Biber Magazin 2026-05
Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.
Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.
Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
WENN GEHÖR LOSEN
KINDERN
DIE SPRACHE
GENOMMEN
WIRD
Sprache verbindet uns.
Sie ist unser Schlüssel
zur Welt.
Verstanden hat das
der Staat Österreich
aber immer noch
nicht.
von
THERESA-MARIE STÜTZ
Seit Herbst 2025 ist Theresa-Marie Stütz
Inklusionslehrerin an einer Wiener Mittelschule.
Daneben beschäftigt sie sich journalistisch mit der Frage,
Politik
welche Chancen Inklusion bietet – und warum
& Gesellschaft sie so oft verpasst werden.
38 39
Sprachen machen die Welt bunter und verbinden uns.
Doch stell dir vor, du hast keine Sprache. Weder
Gedanken, Träume oder Wut lassen sich in deinem Kopf
formen. Es gibt keine Worte, auch keine Gebärden. Und
kaum jemand versteht dich.
Bei manchen meiner gehörlosen Schüler:innen
habe ich das Gefühl, dass sie lieber still bleiben,
als nochmal nachzufragen. Sie tun so, als würden
sie verstehen, aber ihre Lernlücken sind
groß. Die einen scheitern an einfachen
Satzstrukturen, andere verwechseln die
Regenjacke mit einer Hose.
Schätzungen zufolge haben rund 70
Prozent gehörlos geborener Kinder wenig
Sprachzugang. Lautsprache zu lernen, ist
für sie schwierig bis unmöglich. Doch die Gesellschaft
verlangt es von ihnen.
Schuld ist die Geschichte. 1880 wurde am
Mailänder Kongress das Verbot von Gebärdensprachen
beschlossen. Das wirkt bis heute: Österreich
beharrt auf Deutsch,
schadet damit aber gehörlosen
Menschen.
Schulen in Österreich bieten nur verein zelt Österreichische
Gebärdensprache im Unterricht an. Für manche
gehörlose Kinder ist das sogar der erste Kontakt mit
Gebärdensprache.
Das könnten wir vermeiden. Mehr Sprache bedeutet
nämlich auch mehr Barrierefreiheit. Freundschaften
entstehen, Kinder erzählen von ihrem Schulalltag und die
Welt und ihr Wissen stehen offen. So ähnlich beschreibt
es auch die gehörlose Schauspielerin Emmanuelle Laborit:
„Mit der Entdeckung meiner [Gebärden-]Sprache
habe ich einen unschätzbar wertvollen Schlüssel gefunden,
der mir die Tür aufschließt, die mich von der Welt
trennte. […] Ich beginne, Gedanken zu entwickeln. Ich
habe das Bedürfnis, zu reden, alles zu sagen, zu erzählen,
zu verstehen.“
Ich hingegen kann meinen Schüler:innen nicht versprechen,
dass sie einmal „Arzt oder Doktor“ werden. Und
das, obwohl viele fleißig sind, sich Eselsbrücken zurechtlegen,
um einfacher zu lernen, erstaunliche visuelle Fähigkeiten
und eine schnelle Auffassungsgabe haben.
Denn Österreich spart an Geld, Zeit und gebärdensprachlichen
Natives, die Kinder beim Lernen unterstützen.
Die Konsequenzen: wütendes Aufstampfen bei Wut,
bedrücktes Abwinken bei Nichtverstehen, Zweifel an
der eigenen Intelligenz. Das macht einsam, ist unfair und
gefährdet Existenzen. Wir Lehrkräfte können da noch
so viel nachfördern. Manche Sprachdefizite sind einfach
nicht mehr aufholbar und wichtige sprachliche Grundbausteine
fehlen für immer. Eigentlich hat der Staat
2008 die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben
und damit versprochen, das Land zugänglich
für alle – auch für gehörlose Personen – zu machen. Doch
passiert ist bisher kaum etwas.
Politik
& Gesellschaft
ILLUSTRATION Rizki Ardia / unsplash.com (von der Biber-Redaktion bearbeitet)