Krishna
ISBN 978-3-422-80407-4
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Krishna
Religion, Kunst und Popkultur
Herausgegeben von
Anne Hartig und Patrick Felix Krüger
Inhalt
7 Vorwort
Uta Werlich
8 Krishna. Religion, Kunst und Popkultur
Anne Hartig und Patrick Felix Krüger
Im Fokus:
20 Krishna. Gott in Menschengestalt
Patrick Felix Krüger
Im Fokus:
54 Vishvarupa. Krishna als universelle
Gottheit
Patrick Felix Krüger
Im Fokus:
56 Krishna als Kali
Anne Hartig
2 Sehen und Verehren
60 Praktiken häuslicher Verehrung. Krishna
als Baby und Kleinkind
Anishka Gheewala
68 Krishna und Shrinathji. Zwischen
mythologischen Landschaften und der
Stadt Nathdwara
Isabella Nardi
Im Fokus:
78 Krishna- und Radha-Figur mit
Kleidung und Schmuck
Anne Hartig
1 Mythologie und Landschaft
24 „Schön wie eine dunkelblaue Wasserlilie“.
Die Lebensgeschichte Krishnas
Patrick Felix Krüger
34 Krishnas Göttlichkeit in Illustrationen des
Bhagavatapurana
Neeraja Poddar
Im Fokus:
80 Tragbarer Klappaltar aus Südindien
Anne Hartig
Im Fokus:
82 Krishnas Schaukel
Anne Hartig
41 Wo Gopala spielt und kämpft. Krishnas
Städte, Krishnas Land
Marion Frenger
Im Fokus:
53 Bala Krishna. Der Gott als Kleinkind
Patrick Felix Krüger
Inhalt
4 Krishna heute
122 Jenseits von Geschlecht. Die Ikonografie
Krishnas
Seema Bawa
136 Ästhetik, Bildsprache, Narrative. Krishna-
Darstellungen vom 19. Jahrhundert bis in
die Gegenwart
Anne Hartig
Im Fokus:
148 Moderne Krishna-Skulpturen
Anne Hartig
3 Krishna in Deutschland
86 Der Pantheismus in seiner „krassesten
Gestalt“? Hegel über Krishna angesichts
von Ironie und Spinoza
Knut Martin Stünkel
Im Fokus:
150 T-Shirt Krishna. The Protector of
Dharma
Anne Hartig
95 Vandalismus, Wissenschaft und Kunstgenuss.
Der Beginn der „Indien-Sammlung“
des Museums Fünf Kontinente im Jahr 1841
Richard Hölzl
105 Krishnas Reise nach Deutschland
Martin Papenheim
Im Fokus:
114 Illustriertes Andachtsbuch
Patrick Felix Krüger
Im Fokus:
116 Lithografie Krishna mit Gopis
Patrick Felix Krüger
Im Fokus:
118 Vom Tempelwagen ins Museum
Anne Hartig
153 Literatur
162 Kurzbiografien
164 Impressum
Anne Hartig und Patrick Felix Krüger
Krishna
Religion, Kunst und Popkultur
Krishna – übersetzt als „der Dunkle“ oder „der
Schwarze“ – ist eine der beliebtesten hinduistischen
Gottheiten der Gegenwart. Seine Verehrung reicht
über soziale, regionale und religiöse Grenzen
hinaus. Für viele Gläubige ist er die höchste Gottheit
und übergeordnete Instanz, während andere
ihn als die achte Manifestation oder Herabkunft
(avatara) des Gottes Vishnu ansehen. Krishna
erscheint in zahlreichen Gestalten und Formen: als
göttliches Kind, das Butter stiehlt und Dämonen
besiegt, als Flöte spielender junger Mann (Murlidhar)
und Kuhhirte (Gopala oder Govinda), als
Liebhaber, der nachts am Ufer der Yamuna mit den
Kuhhirtinnen (Gopis) tanzt, sowie als weiser Ratgeber
und Wagenlenker des Kriegers Arjuna, dem
er sich auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra als
höchstes Wesen (Vishvarupa) offenbart. Er ist der
Geliebte Radhas, Ehemann Rukminis und weiterer
16.108 Frauen und er ist König von Dvaraka. Diese
Vielfalt spiegelt sich auch in der reichen materiellen
Kultur wider.
Anhand dieser Komplexität des Gottes Krishna
und der mit seiner Gestalt verknüpften Legenden
zeigt sich ein zentrales Merkmal hinduistischer
Gottesvorstellungen: Unterschiede zwischen den
Glaubensgemeinschaften führen nicht zu einer
8
Abb. 1: Krishna und Radha, Sanctum des ISKCON-Tempels,
Delhi, 2025, Privatbesitz
Abb. 2: Hausaltar mit Baby Krishna und Jagannath, München, 2026, Privatbesitz
einheitlichen Darstellung des Göttlichen, sondern
schaffen stattdessen eine Dynamik, die aus Verschmelzung
und Anreicherung unterschiedlicher
Legenden und Erzählungen hervorgeht. Krishna
vereint demnach Züge eines Gottes, der von den
Gläubigen als allerhöchstes Wesen verstanden
wird, mit denen eines menschlichen Helden. Als
solcher bleibt seine Göttlichkeit zwar abstrakt
und weder unmittelbar beschreibbar noch bildlich
darstellbar, doch wird er seinen Anhängerinnen
und Anhängern durch eine menschliche Gestalt
und Lebensgeschichte – von der Geburt bis zum
Tod – fassbar. Die Metapher des Menschenkörpers
schafft eine Nähe, die in der rituellen Praxis eine
Interaktion zwischen Gläubigen und Gottheit
ermöglicht.
Krishna wird in den unterschiedlichsten Formen
und Medien dargestellt – von Skulptur und
Malerei bis zu Text und Musik. Diese Repräsentationen
dienen religiösen, sozialen und ästhetischen
Zwecken und sind in verschiedene Kontexte eingebunden.
In Tempeln werden große Stein- und Bronzefiguren
(murtis) als Kultbilder Krishnas verehrt.
Diese gelten nicht als bloße Abbildungen, sondern
als lebendige Verkörperungen der Gottheit und
werden mit größtem Respekt behandelt. Zentral ist
dabei die Praxis des darshan – des wechselseitigen
Blickkontakts zwischen Gläubigen und Gottheit. 1
Daneben sind auch das tägliche Waschen, Bekleiden,
Schmücken mit Blumen, die rituelle Versorgung
mit Nahrung sowie das Zubettbringen und
Aufwecken wichtige Bestandteile der Verehrung
(Abb. 1). Während diese Aufgaben im Tempel meist
von Priestern übernommen werden, führen die
Gläubigen sie bei der häuslichen Verehrung selbst
aus. Ähnlich wie die Gottheiten in Tempeln werden
kleine Figuren und bildliche Darstellungen auf
Hausaltären verehrt. Sie vermitteln die göttliche
Präsenz auch in privaten Räumen (Abb. 2).
Die materielle Kultur rund um Krishna umfasst
jedoch weit mehr als diese Objekte der Verehrung.
Man begegnet Krishna auch in narrativen
und performativen Kontexten, etwa in Gestalt
Abb. 3: Schattenspielfigur, Flöte spielender Krishna, Karnataka, Mitte 20. Jahrhundert,
Farbe, Tierhaut, 65 × 47 cm, Provenienz: Weiske, Stache-Weiske, Stache, MFK, Inv.-
Nr. 2022-2-153
einer Schattenspielfigur, mit der seine Geschichte
in langen Aufführungen vermittelt wird (Abb. 3),
auf einem Haarschmuck, der von Tänzerinnen
getragen wird (Abb. 4), und als Amulett, dem eine
Schutzfunktion zugeschrieben wird (Abb. 5).
Textilien mit Krishna-Motiven (Abb. 6), die von
Frauen gefertigt und bestickt werden, kommen
in einigen Regionen bei Ritualen und wichtigen
Lebensereignissen wie Hochzeiten zum Einsatz.
In der kunstvollen Miniaturmalerei (Abb. 7 und 8)
dienen Krishna-Darstellungen der kontemplativen
Betrachtung und visuellen Vermittlung von
Erzählungen. Heute finden sich Krishna-Figuren
aus verschiedenen Materialien zudem als Dekoration
in Wohnräumen und Geschäftsräumen, wo
sie weniger als religiöse Objekte denn als ästhetische
Elemente und Ausdruck individueller oder
9
Abb. 4: Haarschmuck, Krishna tanzend auf der Schlange Kaliya, Chennai,
2. Hälfte 19. bis Anfang 20. Jahrhundert, Messing vergoldet, 7,5 × 7 cm,
Provenienz: Scherman, MFK, Inv.-Nr. M. 7
Abb. 5: Halskette mit Shrinathji-Amulett, Rajasthan, Ende 19. bis Anfang
20. Jahrhundert, Farbe, Silber, Baumwolle, Durchmesser 23 cm, Provenienz:
Arnhard, Hardcastle, MFK, Inv.-Nr. 10-26
10
Abb. 6: Besticktes Tuch für Geschenke und als Wandbehang, Rasa-lila, Kachchh, Distrikt in Gujarat, 2. Hälfte
19. bis Anfang 20. Jahrhundert, Baumwolle, Seide, 75 × 74 cm, Provenienz: Scherman, MFK, Inv.-Nr. La. 133
Abb. 7: Krishna und Radha, Kangra, Ende 18. Jahrhundert, Gouache, Goldfarbe, Papier, 27,6 × 21,8 cm,
Provenienz: Coomaraswamy, MFK, Inv.-Nr. 13-92-8
11
12
Abb. 8: Krishna und Radha im Palast, Kangra, Ende 18. Jahrhundert, Gouache, Goldfarbe, Papier, 23,5 × 18,4 cm,
Provenienz: Coomaraswamy, MFK, Inv.-Nr. 13-92-18
kultureller Identität fungieren. Auch in Filmen
(Abb. 9), Comics, Graphic Novels und KI-generierten
Bildern verbreiten sich Krishna-Darstellungen
in immer neuen, globalen Kontexten.
Rezeption Krishnas in Europa
Die Anfänge dieser globalen Verbreitung reichen
in Europa bis in das 18. Jahrhundert zurück. Die
Bhagavadgita, ein Teil des altindischen Epos Mahabharata,
in dem sich Krishna als höchste Gottheit
offenbart, gehörte zu den ersten Sanskrit-Texten,
die in europäische Sprachen übersetzt wurden –
Charles Wilkins (1749–1836) legte 1785 die erste
englische Übersetzung vor, die 1802 von Friedrich
Majer (1772–1818) ins Deutsche übertragen wurde. 2
Über Jahrhunderte hinweg setzten sich deutsche
Philosophen, Wissenschaftler und Schriftsteller, wie
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Arthur
Schopenhauer (1788–1860) oder Hermann Hesse
(1877–1962), intensiv mit der Bhagavadgita auseinander
und trugen so zur Verbreitung und Interpretation
Krishnas im europäischen Raum bei. 3
Parallel zu dieser intellektuellen Auseinandersetzung
wuchs auch das Interesse an materiellen
Zeugnissen. Für europäische Sammlerinnen und
Sammler erschien Krishna in seinen vielfältigen
Darstellungsformen besonders zugänglich. Hinzu
kamen vermutlich auch visuelle und narrative
Parallelen zur christlichen Ikonografie, etwa die
Figur des göttlichen Kindes, auch wenn die theologischen
Grundlagen verschieden sind.
Das globale Interesse an Krishna setzte sich
über das 18. und 19. Jahrhundert hinaus bis heute
fort. Im 20. Jahrhundert wurde die Rezeption
besonders durch die Hare-Krishna-Bewegung und
Swami Prabhupada (auch A. C. Bhaktivedanta,
1896–1977) geprägt, der 1964 aus Indien in die
USA gereist war und dort 1966 die Internationale
Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (International
Society for Krishna Consciousness, ISKCON)
gegründet hatte. Von dort aus verbreiteten sich die
Hare-Krishna-Bewegung und ISKCON auch nach
Deutschland und in andere Teile der Welt. Ab den
Abb. 9: Filmplakat Bhagvan Shri Krishna, Indien, 1985, Papier, 100 × 76 cm, Privatbesitz
späten 1960er-Jahren sah man die meist jungen
Anhängerinnen und Anhänger der Bewegung,
die oft aus der Hippie- und New-Age-Bewegung
kamen, in deutschen Großstädten beim Verteilen
von Publikationen und bei Umzügen. In Orange
gekleidet, tanzend und das Hare-Krishna-Mantra
singend, prägten sie das öffentliche Bild Krishnas
und die Auseinandersetzung mit der Gottheit. In
der Bevölkerung wurden sie häufig kritisch wahrgenommen
und als „Sekte“ eingeordnet.
Gleichzeitig hatte die Bewegung Einfluss
auf die Popkultur. Der Beatles-Gitarrist George
Harrison (1943–2001), der zeitweise eng mit der
Hare-Krishna-Bewegung verbunden war, unterstützte
diese und produzierte 1969 mit seinem
Label Apple Records zusammen mit dem Londoner
Radha-Krishna-Tempel die Single Hare Krishna
Mantra. Auch in seinen eigenen Liedern setzte
13
Abb. 10: Tanzender Krishna, Südindien, 15. Jahrhundert, Bronze, 54,5 × 33 × 21 cm,
Provenienz: Bezold, MFK, Inv.-Nr. 69-12-135
Abb. 11: Jagannath, Kalkutta, Anfang 19. Jahrhundert, Pigmente, Farbe, Ton,
23,5 × 16,5 × 13,5 cm, Provenienz: Lamarepicquot, MFK, Inv.-Nr. L-185
sich Harrison mit Krishna auseinander, wie etwa
in seinem Welthit My Sweet Lord (1970), in dem das
Hare-Krishna-Mantra eingearbeitet ist.
Darüber hinaus fand die Krishna-Thematik
Eingang in die breitere Popkultur. Das Broadway-
Musical Hair (Uraufführung 1967), das der Hippie-
Bewegung gewidmet war, machte mit dem Lied
Hare Krishna (Be-In) auch das Hare-Krishna-Mantra
populär und erreichte durch die Verfilmung 1979
ein internationales Publikum. Auch andere Kunstschaffende
beschäftigten sich mit Krishna, etwa
die Künstler Roger Law (*1941) und David King
(1943–2016), die auf dem Cover des Albums Axis.
Bold as Love (1967) von Jimi Hendrix (1942–1970)
den Gitarristen und seine Bandmitglieder als
Vishvarupa darstellten.
In den folgenden Jahrzehnten tauchten Bezüge
zu Krishna wiederholt in der Popkultur auf, in den
1990er-Jahren unter anderem bei Nina Hagen
(*1955), Die Ärzte, Boy George (*1961) und Kula
Shaker. Auch in der sich ausbreitenden Yoga- und
Wellness-Kultur ist Krishna bis heute präsent. In
14
diesem Bereich wird er meist als Symbol für spirituelle
Sinnsuche, Meditation und Wohlbefinden
begriffen.
Krishna im Museum Fünf Kontinente
Dieser Facettenreichtum spiegelt sich auch in den
Beständen des Museums Fünf Kontinente wider.
Die Abteilung Süd- und Südostasien verfügt über
mehr als 350 Objekte mit Krishna-Bezug – mehr
als zu jeder anderen hinduistischen Gottheit. Die
Gründe für die ausgeprägte Präsenz Krishnas in
der Sammlung sind vielschichtig. Zum einen verweist
sie auf die zentrale Bedeutung Krishnas in
der religiösen Praxis, der Kunst und der Alltagskultur
Indiens. Zum anderen spielte das spezifische
Interesse europäischer Sammlerinnen und Sammler
eine wichtige Rolle.
Bereits in den frühen Beständen des Museums
finden sich Darstellungen Krishnas, etwa in der
1841 erworbenen Sammlung des französischen
Apothekers Christophe-Augustin Lamarepicquot
(1785–1873), der Sammlung der Missionarin
Xaveria Berger (1823–1867) aus dem Jahr 1863 und
dem Nachlass des Sanskritprofessors Martin Haug
(1827–1876). Die Objekte stammen aus kolonialen
Kontexten und wurden dem Museum verkauft.
Seitdem wurde der Bestand südasiatischer Objekte
durch Käufe, Spenden und Schenkungen kontinuierlich
erweitert. Allerdings liegen nicht immer
vollständige Dokumentationen zu den Erwerbsumständen
vor. 4 Für viele Stücke fehlen genaue
Angaben zur Herkunft und zu den Bedingungen
ihres Erwerbs. Aus heutiger Sicht sind daher auch
unethische Erwerbspraktiken denkbar. Das Museum
ist sich dieser Problematik bewusst, arbeitet an
einer kritischen Aufarbeitung durch systematische
Provenienzforschung und bemüht sich um eine
transparente Vermittlung.
Die Sammlung umfasst heute eine Vielzahl von
Krishna-Objekten. Kunstvoll gefertigte historische
Bronzen des tanzenden Krishna aus Südindien
(Abb. 10) stehen neben populären Posterdrucken
des 20. Jahrhunderts sowie rituellen Gegenständen
Abb. 12: Jain Picture Publishers, Vithoba mit Rukmini, Bombay, 2. Hälfte 20. Jahrhundert,
Farbe, Papier, 24,5 × 16,5 cm, Provenienz: Allinger, MFK, Inv.-Nr. 2015-3-625
wie einer Schaukel aus Rajasthan und einem tragbaren
Klappaltar aus Tirupati. Die Objekte zeigen
Krishna in allen Lebensaltern, wobei besonders
viele kleine Baby-Krishna-Figuren aus Metalllegierungen
vertreten sind. Darüber hinaus finden sich
auch verschiedene Darstellungen regional verbreiteter
Manifestationen Krishnas wie Jagannath
(Abb. 11), Vithoba (Abb. 12) und Shrinathji.
Neben kostbaren Werken, die für die Elite
geschaffen wurden, wie Miniaturmalereien und
pichwais (großformatige religiöse Wandbehänge)
aus Nathdwara in Rajasthan, enthält die Sammlung
auch zahlreiche weniger exklusive Darstellungen.
Dazu gehören massengefertigte Tonfiguren (Abb. 13)
15
und Malereien aus Kalkutta (Kolkata) aus den
1820er-Jahren (Abb. 14), die noch vor den bekannten
Kalighat-Malereien entstanden und für
den alltäglichen Gebrauch bestimmt waren, sowie
farbige, bestickte Textilien (Abb. 15), die im privaten
häuslichen Umfeld gefertigt wurden. Somit
deckt die Sammlung des Museums eine große
zeitliche und regionale Bandbreite ab. In Bezug auf
Krishna macht sie die Unterschiede, Kontinuitäten
und Transformationen im Umgang mit der Gottheit
und in seiner Darstellung deutlich sichtbar.
Krishna-Ausstellung
Das alles macht Krishna zu einem faszinierenden
Thema für eine Ausstellung, die der Vielfalt der
Beziehungen und der Durchlässigkeit zwischen
den Bereichen des Religiösen, der Kunst und des
Populären gewidmet ist. Krishna. Religion, Kunst
und Popkultur präsentiert überwiegend Objekte
aus dem eigenen Sammlungsbestand des Museums
und macht die ikonografische, regionale und
mediale Vielfalt der Krishna-Darstellungen erfahrbar.
Gezeigt werden Werke aus unterschiedlichen
kulturellen Kontexten, die von klassischen Bildtraditionen
bis zu zeitgenössischen Ausdrucksformen
reichen. Die gezielte Gegenüberstellung
von Objekten aus verschiedenen Epochen und
Regionen ermöglicht es, sowohl langfristige Kontinuitäten
als auch Transformationsprozesse und
Bedeutungsverschiebungen im religiösen und kulturellen
Verständnis Krishnas nachzuvollziehen.
Die Ausstellung ist in vier thematische Bereiche
gegliedert, beginnend mit der Lebensgeschichte
Krishnas über die regionalen und visuellen Unterschiede
in der Krishna-Darstellung und die Bedeutung
der religiösen Praxis bis hin zu Krishna in der
globalen Popkultur.
Diesem Aufbau folgt, in leicht veränderter
Schwerpunktsetzung, auch der vorliegende Band.
Neben Beiträgen, die sich Krishna aus verschiedenen
Perspektiven und mit unterschiedlichen
Herangehensweisen nähern, werden ausgewählte
Objekte im Fokus vorgestellt.
Mythologie und Landschaft
Um Krishna zu verstehen, muss man seine Lebensgeschichte
kennen, die in Erzählungen über große
Zeiträume hinweg überliefert wurde. Patrick Felix
Krüger führt im ersten Beitrag dieses Bandes in das
Leben Krishnas ein und beleuchtet die wichtigsten
Episoden aus den mythologischen Überlieferungen
– von den Umständen seiner Geburt über die
Kindheit und Jugend Krishnas in Vrindavana in
Nordindien bis zu seiner Rolle als Kämpfer und
weiser Berater Arjunas. Der Beitrag stützt sich auf
verschiedene Quellen der Krishna-Überlieferung,
wie das Vishnupurana, das Bhagavatapurana und
das Gitagovinda, und beleuchtet insbesondere die
älteren Legenden über Krishna.
Die Erzählungen über das Leben Krishnas
wurden lange Zeit mündlich weitergegeben. In der
Frühen Neuzeit setzte die Produktion von Hand-
16
Abb. 13: Krishna und Radha, Kalkutta, Anfang 19. Jahrhundert, Farbe, Ton,
34 × 21 × 11 cm, Provenienz: Lamarepicquot, MFK, Inv.-Nr. L-149
schriften ein, die insbesondere seit dem 18. Jahrhundert
mit aufwendigen Miniaturmalereien illustriert
wurden. Neeraja Poddar widmet sich in ihrem
Beitrag der Manuskriptkultur und stellt die Vielfalt
visueller Umsetzungen der in den Legenden
überlieferten Episoden in diesen Handschriften
vor. Zugleich zeigt ihr Ansatz, wie regional unterschiedliche
Stilrichtungen und religiöse Kontexte
die ikonografische Darstellung beeinflussten.
Wie andere indische Gottheiten ist Krishna
fest in die Geografie Indiens eingebunden und
eng mit existierenden Landschaften und Städten
verknüpft. Marion Frenger stellt in ihrem Beitrag
die wichtigsten dieser Orte vor und erläutert,
wie beispielsweise die mythische Waldlandschaft
Vrindavana und der legendenumwobene Berg
Govardhana mit der heutigen Stadt Vrindavan und
dem Berg Govardhan zusammenhängen und welche
Bedeutung diese Plätze für die Verehrung und
religiöse Praxis der Anhänger Krishnas bis heute
besitzen.
Sehen und Verehren
Die Bedeutung von Krishna-Bildnissen – gleich ob
groß oder klein – geht weit über ihre ästhetische
Wirkung hinaus. Wie andere Götterdarstellungen
im Hinduismus sind sie zentrale Medien religiöser
Erfahrung und Praxis. Anishka Gheewala untersucht
in ihrem Beitrag die Verehrung von Krishna
in seiner Kindform – als Kleinkind und Baby. Hierbei
fokussiert sie auf die religiöse Erneuerungsbewegung
Pushtimarg Sampradaya, auch bekannt
als Vallabha Sampradaya, die besonders in den
heutigen indischen Bundesstaaten Rajasthan und
Gujarat sowie in der globalen Diaspora verbreitet
ist. Sie zeigt, wie die liebevolle Fürsorge für das
göttliche Kind im privaten häuslichen Kontext,
aber auch in Tempeln praktiziert wird und welche
Bedeutung diese intime Form der Verehrung (seva)
für die Gläubigen hat.
Teil der rituellen Praxis dieser Religionsgemeinschaft
sind nicht nur Figuren, sondern
auch großformatige Wandbehänge (pichwais),
Abb. 14: Flöte spielender Krishna und drei Frauen, Kalkutta, Anfang 19. Jahrhundert,
Ölfarben, Holzleisten, Leinwand, 29,5 × 25,7 × 1,6 cm, Provenienz:
Lamarepicquot, MFK, Inv.-Nr. L-475
die hinter dem Hauptbildwerk (murti) im inneren
Heiligtum des Tempels aufgehängt werden und
auch in Hausaltären eingesetzt werden. Der
Bestand des Museums umfasst mehrere Pichwais
aus Nathdwara, dem Zentrum der Gemeinschaft.
Isabella Nardi analysiert eine Auswahl dieser
komplexen Bildwerke und erläutert in ihrem Beitrag
ihre ikonografischen Programme und rituelle
Funktion. Sie zeigt unter anderem, wie mittels
Pichwais religiöse Inhalte visuell vermittelt wurden
und diese Bilder in der Inszenierung göttlicher
Präsenz Anwendung finden.
Krishna in Deutschland
Die Begegnung Europas mit Krishna hat eine lange
Geschichte. Knut Martin Stünkel zeichnet dies für
den deutschsprachigen Raum nach und konzentriert
sich hierbei auf die Rezeption Krishnas durch
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831), wie
17
Abb. 15: Hochzeitsbaldachin mit Rasa-lila-Darstellung, Gujarat, 1. Hälfte 20. Jahrhundert, Baumwolle,
169 × 163 cm, Provenienz: Schubert, MFK, Inv.-Nr. 84-302 851
sie in seiner Auseinandersetzung mit dem indischen
Denken durch die Bhagavadgita repräsentiert
wird. Hegels Darstellung ist im Kontext seiner
Kritik an bestimmten Formen zeitgenössischer
europäischer Philosophie zu lesen. Als Ausdruck
einer Form des Pantheismus ist die Gestalt Krishnas
für Hegel sowohl Zeichen für die Gefahren wie aber
auch für die Möglichkeiten indischen Denkens.
Der Beitrag von Richard Hölzl schließt sich an
diese frühe Rezeptionsgeschichte an und geht der
Frage nach, durch welche Personen und auf welchem
Wege Bilder und Figuren des Gottes Krishna
in die Sammlungen kamen. Dies wird beispielhaft
an der Sammeltätigkeit von Christophe-Augustin
Lamarepicquot dargelegt, dessen aus Asien nach
Europa verbrachte Objekte zu den früh erworbenen
Beständen des Museums Fünf Kontinente
gehören.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
entstand eine globale Krishna-Bewegung, die
zunächst Nordamerika und wenig später Europa
erreichte und damit erstmals weit über Indien
hinausreichte. Dafür steht insbesondere die von
dem indischen Mönch Swami Prabhupada gegründete
Internationale Gesellschaft für Krishna-
Bewusstsein (ISKCON), deren erste deutsche
Niederlassung 1968 in Hamburg gegründet wurde.
Martin Papenheim widmet sich in seinem Beitrag
18
der Geschichte dieser Bewegung, die sich im
Zuge gesellschaftlicher Veränderungen und einer
aufkommenden Protest- und Gegenkultur, verbunden
mit spiritueller Sinnsuche, in Deutschland
verbreitete.
Krishna heute
Die Verehrung Krishnas reicht über soziale,
religiöse und regionale Grenzen hinaus. Um dieser
Vielschichtigkeit gerecht zu werden, entwickelt
die Forschung zunehmend neue Herangehensweisen.
Ikonografische Analysen richten
beispielsweise den Blick auf Darstellungen und
Symboliken, die über biologische Geschlechterdefinitionen
hinausgehen, und begreifen Krishna
als transkulturelle Figur in Bezug auf traditionelle
Geschlechterrollen, Machtverhältnisse und Ideale
von Männlichkeit. Der Beitrag von Seema Bawa
diskutiert vor diesem Hintergrund, inwiefern
unterschiedliche Darstellungsweisen bestehende
Gendernormen reflektieren oder unterlaufen.
Von Schallplatten-Covern und Comics aus den
späten 1960er-Jahren über Graphic Novels aus den
2000er-Jahren bis hin zu KI-generierten Bildern
und Reels in den sozialen Medien wird deutlich,
dass Krishna ein fester Bestandteil der globalen
Popkultur ist. Anne Hartig zeichnet in ihrem Beitrag
diese Entwicklung vom 19. Jahrhundert bis in die
unmittelbare Gegenwart nach und zeigt, wie traditionelle
Ikonografie und zeitgenössische Ästhetik
verschmelzen und neue Ausdrucksformen für
verschiedene Zielgruppen entstehen.
1 Eck 1985; Babb 1981. Gläubige besuchen den Tempel, um die Gottheit zu
sehen als auch von ihr gesehen zu werden.
2 Davis 2015, S. 75–103; Figueira 2023, S. 31–47.
3 Figueira 2023, S. 48–84.
4 Zu den Südasien-Beständen des Museums und der Geschichte der
Abteilung Süd- und Südostasien siehe u. a. Appel 2007; Ubbelohde-
Doering 1954; Mallebrein 1984; Raunig/Schäfer/Stein 1998; Hartig 2026.
19
Im Fokus:
Patrick Felix Krüger
Krishna. Gott in Menschengestalt
Die heute bekannteste und am weitesten
verbreitete Darstellung Krishnas zeigt den
Gott stehend, ein Bein in spielerischer Haltung
gekreuzt und auf einer Flöte spielend
(Abb. 1). Skulpturen dieses Typs werden
seit dem indischen Mittelalter in großer
Zahl aus schwarzem oder weißem Marmor
oder aus Bronze hergestellt. In jüngerer Zeit
wird das Motiv, insbesondere in der Malerei
und Plakatkunst, gelegentlich mit einer
Kuh oder mehreren Kühen kombiniert, was
auf Krishnas Jugend verweist, die er unter
Kuhhirten verbrachte. Außerdem wird der
jugendliche Gott häufig in gleicher Pose
neben seiner Geliebten Radha abgebildet,
einer der Hirtinnen der Gemeinschaft, in
der er aufwuchs.
Wie lässt sich aber die Abbildung eines
Gottes in menschlicher Gestalt erklären?
Diese Frage berührt ein grundlegendes
Problem religiöser Kunst: Wie kann das
„Göttliche“, wie können Motive aus dem
Gegenstandsbereich des Transzendenten
überhaupt abgebildet werden? In vielen
Kulturen sprechen Menschen über ihre
Götter nicht nur mit Worten oder Texten,
sondern auch mittels Bildern und Figuren.
Jedoch ist die Ebene der Transzendenz
der menschlichen Erfahrung und somit den
Ausdrucksmöglichkeiten von Sprache und
Bild naturgemäß entzogen. Um das eigentlich
unbeschreibliche Göttliche dennoch
zu beschreiben oder abzubilden, bedarf es
daher besonderer Mittel. Eine Möglichkeit,
20
Abb. 1: Flöte spielender Krishna, Nordindien, 20. Jahrhundert, Marmor, Metall, 88,5 × 45 × 17,5 cm,
Provenienz: von privat, MFK, Inv.-Nr. 09-329 854
die in der Kunst vieler Kulturen zur Anwendung kommt, ist die Verwendung
von Metaphern, genauer gesagt von Bildmetaphern im religiösen
Kontext. Zur Abbildung des Göttlichen wird ersatzweise ein bekanntes
und abbildbares Motiv aus der objektiven Realität herangezogen. Auf
diese Weise lässt sich eine Gottheit durch die Bildmetapher des Menschenkörpers
darstellen.
Die Vorstellung von Göttern oder göttlichen Wesen in menschlicher
Gestalt hat sich im Brahmanismus (frühe Form der hinduistischen
Religionen) erst während der Jahrhunderte um die Zeitenwende
herausgebildet; sie scheint einherzugehen mit der Einführung von Stein
als neuem Werkmaterial. Erste Abbildungen des Gottes Krishna entstanden
vereinzelt bereits während der Gupta-Herrschaft im 4. Jahrhundert,
so beispielsweise eine Steinplastik, die den jugendlichen
Krishna zeigt, wie er den mythischen Berg Govardhana in die Luft
stemmt, damit die Hirtinnen und Hirten darunter Schutz vor einem
Unwetter finden. 1
In den Veden, den ältesten Textquellen Südasiens, ist die Vorstellung
anthropomorpher Gottheiten erst ansatzweise erkennbar 2 und
bezieht sich zunächst nur auf einzelne Götter. Auch wird hier nicht die
Körperlichkeit eines Gottes als Ganzes beschrieben, sondern lediglich
auf die menschliche Gestalt oder einzelne Eigenschaften verwiesen.
Vor allem Götter, die als Personifizierungen von Naturgewalten verstanden
wurden, verfügten nicht über eine direkte Körperlichkeit oder
menschliche Gestalt.
Krishna wird in den vedischen Texten noch nicht erwähnt, religionshistorisch
betrachtet handelt es sich bei ihm um eine Verschmelzung
mehrerer ursprünglich unabhängig gedachter Gottheiten oder Helden
des alten Indien.
Von seinen Anhängern wird Krishna als höchstes göttliches Wesen
verehrt, ist aber gleichzeitig ein menschlich gedachter Held. Die Vorstellung
von Göttern in menschlicher Gestalt muss daher fast unabdingbar
auch das Menschenbild verändert haben. Hierfür sprechen
beispielsweise die Manifestationen (avatara) des Gottes Vishnu, zu
denen aus vishnuitischer Perspektive auch Krishna zählt, aber auch
die Verkörperungen von anderen Göttern in den Legenden oder das
Auftreten von Helden mit übernatürlichen („göttlichen“) Kräften. So
wird den brahmanischen Göttern nicht nur eine Körperlichkeit durch die
Kunst gegeben; die Inkarnation der ansonsten körperlosen Götter als
Mensch oder Tier stellt eine Verbindung zur Welt der Menschen her. Die
Götter kommen nun in Menschengestalt in die Welt und werden dort
tätig; mithilfe menschlicher Körper können sie auf der Erde wirken und
ihre Taten ähneln menschlichem Verhalten.
1 Biswas/Jha 1985, S. 37; Harle 1974, S. 20 sowie Fig. 63. Zur Govardhana-Legende siehe auch den
Beitrag von Patrick Felix Krüger in diesem Band.
2 Oberlies 2012, S. 108.
21
Anishka Gheewala
Praktiken häuslicher
Verehrung
Krishna als Baby und Kleinkind
Krishna wird von seinen Anhängern in unterschiedlichen
Formen verehrt. Zu den beliebten
Abbildungen gehört die des Gottes als Säugling
oder kleines Kind. Die Legenden berichten, dass
Krishna bereits während seiner Kindheit über
übermenschliche Kräfte verfügte und zahlreiche
Heldentaten vollbrachte. Gleichzeitig wird er als
ein spitzbübisches Kind beschrieben, das stets zu
Streichen aufgelegt war und das als Butterdieb
(makhan chor) aus dem Buttertopf naschte. Als Kind
ist Krishna unter verschiedenen Namen bekannt,
so etwa als Lalan (geliebtes Kind), als Laddu-Gopal
(wörtlich „milchsüßer Kuhhirte“, da Krishna als
Kind die traditionelle Milchsüßigkeit laddu liebte)
oder Bala-Krishna (Kind Krishna). Gläubige auf der
ganzen Welt huldigen Krishnas Kindheitsgeschichten
und seinem Bild in Kindform als anand (Manifestation
der Freude), durch puja (rituelle Verehrung)
oder seva (selbstlosen Dienst) (Abb. 1). Sie
lieben den kindlichen Krishna gerade wegen seines
verspielten Wesens und seiner frechen Streiche.
Die Episoden in Krishnas Lebensgeschichte gelten
als Ausdruck des göttlichen Spiels (lila), das charakteristisch
ist für das Wirken der hinduistischen
Götter in der Welt der Menschen. Es handelt sich
dabei im Grunde um die Vorstellung, dass jede
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Abb. 1: S. Sitaram, Baby Krishna auf einem Banyan-Blatt, Indien, 2. Hälfte 20. Jahrhundert,
Farbe, Papier, 33 × 22,7 cm, Provenienz: Allinger, MFK, Inv.-Nr. 2015-3-322
Abb. 2: Shrinathji, Nathdwara, 1960–1970, Farbe, Glassteine, Papier,
Faserplatte, 40,5 × 30,4 × 1,2 cm, Provenienz: Schubert, MFK, Inv.-Nr. Nr.
79-301 009
Abb. 3: Krishna als Baby mit Butterkugel, Indien, 1. Hälfte 20. Jahrhundert,
Metall-Legierung, 9,2 × 6,6 × 10 cm, Provenienz: Powers, MFK, Inv.-Nr.
24-21-13
Realität Teil einer schöpferischen göttlichen Kreativität
ist.
Eine weitere Form des kindlichen Krishna ist
Shrinathji. Der Überlieferung zufolge soll sich
Shrinathji Ende des 15. Jahrhunderts in Gestalt
eines Bildnisses auf dem Berg Govardhan manifestiert
haben. 1 Ein mit diesem Ereignis in Zusammenhang
gebrachtes Kultbild aus schwarzem Marmor
zeigt den siebenjährigen Krishna in Gestalt von
Shrinathji. Der linke Arm der Figur ist erhoben,
um den mythischen Berg Govardhana zu tragen,
während der rechte in die Seite gestützt ist (Abb. 2).
Diese Geste verweist auf eine Legende, wonach
die Hirtinnen und Hirten, in deren Gemeinschaft
(Gokula) Krishna aufwuchs, unter dem von ihm getragenen
Berg Schutz vor einem Unwetter fanden. 2
Diese besondere Form von Krishna wird von
den Mitgliedern der religiösen Gemeinschaft
Pushtimarg Sampradaya (abgekürzt Pushtimarg
„Pfad der Gnade“, auch bekannt als Vallabha
Sampradaya) verehrt. 3 In den als haveli („herrschaftliches
Gebäude“) bezeichneten Tempeln
des Pushtimarg Sampradaya praktizieren die
Gläubigen ihre Andacht oder vollziehen religiöse
Riten vor einem Bildnis von Krishna als Baby oder
Kleinkind mit einer Abbildung von Shrinathji im
Hintergrund. Diese rituelle Praxis wird als Lalan
Seva ( lalan „geliebtes Kind“, seva „ritueller Dienst“)
bezeichnet. Krishna gilt den Mitgliedern eines
Haushalts des Pushtimarg Sampradaya als Teil
der Familie. Einige vollziehen Lalan Seva, indem
sie symbolisch eine Bronzefigur des kindlichen
Krishna – der für gewöhnlich krabbelnd und mit
ausgestreckter Hand dargestellt ist, die eine runde
Milchsüßigkeit (laddu) oder eine Butterkugel
(makhan) hält – mit Speisen füttern oder ihr Lieder
vorsingen (Abb. 3); andere wiederum praktizieren
die Seva vor einem Bild (chitraji) von Shrinathji.
61
74
Abb. 5: Rasa-lila, Nathdwara, Anfang 20. Jahrhundert, Pigmente, Baumwolle, 238 × 217 cm,
Provenienz: Doege, MFK, Inv.-Nr. 2020-50-7
Abb. 6: Verehrung einer Krishna-Ikone im Lal Bagh in Nathdwara, Nathdwara, Ende 19. oder Anfang
20. Jahrhundert, Pigmente, Baumwolle, 228 × 222 cm, Provenienz: Doege, MFK, Inv. Nr. 2020-50-8
75
82
Abb. 1: Rituelle Schaukel für Krishna-Figuren, Jaisalmer, spätes 19. bis frühes 20. Jahrhundert, Pigmente,
Holz, Glas, Metall, Blattgold, 265 × 180 × 86 cm, Provenienz: Freundeskreis Museum Fünf Kontinente,
Drechsel, MFK, Inv.-Nr. 98-320 103
Im Fokus:
Anne Hartig
Krishnas Schaukel
Diese prächtige Schaukel ( jhula oder hindola) ist ein rituelles Objekt der
Krishna-Verehrung (Abb. 1). Die Konstruktion besteht aus zwei Säulen,
die einen Querbalken tragen. Sie wird verbunden durch zwei Fabelwesen
(makaras) mit krokodilartigen Köpfen, deren Körper mit langen
Schwänzen an Tiger oder Löwen erinnern. Aus ihren aufgerissenen
Mäulern wachsen Ranken, die sich zu einem geschwungenen, architektonischen
Bogen formen, an dem die bewegliche Schaukel aufgehängt
ist. Der obere Teil des Aufbaus wiederholt diese Bogenform, kleine
Pavillons krönen die beiden äußeren Ecken. Die Gestaltung der Schaukel
orientiert sich in Miniaturform an der in Gujarat und Rajasthan verbreiteten
Tempel- und Palastarchitektur.
Die gesamte Oberfläche des Objekts ist vergoldet und mit Spiegeln
sowie farbigen Glaseinlagen verziert, was ihm eine außergewöhnliche
Pracht verleiht. Florale Ornamente dominieren die Gestaltung und werden
durch zahlreiche Abbildungen von Tieren und Menschen ergänzt,
darunter auch Darstellungen von Krishna und seiner Geliebten Radha.
Besonders bemerkenswert ist die Mechanik: In den beiden Seitenteilen
und im Querbalken sind kleine Fenster mit Miniaturschaukeln
eingelassen, die vermutlich gleichzeitig in Bewegung gesetzt werden
konnten, wenn die Hauptschaukel geschwungen wurde.
Die Schaukel selbst bezieht sich auf ein in der Krishna-Mythologie,
Dichtung, Musik und Kunst gängiges und weit verbreitetes Motiv, das
den Gott mit Radha auf der Schaukel zeigt. In der rituellen Praxis wird
Krishna als Einzelfigur, in seiner Form als Kleinkind oder gemeinsam mit
Radha auf die Schaukel gesetzt und geschaukelt. 1 Dieses Ritual wird bis
heute in vielen Regionen Indiens in Tempeln und Haushalten praktiziert.
Die Nutzung variiert je nach lokalem und regionalem Brauch sowie dem
Festkalender. In Nordindien sind solche Schaukeln häufig mit dem Holi-
Fest verbunden, das den Beginn des Sommers markiert. Außer Krishna
können auch andere Gottheiten auf diese Weise präsentiert und verehrt
werden.
1 Jindel 1976, S. 69, 75–76; Packert 2010, S. 89–91, 101–102, 157–162; Pintchman 2005, S. 354;
Vemsani 2016, S. 144–145.
83
Abb. 3: Flöte spielender Krishna, Bengalen, 18. Jahrhundert bis Anfang
19. Jahrhundert, Stein, 27 × 11 × 9 cm, Provenienz: Lamarepicquot, MFK,
Inv.-Nr. L-292
sei eine lehrreiche, wenngleich „excentrische“
Episode der Kulturgeschichte. 39
Das Indien seiner eigenen Zeit sah Schelling
am Ende eines langen Niedergangs: 40 Die spät
entstandene „Krischnalehre“ sei „nicht mehr ein
ächtes und natürliches Erzeugniß der Mythologie“,
sondern „die Ausgeburt einer wüsten Imagination“.
Der „große Haufen“ gebe sich dem „blinden Schiwaismus“
hin. Gebildete seien „partielle Anhänger
des Wischnu“; kurz, das „indische Bewußtseyn“
habe sich „auf der Höhe dieser geistigen Potenz
nicht behaupten können“. Alltäglicher „Mysticismus“
und „Buddismus [!]“ trügen dazu bei, die
„Verwirrung des unglücklichen indischen Bewusstseins
zu vollenden“. 41 Im Blick der Universalphilosophie
verschmolzen die komplexen, überaus
diversen Gesellschaften Süd- und Südostasiens zu
einem geschlossenen Kulturraum, dessen kulturelle
Vielfalt und sozial-religiöse Differenzierung als
bloßes Durcheinander wahrgenommen wurde.
Nicht alle Zeitgenossen werteten die Krishna-
Legende derartig ab. Lamarepicquot betonte, wie
populär und inspirierend der einerseits kriegerische,
andererseits von intimen Beziehungen
durchzogene Krishna-Stoff für die indische Poesie
sei: Krishna eile „vom Vergnügen zu den Waffen“,
und lege sie wieder ab, „um dem Vergnügen nachzugehen“
(Abb. 3). 42 Auch zog er Verbindungen zur
griechischen Götterwelt: „Krishna. Govinda – den
Apollo der Indier vorstellend, umgeben von zweyen
der neun Gopern (: Musen :)“ (Abb. 4). 43 Als solch
poetische Figur wurde Krishna von dem Erlanger
Orientalisten Friedrich Rückert (1788–1866) rezipiert,
der 1837 seine Übersetzung des Gitagovinda
veröffentlichte, der lyrischen Erzählung des Dichters
Jayadeva von Krishnas Beziehung zu Radha
und den Gopis.
So gewann „Indien“ an Bedeutung für die
Selbsteinordnung der bayerischen Residenzstadt
als modernes Zentrum von Wissenschaft, Kultur
und Kunst. Parallel dazu manifestierte sich eine Art
material turn: Wie alle antiken Kulturen sollte auch
„Indien“ durch die vergleichende Analyse seiner
materiellen Kultur erschlossen werden. Eine Serie
von Artikeln des Münchner Orientalisten Othmar
Frank in den späten 1830er-Jahren zeigt das Interesse
lokaler Gelehrter an Kulturtransfer-Theorien
und entsprechenden materiellen Zeugnissen. 44
Die Vereinigten Sammlungen
Die Münchner Sammlungen verloren langsam ihren
rein repräsentativ-ästhetischen Charakter und
wurden zu wissenschaftlichen Apparaten. Dahinein
schien den Münchner Akteuren die Indische
Sammlung gut zu passen. Sie wurde nach Ankunft
in München an die Königliche Central-Gemäldegalerie
und ihren Direktor Robert von Langer
100
Abb. 4: Krishna mit Gopis, Rajasthan, 18. Jahrhundert bis Anfang 19. Jahrhundert, Farbe, Gold, Marmor,
87 × 47 × 20 cm, Provenienz: Lamarepicquot, Coleman, MFK, Inv.-Nr. L-111
101
Im Fokus:
Anne Hartig
Moderne Krishna-Skulpturen
Abb. 1: S. Murugakani, J. B. Khanna & Co., Gopal Krishna, Madras, 2. Hälfte 20. Jahrhundert,
17,5 × 12,2 cm, Provenienz: Allinger, MFK, Inv.-Nr. 2015-3-964
Abb. 2: Flöte spielender Krishna, Delhi, 2025, Metalllegierung, 25 × 12 × 8 cm,
Privatbesitz
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Abb. 3: Krishna Makhan Chor (Butterdieb), Delhi, 2025, Marmorstaub,
Farbe, Harz, 17 × 13,7 × 8,5 cm, Privatbesitz
Im Hinduismus sind Skulpturen zentrale Objekte religiöser
Verehrung. Ihre Herstellung unterlag lange Zeit strengen Regeln.
Nur bestimmte Werkstätten und Familien durften unter
Einhaltung ritueller Vorschriften solche Bildnisse anfertigen. 1
Herstellungsprozesse, Material, Proportionen, Haltung, Gesten
und Attribute waren genau festgelegt. Erst ab etwa der
Mitte des 19. Jahrhunderts lockerten sich diese Konventionen
aufgrund kultureller, sozialer, wirtschaftlicher und technologischer
Veränderungen.
Besonders die Lithografie – ein Flachdruckverfahren auf
Stein – ermöglichte die massenhafte Herstellung und Verbreitung
farbenprächtiger Götterbilder (Abb. 1). 2 Künstler und
Verlage, die diese neuen Bilder herstellten, griffen etablierte
ikonografische Traditionen auf und passten sie den bestehenden
ästhetischen Vorstellungen an. Neben ihrer Farbigkeit
zeichnen sich die Drucke insbesondere durch die menschenähnliche
Darstellung und die direkten Blicke der Gottheiten
aus, die diese nahbar erscheinen lassen. Motive wie Krishna
als Butterdieb (makhan chor) oder Krishna mit Flöte prägten
sich so nachhaltig in das kollektive visuelle Gedächtnis ein.
Diese neue, spirituell wirkungsvolle und kommerziell
erfolgreiche Bildästhetik veränderte auch die Gestaltung von
zeitgenössischen Skulpturen. Im Gegensatz zu den historischen Krishna-
Skulpturen aus Bronze oder Stein, die nach strengen Vorgaben als
Einzelstücke entstanden, werden die modernen Figuren zumeist seriell
produziert, zunehmend auch in China. Farbige Kunststeingüsse aus
Marmorstaub greifen dabei die Ästhetik und Motive der Drucke direkt
auf, während Metallguss-Figuren sich eher an der Gestaltung historischer
Bronzen orientieren (Abb. 2 und 3).
Die Verwendung solcher in großer Zahl hergestellten und weltweit
verkauften Figuren ist vielfältig. Nicht alle werden zu Objekten der
Verehrung in hinduistischen Haushalten; viele dienen stattdessen als
Dekoration in Wohnungen, Büros, Geschäftsräumen oder Restaurants.
1 Parker 2010.
2 Siehe Davis 2012; Jain 2007; Pinney 2004. Siehe auch den Beitrag von Anne Hartig in diesem
Band.
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