen und immer

zahlreicher werden.

»Was ist denn hier los?«, fragen sie.

»Ben Whyte. Angeblich ist er da …«

Natürlich ist er da, dieser Volltrottel. Wegen ihm

musste ich mich durch meine ineinander verkeilten

Konkurrenten kämpfen, als wäre ich bei den Hungerspielen.

Beinahe wäre ich mit einem Absperrgitter

verschmolzen, während ich darauf wartete, dass

einer dieser Aufpasser mit Knopf im Ohr das Foto

auf meinem Presseausweis genau unter die Lupe

nahm, um zu überprüfen, ob ich nicht zu der Sorte

von Hardcore-Fangirl gehöre, das alles dafür tun

würde, um sich dem illustren Objekt seiner Begierde

zu nähern. Dem Zentrum all seiner Träume seit

Teeniezeiten.

Ben Whyte.

Der Schauspieler, den ich heute interviewen muss.

Der große Star meiner Generation.

Ben Whyte mit seinen grünen Augen. Und diesem

Grübchen, das auf einer Wange, nur einer – der linken

–, erscheint, wenn er lächelt.

Himmel, dieses Grübchen.

Himmel, diese Angst.

Das wird mir eine Lehre sein. Ben Whyte hier, Ben

Whyte da. Dazu noch ein Foto (auf dem Pferd, in

voller Rüstung) als Bildschirmhintergrund im Büro

und schon dreh ich am Rad. Stürze mich auf alle seine

Filme. Es ist wie eine Art Pausenbeschäftigung,

die Großhirnrinde auf Standby, zwischen einem

deutsch-serbischen Drama und einer Doku über das

Artensterben. Nach und nach, ohne es zu wollen,

habe ich ihn für mich entdeckt und Anspruch auf

diesen Typ erhoben.

Jeder hat seine kleinen Obsessionen. Man wird ja

wohl gelegentlich noch träumen dürfen. Aber ich

bin Filmjournalistin für L’Œil Hebdo, das bekannteste

Kulturmagazin Frankreichs. Ich hätte die Gefahr

kommen sehen müssen.

Wenn man bei L’Œil arbeitet, hat man nicht nur das

Privileg, in Dauerschleife Stichwortgeberin für die

gleichen Witze zu sein (»Ach so, du arbeitest also

ehrenamtlich?«), man kommt auch den Stars näher.

Zumindest ein wenig. Manchmal. Zum Beispiel

wenn es eine Promotour mit Stopp in Paris gibt.

Dann hat man »eine einmalige Gelegenheit«, wie

die Presseleute sagen.

Und, voilà, schon findet man sich an einem schwülen

Märznachmittag in einem Palast wieder, eingezwängt

am Ende eines Flurs.

Steckt euch eure »einmaligen Gelegenheiten« sonst

wohin.

Suite 312 und 314. Vor den Türen ist das XXL-Plakat

des Blockbusters, den man uns heute andreht, nur

schwer zu übersehen: Hochhausruinen, ein Chaos

aus verbogenen Stahlträgern, die aussehen, als

würden sie den Himmel um Gnade anflehen. Das

Ding heißt Z-End. Z wie Zombies, und, so ein

Mist, leider kein Grübchen: Im Vordergrund steht –

abgewrackt, zerzaust – der letzte Überlebende der

Menschheit und schmollt. Denn das Ende der Welt

ist eine traurige Angelegenheit. Und die Untoten

sind dumm wie Brot.

Gestern Morgen habe ich vergebens versucht, auch

meinen Chefredakteur davon zu überzeugen. Vincent

Teyssier-Turpin – den alle nur VTT nennen, seine


40

CÉCILE MURY

LESEPROBE

Frau und sein Zahnarzt eingeschlossen – hatte mich

in sein Büro gerufen. Mit zuckenden buschigen

Brauen, die bereits grau werden, war er überzeugt

davon, mir das Geschenk des Jahrhunderts zu machen.

»Rate mal, wen du morgen treffen wirst …«

Vielen Dank auch. Nur weil man sich gerne Fotos

vom Himalaya ansieht, heißt das noch nicht, dass

man Lust hat, auf dem Gipfel zu sterben.

Sofort habe ich versucht, mich zu drücken: Z-End

sei schließlich nur ein riesiger virtueller Vergnügungspark

für nekrophile Geeks. Warum sollten wir

helfen, das Ding zu verkaufen, indem wir ein Interview

veröffentlichen? … Brauchen diese Panzer der

globalen Wegwerfkultur wirklich uns dafür? … Hm,

VTT?

Nur dass ich in Wirklichkeit unter Schock stand und

gesagt habe: »Aber Vincent, dieser Film ist unter aller

Kanone.« Er hat an seiner E-Zigarette gezogen –

es gab das gleiche schlürfende Geräusch, wie wenn

man mit einem Strohhalm den Bodensatz eines Glases

aufsaugt – und geantwortet: »Scheiß drauf, er ist

mit Ben Whyte. Zwei Seiten für Montag.«

Es wird meinem Chef und der Mehrheit des internationalen

Publikums nicht gefallen, aber dieser

Typ ist alles andere als ein Geschenk. Wie man in

der Branche sagt: Er ist ein schwieriger Klient. Was

übersetzt so viel heißt wie: Er verspeist Journalisten

zum Frühstück.

2016 hat er eine Livesendung des amerikanischen

Senders NBC einfach so verlassen. Der Moderator

hatte sich in den Kopf gesetzt, ihn kleine Buchstaben

von einer Optikertafel ablesen zu lassen. Es ist

allgemein bekannt, dass Ben Whyte kurzsichtig wie

ein Maulwurf ist. Der Gag ärgert ihn, und er lehnt

ab. Der Moderator insistiert und … findet sich allein

im Studio wieder. Die Tür schlägt zu, Werbeunterbrechung,

Skandal.

Immerhin habe ich nicht vor, ihm eine Brille anzudrehen.

2021 hat er während einer Party auf einer Yacht vor

Saint-Barth das Handy von jemandem über Bord geworfen,

der versucht hat, ihn heimlich zu fotografieren.

Dass er sich mit dem Telefon zufriedengegeben

hat, war nur den anderen Gästen zu verdanken, die

ihn in letzter Minute davon abgehalten haben, sich

in Menschenweitwurf zu üben.

Dann gab es da noch Seoul im letzten Jahr. Im Rahmen

einer Promotour wie dieser hier hat er in einem

Hotel wie diesem hier mit roher Gewalt einen koreanischen

Journalisten, der ihn befragte, am Hemdkragen

aus dem Zimmer befördert.

Da muss es wohl einen Fehler in der Übersetzung gegeben

haben.

Drei Explosionen von mehreren. »Mein Star« ist eine

wandelnde Bombe. Mein Termin ist in zehn Minuten,

und ich höre beinahe das Ticken des Uhrwerks.

Die Suite 312 öffnet sich für die Gruppe der Eingeweihten

und dient als Wartesaal. Rein, raus, es geht

zu wie im Taubenschlag. Die Leute stehen bis auf den

Flur, warten gegen eine Wand gelehnt oder sogar auf

dem Boden sitzend.

Leises Stimmengewirr, gedämpfte Aufregung.

Direkt daneben wird der Zugang zur 314 von zwei

unüberwindbaren Riesen bewacht, mit Anabolika

gedopte Karyatiden in schwarzen Anzügen und mit

rasierten Schädeln. Wenn die beiden ebenfalls Pressemitarbeiter

sind, dann bin ich Spongebob.

Die Tür ist nicht richtig geschlossen. Man vernimmt

das Gemurmel des laufenden Interviews. Plötzlich:

Seine Stimme. Unmöglich, sie mit einer anderen zu

verwechseln. Tief, raumgreifend und mitreißend wie

die Ouvertüre einer Wagner-Oper.

Ich bekomme gleich einen Herzinfarkt.

Ich stehe immer noch eingezwängt im Flur und halluziniere

von einer dreifachen Bypassoperation, als

Françoise Saunier auftaucht, die Pressefrau, die das

Ganze hier organisiert. »Oh, Hallöchen, Marianne!«

Was heißt hier »Hallöchen«? Ich kenne sie kaum.

Trotzdem begrüßt sie mich, als würden wir unsere

freien Abende damit verbringen, uns gegenseitig die

Zehennägel zu lackieren. Ich glaube, sie versucht, ein

bisschen Menschlichkeit in diese riesige Maschinerie

zu bringen. Küsschen rechts, Küsschen links.

Parfümwolke, pudrige Blumen mit einer Kopfnote,

die nach Migräne riecht. Ich betrachte ihre blonden,

kurz geschnittenen Haare, ihre lebhaften Gesten, ihr

Make-up, das die Müdigkeit und die Falten verdeckt.

Ich rechne nach: Sie muss den Job angefangen haben,

als ich in der Vorschule war … Seitdem haben wir uns

bestimmt nicht groß verändert, weder sie noch ich.

Gut für sie, schlecht für mich.

»… für zwanzig Minuten! «


41

CÉCILE MURY

LESEPROBE

Wie bitte?

»Ich sage, dass dich alle beneiden werden! Wir haben

es geschafft, zwanzig Minuten mit Ben für dich rauszuschlagen!

«

Zwanzig Minuten. Ich verstehe nicht recht. Das Ganze

nennt sich »press junket«. Ist eine Werbemaschine

mit Massentierhaltung. Die Hollywood-Version eines

Großmarkts. Jeder bekommt sein gefriergetrocknetes

Interview, in Minischeiben von maximal vier

oder fünf Minuten, und dann: Der/die Nächste, bitte!

Zumindest normalerweise.

Zwanzig Minuten, verdammt. Ich bin nicht bereit.

Ich bin dem nicht gewachsen. Ich habe nicht genügend

Fragen. Ich habe nicht genug Leben, wie es in

den Videospielen heißt.

Ich will nach Hause. Sofort.

Da ich keine telepathischen Fähigkeiten besitze, hört

meine Gesprächspartnerin mich nicht jammern. Sie

glaubt, ich wäre ein wahrer Pro, nicht eine zurückgebliebene

Schülerin, die durch einen Irrtum in einen

Erwachsenen-Job geraten ist. Jeden Augenblick werde

ich enttarnt werden: »Was machst du denn hier?

Hast du deine Mama verloren? «

Doch nein. Im Gegenteil. Strahlend wartet Françoise

Saunier darauf, dass ich ebenfalls ein Lächeln anknipse.

»Du wirst sehen, Ben ist erstaunlich. Sehr sympathisch,

sehr unkompliziert. Ich gehe sogar so weit zu

sagen, dass er authentisch ist …«

Na sicher doch.

Was soll das heißen, »authentisch«? Hier ist nichts

»authentisch«, außer vielleicht das schicke Mobiliar

der Suite 312, in die ich endlich hineinkomme.

Da drinnen ist es viel zu voll. Ich stolpere über Kamerastativbeine,

suche einen freien Platz und finde keinen,

schlängele mich ganz nach hinten durch, wo eine

Art Mittagsbüfett aufgebaut ist. Eine Getränkeauswahl,

Blätterteigteilchen und ein mehrfarbiger Berg

aus Macarons von Ladurée. Ich beiße in ein leuchtend-rotes

Himbeer-Macaron, das ein bisschen klebt,

und bereue es umgehend. Fehlte nur noch, dass ich

mir ein Vampirlächeln zulege.

Kurz bevor sie zu jemand anderem weiterflattert, gibt

mir Françoise Saunier noch den Rest. »Marianne,

vergiss auf keinen Fall: keine persönlichen Fragen.

Die verabscheut er.«

»

ER IST EIN

SCHWIERIGER

KLIENT. WAS

ÜBERSETZT

SO VIEL HEISST

WIE: ER VERSPEIST

JOURNALISTEN

ZUM

FRÜHSTÜCK.

Ts, als würde ich ihn nach der Farbe seiner Unterhose

fragen wollen oder nach seiner bevorzugten Tantrastellung.

Und was, wenn ich diese Abmachung vergesse?

Wenn ich aus Versehen die Grenzen übertrete?

Darf ich ihn zum Beispiel zu seinen Wurzeln befragen,

oder springt er mir dann an die Gurgel? Ben Whyte

ist kein Amerikaner. Bevor er im Alter von neunzehn

Jahren dem Club der Hollywood-Unsterblichen beigetreten

ist, wurde er als ganz einfacher Mensch in

Auckland, Neuseeland geboren. Seitdem ist er auf Erfolgskurs.

Drei Golden Globes, eine goldene Palme in

Cannes, aber noch keinen Oscar.

Notiz an mich: auf keinen Fall die Oscars erwähnen.

Ich schnappe mir einen weiteren Macaron. Diesmal

Vanille, weil das zur Farbe vom Zahnschmelz passt.

Ich lecke mir den Zucker von den Fingern und versuche,

mich ein wenig zu beruhigen. Zu antizipieren,

wie groß die Erleichterung sein wird, wenn es vorbei

ist. Was sind schon zwanzig Minuten in einem ganzen

Leben? Fast nichts. Eine Fahrt in der Métro. Eine

Dusche.

»Keine persönlichen Fragen« und fertig.


42

CÉCILE MURY

LESEPROBE

2 Apokalypse Now

Der Tag neigt sich dem Ende. Ich habe keine Lust,

die Nachttischlampe anzumachen. Oder mich umzuziehen.

Ich bleibe, wo ich bin, zusammengekauert

am Ende meines Bettes, um dort zu vertrocknen. Im

wahrsten Sinne des Wortes: Der Kaffeefleck auf meiner

Jeans ist noch immer nicht ganz verschwunden. Er

verströmt weiterhin den kalten Schauder der Scham.

Das war vorhin auch das Erste, was Ben Whyte begutachtet

hat. Meinen Oberschenkel. Den rechten,

von der Hüfte bis zum Knie bekleckerten.

»Nimm dir was zu trinken«, hatte diese Françoise

gesagt.

Seit zwei Stunden wiederhole ich den Film in Endlosschleife.

Die ewige Warterei, die einen Schal aus

Angst und Ungeduld strickte. Eine Masche rechts

(alles wird gut laufen), eine Masche links (ich werde

sterben). Der große dampfende Becher, den ich gerade

entgegengenommen hatte, als die Organisatorin so

freundlich war, ein letztes Mal hinter mir aufzutauchen:

»Komm. Jetzt geht’s los.«

Ich zuckte erschrocken zusammen.

Aber einen Star lässt man nicht warten. Ich musste auf

der Stelle in die Suite 314 eilen, den Schenkel in Arabica

mariniert. Der Inhalt eines ganzen Bechers, der

wirkte wie ein ganzer Liter. Der Serviettenstapel, den

man mir notfallmäßig gereicht hatte, um das Desaster

aufzusaugen, war keine große Hilfe.

»This is Marianne Corvo, from the French magazine

L’Œil Hebdo. Sie hatte, ähm, einen kleinen Unfall …«

And this is Ben Whyte.

Autsch. Das tat weh.

Der Salon, den ich betreten hatte, sah fast haargenau

so aus wie der, den ich soeben verlassen hatte, ein weiteres

Möbellager mit Louis XV- oder XVI-Stücken,

keine Ahnung, um welchen Bourbonen es sich dabei

genau handelt. Der einzig wahre König ist der Mann,

der nun da thronte. Imposant, unbeweglich und träge

zwischen den feinen Goldverzierungen seines Sessels,

als mache er sich bereit, Recht zu sprechen, das Kinn

auf seine Faust gestützt.

Man konnte meinen, er posiere für das Plakat eines

unveröffentlichten Shakespeare-Dramas. Macht und

Schatten. Fehlten nur noch die Pelze und die schräg

sitzende Krone. Ansonsten schien er mit seinem

»

DER EINZIG

WAHRE

KÖNIG IST

DER MANN.

kurzen Bart aus kastanienbraunen Stoppeln direkt

von Richard III. abzustammen: Ben der Erste, genannt

Der Verdrossene, genauso entgegenkommend

wie eine Zugbrücke während einer Belagerung.

Wie konnte man nur zugleich so massig und so anmutig

sein? Und dazu so unhöflich? Er hatte sich nicht erhoben,

sich weder zu einer Geste noch zu einem Wort

durchgerungen, nicht mal ein »Komm näher, Vettel!«

(Oder wie es in der Originalversion mit Halskrause heißen

würde: »Come forth, thou filthy slob!«) Er glotzte

einfach nur meinen dampfenden Oberschenkel an.

Zu seinen Seiten saßen ein Mann und eine Frau, die

mich, während ich – pitsch-patsch, tropf-tropf – eilig

näherkam, ebenfalls musterten, mit diesem zerstreuten

Ekel, den man normalerweise für die großen Insekten

übrighat, die an Sommerabenden verliebt um

die Straßenlaternen flattern.

Sie war brünett, er mager. Ich sah sie beide verschwommen.

Françoise Saunier versuchte, sie mir vorzustellen. Leute

von Golden Lion, das große Studio, das den Film produzierte.

Normal. Man trifft Stars dieses Kalibers nicht

ohne ein paar Sicherheitsvorkehrungen. Allerdings

habe ich weder ihre genauen Funktionen noch ihre

Namen mitbekommen. So, wie meine Seele und meine

Haut in dem Augenblick in Flammen standen, erinnerte

ich mich kaum an meinen eigenen.

Es gibt nichts Verstörenderes, als einen Unbekannten

wiederzuerkennen. Ben Whyte sah nur einen Kaffeefleck,

ich sah nur seine Rollen. Alle versammelt in einem

Körper, alle im selben Sessel sitzend. Jedes Detail


dieses Gesichts erschien mir vertrauter als mein eigenes

Spiegelbild. Das ein wenig zu lange Kinn, der

schöne Angeberkiefer. Die Oberlippe gerade schmal

genug, um Lust zu machen, in die untere, vollere,

zu beißen. Die gerade Nase, geblähte Nasenlöcher,

Nüstern des Zorns.

Und die Augen, vor allem die Augen. Langgezogen,

schmal, gesenkte Lider. Geprügelter Hund. Aber

kein Köter, ob misshandelt oder nicht, hatte diesen

waldgrünen Blick. Moos, Bergbach und Tannen. Das

Territorium eines Wolfes.

Wen interessieren schon meine Cineastinnen-Illusionen?

Der Wolf war kein zahmes Tier, sondern eine

gefährliche Spezies. Und dieses Exemplar ganz besonders,

da es sich in seinem goldenen Käfig zu Tode

langweilte. Als die Pressedame verschwand, damit

wir »unter uns« sind, widerstand ich tapfer dem Impuls,

mich an ihren Rockzipfel zu klammern. Die Tür

fiel wie eine Gefängniszellentür mit einem kleinen

Klicken ins Schloss.

Ich dachte, es sei eine gute Idee, mich langsam mal auf

die erstbeste Sitzgelegenheit niederzulassen.

Die erstbeste Sitzgelegenheit war ein Mensch.

Ein vierter Fiesling fläzte sich in der Ecke des Sofas.

Schwer zu übersehen, und trotzdem habe ich ihn einfach

mal mit einem Kissen verwechselt. Als ich mich

schwer auf seine Knie plumpsen ließ, entfuhr allen ein

kleiner Schrei, inklusive mir. Wie von der Tarantel gestochen

sprang ich auf und stieß gegen den Couchtisch.

Wackeln. Klirren. Ein Glas rollte bis zum Rand der

Tischplatte.

»Oh, God«, entfuhr es Ben Whyte.

Eines Tages werde ich das Ganze vielleicht als eine

lustige Anekdote erzählen. Die Art von Geschichte,

die man gerne am Ende des Abendessens zum Besten

gibt, um die Zuhörer zu amüsieren. »Au ja, Marianne,

erzähl uns doch noch mal, wie du dich damals auf Ben

Whyte gesetzt hast!« Und ich: »Leute, Leute, nicht

auf Ben Whyte, nicht auf Ben Whyte. Aber wartet,

lieber von vorne …«

Eines Tages, allerdings nicht heute Abend und auch

nicht in naher Zukunft. Heute Abend sitze ich grübelnd

im Dunkeln und kann gerade so den Drang

unterdrücken, in eine Mülltonne zu steigen, den Deckel

zu schließen und auf die städtische Müllabfuhr

zu warten.

03.

JUL

2026

CÉCILE MURY

PARIS HOLLYWOOD

Aus dem Französischen

von Isabelle Toppe

Klappenbroschur

496 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06878-9

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44

FINSTER

AND

THOMAS DURCHSCHLAG

FINSTERLAND

an ihrem ersten Tag in der neuen

Dienststelle geraten die Polizeischüler

Mila Elias und Tom Schmidt in einen

ANDGleich

verstörenden Fall: Bei der Haushaltsauflösung

ihres Vaters entdeckt eine Frau in

einer Tiefkühltruhe die sterblichen Überreste

mehrerer Frauen. Der Fund steht

in Verbindung mit zwei alten Verbrechen

- dem Verschwinden einer Schülerin

und dem Mord an einer Prostituierten.

Offiziell gilt der Täter als tot. Doch Mila

zweifelt daran, dass er allein gehandelt

hat. Gegen den Willen ihrer Vorgesetzten

ermittelt sie weiter - und folgt einer

Spur zu jemandem, der sie längst selbst

ins Visier genommen hat …

THOMAS DURCHSCHLAG


45

THOMAS DURCHSCHLAG

INTERVIEW

INTERVIEW

Lieber Thomas, die Geschichte ist vom Fall

Manfred Seel inspiriert. Was hat dich gerade

an diesem Fall fasziniert?

Der faszinierendste Aspekt an dem echten Fall ist für

mich, dass es dem Täter gelungen ist, mutmaßlich

über Jahrzehnte, ein unentdecktes Doppelleben zu

führen. Dass seine Taten erst nach seinem Tod entdeckt

wurden. Das ist einfach unfassbar, und man

denkt darüber nach, wie so etwas möglich war und

ob es vielleicht noch andere Täter unter uns gibt, die

ähnlich geschickt vorgehen, und die bislang nicht zu

fassen waren.

Wie hast du entschieden, was du übernimmst

und was du bewusst verfremdest, um nicht

»am echten Fall entlang« zu erzählen?

Im Grunde habe ich nur zwei Aspekte der Ausgangsbasis

übernommen: Dass nach dem Tod des Täters

Leichenteile in seiner Garage entdeckt wurden und

dass die Ermittler von einem zweiten Mittäter ausgehen.

Danach ist alles fiktiv. Meiner Meinung nach

lassen sich echte Fälle nur sehr bedingt eins zu eins

in eine fiktive Erzählung übertragen. Fiktion braucht

Überhöhung und Zuspitzung. Es sind Geschichten,

die »larger than life« sein müssen, sonst fehlt beim

Lesen der Sog. Was Mila und Tom in wenigen Wochen

erleben, ist in der Wirklichkeit ein Ausnahmefall.

So etwas hat man als Ermittler vielleicht einmal

im Berufsleben, wenn überhaupt.

Welche Details aus deinen Recherchen bei

Polizei und Staatsanwaltschaft sind in Szenen

eingeflossen?

Ich habe einiges von der Sprache übernommen. Polizei

und Staatsanwaltschaft verwenden teilweise sehr

spezifische Begriffe, mit denen sie Sachverhalte beschreiben.

Das ist eine ganz eigene Welt, die ich sehr

spannend finde. Ich habe mir auch angewöhnt, auf

dem Schreibtisch eine kommentierte Ausgabe der

Strafprozessordnung zu haben, in der die Befugnisse

und auch Einschränkungen der Behörden präzise beschrieben

sind.

Warum stehen mit Mila und Tom ausgerechnet

zwei Polizeischüler im Zentrum und was

können sie erzählen, was ein routinierter

Kommissar als Hauptfigur nicht könnte?

Die zentralen Treiber einer Geschichte sind immer

Konflikte, und ich wollte zwei Hauptfiguren haben,

die gegen möglichst große Widerstände kämpfen

müssen. Mila und Tom befinden sich ja noch in der

Ausbildung und gehören deshalb noch nicht hundertprozentig

zur Polizei, genau wie auch Herbert, der

als Rentner schon ausgeschieden ist. Mila und Tom

kämpfen daher nicht nur gegen den Täter, sondern

auch gegen Bürokratie und ein hierarchisches System,

in dem sie sich erst noch etablieren müssen. Durch ihre

Regelverstöße gehen sie ein besonders hohes Risiko

ein, weil sie dadurch ganz klar ihre Karrieren riskieren.

Bei einem routinierten Kommissar würden diese

Konflikte anders ablaufen. Das könnte auch interessant

sein, aber ich fand die Perspektive junger Leute

spannend, weil sie noch neugierig sind und ihren

Platz in der Welt erst finden müssen.

Was ist Milas stärkste Fähigkeit – und was ihr

gefährlichster blinder Fleck?

Mila kann sich gut in andere hineinversetzen, hat

aber gleichzeitig einen starken Intellekt, durch den

sie die richtigen Schlüsse ziehen und die Ermittlungen

schnell vorwärtstreiben kann. Milas gefährlichster

blinder Fleck ist ihr Misstrauen, verbunden mit

dem Gefühl, sich ständig gegen alle durchsetzen zu

müssen. Dadurch fällt es ihr schwer, lange und tiefe

Bindungen einzugehen. Dass es mit Tom dennoch zu

einer Partnerschaft kommt, ist für Mila ein Schritt,

der ihr viel Mut abverlangt.

Der Leser ist geneigt, Tom zunächst als

»Papasöhnchen« und Milas Gegenpol

abzutun – was kannst du uns über seine

Persönlichkeit verraten?

Unter diesem Vorurteil leidet Tom seit seiner Jugend,

und er tut alles, um dem nicht zu entsprechen. Er will

seine Karriere nicht geschenkt bekommen, sondern


46

THOMAS DURCHSCHLAG

INTERVIEW

sie sich durch eigene Leistung erarbeiten. Neben dem

Willen, endlich aus dem Schatten seines Vaters herauszutreten,

ist sein stärkster Wunsch, sich zu beweisen

und dafür Anerkennung zu bekommen. Was

diesen Punkt anbelangt, ist er statt Milas Gegenpol

eher die andere Seite derselben Medaille.

Neben der packenden Spannungshandlung

ist auch das Geheimnis um Milas Vergangenheit

emotional ein sehr starker Twist. Wie

kamst du auf die Idee? Inwiefern beeinflusst

es ihre Persönlichkeit?

Bei der Entwicklung einer neuen Figur frage ich mich

immer, was das Schlimmste wäre, was ihr passieren

könnte. Wovor fürchtet sie sich am meisten? Was

würde sie am stärksten aus der Bahn werfen? Bei Mila

ist es dieser Punkt ihrer Biografie. Er bietet eine gute

Grundlage für ihr Misstrauen, das Gefühl der Verlorenheit

und ihre Suche nach Halt.

Mila bewegt sich ja beruflich in einer Welt, die aus

Abgründen und verborgenen Geheimnissen besteht.

Ich fand es passend, in eine solche Welt eine Figur zu

schicken, die, einem Spiegel gleich, ebenfalls etwas

Unentdecktes in sich trägt.

DNA-Manipulation ist ein harter Vorwurf. Wie

vermeidest du, dass es wie »alle sind korrupt«

wirkt – und für wie glaubwürdig hältst du es,

dass so etwas überhaupt möglich wäre?

Ich erzähle ja die Geschichte einer Ermittlung, an deren

Ende der Täter tatsächlich gefasst wird. Dass es

auf dem Weg dahin auch Korruption gibt, halte ich

für völlig normal. Ich glaube auch nicht, dass man

durch das Fehlverhalten Einzelner das ganze System

infrage stellen sollte, sondern sehe es eher als Aufforderung,

ständig wachsam zu sein.

Was den Austausch von DNA anbelangt, habe ich bei

meinen Recherchen zwei Sichtweisen kennengelernt.

Die einen halten es für völlig ausgeschlossen, die anderen

für problemlos möglich. Die Wahrheit wird

wohl irgendwo dazwischen liegen. Ich weiß aber auch,

dass die neue, gemeinsame Asservatenkammer der

Frankfurter Polizei und der Staatsanwaltschaft eine

Revisions- und Manipulationssicherheit von hundert

Prozent haben soll. Dort wäre ein Austausch in Wirklichkeit

wohl eher schwierig.

Welche Orte, Milieus oder Details machen für

dich den Raum Frankfurt/Hessen »thrillertauglich«

– und was ist daran für dich spezifisch

deutsch (nicht austauschbar gegen z.B.

London/NY)?

Das Reizvolle an Frankfurt sind die Gegensätze, die

hier auf engstem Raum kollidieren. Die Hochhäuser

der Banken in der Innenstadt und wenige Minuten

entfernt Milieus, in denen die Stadt ihre Schattenseiten

zeigt. Das Bahnhofsviertel mit Rotlicht und

Straßenkriminalität, der Flughafen als Tor zur Welt.

Überall prallen unterschiedlichste Interessen aufeinander

und sorgen für Konflikte. Dazu kommt das

Umland: die kleinen Städte im Speckgürtel und der

Taunus. Alles Orte, die nach Ruhe aussehen und dadurch

perfekte Verstecke für Verbrechen sein können.

Diese Mischung aus globaler Metropole und sehr bürgerlicher

Provinz ist für mich typisch deutsch. Dazu

kommen die hessischen Wälder, die an vielen Orten

etwas Märchenhaftes haben und eine Faszination ausstrahlen,

der man sich nur schwer entziehen kann.

Zudem ist Hessen von sechs anderen Bundesländern

umgeben, sodass sich fast automatisch Zuständigkeitskonflikte

ergeben, was Ermittlungen über Ländergrenzen

hinweg betrifft. Das ist ein Thema, das ich in

zukünftigen Bänden auch unbedingt aufgreifen will.

Spilles, Senner, Voigt, Werhahn – du legst

mehrere plausible Täterspuren. Wie planst

du so etwas: erst Täter festlegen und dann

falsche Fährten bauen, oder beim Schreiben

entdecken?

Es ist eine Mischung aus beidem und verändert sich

beim Schreiben auch. Meist habe ich zu Beginn eine

Ahnung, wie es sein könnte, und passe die einzelnen

Schritte dann kontinuierlich an. Dabei ist für mich

am wichtigsten die ständige Überraschung. Die Leser

müssen eine Ahnung haben, wie es sein könnte, nur

damit dann das Gegenteil passiert. Oft fallen mir auch

Wendungen ein, von denen ich selbst überrascht bin

und auf die ich mich dann auch neu einlassen muss.

Was ist dein persönlicher Lieblingsthriller?

Immer noch »Die geheime Geschichte« von Donna

Tartt. Für mich ein zeitloses Buch, das bei jedem Lesen

erneut fasziniert.


47

THOMAS DURCHSCHLAG

LESEPROBE

LESEPROBE

1.

»Guten Morgen zusammen!«

Mila drehte sich zu der dunklen, vollen Stimme um

und blickte in die Augen von Stefan Wolf, der gerade

hereinkam. Er nickte ihr zu. Wolf war um die fünfzig,

hatte die grauen Haare kurz geschnitten und die

Aura eines Mannes, der es gewohnt war, das Sagen zu

haben. Wie bei ihrer ersten Begegnung trug er einen

dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd und hellbraune

Lederschuhe, die frisch geputzt im Licht der

LED-Röhren glänzten.

Vor fünf Wochen hatte er sie mit seinen Fragen regelrecht

gegrillt. Warum sie hierher wolle? Ob sie leicht

zu erschüttern sei, und warum sie glaube, für diese Art

Job geeignet zu sein? Und vor allem: Was ihre Motivation

wäre? Mila hatte geantwortet, dass Deutschland

ihre Eltern und sie aufgenommen und sie den

Wunsch habe, der Gesellschaft dafür etwas zurückzugeben.

Sie fand ihre Antwort ganz okay, aber der

Wahrheit entsprach sie nicht. Den wirklichen Grund

kannte Mila selbst nicht. Als Tochter von Flüchtlingen

war sie während der Schulzeit ein Magnet für

Provokationen und Handgreiflichkeiten ihrer Mitschüler

gewesen, was sie schnell sensibel für unfaires

Verhalten gemacht hatte – auch anderen gegenüber.

Das war etwas, mit dem sie nur schwer klarkam. In

diesen Momenten regte sich bei ihr eine innere Stimme,

dagegen etwas zu tun. Mila hatte immer gespürt,

dass ihr Wunsch, Polizistin zu werden, tief in ihrer

Vergangenheit wurzelte. Doch sie hatte nicht den

Mut gefunden, es Wolf direkt zu sagen. Vielleicht lag

es daran, dass er während ihres Gesprächs keinerlei

Gefühlsregung gezeigt hatte. Für Mila wirkte das wie

ein Schutzpanzer. Ein Panzer, den jemand brauchte,

der ständig mit Lügen konfrontiert wird.

Während die anderen sich setzten, blieb Wolf stehen.

Er kam direkt zur Sache.

»Heute Morgen erhielt der Notruf in Hofheim einen

Anruf von einer Frau aus Schwalbach am Taunus,

die den Haushalt ihres verstorbenen Vaters auflöst.

CEBIUS hat den Anruf um 7:58 Uhr aufgenommen.

Die Frau gab an, in der Kühltruhe einen weiblichen

Kopf und vier Hände gefunden zu haben.«

Mila spürte eine prickelnde Welle der Erregung ihren

Nacken hinabrollen. Ein Mordfall an ihrem ersten

Tag war genau das, was sie sich erhofft hatte.

»Die Kriminalwache Hofheim hat den Sicherungsangriff

vorgenommen. Tatverdächtiger ist der ehemalige

Hauseigentümer und Vater der Anruferin,

Markus Biehl. Geboren dreißig null neun einundsechzig,

Idstein im Taunus. Verstorben vor drei Wochen in

Schwalbach. Natürliche Todesursache. Lungenkrebs.«

»Hat er Akte?«, fragte Astrid.

»Nein. Laut Finanzamt Anbieter eines Hausmeisterservices.

Nichts Auffälliges. Wir übernehmen jetzt

den Tatort. Neben dem Grundstück gibt es noch eine

Doppelgarage und zwei Kfz. Dafür haben wir ebenfalls

einen Beschluss. Aktenführung übernimmt Harald.

Andreas und Kirsten: Ihr macht das Tatortteam.

Astrid, Michael und Achmed sind das Ermittlungsteam.

ED und KTI schickt das LKA. Die Kripo Hofheim

stellt einen Seelsorger.«

»Gibt es noch andere Angehörige? Was ist mit seiner

Frau?«, fragte Michael.

Wolf schüttelte den Kopf. »Die Frau ist ebenfalls verstorben.

War bis zu ihrem Tod vor einem Vierteljahr

mit ihm verheiratet.«

Mila beugte sich zu Astrid und flüsterte: »Und was

sollen wir tun?«

»Macht euch Notizen und sammelt Eindrücke«, antwortete

sie leise. »Wenn ihr etwas von Belang seht,

dann sagt es mir. Fasst nichts an, es sei denn, ihr werdet

dazu aufgefordert. Ansonsten versucht ihr, nicht

im Weg herumzustehen.«

»Wir sollen nur dabei sein und zuschauen?«, fragte

Tom einen Tick zu laut.

»Ich denke, ich habe mich klar genug ausgedrückt«,

zischte Astrid. »Vermasselt es nicht. Verstanden?«

»Verstanden«, erwiderte Mila leise. Aus dem Augenwinkel

sah sie, dass auch Tom nickte. Dass sie im Wesentlichen

die Rolle der Beobachter hatten, war für

Mila genau das Richtige. So konnte sie in Ruhe eigene

Eindrücke sammeln.


48

THOMAS DURCHSCHLAG

LESEPROBE

»Das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft führt der

Kollege Voigt. Weil wir nicht wissen, was uns in dem

Haus sonst noch erwartet, sind wir mit großem Besteck

da. Los geht’s!«

2

Die Fliehkräfte pressten Mila gegen den Kollegen

auf der Rückbank links neben ihr, als der schwarze

Mercedes-Sprinter in einer scharfen Rechtskurve

die Tiefgarage verließ und auf die Miquelallee Richtung

A66 einbog. Die unerwartete Nähe war ihr

unangenehm, doch der Mann – Mila glaubte, dass

es der war, der Harald hieß – sagte kein Wort. Alle

im Wagen schwiegen. Jeder schien seinen eigenen

Gedanken nachzuhängen. Mila spürte die Anspannung

wie eine unsichtbare Faust, die nach ihrem

Herz griff.

In der Innentasche ihrer Jeansjacke ertastete Milas

Hand ein kleines Fläschchen japanisches Minzöl.

Falls es gleich zu heftig werden sollte, würde sie sich

davon einige Tropfen unter die Nase reiben. Den

Tipp hatte ihnen ihre Ausbilderin in Kriminalistik

gegeben.

Mila schaute auf die Uhr, als sie den Ortseingang

von Schwalbach erreichten. Es war 10:23 Uhr. Die

Straßen hier waren schmal, und ihre Ränder säumten

Einfamilienhäuser mit gerade geschnittenen

Hecken. Je näher sie dem Fundort kam, desto stärker

spürte Mila den Druck, mit dem ihr Körper das

Adrenalin in die Adern pumpte.

Durch die Windschutzscheibe sah sie, dass der Wagen

in eine Sackgasse einbog. Hier waren die meisten

Häuser freistehend. Durch die Lücken zwischen ihnen

erblickte Mila einen Traktor, dessen Anhänger

Gülle auf den Feldern hinter der Straße versprühte.

Der Wagen stoppte vor dem letzten Haus. Als Mila

ausstieg, hörte sie bereits das blau-weiße Polizeiabsperrband

leise im Wind flattern. Dahinter stand ein

Anwohner im Rentenalter mit Bauch, Hawaii-Shirt

und einer Brötchentüte unter dem Arm. Irritiert beäugte

er die Armee aus Streifen- und Mannschaftswagen,

die plötzlich in sein Dorf gekommen war und nun

ein unscheinbares Einfamilienhaus umringte. Der

Bungalow aus den Sechzigern hatte ein Flachdach,

weiß gestrichene Wände und eine Doppelgarage. Vorgarten

und Einfahrt waren mit rotbraunen Ziegelsteinen

gepflastert, perfekt gepflegt, kein Unkraut.

Milas Blick fiel auf eine etwa vierzigjährige Frau, die

hinter einem mobilen Sichtschutz kauerte. Sie war

umringt von zwei Sanitätern und dem Seelsorger,

einem Uniformierten mit Kreuz als Ärmelabzeichen.

Mit zitternden Händen zündete sie eine Zigarette an

und inhalierte mechanisch den Rauch. Ihr Gesicht

war eine Maske - fahl, ausdruckslos, und mit leeren

Augen, die aussahen wie dunkle Knöpfe. Das musste

die Anruferin sein. Die Tochter des mutmaßlichen

Mörders.

Mila fragte sich, wie es war, einen Vater zu haben,

den man als liebevoll und beschützend kannte, nur

um dann zu erfahren, dass er ein grausamer Psychopath

und Mörder war. Oder hatte er sie womöglich

selbst misshandelt? Egal wie, die Hölle, die diese

Frau seit heute Morgen durchlebte, musste endlos

sein.

»Alle mal herhören!« Astrid zog die Aufmerksamkeit

auf sich. »In der Kühltruhe im Keller befinden

sich ein Frauenkopf und vier abgetrennte Hände in

einer durchsichtigen Kunststoffhülle. Die sichern

wir als Erstes. Die Erkennungsdienstler kleben das

Haus nach Spuren ab, und danach sind wir an der

Reihe. Sucht nach allem, was ein Hinweis auf die

Körperteile und die Opfer sein könnte. Dreht alles

um und nehmt lieber zu viel als zu wenig mit. Nach

dem Haus nehmen wir uns die Garage vor. Fragen?«

Niemand meldete sich. Die sechs Frauen und Männer

des ED-Teams, die hintereinander gehend wie

eine große weiße Raupe aussahen, betraten das Haus.

Falls Mila später an der Akademie über ihre Erfahrungen

berichten sollte, musste sie vorbereitet sein.

Sie holte ein kleines Notizbuch aus ihrer Hosentasche

und begann, die wichtigsten Schritte aufzuschreiben.

Sie machte zudem eine Skizze des Bungalows

und der unmittelbaren Nachbarschaft, um

sich später an Details besser erinnern zu können.

Außerdem notierte sich Mila Fragen, die sie später

mit Astrid besprechen wollte. Besonders interessierte

sie, wie der Kopf und die Hände in das Haus gekommen

waren. Hatte Biehl seine Opfer hier ermordet

und dann vor Ort zerstückelt? Würden sie auf

dem Grundstück noch weitere Leichenteile finden?


Und falls nicht: Wo wäre dann der Tatort, wenn

Biehl den Kopf und die Hände woanders abgetrennt

und erst danach hierher verbracht hatte? Unklar war

auch, wie viele Opfer es waren. Das würden sie erst

nach der rechtsmedizinischen Untersuchung wissen.

Falls die vier Hände von jeweils einer Person stammten,

konnten es zusammen mit dem Kopf bis zu fünf

Opfer sein. Falls es jedoch zwei Handpaare waren

und eines davon zu dem Kopf gehörte, wären es lediglich

zwei Opfer.

»Da sind sie drin!«, sagte Tom, und in seiner Stimme

schwang die gleiche Aufregung mit, die auch

Mila verspürte. Sie hatte ihn zuvor nicht bemerkt

und fragte sich, wie lange er dort schon stand und

ob er ihre Aufzeichnungen gesehen hatte. Sie klappte

ihr Notizbuch zu und schaute nach vorne. Zwei

ED-Männer kamen mit jeweils einer koffergroßen

Kühlbox aus dem Haus und luden sie in den Fond

eines Kombis. Mila spürte einen Kloß im Hals, der

nicht wegging, egal wie oft sie schluckte.

Damit war das Haus freigegeben.

Das Innere war düster. Kleine Fenster mit Gardinen

ließen kaum Licht herein, Mila drehte sich zum

Wandregal. Unterhalb eines Fachs mit Schnaps- und

Likörflaschen stand ein Fotoalbum.

Ein Foto erregte Milas Aufmerksamkeit.

Es zeigte Biehl und seine Frau vor einem Buffet mit

Grillfleisch und Kartoffelsalat. Er biss gerade in eine

Frikadelle und blickte direkt in die Kamera. Mila

hob das Album höher, um seine Augen genauer zu

betrachten. Sie konnte das, was sie darin sah, nicht

eindeutig benennen, aber es hinterließ ein Gefühl

der Enge in ihrer Brust. Sie blickte durchs Fenster

in den blauen Himmel. Egal, ob die Rechtsmedizin

zwei oder fünf Opfer feststellen würde, Mila war

überzeugt, dass hier noch mehr zu finden war.

Sie widmete sich dem restlichen Album und stieß

auf ein Foto von Biehl mit Nachbarn auf zwei blauen

Fässern an einer Bierbank. Es waren Behälter, wie

sie in der Gastronomie für Lebensmittelabfälle verwendet

wurden. Auch Milas Eltern entsorgten darin

Fett und Essensreste ihrer Kunden.

»Schau mal«, sagte Mila und drehte die Seite zu

Andreas. Dabei tippte sie auf die Fässer. »Seltsam,

oder?«

02.

OKT

2026

THOMAS DURCHSCHLAG

FINSTERLAND

Klappenbroschur

480 Seiten

15,00 € (D) 15,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06991-5

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SIBYLLE ANDERL

BEQUEME NEUE WELT

SIBYLLE ANDERL

BEQUEME

NEUE

WELT

SACHBUCH


51

SIBYLLE ANDERL

INTERVIEW

INTERVIEW

Viele Menschen verbinden die moderne Welt

eher mit Stress und Überforderung. Warum

zeichnet sie sich Ihrer Meinung nach durch

Bequemlichkeit aus?

Tatsächlich hängt beides zusammen: Stress und

Überforderung liefern für uns nicht selten eine innere

Rechtfertigung, die bequemere Lösung zu

wählen, obwohl wir eigentlich wissen, dass die anstrengendere

die bessere wäre. Das fängt bei der

abendlichen Bestellung von Fast Food an, obwohl

selbst zu kochen viel besser wäre, geht weiter, wenn

wir uns am liebsten mit Gleichgesinnten umgeben,

weil wir keine Lust auf anstrengende Diskussionen

haben. Und es reicht schließlich bis zu den ganz großen

existentiellen Fragen. Zum Beispiel, wenn wir

der Auseinandersetzung mit Alter und Krankheit

aus dem Weg gehen.

Ist Bequemlichkeit immer schlecht? Wenn

wir uns Anstrengung abnehmen lassen,

haben wir doch mehr Kapazitäten für andere

Dinge frei.

Ab und zu Mühen aus dem Weg gehen zu wollen, ist

natürlich völlig normal. Allerdings leben wir heute in

einer Welt, in der unserer Sehnsucht nach Bequemlichkeit

so einfach zu folgen ist wie nie zuvor. Das ist

nicht immer gut für uns und macht uns zudem leicht

manipulierbar.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Ein aktuelles Beispiel sind die mittlerweile bei jeder

Suchmaschinen-Anfrage im Internet oben eingeblendeten

KI-Antworten. Die ersparen es uns, mühsam

auf Links zu klicken und die Qualität der Quellen

zu beurteilen. Dafür aber müssen wir uns darauf

verlassen, dass die KI nichts Falsches schreibt und

dass sie verlässliche Informationen nutzt. Zudem

erlauben wird den entsprechenden Digitalunternehmen

noch stärker als beim klassischen Googeln,

darüber zu entscheiden, welche Informationen wir

zu sehen bekommen – und machen sie dadurch noch

mächtiger.

Sie kennen sich sowohl in den Natur- als auch

in den Geisteswissenschaften aus. Inwiefern

hat Ihnen das geholfen, dieses Buch zu

schreiben?

Das Buch ist notwendigerweise interdisziplinär. Da

es um menschliches Verhalten geht, spielt natürlich

die Psychologie eine wichtige Rolle. Da unser Hang

zur Bequemlichkeit heute an vielen Stellen durch

technische Lösungen bestärkt wird, müssen wir

uns natürlich auch damit beschäftigen. Schließlich

führt die Frage, warum sich das Unbequeme lohnt,

in die Philosophie: Warum brauchen wir die kontroverse

Auseinandersetzung mit anderen? Was würde

es bedeuten, wenn wir nicht mehr lernen müssten?

Was gibt uns Sinn im Leben? Wir Menschen stehen

heute vor großen Herausforderungen. Die können

wir nur meistern, wenn wir die naturwissenschaftliche

und die geisteswissenschaftliche Perspektive

kombinieren.

Wenn Sie dafür plädieren, sich anzustrengen,

sich etwas zuzumuten – winkt uns auch eine

Belohnung?

Natürlich. Die Erfahrung machen wir ja auch

selbst, wenn wir uns mal überwinden: Wir entdecken

Unerwartetes, lernen Neues, verstehen Dinge

besser, bekommen ein umfassenderes Bild der

Welt und führen insgesamt ein reicheres Leben.

Aber auch in einer größeren Perspektive muss man

sagen: Wenn wir eine gute Zukunft für alle wollen,

dann werden wir die nicht durch Bequemlichkeit

erreichen.

Gibt es eine Bequemlichkeit, auf die Sie selbst

häufig oder dauerhaft verzichten – und was

machen Sie stattdessen?

Tatsächlich schreibe ich noch alle Texte und E-Mails

selbst und lese Bücher von vorne bis hinten, ohne von

KI erstellte Zusammenfassungen zu nutzen. Und ich

bestelle nichts im Internet, aber das zählt eigentlich

nicht, weil das vor allem daran liegt, dass ich grundsätzlich

nicht gerne einkaufe.


52

SIBYLLE ANDERL

VITA

VITA

Sibylle Anderl ist eine preisgekrönte Wissenschaftsjournalistin.

Wie wenige andere Autor:innen ist

sie in Natur- und Geisteswissenschaften gleichermaßen

zu Hause und weiß beides unterhaltsam

zu vermitteln. Nach dem Studium der Physik und

Philosophie promovierte und forschte sie im Fach

Astrophysik. Sie war Redakteurin im Feuilleton der

FAZ und Leiterin des Wissenschaftsressorts in

FAZ und FAS; seit 2024 leitet sie das Ressort

»Wissen« bei der ZEIT. Außerdem ist sie Mitherausgeberin

der Kulturzeitschrift Kursbuch

und moderiert Wissenssendungen im Fernsehen.

In DIE ZEIT schreibt Anderl über KI, Erkenntnistheorie

und Wissenschaftskultur und verbindet

interdisziplinäre Perspektiven auf Technik und

Gesellschaft. Mit klarer Sprache und kritischem

Blick macht sie komplexe Zusammenhänge verständlich

und diskutiert die Rolle des Menschen

im digitalen Zeitalter.


53

SIBYLLE ANDERL

LESEPROBE

LESEPROBE

Wagt das Unvorhergesehene!

Urlaub machen ohne Internet? Das kann man sich

heute kaum noch vorstellen. Wie hat man früher das

beste Hotel gefunden? Woher wusste man, ob der

Strand wirklich so nah gelegen ist, wie im Reiseprospekt

behauptet? Wie hat man die günstigste Reiseverbindung

ermittelt? Wie hat man Freunde und Familie

genügend engmaschig über die Reise auf dem

Laufenden gehalten? Was hat man gemacht, wenn

man sich im fremden Land verfuhr?

Sich gedanklich in die Lage eines Reisenden vor

dreißig oder vierzig Jahren zu versetzen, fällt uns

schwer. Daran ändert es auch nichts, wenn man –

wie ich – die Zeit ohne Laptop und Handy noch

selbst erlebt hat. Ich erinnere mich gut daran, wie ich

zusammen mit meinen Eltern Reisekataloge durchgeblättert

habe. Und daran, wie gleich zu Beginn der

Reise ernste atmosphärische Verstimmungen aufkamen,

wenn der Beifahrer den passenden Seitenanschluss

im ADAC-Reiseatlas zu spät gefunden hatte,

so dass die entscheidende Autobahnabfahrt schon

verpasst war. Aber wie haben meine Eltern zum Beispiel

diese kleine und sehr sympathische Pension

in Südtirol entdeckt, die sicher in keinem Katalog

verzeichnet war? Oder wie haben sie 1990 nach der

Maueröffnung unsere ersten Reisen nach Sachsen

und Thüringen organisiert? Ich habe keine Ahnung.

Heute haben wir Zugriff auf eine kaum noch überschaubare

Menge von Informationsquellen. Ob dadurch

Urlaub besser oder schlechter geworden ist,

wird in Online-Foren kontrovers diskutiert. Klar ist:

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unser Umgang

mit Unsicherheiten enorm verändert, Urlaubsplanung

ist da nur ein Beispiel von vielen. Wer will,

kann bevorstehende Aktivitäten – vom Zoobesuch

am Wochenende bis zum Zahnarzttermin am anderen

Ende der Stadt – minutiös vorausplanen. Das

ist wahnsinnig praktisch, insbesondere wenn man

Informationen über Barrierefreiheit braucht oder

sich unsicher fühlt. Und es kommt unserem menschlichen

Drang entgegen, den Verlauf der Dinge vorhersagen

zu wollen.

Dieser Drang ist stark. Manche Wissenschaftler sagen,

dass er den Kern unserer Intelligenz ausmacht.

Demnach ist unser Gehirn im Grunde eine Vorhersagemaschine.

Predictive Coding ist eine populäre

Theorie der Hirnforschung, die diesen Gedanken

genauer ausführt. Das Gehirn erstellt demnach ein

mentales Modell der Umwelt, mit dem es künftige

Sinneswahrnehmungen und Ergebnisse von Handlungen

prognostizieren kann. Anders gesagt: Wir

Menschen treten der Welt mit einer Menge sehr

spezifischer Erwartungen entgegen.

Die meisten Erwartungen wirken dabei unbewusst.

Wir machen uns zum Beispiel normalerweise keine

Gedanken über unsere Annahme, dass Dinge nicht

einfach so wegfliegen – Astronauten müssen sich

bei ihrem ersten Aufenthalt in der Schwerelosigkeit

dann aber mühsam von dieser Erwartung verabschieden,

wenn sie nicht ständig ihr Werkzeug

suchen wollen, wie mir der zwölfte deutsche Raumfahrer

Matthias Maurer einmal berichtet hat.

Tatsächlich sind unsere Erwartungen an die Welt

unglaublich vielschichtig. Wir erwarten, dass die

Tastatur unter unseren Fingern einen Widerstand

gibt, dass Wasser neutral schmeckt, dass der Bekannte

mich per Handschlag begrüßt, wenn ich

ihm zum Gruß die Hand hinhalte. Wenn diese Erwartungen

enttäuscht werden, irritiert uns das. Die

Wahrnehmung passt nicht. Wir werden aus unseren

Routinen gerissen. Wir bekommen gewissermaßen

eine Erwartungs-Fehlermeldung.

Die Funktionsweise des Gehirns ist so ausgerichtet,

dass solche Fehler möglichst zu vermeiden sind. Denn

wer schon weiß, was künftig geschehen wird, hat einen

evolutionären Vorteil. Organismen müssen sich

darauf verlassen, dass sie auf Umweltveränderungen


54

SIBYLLE ANDERL

LESEPROBE

Allerdings ist es unmöglich, alles erfolgreich vorherzusagen.

Die Welt ist kein mechanisches Uhrwerk,

schon kleinste Details und Geschehnisse, über

die wir gar nichts wissen können, sind in der Lage,

völlig unvorhersehbare Ereignisketten mit drastischen

Folgen in Gang zu setzen. Oftmals können

wir daher allenfalls Wahrscheinlichkeiten angeben.

Aber für die zumindest entwickeln wir im Laufe unseres

Lebens auf der Grundlage vergangener Erfahrungen

ein ganz gutes Gefühl. So weiß ich, dass mir

wegschwebende Gegenstände im windstillen Zimmer

gravierende Sorgen bereiten sollten – sofern ich mich

nicht auf der Internationalen Weltraumstation befinde.

«

WER Z U

DETAILLIERT

PLAN T, GEHT

DAS RISIKO EIN,

VON DEN

KLEINSTEN

HINDERNISSEN

AUS DEM

KONZEPT

GEBR ACHT Z U

WERDEN.

so reagieren können, dass ihr Überleben nicht gefährdet

ist, oder sie diese sogar nutzen können.

Pflanzen nehmen etwa die länger werdenden Tage

und wärmeren Temperaturen im Frühling als Hinweis,

dass sie nun neue Blätter austreiben können,

ohne dass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit sofort

wieder erfrieren.

Wir führen heute ein Leben, wo es in den seltensten

Fällen unsere Existenz gefährdet, wenn sich die

Dinge nicht unseren Erwartungen fügen. Es bleibt

aber anstrengend. Wenn alles unseren Erwartungen

gemäß läuft, wenn also das Modell funktioniert, das

unser Gehirn von der Welt erstellt hat, können wir

uns ganz auf unsere Intuition und unser Bauchgefühl

verlassen. Aber wenn etwas nicht wie erwartet funktioniert,

dann startet in unserem Kopf die rationale

Analyse des langsamen Denkens, wie Daniel Kahneman

es nennt, um die Kontrolle wiederzuerlangen:

Wie muss ich reagieren? Was ist schiefgelaufen? Wo

habe ich mich geirrt? Was mache ich jetzt? Das dauert

und braucht zusätzliche Hirnkapazität.

Es spricht vieles dafür, sich mindestens seinen Alltag

(wenn nicht gar den Urlaub) so zu gestalten, dass alles

möglichst erwartungsgemäß und reibungsfrei verläuft.

Zumal es heute, wie eingangs beschrieben, so

einfach wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte

ist, sich auf der Grundlage digital verfügbarer Informationen

ein höchst detailliertes und zuverlässiges

Modell zukünftiger Aktivitäten zu erstellen. Aber

trotzdem gibt es für uns Menschen doch auch ein Zuviel

des Vorhersagenwollens.

Wer zu detailliert plant, geht das Risiko ein, von den

kleinsten Hindernissen aus dem Konzept gebracht

zu werden. Akribische Planung ist das Gegenteil von

Flexibilität, Kreativität und Innovation. Insbesondere

für den erfolgreichen Umgang mit größeren Veränderungen,

wie fast jeder sie regelmäßig beruflich und

privat zu meistern hat, raten Coaches daher dazu, den

Umgang mit Neuem und Unerwarteten zu trainieren.

Gerade wenn sich die Dinge um uns herum verändern,

stehen uns unsere lieb gewonnenen Sichtweisen

und Erwartungen oft im Weg. Die zu ändern, ist aber

nicht so einfach, denn sie helfen uns ja eigentlich, reibungsfrei

durchs Leben zu kommen.

Immerhin gibt es eine Strategie – die aber anstrengend

ist. Sie besteht darin, dass wir uns in Situationen bringen,


in denen die gängigen Erwartungen scheitern. Denn

dann muss unser System reagieren. Es passt sich an das

Neue an, es lernt und entwickelt sich weiter. Man kann

das ganz leicht experimentell beobachten, wenn man

bekannte Erwartungen bei anderen Menschen unterläuft.

Wenn man ausgesprochen nett zu jemandem ist,

der gerade erst etwas Gemeines zu einem gesagt hat

zum Beispiel. Dann merkt man, wie die vorbereiteten

Verhaltensmuster plötzlich ins Leere laufen. In solchen

Momenten entsteht manchmal die Offenheit, einen

gemeinsamen neuen Umgang miteinander zu finden,

weil alle Beteiligten den Tunnelblick ihrer eingeübten

Wahrnehmungsroutinen hinter sich lassen müssen.

Der Physiker und Kybernetiker Heinz von Foerster hat

das in einem berühmten Zitat so formuliert: »Handle

stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst!«.

Wenn nicht von vornherein klar ist, was als nächstes

passiert, ergibt sich zwar Unsicherheit, aber auch der

Raum für Neues.

Wer das regelmäßig trainiert, wird gleichzeitig auch

resilienter. Man wird von Unvorhergesehenem oder

gar schockierenden Entwicklungen weniger leicht

aus der Bahn geworfen, weil einem der Umgang damit

nicht fremd ist. Man ist flexibler, weil man auch

Möglichkeiten sieht, die nicht genau den Erwartungen

entsprechen. Und man ist insgesamt agiler, wenn

Veränderungen auftreten, ohne von Planabweichungen

sofort gestresst zu sein.

Dann ist vielleicht nicht gleich der ganze Urlaub

ruiniert, wenn es wider Erwarten im Hotel doch

kein funktionierendes Schwimmbad gibt. Stattdessen

kann man kann sich darüber freuen, dass man

durch den Besuch des öffentlichen Hallenbades ein

ganz neues und unerwartet hübsches Stadtviertel

entdeckt, in das man ansonsten niemals gefahren

wäre.

Das heißt natürlich nicht, dass wir ab jetzt nur noch

offline mit einem alten ADAC-Autoatlas in den Urlaub

aufbrechen dürfen, wenn wir fit für Resilienz

und kreatives Denken sein wollen. Aber es liefert zumindest

ein paar Argumente dafür, ab und zu einmal

den Mut aufzubringen, sich unvorbereitet in neue Situationen

zu stürzen.

04.

SEP

2026

SIBYLLE ANDERL

BEQUEME NEUE WELT

Was wir gewinnen, wenn

wir uns etwas zumuten

Hardcover mit Schutzumschlag

160 Seiten

22,00 € (D) 22,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07483-4

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SUSAN LINK

»ICH HABE EINE WASSERMELONE GETRAGEN«

SUSAN LINK

SACHBUCH

»ICH HABE EINE

WASSERMELONE

GETRAGEN«


57

SUSAN LINK

INTERVIEW

INTERVIEW

Frau Link, warum brauchen wir gerade jetzt

ein Buch über die Frauen der Generation

X – und warum erzählen Sie diese Geschichte

ausgerechnet jetzt?

Wir werden oft die vergessene Generation genannt,

manchmal sogar die verlorene. Auf jeden Fall stehen

wir irgendwo zwischen den lauteren Boomern und

den viel diskutierten Millennials – und werden dabei

gern übersehen. Dabei sind wir jetzt um die fünfzig

und stehen mitten im Leben. Mit Verantwortung im

Job, für unsere Kinder und oft auch für unsere Eltern.

Wir haben erlebt, wie sich Rollenbilder und Erwartungen

– besonders für uns Frauen – grundlegend

verändert haben. Wir mussten lernen, mit neuen Familienmodellen

umzugehen, waren Scheidungs- oder

Schlüsselkinder und haben früh Verantwortung übernommen,

obwohl uns oft die Vorbilder fehlten. Über

andere Generationen wird viel gesprochen – über uns

kaum. Jetzt ist der Moment, diese Lücke zu schließen.

Und ehrlich gesagt: Wir haben genug erlebt, um etwas

zu sagen.

Sie moderieren seit vielen Jahren das ARD-

Morgenmagazin und den Kölner Treff. Wie

hat diese mediale Sichtbarkeit Ihren Blick auf

die Unsichtbarkeit vieler Frauen Ihrer Generation

geprägt?

Mir ist vor allem aufgefallen, wie viel Unsichtbares

hinter sichtbarem Erfolg steckt. Ich habe viele Frauen

erlebt, die im Licht stehen oder auf Bühnen arbeiten –

und von denen kaum jemand weiß, welche Hürden

sie genommen haben, aus welchen Verhältnissen sie

kommen oder woher sie die Kraft für all das ziehen.

Viele haben sich durch Männerwelten bewegt, mit

Selbstzweifeln gelebt und gleichzeitig versucht, alles

zu schaffen. Unsere Generation konnte mehr und andere

Berufe ergreifen als die davor – und sollte trotzdem

Familie, Kinderbetreuung und Verantwortung

ganz selbstverständlich mittragen.

Diese Geschichten sichtbar zu machen bedeutet nicht

nur Aufmerksamkeit, sondern vor allem Verständnis

und Anerkennung. Und es hilft auch, all jene Frauen

zu sehen, die nicht im Rampenlicht stehen – weil man

ihre Wege, ihre Brüche und ihre Leistungen dann

vielleicht besser versteht. Das hat meinen Blick geprägt

und die Idee zu diesem Buch bestimmt.

In Ihrem Buch sprechen Sie mit starken Persönlichkeiten

wie Bärbel Bas, Annette Frier,

Miriam Meckel, Martina Voss-Tecklenburg

und Désirée Nosbusch. Welche Gemeinsamkeiten

im Lebensgefühl der Generation X haben

Sie in diesen Gesprächen immer wieder

entdeckt?

Bei allen habe ich sehr ähnliche Leitmotive entdeckt:

den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung –

meist ohne direkte Vorbilder. Viele waren die erste

oder einzige Frau in Männerwelten und haben gelernt,

sich anzupassen, zu funktionieren und trotzdem ihren

eigenen Weg zu gehen, oft mit den Fragen im Kopf:

Bin ich genug? Bin ich sichtbar? Darf ich laut sein?

Sie haben Herausforderungen angenommen, Hürden

überwunden und sich behauptet, auch wenn die

Spielregeln nicht für sie gemacht waren. Mich hat interessiert,

wie ihnen das gelungen ist, wer und was sie

geprägt hat – und wo sie heute stehen. Genau darin

zeigt sich für mich das Lebensgefühl unserer Generation.

Wann hatten Sie persönlich das Gefühl, »nur

zu funktionieren« – und was hat das mit Ihrem

Buchprojekt zu tun?

Funktionieren ist nicht immer etwas Negatives. Für

mich ist es oft ein Schutzmechanismus. Ein Modus,

mit dem man durch stressige Zeiten kommt, indem

man anderes erst einmal ausblendet. Als Kind habe

ich nach der Wende zum Beispiel sehr gut funktioniert:

Neustart im Westen, alles fremd, emotionaler

Ausnahmezustand. Also habe ich einfach meine

Leistung in der Schule gebracht, versucht, möglichst

unauffällig durch den Alltag zu kommen und meine

Mutter zu entlasten. Später ging es dann vor allem darum,

Familie und Beruf – mit eher ungewöhnlichen

Arbeitszeiten – unter einen Hut zu bekommen. Auch


58

SUSAN LINK

INTERVIEW

das gelingt manchmal nur im Funktionsmodus.

Und dann kann das Ganze ungesund werden. Denn

funktionieren kann auch heißen, dass man keine

Rücksicht auf die eigenen Gefühle und die eigene

Belastbarkeit nimmt. Die Geschichten in meinem

Buch erzählen auch davon, wie man so an seine Grenzen

kommt oder sie sogar überschreitet und welchen

Schaden das für uns Frauen anrichten kann.

Was wünschen Sie sich, dass Frauen – aber

auch Männer und jüngere Generationen – aus

diesem Buch mitnehmen?

Ich wünsche mir, dass Frauen – aber auch Männer

und jüngere Generationen – merken, dass sie mit ihren

Selbstzweifeln nicht allein sind, mit diesem Gefühl,

schon wieder nur funktionieren zu müssen. Dass

sie erkennen, wie Selbstbestimmung und Freiheit entstehen

können. Und vielleicht auch, dass man selbst

die Dinge in die Hand nehmen und die Weichen für

das eigene Leben stellen muss.

Was war Ihre persönliche »Ich habe eine Wassermelone

getragen«-Szene im echten Leben?

Die hatte ich tatsächlich mehr als einmal. Zum Beispiel

als Kind im Zug, später in einer Situation mit

einem ehemaligen Bundeskanzler – und ganz sicher

auch mit meinem Ehemann. Aber mehr möchte ich

dazu noch nicht verraten. Ein bisschen was sollen die

Leserinnen und Leser ja auch noch selbst entdecken …

Susan Link (geboren 1976 in Thüringen)

ist Journalistin und TV-Moderatorin.

Sie moderiert das ARD-Morgenmagazin

und im Wechsel den ARD-Presseclub.

Außerdem ist sie Co-Gastgeberin des

»Kölner Treff«, der wöchentlichen Talkshow

im WDR-Fernsehen.


59

SUSAN LINK

LESEPROBE

LESEPROBE

Der Wecker klingelt. 0:45 Uhr. Ich brauche ein paar

Sekunden, um zu begreifen, wo ich bin. Dann beginnt

die vertraute, getaktete Abfolge: aufstehen, im Bad

schnell die aktuellen Nachrichten hören. Ist etwas

passiert, während ich kurz geschlafen habe?

Ich schleiche mit wenig Licht durchs Haus, keiner

soll wach werden. Schnell den Kaffee für unterwegs

machen. Hund und Katze sind wie immer zu dieser

Zeit verwirrt von meinem Auftritt in der Küche. Und

dann raus aus der Tür. Es ist immer derselbe Ablauf –

die Struktur ist mir wichtig um diese Uhrzeit.

Draußen ist es Nacht. Die letzten kommen nach Hause,

die ersten haben den Tag noch nicht begonnen. Ich

starte die Playlist mit meinen Lieblingssongs, die ich

nur ohne Beifahrer in der Nacht höre, irgendwas zwischen

Bonnie Tyler und den Backstreet Boys.

Ich tauche ein in die Zeit, in der noch Poster über

meinem Bett klebten. Ich bin ein Kind der Achtziger

und Neunziger. Liebeskummer haben wir mit einer

Kuschelrock-CD und MTV überstanden. In meiner

Kindheit war Deutschland noch geteilt, meine

Jugend wurde von der Wende auf den Kopf gestellt.

Damals glaubten wir, dass uns ein Leben in Frieden

und Wohlstand bevorsteht und dass alles möglich ist.

Doch es bleibt mir nicht viel Zeit, in der Vergangenheit

zu schwelgen. Schon kurz darauf bin ich zurück

in der aktuellen Realität, in Gedanken bereits bei

der Sendung, die ich gleich moderieren werde. In

der Redaktion des Morgenmagazins angekommen,

denke ich: Da ist sie wieder, die Selbsthilfegruppe

der Schlaflosen, wie ich sie nenne. »Und, wie hast du

geschlafen?« – Keine Frage wird hier häufiger gestellt.

Schon komisch, aber irgendwie ist es gut zu wissen,

dass es den anderen auch nicht besser ergangen ist.

Doch ganz egal, wie die Nacht war: Gleich muss ich

funktionieren. Um 5:30 Uhr startet die Sendung.

Vorher muss ich Moderationen schreiben, Interviews

vorbereiten. Zwischendurch ein kurzer Gedanke an

ein warmes Bett – und weiter geht’s.

Die netten Kolleginnen in der Maske sorgen dafür,

dass man wenigstens so aussieht, als hätte man gut

geschlafen. Immer wieder aufs Neue vollbringen sie

ein erstaunliches Zauberwerk aus Augenpads und

Concealer.

Im Studio ist alles hell, langsam beginnt auch für die

meisten anderen Menschen draußen ein neuer Tag.

Die Kameras laufen, ich stelle Fragen, moderiere die

Welt zu kleinen, konsumierbaren Portionen. Kriege,

Krisen, Politik in der Hauptstadt, das Wetter, ein

Promi-Interview – dreieinhalb Stunden Livesendung.

Alles funktioniert, und ich funktioniere mit. So wie

ich es seit Jahren tue.

Dann ist es ist 9 Uhr. Für die meisten Menschen hat

der Arbeitstag gerade erst begonnen. Ich verabschiede

mich mit einem »Gute Nacht!« von den Kollegen,

wie das bei uns augenzwinkernd üblich ist. Irgendwie

fühlen sich diese Frühdienst-Tage immer doppelt so

lang an.

Ich fahre heim, während alle anderen zur Arbeit fahren.

Manchmal beobachte ich mich selbst in diesem

Leben zwischen Bühne und Frühstückstisch, zwischen

Öffentlichkeit und Alltag. Zu Hause tippe ich

noch eine kleine Nachricht an meine Mutter – wir

haben schon den ganzen Morgen getextet. Wenn ich

sende, ist sie immer per WhatsApp an meiner Seite.

Ihre kleinen Textnachrichten haben sogar bei den

Kollegen schon Kultstatus. Oft heißt es auf dem Sofa:

Was sagt eigentlich deine Mutter zu diesem Thema?

Meist kommentiert sie als Erstes meine Kleidung,

dann Fußballergebnisse und aktuelle Nachrichten.

Sie wünscht uns einen schönen Feierabend, und ich

melde mich dann von zu Hause. Ein festes Ritual, das

uns beiden wichtig ist. Anschließend noch schnell in

die E-Mails schauen, eine Waschmaschine anstellen

und drei Notizen für die Einkaufsliste. Der Tag läuft.

Ich laufe mit.

Und dann kommt doch die Müdigkeit. Zeit für den

genau getakteten Mittagsschlaf. Später als 11 Uhr

sollte er nicht starten, länger als 1,5 Stunden nicht

dauern. Alles andere bringt den Rhythmus durcheinander.

Als ich zum zweiten Mal an diesem Tag wach

werde, denke ich sofort an das, was heute noch zu tun

ist. Ich muss an den Schreibtisch, und diese Woche

steht die Mathearbeit an. Ich wollte unbedingt noch


60

SUSAN LINK

LESEPROBE

»

WIR SIND DIE,

DIE GELERNT HABEN,

ALLES ZU GEBEN.

mit meinem Sohn üben. Sport würde ich auch gern

machen, und der Hund möchte belüftet werden. Okay,

auf geht’s! Um 19 Uhr muss ich wieder im Bett sein,

damit morgen alles wieder von vorn losgehen kann.

Als ich pünktlich am frühen Abend im Bett liege,

kommt in mir eine leise Frage auf: Wollte ich das alles

so? Oder funktioniere ich einfach? Und stellen sich

andere Frauen meiner Generation auch diese Fragen?

Ich gehöre zur Generation X – zur Bevölkerungsgruppe

der zwischen 1965 und 1980 Geborenen. Wir

werden auch die »vergessene Generation« genannt,

weil wir zwischen den vielen Boomern und den oft

besprochenen Millennials in der öffentlichen Wahrnehmung

meist untergehen. Ganz allgemein gilt unsere

Generation als skeptisch, unabhängig und pragmatisch.

Womöglich machen wir deshalb nicht so viel

Aufhebens um uns.

Etwa 17 Millionen Menschen in Deutschland gehören

zur Generation X, mehr als 8 Millionen davon

sind Frauen. Vor allem sie bekommen oft noch den

Zusatztitel »Sandwich-Generation«. Zuständig für

die Erziehung und Betreuung der Kinder kümmern

sie sich auch noch um die Pflege der eigenen Eltern.

Eine Doppellast, ganz zu schweigen von der Tatsache,

dass sie »nebenbei« meist auch noch berufstätig sind.

Trotzdem tun sich die Frauen der Generation X nicht

besonders leicht damit, auf sich – auf ihre Sorgen,

Probleme oder Befindlichkeiten – aufmerksam zu

machen.

Aufgewachsen sind wir mit klassischen Rollenbildern,

während sich starre Familienmodelle längst

verabschiedet hatten. In unserer Generation gab es

mehr Scheidungen, viele Mütter wurden berufstätig,

manche von uns zu sogenannten Schlüsselkindern.

Familienstrukturen änderten sich – und damit unsere

Prägung. Wir hatten die Idee, dass wir es weit bringen

können. Aber standen uns tatsächlich alle Türen

offen? Konnten wir wirklich werden, wer wir sein

wollten?

Keine Frage, wir sind mit der Zeit gegangen und haben

uns immer wieder neuen Entwicklungen gestellt,

von Bleistift bis Bluetooth, von Walkman bis WLAN.

In der Schule gab es noch Tafeldienst, und die Charts

aus dem Radio haben wir mühsam auf Kassette aufgenommen,

in der Hoffnung, dass der Moderator nicht

zu früh in den Titel quatscht. Heute streamen wir

unsere Musik oder sagen: »Alexa, spiel meinen Lieblingssong!«

Wir schauen immer noch Fernsehen, aber

wir streamen auch, schicken Nachrichten mit Whats-

App und haben ein altes Facebook-Konto, in das wir

ab und zu hineinschauen.

Wir sind die, die gelernt haben, alles zu geben. Wir

dürfen selbstverständlich arbeiten, so viel wir wollen,

Kinder kriegen, organisieren – und dabei gern auch

in Shape bleiben. Man hat uns beigebracht, dass wir

alles erreichen können, wenn wir uns nur genug anstrengen.

Also strengen wir uns an und wollen es richtig machen:

die Kinder gut erziehen, im Beruf bestehen, die

Familie zusammenhalten, gute Partnerin und beste

Freundin sein, uns selbst treu bleiben und uns selbst

optimieren – und bei all dem keinesfalls alt aussehen.

Wir sind die Frauen, die im Beruf ernst genommen

werden wollen, ohne zu viel Raum einzunehmen. Die

stolz sind auf das, was sie leisten – und sich trotzdem

fragen, warum sie so oft unsicher und unsichtbar bleiben.

Woher kommt das? Hat man uns das mit auf den Weg

gegeben, oder haben wir uns diese Prinzipien selbst

eingepflanzt:

»Sei fleißig, aber erwarte keinen Platz in der ersten

Reihe.«

»Sei erfolgreich, aber bitte nicht laut.«

»Sei attraktiv, aber bitte nicht auffällig.«

»Mach deinen Job leidenschaftlich, aber sei nicht zu

emotional!«

Ich spüre, dass sich mein Blick auf die Dinge verändert.

Vielleicht, weil ich älter werde. Vielleicht, weil

ich merke, dass Funktionieren kein Lebensziel ist.


Doch was wünsche ich mir für die kommenden Jahre?

Will ich mich neu erfinden, wie man das Frauen meiner

Generation heutzutage nahelegt, weil die Wechseljahre

plötzlich ein Alter zum Neu-Durchstarten

sind? Habe ich tatsächlich gerade die »Time Of My

Life«?

Bei diesem Liedtitel muss ich sofort an den Film

»Dirty Dancing« denken. Im Sommer 1989 kam er in

die DDR-Kinos. Deutschland stand kurz vor einem

großen geschichtlichen Umbruch, und ich als Zwölfjährige

kurz vor dem Ende meiner Kindheit. Seitdem

habe ich den Film bestimmt 25 Mal gesehen. Damals

liebte ich das Tanzen und die Musik. Später faszinierte

mich vor allem die Entwicklung von »Baby«. Sie

kommt aus einem behüteten Elternhaus, es gibt Geld,

Bildung, Liebe – und trotzdem wirkt sie unfrei. Ihr

Weg ist vorgezeichnet, inklusive passendem Ehemann.

Und dann war da dieser Moment im Strickpulli, der

mir bis heute hängen geblieben ist: »Ich habe eine

Wassermelone getragen.« Babys Satz ist voller Unsicherheit

und Selbstzweifel, und sie selbst eine graue

Maus zwischen all den coolen Tänzern, die schienen,

als lebten sie nach Lust und Laune. Ab da passiert etwas.

Baby wird mutiger, selbstbewusster, freier – und

beginnt ihren eigenen Weg zu gehen. Zum ersten

Mal erlebt sie sich als nicht mehr über andere definiert,

sondern als selbstbestimmt, sichtbar, unangepasst

und frei.

Auch ich kenne solche Momente der Unsicherheit und

Selbstzweifel, und ich habe mich oft gefragt: Geht es

anderen Frauen meines Alters genauso? Auf welche

Hürden sind sie gestoßen, und was hat sie geprägt?

Und wie haben sie es geschafft, selbstbestimmt und

sichtbar zu werden?

Durch meinen Beruf habe ich viele von ihnen getroffen

und mich mit ihnen ausgetauscht, und mir wurde

klar: Wir Frauen der Generation X sind mehr als eine

Gruppe bestimmter Geburtsjahrgänge. Uns verbinden

ähnliche Erfahrungen, Prägungen, Glaubenssätze

und Sorgen.

Ich möchte herausfinden: Sind wir zufrieden dort, wo

wir stehen? Oder würden wir unserem jüngeren Ich

raten, bestimmte Dinge anders zu machen?

Dieses Buch erzählt meine Geschichte – und die anderer

Frauen meiner Generation.

30.

OKT

2026

SUSAN LINK

»ICH HABE EINE WASSERMELONE GETRAGEN«

Wir Frauen der Generation X –

Zwischen Anpassung und Befreiung

Hardcover mit Schutzumschlag

224 Seiten

22,00 € (D) 22,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07505-3

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FR A NCA CERU T TI

DIE INNERE OMA

DIE

INNERE

SACHBUCH

OMA

FRANCA CERUTTI


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FR A NCA CERU T TI

INTERVIEW

INTERVIEW

Liebe Franca, unfassbar viele Menschen

kämpfen mit der Erwartungshaltung unserer

Leistungsgesellschaft, spüren dauerhaften

innerlichen Druck, haben das Gefühl, nicht

mithalten zu können, sind erschöpft. Die Flut

an Ratgeberliteratur mit Tipps, wie man sich

selbst optimieren kann, es weiter, schneller,

besser machen kann ist da sicher keine Hilfe.

Du sagst, die beste Ratgeberin sind wir gewissermaßen

selbst. Wie meinst du das?

Ich glaube, wir brauchen ein Gegengewicht zu dieser

ganzen Selbstoptimierungskultur. Überall heißt

es: schneller, besser, effizienter. Was wir tatsächlich

brauchen, sind keine Tipps, wie wir an diesem Rennen

teilnehmen, sondern eine Hilfe, die wirklich an

unserem Leben orientiert ist. Und wer könnte uns

individueller und wohlwollender Orientierung geben

als wir uns selbst? Genauer gesagt, die weiseste Version

von uns, unser Zukunfts-Selbst. Ich nenne diese

Instanz: Die innere Oma. Unser uraltes, weises Ich

schaut auf unser Leben zurück, und hat durch diese

Perspektive erstaunlich klare Einblicke. Sie unterstützt

uns bei wichtigen Entscheidungen genauso wie

im Alltag, denn sie weiß, was wirklich zählt und was

am Ende wichtig gewesen sein wird.

Viele kennen schon das innere Kind. Warum

braucht es zusätzlich ein Zukunfts-Selbst?

Ich beobachte aktuell eine starke Besinnung auf die eigene

Biografie, und das hat absolut seine Berechtigung.

Die Metapher des inneren Kindes hilft uns zu verstehen,

woher wir kommen. Dahingegen fragt die innere

Oma: Wohin willst du? Es ist wie im Auto, der Rückspiegel

und die Frontscheibe – beides ist wichtig, aber

gefahren wird nach vorne. Die innere Oma stellt eine

positive, handlungsorientierte Ergänzung dar. Und sie

ist kein innerer Anteil, der uns biografisch einfach passiert

ist. Wir erschaffen sie selbst, als weise Ratgeberin.

Warum motivierst du, das Zukunfts-Selbst als

innere Oma (beziehungsweise inneren Opa)

zu sehen?

Es geht um den persönlichen Bezug, um eine lebendige

Verbindung mit dem zukünftigen Menschen,

der wir einmal sein werden. Die psychologische Forschung

zeigt, dass Menschen, die ihre Zukunft stark

im Blick haben, selbstfürsorglichere und bessere

Entscheidungen im Heute treffen. Aber »Zukunfts-

Selbst« klingt zu abstrakt. Mich selbst als weise Alte,

mit meinen Gesichtszügen, mit meinen Augen, zurückschauend

auf das ganze Leben, das kann ich mir

vorstellen. Diese Visualisierung funktioniert einfach

besser als Fachbegriffe. Und eine Oma ist warm, nicht

streng. Jemand, der dich besser kennt als jeder andere

und wohlwollend auf dich schaut. Aber natürlich

kann man auch andere, eigene Begriffe finden: Mein

innerer Senior, zum Beispiel.

Welche Tipps kannst du geben, wie schafft

man sich bewusst eine innere Oma, wie stärkt

man den Kontakt zu diesem Anteil?

Nimm dir ein paar ruhige Minuten und stell dir vor,

du siehst dich selbst am Ende deines Lebens. Manchen

Menschen hilft die Vorstellung von einem Zeitstrahl,

der vom Heute in die Zukunft geht. Und am

Ende stehst du, gealtert, und schaust lächelnd auf dich

zurück. Was macht deine innere Oma? Wo ist sie?

Und vor allem: Wie schaut sie dich an? Wenn es funktioniert,

siehst du Wärme und Verständnis in ihrem

Blick. Je lebendiger das Bild, desto leichter kannst du

sie zu deinem jetzigen Leben befragen.

Welche kleinen Rituale können dazu beitragen,

täglich Kontakt zur inneren Oma aufzubauen?

Die innere Oma kann man bei den großen Lebensfragen

hinzuziehen, aber auch zur Entschleunigung

des Alltags. Einfach kurz innehalten und fragen: Was

würde sie dazu sagen? Das hilft beim Sortieren, was

gerade wirklich wichtig ist, und was sich nur dringend

anfühlt. Sie verschafft uns auch Klarheit, wo wir

wirklich hinwollen und welche Schwerpunkte wir

setzen möchten im Leben. Dreißig Sekunden reichen

manchmal schon für einen frischen Blick, und um uns

eine liebevolle, neue Perspektive zu verschaffen.


64

FR A NCA CERU T TI

INTERVIEW

Wie würde die innere Oma unseren Alltag

betrachten – worüber würde sie schmunzeln?

Über ziemlich viel wahrscheinlich. Über die Panik

vor der Präsentation, die in drei Monaten niemand

mehr erwähnt. Über das perfekte Instagram-Foto.

Über den missratenen Haarschnitt. Über den Stress,

weil wir fünf Minuten zu spät kamen. Sie hat den

Luxus der Rückschau, und weiß daher, dass das allermeiste

wirklich nicht so wichtig ist, wie es sich

im Moment anfühlt. Meine innere Oma sagt immer:

Wenn du in drei Wochen darüber lachen kannst –

dann kannst du auch direkt lachen!

Aus deiner Erfahrung mit dieser Methode: Was ist

das größte Missverständnis über das Loslassen,

wobei kann uns die innere Oma aktiv helfen?

Dass es entweder was mit Aufgeben oder auch mit

Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit zu tun hätte.

Dabei geht es darum, die richtigen Dinge loszulassen,

zum Beispiel Perfektionismus, fremde Erwartungen,

unser Kontrollbedürfnis. Die innere Oma fragt nicht

»Schaffst du das?«, sondern sie fragt »Ist dir das wirklich

wichtig? Zahlt es auf das Leben ein, das du willst?

Passt es zu dem Menschen, der du sein möchtest?«.

Die innere Oma gibt keine Erlaubnis zur Faulheit,

sondern sie sorgt für Klarheit.

Gibt es typische Situationen im Alltag, in denen

die innere Oma besonders laut werden sollte?

Wenn wir dauerhaft in eine falsche Richtung laufen

oder uns selbst chronisch vernachlässigen. Das sieht

die innere Oma sehr klar, und sie wird es benennen.

Du bist sie, sie ist du, und sie ist zu 100% davon abhängig,

was du heute tust oder lässt. Deshalb ist sie auch

sehr klar in ihren Einschätzungen, wie du deine Zeit

verbringst oder worum deine Gedanken kreisen. Und

die innere Oma meldet sich auch zu Wort, wenn der

innere Antreiber zu laut wird: Noch eine Mail, noch

ein Projekt, noch einmal Ja sagen, obwohl alles Nein

schreit. Oder wenn wir uns fertigmachen, weil etwas

nicht perfekt war. Da stellt sie ein sanftes, positives

Gegengewicht dar.


Wer Schwierigkeiten hat,

sich sein Zukunfts-Selbst

vorzustellen, dem kann es

helfen, sich selbst tatsächlich

mit technischer Hilfe altern

zu lassen. Mit diesem Bild

vor Augen wird die innere

Oma beziehungsweise der

innere Opa spürbar.

04.

Was ist das Weiseste, das deine innere Oma

dir mitgegeben hat?

Meine innere Oma (beziehungsweise »Omma«, ich

komme aus dem Ruhrgebiet) hat mir bei sehr entscheidenden

beruflichen und privaten Entscheidungen

geholfen. Durch ihre sehr breite Perspektive auf

mein (und ihr) Leben bin ich zum Beispiel viel mutiger

und konsequenter geworden. Ich mache nicht

mehr alles mit, ich vergleiche mich nicht mehr so viel,

und ich traue mich, meine Werte zu vertreten, auch

wenn es unbequem wird. Meine innere Oma möchte

irgendwann zurückschauen und denken: Das war

großartig, und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Und damit das irgendwann so sein wird, muss ich

es jetzt auch mal darauf ankommen lassen und über

meinen Schatten springen. Ich versuche mein Leben

heute so zu gestalten, dass mein Zukunfts-Selbst

dankbar dafür sein wird. Das hat meinen Lebenslauf

eckiger, aber mein Leben runder gemacht.

SEP

2026

FRANCA CERUTTI

DIE INNERE OMA

Gelassenheit lernen von der

weisesten Version deiner selbst

Klappenbroschur

224 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06788-1

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RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER

MEHR GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

SACHBUCH


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RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER

INTERVIEW

MEHR

GESCHICHTEN

AUS DER

GESCHICHTE

RICHARD HEMMER DANIEL MESSNER

Lieber Richard, lieber Daniel, seit über

10 Jahren erzählt ihr euch in eurem Podcast

»Geschichten aus der Geschichte« jede Woche

eine Geschichte aus der Geschichte; Millionen

von Menschen hören euch begeistert

dabei zu, eure Liveshows sind ausverkauft,

euer erstes Buch ein Bestseller – wie schafft

ihr es, so viele Menschen für Geschichte zu

begeistern?

Gute Frage! Wahrscheinlich hat es in erster Linie

damit zu tun, dass wir uns die Geschichten erzählen,

die uns interessieren. Wir haben ja die Freiheit,

zu erzählen, was wir wollen, und das wiederum spiegelt

sich dann auch in unserer eigenen Begeisterung

wider. Viele, die uns zuhören, schreiben uns davon,

dass ihnen diese Begeisterung im Geschichtsunterricht

gefehlt hat, und sie uns vor allem deshalb auch

so zu schätzen wissen. Es ist ja so: Geschichte ist nie

langweilig, und wir können es mittlerweile recht gut,

diesen Umstand zu vermitteln.

Was glaubt ihr, ist der Grund dafür, dass eure

Geschichten sowohl erzählt als auch geschrieben

bei so vielen Menschen verfangen?

Wahrscheinlich hängt es auch da mit der Art und

Weise zusammen, wie wir uns an eine Geschichte

heranwagen: Wir erzählen sie so, wie wir sie gerne

erzählt bekommen würden. Und das funktioniert sowohl

im Podcast als auch im geschriebenen Wort.

Unterscheidet sich für euch die Arbeit an einer

Podcastfolge im Vergleich zur Arbeit an den

Geschichten für ein Buch?

Schon! Im Podcast haben wir sogar nach der Aufnahme

noch die Möglichkeit, Änderungen vorzunehmen.

Für die Geschichten in einem Buch – da wird gedruckt,

was wir abgegeben haben. Das verändert natürlich

schon die Art und Weise, wie wir einen Text

schreiben. Abgesehen davon, dass wir natürlich etwas

konziser sein müssen als im Podcast – Papier ist zwar

geduldig, aber auch enden wollend. Unsere Podcastepisoden

hingegen, die können wir rein theoretisch so

lang gestalten, wie wir wollen.

Ihr versucht, hauptsächlich Episoden der Geschichte

ins Auge zu fassen, die man vielleicht

noch nicht kennt, die nicht auf der Hand liegen,

aber genauso Teil der Weltgeschichte sind wie

die großen »Eckpfeiler« und »Meilensteine«.

Wie stoßt ihr auf diese Themen beziehungsweise

nach welchen Kriterien trefft ihr eure

Auswahl?

Nach über zehn Jahren Podcast können wir tatsächlich

schon auf eine Menge an Themen zurückgreifen, die

sich angesammelt haben. Das sind nicht nur solche,

auf die wir selbst gestoßen sind, sondern vor allem

jene, die uns unsere Hörerinnen und Hörer zugesandt

haben. Von vielen kleineren Geschichten oder Geschehnissen

haben wir ja auch noch nie gehört – eben


68

RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER

INTERVIEW

weil sie so nischig sind. Da hilft es ungemein, eine

Community zu haben, die sich, so wie wir, über das

Erzählen der kleinen Geschichten freut, und damit

auch gleichzeitig den Flickenteppich erweitert.

Euer erstes Buch habt ihr den Menschen

und ihren Geschichten gewidmet, die es in

die Welt zog. Welche neuen Geschichten

erwarten uns in »Mehr Geschichten aus der

Geschichte«?

Wir werden uns diesmal mit jenen Dingen beschäftigen,

die unsere Welt verändert haben: Erfindungen

und Entdeckungen! Dabei werden wir aber auch von

jenen Dingen erzählen, die dafür sorgen, dass dieses

Wissen überhaupt weitergegeben werden kann. Man

kann im Grunde sagen: Wir widmen uns der Entstehung

von Wissen und dessen Vermittlung, verpackt in

20 kurzweiligen Geschichten.

Was denkt ihr, fasziniert eure Hörer:innen beziehungsweise

Leser:innen so sehr an diesen

»Wissenschaftsgeschichten«?

Die Geschichten machen recht deutlich, dass ohne

diese vielen Experimente und Erfindungen der

letzten Jahrhunderte, eigentlich Jahrtausende, die

moderne Welt, in der wir heute leben, gar nicht möglich

wäre. Das betrifft im Grunde alle unsere Lebensbereiche,

von Kommunikation über Industrie, Verkehr

oder Medizin. Manche der Neuerungen sind

Zufall, manche bleiben erst einmal unbemerkt und

wieder andere sind von Anfang an eine Sensation.

Und gleichzeitig sind wir an einem Punkt angekommen,

wo diese Neuerungen nicht mehr nur für sich

stehen, sondern globale Auswirkungen haben können.

Das zeigt sich zum Beispiel bei der Geschichte

um den Chemiker Thomas Midgley, die wir im Buch

erzählen. Um die Kühltechnik sicherer zu machen,

entwickelte er in den 1920er-Jahren eine Fluorchlorkohlenwasserstoff-Verbindung.

Für die Kühl- und

Sprühdosenindustrie eine super Erfindung – dass

das FCKW aber das Potenzial hat, das Leben auf der

Erde massiv zu bedrohen, konnte zu der Zeit noch gar

niemand wissen.


Wir finden daher selbst Wissenschaftsgeschichten so

faszinierend, weil sie so gut zeigen, wie die Welt zu

unserer geworden ist. Denn gleichzeitig haben wir

auch eine Verbindung zu den Erfindungen – spätestens,

wenn wir zum Kühlschrank gehen, den Lichtschalter

drücken oder ein medizinischer Eingriff

unser Leben rettet.

Gewährt ihr uns einen kleinen Vorgeschmack?

Welche Themen erwarten uns im neuen Buch?

Wir haben uns bemüht, mit den unterschiedlichen

Geschichten möglichst viele Zeiträume und Orte auf

der Erde abzudecken. Dementsprechend vielfältig ist

die Auswahl. Neben dem Mann, der als schlimmster

Umweltsünder aller Zeiten gilt, geht es auch um

eine Weltausstellung, die Mikrowelle, Papiermühlen,

die Entstehung von Universitäten und um viele unbekannte

Helden und Heldinnen der modernen Wissenschaft.

Als kleine Reihe innerhalb des Buchs wird

es in drei Geschichten auch um die Entdeckung des

Klimawandels gehen.

Welche dieser Geschichten hat euer eigenes

Bild der Vergangenheit am meisten verändert?

Das passiert jedes Mal, wenn wir anfangen zu recherchieren.

Wir kommen immer an einer anderen Stelle

raus, als wir vorher vermutet haben. Daher wird es uns

auch nie langweilig. Mit jeder Geschichte knüpfen

wir weiter am historischen Flickenteppich und finden

immer überraschende Zusammenhänge.

Gibt es eine Geschichte, auf die ihr euch

jeweils am meisten freut, oder die euch bei

der Recherche besonders überrascht hat?

Thomas Midgley haben wir jetzt schon mehrfach genannt,

dann vielleicht die Geschichte um das Guericke-

Einhorn, die beim Schreiben viel Spaß gemacht hat.

Weil die Ausgangssituation war, eine Geschichte zu

schreiben über ein recht skurril anmutendes Gebilde,

das als Einhorn-Rekonstruktion (oftmals) dem Gelehrten

Otto von Guericke zugeschrieben wird. Im

Laufe der Recherche stellte sich aber heraus, dass

Guericke den Knochenfund zwar erwähnt, aber sonst

recht wenig damit zu tun hat. Herausgekommen ist

trotzdem eine kleine Vor-Geschichte der Paläontologie

anhand von Einhörnern.

04.

SEP

2026

RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER

MEHR GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE

Auf den Spuren verblüffender Erfindungen

und kurioser Tüfteleien

Klappenbroschur

256 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-06587-0

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(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


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ALEXANDER HUBER

ÜBERLEBEN TROTZ BERGSTEIGEN

ALEXANDER HUBER

ÜBERLEBEN

TROTZ

BERGSTEIGEN

Alexander Huber, 1968 in Trostberg geboren, der jüngere der

»Huberbuam«, ist einer der besten Bergsteiger und Kletterer unserer

Zeit. Er eröffnete weltweit die erste Sportkletterroute im oberen elften

Grad. 2025 gelang ihm, Dani Arnold und Simon Gietl die Begehung

einer neuen Route durch die Ostwand des Jirishanca (6094 m) in Peru.

Er betreibt mit seiner Familie einen Bauernhof bei Berchtesgaden.



72

ALEXANDER HUBER

INTERVIEW

INTERVIEW

Lieber Alexander, Du hast schwierigste Wände

durchstiegen und Erstbegehungen gemeistert,

allein und im Team. Gibt es einen Berg, auf

den Du ganz besonders stolz bist bzw. der

Dich mit besonderem Glück erfüllt?

Es kann für mich nie ein einzelner Berg sein. Es sind

so viele so verschiedene Erlebnisse, dass ich kein »Ranking«

abgeben möchte. Die Summe der Erfahrungen

am Berg ist es, die mein Leben unheimlich bereichert

hat. Dabei stellt sich ja schon die Frage, warum wir das

machen. Denn Bergsteigen ist zunächst mal eine sinnlose

Tätigkeit. Trägt rein gar nichts zur Sicherung unserer

Existenz bei. Beim Bergsteigen verlasse ich die Sicherheit,

bin im Gefahrenbereich unterwegs, um schließliche

irgendwo anzukommen, wo ich nicht bleiben

kann. Und am Ende des Tages erreicht man nach erheblicher

Kraftanstrengung wieder genau den Punkt, an

dem man begonnen hat. Augenscheinlich sinnlos und

sinnbefreit. Absurd. Und genau deswegen so wertvoll.

Wer in die Berge geht, bringt nichts Materielles nach

Hause, dafür aber eine veränderte Perspektive auf das

Leben im Tal. Und so stelle ich fest, dass es beim Bergsteigen

nicht um das Ergebnis gehen kann, sondern

um die Freude am Tun. Unser Tun am Berg fokussiert

unsere Sinne. Wir sind bei der Sache, alles andere wird

ausgeblendet. Diese Form der Präsenz ist gerade in der

modernen Welt so unschätzbar wichtig geworden. In

einer Welt, in der alles effizient und nützlich sein muss,

ist das Bergsteigen ein kraftvolles Plädoyer für die Leidenschaft.

Denn auch wenn es vordergründig sinnlos

erscheinen mag, ist das Bergsteigen eine Leidenschaft,

die unserem Leben Sinn geben kann.

Als eine der größten Herausforderungen

bezeichnest Du den Hirntumor, der 2024 von

einem Tag auf den anderen alles änderte.

Es war sicher nicht die größte Herausforderung in

meinem Leben, trotzdem eine schwere Zäsur. Denn

eins ist klar: Ohne die Kunst der Neurochirurgie

wäre mein Leben hier zu Ende gewesen. Und es ist

gut, wenn man in einem solchen Moment sein Leben

in kompetente Hände legen kann.

Kam die Krankheit für Dich überraschend?

Nein, ganz im Gegenteil. Über einen Zeitraum von zwei

Monaten hatten sich die Symptome langsam, aber zuverlässig

verstärkt. Und am Ende waren sie auch nicht

mehr zu ignorieren. Nur war es gar nicht so einfach, meine

Umgebung von dem Problem, das tief in mir steckte,

zu überzeugen. Sodass es am Ende, nachdem dann endlich

die Bilder vorlagen, wirklich schnell gehen musste.

Ihr habt drei Kinder; Deine Eltern leben ganz

in der Nähe; Du bildest mit Deinem Bruder

Thomas die berühmte Seilschaft »Huberbuam«.

Wie wichtig ist Familie für Dich?

Das Zuhause ist alles. Die Landschaft, in der wir

leben. Die Gesellschaft. Die Freunde. Und vor allem

die Familie. Was kann es Wichtigeres geben?

Neben den schwierigen Routen ist eine weitere

große Leidenschaft von Dir die Musik. Du

spielst Klavier, gibst Hauskonzerte – ist die

Musik ein Ausgleich zu den Bergaktivitäten?

Na ja, ich habe über Jahrzehnte das Klavier links liegen

lassen. Aber eine gewisse Begebenheit hat mich

dazu gebracht, dass ich nach vierzig Jahren wieder ein

Konzert gegeben habe. Der Initiator war niemand anderer

als Anderl Heckmair, der legendäre Erstbegeher

der Eiger-Nordwand. Ich glaube, er hätte eine große

Freude daran zu sehen, was er da mit ein paar wenigen

Worten angestiftet hat.

Du bist Diplomphysiker, hast aber dem Leben

als Bergsteiger den Vorzug gegeben. Hat das,

was Du im Studium gelernt hast, noch heute

Bedeutung – wie wichtig ist Dir Präzision?

Aus der Physik kann man im direkten Sinne nur sehr

wenig auf das Bergsteigen übertragen. Aber ich habe

meine Diplomarbeit im Bereich der Theoretischen Meteorologie

verfasst, und die Meteorologie wäre ohnehin

auch meine wissenschaftliche Zukunft gewesen. Und da

profitiere ich beim Bergsteigen natürlich schon von meinem

meteorologischen Hintergrundwissen. Gesegnet

der, der am Berg wettertechnisch einen guten Plan hat!


73

ALEXANDER HUBER

INTERVIEW

Angst ist ein wesentlicher, lebenserhaltender

Begleiter, sagst Du – gilt dies umso mehr, je

älter Du wirst?

Die Angst ist am Berg unsere wichtigste Überlebensversicherung.

Denn gerade, wenn wir scharf am Berg

unterwegs sind, befinden wir uns stets im absturzgefährdeten

Gelände. Die Angst davor, fatale Fehler

zu machen, schärft unsere Sinne. Sie macht uns nicht

zwangsläufig nervös, sondern lässt uns konzentriert

zu Werke gehen. Wenn wir dagegen nach sorgfältiger

Analyse der Situation nervös werden, sollten wir spätestens

dann umkehren. Wer die Gefahren am Berg

ignoriert, kommt früher oder später darin um.

Erlebst Du heute mehr Leichtsinn in den

Bergen als in früheren Generationen?

Freilich ist heute mehr Leichtsinn in den Bergen zu

erleben, weil die Berge eben auch insgesamt mehr

Traffic haben. Aber trotz aller Handy- und Social-

Media-Auswüchse sehe ich, dass die Kampagnen

der alpinen Vereine und damit die Achtsamkeit für

die Gefahren am Berg schon auch funktionieren.

Dennoch ist klar: Man darf nicht müde werden, die

Besucher der Berge für die Gefahren zu sensibilisieren.

Du hältst sehr erfolgreich Vorträge. Was willst

Du den Menschen dort vor allem mitgeben?

Die Vorträge sind eine meiner großen Leidenschaften.

Das Leben auf der Bühne, der intensive Austausch

mit dem Publikum. Es ist einfach genial zu spüren,

wie der Funke überspringt – und genau das will ich

auch mitgeben. Den Funken überspringen zu lassen,

bedeutet ja nichts anderes, als die Begeisterung für die

Berge wachzurufen. Denn es mag durchaus so sein,

dass die Zivilisation vieles im Leben angenehmer gemacht

hat, aber am Ende entstammen wir doch immer

noch der Natur. Und deshalb tut es uns so verdammt

gut, immer wieder rauszugehen, dahin, wo wir herkommen.

In die Natur.

Was sind Deine nächsten Ziele in den Bergen:

Welche ungelösten Aufgaben beschäftigen Dich?

Was Ziele anbelangt, habe ich das beste Vorbild in

meiner Familie. Meine Eltern, die uns die Berge offeriert

und die Begeisterung dafür gefördert haben. Sie

sind auch heute noch in den Bergen unterwegs, und

immer dann, wenn ich das Leuchten in ihren Augen

sehe, wenn sie dort oben sind, weiß ich, dass sie beide

als Menschen in den Bergen glücklich geworden sind.

Was will man mehr erreichen?


74

ALEXANDER HUBER

LESEPROBE

LESEPROBE

Selbstvertrauen – das Vertrauen in mich

selbst, dass ich es kann

Es gibt Erkenntnisse, die man nicht aus Büchern

lernt. Man muss sie erleben, erleiden, ersteigen und

erklettern – in meinem Fall Schritt für Schritt, Meter

für Meter, stets zwischen Himmel und Hölle,

zwischen dem Licht der Berge und dem Abgrund,

dem wir immer wieder in die Augen schauen. Eine

dieser Wahrheiten lautet: Das Selbstvertrauen – das

Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann – ist kein

Geschenk, sondern die Frucht einer langen inneren

Arbeit.

Mein Leben als Bergsteiger ist kein Workout für

den Körper allein, sondern noch viel mehr eine

Schulung des Geistes. Bergsteigen war und ist für

mich eine Lehrzeit in Demut und Geduld – im

Bewusstsein und Umgang mit allem, was ich kann

und was ich nicht (!) kann. Denn niemand bleibt im

Leben fehlerlos, niemand kommt ohne Blessuren

und Rückschläge durch. Doch erst im Erkennen der

eigenen Verletzlichkeit beginnt richtiges Handeln

und das Vertrauen, darin zu wachsen. Man lernt

dazu, indem man versucht, gemachte Fehler in Zukunft

zu vermeiden. Indem man jedes Mal versucht,

Ziele effizienter zu erreichen.

Jede meiner Touren, jede Entscheidung, jedes Scheitern

war Teil dieser lebenslangen Lehre. Durch die

Reflexion einer jeden Aktion am Berg versucht man

zu verstehen, was man gut gemacht hat, was man

eventuell auch hätte besser machen können. Nichts

ist für das Überleben am Berg so wichtig wie eine

gelebte Fehlerkultur. Learning by Doing. Ja, es ist

noch kein Meister vom Himmel gefallen. Man steigt,

man fällt – aber bitte, ohne dabei abzustürzen –,

man reflektiert und man wächst, bis es schließlich

da ist: das berechtigte Vertrauen in sich selbst, dass

man es kann.

Und so entsteht auch die Zielvorstellung, dass das

Vorhandensein von Gefahr keinen Stress auslöst,

keine übermäßige Nervosität oder Panik. Sondern

nichts anderes als diese volle Konzentration und

Fokussierung auf die Aufgabe, mit der man gerade

konfrontiert ist. Denn man weiß, dass das bloße

Vorhandensein der Gefahr noch lange keine unmittelbare

Bedrohung für das Leben bedeuten muss!

Vertrauen ist damit keine Illusion einer scheinbaren

Sicherheit. Es ist ein inneres Wissen, dass man im

entscheidenden Moment richtig oder zumindest

halbwegs richtig handeln wird – nicht zwangsläufig

perfekt, aber immer bewusst. Und mit der Zeit

entsteht dann das Vertrauen. Das Vertrauen in sich

selbst, in das gesunde Selbsteinschätzungsvermögen

und in die eigene Stärke und Kompetenz. All

das sind am Berg meine zuverlässigsten Seilpartner.

Für Viktor Frankl war das Vertrauen eine Form

von Verantwortung gegenüber sich selbst. Die Verantwortung,

den Herausforderungen im Leben zu

antworten – trotz aller Widrigkeiten und vor allem

auch dann, wenn wir uns in die Hose machen.

»Was mich nicht umbringt, macht mich stärker«,

hat Nietzsche dazu gesagt, und damit hat er in jeder

Hinsicht recht. Denn Stärke entsteht nicht aus

dem Gefühl heraus, unverletzlich zu sein, sondern

aus der Erkenntnis, dass wir zwar verletzlich sind,

aber auch etwas dagegen tun können. Und im Bergsteigen

gilt genau das: Man wird nicht stärker, weil

man Angst »besiegt«, sondern weil man lernt, mit

ihr zu leben und weiterzusteigen. Der große Kompass

ist also, dass wir das, was wir am Berg so anstellen,

überleben. Und wenn du am Ende das Ziel

trotz aller Widerstände und Widrigkeiten erreicht

hast, dann hörst du es tief in dir drin. Leise, klar,

unaufdringlich. Du kannst. Nicht, weil du stärker

bist als die Angst, sondern weil du mutig bist. Weil

du gelernt hast, der Angst in die Augen zu schauen,

mit ihr zu leben.

Genau darin liegt das Geheimnis der Berge: Sie

lehren uns nicht, furchtlos zu werden. Sie lehren

uns, mutig zu sein – trotz der Angst vor den Gefahren,

die von den Bergen ausgehen. Und hast du

erst dieses Selbstvertrauen, das Vertrauen in dich

selbst, dass du es kannst, erst dann bist du der wahre

Meister!


75

ALEXANDER HUBER

LESEPROBE

Die verbindende Kraft der Berge:

über Generationen

Die Berge sprechen nicht. Und doch antworten sie.

Nicht in Worten, sondern indem sie uns Erfahrungen

mit auf den Weg geben. Wer sich auf die Berge einlässt,

tritt in einen Raum ein, in dem Unterschiede an

Bedeutung verlieren: Sprache, Herkunft, Alter, Status.

Vor dem Berg sind wir nicht mehr das, was wir

darstellen, sondern das, was wir sind.

So wie Musik Menschen verbindet, ohne dass sie miteinander

reden, so verbinden die Berge Menschen,

ohne zwischen ihnen zu unterscheiden. Vom Bouldern

über die Big Walls bis zu den höchsten Gipfeln

der Welt zieht sich ein unsichtbares Band durch Generationen

und Kontinente. Die Berge differenzieren

nicht, aber sie fordern uns heraus – und lassen uns

daran wachsen. Und damit verbinden sie Menschen

auf der Grundlage eines universellen Gefühls: Resonanz.

Ein stilles Einverständnis mit der Welt. Eine

tiefe Verbundenheit untereinander über das gemeinsame

Tun. Im Bergsteigen wird diese Verbundenheit

sichtbar.

Das Seil als Symbol der Verbundenheit. Als Symbol

der Sicherheit, die man sich gegenseitig gibt. Und der

Verantwortung, die man füreinander übernimmt. Zusammen

am Seil unterwegs zu sein, zeigt Vertrauen,

Verantwortung und gegenseitige Abhängigkeit. Wer

am Seil geht, überlässt dem anderen sein Leben – und

nimmt gleichzeitig dessen Leben in die eigenen Hände.

In dieser radikalen Form der Beziehung verschwinden

Rollen und Hierarchien. Es bleibt das Wesentliche:

der Mensch. Zwei Menschen. Eine Seilschaft.

Seit den Anfängen des Alpinismus haben die Berge

Seilschaften hervorgebracht und damit Nationen

und Generationen verbunden. Die Erstbesteigungen

der großen Alpengipfel brachten die High Society

des Alpine Club mit den Jägern und Kristallsuchern

der Alpentäler zusammen. Im Himalaja ging und

geht nichts ohne die Hilfe der Sherpas, Baltis und

Hunza – Menschen, deren Wissen nicht aus Büchern,

sondern aus Generationen gelebter Erfahrung

stammt. Das ist auch heute noch so. Vielleicht erinnern

uns die Berge gerade deshalb daran, dass unsere

Geschichte weniger von Trennung und Konflikten

als von Verbindung und Zusammenhalt geprägt ist.


76

ALEXANDER HUBER

LESEPROBE

In diesem Bewusstsein sollten wir uns klar werden,

dass wir über unser gemeinsames Erbe und unsere

gemeinsame Geschichte viel stärker miteinander verbunden

sind, als wir uns vorstellen können. Diese Verbindung

reicht über geografische Grenzen und über

die Zeit hinweg.

Unsere ersten Lehrer in den Bergen waren die Eltern.

Sie waren es, die uns bereits in der Kindheit in diese

wunderbare Welt der Berge entführten und diese

starke Verbindung zur wilden Natur entstehen ließen.

Als Lehrmeister haben sie uns beigebracht, wie man

sich sicher in der senkrechten Welt des Kletterns zu

bewegen hat. Sie haben uns die Augen geöffnet, uns

für Gefahren sensibilisiert, den siebten Sinn vermittelt.

Und das gerade zur wichtigen Zeit unseres

Stürmens und Drängens. Doch als echte Mentoren

haben sie uns nicht nur mitgegeben, wie wir uns sicher

in der steilen Welt zu bewegen haben, sondern

etwas, was mindestens genauso wichtig ist: die richtige

Einstellung, wie man dem Berg begegnet. »Nicht

der Berg ist es, den man bezwingt, sondern das eigene

Ich.« Dieses berühmte Zitat von Sir Edmund Hillary

erklärt in wenigen Worten, dass sich der Berg nicht

besiegen lässt. Denn dem Berg ist es völlig egal, ob

wir an ihm herumsteigen oder nicht. Es gibt keinen

Wettkampf mit dem Berg, denn beim Berg misst sich

Zeit nicht in Jahren, sondern in Erdzeitaltern. Im

Vergleich zum Berg sind wir nichts! Wer das versteht,

lernt Demut. Und vielleicht auch Dankbarkeit, denn

am Ende geht es um das, was wir an Erfahrungen von

den Bergen mit nach Hause bringen. Jede Erfahrung

ein Geschenk des Lebens! Diese Einstellung den Bergen

gegenüber haben die Eltern als Erwachsene an

uns Kinder weitergegeben – still, selbstverständlich,

wie ein inneres Erbe. So wie sie auch von uns wieder

weitergegeben wird.

Genau das passiert auch, wenn ich heute mit dem jungen

Fabi Buhl an den diversen gemeinsamen Projekten

unterwegs war und bin. Da findet er statt, dieser

Transfer an Wissen und Erfahrung. Ist es nicht genial,

wenn man sich mit dem Seil verbindet? Als wir uns

kennengelernt haben, war ich doppelt so alt wie der

Fabi. Ach ja, große Wände will er klettern, auf Expedition

gehen. Ja schön! »Was hast du schon gemacht?

Warst du schon irgendwann mal an großen Bergen

unterwegs?« waren meine Fragen. Seine Antwort:

»Erfahrung hab’ ich keine, aber ich bin motiviert!«

Da habe ich mir gedacht, ja wunderbar. Dann passt

doch alles … denn darin liegt eine Wahrheit, die weit

über das Bergsteigen hinausgeht: Eine gute Seilschaft


entsteht immer dann, wenn die Stärken gut verteilt

sind und sich ergänzen. Nehmen und Geben. Führen

und Lernen. Vertrauen. Das ist das Herz des Bergsteigens

– das verbindende Element.

Für mich war es immer schon eine Bereicherung, mit

den Jungen wie mit den Alten am Berg unterwegs zu

sein. Solange ich mit den jungen Kletterern am Start

bin, sehe ich die gemeinsamen Interessen und Werte,

die über Altersgrenzen hinausgehen. Diese Interaktionen

können vorgefasste Meinungen über die Fähigkeiten

verschiedener Generationen infrage stellen

und mehr Empathie und Respekt untereinander fördern.

Ich selbst schaffe es aber auch, zu verstehen, was

die Jungen umtreibt, wie sie ticken, wie sie denken.

Und das hält jung, man bleibt am Ball und verliert

nicht den Anschluss ans pulsierende Leben.

So wie es für mich ein großartiges Geschenk ist, mit

den jungen Wilden am Start zu sein, so wichtig sind

wir Kinder heute für unsere Eltern. Wir bringen Bewegung

in ihr Leben, Gegenwart in ihre Erinnerungen.

Wir halten den Kreis offen. Ein Kreis, der gelebt wird

und gelebt werden muss. Wie der Kreis, als ich 2024

gemeinsam mit meinem Vater die Alte Westwand am

Kleinen Watzmann kletterte – jene Route, in der mein

eigenes Kletterleben begonnen hatte. Vierzig Jahre lagen

dazwischen. Der Fels war derselbe. Die Steilheit

auch. Aber die Bedeutung hatte sich verändert. Aus

Führung war Begegnung geworden. Aus Lehren ein

gemeinsames Erinnern. Und die Verbindung war noch

immer da – leise, tragfähig, wie ein starkes Seil. Eine

gelebte Verbindung. Ein geschlossener Kreis.

Die Berge verbinden, weil sie uns reduzieren. Auf das

Wesentliche. Sie lehren Respekt – vor der Natur, vor

dem anderen, vor der eigenen Endlichkeit. Da wir

Vielfalt in all ihren Formen wertschätzen, kann die

Akzeptanz unserer Unterschiede durch die gelebte

Harmonie zu tieferen und bedeutungsvolleren Verbindungen

zwischen den Nationen und Generationen

führen. Wer das annimmt, wächst. Nicht höher,

sondern tiefer. Und vielleicht liegt genau darin ihre

größte Kraft.

Am Berg hat also vieles mit Vertrauen zu tun. Selbstvertrauen,

wenn man allein unterwegs ist. Vertrauen

zueinander, wenn man verbunden mit einem Seilpartner

unterwegs ist. Eine Seilschaft. Für das Leben.

Miteinander ist man besser und sicherer unterwegs.

02.

OKT

2026

ALEXANDER HUBER

ÜBERLEBEN TROTZ BERGSTEIGEN

Hardcover mit Schutzumschlag

320 Seiten

mit 24 Seiten Farbbildteil

24,00 € (D) 24,70 € (A)

ISBN 978-3-89029-583-1

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78

CAROLINA WILGA

DEM OUTBACK ENTKOMMEN

DEM

OUTBACK

ENTKOMMEN

CAROLINA WILGA

»ICH WERDE

LAUFEN, BIS ICH

TOT UMFALLE.«

Die Backpackerin Carolina Wilga möchte

auf Reisen herausfinden, wie sie ihr Leben in

Zukunft gestalten will. Doch dieses Vorhaben

endet für sie in Australien in einem erbitterten

Überlebenskampf. Die 26-jährige Deutsche

verirrt sich nach einem Unfall mit ihrem ausgebauten

Van trotz handfester Vorbereitung

im menschenleeren Outback. Kurz darauf

wird eine groß angelegte Suchaktion nach ihr

gestartet, die weltweit durch die Medien geht.

Carolina weiß davon jedoch nichts. Barfuß

und nur mit einem Kleid und einem Schal bekleidet,

schlägt sie sich zwölf Tage lang durch

trockenes Buschland – ohne Nahrung und ohne

Trinkwasser. In ihrem fesselnden und schonungslos

ehrlichen Buch erzählt sie erstmals der

Öffentlichkeit, wie sie zwischen Verzweiflung,

Todessehnsucht und Überlebenswillen die Kraft

findet, dennoch unermüdlich weiterzugehen.

Und wie dieses einschneidende Erlebnis sie für

immer verändert.


79

CAROLINA WILGA

INTERVIEW

INTERVIEW

Liebe Carolina, du hast dich letzten Sommer

allein im Outback Westaustraliens, einer der

abgelegensten Regionen des Landes, verirrt

und zwölf Tage um dein Überleben gekämpft.

Wie geht es dir heute, wenn du an dieses

Erlebnis zurückdenkst?

Heute geht es mir wieder sehr gut, wahrscheinlich so

gut wie noch nie in meinem Leben zuvor. Ich hatte

Phasen nach meiner Rückkehr, in denen ich einiges

hinterfragt habe, wie es beispielsweise überhaupt zu

diesem Unglück kommen konnte. Dann habe ich

mich zurückgezogen und bin die extremen Erfahrungen

da draußen immer wieder im Kopf durchgegangen.

Durch das Schreiben an meinem Buch

begann ich allerdings auch, die schönen Momente

meiner Reise zu erkennen. Und diese sind hauptsächlich

präsent, wenn ich mich jetzt an meine Zeit

in Australien erinnere.

Der Van, mit dem Carolina durch Australien reisen wollte

Du warst gut vorbereitet mit einem ausgebauten

Van unterwegs und wolltest die Gegend

auf eigene Faust erkunden. Wie kam es zu

dem schrecklichen Unfall?

Mit der Reise wollte ich in ein neues Kapitel starten.

Nach vielen Monaten Arbeit und trubeligem Hostelleben

brauchte ich Ruhe. Also bereitete ich mich und

meine Ausrüstung vor und startete meinen Solo-Roadtrip.

Eine Landstraße führte mich zu einem Weg,

der entlang eines Zauns verlief. Als im Dunkeln ein

Auto vor mir auftauchte, überkam mich plötzlich

ein ganz schreckliches Bauchgefühl, weshalb ich

das Lenkrad herumriss und den Zaun durchbrach.

Nach einem Waldstück prallte mein Wagen auf eine

Felsplatte, wodurch ich mir so stark den Kopf an der

Scheibe stieß, dass ich die Besinnung verlor und einen

Abhang hi nunterschlitterte, bis ich schließlich in

dichter Vegetation stecken blieb.

Als du dich von deinem Wagen entfernt hast,

warst du nur mit einem Kleid und einem Schal

bekleidet. Was waren die größten körperlichen

und mentalen Herausforderungen für

Carolina im März 2024 in Marokko auf dem Weg zum

Skaten. Während ihrer Reisen arbeitete sie immer wieder,

wie hier bei einem Volunteering-Job in Tamraght.


80

CAROLINA WILGA

INTERVIEW

dich im Outback, nachdem du nicht mehr zum

Van zurückfandest?

Die größten körperlichen Herausforderungen waren

die Kälte und das fehlende Wasser. Das Outback oder

auch der »Wheat Belt«, in dem ich mich befand, ist

in den Sommertagen extrem heiß, mit Temperaturen

bis zu 40 Grad. Zu meinem Glück habe ich mich

im Juli verirrt, also dem australischen Winter, wo es

trotzdem noch bis zu 25 Grad warm werden kann.

Die Sonne hat mir so am Tag das Überleben gesichert,

denn die Nächte waren extrem kalt. An einem Morgen

war die gesamte Landschaft sogar mit Frost bedeckt.

Da hätte ich auf jeden Fall einen Pullover und

Socken brauchen können.

Die mentale Herausforderung war die Ungewissheit.

Die Tage und Nächte haben sich unendlich lang angefühlt.

Nachdem ich sehr viele Kilometer zurückgelegt

und immer noch keinen Hinweis auf Zivilisation

entdeckt hatte, brachte es mich um den Verstand. Die

Frage, ob ich Hilfe finden werde und wie lange ich

noch überleben kann, war das Schlimmste.

Dieses Symbol stellt die Harmonie zwischen der weiblichen

und männlichen Energie dar. Carolina trägt es als Tattoo auf

ihrem linken Arm. Im Outback hatte der Mond, ihr Kompass

bei Nacht, die gleiche Form.

Auf dem Kleid, das Carolina im Outback trug, sind die

Spuren ihres Überlebenskampfes nach wie vor sichtbar.


81

CAROLINA WILGA

INTERVIEW

»MEINE MUTTER HATTE

AM TAG MEINES UNFALLS

EIN KOMISCHES GEFÜHL

IM BAUCH, SIE WUSSTE,

DASS IRGENDETWAS

NICHT STIMMTE.«

Carolina im Krankenhaus in Perth, wenige Tage nach ihrer

Rettung im Juli 2025

Du hattest keine Nahrung und kein Wasser

dabei. Woher wusstest du, was du im

Outback essen und trinken kannst und

wie du dich orientierst?

Ich hatte absolut keine Ahnung, was man essen kann

oder wie man Wasser findet. Das Einzige, was ich wusste,

war, dass alles im Outback giftig und trocken ist. Auf

der Suche nach Wasser habe ich verschiedene Techniken

ausprobiert, jedoch vergeblich. Am Ende konnte ich

nur Regenwasser trinken – wenn es denn mal regnete …

Da ich mich schon als Kind gern in der Natur aufhielt,

hatte ich durch meinen Vater etwas Wissen darüber,

wie man sich zum Beispiel an der Sonne orientiert.

Ich kannte die Himmelsrichtungen und wusste, dass

sich die Küste, die ich letztlich ansteuerte, im Westen

befindet. Dementsprechend hatte ich die Sonne morgens

im Rücken und lief ihr abends entgegen. Nach

einiger Zeit konnte ich aber erkennen, dass die Sonne

mich austrickste, denn in Australien liegt der Sonnenaufgang

und -untergang im Winter etwas nördlicher

und nicht genau gegenüber. Bis zu dieser Feststellung

habe ich einige Nerven gelassen.

Wann hast du zum ersten Mal gedacht, dich

wird niemand finden, du wirst deine Familie

niemals wiedersehen?

Die ersten Tage war ich noch voller Hoffnung, meinen

Van wiederzufinden, wodurch mein Unterbewusstsein

alles andere ausblendete. Erst am dritten

Tag haben mich dann die Emotionen und Gedanken

regelrecht überrollt. Das hat mir den Boden unter den

Füßen weggerissen. Meine allergrößte Angst war,

dass meine Leiche nicht gefunden wird und meine

Eltern niemals mit meinem Verschwinden abschließen

können.

Was hat dich motiviert, trotzdem weiterzulaufen

und nicht aufzugeben?

Es gab zwei Hauptgründe: Ich wollte leben – und

so trieb mich die große Hoffnung, meinen Van wiederzufinden,

um von dort aus Hilfe zu holen, vorwärts.

Der andere war meine Familie. Da draußen

habe ich meiner Mutter etwas geschworen, und

dieser Schwur hat mich jedes Mal wieder auf die

Beine gestellt.


82

CAROLINA WILGA

INTERVIEW

die Frau vor mir anhielt. Mit großen Augen guckte sie

mich aus ihrem Auto an, der Hund neben ihr hörte

nicht auf zu bellen. Dann stieg sie aus, umarmte mich

und gab mir ihren Pulli.

Was ging dir durch den Kopf, als du später die

Berichterstattung über die groß angelegte

Suchaktion nach dir gesehen hast?

Tausend Dinge. Mein Magen hat sich auf links gedreht,

weil es mir so unglaublich unangenehm war, mein Gesicht

überall in den Medien zu sehen. Gleichzeitig war

ich sehr erstaunt, denn damit hatte ich überhaupt nicht

gerechnet. Ich dachte maximal an eine Ermittlung,

die nicht in der Öffentlichkeit stattfand, oder an eine,

die noch nicht so ausgeweitet wurde. Dieses Ausmaß

hat mich regelrecht erschlagen.

In Bonifacio auf Korsika, September 2019

Wie hat deine Familie in Deutschland reagiert,

als sie von deinem Verschwinden erfahren hat?

Meine Mutter hatte am Tag meines Unfalls ein komisches

Gefühl im Bauch, sie wusste, dass irgendetwas

nicht stimmte. Als ihre Nachricht mich wegen

des fehlenden Handynetzes nicht erreichte, hat sich

dieses Gefühl verstärkt. Zuerst hoffte meine Familie,

dass es nur ein Versehen sei, aber sehr schnell rechnete

sie mit dem Allerschlimmsten, weshalb sie die Polizei

in Deutschland alarmierte.

Kannst du das Gefühl beschreiben, als du

nach zwölf Tagen auf einer einsamen Landstraße

einer Frau begegnet bist, die dort

zufällig mit ihrem Wagen entlangfuhr?

Nein, dieses Gefühl ist nicht in Worte zu fassen.

Es war eine Mischung aus purer Freude, Loslassen,

Glück und Misstrauen – aber das beschreibt es nicht

mal annähernd. Ich habe geweint, sogar geschrien.

Als ich das Auto in der Ferne sah, habe ich mich auf

die Straße gestellt und nicht aufgehört zu winken, bis

Auf Sri Lanka, Februar 2025


»IM OUTBACK HABE

ICH MICH GEFÜHLT WIE

EIN MENSCH AUS DER

STEINZEIT.«

Du bist schon vor Australien viel gereist, warst

unter anderem in Marokko, Indien und Indonesien

– hat sich deine Einstellung zum Reisen,

vor allem dem Alleinreisen, durch die Erlebnisse

verändert?

Ich habe garantiert etwas mehr Respekt, besonders

weil sich für mich einige Fragen bezüglich des Unfalls

immer noch nicht aufgelöst haben. Aber das Reisen,

das Erkunden neuer Länder und fremder Kulturen,

die Abenteuer in der Natur werde ich dadurch nicht

aufgeben. Es ist etwas, das ich liebe und mein Leben

lang machen möchte. Es gehört einfach zu mir.

Wie beeinflussen die Ereignisse im Outback

heute deine Sicht auf den Alltag?

Im Outback habe ich mich gefühlt wie ein Mensch

aus der Steinzeit. Aus einer Zeit, in der es noch keinen

technischen Fortschritt gab, nur die Menschen, die

Tiere und die Natur. Wenn ich jetzt abends unter meine

warme Bettdecke schlüpfe, bin ich jedes Mal unglaublich

glücklich, mit den Privilegien der Moderne

geboren worden zu sein.

Im Alltag begleitet mich dazu noch eine neue innere

Ruhe. Ich habe gelernt, mir selbst beziehungsweise

meinem Bauchgefühl zu vertrauen und mich mit meinen

Ecken und Kanten anzunehmen.

Was möchtest du den Leserinnen und Lesern

deines Buchs mit auf den Weg geben?

Dass es sich lohnt, tief durchzuatmen, die Augen zu

öffnen, sich umzuschauen und einen oder am besten

Hunderte ehrliche Momente mit den Liebsten zu verbringen.

Seid nicht zu ernst im Leben, sondern habt

Freude dabei. Schenkt euren Mitmenschen etwas

Zuneigung und beobachtet hin und wieder mal einen

Vogel, einen Käfer oder ein anderes Lebewesen, um

euch an die Faszination für unsere Natur zu erinnern.

04.

SEP

2026

CAROLINA WILGA MIT KATHRIN NORD

DEM OUTBACK ENTKOMMEN

Mein Überlebenskampf in der

australischen Wildnis

Laminierter Pappband

240 Seiten

mit 16 Seiten Farbbildteil

22,00 € (D) 22,70 € (A)

ISBN 978-3-89029-625-8

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84

THOMAS SCHLESSER

DER GÄRTNER UND DIE KATZE

DER

GÄRTNER

UND DIE

KATZE

THOMAS SCHLESSER


»Ich kann bezeugen,

dass Poesie wirklich

das Leben retten

kann, wenn es einem

schlecht geht. Und

selbst wenn es einem

gut geht, kann sie es

intensiver machen.«

Louis ist verstummt. Für den hochsensiblen Gärtner

bricht eine Welt zusammen, als sein geliebtes

Kätzchen schwer erkrankt. Nach einem Sturm

sind die Gärten in diesem Winkel der Provence

verwüstet. Und sein Leben könnte, wenn es nach

Louis geht, genauso gut vorbei sein.

Dann aber zieht Thalie in das Haus neben Louis,

das früher eine Seidenraupenzucht beherbergt

hat. Die ehemalige Literaturprofessorin steckt den

Gärtner schnell mit ihrer Leidenschaft für Lyrik

an. Und so sind es Sappho und Rimbaud, Neruda,

Rilke und Brontë, mit denen Louis langsam die

richtigen Worte findet – und ganz nebenbei auch

Thalies Garten in Ordnung bringt.

»Der Gärtner und die Katze« ist eine Hymne auf

die Poesie, die Natur, die Freundschaft und einen

zarten Neubeginn.


86

THOMAS SCHLESSER

LESEPROBE

LESEPROBE

Winzig und warm schlummerte das Kätzchen in einer

riesigen Hand. Diese gehörte Louis, dem Gärtner, einem

schweigsamen Koloss, unter dessen Gewicht das

Rohrgeflecht des Stuhls knackte. Er saß in der oberen

Etage eines bescheidenen Steinhauses und machte

ein Gesicht, als verliere er jeden Moment die Fassung.

Mit dem Daumen berührte er sacht einen Punkt genau

in der Mulde am Hals des Tieres. Einen winzigen

Punkt, der dennoch sein ganzes Denken einnahm.

So wachte Louis über die kleine zusammengerollte

Fellkugel. Träumte sie? Wovon mochte ein Wesen,

das erst seit so kurzer Zeit auf der Welt war, wohl träumen?

Während er dies dachte, sah er durchs Fenster,

wie sich die großen hundertjährigen Bäume im Wind

bogen. Der Sturm wurde heftiger, zwirbelte die Luft,

knickte die Äste der Olivenbäume ab. Doch das Kätzchen,

unbeirrt von dem Getöse, schnurrte. Draußen

das urzeitliche Brausen des Gewitters, drinnen das

gleichmäßige, friedliche Raunen des Tieres …

Wo hatte er gehört, dass dieser Ton in einer Frequenz

zwischen 26 und 44 Hertz schwang? Er erinnerte

sich nicht mehr. Vielleicht hatte er es sich ausgedacht.

Eines wusste er jedoch mit Bestimmtheit: Schnurren

war ein weniger eindeutiges Zeichen, als es schien.

Wenn der Körper einer Katze auf diese Art vibriert,

fast wie ein unterirdisches Beben, dann drückt er damit

nicht nur reine, vollkommene Freude aus, sondern

er kämpft auch. Dieser samtene Atem heilt Wunden

und Krankheiten, kuriert Knochen, Gewebe, Blut.

Louis streichelte den grau-weißen Pelz. Er hätte endlos

damit fortfahren können.

Der Himmel tobte jetzt und riss in seinem Zorn die

südfranzösische Landschaft mit sich fort. Die Pinien

neigten und krümmten sich ächzend. Sie würden es

vielleicht nicht überstehen. Bei jedem Ast, der brach,

schrien sie vor Angst, für immer zu fallen. Der Wind

legte weiter zu, berauscht von seiner eigenen Geschwindigkeit.

Die ganze Natur betete still, dass diese

tollwütige Raserei der Luft und des Regens enden

möge, der, von den Böen gepeitscht, fast waagerecht

fiel. Es waren weder die Lanzen des Mistrals noch

der vertraute, an den Mittelmeerküsten häufige Ausbruch

von Blitz und Donner, die an diesem Abend an

den Fensterläden rüttelten und die Kinder verängstigten,

sondern ein nie gekannter, beinahe überirdischer

Furor.

Sorgenvoll beobachtete Louis, wie Wiesen und Felder

zur Ader gelassen wurden. Er hörte, wie auf dem

Nachbargrundstück eine Trockensteinmauer nachgab.

Das Grollen verband sich mit der Verzweiflung,

die ihn seit dem Morgen erfüllte, so als wollten die

entfesselten Elemente seiner eigenen Wut und seinem

Kummer Ausdruck verleihen.

Ursache dieser Wut war eine verhängnisvolle Nachricht.

Das Kätzchen war todkrank – es würde bald

sterben, da gab es keinerlei Hoffnung, hatte man ihm

gesagt. Etwa zehn Tage zuvor hatte der Gärtner bemerkt,

dass sein kleiner Begleiter die Milch nicht mit

dem gewohnten Appetit schleckte. Das Tier wirkte

unwillig, sobald es sein Schnäuzchen in die Schale

tauchte. Daher brachte Louis es zu einer Tierärztin,

die sich, frisch von der Uni, in einer nahegelegenen

Stadt niedergelassen hatte. Nach gründlichen Untersuchungen

sprach sie die verhängnisvollen Worte

aus: Unter dem weichen Fell hatte sich, auf Höhe des

Kehlkopfes, ein bösartiger Tumor eingenistet. Da war

nichts zu machen. Die junge Frau hatte Louis das Unmögliche

nahegelegt: das Kätzchen einschläfern zu

lassen, um ihm das bevorstehende Leid zu ersparen.

Louis hatte nichts erwidert. Er hatte weder Fragen

gestellt noch Auf Wiedersehen gesagt. Hatte nur das

Tier wieder auf den Arm genommen und instinktiv

den Daumen an die Stelle gelegt, an der das Übel unerklärlicherweise

gewachsen war, als könne er so den

beginnenden Krebs verscheuchen. Dann war er nach

Hause zurückgekehrt, niedergeschmettert. Da hatte

sich der Wind erhoben. Anfangs waren es nur vereinzelte

Luftwirbel, die sich im Laufe der Stunden

zu Tornados auswuchsen. Die am Himmel geballten

Wolken dagegen rührten sich nicht vom Fleck, bereit,

ihre Fluten über der Welt auszuschütten und nie mehr

damit aufzuhören.

*


87

THOMAS SCHLESSER

LESEPROBE

»Das beste Mittel

gegen die Melancholie

unserer Zeit. Thomas

Schlesser versteht es,

Lust darauf zu machen,

Gedichte zu lesen.«

TÉLÉMATIN

Louis gehörte zu der Sorte Mensch, die man als sensibel

bezeichnet. Laut psychologischem Jargon, der

sich mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch

durchgesetzt hat, war er sogar »hochsensibel«. Dieses

grundlegende, um nicht zu sagen zentrale Merkmal

seiner Persönlichkeit war umso überraschender, als

sein breites Kreuz zumindest äußerlich den Eindruck

unbezwingbarer, beinahe stählerner Kraft vermittelte.

Doch seine Herzensgüte machte aus ebendiesem

Herz ein Organ so brüchig wie Ton. Kommt man

Guillaume APOLLINAIRE

Louis ARAGON

Charles BAUDELAIRE

William BLAKE

Jorge Luis BORGES

Georges BRASSENS

Jacques BREL

Emily BRONTË

DANTE

Emily DICKINSON

T. S. ELIOT

Paul ÉLUARD

Serge GAINSBOURG

Federico GARCÍA LORCA

GILGAMESCH-Epos

Johann Wolfgang von GOETHE

Friedrich HÖLDERLIN

HOMER

Victor HUGO

Jean de LA FONTAINE

Stéphane MALLARMÉ

Ossip MANDELSTAM

John MILTON

Pablo NERUDA

OVID

Cesare PAVESE

Fernando PESSOA

Edgar Allan POE

Alexander PUSCHKIN

Marcel PROUST

Raymond QUENEAU

Rainer Maria RILKE

Arthur RIMBAUD

SAPPHO

Torquato TASSO

Georg TRAKL

François VILLON

Walt WHITMAN

Marina ZWETAJEWA


88

THOMAS SCHLESSER

LESEPROBE

»Als poetischer Entwicklungsroman

über

die Kraft der Worte

erweitert ›Der Gärtner

und die Katze‹ die

ästhetischen Lektionen

von ›Monas Augen‹:

die einer Literatur der

Fürsorge und des Trosts.

Die Sanftheit des

Wissens in einer Welt

von Grobianen.«

LH LE MAGAZINE

hochsensibel auf die Welt? Oder wird man es dank

gewisser Ereignisse, besonders in der Kindheit? Das

ist schwer zu sagen. Bei Louis hatten sich die ersten

Anzeichen jener Durchlässigkeit früh im Kontakt

mit Tieren und Pflanzen gezeigt. Als einziges Kind

bescheidener provenzalischer Schäfer, fühlte er sich

früh von der Rinde der Bäume und dem Fell der Tiere

angezogen. Diese innige Zuneigung weckte in ihm

eine unbezwingbare Empathie, die ihn zum Lachen

wie zum Weinen brachte. Kaum ins Leben geworfen,

liebte er Schafe und Hütehunde, natürlich. Doch vor

allem Katzen. Warum nur? Weil, so sagt man, diese

Tiere in einer Schäferei zu nichts nütze sind … Sie

sind nur da, um Gesellschaft zu leisten, was angesichts

der täglichen harten Arbeit nicht viel wert ist.

Diese angebliche Nutzlosigkeit hatte den kleinen

Louis zutiefst berührt, vielleicht, weil sie ihn an sein

eigenes Gefühl der Bedeutungslosigkeit und Verletzlichkeit

erinnerte.

Die Provence wird häufig von Bränden heimgesucht –

das ist ihr Drama, ihre Feuerprobe. Von klein auf hatte

Louis es verängstigt und verzagt mitansehen müssen.

Oft suchten vor Flammen und Rauch fliehende

Tiere in der Schäferei Schutz. Inmitten des unsäglichen

Schmerzes, die großen Pinien und Weinberge

vernichtet zu sehen, fand er immerhin eine gewisse

Freude darin, die Tiere, darunter seine schnurrenden

Freunde, aufzunehmen und zu retten. Damals, als seine

Hand noch zu klein war, um als Wiege zu dienen,

bot er ihnen seine abgelegten Schuhe als Unterschlupf.

Die Kätzchen krochen hinein, und die alten Latschen

des Jungen wurden ihr Zuhause.

Schon immer glaubte er, dass es seine Aufgabe war,

jenen Lebewesen zu helfen, die über keine Sprache

verfügten, die ihr Leid nicht in Worte fassen konnten.

Dank einer Beobachtungsgabe und einem Verständnis

für die Erde, die ihresgleichen suchten, war

er ein außergewöhnlicher Gärtner geworden. Louis’

Hypersensibilität schärfte seine Aufmerksamkeit für

die Welt, und hinter seiner stillen Fassade wimmelte

es vor Träumen und Ahnungen. Doch niemals hätte

er sich vorstellen können, dass er eines Tages ein

Kätzchen aufnehmen würde, dessen Leben er nicht

beschützen konnte. Und so loderte der Brand nun in

ihm, während draußen die Katastrophe weiter unerbittlich

wütete.


Irgendwann musste Louis schließlich eingeschlafen

sein, ohne es zu merken. Er blinzelte in den Morgen

und stellte fest, dass sich sein massiger Körper nicht

vom Fleck gerührt hatte. Er war auf dem Stuhl sitzen

geblieben, den Oberkörper nach vorn geneigt,

wodurch er eine behagliche Höhle für das Kätzchen

bildete, das noch immer schnurrte … Er richtete sich

auf. Das Tier erwachte ebenfalls und stupste mit einer

grazilen Bewegung die Hand seines Beschützers

an. Guten Morgen, dachte Louis, ohne dass ihm die

Worte über die Lippen kamen.

Endlich lösten sich die beiden Gefährten voneinander.

Der Mann erhob sich, und die Katze sprang auf den

Boden. Zusammen gingen sie ans Fenster und sahen,

dass draußen eine arrogante Sonne strahlte. Von hinten

und im Gegenlicht betrachtet, boten sie einen rührenden

Kontrast. Links ein Gigant: Stiernacken, kräftige

Schultern, riesige Arme, ein breiter Brustkorb und

starke Hüften, getragen von zwei Beinen, die so massiv

waren, als wären sie aus Zement gegossen. Rechts

schlängelte sich eine kleine, gesträubte Schwanzspitze

über einem zarten, pelzigen Hinterteil. Zu beiden

Seiten des Köpfchens ragten Schnurrhaare hervor wie

Brunnenfontänen, obenauf wackelten zwei Öhrchen

mit leicht gerundeter Spitze. Sie waren durchscheinend,

als wären sie aus Papier ausgeschnitten.

Das Duo hörte Schreie draußen vor dem Fenster. Eine

Männerstimme mit slavischem Einschlag und eine

Frauenstimme verflochten sich zu einem Kranz von

»Oh là là!«, »Nicht zu fassen!«, »Grundgütiger!« – lauter

Ausrufe, deren zivilisierter Anstrich den Wunsch

verbarg, weitaus deftigere Flüche auszustoßen. Endlich

entdeckte Louis die Urheber des Lamentos: Es

waren die Nachbarn, die vor Kurzem das große Haus

auf der anderen Straßenseite bezogen hatten. Das

Paar schritt sein über Nacht verwüstetes Grundstück

ab. Er, ein agiler Achtzigjähriger, lief hierhin und

dorthin, sammelte nach und nach die verstreuten Äste

auf und betrachtete sie mit der hilflosen Miene eines

dem Tod Entronnenen. Sie, vermutlich jünger, war

auf den Stamm einer umgestürzten Pinie geklettert.

Während sie auf das zerfurchte Gelände zeigte – wo

der Schlamm in den ersten Morgenstunden bereits

getrocknet war –, deklamierte sie in theatralischem

Ton die Worte Federico García Lorcas: »Die Sonne

geht auf. Gelb verblutet der Garten.«

02.

OKT

2026

THOMAS SCHLESSER

DER GÄRTNER UND DIE KATZE

Aus dem Französischen von Amelie Thoma

Hardcover

384 Seiten

26,00 € (D) 26,80 € (A)

ISBN 978-3-492-07493-3

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Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


90

AHMAD MANSOUR

HALTUNG OHNE HASS

AHMAD MANSOUR

HALTUNG

O H N E

H A S S



92

AHMAD MANSOUR

INTERVIEW

INTERVIEW

Lieber Herr Mansour, Ihr neues Buch trägt den

Titel Haltung ohne Hass. Was genau meinen

Sie damit?

In politischen Diskursen und öffentlichen Debatten

beobachte ich zunehmend eine besorgniserregende

Entwicklung: Wir hören einander

nicht mehr wirklich zu. Die Bereitschaft, andere

Haltungen auszuhalten oder ernsthaft zu prüfen,

schwindet. Statt dem Gegenüber mit Argumenten

zu begegnen, greifen wir zur Diffamierung oder

zum Ausschluss.

Wir sprechen oft von Toleranz – doch Toleranz bedeutet

zunächst, etwas zu ertragen, das wir nicht teilen

oder gutheißen. Genau dieses Ertragen fällt uns

immer schwerer. Das ist hochgefährlich: für die Qualität

unserer Debatten, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

– und letztlich für die Stabilität unserer

Demokratie.

Sie leben nun schon über zwanzig Jahre in

Deutschland. Wie erleben Sie als Psychologe

die Veränderungen der letzten Jahre?

In meiner täglichen Arbeit nehme ich eine wachsende

Erosion der Empathiefähigkeit wahr – quer durch

alle sozialen und kulturellen Hintergründe. Die

fortschreitende Digitalisierung und die Dominanz

sozialer Medien haben dazu geführt, dass reale Begegnungen

seltener werden. Vielen jungen Menschen

fehlt zunehmend die Erfahrung, unmittelbar zu spüren,

was Worte und Handlungen beim Gegenüber

auslösen. Das erklärt zum Teil auch die alarmierende

Zunahme von Gewalt und Kriminalität bereits im

Kindes- und Jugendalter.

Zugleich beobachte ich eine steigende Ambiguitätsintoleranz

in der gesamten Gesellschaft. Echokammern

und dichotome Weltbilder – richtig oder falsch,

gut oder böse – verdrängen die Fähigkeit, Widersprüche

auszuhalten. Doch Demokratie ist keine Versammlung

Gleichdenkender. Sie ist kein Zustand der

Harmonie oder des Konsenses. Demokratie lebt von

der Vielfalt der Meinungen – und vom zivilisierten

Streit in offenen Diskursen.

Sie arbeiten viel mit jungen Menschen.

Vor welchen Herausforderungen stehen sie

heute, wie kann man sie unterstützen?

Seit 2020 befinden sich viele junge Menschen im permanenten

Krisenmodus: Pandemie, Krieg in Europa,

Klimakrise, Inflation, Zukunftsängste. Dieses Gefühl

der Überforderung und Ohnmacht schafft einen

Nährboden für Radikalisierung.

Extremismus ist immer eine radikale Vereinfachung.

Er bietet scheinbare Orientierung, Halt und Zugehörigkeit.

Er entlastet von der Verantwortung, selbst

komplex zu denken und Ambivalenzen auszuhalten.

Er vermittelt das Gefühl, Teil einer moralisch überlegenen

Elite zu sein.

Diese Dynamik wird uns in den kommenden Jahren

leider intensiv begleiten. Umso wichtiger ist es, jungen

Menschen Räume zu eröffnen, in denen sie Selbstwirksamkeit

erfahren, Widerspruch aushalten lernen

und konstruktive Zugehörigkeit entwickeln können.

Sie erleben, dass sich Menschen zunehmend

in sozialen Netzwerken radikalisieren.

Was lässt sich dagegen tun?

Die Algorithmen sozialer Medien belohnen Zuspitzung,

Empörung und moralische Wut. Sie fördern

Polarisierung und verstärken Echokammern. Was

zählt, sind Applaus und Bestätigung – nicht Dialog.

Radikale Akteure verschiedenster Couleur haben

dadurch nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, ihre

Ideologien zu verbreiten. Regulierung und klare Regeln

für Plattformen können helfen. Doch wir dürfen

nicht allein auf politische Lösungen warten.

Demokratische Stimmen müssen selbst sichtbarer

werden. Wir verfügen über starke, humane Werte –

aber wir kommunizieren sie oft zu leise. Es ist paradox:

Wir schaffen es, Menschen für Apple-Produkte

zu begeistern, aber nicht für Grundrechte, Freiheit

und Pluralismus. Wir brauchen kraftvolle Gegen-

Narrative.

Jeder Einzelne kann in sozialen Medien Zivilcourage

zeigen: widersprechen, argumentieren, Haltung zeigen

– auch wenn es unbequem ist.


93

AHMAD MANSOUR

INTERVIEW

«

WO IST DIE BEREITSCHAFT,

UNBEQUEME MEINUNGEN

AUSZUHALTEN?

Sie sagen, Menschen hätten verlernt, miteinander

zu reden. Sie würden feindseliger und

radikaler, und zwar nicht nur an den politischen

Rändern. Was und wen genau meinen

Sie damit?

Ich meine uns alle. In Schulen, in sozialen Netzwerken,

am Familientisch zu Weihnachten, in Vereinen,

in Parlamenten – selbst dort, wo Demokratie

geschützt werden soll. Auch in repräsentativen Institutionen

unseres Landes.

Wo ist die Bereitschaft, unbequeme Meinungen auszuhalten?

Warum scheint es zu Fragen wie Ukraine,

Klima, Migration oder Gendern zunehmend nur

noch eine legitime Antwort zu geben? Ist das noch

Demokratie?

Demokratie bedeutet, dorthin zu gehen, wo es wehtut.

Dorthin, wo Widerspruch entsteht. Dorthin, wo

andere argumentativ zu anderen Schlüssen kommen.

Der Rückzug in Gleichgesinnung ist menschlich –

aber demokratietheoretisch fatal.

Was kann jeder und jede Einzelne, was kann

die Politik dagegen tun?

Wir brauchen wieder echte, offene Debatten – über

alle Themen. Nicht inszenierte Gesprächsformate,

sondern wirklichen Austausch.

Ich plädiere dafür, Debattieren als Pflichtfach an

Schulen einzuführen. Junge Menschen müssen lernen,

Argumente zu formulieren, Gegenargumente zu

prüfen und respektvoll zu widersprechen.

Auch in den Medien wünsche ich mir mehr Formate,

in denen substanzielle politische Auseinandersetzungen

stattfinden – nicht Gesprächsrunden, in denen

sich Gleichgesinnte gegenseitig bestätigen.

Und im privaten Umfeld gilt: Wenn wir beobachten,

dass sich jemand radikalisiert, dürfen wir nicht

wegsehen. Wir sollten das Gespräch suchen, zuhören

– und zugleich widersprechen. Beziehung ist der

wirksamste Schutz vor Extremismus. Durch Bindung

können wir Menschen eher erreichen als durch

Ausgrenzung.

Auch Sie selbst stehen immer wieder in der

Kritik, von rechts wie von links, werden aufs

Schärfste bedroht. Wie schaffen Sie es, trotzdem

engagiert und zuversichtlich zu bleiben?

Ich kam vor 21 Jahren nach Deutschland. Ich stamme

aus einer Kultur und einer Familie, in der es nur eine

legitime Meinung gab – die des Vaters. Tabus und

Verbote strukturierten das Denken.

In meiner Wahlheimat Deutschland habe ich etwas

gelernt, das für mich existenziell ist: Mündigkeit. Ich

durfte meine eigene Stimme finden und mitgestalten.

Meine Haltungen sind nicht heilig. Sie dürfen kritisiert,

diskutiert, ja sogar verworfen werden. Kritik

bedeutet, wahrgenommen zu werden. Sie eröffnet

Debatten – und genau darum geht es mir.

Mehr wollte ich nie als die Freiheit, meine Meinung

zu sagen – und die Freiheit, eigene Fehler machen zu

dürfen.


94

AHMAD MANSOUR

LESEPROBE

LESEPROBE

Prolog

7. Oktober 2024: Seit Tagen bin ich angespannt, merke,

dass ich Angst habe vor diesem Tag, an dem sich

das Massaker der Hamas, das größte Pogrom an Juden

seit der Schoah, zum ersten Mal jährt. Sobald ich

daran denke, bin ich zurück an diesem Morgen im

Jahr 2023, an dem ich aus einem tiefen Schlaf aufwache,

als hätte mein Körper vorausgeahnt, dass dies die

letzte Nacht ist, in der ich ruhig schlafen kann. Mein

Handy ist voller Push-Nachrichten. Ich lese sie und

bin wie gelähmt. Die nächsten drei Stunden bleibe

ich im Bett liegen und klicke mich durch die dunkelsten

Kanäle auf Facebook und später auf Telegram.

Dort kann man Gräueltaten der Hamas live verfolgen.

Mit Bodycams, Handys und GoPros filmen und posten

die Terroristen alles selbst – stolz, überzeugt, ihre

Macht in diesem Moment maximal genießend.

Ich sehe, wie Terroristen einer sterbenden jungen

Frau das Handy wegnehmen, ihre Mutter anrufen,

ihr das Gesicht ihrer Tochter zeigen und lachen. Ich

sehe Häuser, die in Brand gesetzt werden. Ich sehe

eine Familie in ihrem Wohnzimmer. Zwei Kinder

weinen, ein Mädchen liegt regungslos auf dem Boden.

Vielleicht ist es tot. Die Eltern dürfen dem Kind nicht

helfen. Die Mutter ist zerrissen. Mit einem Auge ist

sie bei ihrer Tochter, mit dem anderen bei den beiden

Kindern, die neben ihr sitzen. Ein Kind fragt: »Mama,

müssen wir auch sterben?«

Ich sehe zwei Jungen in einem Wohnzimmer. Sie sind

voller Blut, tragen nur Unterwäsche. Ein Terrorist

kommt herein. Der ältere Junge steht auf, fleht ihn auf

Englisch an: »Please, please, please. Let me go home!«

Dann weint er: »My dad! My dad!« Der Terrorist geht

zum Kühlschrank, bietet den Jungen etwas zu trinken

an. Dann nimmt er sich selbst eine Cola, trinkt sie in aller

Seelenruhe und geht nach draußen. Später wird rekonstruiert,

was ich da sehe: Der Vater war mit seinen Söhnen

in einen Schutzraum geflüchtet. Ein Terrorist warf eine

Handgranate in den Eingang, der Vater stürzte sich darauf,

um seine Kinder zu schützen. Er starb sofort in der

Explosion, die Jungen überlebten schwer verletzt.

Das sind nur Ausschnitte. Im März 2024 habe ich das

gesamte Archiv dieser Taten gesehen. Ich werde die

Bilder niemals wieder aus meinem Kopf bekommen.

Ich schreibe das hier, damit die Welt nicht vergisst,

was passiert ist, denn die Verbrechen des 7. Oktober

2023 scheinen längst im Aufmerksamkeitszyklus

der Debatten untergegangen zu sein.

Das Massaker traf mein Land. Orte, die mir vertraut

sind, weil sie zu meinem Leben gehören; an denen ich

auf Schulausflügen war, an denen ich Dates hatte, an

denen heute noch Freunde leben.

In den Tagen nach dem Massaker gebe ich erste Interviews.

Daraufhin bricht eine nie dagewesene Hasswelle

über mich herein. Unzählige Male lese ich »Verräter«

und »Muslimhasser«. Die Gewaltandrohungen

und Morddrohungen werden detaillierter und so konkret,

dass mir klar wird: Das sind keine leeren Worte.

Jemand veröffentlicht den Namen meiner Frau. Die

Polizei kontaktiert mich: Die Bedrohungslage habe

sich massiv verschärft. Ein Anschlag auf mich sei

wahrscheinlich. Ab sofort permanenter Personenschutz.

Es folgt ein Jahr ohne Normalität, ohne Spontaneität.

Ein Jahr, in dem ich anfange, in Szenarien zu denken,

die ich früher für absurd gehalten hätte: Was mache

ich, wenn ähnliche Terroristen wie die Hamas vor

meiner Tür stehen? Steigen meine Frau und meine

Tochter vom Fenster aufs Dach, um zu fliehen? Wo ist

das sicherste Versteck? Ich gehe nicht schlafen, ohne

zweimal zu prüfen, ob die Tür geschlossen ist und ob

die Polizei noch unten steht.

Trotzdem ist das nur ein Teil meiner Angst. Da ist die

Sorge um meine Familie in Israel. Da ist aber auch die

Trauer um die unbeteiligten Menschen in Gaza. Jedes

Mal, wenn ich Bilder von Menschen dort sehe, sehe

ich in ihnen meine Mutter, meine Tante, meinen Vater.

Sie sehen genauso aus wie wir, sprechen die gleiche

Sprache, tragen die gleiche Kleidung. Als Kind, als die

Grenzen noch durchlässiger waren, habe ich viele Wochenenden

und Ferien in Gaza verbracht. Später begegnete

ich Menschen von dort auch in meinem Alltag:

Viele wohnten damals in Tira, meiner Heimatstadt,


95

AHMAD MANSOUR

LESEPROBE

und fuhren nur am Wochenende nach Hause. An der

Tankstelle, bei der mein Vater arbeitete, gab es die

einzige Telefonzelle im Dorf. Dort standen sie oft

Schlange, um ihre Familien anzurufen.

Und während all das in mir arbeitet, zeigt sich seit

jenem Morgen eine Entwicklung, die weit über mich

hinausgeht. Antisemitismus ist weltweit sichtbarer,

lauter und gefährlicher geworden. Jüdisches Leben

ist konkret bedroht. In Deutschland hat sich die Zahl

antisemitischer Straftaten verdreifacht. Es gab Hunderte

Demonstrationen, auf denen Hamas-Terror

verherrlicht wurde und Parolen wie »Kindermörder

Israel« gerufen wurden. Es waren zwölf Monate voller

unfassbarer Meldungen, Ereignisse und Auseinandersetzungen.

Ich möchte mich an diesem 7. Oktober 2024 mit alldem

nicht auseinandersetzen. Ich will die Bilder

vergessen, die Interviews absagen, den Polizeischutz

ignorieren. Aber ich kann nicht. Schweigen würde

bedeuten, denen das Feld zu überlassen, die Hass

und Hetze verbreiten. Diese Verantwortung kann

ich nicht abgeben. Um sechs Uhr habe ich das erste

Interview gegeben. Jetzt, elf Stunden und unzählige

weitere Interviews später, sitze ich auf der Bühne eines

Theaters. Neben mir Josef Schuster, der Präsident

des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der Saal

ist voll. Ich sehe vertraute Gesichter, aber auch viele

Politiker und Medienvertreter, die meinen Analysen

bisher widersprochen, mich als undifferenziert bezeichnet

und mir unterstellt haben, Probleme zu dramatisieren,

die kaum existierten. Am liebsten würde

ich jeden von ihnen direkt ansprechen und fragen, ob

sie anders denken, nachdem sie gesehen haben, wie

Menschen hierzulande das Massaker feierten, wie der

Terror verteidigt wurde, wie Antisemitismus in Schulen,

auf Straßen und Universitäten explodiert ist und

wie Akteure, die sich selbst als links und progressiv

verstehen, plötzlich neben Islamisten und Antisemiten

stehen. Ich mache mir keine Illusionen, dass sie

meinetwegen gekommen sind. Sie sind wegen Josef

Schuster hier. Das ist klar. Trotzdem freue ich mich,

sie wenigstens auf diesem Weg zu erreichen.

Es soll an diesem Abend um unser gemeinsames Buch

Spannungsfelder. Leben in Deutschland gehen, aber auch

um die vergangenen zwölf Monate. Wir wollen darüber

sprechen, wie jüdisches Leben in Deutschland

unter wachsendem Antisemitismus und einer neuen

Enthemmung der Debatten leidet und welche Antworten

eine wehrhafte, aber tolerante Demokratie

darauf finden muss. Wir wollen auch vermitteln, dass

Dialog trotz Differenzen möglich ist, wenn Menschen

bereit sind, miteinander zu streiten, zu argumentieren

und zu widersprechen, ohne das Gespräch abzubrechen

– und das ausgerechnet vor einem Publikum, in

dem Menschen sitzen, die mir früher die Hand verweigert

hätten.

Die Veranstaltung tut gut. Die Fragen sind dieselben,

die ich seit einem Jahr beantworte, aber die Reflexion

vor Publikum hilft mir, das alles besser zu verarbeiten.

Als sich der Saal leert, kommen einige Politiker auf

mich zu, schütteln mir die Hand, sagen, wir müssten

uns unbedingt treffen. Ich antworte freundlich – und

bleibe gespannt. Eine Freundin stellt mir den Chef

des Theaters vor. Wir wechseln ein paar Sätze, dann

erzählt er mir von den verschiedenen Veranstaltungen

und Formaten des Theaters und fragt, ob ich Interesse

hätte, mitzumachen, etwa bei einem Streitgespräch

über den Krieg im Nahen Osten. Ich sage sofort zu.

Genau das möchte ich: mit Menschen reden, die eine

völlig andere Position haben als ich.

Bald darauf meldet er sich bei mir und fragt, wen

ich mir als Gesprächspartner vorstellen könnte. Ich

antworte: »Ich diskutiere mit jedem.« Dann schicke

ich ihm eine Liste mit Namen von Menschen, für die

die palästinensische Frage zentral ist und die Israel

sehr kritisch gegenüberstehen. Ein paar Wochen

passiert nichts. Schließlich kommt die Antwort:

Niemand habe zugesagt. Die Absagen klingen mal

knapp, mal höflich, mal offen abweisend: »Mit Ahmad

Mansour diskutiere ich nicht.« Oder: »Ich bin

bereit zu diskutieren, aber muss das Ahmad Mansour

sein?« Ein anderer schreibt, ich sei krude und

diffamierend, verbreite Verschwörungstheorien über

antisemitische Netzwerke, es gebe hier wirklich gar

keine Diskussionsgrundlage. Viele reagieren gar

nicht. Der Theaterchef schreibt noch, man müsse

die Veranstaltung verschieben. Danach höre ich nie

wieder von ihm.

Ich erlebe es immer wieder. Menschen, die über

den Nahostkonflikt sprechen wollen, aber nur mit

denen, die ihre Meinung teilen. Politiker, die zwar

Dialog fordern, aber konkrete Gespräche ablehnen.


96

AHMAD MANSOUR

LESEPROBE

Es ist ein Muster. Delegitimierung ersetzt Debatte.

Der andere wird nicht widerlegt, sondern für illegitim

erklärt. »Mit dem rede ich nicht« wird zum Totschlagargument.

Auch Medien tragen zu dieser Dynamik

bei, indem sie die verrohte Debattenkultur zwar anmahnen,

aber selbst polarisieren statt differenzieren.

Und es betrifft nicht nur mich, nicht nur den Nahostkonflikt

und auch nicht nur Deutschland. Meine Erfahrung

wirft eine Frage auf, die über meine persönliche

Situation hinausgeht: Was ist passiert mit unserer

Fähigkeit, miteinander zu streiten? Wann haben wir

verlernt, mit Menschen zu reden, die anders denken

als wir? Und warum wird Widerspruch heute nicht

mehr als notwendiger Teil einer Demokratie verstanden,

sondern als Bedrohung?

Nie gab es so viele Veranstaltungen mit Wörtern wie

»Vielfalt«, »Toleranz« oder »Demokratie« im Titel.

Doch meistens finden sie in homogenen Milieus

statt. Die Teilnehmer suchen Bestätigung, keine

Konfrontation. Das ist das Gegenteil dessen, was

diese Begriffe bedeuten. Vielfalt schließt Meinungsvielfalt

mit ein. »Toleranz« leitet sich vom Lateinischen

tolerare ab – »ertragen«, »erdulden«. Sie verlangt

keine Zustimmung. Und Demokratie lebt vom

Konflikt zwischen unterschiedlichen Positionen.

Wer sie nur unter Gleichdenkenden praktiziert, übt

sie nicht aus, sondern inszeniert sie. Dass wir uns das

leisten, hat eine Vorgeschichte. Sie beginnt in dem

Moment, da westliche Gesellschaften glaubten, die

großen Grundfragen seien entschieden und Politik

werde von nun an vor allem Verwaltung sein: 1989

fiel die Berliner Mauer. Zwei Jahre später brach die

Sowjetunion zusammen. Der Kalte Krieg war vorbei,

die ideologischen Fronten schienen aufgelöst. In dieser

euphorischen Stimmung schrieb der amerikanische

Politikwissenschaftler Francis Fukuyama einen

Essay mit dem Titel: Das Ende der Geschichte. Fukuyama

glaubte, die liberale Demokratie habe nach

dem Fall von Kommunismus und Faschismus endgültig

gesiegt. Es würde keine großen grundsätzlichen

Konflikte mehr geben, keine Systemkämpfe

und keine Weltkriege. Die Menschheit habe ihr politisches

Ziel erreicht. Und es sei nur noch eine Frage

der Zeit, bis sich Demokratie und Marktwirtschaft

weltweit durchsetzen würden. Die Welt schien auf

einem guten Weg.

Heute, drei Jahrzehnte später, zeigt sich ein anderes

Bild. Der Democracy Report 2025 des V-Dem-Instituts

zeigt: Weltweit stehen 91 Autokratien 88 Demokratien

gegenüber – ein Verhältnis, das es seit mehr als

zwanzig Jahren nicht mehr gab. In vielen Demokratien

wächst zugleich die Sehnsucht nach dem »starken

Mann«, autoritäre Führungsfiguren gewinnen an Zustimmung.

Was als unumkehrbare Entwicklung hin

zu mehr Freiheit galt, erweist sich als zerbrechlich.

Diese globale Entwicklung zeigt sich auch in Deutschland.

Das Vertrauen in die Politik und die Medien

geht zurück. Gleichzeitig vertiefen sich Gräben: Die

Ungleichheit wächst, politische Milieus stehen sich

unversöhnlich gegenüber, Generationen entfremden

sich. Aggression wird zur Normalität. Das zeigt sich

nicht nur im Ton, sondern auch ganz konkret: Bürgermeister

werden bedroht und treten zurück, weil

sie dem Druck nicht mehr standhalten. Feuerwehrleute

und Rettungskräfte werden bei Einsätzen angegriffen,

Lehrer bedroht, Demonstrationen kippen in

Gewalt. Die Pandemie hat diese Spaltung verschärft.

Auf der einen Seite nahmen Verschwörungserzählungen

und das Misstrauen gegenüber Institutionen zu.

Auf der anderen Seite zeigten sich autoritäre Reflexe,

etwa wenn Befürworter strengerer Maßnahmen jeden

Widerspruch als verantwortungslos verurteilten.

All das zeigt: Fukuyamas These ist widerlegt. Die Geschichte

ist nicht zu Ende, sie eskaliert. Und trotzdem

verhalten wir uns, als könnten wir uns den innergesellschaftlichen

Kampf, dieses ständige Gegeneinander

leisten. Als würde die Demokratie Spaltung, Radikalisierung

und Angriffe von außen automatisch

aushalten. Als müssten wir nur abwarten, bis sich alles

wieder von selbst einrenkt.

Natürlich entstehen diese Spannungen nicht im luftleeren

Raum. Sie sind Ausdruck einer Gesellschaft,

die dauerhaft überfordert ist, nicht nur durch wachsende

wirtschaftliche Sorgen, sondern auch durch

Krisen wie die Pandemie, den Klimawandel, Kriege,

zunehmende Migration. Das Problem ist nicht die

einzelne Krise, sondern die Verdichtung ohne Pause,

das ständige Gefühl, dass kaum Zeit bleibt, etwas zu

verarbeiten, bevor das nächste passiert – und oft auch

das Gefühl von Ausweglosigkeit.

Doch das allein erklärt nicht, warum wir so radikal, so

unversöhnlich geworden sind und uns gegenseitig die


Legitimität absprechen. Um das zu verstehen, müssen

wir tiefer schauen: in uns selbst. All die äußeren Krisen

wirken wie Brandbeschleuniger für psychologische Mechanismen,

die in uns allen angelegt sind. Wir suchen

nach Zugehörigkeit. Wir wollen Bedeutung haben, auf

der richtigen Seite stehen. In der Überforderung suchen

wir Schutz, und zwar nicht in differenzierten Analysen,

sondern in einfachen Erklärungen, die entlasten: Nicht

ich bin das Problem, es sind die anderen, die da oben,

die Fremden, die Falschen. So beginnt Radikalisierung.

Nicht mit Gewalt oder Extremismus, sondern hier,

mit dem Wunsch nach Eindeutigkeit. Und sie betrifft

nicht nur die Ränder. Sie betrifft uns alle.

Ich schreibe dieses Buch nicht als Außenstehender.

Ich schreibe es als jemand, der Radikalisierung am

eigenen Leib erlebt hat und weiß, was einen anfällig

macht, wie beruhigend es sein kann, plötzlich eine

klare Antwort auf alles zu haben, und ab welchem

Punkt man andere nicht mehr als Menschen sieht. Ich

schreibe es als Psychologe, der seit Jahren in Schulen,

Gefängnissen und Beratungseinrichtungen arbeitet

und dort die gleichen Muster wiedererkennt. Und

ich schreibe es als Zielscheibe, als jemand, der Diffamierung

und Delegitimierung ausgesetzt war – auch

durch Organisationen, die sich als Verteidiger der Demokratie

und als ein Bollwerk gegen Desinformation

verstehen und doch mit Skandalisierung, Personalisierung

und Moralisierung arbeiten.

Aus dieser dreifachen Perspektive schaue ich auf Szenen,

die vielen banal vorkommen mögen, und sehe etwas

anderes: die Mutter, die Verschwörungserzählungen

teilt und irgendwann nur noch glaubt, was in ihrer

Telegram-Gruppe steht. Der Kollege, der politisch Andersdenkende

nicht mehr als Gesprächspartner sieht,

sondern als Gefahr für die Demokratie. Die Freundin,

die Menschen danach sortiert, ob sie auf der richtigen

Seite stehen. Der junge Mann, der Gleichberechtigung

als Angriff auf seine Männlichkeit erlebt. Sie alle befinden

sich längst in Radikalisierungsprozessen, ohne es

zu merken. Diese Prozesse wirken, lange bevor jemand

»Deutschland den Deutschen« oder »Allahu akbar«

ruft. Sie beginnen, wenn Empathie schwindet und wir

verlernen, Widerspruch auszuhalten. Wenn wir den

anderen nur noch als Vertreter oder Vertreterin eines

Lagers sehen, unsere eigene moralische Überlegenheit

genießen und keinen Zweifel mehr zulassen.

04.

SEP

2026

AHMAD MANSOUR

HALTUNG OHNE HASS

Eine Aufforderung

Hardcover mit Schutzumschlag

200 Seiten

22,00 € (D) 22,70 € (A)

ISBN 978-3-8270-1544-0

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Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

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98

PHILIPP OEHMKE

PAPENBURG

PHILIPP OEHMKE

PAPEN

BURG



100

PHILIPP OEHMKE

INTERVIEW

INTERVIEW

Wie sieht in Ihren Augen eine glückliche Familie

aus, lieber Philipp Oehmke?

Streit, Zusammenhalt und Liebe: Familien sind vor

allem Konfliktgemeinschaften. Das klingt negativer,

als ich es meine. Familien sind Gefäße, in denen vor

allem Konflikte verhandelt werden müssen. In diesem

Sinne ist eine glückliche Familie diejenige, die

immer wieder zusammenfindet und über die Jahrzehnte

Strategien entwickelt hat, sich zu vertragen

und verzeihen. Die Familie, die ich in meinem ersten

Roman betrachtet habe, verfügte zum Beispiel über

diese Strategien nicht.

In Ihrem Debütroman »Schönwald« stand

die konservative, von der Mutter Ruth dominierte

Familie im Fokus. Nun erzählen Sie

von den Papenburgs, deren Geschichte eine

vollkommen andere Richtung nimmt. Was

unterscheidet die Papenburgs von den Schönwalds

– und worauf liegt in Ihrem zweiten

Roman der Fokus?

Anders als bei den Schönwalds ist bei den Papenburgs

alles out there: Keiner verspürt irgendeine Scham über

seine Schwächen. Alkoholismus, Scheidung, Untreue,

obszöner Reichtum, Oberflächlichkeit, sogar eine

antidemokratische menschenverachtende Gesinnung

– die Papenburgs sind auf ihre Art frei. Und gewissermaßen

sind sie damit ideal ausgestattet, um in diesen

Zeiten erheblicher politischer und moralischer Verunsicherung

zu überleben.

Würden Sie zustimmen, dass sich »Papenburg«

nicht mit der Frage der Herkunft beschäftigt,

sondern vor allem damit, wer wir

sein wollen oder was wir aus uns machen?

In der Tat wirken die Papenburgs wie eine Familie

ohne Geschichte. Sie kommen irgendwie aus dem

Ruhrgebiet, aber eigentlich beginnt die Zeitrechnung

bei ihnen erst mit der (gescheiterten) Auswanderung

nach Kalifornien. Dort beginnt der Reichtum,

doch die Familiengemeinschaft zerbricht, auch weil

sie den beiden Eltern nicht wichtig genug ist. Wo

die Schönwalds einfach ausgeharrt haben, teilweise

über Jahrzehnte, sind die Papenburgs viel eher bereit,

die Gemeinschaft zugunsten individualistischer Bedürfnisse

aufzukündigen. Dass auch diese unüberlegt

Entscheidungen Konsequenzen nach sich ziehen,

wird ihnen erst Jahre und Jahrzehnte später klar und

löst tatsächlich so etwas wie Reue aus. Der Roman

»Papenburg« erkundet in all seinen Figuren eine Art

Rekalibrierung, eine Veränderung, die durch die politisch

und gesellschaftlich volatile Situation, in der die

Figuren sich wiederfinden, begünstigt wird.

Natürlich ist niemand eine Insel, alle Figuren

in Ihrem Roman sind ihren ökonomischen Verhältnissen,

der Politik und auch den Interessen

ihres Umfelds ausgesetzt. Welche Rolle spielen

in »Papenburg« Politik und gesellschaftliche

Veränderungen?

Sie sind ein Katalysator für die Entwicklung der Figuren.

Die Figuren erleben in »Papenburg« den bekannten

liberal demokratisch geprägten Westen im

Umbruch, wenn nicht sogar im Untergang. Das verunsichert

sie einerseits, erleichtert es ihnen aber auch,

sich zu häuten oder gar neu zu erfinden.

Ein Thema, das in der deutschen Literatur

selten verhandelt wird, ist das nach dem Zusammenhang

von Geld und Moral. Es fällt auf,

dass »Papenburg« sehr genau auf die Wechselwirkung

zwischen großem Wohlstand und

dem richtigen Leben schaut. Was interessiert

Sie daran?

Materieller Wohlstand ist in der spätkapitalistischen

Umgebung, in der »Papenburg« spielt, vermeintlich

gleichbedeutend mit Glück. Ich statte meine Figuren

mit dieser materiellen Sicherheit aus, damit sie sich

komplett auf ihr seelisches Glück konzentrieren können:

Eigentlich müssten wir glücklich sein, uns geht

es doch so gut. Diesen Satz kennt jeder, er hat ja schon

eine moralische Komponente, nämlich die Aufforderung,

verdammt nochmal happy zu sein. Und doch

ist ja niemand substanziell glücklich, zumindest nicht


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PHILIPP OEHMKE

INTERVIEW

Emilia Papenburg hat ihren Mann Benni verlassen und ist mit den Kindern nach New

York gegangen. Ein Neubeginn ohne Familie, an der sie gescheitert zu sein glaubt,

genau wie schon ihre eigenen Eltern. Doch vielleicht irrt Emilia sich. Denn ihr Vater und

ihre so lange verschollene Mutter wollen um jeden Preis die Familie zusammenbringen.

Sie ertragen gegenseitige Verletzungen und enttäuschte Hoffnung für Momente klaren

Glücks. Emilias Mann Benni ist da schon einen Schritt weiter: Er stellt seine Freiheit über

die Illusion familiärer Notwendigkeiten. »Papenburg« ist das schillernde Porträt unserer

verunsicherten westlichen Gesellschaft und einer Schar so verzweifelter wie erfindungsreicher

Menschen auf der Suche nach Sinn und Vergebung.

in den westlichen Gesellschaften, die ich so kenne.

Es sind die sogenannten First-World-Problems, die

mich interessieren.

Es wird sehr deutlich in diesem Buch, wie sehr

sich die weltpolitische Lage verändert hat.

War das für Sie der Grund, weite Teile Ihrer

Geschichte in den USA spielen zu lassen?

Ich habe selbst viele Jahre in den USA gelebt und fand

immer faszinierend, wie schamlos und unverhüllt gesellschaftliche

Veränderungen dort sichtbar werden,

oft Jahrzehnte, bevor sie in unserem europäischen

Zusammenhang relevant werden. Davon wollte ich

im Roman profitieren und meine armen Deutschen

sozusagen Extrembedingungen aussetzen.

Ein großer Reiz Ihres Romans geht davon aus,

mit welchen Verunsicherungen Ihre Figuren

zu kämpfen haben. Immer stellen wir uns bei

der Lektüre die Frage, was sie antreibt und

mit welchen Konsequenzen sie zu kämpfen

haben. Können Sie das ein wenig beleuchten?

Ein wiederkehrendes Motiv in dem Roman ist, dass

alle Figuren glauben, eine Leerstelle in ihrem Leben

zu spüren: etwas, das ihnen fehlt, das sie meinen, zurückerobern

zu müssen: Da ist Benni, dem seine Frau

Emilia mit den Kindern weggelaufen ist; Katrin, der

es nach Jahren gelingt, zeitweilig mit dem Trinken

aufzuhören, und die ihre verpasste Mutterschaft an

Emilia nachholen möchte; ihr Exmann Thomas, der

als Techmillionär alles hat außer einem Ziel, einer

Richtung und diese dann in einer neuen Gesellschaftsordnung

glaubt finden zu können. Oder Chris,

den wir aus »Schönwald« bereits kennen und der da

schon lost war und nun seine einzige funktionierende

Beziehung, die zu seinem Bruder Benni, zu verlieren

droht: Weil also offenbar niemand mit seinem Zustand

glücklich ist, werden immer Häutungen vollzogen,

neue Konzepte ausprobiert – mit durchwachsenen

Ergebnissen. Die einzige Figur, die sich bisher

erfolgreich jeder Evolution widersetzt hat, ist die alte

Mutter Ruth. Sie durchschaut jeden, nur sich selbst

nicht, und intuitiv warnt sie vor dem schicksalhaften

Zusammentreffen der beiden Familien Papenburg

und Schönwald in New York. Interessanterweise stellt

sich am Ende die Figur mit den meisten Dämonen

und einem zerbrochenen Leben als diejenige heraus,

die am freiesten agieren kann und einen realistischen

Blick aufs Leben hat. Ich sage nicht, welche das ist.

Eine große Frage: Sind Ehe und Familie heute

noch gültige Konzepte?

Auf jeden Fall! Wir haben doch nichts anderes. Es

ist ja nicht so, dass im 20. Jahrhundert nicht nach

alternativen Modellen gesucht wurde. Offene Beziehungen,

Kommunen, Otto-Mühl-Sekten, WGs,

Patchworkkonstellationen. Das Wenigste davon hat

funktioniert. Ich glaube, wir müssen mit dem arbeiten,

was wir vorfinden. Ich möchte für immer verheiratet

bleiben.


102

PHILIPP OEHMKE

LESEPROBE

LESEPROBE

Am nächsten Tag saß Katrin wieder im Flugzeug zurück

an die Ostküste und las Siri Hustvedt. Eine Mutter,

die ihrer Tochter half, Mutter zu sein. Eine Großmutter,

die endlich ihren Enkeln mehr geben konnte

als nur Minecraft. Eine geschiedene Ehefrau, die endlich

ihren Frieden machte. Wer diese immer noch gut

aussehende elegante Mittfünfzigerin auf dem Flug UA

327 San Francisco – La Guardia Airport auf Platz 2C

der Business Class mit ihrem Siri-Hustvedt-Buch sitzen

sah, wäre nicht draufgekommen, einen addict vor

sich zu haben, die das letzte Vierteljahrhundert mehr

oder minder in Unglück und Delirium verbracht hatte.

Sie hätte sich vielleicht gewünscht, mehr Zeit zu haben,

endgültig in ihrem neuen nüchternen Leben in

San Francisco anzukommen. Sie hatte überlegt umzuziehen,

weg aus Haight Ashbury, das nicht nur im

Counterculture-Kollektivgedächtnis als ein Ort für

Drogen und Exzess eingebrannt ist, sondern auch in

Katrin Papenbrincks ganz persönlicher Erinnerung.

New York war noch nie ihre Stadt gewesen. Kalifornien

(außer Los Angeles) hatte sie sofort begriffen, die

Schönheit der Natur, die Abgeschiedenheit am Ende

der westlichen Welt, die freundlichen Mexikaner, die

kleinen Communities, die vielen Privilegien für wohlhabende

Menschen. Sie hasste New York, auch weil es

der Ort war, an den Thomas damals Millie entführt

hatte; der Ort, an dem Millie den zweiten Teil ihrer

Kindheit verbracht hatte, ohne ihre Mutter. Wo sie zur

Schule gegangen ist, vielleicht den ersten Freund hatte,

zur Frau wurde – Jahre, die Katrin als Mutter nicht miterleben

durfte und die unwiederbringlich waren. Millie

war irgendwann vielleicht alt genug gewesen, sich gegen

ihren Vater zur Wehr zu setzen und selbst zu bestimmen,

dass sie ihre Mutter in ihrem Leben haben wollte.

Aber sie hatte es nicht getan. Katrin musste aufhören,

darüber nachzudenken. Es war ein Neustart, für Katrin,

aber hoffentlich auch für Millie. Sie musste aufhören, sie

Millie zu nennen, in ihren Gedanken und erst recht in

der direkten Ansprache. Ihre Tochter hasste ihren Spitznamen,

er erinnere sie nämlich an ihre Kindheit, hatte

sie mal gesagt, und das seien keine guten Erinnerungen.

In der Ankunftshalle des La Guardia Airport wurde

Katrin von einem großflächigen Plakat begrüßt,

bestimmt zwanzig mal dreißig Meter, das direkt an

der Wand gegenüber dem Ausgang hing. Es zeigte

eine gut gemachte Schwarz-weiß-Porträtaufnahme

von Andrew Cuomo. Der ehemalige Governor des

Staates New York sah gut aus auf der Fotografie, ein

bisschen wie Kevin Costner in der Serie Yellowstone,

dachte Katrin.

»The NEW La Guardia Airport. I’m proud I could give

it to you. From a New Yorker to all New Yorkers«, stand

unter dem Plakat. Cuomo hatte vor einigen Jahren seinen

Posten als Governor nach langer Amtszeit räumen

müssen, nachdem ein Dutzend junger weiblicher Staffer

Vorwürfe sexueller Übergriffe vorgetragen hatten.

Daraufhin hatte er sich für eine Weile zurückgezogen

und schließlich vor Kurzem den zwar sehr woken, sehr

sozialen, sehr palästinafreundlichen, einen hippen arabischen

Namen tragenden, aber zu chaotischen und

letztlich für die jüdische New Yorker Bevölkerung zu

israelfeindlichen Bürgermeister abgelöst. Cuomo war

zurück und wollte die in seiner Stadt ankommenden

Menschen noch einmal daran erinnern, dass er es war,

der diesen schon legendär heruntergekommenen und

dysfunktionalen Stadt-Flughafen La Guardia komplett

erneuert und modernisiert hatte, während sein

Widersacher mit dem schwierigen Namen offenbar nur

mit der Renovierung öffentlicher Toiletten für Transmenschen

beschäftigt gewesen war. Das war natürlich

eine sehr populistische Zuspitzung, für die Cuomo

stark kritisiert wurde, aber bei den meisten traditionell

hartgesottenen New Yorkern traf sie zur Überraschung

einiger Stimmen in der demokratischen Partei einen

Nerv. Cuomo gehörte zwar auch zu den Demokraten,

aber zu jenem Flügel, der inzwischen an die Stelle der

Pre-Trump-Republikaner gerückt ist.

Unter dem Plakat wartete Emilia mit August und

Otis. Die beiden zerrten gegenseitig an einem Pappschild,

auf dem in krakeliger Schrift stand: Welcome

to NYC OPPA KATRIN!!!!. Katrin war es gleich


103

PHILIPP OEHMKE

LESEPROBE

unangenehm vor den anderen Reisenden, obwohl

niemand Notiz nahm. Trotzdem musste sie vielleicht

vor sich anerkennen, dass sie in alledem, was in den

nächsten Tagen, Wochen und vielleicht Monaten auf

sie zukommen würde, keinerlei Übung hatte. Als Oma

schon gar nicht, aber ihre Erfahrungen als Mutter

endeten auch bei einer Elfjährigen. Ihre Lebenswelt

der letzten zwei Jahrzehnte hatte aus Abhängigkeit,

Entzugskliniken, leeren Chardonnay-Flaschen, Rezeptzetteln,

Einsamkeit, Scham und Vertuschung bestanden.

Würde sie in der komplizierten sozialen und

emotionalen Situation einer erheblich unter Druck stehenden

Kleinfamilie wirklich bestehen können? War

von ihren Nerven nach mehr als zwanzig Jahren addiction

überhaupt noch etwas übrig? Sie wusste es nicht,

denn in der Klinik in Pittsburgh war jeder Stress von

ihr ferngehalten worden, sieben Monate lang. Diese

Gedanken verunsicherten sie plötzlich und ließen die

Begrüßung von Emilia und den Enkeln seltsam verhalten

ausfallen. Katrin versuchte, beide Kinder umständlich

zu küssen, die ließen sich zwar umarmen, drehten

sich aber auch weg, sodass Katrin mit ihrem Kuss bei

Otis nur die Haare und bei August immerhin die Stirn

erwischte, worauf der Junge sein Gesicht angeekelt zur

Seite wandte. Auch Emilia guckte schief, als wären ihr

ebenfalls Zweifel gekommen und so fiel auch die Begrüßung

ihrer Tochter ungelenk aus. Worauf sollten sie

auch aufbauen? Sie hatten sich jahrelang nicht gesehen.

»Wie war der Flug?«

Was man halt so sagt.

»Danke, gut. Ich habe gelesen.«

Emilia hätte fragen können, was sie gelesen hat, dann

hätte sie sagen können »Siri Hustvedt«, und dann hätten

sie vielleicht über die feministisch empathische Autorin

sprechen können, die Emilia bestimmt gut fand.

Sie sah, wie August und Otis verlegen kicherten und

sich gegenseitig aufstachelten, bis August, der Ältere,

schließlich krähte: »Oppa Katrin, wo ist das Minecraft?«

Katrin hatte sich fest vorgenommen, in den kommenden

Wochen so etwas wie eine echte Bindung zu ihren

Enkeln aufzubauen, sie konnten nicht anders, als dabei

an alte Werbespots aus ihrer Kindheit in Westdeutschland

zu denken: Enkel, die von Minecraft

noch nichts ahnten, und traditionelle Omas ohne

Alkoholproblem mit einer Milchschnitte in Happiness

vereint. Vielleicht gelänge es ihr ja, zumindest

mal von ihrem Minecraft-Lieferanten-Image wegzukommen.

August, würde, wenn sie richtig gerechnet

hatte, nun bald auch schon zehn.

Emilia verfügte offenbar über einen Wagen mit Fahrer,

ein Ungetüm von Auto, das Thomas ihr hingestellt

haben musste. Es wirkte wie ursprünglich für Kriegsschauplätze

gedacht, und so fühlte sich die stockende

Fahrt über die stark befahrene I495 Richtung Manhattan

auch an. Interessant, dachte Katrin, ein Auto mit

Fahrer hatte Thomas ihr nie angeboten, dabei hatte sie

doch wirklich mehr für ihn getan als seine Tochter, die

eigentlich noch nie etwas anderes getan hatte, als ihn

zu kritisieren. Außerdem besaß Katrin immer noch

keinen Führerschein, anders als ihre Tochter, ein weiterer

Grund, dass Thomas ihr das chauffierte Auto vor

die Tür hätte stellen sollen. Dann wäre sie auch nicht

gefangen gewesen in diesem Haus, und wer weiß, wie

alles dann ausgegangen wäre.

Sie hatte Emilia gar nicht gefragt, wie sie eigentlich

wohnen würde in New York, aber seit Pittsburgh machte

ihr nichts mehr Angst. Emilia hatte ein Town house

in der East 13th Street gemietet, es war kein Palast,

aber hatte ein Schwimmbad im Keller, was, wie Emilia

berichtete, das Einzige war, was die beiden Jungs über

die ersten Wochen hier gebracht hatte. Inzwischen war

das Schwimmen ihnen langweilig geworden, und sie

behaupteten, das Wasser würde ihnen in den Augen

brennen. Katrin bezog ein rosa gestrichenes Zimmer

unter dem Dach mit kleinem Balkon, auf dem sie

heimlich rauchen konnte (nein, damit aufzuhören, dazu

hatte es nicht mehr gereicht in Pittsburgh).

Gleich am nächsten Morgen brachte sie die Kinder zur

Schule, Emilia hatte angeboten, das erste Mal mitzukommen,

doch Katrin und vor allem die Jungs hatten

das brüsk abgelehnt. Sie würden Oppa Katrin alles

zeigen. Gracie Church war eine der bekanntesten und

teuersten Privatschulen in Manhattan, und Emilia

hatte erzählt, dass sie Thomas’ Trust Fund arg hatte

belasten müssen, für die unterschiedlichen Spenden,

die sie geleistet hatte, bis die Schule nicht mehr nein

sagen konnte zu den Bewerbungen von August und

Otis Papenburg (sie war stolz gewesen, dass sie nicht


104

PHILIPP OEHMKE

LESEPROBE

Thomas hatte fragen müssen): Spenden für die Library,

normal; für das Women Soccer Team, auch relativ

gewöhnlich; für zwei Vollstipendien zur Unterstützung

von less privileged students; für die Inclusive Art

Collection, für die Homeless Soup Kitchen, für die

Stop-IDF-Genocide-in-Gaza-Action-Coalition, für

die George-Floyd-Rememberance Group Against

Police Brutality und das Judith-Butler-Non-Binary-

Student-Scholarship.

Auf dem Weg hatte Katrin ihren Enkeln vorgeschlagen,

dass sie sie in der Schule vielleicht nicht »Oppa Katrin«

riefen, sondern einfach Katrin oder ihretwegen auch

»Grandma«. Doch August erklärte ihr, »Grandma«

ginge nicht, an der Schule seien Wörter wie »Mum«

und »Dad« nicht erlaubt.

»Wir sagen nicht Mum and Dad oder Grandma oder

Parents. Denn das ist keine inclusive language, Omma.

Das schließt doch Menschen aus, die zum Beispiel keine

Kinder bekommen können. An der Schule ist nur

inclusive language erlaubt.«

»Was sagt ihr denn dann, wenn ihr zum Beispiel dem

Lehrer sagen wollt, dass eure parents euch abholen?«

»Statt parents sagen wir doch grown-ups, Omma!«

»Mum and Dad is heteronormative language and very

violent towards those who …«

»Ok, ok. Darf ich euch noch Kinder nennen?«

»Nein«, riefen beide empört.

»Wir sind people«, sagte August.

»Oder folks«, sagte Otis.

Je näher sie der Schule kamen, desto stiller wurden die

Enkel. Weil Katrin selbst nervös war, waren sie viel zu

früh losgegangen und standen jetzt zwanzig Minuten

vor Unterrichtsbeginn verloren auf dem Schulcampus

herum. August und Otis mischten sich unter die rennenden,

schreienden, sich balgenden und Bälle werfenden

Mitschüler, doch sie blieben wie Geister ungesehen

und unberührt. Sie könne ruhig gehen, hatte August

nervös gesagt und versucht, Katrin Richtung Ausgang

zu schieben.

Doch Katrin blieb für einen Moment. Niemand beachtete

ihre Enkel, kein Freund kam angelaufen und

begrüßte sie, dabei waren sie doch schon seit Monaten

an der Schule.

In der Nähe des Schultors standen die Mütter und vereinzelte

Väter in teurer Kleidung neben ihren schwarzen

oder holzfarbenen Elektro-Lastenrädern. Sprachen

miteinander, beäugten sich gegenseitig, schmiedeten

Allianzen für ihre Kinder, networkten.

Anders als ihre Enkel wurde Katrin sofort beachtet. Sie

sah heute nicht mehr aus wie eine freundliche wohlsituierte

Oma. Katrin schätzte, dass ihr sorgsam für

diesen Auftritt ausgewähltes Outfit inklusive eines

Vintage-Chanel Blazers und einer raren Louis Vuitton

Tasche locker an die 30 000 Dollar heranreichte. Dazu

ihre sehr filigranen Implants und gut gemachten Straffungen

im Gesicht sowie die sehr schlechten und verblichenen

Tattoos auf ihren Unterarmen, die ihr in den

vernebelten Nächten in Haight Ashbury zugestoßen

waren. Diese Kombination ließ sie, das musste man

sagen, irgendwie interessant aussehen, auf eine bewegte

Vergangenheit, vielleicht Musik- oder Filmbusiness

schließen (wo sie doch in Wirklichkeit nur zu Hause

gelegen und Chardonnay getrunken und Valium genommen

hatte). Ihr Alter war kein Problem, das wusste

sie, die meisten Mütter hier hatten ihren letzten Wurf

Zwillinge auch erst mit Mitte Vierzig bekommen.

Katrin hatte am Abend zuvor Emilia noch beiläufig gefragt,

wie denn die Schule der Jungs eigentlich hieße,

und anschließend im Bett gegoogelt. Schnell war ihr

klargeworden, womit sie es zu tun hatte, sie hatte es

erwartet. Sie war nicht dumm, sie kannte diese Schulen.

Fünf Jahre hatte sie sich mit der kleinen Emilia

durch die soziale Privatschulen-Hölle in Palo Alto und

San Francisco gequält. Es war damals schon furchtbar

und für eine Mutter im Grunde ein Fulltime-Job, die

Koalitionen und Allianzen, die Kriege und die Missgunst

zwischen den Müttern (damals waren es fast ausschließlich

die Mütter, nur manchmal wurden auch die

Väter mit reingezogen), aber Katrin konnte sich vorstellen,

dass es heute mit all den Chatgruppen und dem

Social Media Pressure noch schlimmer war.

Weil sie damals kaum etwas anderes gemacht hatte in

ihrem Leben, wusste Katrin noch genau, wie dieses Spiel

lief und worauf es ankam, um es zu gewinnen. Ihre Tochter

Millie hatte nicht den Killer-Instinkt dafür. Vielleicht

hatte Millie das Gefühl, dass ihre Mutter bisher nur eine

Belastung in ihrem Leben gewesen war, aber jetzt würde

sie zum Asset für ihre Tochter. Wenn die Sache mit der

Schule laufen würde, wenn die Jungs Freunde fänden,


Playdates hätten und Mitglied in den richtigen Lacrosse

Teams würden (Lacrosse war der Sport vor 25 Jahren in

Kalifornien, was immer es jetzt abgelöst hätte, Krav

Maga oder Virtual Golf), würde Emilia automatisch in

den relevanten Zirkeln der Eltern verkehren, und ihr Leben

würde sich entspannen. Katrin glaubte, dass sie dies

in zwei, drei Monaten würde liefern können.

Für heute war es genug. Die Mütter hatten sie gesehen.

Morgen würde sie ihren ersten Move machen. Als sie

am Nachmittag August und Otis abholte, hatte Katrin

sich nicht nur ein anderes Outfit angezogen (diesmal

kein Vintage-Chanel, stattdessen lockere Athletic Gear

von Loro Piano und Fear of God), sondern betrieb auch

ihre Studien weiter. Meistens ist es nicht schwierig, die

ein oder zwei Alphamütter zu identifizieren. Nicht immer

waren es die augenfällig bestaussehenden oder am

teuersten angezogenen. Schon möglich, dass so eine

mal dabei war, aber man musste auch immer mit einer

superenergischen Soccer-Mum rechnen, deren Mann

im Gegensatz zu den meisten anderen Dads hier sich

»alles hart erarbeitet hatte«, wie es dann hieß. Ebenfalls

auf dem Zettel haben musste man die krass übergriffige

asiatische Mutter, eine Chinesin oder auch Südkoreanerin

(Japanerin eher nicht, die waren zu fein), die,

auch weil sie kaum Englisch sprach, nach ihren eigenen

Regeln spielte und einen Scheiß darauf gab, was alle anderen

dachten. Zumindest war das vor 25 Jahren in Palo

Alto so gewesen, auch in dieser Typisierung. Inzwischen,

glaubte Katrin, war es tendenziell schlimmer geworden –

allen Versuchen zum Trotz, durch das Verbot von Wörtern

wie »Parents« oder »Mum and Dad« wenigstens

auf sprachlicher Ebene niemanden mehr auszugrenzen,

während man ansonsten aber das Gegenteil tat.

Katrin überlegte, bei welcher Klasse sie beginnen sollte,

Augusts oder Otis’? Wäre es in der vierten oder der zweiten

Klasse einfacher? Doch bevor Katrin weiter darüber

nachdenken konnte, ergab sich eine Gelegenheit. Sie sah

Otis aus dem Schulgebäude auf den Campus kommen,

und zwar tatsächlich in ein Gespräch vertieft mit einem

Jungen, der von oben bis unten in ein nagelneues Fußballtrikot

von Paris St. Germain gekleidet war. Na gut,

der Junge ist nicht perfekt, dachte Katrin, aber er trug

immerhin einen überdimensionalen dreieckigen Balenciaga-Rucksack,

irgendwo musste man ja beginnen.

31.

JUL

2026

PHILIPP OEHMKE

PAPENBURG

Hardcover mit Schutzumschlag

ca. 432 Seiten

26,00 € (D) 26,80 € (A)

ISBN 978-3-492-07494-0

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Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder

schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de

(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)


106

AVA R EID

LADY MACBETH

AVA REID

LADY

MACBETH

»Kunstvolles Erzählen und eine komplexe

Charakterentwicklung verleihen der geheimnis vollsten

Figur der Literaturgeschichte ein neues Leben.«

GLAMOUR

»Voller Hexerei, tödlicher Machtspiele, dunkler

Intrigen, übernatürlicher Elemente und einem

Hauch von Romantik.«

COSMOPOLITAN



108

AVA R EID

LESEPROBE

LESEPROBE

Eins

»Lady?«

Sie blickt auf und durch das Fenster der Kutsche; die

Nacht ist mit rascher Schwärze hereingebrochen. Sie

wartet ab, wie sie angesprochen wird.

An den ersten Tagen ihrer Reise unter den moosbewachsenen,

verdrehten, dunkelgrünen Bäumen von

Breizh war sie Lady Roscille. Dieser Name haftete

während des ganzen Weges durch ihr Heimatland

an ihr, bis hin zur erdrückend grauen See. Sie setzten

wohlbehalten über; ihr Vater Schiefbart hatte eigenhändig

die Nordmänner zurückgeschlagen, die einst

den Kanal beherrschten. Die Wellen strichen klein

und eng wie aufgerolltes Pergament am Schiff entlang.

Dann die Ufer von Bretaigne – ein barbarischer Ort,

diese zerklüftete Insel, die auf Karten aussieht wie ein

vergammeltes, halb zerbissenes Stück Fleisch. Die

Kutsche erhielt einen neuen Kutscher, der bizarres

Sächsisch sprach. Somit wurde auch ihr Name vage

sächsisch: Lady Rosele?

Bretaigne. Zunächst gab es Bäume, doch dann verwandelten

sie sich in Gestrüpp und Gesträuch, und

der Himmel wurde übelkeitserregend weit und dabei

grau wie die See. Zornige Wolken krochen darüber

wie Rauch von fernen Feuern. Jetzt mühen sich die

Pferde mit der steil ansteigenden Straße ab.

Sie hört und kann doch nicht sehen, wie sich Steine

unter den Hufen lösen. Das lang gezogene, weiche

Heulen des Windes verrät ihr, dass es da draußen nur

Gras gibt, Gras und Steine, keine Bäume, in denen

sich der Wind fängt, keine Äste oder Blätter, die das

Heulen zerteilen.

So kündigt sich ihr Glammis an.

»Lady Roscilla?« Ihre Zofe stößt sie erneut sacht an.

Da ist es, das Skos. Nein, das Schottisch. Sie wird

diese Sprache sprechen, die Sprache des Volkes ihres

Ehemannes. Nun ihres Volkes. »Ja?«

Trotz Hawises Schleier erspürt Roscille die gerunzelte

Stirn.

»Seit Stunden sprecht Ihr nun kein Wort!«

»Es gibt nichts zu sagen.«

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit; Roscilles

Schweigen dient einem Zweck. Die Nacht lässt sie

durchs Fenster nichts sehen, doch sie kann lauschen,

und was sie hört, ist die Abwesenheit aller Laute. Keine

singenden Vögel, keine zirpenden Insekten, keine im

Unterholz über Wurzeln huschenden Tiere, keine von

Holzfällern geschlagenen Bäume, keine in steinernen

Betten plätschernden Bäche, nicht der letzte Regentropfen

der Nacht zuvor, der von den Blättern tropft.

Keine Laute des Lebens, und ganz sicher keine Laute

wie in Breizh, und mehr als das hat sie nie gekannt.

Hawise und ihr Stirnrunzeln sind das einzig Vertraute

an diesem Ort.

»Der Herzog erwartet, dass Ihr ihm schreibt, sobald

wir ankommen. Wenn alles abgeschlossen ist«, sagt

Hawise vage. Ein halbes Dutzend Namen hat sie in

allen erdenklichen Zungen für die Lady, aber das

Wort »Hochzeit« scheint ihr noch niemals untergekommen

zu sein.

Roscille findet es amüsant, dass Hawise das Wort

auch in diesem Moment nicht aussprechen kann, obgleich

sie doch selbst vorgibt, die Braut zu sein. Schon

als sie zum ersten Mal davon hörte, hielt Roscille den

Plan für eine Dummheit, und nun kommt er ihr noch

viel dümmer vor: sich selbst als Zofe zu verkleiden

und Hawise als Braut. Roscille trägt dumpfe Farben

und steife, grob gewebte Wolle, das Haar unter eine

Kappe gesteckt. Ihr gegenüber sitzt Hawise mit Perlen

an den Handgelenken und dem Hals. Ihre Ärmel

sind gähnende Münder, die bis zum Boden reichen.

Die Schleppe ist so weiß und dick, dass sie aussieht,

als hätte sich eine Schneewehe in der Kutsche gesammelt.

Ein beinahe undurchsichtiger Schleier bedeckt

Hawises im falschen Blondton glänzendes Haar.

Sie und Hawise sind gleich alt, doch Hawise hat den

stämmigen Körperbau einer Nordfrau; sie ist nichts

als Schultern. Mit diesen Verkleidungen werden sie

niemanden zum Narren halten können; sogar der

Umriss ihrer Schatten kann die List auffliegen lassen.

Es ist eine willkürliche Machtdemonstration ihres zukünftigen

Gatten, um zu sehen, ob der Herzog seinen

launenhaften Forderungen zustimmt. Ihr kam jedoch


109

AVA R EID

LESEPROBE

auch der Gedanke, dass seine Motive finsterer Natur

sind: dass der Than von Glammis Verrat in seinen eigenen

Landen fürchtet.

So wie Roscille ein Geschenk an den Thanen ist für

seine Unterstützung, so war Hawise ein Geschenk

an Roscilles Vater, den Herzog, dafür, dass er keine

Schiffe entsandte, als er Schiffe hätte entsenden

können. Dafür, dass der Herzog den Nordmännern

den Rückzug aus dem Ärmelkanal ermöglichte, bot

Hastein, deren Stammesfürst, ihm eine seiner vielen

nutzlosen Töchter an.

Roscilles Vater ist so viel mildtätiger als Hawises ungehobeltes

Seeräubervolk. An Schiefbarts Hof werden

sogar Bastardtöchter wie Roscille Ladys, wenn es

dem Herzog nützt.

Doch Roscille musste neulich erfahren, dass sie

ihrem Vater nicht nützt, weil sie fließend das heimische

Brezhoneg und Angevinisch sowie dank

Hawise sehr gutes Nordisch spricht – und nun auch

Skos, aus Notwendigkeit, auch wenn die Worte

sie im Hals kratzen. Sie ist nicht nützlich, weil sie

sich die Gesichter aller Edlen merken kann, die je

ihres Vaters Hof besuchten, und den Namen jeder

Hebamme, jeder Dienerin, jedes Lieferanten, jedes

Bastards, jedes Soldaten und zudem zu jedem ein

Gerücht, die harten, scharfen Splitter der Begierden,

die aus ihnen herausragen wie Quarz aus einem

Höhleneingang, sodass sie, wenn der Herzog sagt:

Ich habe Gerüchte über Spionage in Naoned gehört,

sagen kann: Es gibt einen Stallburschen, dessen

Angevin verdächtig akzentfrei ist. Er schleicht

sich an jedem Festtag mit der Küchenmagd hinter

die Scheune. Und dann entsendet der Herzog seine

Männer hinter die Scheune, wo sie die Küchenmagd

schnappen und ihre nackten Beine zu Fetzen peitschen,

bis der angevinische Spion-Stallbursche gesteht.

Nein. Roscille begreift es jetzt. Sie ist aus dem Grunde

nützlich, der die Verkleidungsbemühungen des

Herzogs ad absurdum führt: Sie ist schön. Es ist keine

normale Schönheit – Huren und Dienerinnen können

auch schön sein, aber niemand umschwärmt sie,

nennt sie Lady oder kleidet sie in ein spitzenbesetztes

Brautkleid. Es ist eine unirdische Schönheit, von

der manche an Schiefbarts Hofe sagen, sie sei vom

Tode berührt. Augen wie Gift. Von Hexen geküsst.

Seid Ihr sicher, Lord Varvek, mein nobler Herzog vom

schiefen Bart, dass sie keine Angevinin ist? Es heißt, alle

im Hause Anjou werden mit dem Blut der schlangenhaften

Melusine geboren.

Graujacke, Lord von Anjou, hat ein Dutzend Kinder

und doppelt so viele Bastarde, und sie scheinen sich

immerzu in Schiefbarts Hofstaat einzuschleichen mit

ihrem hellen Haar, glatt wie Füchse mit nassem Fell.

Ihr Vater hätte sich damit gebrüstet, eine angevinische

Mätresse gehabt zu haben, auch wenn Graujacke

sich an der Annahme gestört hätte, dass aus seiner

Blutlinie ein solch abnormes Geschöpf wie Roscille

hervorgegangen sein könnte. Doch der Herzog

schwieg, und so nahmen die Gerüchte ihren Lauf.

Ihr Haar ist so weiß, es ist unnatürlich; wie ausgeblutetes

Mondlicht. Ihre Haut – habt Ihr das nicht gesehen? –

kann keine Farbe halten. Blutlos wie eine Forelle. Und

ihre Augen – ein Blick hinein kann sterbliche Männer in

den Wahnsinn stürzen.

Einmal war ein Edelmann zu Besuch, der sich weigerte,

ihr in die Augen zu blicken. Roscilles Anwesenheit

an der Festtafel brachte ihn so aus der Fassung, dass

sie ein Handelsabkommen ruinierte, woraufhin der

Edelmann (le Tricheur nennt man ihn) die Geschichte

mit nach Chasteaudun nahm, wo alle Edelmänner

der Häuser Blois und Chartres davon absahen, fortan

mit Schiefbart und seinem Hof listenreicher Feenmädchen

Handel zu treiben. Also wurde Roscille in

einen spinnseidenen Schleier gehüllt, ein Nichts aus

geklöppelter Spitze, um die Männer dieser Welt vor

dem Wahnsinn zu schützen, in den Roscilles Augen

sie stürzen.

Zu diesem Zeitpunkt wurde ihrem Vater klar, dass

es gut wäre, eine eigene Geschichte zu ersinnen, eine,

die diese unbändigen und weit hergeholten Ängste

in Ordnung brächte. »Vielleicht wurdest du von einer

Hexe verflucht«, sagte er im selben Ton, in dem er die

Verteilung von Kriegsbeute verkündete.

Und dies ist es, was der Herzog erzählt, und das ist nun

die Wahrheit, da es niemand besser weiß: Als seine

arme, unschuldige Mätresse im Kindbett verblutete,

mit diesem seltsam stillen Kind im Arm, drang eine

Hexe durchs Fenster ein und war so schnell wieder

fort wie Schatten, Rauch und ein knisternder Blitz.

Ihr Lachen hallte durch jeden Flur der Burg – und noch

Wochen später roch alles nach Asche!


110

AVA R EID

LESEPROBE

Der Herzog erzählt es einer Versammlung fränkischer

Edelleute, die alle die Gerüchte gehört hatten

und vor Abmachungen und Allianzen zurückgeschreckt

waren. Während seines Berichtes beginnen

ein paar der Höflinge aus Naoned grimmig zu nicken.

Ja, ja, jetzt fällt es mir auch wieder ein.

Erst als all die Edelleute und Hofschranzen fort sind

und die dreizehnjährige Roscille mit ihrem Vater

allein ist, wagt sie die Frage: Warum hat mich die Hexe

verflucht?

Vor Schiefbart steht sein liebstes Brettspiel, schwarz

und weiß kariert, doch die Farben von der Benutzung

stumpf. Er ordnet die Holzscheiben und hebt dann zu

sprechen an. Damen, so heißen die Spielsteine, Frauen.

Eine Hexe braucht keine Einladung, sagt er, sie schlüpft

einfach durchs Schlüsselloch.

Niemand weiß, wie eine Hexe aussieht (also wissen

tatsächlich alle, wie eine Hexe aussieht), und doch

stimmen alle darin überein, dass es genau wie der

Fluch einer Hexe klingt: der glänzende Apfel mit dem

zerfressenen Inneren: Eure Tochter wird eine wunderschöne

Maid werden, Lord Varvek, aber ein einziger

Blick in ihre Augen wird sterbliche Männer in den

Wahnsinn treiben. Roscille versteht, dass ihr diese

Erklärung bessere Aussichten verschafft als die Alternative.

Besser, von einer Hexe verflucht, als selbst eine

Hexe; besser Zaubersaat als Zauberin.

Aber …

»Was denn, bist du Roscille von den tausend Fragen?«

Schiefbart wedelt mit der Hand. »Jetzt geh, und

schätze dich glücklich, dass es nur le Tricheur war, der

bei deinem Anblick bebte wie Espenlaub, und nicht

dieser Pariser Schwachkopf mit seinen kriegstreiberischen

Vasallen, die er kaum im Griff hat.«

Der Pariser Schwachkopf fängt bald darauf Kriege

mit der Hälfte der Herzöge an und wird darüber

zweimal exkommuniziert. So lernt Roscille, dass jeder

Mann sich der Große nennen kann, selbst wenn

sein einziger Verdienst darin besteht, eine dramatische

Menge Blut zu vergießen.

Ihr Vater lehrt sie, nicht immerzu zu viele Fragen zu

stellen, denn eine Frage kann unehrlich beantwortet

werden. Selbst der dümmste Stallbursche kann eine

überzeugende Lüge erzählen, wenn sie den Unterschied

macht zwischen Peitsche oder Verschonung.

Die Wahrheit hingegen liegt in gewisperten Worten,

Blicken aus dem Augenwinkel, in zuckenden Kiefermuskeln

und geballten Fäusten. Wozu lügen, wenn

niemand zuhört? Und niemand an Schiefbarts Hofe

verdächtigt Roscille, des Lauschens, des Wahrnehmens

fähig zu sein, doch nicht mit diesem Schleier

über den Augen!

Roscille mit den verschleierten Augen. So nennt man

sie in Breizh und darüber hinaus. Ein freundlicherer

Beiname, als sie, das von einer Hexe gebrandmarkte

Kind, erwartet hat. Und doch trägt sie den Schleier gerade

nicht, nicht in Hawises Gegenwart. Es wurde verkündet,

dass Frauen nicht von dem Wahnsinn erfasst

werden, den ihr Starren in Männern hervorruft.

Somit wurde die Ehe unter der Bedingung arrangiert,

dass Roscille in einer einzelnen Kutsche mit einer einzelnen

Zofe anreist. Der Kutscher ist eine Frau, und sie

ist ungeschickt mit den Zügeln, denn man hat ihr das

Kutschenfahren nur zu diesem einzigen Zweck beigebracht.

Sogar die Pferde sind Stuten, silbrig-weiß.

Roscille wird klar, dass es lange her ist, seit Hawise gesprochen

hat, sie wartet immer noch auf ihre Antwort.

Also sagt sie: »Du wirst dem Herzog schreiben, und

zwar das, was sich für ihn am gefälligsten anhört.«

Einst hätte sie den Brief selbst geschrieben, grübelnd

wäre sie im Kreis gegangen im Versuch, alle Details

zu den Begierden des Thans in Worte zu fassen – zu

den Schätzen, die unbewacht darauf warten, von

Roscilles Sinnen geplündert zu werden. So spricht er,

wenn er glaubt, dass niemand zuhört. Dies hier seziert

sein Blick, wenn er glaubt, dass niemand hinsieht.

Doch dieser Brief richtete sich an einen Mann, der

nicht mehr existiert. Der Schiefbart, der sie fortschickte,

ist einer, den Roscille nicht mehr kennt. Und

dennoch kennt sie die Dinge, die diesem Mann gefallen,

denn es sind dieselben Dinge, die jedem Mann

gefallen. Der Herzog wird erfahren wollen, ob seine

seltsam verfluchte Bastardtochter eine willige Zuchtstute

ist und eine fügsame Lustsklavin. Sie versteht,

dass das die zwei Grundpfeiler des Daseins als Ehegattin

sind: Öffne deinem Herrn und Gatten die Beine

und gebäre ein Kind, in dem sich das Blut von Alba

mit dem Blut von Breizh vermischt. Eine durch Ehe

gegründete Allianz ist nur temporär, mit dünnem Faden

gewebt, doch wenn Roscille sich ins Zeug legt,

wird sie halten, bis ein Sohn geboren wird und das

Einhorn zusammen mit dem Hermelin anschirrt.


111

AVA R EID

LESEPROBE

Das Einhorn ist das stolze Wappentier von Skos, all

die ungeschliffenen Clans vereinen sich endgültig

und widerwillig unter diesem Banner. Und da es

heißt, dass Lord Varvek so gerissen ist wie ein Wiesel,

und da er keinen Beinamen ungenutzt lässt, ziert die

scharfzahnige Kreatur nun sein Wappen.

Es gab Zeiten, in denen Roscille ihres Vaters Beinamen

auch für sich beansprucht hätte, als Charakterzug,

der von seinem Blut auf ihres überging (ist nicht

auch die Tochter eines Hermelins ein Hermelin?).

Nun fragt sie sich: Ist so ein Wiesel überhaupt schlau,

oder hat es nur scharfe Zähne?

Die Kutsche klappert mühsam um einige enge Kurven

den Berg hinauf, die Pferde schnaufen lautstark.

Der Wind ist flach, weich, ununterbrochen, wie aus

einem Blasebalg. Und dann hört Roscille mit einem

plötzlichen Schock den lockenden Puls der See.

Naoned, ihre Geburtsstadt, befindet sich im Landesinneren

an der Loire; bis zu ihrer Reise nach Bretaigne

hat sie den Ozean nie gesehen. Doch dies hier ist nicht

der grollende graue Kanal. Das Wasser ist schwarz und

kräftig, und wo sich das Mondlicht auf weißen Schaumkronen

fängt, ergibt sich ein Muster, das dem Bauch

einer Schlange ähnelt. Das Wasser hat einen Rhythmus,

den der Wind nicht hat: Die Brandung kracht wieder

und wieder gegen die Felsen wie ein schlagendes Herz.

Die Segnungen der Zivilisation ziehen Kreise, deren

Mittelpunkt der Papstsitz in Rom ist, dieses leuchtende

Juwel im Herzen der Welt. Doch das Licht des

Heiligen Stuhls wird schwächer, je weiter man davon

entfernt ist: Weit weg von Rom liegt die Welt hier in

nackter, primitiver Dunkelheit. Die Burg von Glammis

türmt sich auf den Klippen auf, und sie ist vulgär

und öde. Ein einzelner langer Wehrgang läuft parallel

zur Kante, sodass diese gesamte Seite gerade und

steil ins Wasser abfällt. Was Roscille zuerst für Kreuze

hält, sind Schießscharten. Nichts schmückt den

Wehrturm oder die Zinnen, keine Symbole, um den

fahlen Ankou abzuhalten, den Totengeist mit seinem

quietschenden Leichenwagen – jedes Kirchspiel und

jedes Haus in Breizh muss damit verziert sein, sonst

kommt er –, aber vielleicht gibt es in Glammis etwas

anderes, das den Tod auf Abstand hält.

Halt, denkt Roscille. Das Wort fällt ihr wie ein Stein

in den Geist. Bitte, nicht weiter. Dreh um und lass

mich gehen.

Weiter rattert die Kutsche.

Das Fallgitter öffnet sich, es geht in einen Innenhof.

Dort wartet ein Mann, nur einer. Er trägt einen

grauen, quadratischen Mantel und eine kurze Tunika,

hohe Lederstiefel und einen Kilt. Roscille hat noch

nie zuvor einen Mann in einem Rock gesehen. Wollene

Strümpfe halten seine Knie warm.

Zunächst denkt sie, es sei ihr Herr und Gatte, der sie

empfängt, doch als die Kutsche näher kommt und anhält,

sieht sie, dass er es nicht ist. Sie weiß eines über

den Than von Glammis, und das ist, dass er so groß ist,

wie ein Sterblicher nur sein kann. Dieser Mann im

Innenhof ist nicht klein, doch er ist auch kein Gigant,

wie es vom Thanen berichtet wird: Er ist gewöhnlich.

Sein Haar hat die Farbe von Reet, ein ausgebleichtes

Gelb.

Hawise steigt als Erste aus der Kutsche aus, dann

Roscille. Der Mann hilft mit keiner Geste, was an

Schiefbarts Hof eine Unverschämtheit wäre, ebenso

an Graujackes Hof und in jedem Herzogtum und

jeder Grafschaft des Hauses Capet. Roscille stolpert

ein wenig, und dabei trägt sie nicht einmal das Hochzeitskleid.

»Lady Roscilla«, sagt der Mann. »Herzlich willkommen.«

Die Wände des Innenhofes könnten aus Papier sein,

so wenig halten sie den Wind ab. Ihr war noch nie

in ihrem Leben so kalt. Sogar Hawise mit ihrem widerstandsfähigen

nordischen Blut zittert unter dem

Schleier.

»Danke«, sagt sie auf Schottisch. »Dies ist meine Zofe,

Hawise.«

Der Mann runzelt die Stirn. Zumindest glaubt sie das.

Sein Gesicht ist so zerfurcht – Roscille kann nicht sagen,

ob von Schlachten oder Jahren –, dass sie seine

Mimik kaum zu lesen vermag. Seine Augen huschen

einen Augenblick zu Hawise, dann zurück zu Roscille,

doch er sieht ihr nicht in die Augen. Er kennt die Geschichten.

»Ich bin Lord Banquho, Than von Lochquhaber und

rechte Hand Eures Gatten«, sagt er. »Kommt. Ich

werde Euch zu seinen Gemächern führen.«

Er führt erst den Kutscher zum Stall und dann Roscille

und Hawise zur Burg. Sie gehen durch verdrehte,

halbdunkle Gänge. Viele der Fackeln sind heruntergebrannt,

nur noch schwarze Flecken machen deutlich,


112

AVA R EID

LESEPROBE

wo sie einst loderten. Die abrupte Abwesenheit von

Licht krümmt Schatten an der Wand. Das Heulen

des Windes ist gedämpft, doch vom Boden kommt

ein seltsames mahlendes Geräusch, als würde ein

Schiffskiel auf einem Kiesstrand aufsetzen.

»Ist das das Wasser?«, fragt Roscille. »Das Meer?«

»Ihr könnt es in jedem Winkel der Burg vernehmen«,

sagt Lord Banquho, ohne sich umzudrehen. »Nach

einiger Zeit werdet Ihr es gar nicht mehr hören.«

Sie glaubt, dass sie eher verrückt wird, bevor ihr Verstand

lernt, es auszublenden. Das macht ihr mehr

Angst als jede Schmach, die ihr Körper erleiden

könnte – erleiden wird. Dass ihr Verstand schwindet,

dass er zu Maische wird wie Trauben, die zu Wein

zerstampft werden.

Selbst die kalte Schulter ihres Vaters kann Roscille

nicht ihrer ältesten Gewohnheit berauben. Um sich

zu beruhigen, wendet sie sich dieser jetzt wieder zu.

Sie beobachtet.

Lord Banquho ist ein Krieger, darin besteht kein Zweifel.

Selbst wenn er geht, hält er den Arm angewinkelt,

sodass sein Daumen ab und an das Gehilz seines gegürteten

Schwerts berührt. Er könnte die Klinge in einem

halben Herzschlag ziehen, das ist ihr klar.

Es ist nichts Neues – Roscille hat unter Soldaten gelebt,

selbst wenn die Männer des Herzogs in der Gesellschaft

von Frauen die Waffen ablegten. Ihr fällt

auf, dass sein Mantel von einer kleinen runden Fibel

gehalten wird, die aus Eisen statt aus Silber besteht.

Sie wird schnell rosten, vor allem in dieser feuchten

Luft.

Banquho hält vor einer Holztür mit eisernen Griffen

an und sagt: »Eure Kammer, Lady Roscilla.« Sein c

ist hart, einer dieser gellenden schottischen Konsonanten.

Sie nickt, doch bevor sie antworten kann, zieht

Banquho einen eisernen Schlüssel vom Gürtel und

öffnet die Tür. Ihr leerer Magen steht Kopf. Es ist ein

schlechtes Zeichen, dass ihre Kammer ein Schloss

hat, das nur von außen geöffnet werden kann. Sie hegt

keinerlei Hoffnung, dass ihr ein eigener Schlüssel

zugedacht ist.

Die Kammer selbst besteht aus einem Schrank, einem

dreizackigen Kerzenständer und einem Bett.

Ein großer Pelz bedeckt den Boden, dunkel und

dick, der Kopf ist noch dran. Ein Bär. Seine im Tode

leeren Augen sind wie Teiche, in denen sich der Fackelschein

spiegelt. Seine schwarzen Lippen sind zu

einer unsterblichen Grimasse der Pein zurückgezogen.

Roscille hat nie zuvor einen Bären gesehen,

weder lebendig noch tot; sie hat nur ihre Ebenbilder

auf Hauswappen und Kriegsbannern entdeckt. In

Breizh sind sie schon ausgerottet, aber natürlich gibt

es sie hier noch. Sie beugt sich vor und inspiziert die

gebogenen, gelben Fänge des Bären, jeder so lang

wie ihr Finger.

Banquho zündet die Kerzen an, die den Raum und

seinen kalten Stein in wächsernen Glanz hüllen. »Das

Bankett ist bereitet. Der Lord wartet.«

Roscille erhebt sich wieder. Ihre Knie fühlen sich flau

an, wie dicke Suppe. »Ja. Entschuldigt. Ich werde

mich umkleiden.«

Sie wartet einen Atemzug lang, ob Banquho auch

wirklich geht. Die Schotten glauben seltsame Dinge

über Frauen. Man flüstert, dass sie noch das Jus

primae Noctis praktizieren, das Droit du Seigneur,

das Recht des Herrn, seine Frau mit seinen Männern

zu teilen, wie er seine Kriegsbeute teilt. Diese Gerüchte

haben sie so sehr beherrscht, dass sie, kaum dass sie

akzeptiert hatte, verheiratet zu werden, tagelang

nicht schlief und noch länger nicht aß, nicht einmal

mehr trank, bis ihre Lippen weiß und eingerissen waren

und Hawise ihr verdünnten Wein einflößte.

Roscille hat von einem schottischen König namens

Durstus gehört, der der Gesellschaft seines getreuen

Weibs Agasia entsagte. Dies lud seine Männer

ein, sich ihrer zu bemächtigen und sie zu missbrauchen,

auf die abgefeimteste und abscheulichste Weise.

Zwölf Jahre alt war sie, als sie die Geschichte hörte,

und sie wusste schon, was das bedeutete.

Doch Banquho wendet sich lautlos ab und schließt die

Tür hinter sich. Sie ist wieder mit Hawise allein und

bricht beinahe auf dem Bärenfell zusammen.

Eine Sache ist erleichternd, wie ein Lichtschimmer

durch einen Riss im Mauerwerk: Das Bett ist groß genug,

dass sie es mit Hawise teilen kann, aber zu klein,

dass der Lord darin Platz findet.

Sie ziehen sich schweigend aus. Nacktheit ist etwas

Ungewöhnliches, Unkeusches, auch im Privaten unter

Frauen. Körper sollen gehütet werden wie Gold.

Das Aufblitzen eines nackten Knöchels ist, als würde

man einen Anhänger fallen lassen, sodass jeder ihn


am Boden aufschlagen sieht und weiß, dass du diesen

Reichtum und noch mehr besitzt. Was hütest du sonst

noch und drückst es an deine Brust? Wie leicht kann

es gestohlen werden? Man kann doch keinen Mann

dafür verurteilen, dass er sich etwas geschnappt hat,

das vor ihm baumelte wie Fleisch vor einem Hund.

Als Zofe, als Kriegsbeute, als Mädchen ohne Stand

sind Hawises Schatzkammern leicht zu plündern.

Und doch hat ihre Nähe zu Roscille ihr Sicherheit

verschafft. Sie war sicher vor betrunkenen Höflingen

und ihren tastenden Händen. Sie ist jungfräulich wie

eine Nonne. Bald wird sie die einzige Jungfrau von

ihnen beiden sein.

Hawise hat den Körperbau einer Nordfrau: breite

Schultern, kleine Brüste, schmale Hüften, mit denen

sie es schwer haben wird, Kinder zu gebären. Sie sind

einander Gegensätze. Roscilles Brüste sind groß genug,

dass sie sie unter ihrem rechteckig ausgeschnittenen

Kleid abbinden muss (warum sollte sie einen

Mann auch nur mit der Ahnung eines Schatzes in

Versuchung führen?). Doch ansonsten ist ihr Körper

noch mädchenhaft, schlank, was einen unnatürlichen

Kontrast ergibt. Oberhalb der Taille hat sie die Gestalt

einer Frau, doch darunter ist sie schmal wie eine

Schlange, etwas Glattes, Windendes. Sie fragt sich,

wie der Lord das finden wird.

Im Raum gibt es keinen Spiegel, nur einen Wasserkübel,

der Roscilles Spiegelbild zeigt, trüb und gekräuselt.

Der Schleier ist so absurd, wie sie ihn sich vorgestellt

hat. Ihre Glieder sind unter weißem Leinen und

Spitze wie mumifiziert. Ihre Ärmel sind schwer von

Perlen. Ihre Schleppe liegt wie vollgesogen hinter ihr.

Es ist schwer, damit zu gehen.

»Lady Rosalie«, sagt Hawise – auf Angevinisch, der

Sprache, die diese Schotten noch am ehesten nicht

verstehen. Sie packt ihre Hand und quetscht sie. »Ihr

seid die klügste Frau, die ich je getroffen habe, die tapferste

…«

»Du sagst das, als würdest du meine Grabrede halten«,

erwidert Roscille. Aber sie hält Hawises Hand fest.

»Ich wollte nur sagen … Ihr werdet auch das hier

überleben.«

Auch das hier. Hawise nennt die andere Sache nicht,

die erste. Sie muss es nicht; sie wissen es beide.

Durch die massive Tür hört sie Banquhos Stimme:

»Es ist an der Zeit, Lady Roscilla.«

04.

SEP

2026

AVA REID

LADY MACBETH

Aus dem amerikanischen

Englisch von Judith C. Vogt

Klappenbroschur

320 Seiten

18,00 € (D) 18,50 € (A)

ISBN 978-3-492-70698-8

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114

FRANCA LEHFELDT

GUTE MÜTTER, SCHLECHTE MÜTTER

GUTE

MUTTER,

SCHLECHTE

MUTTER

.. ..

»Die Vereinbarkeit von Kind und

Karriere ist möglich. Allerdings nur,

wenn man das Ziel aufgibt, perfekt sein zu

wollen. Schuldzuweisungen der Gesellschaft

dafür müssen Frauen zurückweisen,

statt sich zu unterwerfen.«

FRANCA LEHFELDT


115

FRANCA LEHFELDT

LESEPROBE

LESEPROBE

Eine Frau, die in Deutschland ein Kind erwartet, bekommt

eine Menge zu hören. Das ist kein neues gesellschaftliches

Phänomen, doch heute kommt es in

dreifacher Lautstärke daher.

Beklagten bis amüsierten sich die Generationen

unserer Mütter und Großmütter über übergriffige

Ratschläge der eigenen Sippe, katalysierten sie ihre

Unzufriedenheit über das rückständige deutsche

Mutterbild in der Gründung von Frauenbewegungen,

die die schlimmsten Zumutungen überwunden haben,

so stehen Frauen heute einer kommentierenden

Klasse aus Familie, Freundes- und Bekanntenkreis

sowie Arbeitsumfeld, naturalistisch beseeltem bis

konservativ sturem Bürgertum, kämpferisch feministisch

linksliberalen Medien und zu allem Überfluss

nun auch noch Mom-, Dad-, Paarfluencern sowie

Tradwives gegenüber. Das muss frau sich nervlich erst

mal leisten können.

Besonders robuste Nerven braucht frau, wenn sie nicht

bereit ist, umgehend in den Mama-Modus zu schalten.

Das Vorhaben, auf Elternzeit zu verzichten und Vollzeit

weiterzuarbeiten, genügt der Instagram-Community,

um ein kinderloses Leben zu empfehlen, da eine

»karrieregeile Egoistin« besser nicht Mutter werden

sollte. Und nein, mein Account wird nicht ausschließlich

von Soziologen, Kinderärztinnen, Ökonomen

und Pädagoginnen abonniert. Das digitale Urteil

stammt von anderen Eltern, vorzugsweise von anderen

Müttern. Diese Dramatik erreicht die Debatte bereits,

bevor irgendjemand zu Schaden gekommen wäre.

Nun mag einer argumentieren, dass die sozialen Netzwerke

die asozialsten Resonanzräume der Gegenwart

sind und man die Debatte beenden könnte, indem

man die Themen Mutter- und Elternschaft von ihnen

fernhalte. Doch bin ich anderer Meinung. In einer

alternden Gesellschaft, in der die Geburtenrate seit

Ende der 1960er-Jahre kontinuierlich unterhalb des

sogenannten Bestandserhaltungsniveaus liegt, können

wir es uns weder analog noch digital leisten, diese

Themen auszuklammern, sie in das Private zu verbannen

oder bildlich gesprochen, Mutter und Kind in das

abgewetzte Zugabteil im ICE der Deutschen Bahn zu

setzen, das sinnbildlich verkörpert, wo die Gesellschaft

Kinder am liebsten hat: auf Distanz und ohne Ton.

Es gibt natürlich auch das gegenteilige Extrem:

Menschen, die das evolutionäre Selbstvertrauen von

Paaren und Single-Eltern, einem Kind gerecht zu

werden und sich der Aufgabe Elternschaft stellen zu

können, seit Jahren durch übersteigerte Ansprüche erschüttern.

Wer sein Kind nicht mit der selbst pürierten

Bio-Möhre sättigt, sondern im Drogeriemarkt zum

Gläschen greift, sollte es besser gleich lassen. Wer sein

Kind aufgrund beruflicher Stresssituationen als Letztes

aus der Kinderbetreuung abholt, wird nicht zum

Dinkelplätzchenbacken am Wochenende eingeladen.

Und wer seinem Kind noch genderspezifisches Spielzeug

zugänglich macht, wird als pädagogischer Totalausfall

gelabelt.

»Erwartungen« – das sind per Definition subjektive

Vorstellungen und Annahmen über u. a. das Verhalten

von Personen, die auf Erfahrungen, Überzeugungen

und Wünschen basieren. Sie formen unsere Wahrnehmung

sowie unser Verhalten und können sowohl positive

als auch negative Auswirkungen haben. Zum Teil

scheint diese Definition jedoch anpassungsbedürftig

zu sein, da die Erwartungen, die unsere Gesellschaft

gegenüber Frauen und Müttern erhebt, meist negative

Auswirkungen haben und zu dem alten Schluss führen:

Wie man’s macht, macht man’s falsch.

Woher diese oftmals anmaßenden und übergriffigen

Erwartungen völlig fremder oder – schlimmer noch –

vertrauter Menschen stammen, gilt es zu einem

späteren Zeitpunkt in diesem Buch zu ergründen.

Zunächst benötigt frau allerdings keinen äußeren Erwartungsdruck,

weil sie nicht selten Meisterin darin

ist, übersteigerte Erwartungshaltungen an sich selbst

zu richten.

In meinem Freundeskreis krähten die ersten Babys

und tollten die ersten Kinder herum, lange bevor

ich mich selbst mit dem Thema »Kind« intensiver

beschäftigt hatte. So konnte ich eine Art liebevolle

private Feldforschung betreiben. Seiher gruppierten

sich die unterschiedlichen Varianten von Müttern in

meinem Kopf wie folgt:


116

FRANCA LEHFELDT

LESEPROBE

Es gibt die »Working Moms«, die je nach Vorliebe früher

oder später wieder in Voll- oder Teilzeit in ihren Job

zurückgekehrt sind. Es gibt die »Fulltime Moms«, die

sich auf vorerst unbestimmte Zeit für die Familie und

gegen den Job entschieden haben, weil das Gehalt des

Mannes oder der eigene familiäre Background für den

Lebensunterhalt ausreicht. Es gibt die »Working Moms,

but«, die arbeiten müssen, weil sie einen ganz erheblichen

oder sogar den alleinigen Beitrag zum Familieneinkommen

beitragen, die aber, wenn sie die freie Wahl

hätten, lieber weniger oder gar nicht arbeiten würden.

Es gibt die »Fulltime Moms, but«, die durch die Entscheidung

für ein Kind das traditionelle Rollenbild

von ihrem eigenen Partner auferlegt bekommen haben

und schmerzhafte Abstriche hinsichtlich ihrer Selbstbestimmung

machen müssen. Und es gibt die Frauen

ohne Kinder. Solche, die sich sehnlichst Nachwuchs

wünschen und sich intensiv und oft alleingelassen mit

Reproduktionsmedizin befassen oder bereits einer Behandlung

unterziehen. Und solche, die keine Kinder

möchten. Waren Frauen, die sich aus freien Stücken

gegen ein Kind und somit gegen das klassische Familienleben

entscheiden, einst die Ausnahme, zeigt die

private Empirie heute eine steigende Tendenz.

Jede dieser sehr persönlichen Lebens- und Muttersituationen

verdient es zunächst, dass man sich bemüht,

sie zu verstehen, anstatt sie reflexartig zu bewerten

oder gleich abzuwerten. Doch so unterschiedlich diese

Muttermodelle auch sein mögen, ein Schicksal ereilt

jede ihrer Repräsentantinnen: Sie alle teilen die Erfahrung,

Pauschalurteilen ausgesetzt zu sein.

Als ich einer meiner »Working Moms«-Freundinnen

von meiner Schwangerschaft erzählte, sagte sie, gleich

nachdem sie mir gratuliert hatte, zu mir: »Du wirst das

Leben und die Biologie in unzähligen Momenten als

unfair empfinden. Und obwohl dein Kind dir alles und

mehr, als du dir heute vorstellen kannst, zurückgeben

wird, wirst du auf der Couch sitzen und dich fragen,

warum er mit all dem weniger zu tun hat als du.«

Ein andermal berichtete mir eine meiner »Fulltime

Mom, but«-Freundin bei einem Mittagessen zu zweit

von ihrem Alltag. Ihr Kind war knapp drei Jahre alt

und sie verließ kaum noch das Hause, weil ihr Partner

sie regelrecht schikanierte, wenn sie versuchte, Pläne

ohne Kind zu machen. Darunter fiel auch der Plan,

ihren Job wieder aufzunehmen. Während unseres

kurzen Mittagessens rief der infantile Ehemann sie

drei Mal an, um ihr durch banale Fragen wie »Wo ist

die Mütze?« deutlich zu machen, dass es Zeit für sie

sei, Kind und Haushalt wieder zu übernehmen. Am

Ende saß sie weinend neben mir.

Was beide Frauen verbindet, ist, dass sie ihre Kinder

über alles lieben und zu keinem Augenblick das Muttersein

oder ihre Kinder mit einem negativen Gefühl

belegen. Vielmehr reiben sie sich auf zwischen der

Akzeptanz des traditionellen Rollenbildes und dem

Formulieren eines neuen.

Spätestens damals dämmerte mir, dass der Vater und

sein Verständnis der Vaterrolle und des Elternseins

eine Schlüsselrolle im Kosmos Kind einnehmen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch an dieser

Stelle sagen: Dieses Buch ist keine »Frauen- und oder

Mutterlektüre«. Im Gegenteil, wenn der zivilisatorische

Fortschritt vorangetrieben werden soll – und die

Definition eines zeitgemäßen Rollenbildes bedingt

diesen –, geht die thematische Auseinandersetzung

Frauen und Männer gleichermaßen an. Aus diesem

Grund gilt auch nicht wie in der Fußball-Champions-League

das Hin- und Rückrundenprinzip, was

bedeuten würde, dass frau über Jahrhunderte in Vorleistung

gegangen ist und jetzt Wiedergutmachung

fordert. Sondern es muss um die gemeinsame Erarbeitung

von Antworten auf eine der dringendsten

Fragen unserer Zeit gehen: Wie redefinieren wir die

Mutterrolle in der heutigen Zeit?

Unabhängig von all den fremden und eigenen Erwartungen

wird die Debatte um ein weiteres externes

Emotionalitätslevel beheizt: Die Politik stellt derzeit

medienwirksam die Forderung auf, dass Frauen mehr

arbeiten gehen sollen, und zwar in Vollzeit. Ob dafür

auch gesellschaftlich und politisch die optimalen

Rahmenbedingungen geschaffen sind, sei an dieser

Stelle zunächst dahingestellt. Folgen wir dieser Erwartung,

dann begräbt sie eines der ältesten deutschen

Rollenbilder: das der nicht berufstätigen Hausfrau

und Mutter. »Nicht berufstätig« ist hier wertfrei

zu verstehen, denn der Alltag und die Aufgaben einer

Hausfrau und Mutter sind in vielerlei Hinsicht oftmals

körperlich anstrengender und nervlich aufreibender

als so mancher Beruf. Doch es ist nicht von der

Hand zu weisen, dass dieses Rollenbild unter Druck

geraten, um nicht zu sagen überholt ist.


Gleichzeitig leben wir trotz globaler Krisen, schrumpfender

Volkswirtschaft und alternder Bevölkerung in

einer durchaus privilegierten Zeit: Es gibt Mutterschutz,

Elternzeit, Elterngeld sowie Rückbildungskurse,

Schwangerschaftsyoga und Hebammenleistungen,

die die Krankenkasse übernimmt. Parallel

dazu buhlt die Wirtschaft um jede Fachkraft und

stampft seit Jahren unermüdlich ein Frauenförderprogramm

nach dem anderen aus dem Boden. Und

trotzdem entwickelt sich hierzulande kein modernes

Rollenbild einer Frau und Mutter, die Vollzeit arbeitet

und ihr Familienleben mit weniger perfektionistischen

Ansprüchen von außen und geschickter Delegation

leben kann. Die wichtige Debatte rund um

das Überwinden des Gender Pay Gaps und weitere

architektonische Ziele weiblicher Karrieren können

daher im Grunde beiseitegewischt werden, wenn

diesbezüglich hierzulande kein Umdenken einsetzt.

Sind also alle guten Ideen dieser Art für die Katz?

Sind die zahlreichen Gesprächsrunden auf Veranstaltungen

oder in Medienformaten nichts als Phrasen?

Pinkwashing? Welche konkreten Angebote und

Vorbilder gibt es heute für Frauen, die eine lange und

intensive Ausbildung absolviert haben, die Leistungsträgerinnen

auf ihrem Gebiet sind und sich auch als

Mutter weiterhin beruflich verwirklichen wollen,

weil ihr Beruf einen wichtigen Teil ihrer Identität ausmacht?

Warum werden sie mit ihren Fragen in einer

stark verkürzten und polierten 30-Sekunden-Video-

Scheinwelt, in ihren Instagram- und TikTok-Feeds

alleingelassen?

Die Suche nach Vorbildern gestaltet sich problematisch.

In der medialen Öffentlichkeit wimmelt es zwar

von Frauen, die auch Mütter sind und ganz offensichtlich

einen Weg für sich gefunden haben, beide Welten

miteinander zu verbinden, aber nur bedingt oder gar

nicht über diesen sprechen. Sie bleiben in Deckung,

aus Sorge bewertet zu werden, als privilegiert zu gelten

oder ihre Rolle durch die Debatte zu schwächen.

Die Antwort auf diese Frage bleibt also offen. Dieses

Buch ist der Versuch, durch Gespräche mit Experten,

Recherchen, Erfahrungen im Familien- und

Freundeskreis sowie meinen eigenen einen Teil zu der

Diskussion beizutragen und an der Redefinition der

Mutterrolle und des Familienbildes in der heutigen

Zeit zu arbeiten. Welcome to Planet Mom!

02.

OKT

2026

FRANCA LEHFELDT

GUTE MÜTTER, SCHLECHTE MÜTTER

Klappenbroschur

240 Seiten

20,00 € (D) 20,60 € (A)

ISBN 978-3-492-06656-3

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118

CECELIA AHERN

LOVE UNLOCKED

Love

UNLOCKED

CECELIA AHERN



120

CECELIA AHERN

LESEPROBE

LESEPROBE

1

Melody

»Nein.«

Melodys Wohnblock schmiegt sich dicht an die Bahnstrecke,

aber das Rumpeln von Zügen, das Kreischen

der Bremsen und das jähe Schrillen des Signalhorns

haben sie noch nie gestört. Sie findet Trost im rhythmischen

Rattern des Zugs, im Auf und Ab der langsamen

Beschleunigung, im donnernden Tosen seiner

Ankunft und dem verhallenden Geräusch, während

er die Gleise hinunter entschwindet. Die flüchtige

Gegenwart Hunderter Menschen direkt vor ihrem

Fenster ist tröstlich. Sie gibt ihr auf angenehme Weise

das Gefühl, dass sie nicht allein ist.

Denn Melody ist nicht gern allein.

Schon bald werden keine Züge mehr fahren, der letzte

verlässt den Dubliner Hauptbahnhof um 23 Uhr 30,

und dann wird da draußen keine Menschenseele sein,

keine Geräusche, die sie von der furchterregenden

Stille, die sich in ihrem Apartment ausbreitet, ablenken

könnten.

Gewöhnlich liegt Sam neben ihr.

Heute Abend wollte er ihr während des Essens einen

Heiratsantrag machen. Sie schloss das aus seinem

Verhalten und aus der Art, wie sie beide von den Bedienungen

im Restaurant behandelt wurden. Melody

brach der Schweiß aus.

Nach fünf gemeinsamen Jahren wusste sie, dass sie

Sam nicht heiraten wollte, sie wollte niemanden heiraten.

Mit diesem Gedanken haderte sie schon, seitdem

sie beide dank der Trauungen in ihrem Freundeskreis

zu berufsmäßigen Hochzeitsgästen geworden waren.

Auf jeder Feier, die alle auf ihre Art einmalig und

besonders waren, hatte Melody sich gefragt, was für

eine Hochzeit sie selbst gern hätte. Kein einziges der

besuchten Feste war wirklich ihr Ding gewesen. Ihr

wachsendes Unbehagen war so groß, dass sie sich auf

jeder Feier anders gefühlt hatte: nervös, schnippisch,

wild, seltsam. Sie hatte zu viel getrunken, sie hatte keinen

Tropfen Alkohol angerührt, sie war frühzeitig nach

Hause gegangen, sie war bis zum Schluss geblieben.

Offen gesagt, wusste sie selbst nicht, was für einen

Hochzeitsgast sie bei einer bestimmten Feier abgeben

würde, geschweige denn, was für eine Braut, bis ihr

klar geworden war, dass es überhaupt niemals eine

Hochzeit geben würde. Melody wollte auf keinen Fall

heiraten. Niemanden. Seit sie diese Entscheidung getroffen

hatte, war sie von einer wunderbaren inneren

Ruhe beseelt.

Allerdings hatte sie es versäumt, diesen Entschluss

ihrem Freund mitzuteilen.

Melody konnte nicht zulassen, dass der Heiratsantrag

seinen Lauf nahm. Sie konnte Sam nicht vor allen

Leuten einen Korb geben. Sie konnte ihn nicht demütigen

oder kränken. Aber lügen konnte sie auch nicht.

Sam ist einfach wunderbar, er hat ein Herz aus Gold.

Jeder Mensch sollte einen Sam haben, bloß eben sie

nicht. Also hinderte sie seine Hand daran, sich zwischen

dem Essgeschirr bis zu ihr durchzuschlängeln,

indem sie ihre Hand fest auf seine legte.

»Bitte stell mir nicht die Frage, die du mir gleich stellen

willst. Ich kann das nicht.«

Sie sah mit an, wie sein Herz brach. In Echtzeit beobachtete

sie, wie sich Schmerz und Erniedrigung auf seinem

Gesicht widerspiegelten, und schuld daran war sie.

Und nun, da der Abend vorbei ist und Sam fort, wirklich

fort, liegt Melody, die nachts so schrecklich

ungern allein ist, allein im Bett und spielt das Liebes-Aus

immer wieder vor ihrem inneren Auge ab.

2

Al

»Ja.«

Al parkt den Wagen vor dem Elternhaus seiner Freundin

Tara im ländlichen Cork. Es ist so festlich mit

Weihnachtslichtern geschmückt, dass man es auf der

Landzunge aus einer Meile Entfernung sehen könnte,

vielleicht sogar aus dem Weltall.

Es ist sein erstes Weihnachten bei ihrer Familie. In

ihrer dreijährigen Beziehung sind sie bisher über die

Feiertage getrennte Wege gegangen, aber in diesem

Jahr verbringen sie das Fest gemeinsam.


121

CECELIA AHERN

LESEPROBE

Sobald sie die Veranda betreten, geht die Tür auf, und

sie werden mit einem laut schallenden ȆBERRA-

SCHUNG!« begrüßt.

Erschrocken weicht Tara zurück. Sie lässt die Szene

langsam auf sich wirken, ein Meer aus fröhlichen Gesichtern.

Ihre Familie, seine Familie, ihre Freundinnen,

ihr ehemaliges Camogie-Team, sogar sein bester

Freund Walter ist mit von der Partie. Al erstaunt

das nicht, denn er hat die ganze Aktion eingefädelt.

Nachrichten und E-Mails, während Tara geschlafen

hat, Telefonate im Flüsterton, während sie nebenan

war. Dieser freudige Empfang ist minutiös geplant.

»O mein Gott«, sagt sie und hält sich entgeistert die

Hand vor den Mund. Willkürlich ruft sie einzelne

Leute, die ihr ins Auge springen, beim Namen. »Sheila.

O mein Gott, Laura! Was machst du denn hier, Siobhán?«,

kreischt sie. »O mein Gott, Wally!«

Wally?

Walter.

Während Tara dieses Ereignis verarbeitet, indem sie

die Anwesenden beim Namen nennt, sinkt Al hinter

ihr auf ein Knie. Eine Zeit lang merkt sie es nicht, bis

sich Schweigen über die versammelte Menge legt.

Al räuspert sich. »Tara Jones, vor drei Jahren habe

ich dich im Copper Face Jacks am anderen Ende des

Raums zum ersten Mal erblickt.«

Gelächter. Es ist ein legendärer Nachtclub in Dublin,

der für seine schnulzige Musik bekannt ist.

Und ab dem Punkt nimmt Als Ansprache eine neue

Richtung. Er hat eine Reihe berühmter Sätze aus den

liebsten romantischen Filmen der beiden auswendig

gelernt, und als er sie jetzt wiedergibt, fügt er sämtliche

Zitate zu einem Heiratsantrag zusammen.

Immer wieder sieht Tara sich im Zimmer um und flüstert:

»O mein Gott.«

Der Antrag muss gut sein, denn er sieht, dass sich sogar

der in Gefühlsdingen zurückhaltende Walter über

die Augen wischt.

Und dann endlich: »Tara Jones, willst du mich heiraten?«

Ihr Mund steht offen, es wirkt auf ihn, als spielte

sich alles in Zeitlupe ab. Warum gibt sie ihm keine

Antwort? Alle Blicke sind auf Tara gerichtet, und sie

scheint überrascht zu sein, dass jetzt sie an der Reihe

ist, etwas zu sagen. Er spürt Schweißperlen auf dem

Rücken, er hatte keinen Zweifel bezüglich ihrer Reaktion,

jedenfalls nicht bis zu diesem Moment.

»

Bitte stell mir nicht die

Frage, die du mir gleich

stellen willst. Ich kann

das nicht.


122

CECELIA AHERN

LESEPROBE

»

Eines Tages bist du

dran, Walter. Dir wird

es auch passieren. Du

bist mein bester Freund,

und ich möchte, dass

du eines Tages auch so

empfindest wie ich.

»Oh. Ja. JA!«

Ihn durchflutet tiefe Erleichterung, und er springt

auf, um sie in die Arme zu schließen, zu küssen. Dies

ist der schönste Augenblick seines Lebens. Gefühle

sprudeln aus ihm heraus, aus seinen Augen strömen

Tränen. Sie küsst ihn rasch und richtet dann die Aufmerksamkeit

auf den Ring. Ihre Finger zittern.

»Gefällt er dir?«

»O mein Gott.«

Sie steckt ihn sich an den Finger. Er passt wie angegossen,

dafür hat Al natürlich gesorgt, indem er ihren

Ringfinger abgemessen hat, während sie schlief.

»O mein Gott, Mädels, schaut her!« Sie dreht sich um,

und ihre Freundinnen stürzen in einer Traube heran,

und sie wird von einer nach der anderen umarmt.

Al fühlt sich ein wenig außen vor und sieht sich um.

Seine Eltern kommen direkt auf ihn zu und schließen

ihn in die Arme.

»Das war wunderschön, Süßer«, sagt seine Mum.

»Gut gemacht, Al.« Sein Dad klopft ihm auf den Rücken.

»Was hast du da alles erzählt?«

»Zitate aus Taras Lieblings-Romcoms«, erwidert Al.

»Hast du sie nicht wiedererkannt?«

Sein Dad wirft Als Mutter einen unsicheren Blick zu.

»Es war wirklich wunderschön, Schatz«, sagt seine

Mum in einem Tonfall, der ihm verrät, dass auch sie

keine Ahnung hat.

Dann erscheint Tara wieder.

»Hat dir der Antrag gefallen?« Er hat ewig daran gefeilt.

Jedes Mal, wenn sie sich einen neuen Film ansahen

und etwas gesagt wurde, das ihr gefiel, hat er die

Rede umschreiben müssen.

»Al, ich habe nicht den leisesten Schimmer, was du

gesagt hast.« Sie lacht.

Er zieht sie eng an sich zu einem Kuss, um sie beide gemeinsam

in diesem flüchtigen Moment zu erden. Sie

küsst ihn kurz und entzieht sich ihm wieder, um über

seine Schulter hinweg jemandem etwas zuzurufen.

»Du hast Bescheid gewusst?« Sie löst sich von Al und

versetzt Walter einen spielerischen Klaps, ehe sie ihn

umarmt.

»Ich konnte doch die Überraschung nicht verderben,

oder? Herzlichen Glückwunsch.«

Tara legt den Kopf auf seine Schulter. Al macht ein

Foto.

Er findet es traumhaft, dass sein bester Freund aus


123

CECELIA AHERN

LESEPROBE

Kindheitstagen und seine frischgebackene Verlobte –

Verlobte! – sich so ausgesprochen gut verstehen.

»Wie fandest du es?«, fragt er Walter, während Tara

kreischend auf eine Freundin zuläuft.

»Es war mal was anderes.«

Wieder ist Al enttäuscht. Hatte er nicht den richtigen

Ton getroffen? »Es war eine Zusammenstellung unserer

Lieblingszitate aus den Liebesfilmen, die Tara so mag.«

Da strahlt Walter. »Ach, jetzt ergibt es Sinn. Denn es

war ein bisschen verwirrend, aber das ist klasse, Mann.

Im Ernst, Glückwunsch! Ich freue mich für euch beide.«

Al spürt eine gewisse Traurigkeit an seinem Freund.

Walter hat noch keine Beziehung gehabt, jedenfalls

nichts Ernstes.

»Eines Tages bist du dran, Walter. Dir wird es auch

passieren. Du bist mein bester Freund, und ich möchte,

dass du eines Tages auch so empfindest wie ich.«

Ganz ohne Zweifel ist das der glücklichste Tag, der

glücklichste Augenblick seines Lebens.

Zwei Jahre später

3

Al

Aufs Kreuz gelegt. Tara und Walter, Wally, haben ihn

total aufs Kreuz gelegt. Er versucht, seine Gedanken

mit Musik zu übertönen.

Love Will Tear Us Apart - einer der großartigsten Songs

aller Zeiten. Ist es ein Liebeslied? Ist es ein Abgesang

auf die Liebe? Al hält es für Letzteres. Der Song

schallt durchdringend, die Stimme von Ian Curtis

schmettert durch die Kopfhörer in seine Ohren.

Auf dem Weg zur Arbeit steht er in der Luas, Dublins

Straßenbahn, und umklammert die Haltestange im

überfüllten Waggon. Es ist ein längerer Arbeitsweg

als noch vor vier Wochen. Vor vier Wochen konnte

er von zu Hause aus zu Fuß zur Arbeit gehen. Vor

vier Wochen hatte er noch ein Haus. Vor vier Wochen

hatte er noch eine Verlobte.

Der Song geht zu Ende und fängt zum fünften, vielleicht

sechsten Mal sofort wieder von vorn an. Die

Musik, die er spielt, liegt stets auf einer Welle mit

seiner Stimmung. Jeden Tag ein neuer Song, derselbe

Song den ganzen Tag. Wie eine tägliche Hymne, die

ihn durch dieses beschissene Desaster führt.

Al wird sich nicht mehr von der Liebe hinters Licht

führen lassen. Den überschwänglichen, kitschig-romantischen

Al gibt es nicht mehr, er ist ein für alle

Mal tot.

Tara hat ihn verlassen.

Für Walter.

Wally.

Als er Walter sagte, eines Tages würde ihm das Gleiche

widerfahren, meinte er nicht, mit seiner Verlobten!

Als er sagte, eines Tages würde Walter empfinden,

was er empfindet, meinte er nicht das Gefühl, mit

seiner Verlobten zu schlafen!

Al hämmert bei Bridgespan, Irlands Behörde für die

Brückeninfrastruktur, wo er arbeitet, auf den Fahrstuhlknopf,

doch als der Aufzug nicht schnell genug

ins Erdgeschoss kommt, nutzt er das dank der Wut

ausgeschüttete Adrenalin in seinem Körper und

steigt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die

Treppe hinauf.

Das ganze Leben lang hat Al Mitleid mit Walter gehabt.

Er wohnte seit dem Studium mit ihm zusammen,

kannte ihn seit der Kindheit. Er vertraute ihm

alles an. Walter wusste über Als erste Schwärmereien

Bescheid, seinen ersten Kuss, sein erstes Mal. Sie

tranken zusammen, übergaben sich zusammen und

mussten gemeinsam nachsitzen. Al hielt Tommy

Brown fest, während Walter auf ihn einschlug, nachdem

er Walters Mutter als Prostituierte bezeichnet

hatte, die tatsächlich Buchhalterin war und deshalb

bei sich zu Hause Geschäftsmänner empfing.

Am liebsten würde er jetzt Walter festhalten und erwürgen.

Auch das schnelle Treppensteigen hat seinen Zorn

nicht gelindert. Er hätte gute Lust, in dem Großraumbüro

lauthals zu verkünden: Die Liebe ist der

reinste Betrug! Walter ist ein Arsch!

Er hat Walter sogar einen Job hier bei Bridgespan besorgt.

Dank Al hat Walter eine anständige Arbeit mit

gutem Verdienst, statt als Assistent einer NGO zum

Schutz von Aalen vor sich hin zu dümpeln. Er hat

Walter an den Haaren ins Erwachsenenleben gezerrt.

Er hat ihm geholfen, sich endlich von seiner bescheuerten

Oasis-Frisur zu verabschieden, die selbst die

Gallagher-Brüder nicht mehr haben, und Walter läuft

auch nicht mehr nur in Chucks und T-Shirt herum.

Jetzt trägt er einen Anzug und hat sein eigenes Büro.


124

CECELIA AHERN

LESEPROBE

Und nun sieht Al ihn gezwungenermaßen jeden Tag.

»Was?«, zischt er aggressiv und nimmt die Kopfhörer

ab, als seine Assistentin Natasha mit ihren neonpinken

Fingernägeln vor seinem Gesicht herumfuchtelt.

Natasha, vierundzwanzig Jahre alt, Amateurboxerin,

hat insgesamt einunddreißig Piercings – so stand es in

ihrem Lebenslauf im Abschnitt mit den besonderen

Fähigkeiten. Sie trägt einen blonden Blunt Cut mit

pinken Strähnen, und üblicherweise ist mindestens

eines ihrer Kleidungsstücke pink. Sie bringt frischen

Wind ins Büro, aber zugegebenermaßen findet Al sie

manchmal furchteinflößend, weil ihr nichts Angst

macht. Und obwohl sie so viel kleiner ist, könnte

sie ihn wahrscheinlich innerhalb von Sekunden k. o.

schlagen.

»Helen Hanratty ist hier.«

»Ich weiß nicht, wer Helen Hanratty ist«, sagt er, entledigt

sich seiner Tasche und des Mantels und nimmt

in seinem Büro Platz.

Durch das Fenster blickt man auf den River Liffey im

Stadtzentrum. Al findet es schön, dass er als Leiter

der Brückeninstandhaltung in der Provinz Leinster

aus seinem Fenster die meisten der Brücken über den

Liffey sehen kann. Die neueste Brücke der Stadt, die

Samuel Beckett Bridge, liegt am nächsten.

»Du weißt ganz genau, wer Helen Hanratty ist«, holt

Natasha ihn blitzschnell wieder in die Gegenwart zurück.

»Sie ist von der Initiative Gegen Liebesschlösser.

Sie versucht schon seit der Vorweihnachtszeit, dich zu

erreichen.«

Vor Weihnachten. Vor der Katastrophe, die sein Leben

in Schutt und Asche gelegt hat.

»Ach, meine Freundin Helen. Es ist kein offizieller

Verein. Sie ist bloß eine ausgesprochen neugierige

Anwohnerin mit einer ebenso neugierigen Freundin.«

»Tja, inzwischen sind sie ein eingetragener Verein.«

Natasha reicht ihm ein Dokument, das die Gründung

beurkundet und von Helen Hanratty unterzeichnet

ist. »Sie sind im Besprechungszimmer.«

»Wer hat sie reingelassen?«

»Walter. Sie hat einen Termin mit ihm wegen des

Flusswassers. Die Leute werfen die Schlüssel von

ihren Vorhängeschlössern in den Fluss. Womöglich

ersticken Schildkröten daran, oder Fische bekommen

eine Gehirnerschütterung.«

»Im River Camac gibt es keine Wasserschildkröten.«

»Ach, whatever«, sagt sie mit einem Achselzucken.

Al wird von Zorn gepackt. Monatelang ist er einem

Termin mit dieser Verrückten erfolgreich aus dem

Weg gegangen, und jetzt hat Walter ihr eigenmächtig

ein Treffen zugestanden.

Er verkneift es sich, Walter auf übelste Weise laut zu

beschimpfen, was ihn all seine innere Kraft kostet.

Walter und Al haben es bisher geschafft, das Vorgefallene

für sich zu behalten, und so ist Als Leben, wenigstens

in der Arbeit, unverändert geblieben.

»Okay. Sag Helen Hanratty Bescheid, dass ich zehn

Minuten lang mit ihr reden werde.«

»Super«, antwortet Natasha zufrieden. »Pedro und

ich haben ein Schloss an der Brücke, eigentlich sind

es zwei miteinander verbundene Vorhängeschlösser,

golden, mit unseren eingravierten Namen. Wag es ja

nicht, sie zu entfernen«, warnt sie ihn.

»Ich werde die Finger von den Schlössern lassen.«

Er verschiebt Papierstapel auf seinem Schreibtisch.

»Wozu bringt man überhaupt ein Schloss an einer

Brücke an?«

»Es symbolisiert eine Verbindung und ein Versprechen.

Und schau mich bloß nicht so an, du bist einer

der größten Romantiker, die ich kenne, also tu bloß

nicht so, als wenn du nicht auch irgendwo auf der

Welt ein Liebesschloss an einer Brücke hättest.«

»Ich habe kein Schloss.«

Al betrachtet Walter im Besprechungszimmer. Es ist

ein Glaskasten in der Mitte des Großraumbüros, der

von jeder Seite Einblick gewährt. Walters Miene ist

besorgt, konzentriert und einfühlsam. Die Mädchen

fanden ihn immer süß, wohingegen Al sexy war. Walter

war unbeholfen und nahbar, Mädchen machten

sich an ihn heran, um an Al heranzukommen. Walter

hört den beiden Frauen zu und macht sich gelegentlich

Notizen.

Kurz darauf geht das Meeting zu Ende, und Walter

hält den Frauen die Tür auf.

»Guten Morgen, die Damen«, nimmt Al die beiden in

seinem Büro in Empfang. »Bitte nehmen Sie Platz.«

Er setzt sich hinter seinen Schreibtisch. »Was kann

ich für Sie tun?«

»Wir sind wegen der Fußgängerbrücke hier, der Grace

Plunkett Bridge.«

»Sie ist mir ein Begriff.«

Die Grace Plunkett Bridge, die 2016, hundert Jahre


nach dem Osteraufstand, erbaut wurde, ist eine Fußgängerbrücke

über den River Camac.

»Uns ist klar, dass unsere Keine-Liebesschlösser-Kampagne

interpretiert werden kann, als sei sie gegen die

Liebe gerichtet. Doch wir haben nichts gegen die Liebe«,

sagt Helen Hanratty lächelnd. »Ich bin seit fünfzig

Jahren verheiratet und Mary seit fünfundvierzig.«

Sein Interesse ist tatsächlich geweckt, und Al setzt

sich aufrecht hin, denn er ist absolut gegen die Liebe

und würde jede Kampagne unterstützen, die ihre

Popularität schwächen könnte.

»Es gibt mehrere Punkte zu bedenken. Erstens sind

die Schlösser keine Augenweide. Natürlich sind vor

allem Touristen daran schuld, die die Schlösser hinterlassen,

weil sie das Bedürfnis verspüren, einer Stadt

ihren Stempel aufzudrücken.«

»Es ist eine normalisierte Form des Vandalismus«,

fügt Mary streng hinzu.

Mit einem eifrigen Nicken drückt Al seine uneingeschränkte

Zustimmung aus. Törichte Verliebte, die

anderen ständig ihre romantischen Empfindungen

unter die Nase reiben müssen.

»Zweitens gilt es, der Umwelt Rechnung zu tragen,

darüber haben wir mit Ihrem Kollegen gesprochen.

Die Leute legen das Schloss an und werfen den

Schlüssel in den Fluss als Zeichen ihrer unverbrüchlichen

gegenseitigen Hingabe.«

Er verdreht zusammen mit den beiden Frauen die

Augen.

»Die Schlüssel können Abflussrohre verstopfen und

zu Überschwemmungen führen.«

Und wieder nickt er und verspürt längst den Drang,

diese gefährlichen Liebesschlösser ein für alle Mal zu

beseitigen.

»Drittens besteht die Möglichkeit, dass die Brücke

einstürzt, beziehungsweise zumindest die Seitenpaneele

unterhalb der Brüstung. Es sieht so aus, als

würden sie sich unter dem Gewicht der Schlösser verbiegen.

Die Liebesschlösser werden die Brücke noch

zum Einsturz bringen.«

»Sie haben recht«, sagt Al, der ihnen aus tiefstem

Herzen zustimmt. »Ich werde so bald wie möglich zu

einem Besichtigungstermin aufbrechen.«

Ian Curis hat es gesagt: »Love Will Tear Us Apart.”

Und diese verdammten Liebesschlösser werden die

Brücke einreißen. Sie müssen unbedingt weg.

30.

OKT

2026

CECELIA AHERN

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Aus dem Englischen von

Ute Brammertz und Carola Fischer

Hardcover mit Schutzumschlag

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24,00 € (D) 24,70 € (A)

ISBN 978-3-492-07390-5

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