Stellenwert neuer Medien und neuer Technologien in Lateinamerika

home.uni.osnabrueck.de

Stellenwert neuer Medien und neuer Technologien in Lateinamerika

Stellenwert neuer Medien und neuer Technologien in

Lateinamerika

Uwe Afemann

Universität Osnabrück

Vortrag im Rahmen des Seminars "Europa - Lateinamerika: Zwischen Geschichte und Gegenwart"

am 14.5.2002 an der Gustav Heinemann Bildungsstätte, Malente

Wenn man über den Stellenwert der neuen Medien und Technologien, also des Internet, in

Lateinamerika sprechen will, muss man sich zuerst ein wenig mit der lateinamerikanischen

Realität auseinandersetzen. Erst dann ist es möglich, die Bedeutung der neuen Informationsund

Kommunikationstechnologien einschätzen zu können.

Alle Länder Lateinamerikas gehören zu den Entwicklungsländern, d. h. gehören zu den Ländern

mit niedrigem Einkommen. Nur drei Länder haben es in den letzten Jahren geschafft, in

die Gruppe der am meisten entwickelten Ländern, eine Einstufung durch das Entwicklungs-

programm der Vereinten Nationen, welche nicht nur das Einkommen betrachtet, zu gelangen.

Dies sind Argentinien, Chile und Costa Rica mit einem Human Development Index größer als

0,8. Alle anderen Länder gehören bis auf Haiti, das am wenigsten entwickelt ist, zu den Ländern

mit einem mittleren Human Development Index.

Bezogen auf die Pro-Kopf-Einkommen, fallen alle Länder in die Kategorie der Staaten mit

mittlerem Einkommen, d. h. mit einem BIP pro Kopf zwischen 756 und 9265 $. Einzige ne-

gative Ausnahme ist wieder Haiti. Deutschland hat ein Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von

23742 Dollar.

Mexiko ist das einzige lateinamerikanische Land, das zu den OECD-Staaten gehört.

Lateinamerika hat ca. 500 Millionen Einwohner, wobei Brasilien mit 175 Millionen und Me-

xiko mit 101,8 Millionen die bei weitem bevölkerungsreichsten Staaten sind. Zum Vergleich:

Europa hat ca. 800 Millionen Einwohner, Deutschland 82 Millionen.

Von den 500 Millionen Lateinamerikanern leben drei Viertel in Städten, d. h. die Verstädterung

ist fast so hoch wie in den Industriestaaten. Die Wachstumsrate der Bevölkerung liegt

bei zwei Prozent und damit drei mal so hoch wie in den Industrienationen. Kein Wunder das

ein Drittel der Bevölkerung jünger als 15 Jahre ist. Bei uns sind dies nur knapp 16 %. Alte

Menschen über 65 Jahren machen nur 5 % aus, in Deutschland sind dies mehr als 16 %.

Zwischen 10 % in Mexiko und über 50 % in Peru, heute auch in Argentinien, Venezuela,

Ecuador oder Haiti und Guatemala leben unterhalb der Armutsgrenze. Selbst in Chile lebt ein

Fünftel der Bevölkerung in Armut.

Uwe Afemann Seite 1 von 28 15.08.02


Fast alle Länder sind multiethnische und multikulturelle Länder.

Die Analphabetenrate liegt bei durchschnittlich 12 %, im größten lateinamerikanischen Land

Brasilien sogar bei 15 %. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Die Lebenserwartung eines Lateinamerikaners ist 5 bis 10 Jahre unter der in Deutschland, mit

einer Ausnahme, nämlich Kuba. Hier ist die Lebenserwartung ähnlich der in Deutschland.

Lateinamerika zählt zu den Regionen mit den größten Einkommensunterschieden. Besonders

krass sind die Unterschiede in Brasilien. Die Hälfte der Lateinamerikaner gilt als arm. Eine

Folge davon sind hohe Kriminalitätsraten in den großen Städten. Die Zahl der Arbeitslosen

und Unterbeschäftigten liegt bei 50 % und mehr. Die meisten Menschen sind im sogenannten

informellen Sektor beschäftigt. In den Statistiken wird dies häufig mit Dienstleistungssektor

umschrieben.

Eins der wichtigsten Ausfuhrgüter Lateinamerikas sind gegenwärtig seine Menschen.

Internet - ein Allheilmittel?

Lassen Sie mich nach dieser kurzen Lagebeschreibung Lateinamerikas zum eigentliche

Thema meines Vortrages kommen.

Auf der letzten UNCTAD-Konferenz in Bangkok im Februar 2000 entstand das neue Kunst-

wort „E-velopment“, zusammengesetzt aus E-Commerce und Development (Entwicklung). Es

sollte suggerieren, dass durch Internet und elektronischem Handel die Dritte-Welt-Länder ihre

Entwicklungsprobleme lösen könnten. Auch die Okinawa-Erklärung der G7/G8 Länder vom

Sommer 2000 ließ ähnliches verlauten. Die von den G8-Staaten eingesetzte Digital Opportu-

nity Task Force, kurz DOT Force genannt, formuliert dies in ihrem Bericht vom Mai 2001 allerdings

etwas vorsichtiger. Die Erklärungen vom letzten Amerikagipfel in Kanada aus 2001

betonen dagegen sehr stark die angeblichen Potentiale des Internets. Die UNDP Agenda for

Action 2000 - 2001 “Driving Information and Communications Technology for Development“

zählt gleich im ersten Absatz die möglichen Einsatzfelder der neuen Technologien und deren

Ziele auf, nämlich Armutsreduzierung, Grundgesundheitsversorgung, Bildung und Ausbildung,

wirtschaftliches Wachstums, Steigerung des menschlichen Wohlstandes insgesamt so

wie Stärkung der Demokratie. Dieser Aktionsplan datiert vom Oktober 2000.

Was steckt hinter diesen Plänen? Vielleicht ist es der sinkende Absatz von PCs in den Industrieländern.

Weltweit wurden im dritten Quartal 2001 zwischen 11,6 und 13,7 % weniger PCs

verkauft als im Vergleichszeitraum im Vorjahr, in den USA sogar 21 % weniger und in

Deutschland immerhin 17,2 %..

Uwe Afemann Seite 2 von 28 15.08.02


Und was die Ursachen der katastrophalen Lage der Menschen angeht, so muss man feststellen:

Ungerechtigkeit und Armut, ungleiche Einkommensverhältnisse in den Ländern und unter

den Ländern haben fast nichts mit fehlender Technik zu tun. Hauptursache sind die politischen

und sozialen Bedingungen, die von den Regierungen und den weltweit agierenden

Firmen bestimmt werden.

Die Erklärung von Neu Delhi

Gerade habe ich erwähnt, wie die Regierungen und internationalen staatlichen Organisationen

das Internet einsetzen wollen. Natürlich haben auch die Nichtregierungsorganisationen formuliert,

was sie sich von den Neuen Medien versprechen.

Eine berühmte Erklärung von NRO ist die Erklärung von Neu Delhi von 1994. In ihr betonen

die Vertreter von NRO aus allen Kontinenten, für Lateinamerika war u. a. Peru vertreten, insbesondere

das Recht auf Information, aber auch das Recht darauf andere zu informieren. Der

Informationsfluss soll also keine Einbahnstraße sein.

Da schon damals eine zunehmende Kommerzialisierung des Internets zu beobachten war,

setzten sie dem die Forderung nach einer globalen Demokratisierung entgegen.

Um dem Süden die Teilnahme am Segen der Neuen Medien zu ermöglichen, schlugen sie In-

ternetsteuern vor, welche den Zugriff auf das Internet im Süden subventionieren sollte. Diese

Idee wurde dann auch vom UN-Generalsekretär übernommen.

Die Besteuerung des Internet ist in den Industrienationen umstritten. Die USA ist dagegen,

Japan und Deutschland sind z. B. dafür.

Der weltweit größte Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen - Bürgerinitiativen

- auf dem Gebiet der Telekommunikation ist das APC mit Sitz in San Francisco. Schwerpunk-

te der Arbeit sind die Menschenrechte, der Umweltschutz und die Verbesserung der Lebensbedingungen

der Menschen vor allem in der Dritten Welt. Daneben sind auch Frauenfragen

ein wichtiges Aktionsfeld.

Es gibt auch kritische Stimmen zum Einsatz von Computernetzen für Basisorganisationen in

der Dritten Welt. Eine davon ist die von Prof. Claudio Pinhanez aus Brasilien. Er befürchtet

eine Überbewertung von Erste Welt Lösungen durch den Einsatz von Computernetzen und

den Bedeutungsverlust von Basisführern ohne Computerkenntnissen.

Internetstatistik

Zuerst möchte ich kurz einige statistische Daten zur Infrastruktur präsentieren.

Uwe Afemann Seite 3 von 28 15.08.02


Die Zahl der Internet-Hosts, der Rechner die Internetdienste anbieten, ist in den letzten Jahren

stark angestiegen. Anfang 2001 gab es ca. 110 Millionen solcher Rechner. Von diesen befinden

sich 84,7 % in den G7-Staaten, welche knapp 12 % der Weltbevölkerung ausmachen. Die

vier bevölkerungsreichsten Länder aus Asien, Afrika und Lateinamerika als da sind China,

Indien, Nigeria und Brasilien, sind Heimat von nicht einmal 1 % aller Rechner und mehr als

die Hälfte dieser Rechner kommt aus Brasilien. Diese Staaten beherbergen aber ca. 43 % der

Weltbevölkerung.

Übrigens geht 98 % des weltweiten Datenverkehrs über die USA. Bis auf Brasilien gab es bis

Mitte 2000 kein Land, das innerstaatliche Verbindungen ermöglichte.

Wo kann man in den Entwicklungsländern Internet nutzen? Internetzugang ist überwiegend

nur in den Hauptstädten möglich, mit Ausnahme einer handvoll Ländern mit Zugang auch in

anderen Städten.

Der Bevölkerungsanteil mit Zugang zum Internet ist in den Industrienationen relativ hoch,

über 50 % in den USA, in den Entwicklungsländern aber extrem niedrig. In Lateinamerika

sind es von ca. 519 Millionen nach neuesten Zahlen vom Februar 2002 nur ungefähr 25,3

Millionen Menschen, d. h. nicht einmal fünf Prozent der Bevölkerung.

Kanada / USA

181,23 (59,09 %)

Mittlerer Osten

4,65 (2,73 %)

Internetnutzer in Millionen

Stand Februar 2002

insgesamt: 544,2 Millionen

(in Klammer regionaler Bevölkerungsanteil)

Lateinamerika

25,33 (4,95 %)

Afrika

4,15 (0,54 %)

Asien/Pazifik

157,49 (4,59 %)

Europa

171,35 (21,46 %)

Uwe Afemann Seite 4 von 28 15.08.02


Anders ausgedrückt: Das reichste Fünftel der Welt stellt 93 % der Internetnutzer, das ärmste

Fünftel dagegen nur magere 0,2 %, so die Zahlen vom Economic and Social Council der Vereinten

Nationen vom August 2000.

Die Prozentzahlen zur Internetnutzung reichen nach Angaben der ITU vom März 2002 von

0,36 % für Haiti über 1 % in Kuba und 10 % in Brasilien bis 20 % in Chile. Allerdings sind

diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen, da die Angaben je nach Quelle sehr stark schwanken.

Für Deutschland nennt die ITU einen Prozentsatz von 36% der Bevölkerung die Zugang zum

Internet haben.

Diese Zahlen zur Internetnutzung sagen allerdings noch nichts über die Möglichkeiten der

Nutzungsintensität aus. Chile und Uruguay z. B. haben eine ähnliche Zahl von Internetnutzern

pro Bevölkerung. In Uruguay ist die Nutzungsintensität aber fast viermal so hoch wie in Chile.

Ähnlich sind die Verhältnisse auch zwischen der Dominikanischen Republik und Paraguay.

Digital Divide

Der Digitale Graben zwischen dem Norden und dem Süden zeigt sich auch an folgenden

Zahlen:

Die 15 % Reichsten er Welt, besitzen 55 % aller festen Telefonanschlüsse, 65 % der Mobiltelefone

und stellen 74 % der Internetnutzer.

Dieser Graben macht sich aber nicht nur an der Infrastruktur fest sondern auch an den wirtschaftlichen

Daten:

Hauptnutzer sind die einkommensstarken, gutausgebildeten und männlichen Menschen aus

den Entwicklungsländern. In Chile kommen 68 % aller Internetnutzer aus dem einkommensstärksten

Viertel der Bevölkerung. In Argentinien stellen die reichsten 11 % der Bevölkerung

48 % der Nutzer und die meisten von ihnen wohnen in Buenos Aires. In Venezuela kommen

Uwe Afemann Seite 5 von 28 15.08.02


60 % der Internetnutzer aus Caracas und das obere reiche Fünftel der Bevölkerung stellt den

Löwenanteil der Nutzer.

38 % der städtischen Internetnutzer sind Frauen.

Ein anderer Faktor ist kultureller und sprachlicher Natur. Ich gehe später noch genauer darauf

ein.

Voraussetzungen

Um Zugang zum Internet zu haben, bedarf es einiger technischer Voraussetzungen: 1. Telefon,

doch 80 % der Weltbevölkerung kennt kein Telefon. Weltweit gibt es ca. 1 Milliarde Telefone.

Über 40 % davon stehen in den G7-Staaten mit nur 12 % der Bevölkerung. Bei uns

gibt es in jedem Haushalt mindestens ein Telefon, in den Entwicklungsländern beträgt die Telefondichte

knapp 6 Anschlüsse pro 100 E. In Lateinamerika beträgt sie 16. Auch hier

schwanken die Telefondichten beträchtlich. Auf den kleinen karibischen Inseln sind die Telefondichten

meist sehr hoch, in den Andenländern zwischen 6 und 10, und in Brasilien 21,7.

Auch hier ist Haiti Schlusslicht mit nur einem Telefon pro 100 Einwohner. Kuba befindet sich

mit einer Telefondichte von 5 in guter Gesellschaft mit Guatemala, Honduras, Nikaragua und

Paraguay.

Infrastrukturdaten einiger Entwicklungsregionen

Einwohner

Internetnutzer

Region

in Mill. Telefondichte PC-Dichte in %

Arabische Staaten 249,18 8,33 2,01 1,54

Ostasien und Pazifik 1781,75 11,81 2,23 3,04

Südasien 1411,45 3,53 0,80 0,58

Lateinamerika und Karibik 520,75 16,13 5,43 4,90

Südeuropa 66,96 28,88 4,29 3,96

Afrika südl. der Sahara 623,99 1,45 0,91 0,83

Quelle: ITU, 25.3.2002, Daten für 2001

Die Zahlen zur Internetnutzung stimmen nicht mit denen von Nua überein.

Das die Telefone auch ungleich innerhalb eines Landes verteilt sind, zeigt das Beispiel Mexiko.

Im Schnitt gibt es 11 Telefone pro 100 Einwohner, in Chiapas aber nur 3. Oder auch Kuba,

mit einer Telefondichte von 5 im Durchschnitt und über 10 in La Habana werden auch

hier die Unterschiede deutlich. In Peru beträgt die Telefondichte in der Hauptstadt Lima 15, in

Arequipa und Tacna 8 und in den übrigen Departements weniger als 4,2. In Ecuador ist die

Telefondichte in den Städten viermal so hoch wie auf dem Lande.

Uwe Afemann Seite 6 von 28 15.08.02


Vergleich der Telefonqualitäten

Staat jährliche Störungen pro

100 Hauptleitungen

Argentinien 17,29

Chile 52

Brasilien 2,81

Kolumbien 59,9

Dominikanische

Republik

133,20

Mexiko 2,22

Peru 17,11

Guatemala 42,2

Jamaika 79,2

Deutschland 8,7

Quelle: The Global Information Technology Report 2001-2002:

Readiness for the Networked World, Center for Development at Harvard University

Als zweites braucht man einen Computer mit Modem. Zwei Drittel der ca. 1/2 Milliarde

Computer der Welt befinden sich in den G7-Staaten. In den USA haben 6 von 10 Menschen

einen Computer, in den meisten Ländern LA nicht einmal einer von zwanzig. In Argentinien

sind es 5 % der Bevölkerung, in Chile 8 %, in Brasilien 6 % und in Mexiko ca. 7 %. Kuba

liegt mit 2 Computern pro 100 Einwohner am unteren Ende der Skala. Für Haiti liegen keine

Zahlen vor.

Die Welt bei Nacht

Und drittens braucht ein Computer elektrischen Strom. In Lateinamerika waren 1990 82 %

der städtischen Bevölkerung ans Stromnetz angeschlossen, auf dem Lande aber nur 40 %. So

wie bei allen Infrastrukturdaten, die ich bisher genannt habe, handelt es sich dabei um Durchschnittswerte.

Brasilien ist zu etwa 80 % elektrifiziert, Chile zu 95 % und Bolivien zu ca. 60

Uwe Afemann Seite 7 von 28 15.08.02


%. Auch innerhalb der Länder ist die Versorgung sehr ungleich. Peru ist z. B. zu 73 % elektrifiziert,

aber 62 % der Landbevölkerung lebt ohne Strom, wo hingegen „nur“ 25 % der städtischen

Bevölkerung auf elektrischen Strom verzichten muss. Bezogen auf die Regionen ist die

Hauptstadt Lima mit mehr als 8 Millionen Einwohnern zu 99 % versorgt, die an der Bevölkerungszahl

zweitgrößte Region Cajamarca mit 1,5 Millionen Einwohnern jedoch nur zu 29 %.

Alternativen

Wie wir gesehen haben ist der Mangel an Telefonleitungen ein Haupthindernis zur Nutzung

des Internets. Da kommt man schnell auf den Gedanken alternative Techniken zu nutzen.

Man würde zwei Fliegen mit einer Klappe treffen, könnte man Internet über das Stromkabel

nutzen. Siemens hat z. B. auf der Cebit 1999 entsprechende Projekte vorgestellt und gerade

laufen in Deutschland erste Feldversuche an. In meiner Heimatstadt Osnabrück nimmt eine

Berufsschule gerade an einem solchem Pilotprojekt teil. Ein Problem dabei ist die Störung des

Rundfunkbetriebes. Doch für die Entwicklungsländer ist das Hauptproblem das fehlende

Stromkabel. Viele Firmen ziehen sich mittlerweile aber schon wieder zurück aus der Power-

line-Entwicklung, so E.ON, die Berliner BeWag, Siemens, Nortel und United Utilities. Noch

dabei ist z. Zt. das RWE.

Internet über Handy klingt verlockend und mittlerweile gibt es so viele Handys wie Festnetztelefone.

Doch mit 15,8 Handys pro 100 E. in Lateinamerika ist da nicht mehr zu machen als

über eine Festnetzverbindung. Außerdem lassen sich mit dem Handy nur Datenübertragungen

von 9,6 Kbps erreichen. Das reicht gerade mal für E-Mail. Und dann brauchte man viele, sehr

viele Funkstationen. Handys gibt es vor allem in den Städten. Handygebühren werden in LA

über prepaid bezahlt, z. B. zu 80 % in Mexiko und zu 73 % in Venezuela.

Eine andere Option ist die Nutzung von Radio- und Fernsehfrequenzen. Je nach zu überbrückender

Entfernung und geographischen Bedingungen sind unterschiedliche Frequenzen zu

nutzen. Hier entstehen pro Sende- und Empfangsstation Kosten zwischen 1500 und 10000

Dollar. Und dann gibt es noch reichlich technische Probleme. Das Pfeifen beim Kurzwellenempfang

dürfte Ihnen z. B. bekannt sein. Die Firma Bushnet in Goma im Kongo nutzt z. B.

diese Technik um E-Mail zu verteilen. Pro DIN A4-Seite Daten müssen 2 - 3 Dollar bezahlt

werden. Aber immerhin, diese Post funktioniert.

Der Einsatz von Satelliten ist ein weitere Möglichkeit, doch sind hier die Kosten weitaus höher.

Aber auch dieses wird bereits genutzt, z. B. durch VITA, einer NGO aus den USA zur

technischen Unterstützung in Entwicklungsländern. Die Datenübertragung wird über den Inmarsat-Satelliten

realisiert. Hier kostet eine Minute Datenübertragung 1,50 $ und die Übertragungsgeschwindigkeit

ist mit 2,4 Kbps sehr niedrig.

Uwe Afemann Seite 8 von 28 15.08.02


In Honduras werden Satellitenschüsseln zur Verbindung mit dem Internet über geostationäre

Satelliten eingesetzt. Das Projekt wird von der IADB finanziert. Eine feste Datenleitung kostet

ca. 1500 $ monatlich. Als Dial-up-Variante muss man immer noch 100 $ bezahlen. Die

Übertragungsgeschwindigkeit entspricht der einer ISDN-Leitung. In Kolumbien soll diese

Technik für das Fernlernen eingesetzt werden. Ziel ist, 650 Schulen ans Netz zu bringen.

Offensichtlich ist das Geschäft mit Satellitenverbindungen aber nicht besonders attraktiv,

denn es sind schon viele Anbieter Pleite gegangen. Eine zuletzt in Schwierigkeiten geratene

Firma in diesem Bereich ist Globalstar, die noch in vielen Untersuchungen hochgelobt wurde.

Globalstar machte vor allem in LA Reklame.

Und eine neueste Idee kommt aus Indien. Hier will man die parallel zum Schienennetz verlegten

Kabel zur Datenübertragung nutzen. Das Eisenbahnnetz in LA ist aber nicht besonders

gut ausgebaut.

Investitionskosten

Investitionen zur Verbesserung

der Infrastruktur

Bei einem Ziel von 15 Telefonen und 15 Computern pro

100 Einwohnern

Staat EinInternetTele- PCs Anteil an Anteil an städ- notwendige notwennotwenAuslands- GNP in

wohnernutzerfone pro WeltbeInternettische Investition dige PC- digeGeschulden Mrd.

pro 1000 völkenutzerBevölke- im Investitiosamt in Mrd. Dollar

1000 rungrungTelefonbenen

in investi Dollar

E.

reich in Mrd. Mrd. Dollar

Dollar

tionen (1998)

Nigeria 106,4 100000 4 6 1,83% 0,03% 42,2 51 23 74 30,375 41,4

Indien 982,2 4500000 22 3 16,88% 1,19% 27,7 489 217 706 98,232 430

China 1255,7 16900000 70 9 21,58% 4,48% 32,7 371 266 636 154,599 959

Brasilien 165,9 8650000 121 30 2,85% 2,29% 80,2 9 30 38 232,004 778,2

2510,2 30150000 43,13% 7,98%

Kosten pro Hausanschluss:

in der Stadt: 1000 $

auf dem Lande: 5000 $

Die von mir genannten Kosten zur alternativen Internetnutzung machen deutlich, dass bisher

der Telefonanschluss mit 1000 Dollar Anschlusskosten im städtischen Bereich und ca. 5000

Dollar im ländlichen Bereich immer noch der kostengünstigste ist. In der Tabelle habe ich die

Kosten aufgeführt, die notwendig wären, um auf eine Telefondichte von bescheidenen 15 Anschlüssen

pro 100 E zu kommen. 1997 kam Lisa Sykes in einem Beitrag für die Zeitschrift

New Scientist auf Gesamtinvestionskosten von 466 Milliarden Dollar für die Entwicklungs-

Uwe Afemann Seite 9 von 28 15.08.02


länder, um das Ziel von 14 Anschlüssen im Jahr 2000 zu erreichen. Davon sind wir mit knapp

6 Anschlüssen noch weit entfernt.

Wie man der Tabelle entnehmen kann, betragen die notwendigen Investitionen, wenn man

auch noch die Computerbeschaffung hinzunimmt in den aufgeführten Beispielländern z. T.

das Doppelte des Bruttoinlands-produktes der jeweiligen Länder. Meine Berechnungen sind

sogar noch sehr optimistisch, da sie davon ausgehen, dass jeder angeschaffte Rechner ans

Internet angeschlossen wird. Dies ist tatsächlich nicht der Fall. Um die tatsächlichen Kosten

vollständig angeben zu können, müsste noch die Elektrifizierung und die Ausbildung berücksichtigt

werden.

Kosten und Gebühren

Neben den Kosten zur Einrichtung eines Telefons oder einer drahtlosen Internetverbindung

fallen weitere Gebühren und Kosten an.

Einmal müssen die reinen Internetverbindungsgebühren bezahlt werden. Als Faustregel kann

man festhalten, je ärmer ein Land desto höher die Internetgebühren. Besonders ins Gewicht

fällt dabei noch, dass sich eigentlich die absoluten Kosten gar nicht so sehr unterscheiden - so

um die 20 Dollar -, entscheidend sind vielmehr die relativen Kosten. Ein Mensch aus Hondu-

ras muss 32 % des BIP für jeweils monatlich 20 Stunden Internet pro Jahr bezahlen, ein Deutscher

dagegen nur etwas mehr als ein Prozent. In Chile, ein Land das zu den einkommensrei-

chen Ländern gehört sind es immerhin 4,5 %. (Center for International Development at Havard

University)

Dass das Einkommen der Menschen in den Entwicklungsländern ein entscheidender Faktor

bei der Internetnutzung ist, zeigt sich auch an der aufzubringenden Arbeitszeit zum Kauf ei-

nes Computers. Ein deutscher Arbeitnehmer muss vielleicht ein Monatseinkommen für einen

guten Computer hinlegen, ein Arbeitnehmer aus Peru fast sein ganzes Jahresgehalt.

Ein Peruaner verdient in der Regel nicht mehr als 75 Dollar im Monat. Mehr als die Hälfte

aller Peruaner gelten als arm, d. h. haben nicht mehr als diese 75 Dollar. Außerhalb Limas

liegt die Armutsgrenze etwa 20 Dollar niedriger.

Zu dem müssen Computer, Telefon und Internetgebühren in Dollar bezahlt werden und nicht

in der Landeswährung.

Uwe Afemann Seite 10 von 28 15.08.02


Wie wird das Internet genutzt?

Kontakt zur Heimat

Bevor ich auf die von den Regierungen und NGO genannten Anwendungsbereiche eingehe,

möchte ich die Nutzung ansprechen, die viele Emigranten und Auslandsstudenten betreffen.

Besonders Ecuador und Argentinien „exportieren“ gerade viele Menschen nach den USA

bzw. nach Europa auf grund der sehr schlechten wirtschaftlichen Aussichten.

Diese fern der Heimat aus den Entwicklungsländern lebenden Menschen, die meist zur Elite

der Dritten Welt gehören, nutzen das Internet um über E-Mail und Newsgroups Kontakt zu

ihren Verwandten und dem Herkunftsland zu halten. Zum einen bietet sich hier ein Forum zur

Diskussion über Probleme des Auslandsaufenthaltes und damit ein Mittel zur Überwindung

der Eingewöhnungsschwierigkeiten. Zum anderen lassen sich regionale und überregionale

persönliche Kontakte knüpfen, welche helfen die Isolierung in einem fremden Land zu meistern

oder abzumindern. Daneben bietet eine solche Liste die Möglichkeit, schnell an Informationen

aus dem Heimatland zu kommen bzw. Informationen schnell und relativ kostengünstig

ins Heimatland zu versenden. Die gelbe Post ist hier mit dem Transport von Briefen nicht

konkurrenzfähig.

Zunehmend sind immer mehr Zeitungen auch aus Entwicklungsländern im Internet vertreten.

Und gerade die im Ausland befindlichen Studenten und Arbeitsemigranten dieser Länder le-

sen die Online-Zeitungen. In Bezug auf Peru sind es z. B. überwiegend Auslandsperuaner, vor

allem die aus den USA (ca. 44 %), welche vom Informationsangebot der Presse im peruani-

schen World Wide Web Gebrauch machen. Inlandsperuaner nutzen nur zu ca. einem Drittel

diese neuen Informationsquellen.

Viele Radiostationen und Fernsehstationen aus Entwicklungsländern bieten Online-Übertragungen.

Häufig dienen dieses Internet-Foren, wie z. B. auch entsprechende Newsgroups, dazu tagespolitische

Geschehnisse und längerfristige Entwicklungen zu debattieren. Ab und an kommen

auch entwicklungspolitische Initiativen zustande wie das Projekt Quipunet aus dem Jahre

1995. U. a. verschickt diese Initiative aus den USA gebrauchte Computer nach Peru.

Telezentren, Cybercafés

Um Menschen trotz der geringen Einkünfte den Zugang zum Internet zu ermöglichen, ist man

in den Entwicklungsländern dazu übergegangen, Telezentren zur gemeinsamen Nutzung einzurichten.

Ein solches Zentrum ist so etwas wie ein Postamt, das neben einem Telefon auch

Fax, Computer, Internet und Schulung anbietet. Die Einrichtung kostet zwischen 40000 und

Uwe Afemann Seite 11 von 28 15.08.02


100000 Dollar. Z. Zt. gibt es diese Einrichtungen fast nur in den großen Städten. Diese Telezentren

sind mehr als die vielleicht aus den Touristenzentren bekannten Cybercafés. Die Besucher

der Cybercafés sind entweder kaufkräftige Touristen oder besserverdienende Einheimische,

die sich bereits mit Computern auskennen. Das Panos-Institut aus London zweifelt

daran, ob sich die Telezentren auf die ländlichen Gebiete ausdehnen werden, da hier zu wenig

Kaufkraft vorhanden ist. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen jedenfalls setzt auf dieses

Modell.

Die Befürchtungen von Panos scheinen sich zu bestätigen. In der Republik Südafrika überlebten

nur ein Drittel aller gesponserten Telezentren und in Mexiko außerhalb der Hauptstadt

nur drei von 16 Initiativen.

Die „cabinas públicas“, das peruanische Modell der Telezentren, war Vorbild für viele andere

Initiativen in Lateinamerika. Die meisten Telezentren finden sich jedoch in den Städten. Auf

grund der hohen Zahl dieser Einrichtungen und der daraus entstandenen Konkurrenzsituation

sind die Nutzungsgebühren von ursprünglich 5 Dollar auf unter einem Dollar pro halbe Stun-

de gefallen. Viele Zentren sind deshalb nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. Die Regierung

von Hugo Chavez in Venezuela hat übrigens Mitte letzten Jahres damit begonnen, seinen Bür-

gern einen kostenfreien Zugang zum Internet zu gewähren. Auch in Kuba gibt es mittlerweile

Internetcafes und die Postämter sollen ihren Bürgern E-Mail-Möglichkeiten bieten.

Entwicklungsländer sind erfinderisch. Neben stationären Telezentren gibt es zunehmend auch

Telezentren auf Rädern, z. B. den Cyberbus in Malaysia oder die mobilen Community Tele-

centres in Nigeria.

Erfolgversprechend ist vielleicht das Verschmelzen von alten und neuen Kommunikations-

technologien wie Radio und Internet. Hier recherchiert der Sender stellvertretend für seine

Hörer im Internet und gibt seine Ergebnisse in den Nationalsprachen über das Radiopro-

gramm bekannt. In Bolivien wird dies z. B. durch die Radiostation Yungas für die ländliche

Bevölkerung gemacht. Oder die lateinamerikanische Nachrichtenagentur Pulsar versorgt mittlerweile

Tausende von unabhängigen Radiostationen in über 50 Ländern per Internet mit Informationen.

U. a. werden Informationen als mp3-Dateien verschickt. Übrigens half die

UNESCO bei der Finanzierung unabhängiger Radiostationen in der Karibik.

Nebenbei bemerkt schlägt das UNDP vor die E-Mail zu besteuern, um so die Finanzierung

des Internetzugangs für wirtschaftliche schwache Menschen zu ermöglichen.

Uwe Afemann Seite 12 von 28 15.08.02


Indigene im Internet

Die indianische Bevölkerung Lateinamerikas beträgt ca. 10 % der Gesamtbevölkerung. Sie

macht aber 25 % der Armen aus und ist damit mehr als überrepräsentiert. Indianische Bevölkerung

gibt es vor allem in Mittelamerika, z. B. in Guatemala und Mexiko, oder in den Andenstaaten

wie Peru, Bolivien und Ecuador.

Der Bevölkerungsanteil der Amazonasindianer ist sehr gering. Länder wie Argentinien oder

Uruguay haben fast keine indianische Bevölkerung.

Es ist auf grund der Armutssituation nicht verwunderlich, das indianische Kinder weniger zur

Schule gehen als ihre anderen Altersgenossen. Besonders krass ist der Unterschied in Guatemala.

Hier beträgt die Einschulungsrate im Schnitt 83 %, die der indianischen Kinder aber nur

73 %. Oder Bolivien, hier werden landesweit 82 % der Kinder eingeschult, von den Indiokindern

jedoch nur 68 %.

Es sind jedoch auch einige ganz wenige Indianer im Internet vertreten. Die Kariña-Indianer

aus Venezuela, die den großen Ölfirmen im Weg sind, die Vereinigung der Amazonas-India-

ner aus Venezuela und die Asháninka aus Peru, die mit 100000 größte Gruppe der Amazonasindianer

dieses Landes. Die Asháninka vermarkten einen Teil ihrer Apfelsinen über das Internet.

Elektronischer Handel

Als eine Entwicklungschance im Internet gilt gemein der E-Commerce, also der Handel und

Vertrieb von Waren und Dienstleistungen über das Internet, so formuliert es auch der letzte

UNCTAD-Bericht vom November 2001. Z. Zt. spielt sich der elektronische Handel nur in den

Industrienationen ab, obwohl er auch hier gemessen am Gesamtumsatz noch relativ unbedeu-

tend ist. Allein die USA beherrschen 61,7 % des Handels über das Internet. Westeuropa ist

mit 18,7 % vertreten und der Rest der Welt ohne Japan und Kanada kommt gerade mal auf

3,8 %. E-Commerce-Kunden aus Lateinamerika kaufen zu 75 % Waren außerhalb ihrer Region,

überwiegend in den USA. In LA spielt sich der E-Commerce fast nur in Brasilien ab

(88 %, Stand 1999). Daneben sind noch Chile, Argentinien und Venezuela zu erwähnen. Den

Löwenanteil macht hier der Handel zwischen Firmen aus, also der sog. B2B-E-Commerce. In

Chile z. B. wurde letztes Jahr ein Umsatz von 426 Millionen Dollar im B2B-Bereich erzielt,

im B2C-Sektor aber nur 35,7 Millionen Dollar. In Argentinien und Venezuela sind die Verhältnisse

ähnlich, allerdings auf halben Niveau.

Warum sollen sich die Entwicklungsländer dem E-Commerce zuwenden? Ein Hauptargument

ist, dass sich dadurch die Wettbewerbsfähigkeit verbessern ließe, ein weiteres Argument ist

Uwe Afemann Seite 13 von 28 15.08.02


die Möglichkeit zu einem schnellern Reagieren auf veränderte Marktbedingungen und nicht

zuletzt böte der Auftritt im Internet ein Fenster zum globalen Markt.

Doch für die Entwicklungsländer stellt sich dies anders dar. Sie hängen überwiegend von Monokulturen

ab und sind darauf angewiesen ihre Waren jederzeit zu verkaufen. Sie können sie

nicht zurückhalten, wenn die Preise gerade niedrig sind. Die Vermarktung der Rohstoffe liegt

meist auch in den Händen multinationaler Konzerne, abgesehen vielleicht vom Erdöl. Und

nicht zuletzt sind ungleiche Handelsbeziehung und Zollschranken wichtigere Hindernisse zur

Entwicklung einer gesunden Wirtschaft. Die von den Industrienationen aufrecht erhaltenen

Zollschranken sind auch nach Ansicht von Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul ein

Haupthindernis zur Ausweitung des Handelsvolumens der LDC-Staaten. Insbesondere der

Umstand, dass die Importzölle mit dem Grad der Veredelung steigen, sorge dafür, dass diese

Länder auf dem Stand von Rohstofflieferanten gehalten werden.

Vergessen werden darf auch nicht, dass die EU und die USA zum Beispiel durch ihre Agrarsubventionen

häufig die Binnenmärkte der Entwicklungsländer überschwemmen und die

Bauern dort an den Rand des Ruins bringen. Terre des hommes und die Deutsche Welthungerhilfe

haben 1997 dazu einen wichtigen Bericht herausgegeben. Auch Martin Khor, Direk-

tor vom Third World Network beklagt diesen Zustand in seinem Report über die Situation der

WTO nach Seattle vom Dezember 2000.

Und ob der Internethandel überhaupt Gewinne bringt, ist selbst in den Industrienationen umstritten.

Der deutsche Einzelhandel meldet Anfang 2001, dass gerade einmal 0,5 % des Um-

satzes über das Internet erzielt werde. Hinzu kommt, dass Online-Kunden überall auf der Welt

aus den einkommensstarken Bereichen kommen. In Deutschland sind dies Menschen mit

mehr als 6000 DM Haushaltseinkommen netto. Vor zwei Jahren lag das durchschnittliche

monatliche Nettoeinkommen in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes

vom 25. Mai 2000 bei 2710 DM.

Welche Waren werden über das Internet verkauft? Fast ein Drittel sind Reisen. Doch Menschen

aus Entwicklungsländern haben kein Geld zu reisen, sie sind bei uns auch meist nicht

willkommen, da sie arm sind. Seit dem 11. September 2001 sind die Online-Buchungen um

mehr als 20 % gefallen. Neben Reisen sind es Schallplatten und Bücher. Um Schallplatten

bzw. CDs - ein Luxusgut - zu hören, brauche man wenigstens elektrischen Strom, um den

CD-Player betreiben zu können. Und Bücher machen nur dann einen Sinn, wenn man lesen

kann, doch 30 % der Menschen aus Entwicklungsländern sind Analphabeten, In Lateinamerika

immerhin noch 12 %. Überdies macht z. B. der Umsatz, der über das Internet in Deutschland

verkauften Bücher, nur 2,3 % vom Gesamtumsatz aus und Gewinn hat damit bisher noch

Uwe Afemann Seite 14 von 28 15.08.02


niemand gemacht.. Beim Verkauf von Lebensmitteln beträgt der Anteil sogar nur ganz magere

0,1 Prozent.

Die einzigen Waren, die sich evtl. ohne Schwierigkeiten über das Internet verkaufen ließen,

sind nicht materielle Waren, die keine realen Vertriebswege wie Straßen und Schiene brauchen.

Doch der Anteil des weltweiten Handels mit digitalisierbaren Waren macht nur ca. 1 %

des Gesamthandels aus. Transport- und Logistikprobleme sind mindestens so wichtig wie

Telekommunikationsinfrastrukturmängel. Chancen im Internhandel gibt es in Entwicklungsländern

höchsten im B2B-Bereich in städtischen Regionen der El, wenn es um internationale

Kontakte geht. Der letzte UNCTAD-Bericht zu diesem Thema nennt hier vor allem den Tourismus..

Wie erfolgreich der Internethandel überhaupt ist zeigen neueren Untersuchungen

vom März 2001: Von allen B2C-Firmen sind nur die Hälfte erfolgreich und von den B2B-

Firmen sogar nur ein Drittel. Und glaubt man den Voraussagen wird sich die Situation der

Dotcom-Firmen in naher Zukunft nicht verbessern.

Gesundheitswesen

Zahlreiche Institutionen, darunter auch die Weltgesundheitsorganisation propagieren den Einsatz

der neuen Kommunikationstechnologien im Gesundheitswesen. Damit ließen sich z. B.

Kosten einsparen und das Wissen über Krankheiten besser verbreiten. So bietet die WHO

über das Internet den Zugriff auf zahlreiche medizinische Datenbanken. Seit Beginn dieses

Jahres sind medizinische Fachzeitschriften über das HealthInternetWork kostenfrei und online

für Entwicklungsländer verfügbar.

Die Organisation SatelLife, die das HealthNet unterhält und in über 30 Ländern in den Entwicklungsländern

seit 1992 präsent ist, hat eine kritische Haltung zum Einsatz des Internet.

Sie verwendet noch häufig die FidoNet-Technologie und verschickt ihre elektronischen Mitteilungen

als E-Mail. Der Generalsekretär dieser Organisation erklärte auf der Inet‘96 in Kanada,

dass die Datenbanken der Industrienationen nur einen begrenzten Nutzen für den Süden

darstellen, da sie Informationen aus der Sicht des Nordens bereit halten und vorwiegend dort

vorhandene Krankheiten beschreiben. Außerdem sei die Einrichtung eines Internet-Anschlusses

für Krankenhäuser eher ein nationales Prestigeobjekt, welches nur zusätzliche Kosten verursache

und nur wenig zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung beitrage.

Krankheiten in der Dritten Welt lassen sich nicht durch Konsultieren von Datenbanken beseitigen.

Ihre Ursachen sind Armut, Mangelernährung und schlechte Wohnverhältnisse. Außerdem

kann die Nutzung von medizinischen Datenbanken durch Laien keinen Arzt ersetzen.

Uwe Afemann Seite 15 von 28 15.08.02


Und für die Übertragung z. B. von Röntgenbildern braucht man eine sehr hohe Bandbreite der

Datenübertragung.

Wissen, Bildung, Telelearning

Ein weiterer Bereich in dem das Internet für die Dritte Welt, aber nicht nur dort, als Allheilmittel

angesehen wird, ist der Bildungsbereich. So wie in den Industrienationen das Internet

genutzt wird, um Informationen zwischen Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen

auszutauschen, so geschieht dies auch in fast allen Entwicklungsländern. Wissenschaftler und

Studenten aus diesen Ländern haben wenigstens theoretisch die Möglichkeit an Informationen

zu gelangen, die ihnen sonst verschlossen blieben.

Ein weiteres Argument für den Einsatz des Internets im Hochschulbereich, das man oft hört,

sei die bessere Qualität der Lehre und Kostenreduzierungen. Eine neuere Untersuchung der

Universität Illinois aus den USA von Ende 1999 widerlegt jedoch diese Argumente. Danach

erfordert die Vorbereitung und Betreuung der Veranstaltungen mehr Geld und mehr Personal.

Auch die Erstausstattung mit Computer-Hardware und deren Unterhaltung verschlingt enorme

Geldmengen.

Der französische Wissenschaftler Prof. Orivel kommt in einer Studie aus dem Jahr 2000 zu

folgendem Ergebnis: Ein Kostenvorteil für computergestützten Unterricht in Schulen ergibt

sich höchstens für Länder mit einem BIP von 7300 $ pro Kopf. Dabei wurden pädagogische

Aspekte und Lernerfolg nicht berücksichtigt. Bei diesem BIP kämen da nur Chile, Costa Rica

und Mexiko als Kandidaten in Frage.

Trotzdem gibt es auch in Lateinamerika schon eine Virtuelle Universität, nämlich die in Argentinien

mit Sitz in Buenos Aires. Ende 2001 hatte sie 1750 Studenten. Pro Semester müssen

ca. 150 Euro bezahlt werden.

Aber zuerst muss man Schreiben und Lesen können, um über das Internet Informationen und

Wissen zu erlangen. Doch da sieht es in den meisten Entwicklungsländern noch sehr düster

aus. Viele Kinder gehen aus Armutsgründen nicht zur Schule oder arbeiten neben dem Unterricht.

Da ist eine Mahlzeit ein größerer Anreiz zur Schule zu kommen als ein Computer.

Durch Schulspeisungen haben sich die Einschulungsraten z. B. in Pakistan, Kenia und Bhutan

verdoppelt bzw. verdreifacht.

Uwe Afemann Seite 16 von 28 15.08.02


Region Analphabetenrate in Prozent

Entwicklungsländer 28,4

am wenigsten entwickelte Länder 51,6

Afrika südlich der Sahara 42,4

Arabische Staaten 41,3

Ostasien 16,6

Ostasien ohne China 3,9

Südostasien und Ozeanien 11,8

Südasien 47,8

Südasien ohne Indien 51,6

Lateinamerika und die Karibik 12,8

Welt 12,5

Quelle: Human Development Report 1999, S. 148, UNDP, 1999

Besonders die Weltbank setzt auf die sogenannte Wissensgesellschaft und hat ein Global Development

Gateway geschaffen. Kritiker bezweifeln aber den Nutzen dieser Einrichtung. Bis

heute kommen nur 30 % der Zugriffe auf das Gateway von außerhalb der USA.

Internet und Schulen

Eine neuere Studie der englischen Schulbehörde Bectal vom Mai 2001, kommt zu dem Ergebnis,

dass Investitionen in Bücher im Grundschulbereich bessere Lernergebnisse bringen

als Investitionen in Computer.

Trotzdem gibt es auch in LA schon viele "Schulen am Netz". In Peru z. B. will der Präsident

Toledo über den "Plan Huascaran" die Schulen vernetzen.

In Lateinamerika beträgt der durchschnittliche Schulbesuch knappe 6 Jahre. Dabei gibt es

große Unterschiede. In Argentinien sind es 8,5 Jahre und in Guatemala nur 3,1 Jahre. Latein-

amerikanische Staaten geben sehr wenig für die Bildung aus. Nur in Afrika südlich der Sahara

wird noch weniger für die Bildung ausgegeben. Gehört man zum reichsten Zehntel der Bevölkerung

hat man sehr gute Chancen wenigstens die Sekundarschule zu besuchen, kommt man

aus dem unteren Drittel ist ein Sekundarschulbesuch die Ausnahme. Lateinamerikanische

Lehrer werden sehr schlecht bezahlt und sind sehr schlecht ausgebildet. Eine löbliche Ausnahme

ist da Kuba. In fast allen lateinamerikanischen Staaten sind große Teile des Bildungssystems

privatisiert. Bis auf Kuba schneiden fast alle lateinamerikanischen Schüler bei internationalen

Vergleichen extrem schlecht ab.

Um zu zeigen mit welchen Schwierigkeiten Schulen in Entwicklungsländern zu kämpfen haben,

wenn sie Computer und Internet einsetzen, möchte ich das Weltbankprojekt World Links

for Development vorstellen. Es entstand im Jahr 1997 mit anfänglich vier Ländern, jetzt Ende

Uwe Afemann Seite 17 von 28 15.08.02


September 2001 sind 25 Entwicklungsländer aus 4 Weltregionen dabei, darunter sieben aus

LA.

Ein typisches PC-Labor einer solchen beteiligten Schule hat 10 486-PCs, die vernetzt sind,

einen Proxy-Server und eine Modemverbindung mit 33,6 Kbps.

Der Jahresbericht 1998/1999 gibt erste Einblicke über den Erfolg und die Schwierigkeiten des

angelaufenen Projektes:

20 % der beteiligten Lehrer setzen die vorhandenen Computer nicht im Unterricht ein. Ein

Grund dafür ist die fehlende Ausbildung der Lehrkräfte. 64 % berichten von technischen

Schwierigkeiten oder von fehlender Zeit. Als Haupthindernis zum Einsatz der Rechner werden

einmal die schlechten Telefonverbindungen genannt. Dies gilt insbesondere für die Län-

der Uganda und Paraguay. Die Schulen aus dem Senegal berichten von defekten oder nicht

funktionierenden Rechnern. Im Senegal müssen sich an den Projektschulen 107 Schüler einen

PC teilen. Und generell für Afrika wird die prekäre Situation mit der Stromversorgung angeführt.

Peruanische Lehrer haben ein besonderes Problem. Sie können die Rechner nicht nut-

zen, weil sie von den verantwortlichen Betreuern einfach weggeschlossen werden.

Diese Erfahrung habe ich übrigens auch bei meinem Aufenthalt von 1987 bis 1989 an peruanischen

Universitäten gemacht.

Die geschilderten Probleme gibt es übrigens auch in Argentinien, das bis 2003 alle Schulen

am Netz haben möchte, und in der Republik Südafrika.

Wer sind die Partner im WorLD-Programm. Da ist einmal der Britisch Council, das USAID,

die UNDP mit dem SNDP, die UNESCO, UNICEF, World Wildlife Fund, und „Schulen ans

Netz“-Initiativen aus den Industrieländern.

Uwe Afemann Seite 18 von 28 15.08.02


Kostenbetrachtungen

Da viel über E-Learning, virtuelle Universitäten und Schulen ans Netz auch bei uns gesprochen

wird, möchte ich einige neuere Untersuchungen zu den Kosten und dem Nutzen dieser

neuen Medien vorstellen.

Quelle: Stephen Ruth u. Min Shi: Distance Learning in Developing Countries: Is Anyone Measuring Cost-

Benefits?, in: TechKnowLogia, May/June 2001

In der Zeitschrift TechKnowLogia wurde Mitte letzten Jahres eine Kosten-Nutzen-Gegenüberstellung

verschiedener Fernlehrmethoden und der eingesetzten Techniken veröffentlicht.

Danach sind Kurse bei denen die Lehrmaterialen per gelber Post verschickt werden mit Abstand

am preiswertesten und bringen zudem den besten Erfolg.

Das zweitbeste Ergebnis bringt Fernlernen per Radio. Hier sind die Kosten etwas höher und

der Lernerfolg etwas niedriger. Die Kombination Radio und Fernsehen bringt einen besseren

Lernerfolg bei etwas höheren Kosten.

Am schlechtesten schnitt die virtuelle Universität ab. Sie ist mit Abstand am teuersten und

bringt den geringsten Lernerfolg. Und nach Ansicht der Autoren der erwähnten Studie wird

dies auch noch in den nächsten zehn Jahren so sein.

Die virtuelle Offline-Universität, die Internet aber vor allem auch CD benutzt, ist ebenfalls

relativ teuer und bringt keinen den eingesetzten Mitteln entsprechenden Erfolg.

Nun zu den vielen „Schulen ans Netz“-Projekten.

Es reicht nicht Schulen mit PCs zu versorgen. Dies sind die geringsten Kosten. Die Hardware

muss auf grund des schnellen Fortschritts ständig erneuert werden. Dann muss Software angeschafft

werden. Man rechnet mit 100 $ pro Jahr und Schüler. Netzanschlusskosten betragen in

den Entwicklungsländern meist um die 200 $ monatlich. Wartung wird mit 10 % der Gesamtkosten

veranschlagt.

Uwe Afemann Seite 19 von 28 15.08.02


Zubehör wie Drucker, Speichermedien und Papier müssen auch bezahlt werden. Insbesondere

das Ausdrucken von Informationen ist sehr teuer. Ein Blatt Papier schlägt mit ca. 6 US-Cent

zu Buche. Darin sind Kosten für Toner und Papier enthalten.

Nicht zuletzt muss der elektrische Strom bezahlt werden. Ein KWh kostet in Entwicklungsländern

ca. 10 Cent, so dass für einen PC bei 200 Tagen Nutzung à 8 Stunden 64 $ Kosten pro

Jahr anfallen. Strom über alternative Energien wie Dieselgeneratoren, Solarenergie oder

Windkrafträder ist noch teuerer und kostet zwischen 20 und 90 Cents pro kWh.

Meist müssen die Klassenräume für den Anschluss von Computern erst auch noch mit großen

Kostenaufwand hergerichtet werden.

Arbeitsplätze

Die Befürworter von Internet in Entwicklungsländern betonen u. a. auch, dass durch die Neuen

Medien zahlreiche Arbeitsplätze entstehen würden. Doch wie sieht es damit aus?

Die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes und die damit weltweit verbundene Privatisierung

von Telefongesellschaften hat bisher eher zur Arbeitsplatzvernichtung beigetragen

als zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Jedenfalls entsprechen die Vorhersagen eines Arbeitsplatzbooms

auf diesem Sektor mehr den Wünschen als den Realitäten. In Großbritannien und

Peru z. B. sind unterm Strich Arbeitsplätze wegrationalisiert worden.

Und gerade heute wissen wir alle um die Probleme der New Economy.

Liest man die Schlagzeilen der Wirtschaftszeitung, weiß man wie es um die Arbeitsplätze in

IT-Bereich derzeit steht:

- Mai 2001: 3Com entlässt 3000 Mitarbeiter (30 % der Belegschaft), Dell Computer streicht

bis zu 4000 Stellen

- März 2001: Ericsson entlässt 3300 Angestellte, Motorola kürzt 4000 Stellen in Netzwerk-

sparte, Nokia streicht 300 - 400 Stellen

- Februar 2001: Etoys entlässt restliche Mitarbeiter (insgesamt 1000)

- Januar 2001: Amazon entlässt 1300 Mitarbeiter

Vom Dezember 1999 bis Ende Januar 2002 haben allein in den USA 144.242 IT-Spezialisten

ihren Job verloren..

Die Europäische Kommission wusste jedenfalls schon vor Jahren, dass die Beschäftigungsprobleme

nicht durch den Informationsmarkt gelöst werden.

Uwe Afemann Seite 20 von 28 15.08.02


Nach einer Studie der Akademie für Technikfolgeabschätzung aus Baden-Württemberg, die

im Juli 2001 auf einer Tagung vorgestellt wurde, ist klar, „dass unterm Strich durch den elektronischen

Warenverkehr keine neue Stellen geschaffen werden.“

Wenn das alles so einfach wäre, warum haben wir dann in den neuen Bundesländern immer

noch so eine hohe Arbeitslosigkeit, trotz guter Infrastruktur in Bezug auf Telefon und Computer

und trotz hohem Ausbildungsstand im Vergleich zu den Entwicklungsländern?

Arbeitsplatzverlagerung

Alle Welt spricht heute von der Notwendigkeit der Globalisierung und der Verlagerung von

Arbeitsplätzen ins billigere Ausland, sprich in die Entwicklungsländer. Konkrete Beispiele

sind das outsourcing von Softwareproduktion in vor allem englischsprachige Entwicklungsländer

und sogen. Offline-Teleservices wie Transkriptionen.

Besonders bekannt geworden ist hier die Software-Schmiede in Bangalore in Indien. Bangalore

ist eine 5 Millionen Stadt im südlichen Indien.

Neben Indien drängen auch Osteuropa, die Karibik und Südamerika auf diesen Markt. Bevor-

zugt werden aber Länder mit englischsprachigen Fachkräften.

Ein lateinamerikanisches Land, das sich besonders um die Ansiedlung ausländischer IT-Fir-

men bemüht, ist Costa Rica. Bekannt geworden ist hier die Chipproduktion von Intel. Aber

auch Microsoft und Motorola produzieren in Costa Rica, denn dieser mittelamerikanische

Staat gewährt den ausländischen Firmen 12 bis 18 Jahre Steuerbefreiung.

Ähnlich wie Costa Rica bemüht sich Panama um die Ansiedlung von multinationalen IT-Fir-

men. Seit Januar 2000 betreibt Panama in der ehemaligen US-Kanalzone seine City of Knowledge.

Weitere Softwareproduzenten sind das englischsprachige Trinidad und Tobago als Handelstor

nach Lateinamerika, Argentinien und Brasilien.

Warum gibt es das Outsourcing? Der neueste UNCTAD-Bericht zu E-Commerce und Entwicklung

vom November 2001 gibt hierzu Auskunft: Es sind die Löhne. In LDC-Ländern

sind es 20 $ pro Monat, in den Industrielländern zwischen 2000 und 10000 Dollar.

IT soll brain drain verhindern. Gute Softwerker gehen aber weiterhin in die USA oder werden

jetzt nach Deutschland gelockt. Die Green-Card Aktion der Bundesregierung sorgt gegenwärtig

gerade dafür, dass die besten Softwerker aus den Entwicklungsländern abgezogen werden

und uns „entwickeln“.

Uwe Afemann Seite 21 von 28 15.08.02


Hier werden einige wenige relativ gut bezahlte Arbeitsplätze in den Entwicklungsländern geschaffen,

ohne dass die Gesamtheit der Bevölkerung etwas davon hat. Es entstehen kleine

Wohlstandsinseln im Ozean der Armut. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Schweizer Beratungsfirma

kpmg in ihrer Untersuchung „The Impact of the New Economy on Poor People

and Developing Countries“ vom Juli 2000.

E-Governance

Die Regierung von Bill Clinton war die erste, die regierungsamtliche Informationen im Internet

verfügbar machte. Das war 1993. Jetzt sind über 174 Regierungen im Internet präsent.

Sie nutzen dieses Medium zur Selbstdarstellung und nur zum geringen Teil zur Bürgerinformation.

Welche Bürger haben auch schon Zugang zum Internet? Aus Entwicklungsländern

sind dies meist Studierende im Ausland, die vermutlich nicht zu den Ärmeren gehören.

Daneben dient das Medium Internet als Propagandainstrument in zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen

wie z. B. im Grenzkonflikt zwischen Peru und Ecuador im Jahr 1995 oder

gegenwärtig im Konflikt zwischen Palästina und Israel.

Nigeria hat neuerlich die Einrichtung von vier WWW-Servern in den Industrienationen angekündigt,

um das ihrer Meinung nach falsche Bild über die Menschenrechte in seinem Land in

der Welt zu korrigieren. Einer dieser Server sollte in Bonn eingerichtet werden.

Durch E-Governance soll Regieren effizienter und effektiver werden, d. h. kostengünstiger

werden und einen höheren Standard gewährleisten. Ein beliebtes Projekt auch in Entwicklungsländern

ist die Abgabe der Steuererklärung über das Internet, z. B. in Chile. Vergessen

wird dabei nur, dass die meisten Menschen in Entwicklungsländer ein so geringes Einkommen

haben, dass sie gar keine Steuern zahlen können und die Steuern zahlen könnten, verste-

hen es, sich davor zu drücken. Daneben sollen die Bürger besser und schneller informiert werden

und eine stärkere Beteiligung erreicht werden. Nicht zuletzt soll die Regierung dadurch

demokratisch durch die Bürger kontrolliert werden.

Um dies in Entwicklungsländern zu realisieren bräuchten die Bürger zuerst einmal Zugang

zum Netz. Zum anderen müssen die Regierungen überhaupt gewillt sein, demokratischer zu

handeln und sich kontrollieren zu lassen. Diese Voraussetzung sind fast nirgendwo gegeben.

Im Gegenteil, so wie das Radios durch die Nazis in Deutschland missbraucht wurde, so versuchen

auch viele Regierungen in Entwicklungsländern das Internet für ihre machtpolitischen

Ziele einzusetzen. Richard Heeks stellt in seinem Report „Understanding e-Governance for

Development“ aus 2001 fest, dass die meisten Initiativen in Entwicklungsländern an der

Uwe Afemann Seite 22 von 28 15.08.02


Nachhaltigkeit scheitern. Es gibt nur sehr wenige erfolgreiche Projekte. In den Philippinen z.

B. wurde die Korruption durch Zollerklärungen für Importe über das Internet bekämpft.

Beispiele zum E-Governance in LA

- Mexiko: Beschaffungsstelle „Compranet“ zur Bekämpfung der Korruption

- Chile: Online-Antragstellung auf Wohngeld

- Brasilen: mobiles Rathaus in Bahia zur Ausstellung von Personalpapieren und anderen

Urkunden

- Chile: Einkommessteuererklärung online

- Peru: Wahrheitskommission

Menschenrechte

Der Einsatz von Computernetzen kann dazu dienen, Menschenrechtsverletzungen schneller

und umfassender einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und sie zu mobilisieren.

Eine Organisation, die es gut verstand, die neuen Medien für sich zu nutzen, waren die Zapa-

tisten mit ihrem Aufstand in Chiapas in Mexiko. Sie haben zumindest die Weltöffentlichkeit

auf die anhaltenden Probleme der Ungerechtigkeit und der Armut aufmerksam gemacht. Ob

damit allerdings auch eine Lösung ihrer Probleme verbunden war, bleibt bisher noch zweifelhaft.

Jedenfalls hat die weltweite Aufmerksamkeit inzwischen merklich nachgelassen, obwohl

die Erklärungen des subcomandante Marcos weiterhin in der mexikanischen Tageszeitung La

Jornada im Internet erscheinen.

Leider lassen sich jedoch nicht alle autoritären Regime von der öffentlichen Meinung in der

Welt beeindrucken, wie die Ermordung der Besatzer der japanischen Botschafterresidenz vor

ein paar Jahren in Peru beweist. Trotzdem sollte das Mittel der elektronischen Kommunikation

genutzt werden, um auf Missstände im Menschenrechtsbereich aufmerksam zu machen.

Aktuell wäre da die Besorgnis erregende Situation in Guatemala zu erwähnen, wo gerade wieder

Menschenrechtsaktivisten vermehrt ermordet werden.

Mittlerweile sind eine ganze Reihe von Menschenrechtsorganisationen auf Web-Seiten im

Internet vertreten. Natürlich gehört Amnesty International dazu. Spezielle Gruppen, die zu

Lateinamerika arbeiten, sind WOLA - Washington Office for Latin America - , Human Rights

Watch, ebenfalls aus den USA und das Centro de Documentación e Información sobre

DD.HH. en América Latina mit Sitz in Nürnberg.

Neben diesen internationalen Organisationen sind auch viele regionale Menschenrechtsgruppen

im Internet vertreten, so z. B. Aprodeh aus Peru.

Uwe Afemann Seite 23 von 28 15.08.02


Nicht vergessen werden darf auch der Menschenrechtsgerichtshof in Costa Rica.

Aufeinanderprallen der Kulturen

Gegenwärtig (2000) sind 70 % aller Informationen im Internet auf Englisch obwohl nur ca.

ein Zehntel der Weltbevölkerung Englisch spricht. Japanische und deutsche Internetseiten

sind zu jeweils knapp 6 % vertreten, chinesische nur zu ca. 4 %. Obwohl fast so viele Menschen

Spanisch sprechen wie Englisch, sind nur ca. 2,5 % der Internetseiten in dieser Sprache

verfasst. Portugiesisch, die andere wichtige Sprache in LA ist gar nur zu 1,37 % vertreten.

Und Französisch, wichtig für einige Karibikstaaten und frz. Guayana hat einen Anteil von ca.

3 %.

Deutsch

5,77 %

Japanisch

5,85 %

Verteilung der Webseiten nach Sprachen (Stand 2000)

Chinesisch

3,87 %

Französisch

2,96 %

Spanisch

2,42 %

Englisch

68,39 %

Russisch

1,88 %

Italienisch

1,56 %

Portugiesisch

1,37 %

andere

5,93 %

Es findet ein Wertetransfer vom Norden in den Süden statt. Manche sprechen von einer zwei-

ten Eroberung der Dritten Welt durch das Internet oder von einem elektronischen trojanischem

Pferd.

Das Internet bevorzugt aufgrund seiner Geschichte lateinische Alphabete, die jedoch nur in

Europa und Amerika vorherrschen. Eine mögliche Lösung ist die Verwendung des Unicode.

Im Jahr 2000 sprachen 51,9 % aller Internetnutzer Englisch, 6,7 % Deutsch, 7,2 % Japanisch,

5,2 % Chinesisch, 6,6 % Spanisch und 4,4 % Französisch.

Uwe Afemann Seite 24 von 28 15.08.02


Französisch

3,3 %

Italienisch

3,8 %

Koreanisch

4,6 %

Spanisch

6,5 %

Sprachen der Internetnutzer Ende 2001

Deutsch

6,8 %

Portugiesisch

2,6 %

Chinesisch

8,8 %

andere

11,7 %

Japanisch

8,9 %

Englisch

43 %

Um der Invasion aus dem Norden zu begegnen, bzw. aus der Einbahnstraße eine Straße in

beiden Richtungen zu machen, setzen Menschen aus der Dritten Welt auf eine Gegenproduktion

aus dem Süden auch für den Süden. Solche Initiativen sind z. B. Interpress Service, alai

und PANA.

Doch nicht nur der Süden ist besorgt, was die Amerikanisierung des Internet angeht. Auch

viele nicht englischsprachige Länder aus dem Norden beklagen die Dominanz der U.S-amerikanischen

Werte und Kultur.

Umweltzerstörung

Ich möchte in meinem Vortrag auch einen Aspekt beim Einsatz von neuen Medien anspre-

chen, der normalerweise bewusst ausgeblendet wird, nämlich die Umweltzerstörung.

Durch die Produktion der neuen Kommunikationstechnologien wird die Umwelt nachhaltig

geschädigt und hier insbesondere, die der Dritten Welt, denn die Rohstoffe zur Produktion z.

B. der Computer kommen aus diesen Regionen. Was früher im Silicon Valley hergestellt

wurde, wird jetzt in Mittelamerika oder Südostasien produziert. Intel z. B. stellt Computerchips

in Costa Rica her. Die Herstellung eines Computers ist alles andere als umweltschonend.

Sie benötigt 16 Tonnen an Rohstoffen, darunter Eisen, Kupfer, Zinn und Blei bis hin zu

Gold. Ein PC enthält weniger als 0,1 % der Rohstoffe, die für seine Herstellung eingesetzt

oder verbraucht wurden.

Entsorgt werden diese Produkte mit ihren extrem kurzen Nutzungszyklen dann auch in Form

von „Computerspenden“ an die Dritte Welt. Die Initiative World Computer Exchange aus

Massachusetts (USA) verschickt gebrauchte Computer in 34 Länder. Computerschrott ist in

aller Regel Sondermüll.

Uwe Afemann Seite 25 von 28 15.08.02


Nach neueren Schätzungen sollen in den nächsten fünf Jahren allein in den OECD-Ländern

600 Millionen PCs ausgemustert werden. In Deutschland allein werden jährlich rund 2,2 Millionen

PC, Drucker und Monitore aus dem Verkehr gezogen.

Ein weiterer entgegen allen Versprechungen eingetretener Effekt ist die Erhöhung des Papierverbrauchs.

Das papierlose Büro ist nichts als eine Wunschvorstellung geblieben.

Die Computerindustrie stellt die am wenigsten nachhaltigen Produkte her.

Auswirkungen der IT auf die Entwicklungsländer

Mittlerweile gibt es einige Untersuchungen zur Auswirkung von IT aus die Wirtschaft der

Entwicklungsländer. Eine solche Untersuchung stammt von Rodriguez/Wilson vom Mai

2000, die für die Weltbank erstellt wurde, andere Untersuchungen kommen von David Canning

aus Belfast oder Richard Heeks aus Manchester. Ich möchte die Ergebnisse kurz zusammenfassen.

Die Auswirkungen der neuen Kommunikationstechnologien sind eher auf der Mikroebene als

auf der Makroebene zu verifizieren. Kurzfristig führt die Einführung der IT zu einer größeren

Ungleichheit zwischen den Ländern als auch innerhalb der Länder. Dies ist z. B. auch in Indien

nachweisbar.

Die Schlüsselherausforderungen sind die Verbesserung der Vernetzung, sprich Internetanbindung,

die Anhebung der Alphabetenrate, die Verbreitung vom Computerkenntnissen, das Anbieten

von vernünftigen Inhalt in Nationalsprachen und natürlich die Veränderungen der internationalen

Handelsbeziehungen. In Indien gibt es mittlerweile auch Interseiten in einigen

Nationalsprachen außer Englisch.

Die Einführung der IT stärkt vor allem die städtischen Regionen in Entwicklungsländern und

hat weniger Auswirkungen auf die ländlichen Bereiche. Insbesondere haben bis jetzt Investitionen

im IT-Bereich nur in den OECD-Ländern zu einem wirtschaftlichen Wachstum geführt

bei gleichzeitigem Ansteigen der Ungleichheiten innerhalb der Länder. Solche Investitionen

in Entwicklungsländern hatten keine Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wachstum in diesen

Ländern. Vielleicht liegt es auch daran, dass Investitionen in diesem Bereich als Gewinn

in den Norden gehen, denn Soft- und Hardware wird von dort geliefert. Vielleicht sind da Indien

mit seinen Software Technologie Parks und seinen Simputern und Brasilien mit seinen

Volkscomputern auf dem richtigen Weg.

Eine Untersuchung von Andrew Skuse vom Social Development Department der britischen

Regierung vom August 2000 sagt es so: Investitionen in die Infrastruktur der neuen Medien

machen keinen großen Sinn, es sei denn, sie kommen einem wesentlichen Teil der Armen zu

Uwe Afemann Seite 26 von 28 15.08.02


gute und sind für sie erschwinglich. Die neuen Kommunikationstechnologien sind sicher

wichtig für die Infrastruktur des Handels und damit auch für Wachstum. Ob dieses Wachstum

jedoch den Armen nützt, muss noch weiter untersucht werden und ist weiterhin Gegenstand

der Diskussion.

Internetanbindung und Computer literacy muss mit dem Anbieten von relevanten Inhalten für

die Endnutzer verbunden werden. D. h. der Inhalt muss lokale Bezüge haben und der Zugriff

auf diese Inhalte muss möglich sein. Dabei müssen auch die sprachlichen und kulturellen Eigenheiten

gewahrt bleiben.

Zur Zeit nutzen nur die Eliten das Internet. Arbeitslose werden vermutlich nur wenig wirtschaftlichen

Nutzen aus dem Internet ziehen können. Das Internet schafft eine internationale

Elite, die sehr gut vernetzt ist.

Chancen der IT?

Richard Heeks hat in mehreren Aufsätzen die Erfolgsrate von Initiativen zur Informationsund

Kommunikationstechnologie in Entwicklungsländern untersucht. So stellte er schon im

Jahr 2000 fest, dass mindestens 80 % dieser Projekt in irgendeiner Weise fehlschlugen und so

zu einer massiven Verschwendung von Investitionsgeldern führten. In einer neueren Untersu-

chung vom Januar 2002 stellt Heeks dann genauer aufgeschlüsselte Zahlen für die Industrienationen

vor und nimmt dies als Anhaltspunkte für den Erfolg bzw. Misserfolg in Entwick-

lungsländern, da hier keine genaueren Untersuchungen verfügbar sind.

Erfolg und Misserfolg von IT-Initiativen in Industrieländern

totales Scheitern 20 - 25 %

teilweises Scheitern 33 - 60 %

erfolgreiche Initiativen 15 - 47 %

Heeks sieht keine Anzeichen dafür, dass die Misserfolgsraten in Entwicklungsländern niedriger

sein könnte. Ganz im Gegenteil, auf grund von fehlender technischer und humanitärer Infrastruktur

sei von höheren Misserfolgsraten auszugehen. Dass es keine Zahlen zum Misserfolg

in den Entwicklungsländern zu IT-Projekten gibt, führt Heeks darauf zurück, dass die

Geldgeber darauf erpicht seien, ihre Ausgaben zu rechtfertigen und da lassen sich "gute Neuigkeiten"

besser befördern als "schlechte". In seiner lesenswerten Untersuchung analysiert er

auch die Gründe für das Scheitern. Häufig scheitern die Projekte an zu "ehrgeizigen und komplexen"

Zielvorgaben. "Bescheidenere" Projekt mit weniger Veränderung haben größere Erfolgsaussichten.

Uwe Afemann Seite 27 von 28 15.08.02


Ein weiterer Grund für das Scheitern liegt darin, dass viele Projekte durch den "Norden" bestimmt

sind und nicht die Bedürfnisse der "Beschenkten" genügend beachten. Hinzu kommt

der Glaube im Süden, dass aus dem Norden importierte Lösungen besser seien. Außerdem

wird häufig übersehen, dass ICT-Kosten in Entwicklungsländern meistens höher sind als in

den Industrieländern, und dies trotz der niedrigeren Lohnkosten.

Falls eine Lösung vom Norden in den Süden transferiert wird, so werden "nicht nur Maschinen,

Hardware oder Wissen transferiert sondern eine ganze Sammlung von Haltungen, Werten,

sozialen, politischen und kulturellen Strukturen". Es entsteht eine Kluft zwischen den

Zielen und der Wirklichkeit.

Fazit

Da sich das Internet nicht aufhalten lässt und durchaus sinnvolle Einsatzgebiete existieren,

sollte dafür gesorgt werden, dass das neue Medium allen zugute kommt und dabei gleichzeitig

eine weitere Umweltzerstörung vermieden wird. Der vom RCP und vom IDRC eingeschlagene

Weg einer kollektiven Nutzung des Internet zeigt in die richtige Richtung, auch wenn heute

die Kosten dafür für die Mehrheit nicht aufzubringen sind.

Neben dem elektronischen Medium Internet dürfen jedoch die anderen Medien in den Ent-

wicklungsländern nicht vergessen werden. In Lateinamerika und der Karibik ist das Radio

von sehr großer Bedeutung. Von 1000 Einwohnern besitzen 419 ein Radiogerät und 272 einen

Fernseher. Das Radio hat außerdem den Vorteil in einheimischer Sprache Informationen zu

verbreiten. Und noch einmal zur Erinnerung: auf 1000 Einwohner kommen nur 50 Internetanschlüsse.

(Center for International Development at Harvard University)

Manuell Castells, Professor in Berkeley, vergleicht die neuen Kommunikationsmittel mit dem

elektrischem Strom im Industriezeitalter. Ich möchte hinzufügen: Also lasst uns dafür sorgen,

dass mehr unterentwickelte Regionen erst einmal elektrischen Strom bekommen bevor wir sie

ans Internet anschließen.

Und Caes Hamelink von der Universität Amsterdam betont die wichtige Bedeutung der Computerkenntnisse.

Erfügt aber hinzu: Genauso wichtig ist aber auch das Verständnis über die

Risiken und Chancen der neuen Technologien. Ich glaube dem ist nichts hinzuzufügen.

Uwe Afemann Seite 28 von 28 15.08.02

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine