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Biber Magazin 2026-05

Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.

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Im September jährte sich die Flüchtlingsbewegung 2015 zum

mut, Flucht aus schlechten privaten Verhältnissen,

zehnten Mal. Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Flucht vor Vertreibung oder Flucht vor Krieg. Ab-

Ich sehe wenig Verbesserungen. Das gesellschaft-

schreckung hilft nur begrenzt, wenn Personen aus

liche Klima ist viel schlimmer geworden. Heute ist

lebensgefährlichen Bedingungen fliehen oder ihre

es völlig okay, zu sagen, dass die Externalisierung

schreckliche Lebenssituation verbessern möchten.

von Europas Gren-

Sea-Watch verfolgt langfris-

zen tödlich sein

tig das Ziel, überflüssig zu

kann. Wir haben

werden – weil es sichere und

das Gefühl, keine

legale Fluchtwege gibt. Was

Verbündeten

mehr

müsste konkret geschehen,

im Kampf für offe-

damit diese Vision Realität

ne Grenzen und für

wird?

eine Welt mit Flucht

Eine faire Weltord-

und Freiheit zu ha-

nung für alle, un-

ben.

abhängig von Haut-

Was macht das mit dir?

farbe und Herkunft,

Es ist unsere Realität:

Es gibt nur

mehr wenige Akteur*innen,

die für

Bewegungsfreiheit eintreten: Sea-Watch, andere

Search-and-Rescue-NGOs und viele kleine Organisationen

auf dem Balkan. Ich weiß nicht, ob wir

weniger geworden sind, aber die anderen sind auf

jeden Fall mehr geworden.

aber das ist derzeit

utopisch. Im Moment

würden sichere

und legale Fluchtwege

nach Europa und ein Ende der Finanzierung

eines libyschen, türkischen oder tunesischen

Grenzregimes Veränderung schaffen.

Deine Arbeit ist von vielen Herausforderungen und negativen Aspekten

geprägt. Was motiviert dich, weiterzumachen?

Infobox

Sea-Watch ist ein spendenfinanzierter Verein aus Deutschland, der seit 2015 – dem

Jahr der Flüchtlingsbewegung nach Europa – Seenotrettungen im zentralen Mittelmeer

durchführt. Die Fluchtroute über das Mittelmeer gilt bis heute als eine der tödlichsten

und gefährlichsten weltweit. Der Verein ist mit zwei Schiffen im Einsatz und betreibt drei

Flugzeuge, die Seenotfälle lokalisieren und Menschenrechtsverletzungen dokumentieren.

Lorenz Schramm kommt ursprünglich aus Süddeutschland und ist gelernter Gesundheits-

und Krankenpfleger. Seit 2017 arbeitet er bei Sea-Watch. Derzeit ist er meist

zweimal pro Jahr für rund sechs Wochen an Bord eines Rettungsschiffs.

FOTOS Maria Giulia Trombini, Stefano Belacchi / Sea-Watch e.V.

Seit Jahren kritisiert Sea-Watch Frontex in der Öffentlichkeit

und dokumentiert mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen

der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache. Welche

Erfahrungen macht Sea-Watch mit Frontex?

Als ich 2017 angefangen habe, hat Frontex Rettungen

im zentralen Mittelmeer durchgeführt. Heute

verwendet Frontex vor allem Drohnen und Flugzeuge,

sodass sie keine Rettungen durchführen können

und auch nicht müssen. Frontex-Flugzeuge geben

Positionen auch direkt an die libysche Küstenwache

weiter. Dadurch können „Pullbacks“ nach

Libyen stattfinden, von denen wir nichts erfahren.

Die EU stellte der libyschen Küstenwache wiederholt Gelder zu

Verfügung. Wie bewertest du das?

In den letzten Jahren sind die Debatten völlig eskaliert.

Niemand versteckt mehr die Absicht, dass

Personen einfach gar nicht erst auf dem europäischen

Kontinent ankommen sollen und dass dafür

jede Maßnahme akzeptiert wird.

Pläne über Rückkehrprogramme oder die Auslagerung von abgelehnten

Asylweber*innen in Drittstaaten nehmen zu. Oft wird erklärt,

dass solche Maßnahmen Menschen von der Flucht abhalten

sollen. Glaubst du, dass durch Abschreckung tatsächlich weniger

Menschen fliehen?

Rechte Politiker*innen beschreiben Migration mit

Pull- und Push-Faktoren, aber das ist nicht die

Realität der Personen. Menschen fliehen in der

Hoffnung auf ein besseres Leben: Flucht aus Ar-

Dass wir es schaffen, aus Zahlen wieder Menschen

zu machen, einzelne Momente auf Augenhöhe zu erzeugen,

Menschen wieder Menschen sein zu lassen

und Widerstand gegen den Rechtsruck zu leisten.

„Die Rettung von Menschenleben, die Achtung

der Menschenrechte und die Verbesserung

der Lage entlang der Routen, auch

in den Herkunftsländern, sind stets Teil

des Migrationskonzepts der Kommission“,

erklärt Markus Lammert, Sprecher für Inneres

der Europäischen Kommission, auf

Anfrage. Besonders relevant sei der Kampf

gegen Schlepperei, den die europäische

Strategie für Asyl und Migrationsmanagement

verstärken würde. Zu viele Menschen

würden ihr Leben durch Schlepper riskieren

und verlieren. Such- und Rettungsmaßnahmen

seien Zuständigkeit der Mitgliedsstaaten.

Die Kommission unterstütze eine bessere

Koordinierung durch die Einrichtung

einer „Search and Rescue“-Kontaktgruppe.

Während Sea-Watch die Migrationspolitik

der Europäischen Union kritisiert, bezeichnet

Lammert die häufig entscheidende

Rolle von NGOs wie Sea-Watch bei der

Rettung von Menschenleben als „lobenswert“.

Gleichzeitig betont der Sprecher für

Inneres, dass alle an Such- und Rettungsaktionen

beteiligten Akteur*innen die Anweisungen

der koordinierenden Behörden

befolgen müssen.

Die Vorgehensweise libyscher Akteur*innen,

besonders der libyschen

Küstenwache, wurde bereits in der Vergangenheit

vielfach kritisiert. Der im Februar

dieses Jahres erschienene UN-Bericht

„Business as Usual: Menschenrechtsverletzungen

und Misshandlungen von Migranten,

Asylsuchenden und Geflüchteten in

Libyen“ dokumentiert schwere Menschenrechtsverletzungen

wie Vergewaltigungen,

Folter, Zwangsarbeit und Zwangsprostitution.

In dem Bericht wird unter anderem die

EU für die Zusammenarbeit mit libyschen

Akteur*innen kritisiert. Von 2015 bis 2025

stellte die EU im Rahmen des EU-Nothilfe-

Treuhandfonds für Afrika (EUTF) Libyen

insgesamt 465 Mio. Euro für Migrationsmaßnahmen

zu Verfügung. Damit ist Libyen

das größte Empfängerland des Fonds.

Der Kommission sei die weiterhin kritische

Lage in Libyen bewusst, erklärt Guillaume

Mercier, EU-Kommissionssprecher für Erweiterung,

internationale Partnerschaften

und das Mittelmeer. „Fälle von Menschenrechtsverletzungen

und -verstößen werden

gegenüber den libyschen Behörden

regelmäßig angesprochen“, so Mercier.

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