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Jugendstil und Symbolismus: Georg Lührig

ISBN 978-3-422-80395-4

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JUGENDSTIL UND SYMBOLISMUS Georg Lührig EIN MEISTER AUS DRESDEN

HERAUSGEGEBEN VON

FÜR DAS

Peter Forster

Museum Wiesbaden

BEARBEITET UND

MIT BEITRÄGEN VON

Anna Ahrens

Birgit Dalbajewa

Andreas Dehmer

Jana Dennhard

Petra Eisele

Dörte Folkers

Peter Forster

Wolfgang Glüber

Robby Joachim Götze

René Grohnert

Rolf Günther

Inge Knoblauch

Helene Kokenbrink

Marei Löffler

Astrid Nielsen

Johannes Schmidt

Niko Vogel


INHALT

GRUSSWORT ERNST VON SIEMENS KUNSTSTIFTUNG 8

GRUSSWORT KULTURSTIFTUNG DER LÄNDER 10

VORWORT – VOM WERT DER DRESDNER KUNST

IN WIESBADEN ANDREAS HENNING | PETER FORSTER 12

GEORG LÜHRIG UND WIESBADEN – GEKOMMEN, UM ZU BLEIBEN PETER FORSTER 18

GEORG LÜHRIG – 1868 BIS 1957 INGE KNOBLAUCH 36

GEORG LÜHRIG IM SELBSTBILDNIS INGE KNOBLAUCH 46

DRESDEN VOR DEM ERSTEN WELTKRIEG – STADTENTWICKLUNG

UND MONUMENTALMALEREI JOHANNES SCHMIDT 56

VER SACRUM – GEORG LÜHRIG UND DER KUNSTFRÜHLING IN DRESDEN ROLF GÜNTHER 62

KUNST OHNE WORTE – GEORG LÜHRIG ALS INITIATOR DER VIERTELJAHRSHEFTE

DES VEREINS BILDENDER KÜNSTLER DRESDENS MAREI LÖFFLER 82

GEORG LÜHRIGS GEDENKBLATT FÜR ROBERT DIEZ ASTRID NIELSEN 86

DRESDEN UND DAS MODERNE PLAKAT UM 1900 RENÉ GROHNERT 90

»DIE DAS ERNSTE WILL [...]« – ZUR PHALANX

DER DRESDNER MONUMENTALMALER UM 1900 ANDREAS DEHMER 100

VON SACHSEN NACH RUMÄNIEN – GEORG LÜHRIG UND DAS HAUS

SCHÖNBURG-WALDENBURG ROBBY JOACHIM GÖTZE 116

DORE MÖNKEMEYER-CORTY UND ILSE THÜME – FRÜHE GEBRAUCHSGRAFIKERINNEN

AUS DRESDEN PETRA EISELE 138

GEORG LÜHRIG DURCH DIE LINSE HUGO ERFURTHS GESEHEN HELENE KOKENBRINK 144

»DEKORANTEN, DIE GLEICHZEITIG DEKORATIV WIRKEN SOLLEN.«

ZU SASCHA SCHNEIDERS ENTWÜRFEN FÜR EINEN

NEUBAU DER DRESDENER GEMÄLDEGALERIE BIRGIT DALBAJEWA 150


KÜNSTLERKOLLEGEN – KUNSTKONKURRENTEN.

MAX PIETSCHMANN UND GEORG LÜHRIG ANNA AHRENS 154

SEHEN HEISST DEUTEN – EIN BLICK AUF DEN BLICK JANA DENNHARD 170

DIE SEHNSUCHT NACH DEM FRESKO PETER FORSTER | INGE KNOBLAUCH 180

DER KRIEGSMALER GEORG LÜHRIG INGE KNOBLAUCH 196

BUCHKÜNSTLER IN DRESDEN AM BEISPIEL JOHANN VINCENZ CISSARZ NIKO VOGEL 202

TAFELKULTUR UND INNENAUSSTATTUNG VON KÜNSTLERN AUS DEM

UMFELD GEORG LÜHRIGS DÖRTE FOLKERS 206

SCHMUCK AUS DRESDEN WOLFGANG GLÜBER 208

GEORG LÜHRIG UND DIE SYMBOLISTISCHE LANDSCHAFT ROLF GÜNTHER 212

FEUER, WASSER, ERDE, LUFT UND DER MENSCH ALS IHR HERR

GEORG LÜHRIGS WANDBILD

IN DER AULA DER DREIKÖNIGSSCHULE INGE KNOBLAUCH 218

DER NACHLASS – EINE DEUTSCH-DEUTSCHE GESCHICHTE INGE KNOBLAUCH 224

MEISTERSCHÜLER, STUDENTEN UND SCHÜLERINNEN VON

GEORG LÜHRIG (AUSWAHL) INGE KNOBLAUCH 228

AUSSTELLUNGEN (AUSWAHL) 244

LITERATUR (AUSWAHL) 247

BILD- | COPYRIGHTNACHWEIS 252

LEIHGEBERINNEN | LEIHGEBER 254

IMPRESSUM 255


VORWORT

VOM WERT DER DRESDNER

KUNST IN WIESBADEN

ANDREAS HENNING

PETER FORSTER

Die Beziehungen des Museums Wiesbaden nach Dresden

kann man mit Fug und Recht als geschichtsträchtig bezeichnen.

Hermann Voss, der von 1935 bis 1945 amtierende Direktor

der Städtischen Kunstsammlung am Nassauischen Landesmuseum

Wiesbaden, das nach dem Krieg in Museum Wiesbaden

umbenannt wurde, war 1943 zum »Sonderbeauftragten

des Führers« ernannt worden, um dessen Lieblingsprojekt, das

»Führermuseum« in Linz, von Dresden aus voranzutreiben.

Zum Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden berufen,

ließ er es sich nicht nehmen, in Personalunion weiterhin

das Museum in Wiesbaden zu leiten. Er war es, der die kriegsbedingte

Auslagerung der bedeutendsten Werke der Alten

Meister des Museums nach Dresden 1943 veranlasste, die erst

1988 im Zuge des deutsch-deutschen Kulturgutabkommens

weitestgehend wieder zurück nach Wiesbaden gelangten, also

genau zu jener Zeit, als die Familie Lührig sich in der DDR um

die Rückführung des künstlerisches Nachlasses Georg Lührigs

in den Westen, genauer nach Leverkusen, erfolgreich bemühte.

Seine Kunst steht im Mittelpunkt der Ausstellung Jugendstil

und Symbolismus: Georg Lührig. Ein Meister aus Dresden.

Diese Konstellation – die Präsentation von Werken, die in

Dresden entstanden sind und in Wiesbaden gezeigt werden –

hat eine historische und eine aktuelle Dimension.

Wieder einmal war der Ausgangspunkt die Schenkung der

Jugendstilsammlung F. W. Neess, die auch Werke der Dresdner

Künstler Hans Unger und Oskar Zwintscher umfasst. So

widmeten wir 2022/23 in Kooperation mit dem Albertinum in

Dresden Zwintscher eine fulminante Retrospektive. 1 Es stellte

sich im Laufe der Vorarbeiten zu diesem Projekt heraus, dass

Oskar Zwintscher bereits zu seinen Lebzeiten in Wiesbaden ausgestellt

hatte und dort gesammelt wurde. Über die Galerie Gebr.

Lehmann aus Dresden konnte das Museum Wiesbaden einen

12


Oskar Zwintscher | Bildnis mit gelben Narzissen

1907 | Öl auf Leinwand | 64,5 × 42 cm

Hanns Hanner | Rechtsgelehrter

vor 1916 | Öl auf Leinwand | 88,7 × 78,8 cm ◦A

zauberhaften Titelblattentwurf Zwintschers für die Zeitschrift

Jugend – Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und

Leben um 1910 erwerben und damit substanziell unseren Bestand

an Werken des Künstlers ergänzen (Abb. S. 14).

Ziel der Ausstellung in Wiesbaden war es, das Spektrum des

Jugendstils und Symbolismus Dresdens um 1900 abzubilden;

dazu zählte natürlich auch einer der führenden Künstler in dieser

Zeit, Georg Lührig, von dem wir mehrere Werke präsentierten.

Die Familie Lührig wurde auf das Engagement des Museums

für ihren Künstler-Verwandten aufmerksam – und der

weitere Verlauf dieser Zusammenarbeit, bis hin zur aktuellen

Ausstellung und dem begleitenden Katalogbuch, ist mittlerweile

Kunstgeschichte, dokumentiert im Beitrag »Georg Lührig in

Wiesbaden – Gekommen, um zu bleiben« in der vorliegenden

Publikation. Bereits vor der Kontaktaufnahme mit der Familie

konnten wir die Kohlezeichnung Zephir I für das Museum erwerben

(Abb. S. 16). Dabei handelt es sich um eine Studie

für das Monumentalbild Feuer, Wasser, Erde, Luft – und der

Mensch, ihr Herr für die Aula der Dreikönigsschule in Dresden,

die den schwebenden griechischen Windgott äußerst dynamisch

in der Gestik und mit geballten Fäusten zeigt. Genauso

erleben wir ihn jetzt auf den erhaltenen Leinwandentwürfen, die

frisch restauriert das Museum und die Ausstellung bereichern.

Zwischenzeitlich erwarb das Museum zudem eine kleine Federzeichnung

des Österreichers Karl Mediz, der zusammen

mit seiner Frau Emilie Mediz-Pelikan zum inneren Zirkel der

Dresdner Künstlerschaft jener Zeit zählte und mit Sascha

Schneider und Georg Lührig befreundet war. Es handelt sich

um eine Vorskizze zu seinem Hauptwerk Roter Engel von 1902

und zeigt eine nackte Frau mit weit ausgebreiteten roten Flügeln;

unmittelbar hinter ihr ist, höchst dekorativ, ein Baum mit

roten Blüten zu erkennen (Abb. S. 16) 2 . Dieses symbolistische

Werk steht in seiner noch zu entschlüsselnden Rätselhaftigkeit

und Schönheit exemplarisch für diese Dresdner Künstlergruppierung.

Das betrifft ebenfalls das Œuvre von Georg Lührig,

insbesondere seine großen Monumentalmalereien.

Zukünftig werden Lührigs Arbeiten auch vor dem Hintergrund

der Lebensreform, die gerade in Dresden eine große Anhängerschaft

hatte, zu untersuchen sein. Zivilisationskrankheiten,

Hysterie und körperliche Degeneration wurden als Gefahren


Oskar Zwintscher | Titelentwurf für die

Zeitschrift Jugend | 1910 | 44,5 × 34 cm ◦A

des dekadenten Großstadtlebens der Belle Époque ausgemacht,

und den Ausweg suchten die Lebensreform-Bewegungen

in der Natur selbst: Freikörperkultur, Naturheilverfahren

und Leibesertüchtigung sollten den Menschen regenerieren.

Die von Pionieren wie Karl Wilhelm Diefenbach gegründeten

Landkommunen und die Anthroposophie Rudolf Steiners waren

ebenfalls einflussreich. Letztendlich zielte die Reformbewegung

auf das unsichtbare Wirken im Inneren des Menschen: Seele

und Geist sollten mittels eines sinnlich optimierten Körpers gesunden

beziehungsweise die Erkenntnis der geistigen Welt ein

harmonisches Zusammenwirken von Mensch, Natur und Kosmos

ermöglichen. Auch der Jugendstil mit seinem allumfassenden

Ansatz hatte seine Wurzeln in der Natur.

In diesem Kontext sei auf die Gartenstadtsiedlung am Dresdner

Stadtrand Hellerau verwiesen, die der Möbelfabrikant Karl

Schmidt 1909 im Zusammenhang mit dem Neubau seiner

Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst für seine Angestellten

errichten ließ. 3 Für diese ganz im Geiste der Lebensreform

gehaltene Einheit aus Wohnen, Arbeit und Kultur wurde federführend

der Jugendstilkünstler und Architekt Richard Riemerschmid

verpflichtet sowie renommierte Baukünstler, unter

anderen Theodor Fischer, der Architekt des 1915 fertigstellten

heutigen Landesmuseums Wiesbaden. Auch Georg Lührig

blieb von diesen Bewegungen nicht unberührt; die Erforschung

seiner freundschaftlichen Beziehung zu dem Naturpropheten

und Aussteiger Gusto Gräser aus Kronstadt/Siebenbürgen,

der zu den Mitbegründern der Reformsiedlung auf dem Monte

Verità bei Ascona zählte, dürfte noch neue interessante Aspekte

seines Schaffens beleuchten. Seinen Lebensunterhalt bestritt

Gräser, der mehrfach Gast bei den Lührigs in Dresden wie auch

in Berlin war, durch Vorträge und den Verkauf selbst gedruckter

Gedichte, beispielsweise der Spruchsammlung Notwendwerk,

illustriert unter anderem mit mehrfarbigen Steindrucken, die

vermutlich ein Werk Georg Lührigs sind.

Parallel zu den Bemühungen um diese Neuerwerbungen sorgte

ein weiterer Dresdner Künstler dank der Schenkung F. W.

Neess gleichsam im Alleingang dafür, das Museum Wiesbaden

weltweit bekannt zu machen. Der 1857 im mecklenburgischen

Gnoien geborene Friedrich Heyser gehörte bisher nicht zu den

berühmten Kunstschaffenden des deutschen Jugendstils und

Symbolismus. Das änderte sich schlagartig, als Taylor Swift

2025 in ihrem Musikvideo The Fate of Ophelia auf Heysers

Gemälde Bezug nahm. In der Eröffnungsszene stellt sie dessen

Komposition als »lebendes Bild« (Tableau Vivant) nach — und

erweckt das Werk damit eindrucksvoll zum Leben. Swift schlüpft

selbst in die Rolle der tragischen Figur der Ophelia und setzt

die malerische Vorgabe Heysers mit der auf dem Wasser treibenden

Ophelia, umgeben von weißen Seerosen, exakt um. Sie

überträgt das im Gemälde Gesehene in die Bildsprache ihres

Musikvideos – und verbindet so Kunst und Musik auf besonde-

14 VORWORT


Friedrich Wilhelm Theodor Heyser | Ophelia

um 1900 | Öl auf Leinwand | 90,5 × 181,5 cm

Georg Lührig | Studie zu Kosmische Allegorie

ohne Jahr | Kohle auf Papier | 79,3 × 105,5 cm

Georg Lührig | Kosmische Allegorie

ohne Jahr | Farbkreiden auf Papier | 79,3 × 105,5 cm ◦A

re Weise. Die Szene aus William Shakespeares Hamlet wurde

1852 vom englischen Maler John Everett Millais, einem Vertreter

der Präraffaeliten ins Bild gesetzt. Seine Ophelia ist wohl

die bekannteste Darstellung dieses Motivs. Die Präraffaeliten

und ihre einzigartige Verbindung von Natur und Ornament beeinflussten

viele Künstlerinnen des Jugendstils und fanden auch

in Heysers Werk ihren Widerhall. Sein wahrscheinlich kurz vor

1900 entstandenes Querformat bezieht sich in der Komposition

deutlich auf das Werk von Millais, verwandelt es jedoch in die

Darstellung einer jugendlichen Schönheit, die im Kreislauf von

Leben und Vergänglichkeit aufgeht.

Friedrich Heyser hatte an der Königlichen Kunstakademie in

Dresden bei Friedrich Leon Pohle und Paul Mohn und anschließend

bei Ferdinand Keller in Karlsruhe studiert; 1890

folgte ein kurzer Studienaufenthalt an der Pariser Académie

Julian. Er war Mitglied der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft

sowie der um 1910 in Dresden gegründeten

Künstlergruppe Grün-Weiß, der auch Georg Lührig angehörte.

Interessanterweise befasste sich Lührig ebenfalls mit dem

Thema, das er jedoch grundlegend anders auffasste. Mit seiner

Kosmischen Allegorie, die vermutlich um 1904/05 entstand

und von der es mehrere Varianten in unterschiedlichen Techniken

gibt, verlagerte er das Motiv in ein sphärisches Umfeld.

Eine nackte Frau liegt mit geschlossen Augen in einem Wolkenbett.

Um sie herum schweben weitere Wolken und dichte

Himmelsgestirne in bunter Farbigkeit. Diese von Raum und

Zeit losgelöste Szenerie mutet modern, ja nahezu »poppig« an.

Otto Dix ironisierte 1919 mit seinem Gemälde Mondweib den

traditionellen Mondmythos, und vielleicht haben sich beide

Künstler in Dresden über ihre jeweiligen »kosmischen Frauen«

ausgetauscht (Abb. S. 16 unten).

In diesem Zusammenhang sei betont, dass sich das Museum

Wiesbaden der Problematik einiger Bildmotive und der Grundhaltungen,

die viele der Kunstschaffenden vertraten, bewusst ist.

Zum Zeitpunkt der Entstehung einiger der besprochenen und gezeigten

Kunstwerke herrschte eine andere gesellschaftliche Haltung,

in der Dinge selbstverständlich und an der Tagesordnung

waren, die wir heute strikt ablehnen – etwa Sexismus, Rassismus,

Antisemitismus und Faschismus. 4 Wohin solches Denken geführt

hat, ist gerade heute sehr schmerzhaft erlebbar. Wir zeigen


Georg Lührig | Zephir I

1930 | Kohle auf Papier | 48,5 × 60 cm ◦A

Karl Mediz | Roter Engel

1902 | Öl auf Leinwand | 172 × 185,5 cm

Otto Dix | Mondweib

1919 | Öl auf Leinwand | 120,5 × 100,5 cm

dennoch derartige Werke und ihre Originaltitel, um uns damit

kritisch auseinanderzusetzen und in die Zukunft zu arbeiten, um

auch in der Kunst Diskriminierung entgegenzuwirken.

Es war unser Anliegen, keine reine Werkschau eines aus dem Fokus

geratenen wichtigen Protagonisten der damaligen Szene zu

präsentieren, sondern sein Werk und seine Person exemplarisch

in sein damaliges künstlerisches Umfeld einzubinden und die Kulturszene

in Dresden um 1900 darzustellen. Es hat uns begeistert

– und wird sicherlich auch die Besucher:innen der Ausstellung

und Leser:innen des Katalogbuches faszinieren –, wie wenig Patina

die Dresdner Kunst seit jener Zeit angesetzt hat und mit welcher

aktuellen visuellen Stärke sie auch heute noch beeindruckt.

Georg Lührig wird uns noch lange beschäftigen!

Eigens für diese Ausstellung sind umfangreiche Restaurierungen

erfolgt, so dass die heute verlorenen Fresken mittels der

Vorzeichnungen und Studien wieder sichtbar gemacht werden

konnten. 28 großformatige Blätter sind nun in unseren Besitz

übergegangen. Fünf weitere Arbeiten, Ölgemälde auf Leinwand,

sind ebenfalls restauriert worden und ergänzen den Bestand

des Museums aufs Beste.

Angesichts der Tatsache, dass wir jetzt auch ein Haus von Georg

Lührig mit einem Bestand von über 30 Werken sind, gilt es, zukünftig

so eng mit der Familie Lührig zusammenzuarbeiten wie

bei diesem Projekt. Ihnen allen gilt unser großer Respekt für ihren

Einsatz und für ihre Großzügigkeit dem Museum gegenüber.

Die Ernst von Siemens Kunststiftung, die Kulturstiftung der

Länder und deren Freundeskreis haben die Restaurierung, den

Katalog und die Ausstellung überhaupt erst möglich gemacht.

Wir sagen Danke für die so wichtige Unterstützung!

Dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung,

Kunst und Kultur (HMWK) gilt unser Dank für die Förderung

16 VORWORT


Sascha Schneider | Entwurf für einen Wandfries

in der Neuen Gemäldegalerie Dresden | 1917–1918

Deckfarben auf Karton | 27 × 65 cm (Detail)

Georg Lührig | Sitzender Akt mit wallendem Haar

Farbkreiden auf Papier | 47 × 40,5 cm ◦A

der projizierten Rekonstruktion der verlorenen Fresken und des

interaktiven Medientisches mit digitalem Zugang zum Archiv

(QR Code S. 255).

Bedanken möchten wir uns auch bei den Restauratorinnen Ricarda

Holly und dem Team um Stefanie Gundermann, die die

Werke von Georg Lührig in neuem Glanz erstrahlen lassen,

sowie allen Leihgeber:innen, deren Werke den Besuch der

Ausstellung zu einem Vergnügen machen.

Unser aufrichtiger Dank gilt allen am Katalogbuch Beteiligten,

dazu zählen neben den Autor:innen vor allem Inge Knoblauch

und die Büchermacher Petra Kruse und Kai Reschke, ohne die

diese Publikation nicht hätte realisiert werden können.

Last but not least sei der unermüdliche Einsatz des Teams im

Museum Wiesbaden erwähnt; namentlich sei sehr herzlich

Helene Kokenbrink, Marei Löffler, Elias Bittner, Caren Jones

und Dirk Uebele sowie Bernd Fickert gedankt.

Das letzte Wort gehört dem Künstler selbst:

»Eine üble Zeit jetzt für ernste Kunst! Plakatartige rasche Wirkungen

will man haben, denn es ist keine Zeit zum Verweilen,

Luftschiffe und Drachenflieger und immer nur dieses nimmt

alles Interesse des Publikums in Anspruch. Ich bin jetzt mit

den Studien für die Wandgemälde beschäftigt & froh, daß ich

nichts weiter hören und sehen muß, es ergrimmt mich zu sehr,

daß mein ganzes Können und Wollen auch nicht die mindeste

Teilnahme macht!« 5

1 Andreas Dehmer und Birgit Dalbajewa (Hrsg.): Weltflucht und Moderne.

Oskar Zwintscher in der Kunst um 1900, Ausst.-Kat. Albertinum,

Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Museum Wiesbaden, Dresden 2022.

2 Agnes Husslein-Arco und Alfred Weidinger (Hrsg.): Dekadenz. Positionen des

österreichischen Symbolismus, Ausst.-Kat. Unteres Belvedere, Wien 2013.

3 Hellerau. Die Idee vom Gesamtkunstwerk, Katalog zur Dauerausstellung des

Deutschen Werkbundes Sachsen e. V., Leipzig 2009.

4 Siehe den Beitrag von Jana Dennhard in dieser Publikation, S. 170–179.

5 Brief Georg Lührig an Else Lührig, 9. November 1908, Nachlass Georg Lührig.


DIE SEHNSUCHT

NACH DEM FRESKO

PETER FORSTER

INGE KNOBLAUCH

»Es ist die eine der beiden grossen Fresko-Arbeiten,

die ich in meinem Leben ausführen durfte.

Aufträge zu monumentalen Gestaltungen dieser Art

sind eben eine Seltenheit. Ich habe mich mein

Leben danach gesehnt – aber in sechzig Jahren bin ich

nur zweimal dazu gekommen, grosse Fresken

wirklich zu malen.« 1 Georg Lührig, 1938

Um 1900 gab es in der progressiven Künstlerschaft, die sich

dem Jugendstil und Symbolismus verschworen hatte, ein gemeinsames

Ziel: Das Gesamtkunstwerk! Die Idee vom Gesamtkunstwerk

verband Kunst und Leben und wollte durch

gute Kunst das Leben in allen Bereichen verbessern. In diesem

Kontext nimmt die monumentale Raumgestaltung schon wegen

ihrer Größe eine Schlüsselrolle ein. Die von Lührig im Zitat

ausgesprochene Sehnsucht nach dem Fresko teilte er mit vielen

Mitstreitern seiner Zeit, zumal diese Aufträge, die öffentliche

Aufmerksamkeit und Anerkennung einbrachten, eine wichtige

Einnahmequelle waren. Aus diesen Gründen ist die Geschichte

der Dresdner Monumentalmalerei auch eine Geschichte des

Konkurrenzkampfes der Künstler untereinander: Man wetteiferte

um Einfluss und Verbindungen. Bei der Vorstellung der

beiden großen Freskenaufträge an Georg Lührig soll es an dieser

Stelle daher weniger um eine stilistische kunsthistorische

Analyse gehen als vielmehr darum, die damalige Auftragssituation

zu skizzieren und damit einen kulturhistorischen Einblick

in die damalige Zeit zu bekommen. Insbesondere die Auseinandersetzungen

um Lührigs Fresken im Kultusministerium, also

im Zentrum der offiziellen Kulturpolitik, weiteten sich zu einem

regelrechten Dresdner Machtkampf aus. Zahlreiche Nachbesserungsforderungen

und Änderungswünsche sowie die lange

180


Wartezeit zwischen Auftragsvergabe und Realisierung der Fresken

sind aufgrund der Quellenlage nicht ganz einfach nachzuvollziehen,

zumal die Originalfresken 1945 zerstört wurden und

nur noch in Entwürfen und Skizzen dokumentiert sind. Diesen

kommt daher ein immenser Stellenwert zu.

Kunst im öffentlichen Raum – Erste Erfahrungen

Erfahrung mit Kunst im öffentlichen Raum sammelte Lührig

erstmals bei einem kirchlichen Auftrag. Bereits 1901 gewann er

die Ausschreibung für ein Altarbild in einer katholischen Kapelle

in Freiberg. Das Königliche Staatsministerium des Innern

war dem Vorschlag des Akademischen Rates gefolgt und hatte

ihm den Auftrag erteilt. 2 Nur dank der Dokumente im Nachlass

Georg Lührig und einem erhaltenen Aquarell im Kupferstichkabinett

in Dresden können sowohl der Auftrag als auch

die Komposition des Altarbildes Die Taufe Christi rekonstruiert

werden, vom Gemälde selbst fehlt heute jede Spur (Abb.

S. 41). Die intensive Beschäftigung mit einer christlichen Thematik

hat möglicherweise auch inhaltliche und motivische Auswirkungen

auf Lührigs Freskenentwürfe gehabt.

Im Kontext der Idee vom Gesamtkunstwerk spielt ein privater

Auftrag der wohlhabenden Dresdner Familie Ida und Erwin

Bienert von 1903 eine besondere Rolle. 3 Ein Brief von Ida Bienert

ist hier die einzige ausführliche Quelle; sie schildert das

von Lührig für die Villa Bienert gestaltete prächtige Oberlicht

aus Glas. 4


Georg Lührig | Wanderer I – Erziehung des Menschen zur Kultur

1904 | Deckfarben auf Leinwand | 210 × 330 cm ◦A

Georg Lührig | Wanderer II – Verdrängung der Mächte der Finsternis

durch die Mächte des Lichtes | 1904 | Deckfarben auf Leinwand | 130 × 240 cm ◦A

Georg Lührig | modifizierter Entwurf zu Wanderer II

1905 | Deckfarben auf Leinwand | 130 × 240 cm ◦A

Georg Lührig | Wandbildentwurf Sieg des Lichtes

1906 | Deckfarben auf Leinwand | 211,5 × 348,5 cm ◦A

182 DIE SEHNSUCHT NACH DEM FRESKO


Der Tag und Die Nacht

Georg Lührigs Fresken im Kultusministerium in Dresden

1904 schrieb der Akademische Rat nach der Zustimmung aller

beteiligten Ministerien einen Wettbewerb für drei Wandgemälde

im Kultus- und Justizministerium aus. Die Initiative ging auf

einen Antrag der Bauleitung des neuerrichteten Ministerialgebäudes

an das Innenministerium zurück, die großen Wandflächen

durch Anbringung eines malerischen Schmuckes zu beleben.

Die geschätzten Kosten von 50 000 Mark sollten aus dem

Kunstfond bestritten werden. Der Akademische Rat schlug

einen freien Wettbewerb für sächsische Künstler mit ansehnlichen

Preisgeldern vor, 5 die dadurch die Gelegenheit bekamen,

sich »einmal wieder vor große, bedeutende und für eine weitere

Öffentlichkeit bestimmte Aufgaben zu stellen«. 6 Einzureichen

waren Entwürfe im Maßstab 1:5 sowie eine Skizze zur Gesamtwirkung

des Raumes. Von weiteren Vorgaben wurde abgesehen,

der Gestaltungsgegenstand blieb der Wahl der Künstler überlassen.

Für das Justizministerium wurden 16 Entwürfe eingereicht.

Ende November fiel die Entscheidung. Unter dem Kennwort

Wanderer I und II gewann Georg Lührig den mit 1 200

Mark dotierten ersten Preis. Auch sein Entwurf Siegfried für

das Justizministerium wurde ausgezeichnet und erhielt den mit

300 Mark bewerteten dritten Preis. Mit den Worten »Dem akademischen

Rate gereicht es zur Freude« eröffnete dieser am 22.

November 1904 seine Mitteilung über das Ergebnis des Wettbewerbs

und informierte den »Maler Georg Lührig« über die

für den 24. November veranlasste öffentliche Bekanntmachung

der Entscheidung im Dresdner Journal, im Dresdner Anzeiger

und der Leipziger Zeitung. Dabei wurde ausdrücklich erwähnt:

»Über die Ausführung bleibt die Entschließung des Königl.


Georg Lührig | Entwurf zum Wandbild Der Tag:

1911 | Kohle und Kreide auf Karton | 115,5 × 137 cm ◦A

Georg Lührig | Entwurf zum Wandbild Der Tag:

obere Region rechts | um 1910 | Kohle auf Karton | 74 × 47 cm ◦A

Ministeriums des Innern im Einvernehmen mit den

beiden beteiligten anderen Ministerien und dem Erbauer

des Ministerialgebäudes Herrn Geheimen Baurat

Waldow vorbehalten.« 7 Vom 22. November datiert

auch das Schreiben des Akademischen Rates an das

Königliche Staatsministerium des Innern, in dem er

seine Entscheidungen mitteilte und dem Ministerium

die beiden Entwürfe Lührigs zur Ausführung empfahl,

»von denen der unter I jedoch noch entsprechend zu

ändern ist«. 8

Beide Entwürfe, in Deckfarbe auf Leinwand ausgeführt,

haben sich – jeweils gerollt – im Nachlass Georg

Lührig erhalten. Sie messen circa 158 × 226 Zentimeter

beziehungsweise 130 × 240 Zentimeter. In Wanderer

I visualisierte der Künstler die Erziehung des Menschen

zur Kultur, in Wanderer II den Sieg des Lichtes

über die Mächte der Finsternis (Abb. S. 181, 182).

Keinen Erfolg im Wettbewerb hatte Sascha Schneider,

der inzwischen Dresden den Rücken gekehrt

hatte und seit 1904 als Professor an der Weimarer

Kunstschule lehrte. Tief enttäuscht schrieb er an seinen

Freund Georg am 6. Januar 1905: »Die Concurrenz

ist mir gehörig in die Nase gefahren. Glaube

schon, dass Du besseres als ich gemacht hast, aber

auf keinen Fall kann ich mir vorstellen, dass Andere

mich besiegten, auch wenn ich noch so ungeschickt

im Kleinen arbeite. Ich möchte wahrhaft wissen, wie

das zuging. Was mögen das für Frauen sein, die da

hineinreden?! […]. Nun hoffe ich nur, dass Du auch

die Arbeit bekommst und ich bin dann völlig überzeugt

von Dir Grosses und Schönes zu sehen. Sollte

die Ausführung aber Pietschmann treffen, so ist es geradezu zum Verzweifeln,

das wäre grenzenlos dumm und gemein.« 9 Schneider stand mit

seinen Befürchtungen nicht allein. Mit den Worten »Der große Schlag

ist also gelungen«, gratulierte der Bildhauer Heinrich Wedemeyer seinem

Freund Lührig und äußerte dann skeptisch: »Hoffentlich geht das

Ministerium bei der Genehmigung keine krummen Wege.« 10 Das Misstrauen

seiner beiden Freunde sollte sich als nur zu berechtigt erweisen.

Georg Lührig muss einflussreiche Widersacher gehabt haben, die so-

184 DIE SEHNSUCHT NACH DEM FRESKO


Georg Lührig | Fresko Der Tag | Gesamtaufnahme für

das Album des Kunstfonds | ohne Jahr | Fotografie | 20 × 28 cm

fort nach seinem Sieg in der Ausschreibung aktiv wurden und

denen es gelang, erneut einen Wettbewerb durchzusetzen,

und zwar zwischen Lührig und dem zweiten Preisträger Max

Pietschmann. Initiator war das Innenministerium, das bereits

am 26. November das Kultusministerium über sein ungewöhnliches

Vorhaben informierte. Man verwies darauf, der Akademische

Rat habe ja selbst schon angemerkt, »daß der Entwurf

I des mit dem ersten Preise ausgezeichneten Malers Georg

Lührig in Dresden noch einer Änderung unterzogen werden

müßte«. 11 Dass der Akademische Rat sich gleichzeitig eindeutig

dafür ausgesprochen hatte, Georg Lührig mit der Ausführung

der Fresken zu beauftragen, wurde nicht erwähnt.

Anlässlich der Vollendung der Fresken sprach Hermann Hieber

in der Dresdner Volkszeitung von vier Jahren »qualvollen

und demütigenden Wartens«, in denen gegen den Künstler,

der keinen Titel und keinen Protektor gehabt hätte, intrigiert


GEORG LÜHRIG UND

DIE SYMBOLISTISCHE LANDSCHAFT

ROLF GÜNTHER

Dresden und seine reizvolle Umgebung waren von jeher ein

Zentrum der Landschaftsmalerei. »[…] es drängt sich alles zur

Landschaft […]« 1 schrieb Philipp Otto Runge 1802. Allerdings

setzt dieses Datum nicht den Beginn der Landschaftsmalerei

in Sachsen, die sich damals schon gut ein halbes Jahrhundert

ständig wachsender Beliebtheit erfreute. Zu den ersten

bedeutenden Künstlern des Genres gehörten unter anderem

Johann Alexander Thiele, der spätere Hofmaler August III.,

Christian Wilhelm Ernst Dietrich und dessen Schüler Johann

Christian Klengel. Künstlerisches Anliegen war das Festhalten

pittoresker Landschaften rings um die Landeshauptstadt. Bevorzugte

Motive dieser »Prospekt«-Malereien fanden sich in

der Sächsischen Schweiz und im Plauenschen Grund, aber

auch im Zittauer Gebirge mit dem Berg Oybin. Nur drei Jahre

vor Runge war ein anderer Künstler an die Elbe gekommen,

der die Landschaftsmalerei grundlegend revolutionieren sollte:

Caspar David Friedrich.

Für die Künstler der Aufklärung war Landschaftsmalerei nur

Erdbeschreibung. Dies änderte sich mit dem Einsetzen der

Frühromantik, dessen prominenteste Vertreter in der Malerei

Runge und Friedrich waren. »Die romantische Landschaftsmalerei

schafft Symbole für die Einsamkeit des Menschen,

für seine Unterlegenheit gegenüber den elementaren Kräften

und für die rätselhafte Allmacht Gottes, die sie im unendlichen

Raum und in dem Wirken kosmischer Kräfte zu versinnbildlichen

suchte«, wie es Hans H. Hofstätter formuliert. 2

Sowohl Runge als auch Friedrich schufen in diesen frühen Jahren

Ikonen dieses neuen Kunstwollens.

»Runges Zyklus der Vier Tageszeiten ist die typische Kosmogonie

in der Kunst des 19. Jahrhunderts – Weltlehre aus dem

Geist der Romantik, Aufstieg aus der rational erklärbaren Allegorie

ins mehrschichtige, sich nur noch dem Schauen offenbarende

Symbol der Weltschöpfung und Menschwerdung«, fährt

Hofstätter fort. 3

Leider konnte der Künstler sein Vorhaben, alle vier Blätter der

Tageszeiten, die von 1803 bis 1805 entstanden, auch als Gemälde

umzusetzen, vor seinem frühen Tod im Jahr 1810 nicht

mehr realisieren. 100 Jahre später widmete sich Rainer Maria

Rilke dem einzigen von Runge als Gemälde ausgeführten Werk

des Zyklus, dem Morgen, in seinem Essay »Worpswede«. Diese

Beschreibung gehört zum schönsten und treffendsten, was

je über symbolistische Landschaftsmalerei geschrieben wurde:

212


»[…] Vielleicht hat nur einer von ihnen ihr [der Natur] ins Gesicht

gesehen; Philipp Otto Runge, der Hamburger, der das

Nachtigallengebüsch gemalt hat und den Morgen. Das große

Wunder des Sonnenaufgangs ist so nicht wieder gemalt worden.

Das wachsende Licht, das still und strahlend zu den Sternen

steigt und unten auf der Erde das Kohlfeld, noch ganz vollgesogen

mit der starken tauigen Tiefe der Nacht, in welchem

ein kleines nacktes Kind – der Morgen – liegt. Da ist alles

geschaut und wiedergeschaut. Man fühlt die Kühle von vielen

Morgen, an denen der Maler sich vor der Sonne erhob und,

zitternd vor Erwartung, hinausging, um jede Szene des mächtigen

Schauspiels zu sehen und nichts von der spannenden

Handlung zu versäumen, die da begann. Dieses Bild ist mit

Herzklopfen gemalt worden. Es ist ein Markstein. Es erschließt

nicht einen, es erschließt tausend neue Wege zur Natur […].« 4

Friedrichs Entwicklung verlief langsamer, führte aber alsbald

zur höchsten Reife. »Sein Werk überragt in einsamer Größe

alles, was an Malerei in Dresden, um ihn herum entstand. In

seiner Kunst erfüllt sich der Begriff der romantischen Malerei

am reinsten. Sie ist der bildhafte Ausdruck einer dialektischen

Einheit von Geist und Natur, Idee und Wirklichkeit«, schreibt

Hans Joachim Neidhardt. 5 Insbesondere bis zum Zeitpunkt


Georg Lührig | Winterwald in der Sächsischen Schweiz

1936 | Öl auf Leinwand | 77,5 × 95 cm ◦A

Georg Lührig | Weidenbäume in der Lunca | 1899 | Aquarell | 70 × 90 cm ◦A

Georg Lührig | Baumstumpf | 1924 | Öl auf Leinwand | 82,5 × 75 cm ◦A

Todesnähe und des Untergangs des alten Glaubens. Zwei weitere

Schlüsselwerke der gesamten romantischen Malerei gelangen

Friedrich mit den Gemälden Die gescheiterte Hoffnung

von 1821/22 (heute verloren) und Das Eismeer von 1823/24.

Gerade für Lührigs Spätwerk sind diese Bilder von größter Bedeutung.

Das Grundanliegen symbolistischer Kunst war, eine Antithese

zum bürgerlichen Rationalismus in Ästhetik, Religion und

Moral zu bilden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts richteten sich

diese Bestrebungen explizit gegen den Realismus und Positivismus;

in der Blütezeit des Symbolismus um die Jahrhundertwende

zum 20. Jahrhundert wendete man sich dann gegen Naturalismus,

Historismus und Verwissenschaftlichung des gesamten

Denkens. Was mit dem Einsetzen der Frühromantik begann,

fand sein grandioses Finale im Fin de Siècle bis hin zum Beginn

des Ersten Weltkrieges.

Georg Lührig hat der Landschaft in seinem Werk stets breiten

Raum gegeben. Am Beginn standen die frühen Darstellungen

der Göttinger Heimat wie die fast schon neusachlich wirkende

Landschaft bei Göttingen von 1894. In den Jahren bis 1898

schuf er im sächsischen Goppeln ebenfalls eine Vielzahl von

seiner ersten Stilkrise ab 1816 gelangen Friedrich in rascher

Folge überzeugende Werke symbolistischer Landschaftsdarstellungen.

Zu nennen wären hier die Gemälde Der Mönch

am Meer, Abtei im Eichwald (beide zwischen 1808 und 1810

zu datieren) sowie der Chasseur im Walde von 1813/14, ein

Höhepunkt der patriotischen Romantik. In dem Gemälde Abtei

im Eichwald griff Friedrich ein Sujet auf, das später ein großes

Thema der romantischen Bewegung werden sollte – das

Symbol des Verfalls. Realer Bezugspunkt war die Klosterruine

Eldena nahe Greifswald. Hier verbinden sich der Gedanke der

Landschaftsdarstellungen, zumeist als Lithografien. Es sollte

allerdings in dem hier zu behandelnden Kontext festgehalten

werden, dass die Arbeiten, die in dem genannten Zeitraum

entstanden, kaum der symbolistischen Landschaftsauffassung

entsprachen. Das gilt sowohl für die Werke Georg Lührigs als

auch, mit ganz wenigen Ausnahmen, für die der übrigen Mitglieder

der Goppelner Gruppe.

Dies änderte sich jedoch grundsätzlich mit Lührigs Aufenthalt

in Moldau ab 1898. Im Gegensatz zu der beschaulichen Landschaft

um Dresden sah sich der Künstler nunmehr mit einer

214 DIE SYMBOLISTISCHE LANDSCHAFT


Georg Lührig | Sandsteinformation

ohne Jahr | Farbkreiden auf Papier | 45 × 60 cm

Georg Lührig | Sandsteinformation

1934 | Kohle auf Papier | 48 × 34,7 cm

Georg Lührig | Sandsteinformation

ohne Jahr | Farbkreiden auf Papier | 60 × 70 cm

archaischen Natur konfrontiert. Die Landschaft mit ihren Urwäldern,

den reißenden Flüssen, den weiten Ebenen und einer

Bevölkerung, die sehr traditionell geprägt war, müssen ihn

stark beeindruckt haben. Hier erlebte Lührig wohl erstmals die

Großartigkeit der Schöpfung in einer bis dahin nie gesehenen

ursprünglichen Natur, die an Arkadien erinnerte. Hier fühlte

er aber auch die Marginalität des einzelnen Individuums angesichts

dieser erhabenen Größe. Gemälde wie der Rumänische

Park von 1900 geben eine Ahnung von seiner neugewonnenen

künstlerischen Sicht (Abb. S. 6/7). Selbst in den Werken, in

denen Menschen agieren, tun sie dies in einer überwältigenden

Landschaft, die zum Bedeutungsträger der Handlung wird.

Leider sind nur wenige Werke dieser Jahre erhalten geblieben.

Eine weitere Phase symbolistischer Landschaftsauffassung ist

in Lührigs Œuvre Anfang der 1920er-Jahre zu verzeichnen.

Augenscheinlich noch unter dem Eindruck der rumänischen

Zeit schuf er eine Reihe von Gemälden, auf denen ein neuer

und ungewohnter Zug fantastisch-märchenhafter Art zutage

trat. In der Farbgebung erinnert einiges an die Werke der

Worpsweder Künstler um Heinrich Vogeler. Als Beispiel sei

hier auf das Gemälde Moospolster von 1924 verwiesen (Abb.

S. 225). In einem Waldstück wuchert ein Teppich aus Moosen,

die ein molluskenhaftes Eigenleben zu führen scheinen.

Realität und Fiktion, Gesehenes und Fabuliertes scheinen sich

zu durchdringen. Lührigs nobles Farbspektrum ändert sich hin

zu einer zunehmenden Buntheit, was einen naiv-wirklichkeitsfremden

Eindruck hervorruft.

Wie bereits ausgeführt, hatte der Künstler seit früher Zeit ein

Faible für skurril-fantastische Motive. Diese fand er vorgebildet

in der Natur, etwa in Baumstämmen und Ästen, oder er

initiierte sie selbst in seine Kompositionen. Bereits Leonardo

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