Biber Magazin 2026-05
Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.
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„MAN HAT KOMPLETT
IGNORIERT,
WAS DAS LAND AUSMACHT.“
Mit den Taliban verhandelt man nicht. Punkt. So der
moralische Reflex zahlreicher Journalisten, Politiker
und Aktivisten im gesamten Westen. Die Taliban seien
unverbesserliche Radikale, Verhandlungen seien ein
Verrat an der afghanischen Bevölkerung. Doch diese Bevölkerung
denkt nicht so geschlossen, wie wir es gern
hätten, meint Ali (32), Afghane der zweiten Generation.
„Es gibt viele Menschen in Afghanistan, die die Taliban
begeistert unterstützen“. Kurze Pause. „Und auch wenn
uns das nicht gefällt, irgendwie ist das verständlich.“
, frage ich reflexartig zurück.
Wie kann man Verständnis dafür
aufbringen, dass Menschen ein solches Regime
unterstützen?
Doch Ali weiß, wovon er spricht. Er hat Familie in
Afghanistan und hat das Land viermal besucht, zweimal
vor der Machtübernahme der Taliban und zweimal
danach. Er kennt den Alltag der Menschen vor Ort und
erzählt von den Veränderungen, von Sicherheit, die
nun auf einmal da ist. Zum ersten Mal seit 40 Jahren
herrsche im ganzen Land Frieden, die Kriminalität sei
massiv zurückgegangen, erzählt er. Früher sei Gewalt
allgegenwärtig gewesen. Bei seinem Besuch 2019 habe
ihn sein Onkel auf einem Markt gewarnt: „Steck sofort
das Handy ein. Das ist viel zu gefährlich, es hier hinauszunehmen.“
Männer mit Motorrädern würden kommen
und ihn ausrauben. Heute seien solche Überfälle fast
vollständig verschwunden. „Die Taliban gehen rigoros
gegen solche Kriminellen vor“, berichtet Ali. „Inzwischen
können in vielen Gegenden Frauen sogar nachts
auf die Straße gehen“, sagt er. „Das ist etwas, was im
Westen kaum wahrgenommen wird. Aber für Afghanen
ist es ein großer Gewinn an Lebensqualität, wenn Kranke
auf einmal gefahrlos ins Spital kommen und Bauern
ihre Ernte zum Markt bringen können.“
Außerdem seien die Taliban viel weniger korrupt
als die alte Regierung, fährt Ali fort. Früher ging es allen
– vom Regierungschef und dem Parlamentspräsidenten
abwärts – nur darum, ihre eigenen Taschen zu fül-
len. In den Provinzen hätten amerikatreue Warlords die
Macht gehabt und Land- und Wasserrechte an sich gerissen.
Gerichtsurteile waren käuflich, und die Menschen
hatten keine Chance, ihr Recht durchzusetzen. „Villen,
wie sie sich die Politiker und Warlords in Kabul gebaut
haben, habe ich in Österreich nicht gesehen“, erzählt Ali
von der Dekadenz, die sich in den 20 Jahren westlichen
Engagements in Afghanistan breit gemacht hat. Selbst
in den USA gebe es kaum so viel Luxus. Und dann wieder
so ein Satz, der für westliche Ohren nur schwer verdaulich
ist. „Wahrscheinlich brauchte es den Regimewechsel,
um da einen radikalen Schlussstrich zu ziehen.“
Ganz anders sieht das Mariam, ebenfalls 32. Sie
bezeichnet die Machtübernahme der Taliban als
den schwärzesten Tag ihres Lebens. 13 Jahre lang
hat sie in Kabul eine private Schule geleitet, die
vor allem Frauen und Mädchen besuchten. Nach
ihrer Machtübernahme erlaubten die Taliban Mariam
zwar, die Schule weiter zu betreiben, aber nur
noch für die männlichen Schüler. Fast wöchentlich
gab es Kontrollen von Talibanpatrouillen. Männer
mit Gewehren stürmten in die Schule und durchsuchten
Klassenräume und Toiletten. Die einzige
Möglichkeit für Mariam, auch die Frauen weiter
zu unterrichten, war heimlich in Privathäusern oder
online. Dass sie damit ihr Leben riskierte, war ihr egal.
„Die Schule war alles, was in meinem Leben zählte“,
sagt sie „Ich bin nie auf Partys gegangen, ich hatte keinen
Freund. Es gab immer nur die Schule.“
Nach Österreich kam sie 2023, als sie von der Central
European University in Wien mit einem Frauenpreis
ausgezeichnet und zur Preisverleihung eingeladen wurde.
Eigentlich wollte sie nur drei Tage bleiben. Doch die
ehemalige afghanische Botschafterin und die Organisatoren
des Preises rieten ihr, aufgrund der Gefahr auf keinen
Fall nach Afghanistan zurückzukehren, und halfen
ihr, einen Asylantrag zu stellen. Seither büffelt Mariam
Deutsch und unterrichtet Persisch für Migranten der
zweiten Generation.
Mariams Tag ist zugepflastert mit Terminen. Das
hilft ihr, ihre Situation zu ertragen. „Ich bin hier nur
physisch in Sicherheit“, sagt sie. „Aber ich habe niemanden.
Mein Vater ist 80. Ich weiß nicht, ob ich ihn je
wiedersehen werde.“ Die Schule in Kabul kann sie weiter
betreiben, ihre Mädchen weiterhin illegal unterrichten.
Die Arbeit vor Ort übernimmt für sie ihre 20-jährige
Schwester. Und was sagen die Taliban, dass Mariam nun
auf einmal nicht mehr da ist? Das müssen sie doch mitbekommen.
Die Kontrollanrufe der Talibanbeamten, berichtet
Mariam, konnte sie bisher abwimmeln, indem sie erzählt,
sie sei zum Studieren in den Iran gegangen. Für
ihre Schwester ist das natürlich ein gewaltiges Risiko.
Mit ihren jungen Jahren ist sie damit manchmal ein bisschen
überfordert, erzählt Mariam, und sie müsse sie liebevoll
in die Pflicht nehmen, nicht aufzugeben. „Dass ich
sie einer solchen Gefahr aussetze, ist für mich natürlich
eine große Belastung“, meint Mariam. „Aber die Frauen
haben ein Recht auf Bildung.“
Wie lebt es sich unter den Taliban?
Und ist unsere westliche Sicht auf die politische
Situation in Afghanistan zu einfach?
Zur Vorbereitung einer großen Afghanistanreise
im kommenden Sommer hat unser Autor Harald Schaffer
mit zwei Afghanen in Wien über die Lage in
ihrem Land gesprochen.
FOTO Harald Schaffer
Politik
& Gesellschaft
von
HARALD SCHAFFER
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& Gesellschaft