Biber Magazin 2026-05
Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.
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MAI 2026
20 JAHRE
BIBER
WORAUF
IRANER IN
WIEN
HOFFEN
60 JAHRE
GASTARBEITER
ABKOMMEN
WAS UNS VERBINDET,
WAS UNS SPALTET
FERHATS ZUTATEN
FÜR ERFOLG
DAS GROSSE
ESC-SPECIAL
Bezahlte Anzeige
Liebe Leserinnen
und Leser,
die Welt dreht sich aktuell gefühlt ein wenig
schneller. Wien freut sich auf den Eurovision
Song Contest, während die Lage im
Nahen Osten so instabil ist wie Jahrzehnte
nicht mehr. Wir haben die iranische Community
in Wien gefragt, wie sie dieses schwierige
Jahr bisher erlebt hat (S. 6), und einen
Song-Contest-Fan der ersten Stunde,
warum der ESC auch in Zeiten wie diesen
gefeiert gehört (S. 46). Wir haben uns auf
die Suche nach all jenem gemacht, das uns
inmitten des Weltgeschehens trotzdem
verbindet (S. 24), und mit dem Mann gesprochen,
dessen Döner ganz Wien zusammenbringt
(S. 70). Familien-, Europa- und Integrationsministerin
Claudia Bauer hat uns
verraten, mit wem sie Gräben in der Politik
überwindet und wann jemand für sie in Österreich
wirklich integriert ist (S. 12). Und
wir haben Geschichten von Gastarbeitern
gesammelt, die alles getan haben, um sich
zu integrieren und dennoch kaum Anerkennung
bekamen (S. 56).
Für den Biber ist diese Ausgabe eine ganz
besondere: Wir werden 20! So lange ist unsere
erste Ausgabe nun her und wir freuen uns
über die zahlreichen Glückwünsche (S. 62).
Vieles hat sich bewährt, zum Beispiel unsere
Event- (S. 78) und Buchtipps (S. 80), anderes
ist neu, zum Beispiel der Biber Impact
Award, für den wir gern wieder Bewerbungen
entgegennehmen (S. 84).
Viel Freude beim
Lesen wünscht
DAMITA PRESSL
Für ein Wien,
das alle vereint.
Inklusion beginnt dort, wo Menschen füreinander da sind.
Die „Freiwillig für Wien“-Plattform bietet allen die Möglichkeit, sich
freiwillig zu engagieren – genau dort, wo Hilfe gebraucht wird.
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die ersten 12 Kontoführungsentgelte nicht verrechnet. Andere Gebühren sind vom Angebot
nicht umfasst. Nach Ablauf der 12 Monate gelten die vereinbarten Konditionen (siehe
Konditionentabelle und Entgeltinformationen auf raiffeisenbank.at/konto-smart).
Impressum: Medieninhaber: Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien AG,
F.-W.-Raiffeisen-Platz 1, 1020 Wien. Stand: April 2026
INHALTSVERZEICHNIS
05 Kolumne
WAS UNS VEREINT, IST DAS FEIERN,
schreibt Biber-Kolumnist Ruşen Timur Aksak.
40 ESC Special
06 Politik & Gesellschaft
40 TANZSCHEIN
Wer ist COSMÓ, der Mann hinter dem ESC-Song?
46 MEHR ALS EIN EVENT
Annie Müller Martínez ist seit 2015 ESC-Ultra.
06 „ANFANGS WAR ICH WIE BETÄUBT“
Massenproteste, Massaker, Krieg. Eine Auslandsiranerin in
Österreich erzählt, wie sie die Ereignisse im Iran erlebt.
12 „WORAN MACHEN SIE FEST, OB JEMAND IN
ÖSTERREICH INTEGRIERT IST?“
Mit Hand, Fuß und Schmäh – Biber fragt, Familien- und
Integrationsministerin Claudia Bauer antwortet pantomimisch.
14 MIGRATION IM MITTELMEER
Die NGO Sea Watch führt Seenotrettungen im zentralen
Mittelmeer durch. Ein Mitglied erzählt, wie diese ablaufen.
20 FRIEDEN MIT DEN TALIBAN?
Wie sich Afghanistan unter der militanten Organisation verändert hat.
24 WAS UNS VERBINDET
Wie geht Österreich mit Vielfalt um? Gallup hat nachgeforscht.
32 WIE GESPALTEN IST ÖSTERREICH?
Dr. Martin Dolezal forscht an der Universität Graz unter anderem zu
politischer Polarisierung und teilt seine Einschätzung.
38 GEHÖRLOSE KINDER BRAUCHEN SPRACHE
Inklusionslehrerin Theresa-Marie Stütz plädiert für mehr Inklusion.
Was den Song Contest für sie so besonders macht.
48 DEAF PERFORMERS
Wie ESC-Musik für Gehörlose sichtbar wird
52 PROTEST-SONG-CONTEST
Nicht nur in der Stadthalle wird es laut
86 Fotostrecke
IMPRESSUM:
MEDIENINHABER & HERAUSGEBER
Kobza Media Beratungs GmbH
Lange Gasse 50/2, 1080 Wien
HERSTELLER
Mediaprint Zeitungsdruckerei gesellschaft
m.b.H. & Co KG
HERSTELLUNGSORT Wien
dasbiber.at
56 Magazin
56 60 JAHRE GASTARBEITERABKOMMEN
Vor 60 Jahren schloss Österreich ein Anwerbeabkommen mit Jugoslawien
ab. Die Menschen, die damals kamen, haben das Land geprägt.
Doch ihre Geschichten haben wir oft vergessen.
62 20 JAHRE BIBER
Wir werden 20, und Wien feiert mit!
70 „DU MUSST DEIN BESTES GEBEN“
Wie Ferhat Yildirim sein Döner-Imperium aufbaute
78 Kultur & Events
78 BIBER IN WIEN
kultur*knistern teilt die besten Event-Tipps in Wien.
80 BIBER LIEST
Ein Blick ins Bücherregal der kultur*knistern-Redaktion
84 Feature
IN PARIS MIT PAT DOMINGO
Der Starfotograf teilt seine Lieblingsspots in Paris.
IMPACT AWARD
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88 Illustrecke
WIEN DURCH DIE AUGEN VON ALIZ BUZAS
Die Illustratorin Aliz Buzas teilt Bilder ihrer Lieblingsorte
in der Hauptstadt.
CHEFREDAKTEURIN Damita Pressl
ART-DIREKTORIN Valerija Iļčuka
PROJEKTTEAM Daniela Steinklammer
Medina Osmanović
LEKTORAT Kristina Reinecker
COVER-FOTO Yannik Steer
COVER-ILLUSTRATIONEN istock.com,
Biber-Redaktion
ÖAK-GEPRÜFT laut Bericht über
die Jahres prüfung im 1. Hj. 2025:
Druck auflage: 105 681 Stück
Verbreitete Auflage: 105 271 Stück
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über faire Teilzeit
1,4 Millionen Menschen arbeiten in Österreich Teilzeit.
Viele leisten regelmäßig mehr Stunden als vereinbart –
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Die AK steht für faire Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten.
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WIEN
Was
hält eine Gesellschaft
zusammen? Verfassung und Gesetze,
würden manche argumentieren,
doch am Ende braucht es mehr als juristische
Texte, um ein echtes Wir-Gefühl aufkommen zu lassen.
Sprache, würden andere behaupten, doch auch
die Sprache ist am Ende nur ein Vehikel. Immerhin bedienen
sich auch islamistische Prediger in den sozialen
Medien der deutschen Sprache – und das (leider) gar nicht
schlecht. Nein, da muss es doch etwas geben, das tiefer
geht und ein echtes Wir-Gefühl aufkommen lässt. Die
Antwort auf die Frage brachte mir das Christkind.
Ich hatte ein wundervolles Weihnachtsfest. Es gab
Geschenke, dichten Schneefall, leckeres Essen, viel zu
trinken und gute Gespräche. Als ich am Weihnachtsmorgen
aufstand und vorsichtig die Treppe hinunterstieg,
war es in der Wohnstube noch kalt. Aber ich
fror nicht, denn mich wärmte die plötzliche Erkenntnis,
dass ich in jenem Augenblick etwas mit
so vielen Menschen in Österreich teilen durfte:
das Geschenk einer geteilten Erfahrung. Wir
feierten ein Fest des besinnlichen Miteinanders,
ob wir nun in Traun, Kufstein, Wien
oder Hartberg waren. In diesem Moment
fühlte ich mich auf eine be sondere
Art und Weise mit dem ganzen
Land verbunden. Als würde
uns ein unsichtbares Band
zusammen halten.
Ich selbst bin das
Kind einer muslimischen
Gastarbeiterfamilie.
von
TIMUR AKSAK
Ruşen Timur Aksak ist selbständiger Medienberater.
Zuvor arbeitete er als Journalist und
TV-Redakteur und war später Pressesprecher der
GEMEINSAM
Weihnachten
war die
meiste Zeit meines Lebens das
Fest der „Anderen“ – oder besser gesagt,
eine Angelegenheit der „Österreicher“. Früher
mied ich sogar Weihnachtsmärkte, mutierte über
die Festtage zu einem kleinen Grinch und sehnte mich
danach, dass die ganze Sache mit Weihnachten schnellstmöglich
vorbei war. Das Land meiner Geburt erschien mir
während dieser besinnlichen Zeit seltsam „fremd“. Als
gäbe es eine Party, zu der ich als Einziger nicht eingeladen
war. Heute weiß ich, dass ich es war, der sich selbst ausgeladen
hat.
Gemeinsame Rituale und Feste sind wichtig. Das
wussten schon die alten Römer. Ihre Feste waren zwar
von religiöser Natur, doch entscheidend war ihre gesellschaftliche
Funktion. Bei allen Gegensätzen und
Widersprüchen waren es gerade diese gemeinsamen
Rituale und Feste, die die römische Gesellschaft
zusammenhielten. Ob reich, arm, alt- römisch
oder aus den Provinzen immigriert, es gab einen
gemeinsamen Kitt, der den Zement Roms erst
härten ließ. Auch unsere Gesellschaft ist
eine, die stärker polarisiert ist. Unsere
Gegensätze – über die Themen von Migration
und Zusammenleben hinaus –
sind nicht zu übersehen. Und genau
deswegen ist es wichtig, dass
wir wieder mehr Mut zur
Gemeinsamk eit finden. Wir
leben gemeinsam, also
feiern wir auch gemeinsam.
FEIERN!
5 Islamischen Glaubensgemeinschaft.
Kolumne
„WENN DAS LAND
ÜBERLEBT,
Anfang Januar 2026 gehen die Menschen im Iran auf die Straßen.
Das Regime schlägt die Proteste brutal nieder und ermordet mehrere
Zehntausend. Vor dem Hintergrund der Massaker und stockender
Verhandlungsgespräche rund um Irans Nuklear programm greifen Israel
und die USA Ende Februar an. Die Iraner in Österreich können nur
zusehen, um ihre Familie bangen – und hoffen.
WIRD ES NICHT MEHR
DAS SEIN,
WAS ES EINST
FOTO Artin Bakhan / unsplash.com
GEWESEN IST.“
Politik
& Gesellschaft
von
DAMITA PRESSL 6
7
Eine Menschenmenge, die auf die Straße strömt. Hupen.
Laut skandierte Parolen. „Lang lebe der Schah“ oder
„Tod dem Diktator“. Plötzlich: Schüsse. Ein Knall
nach dem anderen. Panik, Schreie. Die Menschenmenge
bricht auseinander. Die Schüsse brechen nicht ab. So
oder so ähnlich sehen die Videos aus, die Anfang Januar
2026 aus dem Iran die Weltöffentlichkeit erreichen. Sie
kursieren auf Twitter oder Telegram, oft sind sie verwackelt
und anonym, die Urheber riskieren als Regimegegner
schließlich ihr Leben. Augenzeugen werden die
Geschehnisse später bestätigen. Sie erzählen von Regimekräften,
die aus der Ladefläche von Pickup-Trucks
in die Men schenmengen schießen.
„Ein Freund von meinem Mann hat seinen Neffen verloren“,
erzählt Nazanin*. „Er ist friedlich auf eine Demo
gegangen, in Isfahan, in einer Wohngegend, da, wo mein
Mann früher auch gewohnt hat. Zwischen seiner Mutter
und seiner Oma ist er mitgelaufen. Sie haben ihm aus der
Ferne in den Kopf geschossen und er war tot.“ Nazanin
ist Wienerin, Anfang 30. Sie ist in Österreich geboren,
ihre Eltern und ihr Mann im Iran. Ihre engste Familie
konnte Teheran rechtzeitig verlassen. Sie wissen nicht,
ob ihre Wohnung in der Hauptstadt noch steht, aber es
geht ihnen gut.
Vanessa, 34, ist Lehrerin in Wien. Ihre Tante wohnt im
Norden Teherans. Sie weiß bis heute nicht, ob all ihre
Bekannten noch leben. Denn das Regime im Iran dreht
am 8. Januar 2026 das Internet ab. „Ich bin mir ziemlich
sicher, dass ein paar Freunde meiner Cousins tot sind.
Es ist ein komisches Gefühl, zu wissen, dass manche
Menschen vielleicht nicht mehr da sind.“
„WHATSAPP ZEIGTE NUR MEHR EINEN HAKEN AN“
Es sind Iraner, die da auf ihre Landsleute schießen, Mitglieder
der sogenannten Basij, der paramilitärischen
Freiwilligenmiliz des Regimes der Islamischen Republik.
„In Wirklichkeit gehören sie zur Regierung“, erklärt
Nazanin. „Das sind junge Burschen aus armen Schichten;
man gibt ihnen eine Waffe und sagt ihnen: ‚Du hast
jetzt Macht, kämpf‘ für dein Vaterland.‘ Die Rekrutierung
beginnt bereits im Kindesalter. „Das ist wie ein
radikaler Jugendverein. Wenn du von klein auf radikalisiert
wirst, denkst du dir, das sind Gotteslästerer, die
den Tod verdienen. Die sehen die Menschen, auf die sie
schießen, wahrscheinlich gar nicht als Menschen. Frauen
schon gar nicht.“ An den Universitäten gibt es für die
Basiji eine Studienplatzquote, auch am Arbeitsmarkt
werden sie bevorzugt.
Nazanin hat in diesen Tagen nur sporadisch Kontakt
zu ihrer Familie: „Meine Schwiegereltern haben es
ab und zu geschafft, online zu gehen. Ich weiß nicht, wie;
ich habe gehört, die beste Möglichkeit ist, mit einer iranischen
SIM-Karte aus dem Ausland anzurufen.“ Auch
Vanessas Familie ist abgeschnitten. „Meine Tante hat
im Januar einmal kurz mit meiner Mama telefoniert, vom
Festnetz aus. Danach zeigte WhatsApp nur mehr einen
Haken an. Die Nachrichten gingen nicht mehr durch. Bis
jetzt nicht.“
In den darauffolgenden Tagen tauchen trotz Internetsperre
weitere Videos auf. Sie zeigen Reihen an Leichensäcken,
dazwischen verzweifelte Menschen, die
versuchen, ihre Verwandten zu identifizieren. Die Ärzte,
deren Stimmen an die Außenwelt dringen, schätzen
die Zahl der Toten auf bis zu 30 000. Auch sie setzen ihr
Leben aufs Spiel, denn das Regime befindet, wer beim
Protestieren verletzt wird, habe kein Recht auf medizinische
Hilfe.
„Wenn du von klein auf radikalisiert
wirst, denkst du dir, das sind
Gotteslästerer, die den Tod verdienen.
Die sehen die Menschen, auf die sie
schießen, wahrscheinlich gar nicht als
Menschen. Frauen schon gar nicht.“
manche Iraner eine militärische
Intervention der USA.
„HILFE IST AUF DEM WEG“
Am 13. Januar meldet sich Donald
Trump zu Wort. „Iranische
Patrioten,
PROTESTIERT
WEITER – ÜBERNEHMT
EURE
INSTITUTIONEN!!!
Merkt euch die Namen der
Mörder und Täter. (...) HILFE
IST AUF DEM WEG“, schreibt
er auf seiner Plattform Truth
Social. Welche Art von Hilfe,
das erklärt Trump noch nicht.
Doch bereits da wünschen sich
„Die Leute sind im Iran schon oft auf die Straße
gegangen“, sagt Nazanin. „Nach Mahsa Aminis Tod
und auch davor. Aber in den letzten Jahren hat es sich
gehäuft, und diesmal waren sie mutiger, weil Trump
versprochen hat, zu helfen. Sie dachten, diesmal bringt
es etwas.“ Auch Vanessa erinnert sich an den kurzen
Hoffnungsschimmer: „Es war schon ein Gefühl der Vorfreude,
dass der Regimesturz jetzt endlich stattfindet.
Ich habe damals mit vielen Bekannten
und Freunden geredet. Viele haben
Trump unterstützt. Ich war mir von Anfang
an nicht sicher und fand das etwas
kurz gedacht. Wir wissen ja, wie das
Regime funktioniert. Wenn einer
weg ist, kommt der nächste nach.“
Inzwischen zeigen Satellitenbilder, wie die USA
ihre militärische Präsenz im Nahen Osten so stark ausbauen
wie seit Jahrzehnten nicht. Flugzeugträger, Lenkwaffenzerstörer,
tausende Soldaten und Kampfschiffe
schickt Trump in die Region, zu Stützpunkten in beinahe
alle Länder des Nahen Ostens sowie die umliegenden
Gewässer.
In Europa und auf der ganzen Welt geht die Diaspora
auf die Straßen, um auf die Massaker aufmerksam zu
machen. In Wien am 8., in München am 14. Februar, dem
Valentinstag. Dort kommen eine Viertelmillion Menschen
zusammen, der Sohn des früheren Schahs spricht
zur Menge. Vanessa beschließt, zuhause zu bleiben. „Am
Ende habe ich mich nicht getraut. Die iranische Regierung
hat Iranern, die im Ausland leben und jubeln, offen
gedroht. Meine Familie lebt noch im Iran. Ich war mir
nicht sicher, ob ihnen etwas zustoßen könnte.“
„JEDER, DER SAGT, ER HAT SICH NICHT GEFREUT,
IST EIN IDIOT“
Am 28. Februar schlagen Israel und die USA
zu. Mehrere iranische Städte melden Luftangriffe.
Im Laufe des Tages bestätigt sich: Irans oberster Führer,
Ayatollah Ali Khamenei, wurde bei einem der Angriffe
getötet. „Der Mann, der die Massaker im Jänner höchstpersönlich
beauftragt hat, ist tot. Jeder, der sagt, er hat
sich nicht gefreut, ist ein Idiot“, sagt Nazanin. „Ich
gönne das den Müttern, die ihre Kinder verloren
haben.“
Noch am selben Abend finden sich dutzende Iraner
am Stephansplatz zusammen. Sie tanzen zu iranischer
Musik, viele in die iranische Flagge mit Löwen und Sonne
gehüllt, bis zur Islamischen Revolution 1979 das offizielle
Staatssymbol Irans. Einen Tag später verläuft ein
größerer Demonstrationszug durch Wien, mindestens
2000 Menschen laufen den Ring entlang. Das ist ein guter
Teil der Diaspora: In Wien leben nur rund 18 000 im
Iran geborene Menschen. Sie schwenken iranische, israelische,
ukrainische und US-Flaggen, zusammen mit
der österreichischen. „Es ist kein Krieg gegen den Iran
oder mit dem Iran. Es ist ein Krieg FÜR IRAN“, steht
auf einem der Schilder in den Nationalfarben aufgemalt.
Eine deutlich kleinere Gegendemonstration findet sich
am Stephansplatz zusammen. Dort protestieren Männer
und Frauen getrennt und fordern Solidarität mit
dem iranischen Regime.
„Es ist ein komisches Gefühl,
zu wissen, dass manche Menschen
vielleicht nicht mehr da sind.“
„WAS INTERESSIERT ES DIE USA,
OB DAS IRANISCHE VOLK FREI IST?“
Nach sechs Wochen Krieg sitzt das iranische Regime fest
im Sattel, sieht sich sogar als Sieger. Zu gefestigt ist der
iranische Staat, zu weitreichend die Macht der islamischen
Revolutionsgarde, jene Institution, der die Basiji
unterstellt sind. Entgegen der Hoffnung Trumps konnte
ein Schlag gegen den Anführer das Regime nicht zu Fall
bringen. Es hat überlebt, und es kontrolliert nach wie vor
die Straße von Hormuz, jene Seeroute, durch die 20 Prozent
der weltweiten Ölexporte transportiert werden.
„Es wurden schon viele wichtige Drahtzieher getötet“,
sagt Nazanin, „aber die sind wie die Ameisen.
Irgendjemand kommt immer nach. Wie soll das
jetzt weiter gehen? Nach einer Weile ging es ja eigentlich
nur noch um die Straße von Hormuz. Die USA haben einfach
ihre eigenen Ziele verfolgt und wollen sich in der
Weltpolitik stärken. Was interessiert es die USA, ob das
iranische Volk frei ist?“
„Inzwischen macht mir überhaupt nichts mehr Hoffnung“,
sagt Vanessa. „Wer weiß, ob sich Trump an den
Waffenstillstand hält. Ich weiß auch nicht, wie schlau
es ist, wenn die Leute weiter demonstrieren. Sie werden
einfach alle abgemetzelt. Mittlerweile bin ich nicht mehr
sicher, ob ich jemals wieder hinreisen kann. Wenn das
Land überlebt, wird es nicht mehr das sein, was es einst
gewesen ist. Das bricht einem schon ein bisschen das
Herz.“
*Nazanins Name wurde von der Redaktion geändert.
Politik
& Gesellschaft 8 9
Politik
& Gesellschaft
SIMACEK
VIELFALT LEBEN –
CHANCEN SCHAFFEN
PRAXISBEISPIELE AUS DEM
ALLTAG
KARRIERECHANCEN DURCH
DIE SIMACEK AKADEMIE
Mit der hauseigenen, Ö-Cert- zertifizierten
Akademie bietet SIMACEK praxisnahe Aus-
und Weiter bildungen – von Sprachkursen
bis zu Führungstrainings. Die erworbenen
Qualifikationen sind anerkannt und eröffnen
Mitarbeitenden neue berufliche Perspektiven.
INTEGRATION HEISST FÜR UNS,
POTENZIALE ZU SEHEN –
NICHT HÜRDEN
Vielfalt ist gelebte Realität. Bei SIMACEK
arbeiten mehr als 4000 Menschen aus
knapp 70 Nationen. Über 75 Prozent der
Belegschaft sind Frauen. Diese Vielfalt
bringt unterschiedliche Sprachen, Kulturen
und Erfahrungen zusammen – und macht
das Unternehmen stark. Damit das funktioniert,
setzt SIMACEK auf klare Werte:
Gleichbehandlung, Respekt und Fairness.
Ziel ist ein Arbeitsumfeld, in dem sich alle
Mitarbeitenden wohlfühlen und ihre Talente
entfalten können.
GLEICHBEHANDLUNG
ALS GRUNDSATZ
Chancengleichheit ist fest in der Unternehmenspolitik
verankert. Eine eigene Abteilung
sorgt dafür, dass Gleichbehandlung
nicht nur ein Leitbild, sondern gelebte
Praxis ist. Ob flexible Arbeitszeitmodelle,
verbindliche Richtlinien oder individuelle
Weiterbildungsangebote – SIMACEK
schafft Rahmenbedingungen, die allen Mitarbeitenden
gleiche Chancen eröffnen.
Diskriminierung hat keinen Platz, Vielfalt
wird als Stärke verstanden.
SPRACHFÖRDERUNG ALS
SCHLÜSSEL ZUR INTEGRATION
Seit 2010 können Mitarbeitende direkt am
Arbeitsplatz ihre Deutschkenntnisse verbessern.
Die mobile Sprachförderung baut
Barrieren ab und stärkt die Zusammenarbeit
im Team. Sprache wird so zum Türöffner
für berufliche und persönliche Entwicklung.
UNTERSTÜTZUNG IN HERAUS-
FORDERNDEN LEBENSSITUATIONEN
In Kooperation mit der Caritas stellt
SIMACEK eine kostenlose Sozial beratung
bereit. Ob bei Behörden gängen, Fragen
zur Kinderbetreuung oder in Krisenzeiten
– Mit arbeitende erhalten schnelle und unbürokratische
Hilfe.
Das neue Mobilfunk-
Paket der Post.
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VIELFALT ALS ERFOLGSFAKTOR
Unterschiedliche Blickwinkel fördern Kreativität,
Innovation und Flexibilität. Eine inklusive
Unternehmenskultur stärkt das Mit -
einander und die Wettbewerbsfähigkeit.
Bei SIMACEK bedeutet Diversität nicht
Herausforderung, sondern Zukunftschance
– für das Unternehmen, für die Gesellschaft
und vor allem für die Menschen, die
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Leistungsbeschreibungen der Österreichischen Post AG. Diese findest du auf yelllow.at/vertragsinfo | Informationen zum Datenschutz findest du auf
yelllow.at/datenschutz | Stand: April 2026. Satz- und Druckfehler vorbehalten.
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MIT HAND, FUSS ...
Das etwas andere Interview: Wir stellen unsere Fragen.
Geantwortet wird ohne Worte – dafür mit viel
Körper einsatz. Diesmal vor der Kamera: Bundesministerin
für Europa, Integration und Familie Claudia Bauer (ÖVP).
Woran machen Sie fest,
ob jemand in Österreich
integriert ist?
In unserer aktuellen
Ausgabe geht es viel um das
Thema Polarisierung und Spaltung.
Wie kann aus Ihrer Sicht
jeder Einzelne im Alltag
gesellschaft licher Spaltung
entgegenwirken?
„Mit
ausgestreckter
Hand aufeinander
zugehen.“
Zunächst streckt
die Ministerin die
Hand Richtung
Kamera, aber
unser Fotograf
sieht den Spiegel
und hat eine
bessere Idee.
Sie haben kürzlich bedauert,
Kinder bekommen sei inzwischen
viel zu sehr Kopf- und viel zu
wenig Bauchsache. Offenbar
kommen also immer mehr Menschen
zum Schluss, dass die
Rahmenbedingungen nicht stimmen.
Welche Priorität möchten
Sie bis Herbst 2029 noch unbedingt
umsetzen, um Familien diese
Entscheidung zu erleichtern?
... UND SCHMÄH
Nur 60 Prozent der
Österreicher sind
überzeugt, dass uns die
EU-Mitgliedschaft
Vorteile bringt.
Welcher ist aus Ihrer
Sicht der größte?
„Am wichtigsten ist es, dass wir positiv darüber
sprechen“, meint Bauer. Die Leinwand mit den Handabdrücken
war ein Mitbringsel von einer Krabbelstubeneröffnung
in Linz, erzählt Bauers Mitarbeiter.
Bauer wählt das „Peace“-Zeichen als Geste
und verweist auf den Gründungsgedanken.
Ihr Vater ist
ebenfalls bei der ÖVP
und Bürgermeister in
Walding. Wie sehr hat
das Ihrer politischen
Karriere geholfen?
Zum Thema
Überwinden von Gräben:
Verraten Sie uns, mit welchem
Kollegen oder welcher Kollegin
von einer anderen Partei Sie
am meisten verbindet?
Sie sind 2017 mit
22 Jahren als damals jüngste
Abgeordnete in den Nationalrat
eingezogen. Was haben Sie aus
dieser Erfahrung gelernt?
„Meine Eltern haben mir eher abgeraten“, erzählt
die Ministerin. „Als ich Schulsprecherin wurde, haben
sie gefragt, ob ich mir das wirklich antun möchte.“
Sie haben zu
Weihnachten geheiratet
und den Namen Ihres
Mannes angenommen.
Wie waren die
Reaktionen
darauf?
FOTOS Stefan Joham
„An der Erwerbstätigkeit“, sagt Bauer.
Das Selfie mit Eva-Maria Holzleitner, Bundesministerin für Frauen,
Wissen schaft und Forschung (SPÖ), stammt vom allerersten gemeinsamen
Ministerrat und wurde von Bauers Büro zur Verfügung
gestellt. „Wir sind beide aus Oberösterreich, aus der gleichen Generation,
sind beide über die Schülervertretung in die Politik gekommen
und hatten den gleichen Angelobungstag“, so die Ministerin.
„Miteinander reden, Allianzen schmieden, Mehrheiten suchen.“
Die Ministerin, ehemals Claudia Plakolm, hat
ihrem Freund im Winter in Venedig das Ja-Wort
gegeben. Für ihr Umfeld ein Grund zum Feiern.
Politik
& Gesellschaft
von
DAMITA PRESSL
12
13
Politik
& Gesellschaft
AUS ZAHLEN WIEDER MENSCHEN MACHEN
Politik
& Gesellschaft
von
HANNA KASTNER
14 15
Politik
& Gesellschaft
FOTOS Clara Marnet, Paul Lovis Wagner, Jana Bauch, Oliver Kulikowski / Sea-Watch e.V.
Seenotrettungen zwischen Routine,
Wettrennen und politischer Repression:
Lorenz Schramm ist Teil der zivilen
Seenotrettungsorganisation Sea-Watch.
Im Interview erzählt er von Nächten
voller Benzingeruch, von Menschen auf
der Flucht und der Hoffnung, eines Tages
nicht
mehr gebraucht zu
werden.
Du bist seit 2017 bei Sea-Watch. Wer sind die Menschen auf der
Flucht, die du kennenlernst?
Sea-Watch veröffentlicht immer, an wie vielen Rettungen
wir bereits beteiligt waren. Hinter jeder
Zahl steht eine Geschichte. Jede Person hatte ein
Leben – Familie, Arbeit, einen gesellschaftlichen
Stand. Doch dann kommt die Flucht und für einige
das rassistische System in Libyen, Entmenschlichung
und massive Menschenrechtsverletzungen
dazu.
Wie reagieren diese Menschen auf dich und die restliche Sea-
Watch-Crew?
Sie sind offen. Viele erlebten Menschenrechtsverletzungen
und vertrauen trotzdem Fremden, gerade
weißen Personen. Das finde ich bis heute jedes Mal
beeindruckend und tief bewegend.
Sea-Watch führt nicht als einzige Organisation Seenotrettungen
im Mittelmeer durch. Was unterscheidet euch von staatlichen
Küstenwachen?
Der größte Unterschied ist unser Menschenbild.
Staatliche Stellen retten, aber Grenzpolitik und rassistische
Asylgesetze starten bereits an Bord. Wir
versuchen, einen sicheren Rahmen herzustellen:
eine Atempause mit Essen, freundlichen Gesichtern
und lockeren Gesprächen – auch über Fußball.
Wie lang dauert eine Rotation [einzelne Einsatzzeiträume, Anm.]?
Derzeit sind es durchschnittlich sechs Wochen.
Eine Rotation beginnt mit einer Woche Training
im Hafen. Dann fahren wir nach Süden und sind in
der Regel vier Wochen unterwegs – wenn uns Italien
nicht stoppt. In der „Search-and-Rescue-Zone“ suchen
wir mit Ferngläsern, Radar, Informationen von
italienischen Behörden und unseren Flugzeugen.
Manchmal wissen wir von Personen, nach denen wir
suchen – dann ist es ein Wettrennen gegen die libyschen
Milizen. Wir sind deutlich besser ausgerüstet,
besser trainiert für eine Seenotrettung, aber unsere
Schiffe sind viel langsamer als die der sogenannten
libyschen Küstenwachen.
Die Gefahr für
NGO-Schiffe ist nach
den Schüssen [im August
2025, Anm.] auf die Ocean
Viking [Schiff von SOS Méditeranée,
Anm.] gestiegen.
Trotzdem können wir
retten.
Wann endet eine Rotation früher
als geplant?
In den letzten Jahren
gab es viele verschiedene
Repressionsstrategien.
Derzeit legen zwei italienische Gesetze
genau fest, wie eine Rettung abzulaufen hat. Die
Gesetze erlauben uns nur eine Rettung pro Einsatz
und verpflichten uns, anschließend direkt den zugewiesenen
Hafen anzulaufen – obwohl das bedeuten
kann, andere Boote in Seenot zurückzulassen
und so gegen internationales Recht zu verstoßen.
Jede Abweichung kann als Verzögerung gewertet
werden. Zusätzlich müssen wir mit allen relevanten
Behörden, auch der libyschen Küstenwache,
kommunizieren. Doch diese Miliz ist für uns
kein Partner, da wir bereits unzählige Menschenrechtsverletzungen
dokumentiert haben.
Kommunizieren wir nicht, können wir
festgesetzt werden.
Du warst im Dezember auf der Sea-Watch 5. Wie sieht ein
typischer Einsatztag aus?
Es ist ein sehr strukturierter Alltag, viele
Routinen – gerade, wenn man tagelang niemanden
findet: Bei Tageslicht suchen vier
Crewmitglieder permanent mit Ferngläsern
den Horizont in alle Richtungen ab. Das kurze
Tageslicht im Winter ist eine zusätzliche Herausforderung
– wir haben häufiger Nachtrettungen
und diese sind immer komplizierter.
Wie läuft die Rettung eines Bootes ab?
Hier läuft weiterhin viel über Routinen. Zwei
Rettungen bei meiner letzten Rotation waren typisch:
Die erste war ein Gummiboot mit 30 Leuten
an Bord. Die libysche Küstenwache war die ganze
Zeit mit einem kleinen Boot vor Ort. Nach einer Risikoanalyse
haben wir entschieden, unsere Schnellboote
ins Wasser zu lassen. Wir haben das Rennen
verloren, aber wir konnten die Küstenwache davon
überzeugen, uns die Rettung durchführen zu lassen,
weil ihr Boot zu klein war. Wir waren auf dem
Weg nach Norden, das Wetter war schlecht, mitten
in der Nacht kam ein „Close Rescue Call“.
Die zweite Rettung.
Dieser Moment war lebensgefährlich,
denn es
hätte einen Unfall zwischen
unserem Schiff und
dem Gummiboot geben
können. Die 70 Personen
auf dem Boot waren bereits
24 Stunden unterwegs.
Man konnte sofort
einen Benzingeruch wahrnehmen,
er war überall.
Denn die Personen hatten
offene Benzinkanister dabei
[als Treibstoff für den Motor,
Anm.], sie waren dem Geruch ausgesetzt und ihre
Kleidung war teilweise benzingetränkt. Dabei hätte
es zu chemischen Verbrennungen kommen können.
Wie laufen die Tage nach einer erfolgreichen Rettung ab?
Wir bieten Struktur: feste Abläufe, klare Informationen
zu Asyl und Europa. Es gibt eine Krankenstation
an Bord und Zeit für Gespräche, Kartenspiele,
Wäschewaschen – so gehen die Tage dahin.
Meist erreichen wir den zugewiesenen Hafen nach
drei bis vier Tagen.
Politik
& Gesellschaft 16 17
Politik
& Gesellschaft
Im September jährte sich die Flüchtlingsbewegung 2015 zum
mut, Flucht aus schlechten privaten Verhältnissen,
zehnten Mal. Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?
Flucht vor Vertreibung oder Flucht vor Krieg. Ab-
Ich sehe wenig Verbesserungen. Das gesellschaft-
schreckung hilft nur begrenzt, wenn Personen aus
liche Klima ist viel schlimmer geworden. Heute ist
lebensgefährlichen Bedingungen fliehen oder ihre
es völlig okay, zu sagen, dass die Externalisierung
schreckliche Lebenssituation verbessern möchten.
von Europas Gren-
Sea-Watch verfolgt langfris-
zen tödlich sein
tig das Ziel, überflüssig zu
kann. Wir haben
werden – weil es sichere und
das Gefühl, keine
legale Fluchtwege gibt. Was
Verbündeten
mehr
müsste konkret geschehen,
im Kampf für offe-
damit diese Vision Realität
ne Grenzen und für
wird?
eine Welt mit Flucht
Eine faire Weltord-
und Freiheit zu ha-
nung für alle, un-
ben.
abhängig von Haut-
Was macht das mit dir?
farbe und Herkunft,
Es ist unsere Realität:
Es gibt nur
mehr wenige Akteur*innen,
die für
Bewegungsfreiheit eintreten: Sea-Watch, andere
Search-and-Rescue-NGOs und viele kleine Organisationen
auf dem Balkan. Ich weiß nicht, ob wir
weniger geworden sind, aber die anderen sind auf
jeden Fall mehr geworden.
aber das ist derzeit
utopisch. Im Moment
würden sichere
und legale Fluchtwege
nach Europa und ein Ende der Finanzierung
eines libyschen, türkischen oder tunesischen
Grenzregimes Veränderung schaffen.
Deine Arbeit ist von vielen Herausforderungen und negativen Aspekten
geprägt. Was motiviert dich, weiterzumachen?
Infobox
Sea-Watch ist ein spendenfinanzierter Verein aus Deutschland, der seit 2015 – dem
Jahr der Flüchtlingsbewegung nach Europa – Seenotrettungen im zentralen Mittelmeer
durchführt. Die Fluchtroute über das Mittelmeer gilt bis heute als eine der tödlichsten
und gefährlichsten weltweit. Der Verein ist mit zwei Schiffen im Einsatz und betreibt drei
Flugzeuge, die Seenotfälle lokalisieren und Menschenrechtsverletzungen dokumentieren.
Lorenz Schramm kommt ursprünglich aus Süddeutschland und ist gelernter Gesundheits-
und Krankenpfleger. Seit 2017 arbeitet er bei Sea-Watch. Derzeit ist er meist
zweimal pro Jahr für rund sechs Wochen an Bord eines Rettungsschiffs.
FOTOS Maria Giulia Trombini, Stefano Belacchi / Sea-Watch e.V.
Seit Jahren kritisiert Sea-Watch Frontex in der Öffentlichkeit
und dokumentiert mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen
der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache. Welche
Erfahrungen macht Sea-Watch mit Frontex?
Als ich 2017 angefangen habe, hat Frontex Rettungen
im zentralen Mittelmeer durchgeführt. Heute
verwendet Frontex vor allem Drohnen und Flugzeuge,
sodass sie keine Rettungen durchführen können
und auch nicht müssen. Frontex-Flugzeuge geben
Positionen auch direkt an die libysche Küstenwache
weiter. Dadurch können „Pullbacks“ nach
Libyen stattfinden, von denen wir nichts erfahren.
Die EU stellte der libyschen Küstenwache wiederholt Gelder zu
Verfügung. Wie bewertest du das?
In den letzten Jahren sind die Debatten völlig eskaliert.
Niemand versteckt mehr die Absicht, dass
Personen einfach gar nicht erst auf dem europäischen
Kontinent ankommen sollen und dass dafür
jede Maßnahme akzeptiert wird.
Pläne über Rückkehrprogramme oder die Auslagerung von abgelehnten
Asylweber*innen in Drittstaaten nehmen zu. Oft wird erklärt,
dass solche Maßnahmen Menschen von der Flucht abhalten
sollen. Glaubst du, dass durch Abschreckung tatsächlich weniger
Menschen fliehen?
Rechte Politiker*innen beschreiben Migration mit
Pull- und Push-Faktoren, aber das ist nicht die
Realität der Personen. Menschen fliehen in der
Hoffnung auf ein besseres Leben: Flucht aus Ar-
Dass wir es schaffen, aus Zahlen wieder Menschen
zu machen, einzelne Momente auf Augenhöhe zu erzeugen,
Menschen wieder Menschen sein zu lassen
und Widerstand gegen den Rechtsruck zu leisten.
„Die Rettung von Menschenleben, die Achtung
der Menschenrechte und die Verbesserung
der Lage entlang der Routen, auch
in den Herkunftsländern, sind stets Teil
des Migrationskonzepts der Kommission“,
erklärt Markus Lammert, Sprecher für Inneres
der Europäischen Kommission, auf
Anfrage. Besonders relevant sei der Kampf
gegen Schlepperei, den die europäische
Strategie für Asyl und Migrationsmanagement
verstärken würde. Zu viele Menschen
würden ihr Leben durch Schlepper riskieren
und verlieren. Such- und Rettungsmaßnahmen
seien Zuständigkeit der Mitgliedsstaaten.
Die Kommission unterstütze eine bessere
Koordinierung durch die Einrichtung
einer „Search and Rescue“-Kontaktgruppe.
Während Sea-Watch die Migrationspolitik
der Europäischen Union kritisiert, bezeichnet
Lammert die häufig entscheidende
Rolle von NGOs wie Sea-Watch bei der
Rettung von Menschenleben als „lobenswert“.
Gleichzeitig betont der Sprecher für
Inneres, dass alle an Such- und Rettungsaktionen
beteiligten Akteur*innen die Anweisungen
der koordinierenden Behörden
befolgen müssen.
Die Vorgehensweise libyscher Akteur*innen,
besonders der libyschen
Küstenwache, wurde bereits in der Vergangenheit
vielfach kritisiert. Der im Februar
dieses Jahres erschienene UN-Bericht
„Business as Usual: Menschenrechtsverletzungen
und Misshandlungen von Migranten,
Asylsuchenden und Geflüchteten in
Libyen“ dokumentiert schwere Menschenrechtsverletzungen
wie Vergewaltigungen,
Folter, Zwangsarbeit und Zwangsprostitution.
In dem Bericht wird unter anderem die
EU für die Zusammenarbeit mit libyschen
Akteur*innen kritisiert. Von 2015 bis 2025
stellte die EU im Rahmen des EU-Nothilfe-
Treuhandfonds für Afrika (EUTF) Libyen
insgesamt 465 Mio. Euro für Migrationsmaßnahmen
zu Verfügung. Damit ist Libyen
das größte Empfängerland des Fonds.
Der Kommission sei die weiterhin kritische
Lage in Libyen bewusst, erklärt Guillaume
Mercier, EU-Kommissionssprecher für Erweiterung,
internationale Partnerschaften
und das Mittelmeer. „Fälle von Menschenrechtsverletzungen
und -verstößen werden
gegenüber den libyschen Behörden
regelmäßig angesprochen“, so Mercier.
Politik
& Gesellschaft
18
19
Politik
& Gesellschaft
„MAN HAT KOMPLETT
IGNORIERT,
WAS DAS LAND AUSMACHT.“
Mit den Taliban verhandelt man nicht. Punkt. So der
moralische Reflex zahlreicher Journalisten, Politiker
und Aktivisten im gesamten Westen. Die Taliban seien
unverbesserliche Radikale, Verhandlungen seien ein
Verrat an der afghanischen Bevölkerung. Doch diese Bevölkerung
denkt nicht so geschlossen, wie wir es gern
hätten, meint Ali (32), Afghane der zweiten Generation.
„Es gibt viele Menschen in Afghanistan, die die Taliban
begeistert unterstützen“. Kurze Pause. „Und auch wenn
uns das nicht gefällt, irgendwie ist das verständlich.“
, frage ich reflexartig zurück.
Wie kann man Verständnis dafür
aufbringen, dass Menschen ein solches Regime
unterstützen?
Doch Ali weiß, wovon er spricht. Er hat Familie in
Afghanistan und hat das Land viermal besucht, zweimal
vor der Machtübernahme der Taliban und zweimal
danach. Er kennt den Alltag der Menschen vor Ort und
erzählt von den Veränderungen, von Sicherheit, die
nun auf einmal da ist. Zum ersten Mal seit 40 Jahren
herrsche im ganzen Land Frieden, die Kriminalität sei
massiv zurückgegangen, erzählt er. Früher sei Gewalt
allgegenwärtig gewesen. Bei seinem Besuch 2019 habe
ihn sein Onkel auf einem Markt gewarnt: „Steck sofort
das Handy ein. Das ist viel zu gefährlich, es hier hinauszunehmen.“
Männer mit Motorrädern würden kommen
und ihn ausrauben. Heute seien solche Überfälle fast
vollständig verschwunden. „Die Taliban gehen rigoros
gegen solche Kriminellen vor“, berichtet Ali. „Inzwischen
können in vielen Gegenden Frauen sogar nachts
auf die Straße gehen“, sagt er. „Das ist etwas, was im
Westen kaum wahrgenommen wird. Aber für Afghanen
ist es ein großer Gewinn an Lebensqualität, wenn Kranke
auf einmal gefahrlos ins Spital kommen und Bauern
ihre Ernte zum Markt bringen können.“
Außerdem seien die Taliban viel weniger korrupt
als die alte Regierung, fährt Ali fort. Früher ging es allen
– vom Regierungschef und dem Parlamentspräsidenten
abwärts – nur darum, ihre eigenen Taschen zu fül-
len. In den Provinzen hätten amerikatreue Warlords die
Macht gehabt und Land- und Wasserrechte an sich gerissen.
Gerichtsurteile waren käuflich, und die Menschen
hatten keine Chance, ihr Recht durchzusetzen. „Villen,
wie sie sich die Politiker und Warlords in Kabul gebaut
haben, habe ich in Österreich nicht gesehen“, erzählt Ali
von der Dekadenz, die sich in den 20 Jahren westlichen
Engagements in Afghanistan breit gemacht hat. Selbst
in den USA gebe es kaum so viel Luxus. Und dann wieder
so ein Satz, der für westliche Ohren nur schwer verdaulich
ist. „Wahrscheinlich brauchte es den Regimewechsel,
um da einen radikalen Schlussstrich zu ziehen.“
Ganz anders sieht das Mariam, ebenfalls 32. Sie
bezeichnet die Machtübernahme der Taliban als
den schwärzesten Tag ihres Lebens. 13 Jahre lang
hat sie in Kabul eine private Schule geleitet, die
vor allem Frauen und Mädchen besuchten. Nach
ihrer Machtübernahme erlaubten die Taliban Mariam
zwar, die Schule weiter zu betreiben, aber nur
noch für die männlichen Schüler. Fast wöchentlich
gab es Kontrollen von Talibanpatrouillen. Männer
mit Gewehren stürmten in die Schule und durchsuchten
Klassenräume und Toiletten. Die einzige
Möglichkeit für Mariam, auch die Frauen weiter
zu unterrichten, war heimlich in Privathäusern oder
online. Dass sie damit ihr Leben riskierte, war ihr egal.
„Die Schule war alles, was in meinem Leben zählte“,
sagt sie „Ich bin nie auf Partys gegangen, ich hatte keinen
Freund. Es gab immer nur die Schule.“
Nach Österreich kam sie 2023, als sie von der Central
European University in Wien mit einem Frauenpreis
ausgezeichnet und zur Preisverleihung eingeladen wurde.
Eigentlich wollte sie nur drei Tage bleiben. Doch die
ehemalige afghanische Botschafterin und die Organisatoren
des Preises rieten ihr, aufgrund der Gefahr auf keinen
Fall nach Afghanistan zurückzukehren, und halfen
ihr, einen Asylantrag zu stellen. Seither büffelt Mariam
Deutsch und unterrichtet Persisch für Migranten der
zweiten Generation.
Mariams Tag ist zugepflastert mit Terminen. Das
hilft ihr, ihre Situation zu ertragen. „Ich bin hier nur
physisch in Sicherheit“, sagt sie. „Aber ich habe niemanden.
Mein Vater ist 80. Ich weiß nicht, ob ich ihn je
wiedersehen werde.“ Die Schule in Kabul kann sie weiter
betreiben, ihre Mädchen weiterhin illegal unterrichten.
Die Arbeit vor Ort übernimmt für sie ihre 20-jährige
Schwester. Und was sagen die Taliban, dass Mariam nun
auf einmal nicht mehr da ist? Das müssen sie doch mitbekommen.
Die Kontrollanrufe der Talibanbeamten, berichtet
Mariam, konnte sie bisher abwimmeln, indem sie erzählt,
sie sei zum Studieren in den Iran gegangen. Für
ihre Schwester ist das natürlich ein gewaltiges Risiko.
Mit ihren jungen Jahren ist sie damit manchmal ein bisschen
überfordert, erzählt Mariam, und sie müsse sie liebevoll
in die Pflicht nehmen, nicht aufzugeben. „Dass ich
sie einer solchen Gefahr aussetze, ist für mich natürlich
eine große Belastung“, meint Mariam. „Aber die Frauen
haben ein Recht auf Bildung.“
Wie lebt es sich unter den Taliban?
Und ist unsere westliche Sicht auf die politische
Situation in Afghanistan zu einfach?
Zur Vorbereitung einer großen Afghanistanreise
im kommenden Sommer hat unser Autor Harald Schaffer
mit zwei Afghanen in Wien über die Lage in
ihrem Land gesprochen.
FOTO Harald Schaffer
Politik
& Gesellschaft
von
HARALD SCHAFFER
20
21
Politik
& Gesellschaft
Ist Alis Sichtweise also zu theoretisch? Kann man nur
dann so viel Verständnis für die Taliban haben, wenn
man selbst nicht unter ihnen leben muss? Klar, dass
Ali einen distanzierteren, analytischen Blick hat. Er ist
zwar weit davon entfernt, die Situation der Frauen in
Afghanistan schönzureden. Er sehe bei seinen eigenen
Cousinen, wie schlimm es für sie ist, ihre Ausbildung
nicht fortsetzen zu können. „Das ist für ihre Zukunft
eine Katastrophe!“ Doch es ist eben nicht Ali selbst, der
davon betroffen ist. So behält er den Blick des politisch
interessierten Beobachters.
Gerade in der Frage der Mädchenbildung sind die
Taliban sehr gespalten. Etliche hochrangige Mitglieder,
die ihre Familien noch im pakistanischen Exil haben,
schicken dort selbstverständlich auch ihre Töchter zur
Schule. Doch die Taliban könnten die konservativen
Kräfte innerhalb der eigenen Reihen nicht ignorieren,
erklärt Ali das Dilemma. Viele ihrer Kämpfer stammen
aus ländlichen, sehr konservativen Gebieten, in denen
Mädchen auch früher nicht zur Schule geschickt wurden.
Die Meinung dieser Menschen zu ignorieren, nachdem
diese jahrelang für sie gekämpft haben, teilweise
sogar ohne Entlohnung, wäre gefährlich. „Das könnte
zu einer Revolte führen, im schlimmsten Fall wieder zu
Kämpfen. Und Kämpfe sind das Letzte, was Afghanistan
brauchen kann“, meint Ali. „Das ist eine Wahl zwischen
Pest und Cholera.“
Der große islamische Philosoph, Dichter und Mystiker
Dschalal ad-Din Muhammed ar-Rumi sagte einst: „Zwischen
dem, was richtig ist, und dem, was falsch ist, liegt
ein weites Feld.“ Vielleicht haben Ali und Mariam mit
ihrer Einschätzung der Taliban beide recht. Vielleicht
ist der Unterschied zwischen ihnen, dass Mariam in Kabul
gelebt hat, wo das Leben immer ein bisschen freier
war als im Rest des Landes. „Afghanistan ist ein muslimisches
Land“, sagt Ali. „Die Taliban vertreten Werte,
nach denen ein großer Teil der Bevölkerung leben will.“
Die Frauen in kurzen Röcken und mit offenen Haaren
seien immer eine kleine, reiche Minderheit gewesen.
„Aber in den westlichen Medien“, meint Ali, „hat man
gerne Bilder dieser Frauen gezeigt, weil man demonstrieren
wollte, wie fortschrittlich Afghanistan ist. Man
hat komplett ignoriert, was das Land ausmacht.“
FOTO Harald Schaffer
Politik
& Gesellschaft
22
FOTO Helen Edu Bastidas Rushbrook / unsplash.com
/ stocksy.com
Österreich ist vielfältig –
kulturell, politisch und sozial.
Doch was bedeutet das für
den Zusammenhalt im
Alltag? Leben wir miteinander
oder zunehmend
nebeneinander?
Und wie tolerant sind junge
Menschen gegenüber
anderen Meinungen oder
Lebensweisen?
Das Ergebnis der Umfrage
innerhalb der Biber-
Community zeigt: Vielfalt
gehört für viele längst zum
Alltag. Gleichzeitig gibt
es bei bestimmten gesellschaftlichen
Themen auch
klare Spannungen.
von
KolumneDANIELA STEINKLAMMER
DIE GROSSE
GALLUP- STUDIE ÜBER
GESELLSCHAFT LICHEN
ZUSAMMENHALT
EXKLUSIV FÜR BIBER
Faktencheck
ERHEBUNGSMETHODE
Onlineumfrage
in der Biber-Community und
im Gallup-Onlinepanel
ZIELGRUPPE
Aktuelle und potenzielle
Leserinnen und Leser von Biber im
Alter 14+ österreichweit; mit und
ohne Migrationshintergrund
STICHPROBE
n = 500
UNTERSUCHUNGS
ZEITRAUM
13.2. bis 3.3.2026
ALLTAG ZWISCHEN VIELFALT UND MEINUNG
WAS VERBINDET UNS WIRKLICH?
Freundschaften entstehen oft an Orten,
an denen Unterschiede keine große Rolle
spielen. In der Schule, im Studium, beim
Sport oder bei langen Gesprächen spätabends
auf dem Balkon. Die eine Person ist
religiös, die andere nicht. Die eine engagiert
sich politisch, die andere interessiert sich
kaum für Politik. Und trotzdem versteht
man sich.
Viele Menschen in Österreich erleben
genau das jeden Tag: ein Leben inmitten
von Vielfalt.
Doch gleichzeitig hört man immer
wieder das Gegenteil. Gesellschaften seien
gespalten, Debatten verhärtet, Menschen
unterschiedlicher Meinungen könnten kaum
noch miteinander reden. Besonders bei
Themen wie Migration, Klimapolitik oder
Gleichstellung scheint es, als würden sich
Fronten bilden.
Wie passt das
zusammen?
Um diese Frage zu beantworten, hat
Biber gemeinsam mit dem österreichischen
Gallup-Institut gefragt: Was verbindet
Menschen in Österreich eigentlich – und
wo entstehen Grenzen? 500 Biber-Leserinnen
und -Leser haben an der Onlineumfrage
teilgenommen – Menschen mit
unterschiedlichen Hintergründen, unterschiedlichen
Altersgruppen und unterschiedlichen
Perspektiven auf das Land, in
dem sie leben.
Das Bild, das daraus entsteht, ist
komplex – und überraschend.
Im persönlichen Alltag scheint Vielfalt
für viele längst selbstverständlich zu
sein. Freundeskreise bestehen selten nur
aus Menschen, die gleich denken, gleich
glauben oder die gleiche Herkunft haben.
Gleichzeitig zeigen sich aber auch
Brüche. Bei bestimmten Themen endet die
Offenheit schneller als bei anderen. Manche
Fragen sind so eng mit persönlichen
Werten verbunden, dass sie Beziehungen
belasten können.
Und während im persönlichen Umfeld
Vielfalt oft funktioniert, wirkt die Gesellschaft
insgesamt auf viele Menschen rauer.
Der Eindruck, dass Konflikte zunehmen, ist
weit verbreitet.
Wer sich die Freundeskreise junger Menschen
ansieht, erkennt schnell: Österreich
ist vielfältiger, als politische Debatten vermuten
lassen. Menschen mit unterschiedlichen
kulturellen Hintergründen, verschiedenen
Für die große Mehrheit der Biber-Community
ist das normal.
Die meisten Befragten haben Freundinnen
oder Freunde, die politisch anders
denken als sie selbst, aus anderen Ländern
religiösen Überzeugungen oder kommen oder einer anderen Religion an-
politischen Meinungen sitzen gemeinsam
am Tisch, gehen miteinander feiern oder
diskutieren über Serien, Studium und Zukunftsplänegehören.
Unterschiede gehören zum sozialen
Umfeld – und oft auch zur eigenen
Identität.
Hast du Freundinnen oder Freunde, die ...?
Die meisten Befragten haben zumindest einige Freundinnen und
Freunde, die sich in Herkunft, Religion und politischen Einstellungen
von ihnen unterscheiden.
... eine andere Herkunft haben als du? 28
55
14 3
... einer anderen Religion angehören oder „anders“ glauben als du? 22
58
16 4
... eine andere politische Einstellung haben als du? 19
66
10 4
Ja, viele Ja, ein paar Nein, gar keine
Weiß nicht, keine Angabe
Angaben in Prozent
Gerade junge Menschen bewegen sich besonders
häufig in vielfältigen Netzwerken.
Wer in einer Großstadt aufgewachsen ist,
in der Schule unterschiedliche Sprachen
hört oder im Studium Menschen aus verschiedenen
Ländern kennenlernt, erlebt
Diversität als etwas Selbstverständliches.
Auch Menschen mit Migrationshintergrund
erzählen besonders häufig von Freundeskreisen,
die kulturell gemischt sind.
Interessant ist aber, dass Vielfalt
nicht automatisch bedeutet, dass alle Unterschiede
gleich leicht akzeptiert werden.
Bei kulturellen oder religiösen Unterschieden
zeigen sich viele der Befragten relativ
offen. Politische Unterschiede hingegen
können schwieriger sein. Gerade jüngere
Befragte sind etwas seltener als ältere mit
politisch Andersdenkenden befreundet.
Trotzdem funktioniert für viele Menschen
Vielfalt im Alltag deutlich besser, als
es öffentliche Debatten vermuten lassen.
Freundschaften entstehen eben nicht nur
dort, wo Menschen gleich sind – sondern
oft gerade dort, wo sie verschieden sind.
FOTO Edu Bastidas / unsplash.com
26 27
Politik
& Gesellschaft
Was verbindet die Menschen in Österreich
deiner Meinung nach?
Sprache
Während Sprache, Feste und Kultur verbinden, tragen Politik,
Religion und Medien wenig zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.
0 20 40 60 80 100
62
WENN WERTE AUFEINANDERTREFFEN
„TOLERANZ FÖRDERT RESPEKT GEGENÜBER
UNTERSCHIEDLICHEN KULTUREN, MEINUNGEN UND LEBENSWEISEN,
WAS IN EINEM VIELFÄLTIGEN LAND WIE ÖSTERREICH
ESSENZIELL IST.“
Anonym, Umfrageteilnehmer
Feste und Feiern
61
Kultur
Sport
Essen
Humor
Bildung
Naturkatastrophen
Soziale Medien
Konsum
23
21
20
38
59
53
50
46
Viele Menschen können problemlos mit jemandem
befreundet sein, der beim Fleischkonsum
oder bei wirtschaftspolitischen
Fragen anderer Meinung ist. Auch unterschiedliche
Vorstellungen über Familie oder
Erziehung sind für die meisten kein Hindernis.
Anders sieht es jedoch bei Themen aus,
die stärker emotional aufgeladen sind, etwa
bei Fragen rund um Gleichstellung oder
LGBTQ-Rechte. Ein Teil der Befragten sagt
offen, dass Freundschaften schwierig werden
können, wenn hier grundlegende Meinungsunterschiede
bestehen. Ähnliches
gilt für Migration, soziale Ungleichheit oder
Klimapolitik.
Gerade junge Menschen sind bei manchen
dieser Themen besonders sensibel.
Für sie sind Fragen rund um Gleichstellung,
Klima oder gesellschaftliche Gerechtigkeit
oft Teil ihrer persönlichen Haltung – und
damit auch Teil ihrer Identität.
Könntest du mit einer Person befreundet sein,
die bei folgenden Themen anders denkt als du?
Politik
Religion
19
18
Freundschaft ist für viele trotz unterschiedlicher Meinungen möglich
– doch bei sensiblen Themen wie Gleichstellung oder Migration
ist die Toleranz geringer als bei Ernährung oder Wirtschaft.
Medien allgemein
18
Mode und Lifestyle
14
Fleischkonsum
88
8
4
Pandemien wie Corona
13
Wirtschaft
86
8
5
Anderes
2
Familie und Erziehung
80
15
5
Angaben in Prozent
Klimawandel
72
21
7
Sozialpolitik und soziale Ungleichheit
64
27
8
„WENN ALLE EIN BISSCHEN MITMACHEN,
TRIFFT MAN SICH IN DER GOLDENEN MITTE WIEDER UND DAS WÄRE
VON GROSSEM VORTEIL FÜR DAS GANZE LAND!“
Anonym, Umfrageteilnehmerin
Migration, Asyl und Integration
LGBTQ-Rechte,
Gleichstellung von Geschlechtern
62
28
9
56
36
8
Ja Nein Weiß nicht, keine Angabe Angaben in Prozent
Politik
& Gesellschaft
28 29
Politik
& Gesellschaft
FOTO Isaac Quesada, Jordan González / unsplash.com
Während frühere Generationen politische
Diskussionen oftmals stärker von persönlichen
Beziehungen getrennt haben, verschwimmen
diese Grenzen heute stärker.
68 %
Egoismus
Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass
viele der Befragten die gesellschaftliche
Stimmung insgesamt kritisch wahrnehmen.
Im Alltag berichten sie eher von Egoismus
als von Solidarität. Der Eindruck, dass sich
gesellschaftliche Debatten verschärfen, ist
weit verbreitet. Möglicherweise sind Konflikte
in der Öffentlichkeit aber auch einfach
sichtbarer als die vielen funktionierenden
Beziehungen im Alltag.
Spürst du im Alltag derzeit mehr …
Im Alltag wird derzeit deutlich häufiger Egoismus als Solidarität
wahr genommen.
9 %
Weiß nicht,
keine Angabe
23 %
Solidarität
Was also hält Österreich laut unserer Community
zusammen? Vor allem unpolitische
Dinge, die gemeinsame Sprache zum Beispiel,
aber auch Feste und Feiern, Kultur,
Essen und Humor.
Es sind die kleinen Dinge des Alltags
– Momente, in denen Menschen gemeinsam
lachen, feiern oder sich austauschen –
die den gesellschaftlichen Zusammenhalt
ausmachen.
Gleichzeitig herrscht Unsicherheit, wohin
sich die Gesellschaft entwickelt. Fast zwei
Drittel der Befragten glauben, dass die
Menschen in Österreich in Zukunft eher
nebeneinander leben könnten als miteinander.
Das heißt jedoch nicht zwangsläufig,
dass die Gesellschaft tatsächlich auseinanderdriftet.
Vielmehr zeigt sich ein Spannungsfeld:
Während Vielfalt im persönlichen
Alltag funktioniert, wächst gleichzeitig die
Sorge, dass gesellschaftliche Konflikte
stärker werden könnten.
Gerade deshalb wird die Fähigkeit
zum Dialog immer wichtiger. Unterschiede
verschwinden nicht – und das sollten sie
auch gar nicht. Entscheidend ist vielmehr,
wie wir mit ihnen umgehen.
Andrea Fronaschütz, Geschäftsleiterin des
österreichischen Gallup-Instituts, sieht darin
eine zentrale Herausforderung für die
Zukunft:
ZWISCHEN ZUSAMMENHALT
UND NEBENEINANDER
„Im persönlichen Alltag scheint das
Zusammenleben besser zu
funktionieren, als es die häufig
polarisierte mediale Darstellung vermuten
lässt. Trotzdem besteht das
Bewusstsein, dass Vielfalt allein kein
Garant für Zusammenhalt ist.
Entscheidend ist, ob es gelingt, das
Verbindende zu stärken und auch
bei schwierigen Themen im Dialog
zu bleiben.“
Mag. Dr. Andrea Fronaschütz
Geschäftsleiterin und Gesellschafterin
Österreichisches Gallup-Institut
Vielleicht besteht genau hier die eigentliche
Verbindung zwischen den Menschen:
nicht im Teilen der gleichen Meinung – sondern
darin, dass sie trotzdem miteinander
reden.
Melde dich mit ein paar Klicks für unsere
Umfragen an! Für deine Meinung gibt es
Gutscheine, Cash & Gewinnspiele.
Politik
& Gesellschaft
30 31
Politik
& Gesellschaft
„WIR SIND EIN
DURCHSCHNITTLICHES BEISPIEL.“
Wie gespalten ist Österreich tatsächlich?
Bei welchen Themen gehen die Meinungen auseinander,
und bei welchen sind wir uns einig?
Dr. Martin Dolezal forscht an der Universität Graz
unter anderem zu politischer Polarisierung.
Er hat uns erzählt, wie die Wissenschaft das Thema sieht.
Sie haben herausgefunden, dass Polarisierung Menschen
durchaus auch dazu bringen kann, politisch aktiv zu werden,
wählen oder demonstrieren zu gehen. Ist Polarisierung immer
etwas Schlechtes?
Die Forschung unterscheidet zwei Formen von
Polarisierung: Wenn Menschen bei einem Thema
anderer Meinung sind, nennen wir das ideologische
Polarisierung. Wenn es eher um Gefühle
geht, also darum, wie stark ich mich zum
Beispiel meiner eigenen Partei verbunden fühle
und wie stark ich andere Parteien ablehne, dann
sprechen wir von affektiver Polarisierung.
Affektive Polarisierung ist ein größeres
Problem als ideologische Polarisierung, weil sie
mehr negative Folgen hat: mangelndes Vertrauen
in politische Institutionen und eine geringere
Akzeptanz von politischen Entscheidungen,
die die andere Seite trifft. Die einzige Ausnahme
ist eine mögliche positive Auswirkung auf
die politische Beteiligung. Personen, die stark
polarisiert sind, sind also vielleicht eher bereit,
sich politisch zu betätigen, weil sie die Entscheidungen,
um die es geht, als sehr wichtig
empfinden.
Die affektive Polarisierung ist in einem
Mehrparteiensystem wie Österreich zum Glück
nicht so stark ausgeprägt. Sie spielt bei uns, aber
auch in anderen europäischen Demokratien,
eine geringere Rolle als in den USA.
Wie gehen Sie persönlich mit Meinungsverschiedenheiten im
Umfeld um? Haben Sie Tipps, wie man als Einzelperson Polarisierung
vorbeugen kann?
Es ist sicher sinnvoll, sich über unterschiedliche
Quellen zu informieren, auch über solche, die
nicht mit der eigenen politischen Position übereinstimmen,
und sich auch die Gegenseite anzuhören.
FOTO Teresa Rothwangl
Wie gespalten ist Österreich in politischen und gesellschaftlichen
Fragen?
Spaltung würde implizieren, dass es
zwei gleich große Gruppen gibt, die einander
bei bestimmten politischen Themen diametral
gegenüberstehen. Das gibt es in Österreich
nicht. Aber Umfragedaten zeigen: Wir haben
unterschiedliche Ausmaße an Polarisierung
bei einzelnen Themen, die Meinungen gehen
also unterschiedlich stark auseinander. Starke
Polarisierung haben wir bei den Themen
europäische Integration und Immigration. Da
sind die Positionen weit verteilt. Beim Thema
Europäische Union geht es nicht unbedingt
um die Mitgliedschaft Österreichs, da ist eine
klare Mehrheit dafür, dass wir in der Union
bleiben. Aber bei der Frage, ob die EU enger zusammenwachsen
soll oder nicht, gibt es sehr
unterschiedliche Ansichten. Da haben wir große
Meinungsunterschiede. Bei der Immigration
gibt es wenig starke Befürworter, aber dennoch
relativ große Unterschiede.
Gibt es auch Themen, bei denen sich die Österreicher
weitgehend einig sind?
Die höchste Übereinstimmung gibt es bei der
gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität.
Die Akzeptanz ist hoch und die Einstellungen
diesbezüglich stimmen weitgehend überein.
Ähnlich ist es auch bei vielen wirtschaftspolitischen
Fragen: Die meisten tendieren leicht nach
links, wenn es um die Frage geht, wie stark der
Staat in die Wirtschaft eingreifen soll.
Sind wir im Vergleich zu anderen Ländern stark oder weniger
polarisiert?
Generell ist das Ausmaß der Polarisierung in
Österreich nicht besonders hoch. Wir sind ein
durchschnittliches Beispiel. Die USA sind das
Extrembeispiel, auch deswegen, weil die Forschung
oft erhebt, welcher Partei jemand angehört.
Die USA sind das einzige Land mit einem
Zwei-Parteien-System, das heißt, hier kann
relativ rasch von einer Zweitteilung der Gesellschaft
gesprochen werden.
ICED
MATCHA
LATTE
Politik
von
& Gesellschaft DAMITA PRESSL
32
Neues Selbstvertrauen
Die amerikanische Außenpolitik hat für Europa
2026 eine rote Linie überschritten. Das bedeutet große
Heraus forderungen für unseren Kontinent,
aber auch große Chancen!
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Mag. Christian C. Pochtler
Präsident der
Industriellenvereinigung (IV) Wien
Anfang des Jahres dachte US-Präsident
Donald J. Trump offen darüber
nach, Grönland zu annektieren.
Dass die USA damit einem NATO-
Mitglied, nämlich Dänemark, direkt
drohen, war vor Jahren noch undenkbar.
Dass sich ein kanadischer Premier
vor die Kameras stellt, um zu
deklarieren, dass man sich weiter
an die NATO gebunden fühle und damit
bei einem Angriff auf Dänemark
natürlich zum eigenen Bündnispartner
stehen werde: Diese Geschichte
hätte man noch vor wenigen Jahren
nicht einmal als schlechte Phantasie
ab getan. Das ist nun aber einmal die
Welt, in der wir leben.
Die alte Weltordnung ist vorüber.
Das Gute daran war Anfang
dieses Jahres, dass Europa endlich
selbstbewusst aufgestanden ist und
klar gemacht hat: Genug ist genug!
Unser Kontinent muss nun wieder
die eigenen Interessen im Fokus haben,
mit mehr Selbstvertrauen und
Selbstbehauptung auftreten. Dies
bedeutet auch eine ganze Reihe von
Heraus forderungen für uns Europäer.
Diese neue Ära bietet aber auch
große Chancen – es wird an uns liegen,
ob wir diese zu nutzen wissen.
Positiv ist, dass Europa – angesichts
der wankelmütigen Zollpolitik
der USA brauchen wir dringend
neue Handelspartner in der
Welt – beim Abschluss neuer Handelsabkommen
einen Zahn zugelegt
hat: Das Mercosur-Freihandelsabkommen
wird bereits vorläufig angewendet,
weitere Handelsabkommen,
etwa mit Indien oder jüngst Australien,
folgten. Das sind wichtige Meilensteine,
damit die heimische exportorientierte
Industrie auch weiter
für Wohlstand und Beschäftigung in
Europa sorgen kann.
Ein schwieriges Thema ist und
bleibt die Verfügbarkeit leistbarer
Energie. Nach dem Angriff Russlands
auf die Ukraine haben wir defacto
unsere Abhängigkeit bei Energielieferungen
von Russland auf die
USA verschoben. Langfristig ist
auch das keine ideale Lösung. Eine
stärkere Diversifizierung unserer
Energiebezugsquellen muss oberste
Priorität bleiben. Zudem sollten wir,
pragmatisch und ohne das Schüren
irrationaler Ängste, alle Optionen
nutzen, die wir selbst haben: Auch
in Österreich gibt es Gasvorkommen
– wann, wenn nicht jetzt, sollten
wir diese nutzbar machen? Das wäre
zudem keine Absage an die Energiewende
– aber wir werden Gas einfach
noch länger benötigen, um eine gewisse
Stabilität während der Transformation
unseres Energiesystems
zu sichern. Und ob wir Gas nun selbst
fördern oder am Weltmarkt einkaufen:
Für die globale CO 2
-Bilanz macht
dies keinen Unterschied.
Eine weitere Baustelle ist die
Verteidigungspolitik: Hier sollten
wir dringend von der Ukraine lernen
und unsere Verteidigungsindustrie
insgesamt auf Vordermann bringen.
Ebenso mehr auf den eigenen Beinen
stehen sollten wir beim Thema
digitale Souveränität – denn auch
hier bestehen zu viele und zu große
einseitige Abhängigkeiten. Ob nun
bei Software, Infrastruktur oder Satelliten
– es gibt genug zu tun. Natürlich
wird nicht alles sofort und einfach
funktionieren können, aber wir
müssen endlich ins Tun kommen und
Schritt für Schritt unsere eigenen
Kapazitäten auf- und ausbauen.
Dafür wird Europa aber schneller
werden müssen. Denn bisher
sprechen wir noch immer in zu vielen
Bereichen mit 27 unterschiedlichen
Sprachen. Und anstatt uns dabei immer
auf den kleinsten gemeinsamen
Nenner zu konzentrieren, sollten wir
uns lieber angewöhnen, stets von den
Besten zu lernen. Ein bisschen mehr
innereuropäischer Wettbewerb um
die besten Lösungen könnte belebend
wirken – und uns langfristig helfen,
auf eigenen Beinen zu stehen: Selbstbewusst
und damit selbstbestimmt!
IN KOOPERATION MIT DER IV-WIEN FOTO © NOLL
35 IV-WIEN Advertorial
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EINE GROSSE FAMILIE –
WO ARBEIT ZU
GEMEINSCHAFT
Im Alltag entsteht in all dieser Vielfalt
etwas Entscheidendes: Gemeinschaft.
Viele Mitarbeitende bleiben deshalb über
viele Jahre im Unternehmen, manche sogar
jahrzehntelang. Nicht selten hört man intern
denselben Satz: „Hier fühlt es sich an
wie Familie.“
EIN FEST, BEI DEM DAS MITEIN-
ANDER IM MITTELPUNKT STEHT
Ein besonderer Ausdruck dieses Zusammenhalts
ist die jährliche Herbstfeier. Mehr
als nur ein Firmenfest ist sie ein Moment
des Wiedersehens, des Austauschs und der
Wertschätzung.
Das Besondere an dieser Feier: die
Atmosphäre. Denn hier geht es nicht um ein
großes Programm, sondern um Begegnung
und Miteinander. Hier spürt man, dass da
etwas ist, was über ein normales Arbeitsverhältnis
hinausgeht. Für viele ist dieser
Abend jedes Jahr ein Höhepunkt, weil er
sichtbar macht, was das Unternehmen im
Kern ausmacht: die Gemeinschaft.
OFFEN FÜR DIE GANZE WELT
Was dieses Unternehmen besonders
macht, lässt sich nicht allein in Zahlen oder
Dienstleistungen messen. Es ist die Haltung
dahinter: der Respekt gegenüber jedem
einzelnen Menschen, die Offenheit gegenüber
anderen Kulturen und der Wunsch,
ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich
alle willkommen fühlen.
Vielleicht ist genau das der Grund,
warum so viele Mitarbeitende so lange bleiben.
Denn wer einmal erlebt hat, wie sich
Arbeit anfühlen kann, wenn Zusammenhalt,
Wertschätzung und Menschlichkeit
dazugehören, der weiß: Manchmal findet
man im Job nicht nur eine Aufgabe, sondern
eine Gemeinschaft.
SCHON GECHECKT,
WAS ATTENSAM
SO MACHT?
FOTOS Attensam
WIRD
Es ist ein später Abend im Herbst, Stimmengewirr erfüllt den Saal. An den
runden Tischen sitzen Menschen, die aus den verschiedensten Teilen der
Welt kommen. Man hört Deutsch, Bosnisch, Türkisch, Polnisch, Arabisch. Es
wird gelacht, angestoßen und erzählt. Kolleg:innen, die sich im Alltag oft nur
kurz begegnen, nehmen sich hier Zeit füreinander.
Die jährliche Herbstfeier ist für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
von Attensam ein besonderer Moment im Jahr. Hier wird sichtbar, was das
Unternehmen im Alltag ausmacht: Menschen aus 35 Nationen, die gemeinsam
arbeiten. Und auch gemeinsam feiern.
Wer durch Städte und Gemeinden in ganz
Österreich geht, sieht die Arbeit dieser
Teams überall: saubere Stiegenhäuser und
Büros, gepflegte Grünflächen, geräumte
Gehwege im Winter. Es sind Leistungen,
die oft selbstverständlich wirken. Dahinter
stehen Menschen mit ganz unterschiedlichen
Geschichten.
Viele von ihnen kamen nach Österreich,
ohne die Sprache perfekt zu beherrschen
oder Kontakte zu haben. Der
Start in einem neuen Land kann schwierig
sein– beruflich wie privat. Doch bei Attensam
werden neue Kolleg:innen nicht nur eingeschult,
sondern aufgenommen. Wer hier
anfängt, spürt schnell: Es geht nicht nur um
Arbeitsabläufe oder Dienstpläne. Es geht
um Menschen.
ARBEIT VERBINDET –
OFT AUCH DARÜBER HINAUS
Diese Gemeinschaft endet nicht mit Feierabend.
Viele treffen sich privat, verbringen
Zeit miteinander, gehen essen oder machen
gemeinsam Musik. Freundschaften entstehen
zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht
nie begegnet wären. Gerade diese
spontanen Begegnungen machen den besonderen
Charakter von Attensam aus: ein
Arbeitsumfeld, in dem man nicht nur zusammenarbeitet,
sondern zusammen lebt, lacht
und wächst.
Advertorial
ATTENSAM
36 37
WENN GEHÖR LOSEN
KINDERN
DIE SPRACHE
GENOMMEN
WIRD
Sprache verbindet uns.
Sie ist unser Schlüssel
zur Welt.
Verstanden hat das
der Staat Österreich
aber immer noch
nicht.
von
THERESA-MARIE STÜTZ
Seit Herbst 2025 ist Theresa-Marie Stütz
Inklusionslehrerin an einer Wiener Mittelschule.
Daneben beschäftigt sie sich journalistisch mit der Frage,
Politik
welche Chancen Inklusion bietet – und warum
& Gesellschaft sie so oft verpasst werden.
38 39
Sprachen machen die Welt bunter und verbinden uns.
Doch stell dir vor, du hast keine Sprache. Weder
Gedanken, Träume oder Wut lassen sich in deinem Kopf
formen. Es gibt keine Worte, auch keine Gebärden. Und
kaum jemand versteht dich.
Bei manchen meiner gehörlosen Schüler:innen
habe ich das Gefühl, dass sie lieber still bleiben,
als nochmal nachzufragen. Sie tun so, als würden
sie verstehen, aber ihre Lernlücken sind
groß. Die einen scheitern an einfachen
Satzstrukturen, andere verwechseln die
Regenjacke mit einer Hose.
Schätzungen zufolge haben rund 70
Prozent gehörlos geborener Kinder wenig
Sprachzugang. Lautsprache zu lernen, ist
für sie schwierig bis unmöglich. Doch die Gesellschaft
verlangt es von ihnen.
Schuld ist die Geschichte. 1880 wurde am
Mailänder Kongress das Verbot von Gebärdensprachen
beschlossen. Das wirkt bis heute: Österreich
beharrt auf Deutsch,
schadet damit aber gehörlosen
Menschen.
Schulen in Österreich bieten nur verein zelt Österreichische
Gebärdensprache im Unterricht an. Für manche
gehörlose Kinder ist das sogar der erste Kontakt mit
Gebärdensprache.
Das könnten wir vermeiden. Mehr Sprache bedeutet
nämlich auch mehr Barrierefreiheit. Freundschaften
entstehen, Kinder erzählen von ihrem Schulalltag und die
Welt und ihr Wissen stehen offen. So ähnlich beschreibt
es auch die gehörlose Schauspielerin Emmanuelle Laborit:
„Mit der Entdeckung meiner [Gebärden-]Sprache
habe ich einen unschätzbar wertvollen Schlüssel gefunden,
der mir die Tür aufschließt, die mich von der Welt
trennte. […] Ich beginne, Gedanken zu entwickeln. Ich
habe das Bedürfnis, zu reden, alles zu sagen, zu erzählen,
zu verstehen.“
Ich hingegen kann meinen Schüler:innen nicht versprechen,
dass sie einmal „Arzt oder Doktor“ werden. Und
das, obwohl viele fleißig sind, sich Eselsbrücken zurechtlegen,
um einfacher zu lernen, erstaunliche visuelle Fähigkeiten
und eine schnelle Auffassungsgabe haben.
Denn Österreich spart an Geld, Zeit und gebärdensprachlichen
Natives, die Kinder beim Lernen unterstützen.
Die Konsequenzen: wütendes Aufstampfen bei Wut,
bedrücktes Abwinken bei Nichtverstehen, Zweifel an
der eigenen Intelligenz. Das macht einsam, ist unfair und
gefährdet Existenzen. Wir Lehrkräfte können da noch
so viel nachfördern. Manche Sprachdefizite sind einfach
nicht mehr aufholbar und wichtige sprachliche Grundbausteine
fehlen für immer. Eigentlich hat der Staat
2008 die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben
und damit versprochen, das Land zugänglich
für alle – auch für gehörlose Personen – zu machen. Doch
passiert ist bisher kaum etwas.
Politik
& Gesellschaft
ILLUSTRATION Rizki Ardia / unsplash.com (von der Biber-Redaktion bearbeitet)
Ein blauer Stern, tanzende Tiere und Glitzer:
COSMÓ ist unser diesjähriger Act
beim Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle.
Was Zahnmedizin, Zivildienst und
DER „Tanzschein“ damit zu tun haben?
Biber hat ihn gefragt.
HER MIT DEM
TANZSCHEIN,
COSMÓ!
FOTO ORF / Hans Leitner
von
STEFANIE GRASBERGER
ESC-SPECIAL
Am ESC-Wochenende hofft Wien auf
strahlenden Sonnenschein für uns und
unsere BesucherInnen, die Vorauswahl hingegen
fand unter weniger einladenden Bedingungen
statt. Während der Winter Wien
und weite Teile Österreichs weiß einkleidete,
wurde am 20. Februar im ORF-Zentrum
der/die diesjährige VertreterIn für den
Eurovision Song Contest gewählt. „Vienna
Calling“ hieß die Show, bei der zwölf heimische
Acts die Chance hatten, sich das Ticket
für den ESC zu holen.
Ein Stern strahlte dabei besonders
hell – und zwar nicht ausschließlich der
blaue in COSMÓs Gesicht, sondern auch
er selbst. In einem Glitzeroberteil aus Pailletten
und einer schwarz glitzernden Hose
VOM
LEGO-ESC AUF
DIE GROSSE
BÜHNE
COSMÓ heißt mit bürgerlichem Namen
Benjamin Gedeon und verbindet viele besondere
Momente mit dem Song Contest.
Der größte sei für ihn Conchitas Sieg 2014
gewesen, damals hatte er als Kind noch
vor dem Fernseher gesessen und die Teilnahme
anschließend mit Lego nachgebaut.
Auch den Song und die Message von Teya
Das wird zum Glück nicht nötig sein,
denn COSMÓ ist jetzt mittendrin. Er sieht
die Aufgabe als seinen zweiten, „noch krasseren
Zivildienst“. Denn es sei eine große
Verantwortung, ein Land zu vertreten. Sein
Lied soll einen „Ort der Gemeinschaft, wo
jeder willkommen ist“, bieten und fordert
zum Tanz auf. „Tanzschein“ ist sein erster
Song unter dem neuen Künstlernamen. Dieser
soll Weltoffenheit und ein Miteinander
von Kultur und Vielfalt symbolisieren, und
begründet sich auch in der Herkunft des
Künstlers: In Ungarn geboren, im Alter von
zwei Jahren nach Österreich gezogen, der
Vater aus Deutschland, die Mutter aus Budapest,
vereint COSMÓ nun hier die Einflüsse
dieser drei Länder. Und dann ist da
Im echten Leben studiert COSMÓ
Zahnmedizin. Während seiner Teilnahme
beim ESC möchte er sein Studium jedoch
zunächst pausieren. Außerdem ist der junge
Künstler leidenschaftlicher Läufer. Es war
ein Lauf durch den Wiener Prater, der den
Anstoß für seinen Song lieferte – plötzlich
ließ ihn das Wort „Tanzschein“ nicht mehr
los und wurde dann auch zum Titel. Sogar
passende T-Shirts zum Song hat COSMÓ
direkt entworfen. Warum auch nicht, immerhin
malen, musizieren und designen
auch andere Künstler, wie etwa Cro. Ein
Gesamtbild rund um Musik zu erstellen und
mitzugestalten, ist COSMÓ ein Anliegen.
Sein Bühnenbild erarbeitete er gemeinsam
mit dem Produktionsteam detailgenau. „Wir
ENDLICH
WIEDER EIN
DEUTSCH-
SPRACHIGER
SONG FÜR
ÖSTERREICH
B i s
vor Kurzem
hatte COSMÓ ausschließlich
auf Englisch
gesungen. Unabhängig vom ESC
war der Musiker im vorigen Jahr mit
seinem Produzenten Max Perner in
einer Sackgasse, denn englischsprachige
Musik hätten die beiden „nicht ganz
überzeugte er sowohl Jury als auch Publi-
& Salena 2023 mochte er. Ein besonders
noch sein blauer Stern: „Das eine Ding, das
hatten eine wunderbare Zusammenarbeit,
Eine Maskenbildnerin fertigte die Köpfe für
gefühlt“. Auf den Rat hin, seiner Kreativi-
kum mit seinem deutschen Pop-Song „Tanz-
großer Inspirationsmoment sei für ihn zu-
für COSMÓ steht.“ Seine Faszination für
weil das Produktionsteam so lieb und offen
die Bandmitglieder an. Um eine Geschichte
tät freien Lauf zu lassen, kam COSMÓ zu
schein“. Auf der Bühne kann er seiner ver-
letzt JJs Sieg gewesen. COSMÓ war klar,
Sternenbilder wird so zu seinem Wieder-
für meine Ideen war“, freut sich der Musiker.
erzählen und vermitteln zu können, brauch-
deutschsprachiger Musik, die laut Perner
meintlichen Schüchternheit entkommen,
dass er heuer Teil dieser Musikshow sein
erkennungsmerkmal.
te COSMÓ die Tiere. „Es ging mir ums Sto-
authentischer transportiert werde. Mit
performt souverän und gelassen, seine
möchte, da die Bühne
dort voller Ins-
rytelling. Meine wunderbare Band hat dann
einem deutschsprachigen Lied beim Song
BandkollegInnen tanzen mit, verkleidet als
Gorilla, Löwe und Gazelle.
piration stecke. Wenn
er die Qualifikation
für den Auftritt
nicht geschafft
hätte, wäre er mit seiner Mutter
zu einer General-
probe gegangen.
„TANZSCHEIN“
WURDE IM
WIENER PRA-
TER GEBOREN
mit Masken geschauspielert“, erzählt der
Künstler.
Content unterbricht COSMÓ vierzehn
Jahre englischer Beiträge für Österreich.
Mit einer eingängigen Melodie, einprägsamen
Moves und positiven Vibes
sorgt der Musiker für Stimmung. Gerade
wegen der simplen Inszenierung lädt das
Lied zum Tanzen ein. Und möglicherweise
tanzt Österreich nicht nur beim ESC, sondern
auch durch diesen Sommer.
Bereits als Kind wollte COSMÓ auf der
Bühne stehen und für Entertainment sorgen
– egal, ob als Tänzer, Sänger oder sonst
wie. „Es gibt Videos von mir als Kind, wie ich
eine halbe Stunde einfach Quatsch vor der
Kamera mache“, erinnert er sich. Am Musical
„Mamma Mia“ fasziniert ihn die Kombination
aus Tanz und Gesang im Film. Mit
Musik beschäftigt er sich dann beim Klavierunterricht
eingehender. „Meine Mama
hat mich eigentlich zum Klavierunterricht
angemeldet, damit ich gescheit werde und
gute Noten schreibe. Wohl kaum mit dem
Hintergedanken, dass ich mich mal für den
ESC bewerbe“, sagt COSMÓ.
FOTO ORF / Hans Leitner
ESC-SPECIAL
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43
ESC-SPECIAL
ÖSTERREICHS ESC-PERFORMANCE:
VON ÜBERRASCHUNGEN UND PUBLIKUMSLIEBLINGEN
Dreimal gewonnen, neunmal letzter Platz:
So hat Österreich bisher beim ESC abgeschnitten.
Tatsächlich wollte auch Conchita Wurst
Österreich bereits 2012 vertreten, wurde
aber beim Publikumsvoting Zweite.
2014 gelingt der Coup: Die bärtige Diva tritt
mit „Rise Like a Phoenix“ an und gewinnt „den Schas“, wie
Kommentator Andi Knoll festhielt. Ihr Sieg gilt als Sieg
von Toleranz und Akzeptanz.
Seit der zweiten Austragung des ESC im Jahr
1957 schickt Österreich – wenn auch mit Unter brechungen –
Acts zum größten Musikwettbewerb. Und fährt gleich beim
Debüt einen letzten Platz ein.
Udo Jürgens tritt gleich dreimal für Österreich an.
Bei seinen ersten beiden Auftritten erreicht er
die Plätze 6 und 4 – mit „Merci, Cherie“ erobert er
1966 schließlich die Herzen und holt den Sieg.
Wenige Jahre später zittert Österreich bei
César Sampsons „Nobody But You“ mit. Er erreicht 2018
immerhin den dritten Platz, in der Jurywertung den ersten.
Den Sieg holt schlussendlich JJ nach Österreich zurück, der
2025 in seinem Lied „Wasted Love“ Oper, Techno und Pop verbindet.
FOTOS Anefo, NOS / Beeld en Geluid Wiki, Albin Olsson, Quejaytee
Dann geht es allerdings bescheiden weiter: 1976
geben Waterloo und Robinson das Comeback mit „My Little World“.
38 Jahre lang bleibt ihr fünfter Rang die Bestplatzierung für
Österreich. Nur Thomas Forstner schafft
1989 denselben Platz mit „Nur ein Lied“.
Für Alf Poiers „Weil der Mensch zählt“ gibt es 2003
überraschend immerhin den sechsten Platz, neun Jahre
später dagegen wieder eine Niederlage:
2012 schickt Österreich das Duo Trackshittaz zum ESC,
mit dem Ballermann-Song „Woki mit deim Popo“. Bereits im Semifinale
fährt dieser den letzten Platz ein.
ESC-SPECIAL
44
DAS BESTE DATE
MEINES LEBENS
Es war Dezember 2014, ich saß
bei einem Date in der Wiener
Innenstadt und erfuhr zwischen
Vorspeise und peinlicher
Gesprächspause, dass
man sich als Volunteer, als
freiwilliger Helfer, für den
Eurovision Song Contest
2015 bewerben kann –
auch als Nichtösterreicherin.
Es wurde nichts
zwischen ihm und mir,
trotzdem hat dieses Date
alles verändert.
Im Mai 2015 stand ich mit
meinen 19 Jahren plötzlich auf der ESC-Bühne für das Gruppenfoto
mit rund 800 Volunteers. Wenige Monate zuvor war ich erst
aus Barcelona nach Wien gezogen, kannte hier kaum jemanden
und war plötzlich Teil der größten Musikshow Europas.
Meine Aufgabe: Delegation Host für Spanien. Ich durfte
acht Tage lang „meine“ Spanier durch Wien führen, Kutschenfahrten
planen, im Heurigen meinen ersten Liptauer mit ihnen
probieren oder in letzter Minute einen großen Lautsprecher für
einen Flashmob im Burggarten organisieren ( ja, damals war das
noch cool). Ich kann mich an jeden einzelnen Tag erinnern.
Wenn mich heute jemand fragt, was ich an meinem ersten
Song Contest so geliebt habe, sage ich nicht „die Show“. Das „Te
Deum“ erstmals live zu hören, ist natürlich beeindruckend, aber
ESC-SPECIAL
Die Kulturjournalistin und TV-Reporterin
Annie Müller Martínez war bereits 2015
beim ersten ESC in Wien dabei und erzählt
uns, warum die Veranstaltung für sie so
magisch ist.
von
ANNIE MÜLLER MARTINEZ
das wirklich Besondere
passiert backstage:
wenn Italiener
mit Belgiern jammen, wenn
Fans aus Norwegen und Griechenland leidenschaftlich „Dancing
Lasha Tumbai“ grölen, wenn alle im Delegationsbereich plötzlich
aufgeregt tuscheln, weil der fesche Schwede Måns Zelmerlöw
(der damals gewonnen hat) vorbeikommt … Für eine Woche im Jahr
scheint Europa auch wirklich zu halten, was es verspricht: Verbundenheit.
Für mich war der Song Contest 2015 mehr als ein Event. Es
war ein Ankommen: in einer neuen Stadt, in einem Berufswunsch
(ich wollte immer etwas mit Fernsehen machen) und in einer Community,
in der es egal ist, woher du kommst, wen du liebst oder wie
crazy deine Outfits sind. Ich habe in dieser Zeit Freundschaften
geschlossen, die elf Jahre später noch halten. Natürlich hat sich
der ESC verändert. Ich sehe manches kritischer als damals. Aber
eines ist geblieben: dieser ganz eigene Spirit, den man nicht erklären
kann. Und die Begeisterung von tausenden Menschen, die
das alles mit Herzblut möglich machen.
Heuer nimmt das Eurovision-Fieber wieder ganz Wien ein.
Die Stadt, in der für mich und so viele andere alles begonnen hat.
Und plötzlich denke ich wieder an dieses eigentlich ziemlich unspektakuläre
Dezember-Date zurück. Ganz ohne Funken war es
dennoch der Anfang einer Beziehung, die bis heute hält: meine
Liebe zum Eurovision Song Contest.
46
Was dich antreibt,
wird zur Lebensqualität
von Millionen.
Gemeinsam halten wir Wien
jeden Tag am Laufen.
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Sign-Performance beim Song-Contest:
WIE MUSIK
SICHTBAR WIRD
Amanda Jovanovic macht als Sign-Performerin
die Lieder des Eurovision Song Contest für alle zugänglich,
die nichts hören können. Worauf es bei Musik in
Gebärdensprache ankommt.
Amanda Jovanovic ist 25 Jahre alt und
steht in der Mitte eines kleinen Raums im
ORF-Zentrum am Küniglberg. Eine Gruppe
Menschen blickt auf die 25-Jährige.
Die ersten Noten von „Highway to
Hell“ von AC/DC ertönen. Amanda
beginnt zu tanzen. Ihr Blick ist auf den
Songtext am Monitor vor ihr gerichtet.
Nur damit und über die Vibrationen der
Lautsprecher kann sie den Song wahrnehmen.
Amanda ist gehörlos.
Gleich beim ersten Gitarrenriff
formt sie mit ihren Händen eine Zigarette,
zieht lässig daran und atmet den imaginären
Rauch aus. Im Refrain spielt sie voller
Energie Luftgitarre. Amanda hat sich neben
zwölf anderen als Sign-Performerin für
den Eurovision Song Contest 2026 beworben.
Die Performer:innen sollen die Songs
des ESC für gehörlose Menschen erlebbar
machen. Bewertet wird Amandas Auftritt
beim Casting von einer Jury, die auch aus
gehörlosen Menschen besteht.
49
VIEL MEHR ALS NUR
GEBÄRDENSPRACHE
„Das war für mich ein totaler
Blackout. Es waren so
viele Leute im Raum, das habe
ich gar nicht erwartet,“ gebärdet Amanda.
Die Jury achtet vor allem darauf, dass der
Songtext nicht eins zu eins in Gebärdensprache
übersetzt wird, denn auch ein
internationales Publikum soll die Songs
verstehen. Jurorin Judith Weissenböck, die
Leiterin des Projekts Sign-Performance, ist
begeistert von Amanda: „Sie hat angefangen,
zu performen und ich war am Motorrad,
mit Wind in den Haaren“, sagt sie und
lacht. „Sie ist ein ganz starker Typ.“ Und
dann die Nachricht: Amanda darf dabei
sein. Sie wird ins Team der Sign-Performer:innen
für den ESC aufgenommen.
Damit geht für Amanda
ein Traum in Erfüllung. Den
ESC verfolgt sie schon seit
ihrer Jugendzeit. Richtig erlebt hat
sie ihn aber erst 2015, als im ORF erstmals
die drei ESC Live-Shows auch für Gehörlose
gezeigt wurden. „Meinen Eltern habe ich
gesagt: ‚Hoffentlich gibt es das wieder bei
uns.‘ Für mich waren das Vorbilder.“
von
LEON SPACHMANN
und
THERESA-MARIE STÜTZ
Zur Sign-Performance kam Amanda
über Tanz und Theater. Seit ihrer Kindheit
steht sie gerne auf der Bühne. In ihrer
Schule wurde bis zur Matura gebärdet,
auch ihre Tanzlehrerin konnte Gebärdensprache.
„Ich habe mir gedacht: Als gehörlose
Schauspielerin in Hollywood, das wäre
total cool!“ Mit sieben oder acht Jahren
sah Amanda auf YouTube eine Gebärdensprachversion
des Songs „Call me maybe“.
„Das hat mich total fasziniert und ich habe
probiert, selbst mitzugebärden und es als
Video aufzunehmen. Da habe ich die Liebe
zur Sign-Performance entdeckt.“
EIN GEFÜHL FÜR DAS VISUELLE
Wie aber nimmt man Musik wahr, wenn man
nichts hören kann? „Hörende achten eher
auf den Rhythmus der Musik. Ich schaue
mir die Videos an und kriege ein Gefühl für
das Visuelle. Und wenn ich mein Hörgerät
laut aufdrehe, spüre ich auch die Vibrationen.“
Bei der Halftime Show des diesjährigen
Super Bowl mit Bad Bunny habe sie
zum Beispiel die Tänzer:innen visuell wahrgenommen,
„die viel Kultur gezeigt haben.“
Außerdem habe es eine Gebärdensprachperformance
einer gehörlosen Person aus
Puerto Rico gegeben.
ESC-SPECIAL
ILLUSTRATIONEN Eduardo Ramos, Ekaterina Bogdan / unsplash.com (bearbeitet von der Biber-Redaktion)
Amanda gefällt vor allem Rock. In ihrem
Wohnzimmer hängt ein großes AC/DC-Plakat.
Vor zwei Jahren hat sie AC/DC live in
Wien gesehen. „Ich war bei diesem Konzert
Stell dir vor, du lebst seit Jahren
in Wien, zahlst Steuern, gehst
arbeiten, bringst deine Kinder in
baff. Darum habe ich das Lied für das Casting
ausgewählt.“ Dann buchstabiert sie mit
dem Fingeralphabet „L-E-G-E-N-D-E“.
die Schule – aber du darfst nicht
wählen. In Österreich betrifft das
rund 1,5 Millionen Menschen.
Wenn sie sich auf einen Song vorbereitet,
schaut sie sich die Musikvideos an. „Dann
habe ich ein Bild im Kopf.“ Für „Highway to
Hell“ hat sie auch nachgesehen, ob es schon
Politikwissenschaftlerin Sylvia
Kritzinger nennt das eine „Repräsentationslücke“
– und sie ist
Übersetzungen gibt. Sie fand eine Version
in amerikanischer Gebärdensprache. „Doch
bei dieser Version konnte ich nicht so mitfühlen.“
Zu nahe war sie für Amanda an
demokratietheoretisch mehr als
heikel.
Genau solche Fragen stellt
Lautsprache angelehnt.
Ihre eigene Version hat sie schließlich
versucht, an Visual Vernacular anzupassen,
eine Kunstform, die für Sign-Performance
welche Stimmung ein Lied mitbringt, sie
kann sie wunderbar umsetzen und zeigen“,
erzählt ihr Freund.
SIGN-PERFORMANCE NICHT IM
HAUPTPROGRAMM
Die Sign-Performance wird vorab aufge-
die Universität Wien dieses Semester:
Wohin steuert die Demokratie?
Und die Antworten, die
verwendet wird. Visual Vernacular verzichtet
fast zur Gänze auf herkömmliche Gebärdensprache.
Stattdessen soll der Kon-
BOTSCHAFT HINTER DEM SONG
In den Monaten vor dem Event arbeitet
zeichnet und beim ESC mit einer zusätzlichen
Übertragung auf ORF 2 Europe gezeigt, jedoch
nicht im Hauptprogramm. Gehörlose
Wiener Forscher*innen liefern,
gehen uns direkt an.
text des jeweiligen Liedes, dessen Kultur
Amanda mit den anderen Performer:innen
Personen müssen also einen anderen Kanal
und auch die dahinterliegende Bedeutung
daran, die Songs des ESC 2026 in Sign-
nutzen, um den ESC barrie-
DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE –
visuell erfassbar werden – durch eine aus-
Performance und Visual Vernacular
refrei erleben zu können.
KEIN SELBSTLÄUFER
drucksstarke Mimik und bildhafte Gesten.
umzusetzen. Bei einem Workshop
„Ich hoffe, dass der ESC
Demokratie und Menschenrechte gehören
So verstehen sowohl gehörlose als auch
im ORF sind zwei weitere österrei-
jedes Jahr mit Gebär-
zu sammen, aber ihr Verhältnis war noch nie
hörende Personen die Darbietung.
chische Performer:innen im Raum.
denperformance
aus-
ganz entspannt. Die Demokratie folgt dem
Eine Kollegin hat sich aus Shanghai
gestrahlt wird“, wünscht
Mehrheitsprinzip – die
Menschenrechte
VISUAL VERNACULAR
eingewählt, auch deutsche Performer:innen
schalten sich zu. Gemein-
sich Amanda. „Dann ist
es wirklich inklusiv für
schüt zen genau jene, die in der Minderheit
sind. Wenn Mehrheiten über Religionsaus-
sam sehen sie sich alle ESC-Songs
gehörlose Personen.“ In
übung, Meinungsfreiheit oder Migrations-
FOTOS Theresa-Marie Stütz
Der Vorreiter des Visual Vernacular,
kurz VV, war der gehörlose
Schauspieler Bernard Bragg.
Er prägte den Begriff in den 1960er-
Jahren. Für seine VV-Performances ließ
er sich vor allem von der Pantomime
inspirieren. Heute gibt es auch andere
Einflüsse. Künstler:innen performen
in Zeitlupe, wechseln zwischen
verschiedenen Figuren und Gegenständen
oder setzen ihren Fokus auf
Perspektivenwechsel.
Traurige oder sehr dramatische Lieder
möchte Amanda nicht so gerne performen,
außer sie kann sich mit dem Text
identifizieren. „Amanda hat eine total gute
Ausstrahlung und einen Ausdruck. Egal,
an, die dem ORF bereits übermittelt
wurden. Die deutsche Übersetzung
der Texte liegt ausgedruckt vor ihnen.
Sie lesen die Texte, sehen sich die
Musikvideos an und tauschen sich über die
Bedeutung aus. „Was will der Sänger oder
die Sängerin sagen? Was ist die Botschaft
dahinter?“, erklärt Amanda die wichtigsten
Leitfragen.
Es geht außerdem darum, Missverständnisse
zu klären: Bei einem Video war
die Gruppe zum Beispiel von der Kamera
irritiert. „Wir haben geglaubt, der Kameramann
hat irgendwas“, beschreibt eine der
Performer:innen. „Dabei war es nur die dramatische
Musik im Hintergrund.“ Das habe
ihnen dann der hörende Coach gesagt.
Ein Lied hat Amanda schon im Blick, verraten
darf sie es noch nicht. „Ich muss noch
schauen, ob ich als Performerin dazu passe.“
Schweden gebe es zum
Beispiel auch Sign-Performances
beim ESC-
Vorentscheid: „Warum gibt
es das nicht auch bei uns?“ Sie fordert allgemein
mehr barrierefreie Zugänge für den
Kulturbereich. „Die meisten Menschen haben
einfach keine Ahnung, welche Bedürfnisse
wir haben. Das müssen wir mitteilen.
Und wenn dann zugehört wird, kann es auch
zu Änderungen kommen.“
Für den ESC hat Amanda bereits eine
Hausparty mit Freund:innen geplant. Gemeinsam
wollen sie ihre Performances ansehen.
Auch ihr Vater schaut jedes Jahr
den Song Contest, erzählt sie. „Er hat aber
nie etwas davon mitbekommen.“ Diesmal
macht seine Tochter die Show für ihn erfahrbar.
rechte abstimmen, stoßen beide schnell
aneinander.
Völkerrechtler Michael Lysander
Fremuth bringt es auf den Punkt: Menschenrechte
müssen in Bewegung bleiben, weil
sich die Gesellschaft wandelt. Ob KI-Regulierung,
Klimagerechtigkeit oder die Rechte
von LGBTQ+-Personen – neue Realitäten
brauchen neue Antworten. Und die werden
nicht im stillen Kämmerlein entschieden,
sondern im öffentlichen Diskurs erkämpft.
WENN VERLIERER DAS SPIEL
NICHT AKZEPTIEREN
Weltweit geraten Demokratien unter Druck.
2005 lebten noch 50 Prozent der Weltbevölkerung
in Demokratien, 2025 waren es
nur noch 26 Prozent. Gleichzeitig wächst
die Zahl der Länder, die sich autoritär entwickeln.
Auch in Europa. Auch nebenan.
DEMOKRATIE. DEINE FRAGE.
Kritzinger beschreibt ein Phänomen,
das viele kennen: Populismus setzt auf die
einfache Logik „Wir haben gewonnen, also
gilt nur unser Wille.“ Doch Demokratie funktioniert
anders – sie braucht Kompromisse,
Koalitionen, Aushandlung. Wer das als
Schwäche sieht, spielt autoritären Kräften
in die Hände.
DEINE STIMME ZÄHLT –
AUCH AUSSERHALB DER WAHLKABINE
Demokratie ist mehr als ein Kreuz auf dem
Wahlzettel. Sie lebt davon, dass Menschen
diskutieren, sich informieren, widersprechen
und Verantwortung übernehmen.
Fremuth warnt: Wer den Staat nur als „Service
provider“ betrachtet, der alles regelt,
macht sich anfällig für autoritäre Versprechen.
Es gibt keine Demokratie ohne
Menschen, die sie aktiv leben.
JETZT MITMACHEN – AUCH LIVE IN WIEN
Die Uni Wien lädt dieses Semester zur
Auseinandersetzung ein – mit Vorträgen,
Diskussionen und dem großen Abschlussevent
am 22. Juni 2026, 18.30 Uhr, im
Großen Festsaal der Universität Wien, mit
UN-Hochkommissar für Menschenrechte
Volker Türk. Alle sind eingeladen.
Alle Beiträge, Podcasts und Eventinfos zur
Semesterfrage auf: rudolphina.univie.ac.at
JETZT IN DIE DISKUSSION EINSTEIGEN
IM WISSENSCHAFTS MAGAZIN
RUDOLPHINA DER UNI WIEN
FOTO Violetta König
ESC-SPECIAL
50
51 UNIVERSITÄT WIEN
Advertorial
PROTEST IN
JEDER STROPHE
Bevor beim ESC in der Wiener
Stadthalle „United by Music“
angesagt ist, ballt man im
Rabenhof Theater die Faust.
Beim jährlichen
Protestsongcontest am
12. Februar steht
das Dagegenhalten
im Fokus.
Aber wogegen
ist
dieses
Event?
Der Zuschauerraum ist rappelvoll. Rund
500 Menschen haben sich im Rabenhof
Theater in Wien-Erdberg zusammengefunden.
Viele sitzen mit einem Bier auf dem Boden. Polstersessel
darf man nicht erwarten, wenn man den
Protestsongcontest, kurz PSC, besucht. Die wurden
aus dem Saal geräumt, damit mehr Platz ist: zum
Tanzen und Headbangen. Spätestens um 20 Uhr, wenn
der Chor der Wiener Arbeitersänger*innen klassische
Protestlieder anstimmt, erhebt sich der Saal.
Zum Protestsongcontest ist der Rabenhof kein normales
Theater mit Drehbuch und gefakten Emotionen. Auf
der Bühne stehen zehn Artists und ihre Wut ist echt. Sie singen
beispielsweise über Kriege, die Klimakrise oder Femizide. Schon seit
2004 sind das Theater und Radio FM4 auf der Suche nach dem stärksten
Protestlied. Mitmachen darf jede*r, der*die sich über etwas aufregt
und das in einem selbstgeschriebenen Song verpackt. Als Gewinn winken ein
Pokal in Form einer geballten Faust sowie ein Auftritt beim nächsten PSC.
GEDENKEN AN DEN BÜRGERKRIEG
„Es ist toll, dass sich der Protestsongcontest etabliert hat. Er ist
für viele ein Fixpunkt im Kalender“, freut sich Gerald Stocker. Der
Theaterwissenschaftler hatte zusammen mit dem Rabenhof-Direktor
Thomas Gratzer die Idee für das Event.
Ursprünglich sollte der PSC eine einmalige Veranstaltung
sein, wiederholt sich heuer aber bereits zum 23. Mal. Jährlich am
12. Februar gedenkt er dem österreichischen Bürgerkrieg 1934, bei
dem die sozialdemokratische Partei gegen den Faschismus aufbegehrte
und vom austrofaschistischen Dollfuß-Regime niedergeschlagen
wurde. Auch im Gemeindebau Rabenhof kamen Menschen
ums Leben.
„DER PSC IST GELEBTE ZEITGESCHICHTE“
„Dieses Mal gab es ungefähr 160 Einreichungen“, berichtet Stocker.
Als Teil einer dreiköpfigen Vorjury sucht er daraus die besten
25 aus. Anschließend entscheiden drei weitere Juror*innen in der
Radioshow FM4 Soundpark über die neun Finalist*innen und nominieren
jeweils ein zusätzliches Lied, über das die Zuhörer*innen abstimmen.
Im Finale bewerten wiederum sechs Fachjuror*innen, darunter
ehemalige Teilnehmende wie Regisseurin Marie Luise Lehner.
Auch hier kann das Publikum mitstimmen.
In den vergangenen Jahren ist viel passiert, worauf die Teilnehmer*innen
zornig waren. Zum Beispiel auf die schwarz-blaue
Koalition unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Das politische
Klima Anfang der 2000er-Jahre war mitverantwortlich für die
Gründung des PSC. Aber auch auf die Asylpolitik, den Ukrainekrieg
und Coronaquerdenker. „Der Protestsongcontest ist gelebte Zeitgeschichte“,
betont Stocker.
KUNSTBLUT UND TEA PARTY SOUL
Teilnehmerin Astrid Hirzberger aka Fraeulein Astrid ist wütend
auf ihre Endometriose. Das ist eine Krankheit, bei der sich gebärmutterschleimhautähnliches
Gewebe an anderen Stellen im Körper
ansiedelt, was unter anderem zu starken Schmerzen führt.
In ihrem Song „Sag mir, du erinnerst dich“, rückt die 28-Jährige
zudem Medical Gaslighting in den Fokus: „Ich singe auch über die
vielen Ärzt*innen, die meine
Schmerzen jahrelang nicht
ernst nahmen und meinten,
das sei normal.“
Denn wenn dein Körper langsam
Wo willst du dann hin, wenn du
dein Feind wird
nicht mehr rennen kannst?
Die gebürtige Steirerin freut sich sehr über die Chance, diese
Plattform für ein ihr so wichtiges Thema nutzen zu können, „vor
allem, weil Endometriose so viele Menschen betrifft – etwa eine
von zehn Frauen und Personen mit Uterus“, wie sie mit Kunstblut
an den Händen und sanfter Stimme ins Mikro singt. Auch das kann
Protest sein: „Ich finde, dass die ruhigen Momente in Songs viel
bewirken können.“
Lucia Anima sieht das ähnlich. Die 22-jährige Mödlingerin macht in
„We’re In Trouble“ auf die Klimakatastrophe aufmerksam. Sie findet
es aktuell besonders wichtig, ein Zeichen zu setzen, vor allem, weil
Klimaschutz ihrer Meinung nach nicht mehr die verdiente Aufmerksamkeit
bekommt.
Belehren möchte sie allerdings nicht, viel eher offen kommunizieren
und Hoffnung schenken: „Meine Message ist, dass man die
Klimakrise nicht nur als großes Drama sehen muss, sondern auch als
Gelegenheit, um aktiv Einfluss zu nehmen.“
Ev’ryone knows it needs changes
But no one likes to think
about their habits
Das will die Sängerin und Straßenmusikerin mit ungeschönter
Musik ausdrücken, die sie selbst als „Tea Party Soul“ beschreibt –
gemütlich, aber mit Tiefgang. Die Party darf aber auch mal „fetziger“
werden und so rüttelt Lucia die Performance mit ihrer Band
auf, indem sie gegen Ende des Songs richtig lange schreit.
FOTOS Radio FM4
von
PATRICIA KORNFELD
52 53
FOTO Radio FM4
MY BODY, MY CHOICE!
Laut wird auch die Siegerband des diesjährigen PSC: Mit „My
Body, My Choice“ protestiert die Punkband Black SunZet gegen
Femizide und sexualisierte Gewalt. 2025 ging der Gewinnersong
„Jedermann“ der R’n’B-Sängerin Chovo in eine ganz ähnliche Richtung.
„Manche Themen wie Gewalt gegen Frauen bleiben leider. Darüber
hätte man vor fünf Jahren einen Song einreichen können und
man kann es immer noch“, stellt Stocker fest.
Bei der Punktevergabe knapp drei Stunden später
sitzen viele Publikumsgäste wieder auf dem Boden.
Nur Michael Ostrowski strahlt noch Energie
aus. Der Schauspieler führt seit 2014 mit lockerer
Zunge und weltpolitischen Anspielungen durch
den Abend. Die Tatsache, dass er auch den Eurovision
Song Contest moderieren wird, lässt er heuer
ebenfalls einfließen. Zum Beispiel präsentiert er
sich als „Eurovisions-Protestsongcontest“-Moderator,
begrüßt das Publikum auf drei Sprachen und
heißt sie im Rabenhof Theater – der „wahren Stadthalle“
– willkommen. Ein lustiger Twist auch deshalb,
weil der PSC des Öfteren fälschlicherweise mit
dem ESC in Verbindung gebracht wurde, etwa als
Gegenveranstaltung.
„Ich versuche, die Dinge und mich selbst nicht
so ernst zu nehmen. Der Protestsongcontest ist
eine Veranstaltung, bei der die Leute Spaß haben
sollen“, erklärt Ostrowski. Dem stimmt Gerald Stocker zu: „Protest
muss nicht bierernst sein. Aber der PSC soll auch zum Nachdenken
oder vielleicht Handeln anregen.“ Wer die Faust nach Hause trägt,
ist seiner Meinung nach nicht so wichtig. Alle, die im Finale stehen,
hätten bereits gewonnen, weil ihre Anliegen präsent sind. Und
noch etwas macht den Protestsongcontest aus, findet Lucia: „Es
ist zwar ein Wettstreit, aber uns alle verbindet, dass wir gegen irgendetwas
sind.“
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SIE HABEN DAS LAND
MIT AUFGEBAUT.
Vor 60 Jahren, im Jahr 1966, schloss Österreich ein sogenanntes
Anwerbeabkommen mit Jugoslawien ab –
einen Vertrag, der die Anwerbung von jugoslawischen
Arbeitskräften rechtlich regelte. Die GastarbeiterInnen,
die seither kamen, haben das Land nachhaltig geprägt.
Über vergessene Geschichten, verlorene Sprachen und
ein Denkmal, das endlich keiner mehr übersehen kann.
Wenn Savo Ristić über seine Idee für ein Gastarbeiterdenkmal
spricht, klingt darin nicht nur Engagement, sondern auch ein Stück
gelebte Familiengeschichte mit. Die Geschichte seiner Eltern ist
mir sehr vertraut. Genau wie meine Eltern kamen auch sie Anfang
der 1970er-Jahre nach Österreich – und wie mein Vater, der damals
allein aus der Türkei aufbrach, machte sich auch Savos Vater
zunächst allein aus Jugoslawien auf den Weg. Erst ein Jahr später
konnte seine Mutter nachkommen.
Vom Südbahnhof ging es direkt nach Oberösterreich. Die
beiden hatten in der Nähe von Linz Arbeit gefunden. Der Vater
reparierte Kochöfen, die Mutter wusch in einem Gastgewerbe
die Teller, später stellte sie in einer Schmuckfabrik Billigschmuck
her. Wie auch meine Geschwister blieben die drei kleinen Kinder
zurück in der Heimat– betreut von der Großmutter. Und wie viele
andere GastarbeiterInnen dieser Zeit kehrte auch die Familie Ristić
irgendwann in die Heimat zurück. Denn Ende der 1970er erschütterte
die Ölkrise Europa und die Zuwanderung nach Österreich
wurde strenger geregelt. Die wirtschaftliche Lage in Jugoslawien
stabilisierte sich und die Arbeitsbedingungen wurden besser. Savos
Eltern hatten genug zur Seite gelegt, um ein kleines Haus zu
bauen. Und auch die anderen Familienmitglieder konnten aufatmen.
„Meine Geschwister und meine Oma haben immer gesagt, dass
meine Eltern Urlauber waren“, erinnert sich Savo.
ANERKENNUNG FÜR EINE PRÄGENDE GENERATION
Doch im Nachhinein reichten die wenigen anerkannten Versicherungsjahre
seines Vaters nicht einmal für eine Pension. Nach seinem
frühzeitigen Tod erhielt die Familie eine Einmalzahlung von
rund 3000 Euro. Aus dieser geringen Wertschätzung wuchs Savos
Wunsch, ein Gastarbeiterdenkmal zu schaffen – einen sichtbaren
Ort der Anerkennung. Für die Generation seiner Eltern bedeutete
Arbeit mehr als Lohn: „Wenn mein Vater ein Gebäude sah, sagte er:
‚Das habe ich mitgebaut.‘ Er war wie ein Künstler, der seine Skulptur
zeigt.“ In der offiziellen Geschichtsschreibung fand diese Arbeit
lange keinen Platz. „Mir ist es wichtig, dass diese Geschichte
nicht verschwindet, denn wenn wir GastarbeiterInnen anerkennen,
geben wir auch ihren Kindern und Enkelkindern Mut, sich mit Österreich
als ihrer Heimat zu identifizieren.“
DANN HABEN WIR
FOTOS Niko Havranek
Magazin
von
ESER AKBABA
56 57
SIE VERGESSEN.
Magazin
Unterstützung bekam Savo von Anfang an von der Volkshilfe
Community Work. Dafür ist Savo dankbar und zugleich sehr erfreut
darüber: „Hier ist ein großartiges Projekt und ein großartiges Team
entstanden.“ Das Denkmal soll in der Nähe des Wiener Hauptbahnhofs
errichtet werden und an ein Kapitel erinnern, das Österreich
tief geprägt hat und immer noch prägt: Migration als dauerhafte
Realität, als Motor für wirtschaftlichen Aufschwung. Und es soll an
Menschen erinnern, an jene, die gekommen sind, gearbeitet haben,
und die dennoch in Vergessenheit geraten sind.
ZWEI PLASTIKSACKERL UND EIN NEUANFANG
Eine der Menschen, die das Denkmal würdigen soll, ist Vasilija
Stegić. Ihr erster Gedanke am Abend des 7. Jänner 1973 lautet:
„Wo werde ich heute schlafen?“ Nach einem Streit mit ihrem Mann
hatte sie in Rijeka, Kroatien, das Notwendigste in zwei Nylonsackerl
gepackt und sich auf den Weg nach Wien gemacht. Angekommen
am damaligen Wiener Südbahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof,
geht Vasilija zum Roten Kreuz und bekommt dort die Adresse einer
Nonnenunterkunft im 9. Bezirk.
Vasilija hat weder Visum noch Arbeitserlaubnis, aber davon
lässt sie sich nicht beirren. Gleich am nächsten Morgen tritt sie
ihre Arbeit in einer Schneiderei auf der Mariahilfer Straße an. „Ich
habe viel und hart gearbeitet, meistens länger als zwölf Stunden
am Tag. Das kann jeder bestätigen.“ Die Sprache kann sie bereits:
Vasilijas Mutter sprach Deutsch und sie erlernte sie mit neun Jahren
an einer Volkshochschule in Rijeka. „Das war ein großer Vorteil“,
erinnert sich Vasilija.
Das Geld reicht nicht. Vasilija sucht sich einen zweiten Job.
Bei einer Gräfin im ersten Bezirk arbeitet sie als Haushaltshilfe.
Zwischen Frühstück und Abendessen ist sie in der Schneiderei beschäftigt.
Auf die Frage, was ihr in dieser Zeit besonders schwerfiel,
antwortet sie mit Tränen in den Augen. „Dass ich meine Tochter
zurücklassen musste. Ich habe sie bei meinem Mann gelassen und
nur in den Ferien gesehen.“ Doch dieser bringt das Kind zur Großmutter,
die Vasilija den Kontakt zusätzlich erschwert. Als die beiden
sich endlich wiedersehen, sagt die Tochter: „Ein Kalb hat eine
Mutter – ich habe keine.“ Dieser Satz begleitet Vasilija bis heute.
Mit der Zeit findet sie Stabilität. Sie wird Hausbesorgerin, später
Beamtin bei den Wiener Stadtwerken – ein hart erkämpfter Aufstieg.
Sie renoviert ihre Wohnungen selbst, baut sich ein Leben
auf, ein Zuhause. Am Ende bleibt sie in Wien, ist mehr Wienerin als
Kroatin. Heute sagt sie nüchtern: „Ich bin zufrieden. Viel Gutes, viel
Schlechtes – aber Glück hatte ich auch.“
FOTOS Niko Havranek
Wie ist es, GastarbeiterIn zu sein,
mit Gast arbeiterInnen zu arbeiten,
als Kind von GastarbeiterInnen
aufzuwachsen?
Zwei Gespräche mit Menschen, die
wissen, was das An werbe abkommen
für Österreich und seine
Gast arbeiterInnen bedeutet hat.
Anfang der 1970er-Jahre gründet Hans Staud das Unternehmen
Staud’s Wien und fängt an, Obst und Gemüse zu veredeln. Seitdem
ist der Marmeladenkönig vom österreichischen Delikatessenmarkt
nicht mehr wegzudenken – nicht zuletzt dank der GastarbeiterInnen
aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Herr Staud, wie haben Sie die Zeit damals empfunden? Und warum
haben Sie B/K/S gelernt?
Ich war damals sehr jung, und die Gastarbeiterinnen
– meist schon ältere Damen – haben mich wohl
ein wenig gepflanzt. Das habe ich mitbekommen und
kurzerhand beschlossen, einfach ihre Sprache zu
lernen. Das war der ursprüngliche Beweggrund.
Die ersten Wörter waren tatsächlich Schimpfwörter
– wie meistens, wenn man eine neue Sprache
lernt. Wir hatten es damals sehr lustig in der Betriebsküche;
es waren die ersten Gastarbeiterinnen
in der Branche – vor allem, weil Österreicherinnen
diese Arbeit nicht machen wollten.
FOTO Schafranek / Vetropack
Magazin
58 59
Magazin
Serbokroatisch zu lernen, fiel mir leicht, weil
Wie hat sich die sogenannte Nachfolgegeneration entwickelt?
Welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Aus-
ich in der Schule Latein hatte. Ich konnte also mit
Die zweite Generation hat die Unsicherheit am
wirkungen hatten diese Migrationsbewegungen auf Österreich?
den sechs Fällen gut umgehen. Innerhalb von zwei
stärksten erlebt. Viele gingen davon aus, dass sie
Ohne den Einsatz von Gastarbeiter:innen hätte
Jahren konnte ich mich gut verständigen. Es wurden
irgendwann zurückkehren würden. Die dritte Gene-
Österreich mit massivem Arbeitskräftemangel zu
auch die Rezeptkarten auf Serbokroatisch geschrie-
ration ist selbstbewusster und beginnt, ihre eigene
kämpfen gehabt. Gastarbeiter:innen waren über
ben, die habe ich handschriftlich verfasst. Später
Geschichte aktiv zu erforschen und darüber zu spre-
Jahrzehnte das Rückgrat zentraler Wirtschaftssek-
mussten sie für die anderen Mitarbeiterinnen wie-
chen. Sie hinterfragt vereinfachende Perspektiven
toren, haben Infrastruktur mitaufgebaut und zum
der ins Deutsche umgeschrieben werden.
und macht die Vielfalt migrantischer Erfahrungen
Sozialstaat beigetragen. Sie waren entscheidend für
Welchen Rat würden Sie Unternehmen angesichts des aktuellen
sichtbar.
die demografische Entwicklung und prägten Öster-
Fachkräftemangels geben und welche Fehler kann man vermeiden?
Wie hat sich die Rolle der Frau im Kontext dieser Migrationsge-
reich auch gesellschaftlich und kulturell nachhaltig.
Es ist ein großes Glück, dass Menschen aus ande-
schichte im Laufe der Zeit verändert?
Wie werden Gastarbeiter:innen Ihrer Meinung nach in den Medien
ren Ländern zu uns nach Österreich kommen. Sie
Frauen hatten von Anfang an eine zentrale Rolle,
dargestellt?
wollen arbeiten und Geld verdienen, um sich etwas
leisten zu können. Als Arbeitgeber sollte man ihnen
dafür angenehme Rahmenbedingungen schaffen.
Dr. Faime Alpagu ist Soziologin und Migrationsforscherin. Ihre Arbeit
will die Lebensrealitäten von Migrant:innen sichtbar machen.
wurden aber lange unsichtbar gemacht. Sie leisteten
Care-Arbeit im Herkunftsland oder arbeiteten
selbst in Österreich und trugen große Verantwor-
Überwiegend aus einer vereinfachenden Perspektive.
Sie erscheinen häufig als homogene Gruppe.
Unterschiede sowie insbesondere die Erfahrungen
Das Wesentliche ist aber, sich gegenseitig Respekt
zu zollen und mit offenen Armen aufeinander
zuzugehen – das gilt für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer.
Beide wollen etwas voneinander; es ist also
keine einseitige Geschichte. Nur, wenn beide Seiten
das begreifen, kann ein fruchtbares Miteinander
entstehen.
Sie beschäftigen sich in Ihrer Dissertation intensiv mit der Migrationsgeschichte
der Gastarbeiter:innen. Was sind die wichtigsten
Schlüsse?
Die Gastarbeiter:innenmigration war als kurzfristiges
Projekt gedacht. Man ging davon aus, dass die
Menschen nur für einige Jahre kommen und dann
wieder zurückkehren würden. In Wirklichkeit hatte
tung innerhalb der Familie. Trotzdem werden sie
häufig lediglich als „Angehörige“ wahrgenommen
und nicht als eigenständige Akteurinnen.
marginalisierter Gruppen, darunter Kurd:innen,
religiöse Minderheiten und Frauen, bleiben weitgehend
unsichtbar. Die Stimmen der Betroffenen
selbst werden selten eingebunden und so bleibt ihre
Perspektive im öffentlichen Diskurs unterrepräsentiert.
diese Migration jedoch langfristige Folgen und hat
die Gesellschaften in der Türkei, in Ex-Jugoslawien
und in Österreich nachhaltig geprägt.
Die Geschichten der Gastarbeiter:innen sind
sehr vielfältig. Dennoch wurden und werden sie bis
heute oft als homogene Gruppe wahrgenommen.
Durch die Kurzfristigkeit hatten viele keine Möglichkeit,
die Sprache zu lernen. Das führt dazu, dass
sie bis heute in vielen Bereichen abhängig von ihren
Kindern sind. Hinzu kommen die Folgen schwerer
körperlicher Arbeit, Einsamkeit und das Leben im
Ausland ohne ausreichenden Schutz. Diese Erfah-
Du suchst einen Green-Job,
der dir einen neuen Karriereweg eröffnet?
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rungen werden bis heute nur teilweise anerkannt.
Worin unterscheiden sich die Anwerbung von Gastarbeiter:innen in
den 1960er-Jahren und die heutige Rekrutierung von Fachkräften –
abgesehen von verpflichtenden Deutschkursen?
In den 1960er-Jahren gab es einen akuten Arbeitskräftemangel.
Migration wurde ausdrücklich als
temporär gedacht; Fragen der Integration oder
politischen Teilhabe blieben weitgehend ausgeklammert.
Bis heute fehlt der österreichischen Migrationspolitik
eine langfristige Vision. Die heutige
Rekrutierung von Fachkräften ist stärker selektiv
und qualifikationsorientiert, gleichzeitig sind die
allejobs.at
rechtlichen Zugangsbedingungen komplexer und re-
FOTO Fesih Alpagu
striktiver. Aber immer noch bleibt Integration Aufgabe
der Migrant:innen selbst, volle gesellschaftliche
und politische Teilhabe wird jedoch verwehrt.
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Magazin
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Seit der Gründung im Jahr 2006
stehen wir für Vielfalt, Dialog und
das selbstverständliche Feiern
gesellschaft licher Diversität in
Österreich.
ALEXANDER VAN DER BELLEN
Bundespräsident Republik Österreich
Nein, Biber steht nicht für das Nagetier, sondern für die gewisse Prise Pfeffer.
Oder Pfefferoni – je nachdem, wie man das Wort übersetzt. Scharf aber ist er jedenfalls,
der Blick des Biber auf ein vielfältiges Wien, ein Wien, das immer schon ein Fleckerl -
teppich ganz unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Einflüsse war.
Zum Jubiläum haben wir langjährige
Wegbegleiterinnen und
Wegbegleiter gefragt, warum
Vielfalt für sie wichtig ist, was
sie mit dem Biber Magazin verbin-
wird 20!
den und wofür die letzten 20 Jahre
für sie stehen.
Seit seiner ersten Ausgabe vor 20 Jahren bewegt sich das Magazin agil
zwischen den Welten und ist trotzdem stets mittendrin. Es beleuchtet, wie wunderbar
unterschiedlich wir sind, findet dabei aber auch stets das Gemeinsame, das,
was uns verbindet. Außerdem ist das Biber bis heute eine wichtige Journalistenschule
für Menschen mit migrantischem Hintergrund. Mit dem Effekt, dass auch in
vielen anderen Medien nicht mehr nur über Migrant:innen berichtet wird,
sondern von Migrant:innen. Das Biber leistet damit einen wichtigen Beitrag zur
Medienvielfalt und Offenheit in unserem Land.
Ich gratuliere dem Biber herzlich zum Jubiläum –
und danke allen, die an dem Magazin mitarbeiten!
FOTO Zajc
Magazin 62 63 Magazin
MICHAEL LUDWIG
Bürgermeister Stadt Wien
Seit 20 Jahren ist Biber ein unverzichtbares Sprachrohr der
Wienerinnen und Wiener mit Migrationshintergrund. Es feiert
Mehrsprachigkeit, erzählt den Spirit unserer internationalen
Community und entdeckt journalistische Talente. Mit Leidenschaft
für Reportage, Porträt und Recherche hat Biber
Maßstäbe gesetzt. Dem neuen Team wünsche ich weiterhin
Neugier, Mut und kritischen Geist. Wien lebt von Vielfalt –
alles Gute, Biber!
CHRISTOPH WIEDERKEHR
Bundesminister für Bildung
BARBARA NOVAK
Amtsführende Stadträtin
für Finanzen, Wirtschaft,
Arbeit, Internationales
und Digitales
Vielfalt ist für mich ein zentraler Erfolgsfaktor:
Unterschiedliche Perspektiven fördern Innovation,
schaffen faire Chancen am Arbeitsmarkt und
stärken den Standort. Das Biber Magazin macht
sichtbar, was oft übersehen wird und übernimmt
Verantwortung für den gesellschaftlichen Diskurs.
Diese 20 Jahre stehen für gelebte Diversität
und einen offenen Dialog. Gerade in diesen
Zeiten braucht es Medien, die Brücken bauen und
Zusammen halt stärken.
RENATE ANDERL
Präsidentin der AK Wien und
der Bundesarbeiterkammer
Österreich hat eine wunderbare und bereichernde Vielfalt zu bie-
Vielfalt ist für mich eine zentrale Stärke unserer Gesellschaft – sie eröffnet
Perspektiven, fördert Verständnis und treibt Innovation voran. Das Biber
Magazin verkörpert seit 20 Jahren genau das: Stimmen, die gehört werden
müssen und für gelebte Integration. Diese Jahre stehen für Mut, Dialog und
ein modernes, offenes Österreich. Ich danke dem Biber für zahllose enorm
wertvolle Artikel und freue mich auf die nächsten 20 Jahre!
ten – an Menschen, Kulturen, Lebensmodellen. Vielfalt ist nicht immer
einfach, aber es zahlt sich aus, sie zu fördern – denn eintönige
Gleichmacherei brauchen wir nicht. Unsere Vielfalt spiegelt sich seit
20 Jahren auch in „Das Biber“ wider, mit scharfem Verstand greift
das Biber Themen auf, die unser Land und die Menschen bewegen
und fördert zugleich junge, migrantische journalistische Talente. Ich
kann nur sagen: Weiter so!
FOTOS David Bohmann (Stadt Wien), Andy Wenzel (BKA), Visnjic, BMWET / Holey
PETER HANKE
Bundesminister für
Innovation, Mobilität
und Infrastruktur
20 Jahre Biber – das sind 20 Jahre Mut, Haltung
und frische Perspektiven. Vielfalt ist für mich kein
Schlagwort, sondern gelebter Alltag in Österreich
– und genau das spiegelt Biber wider. Das
Magazin gibt jungen Stimmen Raum und zeigt, wie
bereichernd Diversität für unsere Gesellschaft ist.
Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!
ELISABETH ZEHETNER
Staatssekretärin für Energie,
Startups und Tourismus
20 Jahre Biber zeigen, wie viel Kraft in gelebter Vielfalt steckt und wie viel Potenzial
noch vor uns liegt. Geschichten aus der Community für die Community
schaffen Sichtbarkeit, verbinden Perspektiven und machen deutlich: Vielfalt
ist kein Nebenschauplatz, sondern ein Erfolgsfaktor für Innovation, Unternehmergeist
und Wachstum. Genau deshalb braucht es Biber auch in den kommenden
20 Jahren als starke Stimme einer modernen Wirtschaft und Gesellschaft.
WALTER RUCK
Präsident der Wirtschaftskammer Wien
Vielfalt ist eine der großen Stärken der Wiener Wirtschaft. Sie lässt uns schwierige
Zeiten besser bewältigen und Zukunftschancen nutzen. Wien ist auch eine Stadt mit
einem großen Potenzial an jungen Menschen. Auch das eröffnet uns viele Chancen.
Biber steht seit 20 Jahren für diese beiden Stärken Wiens und bereichert unsere
Stadt mit seinem direkten, jungen Journalismus. Ich wünsche dem Biber-Team viel
Erfolg für die Zukunft, weiterhin so viel „Pfeffer“ – und allen Leserinnen und Lesern viel
Freude mit diesem spannenden Magazin.
CHRISTIAN C. POCHTLER
Präsident der
Industriellenvereinigung (IV) Wien
Seit 20 Jahren ist das Biber Magazin nicht mehr aus Wien wegzudenken – ebenso bunt
und vielfältig wie unsere Heimatstadt. Als Unternehmer wünsche ich der jungen Generation,
dass sie laut ist, dass sie ihre Zukunft aktiv selbst gestaltet und den Mut hat zu
mehr Selbstständigkeit! Das bedeutet auch mehr Unternehmertum statt Komfortzone.
Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!
FOTOS David Bohmann, Sebastian Philipp, Florian Wieser, Noll
Magazin 64 65 Magazin
MARKO MILORADOVIĆ
Geschäftsführer des Wiener
Arbeitnehmer*innen Förderungsfonds
– waff
Das Biber Magazin ist für mich Stimme und Gesicht der neuen
Wiener*innen, die sich selbst ermächtigen und Geschichten
aus ihrer Lebenswelt erzählen. Dabei nimmt das Biber einen
unverwechselbaren Blickwinkel ein, der die Vielfalt in unserer
Gesellschaft zeigt. Diese Vielfalt ist ein Motor für Innovation,
Zusammenhalt und soziale Gerechtigkeit. Sie eröffnet Perspektiven,
schafft Chancen und stärkt unsere Gesellschaft.
Diese 20 Jahre stehen für Aufbruch, Dialog und gelebte Diversität
– Werte, die auch unsere Arbeit im waff prägen und
mit denen wir zuversichtlich in die Zukunft gehen.
MARCEL HARASZTI
Vorstand
REWE International AG
Seit 20 Jahren steht das Biber Magazin für gelebte
Vielfalt und mutigen Journalismus. Für uns
als REWE Group ist Vielfalt gelebte Haltung – geprägt
von neuen Perspektiven, Respekt und Offenheit.
Das Biber Magazin macht Stimmen sichtbar,
die unsere Gesellschaft bereichern. Diese Haltung
verbindet uns. Wir gratulieren herzlich zu zwei
Jahrzehnten engagierter Arbeit, die Österreich
offener und vielfältiger gemacht hat.
INGRID THURNHER
interimistische
ORF-Generaldirektorin
OLIVER ATTENSAM
Geschäftsführer
Unternehmensgruppe Attensam
FOTOS David Bohmann (waff), ORF (Thomas Ramstorfer), Eva Kelety, Österreichische Post AG
Seit 20 Jahren macht Biber sichtbar, was Österreich längst ist: vielfältig,
mehrsprachig, chancenreich. Als Radiodirektorin und jetzt an der ORF-Spitze
weiß ich: Medien tragen Verantwortung für gesellschaftliche Teilhabe und
Meinungsvielfalt. Biber lebt diese Werte mit Mut und Haltung. Danke für zwei
Jahrzehnte kritischen, ermutigenden Journalismus – und für all die Geschichten,
die unser Land facettenreich machen.
WALTER OBLIN
Generaldirektor
Österreichische Post AG
Seit 20 Jahren zeigt das Biber Magazin, wie vielfältig und lebendig unsere
Gesellschaft ist. Diese Haltung verbindet uns: Auch die Österreichische
Post lebt Vielfalt, und zwar mit rund 7900 Mitarbeiter*innen aus 110 Nationen.
Ihre unterschiedlichen Perspektiven sind es, die uns als Unternehmen
stärken und unseren gemeinsamen Erfolg ermöglichen. Biber beweist seit
zwei Jahrzehnten, wie wertvoll gelebte Diversität für Österreich ist.
MICHAEL HÖLLERER
Generaldirektor
Raiffeisen NÖ-Wien
Wir sehen Vielfalt als Motor für die gesellschaftliche
Weiterentwicklung und das Biber Magazin leistet
hier seit 20 Jahren einen wichtigen Beitrag. Es
zeigt nicht nur unterschiedliche Lebensrealitäten
und eröffnet Leser:innen neue Perspektiven, sondern
setzt mit seiner Berichterstattung ein starkes
Zeichen für mehr Dialog und Toleranz. Vielen
Dank an die Redaktion, dass sie Österreichs Medienlandschaft
sehr viel bunter macht – und herzlichen
Glückwunsch zum Jubiläum!
Vielfalt stärkt Unternehmen und Gesellschaft. Das erleben wir bei
Attensam jeden Tag. Biber macht genau das mit mutigen Geschichten
und klarer Haltung seit 20 Jahren sichtbar. Für mich steht dieses
Jubiläum für einen offenen Dialog und positive Veränderung.
Herzliche Gratulation und danke für zwei Jahrzehnte gelebte Sichtbarkeit!
JUDITH PÜHRINGER
Parteivorsitzende Grüne Wien
SONJA BRANDTMAYER
Generaldirektor-Stellvertreterin
Wiener Städtische Versicherung
Seit 2006 steht das Biber Magazin für gelebte Vielfalt, Dialog und einen selbstverständlichen
Blick auf eine pluralistische Gesellschaft. Als Wiener Städtische wissen
wir, wie wertvoll unterschiedliche Perspektiven für Zusammenhalt und Fortschritt
sind. Das Biber Magazin schafft dafür seit nunmehr 20 Jahren eine wichtige Plattform.
Ich gratuliere herzlich zum Jubiläum und wünsche weiterhin viel Erfolg!
Seit seiner Gründung steht das Biber Magazin für Vielfalt, Dialog und das selbstverständliche
Feiern gesellschaftlicher Diversität in Österreich. Über zwei Jahrzehnte
hinweg hat Biber wichtige Debatten angestoßen und neue Perspektiven sichtbar gemacht.
Gerade in herausfordernden Zeiten für Medien und Demokratie sind solche
Stimmen unverzichtbar. Wir gratulieren herzlich zum Jubiläum und wünschen weiterhin
viel Erfolg!
FOTOS REWE Group (Robert Harson), Attensam, Marlene Fröhlich (lux und lumen), Karo Pernegger
Magazin 66 67 Magazin
THOMAS KICKER
CEO Magenta Telekom
Das Biber Magazin gibt gesellschaftlicher Vielfalt eine Bühne – dank eines kraftvollen
Journalismus mit Haltung und Weitblick. Als Magenta verbindet uns ein sehr ähnlicher
Anspruch: Connecting your world – für das Verbindende und klar gegen Ausgrenzung.
Danke für diesen wichtigen Beitrag und Gratulation zu 20 mutigen Jahren. Auf viele
weitere inspirierende Stories!
KENAN DOGAN GÜNGÖR
Soziologe, Inhaber des Büros für Gesellschaft,
Organisation, Entwicklung [think.difference]
Biber hat Wien so erzählt, wie diese Stadt ist: vielschichtig, espritreich, widersprüchlich und lebendig.
Jenseits einseitiger Problemrhetorik und Folklorekitsch machte es jene Facetten sichtbar, in denen
Schönes, Schräges, Zugehörigkeit, Ambivalenz und Konflikt tatsächlich stattfinden – ohne das Augenzwinkern
zu verlieren. Es hat damit eine mediale Leerstelle gefüllt. Umso erfreulicher, dass es dort
wieder ansetzt. Viel Erfolg dafür.
ALEXANDRA REINAGL
CEO Wiener Linien
Das Biber Magazin steht für mich für gelebte Vielfalt
– ein Wert, der auch uns als Wiener Linien verbindet
und auf den wir stolz sind. Vielfalt im Unternehmen hilft
uns, die Stadt besser zu verstehen und ein Öffi-Angebot
für alle zu schaffen. Euer Engagement stärkt die Diversität
in Österreich. Ich gratuliere zu diesem besonderen
Meilenstein!
ESER AKBABA
Moderatorin und
Gründungsmitglied des Biber
Für mich war das Biber damals nicht nur ein Medium, das unsere
Interessen, unsere Struggles und unseren Blick auf die Gesellschaft
vertreten hat – das Biber war ein Stück Identität.
Man wusste genau: Wenn man das Biber gelesen hat, gibt es
eine Geschichte, mit der man sich identifizieren kann. Ich bin
froh, ein Gründungsmitglied zu sein, und hoffe, dass es diese
Zeitschrift noch sehr lange geben wird.
FOTOS Magenta Telekom (Marlena König), Luiza Puiu, Alexander Müller, Pertramer
URSULA SIMACEK
CEO Simacek
20 Jahre Biber stehen für gelebte Vielfalt und mutigen Journalismus.
Herzlichen Glückwunsch zu diesem besonderen Jubiläum. Vielfalt
ist auch für SIMACEK essenziell – sie verbindet uns und stärkt
unsere Zukunft.
Als Arbeitgeberin mit über 11 000 Beschäftigten in sechs
Ländern und MitarbeiterInnen aus über 80 Nationen ist Vielfalt für
SIMACEK nicht nur ein Wert, sondern gelebter Alltag.
THOMAS WALDNER
Geschäftsführer
Wiener Stadthalle
Die Wiener Stadthalle versteht sich als Ort der Offenheit und Vielfalt. Bei Konzerten
erleben wir, wie unterschiedlichste Besucher:innen für einen Moment den Alltag hinter
sich lassen und Emotionen teilen. So eine Vielfalt schafft Begegnung und Verständnis.
Genau dafür steht für mich auch das Biber Magazin. Seit 20 Jahren setzt es ein starkes
Zeichen für Diversität, Perspektivenvielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Herzliche Gratulation!
IVONA DADIC
Leichtathletin und
Mehrkämpferin
Vielfalt bedeutet für mich Stärke, Respekt und
Zusammenhalt – im Sport wie im Alltag. Das Biber
Magazin lebt diese Werte seit 20 Jahren und gibt
unterschiedlichen Stimmen Raum. Es war mir eine
besondere Freude, selbst einmal Teil davon zu sein.
Für mich steht Biber für Offenheit, Mut und den
wichtigen Dialog in unserer Gesellschaft.
DEJAN JOVICEVIC
Mitgründer und CEO
brutkasten
Vielfalt ist für mich kein Schlagwort, sondern eine echte Stärke unserer Gesellschaft.
Unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Lebensrealitäten
machen uns offener, klüger und zukunftsfähiger. Das Biber Magazin steht
seit 20 Jahren genau dafür: für Sichtbarkeit, Haltung und eine Öffentlichkeit,
die breiter, bunter und dadurch besser wird.
Ein großes Dankeschön geht an den Biber-Gründer
vater, Ideengeber und langjährigen Heraus -
geber sowie Chef redakteur Simon Kravagna.
Ebenso danken wir Co-Gründer und Kerngesellschafter
Andreas Wiesmüller.
Unser Dank gilt auch den ersten Mitarbeiter:innen
und dem Kernteam - Eser Akbaba, Ivana
Cucujkic-Panic und Wilfried Wiesinger - die von
Anfang an mit Herz und Einsatz dabei waren.
Und natürlich: Danke an all die vielen Mitarbeiter:innen,
Leser:innen und Unterstützer:innen, die
Biber über die Jahre begleitet und geprägt haben.
Ohne euch wäre die Welt ein Stück weniger bunt.
FOTOS Magdalena Possert, Manfred Weis, Haris Dervisevic (Brutkasten), Glavas Management
Magazin 68 69 Magazin
„GLAUBEN ALLEIN REICHT NICHT
– DU MUSST DEIN BESTES GEBEN“
FERHAT YILDIRIMS
GEHEIMREZEPT
Von einem Dorf nahe Ankara
in die Wiener Favoritenstraße:
der Döner-Pionier über
seine Herkunft, die Reise und
das kompromisslose Mindset
hinter seinem Erfolg.
FOTO Helen Rushbrook / stocksy.com
FOTOS Helen Yannik Rushbrook Steer / stocksy.com
Magazin
von
ANDJELA CEGAR
Fotos
70 71
YANNIK STEER
Magazin
Das Boot ist für zehn Menschen gedacht. Es sind deutlich
mehr an Bord.
AUF DER SUCHE NACH CHANCEN:
„ICH MUSS MEINEN EIGENEN WEG GEHEN“
EINE GROSSE PORTION HARTNÄCKIGKEIT:
ARBEITEN, „BIS ES NICHT MEHR GEHT“
Mitten unter ihnen sitzt ein 17-Jähriger aus einem fla-
Ferhat Yildirim stammt aus einem Dorf nahe Ankara. Flaches
Ferhats Weg führt ihn nicht nach Deutschland, sondern zu sei-
chen Dorf in Anatolien. Das Meer ist dunkel, die Zukunft un-
Land, einfache Häuser, kaum Perspektiven. „Keine Berge, kein
nem Bruder nach Wien. Nach der gefährlichen Reise steht er
gewiss. Drei Monate dauert die Odyssee.
Meer. Einfach kleine Häuser – das war’s,“ beschreibt er. Kind-
vor einer einzigen Frage: „Wie bekomme ich eine Aufenthalts-
„Die Reise war ein Albtraum,“ erinnert sich Ferhat
heit und Verantwortung gingen dort früh ineinander über. Be-
bewilligung und eine Arbeitserlaubnis?“ Ein reguläres Visum
Yildirim heute.
reits mit 13 Jahren beginnt er zu arbeiten, nicht aus jugend-
bekommt er nicht. Während er wartet, arbeitet er, „bis es nicht
Als er schließlich in Wien ankommt, endet die schwere
lichem Ehrgeiz, sondern aus Notwendigkeit. „Die finanzielle
mehr geht“. Als die Bewilligung endlich kommt, übernimmt er
Zeit nicht – sie beginnt erst.
Lage hat mich dazu gebracht.“ Er muss die Familie unterstüt-
drei Jobs gleichzeitig. Am Morgen steht er um halb sechs am
zen. Also sucht er in Ankara nach Arbeit und landet zufällig in
Naschmarkt, sortiert Obst, trennt das gute vom verdorbenen.
Heute führt sein Weg nicht mehr über das offene Meer, son-
einem Dönergeschäft. Es ist der angeblich beste der Türkei.
Tagsüber arbeitet er in einem Hotel im Housekeeping, abends
dern in die Favoritenstraße. Vor „Ferhat Döner“ stehen Men-
Als er den Koch fragt, warum das Lokal immer voll sei, lautet
als Kellner und in der Küche.
schen aus ganz Europa Schlange. Manager in Anzügen neben
die Antwort: Der Besitzer kümmert sich um jedes Detail.
„Ich habe viel gearbeitet. Ich wollte etwas schaffen und
Bauarbeitern in Arbeitskleidung, Touristen neben Studen-
Doch Ferhat denkt an das Essen aus seinem Dorf. An das
habe so viel wie möglich gespart,“ sagt er.
ten. Sie alle warten geduldig auf etwas scheinbar Einfaches:
offene Feuer, den unverfälschten Geschmack seiner Kindheit.
Bei der ersten Gelegenheit macht er sich selbstständig.
Fleisch, Brot und Joghurt.
„Was in meinem Dorf gekocht wird, ist viel besser“, sagt er sich
Die Idee entsteht aus Unzufriedenheit. In Wien probiert er
Doch hinter dem Snack steckt Ferhats Lebenswerk. Sei-
damals.
Döner und merkt, dass viele industrielle Produkte verkaufen.
ne Geschichte ist mehr als die eines erfolgreichen Gastrono-
Dieser Gedanke lässt ihn nicht mehr los.
Produkte, bei denen niemand mehr genau weiß, was drin ist.
men. Es ist der Weg eines Mannes aus einfachen Verhältnissen,
Früh erkennt er auch eine Eigenschaft, die ihn später
„Das wollte ich verändern.“ Er fragt sich, wie ein Döner eigent-
geprägt von früher Verantwortung, harter Arbeit und einer
tragen wird: „Ich habe schon als Kind gemerkt, dass ich sehr
lich schmecken sollte. Die Antwort liegt in seiner Erinnerung:
Sturheit, die ihn niemals aufgeben ließ.
stur bin. Ich muss meinen eigenen Weg gehen.“ Dass er sich ei-
Eine Frau in seinem Dorf kochte damals Rindsgulasch in einem
nes Tages selbstständig machen wird, weiß er. Nur nicht womit.
großen Topf über offenem Feuer und legte es in frisches Brot.
„Ich kann mich an diesen Geschmack erinnern, egal wie viele
Mit den Jahren sieht er, wie viele aus seinem Dorf nach
Jahre vergehen.“
Deutschland gehen, Geld verdienen und ihre Familien unter-
Ferhat beginnt, genau diesen Geschmack zu suchen.
stützen. Ihm wird klar: In Anatolien wird er – egal, wie hart er
2015 eröffnet er sein erstes Lokal. Fünf Jahre lang ar-
arbeitet – nie dieselben Chancen haben.
beitet er beinahe obsessiv an Details: Fleischschnitt, Gewürze,
Mit 17 Jahren fällt er die Entscheidung, zu gehen.
Grilltechnik. „Jeden Tag habe ich geübt. Jeden Tag ein bisschen
verändert,“ sagt er über seine Versuche, den Geschmack
von damals wiederherzustellen.
Die Anfänge sind hart. Das Geld ist knapp, die Erfahrung
fehlt. Manchmal reicht es kaum für die Miete. Jeden Morgen
geht er selbst auf den Markt, sucht Gemüse aus, schneidet
Fleisch dünn, mariniert es, schichtet den Spieß. „Es war wirklich
sehr viel Arbeit.“
Magazin
72
73
Magazin
DIE BITTERE NOTE DES
ERFOLGS
Mit dem Erfolg wächst die Aufmerksamkeit.
Die Nachfrage wird so groß,
dass er in die Favoritenstraße übersiedelt.
Konkurrenten rechnen mit
seinem schnellen Scheitern. „Der
Ferhat wird keinen Erfolg haben. Er
hatte nur Glück.“ Doch was wie ein
Hype wirkt, bleibt und wächst. 2023
ersetzt Ferhat sein Lokal durch
einen 400 Quadratmeter großen
Neubau. Die Schlangen werden länger.
Selbst der neue Standort ist
mittler weile zu klein.
Mit dem Erfolg kommen aber auch Schattenseiten: Kopien,
Abwerbeversuche, neue Lokale in unmittelbarer Nähe. „Ich
habe jahrelang daran gearbeitet. Es steckt enorm viel Wissen
dahinter und die Leute kommen wie Diebe und nehmen es sich
einfach“. Einige Konkurrenten beabsichtigen sogar, Lokale in
unmittelbarer Nähe zu eröffnen, um seines zu kopieren, erzählt
Ferhat. „Ich bin offen und ehrlich. Damit die anderen nicht noch
näher zu mir kommen, habe ich auch andere Lokale gemietet,
die ich gar nicht brauche.“
Inzwischen aber weiß Ferhat Yildirim etwas Entscheidendes:
„Menschen kann man nicht kopieren.“
Dann kommen die Zweifel. Ein Metzger bietet an, fertig
geschnittenes Fleisch zu liefern – eine enorme Erleichterung.
Doch als Ferhat den Döner probiert, schmeckt er nicht. Auf
seine Beschwerde entgegnet der Metzger, er sei seit Jahren
im Geschäft und wisse besser, was Qualität sei. „Ich habe nicht
mehr gewusst, was ich machen soll“, erinnert sich der Unternehmer.
„Das war der Moment, in dem ich wirklich aufhören
wollte.“ Auch sein privates Umfeld fragt ihn, warum er es nicht
mache wie alle anderen. Seine Antwort ist kompromisslos: „Be-
vor ich ein schlechtes Produkt verkaufe,
sperre ich das Lokal zu. Jeder verkauft
schlechte Produkte – ich muss
nicht der Nächste sein.“ Er vergleicht
seinen Weg mit einem Berg. „Wenn ich
mitten am Weg umdrehe, werde ich es
bereuen. Bevor ich sterbe, würde ich
mich fragen: Warum hast du aufgehört?“
Also geht Ferhat weiter.
Nach fünf Jahren täglicher Wiederholung kommt der
Moment, auf den er all die Jahre hingearbeitet hat. Eine Frau
aus seinem Dorf, die bei ihm arbeitet, kostet den Döner. Er
schmeckt genau wie damals.
„Sie war die Erste von bisher vier Personen, die diesen
Geschmack erkannt haben.“
Für Ferhat Yildirim ist das der Gipfel.
Magazin 74
75
„Du musst daran glauben. Aber Glauben allein
reicht nicht – du musst dein Bestes geben. Wenn du an
etwas glaubst und nicht alles dafür tust, dann darfst
du später nicht sagen, du hättest alles versucht. Ich
bin bis zur Bergspitze gegangen und es hat sich gelohnt.
Wenn ich kurz davor umgedreht wäre, hätte ich
all das nie erreicht. Niemals aufgeben, niemals auf die
anderen hören. Mache immer, was du für richtig hältst,
egal was die anderen sagen. Auch wenn du scheiterst,
wirst du glücklich sein, weil du es versucht hast. Das
Schlimmste ist, es nicht zu versuchen und es später
zu bereuen.“
EINE PRISE FERHAT: „DAS SCHLIMMSTE IST,
ES NICHT ZU VERSUCHEN“
Ihn kann tatsächlich niemand kopieren, einen Mann, der jahrelang
Tag für Tag mit Hingabe daran gearbeitet hat, das beste
Produkt zu erschaffen. Einen Unternehmer, der noch heute
täglich in seinem Lokal steht, Kunden begrüßt, sich Zeit für
Gespräche nimmt und sich um jedes Detail kümmert. Er verschiebt
Tische minimal, damit sie gerade stehen. Er passt Lichter
an, damit sie die Spieße besser beleuchten. Kleine Dinge,
die einem Gast vielleicht nicht bewusst auffallen und doch das
Mindset hinter Ferhats Erfolg sichtbar machen.
Ein 17-Jähriger saß einst in einem Boot, das eigentlich
für zehn Personen gedacht war. Heute stehen Hunderte
vor seinem Lokal, und sein Döner bringt Menschen aus
allen Kulturen und Berufen zusammen. All das, weil Ferhat nie
umgedreht ist.
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BIBER IN WIEN
70. Eurovision Song Contest
10.05. bis 16.05.
div. Orte in Wien
Südwind Straßenfest
30. & 31.05.
Campus der Universität Wien
„Altes AKH“, Hof 1
75 Jahre Wiener Festwochen
15.05. bis 21.06.
div. Orte in Wien
kultur*knistern ist ein neues Onlinemedium, bei dem das
„Kulturland Österreich“ wieder auf den Boden zurückgeholt
wird. Wir machen Kulturjournalismus auf Augenhöhe,
verständlich und ohne viel „Blabla“ – online und auf Social
Media. Denn Kultur ist für alle da!
MEINUNG
Kultur braucht ein
Dorf und unser Herz
braucht Musik.
Von der Opening Ceremony am Wiener Rathausplatz (10.05.),
über Ausstellungen im Qwien oder dem Haus der Geschichte,
bis hin zu Public-Viewings (u. a. am Rathausplatz) und den Live-
Shows in der Stadthalle: Der Mai in Wien steht ganz im Zeichen
von „UNITED BY MUSIC“.
United by Queerness: eine Ausstellung über
Vielfalt und den Eurovision Song Contest
bis 24.05.
Qwien
Der Song Contest ist inzwischen
mehr als ein jährlicher Wettbewerb
– er ist ein europaweites Zusammenkommen.
Zur Feier des
70. Jubiläums zeigt das Qwien die
queeren Dimensionen des ESC und
reflektiert sie kritisch. Neben Führungen
durch die Ausstellung gibt
es auch queere Stadtführungen zum
Thema ESC, von der Staatsoper und
Udo Jürgens bis zu
Conchita.
Ramperstorffergasse
39/7, 1050 Wien
Ab 8 €
In Wien gibt es extrem viele gemeinnützige Vereine sowie Marken
und Start-ups, die den Fokus auf Nachhaltigkeit legen. Beim Südwind
Straßenfest kann man sich einen Überblick über alle möglichen
Angebote machen, aber auch zu Live-Musik
tanzen, gut essen, an Workshops teilnehmen
oder bei Vorträgen über Nachhaltigkeit diskutieren.
Free entry!
Unstoppable!
Eurovision Song Contest Highlights
im Museum
bis 11.10.
Haus der Geschichte Österreich
In der Theorie sind politische Botschaften beim ESC untersagt.
In der Praxis sieht das etwas anders aus. Um die teils unauffälligen,
teils klaren Messages hervorzuheben, stellt das hdgö im
Rahmen der Hauptausstellung „Österreich seit 1918“ Objekte
aus, die die österreichische ESC-Geschichte
geprägt haben. Von JJ’s „Wasted Love“-Bühnenbild
über Conchita Wursts Kleid bis zu Bildern
der Eurovision-Geschichte.
Ab 7,50 €
„Lasst euch irritieren und inspirieren!“ gilt nicht nur für den ESC, sondern auch für die
Wiener Festwochen. Das 75. Jubiläum des Festivals bietet alles, was
man sich ausdenken könnte – Ausstellungen, Theater, Konzerte, Performances
und mehr. Hier gilt vor allem: Einfach ausprobieren (wenn man
für etwas Tickets ergattern kann).
Ab 10 €, je nach Ermäßigung & Veranstaltung
VDC Vienna Digital Cultures
21.05. bis 05.09.
Foto Arsenal Wien
Kunst kann eigenartig und unzugänglich sein, vor allem wenn es um die „Auswirkung
digitaler Technologien“ geht. Aber es geht auch anders: Das VDC organisiert
einmal im Jahr ein Festival, das internationale Künstler*innen,
Expert*innen und Communities zusammenbringt. Das Ergebnis? Neben
der „normalen“ Ausstellung gibt es Performances, Gespräche, Film-
Screenings und Clubnächte an verschiedenen Orten in Wien.
Wenn du die Worte Theater oder Kultur
liest, hast du keinen Bock, weil das nicht
deine Welt ist? Zeit für eine Revolution!
Während die Kulturbranche gleichzeitig
über Teuerungen und günstigere
Angebote diskutiert, überschlagen sich
Social-Media-Agenturen im Rennen um das
nächste virale Reel. Förderungen werden
gestrichen, online heißt es: „Sollen’s halt
was G’scheites arbeiten“. Aber wie verbringen
wir in Zukunft unsere Zeit, wenn
niemand Musik macht, Serien produziert,
Bücher schreibt? Klar, der Rest der Welt
macht’s eh. Aber wie lange noch?
In anderen Städten, etwa in London,
läuft es anders: kostenloser Eintritt ins
Museum für alle, Ticketlotterien für Musicals,
Kunst und Musik in jeder Bar. Barrierefreiheit,
Ruheräume und „relaxed Performances“
(ohne laute Geräusche oder
helle Lichter) für alle, die sie brauchen. Über
Kunst und Kultur debattiert auch London,
allerdings anders: Die Bedingungen für
Künstler*innen müssen besser, die Förderungen
überdacht und die Finanzierungen
gesichert werden.
Gerade, wenn die Welt brennt,
braucht es Musik, Bücher, Filme und Theater
für alle. Kultur ist Medizin für das Herz
– und der beste Weg, miteinander zu reden.
Oder, um es mit dem Eurovision-Motto zu
sagen: United by Music!
Manon Soukup,
Kulturjournalistin &
Gründerin
kultur*knistern
PORTRÄT MANON SOUKUP © Privat
Kultur
& Events
in Kooperation mit
KULTUR*KNISTERN
78 79
Kultur
& Events
BIBER LIEST
Ein Blick ins Bücherregal
der kultur*knistern-Redaktion mit
Patricia Kornfeld, Julia Gaiswinkler,
15. MAI BIS
21. JUNI 2026
REPUBLIC
OF GODS
Tabea Mausz & Maria Todorović.
Half His Age
Jennette McCurdy
Eine 17-Jährige verliebt
sich Hals über
Der Hahn erläutert unentwegt
der Henne, wie man Eier legt
Ella Carina Werner,
Juliane Pieper
Shatter Me
Tahereh Mafi
Die 17-jährige Juliette
wird eingesperrt, weil
Dream Count
Chimamanda Ngozi Adichie
Wer kann es sich leisten, für sich selbst
einzustehen? Chimamanda Ngozi Adichie
Kopf in ihren Ü40-
Na, auch schon mal
ihre Berührung tödlich
erzählt von vier schwarzen Frauen, deren
Highschool-Profes-
gemansplained
wor-
ist. Bis ein skrupello-
Leben zwischen Nigeria und den USA
sor. Keine bahnbre-
den? Oder vielleicht
ses Regime erkennt,
verläuft. Chiamaka ist Reisebloggerin
chende Geschichte in
sogar selbst mal ge-
dass genau diese
und blickt auf vergangene Beziehungen,
der Romanwelt. Aber
mansplained? Dann ist
Fähigkeit als Waf-
meist mit weißen Männern, zurück. Dabei
wenn
Jennette
dieser
Gedichtband
fe taugt. Der Roman
erkennt sie, wie sehr diese von Status,
McCurdy schreibt, würde ich auch ein
genau das Richtige.
spielt sich fast komplett in ihrem Kopf ab:
Zugehörigkeit und unausgesprochenen Machtverhältnissen
Buch über Maschinenbau verschlingen.
Denn diese Gedichte sind nicht nur femi-
mit durchgestrichenen Gedanken, über-
geprägt waren. Zikora, ehrgeizige Anwältin in Washington,
Irgendetwas an ihrem Stil macht süch-
nistisch, sie sind auch, im wahrsten Sinne
bordenden Gefühlen und einer Sprache,
erlebt nach einer lang ersehnten Schwangerschaft, wie
tig. Ist es die Unverfälschtheit, das un-
des Wortes, saucool und lustig. Juliane
die sich wie ein fiebriger Tagebucheintrag
schnell Karriereversprechen bröckeln, und Omelogor be-
gewöhnlich Direkte? Dass plötzlich Sätze
Piepers‘ farbenfrohe und pointierte Il-
liest. Zwischen gefährlicher Anziehung,
wegt sich selbstbewusst zwischen Karriere und moralischen
daherkommen, die einen komplett über-
lustrationen bringen die Sache zusätzlich
Machtspielen und dem Wunsch, endlich
Grauzonen. Kadiatou, Chiamakas Haushälterin, kam als Ge-
rumpeln? Ich weiß es nicht. Auf jeden
auf den Punkt. Ein Hingucker in jedem
selbst über ihr Leben zu bestimmen, ent-
flüchtete in die USA. Ihre Figur verdeutlicht am eindring-
Fall beweist McCurdy mit ihrer Ich-Er-
Regal und genau das Richtige für alle, die
steht ein schneller, dramatischer Plot
lichsten, wie Sexismus, Rassismus und Klassismus darüber
zählerin ihr unheimliches Talent dafür,
dem Patriarchat gegen das Schienbein
voller Spannung und Herzklopfen. Ein
entscheiden, wer gehört und wem Schutz gewährt wird.
glaubhaft über zerrüttete Charaktere
zu schreiben, sodass man sich beim Lesen
krümmen muss – meistens vor Unbehagen,
manchmal vor Lachen. Große
Empfehlung!
PATRICIA KORNFELD
Ist Redaktionsassistentin und
Leiterin des Literaturressorts
bei kultur*knistern, Vorstandsmitglied
des Vereins Freischreiber:innen
Österreich und freie
treten wollen.
JULIA GAISWINKLER
Liebt das geschriebene, gesprochene
und gesungene
Wort. Studium der Publizistik-
und
Kommunikationswissenschaften
sowie Germanistik an
der Uni Wien. Freie Journalistin unter anderem
für kultur*knistern, The Gap und MeinBezirk.
düsterer, romantischer Pageturner, der
vor allem durch seine intensive Stimmung
mitreißt.
MARIA TODOROVIĆ
Hat Content-Produktion und
Digitales
Medienmanagement
in Wien studiert und arbeitet
sowohl im Print- als auch im TV-
Bereich. Sie schreibt über (Pop-)
Kultur, ordnet Trends aber immer in größere gesellschaftliche
Zusammenhänge ein, besonders
„Dream Count“ zeigt, warum das Private politisch ist und
wieso Feminismus ohne intersektionale Perspektive zu kurz
greift. Der Roman tut weh und zeigt unverblümt Missstände
auf – gerade deshalb sollte er gelesen werden.
TABEA MAUSZ
Liebt authentisches Storytelling und schreibt über
Gleichstellungsfragen, Menschen- und Frauenrechte.
Sie hat Communication Science studiert und produziert
als freie Journalistin Content für Social Media,
Online und Print. Bei kultur*knistern beschäftigt sie
sich am liebsten mit feministischer Gegenwartsliteratur, Film und
F
E
S
T
W
O
C
H
E
N
.
A
T
Gestaltung: SIRENE Studio / © soju.studio
Journalistin für u. a. Standard, Zimt-Magazin
dort, wo Fragen von Identität, Migration und
Ausstellungen.
und nachtkritik.de.
Zugehörigkeit sichtbar werden.
Kultur
& Events
in Kooperation mit
KULTUR*KNISTERN 80
81
„Ich arbeite mit Kolleg:innen
aus vielen verschiedenen Ländern
zusammen. Man merkt im Alltag, dass
jede und jeder etwas anderes mitbringt
und genau das hilft uns, Lösungen
zu finden, die alleine oft nicht
entstehen würden.“
Alica Sarnovska
Teamleitung Venue Care
EIN GEMEINSAMES
VERSTÄNDNIS VON
MITEINANDER
Gerade in einem Umfeld mit vielen Menschen
und wechselnden Veranstaltungen
gewinnt das Thema Awareness zusätzlich
an Bedeutung. Die Wiener Stadthalle setzt
auf geschulte Mitarbeitende im Publikumsbereich,
an die sich Besucher:innen bei Bedarf
wenden können. Ergänzend dazu gibt
es Rückzugsmöglichkeiten, die in bestimmten
Situationen genutzt werden können.
Diese Maßnahmen richten sich sowohl
an das Publikum als auch an die Mitarbeitenden
selbst. Ziel ist es, einen Rahmen
zu schaffen, in dem sich unterschiedlichste
Personen wohl fühlen und ein respektvolles
Miteinander gefördert wird.
FOTOS Oberhauser / Wiener Stadthalle
VIELFALT ALS ARBEITGEBERIN
DIE WIENER STADTHALLE:
EIN ORT, DER MIT SEINEN
MENSCHEN WÄCHST
Die Wiener Stadthalle ist die größte Multifunktionsarena
Österreichs und zählt mit
rund 300 Veranstaltungen und mehr als
einer Million Besucher:innen jährlich zu den
meistgenutzten Eventlocations Europas.
Das Programm reicht von internationalen
Konzerten über Sportgroßveranstaltungen
bis hin zu TV-Produktionen und Shows unterschiedlichster
Formate.
Auffällig ist dabei vor allem die Bandbreite
an Veranstaltungen, die an einem Ort
umgesetzt werden können. Unterschiedliche
Anforderungen an Technik, Raum und
Organisation gehören zum Alltag und setzen
ein hohes Maß an Flexibilität voraus.
Möglich wird das nicht zuletzt durch die
Menschen, die hinter den Abläufen stehen.
„Die Vielfalt in unserem Team
ist kein Zusatz, sondern eine
Voraus setzung dafür, dass wir als
Veranstaltungsort funktionieren.
Unterschiedliche Perspektiven helfen
uns, flexibel zu bleiben und auf die
Anforderungen eines internationalen
Programms zu reagieren.“
Thomas Waldner
Geschäftsführer Wiener Stadthalle
OHNE TEAM KEIN EVENT
Was auf der Bühne sichtbar wird, ist nur
ein Teil des Gesamtbildes. Planung, Technik,
Organisation, Sicherheit und Service greifen
im Hintergrund ineinander, oft unter
hohem Zeitdruck und mit wechselnden Anforderungen.
Dass Veranstaltungen in dieser
Größenordnung reibungslos umgesetzt
werden können, hängt wesentlich vom Zusammenspiel
der Mitarbeitenden ab.
Gerade diese enge Zusammenarbeit
macht das Team zu einem zentralen Faktor
im Betrieb. Unterschiedliche Erfahrungen,
Arbeitsweisen und Perspektiven fließen in
die Abläufe ein und tragen dazu bei, dass
sich die Wiener Stadthalle immer wieder
auf neue Formate einstellen kann.
VIELFALT ALS GELEBTE
REALITÄT
Diversität ist in der Wiener Stadthalle keine
leere Worthülse, sondern gelebter Alltag.
Neben der österreichischen Mehrheit
arbeiten Menschen aus insgesamt zwölf
weiteren Nationen im Unternehmen – von
Deutschland über Bosnien & Herzegowina
und die Türkei bis hin zu Indien und Syrien.
Diese kulturelle Vielfalt bringt unterschiedliche
Perspektiven, Erfahrungen und
Kompetenzen zusammen. Eine wertvolle
Grundlage für Kreativität, Innovation und
gegenseitiges Lernen.
Auch beim Alter zeigt sich ein bewusst
breites Spektrum. Von jungen Mitarbeitenden
in ihren Zwanzigern bis hin zu
erfahrenen Kolleg:innen über 60 Jahren
arbeiten hier Menschen unterschiedlicher
Generationen zusammen. Damit vereint die
Wiener Stadthalle Erfahrung und frische
Impulse. Ein Zusammenspiel, das den Arbeitsalltag
bereichert.
WACHSEN DURCH
MENSCHEN
Seit 1958 verbindet die Wiener Stadthalle
Menschen – auf, vor und hinter der Bühne.
Und genau darin liegt ihre größte Stärke: in
der Fähigkeit, sich gemeinsam mit den Menschen
weiterzuentwickeln, die sie prägen.
Damit zeigt sich die Wiener Stadthalle
nicht nur als Veranstaltungsort,
sondern auch als Arbeitsplatz, an dem
unterschiedliche Hintergründe zusammenkommen
und an dem das Gelingen jeder
einzelnen Veranstaltung letztlich von den
Menschen abhängt, die sie umsetzen.
Advertorial WIENER STADTHALLE
82 83
JETZT BEWERBEN:
DER BIBER IMPACT AWARD 2026!
Auszeichnung für
Vorbilder, Mutmacher
und Changemaker
Vielfalt, Erfolg und gesell schaftlicher Wandel verdienen
Anerkennung – genau dafür steht der Biber Impact
Award.
Der Biber Impact Award würdigt Menschen und
Organisationen, die unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten
– als Vorbilder, Mutmacher und Changemaker.
Vier Kategorien für
herausragende Leistungen
I.
UNTERNEHMEN
Organisationen, die durch
Jetzt mitmachen –
so geht’s!
Bist du oder dein Unternehmen ein Vorbild für Vielfalt,
Chancengleichheit und Erfolg?
Sei dabei und reiche deine Bewerbung bis spätestens
31. Juli 2026 ein unter:
impactaward.dasbiber.at
internationale Teams, globale
Geschäftstätigkeit oder innovative
Programme Vielfalt aktiv fördern
II.
INSTITUTIONEN
Öffentliche Einrichtungen, die mit
inklusiven Programmen, integrativer
Kultur und gezielten Maßnahmen neue
Standards in Sachen Vielfalt setzen
UNTERSTÜTZEN SIE DEN IMPACT
AWARD ALS SPONSOR!
Werden auch Sie mit Ihrem Unternehmen
Partner des Biber Impact Awards.
Unser Team begleitet und berät Sie gerne
über alle Möglichkeiten!
KONTAKT
office@dasbiber.at
FOTO Helen Rushbrook / stocksy.com
Bewerben können
sich sowohl
Einzelpersonen
als auch
Organisationen!
Die Gewinner*innen werden im Oktober in feierlichem
Rahmen ausgezeichnet.
III.
KARRIERE
Inspirierende Persönlichkeiten,
deren Werdegang zeigt, dass
Herkunft keine Grenzen setzt –
sondern Antrieb sein kann
IV.
TALENT
Junge Menschen, die mit Kreativität,
Leistung und gesellschaftlichem
Engagement die Zukunft mitgestalten
Wir freuen uns auf
inspirierende Einreichungen!
Gemeinsam gestalten wir eine
vielfältige Zukunft!
FOTOS Zsolt Marton
Kolumne
Advertorial
84
85
IMPACT AWARD
Feature
Paris gilt als eine der wichtigsten
Modemetropolen der Welt. Internationale
Designer, kreative Szenen und ikonische Orte
prägen das Stadtbild.
Pat Domingo war vor Ort und fing
die Atmosphäre der Stadt ein.
Paris
in
mit PAT DOMINGO
PATS TIPPS für ein Wochenende in Paris
SIENA PARIS
Tolles Essen, nettes Ambiente und man trifft dort eventuell
auf Stars wie Leonardo DiCaprio.
LE VOLTIGEUR CAFÉ
Ein nettes typisches Pariser Café im Herzen der Altstadt
Le Marais. Geführt von zwei Brüdern, ist das Ambiente
sehr „french“. Es ist außerdem ein tolles Café, in dem man
einfach vorbeigehende Menschen beobachten kann.
Pat Domingo ist ein internationaler People- und Lifestyle-
Fotograf aus Wien. Er arbeitet hautnah mit Persönlichkeiten,
Prominenten und internationalen Marken wie Leica
oder Breitling, LV, BVLGARI und macht in jeder
Situation das beste Foto. Unterstützt wird er von seiner
Schwester Joy im Management. Die beiden sind ein eingeschworenes
Team: Joy kümmert sich um alles Organisatorische
und hält Pat den Rücken frei, damit er seine Kreativität
voll entfalten kann.
MAISON EUROPÉENNE
DE LA PHOTOGRAPHIE
Wundervoll kuratierte Kunst und Fotografien –
von Mode bis zu Journalismus wird hier alles ausgestellt,
was das Fotografenherz begehrt.
MUSÉE D'ORSAY
Das ist ein Ort in Paris, den man unbedingt besucht haben muss.
KITH PARIS
Die US-amerikanische Brand hat einen wundervollen
Flagship Store in Paris! Einen Besuch ist es wert,
und der Kaffee dort ist auch ein must-have.
FOTOSPOT
Einen Lieblingsspot in Paris habe ich nicht,
aber ich empfehle jedem, einmal nach Le Marais zu fahren
und sich in diesem Bezirk einfach treiben zu lassen.
PORTRAIT PAT & JOY Pius Martin. ALLE ANDEREN FOTOS Pat Domingo.
Fotostrecke
86 87
Fotostrecke
WIEN DURCH DIE AUGEN VON
ALIZ BUZAS
HAUPTBAHNHOF
In den Hauptbahnhof
habe ich mich auf den ersten
Blick verliebt. Er ist
so viel sauberer als jeder
Bahnhof in Budapest,
offen und luftig. Wenn
der Zug einfährt, habe
ich seltsamerweise immer
das wohlig-warme Gefühl,
zuhause anzukommen.
Was hat dich nach Wien geführt?
Wir leben nun seit fast drei Jahren
mit meiner Familie in Wien. Der Hauptgrund
für unseren Umzug war, unserer
Tochter bessere Möglichkeiten
zu bieten. Es war uns wichtig, dass
sie Deutsch auf muttersprachlichem
Niveau lernen kann und wir weniger
stressig leben. Ich habe Österreich
als ein deutlich ruhigeres Land kennengelernt
als Ungarn, und das spürt
man auch im Alltag.
Was bewunderst du an Wien?
Ich bewundere jeden Tag, wie viel
freund licher die Menschen hier
miteinander umgehen als zum Beispiel
in Budapest. Im Geschäft hat die
Verkäuferin oder der Verkäufer immer
ein freundliches Wort oder ein
Lächeln für mich. Wenn ich nicht weiß,
wo etwas ist, helfen mir die Leute
stets freundlich. Ich habe das Gefühl,
dass man hier mehr aufeinander
achtet und sich aufeinander verlassen
kann. Das mag hier ganz alltäglich
sein, aber für mich ist es jeden Tag ein
sehr schönes Gefühl, das zu erleben.
Was vermisst du in Wien?
Leider habe ich hier noch nicht so
viele persönliche Kontakte. In Budapest
habe ich etwa zwölf Jahre gelebt
und wusste genau, wo die beste
Druckerei ist oder welchen Handwerker
ich anrufen kann, wenn etwas
kaputtgeht. Hier muss ich mir das
alles erst noch erarbeiten und die
Stadt besser kennenlernen.
Was könnte sich Österreich von
Ungarn abschauen?
Wenn die Österreicherinnen und Österreicher
nicht für Pressefreiheit
und unabhängige Medien eintreten,
ist Ungarn leider ein gutes Beispiel
dafür, was aus Österreich werden
könnte.
Aliz Buzas ist eine ungarische Illustratorin, die
in Wien lebt und arbeitet. Sie hat bereits mit
namhaften Medienhäusern wie dem New Yorker
oder der Washington Post zusammengearbeitet.
Derzeit arbeitet sie an Wandbildern zu den
verschiedenen Nationalitäten, die in Wien leben.
Das Projekt soll sichtbar machen, wie verschiedene
Kulturen Wien tagtäglich prägen – und
eines Tages vielleicht das Stadtbild schmücken.
Mehr Infos: alizbuzas.com
Interview von
Illustrecke DAMITA PRESSL
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ARENBERGPARK
Ich liebe die riesigen,
dramatischen Flaktürme
in Wien und der Arenbergpark
ist genau deshalb
einer meiner liebsten
Plätze. Im Sommer picknicken
wir oft hier und
sehen den Kindern zu, die
um die Türme herumlaufen.
CHRISTKINDLMARKT AM
RATHAUSPLATZ
Eigentlich mag ich
Weihnachtsmärkte wegen
der Menschenmassen
nicht so, aber Anfang
Dezember ist dieser
Markt noch nicht zu
überlaufen und man kann
die festliche Stimmung
wunderbar genießen.
Illustrecke
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ALTE DONAU STRANDBAD
Ich habe beinahe jedes Schwimmbad und jeden Strand in Wien erkundet, weil meine Tochter und ich in den Sommerferien oft den
ganzen Tag schwimmen gehen. Am liebsten haben wir das Alte Donau Strandbad. Der Strand ist genau richtig groß, wir lieben das
Café, manchmal kommen uns Schwäne begrüßen und wir sehen den riesigen Karpfen im Wasser zu.
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