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Biber Magazin 2026-05

Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.

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Ist Alis Sichtweise also zu theoretisch? Kann man nur

dann so viel Verständnis für die Taliban haben, wenn

man selbst nicht unter ihnen leben muss? Klar, dass

Ali einen distanzierteren, analytischen Blick hat. Er ist

zwar weit davon entfernt, die Situation der Frauen in

Afghanistan schönzureden. Er sehe bei seinen eigenen

Cousinen, wie schlimm es für sie ist, ihre Ausbildung

nicht fortsetzen zu können. „Das ist für ihre Zukunft

eine Katastrophe!“ Doch es ist eben nicht Ali selbst, der

davon betroffen ist. So behält er den Blick des politisch

interessierten Beobachters.

Gerade in der Frage der Mädchenbildung sind die

Taliban sehr gespalten. Etliche hochrangige Mitglieder,

die ihre Familien noch im pakistanischen Exil haben,

schicken dort selbstverständlich auch ihre Töchter zur

Schule. Doch die Taliban könnten die konservativen

Kräfte innerhalb der eigenen Reihen nicht ignorieren,

erklärt Ali das Dilemma. Viele ihrer Kämpfer stammen

aus ländlichen, sehr konservativen Gebieten, in denen

Mädchen auch früher nicht zur Schule geschickt wurden.

Die Meinung dieser Menschen zu ignorieren, nachdem

diese jahrelang für sie gekämpft haben, teilweise

sogar ohne Entlohnung, wäre gefährlich. „Das könnte

zu einer Revolte führen, im schlimmsten Fall wieder zu

Kämpfen. Und Kämpfe sind das Letzte, was Afghanistan

brauchen kann“, meint Ali. „Das ist eine Wahl zwischen

Pest und Cholera.“

Der große islamische Philosoph, Dichter und Mystiker

Dschalal ad-Din Muhammed ar-Rumi sagte einst: „Zwischen

dem, was richtig ist, und dem, was falsch ist, liegt

ein weites Feld.“ Vielleicht haben Ali und Mariam mit

ihrer Einschätzung der Taliban beide recht. Vielleicht

ist der Unterschied zwischen ihnen, dass Mariam in Kabul

gelebt hat, wo das Leben immer ein bisschen freier

war als im Rest des Landes. „Afghanistan ist ein muslimisches

Land“, sagt Ali. „Die Taliban vertreten Werte,

nach denen ein großer Teil der Bevölkerung leben will.“

Die Frauen in kurzen Röcken und mit offenen Haaren

seien immer eine kleine, reiche Minderheit gewesen.

„Aber in den westlichen Medien“, meint Ali, „hat man

gerne Bilder dieser Frauen gezeigt, weil man demonstrieren

wollte, wie fortschrittlich Afghanistan ist. Man

hat komplett ignoriert, was das Land ausmacht.“

FOTO Harald Schaffer

Politik

& Gesellschaft

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