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Biber Magazin 2026-05

Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.

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MAI 2026

20 JAHRE

BIBER

WORAUF

IRANER IN

WIEN

HOFFEN

60 JAHRE

GASTARBEITER­

ABKOMMEN

WAS UNS VERBINDET,

WAS UNS SPALTET

FERHATS ZUTATEN

FÜR ERFOLG

DAS GROSSE

ESC-SPECIAL


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Liebe Leserinnen

und Leser,

die Welt dreht sich aktuell gefühlt ein wenig

schneller. Wien freut sich auf den Eurovision

Song Contest, während die Lage im

Nahen Osten so instabil ist wie Jahrzehnte

nicht mehr. Wir haben die iranische Community

in Wien gefragt, wie sie dieses schwierige

Jahr bisher erlebt hat (S. 6), und einen

Song-Contest-Fan der ersten Stunde,

warum der ESC auch in Zeiten wie diesen

gefeiert gehört (S. 46). Wir haben uns auf

die Suche nach all jenem gemacht, das uns

inmitten des Weltgeschehens trotzdem

verbindet (S. 24), und mit dem Mann gesprochen,

dessen Döner ganz Wien zusammenbringt

(S. 70). Familien-, Europa- und Integrationsministerin

Claudia Bauer hat uns

verraten, mit wem sie Gräben in der Politik

überwindet und wann jemand für sie in Österreich

wirklich integriert ist (S. 12). Und

wir haben Geschichten von Gastarbeitern

gesammelt, die alles getan haben, um sich

zu integrieren und dennoch kaum Anerkennung

bekamen (S. 56).

Für den Biber ist diese Ausgabe eine ganz

besondere: Wir werden 20! So lange ist unsere

erste Ausgabe nun her und wir freuen uns

über die zahlreichen Glückwünsche (S. 62).

Vieles hat sich bewährt, zum Beispiel unsere

Event- (S. 78) und Buchtipps (S. 80), anderes

ist neu, zum Beispiel der Biber Impact

Award, für den wir gern wieder Bewerbungen

entgegennehmen (S. 84).

Viel Freude beim

Lesen wünscht

DAMITA PRESSL

Für ein Wien,

das alle vereint.

Inklusion beginnt dort, wo Menschen füreinander da sind.

Die „Freiwillig für Wien“-Plattform bietet allen die Möglichkeit, sich

freiwillig zu engagieren – genau dort, wo Hilfe gebraucht wird.

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F.-W.-Raiffeisen-Platz 1, 1020 Wien. Stand: April 2026



INHALTSVERZEICHNIS

05 Kolumne

WAS UNS VEREINT, IST DAS FEIERN,

schreibt Biber-Kolumnist Ruşen Timur Aksak.

40 ESC Special

06 Politik & Gesellschaft

40 TANZSCHEIN

Wer ist COSMÓ, der Mann hinter dem ESC-Song?

46 MEHR ALS EIN EVENT

Annie Müller Martínez ist seit 2015 ESC-Ultra.

06 „ANFANGS WAR ICH WIE BETÄUBT“

Massenproteste, Massaker, Krieg. Eine Auslandsiranerin in

Österreich erzählt, wie sie die Ereignisse im Iran erlebt.

12 „WORAN MACHEN SIE FEST, OB JEMAND IN

ÖSTERREICH INTEGRIERT IST?“

Mit Hand, Fuß und Schmäh – Biber fragt, Familien- und

Integrationsministerin Claudia Bauer antwortet pantomimisch.

14 MIGRATION IM MITTELMEER

Die NGO Sea Watch führt Seenotrettungen im zentralen

Mittelmeer durch. Ein Mitglied erzählt, wie diese ablaufen.

20 FRIEDEN MIT DEN TALIBAN?

Wie sich Afghanistan unter der militanten Organisation verändert hat.

24 WAS UNS VERBINDET

Wie geht Österreich mit Vielfalt um? Gallup hat nachgeforscht.

32 WIE GESPALTEN IST ÖSTERREICH?

Dr. Martin Dolezal forscht an der Universität Graz unter anderem zu

politischer Polarisierung und teilt seine Einschätzung.

38 GEHÖRLOSE KINDER BRAUCHEN SPRACHE

Inklusionslehrerin Theresa-Marie Stütz plädiert für mehr Inklusion.

Was den Song Contest für sie so besonders macht.

48 DEAF PERFORMERS

Wie ESC-Musik für Gehörlose sichtbar wird

52 PROTEST-SONG-CONTEST

Nicht nur in der Stadthalle wird es laut

86 Fotostrecke

IMPRESSUM:

MEDIENINHABER & HERAUSGEBER

Kobza Media Beratungs GmbH

Lange Gasse 50/2, 1080 Wien

HERSTELLER

Mediaprint Zeitungsdruckerei gesellschaft

m.b.H. & Co KG

HERSTELLUNGSORT Wien

dasbiber.at

56 Magazin

56 60 JAHRE GASTARBEITERABKOMMEN

Vor 60 Jahren schloss Österreich ein Anwerbeabkommen mit Jugoslawien

ab. Die Menschen, die damals kamen, haben das Land geprägt.

Doch ihre Geschichten haben wir oft vergessen.

62 20 JAHRE BIBER

Wir werden 20, und Wien feiert mit!

70 „DU MUSST DEIN BESTES GEBEN“

Wie Ferhat Yildirim sein Döner-Imperium aufbaute

78 Kultur & Events

78 BIBER IN WIEN

kultur*knistern teilt die besten Event-Tipps in Wien.

80 BIBER LIEST

Ein Blick ins Bücherregal der kultur*knistern-Redaktion

84 Feature

IN PARIS MIT PAT DOMINGO

Der Starfotograf teilt seine Lieblingsspots in Paris.

IMPACT AWARD

Jetzt bewerben und Vielfaltspreis gewinnen!

88 Illustrecke

WIEN DURCH DIE AUGEN VON ALIZ BUZAS

Die Illustratorin Aliz Buzas teilt Bilder ihrer Lieblingsorte

in der Hauptstadt.

CHEFREDAKTEURIN Damita Pressl

ART-DIREKTORIN Valerija Iļčuka

PROJEKTTEAM Daniela Steinklammer

Medina Osmanović

LEKTORAT Kristina Reinecker

COVER-FOTO Yannik Steer

COVER-ILLUSTRATIONEN istock.com,

Biber-Redaktion

ÖAK-GEPRÜFT laut Bericht über

die Jahres prüfung im 1. Hj. 2025:

Druck auflage: 105 681 Stück

Verbreitete Auflage: 105 271 Stück



WAS,

LASST

UNS

WENN

ARBEIT

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#RedenWir

über faire Teilzeit

1,4 Millionen Menschen arbeiten in Österreich Teilzeit.

Viele leisten regelmäßig mehr Stunden als vereinbart –

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Die AK steht für faire Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten.

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WIEN

Was

hält eine Gesellschaft

zusammen? Verfassung und Gesetze,

würden manche argumentieren,

doch am Ende braucht es mehr als juristische

Texte, um ein echtes Wir-Gefühl aufkommen zu lassen.

Sprache, würden andere behaupten, doch auch

die Sprache ist am Ende nur ein Vehikel. Immerhin bedienen

sich auch islamistische Prediger in den sozialen

Medien der deutschen Sprache – und das (leider) gar nicht

schlecht. Nein, da muss es doch etwas geben, das tiefer

geht und ein echtes Wir-Gefühl aufkommen lässt. Die

Antwort auf die Frage brachte mir das Christkind.

Ich hatte ein wundervolles Weihnachtsfest. Es gab

Geschenke, dichten Schneefall, leckeres Essen, viel zu

trinken und gute Gespräche. Als ich am Weihnachtsmorgen

aufstand und vorsichtig die Treppe hinunterstieg,

war es in der Wohnstube noch kalt. Aber ich

fror nicht, denn mich wärmte die plötzliche Erkenntnis,

dass ich in jenem Augenblick etwas mit

so vielen Menschen in Österreich teilen durfte:

das Geschenk einer geteilten Erfahrung. Wir

feierten ein Fest des besinnlichen Miteinanders,

ob wir nun in Traun, Kufstein, Wien

oder Hartberg waren. In diesem Moment

fühlte ich mich auf eine be sondere

Art und Weise mit dem ganzen

Land verbunden. Als würde

uns ein unsichtbares Band

zusammen halten.

Ich selbst bin das

Kind einer muslimischen

Gastarbeiterfamilie.

von

TIMUR AKSAK

Ruşen Timur Aksak ist selbständiger Medienberater.

Zuvor arbeitete er als Journalist und

TV-Redakteur und war später Pressesprecher der

GEMEINSAM

Weihnachten

war die

meiste Zeit meines Lebens das

Fest der „Anderen“ – oder besser gesagt,

eine Angelegenheit der „Österreicher“. Früher

mied ich sogar Weihnachtsmärkte, mutierte über

die Festtage zu einem kleinen Grinch und sehnte mich

danach, dass die ganze Sache mit Weihnachten schnellstmöglich

vorbei war. Das Land meiner Geburt erschien mir

während dieser besinnlichen Zeit seltsam „fremd“. Als

gäbe es eine Party, zu der ich als Einziger nicht eingeladen

war. Heute weiß ich, dass ich es war, der sich selbst ausgeladen

hat.

Gemeinsame Rituale und Feste sind wichtig. Das

wussten schon die alten Römer. Ihre Feste waren zwar

von religiöser Natur, doch entscheidend war ihre gesellschaftliche

Funktion. Bei allen Gegensätzen und

Widersprüchen waren es gerade diese gemeinsamen

Rituale und Feste, die die römische Gesellschaft

zusammenhielten. Ob reich, arm, alt- römisch

oder aus den Provinzen immigriert, es gab einen

gemeinsamen Kitt, der den Zement Roms erst

härten ließ. Auch unsere Gesellschaft ist

eine, die stärker polarisiert ist. Unsere

Gegensätze – über die Themen von Migration

und Zusammenleben hinaus –

sind nicht zu übersehen. Und genau

deswegen ist es wichtig, dass

wir wieder mehr Mut zur

Gemeinsamk eit finden. Wir

leben gemeinsam, also

feiern wir auch gemeinsam.

FEIERN!

5 Islamischen Glaubensgemeinschaft.

Kolumne



„WENN DAS LAND

ÜBERLEBT,

Anfang Januar 2026 gehen die Menschen im Iran auf die Straßen.

Das Regime schlägt die Proteste brutal nieder und ermordet mehrere

Zehntausend. Vor dem Hintergrund der Massaker und stockender

Verhandlungsgespräche rund um Irans Nuklear programm greifen Israel

und die USA Ende Februar an. Die Iraner in Österreich können nur

zusehen, um ihre Familie bangen – und hoffen.

WIRD ES NICHT MEHR

DAS SEIN,

WAS ES EINST

FOTO Artin Bakhan / unsplash.com

GEWESEN IST.“

Politik

& Gesellschaft

von

DAMITA PRESSL 6

7



Eine Menschenmenge, die auf die Straße strömt. Hupen.

Laut skandierte Parolen. „Lang lebe der Schah“ oder

„Tod dem Diktator“. Plötzlich: Schüsse. Ein Knall

nach dem anderen. Panik, Schreie. Die Menschenmenge

bricht auseinander. Die Schüsse brechen nicht ab. So

oder so ähnlich sehen die Videos aus, die Anfang Januar

2026 aus dem Iran die Weltöffentlichkeit erreichen. Sie

kursieren auf Twitter oder Telegram, oft sind sie verwackelt

und anonym, die Urheber riskieren als Regimegegner

schließlich ihr Leben. Augenzeugen werden die

Geschehnisse später bestätigen. Sie erzählen von Regimekräften,

die aus der Ladefläche von Pickup-Trucks

in die Men schenmengen schießen.

„Ein Freund von meinem Mann hat seinen Neffen verloren“,

erzählt Nazanin*. „Er ist friedlich auf eine Demo

gegangen, in Isfahan, in einer Wohngegend, da, wo mein

Mann früher auch gewohnt hat. Zwischen seiner Mutter

und seiner Oma ist er mitgelaufen. Sie haben ihm aus der

Ferne in den Kopf geschossen und er war tot.“ Nazanin

ist Wienerin, Anfang 30. Sie ist in Österreich geboren,

ihre Eltern und ihr Mann im Iran. Ihre engste Familie

konnte Teheran rechtzeitig verlassen. Sie wissen nicht,

ob ihre Wohnung in der Hauptstadt noch steht, aber es

geht ihnen gut.

Vanessa, 34, ist Lehrerin in Wien. Ihre Tante wohnt im

Norden Teherans. Sie weiß bis heute nicht, ob all ihre

Bekannten noch leben. Denn das Regime im Iran dreht

am 8. Januar 2026 das Internet ab. „Ich bin mir ziemlich

sicher, dass ein paar Freunde meiner Cousins tot sind.

Es ist ein komisches Gefühl, zu wissen, dass manche

Menschen vielleicht nicht mehr da sind.“

„WHATSAPP ZEIGTE NUR MEHR EINEN HAKEN AN“

Es sind Iraner, die da auf ihre Landsleute schießen, Mitglieder

der sogenannten Basij, der paramilitärischen

Freiwilligenmiliz des Regimes der Islamischen Republik.

„In Wirklichkeit gehören sie zur Regierung“, erklärt

Nazanin. „Das sind junge Burschen aus armen Schichten;

man gibt ihnen eine Waffe und sagt ihnen: ‚Du hast

jetzt Macht, kämpf‘ für dein Vaterland.‘ Die Rekrutierung

beginnt bereits im Kindesalter. „Das ist wie ein

radikaler Jugendverein. Wenn du von klein auf radikalisiert

wirst, denkst du dir, das sind Gotteslästerer, die

den Tod verdienen. Die sehen die Menschen, auf die sie

schießen, wahrscheinlich gar nicht als Menschen. Frauen

schon gar nicht.“ An den Universitäten gibt es für die

Basiji eine Studienplatzquote, auch am Arbeitsmarkt

werden sie bevorzugt.

Nazanin hat in diesen Tagen nur sporadisch Kontakt

zu ihrer Familie: „Meine Schwiegereltern haben es

ab und zu geschafft, online zu gehen. Ich weiß nicht, wie;

ich habe gehört, die beste Möglichkeit ist, mit einer iranischen

SIM-Karte aus dem Ausland anzurufen.“ Auch

Vanessas Familie ist abgeschnitten. „Meine Tante hat

im Januar einmal kurz mit meiner Mama telefoniert, vom

Festnetz aus. Danach zeigte WhatsApp nur mehr einen

Haken an. Die Nachrichten gingen nicht mehr durch. Bis

jetzt nicht.“

In den darauffolgenden Tagen tauchen trotz Internetsperre

weitere Videos auf. Sie zeigen Reihen an Leichensäcken,

dazwischen verzweifelte Menschen, die

versuchen, ihre Verwandten zu identifizieren. Die Ärzte,

deren Stimmen an die Außenwelt dringen, schätzen

die Zahl der Toten auf bis zu 30 000. Auch sie setzen ihr

Leben aufs Spiel, denn das Regime befindet, wer beim

Protestieren verletzt wird, habe kein Recht auf medizinische

Hilfe.

„Wenn du von klein auf radikalisiert

wirst, denkst du dir, das sind

Gotteslästerer, die den Tod verdienen.

Die sehen die Menschen, auf die sie

schießen, wahrscheinlich gar nicht als

Menschen. Frauen schon gar nicht.“

manche Iraner eine militärische

Intervention der USA.

„HILFE IST AUF DEM WEG“

Am 13. Januar meldet sich Donald

Trump zu Wort. „Iranische

Patrioten,

PROTESTIERT

WEITER – ÜBERNEHMT

EURE

INSTITUTIONEN!!!

Merkt euch die Namen der

Mörder und Täter. (...) HILFE

IST AUF DEM WEG“, schreibt

er auf seiner Plattform Truth

Social. Welche Art von Hilfe,

das erklärt Trump noch nicht.

Doch bereits da wünschen sich

„Die Leute sind im Iran schon oft auf die Straße

gegangen“, sagt Nazanin. „Nach Mahsa Aminis Tod

und auch davor. Aber in den letzten Jahren hat es sich

gehäuft, und diesmal waren sie mutiger, weil Trump

versprochen hat, zu helfen. Sie dachten, diesmal bringt

es etwas.“ Auch Vanessa erinnert sich an den kurzen

Hoffnungsschimmer: „Es war schon ein Gefühl der Vorfreude,

dass der Regimesturz jetzt endlich stattfindet.

Ich habe damals mit vielen Bekannten

und Freunden geredet. Viele haben

Trump unterstützt. Ich war mir von Anfang

an nicht sicher und fand das etwas

kurz gedacht. Wir wissen ja, wie das

Regime funktioniert. Wenn einer

weg ist, kommt der nächste nach.“

Inzwischen zeigen Satellitenbilder, wie die USA

ihre militärische Präsenz im Nahen Osten so stark ausbauen

wie seit Jahrzehnten nicht. Flugzeugträger, Lenkwaffenzerstörer,

tausende Soldaten und Kampfschiffe

schickt Trump in die Region, zu Stützpunkten in beinahe

alle Länder des Nahen Ostens sowie die umliegenden

Gewässer.

In Europa und auf der ganzen Welt geht die Diaspora

auf die Straßen, um auf die Massaker aufmerksam zu

machen. In Wien am 8., in München am 14. Februar, dem

Valentinstag. Dort kommen eine Viertelmillion Menschen

zusammen, der Sohn des früheren Schahs spricht

zur Menge. Vanessa beschließt, zuhause zu bleiben. „Am

Ende habe ich mich nicht getraut. Die iranische Regierung

hat Iranern, die im Ausland leben und jubeln, offen

gedroht. Meine Familie lebt noch im Iran. Ich war mir

nicht sicher, ob ihnen etwas zustoßen könnte.“

„JEDER, DER SAGT, ER HAT SICH NICHT GEFREUT,

IST EIN IDIOT“

Am 28. Februar schlagen Israel und die USA

zu. Mehrere iranische Städte melden Luftangriffe.

Im Laufe des Tages bestätigt sich: Irans oberster Führer,

Ayatollah Ali Khamenei, wurde bei einem der Angriffe

getötet. „Der Mann, der die Massaker im Jänner höchstpersönlich

beauftragt hat, ist tot. Jeder, der sagt, er hat

sich nicht gefreut, ist ein Idiot“, sagt Nazanin. „Ich

gönne das den Müttern, die ihre Kinder verloren

haben.“

Noch am selben Abend finden sich dutzende Iraner

am Stephansplatz zusammen. Sie tanzen zu iranischer

Musik, viele in die iranische Flagge mit Löwen und Sonne

gehüllt, bis zur Islamischen Revolution 1979 das offizielle

Staatssymbol Irans. Einen Tag später verläuft ein

größerer Demonstrationszug durch Wien, mindestens

2000 Menschen laufen den Ring entlang. Das ist ein guter

Teil der Diaspora: In Wien leben nur rund 18 000 im

Iran geborene Menschen. Sie schwenken iranische, israelische,

ukrainische und US-Flaggen, zusammen mit

der österreichischen. „Es ist kein Krieg gegen den Iran

oder mit dem Iran. Es ist ein Krieg FÜR IRAN“, steht

auf einem der Schilder in den Nationalfarben aufgemalt.

Eine deutlich kleinere Gegendemonstration findet sich

am Stephansplatz zusammen. Dort protestieren Männer

und Frauen getrennt und fordern Solidarität mit

dem iranischen Regime.

„Es ist ein komisches Gefühl,

zu wissen, dass manche Menschen

vielleicht nicht mehr da sind.“

„WAS INTERESSIERT ES DIE USA,

OB DAS IRANISCHE VOLK FREI IST?“

Nach sechs Wochen Krieg sitzt das iranische Regime fest

im Sattel, sieht sich sogar als Sieger. Zu gefestigt ist der

iranische Staat, zu weitreichend die Macht der islamischen

Revolutionsgarde, jene Institution, der die Basiji

unterstellt sind. Entgegen der Hoffnung Trumps konnte

ein Schlag gegen den Anführer das Regime nicht zu Fall

bringen. Es hat überlebt, und es kontrolliert nach wie vor

die Straße von Hormuz, jene Seeroute, durch die 20 Prozent

der weltweiten Ölexporte transportiert werden.

„Es wurden schon viele wichtige Drahtzieher getötet“,

sagt Nazanin, „aber die sind wie die Ameisen.

Irgendjemand kommt immer nach. Wie soll das

jetzt weiter gehen? Nach einer Weile ging es ja eigentlich

nur noch um die Straße von Hormuz. Die USA haben einfach

ihre eigenen Ziele verfolgt und wollen sich in der

Weltpolitik stärken. Was interessiert es die USA, ob das

iranische Volk frei ist?“

„Inzwischen macht mir überhaupt nichts mehr Hoffnung“,

sagt Vanessa. „Wer weiß, ob sich Trump an den

Waffenstillstand hält. Ich weiß auch nicht, wie schlau

es ist, wenn die Leute weiter demonstrieren. Sie werden

einfach alle abgemetzelt. Mittlerweile bin ich nicht mehr

sicher, ob ich jemals wieder hinreisen kann. Wenn das

Land überlebt, wird es nicht mehr das sein, was es einst

gewesen ist. Das bricht einem schon ein bisschen das

Herz.“

*Nazanins Name wurde von der Redaktion geändert.

Politik

& Gesellschaft 8 9

Politik

& Gesellschaft



SIMACEK

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bis zu Führungstrainings. Die erworbenen

Qualifikationen sind anerkannt und eröffnen

Mitarbeitenden neue berufliche Perspektiven.

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POTENZIALE ZU SEHEN –

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arbeiten mehr als 4000 Menschen aus

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Belegschaft sind Frauen. Diese Vielfalt

bringt unterschiedliche Sprachen, Kulturen

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das Unternehmen stark. Damit das funktioniert,

setzt SIMACEK auf klare Werte:

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Ziel ist ein Arbeitsumfeld, in dem sich alle

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entfalten können.

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verankert. Eine eigene Abteilung

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MIT HAND, FUSS ...

Das etwas andere Interview: Wir stellen unsere Fragen.

Geantwortet wird ohne Worte – dafür mit viel

Körper einsatz. Diesmal vor der Kamera: Bundesministerin

für Europa, Integration und Familie Claudia Bauer (ÖVP).

Woran machen Sie fest,

ob jemand in Österreich

integriert ist?

In unserer aktuellen

Ausgabe geht es viel um das

Thema Polarisierung und Spaltung.

Wie kann aus Ihrer Sicht

jeder Einzelne im Alltag

gesellschaft licher Spaltung

entgegenwirken?

„Mit

ausgestreckter

Hand aufeinander

zugehen.“

Zunächst streckt

die Ministerin die

Hand Richtung

Kamera, aber

unser Fotograf

sieht den Spiegel

und hat eine

bessere Idee.

Sie haben kürzlich bedauert,

Kinder bekommen sei inzwischen

viel zu sehr Kopf- und viel zu

wenig Bauchsache. Offenbar

kommen also immer mehr Menschen

zum Schluss, dass die

Rahmenbedingungen nicht stimmen.

Welche Priorität möchten

Sie bis Herbst 2029 noch unbedingt

umsetzen, um Familien diese

Entscheidung zu erleichtern?

... UND SCHMÄH

Nur 60 Prozent der

Österreicher sind

überzeugt, dass uns die

EU-Mitgliedschaft

Vorteile bringt.

Welcher ist aus Ihrer

Sicht der größte?

„Am wichtigsten ist es, dass wir positiv darüber

sprechen“, meint Bauer. Die Leinwand mit den Handabdrücken

war ein Mitbringsel von einer Krabbelstubeneröffnung

in Linz, erzählt Bauers Mitarbeiter.

Bauer wählt das „Peace“-Zeichen als Geste

und verweist auf den Gründungsgedanken.

Ihr Vater ist

ebenfalls bei der ÖVP

und Bürgermeister in

Walding. Wie sehr hat

das Ihrer politischen

Karriere geholfen?

Zum Thema

Überwinden von Gräben:

Verraten Sie uns, mit welchem

Kollegen oder welcher Kollegin

von einer anderen Partei Sie

am meisten verbindet?

Sie sind 2017 mit

22 Jahren als damals jüngste

Abgeordnete in den Nationalrat

eingezogen. Was haben Sie aus

dieser Erfahrung gelernt?

„Meine Eltern haben mir eher abgeraten“, erzählt

die Ministerin. „Als ich Schulsprecherin wurde, haben

sie gefragt, ob ich mir das wirklich antun möchte.“

Sie haben zu

Weihnachten geheiratet

und den Namen Ihres

Mannes angenommen.

Wie waren die

Reaktionen

darauf?

FOTOS Stefan Joham

„An der Erwerbstätigkeit“, sagt Bauer.

Das Selfie mit Eva-Maria Holzleitner, Bundesministerin für Frauen,

Wissen schaft und Forschung (SPÖ), stammt vom allerersten gemeinsamen

Ministerrat und wurde von Bauers Büro zur Verfügung

gestellt. „Wir sind beide aus Oberösterreich, aus der gleichen Generation,

sind beide über die Schülervertretung in die Politik gekommen

und hatten den gleichen Angelobungstag“, so die Ministerin.

„Miteinander reden, Allianzen schmieden, Mehrheiten suchen.“

Die Ministerin, ehemals Claudia Plakolm, hat

ihrem Freund im Winter in Venedig das Ja-Wort

gegeben. Für ihr Umfeld ein Grund zum Feiern.

Politik

& Gesellschaft

von

DAMITA PRESSL

12

13

Politik

& Gesellschaft



AUS ZAHLEN WIEDER MENSCHEN MACHEN

Politik

& Gesellschaft

von

HANNA KASTNER

14 15

Politik

& Gesellschaft



FOTOS Clara Marnet, Paul Lovis Wagner, Jana Bauch, Oliver Kulikowski / Sea-Watch e.V.

Seenotrettungen zwischen Routine,

Wettrennen und politischer Repression:

Lorenz Schramm ist Teil der zivilen

Seenotrettungsorganisation Sea-Watch.

Im Interview erzählt er von Nächten

voller Benzingeruch, von Menschen auf

der Flucht und der Hoffnung, eines Tages

nicht

mehr gebraucht zu

werden.

Du bist seit 2017 bei Sea-Watch. Wer sind die Menschen auf der

Flucht, die du kennenlernst?

Sea-Watch veröffentlicht immer, an wie vielen Rettungen

wir bereits beteiligt waren. Hinter jeder

Zahl steht eine Geschichte. Jede Person hatte ein

Leben – Familie, Arbeit, einen gesellschaftlichen

Stand. Doch dann kommt die Flucht und für einige

das rassistische System in Libyen, Entmenschlichung

und massive Menschenrechtsverletzungen

dazu.

Wie reagieren diese Menschen auf dich und die restliche Sea-

Watch-Crew?

Sie sind offen. Viele erlebten Menschenrechtsverletzungen

und vertrauen trotzdem Fremden, gerade

weißen Personen. Das finde ich bis heute jedes Mal

beeindruckend und tief bewegend.

Sea-Watch führt nicht als einzige Organisation Seenotrettungen

im Mittelmeer durch. Was unterscheidet euch von staatlichen

Küstenwachen?

Der größte Unterschied ist unser Menschenbild.

Staatliche Stellen retten, aber Grenzpolitik und rassistische

Asylgesetze starten bereits an Bord. Wir

versuchen, einen sicheren Rahmen herzustellen:

eine Atempause mit Essen, freundlichen Gesichtern

und lockeren Gesprächen – auch über Fußball.

Wie lang dauert eine Rotation [einzelne Einsatzzeiträume, Anm.]?

Derzeit sind es durchschnittlich sechs Wochen.

Eine Rotation beginnt mit einer Woche Training

im Hafen. Dann fahren wir nach Süden und sind in

der Regel vier Wochen unterwegs – wenn uns Italien

nicht stoppt. In der „Search-and-Rescue-Zone“ suchen

wir mit Ferngläsern, Radar, Informationen von

italienischen Behörden und unseren Flugzeugen.

Manchmal wissen wir von Personen, nach denen wir

suchen – dann ist es ein Wettrennen gegen die libyschen

Milizen. Wir sind deutlich besser ausgerüstet,

besser trainiert für eine Seenotrettung, aber unsere

Schiffe sind viel langsamer als die der sogenannten

libyschen Küstenwachen.

Die Gefahr für

NGO-Schiffe ist nach

den Schüssen [im August

2025, Anm.] auf die Ocean

Viking [Schiff von SOS Méditeranée,

Anm.] gestiegen.

Trotzdem können wir

retten.

Wann endet eine Rotation früher

als geplant?

In den letzten Jahren

gab es viele verschiedene

Repressionsstrategien.

Derzeit legen zwei italienische Gesetze

genau fest, wie eine Rettung abzulaufen hat. Die

Gesetze erlauben uns nur eine Rettung pro Einsatz

und verpflichten uns, anschließend direkt den zugewiesenen

Hafen anzulaufen – obwohl das bedeuten

kann, andere Boote in Seenot zurückzulassen

und so gegen internationales Recht zu verstoßen.

Jede Abweichung kann als Verzögerung gewertet

werden. Zusätzlich müssen wir mit allen relevanten

Behörden, auch der libyschen Küstenwache,

kommunizieren. Doch diese Miliz ist für uns

kein Partner, da wir bereits unzählige Menschenrechtsverletzungen

dokumentiert haben.

Kommunizieren wir nicht, können wir

festgesetzt werden.

Du warst im Dezember auf der Sea-Watch 5. Wie sieht ein

typischer Einsatztag aus?

Es ist ein sehr strukturierter Alltag, viele

Routinen – gerade, wenn man tagelang niemanden

findet: Bei Tageslicht suchen vier

Crewmitglieder permanent mit Ferngläsern

den Horizont in alle Richtungen ab. Das kurze

Tageslicht im Winter ist eine zusätzliche Herausforderung

– wir haben häufiger Nachtrettungen

und diese sind immer komplizierter.

Wie läuft die Rettung eines Bootes ab?

Hier läuft weiterhin viel über Routinen. Zwei

Rettungen bei meiner letzten Rotation waren typisch:

Die erste war ein Gummiboot mit 30 Leuten

an Bord. Die libysche Küstenwache war die ganze

Zeit mit einem kleinen Boot vor Ort. Nach einer Risikoanalyse

haben wir entschieden, unsere Schnellboote

ins Wasser zu lassen. Wir haben das Rennen

verloren, aber wir konnten die Küstenwache davon

überzeugen, uns die Rettung durchführen zu lassen,

weil ihr Boot zu klein war. Wir waren auf dem

Weg nach Norden, das Wetter war schlecht, mitten

in der Nacht kam ein „Close Rescue Call“.

Die zweite Rettung.

Dieser Moment war lebensgefährlich,

denn es

hätte einen Unfall zwischen

unserem Schiff und

dem Gummiboot geben

können. Die 70 Personen

auf dem Boot waren bereits

24 Stunden unterwegs.

Man konnte sofort

einen Benzingeruch wahrnehmen,

er war überall.

Denn die Personen hatten

offene Benzinkanister dabei

[als Treibstoff für den Motor,

Anm.], sie waren dem Geruch ausgesetzt und ihre

Kleidung war teilweise benzingetränkt. Dabei hätte

es zu chemischen Verbrennungen kommen können.

Wie laufen die Tage nach einer erfolgreichen Rettung ab?

Wir bieten Struktur: feste Abläufe, klare Informationen

zu Asyl und Europa. Es gibt eine Krankenstation

an Bord und Zeit für Gespräche, Kartenspiele,

Wäschewaschen – so gehen die Tage dahin.

Meist erreichen wir den zugewiesenen Hafen nach

drei bis vier Tagen.

Politik

& Gesellschaft 16 17

Politik

& Gesellschaft



Im September jährte sich die Flüchtlingsbewegung 2015 zum

mut, Flucht aus schlechten privaten Verhältnissen,

zehnten Mal. Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Flucht vor Vertreibung oder Flucht vor Krieg. Ab-

Ich sehe wenig Verbesserungen. Das gesellschaft-

schreckung hilft nur begrenzt, wenn Personen aus

liche Klima ist viel schlimmer geworden. Heute ist

lebensgefährlichen Bedingungen fliehen oder ihre

es völlig okay, zu sagen, dass die Externalisierung

schreckliche Lebenssituation verbessern möchten.

von Europas Gren-

Sea-Watch verfolgt langfris-

zen tödlich sein

tig das Ziel, überflüssig zu

kann. Wir haben

werden – weil es sichere und

das Gefühl, keine

legale Fluchtwege gibt. Was

Verbündeten

mehr

müsste konkret geschehen,

im Kampf für offe-

damit diese Vision Realität

ne Grenzen und für

wird?

eine Welt mit Flucht

Eine faire Weltord-

und Freiheit zu ha-

nung für alle, un-

ben.

abhängig von Haut-

Was macht das mit dir?

farbe und Herkunft,

Es ist unsere Realität:

Es gibt nur

mehr wenige Akteur*innen,

die für

Bewegungsfreiheit eintreten: Sea-Watch, andere

Search-and-Rescue-NGOs und viele kleine Organisationen

auf dem Balkan. Ich weiß nicht, ob wir

weniger geworden sind, aber die anderen sind auf

jeden Fall mehr geworden.

aber das ist derzeit

utopisch. Im Moment

würden sichere

und legale Fluchtwege

nach Europa und ein Ende der Finanzierung

eines libyschen, türkischen oder tunesischen

Grenzregimes Veränderung schaffen.

Deine Arbeit ist von vielen Herausforderungen und negativen Aspekten

geprägt. Was motiviert dich, weiterzumachen?

Infobox

Sea-Watch ist ein spendenfinanzierter Verein aus Deutschland, der seit 2015 – dem

Jahr der Flüchtlingsbewegung nach Europa – Seenotrettungen im zentralen Mittelmeer

durchführt. Die Fluchtroute über das Mittelmeer gilt bis heute als eine der tödlichsten

und gefährlichsten weltweit. Der Verein ist mit zwei Schiffen im Einsatz und betreibt drei

Flugzeuge, die Seenotfälle lokalisieren und Menschenrechtsverletzungen dokumentieren.

Lorenz Schramm kommt ursprünglich aus Süddeutschland und ist gelernter Gesundheits-

und Krankenpfleger. Seit 2017 arbeitet er bei Sea-Watch. Derzeit ist er meist

zweimal pro Jahr für rund sechs Wochen an Bord eines Rettungsschiffs.

FOTOS Maria Giulia Trombini, Stefano Belacchi / Sea-Watch e.V.

Seit Jahren kritisiert Sea-Watch Frontex in der Öffentlichkeit

und dokumentiert mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen

der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache. Welche

Erfahrungen macht Sea-Watch mit Frontex?

Als ich 2017 angefangen habe, hat Frontex Rettungen

im zentralen Mittelmeer durchgeführt. Heute

verwendet Frontex vor allem Drohnen und Flugzeuge,

sodass sie keine Rettungen durchführen können

und auch nicht müssen. Frontex-Flugzeuge geben

Positionen auch direkt an die libysche Küstenwache

weiter. Dadurch können „Pullbacks“ nach

Libyen stattfinden, von denen wir nichts erfahren.

Die EU stellte der libyschen Küstenwache wiederholt Gelder zu

Verfügung. Wie bewertest du das?

In den letzten Jahren sind die Debatten völlig eskaliert.

Niemand versteckt mehr die Absicht, dass

Personen einfach gar nicht erst auf dem europäischen

Kontinent ankommen sollen und dass dafür

jede Maßnahme akzeptiert wird.

Pläne über Rückkehrprogramme oder die Auslagerung von abgelehnten

Asylweber*innen in Drittstaaten nehmen zu. Oft wird erklärt,

dass solche Maßnahmen Menschen von der Flucht abhalten

sollen. Glaubst du, dass durch Abschreckung tatsächlich weniger

Menschen fliehen?

Rechte Politiker*innen beschreiben Migration mit

Pull- und Push-Faktoren, aber das ist nicht die

Realität der Personen. Menschen fliehen in der

Hoffnung auf ein besseres Leben: Flucht aus Ar-

Dass wir es schaffen, aus Zahlen wieder Menschen

zu machen, einzelne Momente auf Augenhöhe zu erzeugen,

Menschen wieder Menschen sein zu lassen

und Widerstand gegen den Rechtsruck zu leisten.

„Die Rettung von Menschenleben, die Achtung

der Menschenrechte und die Verbesserung

der Lage entlang der Routen, auch

in den Herkunftsländern, sind stets Teil

des Migrationskonzepts der Kommission“,

erklärt Markus Lammert, Sprecher für Inneres

der Europäischen Kommission, auf

Anfrage. Besonders relevant sei der Kampf

gegen Schlepperei, den die europäische

Strategie für Asyl und Migrationsmanagement

verstärken würde. Zu viele Menschen

würden ihr Leben durch Schlepper riskieren

und verlieren. Such- und Rettungsmaßnahmen

seien Zuständigkeit der Mitgliedsstaaten.

Die Kommission unterstütze eine bessere

Koordinierung durch die Einrichtung

einer „Search and Rescue“-Kontaktgruppe.

Während Sea-Watch die Migrationspolitik

der Europäischen Union kritisiert, bezeichnet

Lammert die häufig entscheidende

Rolle von NGOs wie Sea-Watch bei der

Rettung von Menschenleben als „lobenswert“.

Gleichzeitig betont der Sprecher für

Inneres, dass alle an Such- und Rettungsaktionen

beteiligten Akteur*innen die Anweisungen

der koordinierenden Behörden

befolgen müssen.

Die Vorgehensweise libyscher Akteur*innen,

besonders der libyschen

Küstenwache, wurde bereits in der Vergangenheit

vielfach kritisiert. Der im Februar

dieses Jahres erschienene UN-Bericht

„Business as Usual: Menschenrechtsverletzungen

und Misshandlungen von Migranten,

Asylsuchenden und Geflüchteten in

Libyen“ dokumentiert schwere Menschenrechtsverletzungen

wie Vergewaltigungen,

Folter, Zwangsarbeit und Zwangsprostitution.

In dem Bericht wird unter anderem die

EU für die Zusammenarbeit mit libyschen

Akteur*innen kritisiert. Von 2015 bis 2025

stellte die EU im Rahmen des EU-Nothilfe-

Treuhandfonds für Afrika (EUTF) Libyen

insgesamt 465 Mio. Euro für Migrationsmaßnahmen

zu Verfügung. Damit ist Libyen

das größte Empfängerland des Fonds.

Der Kommission sei die weiterhin kritische

Lage in Libyen bewusst, erklärt Guillaume

Mercier, EU-Kommissionssprecher für Erweiterung,

internationale Partnerschaften

und das Mittelmeer. „Fälle von Menschenrechtsverletzungen

und -verstößen werden

gegenüber den libyschen Behörden

regelmäßig angesprochen“, so Mercier.

Politik

& Gesellschaft

18

19

Politik

& Gesellschaft



„MAN HAT KOMPLETT

IGNORIERT,

WAS DAS LAND AUSMACHT.“

Mit den Taliban verhandelt man nicht. Punkt. So der

moralische Reflex zahlreicher Journalisten, Politiker

und Aktivisten im gesamten Westen. Die Taliban seien

unverbesserliche Radikale, Verhandlungen seien ein

Verrat an der afghanischen Bevölkerung. Doch diese Bevölkerung

denkt nicht so geschlossen, wie wir es gern

hätten, meint Ali (32), Afghane der zweiten Generation.

„Es gibt viele Menschen in Afghanistan, die die Taliban

begeistert unterstützen“. Kurze Pause. „Und auch wenn

uns das nicht gefällt, irgendwie ist das verständlich.“

, frage ich reflexartig zurück.

Wie kann man Verständnis dafür

aufbringen, dass Menschen ein solches Regime

unterstützen?

Doch Ali weiß, wovon er spricht. Er hat Familie in

Afghanistan und hat das Land viermal besucht, zweimal

vor der Machtübernahme der Taliban und zweimal

danach. Er kennt den Alltag der Menschen vor Ort und

erzählt von den Veränderungen, von Sicherheit, die

nun auf einmal da ist. Zum ersten Mal seit 40 Jahren

herrsche im ganzen Land Frieden, die Kriminalität sei

massiv zurückgegangen, erzählt er. Früher sei Gewalt

allgegenwärtig gewesen. Bei seinem Besuch 2019 habe

ihn sein Onkel auf einem Markt gewarnt: „Steck sofort

das Handy ein. Das ist viel zu gefährlich, es hier hinauszunehmen.“

Männer mit Motorrädern würden kommen

und ihn ausrauben. Heute seien solche Überfälle fast

vollständig verschwunden. „Die Taliban gehen rigoros

gegen solche Kriminellen vor“, berichtet Ali. „Inzwischen

können in vielen Gegenden Frauen sogar nachts

auf die Straße gehen“, sagt er. „Das ist etwas, was im

Westen kaum wahrgenommen wird. Aber für Afghanen

ist es ein großer Gewinn an Lebensqualität, wenn Kranke

auf einmal gefahrlos ins Spital kommen und Bauern

ihre Ernte zum Markt bringen können.“

Außerdem seien die Taliban viel weniger korrupt

als die alte Regierung, fährt Ali fort. Früher ging es allen

– vom Regierungschef und dem Parlamentspräsidenten

abwärts – nur darum, ihre eigenen Taschen zu fül-

len. In den Provinzen hätten amerikatreue Warlords die

Macht gehabt und Land- und Wasserrechte an sich gerissen.

Gerichtsurteile waren käuflich, und die Menschen

hatten keine Chance, ihr Recht durchzusetzen. „Villen,

wie sie sich die Politiker und Warlords in Kabul gebaut

haben, habe ich in Österreich nicht gesehen“, erzählt Ali

von der Dekadenz, die sich in den 20 Jahren westlichen

Engagements in Afghanistan breit gemacht hat. Selbst

in den USA gebe es kaum so viel Luxus. Und dann wieder

so ein Satz, der für westliche Ohren nur schwer verdaulich

ist. „Wahrscheinlich brauchte es den Regimewechsel,

um da einen radikalen Schlussstrich zu ziehen.“

Ganz anders sieht das Mariam, ebenfalls 32. Sie

bezeichnet die Machtübernahme der Taliban als

den schwärzesten Tag ihres Lebens. 13 Jahre lang

hat sie in Kabul eine private Schule geleitet, die

vor allem Frauen und Mädchen besuchten. Nach

ihrer Machtübernahme erlaubten die Taliban Mariam

zwar, die Schule weiter zu betreiben, aber nur

noch für die männlichen Schüler. Fast wöchentlich

gab es Kontrollen von Talibanpatrouillen. Männer

mit Gewehren stürmten in die Schule und durchsuchten

Klassenräume und Toiletten. Die einzige

Möglichkeit für Mariam, auch die Frauen weiter

zu unterrichten, war heimlich in Privathäusern oder

online. Dass sie damit ihr Leben riskierte, war ihr egal.

„Die Schule war alles, was in meinem Leben zählte“,

sagt sie „Ich bin nie auf Partys gegangen, ich hatte keinen

Freund. Es gab immer nur die Schule.“

Nach Österreich kam sie 2023, als sie von der Central

European University in Wien mit einem Frauenpreis

ausgezeichnet und zur Preisverleihung eingeladen wurde.

Eigentlich wollte sie nur drei Tage bleiben. Doch die

ehemalige afghanische Botschafterin und die Organisatoren

des Preises rieten ihr, aufgrund der Gefahr auf keinen

Fall nach Afghanistan zurückzukehren, und halfen

ihr, einen Asylantrag zu stellen. Seither büffelt Mariam

Deutsch und unterrichtet Persisch für Migranten der

zweiten Generation.

Mariams Tag ist zugepflastert mit Terminen. Das

hilft ihr, ihre Situation zu ertragen. „Ich bin hier nur

physisch in Sicherheit“, sagt sie. „Aber ich habe niemanden.

Mein Vater ist 80. Ich weiß nicht, ob ich ihn je

wiedersehen werde.“ Die Schule in Kabul kann sie weiter

betreiben, ihre Mädchen weiterhin illegal unterrichten.

Die Arbeit vor Ort übernimmt für sie ihre 20-jährige

Schwester. Und was sagen die Taliban, dass Mariam nun

auf einmal nicht mehr da ist? Das müssen sie doch mitbekommen.

Die Kontrollanrufe der Talibanbeamten, berichtet

Mariam, konnte sie bisher abwimmeln, indem sie erzählt,

sie sei zum Studieren in den Iran gegangen. Für

ihre Schwester ist das natürlich ein gewaltiges Risiko.

Mit ihren jungen Jahren ist sie damit manchmal ein bisschen

überfordert, erzählt Mariam, und sie müsse sie liebevoll

in die Pflicht nehmen, nicht aufzugeben. „Dass ich

sie einer solchen Gefahr aussetze, ist für mich natürlich

eine große Belastung“, meint Mariam. „Aber die Frauen

haben ein Recht auf Bildung.“

Wie lebt es sich unter den Taliban?

Und ist unsere westliche Sicht auf die politische

Situation in Afghanistan zu einfach?

Zur Vorbereitung einer großen Afghanistanreise

im kommenden Sommer hat unser Autor Harald Schaffer

mit zwei Afghanen in Wien über die Lage in

ihrem Land gesprochen.

FOTO Harald Schaffer

Politik

& Gesellschaft

von

HARALD SCHAFFER

20

21

Politik

& Gesellschaft



Ist Alis Sichtweise also zu theoretisch? Kann man nur

dann so viel Verständnis für die Taliban haben, wenn

man selbst nicht unter ihnen leben muss? Klar, dass

Ali einen distanzierteren, analytischen Blick hat. Er ist

zwar weit davon entfernt, die Situation der Frauen in

Afghanistan schönzureden. Er sehe bei seinen eigenen

Cousinen, wie schlimm es für sie ist, ihre Ausbildung

nicht fortsetzen zu können. „Das ist für ihre Zukunft

eine Katastrophe!“ Doch es ist eben nicht Ali selbst, der

davon betroffen ist. So behält er den Blick des politisch

interessierten Beobachters.

Gerade in der Frage der Mädchenbildung sind die

Taliban sehr gespalten. Etliche hochrangige Mitglieder,

die ihre Familien noch im pakistanischen Exil haben,

schicken dort selbstverständlich auch ihre Töchter zur

Schule. Doch die Taliban könnten die konservativen

Kräfte innerhalb der eigenen Reihen nicht ignorieren,

erklärt Ali das Dilemma. Viele ihrer Kämpfer stammen

aus ländlichen, sehr konservativen Gebieten, in denen

Mädchen auch früher nicht zur Schule geschickt wurden.

Die Meinung dieser Menschen zu ignorieren, nachdem

diese jahrelang für sie gekämpft haben, teilweise

sogar ohne Entlohnung, wäre gefährlich. „Das könnte

zu einer Revolte führen, im schlimmsten Fall wieder zu

Kämpfen. Und Kämpfe sind das Letzte, was Afghanistan

brauchen kann“, meint Ali. „Das ist eine Wahl zwischen

Pest und Cholera.“

Der große islamische Philosoph, Dichter und Mystiker

Dschalal ad-Din Muhammed ar-Rumi sagte einst: „Zwischen

dem, was richtig ist, und dem, was falsch ist, liegt

ein weites Feld.“ Vielleicht haben Ali und Mariam mit

ihrer Einschätzung der Taliban beide recht. Vielleicht

ist der Unterschied zwischen ihnen, dass Mariam in Kabul

gelebt hat, wo das Leben immer ein bisschen freier

war als im Rest des Landes. „Afghanistan ist ein muslimisches

Land“, sagt Ali. „Die Taliban vertreten Werte,

nach denen ein großer Teil der Bevölkerung leben will.“

Die Frauen in kurzen Röcken und mit offenen Haaren

seien immer eine kleine, reiche Minderheit gewesen.

„Aber in den westlichen Medien“, meint Ali, „hat man

gerne Bilder dieser Frauen gezeigt, weil man demonstrieren

wollte, wie fortschrittlich Afghanistan ist. Man

hat komplett ignoriert, was das Land ausmacht.“

FOTO Harald Schaffer

Politik

& Gesellschaft

22



FOTO Helen Edu Bastidas Rushbrook / unsplash.com

/ stocksy.com

Österreich ist vielfältig –

kulturell, politisch und sozial.

Doch was bedeutet das für

den Zusammenhalt im

Alltag? Leben wir miteinander

oder zunehmend

nebeneinander?

Und wie tolerant sind junge

Menschen gegenüber

anderen Meinungen oder

Lebensweisen?

Das Ergebnis der Umfrage

innerhalb der Biber-

Community zeigt: Vielfalt

gehört für viele längst zum

Alltag. Gleichzeitig gibt

es bei bestimmten gesellschaftlichen

Themen auch

klare Spannungen.

von

KolumneDANIELA STEINKLAMMER

DIE GROSSE

GALLUP- STUDIE ÜBER

GESELLSCHAFT LICHEN

ZUSAMMENHALT

EXKLUSIV FÜR BIBER

Faktencheck

ERHEBUNGSMETHODE

Onlineumfrage

in der Biber-Community und

im Gallup-Onlinepanel

ZIELGRUPPE

Aktuelle und potenzielle

Leserinnen und Leser von Biber im

Alter 14+ österreichweit; mit und

ohne Migrationshintergrund

STICHPROBE

n = 500

UNTERSUCHUNGS­

ZEITRAUM

13.2. bis 3.3.2026



ALLTAG ZWISCHEN VIELFALT UND MEINUNG

WAS VERBINDET UNS WIRKLICH?

Freundschaften entstehen oft an Orten,

an denen Unterschiede keine große Rolle

spielen. In der Schule, im Studium, beim

Sport oder bei langen Gesprächen spätabends

auf dem Balkon. Die eine Person ist

religiös, die andere nicht. Die eine engagiert

sich politisch, die andere interessiert sich

kaum für Politik. Und trotzdem versteht

man sich.

Viele Menschen in Österreich erleben

genau das jeden Tag: ein Leben inmitten

von Vielfalt.

Doch gleichzeitig hört man immer

wieder das Gegenteil. Gesellschaften seien

gespalten, Debatten verhärtet, Menschen

unterschiedlicher Meinungen könnten kaum

noch miteinander reden. Besonders bei

Themen wie Migration, Klimapolitik oder

Gleichstellung scheint es, als würden sich

Fronten bilden.

Wie passt das

zusammen?

Um diese Frage zu beantworten, hat

Biber gemeinsam mit dem österreichischen

Gallup-Institut gefragt: Was verbindet

Menschen in Österreich eigentlich – und

wo entstehen Grenzen? 500 Biber-Leserinnen

und -Leser haben an der Onlineumfrage

teilgenommen – Menschen mit

unterschiedlichen Hintergründen, unterschiedlichen

Altersgruppen und unterschiedlichen

Perspektiven auf das Land, in

dem sie leben.

Das Bild, das daraus entsteht, ist

komplex – und überraschend.

Im persönlichen Alltag scheint Vielfalt

für viele längst selbstverständlich zu

sein. Freundeskreise bestehen selten nur

aus Menschen, die gleich denken, gleich

glauben oder die gleiche Herkunft haben.

Gleichzeitig zeigen sich aber auch

Brüche. Bei bestimmten Themen endet die

Offenheit schneller als bei anderen. Manche

Fragen sind so eng mit persönlichen

Werten verbunden, dass sie Beziehungen

belasten können.

Und während im persönlichen Umfeld

Vielfalt oft funktioniert, wirkt die Gesellschaft

insgesamt auf viele Menschen rauer.

Der Eindruck, dass Konflikte zunehmen, ist

weit verbreitet.

Wer sich die Freundeskreise junger Menschen

ansieht, erkennt schnell: Österreich

ist vielfältiger, als politische Debatten vermuten

lassen. Menschen mit unterschiedlichen

kulturellen Hintergründen, verschiedenen

Für die große Mehrheit der Biber-Community

ist das normal.

Die meisten Befragten haben Freundinnen

oder Freunde, die politisch anders

denken als sie selbst, aus anderen Ländern

religiösen Überzeugungen oder kommen oder einer anderen Religion an-

politischen Meinungen sitzen gemeinsam

am Tisch, gehen miteinander feiern oder

diskutieren über Serien, Studium und Zukunftsplänegehören.

Unterschiede gehören zum sozialen

Umfeld – und oft auch zur eigenen

Identität.

Hast du Freundinnen oder Freunde, die ...?

Die meisten Befragten haben zumindest einige Freundinnen und

Freunde, die sich in Herkunft, Religion und politischen Einstellungen

von ihnen unterscheiden.

... eine andere Herkunft haben als du? 28

55

14 3

... einer anderen Religion angehören oder „anders“ glauben als du? 22

58

16 4

... eine andere politische Einstellung haben als du? 19

66

10 4

Ja, viele Ja, ein paar Nein, gar keine

Weiß nicht, keine Angabe

Angaben in Prozent

Gerade junge Menschen bewegen sich besonders

häufig in vielfältigen Netzwerken.

Wer in einer Großstadt aufgewachsen ist,

in der Schule unterschiedliche Sprachen

hört oder im Studium Menschen aus verschiedenen

Ländern kennenlernt, erlebt

Diversität als etwas Selbstverständliches.

Auch Menschen mit Migrationshintergrund

erzählen besonders häufig von Freundeskreisen,

die kulturell gemischt sind.

Interessant ist aber, dass Vielfalt

nicht automatisch bedeutet, dass alle Unterschiede

gleich leicht akzeptiert werden.

Bei kulturellen oder religiösen Unterschieden

zeigen sich viele der Befragten relativ

offen. Politische Unterschiede hingegen

können schwieriger sein. Gerade jüngere

Befragte sind etwas seltener als ältere mit

politisch Andersdenkenden befreundet.

Trotzdem funktioniert für viele Menschen

Vielfalt im Alltag deutlich besser, als

es öffentliche Debatten vermuten lassen.

Freundschaften entstehen eben nicht nur

dort, wo Menschen gleich sind – sondern

oft gerade dort, wo sie verschieden sind.

FOTO Edu Bastidas / unsplash.com

26 27

Politik

& Gesellschaft



Was verbindet die Menschen in Österreich

deiner Meinung nach?

Sprache

Während Sprache, Feste und Kultur verbinden, tragen Politik,

Religion und Medien wenig zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

0 20 40 60 80 100

62

WENN WERTE AUFEINANDERTREFFEN

„TOLERANZ FÖRDERT RESPEKT GEGENÜBER

UNTERSCHIEDLICHEN KULTUREN, MEINUNGEN UND LEBENSWEISEN,

WAS IN EINEM VIELFÄLTIGEN LAND WIE ÖSTERREICH

ESSENZIELL IST.“

Anonym, Umfrageteilnehmer

Feste und Feiern

61

Kultur

Sport

Essen

Humor

Bildung

Naturkatastrophen

Soziale Medien

Konsum

23

21

20

38

59

53

50

46

Viele Menschen können problemlos mit jemandem

befreundet sein, der beim Fleischkonsum

oder bei wirtschaftspolitischen

Fragen anderer Meinung ist. Auch unterschiedliche

Vorstellungen über Familie oder

Erziehung sind für die meisten kein Hindernis.

Anders sieht es jedoch bei Themen aus,

die stärker emotional aufgeladen sind, etwa

bei Fragen rund um Gleichstellung oder

LGBTQ-Rechte. Ein Teil der Befragten sagt

offen, dass Freundschaften schwierig werden

können, wenn hier grundlegende Meinungsunterschiede

bestehen. Ähnliches

gilt für Migration, soziale Ungleichheit oder

Klimapolitik.

Gerade junge Menschen sind bei manchen

dieser Themen besonders sensibel.

Für sie sind Fragen rund um Gleichstellung,

Klima oder gesellschaftliche Gerechtigkeit

oft Teil ihrer persönlichen Haltung – und

damit auch Teil ihrer Identität.

Könntest du mit einer Person befreundet sein,

die bei folgenden Themen anders denkt als du?

Politik

Religion

19

18

Freundschaft ist für viele trotz unterschiedlicher Meinungen möglich

– doch bei sensiblen Themen wie Gleichstellung oder Migration

ist die Toleranz geringer als bei Ernährung oder Wirtschaft.

Medien allgemein

18

Mode und Lifestyle

14

Fleischkonsum

88

8

4

Pandemien wie Corona

13

Wirtschaft

86

8

5

Anderes

2

Familie und Erziehung

80

15

5

Angaben in Prozent

Klimawandel

72

21

7

Sozialpolitik und soziale Ungleichheit

64

27

8

„WENN ALLE EIN BISSCHEN MITMACHEN,

TRIFFT MAN SICH IN DER GOLDENEN MITTE WIEDER UND DAS WÄRE

VON GROSSEM VORTEIL FÜR DAS GANZE LAND!“

Anonym, Umfrageteilnehmerin

Migration, Asyl und Integration

LGBTQ-Rechte,

Gleichstellung von Geschlechtern

62

28

9

56

36

8

Ja Nein Weiß nicht, keine Angabe Angaben in Prozent

Politik

& Gesellschaft

28 29

Politik

& Gesellschaft



FOTO Isaac Quesada, Jordan González / unsplash.com

Während frühere Generationen politische

Diskussionen oftmals stärker von persönlichen

Beziehungen getrennt haben, verschwimmen

diese Grenzen heute stärker.

68 %

Egoismus

Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass

viele der Befragten die gesellschaftliche

Stimmung insgesamt kritisch wahrnehmen.

Im Alltag berichten sie eher von Egoismus

als von Solidarität. Der Eindruck, dass sich

gesellschaftliche Debatten verschärfen, ist

weit verbreitet. Möglicherweise sind Konflikte

in der Öffentlichkeit aber auch einfach

sichtbarer als die vielen funktionierenden

Beziehungen im Alltag.

Spürst du im Alltag derzeit mehr …

Im Alltag wird derzeit deutlich häufiger Egoismus als Solidarität

wahr genommen.

9 %

Weiß nicht,

keine Angabe

23 %

Solidarität

Was also hält Österreich laut unserer Community

zusammen? Vor allem unpolitische

Dinge, die gemeinsame Sprache zum Beispiel,

aber auch Feste und Feiern, Kultur,

Essen und Humor.

Es sind die kleinen Dinge des Alltags

– Momente, in denen Menschen gemeinsam

lachen, feiern oder sich austauschen –

die den gesellschaftlichen Zusammenhalt

ausmachen.

Gleichzeitig herrscht Unsicherheit, wohin

sich die Gesellschaft entwickelt. Fast zwei

Drittel der Befragten glauben, dass die

Menschen in Österreich in Zukunft eher

nebeneinander leben könnten als miteinander.

Das heißt jedoch nicht zwangsläufig,

dass die Gesellschaft tatsächlich auseinanderdriftet.

Vielmehr zeigt sich ein Spannungsfeld:

Während Vielfalt im persönlichen

Alltag funktioniert, wächst gleichzeitig die

Sorge, dass gesellschaftliche Konflikte

stärker werden könnten.

Gerade deshalb wird die Fähigkeit

zum Dialog immer wichtiger. Unterschiede

verschwinden nicht – und das sollten sie

auch gar nicht. Entscheidend ist vielmehr,

wie wir mit ihnen umgehen.

Andrea Fronaschütz, Geschäftsleiterin des

österreichischen Gallup-Instituts, sieht darin

eine zentrale Herausforderung für die

Zukunft:

ZWISCHEN ZUSAMMENHALT

UND NEBENEINANDER

„Im persönlichen Alltag scheint das

Zusammenleben besser zu

funktionieren, als es die häufig

polarisierte mediale Darstellung vermuten

lässt. Trotzdem besteht das

Bewusstsein, dass Vielfalt allein kein

Garant für Zusammenhalt ist.

Entscheidend ist, ob es gelingt, das

Verbindende zu stärken und auch

bei schwierigen Themen im Dialog

zu bleiben.“

Mag. Dr. Andrea Fronaschütz

Geschäftsleiterin und Gesellschafterin

Österreichisches Gallup-Institut

Vielleicht besteht genau hier die eigentliche

Verbindung zwischen den Menschen:

nicht im Teilen der gleichen Meinung – sondern

darin, dass sie trotzdem miteinander

reden.

Melde dich mit ein paar Klicks für unsere

Umfragen an! Für deine Meinung gibt es

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Politik

& Gesellschaft

30 31

Politik

& Gesellschaft



„WIR SIND EIN

DURCHSCHNITTLICHES BEISPIEL.“

Wie gespalten ist Österreich tatsächlich?

Bei welchen Themen gehen die Meinungen auseinander,

und bei welchen sind wir uns einig?

Dr. Martin Dolezal forscht an der Universität Graz

unter anderem zu politischer Polarisierung.

Er hat uns erzählt, wie die Wissenschaft das Thema sieht.

Sie haben herausgefunden, dass Polarisierung Menschen

durchaus auch dazu bringen kann, politisch aktiv zu werden,

wählen oder demonstrieren zu gehen. Ist Polarisierung immer

etwas Schlechtes?

Die Forschung unterscheidet zwei Formen von

Polarisierung: Wenn Menschen bei einem Thema

anderer Meinung sind, nennen wir das ideologische

Polarisierung. Wenn es eher um Gefühle

geht, also darum, wie stark ich mich zum

Beispiel meiner eigenen Partei verbunden fühle

und wie stark ich andere Parteien ablehne, dann

sprechen wir von affektiver Polarisierung.

Affektive Polarisierung ist ein größeres

Problem als ideologische Polarisierung, weil sie

mehr negative Folgen hat: mangelndes Vertrauen

in politische Institutionen und eine geringere

Akzeptanz von politischen Entscheidungen,

die die andere Seite trifft. Die einzige Ausnahme

ist eine mögliche positive Auswirkung auf

die politische Beteiligung. Personen, die stark

polarisiert sind, sind also vielleicht eher bereit,

sich politisch zu betätigen, weil sie die Entscheidungen,

um die es geht, als sehr wichtig

empfinden.

Die affektive Polarisierung ist in einem

Mehrparteiensystem wie Österreich zum Glück

nicht so stark ausgeprägt. Sie spielt bei uns, aber

auch in anderen europäischen Demokratien,

eine geringere Rolle als in den USA.

Wie gehen Sie persönlich mit Meinungsverschiedenheiten im

Umfeld um? Haben Sie Tipps, wie man als Einzelperson Polarisierung

vorbeugen kann?

Es ist sicher sinnvoll, sich über unterschiedliche

Quellen zu informieren, auch über solche, die

nicht mit der eigenen politischen Position übereinstimmen,

und sich auch die Gegenseite anzuhören.

FOTO Teresa Rothwangl

Wie gespalten ist Österreich in politischen und gesellschaftlichen

Fragen?

Spaltung würde implizieren, dass es

zwei gleich große Gruppen gibt, die einander

bei bestimmten politischen Themen diametral

gegenüberstehen. Das gibt es in Österreich

nicht. Aber Umfragedaten zeigen: Wir haben

unterschiedliche Ausmaße an Polarisierung

bei einzelnen Themen, die Meinungen gehen

also unterschiedlich stark auseinander. Starke

Polarisierung haben wir bei den Themen

europäische Integration und Immigration. Da

sind die Positionen weit verteilt. Beim Thema

Europäische Union geht es nicht unbedingt

um die Mitgliedschaft Österreichs, da ist eine

klare Mehrheit dafür, dass wir in der Union

bleiben. Aber bei der Frage, ob die EU enger zusammenwachsen

soll oder nicht, gibt es sehr

unterschiedliche Ansichten. Da haben wir große

Meinungsunterschiede. Bei der Immigration

gibt es wenig starke Befürworter, aber dennoch

relativ große Unterschiede.

Gibt es auch Themen, bei denen sich die Österreicher

weitgehend einig sind?

Die höchste Übereinstimmung gibt es bei der

gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität.

Die Akzeptanz ist hoch und die Einstellungen

diesbezüglich stimmen weitgehend überein.

Ähnlich ist es auch bei vielen wirtschaftspolitischen

Fragen: Die meisten tendieren leicht nach

links, wenn es um die Frage geht, wie stark der

Staat in die Wirtschaft eingreifen soll.

Sind wir im Vergleich zu anderen Ländern stark oder weniger

polarisiert?

Generell ist das Ausmaß der Polarisierung in

Österreich nicht besonders hoch. Wir sind ein

durchschnittliches Beispiel. Die USA sind das

Extrembeispiel, auch deswegen, weil die Forschung

oft erhebt, welcher Partei jemand angehört.

Die USA sind das einzige Land mit einem

Zwei-Parteien-System, das heißt, hier kann

relativ rasch von einer Zweitteilung der Gesellschaft

gesprochen werden.

ICED

MATCHA

LATTE

Politik

von

& Gesellschaft DAMITA PRESSL

32



Neues Selbstvertrauen

Die amerikanische Außenpolitik hat für Europa

2026 eine rote Linie überschritten. Das bedeutet große

Heraus forderungen für unseren Kontinent,

aber auch große Chancen!

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Mag. Christian C. Pochtler

Präsident der

Industriellenvereinigung (IV) Wien

Anfang des Jahres dachte US-Präsident

Donald J. Trump offen darüber

nach, Grönland zu annektieren.

Dass die USA damit einem NATO-

Mitglied, nämlich Dänemark, direkt

drohen, war vor Jahren noch undenkbar.

Dass sich ein kanadischer Premier

vor die Kameras stellt, um zu

deklarieren, dass man sich weiter

an die NATO gebunden fühle und damit

bei einem Angriff auf Dänemark

natürlich zum eigenen Bündnispartner

stehen werde: Diese Geschichte

hätte man noch vor wenigen Jahren

nicht einmal als schlechte Phantasie

ab getan. Das ist nun aber einmal die

Welt, in der wir leben.

Die alte Weltordnung ist vorüber.

Das Gute daran war Anfang

dieses Jahres, dass Europa endlich

selbstbewusst aufgestanden ist und

klar gemacht hat: Genug ist genug!

Unser Kontinent muss nun wieder

die eigenen Interessen im Fokus haben,

mit mehr Selbstvertrauen und

Selbstbehauptung auftreten. Dies

bedeutet auch eine ganze Reihe von

Heraus forderungen für uns Europäer.

Diese neue Ära bietet aber auch

große Chancen – es wird an uns liegen,

ob wir diese zu nutzen wissen.

Positiv ist, dass Europa – angesichts

der wankelmütigen Zollpolitik

der USA brauchen wir dringend

neue Handelspartner in der

Welt – beim Abschluss neuer Handelsabkommen

einen Zahn zugelegt

hat: Das Mercosur-Freihandelsabkommen

wird bereits vorläufig angewendet,

weitere Handelsabkommen,

etwa mit Indien oder jüngst Australien,

folgten. Das sind wichtige Meilensteine,

damit die heimische exportorientierte

Industrie auch weiter

für Wohlstand und Beschäftigung in

Europa sorgen kann.

Ein schwieriges Thema ist und

bleibt die Verfügbarkeit leistbarer

Energie. Nach dem Angriff Russlands

auf die Ukraine haben wir defacto

unsere Abhängigkeit bei Energielieferungen

von Russland auf die

USA verschoben. Langfristig ist

auch das keine ideale Lösung. Eine

stärkere Diversifizierung unserer

Energiebezugsquellen muss oberste

Priorität bleiben. Zudem sollten wir,

pragmatisch und ohne das Schüren

irrationaler Ängste, alle Optionen

nutzen, die wir selbst haben: Auch

in Österreich gibt es Gasvorkommen

– wann, wenn nicht jetzt, sollten

wir diese nutzbar machen? Das wäre

zudem keine Absage an die Energiewende

– aber wir werden Gas einfach

noch länger benötigen, um eine gewisse

Stabilität während der Transformation

unseres Energiesystems

zu sichern. Und ob wir Gas nun selbst

fördern oder am Weltmarkt einkaufen:

Für die globale CO 2

-Bilanz macht

dies keinen Unterschied.

Eine weitere Baustelle ist die

Verteidigungspolitik: Hier sollten

wir dringend von der Ukraine lernen

und unsere Verteidigungsindustrie

insgesamt auf Vordermann bringen.

Ebenso mehr auf den eigenen Beinen

stehen sollten wir beim Thema

digitale Souveränität – denn auch

hier bestehen zu viele und zu große

einseitige Abhängigkeiten. Ob nun

bei Software, Infrastruktur oder Satelliten

– es gibt genug zu tun. Natürlich

wird nicht alles sofort und einfach

funktionieren können, aber wir

müssen endlich ins Tun kommen und

Schritt für Schritt unsere eigenen

Kapazitäten auf- und ausbauen.

Dafür wird Europa aber schneller

werden müssen. Denn bisher

sprechen wir noch immer in zu vielen

Bereichen mit 27 unterschiedlichen

Sprachen. Und anstatt uns dabei immer

auf den kleinsten gemeinsamen

Nenner zu konzentrieren, sollten wir

uns lieber angewöhnen, stets von den

Besten zu lernen. Ein bisschen mehr

innereuropäischer Wettbewerb um

die besten Lösungen könnte belebend

wirken – und uns langfristig helfen,

auf eigenen Beinen zu stehen: Selbstbewusst

und damit selbstbestimmt!

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EINE GROSSE FAMILIE –

WO ARBEIT ZU

GEMEINSCHAFT

Im Alltag entsteht in all dieser Vielfalt

etwas Entscheidendes: Gemeinschaft.

Viele Mitarbeitende bleiben deshalb über

viele Jahre im Unternehmen, manche sogar

jahrzehntelang. Nicht selten hört man intern

denselben Satz: „Hier fühlt es sich an

wie Familie.“

EIN FEST, BEI DEM DAS MITEIN-

ANDER IM MITTELPUNKT STEHT

Ein besonderer Ausdruck dieses Zusammenhalts

ist die jährliche Herbstfeier. Mehr

als nur ein Firmenfest ist sie ein Moment

des Wiedersehens, des Austauschs und der

Wertschätzung.

Das Besondere an dieser Feier: die

Atmosphäre. Denn hier geht es nicht um ein

großes Programm, sondern um Begegnung

und Miteinander. Hier spürt man, dass da

etwas ist, was über ein normales Arbeitsverhältnis

hinausgeht. Für viele ist dieser

Abend jedes Jahr ein Höhepunkt, weil er

sichtbar macht, was das Unternehmen im

Kern ausmacht: die Gemeinschaft.

OFFEN FÜR DIE GANZE WELT

Was dieses Unternehmen besonders

macht, lässt sich nicht allein in Zahlen oder

Dienstleistungen messen. Es ist die Haltung

dahinter: der Respekt gegenüber jedem

einzelnen Menschen, die Offenheit gegenüber

anderen Kulturen und der Wunsch,

ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich

alle willkommen fühlen.

Vielleicht ist genau das der Grund,

warum so viele Mitarbeitende so lange bleiben.

Denn wer einmal erlebt hat, wie sich

Arbeit anfühlen kann, wenn Zusammenhalt,

Wertschätzung und Menschlichkeit

dazugehören, der weiß: Manchmal findet

man im Job nicht nur eine Aufgabe, sondern

eine Gemeinschaft.

SCHON GECHECKT,

WAS ATTENSAM

SO MACHT?

FOTOS Attensam

WIRD

Es ist ein später Abend im Herbst, Stimmengewirr erfüllt den Saal. An den

runden Tischen sitzen Menschen, die aus den verschiedensten Teilen der

Welt kommen. Man hört Deutsch, Bosnisch, Türkisch, Polnisch, Arabisch. Es

wird gelacht, angestoßen und erzählt. Kolleg:innen, die sich im Alltag oft nur

kurz begegnen, nehmen sich hier Zeit füreinander.

Die jährliche Herbstfeier ist für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

von Attensam ein besonderer Moment im Jahr. Hier wird sichtbar, was das

Unternehmen im Alltag ausmacht: Menschen aus 35 Nationen, die gemeinsam

arbeiten. Und auch gemeinsam feiern.

Wer durch Städte und Gemeinden in ganz

Österreich geht, sieht die Arbeit dieser

Teams überall: saubere Stiegenhäuser und

Büros, gepflegte Grünflächen, geräumte

Gehwege im Winter. Es sind Leistungen,

die oft selbstverständlich wirken. Dahinter

stehen Menschen mit ganz unterschiedlichen

Geschichten.

Viele von ihnen kamen nach Österreich,

ohne die Sprache perfekt zu beherrschen

oder Kontakte zu haben. Der

Start in einem neuen Land kann schwierig

sein– beruflich wie privat. Doch bei Attensam

werden neue Kolleg:innen nicht nur eingeschult,

sondern aufgenommen. Wer hier

anfängt, spürt schnell: Es geht nicht nur um

Arbeitsabläufe oder Dienstpläne. Es geht

um Menschen.

ARBEIT VERBINDET –

OFT AUCH DARÜBER HINAUS

Diese Gemeinschaft endet nicht mit Feierabend.

Viele treffen sich privat, verbringen

Zeit miteinander, gehen essen oder machen

gemeinsam Musik. Freundschaften entstehen

zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht

nie begegnet wären. Gerade diese

spontanen Begegnungen machen den besonderen

Charakter von Attensam aus: ein

Arbeitsumfeld, in dem man nicht nur zusammenarbeitet,

sondern zusammen lebt, lacht

und wächst.

Advertorial

ATTENSAM

36 37



WENN GEHÖR LOSEN

KINDERN

DIE SPRACHE

GENOMMEN

WIRD

Sprache verbindet uns.

Sie ist unser Schlüssel

zur Welt.

Verstanden hat das

der Staat Österreich

aber immer noch

nicht.

von

THERESA-MARIE STÜTZ

Seit Herbst 2025 ist Theresa-Marie Stütz

Inklusionslehrerin an einer Wiener Mittelschule.

Daneben beschäftigt sie sich journalistisch mit der Frage,

Politik

welche Chancen Inklusion bietet – und warum

& Gesellschaft sie so oft verpasst werden.

38 39

Sprachen machen die Welt bunter und verbinden uns.

Doch stell dir vor, du hast keine Sprache. Weder

Gedanken, Träume oder Wut lassen sich in deinem Kopf

formen. Es gibt keine Worte, auch keine Gebärden. Und

kaum jemand versteht dich.

Bei manchen meiner gehörlosen Schüler:innen

habe ich das Gefühl, dass sie lieber still bleiben,

als nochmal nachzufragen. Sie tun so, als würden

sie verstehen, aber ihre Lernlücken sind

groß. Die einen scheitern an einfachen

Satzstrukturen, andere verwechseln die

Regenjacke mit einer Hose.

Schätzungen zufolge haben rund 70

Prozent gehörlos geborener Kinder wenig

Sprachzugang. Lautsprache zu lernen, ist

für sie schwierig bis unmöglich. Doch die Gesellschaft

verlangt es von ihnen.

Schuld ist die Geschichte. 1880 wurde am

Mailänder Kongress das Verbot von Gebärdensprachen

beschlossen. Das wirkt bis heute: Österreich

beharrt auf Deutsch,

schadet damit aber gehörlosen

Menschen.

Schulen in Österreich bieten nur verein zelt Österreichische

Gebärdensprache im Unterricht an. Für manche

gehörlose Kinder ist das sogar der erste Kontakt mit

Gebärdensprache.

Das könnten wir vermeiden. Mehr Sprache bedeutet

nämlich auch mehr Barrierefreiheit. Freundschaften

entstehen, Kinder erzählen von ihrem Schulalltag und die

Welt und ihr Wissen stehen offen. So ähnlich beschreibt

es auch die gehörlose Schauspielerin Emmanuelle Laborit:

„Mit der Entdeckung meiner [Gebärden-]Sprache

habe ich einen unschätzbar wertvollen Schlüssel gefunden,

der mir die Tür aufschließt, die mich von der Welt

trennte. […] Ich beginne, Gedanken zu entwickeln. Ich

habe das Bedürfnis, zu reden, alles zu sagen, zu erzählen,

zu verstehen.“

Ich hingegen kann meinen Schüler:innen nicht versprechen,

dass sie einmal „Arzt oder Doktor“ werden. Und

das, obwohl viele fleißig sind, sich Eselsbrücken zurechtlegen,

um einfacher zu lernen, erstaunliche visuelle Fähigkeiten

und eine schnelle Auffassungsgabe haben.

Denn Österreich spart an Geld, Zeit und gebärdensprachlichen

Natives, die Kinder beim Lernen unterstützen.

Die Konsequenzen: wütendes Aufstampfen bei Wut,

bedrücktes Abwinken bei Nichtverstehen, Zweifel an

der eigenen Intelligenz. Das macht einsam, ist unfair und

gefährdet Existenzen. Wir Lehrkräfte können da noch

so viel nachfördern. Manche Sprachdefizite sind einfach

nicht mehr aufholbar und wichtige sprachliche Grundbausteine

fehlen für immer. Eigentlich hat der Staat

2008 die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben

und damit versprochen, das Land zugänglich

für alle – auch für gehörlose Personen – zu machen. Doch

passiert ist bisher kaum etwas.

Politik

& Gesellschaft

ILLUSTRATION Rizki Ardia / unsplash.com (von der Biber-Redaktion bearbeitet)



Ein blauer Stern, tanzende Tiere und Glitzer:

COSMÓ ist unser diesjähriger Act

beim Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle.

Was Zahnmedizin, Zivildienst und

DER „Tanzschein“ damit zu tun haben?

Biber hat ihn gefragt.

HER MIT DEM

TANZSCHEIN,

COSMÓ!

FOTO ORF / Hans Leitner

von

STEFANIE GRASBERGER

ESC-SPECIAL



Am ESC-Wochenende hofft Wien auf

strahlenden Sonnenschein für uns und

unsere BesucherInnen, die Vorauswahl hingegen

fand unter weniger einladenden Bedingungen

statt. Während der Winter Wien

und weite Teile Österreichs weiß einkleidete,

wurde am 20. Februar im ORF-Zentrum

der/die diesjährige VertreterIn für den

Eurovision Song Contest gewählt. „Vienna

Calling“ hieß die Show, bei der zwölf heimische

Acts die Chance hatten, sich das Ticket

für den ESC zu holen.

Ein Stern strahlte dabei besonders

hell – und zwar nicht ausschließlich der

blaue in COSMÓs Gesicht, sondern auch

er selbst. In einem Glitzeroberteil aus Pailletten

und einer schwarz glitzernden Hose

VOM

LEGO-ESC AUF

DIE GROSSE

BÜHNE

COSMÓ heißt mit bürgerlichem Namen

Benjamin Gedeon und verbindet viele besondere

Momente mit dem Song Contest.

Der größte sei für ihn Conchitas Sieg 2014

gewesen, damals hatte er als Kind noch

vor dem Fernseher gesessen und die Teilnahme

anschließend mit Lego nachgebaut.

Auch den Song und die Message von Teya

Das wird zum Glück nicht nötig sein,

denn COSMÓ ist jetzt mittendrin. Er sieht

die Aufgabe als seinen zweiten, „noch krasseren

Zivildienst“. Denn es sei eine große

Verantwortung, ein Land zu vertreten. Sein

Lied soll einen „Ort der Gemeinschaft, wo

jeder willkommen ist“, bieten und fordert

zum Tanz auf. „Tanzschein“ ist sein erster

Song unter dem neuen Künstlernamen. Dieser

soll Weltoffenheit und ein Miteinander

von Kultur und Vielfalt symbolisieren, und

begründet sich auch in der Herkunft des

Künstlers: In Ungarn geboren, im Alter von

zwei Jahren nach Österreich gezogen, der

Vater aus Deutschland, die Mutter aus Budapest,

vereint COSMÓ nun hier die Einflüsse

dieser drei Länder. Und dann ist da

Im echten Leben studiert COSMÓ

Zahnmedizin. Während seiner Teilnahme

beim ESC möchte er sein Studium jedoch

zunächst pausieren. Außerdem ist der junge

Künstler leidenschaftlicher Läufer. Es war

ein Lauf durch den Wiener Prater, der den

Anstoß für seinen Song lieferte – plötzlich

ließ ihn das Wort „Tanzschein“ nicht mehr

los und wurde dann auch zum Titel. Sogar

passende T-Shirts zum Song hat COSMÓ

direkt entworfen. Warum auch nicht, immerhin

malen, musizieren und designen

auch andere Künstler, wie etwa Cro. Ein

Gesamtbild rund um Musik zu erstellen und

mitzugestalten, ist COSMÓ ein Anliegen.

Sein Bühnenbild erarbeitete er gemeinsam

mit dem Produktionsteam detailgenau. „Wir

ENDLICH

WIEDER EIN

DEUTSCH-

SPRACHIGER

SONG FÜR

ÖSTERREICH

B i s

vor Kurzem

hatte COSMÓ ausschließlich

auf Englisch

gesungen. Unabhängig vom ESC

war der Musiker im vorigen Jahr mit

seinem Produzenten Max Perner in

einer Sackgasse, denn englischsprachige

Musik hätten die beiden „nicht ganz

überzeugte er sowohl Jury als auch Publi-

& Salena 2023 mochte er. Ein besonders

noch sein blauer Stern: „Das eine Ding, das

hatten eine wunderbare Zusammenarbeit,

Eine Maskenbildnerin fertigte die Köpfe für

gefühlt“. Auf den Rat hin, seiner Kreativi-

kum mit seinem deutschen Pop-Song „Tanz-

großer Inspirationsmoment sei für ihn zu-

für COSMÓ steht.“ Seine Faszination für

weil das Produktionsteam so lieb und offen

die Bandmitglieder an. Um eine Geschichte

tät freien Lauf zu lassen, kam COSMÓ zu

schein“. Auf der Bühne kann er seiner ver-

letzt JJs Sieg gewesen. COSMÓ war klar,

Sternenbilder wird so zu seinem Wieder-

für meine Ideen war“, freut sich der Musiker.

erzählen und vermitteln zu können, brauch-

deutschsprachiger Musik, die laut Perner

meintlichen Schüchternheit entkommen,

dass er heuer Teil dieser Musikshow sein

erkennungsmerkmal.

te COSMÓ die Tiere. „Es ging mir ums Sto-

authentischer transportiert werde. Mit

performt souverän und gelassen, seine

möchte, da die Bühne

dort voller Ins-

rytelling. Meine wunderbare Band hat dann

einem deutschsprachigen Lied beim Song

BandkollegInnen tanzen mit, verkleidet als

Gorilla, Löwe und Gazelle.

piration stecke. Wenn

er die Qualifikation

für den Auftritt

nicht geschafft

hätte, wäre er mit seiner Mutter

zu einer General-

probe gegangen.

„TANZSCHEIN“

WURDE IM

WIENER PRA-

TER GEBOREN

mit Masken geschauspielert“, erzählt der

Künstler.

Content unterbricht COSMÓ vierzehn

Jahre englischer Beiträge für Österreich.

Mit einer eingängigen Melodie, einprägsamen

Moves und positiven Vibes

sorgt der Musiker für Stimmung. Gerade

wegen der simplen Inszenierung lädt das

Lied zum Tanzen ein. Und möglicherweise

tanzt Österreich nicht nur beim ESC, sondern

auch durch diesen Sommer.

Bereits als Kind wollte COSMÓ auf der

Bühne stehen und für Entertainment sorgen

– egal, ob als Tänzer, Sänger oder sonst

wie. „Es gibt Videos von mir als Kind, wie ich

eine halbe Stunde einfach Quatsch vor der

Kamera mache“, erinnert er sich. Am Musical

„Mamma Mia“ fasziniert ihn die Kombination

aus Tanz und Gesang im Film. Mit

Musik beschäftigt er sich dann beim Klavierunterricht

eingehender. „Meine Mama

hat mich eigentlich zum Klavierunterricht

angemeldet, damit ich gescheit werde und

gute Noten schreibe. Wohl kaum mit dem

Hintergedanken, dass ich mich mal für den

ESC bewerbe“, sagt COSMÓ.

FOTO ORF / Hans Leitner

ESC-SPECIAL

42

43

ESC-SPECIAL



ÖSTERREICHS ESC-PERFORMANCE:

VON ÜBERRASCHUNGEN UND PUBLIKUMSLIEBLINGEN

Dreimal gewonnen, neunmal letzter Platz:

So hat Österreich bisher beim ESC abgeschnitten.

Tatsächlich wollte auch Conchita Wurst

Österreich bereits 2012 vertreten, wurde

aber beim Publikumsvoting Zweite.

2014 gelingt der Coup: Die bärtige Diva tritt

mit „Rise Like a Phoenix“ an und gewinnt „den Schas“, wie

Kommentator Andi Knoll festhielt. Ihr Sieg gilt als Sieg

von Toleranz und Akzeptanz.

Seit der zweiten Austragung des ESC im Jahr

1957 schickt Österreich – wenn auch mit Unter brechungen –

Acts zum größten Musikwettbewerb. Und fährt gleich beim

Debüt einen letzten Platz ein.

Udo Jürgens tritt gleich dreimal für Österreich an.

Bei seinen ersten beiden Auftritten erreicht er

die Plätze 6 und 4 – mit „Merci, Cherie“ erobert er

1966 schließlich die Herzen und holt den Sieg.

Wenige Jahre später zittert Österreich bei

César Sampsons „Nobody But You“ mit. Er erreicht 2018

immerhin den dritten Platz, in der Jurywertung den ersten.

Den Sieg holt schlussendlich JJ nach Österreich zurück, der

2025 in seinem Lied „Wasted Love“ Oper, Techno und Pop verbindet.

FOTOS Anefo, NOS / Beeld en Geluid Wiki, Albin Olsson, Quejaytee

Dann geht es allerdings bescheiden weiter: 1976

geben Waterloo und Robinson das Comeback mit „My Little World“.

38 Jahre lang bleibt ihr fünfter Rang die Bestplatzierung für

Österreich. Nur Thomas Forstner schafft

1989 denselben Platz mit „Nur ein Lied“.

Für Alf Poiers „Weil der Mensch zählt“ gibt es 2003

überraschend immerhin den sechsten Platz, neun Jahre

später dagegen wieder eine Niederlage:

2012 schickt Österreich das Duo Trackshittaz zum ESC,

mit dem Ballermann-Song „Woki mit deim Popo“. Bereits im Semifinale

fährt dieser den letzten Platz ein.

ESC-SPECIAL

44



DAS BESTE DATE

MEINES LEBENS

Es war Dezember 2014, ich saß

bei einem Date in der Wiener

Innenstadt und erfuhr zwischen

Vorspeise und peinlicher

Gesprächspause, dass

man sich als Volunteer, als

freiwilliger Helfer, für den

Eurovision Song Contest

2015 bewerben kann –

auch als Nichtösterreicherin.

Es wurde nichts

zwischen ihm und mir,

trotzdem hat dieses Date

alles verändert.

Im Mai 2015 stand ich mit

meinen 19 Jahren plötzlich auf der ESC-Bühne für das Gruppenfoto

mit rund 800 Volunteers. Wenige Monate zuvor war ich erst

aus Barcelona nach Wien gezogen, kannte hier kaum jemanden

und war plötzlich Teil der größten Musikshow Europas.

Meine Aufgabe: Delegation Host für Spanien. Ich durfte

acht Tage lang „meine“ Spanier durch Wien führen, Kutschenfahrten

planen, im Heurigen meinen ersten Liptauer mit ihnen

probieren oder in letzter Minute einen großen Lautsprecher für

einen Flashmob im Burggarten organisieren ( ja, damals war das

noch cool). Ich kann mich an jeden einzelnen Tag erinnern.

Wenn mich heute jemand fragt, was ich an meinem ersten

Song Contest so geliebt habe, sage ich nicht „die Show“. Das „Te

Deum“ erstmals live zu hören, ist natürlich beeindruckend, aber

ESC-SPECIAL

Die Kulturjournalistin und TV-Reporterin

Annie Müller Martínez war bereits 2015

beim ersten ESC in Wien dabei und erzählt

uns, warum die Veranstaltung für sie so

magisch ist.

von

ANNIE MÜLLER MARTINEZ

das wirklich Besondere

passiert backstage:

wenn Italiener

mit Belgiern jammen, wenn

Fans aus Norwegen und Griechenland leidenschaftlich „Dancing

Lasha Tumbai“ grölen, wenn alle im Delegationsbereich plötzlich

aufgeregt tuscheln, weil der fesche Schwede Måns Zelmerlöw

(der damals gewonnen hat) vorbeikommt … Für eine Woche im Jahr

scheint Europa auch wirklich zu halten, was es verspricht: Verbundenheit.

Für mich war der Song Contest 2015 mehr als ein Event. Es

war ein Ankommen: in einer neuen Stadt, in einem Berufswunsch

(ich wollte immer etwas mit Fernsehen machen) und in einer Community,

in der es egal ist, woher du kommst, wen du liebst oder wie

crazy deine Outfits sind. Ich habe in dieser Zeit Freundschaften

geschlossen, die elf Jahre später noch halten. Natürlich hat sich

der ESC verändert. Ich sehe manches kritischer als damals. Aber

eines ist geblieben: dieser ganz eigene Spirit, den man nicht erklären

kann. Und die Begeisterung von tausenden Menschen, die

das alles mit Herzblut möglich machen.

Heuer nimmt das Eurovision-Fieber wieder ganz Wien ein.

Die Stadt, in der für mich und so viele andere alles begonnen hat.

Und plötzlich denke ich wieder an dieses eigentlich ziemlich unspektakuläre

Dezember-Date zurück. Ganz ohne Funken war es

dennoch der Anfang einer Beziehung, die bis heute hält: meine

Liebe zum Eurovision Song Contest.

46

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Sign-Performance beim Song-Contest:

WIE MUSIK

SICHTBAR WIRD

Amanda Jovanovic macht als Sign-Performerin

die Lieder des Eurovision Song Contest für alle zugänglich,

die nichts hören können. Worauf es bei Musik in

Gebärdensprache ankommt.

Amanda Jovanovic ist 25 Jahre alt und

steht in der Mitte eines kleinen Raums im

ORF-Zentrum am Küniglberg. Eine Gruppe

Menschen blickt auf die 25-Jährige.

Die ersten Noten von „Highway to

Hell“ von AC/DC ertönen. Amanda

beginnt zu tanzen. Ihr Blick ist auf den

Songtext am Monitor vor ihr gerichtet.

Nur damit und über die Vibrationen der

Lautsprecher kann sie den Song wahrnehmen.

Amanda ist gehörlos.

Gleich beim ersten Gitarrenriff

formt sie mit ihren Händen eine Zigarette,

zieht lässig daran und atmet den imaginären

Rauch aus. Im Refrain spielt sie voller

Energie Luftgitarre. Amanda hat sich neben

zwölf anderen als Sign-Performerin für

den Eurovision Song Contest 2026 beworben.

Die Performer:innen sollen die Songs

des ESC für gehörlose Menschen erlebbar

machen. Bewertet wird Amandas Auftritt

beim Casting von einer Jury, die auch aus

gehörlosen Menschen besteht.

49

VIEL MEHR ALS NUR

GEBÄRDENSPRACHE

„Das war für mich ein totaler

Blackout. Es waren so

viele Leute im Raum, das habe

ich gar nicht erwartet,“ gebärdet Amanda.

Die Jury achtet vor allem darauf, dass der

Songtext nicht eins zu eins in Gebärdensprache

übersetzt wird, denn auch ein

internationales Publikum soll die Songs

verstehen. Jurorin Judith Weissenböck, die

Leiterin des Projekts Sign-Performance, ist

begeistert von Amanda: „Sie hat angefangen,

zu performen und ich war am Motorrad,

mit Wind in den Haaren“, sagt sie und

lacht. „Sie ist ein ganz starker Typ.“ Und

dann die Nachricht: Amanda darf dabei

sein. Sie wird ins Team der Sign-Performer:innen

für den ESC aufgenommen.

Damit geht für Amanda

ein Traum in Erfüllung. Den

ESC verfolgt sie schon seit

ihrer Jugendzeit. Richtig erlebt hat

sie ihn aber erst 2015, als im ORF erstmals

die drei ESC Live-Shows auch für Gehörlose

gezeigt wurden. „Meinen Eltern habe ich

gesagt: ‚Hoffentlich gibt es das wieder bei

uns.‘ Für mich waren das Vorbilder.“

von

LEON SPACHMANN

und

THERESA-MARIE STÜTZ

Zur Sign-Performance kam Amanda

über Tanz und Theater. Seit ihrer Kindheit

steht sie gerne auf der Bühne. In ihrer

Schule wurde bis zur Matura gebärdet,

auch ihre Tanzlehrerin konnte Gebärdensprache.

„Ich habe mir gedacht: Als gehörlose

Schauspielerin in Hollywood, das wäre

total cool!“ Mit sieben oder acht Jahren

sah Amanda auf YouTube eine Gebärdensprachversion

des Songs „Call me maybe“.

„Das hat mich total fasziniert und ich habe

probiert, selbst mitzugebärden und es als

Video aufzunehmen. Da habe ich die Liebe

zur Sign-Performance entdeckt.“

EIN GEFÜHL FÜR DAS VISUELLE

Wie aber nimmt man Musik wahr, wenn man

nichts hören kann? „Hörende achten eher

auf den Rhythmus der Musik. Ich schaue

mir die Videos an und kriege ein Gefühl für

das Visuelle. Und wenn ich mein Hörgerät

laut aufdrehe, spüre ich auch die Vibrationen.“

Bei der Halftime Show des diesjährigen

Super Bowl mit Bad Bunny habe sie

zum Beispiel die Tänzer:innen visuell wahrgenommen,

„die viel Kultur gezeigt haben.“

Außerdem habe es eine Gebärdensprachperformance

einer gehörlosen Person aus

Puerto Rico gegeben.

ESC-SPECIAL

ILLUSTRATIONEN Eduardo Ramos, Ekaterina Bogdan / unsplash.com (bearbeitet von der Biber-Redaktion)



Amanda gefällt vor allem Rock. In ihrem

Wohnzimmer hängt ein großes AC/DC-Plakat.

Vor zwei Jahren hat sie AC/DC live in

Wien gesehen. „Ich war bei diesem Konzert

Stell dir vor, du lebst seit Jahren

in Wien, zahlst Steuern, gehst

arbeiten, bringst deine Kinder in

baff. Darum habe ich das Lied für das Casting

ausgewählt.“ Dann buchstabiert sie mit

dem Fingeralphabet „L-E-G-E-N-D-E“.

die Schule – aber du darfst nicht

wählen. In Österreich betrifft das

rund 1,5 Millionen Menschen.

Wenn sie sich auf einen Song vorbereitet,

schaut sie sich die Musikvideos an. „Dann

habe ich ein Bild im Kopf.“ Für „Highway to

Hell“ hat sie auch nachgesehen, ob es schon

Politikwissenschaftlerin Sylvia

Kritzinger nennt das eine „Repräsentationslücke“

– und sie ist

Übersetzungen gibt. Sie fand eine Version

in amerikanischer Gebärdensprache. „Doch

bei dieser Version konnte ich nicht so mitfühlen.“

Zu nahe war sie für Amanda an

demokratietheoretisch mehr als

heikel.

Genau solche Fragen stellt

Lautsprache angelehnt.

Ihre eigene Version hat sie schließlich

versucht, an Visual Vernacular anzupassen,

eine Kunstform, die für Sign-Performance

welche Stimmung ein Lied mitbringt, sie

kann sie wunderbar umsetzen und zeigen“,

erzählt ihr Freund.

SIGN-PERFORMANCE NICHT IM

HAUPTPROGRAMM

Die Sign-Performance wird vorab aufge-

die Universität Wien dieses Semester:

Wohin steuert die Demokratie?

Und die Antworten, die

verwendet wird. Visual Vernacular verzichtet

fast zur Gänze auf herkömmliche Gebärdensprache.

Stattdessen soll der Kon-

BOTSCHAFT HINTER DEM SONG

In den Monaten vor dem Event arbeitet

zeichnet und beim ESC mit einer zusätzlichen

Übertragung auf ORF 2 Europe gezeigt, jedoch

nicht im Hauptprogramm. Gehörlose

Wiener Forscher*innen liefern,

gehen uns direkt an.

text des jeweiligen Liedes, dessen Kultur

Amanda mit den anderen Performer:innen

Personen müssen also einen anderen Kanal

und auch die dahinterliegende Bedeutung

daran, die Songs des ESC 2026 in Sign-

nutzen, um den ESC barrie-

DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE –

visuell erfassbar werden – durch eine aus-

Performance und Visual Vernacular

refrei erleben zu können.

KEIN SELBSTLÄUFER

drucksstarke Mimik und bildhafte Gesten.

umzusetzen. Bei einem Workshop

„Ich hoffe, dass der ESC

Demokratie und Menschenrechte gehören

So verstehen sowohl gehörlose als auch

im ORF sind zwei weitere österrei-

jedes Jahr mit Gebär-

zu sammen, aber ihr Verhältnis war noch nie

hörende Personen die Darbietung.

chische Performer:innen im Raum.

denperformance

aus-

ganz entspannt. Die Demokratie folgt dem

Eine Kollegin hat sich aus Shanghai

gestrahlt wird“, wünscht

Mehrheitsprinzip – die

Menschenrechte

VISUAL VERNACULAR

eingewählt, auch deutsche Performer:innen

schalten sich zu. Gemein-

sich Amanda. „Dann ist

es wirklich inklusiv für

schüt zen genau jene, die in der Minderheit

sind. Wenn Mehrheiten über Religionsaus-

sam sehen sie sich alle ESC-Songs

gehörlose Personen.“ In

übung, Meinungsfreiheit oder Migrations-

FOTOS Theresa-Marie Stütz

Der Vorreiter des Visual Vernacular,

kurz VV, war der gehörlose

Schauspieler Bernard Bragg.

Er prägte den Begriff in den 1960er-

Jahren. Für seine VV-Performances ließ

er sich vor allem von der Pantomime

inspirieren. Heute gibt es auch andere

Einflüsse. Künstler:innen performen

in Zeitlupe, wechseln zwischen

verschiedenen Figuren und Gegenständen

oder setzen ihren Fokus auf

Perspektivenwechsel.

Traurige oder sehr dramatische Lieder

möchte Amanda nicht so gerne performen,

außer sie kann sich mit dem Text

identifizieren. „Amanda hat eine total gute

Ausstrahlung und einen Ausdruck. Egal,

an, die dem ORF bereits übermittelt

wurden. Die deutsche Übersetzung

der Texte liegt ausgedruckt vor ihnen.

Sie lesen die Texte, sehen sich die

Musikvideos an und tauschen sich über die

Bedeutung aus. „Was will der Sänger oder

die Sängerin sagen? Was ist die Botschaft

dahinter?“, erklärt Amanda die wichtigsten

Leitfragen.

Es geht außerdem darum, Missverständnisse

zu klären: Bei einem Video war

die Gruppe zum Beispiel von der Kamera

irritiert. „Wir haben geglaubt, der Kameramann

hat irgendwas“, beschreibt eine der

Performer:innen. „Dabei war es nur die dramatische

Musik im Hintergrund.“ Das habe

ihnen dann der hörende Coach gesagt.

Ein Lied hat Amanda schon im Blick, verraten

darf sie es noch nicht. „Ich muss noch

schauen, ob ich als Performerin dazu passe.“

Schweden gebe es zum

Beispiel auch Sign-Performances

beim ESC-

Vorentscheid: „Warum gibt

es das nicht auch bei uns?“ Sie fordert allgemein

mehr barrierefreie Zugänge für den

Kulturbereich. „Die meisten Menschen haben

einfach keine Ahnung, welche Bedürfnisse

wir haben. Das müssen wir mitteilen.

Und wenn dann zugehört wird, kann es auch

zu Änderungen kommen.“

Für den ESC hat Amanda bereits eine

Hausparty mit Freund:innen geplant. Gemeinsam

wollen sie ihre Performances ansehen.

Auch ihr Vater schaut jedes Jahr

den Song Contest, erzählt sie. „Er hat aber

nie etwas davon mitbekommen.“ Diesmal

macht seine Tochter die Show für ihn erfahrbar.

rechte abstimmen, stoßen beide schnell

aneinander.

Völkerrechtler Michael Lysander

Fremuth bringt es auf den Punkt: Menschenrechte

müssen in Bewegung bleiben, weil

sich die Gesellschaft wandelt. Ob KI-Regulierung,

Klimagerechtigkeit oder die Rechte

von LGBTQ+-Personen – neue Realitäten

brauchen neue Antworten. Und die werden

nicht im stillen Kämmerlein entschieden,

sondern im öffentlichen Diskurs erkämpft.

WENN VERLIERER DAS SPIEL

NICHT AKZEPTIEREN

Weltweit geraten Demokratien unter Druck.

2005 lebten noch 50 Prozent der Weltbevölkerung

in Demokratien, 2025 waren es

nur noch 26 Prozent. Gleichzeitig wächst

die Zahl der Länder, die sich autoritär entwickeln.

Auch in Europa. Auch nebenan.

DEMOKRATIE. DEINE FRAGE.

Kritzinger beschreibt ein Phänomen,

das viele kennen: Populismus setzt auf die

einfache Logik „Wir haben gewonnen, also

gilt nur unser Wille.“ Doch Demokratie funktioniert

anders – sie braucht Kompromisse,

Koalitionen, Aushandlung. Wer das als

Schwäche sieht, spielt autoritären Kräften

in die Hände.

DEINE STIMME ZÄHLT –

AUCH AUSSERHALB DER WAHLKABINE

Demokratie ist mehr als ein Kreuz auf dem

Wahlzettel. Sie lebt davon, dass Menschen

diskutieren, sich informieren, widersprechen

und Verantwortung übernehmen.

Fremuth warnt: Wer den Staat nur als „Service

provider“ betrachtet, der alles regelt,

macht sich anfällig für autoritäre Versprechen.

Es gibt keine Demokratie ohne

Menschen, die sie aktiv leben.

JETZT MITMACHEN – AUCH LIVE IN WIEN

Die Uni Wien lädt dieses Semester zur

Auseinandersetzung ein – mit Vorträgen,

Diskussionen und dem großen Abschlussevent

am 22. Juni 2026, 18.30 Uhr, im

Großen Festsaal der Universität Wien, mit

UN-Hochkommissar für Menschenrechte

Volker Türk. Alle sind eingeladen.

Alle Beiträge, Podcasts und Eventinfos zur

Semesterfrage auf: rudolphina.univie.ac.at

JETZT IN DIE DISKUSSION EINSTEIGEN

IM WISSENSCHAFTS MAGAZIN

RUDOLPHINA DER UNI WIEN

FOTO Violetta König

ESC-SPECIAL

50

51 UNIVERSITÄT WIEN

Advertorial



PROTEST IN

JEDER STROPHE

Bevor beim ESC in der Wiener

Stadthalle „United by Music“

angesagt ist, ballt man im

Rabenhof Theater die Faust.

Beim jährlichen

Protestsongcontest am

12. Februar steht

das Dagegenhalten

im Fokus.

Aber wogegen

ist

dieses

Event?

Der Zuschauerraum ist rappelvoll. Rund

500 Menschen haben sich im Rabenhof

Theater in Wien-Erdberg zusammengefunden.

Viele sitzen mit einem Bier auf dem Boden. Polstersessel

darf man nicht erwarten, wenn man den

Protestsongcontest, kurz PSC, besucht. Die wurden

aus dem Saal geräumt, damit mehr Platz ist: zum

Tanzen und Headbangen. Spätestens um 20 Uhr, wenn

der Chor der Wiener Arbeitersänger*innen klassische

Protestlieder anstimmt, erhebt sich der Saal.

Zum Protestsongcontest ist der Rabenhof kein normales

Theater mit Drehbuch und gefakten Emotionen. Auf

der Bühne stehen zehn Artists und ihre Wut ist echt. Sie singen

beispielsweise über Kriege, die Klimakrise oder Femizide. Schon seit

2004 sind das Theater und Radio FM4 auf der Suche nach dem stärksten

Protestlied. Mitmachen darf jede*r, der*die sich über etwas aufregt

und das in einem selbstgeschriebenen Song verpackt. Als Gewinn winken ein

Pokal in Form einer geballten Faust sowie ein Auftritt beim nächsten PSC.

GEDENKEN AN DEN BÜRGERKRIEG

„Es ist toll, dass sich der Protestsongcontest etabliert hat. Er ist

für viele ein Fixpunkt im Kalender“, freut sich Gerald Stocker. Der

Theaterwissenschaftler hatte zusammen mit dem Rabenhof-Direktor

Thomas Gratzer die Idee für das Event.

Ursprünglich sollte der PSC eine einmalige Veranstaltung

sein, wiederholt sich heuer aber bereits zum 23. Mal. Jährlich am

12. Februar gedenkt er dem österreichischen Bürgerkrieg 1934, bei

dem die sozialdemokratische Partei gegen den Faschismus aufbegehrte

und vom austrofaschistischen Dollfuß-Regime niedergeschlagen

wurde. Auch im Gemeindebau Rabenhof kamen Menschen

ums Leben.

„DER PSC IST GELEBTE ZEITGESCHICHTE“

„Dieses Mal gab es ungefähr 160 Einreichungen“, berichtet Stocker.

Als Teil einer dreiköpfigen Vorjury sucht er daraus die besten

25 aus. Anschließend entscheiden drei weitere Juror*innen in der

Radioshow FM4 Soundpark über die neun Finalist*innen und nominieren

jeweils ein zusätzliches Lied, über das die Zuhörer*innen abstimmen.

Im Finale bewerten wiederum sechs Fachjuror*innen, darunter

ehemalige Teilnehmende wie Regisseurin Marie Luise Lehner.

Auch hier kann das Publikum mitstimmen.

In den vergangenen Jahren ist viel passiert, worauf die Teilnehmer*innen

zornig waren. Zum Beispiel auf die schwarz-blaue

Koalition unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Das politische

Klima Anfang der 2000er-Jahre war mitverantwortlich für die

Gründung des PSC. Aber auch auf die Asylpolitik, den Ukrainekrieg

und Coronaquerdenker. „Der Protestsongcontest ist gelebte Zeitgeschichte“,

betont Stocker.

KUNSTBLUT UND TEA PARTY SOUL

Teilnehmerin Astrid Hirzberger aka Fraeulein Astrid ist wütend

auf ihre Endometriose. Das ist eine Krankheit, bei der sich gebärmutterschleimhautähnliches

Gewebe an anderen Stellen im Körper

ansiedelt, was unter anderem zu starken Schmerzen führt.

In ihrem Song „Sag mir, du erinnerst dich“, rückt die 28-Jährige

zudem Medical Gaslighting in den Fokus: „Ich singe auch über die

vielen Ärzt*innen, die meine

Schmerzen jahrelang nicht

ernst nahmen und meinten,

das sei normal.“

Denn wenn dein Körper langsam

Wo willst du dann hin, wenn du

dein Feind wird

nicht mehr rennen kannst?

Die gebürtige Steirerin freut sich sehr über die Chance, diese

Plattform für ein ihr so wichtiges Thema nutzen zu können, „vor

allem, weil Endometriose so viele Menschen betrifft – etwa eine

von zehn Frauen und Personen mit Uterus“, wie sie mit Kunstblut

an den Händen und sanfter Stimme ins Mikro singt. Auch das kann

Protest sein: „Ich finde, dass die ruhigen Momente in Songs viel

bewirken können.“

Lucia Anima sieht das ähnlich. Die 22-jährige Mödlingerin macht in

„We’re In Trouble“ auf die Klimakatastrophe aufmerksam. Sie findet

es aktuell besonders wichtig, ein Zeichen zu setzen, vor allem, weil

Klimaschutz ihrer Meinung nach nicht mehr die verdiente Aufmerksamkeit

bekommt.

Belehren möchte sie allerdings nicht, viel eher offen kommunizieren

und Hoffnung schenken: „Meine Message ist, dass man die

Klimakrise nicht nur als großes Drama sehen muss, sondern auch als

Gelegenheit, um aktiv Einfluss zu nehmen.“

Ev’ryone knows it needs changes

But no one likes to think

about their habits

Das will die Sängerin und Straßenmusikerin mit ungeschönter

Musik ausdrücken, die sie selbst als „Tea Party Soul“ beschreibt –

gemütlich, aber mit Tiefgang. Die Party darf aber auch mal „fetziger“

werden und so rüttelt Lucia die Performance mit ihrer Band

auf, indem sie gegen Ende des Songs richtig lange schreit.

FOTOS Radio FM4

von

PATRICIA KORNFELD

52 53



FOTO Radio FM4

MY BODY, MY CHOICE!

Laut wird auch die Siegerband des diesjährigen PSC: Mit „My

Body, My Choice“ protestiert die Punkband Black SunZet gegen

Femizide und sexualisierte Gewalt. 2025 ging der Gewinnersong

„Jedermann“ der R’n’B-Sängerin Chovo in eine ganz ähnliche Richtung.

„Manche Themen wie Gewalt gegen Frauen bleiben leider. Darüber

hätte man vor fünf Jahren einen Song einreichen können und

man kann es immer noch“, stellt Stocker fest.

Bei der Punktevergabe knapp drei Stunden später

sitzen viele Publikumsgäste wieder auf dem Boden.

Nur Michael Ostrowski strahlt noch Energie

aus. Der Schauspieler führt seit 2014 mit lockerer

Zunge und weltpolitischen Anspielungen durch

den Abend. Die Tatsache, dass er auch den Eurovision

Song Contest moderieren wird, lässt er heuer

ebenfalls einfließen. Zum Beispiel präsentiert er

sich als „Eurovisions-Protestsongcontest“-Moderator,

begrüßt das Publikum auf drei Sprachen und

heißt sie im Rabenhof Theater – der „wahren Stadthalle“

– willkommen. Ein lustiger Twist auch deshalb,

weil der PSC des Öfteren fälschlicherweise mit

dem ESC in Verbindung gebracht wurde, etwa als

Gegenveranstaltung.

„Ich versuche, die Dinge und mich selbst nicht

so ernst zu nehmen. Der Protestsongcontest ist

eine Veranstaltung, bei der die Leute Spaß haben

sollen“, erklärt Ostrowski. Dem stimmt Gerald Stocker zu: „Protest

muss nicht bierernst sein. Aber der PSC soll auch zum Nachdenken

oder vielleicht Handeln anregen.“ Wer die Faust nach Hause trägt,

ist seiner Meinung nach nicht so wichtig. Alle, die im Finale stehen,

hätten bereits gewonnen, weil ihre Anliegen präsent sind. Und

noch etwas macht den Protestsongcontest aus, findet Lucia: „Es

ist zwar ein Wettstreit, aber uns alle verbindet, dass wir gegen irgendetwas

sind.“

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SIE HABEN DAS LAND

MIT AUFGEBAUT.

Vor 60 Jahren, im Jahr 1966, schloss Österreich ein sogenanntes

Anwerbeabkommen mit Jugoslawien ab –

einen Vertrag, der die Anwerbung von jugoslawischen

Arbeitskräften rechtlich regelte. Die GastarbeiterInnen,

die seither kamen, haben das Land nachhaltig geprägt.

Über vergessene Geschichten, verlorene Sprachen und

ein Denkmal, das endlich keiner mehr übersehen kann.

Wenn Savo Ristić über seine Idee für ein Gastarbeiterdenkmal

spricht, klingt darin nicht nur Engagement, sondern auch ein Stück

gelebte Familiengeschichte mit. Die Geschichte seiner Eltern ist

mir sehr vertraut. Genau wie meine Eltern kamen auch sie Anfang

der 1970er-Jahre nach Österreich – und wie mein Vater, der damals

allein aus der Türkei aufbrach, machte sich auch Savos Vater

zunächst allein aus Jugoslawien auf den Weg. Erst ein Jahr später

konnte seine Mutter nachkommen.

Vom Südbahnhof ging es direkt nach Oberösterreich. Die

beiden hatten in der Nähe von Linz Arbeit gefunden. Der Vater

reparierte Kochöfen, die Mutter wusch in einem Gastgewerbe

die Teller, später stellte sie in einer Schmuckfabrik Billigschmuck

her. Wie auch meine Geschwister blieben die drei kleinen Kinder

zurück in der Heimat– betreut von der Großmutter. Und wie viele

andere GastarbeiterInnen dieser Zeit kehrte auch die Familie Ristić

irgendwann in die Heimat zurück. Denn Ende der 1970er erschütterte

die Ölkrise Europa und die Zuwanderung nach Österreich

wurde strenger geregelt. Die wirtschaftliche Lage in Jugoslawien

stabilisierte sich und die Arbeitsbedingungen wurden besser. Savos

Eltern hatten genug zur Seite gelegt, um ein kleines Haus zu

bauen. Und auch die anderen Familienmitglieder konnten aufatmen.

„Meine Geschwister und meine Oma haben immer gesagt, dass

meine Eltern Urlauber waren“, erinnert sich Savo.

ANERKENNUNG FÜR EINE PRÄGENDE GENERATION

Doch im Nachhinein reichten die wenigen anerkannten Versicherungsjahre

seines Vaters nicht einmal für eine Pension. Nach seinem

frühzeitigen Tod erhielt die Familie eine Einmalzahlung von

rund 3000 Euro. Aus dieser geringen Wertschätzung wuchs Savos

Wunsch, ein Gastarbeiterdenkmal zu schaffen – einen sichtbaren

Ort der Anerkennung. Für die Generation seiner Eltern bedeutete

Arbeit mehr als Lohn: „Wenn mein Vater ein Gebäude sah, sagte er:

‚Das habe ich mitgebaut.‘ Er war wie ein Künstler, der seine Skulptur

zeigt.“ In der offiziellen Geschichtsschreibung fand diese Arbeit

lange keinen Platz. „Mir ist es wichtig, dass diese Geschichte

nicht verschwindet, denn wenn wir GastarbeiterInnen anerkennen,

geben wir auch ihren Kindern und Enkelkindern Mut, sich mit Österreich

als ihrer Heimat zu identifizieren.“

DANN HABEN WIR

FOTOS Niko Havranek

Magazin

von

ESER AKBABA

56 57

SIE VERGESSEN.

Magazin



Unterstützung bekam Savo von Anfang an von der Volkshilfe

Community Work. Dafür ist Savo dankbar und zugleich sehr erfreut

darüber: „Hier ist ein großartiges Projekt und ein großartiges Team

entstanden.“ Das Denkmal soll in der Nähe des Wiener Hauptbahnhofs

errichtet werden und an ein Kapitel erinnern, das Österreich

tief geprägt hat und immer noch prägt: Migration als dauerhafte

Realität, als Motor für wirtschaftlichen Aufschwung. Und es soll an

Menschen erinnern, an jene, die gekommen sind, gearbeitet haben,

und die dennoch in Vergessenheit geraten sind.

ZWEI PLASTIKSACKERL UND EIN NEUANFANG

Eine der Menschen, die das Denkmal würdigen soll, ist Vasilija

Stegić. Ihr erster Gedanke am Abend des 7. Jänner 1973 lautet:

„Wo werde ich heute schlafen?“ Nach einem Streit mit ihrem Mann

hatte sie in Rijeka, Kroatien, das Notwendigste in zwei Nylonsackerl

gepackt und sich auf den Weg nach Wien gemacht. Angekommen

am damaligen Wiener Südbahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof,

geht Vasilija zum Roten Kreuz und bekommt dort die Adresse einer

Nonnenunterkunft im 9. Bezirk.

Vasilija hat weder Visum noch Arbeitserlaubnis, aber davon

lässt sie sich nicht beirren. Gleich am nächsten Morgen tritt sie

ihre Arbeit in einer Schneiderei auf der Mariahilfer Straße an. „Ich

habe viel und hart gearbeitet, meistens länger als zwölf Stunden

am Tag. Das kann jeder bestätigen.“ Die Sprache kann sie bereits:

Vasilijas Mutter sprach Deutsch und sie erlernte sie mit neun Jahren

an einer Volkshochschule in Rijeka. „Das war ein großer Vorteil“,

erinnert sich Vasilija.

Das Geld reicht nicht. Vasilija sucht sich einen zweiten Job.

Bei einer Gräfin im ersten Bezirk arbeitet sie als Haushaltshilfe.

Zwischen Frühstück und Abendessen ist sie in der Schneiderei beschäftigt.

Auf die Frage, was ihr in dieser Zeit besonders schwerfiel,

antwortet sie mit Tränen in den Augen. „Dass ich meine Tochter

zurücklassen musste. Ich habe sie bei meinem Mann gelassen und

nur in den Ferien gesehen.“ Doch dieser bringt das Kind zur Großmutter,

die Vasilija den Kontakt zusätzlich erschwert. Als die beiden

sich endlich wiedersehen, sagt die Tochter: „Ein Kalb hat eine

Mutter – ich habe keine.“ Dieser Satz begleitet Vasilija bis heute.

Mit der Zeit findet sie Stabilität. Sie wird Hausbesorgerin, später

Beamtin bei den Wiener Stadtwerken – ein hart erkämpfter Aufstieg.

Sie renoviert ihre Wohnungen selbst, baut sich ein Leben

auf, ein Zuhause. Am Ende bleibt sie in Wien, ist mehr Wienerin als

Kroatin. Heute sagt sie nüchtern: „Ich bin zufrieden. Viel Gutes, viel

Schlechtes – aber Glück hatte ich auch.“

FOTOS Niko Havranek

Wie ist es, GastarbeiterIn zu sein,

mit Gast arbeiterInnen zu arbeiten,

als Kind von GastarbeiterInnen

aufzuwachsen?

Zwei Gespräche mit Menschen, die

wissen, was das An werbe abkommen

für Österreich und seine

Gast arbeiterInnen bedeutet hat.

Anfang der 1970er-Jahre gründet Hans Staud das Unternehmen

Staud’s Wien und fängt an, Obst und Gemüse zu veredeln. Seitdem

ist der Marmeladenkönig vom österreichischen Delikatessenmarkt

nicht mehr wegzudenken – nicht zuletzt dank der GastarbeiterInnen

aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Herr Staud, wie haben Sie die Zeit damals empfunden? Und warum

haben Sie B/K/S gelernt?

Ich war damals sehr jung, und die Gastarbeiterinnen

– meist schon ältere Damen – haben mich wohl

ein wenig gepflanzt. Das habe ich mitbekommen und

kurzerhand beschlossen, einfach ihre Sprache zu

lernen. Das war der ursprüngliche Beweggrund.

Die ersten Wörter waren tatsächlich Schimpfwörter

– wie meistens, wenn man eine neue Sprache

lernt. Wir hatten es damals sehr lustig in der Betriebsküche;

es waren die ersten Gastarbeiterinnen

in der Branche – vor allem, weil Österreicherinnen

diese Arbeit nicht machen wollten.

FOTO Schafranek / Vetropack

Magazin

58 59

Magazin



Serbokroatisch zu lernen, fiel mir leicht, weil

Wie hat sich die sogenannte Nachfolgegeneration entwickelt?

Welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Aus-

ich in der Schule Latein hatte. Ich konnte also mit

Die zweite Generation hat die Unsicherheit am

wirkungen hatten diese Migrationsbewegungen auf Österreich?

den sechs Fällen gut umgehen. Innerhalb von zwei

stärksten erlebt. Viele gingen davon aus, dass sie

Ohne den Einsatz von Gastarbeiter:innen hätte

Jahren konnte ich mich gut verständigen. Es wurden

irgendwann zurückkehren würden. Die dritte Gene-

Österreich mit massivem Arbeitskräftemangel zu

auch die Rezeptkarten auf Serbokroatisch geschrie-

ration ist selbstbewusster und beginnt, ihre eigene

kämpfen gehabt. Gastarbeiter:innen waren über

ben, die habe ich handschriftlich verfasst. Später

Geschichte aktiv zu erforschen und darüber zu spre-

Jahrzehnte das Rückgrat zentraler Wirtschaftssek-

mussten sie für die anderen Mitarbeiterinnen wie-

chen. Sie hinterfragt vereinfachende Perspektiven

toren, haben Infrastruktur mitaufgebaut und zum

der ins Deutsche umgeschrieben werden.

und macht die Vielfalt migrantischer Erfahrungen

Sozialstaat beigetragen. Sie waren entscheidend für

Welchen Rat würden Sie Unternehmen angesichts des aktuellen

sichtbar.

die demografische Entwicklung und prägten Öster-

Fachkräftemangels geben und welche Fehler kann man vermeiden?

Wie hat sich die Rolle der Frau im Kontext dieser Migrationsge-

reich auch gesellschaftlich und kulturell nachhaltig.

Es ist ein großes Glück, dass Menschen aus ande-

schichte im Laufe der Zeit verändert?

Wie werden Gastarbeiter:innen Ihrer Meinung nach in den Medien

ren Ländern zu uns nach Österreich kommen. Sie

Frauen hatten von Anfang an eine zentrale Rolle,

dargestellt?

wollen arbeiten und Geld verdienen, um sich etwas

leisten zu können. Als Arbeitgeber sollte man ihnen

dafür angenehme Rahmenbedingungen schaffen.

Dr. Faime Alpagu ist Soziologin und Migrationsforscherin. Ihre Arbeit

will die Lebensrealitäten von Migrant:innen sichtbar machen.

wurden aber lange unsichtbar gemacht. Sie leisteten

Care-Arbeit im Herkunftsland oder arbeiteten

selbst in Österreich und trugen große Verantwor-

Überwiegend aus einer vereinfachenden Perspektive.

Sie erscheinen häufig als homogene Gruppe.

Unterschiede sowie insbesondere die Erfahrungen

Das Wesentliche ist aber, sich gegenseitig Respekt

zu zollen und mit offenen Armen aufeinander

zuzugehen – das gilt für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer.

Beide wollen etwas voneinander; es ist also

keine einseitige Geschichte. Nur, wenn beide Seiten

das begreifen, kann ein fruchtbares Miteinander

entstehen.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Dissertation intensiv mit der Migrationsgeschichte

der Gastarbeiter:innen. Was sind die wichtigsten

Schlüsse?

Die Gastarbeiter:innenmigration war als kurzfristiges

Projekt gedacht. Man ging davon aus, dass die

Menschen nur für einige Jahre kommen und dann

wieder zurückkehren würden. In Wirklichkeit hatte

tung innerhalb der Familie. Trotzdem werden sie

häufig lediglich als „Angehörige“ wahrgenommen

und nicht als eigenständige Akteurinnen.

marginalisierter Gruppen, darunter Kurd:innen,

religiöse Minderheiten und Frauen, bleiben weitgehend

unsichtbar. Die Stimmen der Betroffenen

selbst werden selten eingebunden und so bleibt ihre

Perspektive im öffentlichen Diskurs unterrepräsentiert.

diese Migration jedoch langfristige Folgen und hat

die Gesellschaften in der Türkei, in Ex-Jugoslawien

und in Österreich nachhaltig geprägt.

Die Geschichten der Gastarbeiter:innen sind

sehr vielfältig. Dennoch wurden und werden sie bis

heute oft als homogene Gruppe wahrgenommen.

Durch die Kurzfristigkeit hatten viele keine Möglichkeit,

die Sprache zu lernen. Das führt dazu, dass

sie bis heute in vielen Bereichen abhängig von ihren

Kindern sind. Hinzu kommen die Folgen schwerer

körperlicher Arbeit, Einsamkeit und das Leben im

Ausland ohne ausreichenden Schutz. Diese Erfah-

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rungen werden bis heute nur teilweise anerkannt.

Worin unterscheiden sich die Anwerbung von Gastarbeiter:innen in

den 1960er-Jahren und die heutige Rekrutierung von Fachkräften –

abgesehen von verpflichtenden Deutschkursen?

In den 1960er-Jahren gab es einen akuten Arbeitskräftemangel.

Migration wurde ausdrücklich als

temporär gedacht; Fragen der Integration oder

politischen Teilhabe blieben weitgehend ausgeklammert.

Bis heute fehlt der österreichischen Migrationspolitik

eine langfristige Vision. Die heutige

Rekrutierung von Fachkräften ist stärker selektiv

und qualifikationsorientiert, gleichzeitig sind die

allejobs.at

rechtlichen Zugangsbedingungen komplexer und re-

FOTO Fesih Alpagu

striktiver. Aber immer noch bleibt Integration Aufgabe

der Migrant:innen selbst, volle gesellschaftliche

und politische Teilhabe wird jedoch verwehrt.

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Seit der Gründung im Jahr 2006

stehen wir für Vielfalt, Dialog und

das selbstverständliche Feiern

gesellschaft licher Diversität in

Österreich.

ALEXANDER VAN DER BELLEN

Bundespräsident Republik Österreich

Nein, Biber steht nicht für das Nagetier, sondern für die gewisse Prise Pfeffer.

Oder Pfefferoni – je nachdem, wie man das Wort übersetzt. Scharf aber ist er jedenfalls,

der Blick des Biber auf ein vielfältiges Wien, ein Wien, das immer schon ein Fleckerl -

teppich ganz unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Einflüsse war.

Zum Jubiläum haben wir langjährige

Wegbegleiterinnen und

Wegbegleiter gefragt, warum

Vielfalt für sie wichtig ist, was

sie mit dem Biber Magazin verbin-

wird 20!

den und wofür die letzten 20 Jahre

für sie stehen.

Seit seiner ersten Ausgabe vor 20 Jahren bewegt sich das Magazin agil

zwischen den Welten und ist trotzdem stets mittendrin. Es beleuchtet, wie wunderbar

unterschiedlich wir sind, findet dabei aber auch stets das Gemeinsame, das,

was uns verbindet. Außerdem ist das Biber bis heute eine wichtige Journalistenschule

für Menschen mit migrantischem Hintergrund. Mit dem Effekt, dass auch in

vielen anderen Medien nicht mehr nur über Migrant:innen berichtet wird,

sondern von Migrant:innen. Das Biber leistet damit einen wichtigen Beitrag zur

Medienvielfalt und Offenheit in unserem Land.

Ich gratuliere dem Biber herzlich zum Jubiläum –

und danke allen, die an dem Magazin mitarbeiten!

FOTO Zajc

Magazin 62 63 Magazin



MICHAEL LUDWIG

Bürgermeister Stadt Wien

Seit 20 Jahren ist Biber ein unverzichtbares Sprachrohr der

Wienerinnen und Wiener mit Migrationshintergrund. Es feiert

Mehrsprachigkeit, erzählt den Spirit unserer internationalen

Community und entdeckt journalistische Talente. Mit Leidenschaft

für Reportage, Porträt und Recherche hat Biber

Maßstäbe gesetzt. Dem neuen Team wünsche ich weiterhin

Neugier, Mut und kritischen Geist. Wien lebt von Vielfalt –

alles Gute, Biber!

CHRISTOPH WIEDERKEHR

Bundesminister für Bildung

BARBARA NOVAK

Amtsführende Stadträtin

für Finanzen, Wirtschaft,

Arbeit, Internationales

und Digitales

Vielfalt ist für mich ein zentraler Erfolgsfaktor:

Unterschiedliche Perspektiven fördern Innovation,

schaffen faire Chancen am Arbeitsmarkt und

stärken den Standort. Das Biber Magazin macht

sichtbar, was oft übersehen wird und übernimmt

Verantwortung für den gesellschaftlichen Diskurs.

Diese 20 Jahre stehen für gelebte Diversität

und einen offenen Dialog. Gerade in diesen

Zeiten braucht es Medien, die Brücken bauen und

Zusammen halt stärken.

RENATE ANDERL

Präsidentin der AK Wien und

der Bundesarbeiterkammer

Österreich hat eine wunderbare und bereichernde Vielfalt zu bie-

Vielfalt ist für mich eine zentrale Stärke unserer Gesellschaft – sie eröffnet

Perspektiven, fördert Verständnis und treibt Innovation voran. Das Biber

Magazin verkörpert seit 20 Jahren genau das: Stimmen, die gehört werden

müssen und für gelebte Integration. Diese Jahre stehen für Mut, Dialog und

ein modernes, offenes Österreich. Ich danke dem Biber für zahllose enorm

wertvolle Artikel und freue mich auf die nächsten 20 Jahre!

ten – an Menschen, Kulturen, Lebensmodellen. Vielfalt ist nicht immer

einfach, aber es zahlt sich aus, sie zu fördern – denn eintönige

Gleichmacherei brauchen wir nicht. Unsere Vielfalt spiegelt sich seit

20 Jahren auch in „Das Biber“ wider, mit scharfem Verstand greift

das Biber Themen auf, die unser Land und die Menschen bewegen

und fördert zugleich junge, migrantische journalistische Talente. Ich

kann nur sagen: Weiter so!

FOTOS David Bohmann (Stadt Wien), Andy Wenzel (BKA), Visnjic, BMWET / Holey

PETER HANKE

Bundesminister für

Innovation, Mobilität

und Infrastruktur

20 Jahre Biber – das sind 20 Jahre Mut, Haltung

und frische Perspektiven. Vielfalt ist für mich kein

Schlagwort, sondern gelebter Alltag in Österreich

– und genau das spiegelt Biber wider. Das

Magazin gibt jungen Stimmen Raum und zeigt, wie

bereichernd Diversität für unsere Gesellschaft ist.

Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!

ELISABETH ZEHETNER

Staatssekretärin für Energie,

Startups und Tourismus

20 Jahre Biber zeigen, wie viel Kraft in gelebter Vielfalt steckt und wie viel Potenzial

noch vor uns liegt. Geschichten aus der Community für die Community

schaffen Sichtbarkeit, verbinden Perspektiven und machen deutlich: Vielfalt

ist kein Nebenschauplatz, sondern ein Erfolgsfaktor für Innovation, Unternehmergeist

und Wachstum. Genau deshalb braucht es Biber auch in den kommenden

20 Jahren als starke Stimme einer modernen Wirtschaft und Gesellschaft.

WALTER RUCK

Präsident der Wirtschaftskammer Wien

Vielfalt ist eine der großen Stärken der Wiener Wirtschaft. Sie lässt uns schwierige

Zeiten besser bewältigen und Zukunftschancen nutzen. Wien ist auch eine Stadt mit

einem großen Potenzial an jungen Menschen. Auch das eröffnet uns viele Chancen.

Biber steht seit 20 Jahren für diese beiden Stärken Wiens und bereichert unsere

Stadt mit seinem direkten, jungen Journalismus. Ich wünsche dem Biber-Team viel

Erfolg für die Zukunft, weiterhin so viel „Pfeffer“ – und allen Leserinnen und Lesern viel

Freude mit diesem spannenden Magazin.

CHRISTIAN C. POCHTLER

Präsident der

Industriellenvereinigung (IV) Wien

Seit 20 Jahren ist das Biber Magazin nicht mehr aus Wien wegzudenken – ebenso bunt

und vielfältig wie unsere Heimatstadt. Als Unternehmer wünsche ich der jungen Generation,

dass sie laut ist, dass sie ihre Zukunft aktiv selbst gestaltet und den Mut hat zu

mehr Selbstständigkeit! Das bedeutet auch mehr Unternehmertum statt Komfortzone.

Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!

FOTOS David Bohmann, Sebastian Philipp, Florian Wieser, Noll

Magazin 64 65 Magazin



MARKO MILORADOVIĆ

Geschäftsführer des Wiener

Arbeitnehmer*innen Förderungsfonds

– waff

Das Biber Magazin ist für mich Stimme und Gesicht der neuen

Wiener*innen, die sich selbst ermächtigen und Geschichten

aus ihrer Lebenswelt erzählen. Dabei nimmt das Biber einen

unverwechselbaren Blickwinkel ein, der die Vielfalt in unserer

Gesellschaft zeigt. Diese Vielfalt ist ein Motor für Innovation,

Zusammenhalt und soziale Gerechtigkeit. Sie eröffnet Perspektiven,

schafft Chancen und stärkt unsere Gesellschaft.

Diese 20 Jahre stehen für Aufbruch, Dialog und gelebte Diversität

– Werte, die auch unsere Arbeit im waff prägen und

mit denen wir zuversichtlich in die Zukunft gehen.

MARCEL HARASZTI

Vorstand

REWE International AG

Seit 20 Jahren steht das Biber Magazin für gelebte

Vielfalt und mutigen Journalismus. Für uns

als REWE Group ist Vielfalt gelebte Haltung – geprägt

von neuen Perspektiven, Respekt und Offenheit.

Das Biber Magazin macht Stimmen sichtbar,

die unsere Gesellschaft bereichern. Diese Haltung

verbindet uns. Wir gratulieren herzlich zu zwei

Jahrzehnten engagierter Arbeit, die Österreich

offener und vielfältiger gemacht hat.

INGRID THURNHER

interimistische

ORF-Generaldirektorin

OLIVER ATTENSAM

Geschäftsführer

Unternehmensgruppe Attensam

FOTOS David Bohmann (waff), ORF (Thomas Ramstorfer), Eva Kelety, Österreichische Post AG

Seit 20 Jahren macht Biber sichtbar, was Österreich längst ist: vielfältig,

mehrsprachig, chancenreich. Als Radiodirektorin und jetzt an der ORF-Spitze

weiß ich: Medien tragen Verantwortung für gesellschaftliche Teilhabe und

Meinungsvielfalt. Biber lebt diese Werte mit Mut und Haltung. Danke für zwei

Jahrzehnte kritischen, ermutigenden Journalismus – und für all die Geschichten,

die unser Land facettenreich machen.

WALTER OBLIN

Generaldirektor

Österreichische Post AG

Seit 20 Jahren zeigt das Biber Magazin, wie vielfältig und lebendig unsere

Gesellschaft ist. Diese Haltung verbindet uns: Auch die Österreichische

Post lebt Vielfalt, und zwar mit rund 7900 Mitarbeiter*innen aus 110 Nationen.

Ihre unterschiedlichen Perspektiven sind es, die uns als Unternehmen

stärken und unseren gemeinsamen Erfolg ermöglichen. Biber beweist seit

zwei Jahrzehnten, wie wertvoll gelebte Diversität für Österreich ist.

MICHAEL HÖLLERER

Generaldirektor

Raiffeisen NÖ-Wien

Wir sehen Vielfalt als Motor für die gesellschaftliche

Weiterentwicklung und das Biber Magazin leistet

hier seit 20 Jahren einen wichtigen Beitrag. Es

zeigt nicht nur unterschiedliche Lebensrealitäten

und eröffnet Leser:innen neue Perspektiven, sondern

setzt mit seiner Berichterstattung ein starkes

Zeichen für mehr Dialog und Toleranz. Vielen

Dank an die Redaktion, dass sie Österreichs Medienlandschaft

sehr viel bunter macht – und herzlichen

Glückwunsch zum Jubiläum!

Vielfalt stärkt Unternehmen und Gesellschaft. Das erleben wir bei

Attensam jeden Tag. Biber macht genau das mit mutigen Geschichten

und klarer Haltung seit 20 Jahren sichtbar. Für mich steht dieses

Jubiläum für einen offenen Dialog und positive Veränderung.

Herzliche Gratulation und danke für zwei Jahrzehnte gelebte Sichtbarkeit!

JUDITH PÜHRINGER

Parteivorsitzende Grüne Wien

SONJA BRANDTMAYER

Generaldirektor-Stellvertreterin

Wiener Städtische Versicherung

Seit 2006 steht das Biber Magazin für gelebte Vielfalt, Dialog und einen selbstverständlichen

Blick auf eine pluralistische Gesellschaft. Als Wiener Städtische wissen

wir, wie wertvoll unterschiedliche Perspektiven für Zusammenhalt und Fortschritt

sind. Das Biber Magazin schafft dafür seit nunmehr 20 Jahren eine wichtige Plattform.

Ich gratuliere herzlich zum Jubiläum und wünsche weiterhin viel Erfolg!

Seit seiner Gründung steht das Biber Magazin für Vielfalt, Dialog und das selbstverständliche

Feiern gesellschaftlicher Diversität in Österreich. Über zwei Jahrzehnte

hinweg hat Biber wichtige Debatten angestoßen und neue Perspektiven sichtbar gemacht.

Gerade in herausfordernden Zeiten für Medien und Demokratie sind solche

Stimmen unverzichtbar. Wir gratulieren herzlich zum Jubiläum und wünschen weiterhin

viel Erfolg!

FOTOS REWE Group (Robert Harson), Attensam, Marlene Fröhlich (lux und lumen), Karo Pernegger

Magazin 66 67 Magazin



THOMAS KICKER

CEO Magenta Telekom

Das Biber Magazin gibt gesellschaftlicher Vielfalt eine Bühne – dank eines kraftvollen

Journalismus mit Haltung und Weitblick. Als Magenta verbindet uns ein sehr ähnlicher

Anspruch: Connecting your world – für das Verbindende und klar gegen Ausgrenzung.

Danke für diesen wichtigen Beitrag und Gratulation zu 20 mutigen Jahren. Auf viele

weitere inspirierende Stories!

KENAN DOGAN GÜNGÖR

Soziologe, Inhaber des Büros für Gesellschaft,

Organisation, Entwicklung [think.difference]

Biber hat Wien so erzählt, wie diese Stadt ist: vielschichtig, espritreich, widersprüchlich und lebendig.

Jenseits einseitiger Problemrhetorik und Folklorekitsch machte es jene Facetten sichtbar, in denen

Schönes, Schräges, Zugehörigkeit, Ambivalenz und Konflikt tatsächlich stattfinden – ohne das Augenzwinkern

zu verlieren. Es hat damit eine mediale Leerstelle gefüllt. Umso erfreulicher, dass es dort

wieder ansetzt. Viel Erfolg dafür.

ALEXANDRA REINAGL

CEO Wiener Linien

Das Biber Magazin steht für mich für gelebte Vielfalt

– ein Wert, der auch uns als Wiener Linien verbindet

und auf den wir stolz sind. Vielfalt im Unternehmen hilft

uns, die Stadt besser zu verstehen und ein Öffi-Angebot

für alle zu schaffen. Euer Engagement stärkt die Diversität

in Österreich. Ich gratuliere zu diesem besonderen

Meilenstein!

ESER AKBABA

Moderatorin und

Gründungsmitglied des Biber

Für mich war das Biber damals nicht nur ein Medium, das unsere

Interessen, unsere Struggles und unseren Blick auf die Gesellschaft

vertreten hat – das Biber war ein Stück Identität.

Man wusste genau: Wenn man das Biber gelesen hat, gibt es

eine Geschichte, mit der man sich identifizieren kann. Ich bin

froh, ein Gründungsmitglied zu sein, und hoffe, dass es diese

Zeitschrift noch sehr lange geben wird.

FOTOS Magenta Telekom (Marlena König), Luiza Puiu, Alexander Müller, Pertramer

URSULA SIMACEK

CEO Simacek

20 Jahre Biber stehen für gelebte Vielfalt und mutigen Journalismus.

Herzlichen Glückwunsch zu diesem besonderen Jubiläum. Vielfalt

ist auch für SIMACEK essenziell – sie verbindet uns und stärkt

unsere Zukunft.

Als Arbeitgeberin mit über 11 000 Beschäftigten in sechs

Ländern und MitarbeiterInnen aus über 80 Nationen ist Vielfalt für

SIMACEK nicht nur ein Wert, sondern gelebter Alltag.

THOMAS WALDNER

Geschäftsführer

Wiener Stadthalle

Die Wiener Stadthalle versteht sich als Ort der Offenheit und Vielfalt. Bei Konzerten

erleben wir, wie unterschiedlichste Besucher:innen für einen Moment den Alltag hinter

sich lassen und Emotionen teilen. So eine Vielfalt schafft Begegnung und Verständnis.

Genau dafür steht für mich auch das Biber Magazin. Seit 20 Jahren setzt es ein starkes

Zeichen für Diversität, Perspektivenvielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Herzliche Gratulation!

IVONA DADIC

Leichtathletin und

Mehrkämpferin

Vielfalt bedeutet für mich Stärke, Respekt und

Zusammenhalt – im Sport wie im Alltag. Das Biber

Magazin lebt diese Werte seit 20 Jahren und gibt

unterschiedlichen Stimmen Raum. Es war mir eine

besondere Freude, selbst einmal Teil davon zu sein.

Für mich steht Biber für Offenheit, Mut und den

wichtigen Dialog in unserer Gesellschaft.

DEJAN JOVICEVIC

Mitgründer und CEO

brutkasten

Vielfalt ist für mich kein Schlagwort, sondern eine echte Stärke unserer Gesellschaft.

Unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Lebensrealitäten

machen uns offener, klüger und zukunftsfähiger. Das Biber Magazin steht

seit 20 Jahren genau dafür: für Sichtbarkeit, Haltung und eine Öffentlichkeit,

die breiter, bunter und dadurch besser wird.

Ein großes Dankeschön geht an den Biber-Gründer

vater, Ideengeber und langjährigen Heraus -

geber sowie Chef redakteur Simon Kravagna.

Ebenso danken wir Co-Gründer und Kerngesellschafter

Andreas Wiesmüller.

Unser Dank gilt auch den ersten Mitarbeiter:innen

und dem Kernteam - Eser Akbaba, Ivana

Cucujkic-Panic und Wilfried Wiesinger - die von

Anfang an mit Herz und Einsatz dabei waren.

Und natürlich: Danke an all die vielen Mitarbeiter:innen,

Leser:innen und Unterstützer:innen, die

Biber über die Jahre begleitet und geprägt haben.

Ohne euch wäre die Welt ein Stück weniger bunt.

FOTOS Magdalena Possert, Manfred Weis, Haris Dervisevic (Brutkasten), Glavas Management

Magazin 68 69 Magazin



„GLAUBEN ALLEIN REICHT NICHT

– DU MUSST DEIN BESTES GEBEN“

FERHAT YILDIRIMS

GEHEIMREZEPT

Von einem Dorf nahe Ankara

in die Wiener Favoritenstraße:

der Döner-Pionier über

seine Herkunft, die Reise und

das kompromisslose Mindset

hinter seinem Erfolg.

FOTO Helen Rushbrook / stocksy.com

FOTOS Helen Yannik Rushbrook Steer / stocksy.com

Magazin

von

ANDJELA CEGAR

Fotos

70 71

YANNIK STEER

Magazin



Das Boot ist für zehn Menschen gedacht. Es sind deutlich

mehr an Bord.

AUF DER SUCHE NACH CHANCEN:

„ICH MUSS MEINEN EIGENEN WEG GEHEN“

EINE GROSSE PORTION HARTNÄCKIGKEIT:

ARBEITEN, „BIS ES NICHT MEHR GEHT“

Mitten unter ihnen sitzt ein 17-Jähriger aus einem fla-

Ferhat Yildirim stammt aus einem Dorf nahe Ankara. Flaches

Ferhats Weg führt ihn nicht nach Deutschland, sondern zu sei-

chen Dorf in Anatolien. Das Meer ist dunkel, die Zukunft un-

Land, einfache Häuser, kaum Perspektiven. „Keine Berge, kein

nem Bruder nach Wien. Nach der gefährlichen Reise steht er

gewiss. Drei Monate dauert die Odyssee.

Meer. Einfach kleine Häuser – das war’s,“ beschreibt er. Kind-

vor einer einzigen Frage: „Wie bekomme ich eine Aufenthalts-

„Die Reise war ein Albtraum,“ erinnert sich Ferhat

heit und Verantwortung gingen dort früh ineinander über. Be-

bewilligung und eine Arbeitserlaubnis?“ Ein reguläres Visum

Yildirim heute.

reits mit 13 Jahren beginnt er zu arbeiten, nicht aus jugend-

bekommt er nicht. Während er wartet, arbeitet er, „bis es nicht

Als er schließlich in Wien ankommt, endet die schwere

lichem Ehrgeiz, sondern aus Notwendigkeit. „Die finanzielle

mehr geht“. Als die Bewilligung endlich kommt, übernimmt er

Zeit nicht – sie beginnt erst.

Lage hat mich dazu gebracht.“ Er muss die Familie unterstüt-

drei Jobs gleichzeitig. Am Morgen steht er um halb sechs am

zen. Also sucht er in Ankara nach Arbeit und landet zufällig in

Naschmarkt, sortiert Obst, trennt das gute vom verdorbenen.

Heute führt sein Weg nicht mehr über das offene Meer, son-

einem Dönergeschäft. Es ist der angeblich beste der Türkei.

Tagsüber arbeitet er in einem Hotel im Housekeeping, abends

dern in die Favoritenstraße. Vor „Ferhat Döner“ stehen Men-

Als er den Koch fragt, warum das Lokal immer voll sei, lautet

als Kellner und in der Küche.

schen aus ganz Europa Schlange. Manager in Anzügen neben

die Antwort: Der Besitzer kümmert sich um jedes Detail.

„Ich habe viel gearbeitet. Ich wollte etwas schaffen und

Bauarbeitern in Arbeitskleidung, Touristen neben Studen-

Doch Ferhat denkt an das Essen aus seinem Dorf. An das

habe so viel wie möglich gespart,“ sagt er.

ten. Sie alle warten geduldig auf etwas scheinbar Einfaches:

offene Feuer, den unverfälschten Geschmack seiner Kindheit.

Bei der ersten Gelegenheit macht er sich selbstständig.

Fleisch, Brot und Joghurt.

„Was in meinem Dorf gekocht wird, ist viel besser“, sagt er sich

Die Idee entsteht aus Unzufriedenheit. In Wien probiert er

Doch hinter dem Snack steckt Ferhats Lebenswerk. Sei-

damals.

Döner und merkt, dass viele industrielle Produkte verkaufen.

ne Geschichte ist mehr als die eines erfolgreichen Gastrono-

Dieser Gedanke lässt ihn nicht mehr los.

Produkte, bei denen niemand mehr genau weiß, was drin ist.

men. Es ist der Weg eines Mannes aus einfachen Verhältnissen,

Früh erkennt er auch eine Eigenschaft, die ihn später

„Das wollte ich verändern.“ Er fragt sich, wie ein Döner eigent-

geprägt von früher Verantwortung, harter Arbeit und einer

tragen wird: „Ich habe schon als Kind gemerkt, dass ich sehr

lich schmecken sollte. Die Antwort liegt in seiner Erinnerung:

Sturheit, die ihn niemals aufgeben ließ.

stur bin. Ich muss meinen eigenen Weg gehen.“ Dass er sich ei-

Eine Frau in seinem Dorf kochte damals Rindsgulasch in einem

nes Tages selbstständig machen wird, weiß er. Nur nicht womit.

großen Topf über offenem Feuer und legte es in frisches Brot.

„Ich kann mich an diesen Geschmack erinnern, egal wie viele

Mit den Jahren sieht er, wie viele aus seinem Dorf nach

Jahre vergehen.“

Deutschland gehen, Geld verdienen und ihre Familien unter-

Ferhat beginnt, genau diesen Geschmack zu suchen.

stützen. Ihm wird klar: In Anatolien wird er – egal, wie hart er

2015 eröffnet er sein erstes Lokal. Fünf Jahre lang ar-

arbeitet – nie dieselben Chancen haben.

beitet er beinahe obsessiv an Details: Fleischschnitt, Gewürze,

Mit 17 Jahren fällt er die Entscheidung, zu gehen.

Grilltechnik. „Jeden Tag habe ich geübt. Jeden Tag ein bisschen

verändert,“ sagt er über seine Versuche, den Geschmack

von damals wiederherzustellen.

Die Anfänge sind hart. Das Geld ist knapp, die Erfahrung

fehlt. Manchmal reicht es kaum für die Miete. Jeden Morgen

geht er selbst auf den Markt, sucht Gemüse aus, schneidet

Fleisch dünn, mariniert es, schichtet den Spieß. „Es war wirklich

sehr viel Arbeit.“

Magazin

72

73

Magazin



DIE BITTERE NOTE DES

ERFOLGS

Mit dem Erfolg wächst die Aufmerksamkeit.

Die Nachfrage wird so groß,

dass er in die Favoritenstraße übersiedelt.

Konkurrenten rechnen mit

seinem schnellen Scheitern. „Der

Ferhat wird keinen Erfolg haben. Er

hatte nur Glück.“ Doch was wie ein

Hype wirkt, bleibt und wächst. 2023

ersetzt Ferhat sein Lokal durch

einen 400 Quadratmeter großen

Neubau. Die Schlangen werden länger.

Selbst der neue Standort ist

mittler weile zu klein.

Mit dem Erfolg kommen aber auch Schattenseiten: Kopien,

Abwerbeversuche, neue Lokale in unmittelbarer Nähe. „Ich

habe jahrelang daran gearbeitet. Es steckt enorm viel Wissen

dahinter und die Leute kommen wie Diebe und nehmen es sich

einfach“. Einige Konkurrenten beabsichtigen sogar, Lokale in

unmittelbarer Nähe zu eröffnen, um seines zu kopieren, erzählt

Ferhat. „Ich bin offen und ehrlich. Damit die anderen nicht noch

näher zu mir kommen, habe ich auch andere Lokale gemietet,

die ich gar nicht brauche.“

Inzwischen aber weiß Ferhat Yildirim etwas Entscheidendes:

„Menschen kann man nicht kopieren.“

Dann kommen die Zweifel. Ein Metzger bietet an, fertig

geschnittenes Fleisch zu liefern – eine enorme Erleichterung.

Doch als Ferhat den Döner probiert, schmeckt er nicht. Auf

seine Beschwerde entgegnet der Metzger, er sei seit Jahren

im Geschäft und wisse besser, was Qualität sei. „Ich habe nicht

mehr gewusst, was ich machen soll“, erinnert sich der Unternehmer.

„Das war der Moment, in dem ich wirklich aufhören

wollte.“ Auch sein privates Umfeld fragt ihn, warum er es nicht

mache wie alle anderen. Seine Antwort ist kompromisslos: „Be-

vor ich ein schlechtes Produkt verkaufe,

sperre ich das Lokal zu. Jeder verkauft

schlechte Produkte – ich muss

nicht der Nächste sein.“ Er vergleicht

seinen Weg mit einem Berg. „Wenn ich

mitten am Weg umdrehe, werde ich es

bereuen. Bevor ich sterbe, würde ich

mich fragen: Warum hast du aufgehört?“

Also geht Ferhat weiter.

Nach fünf Jahren täglicher Wiederholung kommt der

Moment, auf den er all die Jahre hingearbeitet hat. Eine Frau

aus seinem Dorf, die bei ihm arbeitet, kostet den Döner. Er

schmeckt genau wie damals.

„Sie war die Erste von bisher vier Personen, die diesen

Geschmack erkannt haben.“

Für Ferhat Yildirim ist das der Gipfel.

Magazin 74

75



„Du musst daran glauben. Aber Glauben allein

reicht nicht – du musst dein Bestes geben. Wenn du an

etwas glaubst und nicht alles dafür tust, dann darfst

du später nicht sagen, du hättest alles versucht. Ich

bin bis zur Bergspitze gegangen und es hat sich gelohnt.

Wenn ich kurz davor umgedreht wäre, hätte ich

all das nie erreicht. Niemals aufgeben, niemals auf die

anderen hören. Mache immer, was du für richtig hältst,

egal was die anderen sagen. Auch wenn du scheiterst,

wirst du glücklich sein, weil du es versucht hast. Das

Schlimmste ist, es nicht zu versuchen und es später

zu bereuen.“

EINE PRISE FERHAT: „DAS SCHLIMMSTE IST,

ES NICHT ZU VERSUCHEN“

Ihn kann tatsächlich niemand kopieren, einen Mann, der jahrelang

Tag für Tag mit Hingabe daran gearbeitet hat, das beste

Produkt zu erschaffen. Einen Unternehmer, der noch heute

täglich in seinem Lokal steht, Kunden begrüßt, sich Zeit für

Gespräche nimmt und sich um jedes Detail kümmert. Er verschiebt

Tische minimal, damit sie gerade stehen. Er passt Lichter

an, damit sie die Spieße besser beleuchten. Kleine Dinge,

die einem Gast vielleicht nicht bewusst auffallen und doch das

Mindset hinter Ferhats Erfolg sichtbar machen.

Ein 17-Jähriger saß einst in einem Boot, das eigentlich

für zehn Personen gedacht war. Heute stehen Hunderte

vor seinem Lokal, und sein Döner bringt Menschen aus

allen Kulturen und Berufen zusammen. All das, weil Ferhat nie

umgedreht ist.

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31. Mai, 10–17 Uhr, Karlsplatz

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Digitalisierung

3. Juni, 15–19 Uhr,

Technisches Museum, 1140

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Pflege und Soziales

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BIBER IN WIEN

70. Eurovision Song Contest

10.05. bis 16.05.

div. Orte in Wien

Südwind Straßenfest

30. & 31.05.

Campus der Universität Wien

„Altes AKH“, Hof 1

75 Jahre Wiener Festwochen

15.05. bis 21.06.

div. Orte in Wien

kultur*knistern ist ein neues Onlinemedium, bei dem das

„Kulturland Österreich“ wieder auf den Boden zurückgeholt

wird. Wir machen Kulturjournalismus auf Augenhöhe,

verständlich und ohne viel „Blabla“ – online und auf Social

Media. Denn Kultur ist für alle da!

MEINUNG

Kultur braucht ein

Dorf und unser Herz

braucht Musik.

Von der Opening Ceremony am Wiener Rathausplatz (10.05.),

über Ausstellungen im Qwien oder dem Haus der Geschichte,

bis hin zu Public-Viewings (u. a. am Rathausplatz) und den Live-

Shows in der Stadthalle: Der Mai in Wien steht ganz im Zeichen

von „UNITED BY MUSIC“.

United by Queerness: eine Ausstellung über

Vielfalt und den Eurovision Song Contest

bis 24.05.

Qwien

Der Song Contest ist inzwischen

mehr als ein jährlicher Wettbewerb

– er ist ein europaweites Zusammenkommen.

Zur Feier des

70. Jubiläums zeigt das Qwien die

queeren Dimensionen des ESC und

reflektiert sie kritisch. Neben Führungen

durch die Ausstellung gibt

es auch queere Stadtführungen zum

Thema ESC, von der Staatsoper und

Udo Jürgens bis zu

Conchita.

Ramperstorffergasse

39/7, 1050 Wien

Ab 8 €

In Wien gibt es extrem viele gemeinnützige Vereine sowie Marken

und Start-ups, die den Fokus auf Nachhaltigkeit legen. Beim Südwind

Straßenfest kann man sich einen Überblick über alle möglichen

Angebote machen, aber auch zu Live-Musik

tanzen, gut essen, an Workshops teilnehmen

oder bei Vorträgen über Nachhaltigkeit diskutieren.

Free entry!

Unstoppable!

Eurovision Song Contest Highlights

im Museum

bis 11.10.

Haus der Geschichte Österreich

In der Theorie sind politische Botschaften beim ESC untersagt.

In der Praxis sieht das etwas anders aus. Um die teils unauffälligen,

teils klaren Messages hervorzuheben, stellt das hdgö im

Rahmen der Hauptausstellung „Österreich seit 1918“ Objekte

aus, die die österreichische ESC-Geschichte

geprägt haben. Von JJ’s „Wasted Love“-Bühnenbild

über Conchita Wursts Kleid bis zu Bildern

der Eurovision-Geschichte.

Ab 7,50 €

„Lasst euch irritieren und inspirieren!“ gilt nicht nur für den ESC, sondern auch für die

Wiener Festwochen. Das 75. Jubiläum des Festivals bietet alles, was

man sich ausdenken könnte – Ausstellungen, Theater, Konzerte, Performances

und mehr. Hier gilt vor allem: Einfach ausprobieren (wenn man

für etwas Tickets ergattern kann).

Ab 10 €, je nach Ermäßigung & Veranstaltung

VDC Vienna Digital Cultures

21.05. bis 05.09.

Foto Arsenal Wien

Kunst kann eigenartig und unzugänglich sein, vor allem wenn es um die „Auswirkung

digitaler Technologien“ geht. Aber es geht auch anders: Das VDC organisiert

einmal im Jahr ein Festival, das internationale Künstler*innen,

Expert*innen und Communities zusammenbringt. Das Ergebnis? Neben

der „normalen“ Ausstellung gibt es Performances, Gespräche, Film-

Screenings und Clubnächte an verschiedenen Orten in Wien.

Wenn du die Worte Theater oder Kultur

liest, hast du keinen Bock, weil das nicht

deine Welt ist? Zeit für eine Revolution!

Während die Kulturbranche gleichzeitig

über Teuerungen und günstigere

Angebote diskutiert, überschlagen sich

Social-Media-Agenturen im Rennen um das

nächste virale Reel. Förderungen werden

gestrichen, online heißt es: „Sollen’s halt

was G’scheites arbeiten“. Aber wie verbringen

wir in Zukunft unsere Zeit, wenn

niemand Musik macht, Serien produziert,

Bücher schreibt? Klar, der Rest der Welt

macht’s eh. Aber wie lange noch?

In anderen Städten, etwa in London,

läuft es anders: kostenloser Eintritt ins

Museum für alle, Ticketlotterien für Musicals,

Kunst und Musik in jeder Bar. Barrierefreiheit,

Ruheräume und „relaxed Performances“

(ohne laute Geräusche oder

helle Lichter) für alle, die sie brauchen. Über

Kunst und Kultur debattiert auch London,

allerdings anders: Die Bedingungen für

Künstler*innen müssen besser, die Förderungen

überdacht und die Finanzierungen

gesichert werden.

Gerade, wenn die Welt brennt,

braucht es Musik, Bücher, Filme und Theater

für alle. Kultur ist Medizin für das Herz

– und der beste Weg, miteinander zu reden.

Oder, um es mit dem Eurovision-Motto zu

sagen: United by Music!

Manon Soukup,

Kulturjournalistin &

Gründerin

kultur*knistern

PORTRÄT MANON SOUKUP © Privat

Kultur

& Events

in Kooperation mit

KULTUR*KNISTERN

78 79

Kultur

& Events



BIBER LIEST

Ein Blick ins Bücherregal

der kultur*knistern-Redaktion mit

Patricia Kornfeld, Julia Gaiswinkler,

15. MAI BIS

21. JUNI 2026

REPUBLIC

OF GODS

Tabea Mausz & Maria Todorović.

Half His Age

Jennette McCurdy

Eine 17-Jährige verliebt

sich Hals über

Der Hahn erläutert unentwegt

der Henne, wie man Eier legt

Ella Carina Werner,

Juliane Pieper

Shatter Me

Tahereh Mafi

Die 17-jährige Juliette

wird eingesperrt, weil

Dream Count

Chimamanda Ngozi Adichie

Wer kann es sich leisten, für sich selbst

einzustehen? Chimamanda Ngozi Adichie

Kopf in ihren Ü40-

Na, auch schon mal

ihre Berührung tödlich

erzählt von vier schwarzen Frauen, deren

Highschool-Profes-

gemansplained

wor-

ist. Bis ein skrupello-

Leben zwischen Nigeria und den USA

sor. Keine bahnbre-

den? Oder vielleicht

ses Regime erkennt,

verläuft. Chiamaka ist Reisebloggerin

chende Geschichte in

sogar selbst mal ge-

dass genau diese

und blickt auf vergangene Beziehungen,

der Romanwelt. Aber

mansplained? Dann ist

Fähigkeit als Waf-

meist mit weißen Männern, zurück. Dabei

wenn

Jennette

dieser

Gedichtband

fe taugt. Der Roman

erkennt sie, wie sehr diese von Status,

McCurdy schreibt, würde ich auch ein

genau das Richtige.

spielt sich fast komplett in ihrem Kopf ab:

Zugehörigkeit und unausgesprochenen Machtverhältnissen

Buch über Maschinenbau verschlingen.

Denn diese Gedichte sind nicht nur femi-

mit durchgestrichenen Gedanken, über-

geprägt waren. Zikora, ehrgeizige Anwältin in Washington,

Irgendetwas an ihrem Stil macht süch-

nistisch, sie sind auch, im wahrsten Sinne

bordenden Gefühlen und einer Sprache,

erlebt nach einer lang ersehnten Schwangerschaft, wie

tig. Ist es die Unverfälschtheit, das un-

des Wortes, saucool und lustig. Juliane

die sich wie ein fiebriger Tagebucheintrag

schnell Karriereversprechen bröckeln, und Omelogor be-

gewöhnlich Direkte? Dass plötzlich Sätze

Piepers‘ farbenfrohe und pointierte Il-

liest. Zwischen gefährlicher Anziehung,

wegt sich selbstbewusst zwischen Karriere und moralischen

daherkommen, die einen komplett über-

lustrationen bringen die Sache zusätzlich

Machtspielen und dem Wunsch, endlich

Grauzonen. Kadiatou, Chiamakas Haushälterin, kam als Ge-

rumpeln? Ich weiß es nicht. Auf jeden

auf den Punkt. Ein Hingucker in jedem

selbst über ihr Leben zu bestimmen, ent-

flüchtete in die USA. Ihre Figur verdeutlicht am eindring-

Fall beweist McCurdy mit ihrer Ich-Er-

Regal und genau das Richtige für alle, die

steht ein schneller, dramatischer Plot

lichsten, wie Sexismus, Rassismus und Klassismus darüber

zählerin ihr unheimliches Talent dafür,

dem Patriarchat gegen das Schienbein

voller Spannung und Herzklopfen. Ein

entscheiden, wer gehört und wem Schutz gewährt wird.

glaubhaft über zerrüttete Charaktere

zu schreiben, sodass man sich beim Lesen

krümmen muss – meistens vor Unbehagen,

manchmal vor Lachen. Große

Empfehlung!

PATRICIA KORNFELD

Ist Redaktionsassistentin und

Leiterin des Literaturressorts

bei kultur*knistern, Vorstandsmitglied

des Vereins Freischreiber:innen

Österreich und freie

treten wollen.

JULIA GAISWINKLER

Liebt das geschriebene, gesprochene

und gesungene

Wort. Studium der Publizistik-

und

Kommunikationswissenschaften

sowie Germanistik an

der Uni Wien. Freie Journalistin unter anderem

für kultur*knistern, The Gap und MeinBezirk.

düsterer, romantischer Pageturner, der

vor allem durch seine intensive Stimmung

mitreißt.

MARIA TODOROVIĆ

Hat Content-Produktion und

Digitales

Medienmanagement

in Wien studiert und arbeitet

sowohl im Print- als auch im TV-

Bereich. Sie schreibt über (Pop-)

Kultur, ordnet Trends aber immer in größere gesellschaftliche

Zusammenhänge ein, besonders

„Dream Count“ zeigt, warum das Private politisch ist und

wieso Feminismus ohne intersektionale Perspektive zu kurz

greift. Der Roman tut weh und zeigt unverblümt Missstände

auf – gerade deshalb sollte er gelesen werden.

TABEA MAUSZ

Liebt authentisches Storytelling und schreibt über

Gleichstellungsfragen, Menschen- und Frauenrechte.

Sie hat Communication Science studiert und produziert

als freie Journalistin Content für Social Media,

Online und Print. Bei kultur*knistern beschäftigt sie

sich am liebsten mit feministischer Gegenwartsliteratur, Film und

F

E

S

T

W

O

C

H

E

N

.

A

T

Gestaltung: SIRENE Studio / © soju.studio

Journalistin für u. a. Standard, Zimt-Magazin

dort, wo Fragen von Identität, Migration und

Ausstellungen.

und nachtkritik.de.

Zugehörigkeit sichtbar werden.

Kultur

& Events

in Kooperation mit

KULTUR*KNISTERN 80

81



„Ich arbeite mit Kolleg:innen

aus vielen verschiedenen Ländern

zusammen. Man merkt im Alltag, dass

jede und jeder etwas anderes mitbringt

und genau das hilft uns, Lösungen

zu finden, die alleine oft nicht

entstehen würden.“

Alica Sarnovska

Teamleitung Venue Care

EIN GEMEINSAMES

VERSTÄNDNIS VON

MITEINANDER

Gerade in einem Umfeld mit vielen Menschen

und wechselnden Veranstaltungen

gewinnt das Thema Awareness zusätzlich

an Bedeutung. Die Wiener Stadthalle setzt

auf geschulte Mitarbeitende im Publikumsbereich,

an die sich Besucher:innen bei Bedarf

wenden können. Ergänzend dazu gibt

es Rückzugsmöglichkeiten, die in bestimmten

Situationen genutzt werden können.

Diese Maßnahmen richten sich sowohl

an das Publikum als auch an die Mitarbeitenden

selbst. Ziel ist es, einen Rahmen

zu schaffen, in dem sich unterschiedlichste

Personen wohl fühlen und ein respektvolles

Miteinander gefördert wird.

FOTOS Oberhauser / Wiener Stadthalle

VIELFALT ALS ARBEITGEBERIN

DIE WIENER STADTHALLE:

EIN ORT, DER MIT SEINEN

MENSCHEN WÄCHST

Die Wiener Stadthalle ist die größte Multifunktionsarena

Österreichs und zählt mit

rund 300 Veranstaltungen und mehr als

einer Million Besucher:innen jährlich zu den

meistgenutzten Eventlocations Europas.

Das Programm reicht von internationalen

Konzerten über Sportgroßveranstaltungen

bis hin zu TV-Produktionen und Shows unterschiedlichster

Formate.

Auffällig ist dabei vor allem die Bandbreite

an Veranstaltungen, die an einem Ort

umgesetzt werden können. Unterschiedliche

Anforderungen an Technik, Raum und

Organisation gehören zum Alltag und setzen

ein hohes Maß an Flexibilität voraus.

Möglich wird das nicht zuletzt durch die

Menschen, die hinter den Abläufen stehen.

„Die Vielfalt in unserem Team

ist kein Zusatz, sondern eine

Voraus setzung dafür, dass wir als

Veranstaltungsort funktionieren.

Unterschiedliche Perspektiven helfen

uns, flexibel zu bleiben und auf die

Anforderungen eines internationalen

Programms zu reagieren.“

Thomas Waldner

Geschäftsführer Wiener Stadthalle

OHNE TEAM KEIN EVENT

Was auf der Bühne sichtbar wird, ist nur

ein Teil des Gesamtbildes. Planung, Technik,

Organisation, Sicherheit und Service greifen

im Hintergrund ineinander, oft unter

hohem Zeitdruck und mit wechselnden Anforderungen.

Dass Veranstaltungen in dieser

Größenordnung reibungslos umgesetzt

werden können, hängt wesentlich vom Zusammenspiel

der Mitarbeitenden ab.

Gerade diese enge Zusammenarbeit

macht das Team zu einem zentralen Faktor

im Betrieb. Unterschiedliche Erfahrungen,

Arbeitsweisen und Perspektiven fließen in

die Abläufe ein und tragen dazu bei, dass

sich die Wiener Stadthalle immer wieder

auf neue Formate einstellen kann.

VIELFALT ALS GELEBTE

REALITÄT

Diversität ist in der Wiener Stadthalle keine

leere Worthülse, sondern gelebter Alltag.

Neben der österreichischen Mehrheit

arbeiten Menschen aus insgesamt zwölf

weiteren Nationen im Unternehmen – von

Deutschland über Bosnien & Herzegowina

und die Türkei bis hin zu Indien und Syrien.

Diese kulturelle Vielfalt bringt unterschiedliche

Perspektiven, Erfahrungen und

Kompetenzen zusammen. Eine wertvolle

Grundlage für Kreativität, Innovation und

gegenseitiges Lernen.

Auch beim Alter zeigt sich ein bewusst

breites Spektrum. Von jungen Mitarbeitenden

in ihren Zwanzigern bis hin zu

erfahrenen Kolleg:innen über 60 Jahren

arbeiten hier Menschen unterschiedlicher

Generationen zusammen. Damit vereint die

Wiener Stadthalle Erfahrung und frische

Impulse. Ein Zusammenspiel, das den Arbeitsalltag

bereichert.

WACHSEN DURCH

MENSCHEN

Seit 1958 verbindet die Wiener Stadthalle

Menschen – auf, vor und hinter der Bühne.

Und genau darin liegt ihre größte Stärke: in

der Fähigkeit, sich gemeinsam mit den Menschen

weiterzuentwickeln, die sie prägen.

Damit zeigt sich die Wiener Stadthalle

nicht nur als Veranstaltungsort,

sondern auch als Arbeitsplatz, an dem

unterschiedliche Hintergründe zusammenkommen

und an dem das Gelingen jeder

einzelnen Veranstaltung letztlich von den

Menschen abhängt, die sie umsetzen.

Advertorial WIENER STADTHALLE

82 83



JETZT BEWERBEN:

DER BIBER IMPACT AWARD 2026!

Auszeichnung für

Vorbilder, Mutmacher

und Changemaker

Vielfalt, Erfolg und gesell schaftlicher Wandel verdienen

Anerkennung – genau dafür steht der Biber Impact

Award.

Der Biber Impact Award würdigt Menschen und

Organisationen, die unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten

– als Vorbilder, Mutmacher und Changemaker.

Vier Kategorien für

herausragende Leistungen

I.

UNTERNEHMEN

Organisationen, die durch

Jetzt mitmachen –

so geht’s!

Bist du oder dein Unternehmen ein Vorbild für Vielfalt,

Chancengleichheit und Erfolg?

Sei dabei und reiche deine Bewerbung bis spätestens

31. Juli 2026 ein unter:

impactaward.dasbiber.at

internationale Teams, globale

Geschäftstätigkeit oder innovative

Programme Vielfalt aktiv fördern

II.

INSTITUTIONEN

Öffentliche Einrichtungen, die mit

inklusiven Programmen, integrativer

Kultur und gezielten Maßnahmen neue

Standards in Sachen Vielfalt setzen

UNTERSTÜTZEN SIE DEN IMPACT

AWARD ALS SPONSOR!

Werden auch Sie mit Ihrem Unternehmen

Partner des Biber Impact Awards.

Unser Team begleitet und berät Sie gerne

über alle Möglichkeiten!

KONTAKT

office@dasbiber.at

FOTO Helen Rushbrook / stocksy.com

Bewerben können

sich sowohl

Einzelpersonen

als auch

Organisationen!

Die Gewinner*innen werden im Oktober in feierlichem

Rahmen ausgezeichnet.

III.

KARRIERE

Inspirierende Persönlichkeiten,

deren Werdegang zeigt, dass

Herkunft keine Grenzen setzt –

sondern Antrieb sein kann

IV.

TALENT

Junge Menschen, die mit Kreativität,

Leistung und gesellschaftlichem

Engagement die Zukunft mitgestalten

Wir freuen uns auf

inspirierende Einreichungen!

Gemeinsam gestalten wir eine

vielfältige Zukunft!

FOTOS Zsolt Marton

Kolumne

Advertorial

84

85

IMPACT AWARD

Feature



Paris gilt als eine der wichtigsten

Modemetropolen der Welt. Internationale

Designer, kreative Szenen und ikonische Orte

prägen das Stadtbild.

Pat Domingo war vor Ort und fing

die Atmosphäre der Stadt ein.

Paris

in

mit PAT DOMINGO

PATS TIPPS für ein Wochenende in Paris

SIENA PARIS

Tolles Essen, nettes Ambiente und man trifft dort eventuell

auf Stars wie Leonardo DiCaprio.

LE VOLTIGEUR CAFÉ

Ein nettes typisches Pariser Café im Herzen der Altstadt

Le Marais. Geführt von zwei Brüdern, ist das Ambiente

sehr „french“. Es ist außerdem ein tolles Café, in dem man

einfach vorbeigehende Menschen beobachten kann.

Pat Domingo ist ein internationaler People- und Lifestyle-

Fotograf aus Wien. Er arbeitet hautnah mit Persönlichkeiten,

Prominenten und internationalen Marken wie Leica

oder Breitling, LV, BVLGARI und macht in jeder

Situation das beste Foto. Unterstützt wird er von seiner

Schwester Joy im Management. Die beiden sind ein eingeschworenes

Team: Joy kümmert sich um alles Organisatorische

und hält Pat den Rücken frei, damit er seine Kreativität

voll entfalten kann.

MAISON EUROPÉENNE

DE LA PHOTOGRAPHIE

Wundervoll kuratierte Kunst und Fotografien –

von Mode bis zu Journalismus wird hier alles ausgestellt,

was das Fotografenherz begehrt.

MUSÉE D'ORSAY

Das ist ein Ort in Paris, den man unbedingt besucht haben muss.

KITH PARIS

Die US-amerikanische Brand hat einen wundervollen

Flagship Store in Paris! Einen Besuch ist es wert,

und der Kaffee dort ist auch ein must-have.

FOTOSPOT

Einen Lieblingsspot in Paris habe ich nicht,

aber ich empfehle jedem, einmal nach Le Marais zu fahren

und sich in diesem Bezirk einfach treiben zu lassen.

PORTRAIT PAT & JOY Pius Martin. ALLE ANDEREN FOTOS Pat Domingo.

Fotostrecke

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Fotostrecke



WIEN DURCH DIE AUGEN VON

ALIZ BUZAS

HAUPTBAHNHOF

In den Hauptbahnhof

habe ich mich auf den ersten

Blick verliebt. Er ist

so viel sauberer als jeder

Bahnhof in Budapest,

offen und luftig. Wenn

der Zug einfährt, habe

ich seltsamerweise immer

das wohlig-warme Gefühl,

zuhause anzukommen.

Was hat dich nach Wien geführt?

Wir leben nun seit fast drei Jahren

mit meiner Familie in Wien. Der Hauptgrund

für unseren Umzug war, unserer

Tochter bessere Möglichkeiten

zu bieten. Es war uns wichtig, dass

sie Deutsch auf muttersprachlichem

Niveau lernen kann und wir weniger

stressig leben. Ich habe Österreich

als ein deutlich ruhigeres Land kennengelernt

als Ungarn, und das spürt

man auch im Alltag.

Was bewunderst du an Wien?

Ich bewundere jeden Tag, wie viel

freund licher die Menschen hier

miteinander umgehen als zum Beispiel

in Budapest. Im Geschäft hat die

Verkäuferin oder der Verkäufer immer

ein freundliches Wort oder ein

Lächeln für mich. Wenn ich nicht weiß,

wo etwas ist, helfen mir die Leute

stets freundlich. Ich habe das Gefühl,

dass man hier mehr aufeinander

achtet und sich aufeinander verlassen

kann. Das mag hier ganz alltäglich

sein, aber für mich ist es jeden Tag ein

sehr schönes Gefühl, das zu erleben.

Was vermisst du in Wien?

Leider habe ich hier noch nicht so

viele persönliche Kontakte. In Budapest

habe ich etwa zwölf Jahre gelebt

und wusste genau, wo die beste

Druckerei ist oder welchen Handwerker

ich anrufen kann, wenn etwas

kaputtgeht. Hier muss ich mir das

alles erst noch erarbeiten und die

Stadt besser kennenlernen.

Was könnte sich Österreich von

Ungarn abschauen?

Wenn die Österreicherinnen und Österreicher

nicht für Pressefreiheit

und unabhängige Medien eintreten,

ist Ungarn leider ein gutes Beispiel

dafür, was aus Österreich werden

könnte.

Aliz Buzas ist eine ungarische Illustratorin, die

in Wien lebt und arbeitet. Sie hat bereits mit

namhaften Medienhäusern wie dem New Yorker

oder der Washington Post zusammengearbeitet.

Derzeit arbeitet sie an Wandbildern zu den

verschiedenen Nationalitäten, die in Wien leben.

Das Projekt soll sichtbar machen, wie verschiedene

Kulturen Wien tagtäglich prägen – und

eines Tages vielleicht das Stadtbild schmücken.

Mehr Infos: alizbuzas.com

Interview von

Illustrecke DAMITA PRESSL

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ARENBERGPARK

Ich liebe die riesigen,

dramatischen Flaktürme

in Wien und der Arenbergpark

ist genau deshalb

einer meiner liebsten

Plätze. Im Sommer picknicken

wir oft hier und

sehen den Kindern zu, die

um die Türme herumlaufen.

CHRISTKINDLMARKT AM

RATHAUSPLATZ

Eigentlich mag ich

Weihnachtsmärkte wegen

der Menschenmassen

nicht so, aber Anfang

Dezember ist dieser

Markt noch nicht zu

überlaufen und man kann

die festliche Stimmung

wunderbar genießen.

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ALTE DONAU STRANDBAD

Ich habe beinahe jedes Schwimmbad und jeden Strand in Wien erkundet, weil meine Tochter und ich in den Sommerferien oft den

ganzen Tag schwimmen gehen. Am liebsten haben wir das Alte Donau Strandbad. Der Strand ist genau richtig groß, wir lieben das

Café, manchmal kommen uns Schwäne begrüßen und wir sehen den riesigen Karpfen im Wasser zu.

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