Knud Henrik Boysen: Radikales und konsequentes Denken in der Theologie (Leseprobe)
Welche Denkform bildet den Kern theologischer Reflexion? Geht es um ein konsequentes Denken, welches einen Gedanken bis zu seiner letzten Grenze stringent verfolgt? Oder geht es um ein radikales Denken, das auch den Gegensatz oder gar den Widerspruch seiner selbst noch mitzudenken wagt? Boysens kluges Buch schärft diese an Walter Benjamin gewonnene Grundunterscheidung an den Beispielen der christologischen Zweinaturenlehre und der Verhältnissetzung zwischen Judentum und Christentum. Damit will die Studie zu einer neuen theologischen Grundlegung und zu einer wertschätzenden Beziehung dieser beiden wahrheitsverwandten Religionen beitragen.
Welche Denkform bildet den Kern theologischer Reflexion? Geht es um ein konsequentes Denken, welches einen Gedanken bis zu seiner letzten Grenze stringent verfolgt? Oder geht es um ein radikales Denken, das auch den Gegensatz oder gar den Widerspruch seiner selbst noch mitzudenken wagt?
Boysens kluges Buch schärft diese an Walter Benjamin gewonnene Grundunterscheidung an den Beispielen der christologischen Zweinaturenlehre und der Verhältnissetzung zwischen Judentum und Christentum. Damit will die Studie zu einer neuen theologischen Grundlegung und zu einer wertschätzenden Beziehung dieser beiden wahrheitsverwandten Religionen beitragen.
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Theologie| Kultur | Hermeneutik
Knud Henrik Boysen
Radikales und konsequentes
Denken in der Theologie
Überlegungen und Konkretionsversuche zur Christologie
und zum Verhältnis von Judentum und Christentum
Vorwort
Was ist theologisches Denken? In welchen Mustern denkt es, anhand welcher
Paradigmen entfaltet es sich und welchen Beitrag kann es zu aktuellen Herausforderungen
des Denkens leisten? Diesen Fragen möchte diese kleine Studie
insgesamt auf der Spur sein. Der im Folgenden unterbreitete Vorschlag wird
dabei von Walter Benjamins vor einhundert Jahren getroffener Unterscheidung
zwischen radikalem und konsequentem Denken ausgehend dafür plädieren, dass
das Denken der christlichen Theologie in ihrem Kern ein radikales Denken von
dialektischen Entsprechungen im Widerspruch bewahrt, welches sich kritisch
gegen ein Denken in Konsequenzlogiken verhält, und zwar auch dann, wenn
dieses sich selbst als konsequent christlich versteht.
Illustriert werden sollen diese zwei Arten des Denkens dabei an zwei exemplarischen
Themenfeldern der Dogmatik, die zugleich weit voneinander entfernt
erscheinen und dennoch direkt ineinander überleiten: Der Christologie und dem
Verhältnis von Judentum und Christentum. Dabei wird die Unterscheidung von
radikalem und konsequenten Denken im ersten Teil dieser Studie anhand dogmen-
und religionshistorischer Entscheidungslagen im spätantiken Christentum
illustriert, welche seither für die europäische Tradition christlichen dogmatischen
Denkens maßgeblichen Charakter gewonnen haben. Im zweiten Teil soll
diese Unterscheidung dann auf aktuelle theologische und religionsdialogische
Beiträge zur Debatte um die Neugewinnung eines wertschätzenden Verhältnisses
zwischen Christentum und Judentum im Angesicht von dessen schwerer
historischer Belastung in Anwendung gebracht werden. 1
Dabei ist es das Ziel dieser Studie, einen alternativen Vorschlag in der systematisch-theologischen
Beschreibung der Verhältnissetzung von Judentum und
Christentum im Paradigma radikalen theologischen Denkens anzubieten, wel-
1
Dass diese Belastung allerdings nicht nur das Christentum betrifft, sondern die ganze
westliche Geistesgeschichte durchzieht und prägt, zeigt Nirenberg, Anti-Judaismus;
für die christliche, besonders die protestantische Geschichte des Antijudaismus und
Antisemitismus vgl. u.a. Meyer-Blanck, Glaube, 55---241.
8
Vorwort
cher die radikale Dialektik des gegenseitigen Verhältnisses in ihrem stetigen
Zugleich von Beziehung und Differenz, von gegenseitigem Ausschluss und intimster
Übereinstimmung im Ursprungspunkt ihres jeweiligen Daseins ernst zu
nehmen versucht. Nur dann nämlich scheint es mir als ausgeschlossen, dass
diese Beschreibung erneut einer jener verschiedenen Spielarten der »Rache der
Dialektik an ihrer Missachtung« 2 (Leander Scholz) anheimfällt, die den Beschreibungsversuchen
im Paradigma eines konsequenten Denkens stets innezuwohnen
scheinen. Ob dieser Versuch einer alternativen Beschreibung gelungen ist,
vermögen jedoch nur andere entscheiden.
Nusse, in der Passionszeit 2026
Knud Henrik Boysen
2
Scholz, Vielfalt, 15.
Inhalt
1 Die Unterscheidung: Radikal und konsequent ............................................ 11
1.1 Walter Benjamin: »immer radikal, niemals konsequent« ................. 11
1.2 Ingolf U. Dalferth: »radikale Theologie« ............................................... 18
2 Die Anfrage: Christologie und Christentum angesichts des
gegenwärtigen Judentums heute konsequent neu denken? ...................... 21
3 Radikales theologisches Denken: Das Christologische Symbol von
Chalcedon (451) ................................................................................................. 27
4 Konsequentes theologisches Denken: Marcion ........................................... 41
5 Das Verhältnis von Christentum und Judentum konsequent denken:
Magnus Striet und Christian Danz ................................................................. 65
5.1 Der Ausgangspunkt: Ablehnung eines christlichen
Inklusivismus gegenüber dem Judentum ............................................ 65
5.2 Magnus Striet: Konsequenter Umbau der christlichen
Dogmatik ................................................................................................... 66
5.3 Christian Danz: Konsequente Eigenständigkeit der Religionen ..... 71
6 Das Verhältnis von Christentum und Judentum radikal denken ............. 79
6.1 Der Irrweg eines (religions-)historischen Antwortversuchs ............ 79
6.2 Die verborgene Einzigkeit Gottes als Ursache der Distinktion
und als Grund der Beziehung zwischen Judentum und
Christentum .............................................................................................. 88
6.3 Vollendung per contrarium? .................................................................. 97
7 Schluss: Ernst Lohmeyer und Schalom Ben-Chorin über den
Glauben des Anderen als Frage an das eigene Innerste .......................... 103
Literaturverzeichnis ............................................................................................... 105
1 Die Unterscheidung: Radikal und
konsequent
1.1 Walter Benjamin: »immer radikal, niemals
konsequent«
In einem Brief an Gershom Scholem vom 29. Mai 1926 schrieb Walter Benjamin:
»Im Grunde ist es mir bitter, mich theoretisch resümieren zu sollen [… D]ie rein theoretische
Sphäre zu verlassen […,] ist auf menschliche Weise nur zweifach möglich: in
religiöser oder politischer Observanz. Einen Unterschied dieser beiden Observanzen
in ihrer Quintessenz gestehe ich nicht zu. Ebensowenig jedoch eine Vermittlung. Ich
spreche hier von einer Identität, die sich allein im paradoxen Umschlagen des einen
in das andere (in welcher Richtung immer) und unter der unerläßlichen Voraussetzung
erweist, daß jede Betrachtung der Aktion rücksichtslos genug, und radikal in
ihrem eigenen Sinne verfährt. Die Aufgabe ist eben darum hier nicht ein für alle Mal,
sondern jeden Augenblick sich zu entscheiden. Aber zu entscheiden. Eine andere
Identität dieser beiden Bereiche als die des praktischen Umschlagens mag es geben
(gibt es gewiß) führt aber uns, die wir hier und jetzt nach ihr suchen wollten, tief in
die Irre. Immer radikal, niemals konsequent in den wichtigsten Dingen zu verfahren,
wäre auch meine Gesinnung, wenn eines Tages ich der kommunistischen Partei beitreten
sollte […].« 3
Irving Wohlfarth, ein Kommentator dieser Zeilen, bemerkt, bei der plakativen
Gegenüberstellung von »radikal« und »konsequent« handle es sich um eine
»kryptische Formel, die einer theologischen Urerfahrung zu entsprechen
scheint«, welche selbst »noch dann in Kraft [bleibt], wenn sie keine ungebrochen
theologische mehr sein darf.« 4
Benjamin selbst hat diese Bemerkung nur am
Rande eines Gelegenheitsbriefes fallen lassen und sie in keiner seiner überaus
vielfältigen Schriften wieder aufgegriffen. Warum also kommt Wohlfarth zu dem
Schluss, dass es sich bei dieser Unterscheidung um eine »theologische Urerfahrung«
handle? Ist Theologie an sich eine Ausdrucksart »radikalen Denkens«, d.h.
eine Ausdrucksart jener »nicht theoretischen« »religiösen Observanz«, die keinerlei
»Vermittlung« mehr zulässt? Ein radikales Denken, welches zugleich
»niemals konsequent« sein kann und sein darf? Und wäre ein »konsequentes
Denken« dann gerade umgekehrt ein nicht-theologisches Denken? Aber ruft die
3
4
Benjamin, Briefe 3, 158f.
Wohlfarth, Standortbestimmung, 130.
12
1 Die Unterscheidung
Rede von einem »rücksichtslosen« radikalen Denken religiös observanter Personen
ohne jede übergeordnete Theorie und unter Verneinung jeder Vermittlungsmöglichkeit
nicht geradezu fatale Assoziationen von »Gotteskriegern« oder
anderen religiösen »Fanatikern« auf?
Hier ist darum zunächst eine Näherbestimmung im Hinblick auf die Spezifik
des Wortes »radikal« notwendig. Denn bei Benjamin scheint gerade nicht jene
Bedeutung gemeint, wie sie in politischen Begriffsverwendungen wie »rechtsradikal«,
»radikalislamisch« oder dem berüchtigten »Radikalenerlass« auftaucht
und extremistische, ideologisierte oder gewaltaffine politische oder politischreligiöse
Gruppierungen außerhalb einer von ihnen nicht akzeptierten Gemeinschafts-
und Rechtsordnung bezeichnet. Aber auch eine Analogie zum »freien
Radikal« in der Chemie, welches sich aufgrund seiner nur einfachen Elektronenbindung
gegenüber anderen chemischen Verbindungen besonders »reaktionsfreudig«
verhält, scheint nicht beabsichtigt. Vom Wortsinn her meint »Radikales
Denken« ein Denken, welches die »Wurzel« (von lat. radix) eines Gedankens und
damit seinen Grund, sein Ganzes erfassen will. Bei Benjamins Gegenüberstellung
könnte man so daran denken, dass es sich um einerseits um ein Denken
»von der Wurzel her« (radikal), andererseits um ein Denken »auf die Folgen hin«
(konsequent, von lat. consequi) handelt. Aber was bringt Benjamin dann dazu,
die wertenden Bestimmungen »immer« und »niemals« hinzuzusetzen, so dass
»konsequentes Denken« gegenüber dem »radikalen Denken« als die schlechtere
Denkform erscheint? Ist radikales Denken darum nicht konsequent? Ist es inkonsequentes
Denken oder gar ein inkonsistentes Denken, welches dann wieder
nahe an den Bereich eines beliebigen, unbegründeten und darum zutiefst unwissenschaftlichen
Denkens und Aussagens rühren würde?
Die schon erwähnte Studie Irving Wohlfarths führt auf der Suche nach dem
von Benjamin mit dieser Gegenüberstellung bezeichneten Denken weiter, indem
er es an dem ebenfalls radikal kurzem und gerade darum vielleicht »schönstem
und geheimnisvollsten« 5
Text Benjamins aufweist, nämlich dem »theologischpolitischem
Fragment« (meist auf 1921 datiert, evtl. auch 1922/23). 6 In diesem
Fragment beschreibt Benjamin das »Profane« des Politischen und der Geschichte
als die Flugrichtung eines »Pfeiles«, dessen eigene Bewegungskraft einen anderen,
genau gegenläufigen Pfeil antreibt, nämlich das »Messianische«:
»Wenn eine Pfeilrichtung das Ziel, in welchem die Dynamis des Profanen wirkt, bezeichnet,
eine andere [sc. Pfeilrichtung] die Richtung der messianischen Intensität,
so strebt freilich das Glückssuchen der freien Menschheit von jener messianischen
Richtung fort, aber wie eine Kraft durch ihren Weg eine andere auf entgegengesetzt
gerichtetem Wege zu befördern vermag, so auch die profane Ordnung des Profanen
5
6
Gagnebin, Geschichte, 97.
Benjamin, Fragment, 203f. Zur Einordnung und Interpretation vgl. den Überblick von
Hamacher, Fragment, 175---192; Dubbels, Figuren, 277---302.393---404.
1.1 Walter Benjamin: »immer radikal, niemals konsequent« 13
das Kommen des messianischen Reiches. Das Profane ist zwar keine Kategorie des
Reichs, aber eine Kategorie […] seines leisesten Nahens. Denn im Glück erstrebt alles
Irdische seinen Untergang, nur im Glück aber ist ihm der Untergang zu finden bestimmt.«
7
Der eine Pfeil bringt, indem er einzig und allein in seine eigene Richtung fliegt,
aus sich selbst zugleich den jeweils anderen Pfeil hervor, dessen Flugbahn einzig
und allein in Gegenrichtung des anderen erfolgt. Auf die Gedankenfragmente im
zitierten Brief an Scholem angewandt, symbolisieren diese beiden Pfeile damit
gleichsam jene zwei Formen eines radikalen Denkens in den miteinander durch
Theorie unvermittelbaren religiösen und politischen »Observanzen«, die jedoch,
und zwar gerade unter der Voraussetzung, dass beide jeweils radikal in ihre
eigene Richtung, d.h. allein in der Flugbahn ihres Pfeiles, denken, plötzlich und
»paradox« ineinander umschlagen können. 8 Es ist der »Versuch, Theologie und
Politik in einer Beziehung wechselseitiger Ausschließlichkeit bei gleichzeitiger
dynamischer Beförderung und Entsprechung per contrarium zu denken« 9 .
Dieser Punkt, an welchem nun das eine in das andere umschlägt, kann jedoch
für Benjamin »niemals das egozentrische Subjekt sein, das ›von sich aus‹
nur sich selber setzt und anderes immer nur in seinen Bannkreis zieht« 10 . Eine
»Vermittlung« der Extreme innerhalb des im historischen Zusammenhang stehenden
Subjekts ist für ihn ausgeschlossen. Sondern dieser paradoxe Umschlagspunkt
ist vielmehr als eine Art intensivster »Spannungsladung« zu beschreiben,
welche sich erst in dem Moment entlädt, in welchem das Profane und
das Messianische sich am Ende der je eigenen Flugbahn gegenseitig per
contrarium hervorgebracht haben. Diese Hervorbringung kann nun, wie alles
»historische Geschehen«, für Benjamin nur eine Tat des Messias selbst sein und
»zwar in dem Sinne, daß er dessen Beziehung auf das Messianische selbst erst
erlöst, vollendet, schafft« 11 . Das aber heißt: Der Pfeil des Messianischen muss
aufhören, eine irdische Verwirklichung des Reiches Gottes (die »Theokratie« 12 )
als das Telos seiner eigenen Flugbahn zu setzen, 13 sondern das Reich Gottes wird
sich vielmehr als das vom Messias selbst vollendete Telos des gegenläufigen
Pfeils des Profanen entfalten. »Übrig bliebe von der Theologie nichts außer dem
7
8
9
10
11
12
13
Benjamin, Fragment, 203f.
Vgl. Wohlfarth, Standortbestimmung, 120.
Dubbels, Figuren, 302.
Wohlfarth, Standortbestimmung, 120.
Benjamin, Fragment, 203; vgl. Wohlfarth, Standortbestimmung, 120.
Benjamin, Fragment, 203.
Ebd.: »Darum kann nichts Historisches von sich aus sich auf Messianisches beziehen
wollen. Darum ist das Reich Gottes nicht das Telos der historischen Dynamis; es
kann nicht zum Ziel gesetzt werden.«
14
1 Die Unterscheidung
Profanen, ihre Inversion an einem anderen Ort.« 14
Und es ist umgekehrt das
Profane, welches auf seiner ihm eigenen Flugbahn das gegenläufig Messianische
aus sich heraus setzen wird, indem es aufhört, von sich aus ein Ziel in einer
messianischen Ewigkeit anzustreben, und sich stattdessen allein auf die »profanen
Ordnung des Profanen« zubewegt. 15
Darum gilt auch umgekehrt: »Messianisch
ist die Profanierung und nichts außer ihr.« 16
Gerade indem die beiden Pfeile also jeweils ganz und gar auf das Eigene
ausgerichtet sind und dabei ihre eigene Flugbahn nicht mit der des anderen
Pfeiles verwechseln, setzen sie sich gegenseitig in Gang. Indem sie sich gegenseitig
voneinander freihalten, halten sie sich gegenseitig im Flug und treffen ihr
je eigenes Ziel paradoxerweise schließlich genau dadurch, dass der jeweils andere
Pfeil genau seine eigene Zielscheibe trifft. Hier lässt sich mit Günter Baders Beschreibung
des »Emergenten« anschließen:
Dieser »Terminus […] besagt […] soviel, dass sich etwas zuträgt, was aus der Binnensicht
eines gegebenen Systems nicht abzuleiten und insofern auch nicht notwendig
ist. Gleichwohl geschieht es nicht aus blindem Zufall, weil es präzis in Hinsicht auf
ein gegebenes System und sein inneres Kräftespiel hin geschieht. […] Weder kontingent
noch notwendig, hat es von beidem etwas.« 17
Indem das Messianische und das Politische jeweils »radikal« gedacht werden,
wird das eine aus dem System des anderen ausgeschlossen und umgekehrt.
Jedes verfolgt jeweils nur und ausschließlich die Flugbahn seines Pfeiles. Doch
gerade in diesem Ausschluss des anderen jedoch liegt der Grund dafür, dass es
am Extrempunkt des Eigenen in das Andere umschlagen kann. Wie Theodor W.
Adorno in dem bekannten letzten Aphorismus seiner minima moralia schreibt,
»[schießt] die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefasst, zur Spiegelschrift
ihres Gegenteils zusammen« 18 . Als das radikal Ausgeschlossene »emergiert«
das Gegenteil somit präzise an dem Punkt, wo jeder der beiden Pfeile einzig
und allein das eigene Ziel anvisiert und darin sein jeweiliges Gegenteil
vollkommen negiert, ja auslöscht.
So wird verständlich, warum Benjamin in seinem Fragment abschließend
davon spricht, dass die Methode einer Weltpolitik, welche eine rein profane Ordnung
des Politischen anstrebt »Nihilismus zu heißen hat« 19 , d.h. eine Politik zu
14
15
16
17
18
19
Hamacher, Fragment, 181.
Vgl. Wohlfarth, Standortbestimmung, 121.
Hamacher, Fragment, 182. Vgl. auch Dubbels, Figuren, 292: »Das ganz Profane, die
ewige und totale Vergängnis gewinnt messianische Qualität. Benjamin geht es darum,
messianische Potenzen im gänzlich Profanen zu entdecken.«
Bader, Emergenz, 1.
Adorno, Minima Moralia, 334 (Hervorhebung im Zitat von mir).
Benjamin, Fragment, 204.
1.1 Walter Benjamin: »immer radikal, niemals konsequent« 15
sein hat, die radikal nur Politik sein will und nichts anderes, und darum eben
nicht in irgendeiner Weise ihre Verewigung, sondern allein ihre letztliche Vergänglichkeit
anzustreben hat. 20 Denn »erst indem Irdisches seinen Untergang [sc.
also allein das Profane und nichts anderes] erstrebt, anstatt sich auf die Ewigkeit
[sc. das Messianische] zu beziehen, erfährt es im vergänglichen Glück seine
wahre Bestimmung« 21 , --- nämlich die Vollendung durch den Messias. Das Messianische
emergiert genau dort, wo das Politische von sich aus seinen eigenen
»nihilistischen« Untergang anvisiert hat. Darum folgert Wohlfarth: »So eindeutig
die ›profane Ordnung des Profanen‹ auf sich selbst gestellt ist, der Begriff des
Profanen bleibt nach wie vor ein zuinnerst theologischer.« 22
Aus diesen fragmentarischen Gedanken Benjamins lässt sich schließen: Nur
wo die extremsten Gegensätze in der extremsten Form ihrer einander bis ins
Letzte konsequent ausschließenden Gegenläufigkeit und ihrer theoretischen
Nichtvermittelbarkeit zugleich als sich einander gegenseitig hervorbringend und
einander gegenseitig in Gang haltend gedacht werden, da wird auch wirklich
radikal gedacht. 23
Da kann das ganz und gar Profane als die Vollendung des
Messianischen und das ganz und gar Messianische als die Vollendung des Profanen
gedacht werden, weil das eine im anderen genau dort »emergiert«, wo es
allein und ausschließlich sein ganz eigenes Ziel verwirklicht. Mit einem anderen
Bild Benjamins könnte man hier metaphorisch davon sprechen, dass sich beide
Seiten jeweils so zueinander verhalten »wie das Löschblatt zur Tinte«, d.h. sie
schließen einander aus, ja sie löschen einander gar aus, aber dies eben dergestalt,
dass sie in genau diesem Vorgang zugleich voneinander »vollgesogen«
werden. 24
Das Ausgeschlossene ist im Inneren des es Ausschließenden selbst
20
21
22
23
24
Vgl. Wohlfarth, Standortbestimmung, 126.
A.a.O., 122.
Ebd. Vgl. dazu auch Hamacher, Fragment, 182: »Wenn das Enden des Endlichen […]
messianisch ist, dann nicht dank der Intervention einer transzendenten, göttlichen
oder messianischen Macht, die von Außen in es eingreifen und verwandeln würde,
sondern messianisch ist dies Enden, weil die ›ewige und totale Vergängnis‹ [vgl. Benjamin,
Fragment, 204 …] die ewige und totale Profanierung des Profanen ist und diese
Profanierung als Tilgung der Zeit- und Raumwelt eine völlig andere Zeit und einen
völlig anderen Raum freigibt. Messianisch ist die Welt nicht, weil sich ein geheimer
Messias in ihr regte, sondern weil sie in ihrem Vergehen Platz für seine Ankunft
schafft.«
Jacob Taubes verfehlt also den Sinn dieser Sätze, wenn er aus ihrer radikalen Gegenläufigkeit
einen dualistischen, »letztlich marcionitischen Sinn dieser Sätze« ableiten
will, der »fast mit Händen zu greifen« sei (Taubes, Benjamin, 58). Denn Marcion hätte
aus der Gegenläufigkeit der »zwei Pfeile« von Erlösung und Schöpfung niemals ihren
paradoxen Umschlag ineinander, d.h. ihre Vollendung am Ziel des jeweils anderen
und ihre schließliche gemeinsame Aufhebung in das Reich des Messias folgern können.
Vgl. zur Theologie des Marcion ausführlich unten Abschnitt 4.
Benjamin, Passagen-Werk, 588.
Knud Henrik Boysen, Dr. theol., Jahrgang 1985, studierte Evangelische
Theologie und ist derzeit Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen
Kirche in Norddeutschland sowie Privatdozent für Systematische
Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität
Greifswald.
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Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
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Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.
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Cover: Friedrich Lux, Halle/Saale
Satz: Knud Henrik Boysen, Nusse
Druck und Binden: BELTZ Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza
ISBN 978-3-374-08106-6 // eISBN (PDF) 978-3-374-08107-3
www.eva-leipzig.de