PIPER Reader Herbst 2026
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DER
REA
DER
HERBST 2026
PASCAL ENGMAN
ADÈLE YON
ALLEN LEVI
ANGELIKA KLÜSSENDORF
CÉCILE MURY
THOMAS DURCHSCHLAG
SIBYLLE ANDERL
SUSAN LINK
FRANCA CERUTTI
RICHARD HEMMER,
DANIEL MESSNER
ALEXANDER HUBER
CAROLINA WILGA
THOMAS SCHLESSER
AHMAD MANSOUR
PHILIPP OEHMKE
AVA REID
FRANCA LEHFELDT
CECELIA AHERN
LIEBE
LESERIN,
LIEBER
LESER,
ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber die schönsten
und wichtigsten Lektüren meines Leselebens sind
durch persönliche Empfehlung zu mir gekommen.
Wenn mir jemand mit leuchtenden Augen und spürbarer
Begeisterung von einem Buch erzählt, setzt bei
mir unweigerlich dieses von der Tischnachbarin in
»Harry und Sally« legendär beschriebene Gefühl ein:
»Ich will genau das, was sie hatte.«
Insofern ist es für mich beglückend, dass wir in unseren
Herbstprogrammen und auf den folgenden Seiten
gleich mehrere Bücher versammelt haben, die in ihrer
Heimat durch Mundpropaganda und eine Schar begeisterter
Leser:innen zu großen, ja riesigen Erfolgen
geworden sind. Allen Levis »Theo in Golden« – oder
einfach »Theo« für alle, die ihn kennen und lieben –
hat sich in den USA herumgesprochen als eine berührende,
lebensverändernde Lektüre. Es ist ein Buch,
dessen Held auf nachdrückliche Weise Verbindungen
stiftet. Wenn der Autor, der mit über sechzig und einer
Karriere als Anwalt und Richter nun seinen ersten Roman
vorgelegt hat, von den Reaktionen auf sein Buch
und seinen Protagonisten Theo erzählt, weiß man wieder,
dass wir allen Krisen zum Trotz eben doch in der
besten aller Welten leben – oder jedenfalls lesen.
Adèle Yon spürt in »Mein wahrer Name ist Elisabeth«
dem Schicksal ihrer Urgroßmutter nach, das in ihrer
Familie eine Leerstelle war, über das nicht gesprochen
wurde. Das machte die Nachfahrin stutzig, die es sich
daraufhin zur Mission macht, Licht in das Dunkel
dieser Geschichte zu bringen, die davon handelt, wie
eine unangepasste junge Frau auf verstörende Weise
zum Verstummen gebracht wird. Ähnlich wie Anne
Berests »Postkarte« ist Yons Buch eine Mischung aus
Autobiografie, Recherche und Einfühlung, so glänzend
wie mitreißend geschrieben. In Frankreich hat es
Leserschaft und Rezensenten nachhaltig beeindruckt.
Cécile Murys »Paris Hollywood« habe ich, angeregt
von der französischen Verlegerin des Buchs, direkt
während der Frankfurter Buchmesse zu lesen begonnen
– und war dann abends immer früh im Bett, weil
ich unbedingt dieser rasant witzigen (Peter Sellars
stand Pate) und très romantischen Liebesgeschichte
zwischen einem amerikanischen Starschauspieler und
einer französischen Filmjournalistin weiter folgen
wollte. Auch dieser Titel war bei unseren französischen
Nachbarn ein absoluter Publikumsliebling, und
bereits nach wenigen Seiten weiß man warum.
Lassen Sie sich inspirieren von unseren Heldinnen
und Helden dieses Herbstes. Wir danken Ihnen schon
jetzt für Ihre Lektüren!
Herzlich,
INHALT
PASCAL ENGMAN
DER CLAN – DIE STRASSE
ADÈLE YON
MEIN WAHRER NAME IST ELISABETH
ALLEN LEVI
THEO IN GOLDEN
ANGELIKA KLÜSSENDORF
TROST
CÉCILE MURY
PARIS HOLLYWOOD
THOMAS DURCHSCHLAG
FINSTERLAND
SIBYLLE ANDERL
BEQUEME NEUE WELT
SUSAN LINK
»ICH HABE EINE WASSERMELONE
GETRAGEN«
FRANCA CERUTTI
DIE INNERE OMA
04
14
22
30
36
44
50
56
62
RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER
MEHR GESCHICHTEN AUS
DER GESCHICHTE
ALEXANDER HUBER
ÜBERLEBEN TROTZ BERGSTEIGEN
CAROLINA WILGA
DEM OUTBACK ENTKOMMEN
THOMAS SCHLESSER
DER GÄRTNER UND DIE KATZE
AHMAD MANSOUR
HALTUNG OHNE HASS
PHILIPP OEHMKE
PAPENBURG
AVA REID
LADY MACBETH
FRANCA LEHFELDT
GUTE MÜTTER, SCHLECHTE MÜTTER
CECELIA AHERN
LOVE UNLOCKED
66
70
78
84
90
98
106
114
118
VORSCHAU 126
4
PASCAL ENGMAN
DER CLAN – DIE STRASSE
DER
DER
PASCAL ENGMAN
CLAN
CLAN
6
PASCAL ENGMAN
INTERVIEW
INTERVIEW
Was hat dich dazu gebracht, das Thema der
Bandenkriminalität als Trilogie zu erzählen?
Als Schwede, der in Stockholm lebt, kann man der
Entwicklung, die die Bandenkriminalität in den letzten
fünfzehn Jahren durchlaufen hat, kaum entkommen.
Es ist nur schwer begreiflich, dass Schweden,
ein so kleines, lange als friedlich wahrgenommenes
Land mit nur rund zehn Millionen Einwohnern, inzwischen
die höchste Rate an Schusswaffengewalt in
Europa aufweist.
2007 wurden hierzulande zehn Menschen durch
Schusswaffengewalt getötet – genau in diesem Jahr
beginnt meine Trilogie. 2022 ist daraus eine ganz andere
Dimension geworden: 63 Tote – und insgesamt
391 registrierte Schießereien, dazu kamen Hunderte
Bombenanschläge.
Vor diesem Hintergrund habe ich mich gefragt: Wie
konnte es innerhalb von nur fünfzehn Jahren zu so
einer Eskalation kommen – und was ist wirklich passiert:
auf der Straße, in den Familien, in den Strukturen?
Und außerdem: Wer macht die Regeln?
Wie bist du bei deinen Recherchen zur Darstellung
der Clanstrukturen und kriminellen
Netzwerke vorgegangen?
Ich habe mit Kriminellen, Polizist:innen, Beamt:innen
gesprochen – und mit Mädchen und Jungen, die
von Bandenkriminalität betroffen sind, unter ihr gelitten
haben oder selbst Teil davon waren. Außerdem
habe ich mit jungen Frauen gesprochen, die ehrbezogene
Gewalt erlebt haben.
Diese Recherche hat mich seit 2020 begleitet – mal
in großer Intensität, mal mit längeren Pausen. Über
die Jahre war es ein Prozess des genauen Zuhörens,
des Lernens und des Versuchs, Lebenswirklichkeiten
sichtbar zu machen, die sich dem öffentlichen Blick
oft entziehen.
Was war die größte Herausforderung im
Schreibprozess?
Die größte Herausforderung war, meine Rechercheergebnisse
in eine Thrillerhandlung zu verpacken –
und das so zu erzählen, dass sie für Leser:innen nachvollziehbar
ist.
Gleichzeitig ging es darum, Figuren, die Schreckliches
tun, so menschlich wie möglich zu zeichnen.
Nicht, um sie zu entschuldigen, sondern um verständlich
zu machen, warum sie handeln, wie sie handeln –
woher sie kommen, wie sie aufgewachsen sind, wie sie
die Welt sehen und welchen Platz sie darin für sich
selbst beanspruchen.
Und was hat am meisten Spaß gemacht?
All diese Geschichten zu hören. Da war auch Herzerwärmendes
und Fröhliches dabei: Menschen erzählten
über Freundschaft und Kindheitserinnerungen.
Und dann das Schreiben selbst. Ehrlich: Ich habe es
geliebt, diese Bücher zu schreiben und mich so intensiv
in ein Thema zu vertiefen.
Angenommen, du müsstest dich entscheiden:
Wärst du lieber Teil des Clans oder ein Ermittler,
der gegen ihn arbeitet?
Ich würde mich für die Polizei entscheiden. Weil ich
glaube, dass Clans ganze Länder zerstören können.
Und weil ich an den Rechtsstaat glaube.
Ehrbezogene Gewalt bezeichnet Gewalt, die damit
begründet wird, die »Ehre« einer Familie oder Gemeinschaft
zu bewahren oder wiederherzustellen.
Sie reicht von der Überwachung über Drohungen
sowie psychische und körperliche Gewalt bis hin zur
Zwangsverheiratung und in extremen Fällen zu tödlicher
Gewalt. Die Ursache liegt nicht in Religion oder
Herkunft, sondern in Macht- und Kontrollstrukturen
und sozialem Druck innerhalb bestimmter Milieus.
7
PASCAL ENGMAN
FIGUREN- UND BEZIEHUNGSÜBERSICHT
FIGUREN- UND BEZIEHUNGSÜBERSICHT:
CLAN, POLIZEI UND UMFELD
Hjalmar Norén
(Polizei)
(bietet Informationen über Gegner)
Ali Mansour
(Oberhaupt des Clans)
Aza Mansour
(Alis Ehefrau)
Ines
(Tochter)
Nicole
(Hjalmars Lebensgefährtin)
(begleitet Josef durch dessen Kindheit)
Tareq Mansour
(Karims Sohn)
Karim Mansour
(Alis jüngerer Bruder)
Fadi Mansour
(Karims Sohn)
Fatima
(Josefs Mutter)
Muhammed Mansour
(Alis Sohn)
Zara Mansour
(Alis Tochter)
Hector
(Zaras Freund)
Vulture
(Muhammeds Handlanger)
Antonia Strauss
(Josefs Schwarm als Teenager)
Josef
(Muhammeds Handlanger)
Omar
(Josefs bester Freund und
Muhammeds Handlanger)
Irina
(Model-Freundin in New York)
Marko
(von Josef vor den
Mansours gerettet)
Melina
(Josefs Freundin)
Abdulkarim
(Omars großer Bruder; gehört
zu einer anderen Gang)
Privilegierte Gegend
Sozialer Brennpunkt/Problemviertel
1997 2007 2016 2017 Sommer 2020 Herbst 2020 2023
Der Clan
Prolog
Handlungsbeginn von
Band 1:Die Straße
Handlungsbeginn
von Band 2: Die Regeln
Handlungsende
von Band 2: Die Regeln
Handlungsbeginn
von Band 3: Der Krieg
Handlungsende
von Band 3: Der Krieg
8
PASCAL ENGMAN
LESEPROBE
LESEPROBE
PROLOG
Krankenhaus Danderyd, 1. September 1997
Der Säugling liegt an Fatimas Brust. Vorsichtig
streicht sie ihm über das schwarze Haar, schließt
die Augen und atmet seinen Duft ein. Obwohl er
so klein und verletzlich ist, schlummert eine Kraft
in dem kleinen Körper, die überwältigend ist.
Er wiegt nur 3.341 Gramm und ist doch die
schwerste Bürde ihres Lebens, das gerade einmal
zwanzig Sommer zählt.
»Josef«, flüstert sie. »Mein Josef.«
Wie schon oft werden auf dem Flur Schritte lauter.
Auch jetzt hofft Fatima wieder, dass er es ist, Josefs
Papa. Aber die Stimmen verstummen, die Schritte
verebben. Vorbei. Fort. Sie weiß, dass er unzuverlässig
ist, niemand, auf den sie zählen kann oder
der ihr eine Stütze ist. Aber für den Jungen kann
er sich vielleicht ändern, so wie dieses neue Leben
auch sie verändert hat.
Sie ist nicht mehr dieselbe. Irgendetwas ist anders,
auch wenn sie nicht weiß, was.
»Das wird schon«, wispert sie. »Was immer passiert,
dir soll es nie an etwas fehlen. Du sollst ein
schönes Leben haben, mein Junge. Dafür werde
ich sorgen.«
Sie spürt Tränen, schließt erneut die Augen und
atmet seinen Duft ein.
Sie gibt ihm die Brust. Lässt ihren Gedanken freien
Lauf. Sie zuckt zusammen, als sie ein Paar im
Türrahmen bemerkt. Sie lächeln. Die Frau hat ein
Bündel auf dem Arm, ein kleines Kind. Sie nimmt
neben Fatima Platz, beugt sich vor und betrachtet
Josef.
»Ein Junge?«
»Ja.«
»Er ist wirklich süß. Wie heißt er?«
»Josef.«
Das Baby im Arm der Frau ist hell und hat keine
Haare.
»Das ist Antonia«, sagt die Frau.»Seit ihrer Geburt
hat sie kein einziges Mal geweint. Vielleicht haben
wir das glücklichste Kind der Welt bekommen«,
sagt der Mann, geht auf seine Frau zu, gibt ihr
ein Glas Saft und zieht sich einen Stuhl neben das
Sofa.
»Ist das Ihr erstes?«, fragt er dann.
Fatima nickt.
»Michaela und ich haben schon zwei Mädchen zu
Hause«, sagt er. »Es wird bestimmt ganz schön anstrengend,
mit vier Frauen.«
Er und seine Frau lächeln sich an. Ihr Lächeln ist
liebevoll und birgt eine Geschichte, aber auch eine
Zukunft. Sie haben sich gemeinsam eine Welt
aufgebaut. Bestimmt wohnen sie in einem schönen
Haus mit Garten, mit gemähtem Rasen und
pünktlich gezahlten Rechnungen.
In ein paar Stunden sind sie wieder zu Hause, in
ihrer Welt.
Und was wird sie tun?
Vielleicht kommt er ja doch noch, denkt Fatima,
vielleicht sitzen wir dann genauso hier wie diese
Familie und lächeln uns an mit Josef zwischen uns
und machen Pläne für alles, was noch kommt.
Trotz der Qualen, die sie durchlitten hat, und
der Schmerzen, die vom Rücken bis in ihre Beine
ausstrahlen, und trotz der Müdigkeit, die sie
im Schwitzkasten hält, fühlt sie sich stark. Voller
Lebenskraft.
Es spielt keine Rolle, ob er zurückkommt, denkt
sie.
Wenn nicht, wird sie es trotzdem schaffen.
Für Josef.
Mit Josef.
Sie will eine Welt aufbauen für ihn, sie will seine
Welt sein und die Mauer, die diese Welt vor allem
anderen da draußen schützt.
9
PASCAL ENGMAN
LESEPROBE
TEIL I
2007
Anzahl zu Tode gekommener Personen durch
Schusswaffengebrauch im kriminellen Milieu: 10
KAPITEL 1
August
Ali Mansour kann die Slums von Beirut einfach nicht
vergessen. Vielleicht ist es das Essen, das die Frauen
kochen, mit seinen Gerüchen, das ihn dahin zurückversetzt.
Wenn er seine Augen schließt und die Düfte
inhaliert, dann gerät die Welt ins Wanken. Als wäre
er wieder der Junge, der in den Straßen Abfall sammelt,
um ihn dann an die Schrotthändler in der südlichen
Beiruter Peripherie zu verkaufen.
Heute wird er 47 Jahre alt. Er sitzt auf einem wackeligen
weißen Plastikstuhl auf der großen Rasenfläche
im Malmvägen in Sollentuna.
Ich habe so viele Leben gelebt, ich weiß nicht mal
mehr, welches meins ist, denkt er.
Seine weitverzweigte Familie oder zumindest diejenigen,
die an diesem Abend hier sind, zählt 43 Personen.
Nicht alle wohnen in Sollentuna. Einige von ihnen
sind aus Malmö, Berlin, Essen, Göteborg, Örebro
und Västerås gekommen.
Ihnen allen ist gemein, dass ihre Vorväter aus der Provinz
Mardin in der heutigen Türkei stammen, nach
dem Ersten Weltkrieg vertrieben wurden und im Libanon
strandeten. Im libanesischen Bürgerkrieg reisten
viele von ihnen weiter nach Europa. Ali Mansour
kam 1989 mit seiner Frau Aza nach Schweden.
Er arbeitete als Tellerwäscher und Türsteher, sie kümmerte
sich um den Haushalt. Als sein jüngerer Bruder
Karim sich ebenfalls in Schweden niederließ, begann
die Reise, die die Familie groß und mächtig machte.
Die Brüder haben im Libanon noch drei Schwestern,
aber Ali hört nur selten von ihnen.
Der Malmvägen bildet die Basis des Clans. Obwohl
Ali Mansour ein paar Jahre lang nicht hier gewohnt
hat, bilden die zehn Hochhäuser, die 1972 hochgezogen
wurden, noch immer die Einkommensquelle des
Clans. Karim wohnt mit seiner Familie nach wie vor
im Malmvägen. Die Menschen hier im Viertel sollen
niemals vergessen, wer hier das Sagen hat.
Offiziell hat Familie Mansour ein Obst- und Gemüsegeschäft
auf dem Großmarkt von Årsta, und Karim
betreibt eine Autowerkstatt. Die legalen Einnahmen
sind gering, wenn man sie mit den illegalen vergleicht.
Man erpresst Schutzgeld von Gewerbetreibenden in
und um Sollentuna, Restaurantbesitzer zahlen, damit
ihre Lokale nicht niedergebrannt werden. Jüngere
Mitglieder der Familie dealen in der Gegend, hauptsächlich
mit Marihuana.
Der 19-jährige Muhammed, Alis ältester Sohn, steht
ein Stück abseits und schwatzt mit seinem Cousin
Fadi.
Keiner von beiden hat sich jemals so durchschlagen
müssen wie Ali und Karim. Sie haben für ihre Söhne
die Drecksarbeit gemacht, die nun die Früchte ernten.
Aber so soll es wohl sein, denkt Ali. Jede Generation
hat ihren eigenen Kampf. Muhammed und Fadi,
unsere ältesten Söhne, werden das bewahren, was wir
aufgebaut haben.
»Muhammed, komm her.«
Der Sohn wendet sich sofort von seinem Cousin ab.
In den letzten Monaten hat er davon gesprochen, einen
Club aufmachen zu wollen. Diesen Wunsch hat
Ali ihm zunächst abgeschlagen. Er erinnert sich noch,
wie es war, in den Clubs zu arbeiten. Die Schinderei,
Suff und Drogen, die Schlägereien. Er hatte gehofft,
all das hinter sich zu lassen.
Doch er urteilt nun anders darüber. Er verabscheut
Clubs und Bars noch immer, aber hat widerwillig
eingesehen, dass es große Vorteile hätte, eine solche
Lokalität zu kontrollieren. Vor allem weil Kneipen
einer der wenigen Orte sind, wo immer noch Bargeld
im Umlauf ist. Aber nicht nur das: Es sind Orte, an
denen Alkohol verkauft wird und Drogen konsumiert
werden, ein wirtschaftliches System, in dem die tiefsten
Abgründe des Menschen gedeihen. Es treten die
Seiten zutage, die die Durchschnittsschweden zu verbergen
suchen. Und wenn man ihre Schwächen kennt,
hat man die Menschen in der Hand.
Er betrachtet Muhammeds abgekaute Nägel, verkneift
sich jedoch einen Kommentar, obwohl ihn das
anwidert. Nägel zu kauen ist ein Zeichen von Nervosität,
was wiederum ein Zeichen für Schwäche ist.
10
PASCAL ENGMAN
LESEPROBE
Muhammed soll eines Tages das Familienoberhaupt
werden, da kann er keine Zeit mit Nägelkauen vertun.
»Du bekommst deinen Club«, sagt er und grinst,
als er sieht, wie Muhammed seine Begeisterung in
Schach zu halten versucht. »Es gibt allerdings einige
Regeln, an die du dich zu halten hast.«
Muhammed rückt seinen Stuhl näher heran.
»Der Club ist Mittel zum Zweck, er ist nicht für dich
da, sondern für die Familie. Er ist ein Werkzeug.«
Dann erklärt er, welchen Zweck der Club erfüllen
wird.
Muhammed hört konzentriert zu.
»Ich werde dich nicht enttäuschen. Ich schwöre.«
Ali klopft ihm auf die Schulter, schickt ihn weg.
Ein Mädchen im rosa Prinzessinnenkleid läuft
barfuß über den Rasen. Er muss lachen, als er sie
so herumflitzen sieht. Sie ist eine Naturgewalt. Ein
ungezähmtes Tier. Zara, seine einzige Tochter, sein
Augenstern. Sie ist neun, eigentlich alt genug, um
ihrer Mutter und den anderen Frauen bei den Essensvorbereitungen
zu helfen. Aber sie kam zehn
Jahre nach ihrem Bruder und wird entsprechend behandelt.
Er verwöhnt sie.
»Zara« ruft er und winkt.
Sie kommt sofort angestürmt und wirft sich in seine
Arme. Eines Tages wird sie einem anderen Mann gehören,
aber jetzt und für die nächste Zeit gehört sie
nur ihm allein.
Josef Mehrabi wirft den Ball. Er beschreibt einen
Bogen, verfehlt den Korb und landet in einer Pfütze,
die sich auf dem geplatzten Asphalt gebildet hat.
Er trocknet den Ball an seinem T-Shirt. Der Spätsommerabend
ist ungewöhnlich warm, und es riecht
nach Grillfleisch. Vorhin stand er auf dem Balkon
und sah immer mehr Autos eintreffen. Sie waren zu
weit weg, als dass er erkennen konnte, welche Leute
ausstiegen. Sie hatten Grills, Decken, Stühle und
Tische dabei und trugen alles auf die Rasenfläche.
Die Autos parkten kreuz und quer.
Da ging ihm auf, wer sich da versammelte.
Familie Mansour.
Alle in Sollentuna wissen, wer dazugehört.
Er beneidet sie um ihre große Zahl, ihren Zusammenhalt.
Ein Junge aus Josefs Parallelklasse heißt Mehmet,
er ist auch ein Mansour. Kein Lehrer wagt es, ihm
Paroli zu bieten. Kein Schüler lässt es darauf ankommen,
sich mit ihm anzulegen. Vergangenen Winter
hat ein neuer Schüler aus den höheren Klassen den
Fehler gemacht, sich zu wehren, nachdem Mehmet
ihm einen Schneeball an den Kopf geworfen hatte.
Er ist hinter Mehmet hergerannt, und als er ihn
eingeholt hatte, hat er sein Gesicht so lange in den
Schnee gedrückt, bis Blut aus Mehmets Nase lief.
Zwei Stunden später lag der Junge in der Notaufnahme
mit einem gebrochenen Arm. Mehmets Blutsverwandte
– Muhammed und Fadi – sind mit dem
Auto zur Schule gefahren und haben ihn mitten auf
dem Pausenhof zusammengeschlagen.
Josef ist neidisch auf diese Sicherheit. Diese Gemeinschaft.
Diese Stärke.
Er hat nur seine Mutter.
Er liebt sie. Und obwohl sie jünger ist als die Eltern
der anderen Kinder, wirkt sie immer erschöpft. Sie
ist klein. Josef, er wird in ein paar Wochen zehn, ist
fast genauso groß.
Josef zielt auf den Korb, als zwei Jungs auf den Basketballplatz
geschlendert kommen. Sie sind vielleicht
sieben oder acht. Einer der beiden heißt Azim.
Josef weiß, dass sie zum Mansour-Clan gehören. Sie
strahlen bereits diese Sicherheit aus, stets ihren Willen
zu bekommen.
Josef lässt die Arme sinken, drückt den Ball an seinen
Bauch und bleibt stehen.
»Ey. Wirf!«, sagt Azim.
Josef kommt der Aufforderung nach und spielt den
Ball ab. Die Jungs spielen nun zu zweit. Josef bleibt
eine Weile auf dem Spielfeld, um abzuwarten, ob
sie ihn mit einbeziehen, setzt sich dann aber an den
Zaun.
Zehn Minuten verstreichen.
Zwanzig.
Er wird langsam unruhig und fürchtet, dass sie ihm
seinen Ball nicht wieder zurückgeben. Er hat ihn im
Juni bekommen, obwohl er erst am ersten September
Geburtstag hat. Seine Mutter ist so stolz auf ihn, weil
der Direktor gesagt hat, dass er eine Klasse überspringen
kann. Anstatt in der vierten beginnt er in der fünften.
Außerdem hält der Ball ihn beschäftigt, während
seine Mutter in der häuslichen Pflege Schicht arbeitet.
11
PASCAL ENGMAN
LESEPROBE
Er geht pfleglich mit dem Ball um, trocknet ihn jedes
Mal, wenn er ihn benutzt hat, mit einem Lappen
ab. Obwohl er jeden Tag damit spielt, sieht er noch
wie neu aus. Er fragt sich, wie viel Uhr es sein mag,
vermutlich müsste er längst zu Hause sein, aber er
kann jetzt nicht einfach gehen.
Nicht ohne Ball.
Aus den Kellerräumen des Box-Clubs schlurfen ein paar
junge Kerle. Sie entfernen sich, ihre großen Taschen
über der Schulter wie schwarze Schals. Kurz darauf erscheint
Luis Fonseca. Ihm gehört der Club. Er schließt
sein Fahrrad auf und radelt am Basketballplatz vorbei.
Josef möchte nichts lieber, als mit dem Boxtraining anfangen,
doch seine Mutter erlaubt ihm das nicht.
Du sollst deinen Kopf gebrauchen und lesen und
schreiben lernen, gutes Schwedisch, anstatt zu boxen.
Dich zu prügeln lernst du sowieso noch früh
genug, sagt sie immer dann, wenn er davon anfängt.
»Hi Josef«, ruft Luis und winkt.
Er winkt zurück, froh darüber, dass Luis ihn bemerkt hat.
Luis hat auch keine große Familie, nur zwei Töchter.
Trotzdem traut sich niemand, ihn zu provozieren,
weil er sich wehren kann.
Die Jungs spielen ungerührt weiter. Verfehlen den
Korb. Der Ball wird nass, aber sie trocknen ihn nicht
ab. Schließlich verwenden sie ihn als Fußball. Jedes
Mal, wenn sie gegen den Basketball treten, spürt Josef
einen Stich.
Er weiß, dass der Ball davon kaputt geht und Dellen
bekommt.
Von der S-Bahn-Haltestelle kommen drei Jungs. Sie
sind älter, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, tragen
weite Jeans und die Schirme ihrer Caps im Nacken.
Sie setzen sich an den Spielfeldrand. Einer von ihnen
steckt sich eine Zigarette an und gibt sie weiter. Sie
sind nicht aus dem Malmvägen, Josef kennt keinen
von ihnen. Vielleicht sind sie aus Rotebro? Der Ball
springt einem der Neuankömmlinge vor die Nase. Er
fängt ihn und prellt ein paar Mal mit dem Ball, geht
ein paar Schritte. Passt ihn zu seinem Freund.
»Gib den Ball wieder her, du Arschloch«, ruft Azim.
Der Ältere reagiert nicht, als müsste er die Aufforderung
erstmal sacken lassen.
»Wirf den Ball rüber, du motherfucker.«
Azim versucht, den Ball wieder an sich zu nehmen,
aber der andere hält ihn hoch über dem Kopf.
KEIN
LEHRER
WAGT ES,
IHM PAROLI
ZU BIETEN.
Azim spuckt sein T-Shirt an. Der Ältere lässt den
Ball fallen und verpasst ihm eine Ohrfeige. So fest,
dass Azim das Gleichgewicht verliert und umfällt.
Josef stockt der Atem.
»Wart‘s ab, ich fick dich.«
Die beiden Jüngeren ziehen ab, und Josef weiß, was
gleich passiert. Die Älteren nehmen den Ball und
spielen weiter, rauchen und lachen. Josef steht auf.
Seine Mutter sagt, dass man Dinge bekommt, wenn
man freundlich darum bittet. Josef weiß, dass das
nicht stimmt, jedenfalls nicht hier im Malmvägen.
Aber er unternimmt dennoch einen Versuch.
»Darf ich den Ball haben? Er gehört mir, und ich
muss jetzt nach Hause«, sagt er.
Die großen Jungs hören ihn nicht oder stellen sich taub.
Josef setzt sich wieder hin und lehnt den Rücken
gegen den Zaun.
Zuerst taten sie ihm leid, weil sie nicht wissen, was
gleich kommt, aber jetzt sind sie ihm egal.
Er hört Autotüren schlagen, dann tauchen fünf Männer
auf.
12
PASCAL ENGMAN
LESEPROBE
DU
HAST DIE
GLEICHEN
HÄNDE WIE
ER. WIE
DEIN PAPA.
Josef und seine Mutter Fatima sitzen auf ihrem Balkon
und blicken in den Hof hinunter. Aus den umliegenden
Wohnungen dringen Unterhaltungen in verschiedenen
Sprachen und orientalische Musik. Ein
Paar streitet. Die S-Bahn donnert vorbei. Sie trinken
Erdbeersirup mit Wasser und klirrenden Eiswürfeln.
Er betrachtet seine Mutter und denkt, dass er sie liebt.
Aber er hat auch ein schlechtes Gewissen, weil er sich
wünscht, dass sie nicht nur zu zweit wären.
Sie arbeitet bei der ambulanten Pflege. Fährt mit dem
Fahrrad zwischen den Wohnungen der alten Leute hin
und her, kauft für sie ein, hilft ihnen beim Duschen,
leistet ihnen Gesellschaft. Manchmal kommt er mit.
Hält sich auf dem Gepäckträger fest, wenn sie von
Wohnung zu Wohnung sausen. Seine Klassenkameraden
ziehen ihn damit auf, dass seine Mutter alten Leuten
den Hintern abwischt, und dann schämt er sich. Er
mag diese alten runzligen Menschen, die immer nett
zu ihm sind und ihm etwas zu trinken anbieten. Neulich
hat er von einer alten Oma einen Videorekorder
bekommen und eine ganze Tüte mit Videokassetten.
Er hat die Filme alle schon gesehen. Am besten
gefällt ihm Rasmus und der Vagabund, obwohl Die
Brüder Löwenherz auch nicht übel sind. Er weiß auch
nicht, warum er Rasmus und der Vagabund so gern mag,
vielleicht einfach deshalb, weil Rasmus auch einsam
ist und keinen Vater hat.
»Es gab Stress heute auf dem Basketballfeld«, sagt er.
»Warst du auch dabei?«
Er schüttelt den Kopf.
»Nein, das waren andere, von den Mansours.«
Er erzählt, was passiert ist, verschweigt aber, dass sie
ihm zuerst seinen Ball weggenommen haben. Er weiß
nicht, warum, aber seine Mutter wirkt irgendwie immer
so traurig, wenn jemand gemein zu ihm ist. Weil
sie nichts dagegen unternehmen kann.
Sie ist zu klein und zu schwach, genau wie er.
»Dass keiner etwas unternimmt gegen diese Gangster.
Die haben wirklich kein Benehmen.«
»Ich hätte gerne …«
Josef verstummt und trinkt von der Erdbeerschorle.
»Was möchtest du, Josef?«
»Ach, nichts.«
Er wollte eigentlich sagen, dass er gern jemanden hätte,
der ihn da draußen beschützt. So wie die beiden Jungs.
Jemand, den er holen und hinter dem er sich verstecken
könnte. Sie streckt ihre Hand nach ihm aus und fasst
nach seiner. Die Hände sind fast gleich groß.
»Ich habe dich lieb«, sagt er.
Sie mustert seine Hand und schüttelt den Kopf.
»Du hast die gleichen Hände wie er. Wie dein Papa.«
Fatima greift nach dem Krug mit der Erdbeerschorle.
»Warum ist er denn weg?«
Von unten dringt Gelächter nach oben, irgendwo bellt
ein Hund.
»Weil er es nicht ausgehalten hat, meine Liebe mit dir
zu teilen. Er hatte andere Pläne. Er war nicht dafür
gemacht, eine Familie zu haben.«
Wie gebannt hört Josef zu.
»Und wie ist das?«
»Du meinst, Eltern zu sein?«
»Ja.«
Sie lächelt. Er liebt es, wenn sie lächelt.
Dann wird ihre Miene wieder ernst.
»Ich weiß auch nicht, wie ich dir das erklären soll.«
Sie unterbricht sich.
»Ich muss oft daran denken, dass ich vor dir sterbe.
Und das macht mich traurig.«
Josef ist verwirrt.
»Willst du, dass ich vor dir sterbe?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Nein, natürlich nicht. Es ist nur so, dass ich die Vorstellung
einfach nicht aushalte, dass du eines Tages
sterben wirst und ich nicht da sein kann, um dir beizustehen,
wenn es soweit ist. Dass du allein sterben
musst, ohne mich. Ohne deine Mama.«
Sie schweigen eine Weile.
Unten im Hof schmeißen ein paar Kinder mit Knallern.
»Ich will bei Luis Fonseca anfangen. Ich will trainieren«,
sagt er.
Sie seufzt.
»Warum willst du lernen, dich zu schlagen?«
»Weil man das einfach können muss.«
»Ich kann auch nicht boxen und bin bisher ganz gut
klargekommen.«
Er verdreht die Augen.
»Du bist eine Frau. Frauen brauchen das nicht zu können.«
Sie lächelt wieder. Aber diesmal nicht ihr übliches,
offenes Lächeln. Nein, dieses Lächeln birgt etwas anderes:
Traurigkeit.
»Wenn du wüsstest. Wir Frauen schlagen uns öfter als
ihr, nur auf andere Art und Weise.«
Josef fischt einen Eiswürfel aus seinem Glas und
steckt ihn in den Mund. Das zieht in den Zähnen,
aber er mag das.
»Ich will …«
Er unterbricht sich. Er findet es peinlich, das zu sagen.
Lächerlich.
»Du willst was?«
Er senkt den Blick, wenn er es sagt, denn er könnte es
nicht ertragen, wenn sie ihn auslachen würde.
»Ich will mich für dich schlagen können. Um dich …
zu verteidigen. Also uns.«
Als er zu ihr hinüberschielt, bemerkt er zu seiner Erleichterung,
dass sie gar nicht so aussieht, als hätte er
etwas Lustiges gesagt.
»Gegen wen, Josef? Gegen wen willst du uns verteidigen?«
»Gegen alle.«
»Nein, Josef. Das ist mein Job. Ich bin deine Mama,
und ich schlage mich für dich. Gegen alle. Auch gegen
Ali Mansour, wenn es sein muss. Verstehst du?«
04.
SEP
2026
PASCAL ENGMAN
DER CLAN – DIE STRASSE
Aus dem Schwedischen
von Nike K. Müller
Klappenbroschur
560 Seiten
18,00 € (D) 18,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06794-2
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ADÈLE YON
MEIN WAHRER NAME IST ELISABETH
ADÈLE YON
MEIN
WAHRER
NAME IST
ELISABETH
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ADÈLE YON
LESEPROBE
LESEPROBE
Betreff: Jean-Louis, Wichtig
Datum: 4. Januar 2023 um 02:18:49 Uhr
An: DIE JÜNGSTE TOCHTER
Wenn Du diese Worte liest, werde ich mich aus dem
7. Stock in die Tiefe gestürzt und meine Tage beendet
haben.
Vor diesem letzten Schritt habe ich den Notruf gewählt,
um die Rettungskräfte vorzuwarnen, dabei
aber nur meinen Namen und die Adresse angegeben.
In der Wohnung habe ich einen Zettel hinterlassen,
mit dem Hinweis, dass ich meine Angehörigen über
meine Absichten informiert habe, und der Bitte, sich
an die Polizei zu wenden.
Ich schicke Euch dreien die gleiche Mail in der Hoffnung,
dass einer von Euch im Laufe des Vormittags in
sein Postfach schaut. Wer sie zuerst liest, müsste die
anderen beiden dann telefonisch darüber informieren,
was passiert ist, und sie auf die Mail hinweisen, die
ich ihnen geschickt habe. Die Polizeiwache müsste
kontaktiert werden, um weitere Informationen auszutauschen.
(Sie werden nur meinen Namen wissen, den
ich am Telefon durchgegeben und auf dem Zettel in
der Wohnung notiert habe.)
Merke:
Mein Sprung in die Tiefe ist keine Verzweiflungstat,
er ist Ausdruck meines Willens: zu sterben, bevor ich
zu alt bin, um selbst darüber zu entscheiden; bevor ich
ins Krankenhaus muss; solange ich bei guter Gesundheit
bin (einigermaßen zumindest). Es handelt sich
nicht um eine momentane Verirrung, die Entscheidung
ist schon vor Monaten gefallen, im letzten Frühjahr,
als ich mein Haus zum Verkauf angeboten habe.
Die Wohnung in Paris ist noch bis zum 20. Januar gemietet.
Kontakt: Julie A., unter der Nummer 06 XX
XX XX XX. Sie muss die Schlüssel zurückbekommen.
Außer meinem Handy habe ich in der Wohnung
nichts zurückgelassen.
Abgesehen von einer Reisetasche, die ein paar Dokumente
und persönliche Unterlagen enthält, habe
ich alle meine Sachen entsorgt. Die Tasche liegt im
Kofferraum meines Autos, ein Honda Civic mit dem
Kennzeichen 245 AWD 32, der im zweiten Untergeschoss
steht. Eine Wegbeschreibung hänge ich an.
Wie ich bereits wiederholt zum Ausdruck gebracht
habe, möchte ich ohne jede Zeremonie eingeäschert
werden, nur Ihr drei sollt dabei anwesend sein, Du
als meine Schwester im Namen der ganzen Familie.
Meine Asche soll irgendwo verstreut werden, fortgetragen
vom Wind oder der Strömung der Seine.
Es tut mir leid, Dir solche Scherereien zu bereiten,
aber ich habe keinen Weg gefunden, meine Reise
selbst zu Ende zu bringen. Sollte es Dir möglich sein,
wäre es gut, wenn Du die anderen beiden bei den
Formalitäten unterstützen könntest, mit denen Du ja
kürzlich erst zu tun hattest.
Danke für Deine Hilfe und Deine Verbundenheit.
Auf Wiedersehen an die ganze Familie.
***
Der Millionär gewordene Erfinder des Minitel rose hat
sein Vorgehen monatelang geplant und ist dann, am
4. Januar 2023, um drei Uhr morgens, aus dem siebten
Stock des Gebäudes in der Rue d'Aligre gesprungen.
Wie ein Paukenschlag vollendet dieser Sprung einen
seit fünfzig Jahren akribisch betriebenen sozialen
Suizid. Der letzte Akt begann nämlich nicht erst ein
paar Tage vorher mit der Anmietung der Wohnung in
Paris, auch nicht ein paar Monate zuvor mit dem Verkauf
seines Hauses im Süden, das er schon komplett
leergeräumt hatte, seine vielen Bücher, die Antiquitäten,
alles entsorgt; der letzte Akt begann tatsächlich
schon fünfzehn Jahre früher, mit dem Tod seines
Vaters, als er jeden Kontakt zur Familie abbrach, und
wahrscheinlich sogar noch früher, in den frühen
1980er-Jahren, als er, etwa dreißigjährig, nach dem
lukrativen Verkauf des ersten Online-Kommunikationsgeräts,
dessen Urheber er war und das später als
Minitel rose bekannt werden sollte, in den Süden zog
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ADÈLE YON
LESEPROBE
und nach und nach alle seine sozialen Beziehungen
beendete, sogar seine Krankenversicherung kündigte
er auf. In Wirklichkeit kam Jean-Louis als Person
schon lange nicht mehr richtig vor.
Im letzten Satz der Mail an die Schwester, einem Satz,
in dem nichts ihn noch mit dem Körper, den er gleich
in die Tiefe werfen wird, zu verbinden scheint, entschuldigt
er sich dafür, dass er sie bitten muss, sich um
seine Einäscherung und das Verstreuen seiner Asche
zu kümmern, aber, sagt er, ich habe keinen Weg gefunden,
meine Reise selbst zu Ende zu bringen. Ein Abgrund tut
sich auf, denn seine Reise endet nicht im Moment des
Todes, in dem Moment, da der Atem verstummt, sondern
erst, wenn alles gänzlich verschwunden ist, wenn
selbst die Asche, die letzten Überreste seines Körpers,
fortgetragen wurde, vom Wind oder der Strömung der
Seine. Darum kann er sich nicht selbst kümmern, und
damit fällt die Verantwortung für sein radikales Verschwinden
im letzten Schritt tragischerweise jemand
anderem zu. Am 4. Januar 2023 um drei Uhr morgens
vollendet Jean-Louis sein Werk. Doch es fällt jemand
anderem zu, die Signatur darunter zu setzen.
So gesehen ist es nicht überraschend, dass mir nach
dem Schlusssatz aus diesen letzten Worten des Briefes
eine tragische Unstimmigkeit entgegenschlägt, denn
sie erteilen im allerletzten Moment nicht nur seiner
ein Leben lang betriebenen Selbstauslöschung eine
Absage, sondern, noch merkwürdiger, auch dem unmittelbar
vorangehenden Satz, einem Satz, der auf
die totale Vernichtung jeder Spur seiner Existenz abzielt
und damit sein ganz auf die eigene Vernichtung
ausgerichtetes Leben als eine bewusste Entscheidung
kennzeichnen soll, und auf den dann noch diese Worte
folgen: Auf Wiedersehen an die ganze Familie.
Wird es am Ende doch etwas wiederzusehen geben?
Absage an eine Absage.
Sprachnachricht von: CHERUBIN
4. Januar 2023–21:14 Uhr
Ich muss sagen, mir bleibt da echt die Luft weg. Die Art,
wie er es gemacht hat, ist schon extrem brutal. Erst zehn
Jahre kein Kontakt, und sich dann nicht mal verabschieden.
Nicht dass ich überrascht wäre, er hat es mir erzählt, hat
mir gesagt, dass er sich umbringen will, aber er hat gesagt,
er macht es mit einer Knarre in der Wüste. Nicht drei Kilometer
von hier aus dem siebten Stock. Das Vorsätzliche
daran ist so brutal, und dass wir nicht zusammenkommen
können, um seiner zu gedenken. Anscheinend dürfen wir
ja nicht kommen zu seiner Beerdigung, oder seiner Einäscherung,
was weiß ich. Nur drei Leute dürfen dabei sein.
Ich hätte echt Lust da aufzukreuzen, allein schon, um ihn
zu ärgern. Außerdem hat er gelogen, er hat nämlich behauptet,
er kommt nach Paris, um näher bei uns zu sein.
Aber das stimmt nicht, er ist bloß gekommen, um direkt vor
unserer Nase aus dem siebten Stock zu springen. Im vollen
Besitz seiner Kräfte. Er war körperlich robust, geistig
brillant. Eine riesengroße Energieverschwendung ist das.
Ich bin ganz schön sauer auf ihn, aber andererseits ist das
Ganze das Ergebnis einer familiären Geschichte, die dramatisch
für ihn war, da kann ich ihn ja schlecht verurteilen.
Sprachnachricht von: CHERUBIN
4. Januar 2023–21:18 Uhr
Vor fünfzehn Jahren habe ich eine Weile bei Jean-Louis gewohnt,
weil ich in Toulouse studiert habe. Er hat mir erzählt,
dass einmal, als er noch klein war, Leute gekommen
sind, um seine Mutter abzuholen, sie hätten sie gepackt und
mitgenommen. Anscheinend war das eine ganz deutliche
Erinnerung. Er wusste nicht, ob noch jemand dabei war,
aber in seiner Erinnerung ist er danach ganz allein in der
Wohnung. In seiner Erinnerung hat er sich an die Beine
seiner Mutter geklammert und … Er meinte, er wäre noch
ganz klein gewesen, keine sechs Jahre alt. Tja, dieser Tod ist
das Ergebnis einer familiären Geschichte.
Am Tag nach Jean-Louis’ Tod rufe ich meine Großmutter
an, um ihr mein Mitgefühl auszusprechen und
ihr Beistand zu leisten. Sie ist ziemlich aufgewühlt – er
war schließlich ihr Bruder und sie hat seit zehn Jahren
nicht mit ihm gesprochen –, aber wie immer lässt sie
sich nichts anmerken.
Sie sagt: Wir sind entsetzt.
Ich denke, dass meine Großmutter schon immer in der
ersten Person Plural gesprochen hat, wenn es um Gefühle
ging.
Dann sagt sie: Das ist das letzte Kapitel für deine
Nachforschungen.
Jetzt, da ein Mensch gestorben ist, könnte man leicht
annehmen und läge damit nicht falsch, dass die
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ADÈLE YON
LESEPROBE
Geschichte an genau diesen Punkt führen musste,
dass ein Körper mit einem Ruck in den Abgrund gestürzt
werden musste, als Ersatz für einen anderen, der
an einem anderen Januarmorgen siebzig Jahre zuvor
von Männern in Weiß weggebracht wurde. Aber kann
diese Geschichte nicht genau hier beginnen?
Jean-Louis ist tot, und die Mitglieder meiner Familie
haben angefangen zu sprechen.
Und ich, ich nehme sie auf.
Im Kofferraum des Honda Civic mit dem Kennzeichen
245 AWD 32 lagen fünf Bücher: So lebt der
Mensch von André Malraux, ein Band mit Gedichten
von Arthur Rimbaud, Schande von J. M. Coetzee, die
Essays Zuviel ist zuviel von Blaise Cendrars und Die
Wörter von Jean-Paul Sartre. Was können fünf Bücher
über ein Menschenleben aussagen?
Außerdem lag im Kofferraum des Honda ein Foto von
seiner Mutter.
Meiner Urgroßmutter, Betsy.
Ein ganz kleines Passfoto, das in die Hosentasche
passt.
***
Elisabeth (Betsy) C., Tochter von Louis C. (1889–1983)
und Louise V. (1891–1986), geboren am 19. August 1916
in Saint-Germain-en-Laye (Yvelines), gestorben am 22.
April 1990 im Alter von 73 Jahren.
***
Wir fahren in dem kleinen, hellblauen Toyota Yaris,
den meine Großeltern mir geschenkt haben, in Richtung
Salamanca. Die Reise von Lissabon nach Paris
ist ihre Art, mir zu zeigen, dass sie für mich da sind,
dass sie mir helfen können, dass ich mich auf sie stützen
und so aus den Ereignissen, die seit zwei Monaten
an mir nagen, wiederauftauchen kann, zurück an die
Oberfläche, wie die Augen eines hungrigen Krokodils,
das auf Beute lauert. Ich bin immer in Bewegung.
Ständig auf der Flucht. Nimm dieses Auto und richte
dich darin ein, komm in einem fahrenden Innenraum
zur Ruhe, wenn es das ist, was du willst: Als sie mir das
Auto schenkte, hat meine Großmutter mir gestanden,
dass ihr Wagen in ihrer Zeit als Krankenschwester
einige Jahre lang ein richtiger Kokon für sie gewesen
war, ein zweites Zuhause, in dem sich die persönlichsten
Gegenstände ansammelten. In gewisser Weise
verstand sie mich.
Mein Großvater sitzt am Steuer. Er konzentriert sich
auf die Straße, denn es regnet in Strömen und ist sehr
windig. Nach der Auffahrt hat er sich mit 110 auf der
rechten Spur eingeordnet und mir geraten, dem Auto
nicht mehr abzuverlangen: Es ist nicht mehr das jüngste,
hat er gesagt, bei dem Tempo läuft es am besten.
Wenn ich später das Steuer übernehmen werde, wird
er ganz unruhig sein und ständig denken, ich fahre zu
schnell.
Allein auf der Rückbank betrachte ich meine Großmutter,
die mir den Rücken zuwendet. Es ist kalt, sie
trägt ein orangenes Tuch um den Hals, das sie bis zum
Haaransatz hochgezogen hat. Es regnet so stark, dass
man nur die paar Meter Asphalt erkennt, die von unseren
Reifen geschluckt werden. Es gibt nichts zu sehen.
Nichts zu kommentieren. Ihr nach vorn gerichteter
Blick bietet ihr Schutz. Jetzt ist der Moment.
Als meine Großeltern mir vorschlugen, das Auto gemeinsam
von Portugal nach Paris zu bringen, wusste
ich, dass ich es tun würde. Ein Loch in die Mauer des
Schweigens schlagen, mich hindurchzwängen. Meiner
Großmutter in die Augen sehen und sagen: Betsy.
Wenn ich daran denke, an das Herumgedruckse, das
dafür nötig sein wird, zieht sich mir der Magen zusammen.
Wie befördert man einen bleischwer mit Geheimnissen
beladenen Namen zurück an die Oberfläche?
Anders ausgedrückt: Wie lässt man eine Bombe
am besten platzen? Später wird das alles einfacher werden.
Die Mitglieder meiner Familie werden auf mich
zukommen, neugierig, misstrauisch: Ich habe gehört,
du recherchierst zu Betsy? Nie werden sie sagen: zu
meiner Mutter, meiner Großmutter, meiner Schwester.
Sondern immer: zu Betsy. Aber noch ist Betsy ein
Name, den man nicht ausspricht. Ich weiß, dass sich
in dem Moment, da ich den Namen mit der gleichen
ruckartigen Bewegung an die Oberfläche befördern
werde, mit der ein Taucher, wenn ihm der Sauerstoff
ausgeht, an der Leine zieht, etwas verändert haben
wird. Eine unmerkliche Veränderung der Luftqualität.
Atemnot, die ansteckend ist. Abrupt einsetzende
Übelkeit. Anspannung in allen Muskeln. Plötzlich bewegungsunfähige
Körper beim Klang dieses Namens.
19
ADÈLE YON
LESEPROBE
Wie soll ich es angehen?
Ich wähle den Umweg.
Ich frage meine Großmutter, wer sich als Kind um sie
gekümmert hat.
Sie antwortet, ihre Großeltern mütterlicherseits, die
schon elf Kinder großgezogen hatten, haben sich
in den ersten Jahren, im Krieg, um sie gekümmert,
und später auch um ihre fünf Geschwister. Louis
und Louise, so hießen die beiden, wohnten in einem
großen Haus in der Rue de la République in Saint-
Germain-en-Laye, westlich von Paris. Später sei ihr
Vater André in die Rue d'Alsace gezogen, dann in die
Rue des Ursulines, und sie hatten ein eigenes Haus
gehabt. Dort habe es eine gewisse Madame Hadingue
gegeben, die Gouvernante, und ein paar Tanten, die
sich abwechselten.
Sie fügt hinzu: Mir hat es an nichts gefehlt.
Ich biege ab.
Ich sage: Und Betsy (Name, Luft, Atemnot, Übelkeit,
Anspannung), deine Mutter, war die nicht da?
Schweigen.
Ohne sich umzudrehen, sagt meine Großmutter: Ich
habe geahnt, worauf du hinauswillst. Nein, meine
Mutter war nicht da. Meine Mutter war krank. Sie
wurde in einer Privatklinik in Versailles behandelt,
den Namen von dem Arzt habe ich vergessen.
Dr. Fouquet, sagt mein Großvater.
Meine Großmutter sagt, sie habe nicht viele Erinnerungen.
Ich habe nichts gesehen. Ich war nicht da. Mein Vater
hatte mich nach Villard-de-Lans in Kur geschickt,
wegen einer Anämie. Ich weiß nur, dass meine Mutter
irgendwann eingewiesen wurde, irgendwo in der
Nähe von Orléans, wie hieß das noch mal?
Fleury-les-Aubrais, sagt mein Großvater.
Ja, stimmt, sagt meine Großmutter, Fleury-les-Aubrais.
Sie sei ab und zu mit ihren Großeltern hingefahren.
Sie habe sie als Einzige unter den Geschwistern besucht.
Betsys Eltern fuhren einen Citroën mit Frontantrieb.
Louis, ihr Großvater, kurbelte den Motor an,
sie sprangen ins Auto und dann ging es los.
Die Fahrt dauerte sehr lang, sagt meine Großmutter,
die Straßen waren in einem fürchterlichen Zustand,
total steinig. Wenn wir da waren, tat mir immer der
A**** weh.
Auch mein Großvater war einmal in Fleury-les-Aubrais.
Als er beschloss, meine Großmutter zu heiraten, sei
er in sein kleines Auto gestiegen und zur Klinik gefahren,
um sich Betsy vorzustellen und ihr die Hochzeit
anzukündigen. Es gab ein Restaurant dort, Chez
Benoît, deren Spezialität war ein ganz fantastisches
Steak mit Pommes. Chez Benoît lag gleich neben dem
Eingang, wenn man vor dem Klinikgebäude stand,
auf der rechten Seite. Mein Großvater ist durch das
Tor gegangen, hat Betsy in ihrem Zimmer abgeholt
und mit ins Restaurant genommen. Sie hatte kaum
Haare auf dem Kopf, einen sehr starren Blick, redete
ganz banales Zeug. Sie fragte nach André, immer
nach André.
Ich kann mich nicht genau erinnern, wie sie reagiert
hat, als ich ihr von unserer Hochzeit erzählt habe, sagt
mein Großvater. Ich weiß noch, dass sie überhaupt
keine Fragen gestellt hat, wirklich keine einzige. Ich
glaube, sie hat genickt, so, den Blick in die Ferne gerichtet,
als käme ihr das alles weit weg vor.
Bei der Hochzeit meiner Großeltern war Betsy dabei.
Ein neuer Arzt in ihrer Abteilung habe ihr sehr geholfen.
Mein Großvater sagt: Tubiana? Oder so ähnlich, ein
spanisch-jüdischer Name. Dank ihm, und dank der
Medikamente, konnte sie zu unserer Hochzeit kommen.
Sie war da, hing in der Kirche an meinem Arm.
Sehr gut gekleidet. Sehr würdevoll. Auf den Fotos
sieht man sie.
Eure Hochzeit?, frage ich. Wie lange war Betsy denn
in der Klinik?
Keine Ahnung, antwortet meine Großmutter. Das
ging alles so schnell damals. Ich hatte mein eigenes
Leben. Ich habe deinen Großvater früh kennengelernt,
wir haben geheiratet, sind nach Marokko gegangen,
dann nach Algerien, dann an die Elfenbeinküste. Ich
war weit weg von all dem.
Als meine Großeltern nach Frankreich zurückkehrten,
1968 oder 1969, war Betsy bereits entlassen worden.
Sie lebte bei ihren Eltern. Dann sind Louis und Louise
gestorben und meine Großmutter musste sich um sie
kümmern.
Damals habe ich meine Mutter besser kennengelernt,
sagt meine Großmutter. Sie hat nicht bei uns gewohnt,
aber sie kam oft vorbei und sie rief mich an. Sieben,
acht Mal am Tag. Sie hat ständig angerufen. Das Telefonklingeln
verfolgt mich jetzt noch. Aber sie war
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ADÈLE YON
LESEPROBE
eben meine Mutter. Sie war krank, aber sie war meine
Mutter. Ich empfand Zuneigung für sie. Ja, Zuneigung.
Ich habe mich um sie gekümmert, habe für sie
gesorgt. Vielleicht war es eine distanzierte Zuneigung,
ein bisschen rau, aber sie war da.
In welchem Jahr ist sie gestorben?, frage ich.
Meine Großmutter überlegt einen Moment: Nach
dem Tod ihrer Eltern war sie in einem Altersheim,
und dann ist sie relativ bald an Hautkrebs gestorben,
das war …?
Am Tag der Hochzeit deiner Nichte, sagt mein Großvater.
Also … 1989 oder 1990, so was um den Dreh. Viel
mehr kann ich dir nicht sagen. Wirklich, ich habe
nicht viele Erinnerungen. Alles, was ich dir sagen
kann, ist, dass ich meinem Vater ewig dankbar sein
werde, dass er sich nicht hat scheiden lassen. Dass
er uns nicht die Mutter genommen hat. Oder noch
schlimmer, uns eine andere gesucht. In gewisser Weise
ist er ihr treu geblieben.
André hätte die Ehe annullieren lassen können, sagt
mein Großvater, aber er hat es nicht gemacht. Betsy
war offenbar schon vor der Eheschließung krank.
Zusammen mit Louis, seinem Schwiegervater, hat
André nach frühen Hinweisen auf Betsys Krankheit
gesucht. Aber er hat es nicht durchgezogen, sie sind
verheiratet geblieben. Er hätte die Ehe annullieren
lassen können, aber er hat es nicht gemacht.
Schweigen.
Hast du schon mal mit jemandem über die Geschichte
deiner Mutter gesprochen?, frage ich meine Großmutter.
Sie sagt: Nein. Ich habe noch nie über sie gesprochen,
mit niemandem.
Ohne sich umzudrehen, mischt sich vom Fahrersitz
aus mein Großvater ein: Wozu hätte sie denn darüber
sprechen sollen? Es geht ihr doch gut, deiner Großmutter.
Zu einem Psychologen zu gehen kann sehr
gefährlich sein. Manchmal setzen die ihren Patienten
etwas in den Kopf, oder die Patienten denken nur
noch an sich selbst und erfinden letztendlich irgendein
Trauma, um eine Ursache für ihr Leiden zu finden.
Sie merken gar nicht, dass sie gerade deshalb
leiden, weil sie so sehr nach einem Grund dafür suchen,
dass sie leiden. Ganze Familien sind daran zerbrochen,
dass jemand irgendein Trauma erfunden hat.
Einen Vater, Onkel oder Großvater des Inzests beschuldigt,
zum Beispiel, obwohl das überhaupt nicht
stimmt. Nein, wenn man es geschafft hat, mit der
Vergangenheit zu leben, lässt man sie lieber, wo sie
ist. Deiner Großmutter geht es gut. Und weißt du warum?
Weil sie außerordentlich gut im Vergessen ist.
Wenn sie etwas schmerzt, vergisst sie es.
Schweigen.
Was hatte deine Mutter denn eigentlich?, frage ich.
Ich weiß nicht, sagt meine Großmutter. Das wurde
nie wirklich diagnostiziert.
Schweigen.
Doch, natürlich. Ohne sich umzudrehen, mischt mein
Großvater sich ein: Betsy war schizophren.
An diesem Punkt muss ich etwas klarstellen. Man
könnte meinen, meine Recherche beginnt hier, im
Dezember 2020, auf dem Weg nach Salamanca, aber
so ist es nicht. Ich kann das Präsens verwenden, um
den Eindruck zu erwecken, dass ich in dem Moment,
da ich schreibe, dort bin, auf dem Weg nach Salamanca,
und meine Großmutter löchere, die sich an nichts
erinnert. Ich kann das Präsens verwenden, um zu beschreiben,
wie sie dasitzt, vorne, den Blick in den Nebel
gerichtet, und wie ich auf der Rückbank über die
beste Strategie nachdenke, das verbotene Wort auszusprechen.
Ich kann das Präsens verwenden, um davon
zu erzählen, wie ich begreife, was es heißt, eine Frau
leiden zu lassen, und dabei so tun, als wäre nicht auch
ich diese Frau, sondern nur sie, Betsy, im Vergleich zu
der mein Leid mir erscheinen sollte, wie es ist: armselig.
Ich kann das Präsens verwenden, und werde es
übrigens auch weiterhin verwenden, um euch keinen
Schritt meines Weges zur Geschichte dieser Frau zu
ersparen. Aber eins muss klar sein: Während man leidet,
schreibt man nicht, und recherchieren tut man
auch nicht. In dem Präsens, in dem ich erzähle, ist
alles genau, wie ich es in Erinnerung habe: der dichte
Regen, der verkrampfte Bauch, die Fragen, die ich
stelle, die Antworten, die ich bekomme. Ein entscheidendes
Element habe ich allerdings unterschlagen,
ich musste es verschweigen (denn wie eine Recherche
beginnen ohne den Drang zu wissen? Wie eine Erzählung
beginnen ohne Lust zu erzählen?). Als ich
meine Großmutter frage: Wer hat sich als Kind um
dich gekümmert?, als ich sie frage: Und Betsy, deine
Mutter, war die nicht da?, und alles, was dann folgt,
als ich den Namen aus dem Schweigen herausziehe,
treibt mich keinerlei Neugier für Betsys Geschichte.
Ich habe kein Verlangen danach, sie kennenzulernen.
Und zwar deshalb nicht, weil mein Verlangen mit etwas
anderem beschäftigt ist, völlig vereinnahmt von
einem Mann, den ich ein paar Wochen zuvor kennengelernt
habe und der mich misshandelt, oder durch
den ich mich selbst misshandle (in diesem Punkt bin
ich immer noch unschlüssig). Ich hätte erwähnen
können, wie fieberhaft ich zwischen den Fragen an
meine Großmutter auf eine Nachricht von ihm wartete.
Ich hätte die Dialoge mit Einschüben unterbrechen
können, wie: Ich schalte mein Handy aus. Und
weiter unten dann: Erschöpft davon, dass ich so lange
durchgehalten habe, schalte ich es wieder ein: nichts.
Das hätte ich machen können, aber das gehört nicht
zum Thema. Was schon dazu gehört, ist, dass meine
Fragen zu Betsy auf dieser Reise nach Salamanca
nur eine kurzfristige Ablenkung sind. Das meine ich
nicht wertend. Es steht eine Motivation hinter den
Fragen (immerhin haben sie schon die Kühnheit bewiesen,
bis in mein Bewusstsein aufzusteigen), aber
eine Ablenkung sind sie trotzdem. Dank ihnen gelingt
es mir, meine Aufmerksamkeit für dreißig bis
sechzig Sekunden, je nach Intensität der Antworten,
die ich bekomme, von diesem Mann wegzulenken.
Das ist gewaltig. Viel länger als bisher in den drei Monaten
seit unserem Kennenlernen. Die Fragen sind
reiner Überlebensreflex. Ein Pickel, den ich noch in
Richtung Felswand schwinge, während ich schon falle
und meine beiden Arme nach einem Steinschlag gebrochen
sind. Ich habe die vage Vermutung, dass der
über den Abgrund geschleuderte Name durch eine
aberwitzige Anzahl aufeinanderfolgender Zufälle der
Fels sein könnte, von dem im letzten Moment vor dem
Aufprall ein Seil herunterfällt. Damit wir uns nicht
falsch verstehen: Ich habe nicht die Kraft, mich hochzuziehen.
Jemand wird mich hochziehen müssen.
Und ich habe nicht die Absicht, auch nur das kleinste
bisschen mitzuhelfen.
Deshalb spüre ich in dem Auto auf dem Weg nach Salamanca
nichts von der Neugier einer Detektivin, die
einer frischen Spur folgt. Ich denke die ganze Zeit an
ihn, und manchmal denke ich an sie und dann frage
ich mich: Bin ich auch verrückt?
03.
JUL
2026
ADÈLE YON
MEIN WAHRER NAME IST ELISABETH
Deutsch von Sula Textor
Hardcover mit Schutzumschlag
432 Seiten
26,00 € (D) 26,80 € (A)
ISBN 978-3-8270-1542-6
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ALLEN LEVI
22
THEO IN GOLDEN
T
IN
GOL
HEO
ALLEN LEVI
DEN
ALLEN LEVI
24
THEO IN GOLDEN
ALLEN LEVIS ERSTER ROMAN »THEO
IN GOLDEN WAR« IM VERGANGENEN
JAHR DAS BUCH-PHÄNOMEN IN DEN
VEREINIGTEN STAATEN UND WIRD 2026
WELTWEIT IN ÜBER 30 SPRACHEN ER-
SCHEINEN. DIE NEW YORK TIMES FASST
ES IN KURZEN ABSÄTZEN ZUSAMMEN:
»Als Allen Levi, Anwalt und Musiker, der im Laufe seiner Karriere Dutzende
von Songs geschrieben hatte, mit dem Schreiben seines ersten Romans
begann, war sein Plan, diesen Text zu beenden und dann in einer Schublade
verschwinden zu lassen. ›Ich wollte einfach nur sehen, ob ich die
Kraft habe, ein längeres Werk zu schreiben‹, sagt er heute.
Das daraus entstandene Buch ›Theo in Golden‹ handelt von einem älteren
Mann, der in eine Stadt in Georgia zieht und beginnt, 92 Bleistiftporträts
zu kaufen, die an der Wand des örtlichen Cafés hängen. Er möchte sie
den Porträtierten und ›rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben‹.
Nachdem einige Freunde von Levi den Roman gelesen und ihn ermutigt
hatten, das Manuskript nicht einfach in einer Schublade verstauben zu
lassen, veröffentlichte er es schließlich doch.«
»Theo in Golden« wurde einzig durch Mundpropaganda und die Begeisterung
seiner Leserinnen und Leser zu einem durchschlagenden Erfolg.
Bis heute verkaufte er in den USA 1.5 Millionen Exemplare und erhielt
Zehntausende begeisterter Rückmeldungen seiner Leser.
LEN
LE
Wie konnte ein Debütroman, geschrieben
von einem Mann, der in einer Stadt mit 1.200
Einwohnern lebt, veröffentlicht ohne jede
Erfahrung in der Verlagswelt, mit einem
Marketingbudget von null Dollar dahin
kommen, wo er jetzt steht?
Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach eine gute
Geschichte.
Ihr Roman umfasst 450 Seiten, aber viele
Leserinnen und Leser zitieren immer wieder
ihren ganz eigenen Lieblingssatz. Haben Sie
auch einen?
Ja, ich habe sogar mehrere Lieblingssätze, einer steht
in Kapitel 42: »Wenn er morgen den Gerichtssaal
verlässt, hoffe ich, dass er eines weiß: Jemand hat ihn
angesehen und nicht nur einen Fall in ihm gesehen,
nicht eine Idee oder irgendein Etikett, sondern einen
Menschen mit einer Seele. Und einen Mann mit einem
Kind.«
Ein anderer lautet: »Damit etwas gut ist, wirklich gut,
muss Liebe drin sein.« Dieser Satz stammt aus dem
zwanzigsten Kapitel, und auch Oprah Winfrey hat
ihn zu ihrem Lieblingssatz des Jahres erklärt.
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ALLEN LEVI
INTERVIEW
Lieber Allen Levi, Sie haben sehr viele Lesungen
mit Ihrem Roman gemacht – wie würden
Sie Ihr Publikum beschreiben?
Ich bin dankbar – und sehr überrascht – von der Breite
meiner Leserschaft. Es sind tatsächlich Menschen im
Alter von 12 bis 103 Jahren. Sie alle haben mir auch
geschrieben und erzählt, dass sie »Theo in Golden«
gelesen und sehr gemocht haben.
Hunderte von Buchclubs, die ja überwiegend aus
Frauen bestehen, haben den Roman für ihre Lektüreliste
ausgewählt. Auf den Lesungen wurde mir aber
auch klar, dass er von einer beträchtlichen männlichen
Leserschaft gelesen und sehr positiv aufgenommen
wird.
»Theo« steht aktuell auf Platz 3 der New-York-
Times-Bestsellerliste. Welche Gedanken
gehen einem durch den Kopf, wenn man mit
einem späten Roman einen solch unglaublichen
Erfolg hat?
Seit über einem Jahr besteht mein Leben aus einem
einzigen Gedanken – Dankbarkeit.
V I
ALLEN LEVI
26
LESEPROBE
LESEPROBE
Prolog
Theo blieb nur ein Jahr in Golden, von einem Frühling
bis zum nächsten. Er traf kurz vor Ostern ein, als
Boughery wie Promenade ein Meer aus blühenden
Azaleen und frisch erblühtem Hartriegel waren. Als
Pollen sich wie eine Zitronenpatina über jede Oberfläche
der Stadt legten.
Im Laufe der Zeit würden seine Freunde erfahren,
dass er eine große Vorliebe für Flüsse besaß. Für den
Duro seiner Kindheit, für die Seine seiner glorreichen
Tage, den Hudson seiner Zeit als Pensionär oder für
das halbe Dutzend anderer Flüsse, die durch seine
diversen Heimatstädte strömten, besaß er doch einen
ufersuchenden Instinkt, der ihn stets an den Rand
fließender Gewässer zog. In einer maritimen Nation
aufzuwachsen mochte damit zu tun haben. Und vielleicht
spürt ja jeder Sohn Portugals die Ruhelosigkeit
eines Magellans in seinem Blut.
Aus welchem Grund auch immer konnte es jedenfalls
nicht überraschen, dass er sich entschied, am Oxbow
zu wohnen, solange er in Golden weilte. Aus dem
hinteren, nach Westen zeigenden Fenster sah er ihn
zu jeder Tageszeit. Und von der im zweiten Stock gelegenen
Hintertür konnte er ihn hören. Zumindest
behauptete er das. An jedem Ort und zu jeder Stunde
konnte er ihn hören, sobald er die Augen schloss,
konnte ihn fühlen, sein entschlossenes Streben zum
Golfstrom spüren, die gewundene Reise nach Süden,
sein frohes Fluten zum Atlantik.
Nur ein Jahr. Nicht lang. Doch lang genug, um eine
eigene Strömung zu erzeugen, die andere mit sich
forttrug. Ohne ihr Wissen wurde eine ganze Gruppe
– Asher, Tony, Ellen, Basil und noch ein Dutzend
andere – von dem Strudel namens Theo mitgerissen.
Trieben dahin.
Segelten dahin.
Gewannen an Zahl und Tempo.
Strebten einem Ozean entgegen, über den sie damals
nur wenig wussten.
Rückblickend hätten sie wohl alle den alten Portugiesen
mit dem Singsang in der Stimme und dem steten
Hauch eines Lächelns auf den Lippen gelobt und
gewiss mit den Worten der Bibel gesagt: »Unsere
Herzen brannten in uns.«
1. Kapitel
An seinem ersten Tag in Golden wurde Theo früh
wach, zog die Vorhänge in seinem Hotelzimmer
beiseite und blickte nach Süden hinaus in die Morgendämmerung.
Am Nachmittag zuvor war er von
seinem Haus in New York City aufgebrochen, wo
der späte Winter tobte, mit voller Macht und einem
rekordverdächtigen Chaos aus Schnee und Eis. Der
Flug nach Atlanta (in einem Privatjet) und die Fahrt
weiter südwärts nach Golden (in einer Lincoln-Limousine
mit Chauffeur) hatten ihn in eine warme, in
den Myriaden Schattierungen von Grün, Gelb, Lavendel
und Rosarot erblühende Welt gebracht.
Und nun, nach einer Nacht geruhsamen Schlafs, stand
er nur wenige Zentimeter vor dem Fenster und atmete
so tief ein, als könnte er die Morgenfrische gleichsam
durch die Scheiben einatmen. Mit bewunderndem
Blick betrachtete er die ersten Frühlingsboten.
Seine Augen wanderten westwärts zum breit dahinmäandernden
Oxbow. Ein Nebelband hing über dem
Wasser.
Aus der Höhe des zweiten Stocks erkannte Theo trotz
des vor Sonnenaufgang noch dämmrigen Lichts jene
markanten Merkmale der Stadt, die er in Vorbereitung
seiner Reise studiert hatte: die mit Kopfstein gepflasterten
Straßen, das Eisenhüttenwerk, die alten
Baumwolllagerhäuser und die noch aus der Zeit vor
dem Bürgerkrieg stammenden Eichen.
Jemand mit seiner wissbegierigen Natur aber war im
zweiten Stock den Dingen bei Weitem nicht nahe
genug. Er zog sich bequeme Sachen an, begutachtete
sich im Spiegel, richtete Kragen und Schal und löschte
das Licht. Er hängte ein »Bitte nicht stören«-Schild
an die Türklinke, ging die Treppe hinunter in die
27
ALLEN LEVI
LESEPROBE
Lobby des Hotels, grüßte den Empfangschef, indem
er sich an den Hut tippte, trat hinaus in den kühlen
Morgen und konnte es kaum erwarten, durch die
Straßen zu flanieren, ehe sie mit Fußgängern und
Automobilen allzu belebt sein würden.
Bis auf ein Café und einen kleinen Diner waren die
Geschäfte entlang des Broadways noch geschlossen,
und als Theo seinen Spaziergang begann, hatte er
den Gehweg fast für sich allein.
Er hatte kein bestimmtes Ziel im Sinn. Wenn er etwas
sah, das ihn interessierte – und er war ein Mann,
dessen Interesse leicht geweckt wurde –, hielt er inne
und verweilte, bis seine Neugier gestillt war.
So interessierten ihn beispielsweise die dekorativen
Schmiedeeisenarbeiten an der Fassade des Eckgebäudes.
Ihn interessierte die Zusammensetzung der Ziegel
des alten, doch gut erhaltenen Gebäudes, das gegenwärtig
ein Immatrikulationsbüro der Universität beherbergte.
Ihn interessierte die Plakette, mit der an die Geschichte
der Promenade - jenes mitten über den
Broadway verlaufenden Grünstreifens – erinnert
wurde. (Theo besaß die Angewohnheit, wo immer
er auch wohnte und wohin er auch reiste, historische
Gedenktafeln zu lesen, etwas, dem er sich in fünf
Sprachen ausgiebig widmen konnte.)
Ihn interessierte die Skulptur neueren Datums, die
am Eingang zur Krankenpflegeschule der Universität
stand.
Und er interessierte sich ganz besonders für einen
kleinen Vogel, der auf einer Bank auf dem Gehweg
hockte und um Krumen bettelte.
Einmal blieb er sogar stehen und fischte ein Vergrößerungsglas
aus seiner Tasche, eine Lupe, um die
purpurrote Blüte einer Azalee genauer in Augenschein
zu nehmen.
Und so weiter und so fort.
Dank all dieser interessanten Momente verlief Theos
Bummel im reinsten Schneckentempo. Er war gerade
mal zwei Querstraßen weit spaziert, da floss der
morgendliche Verkehr bereits stetig dahin, auf dem
Gehweg wimmelte es von Studenten und Geschäftsleuten,
und die Parkplätze beiderseits der Promenade,
eben noch leer, waren nahezu alle belegt.
«
Seine Entscheidung,
klein zu leben,
machte ihn
größer als
das Leben.
28
ALLEN LEVI
LESEPROBE
Er kannte keine Menschenseele in dieser Stadt.
Naja... bis auf eine vielleicht.
Noch war er sich nicht sicher, wie lange er bleiben
würde – Wochen? Monate? Sogar länger? -, doch
bereits nach dieser kurzen Zeit war er von der Atmosphäre
seines neuen, vorübergehenden Zuhauses
überaus angetan.
Erster Eindruck: ein höchst angenehmer Aufenthaltsort.
Und noch dazu einer mit mehr als angemessenem
Namen.
Golden.
2. Kapitel
Als Theo seinen Spaziergang entlang des Broadways
beendete, kehrte er zu dem kleinen Café zurück, an
dem er früher am Morgen vorbeigekommen war.
Wie eine duftende Wolke (und eine höchst wirksame
Reklame) strömte ihm vom Eingang das Aroma von
frischem Kaffee entgegen.
Eine bemalte Fensterscheibe gleich neben der Tür
verriet in goldenen, schwarz umrandeten Buchstaben
den Namen des Etablissements:
The Chalice statt Der Kelch:
The Chalice
Light Street / Ecke Broadway
Montags bis donnerstags:
von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends
Freitags bis samstags:
von 7 Uhr morgens bis 11 Uhr abends
Sonntags:
von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends
Kaum eingetreten, atmete Theo tief ein und ließ den
Blick durch den Raum schweifen.
In kleinen Grüppchen unterschiedlichen Alters, diverser
Nationalitäten und verschiedenster modischer
Vorlieben hatten sich hier Menschen der unterschiedlichsten
Art versammelt und bezeugten die
Anziehungskraft dieses Cafés.
Auf dem Weg nach draußen lavierte sich ein junger
Mann mit einem Cello auf dem Rücken und einem
Kaffee in der Hand geschickt zwischen den Tischen
hindurch und entschuldigte sich immer wieder mit
einem geflüsterten »Verzeihen Sie bitte« bei den
eintretenden Kunden. Mit flüchtigem Blick nahm
er Theo wahr, lächelte, nickte und grüßte. In den
großen Städten, in denen Theo zumeist gelebt hatte,
wäre so etwas recht ungewöhnlich, wenn nicht
gar verdächtig gewesen, hier aber erwiderte er diese
Geste lächelnd mit einem Kopfnicken und reihte
sich dann in die kurze Warteschlange ein, um seine
Bestellung aufzugeben.
Er spürte, dass er hier zum Stammkunden werden
könnte, eine Ahnung, die sich für das Jahr, das er in
Golden verbringen würde, als wahr erweisen sollte.
Wenn der Kaffee jetzt noch so gut wie die Atmosphäre
ist, dachte er.
Was sich vermutlich als reines Wunschdenken erweisen
würde.
Theo war den starken Kaffee Europas gewohnt – Abatanado
und Café Pingado in Lissabon, Café con leche
in Madrid, Espresso in Bologna, Café Noisette
in Marseille. Die amerikanischen Lokale hatten ihn
oft enttäuscht, selbst in New York, wo er für jede ausgezeichnete
Tasse, die ihm vorgesetzt worden war,
ein halbes Dutzend Enttäuschungen hatte trinken
müssen. Er habe aber auch, wurde ihm zu verstehen
gegeben, recht gehobene Ansprüche.
Der alte Mann wechselte am Tresen einen Gruß mit
dem Barista, gab seine Bestellung auf, erhielt sein
Getränk und nahm in einem der Sessel Platz.
Die Qualität seines Espressos überraschte ihn auf
angenehmste Weise, weshalb er, den ersten Schluck
noch auf der Zunge, anerkennend nickte.
Sein Blick schweifte durch den Raum: die Gesichter
der Kunden, ihre Stimmen, Begrüßungen und Gesten,
die Sorgfalt, mit der der Barista gutgelaunt seiner
Arbeit nachging, die Aktivitäten an den Tischen.
Schon bald aber wurde seine Aufmerksamkeit ganz
und gar von der Kunst in Anspruch genommen, die
an den Wänden des Cafés hing.
An der linken wie auch der rechten und der hinteren
Wand befanden sich Porträts, zweiundneunzig an
der Zahl, ausgeführt in Bleistift auf weißem Papier
und mit schwarzen Rahmen in drei verschiedenen
Größen versehen. Alle stammten offensichtlich
vom selben Künstler. Und wie ein Spiegelbild der
Kundschaft des Cafés in eben diesem Augenblick
zeigte auch die Sammlung die ganze Bandbreite
des Menschseins – Alter, Geschlecht und Gesichtsausdruck.
Porträts, Porträts und noch mehr
Porträts.
Selbst aus seiner Entfernung zu den gerahmten Gesichtern
konnte Theo erkennen, mit welchem Reichtum
an Detail und Zartgefühl sie wiedergegeben
worden waren. Aus den Bildern sprach eine Qualität,
eine Lebendigkeit, die einen geradezu glauben lassen
konnte, die Porträtierten seien nicht bloß Verzierungen
der Wände, sondern Betrachter des Cafés.
In den Gedanken des alten Mannes entspann sich
eine wundersame Vision: Jeder der zweiundneunzig
Rahmen ist ein Fenster. Jedes in ihm dargestellte
Gesicht weilt außerhalb des Gebäudes und mustert
amüsiert die Kundschaft. Nachts, wenn das Café geschlossen
ist, verlassen die Porträtierten ihre Rahmen,
betreten den Laden, kommen miteinander ins
Gespräch, unterhalten sich darüber, wen und was sie
tagsüber gesehen oder gehört haben, erzählen sich
Geschichten und kehren bei Ladenöffnung in ihre
Rahmen zurück.
Angesichts dieser farbenfrohen, doch hanebüchenen
Vorstellung musste er lächeln. Solcherlei Dinge kamen
ihm häufig in den Sinn.
Er verfügte über die Einbildungskraft eines Poeten.
Allerdings hatte er auch Augen und Verstand eines
Connaisseurs. Viele Dinge konnten leichthin sein
Interesse wecken, einige wenige aber interessierten
ihn ganz besonders. Und die Porträtmalerei fiel in
diese letztere Kategorie.
Doch obwohl er jede der zweiundneunzig Zeichnungen
ausgiebig und von Nahem studieren wollte,
beschloss er, eine passendere Gelegenheit und eine
Zeit abzuwarten, in der das Café nicht ganz so voll
war.
Vorläufig trank er daher seinen Espresso mit kleinen,
genießerischen Schlucken. Alles andere wäre
in seinen Augen einem unwürdigen, gar respektlosen
Benehmen gegenüber der Kunst des Barista
gleichgekommen. Kaum hatte er ausgetrunken,
nahm er seinen Hut, schlenderte mit Blicken nach
links und rechts aus dem Café und kehrte in sein
Hotel zurück.
04.
SEP
2026
ALLEN LEVI
THEO IN GOLDEN
Aus dem amerikanischen Englisch
von Bernhard Robben
Hardcover mit Schutzumschlag
448 Seiten
26,00 € (D) 26,80 € (A)
ISBN 978-3-492-07487-2
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
TRO
30
ANGELIKA KLÜSSENDORF
TROST
STANGELIKA KLÜSSENDORF
32
ANGELIKA KLÜSSENDORF
INTERVIEW
INTERVIEW
Trost und Mitgefühl sind ein großes Thema in
diesem Roman und geben ihm den Titel.
Welche Bedeutung hat der Trost in Deinem
literarischen Werk und für Dich persönlich?
Für mich war Trost von Anbeginn an immer das Lesen,
und IMMER schreibe ich mit Bedacht. Ein Buch
ist für mich ein Ort, wo Fremde zu Freunden werden,
wo ich ein Zuhause finde. Ich habe über die Jahre viel
über den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid
nachgedacht. Über Empathie, die nicht nur die
Selbstwahrnehmung, sondern auch das Fremde im
Blick hat. Jeder Mensch braucht einen Tröster. Für
mich ist die Natur eine große Trösterin, und überhaupt,
dass ich schreiben darf.
Die Figuren dieses Romans sind sehr plastisch
und glaubwürdig dargestellt, dabei aber vom
Alter, Geschlecht und der Haltung recht unterschiedlich.
Wie gelingt diese Figurendarstellung,
die zu Mitgefühl einlädt? Braucht es da
reale Vorlagen?
Weil meine Texte sich aus einem unerschöpflichen
Speicher von Erinnerungen speisen, gibt es natürlich
reale Vorlagen. Doch aus der Figurenentwicklung
ergeben sich neue Fragen: Wie denkt ein melancholischer
Mensch? Ein fröhlicher Mensch? Was macht
ihn aus? Figuren entwickeln sich manchmal in eine
Richtung, die ich nicht vorhergesehen habe. Ich habe
mich beispielsweise für die Perspektive der beiden
siebzehnjährigen Mädchen entschieden, um über den
Krieg in der Ukraine schreiben zu können. Es ist etwas
anderes, über die Verzweiflung eines jungen Menschen
zu schreiben, als über die Verzweiflung der Alten.
In deinem Roman geht es um Beziehungen:
Verwandtschaften, Paarbeziehungen,
Freundschaften. Welche davon sind die
belastbarsten? Man bekommt den Eindruck,
dass es besonders wichtig ist, Freude teilen zu
können. Wie kann man Leid teilen?
Ich denke, Freundschaften sind am belastbarsten. Wie
die Freundschaft zwischen Lea und Jane. Ob sie von
Dauer sein wird? Ich weiß es nicht, aber während ich
darüber nachdenke, merke ich, dass meine Figuren für
mich über den Roman hinweg existieren. Wie soll man
Leid teilen? Mitleid ist für mich ein selbstbezogenes
Gefühl, ist Sentimentalität. Eine vollständige Identifikation
mit dem Leid des anderen gelingt in der Regel
wohl nur zwischen Eltern und Kindern. Dann gibt es
noch das Mitgefühl, bei dem man zumindest eine Ahnung
davon haben sollte, wer der Andere ist und was er
braucht, um sein Leid zu lindern oder zu beenden.
Was ist die beste und was ist die schlechteste
Seite am Schriftstellerdasein?
Im Schreiben bin ich in der für mich einzig verlässlichen
Welt, es ist tatsächlich meine Art des Überlebens. Wenn
ich an einem Text arbeite, habe ich eine Verbindung zur
Welt und bin doch ganz bei mir. Und ich mache mir
die Menschen, mit denen ich Gesellschaft habe, selbst.
Wenn ich nicht schreibe, bin ich ganz gewöhnlich neurotisch
und kapituliere vor jeder Steuererklärung.
Tiere kommen in allen Deinen Romanen vor,
und zwar sowohl Wildtiere als auch Haustiere.
Welche Rolle spielen sie, was bedeutet Dir
der Umgang mit Tieren, welches sind Deine
Lieblingstiere, und wenn Du es Dir aussuchen
könntest, welches Tier wärst Du?
Ein Freund hat einmal die Vögel in meinen Romanen
gezählt, es waren Hunderte, und da ist »Trost« mit dem
Vogelliebhaber noch gar nicht dabei. Als Kind habe ich
eine alte Frau beobachtet, die jeden Tag auf einer Bank
saß und Vögel fütterte. Wahrscheinlich war die Frau
gar nicht so alt, doch sie kam mir deshalb alt vor, weil sie
Vögel fütterte. Als Kind interessierten mich nur Tiere
auf vier Beinen und ein Fell sollten sie auch haben. Inzwischen
wohne ich längst auf dem Land, und da sind
Tiere tägliche Begleiter; aus dem Kalb mit den schönen
langen Wimpern wird ein Nutztier, das irgendwann geschlachtet
wird. Ich habe kein Lieblingstier, doch wenn
ich es mir aussuchen könnte, wäre ich gern eine Eule.
Ein Uhu hat kaum Feinde, ein exzellentes Gehör und
kann seinen Kopf um 270 Grad drehen.
33
ANGELIKA KLÜSSENDORF
INTERVIEW
Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in
Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung
1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf
dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte
mehrere Erzählbände und Romane und die
von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene
Romantrilogie »Das Mädchen«,
»April« und »Jahre später«, deren Einzeltitel
alle für den Deutschen Buchpreis nominiert
waren und zweimal auch auf der Shortlist
standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie
Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet.
Die französische Übersetzung ihres Romans
»Vierunddreißigster September« stand auf
der Longlist des Prix Femina 2022. Ihr Roman
»Risse« wurde für die Longlist des Deutschen
Buchpreises 2023 nominiert.
34
ANGELIKA KLÜSSENDORF
LESEPROBE
LESEPROBE
Joachim beschließt an den See zu fahren, und gleich
geht es ihm besser, er packt ein Handtuch ein, nimmt
die Treppen in die Tiefgarage, setzt sich in den Van
und fährt los. Er flucht sich durch die Staus von Berlin,
er flucht, obwohl ihn niemand hört; er hält sich an die
Geschwindigkeit, will seinen Führerschein nie wieder
abgeben müssen. Ohne Ritas genervtes Gesicht
macht das Fluchen weniger Spaß; er gestattet sich diesen
Gedanken nur kurz, dann plagen ihn Schuldgefühle.
Er hat ihren Körper und ihre Seele geliebt, und
nun, wo ihr Körper nicht mehr da ist, sollte er doch
ganz und gar ihre Seele lieben, tatsächlich kommt er
sich wie ein Analphabet in der Seelenliebe vor.
Als er die Stadt hinter sich lässt, wird es stürmisch, die
Kiefern biegen sich so sehr, dass er fürchtet, sie könnten
brechen und auf sein Auto fallen. (Wie er von Rita
weiß, sind diese Bäume Flachwurzler.) Also hält er an
ihrem Haus, verflucht seine Wehmut, und obwohl er
den Schlüssel dabeihat, geht er nicht hinein, sondern
klingelt bei Sperling. Statt seiner öffnet Kerstin die
Tür und lächelt erstaunt: Na, so was, da hat sich ja
einer verirrt
Joachim räuspert sich, auch er ist überrascht, Sperlings
Schwester hier zu sehen. Er muss daran denken,
dass er nach dem gemeinsamen Weihnachtsfest an sie
gedacht hat, schon wieder ist er schuldbewusst, kann
sie nicht ansehen, richtet seinen Blick auf die geöffnete
Tür.
Komm doch rein, sagt sie, mein Bruder ist gleich zurück,
er ist was fürs Grillen einkaufen.
Er folgt ihr neugierig. Obwohl er sich keine Vorstellung
von Sperlings Wohnung gemacht hat – sie saßen
bisher in Ritas Garten –, passen die Räume zu ihm,
aber auch dieser Gedanke streift ihn nur flüchtig. Er
spürt sein Interesse für Kerstin, ihm ist, als würde die
Spannung in seinem Körper wiederhergestellt.
Grillen, fragt er, es stürmt draußen.
Dauert nicht mehr lange, erwidert sie, und weist aus
dem Fenster: Siehst du?
Der Sturm hat sich tatsächlich gelegt, und im Garten
ist es geradezu windstill. Du hast recht, sagt er, woher
wusstest du das? Kannst du in die Zukunft sehen?
Sie wiegt vielsagend den Kopf.
Die Art, wie sie den Kopf bewegt, gefällt ihm, überhaupt
gefällt ihm einiges an ihr. Freude überkommt ihn,
er wird übermütig und lacht, obwohl ihm sein Lachen
etwas versetzt vorkommt, zu schnell, zu spät, zu laut.
Als sie am Grill sitzen, Bratwürste essen, Bier trinken,
wird er ruhiger. Es ist heller Nachmittag, keine Spur
mehr vom Sturm, nur leichte Frische in der Luft und
etwas Vertrautes von früher. Während Joachim erzählt,
tausendfach erzählte Anekdoten, kommen ihm
diese überhaupt nicht abgenutzt vor, und Kerstins
Pupillen scheinen das Sonnenlicht wie ein Brennglas
einzufangen.
Später fährt er nach Hause und hat das Gefühl, aus
einer tiefen Dunkelheit erwacht zu sein. Dankbarkeit
überwältigt ihn, er beginnt zu weinen; er hat längst
die Stadt erreicht und muss am Straßenrand halten,
so sehr wird er vom Schluchzen geschüttelt. Er vermisst
Rita, jedoch nicht das Leben mit ihr, das ihm
nun wie eine Frist vor dem Tod erscheint; er hatte sich
in ihrem Blick ganz und gar nicht mehr gesehen, sein
Selbstbild war ein anderes. Wie hat sie ihn bezeichnet?
Hausmeister. Sie hat ihn einen Hausmeister genannt.
»
EINMAL HAT ER
ZU RITA GESAGT,
ALS DIESE IM
GARTEN ROSEN
SCHNITT, ICH
HASSE BLUMEN,
UND SIE WAR
IN TRÄNEN
AUSGEBROCHEN.
Er war mehr als das, natürlich war er mehr – niemand
ist nur ein Hausmeister. Sie haben nicht gelernt, mit
ihren Konflikten umzugehen, wie oft hatte sie ihn
schroff zurückgewiesen. Er wollte Geborgenheit und
Liebe von ihr, war das zu viel verlangt? Er wünscht
sich, dass sie nie mehr aufwacht, er weiß, dass der
Schmerz noch nicht in sein Begreifen eingedrungen
ist, dass er sie irgendwann einmal vermissen wird,
doch er will an der zart aufkeimenden Wut unbedingt
festhalten.
Die nächsten Tage geht er stundenlang durch die
Straßen, wie früher als junger Mann. Er meldet sich
im Fitnesscenter an, und nein, er kauft sich weder
ein neues Auto noch ein Motorrad, diese Dinge interessieren
ihn nicht, er ist kein äußerlicher Mensch.
Er macht sich auch nichts aus Blumen; einmal hat
er zu Rita gesagt, als diese im Garten Rosen schnitt,
ich hasse Blumen, und sie war in Tränen ausgebrochen.
Und doch kauft er eine gelbe Blume im Topf,
bevor er Kerstin anruft, ihm sei nach Grillen, sie
könnten sich bei ihrem Bruder treffen, was sie davon
halte?
Diese gelbe Blume trägt er wie einen letzten Schutzschild
vor sich, als er Kerstin begrüßt. Seine Lebensgefährtin
liegt zwar im Koma, und dieses Ereignis hat
ihn einmal mehr betäubt, doch er ist nicht untröstlich
– er hat ein Recht auf Leben, auf Liebe; nicht nur
Kerstins Lächeln ist schön, auch ihr Hintern und ihre
Brüste sind es. Er staunt, wie sich alles wiederholt, als
wäre er fünfzehn, und natürlich hat er nichts dazugelernt,
warum auch. Wenn es einen trifft, trifft es einen,
es ist schön zurückzufallen in die Jugend und in ein
irreales Glücksverlangen.
Sie sitzen am Grill, er muss sie andauernd ansehen,
sie feiert im Herbst ihren Vierzigsten, er trinkt viel
und schnell, ihm ist heiß, obwohl er im Schatten sitzt.
Er schwitzt nicht, es ist eher wie eine Glut in seinem
Innern, er weiß nicht mehr, was er sagt, findet die zarte
blaue Ader auf ihrem Handrücken anrührend, legt
seine Hand darüber. Ja, er ist dabei, sich in Kerstin zu
verlieben, und es ist ihm egal, was die Welt von ihm
denkt, er zögert nicht mehr, und Sperling ist noch
sprachloser als sonst, als sie sich vor seinen Augen
küssen.
03.
JUL
2026
ANGELIKA KLÜSSENDORF
TROST
Hardcover mit Schutzumschlag
208 Seiten
24,00 € (D) 24,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07267-0
Bestellen Sie Ihr digitales Leseexemplar zum
Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
36
CÉCILE MURY
PARIS HOLLYWOOD
PARIS
HOLLY
WOOD
CÉCILE MURY
38
CÉCILE MURY
INTERVIEW
INTERVIEW
Frau Mury, Sie haben selbst, wie Ihre Heldin
Marianne, jahrelang als Filmjournalistin gearbeitet.
Haben Sie sich in der Zeit auch einmal in
einen Star verliebt, den Sie interviewt haben?
Ja und nein. Anfang der 2000er Jahre, als ich eine
junge Journalistin war, habe ich mich Hals über Kopf
in Russell Crowe verliebt, der damals auf dem Höhepunkt
seines Ruhms und seines Talents stand. Ich
kannte ihn überhaupt nicht, bevor ich Gladiator gesehen
habe, und als ich aus dem Kino kam, war ich
verliebt! Ich habe dann alle Filme nachgeholt, die ich
Ich beschloss, ihn zu überarbeiten und weiterzuschreiben,
und war sofort Feuer und Flamme! Es ist natürlich
kein Zufall, dass mein Held Ben Whyte Neuseeländer
ist, genau wie Russell Crowe. In Erinnerung an meine
damalige Schwärmerei habe ich sogar hier und da viele
andere Anspielungen in den Roman eingebaut ...
Welchen Star würden Sie gerne interviewen?
Nun, abgesehen von Russell Crowe würde ich zum
Beispiel gerne Mark Ruffalo treffen, dessen Talent
und politisches Engagement ich bewundere.
ICH WERDE MICH IMMER AN DIE GROSSE,
UNANGENEHME STILLE ERINNERN, DIE
DARAUF FOLGTE, UND DARAN, WIE
SCHNELL ICH DAVONRANNTE UND EIN
UNVERSTÄNDLICHES »AU REVOIR« STAMMELTE!
verpasst hatte, insbesondere Brokeback Mountain und
L.A. Confidential, und bin dann zu einer Pressekonferenz
gegangen, die er anlässlich des Kinostarts von
A Beautiful Mind in Paris gab. Ich war so aufgeregt
und eingeschüchtert, dass ich mich nicht getraut habe,
auch nur eine einzige Frage zu stellen!
Ist irgendetwas davon in dem Buch zu finden?
Natürlich! Damals inspirierte mich diese jugendliche
Schwärmerei zu der Idee eines umgekehrten
Notting Hill, ganz zufälligerweise mit einer Filmjournalistin
in der Hauptrolle. Ich schrieb ein paar Seiten,
die fast schon Fanfiction waren, und gab dann auf.
Viele Jahre später stieß ich beim Aufräumen wieder auf
diesen Text und hatte viel Spaß beim erneuten Lesen.
Was war Ihr größtes Missgeschick bei einem
Interview mit einem Star?
Ich werde nicht sagen, um wen es sich handelt, aber
vor einigen Jahren, am Ende eines Interviews mit
einem sehr bekannten Schauspieler, beugte er sich
zu mir herüber, um mir eine leichte Umarmung nach
amerikanischer Art zu geben. Leider hatte ich einen
sehr französischen Reflex: Instinktiv gab ich ihm
einen Kuss auf die Wange. Er schlug sich laut auf
seine Wange. Ich werde mich immer an die große,
unangenehme Stille erinnern, die darauf folgte, und
daran, wie schnell ich davonrannte und ein unverständliches
»Au revoir« stammelte! Ich lache noch
immer darüber und habe diesen Fauxpas sogar in
eine Szene meines Romans eingebaut.
39
CÉCILE MURY
LESEPROBE
LESEPROBE
1 Vertigo
Selbst der Teppichboden weiß, dass ich hier nichts
zu suchen habe. Voller Verachtung raschelt er unter
meinen Sneakern. Hôtel Meurice, fünf Sterne, dritte
Etage. Ich streife an vergoldeten Zierleisten entlang
durch einen zu stillen Flur, dessen cremefarbener
Luxus mich komplett zu verschlingen droht.
Fast vermisse ich das Durcheinander, das unten
herrscht. Den von der Rue de Rivoli bis zur Concorde
gesperrten Fußweg. Die Schreie, das Gehupe.
Die Hälfte aller Pariser Polizisten – ich übertreibe
nur ein klein wenig –, ist am Rotieren und hat alle
Hände voll zu tun. Die Fans bilden ein Meer aus
Smartphones, Plakaten mit Liebesbotschaften und
Blumensträußen in Plastikfolie. Die Paparazzi lauern
mit ihren Teleobjektiven in Bazooka-Größe.
Und schließlich die Schaulustigen, die sich vor dem
Hotel die Beine in den Bauch stehen und immer
zahlreicher werden.
»Was ist denn hier los?«, fragen sie.
»Ben Whyte. Angeblich ist er da …«
Natürlich ist er da, dieser Volltrottel. Wegen ihm
musste ich mich durch meine ineinander verkeilten
Konkurrenten kämpfen, als wäre ich bei den Hungerspielen.
Beinahe wäre ich mit einem Absperrgitter
verschmolzen, während ich darauf wartete, dass
einer dieser Aufpasser mit Knopf im Ohr das Foto
auf meinem Presseausweis genau unter die Lupe
nahm, um zu überprüfen, ob ich nicht zu der Sorte
von Hardcore-Fangirl gehöre, das alles dafür tun
würde, um sich dem illustren Objekt seiner Begierde
zu nähern. Dem Zentrum all seiner Träume seit
Teeniezeiten.
Ben Whyte.
Der Schauspieler, den ich heute interviewen muss.
Der große Star meiner Generation.
Ben Whyte mit seinen grünen Augen. Und diesem
Grübchen, das auf einer Wange, nur einer – der linken
–, erscheint, wenn er lächelt.
Himmel, dieses Grübchen.
Himmel, diese Angst.
Das wird mir eine Lehre sein. Ben Whyte hier, Ben
Whyte da. Dazu noch ein Foto (auf dem Pferd, in
voller Rüstung) als Bildschirmhintergrund im Büro
und schon dreh ich am Rad. Stürze mich auf alle seine
Filme. Es ist wie eine Art Pausenbeschäftigung,
die Großhirnrinde auf Standby, zwischen einem
deutsch-serbischen Drama und einer Doku über das
Artensterben. Nach und nach, ohne es zu wollen,
habe ich ihn für mich entdeckt und Anspruch auf
diesen Typ erhoben.
Jeder hat seine kleinen Obsessionen. Man wird ja
wohl gelegentlich noch träumen dürfen. Aber ich
bin Filmjournalistin für L’Œil Hebdo, das bekannteste
Kulturmagazin Frankreichs. Ich hätte die Gefahr
kommen sehen müssen.
Wenn man bei L’Œil arbeitet, hat man nicht nur das
Privileg, in Dauerschleife Stichwortgeberin für die
gleichen Witze zu sein (»Ach so, du arbeitest also
ehrenamtlich?«), man kommt auch den Stars näher.
Zumindest ein wenig. Manchmal. Zum Beispiel
wenn es eine Promotour mit Stopp in Paris gibt.
Dann hat man »eine einmalige Gelegenheit«, wie
die Presseleute sagen.
Und, voilà, schon findet man sich an einem schwülen
Märznachmittag in einem Palast wieder, eingezwängt
am Ende eines Flurs.
Steckt euch eure »einmaligen Gelegenheiten« sonst
wohin.
Suite 312 und 314. Vor den Türen ist das XXL-Plakat
des Blockbusters, den man uns heute andreht, nur
schwer zu übersehen: Hochhausruinen, ein Chaos
aus verbogenen Stahlträgern, die aussehen, als
würden sie den Himmel um Gnade anflehen. Das
Ding heißt Z-End. Z wie Zombies, und, so ein
Mist, leider kein Grübchen: Im Vordergrund steht –
abgewrackt, zerzaust – der letzte Überlebende der
Menschheit und schmollt. Denn das Ende der Welt
ist eine traurige Angelegenheit. Und die Untoten
sind dumm wie Brot.
Gestern Morgen habe ich vergebens versucht, auch
meinen Chefredakteur davon zu überzeugen. Vincent
Teyssier-Turpin – den alle nur VTT nennen, seine
40
CÉCILE MURY
LESEPROBE
Frau und sein Zahnarzt eingeschlossen – hatte mich
in sein Büro gerufen. Mit zuckenden buschigen
Brauen, die bereits grau werden, war er überzeugt
davon, mir das Geschenk des Jahrhunderts zu machen.
»Rate mal, wen du morgen treffen wirst …«
Vielen Dank auch. Nur weil man sich gerne Fotos
vom Himalaya ansieht, heißt das noch nicht, dass
man Lust hat, auf dem Gipfel zu sterben.
Sofort habe ich versucht, mich zu drücken: Z-End
sei schließlich nur ein riesiger virtueller Vergnügungspark
für nekrophile Geeks. Warum sollten wir
helfen, das Ding zu verkaufen, indem wir ein Interview
veröffentlichen? … Brauchen diese Panzer der
globalen Wegwerfkultur wirklich uns dafür? … Hm,
VTT?
Nur dass ich in Wirklichkeit unter Schock stand und
gesagt habe: »Aber Vincent, dieser Film ist unter aller
Kanone.« Er hat an seiner E-Zigarette gezogen –
es gab das gleiche schlürfende Geräusch, wie wenn
man mit einem Strohhalm den Bodensatz eines Glases
aufsaugt – und geantwortet: »Scheiß drauf, er ist
mit Ben Whyte. Zwei Seiten für Montag.«
Es wird meinem Chef und der Mehrheit des internationalen
Publikums nicht gefallen, aber dieser
Typ ist alles andere als ein Geschenk. Wie man in
der Branche sagt: Er ist ein schwieriger Klient. Was
übersetzt so viel heißt wie: Er verspeist Journalisten
zum Frühstück.
2016 hat er eine Livesendung des amerikanischen
Senders NBC einfach so verlassen. Der Moderator
hatte sich in den Kopf gesetzt, ihn kleine Buchstaben
von einer Optikertafel ablesen zu lassen. Es ist
allgemein bekannt, dass Ben Whyte kurzsichtig wie
ein Maulwurf ist. Der Gag ärgert ihn, und er lehnt
ab. Der Moderator insistiert und … findet sich allein
im Studio wieder. Die Tür schlägt zu, Werbeunterbrechung,
Skandal.
Immerhin habe ich nicht vor, ihm eine Brille anzudrehen.
2021 hat er während einer Party auf einer Yacht vor
Saint-Barth das Handy von jemandem über Bord geworfen,
der versucht hat, ihn heimlich zu fotografieren.
Dass er sich mit dem Telefon zufriedengegeben
hat, war nur den anderen Gästen zu verdanken, die
ihn in letzter Minute davon abgehalten haben, sich
in Menschenweitwurf zu üben.
Dann gab es da noch Seoul im letzten Jahr. Im Rahmen
einer Promotour wie dieser hier hat er in einem
Hotel wie diesem hier mit roher Gewalt einen koreanischen
Journalisten, der ihn befragte, am Hemdkragen
aus dem Zimmer befördert.
Da muss es wohl einen Fehler in der Übersetzung gegeben
haben.
Drei Explosionen von mehreren. »Mein Star« ist eine
wandelnde Bombe. Mein Termin ist in zehn Minuten,
und ich höre beinahe das Ticken des Uhrwerks.
Die Suite 312 öffnet sich für die Gruppe der Eingeweihten
und dient als Wartesaal. Rein, raus, es geht
zu wie im Taubenschlag. Die Leute stehen bis auf den
Flur, warten gegen eine Wand gelehnt oder sogar auf
dem Boden sitzend.
Leises Stimmengewirr, gedämpfte Aufregung.
Direkt daneben wird der Zugang zur 314 von zwei
unüberwindbaren Riesen bewacht, mit Anabolika
gedopte Karyatiden in schwarzen Anzügen und mit
rasierten Schädeln. Wenn die beiden ebenfalls Pressemitarbeiter
sind, dann bin ich Spongebob.
Die Tür ist nicht richtig geschlossen. Man vernimmt
das Gemurmel des laufenden Interviews. Plötzlich:
Seine Stimme. Unmöglich, sie mit einer anderen zu
verwechseln. Tief, raumgreifend und mitreißend wie
die Ouvertüre einer Wagner-Oper.
Ich bekomme gleich einen Herzinfarkt.
Ich stehe immer noch eingezwängt im Flur und halluziniere
von einer dreifachen Bypassoperation, als
Françoise Saunier auftaucht, die Pressefrau, die das
Ganze hier organisiert. »Oh, Hallöchen, Marianne!«
Was heißt hier »Hallöchen«? Ich kenne sie kaum.
Trotzdem begrüßt sie mich, als würden wir unsere
freien Abende damit verbringen, uns gegenseitig die
Zehennägel zu lackieren. Ich glaube, sie versucht, ein
bisschen Menschlichkeit in diese riesige Maschinerie
zu bringen. Küsschen rechts, Küsschen links.
Parfümwolke, pudrige Blumen mit einer Kopfnote,
die nach Migräne riecht. Ich betrachte ihre blonden,
kurz geschnittenen Haare, ihre lebhaften Gesten, ihr
Make-up, das die Müdigkeit und die Falten verdeckt.
Ich rechne nach: Sie muss den Job angefangen haben,
als ich in der Vorschule war … Seitdem haben wir uns
bestimmt nicht groß verändert, weder sie noch ich.
Gut für sie, schlecht für mich.
»… für zwanzig Minuten! «
41
CÉCILE MURY
LESEPROBE
Wie bitte?
»Ich sage, dass dich alle beneiden werden! Wir haben
es geschafft, zwanzig Minuten mit Ben für dich rauszuschlagen!
«
Zwanzig Minuten. Ich verstehe nicht recht. Das Ganze
nennt sich »press junket«. Ist eine Werbemaschine
mit Massentierhaltung. Die Hollywood-Version eines
Großmarkts. Jeder bekommt sein gefriergetrocknetes
Interview, in Minischeiben von maximal vier
oder fünf Minuten, und dann: Der/die Nächste, bitte!
Zumindest normalerweise.
Zwanzig Minuten, verdammt. Ich bin nicht bereit.
Ich bin dem nicht gewachsen. Ich habe nicht genügend
Fragen. Ich habe nicht genug Leben, wie es in
den Videospielen heißt.
Ich will nach Hause. Sofort.
Da ich keine telepathischen Fähigkeiten besitze, hört
meine Gesprächspartnerin mich nicht jammern. Sie
glaubt, ich wäre ein wahrer Pro, nicht eine zurückgebliebene
Schülerin, die durch einen Irrtum in einen
Erwachsenen-Job geraten ist. Jeden Augenblick werde
ich enttarnt werden: »Was machst du denn hier?
Hast du deine Mama verloren? «
Doch nein. Im Gegenteil. Strahlend wartet Françoise
Saunier darauf, dass ich ebenfalls ein Lächeln anknipse.
»Du wirst sehen, Ben ist erstaunlich. Sehr sympathisch,
sehr unkompliziert. Ich gehe sogar so weit zu
sagen, dass er authentisch ist …«
Na sicher doch.
Was soll das heißen, »authentisch«? Hier ist nichts
»authentisch«, außer vielleicht das schicke Mobiliar
der Suite 312, in die ich endlich hineinkomme.
Da drinnen ist es viel zu voll. Ich stolpere über Kamerastativbeine,
suche einen freien Platz und finde keinen,
schlängele mich ganz nach hinten durch, wo eine
Art Mittagsbüfett aufgebaut ist. Eine Getränkeauswahl,
Blätterteigteilchen und ein mehrfarbiger Berg
aus Macarons von Ladurée. Ich beiße in ein leuchtend-rotes
Himbeer-Macaron, das ein bisschen klebt,
und bereue es umgehend. Fehlte nur noch, dass ich
mir ein Vampirlächeln zulege.
Kurz bevor sie zu jemand anderem weiterflattert, gibt
mir Françoise Saunier noch den Rest. »Marianne,
vergiss auf keinen Fall: keine persönlichen Fragen.
Die verabscheut er.«
»
ER IST EIN
SCHWIERIGER
KLIENT. WAS
ÜBERSETZT
SO VIEL HEISST
WIE: ER VERSPEIST
JOURNALISTEN
ZUM
FRÜHSTÜCK.
Ts, als würde ich ihn nach der Farbe seiner Unterhose
fragen wollen oder nach seiner bevorzugten Tantrastellung.
Und was, wenn ich diese Abmachung vergesse?
Wenn ich aus Versehen die Grenzen übertrete?
Darf ich ihn zum Beispiel zu seinen Wurzeln befragen,
oder springt er mir dann an die Gurgel? Ben Whyte
ist kein Amerikaner. Bevor er im Alter von neunzehn
Jahren dem Club der Hollywood-Unsterblichen beigetreten
ist, wurde er als ganz einfacher Mensch in
Auckland, Neuseeland geboren. Seitdem ist er auf Erfolgskurs.
Drei Golden Globes, eine goldene Palme in
Cannes, aber noch keinen Oscar.
Notiz an mich: auf keinen Fall die Oscars erwähnen.
Ich schnappe mir einen weiteren Macaron. Diesmal
Vanille, weil das zur Farbe vom Zahnschmelz passt.
Ich lecke mir den Zucker von den Fingern und versuche,
mich ein wenig zu beruhigen. Zu antizipieren,
wie groß die Erleichterung sein wird, wenn es vorbei
ist. Was sind schon zwanzig Minuten in einem ganzen
Leben? Fast nichts. Eine Fahrt in der Métro. Eine
Dusche.
»Keine persönlichen Fragen« und fertig.
42
CÉCILE MURY
LESEPROBE
2 Apokalypse Now
Der Tag neigt sich dem Ende. Ich habe keine Lust,
die Nachttischlampe anzumachen. Oder mich umzuziehen.
Ich bleibe, wo ich bin, zusammengekauert
am Ende meines Bettes, um dort zu vertrocknen. Im
wahrsten Sinne des Wortes: Der Kaffeefleck auf meiner
Jeans ist noch immer nicht ganz verschwunden. Er
verströmt weiterhin den kalten Schauder der Scham.
Das war vorhin auch das Erste, was Ben Whyte begutachtet
hat. Meinen Oberschenkel. Den rechten,
von der Hüfte bis zum Knie bekleckerten.
»Nimm dir was zu trinken«, hatte diese Françoise
gesagt.
Seit zwei Stunden wiederhole ich den Film in Endlosschleife.
Die ewige Warterei, die einen Schal aus
Angst und Ungeduld strickte. Eine Masche rechts
(alles wird gut laufen), eine Masche links (ich werde
sterben). Der große dampfende Becher, den ich gerade
entgegengenommen hatte, als die Organisatorin so
freundlich war, ein letztes Mal hinter mir aufzutauchen:
»Komm. Jetzt geht’s los.«
Ich zuckte erschrocken zusammen.
Aber einen Star lässt man nicht warten. Ich musste auf
der Stelle in die Suite 314 eilen, den Schenkel in Arabica
mariniert. Der Inhalt eines ganzen Bechers, der
wirkte wie ein ganzer Liter. Der Serviettenstapel, den
man mir notfallmäßig gereicht hatte, um das Desaster
aufzusaugen, war keine große Hilfe.
»This is Marianne Corvo, from the French magazine
L’Œil Hebdo. Sie hatte, ähm, einen kleinen Unfall …«
And this is Ben Whyte.
Autsch. Das tat weh.
Der Salon, den ich betreten hatte, sah fast haargenau
so aus wie der, den ich soeben verlassen hatte, ein weiteres
Möbellager mit Louis XV- oder XVI-Stücken,
keine Ahnung, um welchen Bourbonen es sich dabei
genau handelt. Der einzig wahre König ist der Mann,
der nun da thronte. Imposant, unbeweglich und träge
zwischen den feinen Goldverzierungen seines Sessels,
als mache er sich bereit, Recht zu sprechen, das Kinn
auf seine Faust gestützt.
Man konnte meinen, er posiere für das Plakat eines
unveröffentlichten Shakespeare-Dramas. Macht und
Schatten. Fehlten nur noch die Pelze und die schräg
sitzende Krone. Ansonsten schien er mit seinem
»
DER EINZIG
WAHRE
KÖNIG IST
DER MANN.
kurzen Bart aus kastanienbraunen Stoppeln direkt
von Richard III. abzustammen: Ben der Erste, genannt
Der Verdrossene, genauso entgegenkommend
wie eine Zugbrücke während einer Belagerung.
Wie konnte man nur zugleich so massig und so anmutig
sein? Und dazu so unhöflich? Er hatte sich nicht erhoben,
sich weder zu einer Geste noch zu einem Wort
durchgerungen, nicht mal ein »Komm näher, Vettel!«
(Oder wie es in der Originalversion mit Halskrause heißen
würde: »Come forth, thou filthy slob!«) Er glotzte
einfach nur meinen dampfenden Oberschenkel an.
Zu seinen Seiten saßen ein Mann und eine Frau, die
mich, während ich – pitsch-patsch, tropf-tropf – eilig
näherkam, ebenfalls musterten, mit diesem zerstreuten
Ekel, den man normalerweise für die großen Insekten
übrighat, die an Sommerabenden verliebt um
die Straßenlaternen flattern.
Sie war brünett, er mager. Ich sah sie beide verschwommen.
Françoise Saunier versuchte, sie mir vorzustellen. Leute
von Golden Lion, das große Studio, das den Film produzierte.
Normal. Man trifft Stars dieses Kalibers nicht
ohne ein paar Sicherheitsvorkehrungen. Allerdings
habe ich weder ihre genauen Funktionen noch ihre
Namen mitbekommen. So, wie meine Seele und meine
Haut in dem Augenblick in Flammen standen, erinnerte
ich mich kaum an meinen eigenen.
Es gibt nichts Verstörenderes, als einen Unbekannten
wiederzuerkennen. Ben Whyte sah nur einen Kaffeefleck,
ich sah nur seine Rollen. Alle versammelt in einem
Körper, alle im selben Sessel sitzend. Jedes Detail
dieses Gesichts erschien mir vertrauter als mein eigenes
Spiegelbild. Das ein wenig zu lange Kinn, der
schöne Angeberkiefer. Die Oberlippe gerade schmal
genug, um Lust zu machen, in die untere, vollere,
zu beißen. Die gerade Nase, geblähte Nasenlöcher,
Nüstern des Zorns.
Und die Augen, vor allem die Augen. Langgezogen,
schmal, gesenkte Lider. Geprügelter Hund. Aber
kein Köter, ob misshandelt oder nicht, hatte diesen
waldgrünen Blick. Moos, Bergbach und Tannen. Das
Territorium eines Wolfes.
Wen interessieren schon meine Cineastinnen-Illusionen?
Der Wolf war kein zahmes Tier, sondern eine
gefährliche Spezies. Und dieses Exemplar ganz besonders,
da es sich in seinem goldenen Käfig zu Tode
langweilte. Als die Pressedame verschwand, damit
wir »unter uns« sind, widerstand ich tapfer dem Impuls,
mich an ihren Rockzipfel zu klammern. Die Tür
fiel wie eine Gefängniszellentür mit einem kleinen
Klicken ins Schloss.
Ich dachte, es sei eine gute Idee, mich langsam mal auf
die erstbeste Sitzgelegenheit niederzulassen.
Die erstbeste Sitzgelegenheit war ein Mensch.
Ein vierter Fiesling fläzte sich in der Ecke des Sofas.
Schwer zu übersehen, und trotzdem habe ich ihn einfach
mal mit einem Kissen verwechselt. Als ich mich
schwer auf seine Knie plumpsen ließ, entfuhr allen ein
kleiner Schrei, inklusive mir. Wie von der Tarantel gestochen
sprang ich auf und stieß gegen den Couchtisch.
Wackeln. Klirren. Ein Glas rollte bis zum Rand der
Tischplatte.
»Oh, God«, entfuhr es Ben Whyte.
Eines Tages werde ich das Ganze vielleicht als eine
lustige Anekdote erzählen. Die Art von Geschichte,
die man gerne am Ende des Abendessens zum Besten
gibt, um die Zuhörer zu amüsieren. »Au ja, Marianne,
erzähl uns doch noch mal, wie du dich damals auf Ben
Whyte gesetzt hast!« Und ich: »Leute, Leute, nicht
auf Ben Whyte, nicht auf Ben Whyte. Aber wartet,
lieber von vorne …«
Eines Tages, allerdings nicht heute Abend und auch
nicht in naher Zukunft. Heute Abend sitze ich grübelnd
im Dunkeln und kann gerade so den Drang
unterdrücken, in eine Mülltonne zu steigen, den Deckel
zu schließen und auf die städtische Müllabfuhr
zu warten.
03.
JUL
2026
CÉCILE MURY
PARIS HOLLYWOOD
Aus dem Französischen
von Isabelle Toppe
Klappenbroschur
496 Seiten
18,00 € (D) 18,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06878-9
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Erscheinungs termin auf piper.de/leseexemplare oder
schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
44
FINSTER
AND
THOMAS DURCHSCHLAG
FINSTERLAND
an ihrem ersten Tag in der neuen
Dienststelle geraten die Polizeischüler
Mila Elias und Tom Schmidt in einen
ANDGleich
verstörenden Fall: Bei der Haushaltsauflösung
ihres Vaters entdeckt eine Frau in
einer Tiefkühltruhe die sterblichen Überreste
mehrerer Frauen. Der Fund steht
in Verbindung mit zwei alten Verbrechen
- dem Verschwinden einer Schülerin
und dem Mord an einer Prostituierten.
Offiziell gilt der Täter als tot. Doch Mila
zweifelt daran, dass er allein gehandelt
hat. Gegen den Willen ihrer Vorgesetzten
ermittelt sie weiter - und folgt einer
Spur zu jemandem, der sie längst selbst
ins Visier genommen hat …
THOMAS DURCHSCHLAG
45
THOMAS DURCHSCHLAG
INTERVIEW
INTERVIEW
Lieber Thomas, die Geschichte ist vom Fall
Manfred Seel inspiriert. Was hat dich gerade
an diesem Fall fasziniert?
Der faszinierendste Aspekt an dem echten Fall ist für
mich, dass es dem Täter gelungen ist, mutmaßlich
über Jahrzehnte, ein unentdecktes Doppelleben zu
führen. Dass seine Taten erst nach seinem Tod entdeckt
wurden. Das ist einfach unfassbar, und man
denkt darüber nach, wie so etwas möglich war und
ob es vielleicht noch andere Täter unter uns gibt, die
ähnlich geschickt vorgehen, und die bislang nicht zu
fassen waren.
Wie hast du entschieden, was du übernimmst
und was du bewusst verfremdest, um nicht
»am echten Fall entlang« zu erzählen?
Im Grunde habe ich nur zwei Aspekte der Ausgangsbasis
übernommen: Dass nach dem Tod des Täters
Leichenteile in seiner Garage entdeckt wurden und
dass die Ermittler von einem zweiten Mittäter ausgehen.
Danach ist alles fiktiv. Meiner Meinung nach
lassen sich echte Fälle nur sehr bedingt eins zu eins
in eine fiktive Erzählung übertragen. Fiktion braucht
Überhöhung und Zuspitzung. Es sind Geschichten,
die »larger than life« sein müssen, sonst fehlt beim
Lesen der Sog. Was Mila und Tom in wenigen Wochen
erleben, ist in der Wirklichkeit ein Ausnahmefall.
So etwas hat man als Ermittler vielleicht einmal
im Berufsleben, wenn überhaupt.
Welche Details aus deinen Recherchen bei
Polizei und Staatsanwaltschaft sind in Szenen
eingeflossen?
Ich habe einiges von der Sprache übernommen. Polizei
und Staatsanwaltschaft verwenden teilweise sehr
spezifische Begriffe, mit denen sie Sachverhalte beschreiben.
Das ist eine ganz eigene Welt, die ich sehr
spannend finde. Ich habe mir auch angewöhnt, auf
dem Schreibtisch eine kommentierte Ausgabe der
Strafprozessordnung zu haben, in der die Befugnisse
und auch Einschränkungen der Behörden präzise beschrieben
sind.
Warum stehen mit Mila und Tom ausgerechnet
zwei Polizeischüler im Zentrum und was
können sie erzählen, was ein routinierter
Kommissar als Hauptfigur nicht könnte?
Die zentralen Treiber einer Geschichte sind immer
Konflikte, und ich wollte zwei Hauptfiguren haben,
die gegen möglichst große Widerstände kämpfen
müssen. Mila und Tom befinden sich ja noch in der
Ausbildung und gehören deshalb noch nicht hundertprozentig
zur Polizei, genau wie auch Herbert, der
als Rentner schon ausgeschieden ist. Mila und Tom
kämpfen daher nicht nur gegen den Täter, sondern
auch gegen Bürokratie und ein hierarchisches System,
in dem sie sich erst noch etablieren müssen. Durch ihre
Regelverstöße gehen sie ein besonders hohes Risiko
ein, weil sie dadurch ganz klar ihre Karrieren riskieren.
Bei einem routinierten Kommissar würden diese
Konflikte anders ablaufen. Das könnte auch interessant
sein, aber ich fand die Perspektive junger Leute
spannend, weil sie noch neugierig sind und ihren
Platz in der Welt erst finden müssen.
Was ist Milas stärkste Fähigkeit – und was ihr
gefährlichster blinder Fleck?
Mila kann sich gut in andere hineinversetzen, hat
aber gleichzeitig einen starken Intellekt, durch den
sie die richtigen Schlüsse ziehen und die Ermittlungen
schnell vorwärtstreiben kann. Milas gefährlichster
blinder Fleck ist ihr Misstrauen, verbunden mit
dem Gefühl, sich ständig gegen alle durchsetzen zu
müssen. Dadurch fällt es ihr schwer, lange und tiefe
Bindungen einzugehen. Dass es mit Tom dennoch zu
einer Partnerschaft kommt, ist für Mila ein Schritt,
der ihr viel Mut abverlangt.
Der Leser ist geneigt, Tom zunächst als
»Papasöhnchen« und Milas Gegenpol
abzutun – was kannst du uns über seine
Persönlichkeit verraten?
Unter diesem Vorurteil leidet Tom seit seiner Jugend,
und er tut alles, um dem nicht zu entsprechen. Er will
seine Karriere nicht geschenkt bekommen, sondern
46
THOMAS DURCHSCHLAG
INTERVIEW
sie sich durch eigene Leistung erarbeiten. Neben dem
Willen, endlich aus dem Schatten seines Vaters herauszutreten,
ist sein stärkster Wunsch, sich zu beweisen
und dafür Anerkennung zu bekommen. Was
diesen Punkt anbelangt, ist er statt Milas Gegenpol
eher die andere Seite derselben Medaille.
Neben der packenden Spannungshandlung
ist auch das Geheimnis um Milas Vergangenheit
emotional ein sehr starker Twist. Wie
kamst du auf die Idee? Inwiefern beeinflusst
es ihre Persönlichkeit?
Bei der Entwicklung einer neuen Figur frage ich mich
immer, was das Schlimmste wäre, was ihr passieren
könnte. Wovor fürchtet sie sich am meisten? Was
würde sie am stärksten aus der Bahn werfen? Bei Mila
ist es dieser Punkt ihrer Biografie. Er bietet eine gute
Grundlage für ihr Misstrauen, das Gefühl der Verlorenheit
und ihre Suche nach Halt.
Mila bewegt sich ja beruflich in einer Welt, die aus
Abgründen und verborgenen Geheimnissen besteht.
Ich fand es passend, in eine solche Welt eine Figur zu
schicken, die, einem Spiegel gleich, ebenfalls etwas
Unentdecktes in sich trägt.
DNA-Manipulation ist ein harter Vorwurf. Wie
vermeidest du, dass es wie »alle sind korrupt«
wirkt – und für wie glaubwürdig hältst du es,
dass so etwas überhaupt möglich wäre?
Ich erzähle ja die Geschichte einer Ermittlung, an deren
Ende der Täter tatsächlich gefasst wird. Dass es
auf dem Weg dahin auch Korruption gibt, halte ich
für völlig normal. Ich glaube auch nicht, dass man
durch das Fehlverhalten Einzelner das ganze System
infrage stellen sollte, sondern sehe es eher als Aufforderung,
ständig wachsam zu sein.
Was den Austausch von DNA anbelangt, habe ich bei
meinen Recherchen zwei Sichtweisen kennengelernt.
Die einen halten es für völlig ausgeschlossen, die anderen
für problemlos möglich. Die Wahrheit wird
wohl irgendwo dazwischen liegen. Ich weiß aber auch,
dass die neue, gemeinsame Asservatenkammer der
Frankfurter Polizei und der Staatsanwaltschaft eine
Revisions- und Manipulationssicherheit von hundert
Prozent haben soll. Dort wäre ein Austausch in Wirklichkeit
wohl eher schwierig.
Welche Orte, Milieus oder Details machen für
dich den Raum Frankfurt/Hessen »thrillertauglich«
– und was ist daran für dich spezifisch
deutsch (nicht austauschbar gegen z.B.
London/NY)?
Das Reizvolle an Frankfurt sind die Gegensätze, die
hier auf engstem Raum kollidieren. Die Hochhäuser
der Banken in der Innenstadt und wenige Minuten
entfernt Milieus, in denen die Stadt ihre Schattenseiten
zeigt. Das Bahnhofsviertel mit Rotlicht und
Straßenkriminalität, der Flughafen als Tor zur Welt.
Überall prallen unterschiedlichste Interessen aufeinander
und sorgen für Konflikte. Dazu kommt das
Umland: die kleinen Städte im Speckgürtel und der
Taunus. Alles Orte, die nach Ruhe aussehen und dadurch
perfekte Verstecke für Verbrechen sein können.
Diese Mischung aus globaler Metropole und sehr bürgerlicher
Provinz ist für mich typisch deutsch. Dazu
kommen die hessischen Wälder, die an vielen Orten
etwas Märchenhaftes haben und eine Faszination ausstrahlen,
der man sich nur schwer entziehen kann.
Zudem ist Hessen von sechs anderen Bundesländern
umgeben, sodass sich fast automatisch Zuständigkeitskonflikte
ergeben, was Ermittlungen über Ländergrenzen
hinweg betrifft. Das ist ein Thema, das ich in
zukünftigen Bänden auch unbedingt aufgreifen will.
Spilles, Senner, Voigt, Werhahn – du legst
mehrere plausible Täterspuren. Wie planst
du so etwas: erst Täter festlegen und dann
falsche Fährten bauen, oder beim Schreiben
entdecken?
Es ist eine Mischung aus beidem und verändert sich
beim Schreiben auch. Meist habe ich zu Beginn eine
Ahnung, wie es sein könnte, und passe die einzelnen
Schritte dann kontinuierlich an. Dabei ist für mich
am wichtigsten die ständige Überraschung. Die Leser
müssen eine Ahnung haben, wie es sein könnte, nur
damit dann das Gegenteil passiert. Oft fallen mir auch
Wendungen ein, von denen ich selbst überrascht bin
und auf die ich mich dann auch neu einlassen muss.
Was ist dein persönlicher Lieblingsthriller?
Immer noch »Die geheime Geschichte« von Donna
Tartt. Für mich ein zeitloses Buch, das bei jedem Lesen
erneut fasziniert.
47
THOMAS DURCHSCHLAG
LESEPROBE
LESEPROBE
1.
»Guten Morgen zusammen!«
Mila drehte sich zu der dunklen, vollen Stimme um
und blickte in die Augen von Stefan Wolf, der gerade
hereinkam. Er nickte ihr zu. Wolf war um die fünfzig,
hatte die grauen Haare kurz geschnitten und die
Aura eines Mannes, der es gewohnt war, das Sagen zu
haben. Wie bei ihrer ersten Begegnung trug er einen
dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd und hellbraune
Lederschuhe, die frisch geputzt im Licht der
LED-Röhren glänzten.
Vor fünf Wochen hatte er sie mit seinen Fragen regelrecht
gegrillt. Warum sie hierher wolle? Ob sie leicht
zu erschüttern sei, und warum sie glaube, für diese Art
Job geeignet zu sein? Und vor allem: Was ihre Motivation
wäre? Mila hatte geantwortet, dass Deutschland
ihre Eltern und sie aufgenommen und sie den
Wunsch habe, der Gesellschaft dafür etwas zurückzugeben.
Sie fand ihre Antwort ganz okay, aber der
Wahrheit entsprach sie nicht. Den wirklichen Grund
kannte Mila selbst nicht. Als Tochter von Flüchtlingen
war sie während der Schulzeit ein Magnet für
Provokationen und Handgreiflichkeiten ihrer Mitschüler
gewesen, was sie schnell sensibel für unfaires
Verhalten gemacht hatte – auch anderen gegenüber.
Das war etwas, mit dem sie nur schwer klarkam. In
diesen Momenten regte sich bei ihr eine innere Stimme,
dagegen etwas zu tun. Mila hatte immer gespürt,
dass ihr Wunsch, Polizistin zu werden, tief in ihrer
Vergangenheit wurzelte. Doch sie hatte nicht den
Mut gefunden, es Wolf direkt zu sagen. Vielleicht lag
es daran, dass er während ihres Gesprächs keinerlei
Gefühlsregung gezeigt hatte. Für Mila wirkte das wie
ein Schutzpanzer. Ein Panzer, den jemand brauchte,
der ständig mit Lügen konfrontiert wird.
Während die anderen sich setzten, blieb Wolf stehen.
Er kam direkt zur Sache.
»Heute Morgen erhielt der Notruf in Hofheim einen
Anruf von einer Frau aus Schwalbach am Taunus,
die den Haushalt ihres verstorbenen Vaters auflöst.
CEBIUS hat den Anruf um 7:58 Uhr aufgenommen.
Die Frau gab an, in der Kühltruhe einen weiblichen
Kopf und vier Hände gefunden zu haben.«
Mila spürte eine prickelnde Welle der Erregung ihren
Nacken hinabrollen. Ein Mordfall an ihrem ersten
Tag war genau das, was sie sich erhofft hatte.
»Die Kriminalwache Hofheim hat den Sicherungsangriff
vorgenommen. Tatverdächtiger ist der ehemalige
Hauseigentümer und Vater der Anruferin,
Markus Biehl. Geboren dreißig null neun einundsechzig,
Idstein im Taunus. Verstorben vor drei Wochen in
Schwalbach. Natürliche Todesursache. Lungenkrebs.«
»Hat er Akte?«, fragte Astrid.
»Nein. Laut Finanzamt Anbieter eines Hausmeisterservices.
Nichts Auffälliges. Wir übernehmen jetzt
den Tatort. Neben dem Grundstück gibt es noch eine
Doppelgarage und zwei Kfz. Dafür haben wir ebenfalls
einen Beschluss. Aktenführung übernimmt Harald.
Andreas und Kirsten: Ihr macht das Tatortteam.
Astrid, Michael und Achmed sind das Ermittlungsteam.
ED und KTI schickt das LKA. Die Kripo Hofheim
stellt einen Seelsorger.«
»Gibt es noch andere Angehörige? Was ist mit seiner
Frau?«, fragte Michael.
Wolf schüttelte den Kopf. »Die Frau ist ebenfalls verstorben.
War bis zu ihrem Tod vor einem Vierteljahr
mit ihm verheiratet.«
Mila beugte sich zu Astrid und flüsterte: »Und was
sollen wir tun?«
»Macht euch Notizen und sammelt Eindrücke«, antwortete
sie leise. »Wenn ihr etwas von Belang seht,
dann sagt es mir. Fasst nichts an, es sei denn, ihr werdet
dazu aufgefordert. Ansonsten versucht ihr, nicht
im Weg herumzustehen.«
»Wir sollen nur dabei sein und zuschauen?«, fragte
Tom einen Tick zu laut.
»Ich denke, ich habe mich klar genug ausgedrückt«,
zischte Astrid. »Vermasselt es nicht. Verstanden?«
»Verstanden«, erwiderte Mila leise. Aus dem Augenwinkel
sah sie, dass auch Tom nickte. Dass sie im Wesentlichen
die Rolle der Beobachter hatten, war für
Mila genau das Richtige. So konnte sie in Ruhe eigene
Eindrücke sammeln.
48
THOMAS DURCHSCHLAG
LESEPROBE
»Das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft führt der
Kollege Voigt. Weil wir nicht wissen, was uns in dem
Haus sonst noch erwartet, sind wir mit großem Besteck
da. Los geht’s!«
2
Die Fliehkräfte pressten Mila gegen den Kollegen
auf der Rückbank links neben ihr, als der schwarze
Mercedes-Sprinter in einer scharfen Rechtskurve
die Tiefgarage verließ und auf die Miquelallee Richtung
A66 einbog. Die unerwartete Nähe war ihr
unangenehm, doch der Mann – Mila glaubte, dass
es der war, der Harald hieß – sagte kein Wort. Alle
im Wagen schwiegen. Jeder schien seinen eigenen
Gedanken nachzuhängen. Mila spürte die Anspannung
wie eine unsichtbare Faust, die nach ihrem
Herz griff.
In der Innentasche ihrer Jeansjacke ertastete Milas
Hand ein kleines Fläschchen japanisches Minzöl.
Falls es gleich zu heftig werden sollte, würde sie sich
davon einige Tropfen unter die Nase reiben. Den
Tipp hatte ihnen ihre Ausbilderin in Kriminalistik
gegeben.
Mila schaute auf die Uhr, als sie den Ortseingang
von Schwalbach erreichten. Es war 10:23 Uhr. Die
Straßen hier waren schmal, und ihre Ränder säumten
Einfamilienhäuser mit gerade geschnittenen
Hecken. Je näher sie dem Fundort kam, desto stärker
spürte Mila den Druck, mit dem ihr Körper das
Adrenalin in die Adern pumpte.
Durch die Windschutzscheibe sah sie, dass der Wagen
in eine Sackgasse einbog. Hier waren die meisten
Häuser freistehend. Durch die Lücken zwischen ihnen
erblickte Mila einen Traktor, dessen Anhänger
Gülle auf den Feldern hinter der Straße versprühte.
Der Wagen stoppte vor dem letzten Haus. Als Mila
ausstieg, hörte sie bereits das blau-weiße Polizeiabsperrband
leise im Wind flattern. Dahinter stand ein
Anwohner im Rentenalter mit Bauch, Hawaii-Shirt
und einer Brötchentüte unter dem Arm. Irritiert beäugte
er die Armee aus Streifen- und Mannschaftswagen,
die plötzlich in sein Dorf gekommen war und nun
ein unscheinbares Einfamilienhaus umringte. Der
Bungalow aus den Sechzigern hatte ein Flachdach,
weiß gestrichene Wände und eine Doppelgarage. Vorgarten
und Einfahrt waren mit rotbraunen Ziegelsteinen
gepflastert, perfekt gepflegt, kein Unkraut.
Milas Blick fiel auf eine etwa vierzigjährige Frau, die
hinter einem mobilen Sichtschutz kauerte. Sie war
umringt von zwei Sanitätern und dem Seelsorger,
einem Uniformierten mit Kreuz als Ärmelabzeichen.
Mit zitternden Händen zündete sie eine Zigarette an
und inhalierte mechanisch den Rauch. Ihr Gesicht
war eine Maske - fahl, ausdruckslos, und mit leeren
Augen, die aussahen wie dunkle Knöpfe. Das musste
die Anruferin sein. Die Tochter des mutmaßlichen
Mörders.
Mila fragte sich, wie es war, einen Vater zu haben,
den man als liebevoll und beschützend kannte, nur
um dann zu erfahren, dass er ein grausamer Psychopath
und Mörder war. Oder hatte er sie womöglich
selbst misshandelt? Egal wie, die Hölle, die diese
Frau seit heute Morgen durchlebte, musste endlos
sein.
»Alle mal herhören!« Astrid zog die Aufmerksamkeit
auf sich. »In der Kühltruhe im Keller befinden
sich ein Frauenkopf und vier abgetrennte Hände in
einer durchsichtigen Kunststoffhülle. Die sichern
wir als Erstes. Die Erkennungsdienstler kleben das
Haus nach Spuren ab, und danach sind wir an der
Reihe. Sucht nach allem, was ein Hinweis auf die
Körperteile und die Opfer sein könnte. Dreht alles
um und nehmt lieber zu viel als zu wenig mit. Nach
dem Haus nehmen wir uns die Garage vor. Fragen?«
Niemand meldete sich. Die sechs Frauen und Männer
des ED-Teams, die hintereinander gehend wie
eine große weiße Raupe aussahen, betraten das Haus.
Falls Mila später an der Akademie über ihre Erfahrungen
berichten sollte, musste sie vorbereitet sein.
Sie holte ein kleines Notizbuch aus ihrer Hosentasche
und begann, die wichtigsten Schritte aufzuschreiben.
Sie machte zudem eine Skizze des Bungalows
und der unmittelbaren Nachbarschaft, um
sich später an Details besser erinnern zu können.
Außerdem notierte sich Mila Fragen, die sie später
mit Astrid besprechen wollte. Besonders interessierte
sie, wie der Kopf und die Hände in das Haus gekommen
waren. Hatte Biehl seine Opfer hier ermordet
und dann vor Ort zerstückelt? Würden sie auf
dem Grundstück noch weitere Leichenteile finden?
Und falls nicht: Wo wäre dann der Tatort, wenn
Biehl den Kopf und die Hände woanders abgetrennt
und erst danach hierher verbracht hatte? Unklar war
auch, wie viele Opfer es waren. Das würden sie erst
nach der rechtsmedizinischen Untersuchung wissen.
Falls die vier Hände von jeweils einer Person stammten,
konnten es zusammen mit dem Kopf bis zu fünf
Opfer sein. Falls es jedoch zwei Handpaare waren
und eines davon zu dem Kopf gehörte, wären es lediglich
zwei Opfer.
»Da sind sie drin!«, sagte Tom, und in seiner Stimme
schwang die gleiche Aufregung mit, die auch
Mila verspürte. Sie hatte ihn zuvor nicht bemerkt
und fragte sich, wie lange er dort schon stand und
ob er ihre Aufzeichnungen gesehen hatte. Sie klappte
ihr Notizbuch zu und schaute nach vorne. Zwei
ED-Männer kamen mit jeweils einer koffergroßen
Kühlbox aus dem Haus und luden sie in den Fond
eines Kombis. Mila spürte einen Kloß im Hals, der
nicht wegging, egal wie oft sie schluckte.
Damit war das Haus freigegeben.
Das Innere war düster. Kleine Fenster mit Gardinen
ließen kaum Licht herein, Mila drehte sich zum
Wandregal. Unterhalb eines Fachs mit Schnaps- und
Likörflaschen stand ein Fotoalbum.
Ein Foto erregte Milas Aufmerksamkeit.
Es zeigte Biehl und seine Frau vor einem Buffet mit
Grillfleisch und Kartoffelsalat. Er biss gerade in eine
Frikadelle und blickte direkt in die Kamera. Mila
hob das Album höher, um seine Augen genauer zu
betrachten. Sie konnte das, was sie darin sah, nicht
eindeutig benennen, aber es hinterließ ein Gefühl
der Enge in ihrer Brust. Sie blickte durchs Fenster
in den blauen Himmel. Egal, ob die Rechtsmedizin
zwei oder fünf Opfer feststellen würde, Mila war
überzeugt, dass hier noch mehr zu finden war.
Sie widmete sich dem restlichen Album und stieß
auf ein Foto von Biehl mit Nachbarn auf zwei blauen
Fässern an einer Bierbank. Es waren Behälter, wie
sie in der Gastronomie für Lebensmittelabfälle verwendet
wurden. Auch Milas Eltern entsorgten darin
Fett und Essensreste ihrer Kunden.
»Schau mal«, sagte Mila und drehte die Seite zu
Andreas. Dabei tippte sie auf die Fässer. »Seltsam,
oder?«
02.
OKT
2026
THOMAS DURCHSCHLAG
FINSTERLAND
Klappenbroschur
480 Seiten
15,00 € (D) 15,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06991-5
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(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
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SIBYLLE ANDERL
BEQUEME NEUE WELT
SIBYLLE ANDERL
BEQUEME
NEUE
WELT
SACHBUCH
51
SIBYLLE ANDERL
INTERVIEW
INTERVIEW
Viele Menschen verbinden die moderne Welt
eher mit Stress und Überforderung. Warum
zeichnet sie sich Ihrer Meinung nach durch
Bequemlichkeit aus?
Tatsächlich hängt beides zusammen: Stress und
Überforderung liefern für uns nicht selten eine innere
Rechtfertigung, die bequemere Lösung zu
wählen, obwohl wir eigentlich wissen, dass die anstrengendere
die bessere wäre. Das fängt bei der
abendlichen Bestellung von Fast Food an, obwohl
selbst zu kochen viel besser wäre, geht weiter, wenn
wir uns am liebsten mit Gleichgesinnten umgeben,
weil wir keine Lust auf anstrengende Diskussionen
haben. Und es reicht schließlich bis zu den ganz großen
existentiellen Fragen. Zum Beispiel, wenn wir
der Auseinandersetzung mit Alter und Krankheit
aus dem Weg gehen.
Ist Bequemlichkeit immer schlecht? Wenn
wir uns Anstrengung abnehmen lassen,
haben wir doch mehr Kapazitäten für andere
Dinge frei.
Ab und zu Mühen aus dem Weg gehen zu wollen, ist
natürlich völlig normal. Allerdings leben wir heute in
einer Welt, in der unserer Sehnsucht nach Bequemlichkeit
so einfach zu folgen ist wie nie zuvor. Das ist
nicht immer gut für uns und macht uns zudem leicht
manipulierbar.
Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Ein aktuelles Beispiel sind die mittlerweile bei jeder
Suchmaschinen-Anfrage im Internet oben eingeblendeten
KI-Antworten. Die ersparen es uns, mühsam
auf Links zu klicken und die Qualität der Quellen
zu beurteilen. Dafür aber müssen wir uns darauf
verlassen, dass die KI nichts Falsches schreibt und
dass sie verlässliche Informationen nutzt. Zudem
erlauben wird den entsprechenden Digitalunternehmen
noch stärker als beim klassischen Googeln,
darüber zu entscheiden, welche Informationen wir
zu sehen bekommen – und machen sie dadurch noch
mächtiger.
Sie kennen sich sowohl in den Natur- als auch
in den Geisteswissenschaften aus. Inwiefern
hat Ihnen das geholfen, dieses Buch zu
schreiben?
Das Buch ist notwendigerweise interdisziplinär. Da
es um menschliches Verhalten geht, spielt natürlich
die Psychologie eine wichtige Rolle. Da unser Hang
zur Bequemlichkeit heute an vielen Stellen durch
technische Lösungen bestärkt wird, müssen wir
uns natürlich auch damit beschäftigen. Schließlich
führt die Frage, warum sich das Unbequeme lohnt,
in die Philosophie: Warum brauchen wir die kontroverse
Auseinandersetzung mit anderen? Was würde
es bedeuten, wenn wir nicht mehr lernen müssten?
Was gibt uns Sinn im Leben? Wir Menschen stehen
heute vor großen Herausforderungen. Die können
wir nur meistern, wenn wir die naturwissenschaftliche
und die geisteswissenschaftliche Perspektive
kombinieren.
Wenn Sie dafür plädieren, sich anzustrengen,
sich etwas zuzumuten – winkt uns auch eine
Belohnung?
Natürlich. Die Erfahrung machen wir ja auch
selbst, wenn wir uns mal überwinden: Wir entdecken
Unerwartetes, lernen Neues, verstehen Dinge
besser, bekommen ein umfassenderes Bild der
Welt und führen insgesamt ein reicheres Leben.
Aber auch in einer größeren Perspektive muss man
sagen: Wenn wir eine gute Zukunft für alle wollen,
dann werden wir die nicht durch Bequemlichkeit
erreichen.
Gibt es eine Bequemlichkeit, auf die Sie selbst
häufig oder dauerhaft verzichten – und was
machen Sie stattdessen?
Tatsächlich schreibe ich noch alle Texte und E-Mails
selbst und lese Bücher von vorne bis hinten, ohne von
KI erstellte Zusammenfassungen zu nutzen. Und ich
bestelle nichts im Internet, aber das zählt eigentlich
nicht, weil das vor allem daran liegt, dass ich grundsätzlich
nicht gerne einkaufe.
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SIBYLLE ANDERL
VITA
VITA
Sibylle Anderl ist eine preisgekrönte Wissenschaftsjournalistin.
Wie wenige andere Autor:innen ist
sie in Natur- und Geisteswissenschaften gleichermaßen
zu Hause und weiß beides unterhaltsam
zu vermitteln. Nach dem Studium der Physik und
Philosophie promovierte und forschte sie im Fach
Astrophysik. Sie war Redakteurin im Feuilleton der
FAZ und Leiterin des Wissenschaftsressorts in
FAZ und FAS; seit 2024 leitet sie das Ressort
»Wissen« bei der ZEIT. Außerdem ist sie Mitherausgeberin
der Kulturzeitschrift Kursbuch
und moderiert Wissenssendungen im Fernsehen.
In DIE ZEIT schreibt Anderl über KI, Erkenntnistheorie
und Wissenschaftskultur und verbindet
interdisziplinäre Perspektiven auf Technik und
Gesellschaft. Mit klarer Sprache und kritischem
Blick macht sie komplexe Zusammenhänge verständlich
und diskutiert die Rolle des Menschen
im digitalen Zeitalter.
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SIBYLLE ANDERL
LESEPROBE
LESEPROBE
Wagt das Unvorhergesehene!
Urlaub machen ohne Internet? Das kann man sich
heute kaum noch vorstellen. Wie hat man früher das
beste Hotel gefunden? Woher wusste man, ob der
Strand wirklich so nah gelegen ist, wie im Reiseprospekt
behauptet? Wie hat man die günstigste Reiseverbindung
ermittelt? Wie hat man Freunde und Familie
genügend engmaschig über die Reise auf dem
Laufenden gehalten? Was hat man gemacht, wenn
man sich im fremden Land verfuhr?
Sich gedanklich in die Lage eines Reisenden vor
dreißig oder vierzig Jahren zu versetzen, fällt uns
schwer. Daran ändert es auch nichts, wenn man –
wie ich – die Zeit ohne Laptop und Handy noch
selbst erlebt hat. Ich erinnere mich gut daran, wie ich
zusammen mit meinen Eltern Reisekataloge durchgeblättert
habe. Und daran, wie gleich zu Beginn der
Reise ernste atmosphärische Verstimmungen aufkamen,
wenn der Beifahrer den passenden Seitenanschluss
im ADAC-Reiseatlas zu spät gefunden hatte,
so dass die entscheidende Autobahnabfahrt schon
verpasst war. Aber wie haben meine Eltern zum Beispiel
diese kleine und sehr sympathische Pension
in Südtirol entdeckt, die sicher in keinem Katalog
verzeichnet war? Oder wie haben sie 1990 nach der
Maueröffnung unsere ersten Reisen nach Sachsen
und Thüringen organisiert? Ich habe keine Ahnung.
Heute haben wir Zugriff auf eine kaum noch überschaubare
Menge von Informationsquellen. Ob dadurch
Urlaub besser oder schlechter geworden ist,
wird in Online-Foren kontrovers diskutiert. Klar ist:
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unser Umgang
mit Unsicherheiten enorm verändert, Urlaubsplanung
ist da nur ein Beispiel von vielen. Wer will,
kann bevorstehende Aktivitäten – vom Zoobesuch
am Wochenende bis zum Zahnarzttermin am anderen
Ende der Stadt – minutiös vorausplanen. Das
ist wahnsinnig praktisch, insbesondere wenn man
Informationen über Barrierefreiheit braucht oder
sich unsicher fühlt. Und es kommt unserem menschlichen
Drang entgegen, den Verlauf der Dinge vorhersagen
zu wollen.
Dieser Drang ist stark. Manche Wissenschaftler sagen,
dass er den Kern unserer Intelligenz ausmacht.
Demnach ist unser Gehirn im Grunde eine Vorhersagemaschine.
Predictive Coding ist eine populäre
Theorie der Hirnforschung, die diesen Gedanken
genauer ausführt. Das Gehirn erstellt demnach ein
mentales Modell der Umwelt, mit dem es künftige
Sinneswahrnehmungen und Ergebnisse von Handlungen
prognostizieren kann. Anders gesagt: Wir
Menschen treten der Welt mit einer Menge sehr
spezifischer Erwartungen entgegen.
Die meisten Erwartungen wirken dabei unbewusst.
Wir machen uns zum Beispiel normalerweise keine
Gedanken über unsere Annahme, dass Dinge nicht
einfach so wegfliegen – Astronauten müssen sich
bei ihrem ersten Aufenthalt in der Schwerelosigkeit
dann aber mühsam von dieser Erwartung verabschieden,
wenn sie nicht ständig ihr Werkzeug
suchen wollen, wie mir der zwölfte deutsche Raumfahrer
Matthias Maurer einmal berichtet hat.
Tatsächlich sind unsere Erwartungen an die Welt
unglaublich vielschichtig. Wir erwarten, dass die
Tastatur unter unseren Fingern einen Widerstand
gibt, dass Wasser neutral schmeckt, dass der Bekannte
mich per Handschlag begrüßt, wenn ich
ihm zum Gruß die Hand hinhalte. Wenn diese Erwartungen
enttäuscht werden, irritiert uns das. Die
Wahrnehmung passt nicht. Wir werden aus unseren
Routinen gerissen. Wir bekommen gewissermaßen
eine Erwartungs-Fehlermeldung.
Die Funktionsweise des Gehirns ist so ausgerichtet,
dass solche Fehler möglichst zu vermeiden sind. Denn
wer schon weiß, was künftig geschehen wird, hat einen
evolutionären Vorteil. Organismen müssen sich
darauf verlassen, dass sie auf Umweltveränderungen
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SIBYLLE ANDERL
LESEPROBE
Allerdings ist es unmöglich, alles erfolgreich vorherzusagen.
Die Welt ist kein mechanisches Uhrwerk,
schon kleinste Details und Geschehnisse, über
die wir gar nichts wissen können, sind in der Lage,
völlig unvorhersehbare Ereignisketten mit drastischen
Folgen in Gang zu setzen. Oftmals können
wir daher allenfalls Wahrscheinlichkeiten angeben.
Aber für die zumindest entwickeln wir im Laufe unseres
Lebens auf der Grundlage vergangener Erfahrungen
ein ganz gutes Gefühl. So weiß ich, dass mir
wegschwebende Gegenstände im windstillen Zimmer
gravierende Sorgen bereiten sollten – sofern ich mich
nicht auf der Internationalen Weltraumstation befinde.
«
WER Z U
DETAILLIERT
PLAN T, GEHT
DAS RISIKO EIN,
VON DEN
KLEINSTEN
HINDERNISSEN
AUS DEM
KONZEPT
GEBR ACHT Z U
WERDEN.
so reagieren können, dass ihr Überleben nicht gefährdet
ist, oder sie diese sogar nutzen können.
Pflanzen nehmen etwa die länger werdenden Tage
und wärmeren Temperaturen im Frühling als Hinweis,
dass sie nun neue Blätter austreiben können,
ohne dass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit sofort
wieder erfrieren.
Wir führen heute ein Leben, wo es in den seltensten
Fällen unsere Existenz gefährdet, wenn sich die
Dinge nicht unseren Erwartungen fügen. Es bleibt
aber anstrengend. Wenn alles unseren Erwartungen
gemäß läuft, wenn also das Modell funktioniert, das
unser Gehirn von der Welt erstellt hat, können wir
uns ganz auf unsere Intuition und unser Bauchgefühl
verlassen. Aber wenn etwas nicht wie erwartet funktioniert,
dann startet in unserem Kopf die rationale
Analyse des langsamen Denkens, wie Daniel Kahneman
es nennt, um die Kontrolle wiederzuerlangen:
Wie muss ich reagieren? Was ist schiefgelaufen? Wo
habe ich mich geirrt? Was mache ich jetzt? Das dauert
und braucht zusätzliche Hirnkapazität.
Es spricht vieles dafür, sich mindestens seinen Alltag
(wenn nicht gar den Urlaub) so zu gestalten, dass alles
möglichst erwartungsgemäß und reibungsfrei verläuft.
Zumal es heute, wie eingangs beschrieben, so
einfach wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte
ist, sich auf der Grundlage digital verfügbarer Informationen
ein höchst detailliertes und zuverlässiges
Modell zukünftiger Aktivitäten zu erstellen. Aber
trotzdem gibt es für uns Menschen doch auch ein Zuviel
des Vorhersagenwollens.
Wer zu detailliert plant, geht das Risiko ein, von den
kleinsten Hindernissen aus dem Konzept gebracht
zu werden. Akribische Planung ist das Gegenteil von
Flexibilität, Kreativität und Innovation. Insbesondere
für den erfolgreichen Umgang mit größeren Veränderungen,
wie fast jeder sie regelmäßig beruflich und
privat zu meistern hat, raten Coaches daher dazu, den
Umgang mit Neuem und Unerwarteten zu trainieren.
Gerade wenn sich die Dinge um uns herum verändern,
stehen uns unsere lieb gewonnenen Sichtweisen
und Erwartungen oft im Weg. Die zu ändern, ist aber
nicht so einfach, denn sie helfen uns ja eigentlich, reibungsfrei
durchs Leben zu kommen.
Immerhin gibt es eine Strategie – die aber anstrengend
ist. Sie besteht darin, dass wir uns in Situationen bringen,
in denen die gängigen Erwartungen scheitern. Denn
dann muss unser System reagieren. Es passt sich an das
Neue an, es lernt und entwickelt sich weiter. Man kann
das ganz leicht experimentell beobachten, wenn man
bekannte Erwartungen bei anderen Menschen unterläuft.
Wenn man ausgesprochen nett zu jemandem ist,
der gerade erst etwas Gemeines zu einem gesagt hat
zum Beispiel. Dann merkt man, wie die vorbereiteten
Verhaltensmuster plötzlich ins Leere laufen. In solchen
Momenten entsteht manchmal die Offenheit, einen
gemeinsamen neuen Umgang miteinander zu finden,
weil alle Beteiligten den Tunnelblick ihrer eingeübten
Wahrnehmungsroutinen hinter sich lassen müssen.
Der Physiker und Kybernetiker Heinz von Foerster hat
das in einem berühmten Zitat so formuliert: »Handle
stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst!«.
Wenn nicht von vornherein klar ist, was als nächstes
passiert, ergibt sich zwar Unsicherheit, aber auch der
Raum für Neues.
Wer das regelmäßig trainiert, wird gleichzeitig auch
resilienter. Man wird von Unvorhergesehenem oder
gar schockierenden Entwicklungen weniger leicht
aus der Bahn geworfen, weil einem der Umgang damit
nicht fremd ist. Man ist flexibler, weil man auch
Möglichkeiten sieht, die nicht genau den Erwartungen
entsprechen. Und man ist insgesamt agiler, wenn
Veränderungen auftreten, ohne von Planabweichungen
sofort gestresst zu sein.
Dann ist vielleicht nicht gleich der ganze Urlaub
ruiniert, wenn es wider Erwarten im Hotel doch
kein funktionierendes Schwimmbad gibt. Stattdessen
kann man kann sich darüber freuen, dass man
durch den Besuch des öffentlichen Hallenbades ein
ganz neues und unerwartet hübsches Stadtviertel
entdeckt, in das man ansonsten niemals gefahren
wäre.
Das heißt natürlich nicht, dass wir ab jetzt nur noch
offline mit einem alten ADAC-Autoatlas in den Urlaub
aufbrechen dürfen, wenn wir fit für Resilienz
und kreatives Denken sein wollen. Aber es liefert zumindest
ein paar Argumente dafür, ab und zu einmal
den Mut aufzubringen, sich unvorbereitet in neue Situationen
zu stürzen.
04.
SEP
2026
SIBYLLE ANDERL
BEQUEME NEUE WELT
Was wir gewinnen, wenn
wir uns etwas zumuten
Hardcover mit Schutzumschlag
160 Seiten
22,00 € (D) 22,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07483-4
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SUSAN LINK
»ICH HABE EINE WASSERMELONE GETRAGEN«
SUSAN LINK
SACHBUCH
»ICH HABE EINE
WASSERMELONE
GETRAGEN«
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SUSAN LINK
INTERVIEW
INTERVIEW
Frau Link, warum brauchen wir gerade jetzt
ein Buch über die Frauen der Generation
X – und warum erzählen Sie diese Geschichte
ausgerechnet jetzt?
Wir werden oft die vergessene Generation genannt,
manchmal sogar die verlorene. Auf jeden Fall stehen
wir irgendwo zwischen den lauteren Boomern und
den viel diskutierten Millennials – und werden dabei
gern übersehen. Dabei sind wir jetzt um die fünfzig
und stehen mitten im Leben. Mit Verantwortung im
Job, für unsere Kinder und oft auch für unsere Eltern.
Wir haben erlebt, wie sich Rollenbilder und Erwartungen
– besonders für uns Frauen – grundlegend
verändert haben. Wir mussten lernen, mit neuen Familienmodellen
umzugehen, waren Scheidungs- oder
Schlüsselkinder und haben früh Verantwortung übernommen,
obwohl uns oft die Vorbilder fehlten. Über
andere Generationen wird viel gesprochen – über uns
kaum. Jetzt ist der Moment, diese Lücke zu schließen.
Und ehrlich gesagt: Wir haben genug erlebt, um etwas
zu sagen.
Sie moderieren seit vielen Jahren das ARD-
Morgenmagazin und den Kölner Treff. Wie
hat diese mediale Sichtbarkeit Ihren Blick auf
die Unsichtbarkeit vieler Frauen Ihrer Generation
geprägt?
Mir ist vor allem aufgefallen, wie viel Unsichtbares
hinter sichtbarem Erfolg steckt. Ich habe viele Frauen
erlebt, die im Licht stehen oder auf Bühnen arbeiten –
und von denen kaum jemand weiß, welche Hürden
sie genommen haben, aus welchen Verhältnissen sie
kommen oder woher sie die Kraft für all das ziehen.
Viele haben sich durch Männerwelten bewegt, mit
Selbstzweifeln gelebt und gleichzeitig versucht, alles
zu schaffen. Unsere Generation konnte mehr und andere
Berufe ergreifen als die davor – und sollte trotzdem
Familie, Kinderbetreuung und Verantwortung
ganz selbstverständlich mittragen.
Diese Geschichten sichtbar zu machen bedeutet nicht
nur Aufmerksamkeit, sondern vor allem Verständnis
und Anerkennung. Und es hilft auch, all jene Frauen
zu sehen, die nicht im Rampenlicht stehen – weil man
ihre Wege, ihre Brüche und ihre Leistungen dann
vielleicht besser versteht. Das hat meinen Blick geprägt
und die Idee zu diesem Buch bestimmt.
In Ihrem Buch sprechen Sie mit starken Persönlichkeiten
wie Bärbel Bas, Annette Frier,
Miriam Meckel, Martina Voss-Tecklenburg
und Désirée Nosbusch. Welche Gemeinsamkeiten
im Lebensgefühl der Generation X haben
Sie in diesen Gesprächen immer wieder
entdeckt?
Bei allen habe ich sehr ähnliche Leitmotive entdeckt:
den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung –
meist ohne direkte Vorbilder. Viele waren die erste
oder einzige Frau in Männerwelten und haben gelernt,
sich anzupassen, zu funktionieren und trotzdem ihren
eigenen Weg zu gehen, oft mit den Fragen im Kopf:
Bin ich genug? Bin ich sichtbar? Darf ich laut sein?
Sie haben Herausforderungen angenommen, Hürden
überwunden und sich behauptet, auch wenn die
Spielregeln nicht für sie gemacht waren. Mich hat interessiert,
wie ihnen das gelungen ist, wer und was sie
geprägt hat – und wo sie heute stehen. Genau darin
zeigt sich für mich das Lebensgefühl unserer Generation.
Wann hatten Sie persönlich das Gefühl, »nur
zu funktionieren« – und was hat das mit Ihrem
Buchprojekt zu tun?
Funktionieren ist nicht immer etwas Negatives. Für
mich ist es oft ein Schutzmechanismus. Ein Modus,
mit dem man durch stressige Zeiten kommt, indem
man anderes erst einmal ausblendet. Als Kind habe
ich nach der Wende zum Beispiel sehr gut funktioniert:
Neustart im Westen, alles fremd, emotionaler
Ausnahmezustand. Also habe ich einfach meine
Leistung in der Schule gebracht, versucht, möglichst
unauffällig durch den Alltag zu kommen und meine
Mutter zu entlasten. Später ging es dann vor allem darum,
Familie und Beruf – mit eher ungewöhnlichen
Arbeitszeiten – unter einen Hut zu bekommen. Auch
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SUSAN LINK
INTERVIEW
das gelingt manchmal nur im Funktionsmodus.
Und dann kann das Ganze ungesund werden. Denn
funktionieren kann auch heißen, dass man keine
Rücksicht auf die eigenen Gefühle und die eigene
Belastbarkeit nimmt. Die Geschichten in meinem
Buch erzählen auch davon, wie man so an seine Grenzen
kommt oder sie sogar überschreitet und welchen
Schaden das für uns Frauen anrichten kann.
Was wünschen Sie sich, dass Frauen – aber
auch Männer und jüngere Generationen – aus
diesem Buch mitnehmen?
Ich wünsche mir, dass Frauen – aber auch Männer
und jüngere Generationen – merken, dass sie mit ihren
Selbstzweifeln nicht allein sind, mit diesem Gefühl,
schon wieder nur funktionieren zu müssen. Dass
sie erkennen, wie Selbstbestimmung und Freiheit entstehen
können. Und vielleicht auch, dass man selbst
die Dinge in die Hand nehmen und die Weichen für
das eigene Leben stellen muss.
Was war Ihre persönliche »Ich habe eine Wassermelone
getragen«-Szene im echten Leben?
Die hatte ich tatsächlich mehr als einmal. Zum Beispiel
als Kind im Zug, später in einer Situation mit
einem ehemaligen Bundeskanzler – und ganz sicher
auch mit meinem Ehemann. Aber mehr möchte ich
dazu noch nicht verraten. Ein bisschen was sollen die
Leserinnen und Leser ja auch noch selbst entdecken …
Susan Link (geboren 1976 in Thüringen)
ist Journalistin und TV-Moderatorin.
Sie moderiert das ARD-Morgenmagazin
und im Wechsel den ARD-Presseclub.
Außerdem ist sie Co-Gastgeberin des
»Kölner Treff«, der wöchentlichen Talkshow
im WDR-Fernsehen.
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SUSAN LINK
LESEPROBE
LESEPROBE
Der Wecker klingelt. 0:45 Uhr. Ich brauche ein paar
Sekunden, um zu begreifen, wo ich bin. Dann beginnt
die vertraute, getaktete Abfolge: aufstehen, im Bad
schnell die aktuellen Nachrichten hören. Ist etwas
passiert, während ich kurz geschlafen habe?
Ich schleiche mit wenig Licht durchs Haus, keiner
soll wach werden. Schnell den Kaffee für unterwegs
machen. Hund und Katze sind wie immer zu dieser
Zeit verwirrt von meinem Auftritt in der Küche. Und
dann raus aus der Tür. Es ist immer derselbe Ablauf –
die Struktur ist mir wichtig um diese Uhrzeit.
Draußen ist es Nacht. Die letzten kommen nach Hause,
die ersten haben den Tag noch nicht begonnen. Ich
starte die Playlist mit meinen Lieblingssongs, die ich
nur ohne Beifahrer in der Nacht höre, irgendwas zwischen
Bonnie Tyler und den Backstreet Boys.
Ich tauche ein in die Zeit, in der noch Poster über
meinem Bett klebten. Ich bin ein Kind der Achtziger
und Neunziger. Liebeskummer haben wir mit einer
Kuschelrock-CD und MTV überstanden. In meiner
Kindheit war Deutschland noch geteilt, meine
Jugend wurde von der Wende auf den Kopf gestellt.
Damals glaubten wir, dass uns ein Leben in Frieden
und Wohlstand bevorsteht und dass alles möglich ist.
Doch es bleibt mir nicht viel Zeit, in der Vergangenheit
zu schwelgen. Schon kurz darauf bin ich zurück
in der aktuellen Realität, in Gedanken bereits bei
der Sendung, die ich gleich moderieren werde. In
der Redaktion des Morgenmagazins angekommen,
denke ich: Da ist sie wieder, die Selbsthilfegruppe
der Schlaflosen, wie ich sie nenne. »Und, wie hast du
geschlafen?« – Keine Frage wird hier häufiger gestellt.
Schon komisch, aber irgendwie ist es gut zu wissen,
dass es den anderen auch nicht besser ergangen ist.
Doch ganz egal, wie die Nacht war: Gleich muss ich
funktionieren. Um 5:30 Uhr startet die Sendung.
Vorher muss ich Moderationen schreiben, Interviews
vorbereiten. Zwischendurch ein kurzer Gedanke an
ein warmes Bett – und weiter geht’s.
Die netten Kolleginnen in der Maske sorgen dafür,
dass man wenigstens so aussieht, als hätte man gut
geschlafen. Immer wieder aufs Neue vollbringen sie
ein erstaunliches Zauberwerk aus Augenpads und
Concealer.
Im Studio ist alles hell, langsam beginnt auch für die
meisten anderen Menschen draußen ein neuer Tag.
Die Kameras laufen, ich stelle Fragen, moderiere die
Welt zu kleinen, konsumierbaren Portionen. Kriege,
Krisen, Politik in der Hauptstadt, das Wetter, ein
Promi-Interview – dreieinhalb Stunden Livesendung.
Alles funktioniert, und ich funktioniere mit. So wie
ich es seit Jahren tue.
Dann ist es ist 9 Uhr. Für die meisten Menschen hat
der Arbeitstag gerade erst begonnen. Ich verabschiede
mich mit einem »Gute Nacht!« von den Kollegen,
wie das bei uns augenzwinkernd üblich ist. Irgendwie
fühlen sich diese Frühdienst-Tage immer doppelt so
lang an.
Ich fahre heim, während alle anderen zur Arbeit fahren.
Manchmal beobachte ich mich selbst in diesem
Leben zwischen Bühne und Frühstückstisch, zwischen
Öffentlichkeit und Alltag. Zu Hause tippe ich
noch eine kleine Nachricht an meine Mutter – wir
haben schon den ganzen Morgen getextet. Wenn ich
sende, ist sie immer per WhatsApp an meiner Seite.
Ihre kleinen Textnachrichten haben sogar bei den
Kollegen schon Kultstatus. Oft heißt es auf dem Sofa:
Was sagt eigentlich deine Mutter zu diesem Thema?
Meist kommentiert sie als Erstes meine Kleidung,
dann Fußballergebnisse und aktuelle Nachrichten.
Sie wünscht uns einen schönen Feierabend, und ich
melde mich dann von zu Hause. Ein festes Ritual, das
uns beiden wichtig ist. Anschließend noch schnell in
die E-Mails schauen, eine Waschmaschine anstellen
und drei Notizen für die Einkaufsliste. Der Tag läuft.
Ich laufe mit.
Und dann kommt doch die Müdigkeit. Zeit für den
genau getakteten Mittagsschlaf. Später als 11 Uhr
sollte er nicht starten, länger als 1,5 Stunden nicht
dauern. Alles andere bringt den Rhythmus durcheinander.
Als ich zum zweiten Mal an diesem Tag wach
werde, denke ich sofort an das, was heute noch zu tun
ist. Ich muss an den Schreibtisch, und diese Woche
steht die Mathearbeit an. Ich wollte unbedingt noch
60
SUSAN LINK
LESEPROBE
»
WIR SIND DIE,
DIE GELERNT HABEN,
ALLES ZU GEBEN.
mit meinem Sohn üben. Sport würde ich auch gern
machen, und der Hund möchte belüftet werden. Okay,
auf geht’s! Um 19 Uhr muss ich wieder im Bett sein,
damit morgen alles wieder von vorn losgehen kann.
Als ich pünktlich am frühen Abend im Bett liege,
kommt in mir eine leise Frage auf: Wollte ich das alles
so? Oder funktioniere ich einfach? Und stellen sich
andere Frauen meiner Generation auch diese Fragen?
Ich gehöre zur Generation X – zur Bevölkerungsgruppe
der zwischen 1965 und 1980 Geborenen. Wir
werden auch die »vergessene Generation« genannt,
weil wir zwischen den vielen Boomern und den oft
besprochenen Millennials in der öffentlichen Wahrnehmung
meist untergehen. Ganz allgemein gilt unsere
Generation als skeptisch, unabhängig und pragmatisch.
Womöglich machen wir deshalb nicht so viel
Aufhebens um uns.
Etwa 17 Millionen Menschen in Deutschland gehören
zur Generation X, mehr als 8 Millionen davon
sind Frauen. Vor allem sie bekommen oft noch den
Zusatztitel »Sandwich-Generation«. Zuständig für
die Erziehung und Betreuung der Kinder kümmern
sie sich auch noch um die Pflege der eigenen Eltern.
Eine Doppellast, ganz zu schweigen von der Tatsache,
dass sie »nebenbei« meist auch noch berufstätig sind.
Trotzdem tun sich die Frauen der Generation X nicht
besonders leicht damit, auf sich – auf ihre Sorgen,
Probleme oder Befindlichkeiten – aufmerksam zu
machen.
Aufgewachsen sind wir mit klassischen Rollenbildern,
während sich starre Familienmodelle längst
verabschiedet hatten. In unserer Generation gab es
mehr Scheidungen, viele Mütter wurden berufstätig,
manche von uns zu sogenannten Schlüsselkindern.
Familienstrukturen änderten sich – und damit unsere
Prägung. Wir hatten die Idee, dass wir es weit bringen
können. Aber standen uns tatsächlich alle Türen
offen? Konnten wir wirklich werden, wer wir sein
wollten?
Keine Frage, wir sind mit der Zeit gegangen und haben
uns immer wieder neuen Entwicklungen gestellt,
von Bleistift bis Bluetooth, von Walkman bis WLAN.
In der Schule gab es noch Tafeldienst, und die Charts
aus dem Radio haben wir mühsam auf Kassette aufgenommen,
in der Hoffnung, dass der Moderator nicht
zu früh in den Titel quatscht. Heute streamen wir
unsere Musik oder sagen: »Alexa, spiel meinen Lieblingssong!«
Wir schauen immer noch Fernsehen, aber
wir streamen auch, schicken Nachrichten mit Whats-
App und haben ein altes Facebook-Konto, in das wir
ab und zu hineinschauen.
Wir sind die, die gelernt haben, alles zu geben. Wir
dürfen selbstverständlich arbeiten, so viel wir wollen,
Kinder kriegen, organisieren – und dabei gern auch
in Shape bleiben. Man hat uns beigebracht, dass wir
alles erreichen können, wenn wir uns nur genug anstrengen.
Also strengen wir uns an und wollen es richtig machen:
die Kinder gut erziehen, im Beruf bestehen, die
Familie zusammenhalten, gute Partnerin und beste
Freundin sein, uns selbst treu bleiben und uns selbst
optimieren – und bei all dem keinesfalls alt aussehen.
Wir sind die Frauen, die im Beruf ernst genommen
werden wollen, ohne zu viel Raum einzunehmen. Die
stolz sind auf das, was sie leisten – und sich trotzdem
fragen, warum sie so oft unsicher und unsichtbar bleiben.
Woher kommt das? Hat man uns das mit auf den Weg
gegeben, oder haben wir uns diese Prinzipien selbst
eingepflanzt:
»Sei fleißig, aber erwarte keinen Platz in der ersten
Reihe.«
»Sei erfolgreich, aber bitte nicht laut.«
»Sei attraktiv, aber bitte nicht auffällig.«
»Mach deinen Job leidenschaftlich, aber sei nicht zu
emotional!«
Ich spüre, dass sich mein Blick auf die Dinge verändert.
Vielleicht, weil ich älter werde. Vielleicht, weil
ich merke, dass Funktionieren kein Lebensziel ist.
Doch was wünsche ich mir für die kommenden Jahre?
Will ich mich neu erfinden, wie man das Frauen meiner
Generation heutzutage nahelegt, weil die Wechseljahre
plötzlich ein Alter zum Neu-Durchstarten
sind? Habe ich tatsächlich gerade die »Time Of My
Life«?
Bei diesem Liedtitel muss ich sofort an den Film
»Dirty Dancing« denken. Im Sommer 1989 kam er in
die DDR-Kinos. Deutschland stand kurz vor einem
großen geschichtlichen Umbruch, und ich als Zwölfjährige
kurz vor dem Ende meiner Kindheit. Seitdem
habe ich den Film bestimmt 25 Mal gesehen. Damals
liebte ich das Tanzen und die Musik. Später faszinierte
mich vor allem die Entwicklung von »Baby«. Sie
kommt aus einem behüteten Elternhaus, es gibt Geld,
Bildung, Liebe – und trotzdem wirkt sie unfrei. Ihr
Weg ist vorgezeichnet, inklusive passendem Ehemann.
Und dann war da dieser Moment im Strickpulli, der
mir bis heute hängen geblieben ist: »Ich habe eine
Wassermelone getragen.« Babys Satz ist voller Unsicherheit
und Selbstzweifel, und sie selbst eine graue
Maus zwischen all den coolen Tänzern, die schienen,
als lebten sie nach Lust und Laune. Ab da passiert etwas.
Baby wird mutiger, selbstbewusster, freier – und
beginnt ihren eigenen Weg zu gehen. Zum ersten
Mal erlebt sie sich als nicht mehr über andere definiert,
sondern als selbstbestimmt, sichtbar, unangepasst
und frei.
Auch ich kenne solche Momente der Unsicherheit und
Selbstzweifel, und ich habe mich oft gefragt: Geht es
anderen Frauen meines Alters genauso? Auf welche
Hürden sind sie gestoßen, und was hat sie geprägt?
Und wie haben sie es geschafft, selbstbestimmt und
sichtbar zu werden?
Durch meinen Beruf habe ich viele von ihnen getroffen
und mich mit ihnen ausgetauscht, und mir wurde
klar: Wir Frauen der Generation X sind mehr als eine
Gruppe bestimmter Geburtsjahrgänge. Uns verbinden
ähnliche Erfahrungen, Prägungen, Glaubenssätze
und Sorgen.
Ich möchte herausfinden: Sind wir zufrieden dort, wo
wir stehen? Oder würden wir unserem jüngeren Ich
raten, bestimmte Dinge anders zu machen?
Dieses Buch erzählt meine Geschichte – und die anderer
Frauen meiner Generation.
30.
OKT
2026
SUSAN LINK
»ICH HABE EINE WASSERMELONE GETRAGEN«
Wir Frauen der Generation X –
Zwischen Anpassung und Befreiung
Hardcover mit Schutzumschlag
224 Seiten
22,00 € (D) 22,70 € (A)
ISBN 978-3-492-07505-3
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FR A NCA CERU T TI
DIE INNERE OMA
DIE
INNERE
SACHBUCH
OMA
FRANCA CERUTTI
63
FR A NCA CERU T TI
INTERVIEW
INTERVIEW
Liebe Franca, unfassbar viele Menschen
kämpfen mit der Erwartungshaltung unserer
Leistungsgesellschaft, spüren dauerhaften
innerlichen Druck, haben das Gefühl, nicht
mithalten zu können, sind erschöpft. Die Flut
an Ratgeberliteratur mit Tipps, wie man sich
selbst optimieren kann, es weiter, schneller,
besser machen kann ist da sicher keine Hilfe.
Du sagst, die beste Ratgeberin sind wir gewissermaßen
selbst. Wie meinst du das?
Ich glaube, wir brauchen ein Gegengewicht zu dieser
ganzen Selbstoptimierungskultur. Überall heißt
es: schneller, besser, effizienter. Was wir tatsächlich
brauchen, sind keine Tipps, wie wir an diesem Rennen
teilnehmen, sondern eine Hilfe, die wirklich an
unserem Leben orientiert ist. Und wer könnte uns
individueller und wohlwollender Orientierung geben
als wir uns selbst? Genauer gesagt, die weiseste Version
von uns, unser Zukunfts-Selbst. Ich nenne diese
Instanz: Die innere Oma. Unser uraltes, weises Ich
schaut auf unser Leben zurück, und hat durch diese
Perspektive erstaunlich klare Einblicke. Sie unterstützt
uns bei wichtigen Entscheidungen genauso wie
im Alltag, denn sie weiß, was wirklich zählt und was
am Ende wichtig gewesen sein wird.
Viele kennen schon das innere Kind. Warum
braucht es zusätzlich ein Zukunfts-Selbst?
Ich beobachte aktuell eine starke Besinnung auf die eigene
Biografie, und das hat absolut seine Berechtigung.
Die Metapher des inneren Kindes hilft uns zu verstehen,
woher wir kommen. Dahingegen fragt die innere
Oma: Wohin willst du? Es ist wie im Auto, der Rückspiegel
und die Frontscheibe – beides ist wichtig, aber
gefahren wird nach vorne. Die innere Oma stellt eine
positive, handlungsorientierte Ergänzung dar. Und sie
ist kein innerer Anteil, der uns biografisch einfach passiert
ist. Wir erschaffen sie selbst, als weise Ratgeberin.
Warum motivierst du, das Zukunfts-Selbst als
innere Oma (beziehungsweise inneren Opa)
zu sehen?
Es geht um den persönlichen Bezug, um eine lebendige
Verbindung mit dem zukünftigen Menschen,
der wir einmal sein werden. Die psychologische Forschung
zeigt, dass Menschen, die ihre Zukunft stark
im Blick haben, selbstfürsorglichere und bessere
Entscheidungen im Heute treffen. Aber »Zukunfts-
Selbst« klingt zu abstrakt. Mich selbst als weise Alte,
mit meinen Gesichtszügen, mit meinen Augen, zurückschauend
auf das ganze Leben, das kann ich mir
vorstellen. Diese Visualisierung funktioniert einfach
besser als Fachbegriffe. Und eine Oma ist warm, nicht
streng. Jemand, der dich besser kennt als jeder andere
und wohlwollend auf dich schaut. Aber natürlich
kann man auch andere, eigene Begriffe finden: Mein
innerer Senior, zum Beispiel.
Welche Tipps kannst du geben, wie schafft
man sich bewusst eine innere Oma, wie stärkt
man den Kontakt zu diesem Anteil?
Nimm dir ein paar ruhige Minuten und stell dir vor,
du siehst dich selbst am Ende deines Lebens. Manchen
Menschen hilft die Vorstellung von einem Zeitstrahl,
der vom Heute in die Zukunft geht. Und am
Ende stehst du, gealtert, und schaust lächelnd auf dich
zurück. Was macht deine innere Oma? Wo ist sie?
Und vor allem: Wie schaut sie dich an? Wenn es funktioniert,
siehst du Wärme und Verständnis in ihrem
Blick. Je lebendiger das Bild, desto leichter kannst du
sie zu deinem jetzigen Leben befragen.
Welche kleinen Rituale können dazu beitragen,
täglich Kontakt zur inneren Oma aufzubauen?
Die innere Oma kann man bei den großen Lebensfragen
hinzuziehen, aber auch zur Entschleunigung
des Alltags. Einfach kurz innehalten und fragen: Was
würde sie dazu sagen? Das hilft beim Sortieren, was
gerade wirklich wichtig ist, und was sich nur dringend
anfühlt. Sie verschafft uns auch Klarheit, wo wir
wirklich hinwollen und welche Schwerpunkte wir
setzen möchten im Leben. Dreißig Sekunden reichen
manchmal schon für einen frischen Blick, und um uns
eine liebevolle, neue Perspektive zu verschaffen.
64
FR A NCA CERU T TI
INTERVIEW
Wie würde die innere Oma unseren Alltag
betrachten – worüber würde sie schmunzeln?
Über ziemlich viel wahrscheinlich. Über die Panik
vor der Präsentation, die in drei Monaten niemand
mehr erwähnt. Über das perfekte Instagram-Foto.
Über den missratenen Haarschnitt. Über den Stress,
weil wir fünf Minuten zu spät kamen. Sie hat den
Luxus der Rückschau, und weiß daher, dass das allermeiste
wirklich nicht so wichtig ist, wie es sich
im Moment anfühlt. Meine innere Oma sagt immer:
Wenn du in drei Wochen darüber lachen kannst –
dann kannst du auch direkt lachen!
Aus deiner Erfahrung mit dieser Methode: Was ist
das größte Missverständnis über das Loslassen,
wobei kann uns die innere Oma aktiv helfen?
Dass es entweder was mit Aufgeben oder auch mit
Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit zu tun hätte.
Dabei geht es darum, die richtigen Dinge loszulassen,
zum Beispiel Perfektionismus, fremde Erwartungen,
unser Kontrollbedürfnis. Die innere Oma fragt nicht
»Schaffst du das?«, sondern sie fragt »Ist dir das wirklich
wichtig? Zahlt es auf das Leben ein, das du willst?
Passt es zu dem Menschen, der du sein möchtest?«.
Die innere Oma gibt keine Erlaubnis zur Faulheit,
sondern sie sorgt für Klarheit.
Gibt es typische Situationen im Alltag, in denen
die innere Oma besonders laut werden sollte?
Wenn wir dauerhaft in eine falsche Richtung laufen
oder uns selbst chronisch vernachlässigen. Das sieht
die innere Oma sehr klar, und sie wird es benennen.
Du bist sie, sie ist du, und sie ist zu 100% davon abhängig,
was du heute tust oder lässt. Deshalb ist sie auch
sehr klar in ihren Einschätzungen, wie du deine Zeit
verbringst oder worum deine Gedanken kreisen. Und
die innere Oma meldet sich auch zu Wort, wenn der
innere Antreiber zu laut wird: Noch eine Mail, noch
ein Projekt, noch einmal Ja sagen, obwohl alles Nein
schreit. Oder wenn wir uns fertigmachen, weil etwas
nicht perfekt war. Da stellt sie ein sanftes, positives
Gegengewicht dar.
Wer Schwierigkeiten hat,
sich sein Zukunfts-Selbst
vorzustellen, dem kann es
helfen, sich selbst tatsächlich
mit technischer Hilfe altern
zu lassen. Mit diesem Bild
vor Augen wird die innere
Oma beziehungsweise der
innere Opa spürbar.
04.
Was ist das Weiseste, das deine innere Oma
dir mitgegeben hat?
Meine innere Oma (beziehungsweise »Omma«, ich
komme aus dem Ruhrgebiet) hat mir bei sehr entscheidenden
beruflichen und privaten Entscheidungen
geholfen. Durch ihre sehr breite Perspektive auf
mein (und ihr) Leben bin ich zum Beispiel viel mutiger
und konsequenter geworden. Ich mache nicht
mehr alles mit, ich vergleiche mich nicht mehr so viel,
und ich traue mich, meine Werte zu vertreten, auch
wenn es unbequem wird. Meine innere Oma möchte
irgendwann zurückschauen und denken: Das war
großartig, und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.
Und damit das irgendwann so sein wird, muss ich
es jetzt auch mal darauf ankommen lassen und über
meinen Schatten springen. Ich versuche mein Leben
heute so zu gestalten, dass mein Zukunfts-Selbst
dankbar dafür sein wird. Das hat meinen Lebenslauf
eckiger, aber mein Leben runder gemacht.
SEP
2026
FRANCA CERUTTI
DIE INNERE OMA
Gelassenheit lernen von der
weisesten Version deiner selbst
Klappenbroschur
224 Seiten
18,00 € (D) 18,50 € (A)
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RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER
MEHR GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE
SACHBUCH
67
RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER
INTERVIEW
MEHR
GESCHICHTEN
AUS DER
GESCHICHTE
RICHARD HEMMER DANIEL MESSNER
Lieber Richard, lieber Daniel, seit über
10 Jahren erzählt ihr euch in eurem Podcast
»Geschichten aus der Geschichte« jede Woche
eine Geschichte aus der Geschichte; Millionen
von Menschen hören euch begeistert
dabei zu, eure Liveshows sind ausverkauft,
euer erstes Buch ein Bestseller – wie schafft
ihr es, so viele Menschen für Geschichte zu
begeistern?
Gute Frage! Wahrscheinlich hat es in erster Linie
damit zu tun, dass wir uns die Geschichten erzählen,
die uns interessieren. Wir haben ja die Freiheit,
zu erzählen, was wir wollen, und das wiederum spiegelt
sich dann auch in unserer eigenen Begeisterung
wider. Viele, die uns zuhören, schreiben uns davon,
dass ihnen diese Begeisterung im Geschichtsunterricht
gefehlt hat, und sie uns vor allem deshalb auch
so zu schätzen wissen. Es ist ja so: Geschichte ist nie
langweilig, und wir können es mittlerweile recht gut,
diesen Umstand zu vermitteln.
Was glaubt ihr, ist der Grund dafür, dass eure
Geschichten sowohl erzählt als auch geschrieben
bei so vielen Menschen verfangen?
Wahrscheinlich hängt es auch da mit der Art und
Weise zusammen, wie wir uns an eine Geschichte
heranwagen: Wir erzählen sie so, wie wir sie gerne
erzählt bekommen würden. Und das funktioniert sowohl
im Podcast als auch im geschriebenen Wort.
Unterscheidet sich für euch die Arbeit an einer
Podcastfolge im Vergleich zur Arbeit an den
Geschichten für ein Buch?
Schon! Im Podcast haben wir sogar nach der Aufnahme
noch die Möglichkeit, Änderungen vorzunehmen.
Für die Geschichten in einem Buch – da wird gedruckt,
was wir abgegeben haben. Das verändert natürlich
schon die Art und Weise, wie wir einen Text
schreiben. Abgesehen davon, dass wir natürlich etwas
konziser sein müssen als im Podcast – Papier ist zwar
geduldig, aber auch enden wollend. Unsere Podcastepisoden
hingegen, die können wir rein theoretisch so
lang gestalten, wie wir wollen.
Ihr versucht, hauptsächlich Episoden der Geschichte
ins Auge zu fassen, die man vielleicht
noch nicht kennt, die nicht auf der Hand liegen,
aber genauso Teil der Weltgeschichte sind wie
die großen »Eckpfeiler« und »Meilensteine«.
Wie stoßt ihr auf diese Themen beziehungsweise
nach welchen Kriterien trefft ihr eure
Auswahl?
Nach über zehn Jahren Podcast können wir tatsächlich
schon auf eine Menge an Themen zurückgreifen, die
sich angesammelt haben. Das sind nicht nur solche,
auf die wir selbst gestoßen sind, sondern vor allem
jene, die uns unsere Hörerinnen und Hörer zugesandt
haben. Von vielen kleineren Geschichten oder Geschehnissen
haben wir ja auch noch nie gehört – eben
68
RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER
INTERVIEW
weil sie so nischig sind. Da hilft es ungemein, eine
Community zu haben, die sich, so wie wir, über das
Erzählen der kleinen Geschichten freut, und damit
auch gleichzeitig den Flickenteppich erweitert.
Euer erstes Buch habt ihr den Menschen
und ihren Geschichten gewidmet, die es in
die Welt zog. Welche neuen Geschichten
erwarten uns in »Mehr Geschichten aus der
Geschichte«?
Wir werden uns diesmal mit jenen Dingen beschäftigen,
die unsere Welt verändert haben: Erfindungen
und Entdeckungen! Dabei werden wir aber auch von
jenen Dingen erzählen, die dafür sorgen, dass dieses
Wissen überhaupt weitergegeben werden kann. Man
kann im Grunde sagen: Wir widmen uns der Entstehung
von Wissen und dessen Vermittlung, verpackt in
20 kurzweiligen Geschichten.
Was denkt ihr, fasziniert eure Hörer:innen beziehungsweise
Leser:innen so sehr an diesen
»Wissenschaftsgeschichten«?
Die Geschichten machen recht deutlich, dass ohne
diese vielen Experimente und Erfindungen der
letzten Jahrhunderte, eigentlich Jahrtausende, die
moderne Welt, in der wir heute leben, gar nicht möglich
wäre. Das betrifft im Grunde alle unsere Lebensbereiche,
von Kommunikation über Industrie, Verkehr
oder Medizin. Manche der Neuerungen sind
Zufall, manche bleiben erst einmal unbemerkt und
wieder andere sind von Anfang an eine Sensation.
Und gleichzeitig sind wir an einem Punkt angekommen,
wo diese Neuerungen nicht mehr nur für sich
stehen, sondern globale Auswirkungen haben können.
Das zeigt sich zum Beispiel bei der Geschichte
um den Chemiker Thomas Midgley, die wir im Buch
erzählen. Um die Kühltechnik sicherer zu machen,
entwickelte er in den 1920er-Jahren eine Fluorchlorkohlenwasserstoff-Verbindung.
Für die Kühl- und
Sprühdosenindustrie eine super Erfindung – dass
das FCKW aber das Potenzial hat, das Leben auf der
Erde massiv zu bedrohen, konnte zu der Zeit noch gar
niemand wissen.
Wir finden daher selbst Wissenschaftsgeschichten so
faszinierend, weil sie so gut zeigen, wie die Welt zu
unserer geworden ist. Denn gleichzeitig haben wir
auch eine Verbindung zu den Erfindungen – spätestens,
wenn wir zum Kühlschrank gehen, den Lichtschalter
drücken oder ein medizinischer Eingriff
unser Leben rettet.
Gewährt ihr uns einen kleinen Vorgeschmack?
Welche Themen erwarten uns im neuen Buch?
Wir haben uns bemüht, mit den unterschiedlichen
Geschichten möglichst viele Zeiträume und Orte auf
der Erde abzudecken. Dementsprechend vielfältig ist
die Auswahl. Neben dem Mann, der als schlimmster
Umweltsünder aller Zeiten gilt, geht es auch um
eine Weltausstellung, die Mikrowelle, Papiermühlen,
die Entstehung von Universitäten und um viele unbekannte
Helden und Heldinnen der modernen Wissenschaft.
Als kleine Reihe innerhalb des Buchs wird
es in drei Geschichten auch um die Entdeckung des
Klimawandels gehen.
Welche dieser Geschichten hat euer eigenes
Bild der Vergangenheit am meisten verändert?
Das passiert jedes Mal, wenn wir anfangen zu recherchieren.
Wir kommen immer an einer anderen Stelle
raus, als wir vorher vermutet haben. Daher wird es uns
auch nie langweilig. Mit jeder Geschichte knüpfen
wir weiter am historischen Flickenteppich und finden
immer überraschende Zusammenhänge.
Gibt es eine Geschichte, auf die ihr euch
jeweils am meisten freut, oder die euch bei
der Recherche besonders überrascht hat?
Thomas Midgley haben wir jetzt schon mehrfach genannt,
dann vielleicht die Geschichte um das Guericke-
Einhorn, die beim Schreiben viel Spaß gemacht hat.
Weil die Ausgangssituation war, eine Geschichte zu
schreiben über ein recht skurril anmutendes Gebilde,
das als Einhorn-Rekonstruktion (oftmals) dem Gelehrten
Otto von Guericke zugeschrieben wird. Im
Laufe der Recherche stellte sich aber heraus, dass
Guericke den Knochenfund zwar erwähnt, aber sonst
recht wenig damit zu tun hat. Herausgekommen ist
trotzdem eine kleine Vor-Geschichte der Paläontologie
anhand von Einhörnern.
04.
SEP
2026
RICHARD HEMMER, DANIEL MESSNER
MEHR GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE
Auf den Spuren verblüffender Erfindungen
und kurioser Tüfteleien
Klappenbroschur
256 Seiten
18,00 € (D) 18,50 € (A)
ISBN 978-3-492-06587-0
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(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
70
ALEXANDER HUBER
ÜBERLEBEN TROTZ BERGSTEIGEN
ALEXANDER HUBER
ÜBERLEBEN
TROTZ
BERGSTEIGEN
Alexander Huber, 1968 in Trostberg geboren, der jüngere der
»Huberbuam«, ist einer der besten Bergsteiger und Kletterer unserer
Zeit. Er eröffnete weltweit die erste Sportkletterroute im oberen elften
Grad. 2025 gelang ihm, Dani Arnold und Simon Gietl die Begehung
einer neuen Route durch die Ostwand des Jirishanca (6094 m) in Peru.
Er betreibt mit seiner Familie einen Bauernhof bei Berchtesgaden.
72
ALEXANDER HUBER
INTERVIEW
INTERVIEW
Lieber Alexander, Du hast schwierigste Wände
durchstiegen und Erstbegehungen gemeistert,
allein und im Team. Gibt es einen Berg, auf
den Du ganz besonders stolz bist bzw. der
Dich mit besonderem Glück erfüllt?
Es kann für mich nie ein einzelner Berg sein. Es sind
so viele so verschiedene Erlebnisse, dass ich kein »Ranking«
abgeben möchte. Die Summe der Erfahrungen
am Berg ist es, die mein Leben unheimlich bereichert
hat. Dabei stellt sich ja schon die Frage, warum wir das
machen. Denn Bergsteigen ist zunächst mal eine sinnlose
Tätigkeit. Trägt rein gar nichts zur Sicherung unserer
Existenz bei. Beim Bergsteigen verlasse ich die Sicherheit,
bin im Gefahrenbereich unterwegs, um schließliche
irgendwo anzukommen, wo ich nicht bleiben
kann. Und am Ende des Tages erreicht man nach erheblicher
Kraftanstrengung wieder genau den Punkt, an
dem man begonnen hat. Augenscheinlich sinnlos und
sinnbefreit. Absurd. Und genau deswegen so wertvoll.
Wer in die Berge geht, bringt nichts Materielles nach
Hause, dafür aber eine veränderte Perspektive auf das
Leben im Tal. Und so stelle ich fest, dass es beim Bergsteigen
nicht um das Ergebnis gehen kann, sondern
um die Freude am Tun. Unser Tun am Berg fokussiert
unsere Sinne. Wir sind bei der Sache, alles andere wird
ausgeblendet. Diese Form der Präsenz ist gerade in der
modernen Welt so unschätzbar wichtig geworden. In
einer Welt, in der alles effizient und nützlich sein muss,
ist das Bergsteigen ein kraftvolles Plädoyer für die Leidenschaft.
Denn auch wenn es vordergründig sinnlos
erscheinen mag, ist das Bergsteigen eine Leidenschaft,
die unserem Leben Sinn geben kann.
Als eine der größten Herausforderungen
bezeichnest Du den Hirntumor, der 2024 von
einem Tag auf den anderen alles änderte.
Es war sicher nicht die größte Herausforderung in
meinem Leben, trotzdem eine schwere Zäsur. Denn
eins ist klar: Ohne die Kunst der Neurochirurgie
wäre mein Leben hier zu Ende gewesen. Und es ist
gut, wenn man in einem solchen Moment sein Leben
in kompetente Hände legen kann.
Kam die Krankheit für Dich überraschend?
Nein, ganz im Gegenteil. Über einen Zeitraum von zwei
Monaten hatten sich die Symptome langsam, aber zuverlässig
verstärkt. Und am Ende waren sie auch nicht
mehr zu ignorieren. Nur war es gar nicht so einfach, meine
Umgebung von dem Problem, das tief in mir steckte,
zu überzeugen. Sodass es am Ende, nachdem dann endlich
die Bilder vorlagen, wirklich schnell gehen musste.
Ihr habt drei Kinder; Deine Eltern leben ganz
in der Nähe; Du bildest mit Deinem Bruder
Thomas die berühmte Seilschaft »Huberbuam«.
Wie wichtig ist Familie für Dich?
Das Zuhause ist alles. Die Landschaft, in der wir
leben. Die Gesellschaft. Die Freunde. Und vor allem
die Familie. Was kann es Wichtigeres geben?
Neben den schwierigen Routen ist eine weitere
große Leidenschaft von Dir die Musik. Du
spielst Klavier, gibst Hauskonzerte – ist die
Musik ein Ausgleich zu den Bergaktivitäten?
Na ja, ich habe über Jahrzehnte das Klavier links liegen
lassen. Aber eine gewisse Begebenheit hat mich
dazu gebracht, dass ich nach vierzig Jahren wieder ein
Konzert gegeben habe. Der Initiator war niemand anderer
als Anderl Heckmair, der legendäre Erstbegeher
der Eiger-Nordwand. Ich glaube, er hätte eine große
Freude daran zu sehen, was er da mit ein paar wenigen
Worten angestiftet hat.
Du bist Diplomphysiker, hast aber dem Leben
als Bergsteiger den Vorzug gegeben. Hat das,
was Du im Studium gelernt hast, noch heute
Bedeutung – wie wichtig ist Dir Präzision?
Aus der Physik kann man im direkten Sinne nur sehr
wenig auf das Bergsteigen übertragen. Aber ich habe
meine Diplomarbeit im Bereich der Theoretischen Meteorologie
verfasst, und die Meteorologie wäre ohnehin
auch meine wissenschaftliche Zukunft gewesen. Und da
profitiere ich beim Bergsteigen natürlich schon von meinem
meteorologischen Hintergrundwissen. Gesegnet
der, der am Berg wettertechnisch einen guten Plan hat!
73
ALEXANDER HUBER
INTERVIEW
Angst ist ein wesentlicher, lebenserhaltender
Begleiter, sagst Du – gilt dies umso mehr, je
älter Du wirst?
Die Angst ist am Berg unsere wichtigste Überlebensversicherung.
Denn gerade, wenn wir scharf am Berg
unterwegs sind, befinden wir uns stets im absturzgefährdeten
Gelände. Die Angst davor, fatale Fehler
zu machen, schärft unsere Sinne. Sie macht uns nicht
zwangsläufig nervös, sondern lässt uns konzentriert
zu Werke gehen. Wenn wir dagegen nach sorgfältiger
Analyse der Situation nervös werden, sollten wir spätestens
dann umkehren. Wer die Gefahren am Berg
ignoriert, kommt früher oder später darin um.
Erlebst Du heute mehr Leichtsinn in den
Bergen als in früheren Generationen?
Freilich ist heute mehr Leichtsinn in den Bergen zu
erleben, weil die Berge eben auch insgesamt mehr
Traffic haben. Aber trotz aller Handy- und Social-
Media-Auswüchse sehe ich, dass die Kampagnen
der alpinen Vereine und damit die Achtsamkeit für
die Gefahren am Berg schon auch funktionieren.
Dennoch ist klar: Man darf nicht müde werden, die
Besucher der Berge für die Gefahren zu sensibilisieren.
Du hältst sehr erfolgreich Vorträge. Was willst
Du den Menschen dort vor allem mitgeben?
Die Vorträge sind eine meiner großen Leidenschaften.
Das Leben auf der Bühne, der intensive Austausch
mit dem Publikum. Es ist einfach genial zu spüren,
wie der Funke überspringt – und genau das will ich
auch mitgeben. Den Funken überspringen zu lassen,
bedeutet ja nichts anderes, als die Begeisterung für die
Berge wachzurufen. Denn es mag durchaus so sein,
dass die Zivilisation vieles im Leben angenehmer gemacht
hat, aber am Ende entstammen wir doch immer
noch der Natur. Und deshalb tut es uns so verdammt
gut, immer wieder rauszugehen, dahin, wo wir herkommen.
In die Natur.
Was sind Deine nächsten Ziele in den Bergen:
Welche ungelösten Aufgaben beschäftigen Dich?
Was Ziele anbelangt, habe ich das beste Vorbild in
meiner Familie. Meine Eltern, die uns die Berge offeriert
und die Begeisterung dafür gefördert haben. Sie
sind auch heute noch in den Bergen unterwegs, und
immer dann, wenn ich das Leuchten in ihren Augen
sehe, wenn sie dort oben sind, weiß ich, dass sie beide
als Menschen in den Bergen glücklich geworden sind.
Was will man mehr erreichen?
74
ALEXANDER HUBER
LESEPROBE
LESEPROBE
Selbstvertrauen – das Vertrauen in mich
selbst, dass ich es kann
Es gibt Erkenntnisse, die man nicht aus Büchern
lernt. Man muss sie erleben, erleiden, ersteigen und
erklettern – in meinem Fall Schritt für Schritt, Meter
für Meter, stets zwischen Himmel und Hölle,
zwischen dem Licht der Berge und dem Abgrund,
dem wir immer wieder in die Augen schauen. Eine
dieser Wahrheiten lautet: Das Selbstvertrauen – das
Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann – ist kein
Geschenk, sondern die Frucht einer langen inneren
Arbeit.
Mein Leben als Bergsteiger ist kein Workout für
den Körper allein, sondern noch viel mehr eine
Schulung des Geistes. Bergsteigen war und ist für
mich eine Lehrzeit in Demut und Geduld – im
Bewusstsein und Umgang mit allem, was ich kann
und was ich nicht (!) kann. Denn niemand bleibt im
Leben fehlerlos, niemand kommt ohne Blessuren
und Rückschläge durch. Doch erst im Erkennen der
eigenen Verletzlichkeit beginnt richtiges Handeln
und das Vertrauen, darin zu wachsen. Man lernt
dazu, indem man versucht, gemachte Fehler in Zukunft
zu vermeiden. Indem man jedes Mal versucht,
Ziele effizienter zu erreichen.
Jede meiner Touren, jede Entscheidung, jedes Scheitern
war Teil dieser lebenslangen Lehre. Durch die
Reflexion einer jeden Aktion am Berg versucht man
zu verstehen, was man gut gemacht hat, was man
eventuell auch hätte besser machen können. Nichts
ist für das Überleben am Berg so wichtig wie eine
gelebte Fehlerkultur. Learning by Doing. Ja, es ist
noch kein Meister vom Himmel gefallen. Man steigt,
man fällt – aber bitte, ohne dabei abzustürzen –,
man reflektiert und man wächst, bis es schließlich
da ist: das berechtigte Vertrauen in sich selbst, dass
man es kann.
Und so entsteht auch die Zielvorstellung, dass das
Vorhandensein von Gefahr keinen Stress auslöst,
keine übermäßige Nervosität oder Panik. Sondern
nichts anderes als diese volle Konzentration und
Fokussierung auf die Aufgabe, mit der man gerade
konfrontiert ist. Denn man weiß, dass das bloße
Vorhandensein der Gefahr noch lange keine unmittelbare
Bedrohung für das Leben bedeuten muss!
Vertrauen ist damit keine Illusion einer scheinbaren
Sicherheit. Es ist ein inneres Wissen, dass man im
entscheidenden Moment richtig oder zumindest
halbwegs richtig handeln wird – nicht zwangsläufig
perfekt, aber immer bewusst. Und mit der Zeit
entsteht dann das Vertrauen. Das Vertrauen in sich
selbst, in das gesunde Selbsteinschätzungsvermögen
und in die eigene Stärke und Kompetenz. All
das sind am Berg meine zuverlässigsten Seilpartner.
Für Viktor Frankl war das Vertrauen eine Form
von Verantwortung gegenüber sich selbst. Die Verantwortung,
den Herausforderungen im Leben zu
antworten – trotz aller Widrigkeiten und vor allem
auch dann, wenn wir uns in die Hose machen.
»Was mich nicht umbringt, macht mich stärker«,
hat Nietzsche dazu gesagt, und damit hat er in jeder
Hinsicht recht. Denn Stärke entsteht nicht aus
dem Gefühl heraus, unverletzlich zu sein, sondern
aus der Erkenntnis, dass wir zwar verletzlich sind,
aber auch etwas dagegen tun können. Und im Bergsteigen
gilt genau das: Man wird nicht stärker, weil
man Angst »besiegt«, sondern weil man lernt, mit
ihr zu leben und weiterzusteigen. Der große Kompass
ist also, dass wir das, was wir am Berg so anstellen,
überleben. Und wenn du am Ende das Ziel
trotz aller Widerstände und Widrigkeiten erreicht
hast, dann hörst du es tief in dir drin. Leise, klar,
unaufdringlich. Du kannst. Nicht, weil du stärker
bist als die Angst, sondern weil du mutig bist. Weil
du gelernt hast, der Angst in die Augen zu schauen,
mit ihr zu leben.
Genau darin liegt das Geheimnis der Berge: Sie
lehren uns nicht, furchtlos zu werden. Sie lehren
uns, mutig zu sein – trotz der Angst vor den Gefahren,
die von den Bergen ausgehen. Und hast du
erst dieses Selbstvertrauen, das Vertrauen in dich
selbst, dass du es kannst, erst dann bist du der wahre
Meister!
75
ALEXANDER HUBER
LESEPROBE
Die verbindende Kraft der Berge:
über Generationen
Die Berge sprechen nicht. Und doch antworten sie.
Nicht in Worten, sondern indem sie uns Erfahrungen
mit auf den Weg geben. Wer sich auf die Berge einlässt,
tritt in einen Raum ein, in dem Unterschiede an
Bedeutung verlieren: Sprache, Herkunft, Alter, Status.
Vor dem Berg sind wir nicht mehr das, was wir
darstellen, sondern das, was wir sind.
So wie Musik Menschen verbindet, ohne dass sie miteinander
reden, so verbinden die Berge Menschen,
ohne zwischen ihnen zu unterscheiden. Vom Bouldern
über die Big Walls bis zu den höchsten Gipfeln
der Welt zieht sich ein unsichtbares Band durch Generationen
und Kontinente. Die Berge differenzieren
nicht, aber sie fordern uns heraus – und lassen uns
daran wachsen. Und damit verbinden sie Menschen
auf der Grundlage eines universellen Gefühls: Resonanz.
Ein stilles Einverständnis mit der Welt. Eine
tiefe Verbundenheit untereinander über das gemeinsame
Tun. Im Bergsteigen wird diese Verbundenheit
sichtbar.
Das Seil als Symbol der Verbundenheit. Als Symbol
der Sicherheit, die man sich gegenseitig gibt. Und der
Verantwortung, die man füreinander übernimmt. Zusammen
am Seil unterwegs zu sein, zeigt Vertrauen,
Verantwortung und gegenseitige Abhängigkeit. Wer
am Seil geht, überlässt dem anderen sein Leben – und
nimmt gleichzeitig dessen Leben in die eigenen Hände.
In dieser radikalen Form der Beziehung verschwinden
Rollen und Hierarchien. Es bleibt das Wesentliche:
der Mensch. Zwei Menschen. Eine Seilschaft.
Seit den Anfängen des Alpinismus haben die Berge
Seilschaften hervorgebracht und damit Nationen
und Generationen verbunden. Die Erstbesteigungen
der großen Alpengipfel brachten die High Society
des Alpine Club mit den Jägern und Kristallsuchern
der Alpentäler zusammen. Im Himalaja ging und
geht nichts ohne die Hilfe der Sherpas, Baltis und
Hunza – Menschen, deren Wissen nicht aus Büchern,
sondern aus Generationen gelebter Erfahrung
stammt. Das ist auch heute noch so. Vielleicht erinnern
uns die Berge gerade deshalb daran, dass unsere
Geschichte weniger von Trennung und Konflikten
als von Verbindung und Zusammenhalt geprägt ist.
76
ALEXANDER HUBER
LESEPROBE
In diesem Bewusstsein sollten wir uns klar werden,
dass wir über unser gemeinsames Erbe und unsere
gemeinsame Geschichte viel stärker miteinander verbunden
sind, als wir uns vorstellen können. Diese Verbindung
reicht über geografische Grenzen und über
die Zeit hinweg.
Unsere ersten Lehrer in den Bergen waren die Eltern.
Sie waren es, die uns bereits in der Kindheit in diese
wunderbare Welt der Berge entführten und diese
starke Verbindung zur wilden Natur entstehen ließen.
Als Lehrmeister haben sie uns beigebracht, wie man
sich sicher in der senkrechten Welt des Kletterns zu
bewegen hat. Sie haben uns die Augen geöffnet, uns
für Gefahren sensibilisiert, den siebten Sinn vermittelt.
Und das gerade zur wichtigen Zeit unseres
Stürmens und Drängens. Doch als echte Mentoren
haben sie uns nicht nur mitgegeben, wie wir uns sicher
in der steilen Welt zu bewegen haben, sondern
etwas, was mindestens genauso wichtig ist: die richtige
Einstellung, wie man dem Berg begegnet. »Nicht
der Berg ist es, den man bezwingt, sondern das eigene
Ich.« Dieses berühmte Zitat von Sir Edmund Hillary
erklärt in wenigen Worten, dass sich der Berg nicht
besiegen lässt. Denn dem Berg ist es völlig egal, ob
wir an ihm herumsteigen oder nicht. Es gibt keinen
Wettkampf mit dem Berg, denn beim Berg misst sich
Zeit nicht in Jahren, sondern in Erdzeitaltern. Im
Vergleich zum Berg sind wir nichts! Wer das versteht,
lernt Demut. Und vielleicht auch Dankbarkeit, denn
am Ende geht es um das, was wir an Erfahrungen von
den Bergen mit nach Hause bringen. Jede Erfahrung
ein Geschenk des Lebens! Diese Einstellung den Bergen
gegenüber haben die Eltern als Erwachsene an
uns Kinder weitergegeben – still, selbstverständlich,
wie ein inneres Erbe. So wie sie auch von uns wieder
weitergegeben wird.
Genau das passiert auch, wenn ich heute mit dem jungen
Fabi Buhl an den diversen gemeinsamen Projekten
unterwegs war und bin. Da findet er statt, dieser
Transfer an Wissen und Erfahrung. Ist es nicht genial,
wenn man sich mit dem Seil verbindet? Als wir uns
kennengelernt haben, war ich doppelt so alt wie der
Fabi. Ach ja, große Wände will er klettern, auf Expedition
gehen. Ja schön! »Was hast du schon gemacht?
Warst du schon irgendwann mal an großen Bergen
unterwegs?« waren meine Fragen. Seine Antwort:
»Erfahrung hab’ ich keine, aber ich bin motiviert!«
Da habe ich mir gedacht, ja wunderbar. Dann passt
doch alles … denn darin liegt eine Wahrheit, die weit
über das Bergsteigen hinausgeht: Eine gute Seilschaft
entsteht immer dann, wenn die Stärken gut verteilt
sind und sich ergänzen. Nehmen und Geben. Führen
und Lernen. Vertrauen. Das ist das Herz des Bergsteigens
– das verbindende Element.
Für mich war es immer schon eine Bereicherung, mit
den Jungen wie mit den Alten am Berg unterwegs zu
sein. Solange ich mit den jungen Kletterern am Start
bin, sehe ich die gemeinsamen Interessen und Werte,
die über Altersgrenzen hinausgehen. Diese Interaktionen
können vorgefasste Meinungen über die Fähigkeiten
verschiedener Generationen infrage stellen
und mehr Empathie und Respekt untereinander fördern.
Ich selbst schaffe es aber auch, zu verstehen, was
die Jungen umtreibt, wie sie ticken, wie sie denken.
Und das hält jung, man bleibt am Ball und verliert
nicht den Anschluss ans pulsierende Leben.
So wie es für mich ein großartiges Geschenk ist, mit
den jungen Wilden am Start zu sein, so wichtig sind
wir Kinder heute für unsere Eltern. Wir bringen Bewegung
in ihr Leben, Gegenwart in ihre Erinnerungen.
Wir halten den Kreis offen. Ein Kreis, der gelebt wird
und gelebt werden muss. Wie der Kreis, als ich 2024
gemeinsam mit meinem Vater die Alte Westwand am
Kleinen Watzmann kletterte – jene Route, in der mein
eigenes Kletterleben begonnen hatte. Vierzig Jahre lagen
dazwischen. Der Fels war derselbe. Die Steilheit
auch. Aber die Bedeutung hatte sich verändert. Aus
Führung war Begegnung geworden. Aus Lehren ein
gemeinsames Erinnern. Und die Verbindung war noch
immer da – leise, tragfähig, wie ein starkes Seil. Eine
gelebte Verbindung. Ein geschlossener Kreis.
Die Berge verbinden, weil sie uns reduzieren. Auf das
Wesentliche. Sie lehren Respekt – vor der Natur, vor
dem anderen, vor der eigenen Endlichkeit. Da wir
Vielfalt in all ihren Formen wertschätzen, kann die
Akzeptanz unserer Unterschiede durch die gelebte
Harmonie zu tieferen und bedeutungsvolleren Verbindungen
zwischen den Nationen und Generationen
führen. Wer das annimmt, wächst. Nicht höher,
sondern tiefer. Und vielleicht liegt genau darin ihre
größte Kraft.
Am Berg hat also vieles mit Vertrauen zu tun. Selbstvertrauen,
wenn man allein unterwegs ist. Vertrauen
zueinander, wenn man verbunden mit einem Seilpartner
unterwegs ist. Eine Seilschaft. Für das Leben.
Miteinander ist man besser und sicherer unterwegs.
02.
OKT
2026
ALEXANDER HUBER
ÜBERLEBEN TROTZ BERGSTEIGEN
Hardcover mit Schutzumschlag
320 Seiten
mit 24 Seiten Farbbildteil
24,00 € (D) 24,70 € (A)
ISBN 978-3-89029-583-1
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78
CAROLINA WILGA
DEM OUTBACK ENTKOMMEN
DEM
OUTBACK
ENTKOMMEN
CAROLINA WILGA
»ICH WERDE
LAUFEN, BIS ICH
TOT UMFALLE.«
Die Backpackerin Carolina Wilga möchte
auf Reisen herausfinden, wie sie ihr Leben in
Zukunft gestalten will. Doch dieses Vorhaben
endet für sie in Australien in einem erbitterten
Überlebenskampf. Die 26-jährige Deutsche
verirrt sich nach einem Unfall mit ihrem ausgebauten
Van trotz handfester Vorbereitung
im menschenleeren Outback. Kurz darauf
wird eine groß angelegte Suchaktion nach ihr
gestartet, die weltweit durch die Medien geht.
Carolina weiß davon jedoch nichts. Barfuß
und nur mit einem Kleid und einem Schal bekleidet,
schlägt sie sich zwölf Tage lang durch
trockenes Buschland – ohne Nahrung und ohne
Trinkwasser. In ihrem fesselnden und schonungslos
ehrlichen Buch erzählt sie erstmals der
Öffentlichkeit, wie sie zwischen Verzweiflung,
Todessehnsucht und Überlebenswillen die Kraft
findet, dennoch unermüdlich weiterzugehen.
Und wie dieses einschneidende Erlebnis sie für
immer verändert.
79
CAROLINA WILGA
INTERVIEW
INTERVIEW
Liebe Carolina, du hast dich letzten Sommer
allein im Outback Westaustraliens, einer der
abgelegensten Regionen des Landes, verirrt
und zwölf Tage um dein Überleben gekämpft.
Wie geht es dir heute, wenn du an dieses
Erlebnis zurückdenkst?
Heute geht es mir wieder sehr gut, wahrscheinlich so
gut wie noch nie in meinem Leben zuvor. Ich hatte
Phasen nach meiner Rückkehr, in denen ich einiges
hinterfragt habe, wie es beispielsweise überhaupt zu
diesem Unglück kommen konnte. Dann habe ich
mich zurückgezogen und bin die extremen Erfahrungen
da draußen immer wieder im Kopf durchgegangen.
Durch das Schreiben an meinem Buch
begann ich allerdings auch, die schönen Momente
meiner Reise zu erkennen. Und diese sind hauptsächlich
präsent, wenn ich mich jetzt an meine Zeit
in Australien erinnere.
Der Van, mit dem Carolina durch Australien reisen wollte
Du warst gut vorbereitet mit einem ausgebauten
Van unterwegs und wolltest die Gegend
auf eigene Faust erkunden. Wie kam es zu
dem schrecklichen Unfall?
Mit der Reise wollte ich in ein neues Kapitel starten.
Nach vielen Monaten Arbeit und trubeligem Hostelleben
brauchte ich Ruhe. Also bereitete ich mich und
meine Ausrüstung vor und startete meinen Solo-Roadtrip.
Eine Landstraße führte mich zu einem Weg,
der entlang eines Zauns verlief. Als im Dunkeln ein
Auto vor mir auftauchte, überkam mich plötzlich
ein ganz schreckliches Bauchgefühl, weshalb ich
das Lenkrad herumriss und den Zaun durchbrach.
Nach einem Waldstück prallte mein Wagen auf eine
Felsplatte, wodurch ich mir so stark den Kopf an der
Scheibe stieß, dass ich die Besinnung verlor und einen
Abhang hi nunterschlitterte, bis ich schließlich in
dichter Vegetation stecken blieb.
Als du dich von deinem Wagen entfernt hast,
warst du nur mit einem Kleid und einem Schal
bekleidet. Was waren die größten körperlichen
und mentalen Herausforderungen für
Carolina im März 2024 in Marokko auf dem Weg zum
Skaten. Während ihrer Reisen arbeitete sie immer wieder,
wie hier bei einem Volunteering-Job in Tamraght.
80
CAROLINA WILGA
INTERVIEW
dich im Outback, nachdem du nicht mehr zum
Van zurückfandest?
Die größten körperlichen Herausforderungen waren
die Kälte und das fehlende Wasser. Das Outback oder
auch der »Wheat Belt«, in dem ich mich befand, ist
in den Sommertagen extrem heiß, mit Temperaturen
bis zu 40 Grad. Zu meinem Glück habe ich mich
im Juli verirrt, also dem australischen Winter, wo es
trotzdem noch bis zu 25 Grad warm werden kann.
Die Sonne hat mir so am Tag das Überleben gesichert,
denn die Nächte waren extrem kalt. An einem Morgen
war die gesamte Landschaft sogar mit Frost bedeckt.
Da hätte ich auf jeden Fall einen Pullover und
Socken brauchen können.
Die mentale Herausforderung war die Ungewissheit.
Die Tage und Nächte haben sich unendlich lang angefühlt.
Nachdem ich sehr viele Kilometer zurückgelegt
und immer noch keinen Hinweis auf Zivilisation
entdeckt hatte, brachte es mich um den Verstand. Die
Frage, ob ich Hilfe finden werde und wie lange ich
noch überleben kann, war das Schlimmste.
Dieses Symbol stellt die Harmonie zwischen der weiblichen
und männlichen Energie dar. Carolina trägt es als Tattoo auf
ihrem linken Arm. Im Outback hatte der Mond, ihr Kompass
bei Nacht, die gleiche Form.
Auf dem Kleid, das Carolina im Outback trug, sind die
Spuren ihres Überlebenskampfes nach wie vor sichtbar.
81
CAROLINA WILGA
INTERVIEW
»MEINE MUTTER HATTE
AM TAG MEINES UNFALLS
EIN KOMISCHES GEFÜHL
IM BAUCH, SIE WUSSTE,
DASS IRGENDETWAS
NICHT STIMMTE.«
Carolina im Krankenhaus in Perth, wenige Tage nach ihrer
Rettung im Juli 2025
Du hattest keine Nahrung und kein Wasser
dabei. Woher wusstest du, was du im
Outback essen und trinken kannst und
wie du dich orientierst?
Ich hatte absolut keine Ahnung, was man essen kann
oder wie man Wasser findet. Das Einzige, was ich wusste,
war, dass alles im Outback giftig und trocken ist. Auf
der Suche nach Wasser habe ich verschiedene Techniken
ausprobiert, jedoch vergeblich. Am Ende konnte ich
nur Regenwasser trinken – wenn es denn mal regnete …
Da ich mich schon als Kind gern in der Natur aufhielt,
hatte ich durch meinen Vater etwas Wissen darüber,
wie man sich zum Beispiel an der Sonne orientiert.
Ich kannte die Himmelsrichtungen und wusste, dass
sich die Küste, die ich letztlich ansteuerte, im Westen
befindet. Dementsprechend hatte ich die Sonne morgens
im Rücken und lief ihr abends entgegen. Nach
einiger Zeit konnte ich aber erkennen, dass die Sonne
mich austrickste, denn in Australien liegt der Sonnenaufgang
und -untergang im Winter etwas nördlicher
und nicht genau gegenüber. Bis zu dieser Feststellung
habe ich einige Nerven gelassen.
Wann hast du zum ersten Mal gedacht, dich
wird niemand finden, du wirst deine Familie
niemals wiedersehen?
Die ersten Tage war ich noch voller Hoffnung, meinen
Van wiederzufinden, wodurch mein Unterbewusstsein
alles andere ausblendete. Erst am dritten
Tag haben mich dann die Emotionen und Gedanken
regelrecht überrollt. Das hat mir den Boden unter den
Füßen weggerissen. Meine allergrößte Angst war,
dass meine Leiche nicht gefunden wird und meine
Eltern niemals mit meinem Verschwinden abschließen
können.
Was hat dich motiviert, trotzdem weiterzulaufen
und nicht aufzugeben?
Es gab zwei Hauptgründe: Ich wollte leben – und
so trieb mich die große Hoffnung, meinen Van wiederzufinden,
um von dort aus Hilfe zu holen, vorwärts.
Der andere war meine Familie. Da draußen
habe ich meiner Mutter etwas geschworen, und
dieser Schwur hat mich jedes Mal wieder auf die
Beine gestellt.
82
CAROLINA WILGA
INTERVIEW
die Frau vor mir anhielt. Mit großen Augen guckte sie
mich aus ihrem Auto an, der Hund neben ihr hörte
nicht auf zu bellen. Dann stieg sie aus, umarmte mich
und gab mir ihren Pulli.
Was ging dir durch den Kopf, als du später die
Berichterstattung über die groß angelegte
Suchaktion nach dir gesehen hast?
Tausend Dinge. Mein Magen hat sich auf links gedreht,
weil es mir so unglaublich unangenehm war, mein Gesicht
überall in den Medien zu sehen. Gleichzeitig war
ich sehr erstaunt, denn damit hatte ich überhaupt nicht
gerechnet. Ich dachte maximal an eine Ermittlung,
die nicht in der Öffentlichkeit stattfand, oder an eine,
die noch nicht so ausgeweitet wurde. Dieses Ausmaß
hat mich regelrecht erschlagen.
In Bonifacio auf Korsika, September 2019
Wie hat deine Familie in Deutschland reagiert,
als sie von deinem Verschwinden erfahren hat?
Meine Mutter hatte am Tag meines Unfalls ein komisches
Gefühl im Bauch, sie wusste, dass irgendetwas
nicht stimmte. Als ihre Nachricht mich wegen
des fehlenden Handynetzes nicht erreichte, hat sich
dieses Gefühl verstärkt. Zuerst hoffte meine Familie,
dass es nur ein Versehen sei, aber sehr schnell rechnete
sie mit dem Allerschlimmsten, weshalb sie die Polizei
in Deutschland alarmierte.
Kannst du das Gefühl beschreiben, als du
nach zwölf Tagen auf einer einsamen Landstraße
einer Frau begegnet bist, die dort
zufällig mit ihrem Wagen entlangfuhr?
Nein, dieses Gefühl ist nicht in Worte zu fassen.
Es war eine Mischung aus purer Freude, Loslassen,
Glück und Misstrauen – aber das beschreibt es nicht
mal annähernd. Ich habe geweint, sogar geschrien.
Als ich das Auto in der Ferne sah, habe ich mich auf
die Straße gestellt und nicht aufgehört zu winken, bis
Auf Sri Lanka, Februar 2025
»IM OUTBACK HABE
ICH MICH GEFÜHLT WIE
EIN MENSCH AUS DER
STEINZEIT.«
Du bist schon vor Australien viel gereist, warst
unter anderem in Marokko, Indien und Indonesien
– hat sich deine Einstellung zum Reisen,
vor allem dem Alleinreisen, durch die Erlebnisse
verändert?
Ich habe garantiert etwas mehr Respekt, besonders
weil sich für mich einige Fragen bezüglich des Unfalls
immer noch nicht aufgelöst haben. Aber das Reisen,
das Erkunden neuer Länder und fremder Kulturen,
die Abenteuer in der Natur werde ich dadurch nicht
aufgeben. Es ist etwas, das ich liebe und mein Leben
lang machen möchte. Es gehört einfach zu mir.
Wie beeinflussen die Ereignisse im Outback
heute deine Sicht auf den Alltag?
Im Outback habe ich mich gefühlt wie ein Mensch
aus der Steinzeit. Aus einer Zeit, in der es noch keinen
technischen Fortschritt gab, nur die Menschen, die
Tiere und die Natur. Wenn ich jetzt abends unter meine
warme Bettdecke schlüpfe, bin ich jedes Mal unglaublich
glücklich, mit den Privilegien der Moderne
geboren worden zu sein.
Im Alltag begleitet mich dazu noch eine neue innere
Ruhe. Ich habe gelernt, mir selbst beziehungsweise
meinem Bauchgefühl zu vertrauen und mich mit meinen
Ecken und Kanten anzunehmen.
Was möchtest du den Leserinnen und Lesern
deines Buchs mit auf den Weg geben?
Dass es sich lohnt, tief durchzuatmen, die Augen zu
öffnen, sich umzuschauen und einen oder am besten
Hunderte ehrliche Momente mit den Liebsten zu verbringen.
Seid nicht zu ernst im Leben, sondern habt
Freude dabei. Schenkt euren Mitmenschen etwas
Zuneigung und beobachtet hin und wieder mal einen
Vogel, einen Käfer oder ein anderes Lebewesen, um
euch an die Faszination für unsere Natur zu erinnern.
04.
SEP
2026
CAROLINA WILGA MIT KATHRIN NORD
DEM OUTBACK ENTKOMMEN
Mein Überlebenskampf in der
australischen Wildnis
Laminierter Pappband
240 Seiten
mit 16 Seiten Farbbildteil
22,00 € (D) 22,70 € (A)
ISBN 978-3-89029-625-8
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84
THOMAS SCHLESSER
DER GÄRTNER UND DIE KATZE
DER
GÄRTNER
UND DIE
KATZE
THOMAS SCHLESSER
»Ich kann bezeugen,
dass Poesie wirklich
das Leben retten
kann, wenn es einem
schlecht geht. Und
selbst wenn es einem
gut geht, kann sie es
intensiver machen.«
Louis ist verstummt. Für den hochsensiblen Gärtner
bricht eine Welt zusammen, als sein geliebtes
Kätzchen schwer erkrankt. Nach einem Sturm
sind die Gärten in diesem Winkel der Provence
verwüstet. Und sein Leben könnte, wenn es nach
Louis geht, genauso gut vorbei sein.
Dann aber zieht Thalie in das Haus neben Louis,
das früher eine Seidenraupenzucht beherbergt
hat. Die ehemalige Literaturprofessorin steckt den
Gärtner schnell mit ihrer Leidenschaft für Lyrik
an. Und so sind es Sappho und Rimbaud, Neruda,
Rilke und Brontë, mit denen Louis langsam die
richtigen Worte findet – und ganz nebenbei auch
Thalies Garten in Ordnung bringt.
»Der Gärtner und die Katze« ist eine Hymne auf
die Poesie, die Natur, die Freundschaft und einen
zarten Neubeginn.
86
THOMAS SCHLESSER
LESEPROBE
LESEPROBE
Winzig und warm schlummerte das Kätzchen in einer
riesigen Hand. Diese gehörte Louis, dem Gärtner, einem
schweigsamen Koloss, unter dessen Gewicht das
Rohrgeflecht des Stuhls knackte. Er saß in der oberen
Etage eines bescheidenen Steinhauses und machte
ein Gesicht, als verliere er jeden Moment die Fassung.
Mit dem Daumen berührte er sacht einen Punkt genau
in der Mulde am Hals des Tieres. Einen winzigen
Punkt, der dennoch sein ganzes Denken einnahm.
So wachte Louis über die kleine zusammengerollte
Fellkugel. Träumte sie? Wovon mochte ein Wesen,
das erst seit so kurzer Zeit auf der Welt war, wohl träumen?
Während er dies dachte, sah er durchs Fenster,
wie sich die großen hundertjährigen Bäume im Wind
bogen. Der Sturm wurde heftiger, zwirbelte die Luft,
knickte die Äste der Olivenbäume ab. Doch das Kätzchen,
unbeirrt von dem Getöse, schnurrte. Draußen
das urzeitliche Brausen des Gewitters, drinnen das
gleichmäßige, friedliche Raunen des Tieres …
Wo hatte er gehört, dass dieser Ton in einer Frequenz
zwischen 26 und 44 Hertz schwang? Er erinnerte
sich nicht mehr. Vielleicht hatte er es sich ausgedacht.
Eines wusste er jedoch mit Bestimmtheit: Schnurren
war ein weniger eindeutiges Zeichen, als es schien.
Wenn der Körper einer Katze auf diese Art vibriert,
fast wie ein unterirdisches Beben, dann drückt er damit
nicht nur reine, vollkommene Freude aus, sondern
er kämpft auch. Dieser samtene Atem heilt Wunden
und Krankheiten, kuriert Knochen, Gewebe, Blut.
Louis streichelte den grau-weißen Pelz. Er hätte endlos
damit fortfahren können.
Der Himmel tobte jetzt und riss in seinem Zorn die
südfranzösische Landschaft mit sich fort. Die Pinien
neigten und krümmten sich ächzend. Sie würden es
vielleicht nicht überstehen. Bei jedem Ast, der brach,
schrien sie vor Angst, für immer zu fallen. Der Wind
legte weiter zu, berauscht von seiner eigenen Geschwindigkeit.
Die ganze Natur betete still, dass diese
tollwütige Raserei der Luft und des Regens enden
möge, der, von den Böen gepeitscht, fast waagerecht
fiel. Es waren weder die Lanzen des Mistrals noch
der vertraute, an den Mittelmeerküsten häufige Ausbruch
von Blitz und Donner, die an diesem Abend an
den Fensterläden rüttelten und die Kinder verängstigten,
sondern ein nie gekannter, beinahe überirdischer
Furor.
Sorgenvoll beobachtete Louis, wie Wiesen und Felder
zur Ader gelassen wurden. Er hörte, wie auf dem
Nachbargrundstück eine Trockensteinmauer nachgab.
Das Grollen verband sich mit der Verzweiflung,
die ihn seit dem Morgen erfüllte, so als wollten die
entfesselten Elemente seiner eigenen Wut und seinem
Kummer Ausdruck verleihen.
Ursache dieser Wut war eine verhängnisvolle Nachricht.
Das Kätzchen war todkrank – es würde bald
sterben, da gab es keinerlei Hoffnung, hatte man ihm
gesagt. Etwa zehn Tage zuvor hatte der Gärtner bemerkt,
dass sein kleiner Begleiter die Milch nicht mit
dem gewohnten Appetit schleckte. Das Tier wirkte
unwillig, sobald es sein Schnäuzchen in die Schale
tauchte. Daher brachte Louis es zu einer Tierärztin,
die sich, frisch von der Uni, in einer nahegelegenen
Stadt niedergelassen hatte. Nach gründlichen Untersuchungen
sprach sie die verhängnisvollen Worte
aus: Unter dem weichen Fell hatte sich, auf Höhe des
Kehlkopfes, ein bösartiger Tumor eingenistet. Da war
nichts zu machen. Die junge Frau hatte Louis das Unmögliche
nahegelegt: das Kätzchen einschläfern zu
lassen, um ihm das bevorstehende Leid zu ersparen.
Louis hatte nichts erwidert. Er hatte weder Fragen
gestellt noch Auf Wiedersehen gesagt. Hatte nur das
Tier wieder auf den Arm genommen und instinktiv
den Daumen an die Stelle gelegt, an der das Übel unerklärlicherweise
gewachsen war, als könne er so den
beginnenden Krebs verscheuchen. Dann war er nach
Hause zurückgekehrt, niedergeschmettert. Da hatte
sich der Wind erhoben. Anfangs waren es nur vereinzelte
Luftwirbel, die sich im Laufe der Stunden
zu Tornados auswuchsen. Die am Himmel geballten
Wolken dagegen rührten sich nicht vom Fleck, bereit,
ihre Fluten über der Welt auszuschütten und nie mehr
damit aufzuhören.
*
87
THOMAS SCHLESSER
LESEPROBE
»Das beste Mittel
gegen die Melancholie
unserer Zeit. Thomas
Schlesser versteht es,
Lust darauf zu machen,
Gedichte zu lesen.«
TÉLÉMATIN
Louis gehörte zu der Sorte Mensch, die man als sensibel
bezeichnet. Laut psychologischem Jargon, der
sich mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch
durchgesetzt hat, war er sogar »hochsensibel«. Dieses
grundlegende, um nicht zu sagen zentrale Merkmal
seiner Persönlichkeit war umso überraschender, als
sein breites Kreuz zumindest äußerlich den Eindruck
unbezwingbarer, beinahe stählerner Kraft vermittelte.
Doch seine Herzensgüte machte aus ebendiesem
Herz ein Organ so brüchig wie Ton. Kommt man
Guillaume APOLLINAIRE
Louis ARAGON
Charles BAUDELAIRE
William BLAKE
Jorge Luis BORGES
Georges BRASSENS
Jacques BREL
Emily BRONTË
DANTE
Emily DICKINSON
T. S. ELIOT
Paul ÉLUARD
Serge GAINSBOURG
Federico GARCÍA LORCA
GILGAMESCH-Epos
Johann Wolfgang von GOETHE
Friedrich HÖLDERLIN
HOMER
Victor HUGO
Jean de LA FONTAINE
Stéphane MALLARMÉ
Ossip MANDELSTAM
John MILTON
Pablo NERUDA
OVID
Cesare PAVESE
Fernando PESSOA
Edgar Allan POE
Alexander PUSCHKIN
Marcel PROUST
Raymond QUENEAU
Rainer Maria RILKE
Arthur RIMBAUD
SAPPHO
Torquato TASSO
Georg TRAKL
François VILLON
Walt WHITMAN
Marina ZWETAJEWA
88
THOMAS SCHLESSER
LESEPROBE
»Als poetischer Entwicklungsroman
über
die Kraft der Worte
erweitert ›Der Gärtner
und die Katze‹ die
ästhetischen Lektionen
von ›Monas Augen‹:
die einer Literatur der
Fürsorge und des Trosts.
Die Sanftheit des
Wissens in einer Welt
von Grobianen.«
LH LE MAGAZINE
hochsensibel auf die Welt? Oder wird man es dank
gewisser Ereignisse, besonders in der Kindheit? Das
ist schwer zu sagen. Bei Louis hatten sich die ersten
Anzeichen jener Durchlässigkeit früh im Kontakt
mit Tieren und Pflanzen gezeigt. Als einziges Kind
bescheidener provenzalischer Schäfer, fühlte er sich
früh von der Rinde der Bäume und dem Fell der Tiere
angezogen. Diese innige Zuneigung weckte in ihm
eine unbezwingbare Empathie, die ihn zum Lachen
wie zum Weinen brachte. Kaum ins Leben geworfen,
liebte er Schafe und Hütehunde, natürlich. Doch vor
allem Katzen. Warum nur? Weil, so sagt man, diese
Tiere in einer Schäferei zu nichts nütze sind … Sie
sind nur da, um Gesellschaft zu leisten, was angesichts
der täglichen harten Arbeit nicht viel wert ist.
Diese angebliche Nutzlosigkeit hatte den kleinen
Louis zutiefst berührt, vielleicht, weil sie ihn an sein
eigenes Gefühl der Bedeutungslosigkeit und Verletzlichkeit
erinnerte.
Die Provence wird häufig von Bränden heimgesucht –
das ist ihr Drama, ihre Feuerprobe. Von klein auf hatte
Louis es verängstigt und verzagt mitansehen müssen.
Oft suchten vor Flammen und Rauch fliehende
Tiere in der Schäferei Schutz. Inmitten des unsäglichen
Schmerzes, die großen Pinien und Weinberge
vernichtet zu sehen, fand er immerhin eine gewisse
Freude darin, die Tiere, darunter seine schnurrenden
Freunde, aufzunehmen und zu retten. Damals, als seine
Hand noch zu klein war, um als Wiege zu dienen,
bot er ihnen seine abgelegten Schuhe als Unterschlupf.
Die Kätzchen krochen hinein, und die alten Latschen
des Jungen wurden ihr Zuhause.
Schon immer glaubte er, dass es seine Aufgabe war,
jenen Lebewesen zu helfen, die über keine Sprache
verfügten, die ihr Leid nicht in Worte fassen konnten.
Dank einer Beobachtungsgabe und einem Verständnis
für die Erde, die ihresgleichen suchten, war
er ein außergewöhnlicher Gärtner geworden. Louis’
Hypersensibilität schärfte seine Aufmerksamkeit für
die Welt, und hinter seiner stillen Fassade wimmelte
es vor Träumen und Ahnungen. Doch niemals hätte
er sich vorstellen können, dass er eines Tages ein
Kätzchen aufnehmen würde, dessen Leben er nicht
beschützen konnte. Und so loderte der Brand nun in
ihm, während draußen die Katastrophe weiter unerbittlich
wütete.
Irgendwann musste Louis schließlich eingeschlafen
sein, ohne es zu merken. Er blinzelte in den Morgen
und stellte fest, dass sich sein massiger Körper nicht
vom Fleck gerührt hatte. Er war auf dem Stuhl sitzen
geblieben, den Oberkörper nach vorn geneigt,
wodurch er eine behagliche Höhle für das Kätzchen
bildete, das noch immer schnurrte … Er richtete sich
auf. Das Tier erwachte ebenfalls und stupste mit einer
grazilen Bewegung die Hand seines Beschützers
an. Guten Morgen, dachte Louis, ohne dass ihm die
Worte über die Lippen kamen.
Endlich lösten sich die beiden Gefährten voneinander.
Der Mann erhob sich, und die Katze sprang auf den
Boden. Zusammen gingen sie ans Fenster und sahen,
dass draußen eine arrogante Sonne strahlte. Von hinten
und im Gegenlicht betrachtet, boten sie einen rührenden
Kontrast. Links ein Gigant: Stiernacken, kräftige
Schultern, riesige Arme, ein breiter Brustkorb und
starke Hüften, getragen von zwei Beinen, die so massiv
waren, als wären sie aus Zement gegossen. Rechts
schlängelte sich eine kleine, gesträubte Schwanzspitze
über einem zarten, pelzigen Hinterteil. Zu beiden
Seiten des Köpfchens ragten Schnurrhaare hervor wie
Brunnenfontänen, obenauf wackelten zwei Öhrchen
mit leicht gerundeter Spitze. Sie waren durchscheinend,
als wären sie aus Papier ausgeschnitten.
Das Duo hörte Schreie draußen vor dem Fenster. Eine
Männerstimme mit slavischem Einschlag und eine
Frauenstimme verflochten sich zu einem Kranz von
»Oh là là!«, »Nicht zu fassen!«, »Grundgütiger!« – lauter
Ausrufe, deren zivilisierter Anstrich den Wunsch
verbarg, weitaus deftigere Flüche auszustoßen. Endlich
entdeckte Louis die Urheber des Lamentos: Es
waren die Nachbarn, die vor Kurzem das große Haus
auf der anderen Straßenseite bezogen hatten. Das
Paar schritt sein über Nacht verwüstetes Grundstück
ab. Er, ein agiler Achtzigjähriger, lief hierhin und
dorthin, sammelte nach und nach die verstreuten Äste
auf und betrachtete sie mit der hilflosen Miene eines
dem Tod Entronnenen. Sie, vermutlich jünger, war
auf den Stamm einer umgestürzten Pinie geklettert.
Während sie auf das zerfurchte Gelände zeigte – wo
der Schlamm in den ersten Morgenstunden bereits
getrocknet war –, deklamierte sie in theatralischem
Ton die Worte Federico García Lorcas: »Die Sonne
geht auf. Gelb verblutet der Garten.«
02.
OKT
2026
THOMAS SCHLESSER
DER GÄRTNER UND DIE KATZE
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Hardcover
384 Seiten
26,00 € (D) 26,80 € (A)
ISBN 978-3-492-07493-3
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schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
90
AHMAD MANSOUR
HALTUNG OHNE HASS
AHMAD MANSOUR
HALTUNG
O H N E
H A S S
92
AHMAD MANSOUR
INTERVIEW
INTERVIEW
Lieber Herr Mansour, Ihr neues Buch trägt den
Titel Haltung ohne Hass. Was genau meinen
Sie damit?
In politischen Diskursen und öffentlichen Debatten
beobachte ich zunehmend eine besorgniserregende
Entwicklung: Wir hören einander
nicht mehr wirklich zu. Die Bereitschaft, andere
Haltungen auszuhalten oder ernsthaft zu prüfen,
schwindet. Statt dem Gegenüber mit Argumenten
zu begegnen, greifen wir zur Diffamierung oder
zum Ausschluss.
Wir sprechen oft von Toleranz – doch Toleranz bedeutet
zunächst, etwas zu ertragen, das wir nicht teilen
oder gutheißen. Genau dieses Ertragen fällt uns
immer schwerer. Das ist hochgefährlich: für die Qualität
unserer Debatten, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
– und letztlich für die Stabilität unserer
Demokratie.
Sie leben nun schon über zwanzig Jahre in
Deutschland. Wie erleben Sie als Psychologe
die Veränderungen der letzten Jahre?
In meiner täglichen Arbeit nehme ich eine wachsende
Erosion der Empathiefähigkeit wahr – quer durch
alle sozialen und kulturellen Hintergründe. Die
fortschreitende Digitalisierung und die Dominanz
sozialer Medien haben dazu geführt, dass reale Begegnungen
seltener werden. Vielen jungen Menschen
fehlt zunehmend die Erfahrung, unmittelbar zu spüren,
was Worte und Handlungen beim Gegenüber
auslösen. Das erklärt zum Teil auch die alarmierende
Zunahme von Gewalt und Kriminalität bereits im
Kindes- und Jugendalter.
Zugleich beobachte ich eine steigende Ambiguitätsintoleranz
in der gesamten Gesellschaft. Echokammern
und dichotome Weltbilder – richtig oder falsch,
gut oder böse – verdrängen die Fähigkeit, Widersprüche
auszuhalten. Doch Demokratie ist keine Versammlung
Gleichdenkender. Sie ist kein Zustand der
Harmonie oder des Konsenses. Demokratie lebt von
der Vielfalt der Meinungen – und vom zivilisierten
Streit in offenen Diskursen.
Sie arbeiten viel mit jungen Menschen.
Vor welchen Herausforderungen stehen sie
heute, wie kann man sie unterstützen?
Seit 2020 befinden sich viele junge Menschen im permanenten
Krisenmodus: Pandemie, Krieg in Europa,
Klimakrise, Inflation, Zukunftsängste. Dieses Gefühl
der Überforderung und Ohnmacht schafft einen
Nährboden für Radikalisierung.
Extremismus ist immer eine radikale Vereinfachung.
Er bietet scheinbare Orientierung, Halt und Zugehörigkeit.
Er entlastet von der Verantwortung, selbst
komplex zu denken und Ambivalenzen auszuhalten.
Er vermittelt das Gefühl, Teil einer moralisch überlegenen
Elite zu sein.
Diese Dynamik wird uns in den kommenden Jahren
leider intensiv begleiten. Umso wichtiger ist es, jungen
Menschen Räume zu eröffnen, in denen sie Selbstwirksamkeit
erfahren, Widerspruch aushalten lernen
und konstruktive Zugehörigkeit entwickeln können.
Sie erleben, dass sich Menschen zunehmend
in sozialen Netzwerken radikalisieren.
Was lässt sich dagegen tun?
Die Algorithmen sozialer Medien belohnen Zuspitzung,
Empörung und moralische Wut. Sie fördern
Polarisierung und verstärken Echokammern. Was
zählt, sind Applaus und Bestätigung – nicht Dialog.
Radikale Akteure verschiedenster Couleur haben
dadurch nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, ihre
Ideologien zu verbreiten. Regulierung und klare Regeln
für Plattformen können helfen. Doch wir dürfen
nicht allein auf politische Lösungen warten.
Demokratische Stimmen müssen selbst sichtbarer
werden. Wir verfügen über starke, humane Werte –
aber wir kommunizieren sie oft zu leise. Es ist paradox:
Wir schaffen es, Menschen für Apple-Produkte
zu begeistern, aber nicht für Grundrechte, Freiheit
und Pluralismus. Wir brauchen kraftvolle Gegen-
Narrative.
Jeder Einzelne kann in sozialen Medien Zivilcourage
zeigen: widersprechen, argumentieren, Haltung zeigen
– auch wenn es unbequem ist.
93
AHMAD MANSOUR
INTERVIEW
«
WO IST DIE BEREITSCHAFT,
UNBEQUEME MEINUNGEN
AUSZUHALTEN?
Sie sagen, Menschen hätten verlernt, miteinander
zu reden. Sie würden feindseliger und
radikaler, und zwar nicht nur an den politischen
Rändern. Was und wen genau meinen
Sie damit?
Ich meine uns alle. In Schulen, in sozialen Netzwerken,
am Familientisch zu Weihnachten, in Vereinen,
in Parlamenten – selbst dort, wo Demokratie
geschützt werden soll. Auch in repräsentativen Institutionen
unseres Landes.
Wo ist die Bereitschaft, unbequeme Meinungen auszuhalten?
Warum scheint es zu Fragen wie Ukraine,
Klima, Migration oder Gendern zunehmend nur
noch eine legitime Antwort zu geben? Ist das noch
Demokratie?
Demokratie bedeutet, dorthin zu gehen, wo es wehtut.
Dorthin, wo Widerspruch entsteht. Dorthin, wo
andere argumentativ zu anderen Schlüssen kommen.
Der Rückzug in Gleichgesinnung ist menschlich –
aber demokratietheoretisch fatal.
Was kann jeder und jede Einzelne, was kann
die Politik dagegen tun?
Wir brauchen wieder echte, offene Debatten – über
alle Themen. Nicht inszenierte Gesprächsformate,
sondern wirklichen Austausch.
Ich plädiere dafür, Debattieren als Pflichtfach an
Schulen einzuführen. Junge Menschen müssen lernen,
Argumente zu formulieren, Gegenargumente zu
prüfen und respektvoll zu widersprechen.
Auch in den Medien wünsche ich mir mehr Formate,
in denen substanzielle politische Auseinandersetzungen
stattfinden – nicht Gesprächsrunden, in denen
sich Gleichgesinnte gegenseitig bestätigen.
Und im privaten Umfeld gilt: Wenn wir beobachten,
dass sich jemand radikalisiert, dürfen wir nicht
wegsehen. Wir sollten das Gespräch suchen, zuhören
– und zugleich widersprechen. Beziehung ist der
wirksamste Schutz vor Extremismus. Durch Bindung
können wir Menschen eher erreichen als durch
Ausgrenzung.
Auch Sie selbst stehen immer wieder in der
Kritik, von rechts wie von links, werden aufs
Schärfste bedroht. Wie schaffen Sie es, trotzdem
engagiert und zuversichtlich zu bleiben?
Ich kam vor 21 Jahren nach Deutschland. Ich stamme
aus einer Kultur und einer Familie, in der es nur eine
legitime Meinung gab – die des Vaters. Tabus und
Verbote strukturierten das Denken.
In meiner Wahlheimat Deutschland habe ich etwas
gelernt, das für mich existenziell ist: Mündigkeit. Ich
durfte meine eigene Stimme finden und mitgestalten.
Meine Haltungen sind nicht heilig. Sie dürfen kritisiert,
diskutiert, ja sogar verworfen werden. Kritik
bedeutet, wahrgenommen zu werden. Sie eröffnet
Debatten – und genau darum geht es mir.
Mehr wollte ich nie als die Freiheit, meine Meinung
zu sagen – und die Freiheit, eigene Fehler machen zu
dürfen.
94
AHMAD MANSOUR
LESEPROBE
LESEPROBE
Prolog
7. Oktober 2024: Seit Tagen bin ich angespannt, merke,
dass ich Angst habe vor diesem Tag, an dem sich
das Massaker der Hamas, das größte Pogrom an Juden
seit der Schoah, zum ersten Mal jährt. Sobald ich
daran denke, bin ich zurück an diesem Morgen im
Jahr 2023, an dem ich aus einem tiefen Schlaf aufwache,
als hätte mein Körper vorausgeahnt, dass dies die
letzte Nacht ist, in der ich ruhig schlafen kann. Mein
Handy ist voller Push-Nachrichten. Ich lese sie und
bin wie gelähmt. Die nächsten drei Stunden bleibe
ich im Bett liegen und klicke mich durch die dunkelsten
Kanäle auf Facebook und später auf Telegram.
Dort kann man Gräueltaten der Hamas live verfolgen.
Mit Bodycams, Handys und GoPros filmen und posten
die Terroristen alles selbst – stolz, überzeugt, ihre
Macht in diesem Moment maximal genießend.
Ich sehe, wie Terroristen einer sterbenden jungen
Frau das Handy wegnehmen, ihre Mutter anrufen,
ihr das Gesicht ihrer Tochter zeigen und lachen. Ich
sehe Häuser, die in Brand gesetzt werden. Ich sehe
eine Familie in ihrem Wohnzimmer. Zwei Kinder
weinen, ein Mädchen liegt regungslos auf dem Boden.
Vielleicht ist es tot. Die Eltern dürfen dem Kind nicht
helfen. Die Mutter ist zerrissen. Mit einem Auge ist
sie bei ihrer Tochter, mit dem anderen bei den beiden
Kindern, die neben ihr sitzen. Ein Kind fragt: »Mama,
müssen wir auch sterben?«
Ich sehe zwei Jungen in einem Wohnzimmer. Sie sind
voller Blut, tragen nur Unterwäsche. Ein Terrorist
kommt herein. Der ältere Junge steht auf, fleht ihn auf
Englisch an: »Please, please, please. Let me go home!«
Dann weint er: »My dad! My dad!« Der Terrorist geht
zum Kühlschrank, bietet den Jungen etwas zu trinken
an. Dann nimmt er sich selbst eine Cola, trinkt sie in aller
Seelenruhe und geht nach draußen. Später wird rekonstruiert,
was ich da sehe: Der Vater war mit seinen Söhnen
in einen Schutzraum geflüchtet. Ein Terrorist warf eine
Handgranate in den Eingang, der Vater stürzte sich darauf,
um seine Kinder zu schützen. Er starb sofort in der
Explosion, die Jungen überlebten schwer verletzt.
Das sind nur Ausschnitte. Im März 2024 habe ich das
gesamte Archiv dieser Taten gesehen. Ich werde die
Bilder niemals wieder aus meinem Kopf bekommen.
Ich schreibe das hier, damit die Welt nicht vergisst,
was passiert ist, denn die Verbrechen des 7. Oktober
2023 scheinen längst im Aufmerksamkeitszyklus
der Debatten untergegangen zu sein.
Das Massaker traf mein Land. Orte, die mir vertraut
sind, weil sie zu meinem Leben gehören; an denen ich
auf Schulausflügen war, an denen ich Dates hatte, an
denen heute noch Freunde leben.
In den Tagen nach dem Massaker gebe ich erste Interviews.
Daraufhin bricht eine nie dagewesene Hasswelle
über mich herein. Unzählige Male lese ich »Verräter«
und »Muslimhasser«. Die Gewaltandrohungen
und Morddrohungen werden detaillierter und so konkret,
dass mir klar wird: Das sind keine leeren Worte.
Jemand veröffentlicht den Namen meiner Frau. Die
Polizei kontaktiert mich: Die Bedrohungslage habe
sich massiv verschärft. Ein Anschlag auf mich sei
wahrscheinlich. Ab sofort permanenter Personenschutz.
Es folgt ein Jahr ohne Normalität, ohne Spontaneität.
Ein Jahr, in dem ich anfange, in Szenarien zu denken,
die ich früher für absurd gehalten hätte: Was mache
ich, wenn ähnliche Terroristen wie die Hamas vor
meiner Tür stehen? Steigen meine Frau und meine
Tochter vom Fenster aufs Dach, um zu fliehen? Wo ist
das sicherste Versteck? Ich gehe nicht schlafen, ohne
zweimal zu prüfen, ob die Tür geschlossen ist und ob
die Polizei noch unten steht.
Trotzdem ist das nur ein Teil meiner Angst. Da ist die
Sorge um meine Familie in Israel. Da ist aber auch die
Trauer um die unbeteiligten Menschen in Gaza. Jedes
Mal, wenn ich Bilder von Menschen dort sehe, sehe
ich in ihnen meine Mutter, meine Tante, meinen Vater.
Sie sehen genauso aus wie wir, sprechen die gleiche
Sprache, tragen die gleiche Kleidung. Als Kind, als die
Grenzen noch durchlässiger waren, habe ich viele Wochenenden
und Ferien in Gaza verbracht. Später begegnete
ich Menschen von dort auch in meinem Alltag:
Viele wohnten damals in Tira, meiner Heimatstadt,
95
AHMAD MANSOUR
LESEPROBE
und fuhren nur am Wochenende nach Hause. An der
Tankstelle, bei der mein Vater arbeitete, gab es die
einzige Telefonzelle im Dorf. Dort standen sie oft
Schlange, um ihre Familien anzurufen.
Und während all das in mir arbeitet, zeigt sich seit
jenem Morgen eine Entwicklung, die weit über mich
hinausgeht. Antisemitismus ist weltweit sichtbarer,
lauter und gefährlicher geworden. Jüdisches Leben
ist konkret bedroht. In Deutschland hat sich die Zahl
antisemitischer Straftaten verdreifacht. Es gab Hunderte
Demonstrationen, auf denen Hamas-Terror
verherrlicht wurde und Parolen wie »Kindermörder
Israel« gerufen wurden. Es waren zwölf Monate voller
unfassbarer Meldungen, Ereignisse und Auseinandersetzungen.
Ich möchte mich an diesem 7. Oktober 2024 mit alldem
nicht auseinandersetzen. Ich will die Bilder
vergessen, die Interviews absagen, den Polizeischutz
ignorieren. Aber ich kann nicht. Schweigen würde
bedeuten, denen das Feld zu überlassen, die Hass
und Hetze verbreiten. Diese Verantwortung kann
ich nicht abgeben. Um sechs Uhr habe ich das erste
Interview gegeben. Jetzt, elf Stunden und unzählige
weitere Interviews später, sitze ich auf der Bühne eines
Theaters. Neben mir Josef Schuster, der Präsident
des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der Saal
ist voll. Ich sehe vertraute Gesichter, aber auch viele
Politiker und Medienvertreter, die meinen Analysen
bisher widersprochen, mich als undifferenziert bezeichnet
und mir unterstellt haben, Probleme zu dramatisieren,
die kaum existierten. Am liebsten würde
ich jeden von ihnen direkt ansprechen und fragen, ob
sie anders denken, nachdem sie gesehen haben, wie
Menschen hierzulande das Massaker feierten, wie der
Terror verteidigt wurde, wie Antisemitismus in Schulen,
auf Straßen und Universitäten explodiert ist und
wie Akteure, die sich selbst als links und progressiv
verstehen, plötzlich neben Islamisten und Antisemiten
stehen. Ich mache mir keine Illusionen, dass sie
meinetwegen gekommen sind. Sie sind wegen Josef
Schuster hier. Das ist klar. Trotzdem freue ich mich,
sie wenigstens auf diesem Weg zu erreichen.
Es soll an diesem Abend um unser gemeinsames Buch
Spannungsfelder. Leben in Deutschland gehen, aber auch
um die vergangenen zwölf Monate. Wir wollen darüber
sprechen, wie jüdisches Leben in Deutschland
unter wachsendem Antisemitismus und einer neuen
Enthemmung der Debatten leidet und welche Antworten
eine wehrhafte, aber tolerante Demokratie
darauf finden muss. Wir wollen auch vermitteln, dass
Dialog trotz Differenzen möglich ist, wenn Menschen
bereit sind, miteinander zu streiten, zu argumentieren
und zu widersprechen, ohne das Gespräch abzubrechen
– und das ausgerechnet vor einem Publikum, in
dem Menschen sitzen, die mir früher die Hand verweigert
hätten.
Die Veranstaltung tut gut. Die Fragen sind dieselben,
die ich seit einem Jahr beantworte, aber die Reflexion
vor Publikum hilft mir, das alles besser zu verarbeiten.
Als sich der Saal leert, kommen einige Politiker auf
mich zu, schütteln mir die Hand, sagen, wir müssten
uns unbedingt treffen. Ich antworte freundlich – und
bleibe gespannt. Eine Freundin stellt mir den Chef
des Theaters vor. Wir wechseln ein paar Sätze, dann
erzählt er mir von den verschiedenen Veranstaltungen
und Formaten des Theaters und fragt, ob ich Interesse
hätte, mitzumachen, etwa bei einem Streitgespräch
über den Krieg im Nahen Osten. Ich sage sofort zu.
Genau das möchte ich: mit Menschen reden, die eine
völlig andere Position haben als ich.
Bald darauf meldet er sich bei mir und fragt, wen
ich mir als Gesprächspartner vorstellen könnte. Ich
antworte: »Ich diskutiere mit jedem.« Dann schicke
ich ihm eine Liste mit Namen von Menschen, für die
die palästinensische Frage zentral ist und die Israel
sehr kritisch gegenüberstehen. Ein paar Wochen
passiert nichts. Schließlich kommt die Antwort:
Niemand habe zugesagt. Die Absagen klingen mal
knapp, mal höflich, mal offen abweisend: »Mit Ahmad
Mansour diskutiere ich nicht.« Oder: »Ich bin
bereit zu diskutieren, aber muss das Ahmad Mansour
sein?« Ein anderer schreibt, ich sei krude und
diffamierend, verbreite Verschwörungstheorien über
antisemitische Netzwerke, es gebe hier wirklich gar
keine Diskussionsgrundlage. Viele reagieren gar
nicht. Der Theaterchef schreibt noch, man müsse
die Veranstaltung verschieben. Danach höre ich nie
wieder von ihm.
Ich erlebe es immer wieder. Menschen, die über
den Nahostkonflikt sprechen wollen, aber nur mit
denen, die ihre Meinung teilen. Politiker, die zwar
Dialog fordern, aber konkrete Gespräche ablehnen.
96
AHMAD MANSOUR
LESEPROBE
Es ist ein Muster. Delegitimierung ersetzt Debatte.
Der andere wird nicht widerlegt, sondern für illegitim
erklärt. »Mit dem rede ich nicht« wird zum Totschlagargument.
Auch Medien tragen zu dieser Dynamik
bei, indem sie die verrohte Debattenkultur zwar anmahnen,
aber selbst polarisieren statt differenzieren.
Und es betrifft nicht nur mich, nicht nur den Nahostkonflikt
und auch nicht nur Deutschland. Meine Erfahrung
wirft eine Frage auf, die über meine persönliche
Situation hinausgeht: Was ist passiert mit unserer
Fähigkeit, miteinander zu streiten? Wann haben wir
verlernt, mit Menschen zu reden, die anders denken
als wir? Und warum wird Widerspruch heute nicht
mehr als notwendiger Teil einer Demokratie verstanden,
sondern als Bedrohung?
Nie gab es so viele Veranstaltungen mit Wörtern wie
»Vielfalt«, »Toleranz« oder »Demokratie« im Titel.
Doch meistens finden sie in homogenen Milieus
statt. Die Teilnehmer suchen Bestätigung, keine
Konfrontation. Das ist das Gegenteil dessen, was
diese Begriffe bedeuten. Vielfalt schließt Meinungsvielfalt
mit ein. »Toleranz« leitet sich vom Lateinischen
tolerare ab – »ertragen«, »erdulden«. Sie verlangt
keine Zustimmung. Und Demokratie lebt vom
Konflikt zwischen unterschiedlichen Positionen.
Wer sie nur unter Gleichdenkenden praktiziert, übt
sie nicht aus, sondern inszeniert sie. Dass wir uns das
leisten, hat eine Vorgeschichte. Sie beginnt in dem
Moment, da westliche Gesellschaften glaubten, die
großen Grundfragen seien entschieden und Politik
werde von nun an vor allem Verwaltung sein: 1989
fiel die Berliner Mauer. Zwei Jahre später brach die
Sowjetunion zusammen. Der Kalte Krieg war vorbei,
die ideologischen Fronten schienen aufgelöst. In dieser
euphorischen Stimmung schrieb der amerikanische
Politikwissenschaftler Francis Fukuyama einen
Essay mit dem Titel: Das Ende der Geschichte. Fukuyama
glaubte, die liberale Demokratie habe nach
dem Fall von Kommunismus und Faschismus endgültig
gesiegt. Es würde keine großen grundsätzlichen
Konflikte mehr geben, keine Systemkämpfe
und keine Weltkriege. Die Menschheit habe ihr politisches
Ziel erreicht. Und es sei nur noch eine Frage
der Zeit, bis sich Demokratie und Marktwirtschaft
weltweit durchsetzen würden. Die Welt schien auf
einem guten Weg.
Heute, drei Jahrzehnte später, zeigt sich ein anderes
Bild. Der Democracy Report 2025 des V-Dem-Instituts
zeigt: Weltweit stehen 91 Autokratien 88 Demokratien
gegenüber – ein Verhältnis, das es seit mehr als
zwanzig Jahren nicht mehr gab. In vielen Demokratien
wächst zugleich die Sehnsucht nach dem »starken
Mann«, autoritäre Führungsfiguren gewinnen an Zustimmung.
Was als unumkehrbare Entwicklung hin
zu mehr Freiheit galt, erweist sich als zerbrechlich.
Diese globale Entwicklung zeigt sich auch in Deutschland.
Das Vertrauen in die Politik und die Medien
geht zurück. Gleichzeitig vertiefen sich Gräben: Die
Ungleichheit wächst, politische Milieus stehen sich
unversöhnlich gegenüber, Generationen entfremden
sich. Aggression wird zur Normalität. Das zeigt sich
nicht nur im Ton, sondern auch ganz konkret: Bürgermeister
werden bedroht und treten zurück, weil
sie dem Druck nicht mehr standhalten. Feuerwehrleute
und Rettungskräfte werden bei Einsätzen angegriffen,
Lehrer bedroht, Demonstrationen kippen in
Gewalt. Die Pandemie hat diese Spaltung verschärft.
Auf der einen Seite nahmen Verschwörungserzählungen
und das Misstrauen gegenüber Institutionen zu.
Auf der anderen Seite zeigten sich autoritäre Reflexe,
etwa wenn Befürworter strengerer Maßnahmen jeden
Widerspruch als verantwortungslos verurteilten.
All das zeigt: Fukuyamas These ist widerlegt. Die Geschichte
ist nicht zu Ende, sie eskaliert. Und trotzdem
verhalten wir uns, als könnten wir uns den innergesellschaftlichen
Kampf, dieses ständige Gegeneinander
leisten. Als würde die Demokratie Spaltung, Radikalisierung
und Angriffe von außen automatisch
aushalten. Als müssten wir nur abwarten, bis sich alles
wieder von selbst einrenkt.
Natürlich entstehen diese Spannungen nicht im luftleeren
Raum. Sie sind Ausdruck einer Gesellschaft,
die dauerhaft überfordert ist, nicht nur durch wachsende
wirtschaftliche Sorgen, sondern auch durch
Krisen wie die Pandemie, den Klimawandel, Kriege,
zunehmende Migration. Das Problem ist nicht die
einzelne Krise, sondern die Verdichtung ohne Pause,
das ständige Gefühl, dass kaum Zeit bleibt, etwas zu
verarbeiten, bevor das nächste passiert – und oft auch
das Gefühl von Ausweglosigkeit.
Doch das allein erklärt nicht, warum wir so radikal, so
unversöhnlich geworden sind und uns gegenseitig die
Legitimität absprechen. Um das zu verstehen, müssen
wir tiefer schauen: in uns selbst. All die äußeren Krisen
wirken wie Brandbeschleuniger für psychologische Mechanismen,
die in uns allen angelegt sind. Wir suchen
nach Zugehörigkeit. Wir wollen Bedeutung haben, auf
der richtigen Seite stehen. In der Überforderung suchen
wir Schutz, und zwar nicht in differenzierten Analysen,
sondern in einfachen Erklärungen, die entlasten: Nicht
ich bin das Problem, es sind die anderen, die da oben,
die Fremden, die Falschen. So beginnt Radikalisierung.
Nicht mit Gewalt oder Extremismus, sondern hier,
mit dem Wunsch nach Eindeutigkeit. Und sie betrifft
nicht nur die Ränder. Sie betrifft uns alle.
Ich schreibe dieses Buch nicht als Außenstehender.
Ich schreibe es als jemand, der Radikalisierung am
eigenen Leib erlebt hat und weiß, was einen anfällig
macht, wie beruhigend es sein kann, plötzlich eine
klare Antwort auf alles zu haben, und ab welchem
Punkt man andere nicht mehr als Menschen sieht. Ich
schreibe es als Psychologe, der seit Jahren in Schulen,
Gefängnissen und Beratungseinrichtungen arbeitet
und dort die gleichen Muster wiedererkennt. Und
ich schreibe es als Zielscheibe, als jemand, der Diffamierung
und Delegitimierung ausgesetzt war – auch
durch Organisationen, die sich als Verteidiger der Demokratie
und als ein Bollwerk gegen Desinformation
verstehen und doch mit Skandalisierung, Personalisierung
und Moralisierung arbeiten.
Aus dieser dreifachen Perspektive schaue ich auf Szenen,
die vielen banal vorkommen mögen, und sehe etwas
anderes: die Mutter, die Verschwörungserzählungen
teilt und irgendwann nur noch glaubt, was in ihrer
Telegram-Gruppe steht. Der Kollege, der politisch Andersdenkende
nicht mehr als Gesprächspartner sieht,
sondern als Gefahr für die Demokratie. Die Freundin,
die Menschen danach sortiert, ob sie auf der richtigen
Seite stehen. Der junge Mann, der Gleichberechtigung
als Angriff auf seine Männlichkeit erlebt. Sie alle befinden
sich längst in Radikalisierungsprozessen, ohne es
zu merken. Diese Prozesse wirken, lange bevor jemand
»Deutschland den Deutschen« oder »Allahu akbar«
ruft. Sie beginnen, wenn Empathie schwindet und wir
verlernen, Widerspruch auszuhalten. Wenn wir den
anderen nur noch als Vertreter oder Vertreterin eines
Lagers sehen, unsere eigene moralische Überlegenheit
genießen und keinen Zweifel mehr zulassen.
04.
SEP
2026
AHMAD MANSOUR
HALTUNG OHNE HASS
Eine Aufforderung
Hardcover mit Schutzumschlag
200 Seiten
22,00 € (D) 22,70 € (A)
ISBN 978-3-8270-1544-0
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98
PHILIPP OEHMKE
PAPENBURG
PHILIPP OEHMKE
PAPEN
BURG
100
PHILIPP OEHMKE
INTERVIEW
INTERVIEW
Wie sieht in Ihren Augen eine glückliche Familie
aus, lieber Philipp Oehmke?
Streit, Zusammenhalt und Liebe: Familien sind vor
allem Konfliktgemeinschaften. Das klingt negativer,
als ich es meine. Familien sind Gefäße, in denen vor
allem Konflikte verhandelt werden müssen. In diesem
Sinne ist eine glückliche Familie diejenige, die
immer wieder zusammenfindet und über die Jahrzehnte
Strategien entwickelt hat, sich zu vertragen
und verzeihen. Die Familie, die ich in meinem ersten
Roman betrachtet habe, verfügte zum Beispiel über
diese Strategien nicht.
In Ihrem Debütroman »Schönwald« stand
die konservative, von der Mutter Ruth dominierte
Familie im Fokus. Nun erzählen Sie
von den Papenburgs, deren Geschichte eine
vollkommen andere Richtung nimmt. Was
unterscheidet die Papenburgs von den Schönwalds
– und worauf liegt in Ihrem zweiten
Roman der Fokus?
Anders als bei den Schönwalds ist bei den Papenburgs
alles out there: Keiner verspürt irgendeine Scham über
seine Schwächen. Alkoholismus, Scheidung, Untreue,
obszöner Reichtum, Oberflächlichkeit, sogar eine
antidemokratische menschenverachtende Gesinnung
– die Papenburgs sind auf ihre Art frei. Und gewissermaßen
sind sie damit ideal ausgestattet, um in diesen
Zeiten erheblicher politischer und moralischer Verunsicherung
zu überleben.
Würden Sie zustimmen, dass sich »Papenburg«
nicht mit der Frage der Herkunft beschäftigt,
sondern vor allem damit, wer wir
sein wollen oder was wir aus uns machen?
In der Tat wirken die Papenburgs wie eine Familie
ohne Geschichte. Sie kommen irgendwie aus dem
Ruhrgebiet, aber eigentlich beginnt die Zeitrechnung
bei ihnen erst mit der (gescheiterten) Auswanderung
nach Kalifornien. Dort beginnt der Reichtum,
doch die Familiengemeinschaft zerbricht, auch weil
sie den beiden Eltern nicht wichtig genug ist. Wo
die Schönwalds einfach ausgeharrt haben, teilweise
über Jahrzehnte, sind die Papenburgs viel eher bereit,
die Gemeinschaft zugunsten individualistischer Bedürfnisse
aufzukündigen. Dass auch diese unüberlegt
Entscheidungen Konsequenzen nach sich ziehen,
wird ihnen erst Jahre und Jahrzehnte später klar und
löst tatsächlich so etwas wie Reue aus. Der Roman
»Papenburg« erkundet in all seinen Figuren eine Art
Rekalibrierung, eine Veränderung, die durch die politisch
und gesellschaftlich volatile Situation, in der die
Figuren sich wiederfinden, begünstigt wird.
Natürlich ist niemand eine Insel, alle Figuren
in Ihrem Roman sind ihren ökonomischen Verhältnissen,
der Politik und auch den Interessen
ihres Umfelds ausgesetzt. Welche Rolle spielen
in »Papenburg« Politik und gesellschaftliche
Veränderungen?
Sie sind ein Katalysator für die Entwicklung der Figuren.
Die Figuren erleben in »Papenburg« den bekannten
liberal demokratisch geprägten Westen im
Umbruch, wenn nicht sogar im Untergang. Das verunsichert
sie einerseits, erleichtert es ihnen aber auch,
sich zu häuten oder gar neu zu erfinden.
Ein Thema, das in der deutschen Literatur
selten verhandelt wird, ist das nach dem Zusammenhang
von Geld und Moral. Es fällt auf,
dass »Papenburg« sehr genau auf die Wechselwirkung
zwischen großem Wohlstand und
dem richtigen Leben schaut. Was interessiert
Sie daran?
Materieller Wohlstand ist in der spätkapitalistischen
Umgebung, in der »Papenburg« spielt, vermeintlich
gleichbedeutend mit Glück. Ich statte meine Figuren
mit dieser materiellen Sicherheit aus, damit sie sich
komplett auf ihr seelisches Glück konzentrieren können:
Eigentlich müssten wir glücklich sein, uns geht
es doch so gut. Diesen Satz kennt jeder, er hat ja schon
eine moralische Komponente, nämlich die Aufforderung,
verdammt nochmal happy zu sein. Und doch
ist ja niemand substanziell glücklich, zumindest nicht
101
PHILIPP OEHMKE
INTERVIEW
Emilia Papenburg hat ihren Mann Benni verlassen und ist mit den Kindern nach New
York gegangen. Ein Neubeginn ohne Familie, an der sie gescheitert zu sein glaubt,
genau wie schon ihre eigenen Eltern. Doch vielleicht irrt Emilia sich. Denn ihr Vater und
ihre so lange verschollene Mutter wollen um jeden Preis die Familie zusammenbringen.
Sie ertragen gegenseitige Verletzungen und enttäuschte Hoffnung für Momente klaren
Glücks. Emilias Mann Benni ist da schon einen Schritt weiter: Er stellt seine Freiheit über
die Illusion familiärer Notwendigkeiten. »Papenburg« ist das schillernde Porträt unserer
verunsicherten westlichen Gesellschaft und einer Schar so verzweifelter wie erfindungsreicher
Menschen auf der Suche nach Sinn und Vergebung.
in den westlichen Gesellschaften, die ich so kenne.
Es sind die sogenannten First-World-Problems, die
mich interessieren.
Es wird sehr deutlich in diesem Buch, wie sehr
sich die weltpolitische Lage verändert hat.
War das für Sie der Grund, weite Teile Ihrer
Geschichte in den USA spielen zu lassen?
Ich habe selbst viele Jahre in den USA gelebt und fand
immer faszinierend, wie schamlos und unverhüllt gesellschaftliche
Veränderungen dort sichtbar werden,
oft Jahrzehnte, bevor sie in unserem europäischen
Zusammenhang relevant werden. Davon wollte ich
im Roman profitieren und meine armen Deutschen
sozusagen Extrembedingungen aussetzen.
Ein großer Reiz Ihres Romans geht davon aus,
mit welchen Verunsicherungen Ihre Figuren
zu kämpfen haben. Immer stellen wir uns bei
der Lektüre die Frage, was sie antreibt und
mit welchen Konsequenzen sie zu kämpfen
haben. Können Sie das ein wenig beleuchten?
Ein wiederkehrendes Motiv in dem Roman ist, dass
alle Figuren glauben, eine Leerstelle in ihrem Leben
zu spüren: etwas, das ihnen fehlt, das sie meinen, zurückerobern
zu müssen: Da ist Benni, dem seine Frau
Emilia mit den Kindern weggelaufen ist; Katrin, der
es nach Jahren gelingt, zeitweilig mit dem Trinken
aufzuhören, und die ihre verpasste Mutterschaft an
Emilia nachholen möchte; ihr Exmann Thomas, der
als Techmillionär alles hat außer einem Ziel, einer
Richtung und diese dann in einer neuen Gesellschaftsordnung
glaubt finden zu können. Oder Chris,
den wir aus »Schönwald« bereits kennen und der da
schon lost war und nun seine einzige funktionierende
Beziehung, die zu seinem Bruder Benni, zu verlieren
droht: Weil also offenbar niemand mit seinem Zustand
glücklich ist, werden immer Häutungen vollzogen,
neue Konzepte ausprobiert – mit durchwachsenen
Ergebnissen. Die einzige Figur, die sich bisher
erfolgreich jeder Evolution widersetzt hat, ist die alte
Mutter Ruth. Sie durchschaut jeden, nur sich selbst
nicht, und intuitiv warnt sie vor dem schicksalhaften
Zusammentreffen der beiden Familien Papenburg
und Schönwald in New York. Interessanterweise stellt
sich am Ende die Figur mit den meisten Dämonen
und einem zerbrochenen Leben als diejenige heraus,
die am freiesten agieren kann und einen realistischen
Blick aufs Leben hat. Ich sage nicht, welche das ist.
Eine große Frage: Sind Ehe und Familie heute
noch gültige Konzepte?
Auf jeden Fall! Wir haben doch nichts anderes. Es
ist ja nicht so, dass im 20. Jahrhundert nicht nach
alternativen Modellen gesucht wurde. Offene Beziehungen,
Kommunen, Otto-Mühl-Sekten, WGs,
Patchworkkonstellationen. Das Wenigste davon hat
funktioniert. Ich glaube, wir müssen mit dem arbeiten,
was wir vorfinden. Ich möchte für immer verheiratet
bleiben.
102
PHILIPP OEHMKE
LESEPROBE
LESEPROBE
Am nächsten Tag saß Katrin wieder im Flugzeug zurück
an die Ostküste und las Siri Hustvedt. Eine Mutter,
die ihrer Tochter half, Mutter zu sein. Eine Großmutter,
die endlich ihren Enkeln mehr geben konnte
als nur Minecraft. Eine geschiedene Ehefrau, die endlich
ihren Frieden machte. Wer diese immer noch gut
aussehende elegante Mittfünfzigerin auf dem Flug UA
327 San Francisco – La Guardia Airport auf Platz 2C
der Business Class mit ihrem Siri-Hustvedt-Buch sitzen
sah, wäre nicht draufgekommen, einen addict vor
sich zu haben, die das letzte Vierteljahrhundert mehr
oder minder in Unglück und Delirium verbracht hatte.
Sie hätte sich vielleicht gewünscht, mehr Zeit zu haben,
endgültig in ihrem neuen nüchternen Leben in
San Francisco anzukommen. Sie hatte überlegt umzuziehen,
weg aus Haight Ashbury, das nicht nur im
Counterculture-Kollektivgedächtnis als ein Ort für
Drogen und Exzess eingebrannt ist, sondern auch in
Katrin Papenbrincks ganz persönlicher Erinnerung.
New York war noch nie ihre Stadt gewesen. Kalifornien
(außer Los Angeles) hatte sie sofort begriffen, die
Schönheit der Natur, die Abgeschiedenheit am Ende
der westlichen Welt, die freundlichen Mexikaner, die
kleinen Communities, die vielen Privilegien für wohlhabende
Menschen. Sie hasste New York, auch weil es
der Ort war, an den Thomas damals Millie entführt
hatte; der Ort, an dem Millie den zweiten Teil ihrer
Kindheit verbracht hatte, ohne ihre Mutter. Wo sie zur
Schule gegangen ist, vielleicht den ersten Freund hatte,
zur Frau wurde – Jahre, die Katrin als Mutter nicht miterleben
durfte und die unwiederbringlich waren. Millie
war irgendwann vielleicht alt genug gewesen, sich gegen
ihren Vater zur Wehr zu setzen und selbst zu bestimmen,
dass sie ihre Mutter in ihrem Leben haben wollte.
Aber sie hatte es nicht getan. Katrin musste aufhören,
darüber nachzudenken. Es war ein Neustart, für Katrin,
aber hoffentlich auch für Millie. Sie musste aufhören, sie
Millie zu nennen, in ihren Gedanken und erst recht in
der direkten Ansprache. Ihre Tochter hasste ihren Spitznamen,
er erinnere sie nämlich an ihre Kindheit, hatte
sie mal gesagt, und das seien keine guten Erinnerungen.
In der Ankunftshalle des La Guardia Airport wurde
Katrin von einem großflächigen Plakat begrüßt,
bestimmt zwanzig mal dreißig Meter, das direkt an
der Wand gegenüber dem Ausgang hing. Es zeigte
eine gut gemachte Schwarz-weiß-Porträtaufnahme
von Andrew Cuomo. Der ehemalige Governor des
Staates New York sah gut aus auf der Fotografie, ein
bisschen wie Kevin Costner in der Serie Yellowstone,
dachte Katrin.
»The NEW La Guardia Airport. I’m proud I could give
it to you. From a New Yorker to all New Yorkers«, stand
unter dem Plakat. Cuomo hatte vor einigen Jahren seinen
Posten als Governor nach langer Amtszeit räumen
müssen, nachdem ein Dutzend junger weiblicher Staffer
Vorwürfe sexueller Übergriffe vorgetragen hatten.
Daraufhin hatte er sich für eine Weile zurückgezogen
und schließlich vor Kurzem den zwar sehr woken, sehr
sozialen, sehr palästinafreundlichen, einen hippen arabischen
Namen tragenden, aber zu chaotischen und
letztlich für die jüdische New Yorker Bevölkerung zu
israelfeindlichen Bürgermeister abgelöst. Cuomo war
zurück und wollte die in seiner Stadt ankommenden
Menschen noch einmal daran erinnern, dass er es war,
der diesen schon legendär heruntergekommenen und
dysfunktionalen Stadt-Flughafen La Guardia komplett
erneuert und modernisiert hatte, während sein
Widersacher mit dem schwierigen Namen offenbar nur
mit der Renovierung öffentlicher Toiletten für Transmenschen
beschäftigt gewesen war. Das war natürlich
eine sehr populistische Zuspitzung, für die Cuomo
stark kritisiert wurde, aber bei den meisten traditionell
hartgesottenen New Yorkern traf sie zur Überraschung
einiger Stimmen in der demokratischen Partei einen
Nerv. Cuomo gehörte zwar auch zu den Demokraten,
aber zu jenem Flügel, der inzwischen an die Stelle der
Pre-Trump-Republikaner gerückt ist.
Unter dem Plakat wartete Emilia mit August und
Otis. Die beiden zerrten gegenseitig an einem Pappschild,
auf dem in krakeliger Schrift stand: Welcome
to NYC OPPA KATRIN!!!!. Katrin war es gleich
103
PHILIPP OEHMKE
LESEPROBE
unangenehm vor den anderen Reisenden, obwohl
niemand Notiz nahm. Trotzdem musste sie vielleicht
vor sich anerkennen, dass sie in alledem, was in den
nächsten Tagen, Wochen und vielleicht Monaten auf
sie zukommen würde, keinerlei Übung hatte. Als Oma
schon gar nicht, aber ihre Erfahrungen als Mutter
endeten auch bei einer Elfjährigen. Ihre Lebenswelt
der letzten zwei Jahrzehnte hatte aus Abhängigkeit,
Entzugskliniken, leeren Chardonnay-Flaschen, Rezeptzetteln,
Einsamkeit, Scham und Vertuschung bestanden.
Würde sie in der komplizierten sozialen und
emotionalen Situation einer erheblich unter Druck stehenden
Kleinfamilie wirklich bestehen können? War
von ihren Nerven nach mehr als zwanzig Jahren addiction
überhaupt noch etwas übrig? Sie wusste es nicht,
denn in der Klinik in Pittsburgh war jeder Stress von
ihr ferngehalten worden, sieben Monate lang. Diese
Gedanken verunsicherten sie plötzlich und ließen die
Begrüßung von Emilia und den Enkeln seltsam verhalten
ausfallen. Katrin versuchte, beide Kinder umständlich
zu küssen, die ließen sich zwar umarmen, drehten
sich aber auch weg, sodass Katrin mit ihrem Kuss bei
Otis nur die Haare und bei August immerhin die Stirn
erwischte, worauf der Junge sein Gesicht angeekelt zur
Seite wandte. Auch Emilia guckte schief, als wären ihr
ebenfalls Zweifel gekommen und so fiel auch die Begrüßung
ihrer Tochter ungelenk aus. Worauf sollten sie
auch aufbauen? Sie hatten sich jahrelang nicht gesehen.
»Wie war der Flug?«
Was man halt so sagt.
»Danke, gut. Ich habe gelesen.«
Emilia hätte fragen können, was sie gelesen hat, dann
hätte sie sagen können »Siri Hustvedt«, und dann hätten
sie vielleicht über die feministisch empathische Autorin
sprechen können, die Emilia bestimmt gut fand.
Sie sah, wie August und Otis verlegen kicherten und
sich gegenseitig aufstachelten, bis August, der Ältere,
schließlich krähte: »Oppa Katrin, wo ist das Minecraft?«
Katrin hatte sich fest vorgenommen, in den kommenden
Wochen so etwas wie eine echte Bindung zu ihren
Enkeln aufzubauen, sie konnten nicht anders, als dabei
an alte Werbespots aus ihrer Kindheit in Westdeutschland
zu denken: Enkel, die von Minecraft
noch nichts ahnten, und traditionelle Omas ohne
Alkoholproblem mit einer Milchschnitte in Happiness
vereint. Vielleicht gelänge es ihr ja, zumindest
mal von ihrem Minecraft-Lieferanten-Image wegzukommen.
August, würde, wenn sie richtig gerechnet
hatte, nun bald auch schon zehn.
Emilia verfügte offenbar über einen Wagen mit Fahrer,
ein Ungetüm von Auto, das Thomas ihr hingestellt
haben musste. Es wirkte wie ursprünglich für Kriegsschauplätze
gedacht, und so fühlte sich die stockende
Fahrt über die stark befahrene I495 Richtung Manhattan
auch an. Interessant, dachte Katrin, ein Auto mit
Fahrer hatte Thomas ihr nie angeboten, dabei hatte sie
doch wirklich mehr für ihn getan als seine Tochter, die
eigentlich noch nie etwas anderes getan hatte, als ihn
zu kritisieren. Außerdem besaß Katrin immer noch
keinen Führerschein, anders als ihre Tochter, ein weiterer
Grund, dass Thomas ihr das chauffierte Auto vor
die Tür hätte stellen sollen. Dann wäre sie auch nicht
gefangen gewesen in diesem Haus, und wer weiß, wie
alles dann ausgegangen wäre.
Sie hatte Emilia gar nicht gefragt, wie sie eigentlich
wohnen würde in New York, aber seit Pittsburgh machte
ihr nichts mehr Angst. Emilia hatte ein Town house
in der East 13th Street gemietet, es war kein Palast,
aber hatte ein Schwimmbad im Keller, was, wie Emilia
berichtete, das Einzige war, was die beiden Jungs über
die ersten Wochen hier gebracht hatte. Inzwischen war
das Schwimmen ihnen langweilig geworden, und sie
behaupteten, das Wasser würde ihnen in den Augen
brennen. Katrin bezog ein rosa gestrichenes Zimmer
unter dem Dach mit kleinem Balkon, auf dem sie
heimlich rauchen konnte (nein, damit aufzuhören, dazu
hatte es nicht mehr gereicht in Pittsburgh).
Gleich am nächsten Morgen brachte sie die Kinder zur
Schule, Emilia hatte angeboten, das erste Mal mitzukommen,
doch Katrin und vor allem die Jungs hatten
das brüsk abgelehnt. Sie würden Oppa Katrin alles
zeigen. Gracie Church war eine der bekanntesten und
teuersten Privatschulen in Manhattan, und Emilia
hatte erzählt, dass sie Thomas’ Trust Fund arg hatte
belasten müssen, für die unterschiedlichen Spenden,
die sie geleistet hatte, bis die Schule nicht mehr nein
sagen konnte zu den Bewerbungen von August und
Otis Papenburg (sie war stolz gewesen, dass sie nicht
104
PHILIPP OEHMKE
LESEPROBE
Thomas hatte fragen müssen): Spenden für die Library,
normal; für das Women Soccer Team, auch relativ
gewöhnlich; für zwei Vollstipendien zur Unterstützung
von less privileged students; für die Inclusive Art
Collection, für die Homeless Soup Kitchen, für die
Stop-IDF-Genocide-in-Gaza-Action-Coalition, für
die George-Floyd-Rememberance Group Against
Police Brutality und das Judith-Butler-Non-Binary-
Student-Scholarship.
Auf dem Weg hatte Katrin ihren Enkeln vorgeschlagen,
dass sie sie in der Schule vielleicht nicht »Oppa Katrin«
riefen, sondern einfach Katrin oder ihretwegen auch
»Grandma«. Doch August erklärte ihr, »Grandma«
ginge nicht, an der Schule seien Wörter wie »Mum«
und »Dad« nicht erlaubt.
»Wir sagen nicht Mum and Dad oder Grandma oder
Parents. Denn das ist keine inclusive language, Omma.
Das schließt doch Menschen aus, die zum Beispiel keine
Kinder bekommen können. An der Schule ist nur
inclusive language erlaubt.«
»Was sagt ihr denn dann, wenn ihr zum Beispiel dem
Lehrer sagen wollt, dass eure parents euch abholen?«
»Statt parents sagen wir doch grown-ups, Omma!«
»Mum and Dad is heteronormative language and very
violent towards those who …«
»Ok, ok. Darf ich euch noch Kinder nennen?«
»Nein«, riefen beide empört.
»Wir sind people«, sagte August.
»Oder folks«, sagte Otis.
Je näher sie der Schule kamen, desto stiller wurden die
Enkel. Weil Katrin selbst nervös war, waren sie viel zu
früh losgegangen und standen jetzt zwanzig Minuten
vor Unterrichtsbeginn verloren auf dem Schulcampus
herum. August und Otis mischten sich unter die rennenden,
schreienden, sich balgenden und Bälle werfenden
Mitschüler, doch sie blieben wie Geister ungesehen
und unberührt. Sie könne ruhig gehen, hatte August
nervös gesagt und versucht, Katrin Richtung Ausgang
zu schieben.
Doch Katrin blieb für einen Moment. Niemand beachtete
ihre Enkel, kein Freund kam angelaufen und
begrüßte sie, dabei waren sie doch schon seit Monaten
an der Schule.
In der Nähe des Schultors standen die Mütter und vereinzelte
Väter in teurer Kleidung neben ihren schwarzen
oder holzfarbenen Elektro-Lastenrädern. Sprachen
miteinander, beäugten sich gegenseitig, schmiedeten
Allianzen für ihre Kinder, networkten.
Anders als ihre Enkel wurde Katrin sofort beachtet. Sie
sah heute nicht mehr aus wie eine freundliche wohlsituierte
Oma. Katrin schätzte, dass ihr sorgsam für
diesen Auftritt ausgewähltes Outfit inklusive eines
Vintage-Chanel Blazers und einer raren Louis Vuitton
Tasche locker an die 30 000 Dollar heranreichte. Dazu
ihre sehr filigranen Implants und gut gemachten Straffungen
im Gesicht sowie die sehr schlechten und verblichenen
Tattoos auf ihren Unterarmen, die ihr in den
vernebelten Nächten in Haight Ashbury zugestoßen
waren. Diese Kombination ließ sie, das musste man
sagen, irgendwie interessant aussehen, auf eine bewegte
Vergangenheit, vielleicht Musik- oder Filmbusiness
schließen (wo sie doch in Wirklichkeit nur zu Hause
gelegen und Chardonnay getrunken und Valium genommen
hatte). Ihr Alter war kein Problem, das wusste
sie, die meisten Mütter hier hatten ihren letzten Wurf
Zwillinge auch erst mit Mitte Vierzig bekommen.
Katrin hatte am Abend zuvor Emilia noch beiläufig gefragt,
wie denn die Schule der Jungs eigentlich hieße,
und anschließend im Bett gegoogelt. Schnell war ihr
klargeworden, womit sie es zu tun hatte, sie hatte es
erwartet. Sie war nicht dumm, sie kannte diese Schulen.
Fünf Jahre hatte sie sich mit der kleinen Emilia
durch die soziale Privatschulen-Hölle in Palo Alto und
San Francisco gequält. Es war damals schon furchtbar
und für eine Mutter im Grunde ein Fulltime-Job, die
Koalitionen und Allianzen, die Kriege und die Missgunst
zwischen den Müttern (damals waren es fast ausschließlich
die Mütter, nur manchmal wurden auch die
Väter mit reingezogen), aber Katrin konnte sich vorstellen,
dass es heute mit all den Chatgruppen und dem
Social Media Pressure noch schlimmer war.
Weil sie damals kaum etwas anderes gemacht hatte in
ihrem Leben, wusste Katrin noch genau, wie dieses Spiel
lief und worauf es ankam, um es zu gewinnen. Ihre Tochter
Millie hatte nicht den Killer-Instinkt dafür. Vielleicht
hatte Millie das Gefühl, dass ihre Mutter bisher nur eine
Belastung in ihrem Leben gewesen war, aber jetzt würde
sie zum Asset für ihre Tochter. Wenn die Sache mit der
Schule laufen würde, wenn die Jungs Freunde fänden,
Playdates hätten und Mitglied in den richtigen Lacrosse
Teams würden (Lacrosse war der Sport vor 25 Jahren in
Kalifornien, was immer es jetzt abgelöst hätte, Krav
Maga oder Virtual Golf), würde Emilia automatisch in
den relevanten Zirkeln der Eltern verkehren, und ihr Leben
würde sich entspannen. Katrin glaubte, dass sie dies
in zwei, drei Monaten würde liefern können.
Für heute war es genug. Die Mütter hatten sie gesehen.
Morgen würde sie ihren ersten Move machen. Als sie
am Nachmittag August und Otis abholte, hatte Katrin
sich nicht nur ein anderes Outfit angezogen (diesmal
kein Vintage-Chanel, stattdessen lockere Athletic Gear
von Loro Piano und Fear of God), sondern betrieb auch
ihre Studien weiter. Meistens ist es nicht schwierig, die
ein oder zwei Alphamütter zu identifizieren. Nicht immer
waren es die augenfällig bestaussehenden oder am
teuersten angezogenen. Schon möglich, dass so eine
mal dabei war, aber man musste auch immer mit einer
superenergischen Soccer-Mum rechnen, deren Mann
im Gegensatz zu den meisten anderen Dads hier sich
»alles hart erarbeitet hatte«, wie es dann hieß. Ebenfalls
auf dem Zettel haben musste man die krass übergriffige
asiatische Mutter, eine Chinesin oder auch Südkoreanerin
(Japanerin eher nicht, die waren zu fein), die,
auch weil sie kaum Englisch sprach, nach ihren eigenen
Regeln spielte und einen Scheiß darauf gab, was alle anderen
dachten. Zumindest war das vor 25 Jahren in Palo
Alto so gewesen, auch in dieser Typisierung. Inzwischen,
glaubte Katrin, war es tendenziell schlimmer geworden –
allen Versuchen zum Trotz, durch das Verbot von Wörtern
wie »Parents« oder »Mum and Dad« wenigstens
auf sprachlicher Ebene niemanden mehr auszugrenzen,
während man ansonsten aber das Gegenteil tat.
Katrin überlegte, bei welcher Klasse sie beginnen sollte,
Augusts oder Otis’? Wäre es in der vierten oder der zweiten
Klasse einfacher? Doch bevor Katrin weiter darüber
nachdenken konnte, ergab sich eine Gelegenheit. Sie sah
Otis aus dem Schulgebäude auf den Campus kommen,
und zwar tatsächlich in ein Gespräch vertieft mit einem
Jungen, der von oben bis unten in ein nagelneues Fußballtrikot
von Paris St. Germain gekleidet war. Na gut,
der Junge ist nicht perfekt, dachte Katrin, aber er trug
immerhin einen überdimensionalen dreieckigen Balenciaga-Rucksack,
irgendwo musste man ja beginnen.
31.
JUL
2026
PHILIPP OEHMKE
PAPENBURG
Hardcover mit Schutzumschlag
ca. 432 Seiten
26,00 € (D) 26,80 € (A)
ISBN 978-3-492-07494-0
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(Buchhändler:innen), press@piper.de (Presse)
106
AVA R EID
LADY MACBETH
AVA REID
LADY
MACBETH
»Kunstvolles Erzählen und eine komplexe
Charakterentwicklung verleihen der geheimnis vollsten
Figur der Literaturgeschichte ein neues Leben.«
GLAMOUR
»Voller Hexerei, tödlicher Machtspiele, dunkler
Intrigen, übernatürlicher Elemente und einem
Hauch von Romantik.«
COSMOPOLITAN
108
AVA R EID
LESEPROBE
LESEPROBE
Eins
»Lady?«
Sie blickt auf und durch das Fenster der Kutsche; die
Nacht ist mit rascher Schwärze hereingebrochen. Sie
wartet ab, wie sie angesprochen wird.
An den ersten Tagen ihrer Reise unter den moosbewachsenen,
verdrehten, dunkelgrünen Bäumen von
Breizh war sie Lady Roscille. Dieser Name haftete
während des ganzen Weges durch ihr Heimatland
an ihr, bis hin zur erdrückend grauen See. Sie setzten
wohlbehalten über; ihr Vater Schiefbart hatte eigenhändig
die Nordmänner zurückgeschlagen, die einst
den Kanal beherrschten. Die Wellen strichen klein
und eng wie aufgerolltes Pergament am Schiff entlang.
Dann die Ufer von Bretaigne – ein barbarischer Ort,
diese zerklüftete Insel, die auf Karten aussieht wie ein
vergammeltes, halb zerbissenes Stück Fleisch. Die
Kutsche erhielt einen neuen Kutscher, der bizarres
Sächsisch sprach. Somit wurde auch ihr Name vage
sächsisch: Lady Rosele?
Bretaigne. Zunächst gab es Bäume, doch dann verwandelten
sie sich in Gestrüpp und Gesträuch, und
der Himmel wurde übelkeitserregend weit und dabei
grau wie die See. Zornige Wolken krochen darüber
wie Rauch von fernen Feuern. Jetzt mühen sich die
Pferde mit der steil ansteigenden Straße ab.
Sie hört und kann doch nicht sehen, wie sich Steine
unter den Hufen lösen. Das lang gezogene, weiche
Heulen des Windes verrät ihr, dass es da draußen nur
Gras gibt, Gras und Steine, keine Bäume, in denen
sich der Wind fängt, keine Äste oder Blätter, die das
Heulen zerteilen.
So kündigt sich ihr Glammis an.
»Lady Roscilla?« Ihre Zofe stößt sie erneut sacht an.
Da ist es, das Skos. Nein, das Schottisch. Sie wird
diese Sprache sprechen, die Sprache des Volkes ihres
Ehemannes. Nun ihres Volkes. »Ja?«
Trotz Hawises Schleier erspürt Roscille die gerunzelte
Stirn.
»Seit Stunden sprecht Ihr nun kein Wort!«
»Es gibt nichts zu sagen.«
Aber das ist nicht die ganze Wahrheit; Roscilles
Schweigen dient einem Zweck. Die Nacht lässt sie
durchs Fenster nichts sehen, doch sie kann lauschen,
und was sie hört, ist die Abwesenheit aller Laute. Keine
singenden Vögel, keine zirpenden Insekten, keine im
Unterholz über Wurzeln huschenden Tiere, keine von
Holzfällern geschlagenen Bäume, keine in steinernen
Betten plätschernden Bäche, nicht der letzte Regentropfen
der Nacht zuvor, der von den Blättern tropft.
Keine Laute des Lebens, und ganz sicher keine Laute
wie in Breizh, und mehr als das hat sie nie gekannt.
Hawise und ihr Stirnrunzeln sind das einzig Vertraute
an diesem Ort.
»Der Herzog erwartet, dass Ihr ihm schreibt, sobald
wir ankommen. Wenn alles abgeschlossen ist«, sagt
Hawise vage. Ein halbes Dutzend Namen hat sie in
allen erdenklichen Zungen für die Lady, aber das
Wort »Hochzeit« scheint ihr noch niemals untergekommen
zu sein.
Roscille findet es amüsant, dass Hawise das Wort
auch in diesem Moment nicht aussprechen kann, obgleich
sie doch selbst vorgibt, die Braut zu sein. Schon
als sie zum ersten Mal davon hörte, hielt Roscille den
Plan für eine Dummheit, und nun kommt er ihr noch
viel dümmer vor: sich selbst als Zofe zu verkleiden
und Hawise als Braut. Roscille trägt dumpfe Farben
und steife, grob gewebte Wolle, das Haar unter eine
Kappe gesteckt. Ihr gegenüber sitzt Hawise mit Perlen
an den Handgelenken und dem Hals. Ihre Ärmel
sind gähnende Münder, die bis zum Boden reichen.
Die Schleppe ist so weiß und dick, dass sie aussieht,
als hätte sich eine Schneewehe in der Kutsche gesammelt.
Ein beinahe undurchsichtiger Schleier bedeckt
Hawises im falschen Blondton glänzendes Haar.
Sie und Hawise sind gleich alt, doch Hawise hat den
stämmigen Körperbau einer Nordfrau; sie ist nichts
als Schultern. Mit diesen Verkleidungen werden sie
niemanden zum Narren halten können; sogar der
Umriss ihrer Schatten kann die List auffliegen lassen.
Es ist eine willkürliche Machtdemonstration ihres zukünftigen
Gatten, um zu sehen, ob der Herzog seinen
launenhaften Forderungen zustimmt. Ihr kam jedoch
109
AVA R EID
LESEPROBE
auch der Gedanke, dass seine Motive finsterer Natur
sind: dass der Than von Glammis Verrat in seinen eigenen
Landen fürchtet.
So wie Roscille ein Geschenk an den Thanen ist für
seine Unterstützung, so war Hawise ein Geschenk
an Roscilles Vater, den Herzog, dafür, dass er keine
Schiffe entsandte, als er Schiffe hätte entsenden
können. Dafür, dass der Herzog den Nordmännern
den Rückzug aus dem Ärmelkanal ermöglichte, bot
Hastein, deren Stammesfürst, ihm eine seiner vielen
nutzlosen Töchter an.
Roscilles Vater ist so viel mildtätiger als Hawises ungehobeltes
Seeräubervolk. An Schiefbarts Hof werden
sogar Bastardtöchter wie Roscille Ladys, wenn es
dem Herzog nützt.
Doch Roscille musste neulich erfahren, dass sie
ihrem Vater nicht nützt, weil sie fließend das heimische
Brezhoneg und Angevinisch sowie dank
Hawise sehr gutes Nordisch spricht – und nun auch
Skos, aus Notwendigkeit, auch wenn die Worte
sie im Hals kratzen. Sie ist nicht nützlich, weil sie
sich die Gesichter aller Edlen merken kann, die je
ihres Vaters Hof besuchten, und den Namen jeder
Hebamme, jeder Dienerin, jedes Lieferanten, jedes
Bastards, jedes Soldaten und zudem zu jedem ein
Gerücht, die harten, scharfen Splitter der Begierden,
die aus ihnen herausragen wie Quarz aus einem
Höhleneingang, sodass sie, wenn der Herzog sagt:
Ich habe Gerüchte über Spionage in Naoned gehört,
sagen kann: Es gibt einen Stallburschen, dessen
Angevin verdächtig akzentfrei ist. Er schleicht
sich an jedem Festtag mit der Küchenmagd hinter
die Scheune. Und dann entsendet der Herzog seine
Männer hinter die Scheune, wo sie die Küchenmagd
schnappen und ihre nackten Beine zu Fetzen peitschen,
bis der angevinische Spion-Stallbursche gesteht.
Nein. Roscille begreift es jetzt. Sie ist aus dem Grunde
nützlich, der die Verkleidungsbemühungen des
Herzogs ad absurdum führt: Sie ist schön. Es ist keine
normale Schönheit – Huren und Dienerinnen können
auch schön sein, aber niemand umschwärmt sie,
nennt sie Lady oder kleidet sie in ein spitzenbesetztes
Brautkleid. Es ist eine unirdische Schönheit, von
der manche an Schiefbarts Hofe sagen, sie sei vom
Tode berührt. Augen wie Gift. Von Hexen geküsst.
Seid Ihr sicher, Lord Varvek, mein nobler Herzog vom
schiefen Bart, dass sie keine Angevinin ist? Es heißt, alle
im Hause Anjou werden mit dem Blut der schlangenhaften
Melusine geboren.
Graujacke, Lord von Anjou, hat ein Dutzend Kinder
und doppelt so viele Bastarde, und sie scheinen sich
immerzu in Schiefbarts Hofstaat einzuschleichen mit
ihrem hellen Haar, glatt wie Füchse mit nassem Fell.
Ihr Vater hätte sich damit gebrüstet, eine angevinische
Mätresse gehabt zu haben, auch wenn Graujacke
sich an der Annahme gestört hätte, dass aus seiner
Blutlinie ein solch abnormes Geschöpf wie Roscille
hervorgegangen sein könnte. Doch der Herzog
schwieg, und so nahmen die Gerüchte ihren Lauf.
Ihr Haar ist so weiß, es ist unnatürlich; wie ausgeblutetes
Mondlicht. Ihre Haut – habt Ihr das nicht gesehen? –
kann keine Farbe halten. Blutlos wie eine Forelle. Und
ihre Augen – ein Blick hinein kann sterbliche Männer in
den Wahnsinn stürzen.
Einmal war ein Edelmann zu Besuch, der sich weigerte,
ihr in die Augen zu blicken. Roscilles Anwesenheit
an der Festtafel brachte ihn so aus der Fassung, dass
sie ein Handelsabkommen ruinierte, woraufhin der
Edelmann (le Tricheur nennt man ihn) die Geschichte
mit nach Chasteaudun nahm, wo alle Edelmänner
der Häuser Blois und Chartres davon absahen, fortan
mit Schiefbart und seinem Hof listenreicher Feenmädchen
Handel zu treiben. Also wurde Roscille in
einen spinnseidenen Schleier gehüllt, ein Nichts aus
geklöppelter Spitze, um die Männer dieser Welt vor
dem Wahnsinn zu schützen, in den Roscilles Augen
sie stürzen.
Zu diesem Zeitpunkt wurde ihrem Vater klar, dass
es gut wäre, eine eigene Geschichte zu ersinnen, eine,
die diese unbändigen und weit hergeholten Ängste
in Ordnung brächte. »Vielleicht wurdest du von einer
Hexe verflucht«, sagte er im selben Ton, in dem er die
Verteilung von Kriegsbeute verkündete.
Und dies ist es, was der Herzog erzählt, und das ist nun
die Wahrheit, da es niemand besser weiß: Als seine
arme, unschuldige Mätresse im Kindbett verblutete,
mit diesem seltsam stillen Kind im Arm, drang eine
Hexe durchs Fenster ein und war so schnell wieder
fort wie Schatten, Rauch und ein knisternder Blitz.
Ihr Lachen hallte durch jeden Flur der Burg – und noch
Wochen später roch alles nach Asche!
110
AVA R EID
LESEPROBE
Der Herzog erzählt es einer Versammlung fränkischer
Edelleute, die alle die Gerüchte gehört hatten
und vor Abmachungen und Allianzen zurückgeschreckt
waren. Während seines Berichtes beginnen
ein paar der Höflinge aus Naoned grimmig zu nicken.
Ja, ja, jetzt fällt es mir auch wieder ein.
Erst als all die Edelleute und Hofschranzen fort sind
und die dreizehnjährige Roscille mit ihrem Vater
allein ist, wagt sie die Frage: Warum hat mich die Hexe
verflucht?
Vor Schiefbart steht sein liebstes Brettspiel, schwarz
und weiß kariert, doch die Farben von der Benutzung
stumpf. Er ordnet die Holzscheiben und hebt dann zu
sprechen an. Damen, so heißen die Spielsteine, Frauen.
Eine Hexe braucht keine Einladung, sagt er, sie schlüpft
einfach durchs Schlüsselloch.
Niemand weiß, wie eine Hexe aussieht (also wissen
tatsächlich alle, wie eine Hexe aussieht), und doch
stimmen alle darin überein, dass es genau wie der
Fluch einer Hexe klingt: der glänzende Apfel mit dem
zerfressenen Inneren: Eure Tochter wird eine wunderschöne
Maid werden, Lord Varvek, aber ein einziger
Blick in ihre Augen wird sterbliche Männer in den
Wahnsinn treiben. Roscille versteht, dass ihr diese
Erklärung bessere Aussichten verschafft als die Alternative.
Besser, von einer Hexe verflucht, als selbst eine
Hexe; besser Zaubersaat als Zauberin.
Aber …
»Was denn, bist du Roscille von den tausend Fragen?«
Schiefbart wedelt mit der Hand. »Jetzt geh, und
schätze dich glücklich, dass es nur le Tricheur war, der
bei deinem Anblick bebte wie Espenlaub, und nicht
dieser Pariser Schwachkopf mit seinen kriegstreiberischen
Vasallen, die er kaum im Griff hat.«
Der Pariser Schwachkopf fängt bald darauf Kriege
mit der Hälfte der Herzöge an und wird darüber
zweimal exkommuniziert. So lernt Roscille, dass jeder
Mann sich der Große nennen kann, selbst wenn
sein einziger Verdienst darin besteht, eine dramatische
Menge Blut zu vergießen.
Ihr Vater lehrt sie, nicht immerzu zu viele Fragen zu
stellen, denn eine Frage kann unehrlich beantwortet
werden. Selbst der dümmste Stallbursche kann eine
überzeugende Lüge erzählen, wenn sie den Unterschied
macht zwischen Peitsche oder Verschonung.
Die Wahrheit hingegen liegt in gewisperten Worten,
Blicken aus dem Augenwinkel, in zuckenden Kiefermuskeln
und geballten Fäusten. Wozu lügen, wenn
niemand zuhört? Und niemand an Schiefbarts Hofe
verdächtigt Roscille, des Lauschens, des Wahrnehmens
fähig zu sein, doch nicht mit diesem Schleier
über den Augen!
Roscille mit den verschleierten Augen. So nennt man
sie in Breizh und darüber hinaus. Ein freundlicherer
Beiname, als sie, das von einer Hexe gebrandmarkte
Kind, erwartet hat. Und doch trägt sie den Schleier gerade
nicht, nicht in Hawises Gegenwart. Es wurde verkündet,
dass Frauen nicht von dem Wahnsinn erfasst
werden, den ihr Starren in Männern hervorruft.
Somit wurde die Ehe unter der Bedingung arrangiert,
dass Roscille in einer einzelnen Kutsche mit einer einzelnen
Zofe anreist. Der Kutscher ist eine Frau, und sie
ist ungeschickt mit den Zügeln, denn man hat ihr das
Kutschenfahren nur zu diesem einzigen Zweck beigebracht.
Sogar die Pferde sind Stuten, silbrig-weiß.
Roscille wird klar, dass es lange her ist, seit Hawise gesprochen
hat, sie wartet immer noch auf ihre Antwort.
Also sagt sie: »Du wirst dem Herzog schreiben, und
zwar das, was sich für ihn am gefälligsten anhört.«
Einst hätte sie den Brief selbst geschrieben, grübelnd
wäre sie im Kreis gegangen im Versuch, alle Details
zu den Begierden des Thans in Worte zu fassen – zu
den Schätzen, die unbewacht darauf warten, von
Roscilles Sinnen geplündert zu werden. So spricht er,
wenn er glaubt, dass niemand zuhört. Dies hier seziert
sein Blick, wenn er glaubt, dass niemand hinsieht.
Doch dieser Brief richtete sich an einen Mann, der
nicht mehr existiert. Der Schiefbart, der sie fortschickte,
ist einer, den Roscille nicht mehr kennt. Und
dennoch kennt sie die Dinge, die diesem Mann gefallen,
denn es sind dieselben Dinge, die jedem Mann
gefallen. Der Herzog wird erfahren wollen, ob seine
seltsam verfluchte Bastardtochter eine willige Zuchtstute
ist und eine fügsame Lustsklavin. Sie versteht,
dass das die zwei Grundpfeiler des Daseins als Ehegattin
sind: Öffne deinem Herrn und Gatten die Beine
und gebäre ein Kind, in dem sich das Blut von Alba
mit dem Blut von Breizh vermischt. Eine durch Ehe
gegründete Allianz ist nur temporär, mit dünnem Faden
gewebt, doch wenn Roscille sich ins Zeug legt,
wird sie halten, bis ein Sohn geboren wird und das
Einhorn zusammen mit dem Hermelin anschirrt.
111
AVA R EID
LESEPROBE
Das Einhorn ist das stolze Wappentier von Skos, all
die ungeschliffenen Clans vereinen sich endgültig
und widerwillig unter diesem Banner. Und da es
heißt, dass Lord Varvek so gerissen ist wie ein Wiesel,
und da er keinen Beinamen ungenutzt lässt, ziert die
scharfzahnige Kreatur nun sein Wappen.
Es gab Zeiten, in denen Roscille ihres Vaters Beinamen
auch für sich beansprucht hätte, als Charakterzug,
der von seinem Blut auf ihres überging (ist nicht
auch die Tochter eines Hermelins ein Hermelin?).
Nun fragt sie sich: Ist so ein Wiesel überhaupt schlau,
oder hat es nur scharfe Zähne?
Die Kutsche klappert mühsam um einige enge Kurven
den Berg hinauf, die Pferde schnaufen lautstark.
Der Wind ist flach, weich, ununterbrochen, wie aus
einem Blasebalg. Und dann hört Roscille mit einem
plötzlichen Schock den lockenden Puls der See.
Naoned, ihre Geburtsstadt, befindet sich im Landesinneren
an der Loire; bis zu ihrer Reise nach Bretaigne
hat sie den Ozean nie gesehen. Doch dies hier ist nicht
der grollende graue Kanal. Das Wasser ist schwarz und
kräftig, und wo sich das Mondlicht auf weißen Schaumkronen
fängt, ergibt sich ein Muster, das dem Bauch
einer Schlange ähnelt. Das Wasser hat einen Rhythmus,
den der Wind nicht hat: Die Brandung kracht wieder
und wieder gegen die Felsen wie ein schlagendes Herz.
Die Segnungen der Zivilisation ziehen Kreise, deren
Mittelpunkt der Papstsitz in Rom ist, dieses leuchtende
Juwel im Herzen der Welt. Doch das Licht des
Heiligen Stuhls wird schwächer, je weiter man davon
entfernt ist: Weit weg von Rom liegt die Welt hier in
nackter, primitiver Dunkelheit. Die Burg von Glammis
türmt sich auf den Klippen auf, und sie ist vulgär
und öde. Ein einzelner langer Wehrgang läuft parallel
zur Kante, sodass diese gesamte Seite gerade und
steil ins Wasser abfällt. Was Roscille zuerst für Kreuze
hält, sind Schießscharten. Nichts schmückt den
Wehrturm oder die Zinnen, keine Symbole, um den
fahlen Ankou abzuhalten, den Totengeist mit seinem
quietschenden Leichenwagen – jedes Kirchspiel und
jedes Haus in Breizh muss damit verziert sein, sonst
kommt er –, aber vielleicht gibt es in Glammis etwas
anderes, das den Tod auf Abstand hält.
Halt, denkt Roscille. Das Wort fällt ihr wie ein Stein
in den Geist. Bitte, nicht weiter. Dreh um und lass
mich gehen.
Weiter rattert die Kutsche.
Das Fallgitter öffnet sich, es geht in einen Innenhof.
Dort wartet ein Mann, nur einer. Er trägt einen
grauen, quadratischen Mantel und eine kurze Tunika,
hohe Lederstiefel und einen Kilt. Roscille hat noch
nie zuvor einen Mann in einem Rock gesehen. Wollene
Strümpfe halten seine Knie warm.
Zunächst denkt sie, es sei ihr Herr und Gatte, der sie
empfängt, doch als die Kutsche näher kommt und anhält,
sieht sie, dass er es nicht ist. Sie weiß eines über
den Than von Glammis, und das ist, dass er so groß ist,
wie ein Sterblicher nur sein kann. Dieser Mann im
Innenhof ist nicht klein, doch er ist auch kein Gigant,
wie es vom Thanen berichtet wird: Er ist gewöhnlich.
Sein Haar hat die Farbe von Reet, ein ausgebleichtes
Gelb.
Hawise steigt als Erste aus der Kutsche aus, dann
Roscille. Der Mann hilft mit keiner Geste, was an
Schiefbarts Hof eine Unverschämtheit wäre, ebenso
an Graujackes Hof und in jedem Herzogtum und
jeder Grafschaft des Hauses Capet. Roscille stolpert
ein wenig, und dabei trägt sie nicht einmal das Hochzeitskleid.
»Lady Roscilla«, sagt der Mann. »Herzlich willkommen.«
Die Wände des Innenhofes könnten aus Papier sein,
so wenig halten sie den Wind ab. Ihr war noch nie
in ihrem Leben so kalt. Sogar Hawise mit ihrem widerstandsfähigen
nordischen Blut zittert unter dem
Schleier.
»Danke«, sagt sie auf Schottisch. »Dies ist meine Zofe,
Hawise.«
Der Mann runzelt die Stirn. Zumindest glaubt sie das.
Sein Gesicht ist so zerfurcht – Roscille kann nicht sagen,
ob von Schlachten oder Jahren –, dass sie seine
Mimik kaum zu lesen vermag. Seine Augen huschen
einen Augenblick zu Hawise, dann zurück zu Roscille,
doch er sieht ihr nicht in die Augen. Er kennt die Geschichten.
»Ich bin Lord Banquho, Than von Lochquhaber und
rechte Hand Eures Gatten«, sagt er. »Kommt. Ich
werde Euch zu seinen Gemächern führen.«
Er führt erst den Kutscher zum Stall und dann Roscille
und Hawise zur Burg. Sie gehen durch verdrehte,
halbdunkle Gänge. Viele der Fackeln sind heruntergebrannt,
nur noch schwarze Flecken machen deutlich,
112
AVA R EID
LESEPROBE
wo sie einst loderten. Die abrupte Abwesenheit von
Licht krümmt Schatten an der Wand. Das Heulen
des Windes ist gedämpft, doch vom Boden kommt
ein seltsames mahlendes Geräusch, als würde ein
Schiffskiel auf einem Kiesstrand aufsetzen.
»Ist das das Wasser?«, fragt Roscille. »Das Meer?«
»Ihr könnt es in jedem Winkel der Burg vernehmen«,
sagt Lord Banquho, ohne sich umzudrehen. »Nach
einiger Zeit werdet Ihr es gar nicht mehr hören.«
Sie glaubt, dass sie eher verrückt wird, bevor ihr Verstand
lernt, es auszublenden. Das macht ihr mehr
Angst als jede Schmach, die ihr Körper erleiden
könnte – erleiden wird. Dass ihr Verstand schwindet,
dass er zu Maische wird wie Trauben, die zu Wein
zerstampft werden.
Selbst die kalte Schulter ihres Vaters kann Roscille
nicht ihrer ältesten Gewohnheit berauben. Um sich
zu beruhigen, wendet sie sich dieser jetzt wieder zu.
Sie beobachtet.
Lord Banquho ist ein Krieger, darin besteht kein Zweifel.
Selbst wenn er geht, hält er den Arm angewinkelt,
sodass sein Daumen ab und an das Gehilz seines gegürteten
Schwerts berührt. Er könnte die Klinge in einem
halben Herzschlag ziehen, das ist ihr klar.
Es ist nichts Neues – Roscille hat unter Soldaten gelebt,
selbst wenn die Männer des Herzogs in der Gesellschaft
von Frauen die Waffen ablegten. Ihr fällt
auf, dass sein Mantel von einer kleinen runden Fibel
gehalten wird, die aus Eisen statt aus Silber besteht.
Sie wird schnell rosten, vor allem in dieser feuchten
Luft.
Banquho hält vor einer Holztür mit eisernen Griffen
an und sagt: »Eure Kammer, Lady Roscilla.« Sein c
ist hart, einer dieser gellenden schottischen Konsonanten.
Sie nickt, doch bevor sie antworten kann, zieht
Banquho einen eisernen Schlüssel vom Gürtel und
öffnet die Tür. Ihr leerer Magen steht Kopf. Es ist ein
schlechtes Zeichen, dass ihre Kammer ein Schloss
hat, das nur von außen geöffnet werden kann. Sie hegt
keinerlei Hoffnung, dass ihr ein eigener Schlüssel
zugedacht ist.
Die Kammer selbst besteht aus einem Schrank, einem
dreizackigen Kerzenständer und einem Bett.
Ein großer Pelz bedeckt den Boden, dunkel und
dick, der Kopf ist noch dran. Ein Bär. Seine im Tode
leeren Augen sind wie Teiche, in denen sich der Fackelschein
spiegelt. Seine schwarzen Lippen sind zu
einer unsterblichen Grimasse der Pein zurückgezogen.
Roscille hat nie zuvor einen Bären gesehen,
weder lebendig noch tot; sie hat nur ihre Ebenbilder
auf Hauswappen und Kriegsbannern entdeckt. In
Breizh sind sie schon ausgerottet, aber natürlich gibt
es sie hier noch. Sie beugt sich vor und inspiziert die
gebogenen, gelben Fänge des Bären, jeder so lang
wie ihr Finger.
Banquho zündet die Kerzen an, die den Raum und
seinen kalten Stein in wächsernen Glanz hüllen. »Das
Bankett ist bereitet. Der Lord wartet.«
Roscille erhebt sich wieder. Ihre Knie fühlen sich flau
an, wie dicke Suppe. »Ja. Entschuldigt. Ich werde
mich umkleiden.«
Sie wartet einen Atemzug lang, ob Banquho auch
wirklich geht. Die Schotten glauben seltsame Dinge
über Frauen. Man flüstert, dass sie noch das Jus
primae Noctis praktizieren, das Droit du Seigneur,
das Recht des Herrn, seine Frau mit seinen Männern
zu teilen, wie er seine Kriegsbeute teilt. Diese Gerüchte
haben sie so sehr beherrscht, dass sie, kaum dass sie
akzeptiert hatte, verheiratet zu werden, tagelang
nicht schlief und noch länger nicht aß, nicht einmal
mehr trank, bis ihre Lippen weiß und eingerissen waren
und Hawise ihr verdünnten Wein einflößte.
Roscille hat von einem schottischen König namens
Durstus gehört, der der Gesellschaft seines getreuen
Weibs Agasia entsagte. Dies lud seine Männer
ein, sich ihrer zu bemächtigen und sie zu missbrauchen,
auf die abgefeimteste und abscheulichste Weise.
Zwölf Jahre alt war sie, als sie die Geschichte hörte,
und sie wusste schon, was das bedeutete.
Doch Banquho wendet sich lautlos ab und schließt die
Tür hinter sich. Sie ist wieder mit Hawise allein und
bricht beinahe auf dem Bärenfell zusammen.
Eine Sache ist erleichternd, wie ein Lichtschimmer
durch einen Riss im Mauerwerk: Das Bett ist groß genug,
dass sie es mit Hawise teilen kann, aber zu klein,
dass der Lord darin Platz findet.
Sie ziehen sich schweigend aus. Nacktheit ist etwas
Ungewöhnliches, Unkeusches, auch im Privaten unter
Frauen. Körper sollen gehütet werden wie Gold.
Das Aufblitzen eines nackten Knöchels ist, als würde
man einen Anhänger fallen lassen, sodass jeder ihn
am Boden aufschlagen sieht und weiß, dass du diesen
Reichtum und noch mehr besitzt. Was hütest du sonst
noch und drückst es an deine Brust? Wie leicht kann
es gestohlen werden? Man kann doch keinen Mann
dafür verurteilen, dass er sich etwas geschnappt hat,
das vor ihm baumelte wie Fleisch vor einem Hund.
Als Zofe, als Kriegsbeute, als Mädchen ohne Stand
sind Hawises Schatzkammern leicht zu plündern.
Und doch hat ihre Nähe zu Roscille ihr Sicherheit
verschafft. Sie war sicher vor betrunkenen Höflingen
und ihren tastenden Händen. Sie ist jungfräulich wie
eine Nonne. Bald wird sie die einzige Jungfrau von
ihnen beiden sein.
Hawise hat den Körperbau einer Nordfrau: breite
Schultern, kleine Brüste, schmale Hüften, mit denen
sie es schwer haben wird, Kinder zu gebären. Sie sind
einander Gegensätze. Roscilles Brüste sind groß genug,
dass sie sie unter ihrem rechteckig ausgeschnittenen
Kleid abbinden muss (warum sollte sie einen
Mann auch nur mit der Ahnung eines Schatzes in
Versuchung führen?). Doch ansonsten ist ihr Körper
noch mädchenhaft, schlank, was einen unnatürlichen
Kontrast ergibt. Oberhalb der Taille hat sie die Gestalt
einer Frau, doch darunter ist sie schmal wie eine
Schlange, etwas Glattes, Windendes. Sie fragt sich,
wie der Lord das finden wird.
Im Raum gibt es keinen Spiegel, nur einen Wasserkübel,
der Roscilles Spiegelbild zeigt, trüb und gekräuselt.
Der Schleier ist so absurd, wie sie ihn sich vorgestellt
hat. Ihre Glieder sind unter weißem Leinen und
Spitze wie mumifiziert. Ihre Ärmel sind schwer von
Perlen. Ihre Schleppe liegt wie vollgesogen hinter ihr.
Es ist schwer, damit zu gehen.
»Lady Rosalie«, sagt Hawise – auf Angevinisch, der
Sprache, die diese Schotten noch am ehesten nicht
verstehen. Sie packt ihre Hand und quetscht sie. »Ihr
seid die klügste Frau, die ich je getroffen habe, die tapferste
…«
»Du sagst das, als würdest du meine Grabrede halten«,
erwidert Roscille. Aber sie hält Hawises Hand fest.
»Ich wollte nur sagen … Ihr werdet auch das hier
überleben.«
Auch das hier. Hawise nennt die andere Sache nicht,
die erste. Sie muss es nicht; sie wissen es beide.
Durch die massive Tür hört sie Banquhos Stimme:
»Es ist an der Zeit, Lady Roscilla.«
04.
SEP
2026
AVA REID
LADY MACBETH
Aus dem amerikanischen
Englisch von Judith C. Vogt
Klappenbroschur
320 Seiten
18,00 € (D) 18,50 € (A)
ISBN 978-3-492-70698-8
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114
FRANCA LEHFELDT
GUTE MÜTTER, SCHLECHTE MÜTTER
GUTE
MUTTER,
SCHLECHTE
MUTTER
.. ..
»Die Vereinbarkeit von Kind und
Karriere ist möglich. Allerdings nur,
wenn man das Ziel aufgibt, perfekt sein zu
wollen. Schuldzuweisungen der Gesellschaft
dafür müssen Frauen zurückweisen,
statt sich zu unterwerfen.«
FRANCA LEHFELDT
115
FRANCA LEHFELDT
LESEPROBE
LESEPROBE
Eine Frau, die in Deutschland ein Kind erwartet, bekommt
eine Menge zu hören. Das ist kein neues gesellschaftliches
Phänomen, doch heute kommt es in
dreifacher Lautstärke daher.
Beklagten bis amüsierten sich die Generationen
unserer Mütter und Großmütter über übergriffige
Ratschläge der eigenen Sippe, katalysierten sie ihre
Unzufriedenheit über das rückständige deutsche
Mutterbild in der Gründung von Frauenbewegungen,
die die schlimmsten Zumutungen überwunden haben,
so stehen Frauen heute einer kommentierenden
Klasse aus Familie, Freundes- und Bekanntenkreis
sowie Arbeitsumfeld, naturalistisch beseeltem bis
konservativ sturem Bürgertum, kämpferisch feministisch
linksliberalen Medien und zu allem Überfluss
nun auch noch Mom-, Dad-, Paarfluencern sowie
Tradwives gegenüber. Das muss frau sich nervlich erst
mal leisten können.
Besonders robuste Nerven braucht frau, wenn sie nicht
bereit ist, umgehend in den Mama-Modus zu schalten.
Das Vorhaben, auf Elternzeit zu verzichten und Vollzeit
weiterzuarbeiten, genügt der Instagram-Community,
um ein kinderloses Leben zu empfehlen, da eine
»karrieregeile Egoistin« besser nicht Mutter werden
sollte. Und nein, mein Account wird nicht ausschließlich
von Soziologen, Kinderärztinnen, Ökonomen
und Pädagoginnen abonniert. Das digitale Urteil
stammt von anderen Eltern, vorzugsweise von anderen
Müttern. Diese Dramatik erreicht die Debatte bereits,
bevor irgendjemand zu Schaden gekommen wäre.
Nun mag einer argumentieren, dass die sozialen Netzwerke
die asozialsten Resonanzräume der Gegenwart
sind und man die Debatte beenden könnte, indem
man die Themen Mutter- und Elternschaft von ihnen
fernhalte. Doch bin ich anderer Meinung. In einer
alternden Gesellschaft, in der die Geburtenrate seit
Ende der 1960er-Jahre kontinuierlich unterhalb des
sogenannten Bestandserhaltungsniveaus liegt, können
wir es uns weder analog noch digital leisten, diese
Themen auszuklammern, sie in das Private zu verbannen
oder bildlich gesprochen, Mutter und Kind in das
abgewetzte Zugabteil im ICE der Deutschen Bahn zu
setzen, das sinnbildlich verkörpert, wo die Gesellschaft
Kinder am liebsten hat: auf Distanz und ohne Ton.
Es gibt natürlich auch das gegenteilige Extrem:
Menschen, die das evolutionäre Selbstvertrauen von
Paaren und Single-Eltern, einem Kind gerecht zu
werden und sich der Aufgabe Elternschaft stellen zu
können, seit Jahren durch übersteigerte Ansprüche erschüttern.
Wer sein Kind nicht mit der selbst pürierten
Bio-Möhre sättigt, sondern im Drogeriemarkt zum
Gläschen greift, sollte es besser gleich lassen. Wer sein
Kind aufgrund beruflicher Stresssituationen als Letztes
aus der Kinderbetreuung abholt, wird nicht zum
Dinkelplätzchenbacken am Wochenende eingeladen.
Und wer seinem Kind noch genderspezifisches Spielzeug
zugänglich macht, wird als pädagogischer Totalausfall
gelabelt.
»Erwartungen« – das sind per Definition subjektive
Vorstellungen und Annahmen über u. a. das Verhalten
von Personen, die auf Erfahrungen, Überzeugungen
und Wünschen basieren. Sie formen unsere Wahrnehmung
sowie unser Verhalten und können sowohl positive
als auch negative Auswirkungen haben. Zum Teil
scheint diese Definition jedoch anpassungsbedürftig
zu sein, da die Erwartungen, die unsere Gesellschaft
gegenüber Frauen und Müttern erhebt, meist negative
Auswirkungen haben und zu dem alten Schluss führen:
Wie man’s macht, macht man’s falsch.
Woher diese oftmals anmaßenden und übergriffigen
Erwartungen völlig fremder oder – schlimmer noch –
vertrauter Menschen stammen, gilt es zu einem
späteren Zeitpunkt in diesem Buch zu ergründen.
Zunächst benötigt frau allerdings keinen äußeren Erwartungsdruck,
weil sie nicht selten Meisterin darin
ist, übersteigerte Erwartungshaltungen an sich selbst
zu richten.
In meinem Freundeskreis krähten die ersten Babys
und tollten die ersten Kinder herum, lange bevor
ich mich selbst mit dem Thema »Kind« intensiver
beschäftigt hatte. So konnte ich eine Art liebevolle
private Feldforschung betreiben. Seiher gruppierten
sich die unterschiedlichen Varianten von Müttern in
meinem Kopf wie folgt:
116
FRANCA LEHFELDT
LESEPROBE
Es gibt die »Working Moms«, die je nach Vorliebe früher
oder später wieder in Voll- oder Teilzeit in ihren Job
zurückgekehrt sind. Es gibt die »Fulltime Moms«, die
sich auf vorerst unbestimmte Zeit für die Familie und
gegen den Job entschieden haben, weil das Gehalt des
Mannes oder der eigene familiäre Background für den
Lebensunterhalt ausreicht. Es gibt die »Working Moms,
but«, die arbeiten müssen, weil sie einen ganz erheblichen
oder sogar den alleinigen Beitrag zum Familieneinkommen
beitragen, die aber, wenn sie die freie Wahl
hätten, lieber weniger oder gar nicht arbeiten würden.
Es gibt die »Fulltime Moms, but«, die durch die Entscheidung
für ein Kind das traditionelle Rollenbild
von ihrem eigenen Partner auferlegt bekommen haben
und schmerzhafte Abstriche hinsichtlich ihrer Selbstbestimmung
machen müssen. Und es gibt die Frauen
ohne Kinder. Solche, die sich sehnlichst Nachwuchs
wünschen und sich intensiv und oft alleingelassen mit
Reproduktionsmedizin befassen oder bereits einer Behandlung
unterziehen. Und solche, die keine Kinder
möchten. Waren Frauen, die sich aus freien Stücken
gegen ein Kind und somit gegen das klassische Familienleben
entscheiden, einst die Ausnahme, zeigt die
private Empirie heute eine steigende Tendenz.
Jede dieser sehr persönlichen Lebens- und Muttersituationen
verdient es zunächst, dass man sich bemüht,
sie zu verstehen, anstatt sie reflexartig zu bewerten
oder gleich abzuwerten. Doch so unterschiedlich diese
Muttermodelle auch sein mögen, ein Schicksal ereilt
jede ihrer Repräsentantinnen: Sie alle teilen die Erfahrung,
Pauschalurteilen ausgesetzt zu sein.
Als ich einer meiner »Working Moms«-Freundinnen
von meiner Schwangerschaft erzählte, sagte sie, gleich
nachdem sie mir gratuliert hatte, zu mir: »Du wirst das
Leben und die Biologie in unzähligen Momenten als
unfair empfinden. Und obwohl dein Kind dir alles und
mehr, als du dir heute vorstellen kannst, zurückgeben
wird, wirst du auf der Couch sitzen und dich fragen,
warum er mit all dem weniger zu tun hat als du.«
Ein andermal berichtete mir eine meiner »Fulltime
Mom, but«-Freundin bei einem Mittagessen zu zweit
von ihrem Alltag. Ihr Kind war knapp drei Jahre alt
und sie verließ kaum noch das Hause, weil ihr Partner
sie regelrecht schikanierte, wenn sie versuchte, Pläne
ohne Kind zu machen. Darunter fiel auch der Plan,
ihren Job wieder aufzunehmen. Während unseres
kurzen Mittagessens rief der infantile Ehemann sie
drei Mal an, um ihr durch banale Fragen wie »Wo ist
die Mütze?« deutlich zu machen, dass es Zeit für sie
sei, Kind und Haushalt wieder zu übernehmen. Am
Ende saß sie weinend neben mir.
Was beide Frauen verbindet, ist, dass sie ihre Kinder
über alles lieben und zu keinem Augenblick das Muttersein
oder ihre Kinder mit einem negativen Gefühl
belegen. Vielmehr reiben sie sich auf zwischen der
Akzeptanz des traditionellen Rollenbildes und dem
Formulieren eines neuen.
Spätestens damals dämmerte mir, dass der Vater und
sein Verständnis der Vaterrolle und des Elternseins
eine Schlüsselrolle im Kosmos Kind einnehmen.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch an dieser
Stelle sagen: Dieses Buch ist keine »Frauen- und oder
Mutterlektüre«. Im Gegenteil, wenn der zivilisatorische
Fortschritt vorangetrieben werden soll – und die
Definition eines zeitgemäßen Rollenbildes bedingt
diesen –, geht die thematische Auseinandersetzung
Frauen und Männer gleichermaßen an. Aus diesem
Grund gilt auch nicht wie in der Fußball-Champions-League
das Hin- und Rückrundenprinzip, was
bedeuten würde, dass frau über Jahrhunderte in Vorleistung
gegangen ist und jetzt Wiedergutmachung
fordert. Sondern es muss um die gemeinsame Erarbeitung
von Antworten auf eine der dringendsten
Fragen unserer Zeit gehen: Wie redefinieren wir die
Mutterrolle in der heutigen Zeit?
Unabhängig von all den fremden und eigenen Erwartungen
wird die Debatte um ein weiteres externes
Emotionalitätslevel beheizt: Die Politik stellt derzeit
medienwirksam die Forderung auf, dass Frauen mehr
arbeiten gehen sollen, und zwar in Vollzeit. Ob dafür
auch gesellschaftlich und politisch die optimalen
Rahmenbedingungen geschaffen sind, sei an dieser
Stelle zunächst dahingestellt. Folgen wir dieser Erwartung,
dann begräbt sie eines der ältesten deutschen
Rollenbilder: das der nicht berufstätigen Hausfrau
und Mutter. »Nicht berufstätig« ist hier wertfrei
zu verstehen, denn der Alltag und die Aufgaben einer
Hausfrau und Mutter sind in vielerlei Hinsicht oftmals
körperlich anstrengender und nervlich aufreibender
als so mancher Beruf. Doch es ist nicht von der
Hand zu weisen, dass dieses Rollenbild unter Druck
geraten, um nicht zu sagen überholt ist.
Gleichzeitig leben wir trotz globaler Krisen, schrumpfender
Volkswirtschaft und alternder Bevölkerung in
einer durchaus privilegierten Zeit: Es gibt Mutterschutz,
Elternzeit, Elterngeld sowie Rückbildungskurse,
Schwangerschaftsyoga und Hebammenleistungen,
die die Krankenkasse übernimmt. Parallel
dazu buhlt die Wirtschaft um jede Fachkraft und
stampft seit Jahren unermüdlich ein Frauenförderprogramm
nach dem anderen aus dem Boden. Und
trotzdem entwickelt sich hierzulande kein modernes
Rollenbild einer Frau und Mutter, die Vollzeit arbeitet
und ihr Familienleben mit weniger perfektionistischen
Ansprüchen von außen und geschickter Delegation
leben kann. Die wichtige Debatte rund um
das Überwinden des Gender Pay Gaps und weitere
architektonische Ziele weiblicher Karrieren können
daher im Grunde beiseitegewischt werden, wenn
diesbezüglich hierzulande kein Umdenken einsetzt.
Sind also alle guten Ideen dieser Art für die Katz?
Sind die zahlreichen Gesprächsrunden auf Veranstaltungen
oder in Medienformaten nichts als Phrasen?
Pinkwashing? Welche konkreten Angebote und
Vorbilder gibt es heute für Frauen, die eine lange und
intensive Ausbildung absolviert haben, die Leistungsträgerinnen
auf ihrem Gebiet sind und sich auch als
Mutter weiterhin beruflich verwirklichen wollen,
weil ihr Beruf einen wichtigen Teil ihrer Identität ausmacht?
Warum werden sie mit ihren Fragen in einer
stark verkürzten und polierten 30-Sekunden-Video-
Scheinwelt, in ihren Instagram- und TikTok-Feeds
alleingelassen?
Die Suche nach Vorbildern gestaltet sich problematisch.
In der medialen Öffentlichkeit wimmelt es zwar
von Frauen, die auch Mütter sind und ganz offensichtlich
einen Weg für sich gefunden haben, beide Welten
miteinander zu verbinden, aber nur bedingt oder gar
nicht über diesen sprechen. Sie bleiben in Deckung,
aus Sorge bewertet zu werden, als privilegiert zu gelten
oder ihre Rolle durch die Debatte zu schwächen.
Die Antwort auf diese Frage bleibt also offen. Dieses
Buch ist der Versuch, durch Gespräche mit Experten,
Recherchen, Erfahrungen im Familien- und
Freundeskreis sowie meinen eigenen einen Teil zu der
Diskussion beizutragen und an der Redefinition der
Mutterrolle und des Familienbildes in der heutigen
Zeit zu arbeiten. Welcome to Planet Mom!
02.
OKT
2026
FRANCA LEHFELDT
GUTE MÜTTER, SCHLECHTE MÜTTER
Klappenbroschur
240 Seiten
20,00 € (D) 20,60 € (A)
ISBN 978-3-492-06656-3
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schreiben Sie eine E-Mail an: sales_reader@piper.de
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118
CECELIA AHERN
LOVE UNLOCKED
Love
UNLOCKED
CECELIA AHERN
120
CECELIA AHERN
LESEPROBE
LESEPROBE
1
Melody
»Nein.«
Melodys Wohnblock schmiegt sich dicht an die Bahnstrecke,
aber das Rumpeln von Zügen, das Kreischen
der Bremsen und das jähe Schrillen des Signalhorns
haben sie noch nie gestört. Sie findet Trost im rhythmischen
Rattern des Zugs, im Auf und Ab der langsamen
Beschleunigung, im donnernden Tosen seiner
Ankunft und dem verhallenden Geräusch, während
er die Gleise hinunter entschwindet. Die flüchtige
Gegenwart Hunderter Menschen direkt vor ihrem
Fenster ist tröstlich. Sie gibt ihr auf angenehme Weise
das Gefühl, dass sie nicht allein ist.
Denn Melody ist nicht gern allein.
Schon bald werden keine Züge mehr fahren, der letzte
verlässt den Dubliner Hauptbahnhof um 23 Uhr 30,
und dann wird da draußen keine Menschenseele sein,
keine Geräusche, die sie von der furchterregenden
Stille, die sich in ihrem Apartment ausbreitet, ablenken
könnten.
Gewöhnlich liegt Sam neben ihr.
Heute Abend wollte er ihr während des Essens einen
Heiratsantrag machen. Sie schloss das aus seinem
Verhalten und aus der Art, wie sie beide von den Bedienungen
im Restaurant behandelt wurden. Melody
brach der Schweiß aus.
Nach fünf gemeinsamen Jahren wusste sie, dass sie
Sam nicht heiraten wollte, sie wollte niemanden heiraten.
Mit diesem Gedanken haderte sie schon, seitdem
sie beide dank der Trauungen in ihrem Freundeskreis
zu berufsmäßigen Hochzeitsgästen geworden waren.
Auf jeder Feier, die alle auf ihre Art einmalig und
besonders waren, hatte Melody sich gefragt, was für
eine Hochzeit sie selbst gern hätte. Kein einziges der
besuchten Feste war wirklich ihr Ding gewesen. Ihr
wachsendes Unbehagen war so groß, dass sie sich auf
jeder Feier anders gefühlt hatte: nervös, schnippisch,
wild, seltsam. Sie hatte zu viel getrunken, sie hatte keinen
Tropfen Alkohol angerührt, sie war frühzeitig nach
Hause gegangen, sie war bis zum Schluss geblieben.
Offen gesagt, wusste sie selbst nicht, was für einen
Hochzeitsgast sie bei einer bestimmten Feier abgeben
würde, geschweige denn, was für eine Braut, bis ihr
klar geworden war, dass es überhaupt niemals eine
Hochzeit geben würde. Melody wollte auf keinen Fall
heiraten. Niemanden. Seit sie diese Entscheidung getroffen
hatte, war sie von einer wunderbaren inneren
Ruhe beseelt.
Allerdings hatte sie es versäumt, diesen Entschluss
ihrem Freund mitzuteilen.
Melody konnte nicht zulassen, dass der Heiratsantrag
seinen Lauf nahm. Sie konnte Sam nicht vor allen
Leuten einen Korb geben. Sie konnte ihn nicht demütigen
oder kränken. Aber lügen konnte sie auch nicht.
Sam ist einfach wunderbar, er hat ein Herz aus Gold.
Jeder Mensch sollte einen Sam haben, bloß eben sie
nicht. Also hinderte sie seine Hand daran, sich zwischen
dem Essgeschirr bis zu ihr durchzuschlängeln,
indem sie ihre Hand fest auf seine legte.
»Bitte stell mir nicht die Frage, die du mir gleich stellen
willst. Ich kann das nicht.«
Sie sah mit an, wie sein Herz brach. In Echtzeit beobachtete
sie, wie sich Schmerz und Erniedrigung auf seinem
Gesicht widerspiegelten, und schuld daran war sie.
Und nun, da der Abend vorbei ist und Sam fort, wirklich
fort, liegt Melody, die nachts so schrecklich
ungern allein ist, allein im Bett und spielt das Liebes-Aus
immer wieder vor ihrem inneren Auge ab.
2
Al
»Ja.«
Al parkt den Wagen vor dem Elternhaus seiner Freundin
Tara im ländlichen Cork. Es ist so festlich mit
Weihnachtslichtern geschmückt, dass man es auf der
Landzunge aus einer Meile Entfernung sehen könnte,
vielleicht sogar aus dem Weltall.
Es ist sein erstes Weihnachten bei ihrer Familie. In
ihrer dreijährigen Beziehung sind sie bisher über die
Feiertage getrennte Wege gegangen, aber in diesem
Jahr verbringen sie das Fest gemeinsam.
121
CECELIA AHERN
LESEPROBE
Sobald sie die Veranda betreten, geht die Tür auf, und
sie werden mit einem laut schallenden ȆBERRA-
SCHUNG!« begrüßt.
Erschrocken weicht Tara zurück. Sie lässt die Szene
langsam auf sich wirken, ein Meer aus fröhlichen Gesichtern.
Ihre Familie, seine Familie, ihre Freundinnen,
ihr ehemaliges Camogie-Team, sogar sein bester
Freund Walter ist mit von der Partie. Al erstaunt
das nicht, denn er hat die ganze Aktion eingefädelt.
Nachrichten und E-Mails, während Tara geschlafen
hat, Telefonate im Flüsterton, während sie nebenan
war. Dieser freudige Empfang ist minutiös geplant.
»O mein Gott«, sagt sie und hält sich entgeistert die
Hand vor den Mund. Willkürlich ruft sie einzelne
Leute, die ihr ins Auge springen, beim Namen. »Sheila.
O mein Gott, Laura! Was machst du denn hier, Siobhán?«,
kreischt sie. »O mein Gott, Wally!«
Wally?
Walter.
Während Tara dieses Ereignis verarbeitet, indem sie
die Anwesenden beim Namen nennt, sinkt Al hinter
ihr auf ein Knie. Eine Zeit lang merkt sie es nicht, bis
sich Schweigen über die versammelte Menge legt.
Al räuspert sich. »Tara Jones, vor drei Jahren habe
ich dich im Copper Face Jacks am anderen Ende des
Raums zum ersten Mal erblickt.«
Gelächter. Es ist ein legendärer Nachtclub in Dublin,
der für seine schnulzige Musik bekannt ist.
Und ab dem Punkt nimmt Als Ansprache eine neue
Richtung. Er hat eine Reihe berühmter Sätze aus den
liebsten romantischen Filmen der beiden auswendig
gelernt, und als er sie jetzt wiedergibt, fügt er sämtliche
Zitate zu einem Heiratsantrag zusammen.
Immer wieder sieht Tara sich im Zimmer um und flüstert:
»O mein Gott.«
Der Antrag muss gut sein, denn er sieht, dass sich sogar
der in Gefühlsdingen zurückhaltende Walter über
die Augen wischt.
Und dann endlich: »Tara Jones, willst du mich heiraten?«
Ihr Mund steht offen, es wirkt auf ihn, als spielte
sich alles in Zeitlupe ab. Warum gibt sie ihm keine
Antwort? Alle Blicke sind auf Tara gerichtet, und sie
scheint überrascht zu sein, dass jetzt sie an der Reihe
ist, etwas zu sagen. Er spürt Schweißperlen auf dem
Rücken, er hatte keinen Zweifel bezüglich ihrer Reaktion,
jedenfalls nicht bis zu diesem Moment.
»
Bitte stell mir nicht die
Frage, die du mir gleich
stellen willst. Ich kann
das nicht.
122
CECELIA AHERN
LESEPROBE
»
Eines Tages bist du
dran, Walter. Dir wird
es auch passieren. Du
bist mein bester Freund,
und ich möchte, dass
du eines Tages auch so
empfindest wie ich.
»Oh. Ja. JA!«
Ihn durchflutet tiefe Erleichterung, und er springt
auf, um sie in die Arme zu schließen, zu küssen. Dies
ist der schönste Augenblick seines Lebens. Gefühle
sprudeln aus ihm heraus, aus seinen Augen strömen
Tränen. Sie küsst ihn rasch und richtet dann die Aufmerksamkeit
auf den Ring. Ihre Finger zittern.
»Gefällt er dir?«
»O mein Gott.«
Sie steckt ihn sich an den Finger. Er passt wie angegossen,
dafür hat Al natürlich gesorgt, indem er ihren
Ringfinger abgemessen hat, während sie schlief.
»O mein Gott, Mädels, schaut her!« Sie dreht sich um,
und ihre Freundinnen stürzen in einer Traube heran,
und sie wird von einer nach der anderen umarmt.
Al fühlt sich ein wenig außen vor und sieht sich um.
Seine Eltern kommen direkt auf ihn zu und schließen
ihn in die Arme.
»Das war wunderschön, Süßer«, sagt seine Mum.
»Gut gemacht, Al.« Sein Dad klopft ihm auf den Rücken.
»Was hast du da alles erzählt?«
»Zitate aus Taras Lieblings-Romcoms«, erwidert Al.
»Hast du sie nicht wiedererkannt?«
Sein Dad wirft Als Mutter einen unsicheren Blick zu.
»Es war wirklich wunderschön, Schatz«, sagt seine
Mum in einem Tonfall, der ihm verrät, dass auch sie
keine Ahnung hat.
Dann erscheint Tara wieder.
»Hat dir der Antrag gefallen?« Er hat ewig daran gefeilt.
Jedes Mal, wenn sie sich einen neuen Film ansahen
und etwas gesagt wurde, das ihr gefiel, hat er die
Rede umschreiben müssen.
»Al, ich habe nicht den leisesten Schimmer, was du
gesagt hast.« Sie lacht.
Er zieht sie eng an sich zu einem Kuss, um sie beide gemeinsam
in diesem flüchtigen Moment zu erden. Sie
küsst ihn kurz und entzieht sich ihm wieder, um über
seine Schulter hinweg jemandem etwas zuzurufen.
»Du hast Bescheid gewusst?« Sie löst sich von Al und
versetzt Walter einen spielerischen Klaps, ehe sie ihn
umarmt.
»Ich konnte doch die Überraschung nicht verderben,
oder? Herzlichen Glückwunsch.«
Tara legt den Kopf auf seine Schulter. Al macht ein
Foto.
Er findet es traumhaft, dass sein bester Freund aus
123
CECELIA AHERN
LESEPROBE
Kindheitstagen und seine frischgebackene Verlobte –
Verlobte! – sich so ausgesprochen gut verstehen.
»Wie fandest du es?«, fragt er Walter, während Tara
kreischend auf eine Freundin zuläuft.
»Es war mal was anderes.«
Wieder ist Al enttäuscht. Hatte er nicht den richtigen
Ton getroffen? »Es war eine Zusammenstellung unserer
Lieblingszitate aus den Liebesfilmen, die Tara so mag.«
Da strahlt Walter. »Ach, jetzt ergibt es Sinn. Denn es
war ein bisschen verwirrend, aber das ist klasse, Mann.
Im Ernst, Glückwunsch! Ich freue mich für euch beide.«
Al spürt eine gewisse Traurigkeit an seinem Freund.
Walter hat noch keine Beziehung gehabt, jedenfalls
nichts Ernstes.
»Eines Tages bist du dran, Walter. Dir wird es auch
passieren. Du bist mein bester Freund, und ich möchte,
dass du eines Tages auch so empfindest wie ich.«
Ganz ohne Zweifel ist das der glücklichste Tag, der
glücklichste Augenblick seines Lebens.
Zwei Jahre später
3
Al
Aufs Kreuz gelegt. Tara und Walter, Wally, haben ihn
total aufs Kreuz gelegt. Er versucht, seine Gedanken
mit Musik zu übertönen.
Love Will Tear Us Apart - einer der großartigsten Songs
aller Zeiten. Ist es ein Liebeslied? Ist es ein Abgesang
auf die Liebe? Al hält es für Letzteres. Der Song
schallt durchdringend, die Stimme von Ian Curtis
schmettert durch die Kopfhörer in seine Ohren.
Auf dem Weg zur Arbeit steht er in der Luas, Dublins
Straßenbahn, und umklammert die Haltestange im
überfüllten Waggon. Es ist ein längerer Arbeitsweg
als noch vor vier Wochen. Vor vier Wochen konnte
er von zu Hause aus zu Fuß zur Arbeit gehen. Vor
vier Wochen hatte er noch ein Haus. Vor vier Wochen
hatte er noch eine Verlobte.
Der Song geht zu Ende und fängt zum fünften, vielleicht
sechsten Mal sofort wieder von vorn an. Die
Musik, die er spielt, liegt stets auf einer Welle mit
seiner Stimmung. Jeden Tag ein neuer Song, derselbe
Song den ganzen Tag. Wie eine tägliche Hymne, die
ihn durch dieses beschissene Desaster führt.
Al wird sich nicht mehr von der Liebe hinters Licht
führen lassen. Den überschwänglichen, kitschig-romantischen
Al gibt es nicht mehr, er ist ein für alle
Mal tot.
Tara hat ihn verlassen.
Für Walter.
Wally.
Als er Walter sagte, eines Tages würde ihm das Gleiche
widerfahren, meinte er nicht, mit seiner Verlobten!
Als er sagte, eines Tages würde Walter empfinden,
was er empfindet, meinte er nicht das Gefühl, mit
seiner Verlobten zu schlafen!
Al hämmert bei Bridgespan, Irlands Behörde für die
Brückeninfrastruktur, wo er arbeitet, auf den Fahrstuhlknopf,
doch als der Aufzug nicht schnell genug
ins Erdgeschoss kommt, nutzt er das dank der Wut
ausgeschüttete Adrenalin in seinem Körper und
steigt, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die
Treppe hinauf.
Das ganze Leben lang hat Al Mitleid mit Walter gehabt.
Er wohnte seit dem Studium mit ihm zusammen,
kannte ihn seit der Kindheit. Er vertraute ihm
alles an. Walter wusste über Als erste Schwärmereien
Bescheid, seinen ersten Kuss, sein erstes Mal. Sie
tranken zusammen, übergaben sich zusammen und
mussten gemeinsam nachsitzen. Al hielt Tommy
Brown fest, während Walter auf ihn einschlug, nachdem
er Walters Mutter als Prostituierte bezeichnet
hatte, die tatsächlich Buchhalterin war und deshalb
bei sich zu Hause Geschäftsmänner empfing.
Am liebsten würde er jetzt Walter festhalten und erwürgen.
Auch das schnelle Treppensteigen hat seinen Zorn
nicht gelindert. Er hätte gute Lust, in dem Großraumbüro
lauthals zu verkünden: Die Liebe ist der
reinste Betrug! Walter ist ein Arsch!
Er hat Walter sogar einen Job hier bei Bridgespan besorgt.
Dank Al hat Walter eine anständige Arbeit mit
gutem Verdienst, statt als Assistent einer NGO zum
Schutz von Aalen vor sich hin zu dümpeln. Er hat
Walter an den Haaren ins Erwachsenenleben gezerrt.
Er hat ihm geholfen, sich endlich von seiner bescheuerten
Oasis-Frisur zu verabschieden, die selbst die
Gallagher-Brüder nicht mehr haben, und Walter läuft
auch nicht mehr nur in Chucks und T-Shirt herum.
Jetzt trägt er einen Anzug und hat sein eigenes Büro.
124
CECELIA AHERN
LESEPROBE
Und nun sieht Al ihn gezwungenermaßen jeden Tag.
»Was?«, zischt er aggressiv und nimmt die Kopfhörer
ab, als seine Assistentin Natasha mit ihren neonpinken
Fingernägeln vor seinem Gesicht herumfuchtelt.
Natasha, vierundzwanzig Jahre alt, Amateurboxerin,
hat insgesamt einunddreißig Piercings – so stand es in
ihrem Lebenslauf im Abschnitt mit den besonderen
Fähigkeiten. Sie trägt einen blonden Blunt Cut mit
pinken Strähnen, und üblicherweise ist mindestens
eines ihrer Kleidungsstücke pink. Sie bringt frischen
Wind ins Büro, aber zugegebenermaßen findet Al sie
manchmal furchteinflößend, weil ihr nichts Angst
macht. Und obwohl sie so viel kleiner ist, könnte
sie ihn wahrscheinlich innerhalb von Sekunden k. o.
schlagen.
»Helen Hanratty ist hier.«
»Ich weiß nicht, wer Helen Hanratty ist«, sagt er, entledigt
sich seiner Tasche und des Mantels und nimmt
in seinem Büro Platz.
Durch das Fenster blickt man auf den River Liffey im
Stadtzentrum. Al findet es schön, dass er als Leiter
der Brückeninstandhaltung in der Provinz Leinster
aus seinem Fenster die meisten der Brücken über den
Liffey sehen kann. Die neueste Brücke der Stadt, die
Samuel Beckett Bridge, liegt am nächsten.
»Du weißt ganz genau, wer Helen Hanratty ist«, holt
Natasha ihn blitzschnell wieder in die Gegenwart zurück.
»Sie ist von der Initiative Gegen Liebesschlösser.
Sie versucht schon seit der Vorweihnachtszeit, dich zu
erreichen.«
Vor Weihnachten. Vor der Katastrophe, die sein Leben
in Schutt und Asche gelegt hat.
»Ach, meine Freundin Helen. Es ist kein offizieller
Verein. Sie ist bloß eine ausgesprochen neugierige
Anwohnerin mit einer ebenso neugierigen Freundin.«
»Tja, inzwischen sind sie ein eingetragener Verein.«
Natasha reicht ihm ein Dokument, das die Gründung
beurkundet und von Helen Hanratty unterzeichnet
ist. »Sie sind im Besprechungszimmer.«
»Wer hat sie reingelassen?«
»Walter. Sie hat einen Termin mit ihm wegen des
Flusswassers. Die Leute werfen die Schlüssel von
ihren Vorhängeschlössern in den Fluss. Womöglich
ersticken Schildkröten daran, oder Fische bekommen
eine Gehirnerschütterung.«
»Im River Camac gibt es keine Wasserschildkröten.«
»Ach, whatever«, sagt sie mit einem Achselzucken.
Al wird von Zorn gepackt. Monatelang ist er einem
Termin mit dieser Verrückten erfolgreich aus dem
Weg gegangen, und jetzt hat Walter ihr eigenmächtig
ein Treffen zugestanden.
Er verkneift es sich, Walter auf übelste Weise laut zu
beschimpfen, was ihn all seine innere Kraft kostet.
Walter und Al haben es bisher geschafft, das Vorgefallene
für sich zu behalten, und so ist Als Leben, wenigstens
in der Arbeit, unverändert geblieben.
»Okay. Sag Helen Hanratty Bescheid, dass ich zehn
Minuten lang mit ihr reden werde.«
»Super«, antwortet Natasha zufrieden. »Pedro und
ich haben ein Schloss an der Brücke, eigentlich sind
es zwei miteinander verbundene Vorhängeschlösser,
golden, mit unseren eingravierten Namen. Wag es ja
nicht, sie zu entfernen«, warnt sie ihn.
»Ich werde die Finger von den Schlössern lassen.«
Er verschiebt Papierstapel auf seinem Schreibtisch.
»Wozu bringt man überhaupt ein Schloss an einer
Brücke an?«
»Es symbolisiert eine Verbindung und ein Versprechen.
Und schau mich bloß nicht so an, du bist einer
der größten Romantiker, die ich kenne, also tu bloß
nicht so, als wenn du nicht auch irgendwo auf der
Welt ein Liebesschloss an einer Brücke hättest.«
»Ich habe kein Schloss.«
Al betrachtet Walter im Besprechungszimmer. Es ist
ein Glaskasten in der Mitte des Großraumbüros, der
von jeder Seite Einblick gewährt. Walters Miene ist
besorgt, konzentriert und einfühlsam. Die Mädchen
fanden ihn immer süß, wohingegen Al sexy war. Walter
war unbeholfen und nahbar, Mädchen machten
sich an ihn heran, um an Al heranzukommen. Walter
hört den beiden Frauen zu und macht sich gelegentlich
Notizen.
Kurz darauf geht das Meeting zu Ende, und Walter
hält den Frauen die Tür auf.
»Guten Morgen, die Damen«, nimmt Al die beiden in
seinem Büro in Empfang. »Bitte nehmen Sie Platz.«
Er setzt sich hinter seinen Schreibtisch. »Was kann
ich für Sie tun?«
»Wir sind wegen der Fußgängerbrücke hier, der Grace
Plunkett Bridge.«
»Sie ist mir ein Begriff.«
Die Grace Plunkett Bridge, die 2016, hundert Jahre
nach dem Osteraufstand, erbaut wurde, ist eine Fußgängerbrücke
über den River Camac.
»Uns ist klar, dass unsere Keine-Liebesschlösser-Kampagne
interpretiert werden kann, als sei sie gegen die
Liebe gerichtet. Doch wir haben nichts gegen die Liebe«,
sagt Helen Hanratty lächelnd. »Ich bin seit fünfzig
Jahren verheiratet und Mary seit fünfundvierzig.«
Sein Interesse ist tatsächlich geweckt, und Al setzt
sich aufrecht hin, denn er ist absolut gegen die Liebe
und würde jede Kampagne unterstützen, die ihre
Popularität schwächen könnte.
»Es gibt mehrere Punkte zu bedenken. Erstens sind
die Schlösser keine Augenweide. Natürlich sind vor
allem Touristen daran schuld, die die Schlösser hinterlassen,
weil sie das Bedürfnis verspüren, einer Stadt
ihren Stempel aufzudrücken.«
»Es ist eine normalisierte Form des Vandalismus«,
fügt Mary streng hinzu.
Mit einem eifrigen Nicken drückt Al seine uneingeschränkte
Zustimmung aus. Törichte Verliebte, die
anderen ständig ihre romantischen Empfindungen
unter die Nase reiben müssen.
»Zweitens gilt es, der Umwelt Rechnung zu tragen,
darüber haben wir mit Ihrem Kollegen gesprochen.
Die Leute legen das Schloss an und werfen den
Schlüssel in den Fluss als Zeichen ihrer unverbrüchlichen
gegenseitigen Hingabe.«
Er verdreht zusammen mit den beiden Frauen die
Augen.
»Die Schlüssel können Abflussrohre verstopfen und
zu Überschwemmungen führen.«
Und wieder nickt er und verspürt längst den Drang,
diese gefährlichen Liebesschlösser ein für alle Mal zu
beseitigen.
»Drittens besteht die Möglichkeit, dass die Brücke
einstürzt, beziehungsweise zumindest die Seitenpaneele
unterhalb der Brüstung. Es sieht so aus, als
würden sie sich unter dem Gewicht der Schlösser verbiegen.
Die Liebesschlösser werden die Brücke noch
zum Einsturz bringen.«
»Sie haben recht«, sagt Al, der ihnen aus tiefstem
Herzen zustimmt. »Ich werde so bald wie möglich zu
einem Besichtigungstermin aufbrechen.«
Ian Curis hat es gesagt: »Love Will Tear Us Apart.”
Und diese verdammten Liebesschlösser werden die
Brücke einreißen. Sie müssen unbedingt weg.
30.
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