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Biber Magazin 2026-05

Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.

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Amanda gefällt vor allem Rock. In ihrem

Wohnzimmer hängt ein großes AC/DC-Plakat.

Vor zwei Jahren hat sie AC/DC live in

Wien gesehen. „Ich war bei diesem Konzert

Stell dir vor, du lebst seit Jahren

in Wien, zahlst Steuern, gehst

arbeiten, bringst deine Kinder in

baff. Darum habe ich das Lied für das Casting

ausgewählt.“ Dann buchstabiert sie mit

dem Fingeralphabet „L-E-G-E-N-D-E“.

die Schule – aber du darfst nicht

wählen. In Österreich betrifft das

rund 1,5 Millionen Menschen.

Wenn sie sich auf einen Song vorbereitet,

schaut sie sich die Musikvideos an. „Dann

habe ich ein Bild im Kopf.“ Für „Highway to

Hell“ hat sie auch nachgesehen, ob es schon

Politikwissenschaftlerin Sylvia

Kritzinger nennt das eine „Repräsentationslücke“

– und sie ist

Übersetzungen gibt. Sie fand eine Version

in amerikanischer Gebärdensprache. „Doch

bei dieser Version konnte ich nicht so mitfühlen.“

Zu nahe war sie für Amanda an

demokratietheoretisch mehr als

heikel.

Genau solche Fragen stellt

Lautsprache angelehnt.

Ihre eigene Version hat sie schließlich

versucht, an Visual Vernacular anzupassen,

eine Kunstform, die für Sign-Performance

welche Stimmung ein Lied mitbringt, sie

kann sie wunderbar umsetzen und zeigen“,

erzählt ihr Freund.

SIGN-PERFORMANCE NICHT IM

HAUPTPROGRAMM

Die Sign-Performance wird vorab aufge-

die Universität Wien dieses Semester:

Wohin steuert die Demokratie?

Und die Antworten, die

verwendet wird. Visual Vernacular verzichtet

fast zur Gänze auf herkömmliche Gebärdensprache.

Stattdessen soll der Kon-

BOTSCHAFT HINTER DEM SONG

In den Monaten vor dem Event arbeitet

zeichnet und beim ESC mit einer zusätzlichen

Übertragung auf ORF 2 Europe gezeigt, jedoch

nicht im Hauptprogramm. Gehörlose

Wiener Forscher*innen liefern,

gehen uns direkt an.

text des jeweiligen Liedes, dessen Kultur

Amanda mit den anderen Performer:innen

Personen müssen also einen anderen Kanal

und auch die dahinterliegende Bedeutung

daran, die Songs des ESC 2026 in Sign-

nutzen, um den ESC barrie-

DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE –

visuell erfassbar werden – durch eine aus-

Performance und Visual Vernacular

refrei erleben zu können.

KEIN SELBSTLÄUFER

drucksstarke Mimik und bildhafte Gesten.

umzusetzen. Bei einem Workshop

„Ich hoffe, dass der ESC

Demokratie und Menschenrechte gehören

So verstehen sowohl gehörlose als auch

im ORF sind zwei weitere österrei-

jedes Jahr mit Gebär-

zu sammen, aber ihr Verhältnis war noch nie

hörende Personen die Darbietung.

chische Performer:innen im Raum.

denperformance

aus-

ganz entspannt. Die Demokratie folgt dem

Eine Kollegin hat sich aus Shanghai

gestrahlt wird“, wünscht

Mehrheitsprinzip – die

Menschenrechte

VISUAL VERNACULAR

eingewählt, auch deutsche Performer:innen

schalten sich zu. Gemein-

sich Amanda. „Dann ist

es wirklich inklusiv für

schüt zen genau jene, die in der Minderheit

sind. Wenn Mehrheiten über Religionsaus-

sam sehen sie sich alle ESC-Songs

gehörlose Personen.“ In

übung, Meinungsfreiheit oder Migrations-

FOTOS Theresa-Marie Stütz

Der Vorreiter des Visual Vernacular,

kurz VV, war der gehörlose

Schauspieler Bernard Bragg.

Er prägte den Begriff in den 1960er-

Jahren. Für seine VV-Performances ließ

er sich vor allem von der Pantomime

inspirieren. Heute gibt es auch andere

Einflüsse. Künstler:innen performen

in Zeitlupe, wechseln zwischen

verschiedenen Figuren und Gegenständen

oder setzen ihren Fokus auf

Perspektivenwechsel.

Traurige oder sehr dramatische Lieder

möchte Amanda nicht so gerne performen,

außer sie kann sich mit dem Text

identifizieren. „Amanda hat eine total gute

Ausstrahlung und einen Ausdruck. Egal,

an, die dem ORF bereits übermittelt

wurden. Die deutsche Übersetzung

der Texte liegt ausgedruckt vor ihnen.

Sie lesen die Texte, sehen sich die

Musikvideos an und tauschen sich über die

Bedeutung aus. „Was will der Sänger oder

die Sängerin sagen? Was ist die Botschaft

dahinter?“, erklärt Amanda die wichtigsten

Leitfragen.

Es geht außerdem darum, Missverständnisse

zu klären: Bei einem Video war

die Gruppe zum Beispiel von der Kamera

irritiert. „Wir haben geglaubt, der Kameramann

hat irgendwas“, beschreibt eine der

Performer:innen. „Dabei war es nur die dramatische

Musik im Hintergrund.“ Das habe

ihnen dann der hörende Coach gesagt.

Ein Lied hat Amanda schon im Blick, verraten

darf sie es noch nicht. „Ich muss noch

schauen, ob ich als Performerin dazu passe.“

Schweden gebe es zum

Beispiel auch Sign-Performances

beim ESC-

Vorentscheid: „Warum gibt

es das nicht auch bei uns?“ Sie fordert allgemein

mehr barrierefreie Zugänge für den

Kulturbereich. „Die meisten Menschen haben

einfach keine Ahnung, welche Bedürfnisse

wir haben. Das müssen wir mitteilen.

Und wenn dann zugehört wird, kann es auch

zu Änderungen kommen.“

Für den ESC hat Amanda bereits eine

Hausparty mit Freund:innen geplant. Gemeinsam

wollen sie ihre Performances ansehen.

Auch ihr Vater schaut jedes Jahr

den Song Contest, erzählt sie. „Er hat aber

nie etwas davon mitbekommen.“ Diesmal

macht seine Tochter die Show für ihn erfahrbar.

rechte abstimmen, stoßen beide schnell

aneinander.

Völkerrechtler Michael Lysander

Fremuth bringt es auf den Punkt: Menschenrechte

müssen in Bewegung bleiben, weil

sich die Gesellschaft wandelt. Ob KI-Regulierung,

Klimagerechtigkeit oder die Rechte

von LGBTQ+-Personen – neue Realitäten

brauchen neue Antworten. Und die werden

nicht im stillen Kämmerlein entschieden,

sondern im öffentlichen Diskurs erkämpft.

WENN VERLIERER DAS SPIEL

NICHT AKZEPTIEREN

Weltweit geraten Demokratien unter Druck.

2005 lebten noch 50 Prozent der Weltbevölkerung

in Demokratien, 2025 waren es

nur noch 26 Prozent. Gleichzeitig wächst

die Zahl der Länder, die sich autoritär entwickeln.

Auch in Europa. Auch nebenan.

DEMOKRATIE. DEINE FRAGE.

Kritzinger beschreibt ein Phänomen,

das viele kennen: Populismus setzt auf die

einfache Logik „Wir haben gewonnen, also

gilt nur unser Wille.“ Doch Demokratie funktioniert

anders – sie braucht Kompromisse,

Koalitionen, Aushandlung. Wer das als

Schwäche sieht, spielt autoritären Kräften

in die Hände.

DEINE STIMME ZÄHLT –

AUCH AUSSERHALB DER WAHLKABINE

Demokratie ist mehr als ein Kreuz auf dem

Wahlzettel. Sie lebt davon, dass Menschen

diskutieren, sich informieren, widersprechen

und Verantwortung übernehmen.

Fremuth warnt: Wer den Staat nur als „Service

provider“ betrachtet, der alles regelt,

macht sich anfällig für autoritäre Versprechen.

Es gibt keine Demokratie ohne

Menschen, die sie aktiv leben.

JETZT MITMACHEN – AUCH LIVE IN WIEN

Die Uni Wien lädt dieses Semester zur

Auseinandersetzung ein – mit Vorträgen,

Diskussionen und dem großen Abschlussevent

am 22. Juni 2026, 18.30 Uhr, im

Großen Festsaal der Universität Wien, mit

UN-Hochkommissar für Menschenrechte

Volker Türk. Alle sind eingeladen.

Alle Beiträge, Podcasts und Eventinfos zur

Semesterfrage auf: rudolphina.univie.ac.at

JETZT IN DIE DISKUSSION EINSTEIGEN

IM WISSENSCHAFTS MAGAZIN

RUDOLPHINA DER UNI WIEN

FOTO Violetta König

ESC-SPECIAL

50

51 UNIVERSITÄT WIEN

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