Biber Magazin 2026-05
Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.
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Eine Menschenmenge, die auf die Straße strömt. Hupen.
Laut skandierte Parolen. „Lang lebe der Schah“ oder
„Tod dem Diktator“. Plötzlich: Schüsse. Ein Knall
nach dem anderen. Panik, Schreie. Die Menschenmenge
bricht auseinander. Die Schüsse brechen nicht ab. So
oder so ähnlich sehen die Videos aus, die Anfang Januar
2026 aus dem Iran die Weltöffentlichkeit erreichen. Sie
kursieren auf Twitter oder Telegram, oft sind sie verwackelt
und anonym, die Urheber riskieren als Regimegegner
schließlich ihr Leben. Augenzeugen werden die
Geschehnisse später bestätigen. Sie erzählen von Regimekräften,
die aus der Ladefläche von Pickup-Trucks
in die Men schenmengen schießen.
„Ein Freund von meinem Mann hat seinen Neffen verloren“,
erzählt Nazanin*. „Er ist friedlich auf eine Demo
gegangen, in Isfahan, in einer Wohngegend, da, wo mein
Mann früher auch gewohnt hat. Zwischen seiner Mutter
und seiner Oma ist er mitgelaufen. Sie haben ihm aus der
Ferne in den Kopf geschossen und er war tot.“ Nazanin
ist Wienerin, Anfang 30. Sie ist in Österreich geboren,
ihre Eltern und ihr Mann im Iran. Ihre engste Familie
konnte Teheran rechtzeitig verlassen. Sie wissen nicht,
ob ihre Wohnung in der Hauptstadt noch steht, aber es
geht ihnen gut.
Vanessa, 34, ist Lehrerin in Wien. Ihre Tante wohnt im
Norden Teherans. Sie weiß bis heute nicht, ob all ihre
Bekannten noch leben. Denn das Regime im Iran dreht
am 8. Januar 2026 das Internet ab. „Ich bin mir ziemlich
sicher, dass ein paar Freunde meiner Cousins tot sind.
Es ist ein komisches Gefühl, zu wissen, dass manche
Menschen vielleicht nicht mehr da sind.“
„WHATSAPP ZEIGTE NUR MEHR EINEN HAKEN AN“
Es sind Iraner, die da auf ihre Landsleute schießen, Mitglieder
der sogenannten Basij, der paramilitärischen
Freiwilligenmiliz des Regimes der Islamischen Republik.
„In Wirklichkeit gehören sie zur Regierung“, erklärt
Nazanin. „Das sind junge Burschen aus armen Schichten;
man gibt ihnen eine Waffe und sagt ihnen: ‚Du hast
jetzt Macht, kämpf‘ für dein Vaterland.‘ Die Rekrutierung
beginnt bereits im Kindesalter. „Das ist wie ein
radikaler Jugendverein. Wenn du von klein auf radikalisiert
wirst, denkst du dir, das sind Gotteslästerer, die
den Tod verdienen. Die sehen die Menschen, auf die sie
schießen, wahrscheinlich gar nicht als Menschen. Frauen
schon gar nicht.“ An den Universitäten gibt es für die
Basiji eine Studienplatzquote, auch am Arbeitsmarkt
werden sie bevorzugt.
Nazanin hat in diesen Tagen nur sporadisch Kontakt
zu ihrer Familie: „Meine Schwiegereltern haben es
ab und zu geschafft, online zu gehen. Ich weiß nicht, wie;
ich habe gehört, die beste Möglichkeit ist, mit einer iranischen
SIM-Karte aus dem Ausland anzurufen.“ Auch
Vanessas Familie ist abgeschnitten. „Meine Tante hat
im Januar einmal kurz mit meiner Mama telefoniert, vom
Festnetz aus. Danach zeigte WhatsApp nur mehr einen
Haken an. Die Nachrichten gingen nicht mehr durch. Bis
jetzt nicht.“
In den darauffolgenden Tagen tauchen trotz Internetsperre
weitere Videos auf. Sie zeigen Reihen an Leichensäcken,
dazwischen verzweifelte Menschen, die
versuchen, ihre Verwandten zu identifizieren. Die Ärzte,
deren Stimmen an die Außenwelt dringen, schätzen
die Zahl der Toten auf bis zu 30 000. Auch sie setzen ihr
Leben aufs Spiel, denn das Regime befindet, wer beim
Protestieren verletzt wird, habe kein Recht auf medizinische
Hilfe.
„Wenn du von klein auf radikalisiert
wirst, denkst du dir, das sind
Gotteslästerer, die den Tod verdienen.
Die sehen die Menschen, auf die sie
schießen, wahrscheinlich gar nicht als
Menschen. Frauen schon gar nicht.“
manche Iraner eine militärische
Intervention der USA.
„HILFE IST AUF DEM WEG“
Am 13. Januar meldet sich Donald
Trump zu Wort. „Iranische
Patrioten,
PROTESTIERT
WEITER – ÜBERNEHMT
EURE
INSTITUTIONEN!!!
Merkt euch die Namen der
Mörder und Täter. (...) HILFE
IST AUF DEM WEG“, schreibt
er auf seiner Plattform Truth
Social. Welche Art von Hilfe,
das erklärt Trump noch nicht.
Doch bereits da wünschen sich
„Die Leute sind im Iran schon oft auf die Straße
gegangen“, sagt Nazanin. „Nach Mahsa Aminis Tod
und auch davor. Aber in den letzten Jahren hat es sich
gehäuft, und diesmal waren sie mutiger, weil Trump
versprochen hat, zu helfen. Sie dachten, diesmal bringt
es etwas.“ Auch Vanessa erinnert sich an den kurzen
Hoffnungsschimmer: „Es war schon ein Gefühl der Vorfreude,
dass der Regimesturz jetzt endlich stattfindet.
Ich habe damals mit vielen Bekannten
und Freunden geredet. Viele haben
Trump unterstützt. Ich war mir von Anfang
an nicht sicher und fand das etwas
kurz gedacht. Wir wissen ja, wie das
Regime funktioniert. Wenn einer
weg ist, kommt der nächste nach.“
Inzwischen zeigen Satellitenbilder, wie die USA
ihre militärische Präsenz im Nahen Osten so stark ausbauen
wie seit Jahrzehnten nicht. Flugzeugträger, Lenkwaffenzerstörer,
tausende Soldaten und Kampfschiffe
schickt Trump in die Region, zu Stützpunkten in beinahe
alle Länder des Nahen Ostens sowie die umliegenden
Gewässer.
In Europa und auf der ganzen Welt geht die Diaspora
auf die Straßen, um auf die Massaker aufmerksam zu
machen. In Wien am 8., in München am 14. Februar, dem
Valentinstag. Dort kommen eine Viertelmillion Menschen
zusammen, der Sohn des früheren Schahs spricht
zur Menge. Vanessa beschließt, zuhause zu bleiben. „Am
Ende habe ich mich nicht getraut. Die iranische Regierung
hat Iranern, die im Ausland leben und jubeln, offen
gedroht. Meine Familie lebt noch im Iran. Ich war mir
nicht sicher, ob ihnen etwas zustoßen könnte.“
„JEDER, DER SAGT, ER HAT SICH NICHT GEFREUT,
IST EIN IDIOT“
Am 28. Februar schlagen Israel und die USA
zu. Mehrere iranische Städte melden Luftangriffe.
Im Laufe des Tages bestätigt sich: Irans oberster Führer,
Ayatollah Ali Khamenei, wurde bei einem der Angriffe
getötet. „Der Mann, der die Massaker im Jänner höchstpersönlich
beauftragt hat, ist tot. Jeder, der sagt, er hat
sich nicht gefreut, ist ein Idiot“, sagt Nazanin. „Ich
gönne das den Müttern, die ihre Kinder verloren
haben.“
Noch am selben Abend finden sich dutzende Iraner
am Stephansplatz zusammen. Sie tanzen zu iranischer
Musik, viele in die iranische Flagge mit Löwen und Sonne
gehüllt, bis zur Islamischen Revolution 1979 das offizielle
Staatssymbol Irans. Einen Tag später verläuft ein
größerer Demonstrationszug durch Wien, mindestens
2000 Menschen laufen den Ring entlang. Das ist ein guter
Teil der Diaspora: In Wien leben nur rund 18 000 im
Iran geborene Menschen. Sie schwenken iranische, israelische,
ukrainische und US-Flaggen, zusammen mit
der österreichischen. „Es ist kein Krieg gegen den Iran
oder mit dem Iran. Es ist ein Krieg FÜR IRAN“, steht
auf einem der Schilder in den Nationalfarben aufgemalt.
Eine deutlich kleinere Gegendemonstration findet sich
am Stephansplatz zusammen. Dort protestieren Männer
und Frauen getrennt und fordern Solidarität mit
dem iranischen Regime.
„Es ist ein komisches Gefühl,
zu wissen, dass manche Menschen
vielleicht nicht mehr da sind.“
„WAS INTERESSIERT ES DIE USA,
OB DAS IRANISCHE VOLK FREI IST?“
Nach sechs Wochen Krieg sitzt das iranische Regime fest
im Sattel, sieht sich sogar als Sieger. Zu gefestigt ist der
iranische Staat, zu weitreichend die Macht der islamischen
Revolutionsgarde, jene Institution, der die Basiji
unterstellt sind. Entgegen der Hoffnung Trumps konnte
ein Schlag gegen den Anführer das Regime nicht zu Fall
bringen. Es hat überlebt, und es kontrolliert nach wie vor
die Straße von Hormuz, jene Seeroute, durch die 20 Prozent
der weltweiten Ölexporte transportiert werden.
„Es wurden schon viele wichtige Drahtzieher getötet“,
sagt Nazanin, „aber die sind wie die Ameisen.
Irgendjemand kommt immer nach. Wie soll das
jetzt weiter gehen? Nach einer Weile ging es ja eigentlich
nur noch um die Straße von Hormuz. Die USA haben einfach
ihre eigenen Ziele verfolgt und wollen sich in der
Weltpolitik stärken. Was interessiert es die USA, ob das
iranische Volk frei ist?“
„Inzwischen macht mir überhaupt nichts mehr Hoffnung“,
sagt Vanessa. „Wer weiß, ob sich Trump an den
Waffenstillstand hält. Ich weiß auch nicht, wie schlau
es ist, wenn die Leute weiter demonstrieren. Sie werden
einfach alle abgemetzelt. Mittlerweile bin ich nicht mehr
sicher, ob ich jemals wieder hinreisen kann. Wenn das
Land überlebt, wird es nicht mehr das sein, was es einst
gewesen ist. Das bricht einem schon ein bisschen das
Herz.“
*Nazanins Name wurde von der Redaktion geändert.
Politik
& Gesellschaft 8 9
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& Gesellschaft