Bertram Lenke: Glaube an Jesus (Leseprobe)
In Teilen der neueren Markus-Forschung hat das sog. Messiasgeheimnis seine lange Vorrangstellung als Leitmotiv verloren, das der Auslegung bis dahin eine christologische Richtung vorgab. An seine Stelle treten nun soteriologische Schwerpunkte, die sich teilweise von der Christologie ablösen. Die vorliegende Arbeit antwortet auf diese Entwicklung, indem sie in einem eigenen exegetischen Beitrag das Verhältnis von Christologie und Soteriologie im Markus-Evangelium bestimmt – bewusst ohne Rückgriff auf das Messiasgeheimnis. Im Ergebnis zeichnet sich im ältesten Evangelium ein christologischer Realismus ab, der die Grundlage der Soteriologie bildet. Relativierungen der markinischen Christologie gegenüber der Soteriologie lassen sich damit nicht bestätigen.
In Teilen der neueren Markus-Forschung hat das sog. Messiasgeheimnis seine lange Vorrangstellung als Leitmotiv verloren, das der Auslegung bis dahin eine christologische Richtung vorgab. An seine Stelle treten nun soteriologische Schwerpunkte, die sich teilweise von der Christologie ablösen. Die vorliegende Arbeit antwortet auf diese Entwicklung, indem sie in einem eigenen exegetischen Beitrag das Verhältnis von Christologie und Soteriologie im Markus-Evangelium bestimmt – bewusst ohne Rückgriff auf das Messiasgeheimnis. Im Ergebnis zeichnet sich im ältesten Evangelium ein christologischer Realismus ab, der die Grundlage der Soteriologie bildet. Relativierungen der markinischen Christologie gegenüber der Soteriologie lassen sich damit nicht bestätigen.
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Bertram Lenke
Glaube an Jesus
Das Verhältnis von Christologie und
Soteriologie im Markus-Evangelium
Vorwort
Das Markus-Evangelium hat eine bemerkenswerte Vielfalt an Auslegungen
hervorgebracht, die mitunter stark voneinander abweichen. Meines Erachtens
istdies kein Zufall: Als älteste Jesuserzählung erweist sich Mk immer wieder als
›urig‹ und widerständig gegenüber jeder Schablone, mit der der Ausleger versucht,
ihm Herr zu werden. Diese Widerständigkeit begleitete auch meine
Textuntersuchungen zum Verhältnis von Christologie und Soteriologie. Nach
Jahren der Arbeit am Mk-Text werde ich immerwieder neu von ihmüberrascht –
mal verunsichert, mal bereichert.
Die vorliegende Arbeit wurde 2024 von der Universität Kassel angenommen.
Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Paul-Gerhard Klumbies für seine
Begleitung und seine Ermutigung, meinen eigenen Gedanken, Fragen und
Einsichten mutig nachzugehen. Ebenso danke ich Prof. Dr. TomKleffmann für
die sorgfältige Erstellung des Zweitgutachtens. Danken möchte ich auch dem
Otto-Braun-Fonds, dessen Förderung mir viel Freiraum gegeben hat, um mich
dieser Arbeit intensiv widmenzukönnen. MeinerFamiliedankeich herzlich für
ihre Geduld und Unterstützung. Ebenso danke ich Simone Mwangi, die das
Manuskript vor der Abgabe an die Universität sorgfältig korrekturgelesen hat.
Die Arbeit wurde für den Druck um einige Forschungsbezüge ergänzt und
sprachlich leicht überarbeitet.
Kassel, im November 2025
Bertram Lenke
Inhalt
1. Einleitung ............................................. 11
2. Beispiele für Soteriologisierungen inder Theologie ............. 15
2.1 Rudolf Bultmann –Christologie unter soteriologischem
Vorbehalt ......................................... 15
2.2 Willi Marxsen –Christologie als Explikation von
Heilserfahrungen ................................... 18
2.3 Herbert Braun –Gott als ein Geschehen von
Mitmenschlichkeit .................................. 24
2.4 Braun als Konsequenz Bultmanns ...................... 31
2.5 Notger Slenczka –Christologie als religiöser »Selbstausdruck« 33
2.6 Wilhelm Gräb –Glaubensinhalte als religiöse Fiktion ....... 35
3. Dekonstruktionen von Glaubenswahrheiten ................... 39
3.1 Das Problem des Konstruktivismus für die Theologie ....... 39
3.2 Das Problem des Logos für den Mythos .................. 40
4. Die Gattung des Mk-Evangeliums und die Frage seiner Fiktionalität 43
4.1 Positionsfeld 1: Mk sei eine geschichtsorientierte Erzählung .. 44
4.1.1 Eve-Marie Becker –Mk als »eigener Typus von
Prä-Historiografie« ............................. 44
4.1.2 David S. du Toit –Mkals »Geschichtsdarstellung« ..... 46
4.2 Positionsfeld 2: Mk sei eine gegenwartsorientierte Erzählung 46
4.2.1 Eine lose Reihung von kerygmatischen Einzeltexten ... 47
4.2.1.1 Rudolf Bultmann –Mkals »Aufreihung von
Herrenworten« .......................... 47
4.2.1.2 Julius Schniewind –Mkals lose
Aneinanderreihung von einzelnen Erzählungen 48
4.2.2 Willi Marxsen –Mk als kerygmatische Gesamterzählung 50
4.2.3 Eine mythische Erzählung ....................... 55
4.2.3.1 Gerhard Sellin –die Notwendigkeit des
Mythischen für Glaube und Theologie ......... 55
4.2.3.2 Paul-Gerhard Klumbies –Mk als mythische ἀρχή
des Evangeliums ......................... 56
4.2.3.3 Ludger Schenke –Mkals eine sinnstiftende
»Ursprungs- und Vorbildgeschichte« .......... 60
4.3 Welche Art von Text ist das Mk-Evangelium –Versuch einer
Synthese ......................................... 61
8 Inhalt
4.4 Das Mk-Evangelium –ein fiktionaler oder nicht-fiktionaler
Text? .......... ................................... 65
4.4.1 Der Fiktionalitätsbegriff nach Köppe und Kindt ....... 67
4.4.2 Vor- und Nachteile des Begriffs der Faktualität ........ 68
4.4.3 Das Mk-Evangelium ist eine nicht-fiktionale Erzählung 69
4.4.4 Mythos und Fiktion ............................. 70
4.4.5 Die Nicht-Fiktionalität des Mkergibt die theologische
Aufgabe ...................................... 72
5. Richtungen bei der Auslegung des Mk-Evangeliums ............ 75
5.1 Christologisch orientierte Mk-Auslegungen ............... 75
5.1.1 Neuere Akzente hinsichtlich der markinischen
Christologie ................................... 75
5.1.2 Das sog. Messiasgeheimnis ....................... 77
5.1.2.1 Erzähllogische Unstimmigkeiten beim
Geheimnismotiv ......................... 80
5.1.2.2 Weitere Motive des Messiasgeheimnisses ...... 86
5.1.2.2.1 Die Parabeltheorie ................ 86
5.1.2.2.2 Der Rückzug an einsame Orte ....... 86
5.1.2.2.3 Das Unverständnis der Jünger ....... 87
5.1.2.2.4 Die Bedeutung der Schweigegebote an
die Dämonen und die Jünger ........ 88
5.2 Soteriologisch orientierte Mk-Auslegungen ............... 90
5.2.1 Jens Dechow –funktionalisierte Christologie bei Mk ... 91
5.2.2 Paul-Gerhard Klumbies –soteriologisches
Darstellungsinteresse bei Mk ..................... 94
5.2.3 Ludger Schenke –soteriologisches
Darstellungsinteresse, vorausgesetzte Christologie ..... 95
5.2.4 Osvaldo D. Vena –Jesus als vorbildlicher Nachfolger ... 99
5.3 Heilssynergetische Mk-Auslegungen .................... 101
5.3.1 David S. du Toit –Der abwesende Auferstandene ...... 102
5.3.1.1 Historische Anfragen ..................... 109
5.3.1.2 Exegetische Anfragen ..................... 111
5.3.2 Michael Hauser –Jesus als Vorbild im Reich Gottes .... 113
6. Soteriologisch relevante Beobachtungen imMk-Evangelium ...... 123
6.1 ›Arten‹ der Rettung ................................. 124
6.2 Wie wird Rettung erlangt? ............................ 125
6.2.1 Rettung durch Glauben .......................... 125
6.2.2 Rettung durch die Eigeninitiative Jesu .............. 126
6.2.3 Dämonen drängen sich auf ....................... 127
6.2.4 Rettung und Hilfe durch Gebet .................... 128
6.2.5 Rettung durch Nachfolge ......................... 129
6.2.6 Rettung durch Jesu Gemeinschaft .................. 132
Inhalt 9
6.2.7 Die Rettung des syro-phönizischen Mädchens ........ 135
6.2.8 Die Zugehörigkeit der Kinder zum Reich Gottes ....... 137
7. Das Evangelium vom nahen Reich Gottes (1,14f.) .............. 141
7.1 Die Wirklichkeit des nahen Reiches Gottes ............... 141
7.1.1 Die gegenwärtige Wirklichkeit des Reiches Gottes ..... 142
7.1.2 Die zukünftige Wirklichkeit des Reiches Gottes ....... 144
7.1.3 Das Reich Gottes ist eine angebrochene Wirklichkeit ... 146
7.2 Glaube an das nahe Reich Gottes –christologischer Glaube? .. 147
7.2.1 Das Verhältnis des εὐαγγέλιον τοῦ Ἰησοῦ Χριστοῦ und
des εὐαγγέλιον τοῦ θεοῦ ......................... 151
7.2.2 Die Theozentrik und die Christologie in der Predigt Jesu 155
7.3 Wie soll an das nahe Reich Gottes geglaubt werden? ........ 157
8. Glaube im Mk-Evangelium ................................ 159
8.1 Der Glaube der Freunde eines Gelähmten (2,1–12) ......... 159
8.1.1 Der Glaube der Freunde wendet sich an Jesus ........ 160
8.1.2 Der Glaube der Freunde überwindet Hindernisse ...... 163
8.1.3 Das christologische Thema: Die Vollmacht Jesu ....... 164
8.1.4 Das Gotteslob im Chorschluss im Dienst der Christologie 169
8.1.5 Glauben die Freunde christologisch? ................ 176
8.1.6 Glaube als Kommen zuJesus –Übertrag in andere
Mk-Erzählungen ............................... 178
8.1.7 Zusammenfassung und Zwischenergebnis zum
Verhältnis von Christologie und Soteriologie ......... 183
8.2 Der Glaube der Frau mit Blutfluss (5,25–34) .............. 184
8.2.1 »Dein Glaube hat dich gerettet.« –Ein Wort der
vormarkinischen Tradition ....................... 184
8.2.2 Der Ausdruck bzw. das Ereignis des Glaubens ........ 186
8.2.3 Der Glaube an Jesus ............................ 191
8.2.4 Glaubt die Frau an das Evangelium Gottes? .......... 193
8.2.5 Glaubt die Frau christologisch? .................... 194
8.2.6 Die soteriologische Bedeutung des Glaubens ......... 194
8.2.7 Bezüge zu den Summarien ....................... 196
8.2.8 Zusammenfassung ............................. 198
8.3 Der Glaube und die Furcht des Jairus (5,22–24.35–43) ...... 198
8.3.1 Der anfängliche Glaube des Jairus ................. 199
8.3.2 Die Grenze seines Glaubens und ihre Überschreitung .. 200
8.3.3 Glaubt Jairus christologisch? ...................... 202
8.3.4 Zusammenfassung ............................. 203
8.4 Der Glaube des Bartimäus (10,46–52) ................... 204
8.4.1 Was wird bei Bartimäus als Glaube erzählt ........... 206
8.4.2 Die Perspektive des Glaubens und die Perspektive auf
den Glauben .................................. 210
10 Inhalt
8.4.3 Glaubt Bartimäus christologisch? .................. 211
8.4.4 Die Christologie auf der Erzähl- und der Leserebene .... 217
8.5 Der furchtsame Unglaube der Jünger (4,35–41) ............ 218
8.6 Ein epilepsiekrankes Kind –Glaube und Unglaube (9,14–29) 225
8.6.1 Glaube und Vollmacht ........................... 225
8.6.2 Der Unglaube des Vaters ......................... 228
8.6.3 Der Unglaube der Jünger ........................ 234
8.6.4 Der Glaube Jesu ............................... 241
8.6.5 Zusammenfassung ............................. 241
8.7 Unglaube inNazareth (6,1–6) ......................... 242
8.7.1 Worauf bezieht sich der Glaube bzw. Unglaube der
Nazarener? ................................... 242
8.7.2 Das Wesen des Unglaubens in 6,1–6 ............... 245
8.7.3 Angewiesen auf Jesus, angewiesen auf Glauben ....... 248
8.8 Der Glaube an Gott, der Berge versetzt (11,20–25) ......... 249
8.8.1 Glaube als Zuversicht ........................... 249
8.8.2 Glaube an Gott und Glaube an Jesus ................ 250
8.9 Glaube und die Frage nach dem wahren Christus (13,21 und
15,32) ............................................ 252
8.10 Zusammenschau Glaube und Christologie ................ 254
9. Nachfolge als Wegdes Heils ............................... 257
9.1 Das Verhältnis von erzählter und gelehrter Nachfolge ....... 257
9.2 Das Verhältnis von Nachfolge und Glaube ................ 264
9.3 Die Lehre Jesu über die Nachfolge (8,34–9,1) ............. 266
9.4 Nachfolge als Entsagung (9,43–48) ..................... 269
9.5 Der reiche Jüngling (10,17–31) ........................ 275
9.6 Nachfolge in der Endzeit (13) .......................... 281
9.7 Nachfolge nach Ostern ............................... 283
9.8 Zusammenschau Nachfolge und Christologie .............. 287
10. Christologie und Soteriologie bei Mk–ein Resümee ............ 291
Literaturverzeichnis ........................................ 295
Artikel aus Wörterbüchern ................................ 295
Bibelübersetzungen ..................................... 295
Kommentare ........................................... 296
Forschungsliteratur ..................................... 296
Internetquellen ......................................... 301
1. Einleitung
Eine wesentlicheFrage der menschlichenExistenz ist die, wie der Mensch erlöst
werden kann und was Erlösung bedeutet. Die Soteriologie gibt darauf eine
Antwort und markiert dabei wesentliche Unterschiede zwischen den Religionen,
christlichen Konfessionenund Denominationen.Das Neue Testament zeigt uns,
dass die Frage, wie wir gerettet werden können, sowohl in der Auseinandersetzung
mit einigenjüdischen Positionenals auch im innerchristlichen Diskurs
zu Beginn des Christentums virulent war. In den Evangelien bestehen zwischen
Jesus auf der einen Seite und den religiösenEliten auf der anderen nicht nur in
Fragen der Christologie,sondern auch der Soteriologie markante Unterschiede.
Jesus wendet sich z.B. gnädig den Randgruppen der Gesellschaft zuund trifft
damit auf Widerspruch. 1 Auch in den Paulusbriefen können wir soteriologische
Auseinandersetzungen finden, in denen der Apostel für die Gerechtigkeit vor
Gott aus Gnade und Glaube argumentiertund derMöglichkeit widerspricht, mit
Taten vor Gott gerecht werden zukönnen. 2
Eng verwoben mit der Frage, Wie wir erlöst werden können, ist die Frage
nach dem Woher dieser Erlösung. Im christlichen Glauben hat die Erlösung des
Menschen wesentlich mit Jesus Christus zu tun, weswegen uns dieSoteriologie
aufdie Christologieverweist. Doch Inwiefern unsere Erlösung in Jesus Christus
gründet, wird unterschiedlich beantwortet.
Mit dem Einzug der Aufklärung in die Theologie wurden die biblischen
Texte der historischen Kritik ausgesetzt, während sieinder altprotestantischen
Theologie noch der Bedingtheit der Geschichte als enthoben galten (Verbalinspirationslehre).
3 Die Exegese wurde zunehmend unabhängig von dogmatischen
Sätzen betrieben und die Theologie strebte nach zeitgemäßer Transfor-
1
2
3
Siehe u. a. 2,15–17.
Siehe u. a. Röm 3,20–24; Gal 5,1–6.
Siehe zu den geistigen Weichenstellungen der Theologie in der Zeit der Aufklärung
Klumbies, Herkunft, 15–24; zur altprotestantischen Schriftlehre Danz, Systematische
Theologie, 49f.
12 1. Einleitung
mation auf der Grundlage historisch orientierter Bibelauslegung –ein Anliegen,
das Johann Salomo Semler (1725–1791) als erster Theologe vertritt. Die
Christologie in ihrer bis dahin kirchlich tradierten Gestalt verlor ihre Plausibilität.
An die Stelle von Christus im dogmatischen Sinn und der Lehre von der
Versöhnung durch seinenSühnetod tritt nun der Mensch Jesus ins Zentrum des
Interesses. Dieser sei historisch gesehen ein Religionsstifter. 4
Indem durch Semler der Maßstab erhoben wurde, die Theologie müsse als
Ganze auf den Boden historischer Exegese gestellt werden, wurden die altprotestantische
Lehre von der Schrift und das Kanonprinzip aufgehoben. Die Offenbarung
Gottes, auf die sich die kirchlichen Glaubenssätze stützten, verlor
damit ihre Bedeutung und musste der historischen WissenschaftPlatz machen. 5
Zusätzlich wurde den kirchlichen Dogmen der Boden entzogen, indem Immanuel
Kant (1724–1804) zeigte, dass die menschliche Vernunft Gott nicht erkennen
könne. Die Metaphysik, die im 17. Jahrhundert während des Altprotestantismus
das theologische Arbeiten bestimmte, verlor ihr Fundament. 6
Damit waren wesentliche Züge der Christologie zweifelhaft geworden.
Mit der Umdeutung des Erlösers geschah auch die Umdeutung der Erlösung.
Was kommt uns als Heil von Jesus zu? Semler meint, Jesus habe eine neue
»vernünftige[ ]Moralreligion« gebracht. 7 Schleiermacher (1768–1834) deutet
Jesus als das »Urbild der Frömmigkeit«, das in ihm geschichtliches Ereignis
geworden sei. 8 David Friedrich Strauß (1808–1874), der strikt zwischen dem
historischen Jesus und dem Christus des Glaubens scheidet, sieht die »Idee des
Christentums« in der »ewige[n] Einheit von Gott und Mensch«, die die Evangelien
als Lebensgeschichte erzählen. 9 Albrecht Ritschl (1822–1889) erkennt
das Heil, das Jesus bringt, in der »Offenbarung Gottes in der Geschichte«. Die
Gemeindeverwirkliche Gott in der Geschichteund beziehe sich dabei auf Jesus
Christus. Indem individuell der Glaube realisiert wird, verwirkliche sich das
Reich Gottes »als ethisch bestimmter Endzweck Gottes und der Menschheit« 10 .
So unterschiedlich die Auffassungen über Religion in der sog. liberalen
Theologie des 19. Jahrhundertsauch waren, so haben siedoch gemeinsam, dass
das Heil, das dem Menschen durch Jesus zukommt, vielfach in der Stiftung einer
neuen Religion gesehenwurde,wobei der Akzent auf ihrer Ethik(Semler) oder
auf der Religiosität an sich als Gewinn für den Menschen liegen konnte
4
5
6
7
8
9
10
Vgl. a.a. O., 57f. Eine geistesgeschichtliche Plausibilisierung der Hinwendung zur
Geschichtswissenschaft bringt Klumbies, Herkunft, 19ff.
Vgl. Danz, Systematische Theologie, 57f.
Vgl. a. a.O., 48.62.64.
A. a.O., 58.
A. a.O., 70.
A. a.O., 73.
A. a.O., 75.
1. Einleitung 13
(Schleiermacher). Diese Verschiebung in der Soteriologie gegenüber der altprotestantischen
Theologie hat christologische Konsequenzen: In der altprotestantischen
Lehre galt Christus als der Erlöser, auf den sich der Glaube bezieht.
In der liberalen Theologie wird das Erlösende in den Glauben bzw. in die
Religion selbst hineinverlegt. 11 Jesus Christus ist letztlich nur noch der geschichtliche
Initiator bzw. Vermittler dieser Religion, nicht aber notwendiger
Bezugspunktund Inhalt desGlaubens. Die heilbringende Religion könnte ohne
soteriologischen Verlust von Jesus Christus abgelöst werden.
Solches Aufgehen der Christologie in der Soteriologie bezeichne ich im
Folgenden als Soteriologisierung, Soteriologisierungen sind auch nach der Zeit
der liberalen Theologie ein wiederkehrendesPhänomen im 20. Jahrhundert. Sie
liegen immer dann nahe,wenn materiale Gehalte auf ihre Funktion hin befragt
werden und indiesen Funktionen das eigentlich Gemeinte hinter der ›Oberfläche‹
vermutet wird. 12
Ich werde im Folgenden zunächst einige Beispiele von Soteriologisierungen
aufzeigen, die ich vornehmlich in die systematische Theologie hinein verorte,
auch wenn ihre Autoren zumeist keine ausgewiesenen Dogmatiker, sondern
Exegeten oder Praktische Theologen sind. Dabei beginne ich mit Rudolf Bultmann,
Willi Marxsen und Herbert Braun und werfe anschließend den Blick in die
gegenwärtige Theologie,zuNotgerSlenczkaund Wilhelm Gräb. Diese Beispiele
sollen einen Eindruck davon geben, inwiefern Soteriologisierungen in der
Theologie vorgenommen und für eine theologische Reflexion herangezogen
werden.
In einem zweiten Teil untersuche ich das Phänomen und –wie sich herausstellen
wird –Problem der Soteriologisierungen mit Blick auf das Mk-
Evangelium. Die Forschung hat sehr unterschiedliche Auslegungen des ältesten
Evangeliums hervorgebracht und in wichtigen Fragen ist bisher kaum ein allgemeiner
Konsens zu erwarten. Ich werde einige neuere Mk-Arbeiten vorstellen,
die das älteste Evangelium vornehmlich soteriologisch deuten, und untersuchen,
ob bei solchen ExegesenSoteriologisierungen vorgenommen wurden und
inwiefern diesen für die ursprüngliche Kommunikationssituation, in der der
Text stand, Plausibilität zukommen kann.
Die daran anschließenden eigenen exegetischen Untersuchungen versuchen
eine Verhältnisbestimmung von Christologie und Soteriologie im Mk-
Evangelium zu erarbeiten und leisten damit einen exegetischen Gesprächsbeitrag
zum Problem der Soteriologisierungen.
11
12
Vgl. Klumbies, Debatten, 7.
Klumbies sieht in Bezug auf Schleiermacher, der Religion als anthropologische
Funktion gesehen habe, eine »bis in die Gegenwart reichende Phase der anthropologischen
Umschmelzung der Theologie und der subjektivitätstheoretischen Entfaltung
ihrer Inhalte.« (Klumbies, Debatten, 8)
14 1. Einleitung
Da die meisten Textstellen, auf die in dieserArbeitverwiesen wird, aus dem
Mk-Evangelium kommen, steht vor diesen Versangaben der Einfachheit halber
kein Mk. Wird überden Mk-Text gesprochen, so steht entweder nur Mk oder Mk-
Evangelium,womit aberkeine Einordnung derliterarischen Gattung gemeint ist.
Wird derhistorische Autor bezeichnet,soschreibe ich den Namen Markus,ohne
damit eine Aussage darüber machen zuwollen, ob der Evangelist wirklich so
hieß und wie er historisch zu bestimmen ist. Ebenso verhält es sich, wenn von
den Großevangelisten Matthäus und Lukas die Rede ist. Die ausgeschriebenen
Namen bezeichnendie Autoren, die Kürzel Mtbzw. Lk ihren Text. Werden ihre
Jesuserzählungen Evangelien oder die Autoren Evangelisten genannt, so meint
auch dies kein Urteil über die Gattung ihrer Texte.
Bei Bibel-Zitaten wird, wenn nicht anders angegeben, die revidierte Elberfelder
Übersetzung von 2006 verwendet. Sie ist m.E. aufgrund ihrer Orientierung
an der Ausgangssprache und ihrer philologischen Genauigkeit für diese
Arbeit sehr geeignet.
Bertram Lenke, Jahrgang 1990, studierte Evangelische
Religion für das Lehramt an Grundschulen an der Universität
Kassel. Nach einem aufbauenden Studium in
Theologie promovierte er im Bereich Neues Testament
und verteidigte 2024 seine Dissertation, die in diesem
Buch veröffentlicht wird. Seit 2020 arbeitet er als Lehrer
in Kassel.
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der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische
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