Friedhöfe - magazinXY

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Friedhöfe - magazinXY

November

03

A57

Freier Fall

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0,207 sec.


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1 2

3

Inhalt

04 XI

06 Drachen steigen lassen

08 Freitod

14 Herbsttag

16 Grabbeigaben

20 Friedhof

22 Ein ko mischer Heiliger

24 Im Beinhaus

30 Novemberlied

32 Leben im Nebel

38 November-Musik

40 Exemplarische Herbstnacht

42 Gedenktage

48 Schlachtmond

HERAUSGEBER Jürgen Bohl, Roonstraße 96, 50674 Köln, 01 73 / 270 57 57, juergen@bohldesign.de

Christa Becker, Brabanter Straße 7, 50674 Köln, 02 21 / 517 871, becker.christa@t-online.de

REDAKTION Jürgen Bohl und Christa Becker REDAKTIONELLE FRAGEN 01 73 / 270 57 57,

info@magazinXY.de STAND 23. September 2006 November INFOS Ausführliche Informationen

zum magazinXY, Impressum etc. unter www.magazinXY.de

DESIGN Jürgen Bohl TEXT Christa Becker (wenn mit cb gekennzeichnet), Brigitte Maser FOTO Claus

Dieter Geissler, Schiffner, Roki, Kunstfisch, Ernie, Cydonna, Tablediver, Ralphboy, Fabsn, Gerti G.,

CountZero, Hanna und Ingo, Bubi Barmann, Robert Salzmer COVER Ernie ILLUSTRATION Henry Gray

BILDER Magdalena Bergheim, René Böll LEKTORAT Claudia Bergfried ÖFFENTLICHKEITSARBEIT

Corinna König-Wildförster, Özgü Ülger FOTO-QUELLEN www.photocase.com (Seite 1, 6 - 15, 22 -

23, 30 - 31, 37 - 41, 48 - 50)

Foto Claus Dieter Geissler


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XI

IM RHEINLAND

IST SIE –

BEDINGT DURCH

DEN KARNEVAL –

EINE HOCH GELOBTE,

FAST HEILIGE ZAHL:

DIE ELF. UND DAS

TROTZ IHRER

TEILS DOCH

SEHR UNHEILIGEN

SYMBOLIK.

Foto Hanna und Ingo

Für das Christentum überschreitet XI als erste Zahl den Dekalog,

also die Zehn Gebote. Somit verweist sie auf die Sünde und auf

Menschen, die vom rechten Pfad abgekommen sind.

Als Symbol der Normüberschreitung hatte sie sich bei den Jecken

bereits etabliert, als man im Nachhall der französischen Revolution

eine andere Deutung fand: 1 neben 1 steht für die Gleichheit aller

Menschen unter der Narrenkappe.

Am 11.11. treffen Karneval und Kirche zusammen, denn der Beginn

der „5. Jahreszeit“ ist zugleich der Martinstag mit seinen zahlreichen

Umzügen.

Ihren geheimnisvollen, dämonischen Charakter hat die XI behalten in dem

Verweis auf die „elfte Stunde“. Die kündigt ein nahendes Unglück an und

mahnt, dass es „kurz vor 12“ ist – also Zeit für eine Umkehr.

Traurigen Ursprungs sind die elf Tränen im Kölner Wappen. Sie stehen für

die Heilige Ursula und ihre 11 bis 11.000 Jungfrauen, die vor den Toren

der Stadt von den Hunnen getötet wurden.

Dass der November – trotz seines Namens (novem = lat.

neun) – heute der elfte Monat des Jahres ist, verdankt er

der Kalenderumstellung von 153 v. Chr. Der Elfmeter hat

seinen Ursprung in der englischen Berechnung in Yards.

Und dass am Fußballmatch pro Mannschaft 11 Spieler

beteiligt sind, wurde 1870 weltweit verbindlich festgelegt.

Was ist sonst noch zu sagen? Die 11 ist die kleinste zweistellige

Primzahl und zugleich die kleinste Schnapszahl, im Perioden-

system steht sie für Natrium, und „Elfer raus“ ist nicht nur bei

Kindern ein beliebtes Kartenspiel. Von Sünde und Dämonen

also keine Spur …


V

ertical section of bladder,

penis, and urethra.

Ambivalenz, Anorgasmie,

Begehren, Dyspareunie, Lubrikation,

Potenzstörungen, Ejaculatio praecox,

Erektile Dysfunktion, Erektionsstörung,

Impotenz, Libidoverlust,

Potenz, Potenzpillen, Potenzstörung,

Vaginismus, Viagra

Geh zu ihr und lass Deinen Drachen steigen. Geh zu ihr, denn Du lebst ja nicht vom Moos allein. Augen zu, dann siehst Du nur diese eine! Halt sie fest und lass Deinen Drachen steigen. Auszug aus „Geh zu ihr“ von den Puhdys 1974

Foto Bubi Barmann, Drachen

Illustration Henry Gray, Anatomy of the Human Body

Drachen steigen lassen...

„Männer bewegen sich heute in einem schwierigen Spannungsfeld unterschiedlicher

gesellschaftlicher und privater Erwartungen, die sie zu großen Teilen selbst internalisiert

haben. Unbewusste und widersprüchliche kollektive (political correctnes) und individuelle

Forderungen (z.B. der Partnerin) an den Mann lauten, sei potent – sei impotent, sei

ein Mann - aber sei kein Mann. Diese Doppelbotschaften (double bind), wenn sie nicht

bewusst verstanden und reflektiert werden, können bei Männern zu Persönlichkeitsspaltungen

führen, die sich auch in Form sogenannter Potenzstörungen zeigen können.“

(Quelle: www.maennerberatung.de/potenz.htm, Peter Thiel – Systemischer Berater und Therapeut)

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FREITOD

„Da hab ich ein Leben lang Angst vor dem Sterben

– und jetzt das.“*

Wir alle haben Angst vor dem Sterben. Was aber ist, wenn

die Angst vor dem Leben plötzlich überwiegt? Wenn der Tod

als die bessere Alternative erscheint? Will man dann wirklich

sterben – oder nur so wie bisher nicht weiterleben? Und ist ein

Ziel wie „Ruhe und Frieden finden“ nicht eigentlich ein höchst

lebendiges Ziel?

Die Liste derer, die sich aus freien Stücken für den Tod entschieden,

ist schier endlos. Zu den Berühmtheiten zählen der römische

Despot Nero, der seine Aberkennung als Kaiser und Anerkennung

als Staatsfeind nicht verwand und der sich mit einem Dolch in

die Kehle stach. Die ägyptische Königin Kleopatra, die den

Biss einer Kobra als Todesart wählte, als ihre Verführungskünste

versagten. Heinrich von Kleist, der sich

schriftstellerisch und wirt- schaftlich

am Ende fühlte und der

zuerst seine an Krebs erkrankte

Geliebte erschoss und

dann sich selbst. Vincent van Gogh

erlöste sich mit einem Pistolenschuss

von einer tiefen, lange andauernden

Depression. Kurt Tucholsky und Stefan Zweig

nannten als Gründe die Verzweiflung über die

politische Situation Deutschlands unter den Nazis,

als sie eine Überdosis Tabletten zu sich nahmen.

* Der diesen Ausspruch prägte, nämlich Karl Valentin, hat keinen

Selbstmord begangen. Unterernährt starb er 1948 an einer

Lungenentzündung.

9


10

10

Aufgrund ihrer Angst, geisteskrank zu werden, ertränkte sich die

englische Schriftstellerin Virginia Woolf in einem Fluss. Spektakulär

war der Abgang des F.D.P.-Politikers Jürgen W. Möllemann, der

seinen Absturz nach einem politischen Höhenflug wortwörtlich in

die Tat umsetzte.

„Alle 47 Minuten ein Selbstmord“ verkündete vor wenigen Wochen

die Initiativgruppe Nationales Suizid Präventionsprogramm.

2004 wurden in Deutschland 10.733 Suizide gemeldet: 7.939

Männer und 2.794 Frauen wählten den Freitod. Bei den Todesarten

gab es klare Präferenzen. So entschieden sich – nach

Angaben des Statistischen Bundesamtes – im Jahr zuvor von

11.150 Personen für...

Erhängen, Strangulierung oder Ersticken 5.538

Sturz in die Tiefe 1.100

Selbstvergiftung 1.293

Feuerwaffe/Schusswaffen 835

Sich vor ein bewegtes Objekt werfen oder legen 556

Ertrinken und Untergehen 356

Scharfen Gegenstand 342

Ersticken durch Gase und Dämpfe 216

(Die restlichen 914 wählten diverse weitere Todesarten,

die nicht im Einzelnen aufgelistet wurden.)

Männer bilden nicht nur die weitaus größere Gruppe unter den

Suizidenten, sie sind auch erfolgreicher. Bei den Frauen, besonders

bei den jüngeren, überwiegen die Versuche. Wobei offizielle

Stellen davon ausgehen, dass – quer durch alle Altersgruppen

und bezogen auf beide Geschlechter – circa jeder zehnte

Suizidversuch „erfolgreich“ und somit tödlich endet. cb

Fotos: FABSN


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Für den eiligen Selbstmörder:

Keine Zeit mehr für den Abschiedsbrief, weil ...

der Zug heute keine Verspätung hat

die Garage schon ziemlich vernebelt aussieht

die ersten 100 Tabletten müde machen

der Hocker wackelt und der Strick sich langsam zuzieht

die offene Pulsader mehr spritzt als vermutet

das Benzin nur noch für eine Kurve ausreicht

die Tinte im Wasser total verschmiert

die Fallschirmleine beim Schreiben im Weg ist

die Schrift durch die Kälte total verwackelt


(Platz für weitere Gründe)

Das magazinXY schafft Abhilfe. Einfach das vorliegende Formblatt ausdrucken,

Zutreffendes ankreuzen oder Unzutreffendes streichen und an

auffindbarer Stelle für die Nachkommen hinterlegen.

Liebe/r ! (bei personalisiertem Schreiben Namen einsetzen, sonst:)

Liebe Eltern/Kinder/Enkel/Verwandte/Freunde/Lehrer/Kollegen!

Wenn Du/Ihr dieses Schreiben findest/findet, bin ich schon tot. Die genaue Todesur-

sache erfährst Du/erfahrt Ihr vom Pathologen/Leichenbestatter.

Sicherlich wirst Du Dich/werdet Ihr Euch fragen, warum ich mich umgebracht habe.

Das will ich Dir/Euch gerne erklären: Ich bin aus dem Leben geschieden, weil ...

Du Dich/Ihr Euch zu viel/zu wenig um mich gekümmert hast/habt

Du mich verlassen/nicht verlassen hast

die 6 in Mathe/Bio/Englisch/Reli/Kunst

eine echte Gemeinheit war

mir das Mobbing am Arbeitsplatz echt zu viel wurde

Pamela Andersen/Hugh Grant/Jan Ullrich geheiratet hat – aber nicht mich

ich als Erntehelfer/Spargelstecher/1-Euro-Jobber keinerlei Aufstiegschancen

mehr hatte

meine Drogen mir gefehlt haben/mir zu viel wurden

mein Börsenmakler/Therapeut/Dr. Sommer mir dazu geraten hat

ich keine Karten mehr für Tokio Hotel/Florian Silbereisen/Rolling Stones

bekommen habe

Bayern/Kaiserslautern/Köln/St. Pauli

schon wieder verloren hat

ganz andere Begründung, nämlich

Keinesfalls/Zu 100 Prozent liegt die Schuld an meinem Tod bei Dir/Euch. Deshalb

solltest Du/solltet Ihr in den nächsten Tagen/Wochen/Monaten/Jahren

manchmal/oft/ständig an mich denken und um mich trauern

mich möglichst rasch vergessen

Ich wünsche Dir/Euch weiterhin ein schönes/langweiliges/schreckliches Leben.

(Unterschrift keinesfalls vergessen)

13


Wer jetzt kein Haus hat, baut sich

keines mehr. Diese berühmte Zeile

verfasste Rainer Maria Rilke am 21.09.1902

in Paris. Das umgebende Gedicht trägt

den Titel „Herbsttag“ und endet mit den

Worten: „Wer jetzt allein ist, wird es lange

bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe

schreiben / und wird in den Alleen hin

und her / unruhig wandern, wenn die Blätter

treiben.“

Wer jetzt kein Haus hat … könnte auch

an dem Ort verweilen, den der Fotograf

CountZero im März 2006 im stillgelegten

Dampfkesselbau von Heidenau vorfand.

Er fragte sich, wozu die Handwerker dort

(in der Wartungsnische der Ladebrücke)

eine Wanne mit Beleuchtung installierten“.

Vielleicht zum wachen, lesen, lange Briefe

schreiben … cb

Foto CountZero Seite 15


16

GRAB-

BEIGABEN

Im Mai 2006 verkündete Kardinal

Meissner im Kölner Sender center.tv,

er wolle seinen Taufschein* mit ins

Grab nehmen. Das Dokument solle

ihm als Nachweis dienen, dass er

getauft sei und somit „berechtigt,

ins Himmelreich aufgenommen zu

werden“. Ungewöhnlich daran ist,

dass ausgerechnet ein hoher katholischer

Würdenträger sich einer Tradition

anschließt, die vor ca. 1.300

Jahren durch die Christianisierung

verschwand: der Ausstattung eines

Sarges mit Grabbeigaben.

Ein weiter Blick zurück: In der Steinzeit

hat man den männlichen Toten Waffen

und Werkzeuge mit ins Grab gelegt,

in der Bronzezeit waren es eher

persönliche Habseligkeiten, im Frühmittelalter

erhielten die Frauen speziell

gefertigte Kleidung und Schmuck.

Durch das Christentum änderten

sich die Rituale, und ab 700 n. Chr.

beschränkte man sich auf Totenkleidung

und religiöse Utensilien.

* Dass Kardinal Meissner seine letzte Reise

mit Taufschein antreten will, wirft eine Frage

auf: Zweifelt er an der Allwissenheit Gottes?


In ihrer Funktion und Symbolik verbanden Grabbeigaben die

beiden sonst sehr unterschiedlichen Völker der Kelten und

Ägypter. Beide sahen den Tod nicht als das Ende aller Dinge an,

sondern als eine Fortführung des diesseitigen Lebens mit anderen

Mitteln. Alltägliche Gegenstände und Einrichtungen waren

also für beide Völker auch im Jenseits von großer Bedeutung.

Damit der Verstorbene in der anderen Welt auf ein angenehmes Da-

sein hoffen konnte, wurden ihm nützliche

und wertvolle Gegenstände

sowie – speziell

in Ägypten – Dienerfiguren

und Sargtexte mit

„auf den Weg“ gegeben.

Der Kölner Maler René

Böll knüpft mit seinem

„Totenbuch“ an die Grabbeigaben

der ägyptischen

Tradition an. Seine in Leder

gebundenen 12 Radierun-

gen, die in einer Auflage

von 20 Exemplaren erscheinen

(zzgl. zweier

Vorzugsausgaben), übernehmen

die traditionelle

Funktion eines Jenseitsführers:

Sie begleiten den

Verstorbenen, wenden Schaden

von ihm ab und sorgen

für seine Erbauung. Ein

Weggefährte vom Dies- ins

Jenseits. cb

Bilder René Böll

19


Foto Claus Dieter Geissler

Die Friedhöfe (...) sind so

eingerichtet, daß sie den

Lebenden Freude gewähren.

Es lebt viel auf ihnen, Pflanzen

und Vögel, und der Besucher, als

einziger Mensch unter so viel

Toten, fühlt sich davon

aufgemuntert und gestärkt.

Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch,

„Welch tiefe Ruhe ist über

alle Friedhöfe gebreitet!

Wenn man dort mit über der Brust

gekreuzten Armen liegt, gehüllt in das

Leichentuch, dann gleiten die

Jahrhunderte vorüber und stören

so wenig wie der Wind,

der durch das Gras fächelt.“

Gustave Flaubert, November

Ich bin der Meinung, dass alle ab und zu

auf den Friedhof gehen sollten. Dann ist

der Übergang nicht so abrupt.

Lars Saabye Christensen, Der Alleinunterhalter

21


22 Foto Ralphboy

Ein ko mischer Heiliger cb

Dass er einer der bekanntesten Heiligen ist,

verdankt Sankt Martin sicherlich der Legende

von der Mantelteilung sowie den Umzügen

um den 11. November. Dass er darüber hinaus ein

sehr vielfältiger und viel beschäftigter Heiliger ist, wissen jedoch nur

wenige. Eine österreichische Internetseite (www.martinus.at) listet seine

Aufgaben als „Fürsprecher in vielen Anliegen und Nöten“ auf. 24 Mal wird er

dort als Patron genannt, davon 16 Mal mit Erklärung. Ein Auszug daraus:

Er ist Patron...

der Hufschmiede, weil er sein

Pferd sorgfältig pflegte

der Hirten, weil er ein guter

Hirte der ihm Anvertrauten war

der Weber, weil er seinen Mantel

zerschnitt

der Schneider, obwohl er seinen

Mantel zerschnitt

der Fassbinder, weil an seinem

Namensfest der neue Wein

probiert wird

der Abstinenzler, weil er am

Wein, den ihm der Kaiser reichte,

nur nippte

der Hoteliers, weil er Reisenden

Obdach gab

der Reisenden, weil er selbst oft

auf Missionsreisen war

der Gänse, weil sie ihn der Legen-

de nach „zum Bischof machten“ *

Blickt man in seinen

Lebenslauf, so bieten

sich weitere, nahe

liegende Patronate

für ihn an:

Er könnte Fürsprecher

werden...

der Wehrdienstverweigerer,

weil er mit 18 bereits das Militär

verlassen wollte

der Aussteiger, weil er längere

Zeit auf einer einsamen Insel weilte

der gesetzlich Versicherten, weil

er Kranke heilte – ohne Praxisgebühr

der Altenpfleger, weil er im hohen

Alter von 81 Jahren starb (bei einer

damaligen Lebenserwartung von

40 Jahren)

der Bestattungsunternehmer,

weil der Tag seiner Beisetzung

zum Feiertag erkoren wurde

* Ob die Martinsgänse, die alljährlich auf den Tischen landen, ihm für seine Fürsprache dankbar sind,

darf bezweifelt werden.


Titel

Im Beinhaus

25

Fotos

Claus Dieter Geissler


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„Im ernsten Beinhaus war’s, wo ich beschaute,

Wie Schädel Schädeln angeordnet passten;

Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.

Sie stehn in Reih’ geklemmt, die sonst sich haßten,

Und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen,

Sie liegen kreuzweis’ zahm allhier zu rasten.

Entrenkte Schulterblätter! Was sie trugen,

Fragt niemand mehr; und zierlich tät’ge Glieder,

Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen.

Ihr Müden also lagt vergebens nieder,

Nicht Ruh im Grabe ließ man euch, vertrieben

Seid ihr herauf zum lichten Tage wieder,

Und niemand kann die dürre Schale lieben,

Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.“

Johann Wolfgang von Goethe –

bei der Betrachtung von Schillers Schädel

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Unter der französischen Hauptstadt ist

ein circa 330 km langes Gängesystem zu

finden. Es entstammt der Zeit, als unterirdisch

Sandstein abgebaut wurde, um

überirdisch Häuser zu bauen. Heute

liegen dort Kabel und Leitungen, die

Nationalbank hat einen Lagerplatz für ihr

Gold – und die Katakomben sind zugleich

das größte Beinhaus der Welt.

Es begann 1785: Bedingt durch den

Bevölkerungszuwachs, Seuchen und

Hungersnöte waren die Friedhöfe in

Paris überbelegt. Die Ruhefristen wurden

verkürzt und halbverweste Leichen wieder

ausgebuddelt. Dadurch entwickelten sich

giftige Dämpfe, an denen Anwohner

eines Friedhofs erstickt sein sollen. Die

Administration schuf Abhilfe, indem sie die

Gebeine in die unterirdischen Stein-

brüche „umbettete“: Sie wurden durch

einen Schacht in die Tiefe geschüttet.

Anfangs lagen die Überreste der nahezu

6 Millionen Toten dort ungeordnet, doch

im Laufe der Zeit wurden Knochen und

Schädel dekorativ aufgeschichtet und

mit Gedenktafeln versehen, die auf die

ursprünglichen Bestattungsorte hinweisen.

Heute ist ein Teil der Katakomben für Touristen

zugänglich. Andere Bereiche werden

für verbotene, bizarre Partys genutzt …

wobei der Einstieg durch die Gullys erfolgt.

29


„November“

Foto Tablediver – Seite 30

Frag nicht nach morgen,

denn er bleibt dir verborgen.

Frag nicht was gestern war ...

Wir zieh‘n unsre Kreise

auf unserer Reise.

Wo eben noch Sonne war ...

Wir ertrinken zu zweit

in unseren Worten.

Wir ertrinken zu zweit

in Einsamkeit.

Irgendwann im November ...

Zu lang, zu weit, zu viel passiert ...

Irgendwann im November ...

...

Irgendwann im November ...

werd ich geh‘n.

Band: Juli

Album: Es ist Juli

Label: Island (Universal)


32 – Leben im Nebel

Leben im Nebel

Text Brigitte Maser Bilder Magdalena Bergheim

„Es ist kalt und trübe. Dichter Nebel behindert

die Sicht. Fahren Sie also vorsichtig!“, warnt ab

November regelmäßig der Wetterfrosch morgens

seine Zuhörer im Radio. Meteorologisch

betrachtet, ist Nebel eine Trübung der Luft

durch Ausscheiden von Wasserdampf in Form

von kleinen Tröpfchen, die die Sicht auf wenige

Meter beschränkt und alles ringsum im Nichts

verschwinden lässt.

Der Nebel: ein Naturereignis, das ganz unterschiedliche

Gefühle hervorrufen kann. Ärger,

wenn auf der Autobahn das Blickfeld eingeengt

wird. Angst, wenn man im Wald die Orientierung

verliert und das Unheimliche überwiegt.

Oder Faszination, schließlich hat der Nebel manchen

Regisseur zu spannenden Filmsequenzen

und Literaten zu nachdenklichen Gedichten

und Erzählungen über das Leben inspiriert.


34 – Leben im Nebel

Der Nebel steht aber auch als

Synonym für den schleichenden

Prozess, das eigene Leben

zu vergessen. Demenz heißt die

medizinische Diagnose und meint,

kurz gefasst, die altersbedingt Einschränkung

der Hirnleistungen sowie

den fortschreitenden Gedächtnis- und Persönlichkeitsverlust.

Selbstverständliche All-

tagsaktivitäten werden nicht mehr beherrscht,

und die Orientierung geht verloren. Man irrt

umher, weiß nicht mehr, wo man wohnt, wie

man heißt, wer man ist. Die Identität schwindet,

und die Erinnerungen an die frühe Vergangenheit

werden realer als das Jetzt.

Gefeit ist niemand davor. Denn eine Therapie

gibt es bislang noch nicht. Etwa 8 - 13 Prozent

aller Menschen über 65 Jahren leiden an Demenz.

Als einer der Hauptrisikofaktoren gilt das

Alter. Und das lässt sich, unter normalen Umständen,

schwerlich vermeiden.

Ende


36 – Leben im Nebel

Linien, wenn sie, wie hier, in feuchte Acrylfarbe

gekratzt sind, müssen schnell und unvermittelt

entstehen, quasi im Telegrammstil. Diese

Zeichnungen entstammen einem Sommerabend:

eine Reihe von elf Blättern, die ich später

mit Kreide und Bleistift weiter schrieb.

Es sind Winterbilder daraus geworden.

Was da in den Köpfen wächst – Eisblumen, Glück,

Phantasien, Musik, böse Geheimnisse oder eben

Nebel und Vergessen – und in welche Richtung

es weiter rankt … ich weiß es nicht.

Die Gedanken sind frei.

Magdalena Bergheim


Fury in the Slaughterhouse – Grey november day

John Denver – Storms Of November

BAP – Novembermorje

Guns ‘n Roses – November Rain

Nena – Novemberlied

5 Days Ahead – My Cold November

Britt Kersten & Bert Hendrix – Wer im November nicht lieben kann

Juli – November

Enya – Sweet November

Bro‘Sis – A Day in November

Klaus Hoffmann – Novembermorgen

Paula Cole – Last November

Puhdys – November im Mai

foto cydonna

november-musik


Exemplarische

Herbstnacht von Erich Kästner

Nachts sind die Straßen so leer.

Nur ganz mitunter

markiert ein Auto Verkehr.

Ein Rudel bunter

raschelnder Blätter jagt hinterher.

Die Blätter haschen und hetzen.

Und doch weht kein Wind.

Sie rascheln wie Fetzen und hetzen

und folgen geheimen Gesetzen,

obwohl sie gestorben sind.

Nachts sind die Straßen so leer.

Die Lampen brennen nicht mehr.

Man geht und möchte nicht stören.

Man könnte das Gras wachsen hören,

wenn Gras auf den Straßen wär.

Der Himmel ist kalt und weit.

Auf der Milchstraße hat‘s geschneit.

Man hört seine Schritte wandern,

als wären es Schritte von andern,

und geht mit sich selber zu zweit.

Nachts sind die Straßen so leer.

Die Menschen legen sich nieder.

Nun schlafen sie, treu und bieder.

Und morgen fallen sie wieder

übereinander her.

Fotos Schiffner, Roki, Kunstfisch, Ernie

N 41


42

Gedenktage

Der 9. November zeigt es: An jedem Tag kann man mit höchst unterschiedlichen

Gefühlen großer Ereignisse gedenken. Wir haben den

gesamten Monat einmal historisch durchforstet und eine recht persönliche

Positiv- und Negativ-Liste aufgestellt. cb

Positiv (+) Negativ (-)

1. November 1512

In der Sixtinischen Kapelle in Rom werden die

Deckenfresken Michelangelos enthüllt.

2. November 1992

Papst Johannes Paul II. rehabilitiert den italienischen

Mathematiker, Physiker und Astronomen

Galileo Galilei (1564-1642).

3. November 1937

Geburt des deutschen Karikaturisten und

Schriftstellers Friedrich Karl Waechter.

4. November 1946

Gründung der UNESCO mit dem Ziel, den „Frieden

im Geist der Menschen zu verankern“.

5. November 1936

Geburt des Hamburger Fußballers und langjährigen

Nationalspielers Uwe Seeler.

6. November 1860

Abraham Lincoln wird zum Präsidenten der

Vereinigten Staaten von Amerika gewählt.

7. November 1844

In München erscheint erstmals die satirische

Zeitschrift „Fliegende Blätter“.

1. November 1952

Auf dem südpazifischen Eniwetok-Atoll testen

die USA ihre erste Wasserstoffbombe.

2. November 2004

George W. Bush gewinnt die Wahl gegen

seinen Herausforderer John F. Kerry und bleibt

US-Präsident.

3. November 1914

Der österreichische Lyriker Georg Trakl stirbt mit

27 Jahren an einer Überdosis Kokain.

4. November 1995

Der israelische Politiker Yitzhak Rabin wird in Tel

Aviv ermordet.

5. November 1977

Tod des französischen Comic-Autors René

Goscinny (Asterix und Obelix, Lucky Luke).

6. November 1932

Die NSDAP geht als Sieger aus den

vorgezogenen Reichstagswahlen hervor.

7. November 2002

Tod des Spiegel-Gründers und -Herausgebers

Rudolf Augstein.


Positiv (+) Negativ (-)

8. November 1960

John F. Kennedy gewinnt die US-Präsidentschaftswahlen

gegen Richard M. Nixon.

9. November 1989

Die DDR-Führung beschließt, die Grenze

zwischen der DDR und der Bundesrepublik in

West-Berlin zu öffnen.

10. November 1969

Premiere der Sesamstrasse in den USA und

damit erster Auftritt von Kermit, Ernie und Bert.

11. November 1918

Offizielles Ende des 1. Weltkrieges durch die

Kapitulation Deutschlands.

12. November 1936

In San Francisco wird die 2,7 Kilometer lange

Golden-Gate-Brücke eingeweiht.

13. November 1955

Beim „6 aus 49“-Lotto gibt es den ersten Sechser:

Drei Spieler erhalten jeweils 59.492,00 DM.

14. November 1974

Geburt des Grafik-Designers Jürgen Bohl, Initiator

und Gestalter vom magazinXY.

15. November 1923

Die Einführung der Rentenmark beendet die

Inflation: Eine Rentenmark entspricht einer

Billion Papiermark.

16. November 1802

Der deutsche Dramatiker, Dichter und Historiker

Friedrich Schiller erhält sein Adelsdiplom.

17. November 1869

Der Suezkanal wird für die Schifffahrt freigegeben

und verkürzt den Seeweg von Europa

nach Asien um 8.300 Kilometer.

8. November 1966

Ronald Reagan wird zum Gouverneur von

Kalifornien gewählt.

9. November 1938

In der Reichskristallnacht greifen in weiten

Teilen Deutschlands Schlägertrupps der SA

Synagogen und jüdische Läden an.

10. November 1821

Tod des russischen Dichters Fjodor M. Dostojewski

(Schuld und Sühne, Der Idiot).

11. November 1997

Nach dem Elchtest stoppt die Daimler-Benz

AG die Auslieferung der neuen Mercedes-

Benz A-Klasse.

12. November 1955

Die ersten 101 Soldaten der Bundeswehr

erhalten ihre Ernennungsurkunde.

13. November 2002

Der Öltanker Prestige gerät in Seenot und

verunreinigt mit seiner Ladung die Küsten

von Nordspanien und Südfrankreich.

14. November 1519

Der Aztekenkönig Montezuma wird von den

Spaniern festgenommen.

15. November 1994

Helmut Kohl wird zum fünften Mal zum

Kanzler gewählt.

16. November 1960

Tod des US-Schauspielers Clark Gable (Vom

Winde verweht, Meuterei auf der Bounty).

17. November 1997

58 Touristen sterben bei einem Attentat islamistischer

Terroristen im ägyptischen Luxor.

45


Positiv (+) Negativ (-)

18. November 1928

In New York wird der erste Zeichentrickfilm mit

Ton uraufgeführt: Walt Disneys „Steamboat

Willie“ ist zugleich der erste Tonfilm mit Mickey

Mouse.

19. November 1819

Eröffnung des Museo del Prado in Madrid als

Museum für Malerei und Bildhauerkunst.

20. November 1975

Der Tod des spanischen Diktators Franco öffnet

den Weg zur Demokratie.

21. November 1620

Mit der Mayflower treffen die ersten „Pilgrim-

Fathers“ (britische Puritaner) an der Küste von

Massachussets ein.

22. November 1990

Die „eiserne Lady“ Margaret Thatcher tritt nach

über elfjähriger Amtszeit als britische Premierministerin

zurück.

23. November 1936

Das US-amerikanische LIFE-Magazin erscheint

zum ersten Mal. Seine Besonderheit: neuartige,

großformatige Fotoreportagen.

24. November 1859

Charles Darwin veröffentlicht sein Werk zur

Evolutionstheorie und revolutioniert damit das

Wissen über die Entstehung der Lebewesen.

25. November 1912

Geburt des britischen Kriminalschriftstellers

Francis Henry Durbridge (Paul Temple, Das

Halstuch, Melissa, Das Messer).

26. November 1832

In New York City wird die erste Straßenbahn der

Welt in Betrieb genommen.

18. November 1978

Im Urwald von Guayana kommt es zu einer

Massenselbsttötung von mehr als 900 Mitgliedern

der Volkstempler-Sekte.

19. November 1962

Fünf Bundesminister der FDP treten wegen der

Spiegel-Affäre zurück.

20. November 1917

Im französischen Cambrai kommt es zur ersten

Panzerschlacht der Militärgeschichte.

21. November 1803

Hinrichtung des Schinderhannes, Räuberhauptmann

im Hunsrück, sowie 19 weiterer

Mitglieder seiner Bande.

22. November 1962

Der amerikanische Präsident John F. Kennedy

wird in Dallas ermordet.

23. November 1991

Bei dem von Neo-Nazis verursachten Brandanschlag

von Mölln werden zwei türkische Frauen

und ein 10-jähriges Mädchen getötet.

24. November 1991

Freddie Mercury, der Sänger der Rockgruppe

Queen, stirbt an den Folgen seiner AIDS-

Erkrankung.

25. November 2001

Die US-Biotechnologie-Firma ACT gibt das

erfolgreiche Klonen menschlicher Embryonen

bekannt.

26. November 2005

Als Folge des Wintereinbruchs in Deutschland

knicken Strommasten um: In Nordrhein-Westfalen

sind 250.000 Menschen tagelang ohne

Strom und Heizung.

27. November 1896

Uraufführung der Tondichtung von Richard

Strauss in Frankfurt/M. (auch bekannt aus

„Odysee im Weltall“).

28. November 1918

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. unterzeichnet

seinen Verzicht auf den Thron.

29. November 1970

Die ARD strahlt die erste Folge der Krimiserie

Tatort aus. Titel der ersten Folge: Taxi nach

Leipzig.

30. November 1835

Geburt des amerikanischen Schriftstellers Mark

Twain (Tom Sawyer und Huckleberry Finn).

27. November 1983

In München wird die Partei der Republikaner

gegründet.

28. November 1968

Tod der britischen Schriftstellerin Enid Blyton

(Fünf Freunde, Hanni und Nanni).

29. November 1802

Das Hochstift Bamberg wird von bayerischen

Truppen besetzt und in das Kurfürstentum

Bayern eingegliedert.

30. November 1939

Der Winterkrieg zwischen der Sowjetunion und

Finnland beginnt durch einen sowjetischen

Luftangriff auf Helsinki.

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Schlachtmond: Alte deutsche Namen für den November waren Windmond und Nebelung. In den Niederlanden

wurde er auch Schlachtmond oder Schlachtemonat genannt, da zu dieser Jahreszeit das Einschlachten

der Schweine vorgenommen wurde. Foto: Gerti G.

Blutwurst. Erste Sorte. Das Blut wird

warm, sowie es vom Schweine kommt, mit

einem kleinen Besen geschlagen, bis es ganz

kalt geworden, und durch ein Sieb gerührt, wodurch

es flüssig bleibt. Dann gibt man zu einem

Teil des Blutes reichlich vom besten gekochten

und feingehackten Schweinefleisch, mager und

fett, nebst den weichgekochten und feingehackten

Schwarten, ferner: gekochten Speck, welcher in

kleine Würfel geschnitten ist, Salz, Pfeffer, Nelken

und Nelkenpfeffer. Dies alles wird wohl gemischt,

wie Leberwurst in dicke, möglichst glatte

Därme nicht fest gefüllt, damit die Masse sich

ausdehnen kann, und eine halbe Stunde gekocht.

Blutwurst muß vollkommen gar gekocht werden,

um sich lange zu halten; deshalb nimmt

man eine Wurst aus dem kochenden Wasser mit

dem großen Schaumlöffel und sticht mit einer

langen Stopfnadel hinein. Zeigt sich noch Blut,

so ist die Wurst noch nicht gar, dringt aber

klares Fett aus der kleinen Öffnung, so ist sie

haltbar. Etwas geräuchert, wird die Wurst zum

Butterbrot gegeben.

Manche scheuen die Speckwürfel; in solchen Fällen

kann der Speck fein gehackt werden; läßt

man ihn fehlen, so wird die Wurst trocken.


Henriette Davidis-Kolle

Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feine Kücke.

Bielefeld und Leipzig.

Verlag von Velhagen & Klafing.

1903

49


Foto Robert Salzmer

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