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Bertram Lenke: Glaube an Jesus (Leseprobe)

In Teilen der neueren Markus-Forschung hat das sog. Messiasgeheimnis seine lange Vorrangstellung als Leitmotiv verloren, das der Auslegung bis dahin eine christologische Richtung vorgab. An seine Stelle treten nun soteriologische Schwerpunkte, die sich teilweise von der Christologie ablösen. Die vorliegende Arbeit antwortet auf diese Entwicklung, indem sie in einem eigenen exegetischen Beitrag das Verhältnis von Christologie und Soteriologie im Markus-Evangelium bestimmt – bewusst ohne Rückgriff auf das Messiasgeheimnis. Im Ergebnis zeichnet sich im ältesten Evangelium ein christologischer Realismus ab, der die Grundlage der Soteriologie bildet. Relativierungen der markinischen Christologie gegenüber der Soteriologie lassen sich damit nicht bestätigen.

In Teilen der neueren Markus-Forschung hat das sog. Messiasgeheimnis seine lange Vorrangstellung als Leitmotiv verloren, das der Auslegung bis dahin eine christologische Richtung vorgab. An seine Stelle treten nun soteriologische Schwerpunkte, die sich teilweise von der Christologie ablösen. Die vorliegende Arbeit antwortet auf diese Entwicklung, indem sie in einem eigenen exegetischen Beitrag das Verhältnis von Christologie und Soteriologie im Markus-Evangelium bestimmt – bewusst ohne Rückgriff auf das Messiasgeheimnis. Im Ergebnis zeichnet sich im ältesten Evangelium ein christologischer Realismus ab, der die Grundlage der Soteriologie bildet. Relativierungen der markinischen Christologie gegenüber der Soteriologie lassen sich damit nicht bestätigen.

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Bertram Lenke

Glaube an Jesus

Das Verhältnis von Christologie und

Soteriologie im Markus-Evangelium



Vorwort

Das Markus-Evangelium hat eine bemerkenswerte Vielfalt an Auslegungen

hervorgebracht, die mitunter stark voneinander abweichen. Meines Erachtens

istdies kein Zufall: Als älteste Jesuserzählung erweist sich Mk immer wieder als

›urig‹ und widerständig gegenüber jeder Schablone, mit der der Ausleger versucht,

ihm Herr zu werden. Diese Widerständigkeit begleitete auch meine

Textuntersuchungen zum Verhältnis von Christologie und Soteriologie. Nach

Jahren der Arbeit am Mk-Text werde ich immerwieder neu von ihmüberrascht –

mal verunsichert, mal bereichert.

Die vorliegende Arbeit wurde 2024 von der Universität Kassel angenommen.

Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Paul-Gerhard Klumbies für seine

Begleitung und seine Ermutigung, meinen eigenen Gedanken, Fragen und

Einsichten mutig nachzugehen. Ebenso danke ich Prof. Dr. TomKleffmann für

die sorgfältige Erstellung des Zweitgutachtens. Danken möchte ich auch dem

Otto-Braun-Fonds, dessen Förderung mir viel Freiraum gegeben hat, um mich

dieser Arbeit intensiv widmenzukönnen. MeinerFamiliedankeich herzlich für

ihre Geduld und Unterstützung. Ebenso danke ich Simone Mwangi, die das

Manuskript vor der Abgabe an die Universität sorgfältig korrekturgelesen hat.

Die Arbeit wurde für den Druck um einige Forschungsbezüge ergänzt und

sprachlich leicht überarbeitet.

Kassel, im November 2025

Bertram Lenke



Inhalt

1. Einleitung ............................................. 11

2. Beispiele für Soteriologisierungen inder Theologie ............. 15

2.1 Rudolf Bultmann –Christologie unter soteriologischem

Vorbehalt ......................................... 15

2.2 Willi Marxsen –Christologie als Explikation von

Heilserfahrungen ................................... 18

2.3 Herbert Braun –Gott als ein Geschehen von

Mitmenschlichkeit .................................. 24

2.4 Braun als Konsequenz Bultmanns ...................... 31

2.5 Notger Slenczka –Christologie als religiöser »Selbstausdruck« 33

2.6 Wilhelm Gräb –Glaubensinhalte als religiöse Fiktion ....... 35

3. Dekonstruktionen von Glaubenswahrheiten ................... 39

3.1 Das Problem des Konstruktivismus für die Theologie ....... 39

3.2 Das Problem des Logos für den Mythos .................. 40

4. Die Gattung des Mk-Evangeliums und die Frage seiner Fiktionalität 43

4.1 Positionsfeld 1: Mk sei eine geschichtsorientierte Erzählung .. 44

4.1.1 Eve-Marie Becker –Mk als »eigener Typus von

Prä-Historiografie« ............................. 44

4.1.2 David S. du Toit –Mkals »Geschichtsdarstellung« ..... 46

4.2 Positionsfeld 2: Mk sei eine gegenwartsorientierte Erzählung 46

4.2.1 Eine lose Reihung von kerygmatischen Einzeltexten ... 47

4.2.1.1 Rudolf Bultmann –Mkals »Aufreihung von

Herrenworten« .......................... 47

4.2.1.2 Julius Schniewind –Mkals lose

Aneinanderreihung von einzelnen Erzählungen 48

4.2.2 Willi Marxsen –Mk als kerygmatische Gesamterzählung 50

4.2.3 Eine mythische Erzählung ....................... 55

4.2.3.1 Gerhard Sellin –die Notwendigkeit des

Mythischen für Glaube und Theologie ......... 55

4.2.3.2 Paul-Gerhard Klumbies –Mk als mythische ἀρχή

des Evangeliums ......................... 56

4.2.3.3 Ludger Schenke –Mkals eine sinnstiftende

»Ursprungs- und Vorbildgeschichte« .......... 60

4.3 Welche Art von Text ist das Mk-Evangelium –Versuch einer

Synthese ......................................... 61


8 Inhalt

4.4 Das Mk-Evangelium –ein fiktionaler oder nicht-fiktionaler

Text? .......... ................................... 65

4.4.1 Der Fiktionalitätsbegriff nach Köppe und Kindt ....... 67

4.4.2 Vor- und Nachteile des Begriffs der Faktualität ........ 68

4.4.3 Das Mk-Evangelium ist eine nicht-fiktionale Erzählung 69

4.4.4 Mythos und Fiktion ............................. 70

4.4.5 Die Nicht-Fiktionalität des Mkergibt die theologische

Aufgabe ...................................... 72

5. Richtungen bei der Auslegung des Mk-Evangeliums ............ 75

5.1 Christologisch orientierte Mk-Auslegungen ............... 75

5.1.1 Neuere Akzente hinsichtlich der markinischen

Christologie ................................... 75

5.1.2 Das sog. Messiasgeheimnis ....................... 77

5.1.2.1 Erzähllogische Unstimmigkeiten beim

Geheimnismotiv ......................... 80

5.1.2.2 Weitere Motive des Messiasgeheimnisses ...... 86

5.1.2.2.1 Die Parabeltheorie ................ 86

5.1.2.2.2 Der Rückzug an einsame Orte ....... 86

5.1.2.2.3 Das Unverständnis der Jünger ....... 87

5.1.2.2.4 Die Bedeutung der Schweigegebote an

die Dämonen und die Jünger ........ 88

5.2 Soteriologisch orientierte Mk-Auslegungen ............... 90

5.2.1 Jens Dechow –funktionalisierte Christologie bei Mk ... 91

5.2.2 Paul-Gerhard Klumbies –soteriologisches

Darstellungsinteresse bei Mk ..................... 94

5.2.3 Ludger Schenke –soteriologisches

Darstellungsinteresse, vorausgesetzte Christologie ..... 95

5.2.4 Osvaldo D. Vena –Jesus als vorbildlicher Nachfolger ... 99

5.3 Heilssynergetische Mk-Auslegungen .................... 101

5.3.1 David S. du Toit –Der abwesende Auferstandene ...... 102

5.3.1.1 Historische Anfragen ..................... 109

5.3.1.2 Exegetische Anfragen ..................... 111

5.3.2 Michael Hauser –Jesus als Vorbild im Reich Gottes .... 113

6. Soteriologisch relevante Beobachtungen imMk-Evangelium ...... 123

6.1 ›Arten‹ der Rettung ................................. 124

6.2 Wie wird Rettung erlangt? ............................ 125

6.2.1 Rettung durch Glauben .......................... 125

6.2.2 Rettung durch die Eigeninitiative Jesu .............. 126

6.2.3 Dämonen drängen sich auf ....................... 127

6.2.4 Rettung und Hilfe durch Gebet .................... 128

6.2.5 Rettung durch Nachfolge ......................... 129

6.2.6 Rettung durch Jesu Gemeinschaft .................. 132


Inhalt 9

6.2.7 Die Rettung des syro-phönizischen Mädchens ........ 135

6.2.8 Die Zugehörigkeit der Kinder zum Reich Gottes ....... 137

7. Das Evangelium vom nahen Reich Gottes (1,14f.) .............. 141

7.1 Die Wirklichkeit des nahen Reiches Gottes ............... 141

7.1.1 Die gegenwärtige Wirklichkeit des Reiches Gottes ..... 142

7.1.2 Die zukünftige Wirklichkeit des Reiches Gottes ....... 144

7.1.3 Das Reich Gottes ist eine angebrochene Wirklichkeit ... 146

7.2 Glaube an das nahe Reich Gottes –christologischer Glaube? .. 147

7.2.1 Das Verhältnis des εὐαγγέλιον τοῦ Ἰησοῦ Χριστοῦ und

des εὐαγγέλιον τοῦ θεοῦ ......................... 151

7.2.2 Die Theozentrik und die Christologie in der Predigt Jesu 155

7.3 Wie soll an das nahe Reich Gottes geglaubt werden? ........ 157

8. Glaube im Mk-Evangelium ................................ 159

8.1 Der Glaube der Freunde eines Gelähmten (2,1–12) ......... 159

8.1.1 Der Glaube der Freunde wendet sich an Jesus ........ 160

8.1.2 Der Glaube der Freunde überwindet Hindernisse ...... 163

8.1.3 Das christologische Thema: Die Vollmacht Jesu ....... 164

8.1.4 Das Gotteslob im Chorschluss im Dienst der Christologie 169

8.1.5 Glauben die Freunde christologisch? ................ 176

8.1.6 Glaube als Kommen zuJesus –Übertrag in andere

Mk-Erzählungen ............................... 178

8.1.7 Zusammenfassung und Zwischenergebnis zum

Verhältnis von Christologie und Soteriologie ......... 183

8.2 Der Glaube der Frau mit Blutfluss (5,25–34) .............. 184

8.2.1 »Dein Glaube hat dich gerettet.« –Ein Wort der

vormarkinischen Tradition ....................... 184

8.2.2 Der Ausdruck bzw. das Ereignis des Glaubens ........ 186

8.2.3 Der Glaube an Jesus ............................ 191

8.2.4 Glaubt die Frau an das Evangelium Gottes? .......... 193

8.2.5 Glaubt die Frau christologisch? .................... 194

8.2.6 Die soteriologische Bedeutung des Glaubens ......... 194

8.2.7 Bezüge zu den Summarien ....................... 196

8.2.8 Zusammenfassung ............................. 198

8.3 Der Glaube und die Furcht des Jairus (5,22–24.35–43) ...... 198

8.3.1 Der anfängliche Glaube des Jairus ................. 199

8.3.2 Die Grenze seines Glaubens und ihre Überschreitung .. 200

8.3.3 Glaubt Jairus christologisch? ...................... 202

8.3.4 Zusammenfassung ............................. 203

8.4 Der Glaube des Bartimäus (10,46–52) ................... 204

8.4.1 Was wird bei Bartimäus als Glaube erzählt ........... 206

8.4.2 Die Perspektive des Glaubens und die Perspektive auf

den Glauben .................................. 210


10 Inhalt

8.4.3 Glaubt Bartimäus christologisch? .................. 211

8.4.4 Die Christologie auf der Erzähl- und der Leserebene .... 217

8.5 Der furchtsame Unglaube der Jünger (4,35–41) ............ 218

8.6 Ein epilepsiekrankes Kind –Glaube und Unglaube (9,14–29) 225

8.6.1 Glaube und Vollmacht ........................... 225

8.6.2 Der Unglaube des Vaters ......................... 228

8.6.3 Der Unglaube der Jünger ........................ 234

8.6.4 Der Glaube Jesu ............................... 241

8.6.5 Zusammenfassung ............................. 241

8.7 Unglaube inNazareth (6,1–6) ......................... 242

8.7.1 Worauf bezieht sich der Glaube bzw. Unglaube der

Nazarener? ................................... 242

8.7.2 Das Wesen des Unglaubens in 6,1–6 ............... 245

8.7.3 Angewiesen auf Jesus, angewiesen auf Glauben ....... 248

8.8 Der Glaube an Gott, der Berge versetzt (11,20–25) ......... 249

8.8.1 Glaube als Zuversicht ........................... 249

8.8.2 Glaube an Gott und Glaube an Jesus ................ 250

8.9 Glaube und die Frage nach dem wahren Christus (13,21 und

15,32) ............................................ 252

8.10 Zusammenschau Glaube und Christologie ................ 254

9. Nachfolge als Wegdes Heils ............................... 257

9.1 Das Verhältnis von erzählter und gelehrter Nachfolge ....... 257

9.2 Das Verhältnis von Nachfolge und Glaube ................ 264

9.3 Die Lehre Jesu über die Nachfolge (8,34–9,1) ............. 266

9.4 Nachfolge als Entsagung (9,43–48) ..................... 269

9.5 Der reiche Jüngling (10,17–31) ........................ 275

9.6 Nachfolge in der Endzeit (13) .......................... 281

9.7 Nachfolge nach Ostern ............................... 283

9.8 Zusammenschau Nachfolge und Christologie .............. 287

10. Christologie und Soteriologie bei Mk–ein Resümee ............ 291

Literaturverzeichnis ........................................ 295

Artikel aus Wörterbüchern ................................ 295

Bibelübersetzungen ..................................... 295

Kommentare ........................................... 296

Forschungsliteratur ..................................... 296

Internetquellen ......................................... 301


1. Einleitung

Eine wesentlicheFrage der menschlichenExistenz ist die, wie der Mensch erlöst

werden kann und was Erlösung bedeutet. Die Soteriologie gibt darauf eine

Antwort und markiert dabei wesentliche Unterschiede zwischen den Religionen,

christlichen Konfessionenund Denominationen.Das Neue Testament zeigt uns,

dass die Frage, wie wir gerettet werden können, sowohl in der Auseinandersetzung

mit einigenjüdischen Positionenals auch im innerchristlichen Diskurs

zu Beginn des Christentums virulent war. In den Evangelien bestehen zwischen

Jesus auf der einen Seite und den religiösenEliten auf der anderen nicht nur in

Fragen der Christologie,sondern auch der Soteriologie markante Unterschiede.

Jesus wendet sich z.B. gnädig den Randgruppen der Gesellschaft zuund trifft

damit auf Widerspruch. 1 Auch in den Paulusbriefen können wir soteriologische

Auseinandersetzungen finden, in denen der Apostel für die Gerechtigkeit vor

Gott aus Gnade und Glaube argumentiertund derMöglichkeit widerspricht, mit

Taten vor Gott gerecht werden zukönnen. 2

Eng verwoben mit der Frage, Wie wir erlöst werden können, ist die Frage

nach dem Woher dieser Erlösung. Im christlichen Glauben hat die Erlösung des

Menschen wesentlich mit Jesus Christus zu tun, weswegen uns dieSoteriologie

aufdie Christologieverweist. Doch Inwiefern unsere Erlösung in Jesus Christus

gründet, wird unterschiedlich beantwortet.

Mit dem Einzug der Aufklärung in die Theologie wurden die biblischen

Texte der historischen Kritik ausgesetzt, während sieinder altprotestantischen

Theologie noch der Bedingtheit der Geschichte als enthoben galten (Verbalinspirationslehre).

3 Die Exegese wurde zunehmend unabhängig von dogmatischen

Sätzen betrieben und die Theologie strebte nach zeitgemäßer Transfor-

1

2

3

Siehe u. a. 2,15–17.

Siehe u. a. Röm 3,20–24; Gal 5,1–6.

Siehe zu den geistigen Weichenstellungen der Theologie in der Zeit der Aufklärung

Klumbies, Herkunft, 15–24; zur altprotestantischen Schriftlehre Danz, Systematische

Theologie, 49f.


12 1. Einleitung

mation auf der Grundlage historisch orientierter Bibelauslegung –ein Anliegen,

das Johann Salomo Semler (1725–1791) als erster Theologe vertritt. Die

Christologie in ihrer bis dahin kirchlich tradierten Gestalt verlor ihre Plausibilität.

An die Stelle von Christus im dogmatischen Sinn und der Lehre von der

Versöhnung durch seinenSühnetod tritt nun der Mensch Jesus ins Zentrum des

Interesses. Dieser sei historisch gesehen ein Religionsstifter. 4

Indem durch Semler der Maßstab erhoben wurde, die Theologie müsse als

Ganze auf den Boden historischer Exegese gestellt werden, wurden die altprotestantische

Lehre von der Schrift und das Kanonprinzip aufgehoben. Die Offenbarung

Gottes, auf die sich die kirchlichen Glaubenssätze stützten, verlor

damit ihre Bedeutung und musste der historischen WissenschaftPlatz machen. 5

Zusätzlich wurde den kirchlichen Dogmen der Boden entzogen, indem Immanuel

Kant (1724–1804) zeigte, dass die menschliche Vernunft Gott nicht erkennen

könne. Die Metaphysik, die im 17. Jahrhundert während des Altprotestantismus

das theologische Arbeiten bestimmte, verlor ihr Fundament. 6

Damit waren wesentliche Züge der Christologie zweifelhaft geworden.

Mit der Umdeutung des Erlösers geschah auch die Umdeutung der Erlösung.

Was kommt uns als Heil von Jesus zu? Semler meint, Jesus habe eine neue

»vernünftige[ ]Moralreligion« gebracht. 7 Schleiermacher (1768–1834) deutet

Jesus als das »Urbild der Frömmigkeit«, das in ihm geschichtliches Ereignis

geworden sei. 8 David Friedrich Strauß (1808–1874), der strikt zwischen dem

historischen Jesus und dem Christus des Glaubens scheidet, sieht die »Idee des

Christentums« in der »ewige[n] Einheit von Gott und Mensch«, die die Evangelien

als Lebensgeschichte erzählen. 9 Albrecht Ritschl (1822–1889) erkennt

das Heil, das Jesus bringt, in der »Offenbarung Gottes in der Geschichte«. Die

Gemeindeverwirkliche Gott in der Geschichteund beziehe sich dabei auf Jesus

Christus. Indem individuell der Glaube realisiert wird, verwirkliche sich das

Reich Gottes »als ethisch bestimmter Endzweck Gottes und der Menschheit« 10 .

So unterschiedlich die Auffassungen über Religion in der sog. liberalen

Theologie des 19. Jahrhundertsauch waren, so haben siedoch gemeinsam, dass

das Heil, das dem Menschen durch Jesus zukommt, vielfach in der Stiftung einer

neuen Religion gesehenwurde,wobei der Akzent auf ihrer Ethik(Semler) oder

auf der Religiosität an sich als Gewinn für den Menschen liegen konnte

4

5

6

7

8

9

10

Vgl. a.a. O., 57f. Eine geistesgeschichtliche Plausibilisierung der Hinwendung zur

Geschichtswissenschaft bringt Klumbies, Herkunft, 19ff.

Vgl. Danz, Systematische Theologie, 57f.

Vgl. a. a.O., 48.62.64.

A. a.O., 58.

A. a.O., 70.

A. a.O., 73.

A. a.O., 75.


1. Einleitung 13

(Schleiermacher). Diese Verschiebung in der Soteriologie gegenüber der altprotestantischen

Theologie hat christologische Konsequenzen: In der altprotestantischen

Lehre galt Christus als der Erlöser, auf den sich der Glaube bezieht.

In der liberalen Theologie wird das Erlösende in den Glauben bzw. in die

Religion selbst hineinverlegt. 11 Jesus Christus ist letztlich nur noch der geschichtliche

Initiator bzw. Vermittler dieser Religion, nicht aber notwendiger

Bezugspunktund Inhalt desGlaubens. Die heilbringende Religion könnte ohne

soteriologischen Verlust von Jesus Christus abgelöst werden.

Solches Aufgehen der Christologie in der Soteriologie bezeichne ich im

Folgenden als Soteriologisierung, Soteriologisierungen sind auch nach der Zeit

der liberalen Theologie ein wiederkehrendesPhänomen im 20. Jahrhundert. Sie

liegen immer dann nahe,wenn materiale Gehalte auf ihre Funktion hin befragt

werden und indiesen Funktionen das eigentlich Gemeinte hinter der ›Oberfläche‹

vermutet wird. 12

Ich werde im Folgenden zunächst einige Beispiele von Soteriologisierungen

aufzeigen, die ich vornehmlich in die systematische Theologie hinein verorte,

auch wenn ihre Autoren zumeist keine ausgewiesenen Dogmatiker, sondern

Exegeten oder Praktische Theologen sind. Dabei beginne ich mit Rudolf Bultmann,

Willi Marxsen und Herbert Braun und werfe anschließend den Blick in die

gegenwärtige Theologie,zuNotgerSlenczkaund Wilhelm Gräb. Diese Beispiele

sollen einen Eindruck davon geben, inwiefern Soteriologisierungen in der

Theologie vorgenommen und für eine theologische Reflexion herangezogen

werden.

In einem zweiten Teil untersuche ich das Phänomen und –wie sich herausstellen

wird –Problem der Soteriologisierungen mit Blick auf das Mk-

Evangelium. Die Forschung hat sehr unterschiedliche Auslegungen des ältesten

Evangeliums hervorgebracht und in wichtigen Fragen ist bisher kaum ein allgemeiner

Konsens zu erwarten. Ich werde einige neuere Mk-Arbeiten vorstellen,

die das älteste Evangelium vornehmlich soteriologisch deuten, und untersuchen,

ob bei solchen ExegesenSoteriologisierungen vorgenommen wurden und

inwiefern diesen für die ursprüngliche Kommunikationssituation, in der der

Text stand, Plausibilität zukommen kann.

Die daran anschließenden eigenen exegetischen Untersuchungen versuchen

eine Verhältnisbestimmung von Christologie und Soteriologie im Mk-

Evangelium zu erarbeiten und leisten damit einen exegetischen Gesprächsbeitrag

zum Problem der Soteriologisierungen.

11

12

Vgl. Klumbies, Debatten, 7.

Klumbies sieht in Bezug auf Schleiermacher, der Religion als anthropologische

Funktion gesehen habe, eine »bis in die Gegenwart reichende Phase der anthropologischen

Umschmelzung der Theologie und der subjektivitätstheoretischen Entfaltung

ihrer Inhalte.« (Klumbies, Debatten, 8)


14 1. Einleitung

Da die meisten Textstellen, auf die in dieserArbeitverwiesen wird, aus dem

Mk-Evangelium kommen, steht vor diesen Versangaben der Einfachheit halber

kein Mk. Wird überden Mk-Text gesprochen, so steht entweder nur Mk oder Mk-

Evangelium,womit aberkeine Einordnung derliterarischen Gattung gemeint ist.

Wird derhistorische Autor bezeichnet,soschreibe ich den Namen Markus,ohne

damit eine Aussage darüber machen zuwollen, ob der Evangelist wirklich so

hieß und wie er historisch zu bestimmen ist. Ebenso verhält es sich, wenn von

den Großevangelisten Matthäus und Lukas die Rede ist. Die ausgeschriebenen

Namen bezeichnendie Autoren, die Kürzel Mtbzw. Lk ihren Text. Werden ihre

Jesuserzählungen Evangelien oder die Autoren Evangelisten genannt, so meint

auch dies kein Urteil über die Gattung ihrer Texte.

Bei Bibel-Zitaten wird, wenn nicht anders angegeben, die revidierte Elberfelder

Übersetzung von 2006 verwendet. Sie ist m.E. aufgrund ihrer Orientierung

an der Ausgangssprache und ihrer philologischen Genauigkeit für diese

Arbeit sehr geeignet.



Bertram Lenke, Jahrgang 1990, studierte Evangelische

Religion für das Lehramt an Grundschulen an der Universität

Kassel. Nach einem aufbauenden Studium in

Theologie promovierte er im Bereich Neues Testament

und verteidigte 2024 seine Dissertation, die in diesem

Buch veröffentlicht wird. Seit 2020 arbeitet er als Lehrer

in Kassel.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Blumenstr. 76 · 04155 Leipzig

Printed in Germany

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes

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Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

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Cover: Zacharias Bähring, Leipzig

Satz: 3w+p, Rimpar

Druck und Binden: BELTZ Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza

ISBN 978-3-374-08085-4 // eISBN (PDF) 978-3-374-08086-1

www.eva-leipzig.de

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