Rüstkammer Dresden. Masken und Kronen – Festkultur und Repräsentation der Macht
ISBN 978-3-422-80310-7
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Rüstkammer Dresden
Masken und Kronen – Festkultur
und Repräsentation der Macht
Herausgegeben von den
Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
Holger Schuckelt und Marius Winzeler
Inhalt
6 Die Rüstkammer als Sammlung
der Festkultur und Machtrepräsentation
MARIUS WINZELER
8 Feste am Dresdner Hof
CLAUDIA SCHNITZER
22 Die Festsäle im Dresdner Residenzschloss
MARIUS WINZELER
38 GROSSER BALLSAAL
HOLGER SCHUCKELT
40 Inventionen
HOLGER SCHUCKELT
46 Turnierkleid »Semiramis«
CHRISTINE NAGEL
48 Familiäre und innerhöfische Geschenke
CHRISTINE NAGEL UND VIKTORIA PISAREVA
54 Diplomatische Geschenke
HOLGER SCHUCKELT
58 Hochzeiten und Taufen am Dresdner Hof
VIKTORIA PISAREVA UND STEFANO RINALDI
64 Der Planeten-Aufzug zum Ringrennen 1613
GERNOT KLATTE
67 Ringelstechen und Karussells
HOLGER SCHUCKELT
71 Die Feierlichkeiten anlässlich des Besuchs des
Königs Frederik IV. von Dänemark 1709
HOLGER SCHUCKELT
78 Das höfische Armbrustschießen
GERNOT KLATTE
82 Die Hochzeit Friedrich Augusts (II.) von Sachsen mit
Maria Josepha von Österreich 1719
VIKTORIA PISAREVA
90 Modell des königlichen Paradeschiffes »Bucentauro«
CHRISTINE NAGEL
92 Geweihter Hut mit Futteral und Scheide zum geweihten Schwert
VIKTORIA PISAREVA
94 PORZELLANKABINETT IM TURMZIMMER
JULIA WEBER
96 Elementvasen
JULIA WEBER
100 Meissener Vasen mit »indianischen« Dekoren
SEBASTIAN BANK
104 PROPOSITIONSSAAL
HOLGER SCHUCKELT
106 Kurwürde, Kaiserwahl und Königskrönung
CHRISTINE NAGEL
110 Die Krönung Augusts II. 1697 und die Dresdner Krönungsfigur
STEFANO RINALDI
116 Die Krönung Augusts III. und Maria Josephas 1734
STEFANO RINALDI
120 Der Königlich-Dänische Elefantenorden
CHRISTINE NAGEL
124 Der Königlich-Polnische Weiße Adlerorden
GERNOT KLATTE
127 Der Königlich-Preußische Schwarze Adlerorden
GERNOT KLATTE
130 Der Orden vom Goldenen Vlies
CHRISTINE NAGEL
134 Der Königlich-Englische Hosenbandorden
HOLGER SCHUCKELT
141 Drei goldene Prunkdegen Johann Georgs II.
STEFANO RINALDI
144 Zeichen der Ehre: Der Militär-St.-Heinrichs-Orden
und der Hausorden der Rautenkrone
SYLVIA KARGES UND MIRKO LOHAUS
148 Die Porträtbüsten der Könige von Sachsen
ASTRID NIELSEN
152 Zeittafel der Feste am Dresdner Hof
156 Personenregister
160 Impressum / Bildnachweis
Umschlagklappe vorn: Raumpläne
Umschlagklappe hinten: Literaturauswahl
Die Rüstkammer als Sammlung der
Festkultur und Machtrepräsentation
MARIUS WINZELER
Die Rüstkammer im Residenzschloss Dresden ist eine der ältesten
Sammlungen ihrer Art und vergegenwärtigt mit ihrem einzigartigen
Bestand wesentliche Facetten der Kunst- und Kulturgeschichte
Sachsens, Europas und der Welt. Bereits unter Herzog Georg dem
Bärtigen ist im frühen 16. Jahrhundert eine »Harnischkammer«
nachweisbar. Kurfürst August ließ den Bestand 1567 erstmals inventarisieren.
Christian I. legte 1586 den Grundstein zu einem prächtigen
Gebäude für die kurfürstlichen Leibpferde und die Rüstkammer, den
»Neuen Stall«. In 28 »Kammern« wurden in den Obergeschossen die
kostbaren Bestände präsentiert. Sie zeugten von Reichtum und
Macht des sächsischen Kurfürstenhauses und gehörten zu den meistbesuchten
Sehenswürdigkeiten Dresdens.
Im Unterschied zum Zeughaus, dem heutigen Albertinum, wo
Gebrauchswaffen und Kriegsgerät gelagert wurden, hatte die Rüstkammer
vor allem eine repräsentative Funktion: Sie enthielt hauptsächlich
die Leib- und Turnierwaffen der sächsischen Herrscherfamilie
sowie zahlreiche Geschenke aus ganz Europa und darüber
hinaus. Kostbare Ausstattungen von Aufzügen, Inventionen und
Maskeraden wurden hier verwahrt und für einen erneuten Gebrauch
vorgehalten. Angesichts der herausragenden Bedeutung, die Dresden
als »prächtigster und galantester Hof der Welt« hatte, wie der weitgereiste
Johann Michael von Loen in einem Vergleich mit den
Residenzen von Wien und Berlin 1716 / 17 formulierte, war eine solche
Sammlung unverzichtbar: »Hier gibt es immer Maskeraden, Jagden,
Schützen- und Schäferspiele, Kriegs- und Friedensaufzüge, Ceremonien
– kurz: alles spielet. Man siehet zu, man spielet mit, man wird
selbst gespielt.«
Nachdem die Rüstkammer 1722 das Stallgebäude räumen musste
und bis 1832 in der benachbarten »Geheimen Kriegskanzlei« verblieben
war, wurde ihr ein Teil der Bestände der aufgelösten Kunstkammer
angegliedert. Als nunmehriges »Königliches Historisches
Museum« bezog sie die westlichen Galerien und Pavillons des Zwingers.
Von dort kehrte die Sammlung 1877 zurück in das ursprüngliche
Stallgebäude, das nunmehrige Johanneum. Zwischen 1939 und 1944
ausgelagert, wurden die Bestände nach Kriegsende 1945 großenteils
in die Sowjetunion verbracht, wo sie bis 1958 blieben. Zwischen 1959
und 2012 war ein Teil der 1992 rückbenannten Rüstkammer im
Semperbau des Zwingers ausgestellt. Mit dem Wiederaufbau des
6
Residenzschlosses kehrte das Museum schließlich wieder an den Ort
seines Ursprungs zurück. Nach den Eröffnungen von Türckischer
Cammer, Riesensaal, Renaissanceflügel, Paraderäumen und Gewehrgalerie
bieten die bis 2026 architektonisch wiederhergestellten Säle
der Festetage einen idealen Rahmen für die einzigartigen Zeugnisse
höfischer Festkultur und Machtrepräsentation des 16. bis 18. Jahrhunderts.
Für die vertrauensvolle Zusammenarbeit während der baulichen
Genese sei Holger Krause, Staatsbetrieb Sächsisches Immobilienund
Baumanagement (SIB) Dresden I gedankt, ebenso dem leitenden
Restaurator Hans-Christoph Walther. Die Ausstellungsarchitektur
stammt von Heine Mildner Architekten, Dresden. Ermöglicht wurde
die Sammlungspräsentation der Rüstkammer und die Einrichtung des
Porzellankabinetts im Turmzimmer dank Bereitstellung der erforderlichen
Mittel durch den Freistaat Sachsen und großzügiger Förderung
durch die Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, die Kulturstiftung
der Länder und eine Privatspende von Henry H. Arnhold. Zahlreiche
Fachleute waren unter der Leitung von Andreas Frauendorf,
Chefrestaurator der Rüstkammer, über lange Jahre an den komplexen
Restaurierungsarbeiten und der Fertigung maßgeschneiderter
Präsentationshilfen beteiligt. Die Konzeption der Sammlungspräsentation
stammt von Holger Schuckelt, Oberkonservator der Rüst kammer,
die Umsetzung ist ihm und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der
Rüstkammer zu verdanken, namentlich Manfred Biedermann, Ines
Bohn, Catrin Eisert, Kirsten Frank, Maike Henschel, Gernot Klatte,
Katharina Klein, Christine Nagel, Robert Pelzl, Stefanie Penthin,
Viktoria Pisareva, Stefano Rinaldi, Thomas Seidel und Susanne
Sonntag.
Einleitung
7
8
Wirtschaftsschild »Zum Weißen Adler« zur Wirtschaft am 9. Februar 1728 in Dresden, Künstler unbekannt,
Dresden, Ende 1727 / Anfang 1728, Sächsisches Staatsarchiv, 10006, Oberhofmarschallamt, F, Nr. 21b, Bl. 5
Feste am Dresdner Hof
CLAUDIA SCHNITZER
Seit jeher besaßen Festlichkeiten einen besonderen Stellenwert am
Dresdner Hof. Sie dienten jedoch nicht allein dem Vergnügen, sondern
vor allem der Legitimierung und Repräsentation von Herrschaft.
Damit waren sie ein wichtiges Regierungsinstrument der sächsischen
Kurfürsten.
Anlässe für Feste und Feiern gab es viele – angefangen von
freudvollen, oft dynastisch relevanten Ereignissen wie Geburten,
Taufen und Hochzeiten bis hin zu den schmerzlichen wie Tod und
Begräbnis. Besondere Gelegenheiten, die eines festlichen Rahmens
bedurften, waren Staatsbesuche, Regierungsantritte, Krönungen,
Ordensverleihungen; zudem wurde auch der jährlich wiederkehrende
Karneval feierlich begangen.
Für die repräsentative Ausgestaltung stand eine Vielfalt an
Festformen zur Auswahl, von denen sich viele der Verkleidung
bedienten: Zu nennen sind hier vor allem die diversen Ritterspiele,
aber auch Aufzüge, Fußturniere, Schlittenfahrten, Verkleidungsbankette,
Tänze und Ballette. Maskeraden ermöglichten es dem
Herrscher und seinem Hof, das ansonsten geltende Zeremoniell für
die Dauer des Festes zu reduzieren und damit den gesellschaftlichen
Umgang zu erleichtern.
Mehrtägige Festlichkeiten waren in Dresden keine Seltenheit,
mitunter währten sie auch mehrere Wochen, so die Festreigen von
Feste am Dresdner Hof
Christian und Sophia von Sachsen auf einspännigem Prunkschlitten, Heinrich Göding, Dresden, 1583, Kupferstich-
Kabinett, SKD, Inv.-Nr. C 2288
9
10
1678, 1709, 1719 und 1747. Hauptinhalt der meist mythologisch ausgeschmückten
und mit der Zeit immer komplexer werdenden Feste war
die Glorifizierung des Herrschers und seiner Familie vor den Augen
des Hofstaates und der Öffentlichkeit. Die damit verbundenen hohen
Kosten versuchte man durch Wiederverwendung von Ausstattungen
zu reduzieren.
Seit dem 16. Jahrhundert prägten vor allem Turniere die Festkultur
der sächsischen Kurfürsten in ihrer Residenzstadt Dresden. Die
Aufzug der Sieben Planeten und des Nimrod
am 4. Februar 1678 in Dresden, Sigmund
Gabriel Hipschmann nach Jonas Drentwett
und Martin Klötzel, aus: Gabriel Tzschimmer:
Durchlauchtigste Zusammen kunft […],
Dresden 1680, Kupferstich-Kabinett, SKD,
Inv.-Nr. A 132304
Feste am Dresdner Hof
Kontinuität, mit welcher hier das Ritterspiel bis zum Ende der Regierungszeit
Augusts des Starken 1733 gepflegt wurde, ist unter den
deutschen Höfen beispiellos und begünstigte die Ausbildung hofspezifischer
Aufzugsthemen. Hervorzuheben ist auch die große
Beliebtheit türkischer Motive als Ausdruck einer sich im Laufe der
Jahrhunderte wandelnden »Türkenmode«. Sie war anfangs noch
wesentlich von der Faszination der als Bedrohung für Europa erlebten
Osmanen geprägt. »Turcica« gelangten als Beute, Geschenke und
11
Ankäufe in die kurfürstlichen Sammlungen und fanden als kostbare
Ausstattungsstücke am Hof und in den Ritterspielen Verwendung.
Kurfürst August von Sachsen bestritt noch selbst die gefährlichen
Lanzenzweikämpfe der Rennen. Aber unter ihm setzten sich
auch die weniger gefährlichen Wettkämpfe nach einem festen Ziel
durch, etwa das Ringelstechen bzw. Ringrennen (→ S. 66 – 70). Der
Verzicht auf einen schützenden Harnisch ermöglichte fortan eine
Veranstaltung der Ritterspiele in Kostümierungen, die nun in sogenannten
Inventionen präsentiert wurden, prächtigen Aufzügen mit
mythologischen, biblischen, allegorischen und genrehaften Themen
(→ S. 40 – 45). Die hierbei verwendeten Ausstattungen verwahrte man
zum erneuten Gebrauch in der Rüstkammer, was die Dresdner
Aufzugstraditionen zusätzlich förderte.
Johann Georg I. von Sachsen erweiterte die Ritterspiele um das
Kopf- und Quintanrennen, bei denen neben der Lanze auch andere
Waffen zum Einsatz kamen. Die Ziele waren häufig als Köpfe der
feindlichen Osmanen gestaltet. Die Quintane, eine drehbare Holzfigur,
verlangte vom Ritter besonderes Geschick, wollte er nicht beim
Treffer einen Hieb kassieren. Während vormals die Turnieraufzüge
meist aus aneinandergereihten Einzelinventionen unterschiedlichster
Themen bestanden, veranstaltete der Kurfürst anlässlich der Taufe
seines Sohnes Johann Georg (II.) im Juni 1613 ein wegweisendes
Ringrennen, das sich durch ein einheitlich konzipiertes Programm der
Zeit und der Sieben Planeten auszeichnete (→ S. 64 – 65).
Johann Georg II. übertraf 1678 bei der »Durchlauchtigste[n]
Zusammenkunfft« mit seinen Brüdern die bis dahin in Dresden
inszenierten Festlichkeiten. Aufzüge, ritterliche Exerzitien, Schauspiele,
Schießen, Jagden, Opern, Komödien, Ballette, Maskeraden,
August von Sachsen als christlicher Überwinder von Tod und Teufel im Aufzug zum Ringrennen 1584 in Dresden,
4. Part (Detail), in: Daniel Bretschneider d. Ä., Ringkrennen, So […] Christian Hertzog zu Sachssen [...] den […]
2. Martij Anno 84. […] zu Dreßden gehalten […], Dresden 1584, Dresden, Sächsische Landes bibliothek –
Staats- und Universitätsbibliothek, Signatur: S.B.205
12
Wettkampf der vier Quadrillen beim Karussell der Vier Weltteile am 19. Juni 1709 in Dresden, Johann Samuel Mock (?),
Dresden, nach Juni 1709, Kupferstich-Kabinett, SKD, Inv.-Nr. C 1968-794 (Ca 199, Bl. 10)
Verkleidungsbankette und Feuerwerk unterhielten seine Gäste fast
einen Monat lang. Hauptthema dieses facettenreichen Festreigens
war die Zusammenkunft und Wirkung der Sieben Planeten. Mit Kalkül
griff der Kurfürst beim Aufzug des »Urmonarchen« Nimrod und der
Sieben Planeten zum Ring- und Quintanrennen das Thema des
Turnieraufzugs seines eigenen Tauffestes von 1613 auf, um hiermit sein
Erstgeburtsrecht zu betonen (→ Abb. S. 10 – 11). Unter den 36 Reichsnachfolgern
Nimrods, den der Kurfürst selbst vorstellte, trat auch die
babylonische Königin Semiramis als einzige weibliche Herrschergestalt
in Erscheinung, verkörpert durch Herzog Heinrich von Sachsen
in kostbarer Frauenverkleidung (→ S. 46 – 47).
Unter August dem Starken erlebte die Dresdner Festkultur
abermals eine Blütezeit. Ritterliche Wettkämpfe wurden nun häufig in
Form von Karussells mit verschiedenen Waffengängen veranstaltet
(→ S. 66 – 70). Daneben erfreuten sich Verkleidungsbankette großer
Beliebtheit, an denen auch die Hofdamen aktiv teilnahmen. Je nach
festgelegtem Thema konnte es sich hierbei um inszenierte Bauernhochzeiten,
Schäfereien oder um Wirtschaften handeln, bei denen
der Wirt – häufig vom Herrscher selbst verkörpert – die Gäste in
Kostümierungen verschiedener Nationalitäten oder Berufe zum Mahl
lud (→ Abb. S. 14). Auch die »Türkenmode« gewann unter August eine
neue Dimension: Er inszenierte mehrfach türkische Feste, bei denen
er selbst als Sultan in Erscheinung trat (→ Abb. S. 14). Bereits 1695 im
Feste am Dresdner Hof
13
August der Starke als Chef und Baronin von Löwendal als Chefin der Schäfer, Figurinen zur Wirtschaft
mit Schäfern, Winzern, Gärtnern und Müllern zum Karneval am 13. Februar 1725 in Dresden, unbekannter
Künstler, Dresden, um 1725, Sächsisches Staatsarchiv, 10006, Oberhofmarschallamt, G, Nr. 26 a,
Bl. 184 und 185
14
August das Starke als Sultan
beim Aufzug zum Cartel-Rennen
am 9. Februar 1697 in Dresden
(Detail), Johann Mock, Dresden,
nach Februar 1697, Kupferstich-
Kabinett, SKD, Inv.-Nr. Ca 191,
Bl. 28
ersten Karneval seiner Regierung veranstaltete der Kurfürst aufwändige
Ritterspiele, darunter den Götteraufzug zum Nachtringrennen, in
dessen Programm er als Göttinnen verkleidete Hofdamen integrierte.
August eröffnete die Prozession in Gestalt des Götterboten und Gott
des Handels Merkur und verlieh hiermit seinen Ambitionen Ausdruck,
Sachsen zu Wohlstand zu führen.
Mit der Erlangung der polnischen Krone 1697 gewannen die
Festivitäten für August zusätzliche Bedeutung, indem er sie für seine
politischen Zwecke nutzte. Als Festregisseur perfektionierte er daher
deren immer repräsentativer und umfangreicher gestalteten Programme.
Besondere Aufmerksamkeit widmete August der einmonatigen
festlichen Rahmung des Staatsbesuchs seines Vetters König
Frederik IV. von Dänemark im Juni 1709 (→ S. 71 – 77). Höhepunkte
bildeten – neben einem Feuerwerk, ver schiedenen Jagdvergnügen,
einem Fußturnier und einer Bauernwirtschaft – vor allem der Götteraufzug
mit dem nächtlichen Ring- und Quintanrennen im Reithaus,
ferner das Damenringrennen, bei dem 24 Damen von ihren Wagen aus
mit kunstvoll gestalteten Ringelstechlanzen nach Zielen stachen, und
das Karussell der Vier Weltteile, die beide im Vorgängerbau des
Dresdner Zwingers ausgetragen wurden (→ Abb. S. 16).
Ihren Zenit erreichten die Feste Augusts des Starken jedoch mit
den sogenannten Planetenfesten anlässlich der Hochzeit des Kurprinzen
Friedrich August (II.) mit der Kaisertochter Maria Josepha im
Nächtliches Ring- und Quintanrennen am 22. Juni 1709 im Dresdner Reithaus, Johann Samuel Mock (?), Dresden,
nach Juni 1709, Kupferstich-Kabinett, SKD, Inv.-Nr. C 1968-797 (aus Ca 198, Bl. 33)
15
Aufzug zum Damenringrennen am 6. Juni 1709 in Dresden, C. H. Fritzsche, Dresden, 1710, Kupferstich-Kabinett, SKD,
Inv.-Nr. C 1968-791 (Ca 198, Bl. 38)
König Frederik IV. von Dänemark als Chef der Europäer beim Karussell der Vier Weltteile 19. Juni 1709 in Dresden (Detail),
Johann Samuel Mock (?), Dresden, nach Juni 1709, Kupferstich-Kabinett, SKD, Inv.-Nr. C 5683 (Ca 196, Bl. 26)
16
August der Starke als Chef des Feuers beim Karussell der Vier Elemente am 15. September 1719 in Dresden (Detail),
Carl Heinrich Jacob Fehling, Dresden, wohl 1731, Kupferstich- Kabinett, SKD, Inv.-Nr. C 6712 (Ca 200, Bl. 28)
September 1719 (→ S. 82 – 89). Diesem politisch wie dynastisch
herausragenden Ereignis trug August mit einmonatigen Festattraktionen
in und um Dresden Rechnung. Ihren Anfang nahmen die
Festlichkeiten mit dem prachtvollen Empfang der Braut, die mit
dem Bucentauro, einer venezianischen Prunkgondel, anlandete
(→ Abb. S. 18 – 19, S. 90 – 91). Das Motto des folgenden Festreigens war
der Wettstreit der Sieben Planeten, den Apoll (Sol) mit einem theatralischen
Feuerwerk zur Argonauten-Sage auf und an der Elbe
eröffnete. Kriegsgott Mars steuerte ein Ross- und Fußturnier auf dem
Altmarkt bei (→ Abb. S. 18). Jupiter war Schirmherr des Karussells der
Vier Elemente im Zwinger, das zu den prächtigsten Reiterspielen des
Barocks zählte. Unter dem Schutz Dianas (Luna) fand ein Wasserjagen
auf der Elbe statt. Merkur veranlasste eine Messe mit Nationenwirtschaft
im Zwinger (→ Abb. S. 19). Die Liebesgöttin Venus veranstaltete
ein Damenfest im Großen Garten. Den grandiosen Abschluss
bildete schließlich Saturns Bergwerksfest im Plauenschen Grund,
mit dem August die auf Bodenschätzen fußende wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit Sachsens auf fulminante Weise zur Schau stellte.
Die extremen Unkosten der Vermählung brachten das Land
jedoch auf Jahre in eine prekäre finanzielle Lage. So fanden zwar
auch weiterhin Festveranstaltungen statt, allerdings in der Regel
weniger aufwändig gestaltet. Eine Ausnahme bildete das »Caroussel
Comique« zur Fastnacht 1722 im Dresdner Zwinger, das August der
Starke anlässlich des einberufenen großen Landtags veranstaltete
und zu beträchtlichen Teilen aus seiner Privatschatulle finanzierte
(→ Abb. S. 20 – 21). Die Wettkämpfer und ihre Begleiterinnen erschienen
in Verkleidungen der Commedia dell’arte, der Kurfürst-König
präsen tierte sich als Chef der Scaramuze.
Feste am Dresdner Hof
17
Turnierkleid »Semiramis«
46
Das Kleid wurde für einen römisch-antiken
Maskeradenaufzug angefertigt. Draufhin deuten
die Ärmelzungen, der Besatz mit sogenannter
Leonischer Spitze, der Bänderverschluss an
der linken Schulter und der linken Seite sowie
das robuste Leinenfutter im Oberteil. Es hat
den Charakter eines Damenkleides mit einem
vorn offenen Rock. Oberteil und Rock sind
allerdings fest miteinander vernäht und die
für die zeitgenössische Damenmode typische
Schneppentaille fehlt. Die Dimensionen sowie
die hautfarbenen Einsätze an Dekolleté und
Hals legen nahe, dass das Kleid für einen Mann
gedacht war. Ein beidseitig beschriebener
Zettel im Ärmel mit der Notiz »Semiramis / Herzog
Heinrich zu Halle« stützt diese Annahme. Im
17. Jahrhundert war es üblich, dass bei theatralischen Darbietungen oder festlichen
Aufzügen Frauenrollen von Männern verkörpert wurden.
Die Rolle der sagenhaften Königin Semiramis kam in höfischen Maskeraden nur
selten vor, sodass die Anlässe, zu denen ein entsprechendes Kleid am sächsischen
Hof getragen wurde, überschaubar sind. Im Gefolge des legendären Königs Nimrod,
dessen Rolle jeweils Kurfürst Johann Georg II. übernahm, ist Semiramis in drei Turnieraufzügen
im Kreis der assyrischen Monarchen nachweisbar. Im Februar 1672 trat
der damals 24-jährige Kurprinz Johann Georg (III.) in der Rolle der Semiramis auf.
Möglicherweise wurde das Kleid für ihn angefertigt, obwohl es darüber keine Nachricht
gibt. Sechs Jahre später, im Februar 1678, fand im Rahmen der »Durchlauchtigsten
Zusammenkunft« ein weiterer Turnieraufzug mit König Nimrod statt. Während
Johann Georg (III.) hier die Rolle des Planeten Sol übernahm, ritt in seinem Gefolge
erneut die Königin Semiramis. Verkörpert wurde sie dieses Mal von dem 20-jährigen
Weißenfelser Herzog Heinrich, der später die Grafschaft Barby übernahm. Dass er
das Kleid trug, belegt der erwähnte Zettel. Ein drittes Mal ist die Königin Semiramis
in einem Nimrod-Aufzug im Jahr 1679 nachweisbar, bei dem Fähnrich Heinrich von
Böhlau die Rolle der Königin übernahm.
Der Seidenstoff des Turnierkleides zeigt ein Streublumenmuster aus Rosen,
Nelken und Tulpen in Farbnuancen von Rot, Grün und Blau. Beschrieben ist das
Kleid 1678 in der Inventionskammer als »römische(r) habith weiß mit bunten
blumen«. Später werden die »leonischen Spitzen« genannt, bei denen es sich um
Klöppel spitze mit Metallfäden aus Materialien wie Kupfer oder Messing handelt. An
fürstlichen Kleidern aus wertvollen Seidenstoffen wurde üblicherweise Silber oder
vergoldetes Silber eingesetzt.
Christine Nagel
Vitrine 5
Inventionskleid, Oberstoff italienisch, Schneiderarbeit
sächsisch, vermutlich 1672 (spätestens 1678), Rüstkammer,
Inv.-Nr. i. 0044
72
besetzte Reitzeug Augusts des
Starken (13.3) wurde ebenfalls
1709 hergestellt. Es war damals
noch mit rotem Samt bezogen.
1719 wurden die ursprünglichen
Sonnenaufsätze (13.2) durch
neue ersetzt und in der Folgezeit
das ganze Reitzeug mehrfach
umgearbeitet. Farblich zum damaligen
Aussehen des Reitzeugs
passend ritt August der Starke
auf dem ponceauroten und reich
silbern bestickten Sattel (13.4),
der eigentlich zu dem neben dem
Pferd präsentierten grünen Reitzeug
gehört (14.2).
Für das aufwändig inszenierte
Karussell der Vier Weltteile
am 19. Juni ließ August der
Starke von Johann Melchior
Dinglinger den mit einem Adler
und mit Glasflüssen verzierten
Inventionsschild entwerfen und
in dessen Werkstatt fertigen, der
von einer der Begleit personen
dem dänischen König als Chef
der Europäischen Quadrille
vorangeführt wurde (14.8).
Dessen Pferd trug das mit
granat besetzten Perlmuttplatten
und durchbrochenen, silbervergoldeten
Beschlägen verzierte
Reitzeug (14.11), das man 1709
aus Teilen zweier Reitzeuge von
Andreas Kellner fertigte. Diese
hatte Kurfürst Johann Georg I.
von Sachsen 80 Jahre zuvor von
seiner Gemahlin als Weihnachtsgeschenk
erhalten.
Einer der Begleiter Augusts
des Starken, der die Afrikanische
Quadrille kommandierte,
führte den mit einer Sonne und
der Inschrift »PRIVO DI TE MI
13.2
14.5
14.3 →
14.10
MORO« (»Deiner beraubt, sterbe ich«)
verzierten Inventionsschild (14.5), der
bereits anlässlich des Großen Götteraufzugs
von 1695 in der Dinglinger-
Werkstatt entstanden war. Augusts
Pferd trug eines der Reitzeuge, die bei
seiner Krönung zum polnischen König
1697 in Krakau verwendet wurden (14.2).
Damals war es, ebenso wie der zugehörige
Sattel (13.4), noch ponceaurot und
mit Bergkristallen, sogenannten Zabeltitzer
Diamanten, in Silberfassungen
verziert. Erst 1708 wurde das Reitzeug
mit grünem Samt versehen.
Auch die Schilde der anderen
Quadrillen-Chefs wurden schon 1695
in der Dinglinger-Werkstatt gefertigt.
Der Schild des als Sultan verkleideten
Herzogs Johann Georg von Sachsen-
Weißenfels zeigt einen aus einer Wolke
hervorstoßenden, geharnischten Arm,
dessen Hand ein Blitzbündel hält (14.7).
Das Motto darauf lautet »SIN AMO
Y SIN RIVAL« (»Ohne Meister, ohne
Rivalen«). Und der Schild mit dem Apfel
74
14.9
14.1
des Paris sowie der Inschrift
»A LA PLUS BELLE« (»Der
Schönsten«) wurde Herzog
Friedrich von Sachsen-Weißenfels
als Chef der Amerikanischen
Quadrille vorangetragen (14.6).
Die einfacheren, nur farbig
bemalten Blechschilde von 1695
verwendeten rangniedere Teilnehmer
der Feierlichkeiten (14.1).
Übermalungen lassen erkennen,
dass diese Schilde mehrfach
als Requisiten für Festaufzüge
herangezogen wurden, so bei den
Karussellen 1709 und 1719.
Beim Fußturnier auf dem
Dresdner Altmarkt kamen
am 10. Juni ebenfalls ältere
Sammlungsbestände zum
Einsatz, darunter Schwerter und
Harnische des 16. bzw. 17. Jahrhunderts,
von denen einige im
Riesensaal ausgestellt sind. Der
mit einer Sonne und kleinen Sternen bemalte Rundschild (14.9) wurde beim Aufzug
zum Fußturnier von einem der als »Rondazschier« bezeichneten Waffenträger geführt.
Sowohl beim Damenringrennen am 6. Juni als auch beim nächtlichen Ringund
Quintanrennen benötigte man eine große Zahl an Lanzen. Die zwei vollständig
vergoldeten und am Griff mit rotem bzw. blauem Seidensamt bezogenen Ringelstechlanzen,
die dem Hoflackierer Martin Schnell zugeschrieben werden, waren
laut den historischen Inventareinträgen bei den Feierlichkeiten von 1709 für die
beiden Könige bestimmt (13.1 und 15.3). Bei anderen Ringelstechlanzen der Dresdner
Rüstkammer lässt sich heute nicht mit Sicherheit sagen, ob man sie für die Feierlichkeiten
von 1709 oder 1719 fertigte (BW 2).
Der Säbel mit einem Knauf in Form eines Hundekopfes (14.10) gehörte zu einer
Gruppe von ehemals zwölf ähnlich aussehenden Säbeln, die von den Kavalieren
bei den »Lustbarkeiten« von 1709 getragen wurden. Bei welchem der Feste sie zum
Einsatz kamen, ist jedoch nicht überliefert. Holger Schuckelt
Großer Ballsaal
75
15.1, 15.2
13.3
15.1
76
Großer Ballsaal
13.3, 13.4
Vitrine 13
Ringelstechlanze, wohl Martin Schnell, Dresden, 1709,
Rüstkammer, Inv.-Nr. R 0286 ➀; 2 Sonnenaufsätze,
sächsisch, 1709, Rüstkammer, Inv.-Nrn. L 0454,
L 0455 ➁; Reitzeug, sächsisch, 1709, 1719 und 1733
umgearbeitet, Rüstkammer, Inv.-Nr. L 0012 ➂; Sattel,
sächsisch, vor 1697, Rüstkammer, Inv.-Nr. L 0013.15 ➃
Vitrine 14
7 Inventionsschilde, Dresden, 1695, 1709 bzw. 1719
übermalt, Rüstkammer, Inv.-Nrn. N 0081 a – g ➀; Reitzeug,
Johann Abraham Schneider, Meißen, zwischen
1691 und 1694, 1708 umgearbeitet, Rüstkammer, Inv.-Nr.
L 0013 ➁; Inventionsmaske, Johann Melchior Dinglinger,
Dresden, 1709, Rüstkammer, Inv.-Nr. N 0171 ➂;
Inventionshelm, Johann Melchior Dinglinger, Dresden,
1709, Rüstkammer, Inv.-Nr. N 0164 ➃; 4 Inventionsschilde,
Johann Melchior Dinglinger, Dresden, 1695
bzw. 1709, Rüstkammer, Inv.-Nrn. N 0166 – N 0169
➄ – ➇; Rundschild, süddeutsch, um 1600, Rüstkammer,
Inv.-Nr. Y 0396 ➈; Säbel, wohl polnisch, frühes
17. Jahrhundert, Rüstkammer, Inv.-Nr. Y 0370 ➉;
Reitzeug und Nasenband, Andreas Kellner, Torgau
1625 / 1626, 1709 umgearbeitet, Rüstkammer,
I nv.-Nrn. L 0004, L 0071 11
Vitrine 15
Reitzeug, sächsisch, 1709, Rüstkammer, Inv.-Nrn.
L 0156, L 0484 ➀; Sattel, wohl sächsisch, vor 1709,
Rüstkammer, Inv.-Nr. L 0599 ➁; Ringelstechlanze,
wohl Martin Schnell, Dresden, 1709, Rüstkammer,
Inv.-Nr. R 0287 ➂
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Porzellankabinett im
Turmzimmer
Prominenter Schauraum der Königlichen Porzellanmanufaktur
in Meißen
Als August der Starke anlässlich der Hochzeit des Kurprinzen mit
der Kaisertochter Maria Josepha von Österreich 1719 die
barocken Paraderäume in der Festetage der Dresdner Residenz
einrichten ließ, nutzte er die schützenden dicken Mauern des
Hausmannsturms, um im zentralen Raum des Nordflügels das
Silberbuffet zu inszenieren.
Nach dem Umzug der monumentalen Silbergefäße und
-geschirre in das Grüne Gewölbe, trat Mitte der 1730er Jahre das
»weiße Gold« an ihre Stelle. Auf vergoldeten Konsolen vor rot
lackierten Wänden stellte August III. nun Glanzstücke der europaweit
einzigartigen und vielbeneideten Meissener Porzellanmanufaktur
zur Schau. Auch herausragende Beispiele ostasiatischen
Porzellans wurden von der königlichen Sammlung im
Japanischen Palais in das neu eingerichtete Porzellankabinett im
Residenzschloss überführt. Komplettiert wurde die Ausstattung
durch silberne Gueridons zur Aufstellung von Kerzenleuchtern –
bis heute eine Reminiszenz an das vormalige Silberbuffet.
Mit kleinen Veränderungen blieb das barocke Porzellankabinett
bis zur Zerstörung des Schlosses 1945 bestehen. Die
Raumausstattung ging beim Bombardement Dresdens verloren
und wurde basierend auf Plänen, Zeichnungen und Fotografien
rekonstruiert. Das Porzellan war ausgelagert und hat sich teilweise
erhalten. Die leeren Wandkonsolen erinnern an die großen
Verluste in den Wirren der Nachkriegszeit. Mit den plastisch
überbordenden Elementvasen des Hofbildhauers Johann Joachim
Kaendler kehrten aber auch Meisterwerke der Meissener
Porzellanmanufaktur an ihren ursprünglichen Aufstellungsort
zurück. Julia Weber
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