Biber Magazin 2026-05
Das neue Biber. Scharf und Schärfer. Hier die erste Ausgabe 2026.
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PROTEST IN
JEDER STROPHE
Bevor beim ESC in der Wiener
Stadthalle „United by Music“
angesagt ist, ballt man im
Rabenhof Theater die Faust.
Beim jährlichen
Protestsongcontest am
12. Februar steht
das Dagegenhalten
im Fokus.
Aber wogegen
ist
dieses
Event?
Der Zuschauerraum ist rappelvoll. Rund
500 Menschen haben sich im Rabenhof
Theater in Wien-Erdberg zusammengefunden.
Viele sitzen mit einem Bier auf dem Boden. Polstersessel
darf man nicht erwarten, wenn man den
Protestsongcontest, kurz PSC, besucht. Die wurden
aus dem Saal geräumt, damit mehr Platz ist: zum
Tanzen und Headbangen. Spätestens um 20 Uhr, wenn
der Chor der Wiener Arbeitersänger*innen klassische
Protestlieder anstimmt, erhebt sich der Saal.
Zum Protestsongcontest ist der Rabenhof kein normales
Theater mit Drehbuch und gefakten Emotionen. Auf
der Bühne stehen zehn Artists und ihre Wut ist echt. Sie singen
beispielsweise über Kriege, die Klimakrise oder Femizide. Schon seit
2004 sind das Theater und Radio FM4 auf der Suche nach dem stärksten
Protestlied. Mitmachen darf jede*r, der*die sich über etwas aufregt
und das in einem selbstgeschriebenen Song verpackt. Als Gewinn winken ein
Pokal in Form einer geballten Faust sowie ein Auftritt beim nächsten PSC.
GEDENKEN AN DEN BÜRGERKRIEG
„Es ist toll, dass sich der Protestsongcontest etabliert hat. Er ist
für viele ein Fixpunkt im Kalender“, freut sich Gerald Stocker. Der
Theaterwissenschaftler hatte zusammen mit dem Rabenhof-Direktor
Thomas Gratzer die Idee für das Event.
Ursprünglich sollte der PSC eine einmalige Veranstaltung
sein, wiederholt sich heuer aber bereits zum 23. Mal. Jährlich am
12. Februar gedenkt er dem österreichischen Bürgerkrieg 1934, bei
dem die sozialdemokratische Partei gegen den Faschismus aufbegehrte
und vom austrofaschistischen Dollfuß-Regime niedergeschlagen
wurde. Auch im Gemeindebau Rabenhof kamen Menschen
ums Leben.
„DER PSC IST GELEBTE ZEITGESCHICHTE“
„Dieses Mal gab es ungefähr 160 Einreichungen“, berichtet Stocker.
Als Teil einer dreiköpfigen Vorjury sucht er daraus die besten
25 aus. Anschließend entscheiden drei weitere Juror*innen in der
Radioshow FM4 Soundpark über die neun Finalist*innen und nominieren
jeweils ein zusätzliches Lied, über das die Zuhörer*innen abstimmen.
Im Finale bewerten wiederum sechs Fachjuror*innen, darunter
ehemalige Teilnehmende wie Regisseurin Marie Luise Lehner.
Auch hier kann das Publikum mitstimmen.
In den vergangenen Jahren ist viel passiert, worauf die Teilnehmer*innen
zornig waren. Zum Beispiel auf die schwarz-blaue
Koalition unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Das politische
Klima Anfang der 2000er-Jahre war mitverantwortlich für die
Gründung des PSC. Aber auch auf die Asylpolitik, den Ukrainekrieg
und Coronaquerdenker. „Der Protestsongcontest ist gelebte Zeitgeschichte“,
betont Stocker.
KUNSTBLUT UND TEA PARTY SOUL
Teilnehmerin Astrid Hirzberger aka Fraeulein Astrid ist wütend
auf ihre Endometriose. Das ist eine Krankheit, bei der sich gebärmutterschleimhautähnliches
Gewebe an anderen Stellen im Körper
ansiedelt, was unter anderem zu starken Schmerzen führt.
In ihrem Song „Sag mir, du erinnerst dich“, rückt die 28-Jährige
zudem Medical Gaslighting in den Fokus: „Ich singe auch über die
vielen Ärzt*innen, die meine
Schmerzen jahrelang nicht
ernst nahmen und meinten,
das sei normal.“
Denn wenn dein Körper langsam
Wo willst du dann hin, wenn du
dein Feind wird
nicht mehr rennen kannst?
Die gebürtige Steirerin freut sich sehr über die Chance, diese
Plattform für ein ihr so wichtiges Thema nutzen zu können, „vor
allem, weil Endometriose so viele Menschen betrifft – etwa eine
von zehn Frauen und Personen mit Uterus“, wie sie mit Kunstblut
an den Händen und sanfter Stimme ins Mikro singt. Auch das kann
Protest sein: „Ich finde, dass die ruhigen Momente in Songs viel
bewirken können.“
Lucia Anima sieht das ähnlich. Die 22-jährige Mödlingerin macht in
„We’re In Trouble“ auf die Klimakatastrophe aufmerksam. Sie findet
es aktuell besonders wichtig, ein Zeichen zu setzen, vor allem, weil
Klimaschutz ihrer Meinung nach nicht mehr die verdiente Aufmerksamkeit
bekommt.
Belehren möchte sie allerdings nicht, viel eher offen kommunizieren
und Hoffnung schenken: „Meine Message ist, dass man die
Klimakrise nicht nur als großes Drama sehen muss, sondern auch als
Gelegenheit, um aktiv Einfluss zu nehmen.“
Ev’ryone knows it needs changes
But no one likes to think
about their habits
Das will die Sängerin und Straßenmusikerin mit ungeschönter
Musik ausdrücken, die sie selbst als „Tea Party Soul“ beschreibt –
gemütlich, aber mit Tiefgang. Die Party darf aber auch mal „fetziger“
werden und so rüttelt Lucia die Performance mit ihrer Band
auf, indem sie gegen Ende des Songs richtig lange schreit.
FOTOS Radio FM4
von
PATRICIA KORNFELD
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