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Biber Magazin 2026-05

Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.

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FOTOS Clara Marnet, Paul Lovis Wagner, Jana Bauch, Oliver Kulikowski / Sea-Watch e.V.

Seenotrettungen zwischen Routine,

Wettrennen und politischer Repression:

Lorenz Schramm ist Teil der zivilen

Seenotrettungsorganisation Sea-Watch.

Im Interview erzählt er von Nächten

voller Benzingeruch, von Menschen auf

der Flucht und der Hoffnung, eines Tages

nicht

mehr gebraucht zu

werden.

Du bist seit 2017 bei Sea-Watch. Wer sind die Menschen auf der

Flucht, die du kennenlernst?

Sea-Watch veröffentlicht immer, an wie vielen Rettungen

wir bereits beteiligt waren. Hinter jeder

Zahl steht eine Geschichte. Jede Person hatte ein

Leben – Familie, Arbeit, einen gesellschaftlichen

Stand. Doch dann kommt die Flucht und für einige

das rassistische System in Libyen, Entmenschlichung

und massive Menschenrechtsverletzungen

dazu.

Wie reagieren diese Menschen auf dich und die restliche Sea-

Watch-Crew?

Sie sind offen. Viele erlebten Menschenrechtsverletzungen

und vertrauen trotzdem Fremden, gerade

weißen Personen. Das finde ich bis heute jedes Mal

beeindruckend und tief bewegend.

Sea-Watch führt nicht als einzige Organisation Seenotrettungen

im Mittelmeer durch. Was unterscheidet euch von staatlichen

Küstenwachen?

Der größte Unterschied ist unser Menschenbild.

Staatliche Stellen retten, aber Grenzpolitik und rassistische

Asylgesetze starten bereits an Bord. Wir

versuchen, einen sicheren Rahmen herzustellen:

eine Atempause mit Essen, freundlichen Gesichtern

und lockeren Gesprächen – auch über Fußball.

Wie lang dauert eine Rotation [einzelne Einsatzzeiträume, Anm.]?

Derzeit sind es durchschnittlich sechs Wochen.

Eine Rotation beginnt mit einer Woche Training

im Hafen. Dann fahren wir nach Süden und sind in

der Regel vier Wochen unterwegs – wenn uns Italien

nicht stoppt. In der „Search-and-Rescue-Zone“ suchen

wir mit Ferngläsern, Radar, Informationen von

italienischen Behörden und unseren Flugzeugen.

Manchmal wissen wir von Personen, nach denen wir

suchen – dann ist es ein Wettrennen gegen die libyschen

Milizen. Wir sind deutlich besser ausgerüstet,

besser trainiert für eine Seenotrettung, aber unsere

Schiffe sind viel langsamer als die der sogenannten

libyschen Küstenwachen.

Die Gefahr für

NGO-Schiffe ist nach

den Schüssen [im August

2025, Anm.] auf die Ocean

Viking [Schiff von SOS Méditeranée,

Anm.] gestiegen.

Trotzdem können wir

retten.

Wann endet eine Rotation früher

als geplant?

In den letzten Jahren

gab es viele verschiedene

Repressionsstrategien.

Derzeit legen zwei italienische Gesetze

genau fest, wie eine Rettung abzulaufen hat. Die

Gesetze erlauben uns nur eine Rettung pro Einsatz

und verpflichten uns, anschließend direkt den zugewiesenen

Hafen anzulaufen – obwohl das bedeuten

kann, andere Boote in Seenot zurückzulassen

und so gegen internationales Recht zu verstoßen.

Jede Abweichung kann als Verzögerung gewertet

werden. Zusätzlich müssen wir mit allen relevanten

Behörden, auch der libyschen Küstenwache,

kommunizieren. Doch diese Miliz ist für uns

kein Partner, da wir bereits unzählige Menschenrechtsverletzungen

dokumentiert haben.

Kommunizieren wir nicht, können wir

festgesetzt werden.

Du warst im Dezember auf der Sea-Watch 5. Wie sieht ein

typischer Einsatztag aus?

Es ist ein sehr strukturierter Alltag, viele

Routinen – gerade, wenn man tagelang niemanden

findet: Bei Tageslicht suchen vier

Crewmitglieder permanent mit Ferngläsern

den Horizont in alle Richtungen ab. Das kurze

Tageslicht im Winter ist eine zusätzliche Herausforderung

– wir haben häufiger Nachtrettungen

und diese sind immer komplizierter.

Wie läuft die Rettung eines Bootes ab?

Hier läuft weiterhin viel über Routinen. Zwei

Rettungen bei meiner letzten Rotation waren typisch:

Die erste war ein Gummiboot mit 30 Leuten

an Bord. Die libysche Küstenwache war die ganze

Zeit mit einem kleinen Boot vor Ort. Nach einer Risikoanalyse

haben wir entschieden, unsere Schnellboote

ins Wasser zu lassen. Wir haben das Rennen

verloren, aber wir konnten die Küstenwache davon

überzeugen, uns die Rettung durchführen zu lassen,

weil ihr Boot zu klein war. Wir waren auf dem

Weg nach Norden, das Wetter war schlecht, mitten

in der Nacht kam ein „Close Rescue Call“.

Die zweite Rettung.

Dieser Moment war lebensgefährlich,

denn es

hätte einen Unfall zwischen

unserem Schiff und

dem Gummiboot geben

können. Die 70 Personen

auf dem Boot waren bereits

24 Stunden unterwegs.

Man konnte sofort

einen Benzingeruch wahrnehmen,

er war überall.

Denn die Personen hatten

offene Benzinkanister dabei

[als Treibstoff für den Motor,

Anm.], sie waren dem Geruch ausgesetzt und ihre

Kleidung war teilweise benzingetränkt. Dabei hätte

es zu chemischen Verbrennungen kommen können.

Wie laufen die Tage nach einer erfolgreichen Rettung ab?

Wir bieten Struktur: feste Abläufe, klare Informationen

zu Asyl und Europa. Es gibt eine Krankenstation

an Bord und Zeit für Gespräche, Kartenspiele,

Wäschewaschen – so gehen die Tage dahin.

Meist erreichen wir den zugewiesenen Hafen nach

drei bis vier Tagen.

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& Gesellschaft 16 17

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