Clemens Hanßmann: Insider Bewegungen (Leseprobe)
Insider Bewegungen stellen die Welt traditioneller christlicher Missionsbemühungen sprichwörtlich auf den Kopf. Muss man seine ursprüngliche Religionszugehörigkeit verlassen, um Jesus Christus nachfolgen zu können? Diese Frage wird seit Jahren in der Missionstheologie kontrovers diskutiert. Das Buch analysiert die Debatte um Insider Bewegungen im islamischen Kontext und ordnet missionswissenschaftliche Wurzeln sowie theologische Grundannahmen einer sich abzeichnenden Insider-Missiologie kritisch ein. Schließlich werden die Ergebnisse mit theologischen Grenzfällen und deren Performanzen Schrift, Raum und Bekenntnis ins Gespräch gebracht. Damit liegt ein Buch vor für alle, die sich ausführlich mit einer der größten missionstheologischen Debatten der letzten Jahrzehnte beschäftigen wollen.
Insider Bewegungen stellen die Welt traditioneller christlicher Missionsbemühungen sprichwörtlich auf den Kopf. Muss man seine ursprüngliche Religionszugehörigkeit verlassen, um Jesus Christus nachfolgen zu können? Diese Frage wird seit Jahren in der Missionstheologie kontrovers diskutiert. Das Buch analysiert die Debatte um Insider Bewegungen im islamischen Kontext und ordnet missionswissenschaftliche Wurzeln sowie theologische Grundannahmen einer sich abzeichnenden Insider-Missiologie kritisch ein. Schließlich werden die Ergebnisse mit theologischen Grenzfällen und deren Performanzen Schrift, Raum und Bekenntnis ins Gespräch gebracht. Damit liegt ein Buch vor für alle, die sich ausführlich mit einer der größten missionstheologischen Debatten der letzten Jahrzehnte beschäftigen wollen.
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Clemens Hanßmann
Insider Bewegungen
Nachfolger Jesu innerhalb des Islam
Inhalt
Danksagung .............................................. 9
1. Einleitung ............................................. 11
1.1 Einführung ins Thema ............................... 11
1.2 Zur Forschungslage ................................. 13
1.3 Fragestellung und Ziel ............................... 14
1.4 Methode und Aufbau ................................ 14
I Die Debatte über Insider Bewegungen und die Entwicklung
einer Insider Missiologie
2. Missionstheologiegeschichtliche Einflüsse auf die Insider
Missiologie ............................................ 23
2.1 Vonverborgenen und geheimen Christen –Henry Riggs ..... 24
2.2 Entwicklungen amerikanisch-evangelikaler Missionsarbeit in
den 1970er bis 1990er Jahren ......................... 28
2.2.1 Menschengruppen als Ziel neuer Missionsstrategien .. 28
2.2.1.1 Donald McGavran und das Church Growth
Movement ............................. 29
2.2.1.2 Ralph Winter, Lausanne 74 und das Konzept
der unerreichten Menschengruppen ......... 33
2.2.1.3 Reaktionen und Entwicklungen nach Lausanne 37
2.2.2 Die Frage nach Kontextualisierung ................ 41
2.2.2.1 Charles Krafts Modell der dynamischen
Äquivalenz ............................ 42
2.2.2.2 Phil Parshall: New Paths in Muslim Evangelism 47
2.2.3 VonResignation zu Aktivismus –Veränderungen und
Entwicklungen der Missionsarbeit gegenüber dem
Islam ....................................... 51
2.2.4 Erfahrungen aus der Praxis –Herbert Hoefers
»Churchless Christianity« ....................... 56
2.3 Zusammenfassung der Ergebnisse ...................... 61
3. Die C-Skala von John Travis als Geburtsstunde und
hermeneutischer Schlüssel für die Insider Missiologie ........... 65
4. Die Debatte über Insider Bewegungen und Insider Missiologie ab
den 2000er Jahren ...................................... 75
4.1 Frühe Kritik und Zustimmung auf die C-Skala: Phil Parshall
und Joshua Massey ................................. 75
6 Inhalt
4.2 Ein terminologischer Wandel –Von der C-Skala zu den Insider
Bewegungen ....................................... 78
4.3 Debattenräume ..................................... 79
4.4 Der Einfluss empirischer Forschungsergebnisse auf die
Debatte ........................................... 87
4.5 Reaktionen der Lausanner Bewegung und der Weltweiten
Evangelischen Allianz ............................... 89
4.6 Der Diskurs im deutschsprachigen Raum ................ 95
4.7 Popularisierung: Jerry Trousdale und David Garrison ....... 98
4.8 Kritische Einwände: Jeff Morton, George Houssney und
Matthew Bennet .................................... 102
4.9 Das Netzwerk Bridging the Divide ...................... 104
5. Aktuelle missionstheologische Definitionen und Interpretationen .. 107
5.1 Definitionen von Kevin Higgins und Rebecca Lewis ......... 107
5.2 William Dyrness: Insider Bewegungen als »Hermeneutical
spaces« ........................................... 111
5.3 Kang-San Tan: Insider Bewegungen als Ausprägung eines
Dual-Religious Belonging ............................. 115
5.4 Jeff Morton, Joshua Lingel und Bill Nikides: Insider
Bewegungen als Chrislam ............................ 119
6. Beobachtungen und Einordnungen zur Debatte ................ 123
II Die Theologie einer Insider Missiologie
7. Exegetische Zugänge .................................... 131
7.1 Naaman und der Tempel Rimmons –2.Könige 5,18–19a .... 132
7.2 Die Frau am Jakobsbrunnen –Johannes 4,1–42 ............ 138
7.3 Das Apostelkonvent –Apostelgeschichte 15,1–29 .......... 144
7.4 Die Rede des Paulus auf dem Areopag –Apostelgeschichte
17,16–34 .......................................... 150
7.5 »Allen alles werden« –1.Korinther 9,19–22 .............. 155
7.6 Zum Umgang mit dem exegetischen Befund .............. 159
8. Der Religionsbegriff ..................................... 163
8.1 Religion als sozioreligiöses Phänomen ................... 163
8.2 Was bedeutet »Inside«? ............................... 167
8.3 Das Verständnis von Kultur ........................... 170
8.4 Konsequenzen für das Verständnis des Islams ............. 173
8.5 Konsequenzen für das Verständnis des Christentums ....... 176
8.6 Einordnung ....................................... 179
9. Christologie ........................................... 183
9.1 Christus als Retter .................................. 183
9.1.1 Exkurs: Zum Verständnis von Konversion .......... 185
9.2 »Jesus plus nothing« –eine isolierte Christologie? .......... 187
9.3 Inkarnatorische Christologie als Begründung
kontextualisierenden Handelns ........................ 189
9.4 Adaptive Christologie –Zwischen »common ground« und
»building bridges« .................................. 191
9.5 Einordnung ....................................... 194
10. Ekklesiologie .......................................... 197
10.1 Bewegungen als ekklesiologische Größe ................. 199
10.2 Centered-Set und Bounded-Set-Theorie nach Paul Hiebert .... 202
10.3 Reich-Gottes Theologie ............................... 205
10.4 Formen und Ausprägungen von Insider Gruppen .......... 209
10.4.1 Die Familie als sozialer Rahmen .................. 209
10.4.2 Das religiöse Leben von Insider Gruppen ........... 211
10.4.3 Die Frage nach den Sakramenten ................. 213
10.4.4 Beziehungen zur universalen Kirche und lokalen
Gemeinden .................................. 216
10.5 Reflexionen zum Kirchenbild einer Insider Missiologie ...... 219
11. Beobachtungen und Einordnungen zur Theologie einer Insider
Missiologie ............................................ 223
III Empirische Einblicke
12. Ein Überblick empirischer Studien zum Thema ................ 233
13. Zwei ausgewählte qualitative Studien zur näheren Betrachtung ... 239
13.1 Jan Hendrik Prenger: Glaubensüberzeugungen von Insidern .. 239
13.2 Grant Porter: Zur Diversität kontextueller christlicher
Gemeinden innerhalb der islamischen Welt ............... 245
14. Beobachtungen und Einordnung der empirischen Einblicke ....... 251
IV Missionstheologische Einordnungen
Inhalt 7
15. Fünf missionstheologische Näherbestimmungen ............... 255
15.1 Insider Bewegungen als missionarische Bewegungen ....... 255
15.2 Insider Bewegungen als emergente Bewegungen ........... 259
15.3 Insider Bewegungen als postkoloniale Bewegungen? ........ 262
15.4 Insider Bewegungen zwischen Maximal- und
Postkontextualisierung ............................... 268
15.5 Insider Bewegungen als synkretistische Bewegungen ....... 274
8 Inhalt
VGrenzen und Herausforderungen
16. Performanzen und deren theologische Grenzfälle ............... 287
16.1 Schrift –Muslim Idiom Translations .................... 287
16.2 Bekenntnis –Als Insider die !ahēda sprechen? ............ 297
16.3 Raum –Die Moschee als Raum christusbezogener
Glaubenspraxis? .................................... 304
17. Insider und doch zwischen den Stühlen –Die Frage nach der
Identität .............................................. 315
VI Ertrag und Ausblick ................................... 319
Literaturverzeichnis ........................................ 325
Abkürzungsverzeichnis ...................................... 347
Danksagung
Die vorliegende Arbeit wurde im März 2025 an der Kirchlichen Hochschule
Wuppertal als Dissertation mit dem Titel »Insider Bewegungen. Eine missionstheologische
Untersuchung zu Nachfolgern Jesu innerhalb anderer Religionen
unter besonderer Berücksichtigung des islamischen Kontextes.« angenommen
und ist mit summa cum laude benotet worden. Für die Drucklegung
sind geringfügige Überarbeitungen erfolgt.
Mein erster Dank richtet sich an Prof. Dr. Henning Wrogemann für die
akademische Betreuung. Vonseiner fachlichen Klarheit und Weitsicht im Bereich
der Interkulturellen Theologie und Missionswissenschaft, seinen auch
persönlichen Ratschlägen imProzess des Forschens und Schreibens sowie
seiner Leidenschaftfür Theologie, Mission und Kirche habe ich viel lernen und
profitieren dürfen. Für die Erstellung des Zweitgutachtens sei PD Dr. Stefan S.
Jäger herzlich gedankt.
Ein weiterer Dank geht an Bischof Dr. Yassir Eric für den fachlichen und
erfahrungsbasierten Austausch im Bereich von Konvertiten in der islamischen
Welt. Ein Dank geht auch gesagt an Dr. Christoph Lehmann, Dr. Leonie
Schweizer, Prof. Dr. Detlef Hiller und Dr. Jan Reitzner für den fachlichen Austausch.
Danke auch an alle, die mit kritischem Blick Korrekturlesungen vorgenommen
haben.
Ein besonderer Dank gilt dem Arbeitskreis für evangelikale Theologie, der
mich miteinem Teilstipendium finanziell unterstützt hat. Ebenso dem Albrecht-
Bengel-Haus in Tübingen für die Bereitstellung eines Arbeitsplatzes in der Bibliothek
und der Begleitung im Doktorandenkolloqium unter der Leitung von
Prof. Dr. Roland Deines. Für Druckkostenzuschüsse danke ich der Deutschen
Gesellschaft für Missionswissenschaft (DGMW), dem Arbeitskreis für evangelikale
Theologie (AfeT) sowie der Evangelischen Landeskirche in Württemberg
(ELKW) und dem Verein zur Hilfe für evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer in
Württemberg.
Dankbar bin ich auch für meine Kirchengemeinde in Pliezhausen-Dörnach,
der ich neben der Zeit des Forschens und Schreibens als Pfarrer in Teilzeit
10 Danksagung
dienen durfte und Stand jetzt immer noch darf. Ein besonderer Dank gilt hier
meiner Kollegin Pfarrerin Julia Kling, die mir des Öfteren den Rücken freigehalten
hat.
Ein großer Dank gilt meinen Eltern und Großeltern für alle Unterstützung,
meiner Familie für allesInteressse und Begleiten. Der letzte und größte Dank gilt
meiner lieben Frau Simone. Danke für alles mittragen, unterstützen und miteinander
auf dem Weg sein. Du weißt am besten, was es heißt, diesen Weg
gegangen zu sein. Ohne dich wäre dieses Buch nicht zur Vollendung gekommen.
Pliezhausen im Dezember 2025
Clemens Hanßmann
1. Einleitung
1.1 Einfhrung ins Thema
Insider Bewegungen stellen die Welt traditioneller christlicher Missionsbemühungen
sprichwörtlich auf den Kopf. Für die einen sind Insider Bewegungen
eine lang ersehnte Antwort auf die Frage, wie das Evangelium in anderen Religionen
effektiv Fuß fassen könne. Für manch andere stellen Insider Bewegungen
ein synkretistisches Phänomen dar, fernab von den Grundlagen
christlichen Glaubens. Worum geht es, wenn über Insider Bewegungen gesprochen
wird?
Insider Bewegungen lassen sich zuallererst als religiöses Phänomen bestimmen.
Eine Gruppe von Menschen, die an Jesus Christus glauben, jedoch
bewusst Teil ihrer ursprünglichen Religion bleiben. Wohlgemerkt, keine der
Insider Gruppen würde sich selbst als Insider beschreiben, die Terminologie
entstammt vielmehr missionstheologischer Zuschreibung von außen. Solche
Insider Bewegungen lassen sich in mehreren Religionen auffinden, etwa dem
Islam, dem Hinduismus, dem Buddhismus aber auch in Naturreligionen. 1 Sie
streben danach, die Identität ihres religiösen Umfeldes und den Glauben an
Jesus Christus zu vereinen. So wird im Falle einer Konversion ein Religionswechsel
abgelehnt, vielmehr soll der Glaube an Jesus Christus Teil der bereits
bestehenden religiösen Identität werden. Schaut man auf den muslimischen
Kontext,sowird in der Regel von so genannten muslimischen Nachfolgern Jesu
gesprochen. Die Grundthese lautet: Eine religiöse Zugehörigkeit zueiner an-
1
Einige Fallbeispiele in den genannten Religionskontexten finden sich u. a. bei Dyrness,
Insider Jesus, 68–99; Duerksen, Christ-Followers in Other Religions, 47–82.
An dieser Stelle sei ein Vergleich angesprochen,der auf der Hand zu liegen scheint. Der
Miteinbezug so genannter messianischer Juden liegt nahe. Gerade zu Beginn der Debatte
über Insider Bewegungen wurde im islamischen Kontext immer wieder von so
genannten messianischen Muslimen gesprochen. Inder Debatte über Insider Bewegungen
kommt ein Vergleich mit messianischen Juden allerdings nicht vor.
12 1. Einleitung
deren Religion als der Christlichen, sei es als Muslim, als Hindu, als Buddhist
undein Glaube an Jesus Christus lassensich miteinander vereinen. Oder anders
ausgedrückt: Um an Jesus Christus zu glauben, muss man keinChrist sein bzw.
werden. Eine der Hoffnungen, die damit verbunden ist, besteht in der Vermeidung
sozialer Brüche. Ein Glaube an Jesus Christus soll auch in sensiblen religiösen
Kontexten möglich sein, ohne dass derGläubige bzw. seine Familie das
Gesichtverliert. Dabeiist darauf hinzuweisen, dass Insider Bewegungen von so
genannten secret believer zu unterscheiden sind. Es handelt sich in aller Regel
nicht um Gläubige,die ihrenGlaubenimVerborgenen leben, vielmehrbekennen
sie sich offen zuihrem Glauben an Jesus Christus innerhalb ihres religiösen
Kontextes, ohne sich jedoch als Christ zu bezeichnen.
Insider Bewegungen sind nicht nur ein religionswissenschaftlich zu betrachtendes
Phänomen. Der Terminus steht zugleich für einen völlig neuen
Ansatz christlicher Mission. Im Folgenden wird an dieser Stelle von Insider
Missiologie gesprochen. Der Grundgedanke von Insider Missiologie sieht folgendermaßen
aus: Missionarische Arbeit soll nicht darauf abzielen, dass Menschen
anderer Religionen Christen werden, sondern dass sie anJesus Christus
glauben und zugleich ihre ursprüngliche religiöse Identität bewahren können.
Spätestenshier wird deutlich, welche Sprengkraftdieser Ansatz mitsichbringt,
geht er doch andere Wege als bestehende Ansätze missionarischer Arbeit. Aus
missionstheologischer Sicht ist hier die Frage nach Kontextualisierung entscheidend.
Inwieweit kann das Evangelium die Gestalt eines bestimmten
Kontextes, konkret einer bestimmten Religion, annehmen? Insider Missiologie
verschiebt in dieser Hinsicht bisherbestehende Grenzen. Dabei handeltessich
nicht um einen religionspluralistischen Ansatz, vielmehr wird von einem exklusiven
Wahrheitsverständnis, einem Letztgültigkeitsanspruch in Jesus
Christus ausgegangen. Dass dies Fragenaufwirft, liegt auf der Hand: Wieist dies
theologisch einzuordnen und zu bewerten? Was bedeutet Religion in dieser
Hinsicht? Kann es Kirche innerhalb einer anderen Religion geben? Wiewird mit
Traditionen und Ritualen derverschiedenenReligionen umgegangen? Wiewird
mit Glaubenselementen umgegangen, die dem Glauben an Jesus Christus entgegenstehen?
Es wird schnell deutlich: Insider Bewegungen und Insider Missiologie
bewegen sich in einem theologischen Spannungsfeld zwischen den
Religionen. Verschiedene theologische Grundsatzfragen werden aufgeworfen
undmüssen geklärt werden. Ein großerTeil dieser Arbeit wird darauf verwendet
werden, Argumentationen von Insider Missiologie herauszuarbeiten und missionstheologisch
zu erörtern.
Hört man sich im missionstheologischenDiskurs auf Graswurzelebene um,
so wird schnell deutlich, dass Insider Bewegungen und Insider Missiologie keine
thematischen Randerscheinungen darstellen. Wersich mit Missionaren –insbesondere
im islamischenKontext –unterhält, der wird schnell feststellen, wie
virulent dieses Thema diskutiert wird. Es gibt Missionare, die ihre Arbeit nach
1.2 Zur Forschungslage 13
Prinzipien der Insider Missiologie ausrichten, andere grenzen sich davon ab.
Zudem gibteseinen großenliteraturbasierten Diskurs. Es ist also viererlei, ein
religionswissenschaftliches Phänomen, ein missionstheologischer Ansatz, eine
literaturbasierte Debatte sowie ein auf Graswurzelebene bestehender Diskurs,
dereinesorgsame und detaillierteAuseinandersetzung mitdem Gegenstand der
Insider Bewegungen notwendig werden lässt. Diese Arbeit soll dazu einen
Beitrag leisten.
1.2 Zur Forschungslage
An dieser Stelle soll ein kurzerÜberblick zur Forschungslage erfolgen. Dabei ist
zuvorderst auf Herausforderungen zuverweisen, die dieses Thema mit sich
bringt. Das ist zum einen die Fülle an Veröffentlichungen in Form von Zeitschriftenartikeln
und einigen Monographien. Nicht wenige der Veröffentlichungen
bringen mit sich, dass sie recht schnell eine generelle Positionierung
zu Insider Bewegungen einnehmen. In manchen Fällen lässt bereits der akademische
Hintergrund auf eine grundsätzliche Positionierung zum Thema
schließen. Dies bringt zum einen Transparenz imHinblick auf verschiedene
Argumentationen mit sich, zum anderen ist eine differenzierte Auseinandersetzung
nur in einerGesamtschau verschiedenerPositionen möglich. Hier wird
dieForschungslage dünner. An einzelnenStellenist dies im Hinblick auf grobe
theologische Linien 2 ,der Ekklesiologie 3 oder missionstheologiegeschichtlicher
Hintergründe 4 erfolgt. Hinzuweisen ist auch auf einen Überblicksartikel von
L.D. Waterman im Evangelical Review aus dem Jahr 2013. 5 Mit deutlicher Positionierung
prägen zwei große Sammelbände die Debatte, zum einen Understanding
Insider Movements 6 (2015), herausgegeben von John Travisund Harley
Talman und Muslim conversions toChrist 7 (2018), herausgegeben von Ayman
Ibrahim und Ant Greenham. Der weitaus größte Teil der Veröffentlichungen
stammt aus einem amerikanisch-evangelikal geprägten Milieu. Darauf wird an
späterer Stelle genauer eingegangen. In der deutschsprachigen Wissenschaft
wird das Thema der Insider Bewegungen zwar anvereinzelten Stellen wahr-
2
3
4
5
6
7
Vgl. Bartlotti,SeeingInside Insider Missiology: Exploring our Theological Lenses and
Presuppositions.
Vgl. Antonio, Insider Church.
Vgl. Wolfe,The developmentofthe Insider Movement Paradigm, URL: https://www.glo
balmissiology.org (Stand: 20.2.2025).
Vgl. Waterman, Insider Movements: Current Issues and Discussions.
Vgl. Talman/Travis (Hrsg.), Understanding Insider Movements.
Vgl. Ibrahim/Greenham (Hrsg.), Muslim conversions to Christ.
14 1. Einleitung
genommen 8 ,esfehlt jedoch eine wissenschaftliche monographische Auseinandersetzung.
Eine detaillierte Auflistung und Einordnung verschiedener Veröffentlichungen
zum Thema kann an dieser Stelle nicht erfolgen. Die Analyse
bestehender Literatur zu Insider Bewegungen ist jedoch methodischer Grundpfeiler
dieser Arbeit und wird in den je einzelnen Kapiteln aufgegriffen.
1.3 Fragestellung und Ziel
Das Interesse dieser Arbeit gilt derFrage:Was sindInsider Bewegungen und wie
sind diese –und die dahinterstehende Missiologie –missionstheologisch zu
beschreiben und zu interpretieren?Diese bewusst breite Fragestellung rührt aus
dem Bild, welches der vorherige Abschnitt deutlich machte, dem Mangel einer
überblicksartigen Darstellung des Gegenstandes. Das Ziel wird also darin bestehen,
Insider Bewegungen und deren dahinterstehende Missiologie missionstheologisch
adäquat fassenund interpretieren zu können. Diese Arbeitwird
damit einen wichtigen überblicksartigen Beitrag zur Untersuchung des Gegenstandes
leisten. Sie wird zugleich die erste monographische Auseinandersetzung
mit dem Themenfeld Insider Bewegungen und Insider Missiologie in
deutscher Sprache sein.
1.4 Methode und Aufbau
Die Herausforderung einer überblicksartigen Zielsetzung besteht immer in der
Komplexität des Gegenstandes. Insider Bewegungen und deren Missiologie
bilden Komplexität auf verschiedenenEbenenab: Erstens in ihrer empirischen
Erscheinungsform, die kontextbedingt sehr unterschiedlich aussehen kann.
Zweitens aufgrund der besonders schwierigen Umstände, ein empirisches Bild
erlangen zu können. Insider sind als solche nur schwer auszumachen, da sie
sich nur wenig von ihrem Lebensumfeld unterscheiden. Drittens durch unterschiedliche
Verständnisse von InsiderBewegungen, dieinder Debatte über den
Gegenstand verwendet werden. Viertens durch einen möglichen Wandel an
8
Erwähnungen zu Insider Bewegungen sind meist nur in sehr kurzen Abschnitten oder
in Fußnoten zu finden. Sou.a.bei Michael Herbst imKontext der Debatten um Dekonversion
und Kirchenlosigkeit, vgl. Herbst,Konversion und Gemeindeaufbau, 207–
209. Bei Henning Wrogemann inder Rede über so genannte Jesus-Moscheen aus
raumtheoretischerSicht, vgl. Wrogemann,Bibel und Koran, 117–118. Bei David Jarsetz
als Lerngegenstand in Fragen der Inkulturation, vgl. Jarsetz, Perspektiven für eine
zukunftsfähige Missionsarbeit, 90–91. Imeuropäischen Nachbarland auch bei Stefan
Paas in der Frage nach Kirchenzugehörigkeit, vgl. Paas, Pilgrims and Priests, 205.
1.4 Methode und Aufbau 15
Positionen und Argumentationen, die eine noch recht junge Debatte mit sich
bringt, also einer diachronen Debattenebene. Hier ist auch miteinzubeziehen,
dass die Debatte über Insider Bewegungen keinen Abschluss gefunden hat,
sondern bei Abfassung dieser Arbeit weiter imGange ist. Fünftens berührt
InsiderMissiologie viele theologische Grundlagenthemen. Eine überblicksartige
Analyse muss all diese fünf Punkte im Blick behalten, um der Komplexität des
Gegenstandes hinreichend gerecht zu werden. Ein überblicksartiger Zugang
bringt mit sich, dass man an manchen Stellen auf Tiefenbohrungen verzichten
muss. Es sei schoninder Einleitung darauf hingewiesen, dass dieses Thema eine
Fülle an Unterthemen mit sich bringt, die solch eine Arbeit kaum in allen Details
bearbeiten kann. Eine adäquate Gesamtschau ergibt sich ineinem gut ausgearbeiteten
Querschnitt,der eine solide Grundlage für weitere Längsschnitte und
Tiefenbohrungen bietet. Diese Arbeit soll und kann dafür als Ausgangspunkt
dienen. Dabei ist es selbstverständlich, dass bei Interpretationen von Ergebnissen
immer auch Hintergründe des Verfassers dieser Arbeit miteinfließen
können. 9
Das methodische Vorgehen beruht auf Grundlage von Literaturrecherche.
Diese wurde bewusst auf einen breiten Querschnitt hin angelegt und nicht auf
ein einzelnes Zeitschriftenorgan, einen geographischen Raum oder eine Zeitspanne
begrenzt. Der Verfasser kann mit gutem Gewissen behaupten, einen
möglichst breiten Literaturbestand gesichtet zuhaben, auch wenn nicht jede
erdenkliche Literatur zum Thema in dieser Arbeit angebracht wird. Es besteht
also kein Anspruch auf ein Quellenkompendium des zu untersuchenden Gegenstandes.
Das bedeutet auch, dass vom Verfasser durchaus selektiert wurde,
jedoch immer mit dem Ziel, die fünf Merkmale von Komplexität damit nicht zu
unterschlagen. Selektion erfolgte immer mit Blick auf eine adäquate und
übersichtliche Beantwortung der weiter oben angeführten Leitfrage.
Die Komplexität des Gegenstandes erfordert zwangsläufig eine Breite an
Verwendung theologischer Loci und missionstheologischer Methoden. Das ist
im Bereich der Interkulturellen Theologie eine bewährte Gangart. 10 So werden in
dieser Arbeit verschiedene Blickwinkel eingenommen: Eine Analyse des missionstheologiegeschichtlichen
Hintergrundes und der gegenwärtigen Debatte,
eine theologische Analyse aus exegetischer und systematischerSicht sowieeine
Interpretation aus Sicht verschiedener missionstheologischer Themen. Orien-
9
10
Der Verfasser dieser Arbeit besitzt einen westeuropäischen Hintergrund und lebt in
Deutschland. VorAbfassungdieser Arbeit bestanden keine Berührungspunkte mit der
Debatte über Insider Bewegungen. Eswurde nach bestem Wissen und Gewissen unberührt
an die Auseinandersetzung mit dem Thema herangegangen.
So auch Henning Wrogemanninseinen Überlegungen zum Begriff der Interkulturellen
Theologie und der Zukunft der Missionswissenschaft. Vgl. Wrogemann, Missionswissenschaft
unterwegs, 187.
16 1. Einleitung
tierung sollen fünf Dimensionen des Fachs Interkulturelle Theologie/Missionswissenschaft
geben, die Henning Wrogemann folgendermaßen formuliert
hat: Kultursemiotisch, diskurstheoretisch, konnektiv, kommunikativ und missionarisch.
11 Der Gegenstand erfordert es darüber hinaus, dass Literatur über
Theorie als auch Empirie zur Sprache kommen muss. Nicht selten sind diese
beiden Felder unmittelbar miteinander verbunden. So kommt es an vielen
Stellen vor, dass eine missionstheologische Folgerung aufgrund einer empirischen
Evidenz formuliert wird. Oder andersherum, ein missionstheologisches
Theoriegerüst soll ein bestimmtes Ergebnis in der Missionsarbeit bewirken.
Theorie und Empirie sind hier nicht vollständig zu trennen, sondern stehen
miteinander in Wechselwirkung, wie an verschiedenen Stellen zu sehen sein
wird.
Die Arbeit fokussiert sich im Rahmen von Insider Bewegungen auf den
islamischen Kontext. Dieser Kontext nimmt den mit Abstand größten Einfluss
auf die Insider Debatte ein. Die Ursprünge der Insider Missiologie liegen im
islamischen Kontext und auch vorhandene Studien beschäftigen sich meist mit
Insider Bewegungen innerhalb des Islam. Insider Bewegungen in anderen religiösen
Kontexten, etwa dem Hinduismus oder dem Buddhismus, bringen ihre
eigenen Fragestellungen mit sich und werden indieser Arbeit nicht behandelt.
Der Aufbau dieser Arbeit gestaltet sich in fünf Teile. Der erste Teil widmet
sich der Debatte überInsider Bewegungen und Insider MissiologieinGeschichte
und Gegenwart. Es werden missionstheologiegeschichtliche Hintergründe
herausgearbeitet und Entwicklungen innerhalb der Debatte aufgezeigt. Ein
geschichtlicher und diskurstheoretischer Blick wird an den Gegenstand angelegt.
Der zweite Teil hat zum Ziel, theologische Grundlinien einer Insider Missiologie
herauszuarbeiten, darzustellen und kritisch einzuordnen. Dies erfolgt
zum einen anhand einer exegetischen Betrachtung viel diskutierter Bibelstellen
zum Thema, zum anderen anhand systematisch-theologischer und praktischtheologischer
Bestimmungen. Der dritte Abschnitt wendet sich der Empirie zu
und fragt danach, was man über Bestehen und Gestalt von Bewegungen aussagen
kann. Es werden die bekanntesten Studienzum Thema aufgelistet und zur
Sprache gebracht. Zwei ausgewählte Studien mit der Frage nach Glaubensüberzeugungen
und der Ekklesiologie von Insidern werden näher betrachtet. In
Teil vier erfolgt aus den geschichtlichen, theoretischen und empirischen Ergebnissen
eine missionstheologische Einordnung anhand von fünf Näherbestimmungen.
Teil fünf setzt sich mit theologischen Grenzfällenauseinander, die
sich sowohl aus den empirischenals auch theoretischen Analysen ergeben. Drei
theologische Grenzfälle werden näher beleuchtet und im Hinblick auf deren
Performanz diskutiert: Die Frage nach der Schrift, die Frage nach Bekenntnis
und die Frage nach dem Raum. Das Schlusskapitel führt die Linien der vorhe-
11
Vgl. a. a. O., 175–177.
1.4 Methode und Aufbau 17
rigen Kapitel zusammen und formuliert in einem Ausblick abschließende Gedanken
zum Thema.
An dieser Stelle sollen noch ein paar Vorbemerkungen zur Verwendung
einiger Termini erfolgen. In der Literatur findet sich an wenigen Stellen auch die
Bezeichnung Insider Paradigma oder Insider Schema. Der Verfasser entscheidet
sich dafür, Insider Bewegungen als Überbegriff des Themenfeldes zu verwenden.
Zugleich steht der Begriff für tatsächlich bestehende, religionswissenschaftlich
zu beschreibende, Bewegungen. Das Stichwort Insider Missiologie
steht für ein missionswissenschaftliches Konzept, das sich auf Insider Bewegungen
bezieht. Dieses Konzept kann entweder als theologische Erklärung religionswissenschaftlicher
Phänomene oder als Missionsstrategie, in vielen
Fällen auch beiderlei, gedeutet werden.
DieKomplexität des zu untersuchenden Gegenstandes bringteszudem mit
sich, dass eine ganze Reihe großer theologischer und religionswissenschaftlicher
Begriffe in dieserArbeit Verwendung finden. Einige davon sollen an dieser
Stelle thematisiert werden.
a) Ist die Rede von Islam und Christentum, soist zuallererst anzumerken,
dass es nicht den einen uniformen Islam und das eine uniforme Christentum
gibt. Selbstverständlichkönnendiese Religioneninsichselbst sehr divers sein,
inklusive unterschiedlicher theologischer Strömungen sowie lokalen und kulturellen
Ausprägungen. Die Kontextbezogenheit der gelebten Religion ist an
dieser Stelle selbstredend mitzudenken. Dennoch geht der Verfasser von gemeinsamen
religiösen Grundannahmen aus, die trotz aller Varianz eine gemeinsame
religiöse Identität abbilden. Diese Grundannahmen verbinden die
unterschiedlichen theologischen Strömungen und lokalen Ausprägungen miteinander.
Im Falle des Islam ist dies etwa das Bekenntnis zum Koran als heilige
Schrift, der Glaube an Mohammed als Prophet und die Moschee als zentraler
Raum religiöser Praxis. Im Christentum ist dies etwa das Bekenntnis zur Bibel
alsHeilige Schrift, der Glaube an Jesus Christus als Sohn Gottes und der Kirche
als zentralem Raum religiöser Praxis. Dies ist knapp formuliert und man könnte
ausgiebig über Enge und Weite von Religionsdefinitionen streiten. Der Punkt
des Umganges mit den Termini sollte jedoch deutlich geworden sein.
b) An einigen Stellenwird von dem Westen gesprochen, einer Formulierung,
die ohne Frage einen Dualismus impliziert und Potential zur Stereotypisierung
bietet. Wenn dieser Terminus gebraucht wird, dann sind damit der nordamerikanische
und europäische Kulturraum gemeint. Freilich ist auch der Westen in
sich kulturell divers und kann nicht über einen Kamm geschoren werden.
Dennoch wird der Terminus an der ein oderanderen Stelle verwendet, weil er in
der literaturbasierten Debatte über Insider Bewegungen häufig vorkommt. Die
Autoren zielen dann auf bestimmte Gemeinsamkeiten, die die amerikanische
und europäische Kultur mit sich bringen. Dass hier Verbindungen bestehen,
braucht nicht extra erwähnt werden. Bei der Benennung solcher Kulturräume ist
18 1. Einleitung
also ebenso wie bei Religionsbezeichnungen das Gemeinsame als auch die in
sich bestehende Diversität mitzudenken. Dasselbe gilt ebenso für die Bezeichnung
islamischer Kontext oder islamischer Raum. Geographisch sind hier diejenigen
Länder und Regionengemeint,indenen eine mehrheitlich muslimische
Gesellschaft beheimatet ist.
c) Ein weiterer näher zu bestimmender Terminus ist die Bezeichnung
evangelikal. Auch hier ist anzumerken, dass Evangelikale inregionaler, kultureller
und theologischer Ausprägung in sich divers sind. Gerade in der Debatte
über Insider Bewegungen, die sich oftmals innerhalb evangelikaler Grenzen
bewegt, wird die Breite von evangelikalen Einstellungen in missionstheologischen
Fragen deutlich. Das Gemeinsame des Evangelikalismus ist weniger in
institutioneller Verankerung zu suchen, –auch wenn es in der Weltweiten
Evangelischen Allianz einen Dachverband gibt –vielmehr sind es theologische
Grundentscheidungen, die den Kern des Evangelikalismusabbilden. Als grobes
Raster ist das so genannte Bebbington Quadrilateral eine gute Orientierung.
Evangelikalismus wird hier vom britischen Theologen David Bebbington mit
vier Überzeugungen und Einstellungen näherbestimmt: Einem (nicht näher
bestimmten) Biblizismus, dem Glaube an den heilsbedeutenden TodJesu Christi
am Kreuz, die Notwendigkeit einer Bekehrung und dem Streben nach Weitergabe
des Evangeliums. Diese vier Überzeugungen und Einstellungen stellen
auch in der Debatte über Insider Bewegungen inaller Regel theologische
Grundprämissen dar und sind leitend für verschiedene Argumentationsstränge.
Clemens Hanßmann, Dr. theol., Jahrgang 1994, studierte Evangelische
Theologie in Tübingen und Beirut. Er arbeitet als Pfarrer in
der Evangelischen Landeskirche Württemberg und ist zudem als
Studienleiter im Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen tätig.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische
Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
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Cover: Zacharias Bähring, Leipzig
Coverbild: © Clemens Hanßmann, 2025
Satz: 3w+p, Rimpar
Druck und Binden: BELTZ Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza
ISBN 978-3-374-08102-8 // eISBN (PDF) 978-3-374-08103-5
www.eva-leipzig.de