OCG Journal 02/26 Nachhaltigkeit und Informatik - Potential von KI für Ökologie und Klima
Künstliche Intelligenz hat in den letzten Jahren einen bemerkenswert hohen Reifegrad erreicht. Was vor wenigen Jahren noch als Zukunftsvision galt, ist heute bereits in vielen Bereichen technisch umsetzbar und wirtschaftlich relevant. Trotz des hohen Energieverbrauchs birgt Künstliche Intelligenz Potential positiv in biologische, ökologische und soziale Prozesse einzugreifen und damit Ressourcenverschwendung und Bürokratisierung minimieren. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Landwirtschaft. Die Autor*innen der zweite Ausgabe des OCG Journals 2026 beschäftigen sich in ihren Forschungen mit unterschiedlichen Ansätzen zu nachhaltiger Informatik.
Künstliche Intelligenz hat in den letzten Jahren einen bemerkenswert hohen Reifegrad erreicht. Was vor wenigen Jahren noch als Zukunftsvision galt, ist heute bereits in vielen Bereichen technisch umsetzbar und wirtschaftlich relevant. Trotz des hohen Energieverbrauchs birgt Künstliche Intelligenz Potential positiv in biologische, ökologische und soziale Prozesse einzugreifen und damit Ressourcenverschwendung und Bürokratisierung minimieren. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Landwirtschaft. Die Autor*innen der zweite Ausgabe des OCG Journals 2026 beschäftigen sich in ihren Forschungen mit unterschiedlichen Ansätzen zu nachhaltiger Informatik.
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OCG Journal Ausgabe 02 • 2026 | Coverbild: istock/leolintang P.b.b. Verlagspostamt 1010 Wien I 02Z031460M
Nachhaltigkeit und
Informatik
Potential von KI für Ökologie und Klima
Ausgabe 02 • 2026 | Jg. 51 | EUR 5,00
Editorial
Sehr geehrtes OCG-Mitglied,
liebe Leserin, lieber Leser!
Die Agenda 2023 für Nachhaltige Entwicklung
der Vereinten Nationen enthält 17 Ziele
für nachhaltige Entwicklung. Alle Ziele betreffen
unsere Grundbedürfnisse als Menschen.
Ein Ziel ist „Den Hunger beenden,
Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung
erreichen sowie eine nachhaltige
Landwirtschaft fördern“. Der OCG Arbeitskreis
Nachhaltigkeit und Informatik hat seinen
Schwerpunkt für die Jahre 2026 und
2027 auf die Schnittstelle von KI und Landwirtschaft
gelegt.
Es freut mich sehr, dass wir den AK-Leiter
Kevin Mallinger als Gastherausgeber für
diese Ausgabe des OCG Journals gewinnen
konnten. Beiträge von renommierten Forschungsinstituten
und Universitäten geben
uns einen spannenden Eindruck in aktuelle
Entwicklungen. KI spielt in diesem Bereich
eine doppelte Rolle – einerseits als (Hilfs)
Mittel zur Lösung komplexer Probleme und
andererseits auch als Problem aufgrund ihres
hohen Ressourcenverbrauchs. Nur die
Zusammenarbeit aller Stakeholder wird es
möglich machen, die von den Vereinten
Nationen festgelegten Kernziele nachhaltiger
Entwicklung zu erreichen. Die vielfältige
Forschungslandschaft in Österreich kann
dazu einen wichtigen Beitrag leisten, damit
wir Hoffnung für die Zukunft schöpfen können.
Herzlichst, Ihr
Wilfried Seyruck, Präsident OCG
20th International Conference on Digital Inclusion, Assistive
Technology (AT), Accessible ICT (eAccessibility)
July 15 - 17, 2026
Faculty of Arts, Masaryk University Brno, Czech Republic
The Young Researcher Consortium takes place during ICCHP preconference
(July 12 & 14, 2026)
The ICCHP brings together researchers, developers, educators, and organizations working on technologies
for people with disabilities:
At the ICCHP26 the Roland Wagner Award will be presented in honour of the founder of ICCHP.
More Information:
Editorial
3 Editorial
3 Inhaltsverzeichnis
Nachhaltigkeit
und Informatik
4 KI und die Landwirtschaft von
Morgen
Leitartikel
6 Zukunftsthemen spielerisch
erleben
Nachhaltigkeit und Informatik
als Hands-on-Erfahrung im Co-
Creation-Space der TU Wien
9 Kleine Hände, große Fragen
Nachhhaltigkeit und Technik zum
Anfassen - Das Farmbot Living Lab
der BOKU
1
12 KI - großes Potential in der
Landwirtschaft
Konzept für vertrauenswürdige
Dateninfrastruktur für Agrarische KI
in Österreich
15 Sind wir irgendwann falsch
abgebogen?
Wieso wir nachhaltige Software
brauchen
18 SLMs: Effizienz statt Größe
Nachhaltige KI zur Phishing-
Erkennung - Kleine Modelle, große
Wirkung
20 Ressourcen im Fokus
KI und Nachhaltigkeit
22 Argrar-Datenraum: Daten
vernetzen, Potentiale nutzen
Perspektive für Entbürokratisierung
und Innovation
24 Green City - Safe City - Cool City
Satellitendaten besser nutzen:
Von Agrarmonitoring zu urbaner
Klimaanpassung
Inhalt
Projekte | Neuigkeiten
26 Nachhaltigkeit und grüne
Kompetenzen im SMARCO Projekt
26 FH Salzburg - Weichen für eine
nachhaltige Zukunft
Intern
27 Veranstaltungen
27 Impressum
Nachhaltigkeit und Informatik
@ istock JTKPHOTOz
Leitartikel
von Kevin Mallinger und A Min Tjoa
KI und die Landwirtschaft
von Morgen
Künstliche Intelligenz hat in den letzten
Jahren einen bemerkenswert hohen
Reifegrad erreicht. Was vor wenigen
Jahren noch als Zukunftsvision galt, ist
heute bereits in vielen Bereichen technisch
umsetzbar und wirtschaftlich relevant.
Diese Entwicklung macht auch
vor der Landwirtschaft nicht halt. Im Gegenteil,
gerade hier zeigt sich, wie stark
Künstliche Intelligenz in digitale Systeme
biologischer, ökologischer und sozialer
Prozesse eingreifen können.
AKTUELLE ANWENDUNGS-
GEBIETE
Besonders sichtbar ist diese digital unterstützte
KI-Entwicklung zunehmend in
einer Vielzahl technologisierter Bereiche
der Landwirtschaft. In der Nutztierhaltung
werden heute Sensoren, Kameras
und automatische Auswertungssysteme
eingesetzt, um Tierverhalten, Gesundheit,
Aktivität oder Futteraufnahme laufend
zu beobachten. Auch moderne Traktoren
und Landmaschinen arbeiten zunehmend
datenbasiert. Fahrspuren können
automatisch geplant werden, Arbeitsrouten
werden optimiert, und Systeme unterstützen
dabei, Dünger, Saatgut oder
Pflanzenschutzmittel möglichst gezielt
einzusetzen. In anderen Bereichen, etwa
im „klassischen“ Ackerbau, schreitet diese
Entwicklung zwar oft etwas langsamer
voran, doch auch dort nimmt der Einfluss
von KI deutlich zu.
Ein bekanntes Beispiel ist die Auswertung
von Fernerkundungsdaten. Satelliten
und Drohnen liefern Bilder, aus denen
sich Vegetationszustände ableiten
lassen. Ein häufig genutzter Indikator ist
der NDVI (Normalized Difference Vegetation
Index), der Hinweise darauf gibt, wie
vital Pflanzenbestände sind. Solche Informationen
helfen dabei, Unterschiede innerhalb
eines Feldes sichtbar zu machen,
etwa Trockenstress, Nährstoffmangel
oder Wachstumsunterschiede. Dadurch
kann viel präziser gearbeitet werden, statt
ganze Flächen gleichförmig zu behandeln.
Auch bei der Fruchtfolgeplanung
eröffnen sich neue Möglichkeiten. Verfahren
aus dem Bereich Reinforcement
Learning können genutzt werden, um
auf Basis von Wetter, Bodenzustand, Ertragserwartung
und langfristigen Zielen
geeignete Anbaufolgen vorzuschlagen.
TECHNOLOGIE AGIERT NIE
ISOLIERT
Auf den ersten Blick erscheint diese
Entwicklung sehr positiv. KI verspricht
Effizienz, Ressourcenschonung, bessere
Entscheidungen und eine höhere
Reaktionsfähigkeit auf Wetterextreme,
Krankheitsdruck oder Marktveränderungen.
Doch genau an diesem Punkt wird
deutlich, dass Landwirtschaft kein rein
technisches Anwendungsfeld ist. Sie ist
ein hoch komplexes Zusammenspiel aus
Mensch, Natur, Wirtschaft, Infrastruktur
und politischen Rahmenbedingungen.
Wer KI in diesem Umfeld einsetzt, greift
daher nicht nur in einen isolierten Produktionsprozess
ein, sondern in ein System
mit vielen gegenseitigen Abhängigkeiten.
Deshalb reicht es nicht aus, nur bessere
Modelle oder genauere Sensoren zu entwickeln.
Notwendig ist ein interdisziplinärer
Austausch, der technische, rechtliche,
soziale und ökologische Perspektiven
zusammenführt. Wer digitale Systeme
für die Landwirtschaft gestaltet, muss
auch die Lebensrealitäten der Menschen
verstehen, die täglich mit ihnen arbeiten.
Dazu gehören Arbeitsdruck, Zeitmangel,
wirtschaftliche Unsicherheit, regionale
Unterschiede und ganz praktische Fragen
der Bedienbarkeit. Ebenso wichtig
sind rechtliche Rahmenbedingungen,
etwa rund um Datenzugang, Verantwortung,
Transparenz, Umweltauflagen und
Haftung. Nur wenn diese Grundlagen
mitgedacht werden, können Technologien
entstehen, die nicht nur effizient, sondern
auch nachhaltig und gesellschaftlich
tragfähig sind.
DIE OCG ARBEITSKREISE
ARBEITSGRUPPE INFORMATIK
UND NACHHALTIGKEIT
Um diese Multiperspektivität zu adressieren,
fokussiert sich die Arbeitsgruppe
Informatik und Nachhaltigkeit im
Jahr 2026 und 2027 spezifisch auf die
Schnittstelle von KI und Landwirtschaft.
Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie
digitale Technologien so entwickelt werden
können, dass sie einen nachhaltigen
gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.
Gemeinsam mit derzeit 14 unterschiedlichen
Instituten, NGOs und öffentlichen
Vertretern werden aktuelle Herausforderungen
in Österreich gesammelt, diskutiert
und in gezielte Kooperationsstränge
und Lösungsvorschläge übersetzt.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein
die technische Machbarkeit, sondern die
praxisnahe Gestaltung von Technologien,
die Unternehmen, Öffentlichkeit, Umwelt
Forschungsgruppenleiter
bei SBA Research.
Kevin Mallinger ist
Leiter des OCG Arbeitskreises
Informatik
und Nachhaltigkeit
sowie Area- und
und Endnutzer*innen gleichermaßen
dienen.
Die Landwirtschaft von Morgen wird digitaler,
vernetzter und stärker durch KI geprägt
sein als je zuvor. Entscheidend ist
jedoch nicht nur, ob diese Technologien
funktionieren, sondern wie sie in ein komplexes
Gesamtsystem eingebettet werden.
Gute Landwirtschaftstechnologie
muss nicht nur intelligent sein. Sie muss
auch verständlich, robust, fair, sicher und
ökologisch verantwortbar gestaltet werden.
Erst dann kann KI ihr Potenzial wirklich
entfalten, nicht als reine Effizienzmaschine,
sondern als Werkzeug für eine
Landwirtschaft, die dem Menschen und
der Natur dient.
A Min Tjoa
ist stellvertretender
Leiter des OCG Arbeitskreises
Informatik
und Nachhaltigkeit,
emeritierter
Professor der TU Wien, Vorsitzender
der SBA Research und OCG Past
President.
Die Arbeitskreise der Österreichischen Computer Gesellschaft fördern den fachlichen Austausch zwischen Wissenschafter*innen
und Forscher*innen zu unterschiedlichsten Schwerpunktthemen. Die OCG unterstützt ihre Arbeitskreise in Form
von Bereitstellung von Räumlichkeiten, bei der Dissemination von Ergebnissen und Stellungnahmen sowie bei Veranstaltungen.
In den letzten Jahren haben neben dem AK Nachhaltigkeit und Informatik für diese Ausgabe des OCG Journals auch der AK
IT-Sicherheit und der AK Medizinische Informatik und eHealth die Gastherausgeberschaft übernommen.
Haben Sie Interesse sich in einem Arbeitskreis zu engagieren oder einen Arbeitskreis zu aktuellen Themen zu gründen?
Dann melden Sie sich gerne bei uns. info@ocg.at
4 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026| OCG Journal 5
Nachhaltigkeit und Informatik
Workshop Thymio, Foto: Bianca Köck
Workshop Lego Spike Müllzange, Foto: Ines
Kirchengasser
Sortierwerkzeug Füttern mit selbstgemessenen
Energiedaten, Foto: Habibe Isikut
Nachhaltigkeit und Informatik als Hands-on-Erfahrung im Co-Creation-Space der TU Wien
von Bianca Köck, Alexander Pichlhöfer, Habibe Idiskut, Stefan Szeider, Andrea Hackl und Lara Lammer
Zukunftsthemen spielerisch
erleben
Wie lernen Kinder und Jugendliche
Programmieren, wenn die Aufgabe
nicht abstrakt bleibt, sondern ein echtes
Problem löst? Im Transformer der
TU Wien – einem außerschulischen
Lern- und Experimentierraum in einem
umgenutzten Leerstandsgebäude – verbinden
wir Klimathemen mit digitalen
Kompetenzen: Kinder messen Energieverbräuche,
programmieren Roboter für
Nachhaltigkeitsaufgaben, sortieren reale
Messdaten mit Algorithmen und diskutieren,
was KI mit Ressourcen zu tun
hat. Der Artikel zeigt anhand konkreter
Workshopformate, wie Informatik und
Nachhaltigkeit im Transformer zusammenwirken.
EIN LEBENDES LABOR FÜR ZWEI
ZUKUNFTSTHEMEN
Der Transformer ist ein Innovationslabor
der TU Wien, gefördert durch den Klima-
und Energiefonds im FFG-Call „Co-Creation-Spaces
Klima & Energie 2022“. Seit
Dezember 2023 arbeiten sechs Fakultäten
gemeinsam an einem Ziel: Kindern
und Jugendlichen (ca. 8–19 Jahre) einen
kostenlosen, niedrigschwelligen Zugang
zu Nachhaltigkeit und Technik zu ermöglichen
– nicht als Frontalunterricht, sondern
als Werkstattarbeit, Experiment und
gemeinsame Reflexion.
Das Gebäude selbst – ein ehemaliger
Leerstand im dritten Wiener Bezirk –
dient dabei als Lerngegenstand: Materialflüsse,
Gebäudestrukturen und Energieverbräuche
werden direkt am Ort
untersucht und verändert. Drei aufeinander
aufbauende Module strukturieren
das Programm: Die Materialmine analysiert
Ressourcen und Lebenszyklen, die
Kreationsküche überführt Erkenntnisse
in Prototypen und Reparaturprojekte, das
Zukunftsportal ergänzt Energie-, Digitalisierungs-
und Automatisierungsperspektiven.
In der Praxis zeigt sich: Informatik wird
für junge Menschen besonders zugänglich,
wenn sie an reale Fragen gekoppelt
wird – Welche Geräte verbrauchen wie
viel Energie? Wie kann ich Daten sinnvoll
vergleichen? Wie kann Robotik helfen,
Ressourcen zu sparen? Der Transformer
nutzt diese Verbindung systematisch: Digitale
Kompetenzen (Algorithmen, Sensorik,
Robotik, KI) werden nicht isoliert
vermittelt, sondern als Werkzeuge für
Nachhaltigkeitsfragen eingesetzt.
ROBOTIK ALS BRÜCKE: LEGO
SPIKE UND THYMIO
Robotik bietet einen besonders direkten
Zugang, weil jede Code-Änderung eine
sichtbare Wirkung erzeugt. Wir setzen
zwei Plattformen ein, die sich ergänzen:
Mit LEGO SPIKE entstehen Projekte, die
Umweltthemen spielerisch mit technischem
Denken verbinden. Ein Beispiel:
Kinder bauen einen Greifarm, der Objekte
(oder Abfälle) aufnehmen und ablegen
kann – und lernen dabei technisches
Design, Motorsteuerung, Adaption und
Debugging. Gleichzeitig diskutieren sie,
welche Aufgaben in einer nachhaltigen
Stadt sinnvoll automatisierbar sind und
wo Grenzen liegen. In einem anderen
Format greifen Kinder auf aktuelle Windstärke-Messdaten
verschiedener Städte
zu, übersetzen diese in eine verständliche
Skala und bauen mit LEGO SPIKE eine
physische Windstärkeanzeige – ein Anlass,
Klimaänderungen und die Zunahme
von Extremwetterereignissen zu thematisieren.
Über die Teilnahme an der FIRST
LEGO League „UNEARTHED“-Saison wird
Robotikprogrammierung zusätzlich als
Werkzeug für nachhaltigkeitsbezogene
Problemstellungen gerahmt: Sensor-Aktuator-Rückkopplungen,
regelbasiertes
Verhalten, Performance-Messung und
Optimierung werden als zentrale Elemente
algorithmischen Denkens praktisch
erfahrbar.
Thymio setzen wir – aufbauend auf erprobten
Formaten von Lara Lammer und
Habibe Idiskut – als Einstiegsroboter ein,
weil Erfolgserlebnisse schnell möglich
sind. Nach ersten Programmiererfahrungen
(Bewegung, Reaktion auf Umgebung,
einfache Regeln) folgt ein bewusst
kreativer Schritt: Die Kinder entwerfen eigene
Roboterkonzepte, die ein Zukunftsproblem
adressieren – etwa Ressourcenschonung,
Mobilität oder Stadtklima. Der
Fokus liegt auf dem gesamten Problemlöseprozess:
Idee, Skizze, Funktionsentwurf,
Prototyp-Logik, Testen, Verbessern.
Informatik (Regeln, Sensorik, Debugging,
Modellbildung) wird dabei nicht isoliert
gelehrt, sondern als Werkzeug genutzt,
um reale Zielkonflikte sichtbar zu machen:
Was bringt die Lösung? Was kostet
sie an Material und Energie? Welche Nebenwirkungen
gibt es?
SORTIERALGORITHMEN MIT
ECHTEN ENERGIEMESSDATEN
Ein weiteres Format zeigt, wie abstrakte
Informatik in ein konkretes Nachhaltigkeitssetting
übersetzt werden kann.
Andrea Hackl, Alexander Pichlhöfer und
Bianca Köck entwickelten fakultätsübergreifend
einen Workshop, der auf einem
Sortieralgorithmusspiel, dem Sortiernetzwerk,
von Stefan Szeider vom Vienna
Center for Logic and Algorithms (VCLA)
aufgebaut ist:
Nach einem interaktiven Input zu Energie
führen zwei Gruppen Messungen an
unterschiedlichen Geräten durch – Kleingeräte,
Computer, Beleuchtung, Küchengeräte.
Die Werte werden dokumentiert
und gruppenübergreifend geteilt. Dann
folgt das Kernstück: Die Messwerte werden
als Algorithmus-Challenge sortiert
– Vergleichen, Tauschen, Reihenbildung,
je nach Altersstufe als „Bubble-Sort“-Spiel
oder effizientere Varianten. Abschließend
ordnen die Kinder den Zahlen wieder
Geräte zu: „Schätzt, welches Gerät zu
welchem Verbrauch passt“ – und reflektieren,
warum Intuition und Realität oft
auseinanderliegen. Der Sortieralgorithmus
bleibt nicht Schulstoff, sondern wird
als Werkzeug erlebbar, um Energieverbrauch
transparent zu machen, zu vergleichen
und zu bewerten.
ENERGIE SPÜREN, HITZE MES-
SEN: PHYSICAL COMPUTING IM
TRANSFORMER
Zwei weitere Formate verbinden Physical
Computing mit Nachhaltigkeitserfahrung.
Ein umgerüsteter Hometrainer –
per Arduino mit einem Spiel am PC gekoppelt
– zeigt Kindern symbolisch, dass
digitale Anwendungen reale Energie benötigen:
Wer spielen will, muss strampeln.
Im Workshop „Wearables“ programmieren
Teilnehmende ESP32-Entwicklungsboards
mit OLED-Anzeige zu mobilen
Temperaturmessgeräten, verpackt in
3D-gedruckten Gehäusen. Damit lassen
sich einfache Experimente durchführen –
etwa Temperaturunterschiede zwischen
Asphaltflächen und Grünräumen messen
– und ein Bewusstsein für städtische
Hitzeinseln entwickeln.
6 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal 7
Nachhaltigkeit und Informatik
KI-KOMPETENZ MIT NACHHAL-
TIGKEITSBEZUG
Ein weiterer Baustein adressiert KI-Bildung.
Stefan Szeider (VCLA/TU Wien)
entwickelte und leitete für den Transformer
einen Workshop „How Large Language
Models Work“, der Grundlagen,
Möglichkeiten und Grenzen von LLMs
anschaulich macht. Die Durchführung
mit Schüler*innen betonte interaktive Experimente
und ein realistisches Verständnis
moderner KI – inklusive reflektierter
Diskussion zu Einsatzfeldern, Grenzen
und verantwortungsvoller Nutzung. Damit
adressiert der Transformer Fragen,
die auch im OCG-Kontext zentral sind:
nachhaltige KI-Praxis, Qualität und Unsicherheit,
Governance und Ethik sowie die
Einbettung in gesellschaftliche Ziele.
DIE AUTOR*INNEN:
WAS DARAUS FÜR INFORMA-
TIK UND NACHHALTIGKEIT ENT-
STEHT
Der Transformer versteht sich als Reallabor
für Bildungsinnovation. Informatik
wird als Hebel für Nachhaltigkeit vermittelt
– und Nachhaltigkeit als Realitätscheck
für Informatik. Die Wirklogik lässt
sich in drei Dimensionen zusammenfassen:
• Ökologisch: Energie- und Ressourcenverbräuche
werden mess- und diskutierbar.
Technik wird nicht als Selbstzweck
verstanden, sondern als Teil von
Systemen, die Ressourcen verbrauchen
und Nebenwirkungen erzeugen.
• Sozial: Kostenlose, niedrigschwellige
Formate fördern Teilhabe und
Selbstwirksamkeit – gerade für Kinder
und Jugendliche, die in klassischen
Andrea Hackl Habibe Idiskut Bianca Köck Lara Lammer Alexander
Pichlhöfer
MINT-Kontexten unterrepräsentiert
sind. Ko-kreative Settings stärken
Teamarbeit und Perspektivenvielfalt.
• Ökonomisch: Frühe Orientierung an
Green Skills und zukunftsrelevanten
digitalen Kompetenzen unterstützt
Bildungs- und Berufswege in MINTund
Green-Jobs-Bereichen.
Die Erfahrung aus bisher über einem
Jahr Regelbetrieb zeigt: Die Kombination
von Informatik und Nachhaltigkeit funktioniert
dann besonders gut, wenn die
Aufgabenstellung real ist, die Ergebnisse
sichtbar sind und die jungen Menschen
selbst entscheiden können, wie sie ein
Problem angehen. Wer einmal mit echten
Messdaten einen Sortieralgorithmus
durchgespielt hat, vergisst weder den Algorithmus
noch den Energieverbrauch.
Stefan Szeider
Nachhaltigkeit und Technik zum Anfassen - Das Farmbot Living Lab der BOKU
von Alexander Bauer und Florian Kitzler
Kleine Hände, große Fragen
Wie wächst ein Radieschen unter kontrollierten
Bedingungen und was hat
ein Roboter damit zu tun? Im Farmbot
Living Lab treffen Pflanzen, Sensoren
und Algorithmen aufeinander. Hier wird
nicht nur geforscht, sondern auch vermittelt,
wie nachhaltige Lebensmittelproduktion
funktioniert und wie schon
Kinder diese Zusammenhänge durch
eigenes Tun begreifen können.
NACHHALTIGE PRODUKTION
UNTER KONTROLLIERTEN
BEDINGUNGEN
Wie wir Lebensmittel in Zukunft erzeugen,
ist längst nicht mehr nur eine Frage
der Bäuerinnen und Bauern. Klimawandel,
Flächenverbrauch und die Umgestaltung
unserer Energiesysteme erhöhen
den Druck, Produktion neu zu denken.
Gerade in Österreich spielt die zunehmende
Bodenversiegelung eine zentrale
Rolle: Fruchtbare Ackerflächen gehen
verloren und stehen für die Lebensmittelproduktion
nicht mehr zur Verfügung.
Controlled-Environment Agriculture, kurz
CEA, bietet dafür einen Ansatz. Gemeint
ist der Anbau von Pflanzen in kontrollierten
Umgebungen, in denen Temperatur,
Luftfeuchtigkeit oder der CO₂-Gehalt gezielt
geregelt werden. CEA umfasst klassische
Glashäuser ebenso wie Wachstumskammern
oder Vertical Farms. Flächen
lassen sich effizienter nutzen, und auf
gleicher Grundfläche kann unabhängig
von Witterung und Standort ein höherer
Ertrag erzielt werden. Ein wesentlicher
Unterschied zum klassischen Ackerbau
liegt in den Stoffkreisläufen und im Ressourceneinsatz.
Während im Freiland
Düngemittel und Pflanzenschutzmittel
in die Umwelt gelangen und etwa das
Grundwasser belasten können, lassen
sich Nährstoffe in geschlossenen Systemen
gezielter einsetzen und kontrollieren.
Gleichzeitig kann die Produktion
näher an die Verbraucher*innen rücken,
wodurch Transportwege reduziert werden.
Insgesamt eröffnet CEA besonders
in dicht besiedelten Regionen neue Möglichkeiten
für eine ressourcenschonende
Lebensmittelproduktion.
schwer realisierbar sind. Informatik wird
so zu einem wichtigen Baustein nachhaltiger
Produktion. Prozesse werden präziser,
effizienter und nachvollziehbarer.
Besonders relevant ist die Möglichkeit,
einzelne Pflanzen gezielt zu beobachten
und zu behandeln, statt flächendeckend
einheitlich vorzugehen. Das spart Ressourcen
und eröffnet neue Perspektiven
für eine nachhaltigere Landwirtschaft.
DAS FARMBOT LIVING LAB
Wie sich diese Ansätze konkret umsetzen
und vermitteln lassen, zeigt das Farmbot
Living Lab am Institut für Landtechnik der
BOKU University. Dort entstand ein Lern-,
Lehr- und Forschungslabor, das technologische
und ökologische Fragestellungen
verbindet und einen praktischen Zugang
zu diesen Themen ermöglicht. Herzstück
ist ein 9 m² großes Indoor-Beet mit
Das Projekt „Transformer“ wird im Rahmen des FFG-Calls „Co-Creation-Spaces Klima & Energie 2022“
aus Mitteln des Klima- und Energiefonds gefördert. Laufzeit: Dezember 2023 bis November 2026.
Abbildung 1: Kinder präsentieren ihre slebst
gezeichneten Pflanzpläne als Grundlage für
die spätere Aussaat mit dem Farbot.
Foto: Florian Kitzler
WENN INFORMATIK PFLANZEN
UNTERSTÜTZT
Damit solche Systeme funktionieren,
braucht es mehr als Pflanzenwissen. Informatik,
Sensorik, Automatisierung und
Robotik spielen eine zentrale Rolle. Kameras
beobachten das Wachstum, Software
steuert Bewässerung und Belichtung,
und datenbasierte Modelle unterstützen
die bedarfsgerechte Versorgung der
Pflanzen. In standardisierten Umgebungen
lassen sich zudem technische Lösungen
umsetzen, die im Freiland oft nur
Abbildung2: Kindergartenkinder befüllen gemeinsam
das Beet und lernen den Aufbau der
einzelnen Bodeschichten kennen.
Foto: Alexander Bauer
8 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal
9
Nachhaltigkeit und Informatik
Abbildung 3: Der Farmbot bei der Aufnahme
eines Saatkorns der roten Bete mittels Unterdruck..
Foto: Alexander Bauer
künstlicher Beleuchtung, das von einem
Farmbot bewirtschaftet wird. Es handelt
sich um ein robotisches 3-Achs-System,
das in seiner Funktionsweise an einen
3D-Drucker erinnert. Ein Werkzeugträger
bewegt sich präzise über das Beet und
führt je nach Ausstattung unterschiedliche
Arbeitsschritte aus. So können Boden
vorbereitet, Saatgut abgelegt, Pflanzen
bewässert oder geerntet werden. Die
Abläufe erfolgen digital gesteuert. Der
Anbau wird kontinuierlich überwacht.
Sensoren erfassen Temperatur und Luftfeuchtigkeit
sowie Wasserverfügbarkeit
und Bodentemperatur. Kameras dokumentieren
die Abläufe und liefern Informationen
zum Zustand der Pflanzen.
EIN LERNORT AN DER BOKU
Das System wird in der Lehre eingesetzt,
etwa in Übungen oder Abschlussarbeiten,
und bietet Raum für eigene Projekte. Studierende
bearbeiten biologische, agronomische
und technische Fragestellungen
und entwickeln Lösungen an der Schnittstelle
von Landwirtschaft und Informatik.
Auch Schüler*innengruppen nutzen das
Labor, etwa im Rahmen von Praktika, um
erste Einblicke in Robotik und digitale
Landwirtschaft zu gewinnen. Dabei entstehen
neue Ansätze für Werkzeuge und
digitale Abläufe, die direkt am System erprobt
werden. Die Offenheit des Systems
erleichtert es, solche Entwicklungen umzusetzen
und weiterzugeben. Gleichzeitig
zeigt sich, dass sich grundlegende Zusammenhänge
von Pflanzenwachstum,
Technik und Steuerung auch für jüngere
Zielgruppen zugänglich machen lassen.
Darauf baut die Zusammenarbeit mit
dem BOKU Kindergarten auf.
KINDER LERNEN DURCH
EIGENES TUN
Der Zugang zu solchen Themen entsteht
oft früh oder bleibt gänzlich aus. Viele
Abbildung 4: Kinder ernten selbstständig die gewachsenen Radieschen und erleben den Abschluss
des Anbauprozesses.
Foto: Alexander Bauer
Kinder kommen mit Wissenschaft und
Technologie nur selten in Berührung.
Formate wie das Farmbot Living Lab
schaffen Einblicke und ermöglichen erste
Erfahrungen. Im Mittelpunkt steht das
eigene Erleben. Kinder stellen Fragen,
probieren Technologien aus und sehen,
wie Forschung im Alltag funktioniert. Im
Rahmen eines Projekts mit dem BOKU
Kindergarten besuchten Kinder aus dem
Kindergartenjahr 2024/25 das Institut
über mehrere Wochen hinweg. Sie beschäftigten
sich mit Pflanzenwachstum,
Boden, Saatgut und technischen Abläufen.
Die Laborbesuche wurden durch
vorbereitende und vertiefende Inhalte im
Kindergarten ergänzt. Am Anfang standen
grundlegende Fragen: Was brauchen
Pflanzen zum Leben? Wie fühlt sich
Erde an? Warum versickert Wasser in
manchen Materialien schneller als in anderen?
Mit Liedern, Gesprächen und einfachen
Experimenten entstand ein erstes
Verständnis. Die Kinder untersuchten
Samen, verglichen Größen und erfuhren,
dass aus kleinen Körnern etwas Lebendiges
entstehen kann.
VOM SAMEN ZUR STEUERUNG
Darauf aufbauend beschäftigten sich die
Kinder mit ersten technischen Prinzipien.
Zunächst erprobten sie das Ansaugen
von Objekten mit einem Strohhalm und
entwickelten ein Verständnis für Unterdruck.
Anschließend wurde dieses Prinzip
erweitert. Mit einfachen mechanischen
Elementen entstand ein Aufbau, bei dem
ein Ball mittels Staubsauger angesaugt
und mittels Kurbeln weitertransportiert
wurde. Die Arbeitsschritte wurden aufgeteilt,
sodass die Kinder unterschiedliche
Rollen übernahmen und den Ablauf als
Abfolge von Teilschritten nachvollziehen
konnten. Dieses Verständnis bildete die
Grundlage für die Arbeit mit dem Farmbot.
Die Kinder zeichneten Anbaupläne
und legten über einen Touchscreen fest,
an welchen Punkten im Beet gesät werden
soll. Der Roboter setzte diese Vorgaben
um, bewegte sich zu den definierten
Positionen, nahm die Samen mittels Unterdrucks
auf und legte sie präzise ab. Die
zuvor erarbeiteten Prinzipien wurden im
technischen System wieder sichtbar.
FRÜH VERSTEHEN, WAS
ZUKUNFT BEDEUTET
Am Ende standen die Ernte und das
gemeinsame Verkosten. Mithilfe selbst
angefertigter Tafeln konnten die Radieschen
den einzelnen Kindern zugeordnet
werden. Damit schloss sich der Kreis von
den ersten Fragen bis zur eigenen Ernte.
Abbildung 5: Das Farmbot Living Lab am Institut für Landtechnik.
Foto: Alexander Bauer
Die Kinder erlebten, dass Lebensmittel
wachsen, gepflegt und geerntet werden
müssen. Sie sahen auch, dass technische
Systeme dabei unterstützen können. Das
Projekt zeigt, dass sich komplexe Zusammenhänge
zugänglich machen lassen,
wenn sie konkret erfahrbar werden.
Alexander Bauer
forscht am Institut
für Landtechnik
der BOKU in den
Themengebieten
landwirtschaftlichen
Energiesysteme, Bioenergie sowie
der Digitalisierung und Automatisierung
landwirtschaftlicher Systeme.
Das Institut entwickelt und bewertet
innovative Maschinen, Verfahren und
Systeme an der Schnittstelle von
Landwirtschaft, Energie und Smart
Farming mit dem Ziel einer ressourceneffizienten
und nachhaltigen
Produktion.
Abbildung 6: Automatische Bewässerung junger
Pflanzen durch den Farmbot im kontrollierten
Anbausystem.
Foto: Alexander Bauer
Florian Kitzler
arbeitet als Postdoc
im Bereich der
digitalen Landwirtschaft
und Feldrobotik
an der BOKU.
Sein Fokus liegt insbesondere auf
der Entwicklung und Bewertung
automatisierter Systeme sowie auf kamerabasierten
Methoden zur Analyse
von Pflanzenbeständen. Ein zentraler
Schwerpunkt ist die Verknüpfung von
Sensorik, Datenanalyse und praxisnahen
Anwendungen in Forschung und
Lehre.
10 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal 11
Nachhaltigkeit und Informatik
Konzept für vertrauenswürdige Dateninfrastruktur für Agrarische KI in Österreich
1
Integration relevanter Datenquellen
Bewirtschaftungsdaten, Fernerkundung,
Wetter- & Klimadaten, Boden- & Geländekarten
von Stefan Schweng und Kevin Mallinger
KI - großes Potential in der
Landwirtschaft
2
3
4
Struktur & Harmonisierung
Semantische Standardisierung, Metadaten,
Qualitätskontrolle
Governance & Datensouveränität
Regeln & Zugriffsrechte für Datenaustausch
Föderiertes Lernen
Dezentrale & regionale Modelle,
Sensible Daten schützen
Stakeholder Outputs
Rohdaten
(nach Freigabe)
Modell-Prognosen
5 Unsicherheitsmanagement
Modell- und Prognoseunsicherheiten
quantifizieren
Modell-Unsicherheiten
Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz
(KI) in der Landwirtschaft bietet großes
Potenzial für eine nachhaltigere und effizientere
Bewirtschaftung. Bereits seit
den frühen 2000er-Jahren kommt KI
in der Agrar- und Bodenforschung zum
Einsatz, etwa für Ertragsprognosen und
die Überwachung der Bodengesundheit.
Trotz der zunehmenden Aufmerksamkeit
für KI-Technologien in den letzten
Jahren erfolgt der Transfer entsprechender
Anwendungen in die landwirtschaftliche
Praxis bislang nur schrittweise und
bleibt in vielen Bereichen begrenzt. Die
Geschwindigkeit der Verbreitung in der
Praxis hängt dabei maßgeblich von der
Verfügbarkeit hochwertiger, vertrauenswürdiger
und interoperabler Daten ab.
HETEROGENE DATEN STRUKTU-
RIERT VERKNÜPFEN
In Österreich existiert bereits eine Vielzahl
relevanter Datenquellen, etwa betriebliche
Managementdaten, Bodeninformationen,
Wetter und Klimazeitreihen,
Fernerkundungsdaten aus Satellitenprogrammen
sowie topographische und
bodenkundliche Karten. Diese Daten
liegen jedoch typischerweise fragmentiert
in unterschiedlichen Organisationen
und technischen Systemen vor und
sind oft nur eingeschränkt kompatibel.
Gleichzeitig stellt die hohe Komplexität
landwirtschaftlicher Systeme eine besondere
Herausforderung dar. Landwirtschaftliche
Produktionsprozesse werden
von einer Vielzahl miteinander interagierender
Faktoren beeinflusst, darunter
klimatische Bedingungen, Bodenqualität,
wirtschaftliche Einflüsse sowie die
Sortenwahl mit jeweils regionalen Besonderheiten.
Diese Faktoren führen zu einer
starken räumlichen und zeitlichen Variabilität,
die von KI-Modellen nur dann zuverlässig
abgebildet werden kann, wenn
entsprechende Daten in ausreichender
Qualität und räumlicher Abdeckung
verfügbar sind. Für KI-Anwendungen
entsteht der eigentliche Mehrwert erst
dann, wenn diese heterogenen Daten
strukturiert verknüpft und qualitätsgesichert
zugänglich gemacht werden.
Zusätzlich sind Herausforderungen zum
Thema Datensicherheit, Datenhoheit,
Nutzungsrechte und Datenqualität komplexe
Themen, die bei der Gestaltung
eines Konzeptes eines österreichischen
Datenraumes für moderne KI-Anwendungen
berücksichtigt werden müssen.
Teilweise gibt es auf europäischer Ebene
bereits Initiativen zum Aufbau vertrauenswürdiger
Datenökosysteme. Programme
wie Gaia-X verfolgen das Ziel,
föderierte und interoperable Datenräume
aufzubauen, in denen Daten unter
klaren Governance Regeln geteilt werden
können. Ergänzend dazu entstehen im
Agrarsektor eine Initiative für einen österreichischen
Agrardatenraum . Die aktuellen
Arbeiten konzentrieren sich noch
auf grundlegende Infrastrukturfragen
wie Datenstandards und Datenzugriffe
landwirtschaftlicher Daten. Dieser Fokus
ist sinnvoll, greift jedoch für moderne
KI-Anwendungen noch zu kurz. Anforderungen
an Datenqualität, Verfügbarkeit,
Motivationsmodelle und Nachnutzung
sind bislang nur begrenzt eingebunden.
Daher braucht es ein Konzept, das bestehende
Initiativen gezielt um diese Aspekte
erweitert und ihre Anschlussfähigkeit
für KI-Anwendungen stärkt.
EBENEN-MODELL EINER KI-
FREUNDLICHEN DATENINFRA-
STRUKTUR
Eine zentrale Herausforderung bei diesem
Konzept besteht darin, eine Dateninfrastruktur
aufzubauen, die nicht nur
Daten sammelt, sondern aktiv zur Verbesserung
der Modellqualität beiträgt.
Ein möglicher Ansatz besteht darin, datengetriebene
Modelle mit Verfahren des
sogenannten Active Learning zu kombinieren.
Dabei werden neue Daten gezielt
dort erhoben, wo bestehende Modelle
besonders hohe Unsicherheiten aufweisen
oder wo die vorhandenen Daten
die Variabilität relevanter Faktoren noch
nicht ausreichend abbilden. Dieser Ansatz
ermöglicht eine effizientere Nutzung
von Ressourcen, da zusätzliche Datenerhebungen
gezielt dort stattfinden, wo sie
den größten Informationsgewinn für die
Modellverbesserung liefern.
Der Aufbau einer solchen Infrastruktur
erfordert mehrere miteinander verbundene
Ebenen, welche in Abbildung 1 veranschaulicht
werden.
Die erste Ebene umfasst die Integration
relevanter Datenquellen. Dazu zählen betriebliche
Daten aus landwirtschaftlichen
Betrieben, etwa Fruchtfolgen, Bewirtschaftungsmaßnahmen,
Düngung, Saat
und Erntetermine oder Ertragsdaten.
Ergänzt werden diese durch Zeitreihen
von Umweltvariablen wie Temperatur,
Niederschlag, Bodenfeuchte oder Sonne-
neinstrahlung, und auch Satellitendaten.
Ergänzend dazu können standortbezogene
Daten aus bestehenden Boden-
und Geländekarten integriert werden,
etwa Bodentextur, Humusgehalt, Hangneigung
oder Höhenlage.
Adaptive Datenerhebung (Active Learning)
6 Gezielte Probenahme in
Unsicherheitsbereichen
Die zweite Ebene betrifft die Strukturierung
und Harmonisierung dieser Daten.
Unterschiedliche Datenquellen müssen
in ein gemeinsames semantisches Datenmodell
überführt werden, das eine
konsistente Beschreibung landwirtschaftlicher
Flächen, Bewirtschaftungsereignisse
und Messzeitpunkte ermöglicht.
Wichtig ist dabei eine eindeutige
räumlich-zeitliche Referenzierung der
Daten sowie eine klare Dokumentation
ihrer Herkunft und Qualität. Metadaten
spielen hierbei eine zentrale Rolle, da
sie Informationen über Datenerhebung,
Messmethoden, Unsicherheiten und
Nutzungsrechte enthalten. Nur durch
eine solche Standardisierung können Daten
aus unterschiedlichen Quellen zuverlässig
miteinander kombiniert werden.
Eine dritte Ebene betrifft die Governance
und Vertrauensarchitektur der Dateninfrastruktur.
Landwirtschaftliche Betriebsdaten
enthalten häufig sensible Informationen
über Produktionsstrategien und
wirtschaftliche Entscheidungen. Deshalb
ist es entscheidend, dass Datengeber die
Kontrolle über die Nutzung ihrer Daten
behalten. Technische Lösungen für föderierte
Datenräume ermöglichen es,
Daten dort zu belassen, wo sie entstehen,
während Modelle oder Auswertungen
auf diesen Daten ausgeführt werden
können. Zugriffsrechte, Nutzungsbedingungen
und Datenfreigaben werden dabei
durch klare Governance Regeln und
technische Zugriffskontrollen geregelt.
Dadurch entsteht eine Infrastruktur, die
sowohl Datensouveränität als auch wissenschaftliche
und technologische Innovation
ermöglicht.
Die vierte Ebene betrifft die Modellbildung
selbst. Hier bietet sich der Einsatz
von föderierten Lernsystemen an. Beim
föderierten Lernen werden Modelle nicht
auf einer zentralen Datenbank trainiert,
sondern auf verteilten Datenquellen. Lokale
Modelle werden bei den jeweiligen
Datenhaltern trainiert und ihre Parameter
anschließend aggregiert, um ein
globales Modell zu erzeugen. Dadurch
können auch sensible Daten in Modellierungsprozesse
einbezogen werden, ohne
dass sie zentral gespeichert oder weitergegeben
werden müssen. Gleichzeitig
ermöglicht dieser Ansatz eine bessere
Anpassung der Modelle an regionale Besonderheiten.
Eine fünfte Ebene dient dem Erfassen
der Genauigkeit und dem Unsicherheitsmanagement
in KI-Modellen. Viele
datengetriebene Modelle liefern zwar
Vorhersagen, berücksichtigen jedoch
Probenahme-Empfehlungen
(Unsicherheitsreduktion)
Abbildung 1: Vertrauenswürdige Dateninfrastruktur für KI-Anwendungen im Argrarbereich. @ Mallinger und Schweng
nicht ausreichend die Unsicherheit ihrer
Ergebnisse. Gerade in komplexen landwirtschaftlichen
Systemen ist es jedoch
entscheidend, nicht nur eine Vorhersage
zu erhalten, sondern auch zu wissen,
wie zuverlässig diese Vorhersage ist.
Moderne KI-Verfahren ermöglichen die
Quantifizierung verschiedener Formen
von Unsicherheit, etwa epistemischer
Unsicherheit – bedingt durch begrenzte
Trainingsdaten – sowie aleatorischer Unsicherheit
– bedingt durch die inhärente
Variabilität des Systems. Insbesondere
epistemische Unsicherheit ist wertvoll,
da sie eine gezielte Datenerhebung zur
effizienten Verbesserung der Modelle ermöglicht.
Auf dieser Grundlage kann eine sechste
Ebene implementiert werden, die auf
adaptiver Datenerhebung basiert. Hier
kommt das Prinzip des Active Learning
zum Einsatz. Modelle identifizieren geographische
Regionen, bestimmte Einflussgrößen
oder Produktionssituationen,
in denen ihre Vorhersagen besonders
unsicher sind oder in denen wichtige
Kombinationen von Umweltfaktoren bisher
nur unzureichend durch vorhandene
Daten repräsentiert werden. Neue Probenahmen,
etwa Bodenanalysen oder
Feldbegehungen, können dann gezielt
in diesen Regionen durchgeführt werden.
Die somit erhobenen Daten werden
wiederum auf Ebene eins in die Datenin-
12 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal 13
Nachhaltigkeit und Informatik
frastruktur integriert. Dieser iterative Prozess
führt dazu, dass sich Modelle mit jeder
neuen Datenerhebung systematisch
verbessern und gleichzeitig der Aufwand
für Datensammlung effizienter genutzt
wird.
MEHRWERT FÜR STAKEHOLDER
Die präsentierte Dateninfrastruktur bietet
einen Mehrwert für eine breite Palette
von Stakeholdern, von landwirtschaftlichen
Betrieben über Forschungseinrichtungen
bis hin zu Beratungsorganisationen.
Wie in Abbildung 1 dargestellt,
stellt das Konzept Outputs auf mehreren
Ebenen für unterschiedliche Stakeholder
bereit. Ebene 3 ermöglicht, nach entsprechender
Freigabe durch die Data Provider,
den Zugriff auf Rohdaten, die mit
den im System hinterlegten Metadaten
verknüpft sind. In Ebene 4 werden darauf
aufbauend föderierte Modelle trainiert,
die regionale Prognosen für landwirtschaftliche
Parameter liefern. Ebene 5
erweitert diese Ergebnisse um die Quantifizierung
von Prognoseunsicherheiten
der jeweiligen Modelle. Aufbauend auf
diesen Informationen erlaubt Ebene 6
schließlich die Identifikation von Regionen
und Bedingungen, unter denen zusätzliche
Daten erhoben werden sollten,
um die Prognosemodelle kontinuierlich
zu verbessern.
Die Umsetzung eines solchen Systems
erfolgt in der Regel schrittweise. In einer
ersten Phase werden konkrete Anwendungsfälle
definiert, etwa die Verbesserung
digitaler Bodenkarten, die
Entwicklung von Biomasse und Ertragsprognosen
für wichtige Kulturpflanzen
oder Vorhersagen von Indikatoren zur
Bodengesundheit. In einer zweiten Phase
wird ein Pilotdatenraum aufgebaut,
in dem ausgewählte landwirtschaftliche
Betriebe, Forschungseinrichtungen und
Beratungsorganisationen
gemeinsam
Daten bereitstellen und Modellierungsprozesse
testen. Anschließend werden
erste KI-Modelle entwickelt, deren Vorhersagen
und Unsicherheiten systematisch
analysiert werden. Auf Basis dieser
Ergebnisse können gezielte zusätzliche
Datenerhebungen durchgeführt werden,
um Modelllücken zu schließen. Durch
diesen iterativen Prozess entsteht ein lernendes
System, das kontinuierlich neue
Daten integriert und seine Prognosefähigkeit
verbessert.
POTENTIAL UND HERAUSFOR-
DERUNGEN
Die Vorteile eines solchen Ansatzes sind
vielfältig. Landwirt*innen profitieren von
präziseren Entscheidungsgrundlagen für
Bewirtschaftungsmaßnahmen und einer
besseren Einschätzung von Risiken. Beratungsorganisationen
erhalten fundierte
Informationen für regionale Empfehlungen.
Forschungseinrichtungen gewinnen
Zugang zu qualitativ hochwertigen
Daten und können Modelle realistischer
evaluieren. Gleichzeitig entstehen neue
Möglichkeiten für Unternehmen, innovative
digitale Dienstleistungen im Agrarsektor
zu entwickeln. Auch öffentliche
Institutionen profitieren, da sie auf belastbare
Daten und Modelle für Umweltmonitoring,
Bodenmanagement oder Klimaanpassungsstrategien
zurückgreifen
können.
Neben den Vorteilen für die landwirtschaftliche
Praxis ermöglichen solche
Dateninfrastrukturen
evidenzbasierte
Entscheidungsprozesse auf politischer
Ebene, etwa bei der Gestaltung von Fördermaßnahmen
und regulatorischen
Rahmenbedingungen.
Standardisierte
Dokumentations- und Managementplattformen
können dabei zur Entbürokratisierung
beitragen, indem sie die
Erstellung von Förderanträgen und die
Berichterstattung vereinfachen.
Darüber hinaus kann eine solche Infrastruktur
einen wichtigen Beitrag zur
Erreichung internationaler Nachhaltigkeits-
und Klimaziele leisten. Präzisere
Informationen über Bodenqualität,
Wasserverfügbarkeit und Pflanzenentwicklung
ermöglichen eine effizientere
Nutzung von Ressourcen wie Dünger,
Wasser und Energie. Dadurch können
Emissionen reduziert und Umweltbelastungen
verringert werden.
Trotz dieser Potenziale bestehen jedoch
weiterhin erhebliche Herausforderungen
für die praktische Umsetzung eines
solchen Systems. Eine der größten
Hürden liegt in der Fragmentierung bestehender
Datenlandschaften sowie in
unterschiedlichen Datenformaten, Qualitätsstandards
und institutionellen Zuständigkeiten.
Darüber hinaus erfordert
der Aufbau einer vertrauenswürdigen
Dateninfrastruktur klare Governance
Modelle, die sowohl Datensouveränität
landwirtschaftlicher Betriebe als auch
wissenschaftliche und wirtschaftliche
Nutzungsmöglichkeiten berücksichtigen.
Technisch stellt insbesondere die
Integration heterogener Datenquellen
sowie die Entwicklung robuster Modelle
unter hoher räumlicher und zeitlicher Variabilität
eine Herausforderung dar. Auch
organisatorische Fragen spielen eine zentrale
Rolle, etwa die langfristige Finanzierung
der Infrastruktur, die Motivation von
Datengebern zur Teilnahme sowie der
Aufbau von Kompetenzen im Umgang
mit datengetriebenen Technologien.
Schließlich müssen auch Fragen der Skalierbarkeit
berücksichtigt werden, damit
nationale Initiativen langfristig mit europäischen
Datenräumen und internationalen
Forschungsinfrastrukturen kompatibel
bleiben. Das dargestellte Konzept
ist daher ein erster Schritt und gibt lediglich
die langfristige Vision wieder. Es
braucht jedoch ambitionierte Ziele, um
die vielfältigen und langfristigen Herausforderungen
der nachhaltigen Digitalisierung
zu adressieren und das Potenzial
von KI in seiner besten Form zu nutzen.
Kevin Mallinger
ist Leiter des OCG Arbeitskreises
Informatik
und Nachhaltigkeit
sowie Area und
Forschungsgruppenleiter
bei SBA Research.
Stefan Schweng
ist Universitätsassistent
und Doktoratsstudent
am Human-Centered
AI Lab
an der Universität für
Bodenkultur Wien. Seine Forschungsinteressen
liegen in den Bereichen
Maschine Learning, Computer Vision
und Agricultural Systems Modelling.
Wieso wir nachhaltige Software brauchen
von Michael Koppmann
Sind wir irgendwann falsch
abgebogen ?
Computer und Software haben die Welt
übernommen. Kaum ein moderner Arbeitsschritt
ist noch möglich, ohne dass
Prozessoren Milliarden Zeilen Code dafür
ausführen müssen. Mehrere Geräte
müssen über ein global gespanntes
Netzwerk mit Servern kommunizieren,
die unterschiedliche Betriebssysteme
gleichzeitig betreiben, nur um ein digitales
Türschloss zu öffnen. Verglichen
mit der Einfachheit eines mechanischen
Schlosses, darf man sich daher die Frage
stellen: Sind wir irgendwann falsch abgebogen?
Besonders auffällig wird diese digitale Abhängigkeit
dann, wenn Grundfunktionen
eines Produktes fehlschlagen, sobald die
technische Infrastruktur im Hintergrund
ausfällt. Kund*innen des Nello One dürfte
es besonders überrascht haben, dass
ihr smarter Türöffner keine Türen mehr
öffnen konnte, nachdem die dahinterstehende
Firma, aufgrund ihres Konkurses,
die entsprechenden Cloudserver abgedreht
hatte. 1
WIESO WERDEN UNSERE GERÄ-
TE EIGENTLICH LANGSAMER?
Gut funktionierende Hardware, die aufgrund
fehlenden Softwaresupports zu
Elektromüll wird, ist längst keine Seltenheit
mehr. Wir alle haben es in unserem
privaten Umfeld bereits erlebt. Ein Smartphone,
das vor wenigen Jahren vielleicht
noch dem State of the Art entsprochen
hatte, fühlt sich heute manchmal kaum
mehr nutzbar an. Dabei wird Hardware
1
https://www.heise.de/news/Smarter-Tueroeffner-Nello-
Ab-18-Oktober-ohne-Funktion-4545084.html
für gewöhnlich nicht langsamer. Auch
Software hat typischerweise kein Ablaufdatum
und kann auch nicht schlecht
werden. Nein, der Grund für diese steigende
Obsoleszenz ist die Konsequenz
aus tausenden kleinen Fehlentscheidungen
in der modernen Softwareentwicklung.
Denn jede Zeile ineffizienten Codes,
der die zugrundeliegende Hardware
nicht optimal ausnutzt, oder Aufgaben in
1.000 statt 10 Schritten erledigt, braucht
schlussendlich mehr Strom und mehr
Zeit.
Global betrachtet entwickeln sich Informations-
und Kommunikationstechnologien
(IKT) zu einem der Hauptverursacher
von Treibhausgasen. So sagt
die US-Umweltschutzbehörde EPA voraus,
dass sich der Anteil der Emissionen
von 1,5 Prozent im Jahr 2007 auf über 14
Prozent im Jahr 2040 entwickeln wird. 2
Jedes Hardware-Upgrade, das durch
ineffiziente Software ausgelöst wird, vervielfacht
den CO₂-Abdruck erneut. Nach
einer Studie des deutschen Umweltbundesamtes,
amortisieren sich die Kosten
eines neuen Laptops erst in 33 bis 89
Jahren, wenn man von einer zehnprozentigen
Steigerung der Energieeffizienz
der Hardware ausgeht. 3 Abbildung 1 zeigt
den Ausstoß des schwedischen IKT-Sektors
in CO₂-Äquivalenten in Kilotonnen,
mit einem Energiemix, der dem globalen
Durchschnitt entspricht.
Abbildung 1: Grafik zu IKT Engergieverbrauch @ Jens Malmolding & Dag Lunden
In Zeiten, in denen Hardwarehersteller
sich aus dem Privatkund*innensektor
zurückziehen, um sich vollkommen der
Ausstattung von KI-Rechenzentren zu-
2
https://hero.epa.gov/reference/7696418/
3
https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/461/publikationen/4316.pdf
14 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal
15
Nachhaltigkeit und Informatik
widmen, wird es auch aus gesellschaftlicher
Sicht immer notwendiger, beste
hende Hardware so gut wie möglich zu
nutzen. Denn bei steigenden Hardwarepreisen,
werden es sich nicht alle Menschen
leisten können, den steigenden
Leistungshunger moderner Software zu
befriedigen.
KONTROLLVERLUST DURCH
FORTWÄHRENDE KOMPLEXITÄT
Eine der Kernprobleme, mit der die moderne
Softwareentwicklungsindustrie
heute kämpfen muss, ist der immense
Anstieg der Komplexität, die in unseren
Systemen schlummert. Abbildung 2 zeigt
Margaret Hamilton neben einem Stapel
Papier im Jahr 1969. Sie war zu dem
Zeitpunkt Leiterin der Softwareentwicklungsabteilung
für das Apollo-Programm
der NASA. Dieser Papierstapel enthält
den Quellcode für den Navigationscomputer
der Apollo 11. 150.000 Zeilen Code,
um jemanden zum Mond und wieder
zurückzubringen. Ein moderner PKW,
wie etwa der Ford F150 Pickup, enthält im
Vergleich 150 Millionen Zeilen Code. 4 Unsere
Softwaresysteme haben mittlerweile
Ausmaße erreicht, die es unmöglich machen,
sie zur Gänze zu verstehen. Daraus
Abbildung 2: Margaret Hamilton @ Public
Domain
4 https://futuredirections.ieee.org/2016/01/13/guess-whatrequires-150-million-lines-of-code/l
folgt ein Kontrollverlust, der nach und
nach die gesamte Industrie befällt.
Während es für Hardwarehersteller wirtschaftliche
Anreize gibt, ihre Produkte
effizienter zu gestalten, gelten diese Regeln
nicht für Softwareproduzenten. Zu
groß ist die Angst, hinter Mitbewerber
zu fallen, wenn Projektressourcen in Optimierungen
gesteckt werden, statt in
die Entwicklung neuer Funktionen. Jede
Hardwareverbesserung wurde daher
dankend von Softwareentwickler*innen
angenommen, um Code noch allgemeiner,
noch ineffizienter, aber auch schneller
zu schreiben, um mehr Features in der
gleichen Zeit implementieren zu können.
Dieses Phänomen wurde bereits in den
90ern scherzhaft als „Andy und Bills Gesetz“
bezeichnet: What Andy giveth, Bill
taketh away (Was Andy gibt, nimmt sich
Bill). Eine Anspielung darauf, dass jede
Verbesserung durch Andy Grove, damals
CEO von Intel, durch eine ineffiziente
Umsetzung in Microsoft Windows, noch
unter der Leitung von Bill Gates, zunichtegemacht
wurde.
SOFTWARE WIRD LANGSAMER,
DAS IST HALT SO
Das Betriebssystem Windows 95 benötigte
50 MB an Speicherplatz. Nun verbraucht
die E-Mail-Software Outlook
allein bereits 4 GB; über 82-mal so viel.
Doch ist Outlook 82-mal so viel besser
als ein gesamtes Betriebssystem? Zum
Vergleich: Wieso muss ich teilweise bis
zu 15 Sekunden warten, bis sich Outlook
gestartet hat, obwohl mein Computer
buchstäblich 100.000-mal schneller ist
als das Navigationssystem in der Apollo
11? Wie kann es sein, dass ich nach Ende
meines Tippens immer noch sehen kann,
wie einzelne Buchstaben nacheinander
auftauchen? Wann haben wir als Gesellschaft
akzeptiert, dass diese Qualität
akzeptabel ist für eines der wertvollsten
Unternehmen der Welt?
Die aktuellen Vibecoding-Trends zeigen
uns, dass uns dieses Qualitätsniveau noch
länger begleiten wird. Selbst Anthrophic,
ein Unternehmen, dem scheinbar unendlich
viele Ressourcen zur Verfügung
stehen, kämpft mit Performance-Problemen
in einem ihrer beliebtesten Produkte:
Claude Code, ein Kommandozeilenprogramm.
Im Januar verglich ein
Anthropic-Mitarbeiter das Darstellungsmodell
von Claude Code mit dem eines
Videospiels, 5 nachdem sich Kund*innen
über eine flackernde Darstellung und
eine niedrige Anzahl an Bildern pro Sekunde
beschwert hatten. Doch während
sich ein Videospiel um komplexe Szenen,
realistische Beleuchtung, physikalische
Effekte und ein hohes Maß an Interaktivität
kümmern muss, stellt Claude Code
einfach nur Text dar. Im Februar zeigte
uns ein Benchmark von Anthrophic,
dass Claude Code in ihren Tests bis zu
68,2 GB an Arbeitsspeicher verbrauch-
te. 6 Währenddessen reichen der Voyager
1 Weltraumsonde (Abbildung 3) ganze 69
KB RAM, um der 25 Milliarden Kilometer
entfernten Erde weitere Messdaten ihrer
Proben zu senden. 7
Abbildung 3: Voyager 1 @ Public Domain
INEFFIZIENTE SOFTWARE
VERSCHWENDET UNSER ALLER
LEBEN
Wenn wir die anfangs erwähnten Umweltauswirkungen
ineffizienter Software
erstmal außer Acht lassen, so wird klar,
dass moderne Softwareentwicklung eine
weitere wertvolle und endliche Ressource
verschwendet: menschliche Lebenszeit.
Akkumuliert verschwenden diese Verzö-
gerungen mehrere Menschenleben pro
Jahr. Jeder Crash eines Programms, jedes
5 https://xcancel.com/willmcgugan/
stus/2014341532338606480
6
https://xcancel.com/jarredsumner/status/2026497606575398987
7
https://techfixated.com/a-1977-time-capsule-voyager-
1-runs-on-69-kb-of-memory-and-an-8-track-taperecorder-4/
Abbildung 4: Grafik zu Wikipedia Optimierungen @ Timo Tijhof
Warten auf einen Ladebalken, frustriert
und demotiviert.
Eine Studie der Universität Kopenhagen
und der Roskilde Universität ergab, dass
Personen 11 bis 20 Prozent ihrer Arbeitszeit
mit Computerproblemen verschwenden.
8 Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet,
wirkt diese Situation sogar noch
dramatischer: Einer britischen Umfrage
zufolge, verschwenden typische Büroangestellte
24 Arbeitstage im Jahr aufgrund
langsamer Software. 9 Das sind fast so viele
Tage, wie diese Leute für gewöhnlich
an Urlaubstagen zur Verfügung haben.
KLEINE ÄNDERUNGEN, GROSSE
WIRKUNGEN
Wir brauchen Veränderungen auf vielen
Ebenen, um aus dieser misslichen Lage
wieder herauszukommen. Wir müssen
alle zusammenarbeiten, egal ob in der
Softwareentwicklung, im Management,
in der Politik oder beim Nutzen von Software.
Es wird Zeit, dass wir neu definieren,
welches Maß an Qualität wir akzeptieren.
Wir brauchen neue Standards für Nachhaltigkeit
und Ressourcenverbrauch in
Software.
Zum Glück können in der Softwarewelt
bereits kleine Änderungen einen großen
Einfluss haben. So konnte beispielsweise
Wikipedia über 4,3 TB täglich an Datenvolumen
einsparen, indem sie ihren Java-
Script-Code optimierten. Das entspricht
8
https://surftechit.co.uk/tech-news-study-shows-20-oftime-wasted-within-it/
9
https://elitebusinessmagazine.co.uk/people/item/office-
workers-waste-more-time-on-slow-tech-than-they-
spend-on-holiday
einer Schadstoffreduktion, für die sonst
700 Bäume jährlich als Ausgleich gepflanzt
werden müssten. 10 Abbildung 4
zeigt die Größenoptimierungen im Laufe
eines Jahres.
WIE WIR DEN SCHADEN EIN-
DÄMMEN KÖNNEN
Um Software richtig optimieren zu können,
müssen erstmal Methoden definiert
und standardisiert werden, die eine
vergleichbare Messung der CO₂-Belastung
möglich machen. Die gemeinnützige
Green Software Foundation hat
hierfür den Software Carbon Index (SCI)
entwickelt. 11 Dieser soll es ermöglichen,
informierte Entscheidungen über die
Auswahl an digitalen Werkzeugen, Architekturentscheidungen
und Services
zu treffen. Im Jahr 2024 wurde der SCI zu
einem offiziellen ISO-Standard weiterentwickelt.
Das deutsche Bundesumweltministerium
hat in der Zwischenzeit die
Blauer-Engel-Zertifizierung um ein Softwarelabel
erweitert, 12 das eine ähnliche
Vergleichbarkeit zwischen digitalen Produkten
ermöglichen soll. Auch das World
Wide Web Consortium (W3C), das Gremium
zur Standardisierung von Webtechnologien,
hat mittlerweile eine eigene
Arbeitsgruppe für nachhaltige Webentwicklung.
13 Die letzte Version vom April
2026 listet viele konkrete Empfehlungen
auf, die nicht nur in der Softwareentwicklung
selbst angewendet werden können,
10
https://alistapart.com/article/webwaste/
11
https://www.blauer-engel.de/de/produktwelt/software
12
https://www.w3.org/TR/web-sustainability-guidelines/
13
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10427517
sondern auch helfen, Software nachhaltiger
zu betreiben, sowie bessere Entscheidungen
im Produktmanagement und in
Geschäftsstrategien zu treffen.
Ein Konzept, das versucht das Problem
des Over-Engineerings einzudämmen,
nennt sich „Digital sufficiency“ (Digitale
Angemessenheit). Im Grunde versucht
man sich hier am Pareto-Prinzip zu orientieren,
das auch als 80/20-Regel bekannt
ist. Man fokussiert sich auf die 20 Prozent
der Funktionalität, die 80 Prozent des
Wertes der Software ausmacht, und versucht
diese so effizient wie möglich zu
implementieren. Die restliche Funktionalität
wird als optionales Modul programmiert
oder vollständig weggelassen, um
einen unnötigen Ressourcenverbrauch
zu vermeiden und den Fokus auf das
Kernprodukt zu legen.
ES BRAUCHT UNS ALLE
Jedes Mal, wenn aus pragmatischen
Gründen auf etwas Performance verzichtet
wird, oder ein paar Megabyte Speicher
Mehrverbrauch in Kauf genommen werden,
mag das harmlos erscheinen. Doch
schlussendlich führte jede einzelne dieser
Entscheidungen zu der Situation, in der
wir uns heute befinden. Eine Situation,
deren ethische, soziale und umwelttechnische
Kosten nicht die Softwarefirmen
zu tragen haben, sondern wir als Gesellschaft
und unser Planet. Es wird Zeit, dass
wir wieder die Kontrolle übernehmen.
Wir brauchen nachhaltige Software, um
diesem Ziel näherzukommen.
Michael Koppmann
ist Senior Information
Security Consultant
bei SBA Research in
Wien und einer der
Leiter des OWASP Vienna
Chapters. Als Penetrationtester
und international gefragter Redner
engagiert er sich zudem in der nachhaltigen
Softwareentwicklung.
16 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal 17
Nachhaltigkeit und Informatik
volle Kapazität eines großen Modells ein-
Das Grundprinzip ist einfach, aber wir-
der eigenen Infrastruktur verbleiben, was
zusetzen oder lässt sich dieselbe Aufgabe
kungsvoll. Ein SLM übernimmt die Rolle
sowohl regulatorische Anforderungen als
auch effizienter lösen?
eines ersten Filters und bewertet einge-
auch nachhaltige Systemarchitekturen
@ istock, Jutharat Pinpan
Nachhaltige KI zur Phishing Erkennung - kleine Modelle , große Wirkung
von Georg Goldenits
SLMs: Effizienz statt Größe
EFFIZIENZ STATT GRÖSSE:
SMALL LANGUAGE MODELS
Vor diesem Hintergrund rücken Small
Language Models (SLMs) zunehmend in
den Fokus. Diese Modelle sind deutlich
kompakter, benötigen weniger Rechenleistung
und lassen sich lokal betreiben.
In Vergleichsstudien wurden kleine Modelle
getestet, die zum Teil bis zu einem
Faktor von 50 weniger Parameter haben
als gängig verwendete Modelle wie die
neuesten Varianten von ChatGPT, Claude
oder Gemini. Dieser Größenunterschied
ermöglicht, dass SLMs lokal auf kleineren
Rechnern direkt in Unternehmen oder
auf privater Hardware betrieben werden
können.
Konkret für die Erkennung von Phishing-Webseiten
haben SLMs (gekürzten)
HTML-Code und passende Screenshots
analysiert, um typische Auffälligkeiten
hende Webseiten. Für den Großteil der
Fälle kann bereits hier eine Entscheidung
getroffen werden. Nur wenn das Modell
unsicher ist, wird die Anfrage an ein größeres
Modell weitergeleitet.
Diese Aufteilung verändert die Systemdynamik
grundlegend. Große Modelle werden
nicht mehr für jede einzelne Anfrage
benötigt, sondern nur noch für einen
kleinen, gezielten Teil der Daten. Dadurch
bleibt die Gesamtleistung des Systems
nahe am Niveau eines durchgehend
eingesetzten großen Modells und das
bei deutlich geringerem Ressourcenverbrauch.
Der Unterschied liegt also nicht
mehr primär in der Genauigkeit, sondern
in der Effizienz.
NACHHALTIGKEIT ALS SYSTE-
MENTSCHEIDUNG
Aus der Nachhaltigkeitsperspektive ist
genau dieser Effizienzgewinn entschei-
unterstützt.
ZWISCHEN LEISTUNGSGRENZE
UND VERANTWORTUNG
Die Ergebnisse zeigen, dass es nicht um
ein „Entweder-oder“ geht. LLMs bieten
maximale Leistungsfähigkeit, SLMs hingegen
eine deutlich ressourcenschonendere
Alternative. Die entscheidende
Erkenntnis liegt darin, dass nicht jede
Analyse die volle Kapazität eines großen
Modells erfordert und, dass ein bewusst
gestufter Einsatz beider Modelltypen sowohl
technisch als auch ökologisch sinnvoll
ist.
Für die Phishing-Erkennung bedeutet
das konkret, dass SLMs keine vollständige
Ablösung für große Modelle sind, sondern
eine praktikable und nachhaltige
Ergänzung. In Kombination mit gezielt
eingesetzten LLMs entsteht ein ausgewogenes
System, das sowohl leistungs-
Künstliche Intelligenz (KI) wird oft als
rem ökologischem Fußabdruck.
von Phishing-Webseiten. Die Modelle
zu identifizieren, etwa einen ungewöhn-
dend. Der zentrale Vorteil kleiner Modelle
fähig als auch ressourcenschonend ist.
etwas Immaterielles wahrgenommen,
als „Cloud“, die scheinbar unabhängig
von physischen Ressourcen existiert.
Tatsächlich steht hinter jeder Anfrage
jedoch eine komplexe Infrastruktur aus
Rechenzentren, Netzwerken und spezialisierter
Hardware. Diese Infrastruktur
wächst derzeit in einem Tempo, das
selbst Energieversorger und Stadtplaner
vor neue Herausforderungen stellt.
Internationale Energieanalysen zeigen,
dass Rechenzentren bereits heute mehrere
Prozent des globalen Stromverbrauchs
ausmachen und insbesondere
durch KI-Anwendungen stark wachsen
Dieser Ressourcenverbrauch wird besonders
dort zum Problem, wo KI nicht
nur punktuell, sondern auch kontinuierlich
und in großem Umfang eingesetzt
wird, beispielsweise in der Cybersicherheit.
Phishing-Webseiten zählen weiterhin
zu den effektivsten Methoden für
Cyberangriffe 4 . Sie imitieren bekannte
Online-Dienste oder bewirken auf andere
Weise, dass Zugangsdaten oder Zahlungsinformationen
gestohlen werden.
Angesichts der großen Zahl neu entstehender
Webseiten ist eine automatisierte
Erkennung unverzichtbar geworden.
Genau hier zeigt sich ein grundlegender
können komplexe Muster erkennen und
verfügen über einen breiten Wissensschatz,
sodass sie sehr akkurat gutartige
und bösartige Webseiten in vielen Fällen
mit einer Genauigkeit von über 95 % 6 unterscheiden
können.
Diese Leistungsfähigkeit ist jedoch eng
mit einem hohen Ressourcenverbrauch
verbunden. Studien zeigen, dass bereits
das Training einzelner großer Modelle
mehrere hundert bis tausend Megawattstunden
Energie verbrauchen kann und
signifikante CO₂-Emissionen verursacht 7.
Noch relevanter für den hier betrachteten
Anwendungsfall ist allerdings die Infe-
lichen Seitenaufbau, verdächtige Links
oder auffällige Pop-up-Nachrichten. Die
besten getesteten SLMs erreichen eine
Klassifizierungsgenauigkeit von rund 89
% und liegen damit etwas unter der der
deutlich größeren Modelle. Die entscheidende
Frage ist jedoch, ob sich diese Lücke
schließen lässt, ohne auf die Ressourceneffizienz
kleiner Modelle verzichten
zu müssen.
EIN HYBRIDES SYSTEM: SLM ALS
FILTER, LLM ALS ABSICHERUNG
Genau hier setzt eine mögliche Methode
an, die die Vorteile beider Ansätze vereint.
besteht darin, dass sie wesentlich weniger
Speicherplatz benötigen. Dadurch
verwenden sie im Betrieb weniger Energie,
verursachen geringere Infrastrukturkosten
und reduzieren die Abhängigkeit
von externen Cloud-Diensten.
Da SLMs lokal eingesetzt werden können,
entfallen zusätzliche Aufwände für Datenübertragung
und Skalierung. Gerade
bei Anwendungen mit hohem Durchsatz,
etwa bei der kontinuierlichen Analyse
tausender Webseiten, führt das zu
einem deutlich geringeren ökologischen
Fußabdruck. Auch die Datenhoheit spielt
eine Rolle, da sensible Informationen in
Nachhaltigkeit wird damit nicht zur Einschränkung,
sondern zu einer bewussten
Designentscheidung.
Georg Goldenits
ist Data Scientist bei
SBA Research. Seine
Forschungsinteressen
liegen im Einsatz
modernster KI-Methoden
in unterschiedlichen IT-relevanten
Anwendungsfällen.
1 2
Gleichzeitig benötigen moderne Re-
Zielkonflikt, da die Erkennung leistungs-
renzphase, in der LLMs millionenfach täg-
chenzentren enorme Mengen an Wasser
starke Modelle benötigt, die rund um die
lich abgefragt werden, wodurch ein kon-
zur Kühlung, insbesondere bei leistungs-
Uhr arbeiten und damit genau jene Res-
tinuierlicher Energieverbrauch entsteht,
intensiven GPU-Clustern 3 . Was abstrakt
sourcen beanspruchen, die aus Nachhal-
der sich mit zunehmender Nutzung wei-
wirkt, hat konkrete Konsequenzen wie
tigkeitsperspektive problematisch sind.
ter verstärkt. Die Skalierung erfolgt dabei
steigende CO₂-Emissionen, zunehmenden
Druck auf lokale Wasserressourcen
und zunehmende Zentralisierung der
digitalen Infrastruktur. KI ist damit längst
kein rein digitales Phänomen mehr, sondern
ein physisches System mit messba-
1
https://www.iea.org/reports/electricity-2024
LLMS: ZWISCHEN LEISTUNGSFÄ-
HIGKEIT UND RESSOURCENVER-
BRAUCH
Large Language Models (LLMs) haben
sich für viele Aufgaben als leistungsfähige
Werkzeuge etabliert 5 , unter anderem in
der Cybersicherheit und zur Erkennung
nicht linear, sondern mit wachsender Modellgröße
überproportional.
Für eine Aufgabe wie die Phishing-Erkennung,
bei der potenziell tausende Webseiten
pro Tag analysiert werden müssen,
stellt sich daher eine zentrale Frage: Ist es
notwendig, für jede einzelne Anfrage die
2
https://www.iea.org/energy-system/buildings/data-centres-and-data-transmission-networks
4
https://apwg.org/trendsreports
6
https://www.mdpi.com/2624-800X/6/2/48
7
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/
3
https://www.sciencedirect.com/s
5
https://www.nature.com/articles/s41598-025-98483-1
S0921344925005476
18 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal 19
Nachhaltigkeit und Informatik
KI und Nachhaltigkeit
von Andreas Ekelhart und Sebastian Schrittwieser
Ressourcen im Fokus
ChatGPT hat im Februar 2026 die Marke
von 900 Millionen wöchentlichen Nutzer*innen
überschritten und ist damit
Teil unseres Alltags geworden. Künstliche
Intelligenz ist aber kein neues Phänomen:
Schon länger nutzen wir sie unbewusst,
etwa bei der Foto-Suche oder
Streaming-Empfehlungen. Was sich jedoch
grundlegend geändert hat, ist das
Ausmaß.
Große Sprachmodelle (Large Language
Models, LLMs) benötigen erheblich mehr
Ressourcen als frühere KI-Anwendungen
und machen den Energieverbrauch von
KI erstmals einer breiten Öffentlichkeit
bewusst. Dieser Energiehunger ist real,
muss aber in die richtige Relation gesetzt
werden: KI-Systeme verbrauchen Strom
wie viele andere Alltagstechnologien und
die letzten Jahre haben gezeigt, dass erhebliche
Effizienzsteigerungen möglich
sind.
EINE ANFRAGE IST NICHT GLEICH
EINE ANFRAGE
Wer fragt, wie viel Energie eine KI-Anfrage
kostet, bekommt keine einfache
Antwort. Um das zu verstehen, hilft ein
kurzer Blick darauf, wie moderne Sprachmodelle
funktionieren. Aktuelle Modelle
wie GPT-5.4, Claude Opus 4.6 oder Gemini
3.1 Pro beantworten komplexe Fragen
nicht einfach direkt. Stattdessen „durchdenken“
sie das Problem in mehreren internen
Schritten („Reasoning“), bevor sie
antworten. Was früher eine Spezialfunktion
war, gehört heute bei Flaggschiff-Modellen
zum Standard und wird je nach
Aufgabenkomplexität automatisch genutzt.
1
Elsworth, C., Huang, K., Patterson, D., Schneider, I., Sedivy,
R., Goodman, S., ... & Manyika, J. (2025). Measuring the
environmental impact of delivering AI at Google Scale.
arXiv preprint arXiv:2508.1573
Daraus ergibt sich eine enorme Bandbreite
beim Energieverbrauch. Eine einfache
Textantwort eines kleinen Gemini-Modells
benötigt rund 0,24 Wattstunden
(Wh) 1 , während komplexe Antworten des
Modells GPT-5 laut Schätzungen der University
of Rhode Island im Bereich von 18
bis 40 Wh liegen 2 . Ein direkter Vergleich
ist jedoch irreführend: Eine kurze Textanfrage
und eine mehrstufige Analyse sind
grundlegend unterschiedliche Aufgaben.
Entscheidend ist die Frage, ob der
Energieeinsatz im Verhältnis zum Ergebnis
steht. Mit 0,24 Wh leuchtet eine
LED-Lampe knapp 5 Minuten, mit 40 Wh
läuft ein Laptop rund eine Stunde. KI ist
kein homogener Energieverbraucher,
sondern ein breites Spektrum, das stark
von der Aufgabe und dem gewählten
Modell abhängt.
MEHR ALS NUR DER STROM-
ZÄHLER
Der Energieverbrauch einer einzelnen
Anfrage ist nur ein Teil der Bilanz. Eine
umfassende Bewertung folgt der Lebenszyklusanalyse
(LCA) und umfasst alle
Phasen von der Rohstoffgewinnung bis
zur Entsorgung. Zwei Kategorien prägen
die CO₂-Bilanz: Erstens die sogenannten
Embodied Emissions, etwa aus der Fertigung
von GPUs, Servern und dem Aufbau
von Rechenzentren, die laut einer Studie 3
24 bis 35 Prozent der Gesamtbilanz ausmachen.
Zweitens die operationellen
Emissionen durch Training und Betrieb
der Modelle. Auch der Wasserverbrauch
spielt eine Rolle: Schätzungen 4 zufolge
2
Jegham, N., Abdelatti, M., Koh, C. Y., Elmoubarki, L., &
Hendawi, A. (2025). How hungry is AI? benchmarking
energy, water, and carbon footprint of llm inference.
arXiv preprint arXiv:2505.09598.
3
Faiz, A., Kaneda, S., Wang, R., Osi, R., Sharma, P., Chen, F., &
Jiang, L. (2023). Llmcarbon: Modeling the end-to-end
carbon footprint of large language models. arXiv
preprint arXiv:2309.14393.
4
https://www.washingtonpost.com/technology/2024/09/18/
energy-ai-use-electricity-water-data-centers/
benötigte GPT-4 rund 519 Milliliter Wasser
für eine E-Mail mit 100 Wörtern.
Laut dem IEA-Bericht „Energy and AI“
(April 2025)5 verbrauchten Rechenzentren
weltweit im Jahr 2024 rund 415
Terawattstunden (TWh), etwa 1,5 Prozent
des gl2balen Stromverbrauchs. Bis
2030 könnte sich dieser Wert auf etwa
945 TWh verdoppeln, vor allem durch KI-
Workloads, deren Anteil am Rechenzentrum-Strom
von aktuell 5 bis 15 Prozent
auf 35 bis 50 Prozent steigen könnte.
Entscheidend für die CO₂-Bilanz ist auch
der Standort der Rechenzentren. Der
Strom-Emissionsfaktor variiert regional
um bis zu Faktor 50: Ein Rechenzentrum
in Island, das nahezu vollständig mit
Geothermie und Wasserkraft betrieben
wird, emittiert pro Kilowattstunde je nach
Quelle 20-30 Gramm CO₂. Ein vergleichbares
Zentrum in einer kohleintensiven
Region kann hingegen mehr als 900
Gramm CO₂ pro Kilowattstunde verursachen.
Wo ein Modell trainiert und betrieben
wird, ist damit ökologisch ebenso
relevant wie die Frage, wie groß es ist.
EFFIZIENZSPRUNG DURCH
NEUE ARCHITEKTUREN
Das Training großer Modelle ist energieintensiv:
GPT-4 kostete schätzungsweise
50 bis 100 Millionen US-Dollar an
Rechenzeit. Doch die Entwicklungen
der letzten Jahre zeigen, dass erhebliche
Effizienzsteigerungen möglich sind.
DeepSeek V3 (Dezember 2024) wurde
Berichten zufolge mit rund 5,6 Millionen
Dollar trainiert (reine Trainingskosten);
das ist deutlich günstiger als vergleichbare
Modelle zuvor. Ein zentraler Faktor
ist die Mixture-of-Experts-Architektur
(MoE): Von den insgesamt 671 Milliarden
Parametern von DeepSeek V3 sind pro
5
https://www.iea.org/reports/energy-and-ai/
Rechenschritt nur ein Teil (rund 37 Milliarden)
aktiv, was Rechen- und Energiebedarf
deutlich senkt. Ähnliche Ansätze
verfolgen auch viele andere Modelle der
letzten Jahre.
Auch im Betrieb zeigt sich dieser Trend:
Der Energie- und CO₂-Abdruck einer
typischen Gemini-Anfrage sank von
Mai 2024 auf Mai 2025 laut Google 6 um
6
Elsworth, C., Huang, K., Patterson, D., Schneider, I., Sedivy,
R., Goodman, S., ... & Manyika, J. (2025). Measuring the
environmental impact of delivering AI at Google Scale.
arXiv preprint arXiv:2508.15734./
den Faktor 33, bei gleichzeitig steigender
Qualität. Parallel verbessert sich die
Hardware: NVIDIAs H200-GPUs liefern
pro Watt mehr Rechenleistung als die
Vorgängergeneration H100, was den
Energiebedarf pro Token reduziert. Effizienzgewinne
sind damit auf mehreren
Ebenen messbar. Dennoch gilt das Jevons-Paradox:
sinkende Kosten führen
oft zu höherem Gesamtverbrauch, weil
Technologien breiter eingesetzt werden.
Effizienzgewinne allein genügen daher
nicht, sondern müssen durch bewussten
Einsatz und strukturelle Maßnahmen begleitet
werden.
Als Fazit lässt sich sagen, KI verbraucht
Strom, wie viele andere Technologien,
die wir selbstverständlich im Alltag nutzen,
vom Smartphone über Streaming
bis zur Waschmaschine. Die Effizienzgewinne
der letzten Jahre zeigen, dass Optimierungen
möglich sind. Entscheidend
bleibt, wie Energie erzeugt wird, welches
Modell wir für welche Aufgabe eingesetzt
wird und ob Effizienzgewinne tatsächlich
zu geringerem Gesamtverbrauch führen.
KI-Nutzung ist Alltag geworden, umso entscheidender wird die Frage, woher der Strom dafür kommt. Islands Rechenzentren setzen auf Geothermie
und Wasserkraft und emittieren bis zu viermal weniger CO² als vergleichbares Rechenzentrum, dass mit fossiler Energie betrieben wird.
Bild: Hellisheiđi Geothermalkraftwerk in Island, @ istock, sumos
Andreas Ekelhart
ist PostDoc-Researcher
in der
Forschungsgruppe
Security and Privacy
an der Fakultät für
Informatik der Universität Wien sowie
Forscher bei SBA Research. Seine
Forschungsinteressen umfassen
Informationssicherheit, semantische
Anwendungen, Angriffssimulation
sowie Security and Privacy im Bereich
Machine Learning.
Sebastian
Schrittwieser
ist Senior Scientist
in der Forschungsgruppe
Security and
Privacy an der Fakultät
für Informatik der Universität Wien
Seit April 2024 leitet er das Christian-Doppler-Labor
für Assurance and
Transparency in Software Protection.
Er ist Key-Researcher bei SBA Research.
Seine Forschungsschwerpunkte
liegen in den Bereichen Softwareschutz
sowie Sicherheit von LLMs..
20 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal 21
Nachhaltigkeit und Informatik
Perspektive für Entbürokratisierung und Innovation
von Fabian Butzenlechner, Verena Größbacher und Katharina Uhlmann
Agrar-Datenraum: Daten
vernetzen, Potentiale nutzen
In der Landwirtschaft gewinnen Daten
immer mehr an Bedeutung. Digitale
Technologien unterstützen Betriebsabläufe,
Landwirt*innen dokumentieren
für Zertifizierungen und moderne Maschinen
dokumentieren ihre Einsätze.
So werden große Datenmengen produziert,
die häufig in isolierten Systemen
liegen 1 . Die mangelnde Vernetzung
führt u.a. zu mehrfachen Dateneingaben
durch Landwirt*innen. Hinzu kommt der
rechtliche Aspekt: Viele der Daten sind
zwar im Eigentum der Landwirt*innen,
liegen aber bei verschiedenen Organisationen.
Werden sie weitergegeben, bleibt
ihre Nutzung häufig intransparent und
schränkt die Datenhoheit ein. Datenräume
bieten hier eine organisatorische und
1
Kalmar, R., Rauch, B., Dörr, J., Liggesmeyer, P. (2022).
Agricultural Data Space. In: Otto, B., ten Hompel, M.,
Wrobel, S. (eds) Designing Data Spaces. Springer,
Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-030-93975-5_17
https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-030-
93975-5_17#citeas
technische Lösung für den sicheren und
transparenten Austausch von Daten. Der
Aufbau eines vertrauensvollen Netzwerks
zwischen Teilnehmer*innen stellt die
Crux dar.
VERTRAUEN FÖRDERT DATEN-
AUSTAUSCH
Ein Datenraum bildet das Rahmenwerk
für vertrauenswürdige und interoperable
Datenbeziehungen zwischen Teilnehmer*innen,
welches gemeinsame Standards
für die Speicherung, Verarbeitung
und Nutzung ihrer Daten anwendet (Grafik
1). Metadaten werden bereitgestellt
und Nutzungsbedingungen vereinbart.
Die tatsächlichen Datensätze bleiben
dezentral bei den Dateninhaber*innen
gespeichert und werden nur bei Bedarf
direkt zu Datennutzer*innen übertragen,
unter der Kontrolle über die Datennutzung.
2
2
https://dataintelligence.at/dataspaces/
Datenräume sind in europäischen und
nationalen Datenstrategien verankert.
Ziel ist ein europäischer Binnenmarkt
für Daten, der die Wettbewerbsfähigkeit
Europas und Österreichs stärkt. Hochwertige
Daten sollen für Innovationen
verfügbar sein und sektorenübergreifend
fließen. Dies erfolgt unter Einhaltung
hoher Standards zu Datenschutz,
Sicherheit und Ethik. Der europäischen
Agrardatenraum “CEADS” fördert den
Agrardatenaustausch innerhalb der EU,
um den wirtschaftlichen, ökologischen
und gesellschaftlichen Mehrwert der europäischen
Landwirtschaft zu steigern.
Anhand von definierten Anwendungsfällen
wird der praktische Nutzen nachhaltig
demonstriert und verfügbar gemacht.
So sollen beispielsweise Düngerapplikationskarten
automatisiert und ohne
händische Eingabe auf die Landmaschine
übertragen werden. Auf nationaler
Ebene wird der „Digitale Milchviehstall“
entwickelt. Landwirt*innen werden indirekt
über Dateninhaber*innen angebunden
und entscheiden mit transparenten
Freigabemechanismen, wie ihre Daten
genutzt werden. Der Pilot-Use Case hat
zwei Ziele: Das Anwendungsziel ist die
automatisierte Bereitstellung von Daten
für Berichterstattungen, das Demonstrationsziel
ist die Erstellung eines Proof of
Concept als Grundlage für einen österreichischen
Agrardatenraum.
HERAUSFORDERUNG
MIT MEHRWERT
Die zentrale Herausforderung beim
Verena Größbacher ist Agrarwissenschafterin
am Josephinum Research.
Sie arbeitet an der Schnittstelle von
Landwirtschaft und Digitalisierung
mit Fokus auf der Nutzung von Daten
zur Verbesserung von Tierwohl,
Betriebsführung und nachhaltiger
landwirtschaftlicher Systeme.
Aufbau von Datenräumen ist die Schaffung
eines funktionierenden Datenraum-Ökosystems,
also eines vertrauensvollen
Netzwerks der Teilnehmer*innen.
Basis hierfür ist Vertrauen in Technologie
und Governance, das die Bereitschaft zur
Teilnahme beeinflusst. Das gemeinsame
Rahmenwerk mit klaren Regeln zur Datennutzung
schafft diese Vertrauensbasis,
erfordert jedoch eine enge Abstimmung
aller Beteiligten.
Agrar-Datenräume schaffen dreifachen
Mehrwert: Ökologisch ermöglichen sie
eine ressourcenschonende, präzise Bewirtschaftung
durch die intelligente
Nutzung von Betriebs-, Umwelt- und
Sensordaten. Ökonomisch reduzieren
Katharina Uhlmann ist Projektmanagerin
am Josephinum Research.
Ihr Fokus liegt dabei auf dem Projekt
CEADS mit dem Ziel eines europäischen
Agrardatenraumes..
CEADS - COMMON EUROPEAN AGRICULTURAL DATA SPACE
sie Aufwände durch automatisierte Datennutzung,
verbessern betriebliche Entscheidungen
und schaffen neue Wertschöpfung
durch datenbasierte Services.
Sozial stärken sie die Datensouveränität
der Landwirt*innen, erhöhen die Transparenz
in der Lebensmittelproduktion und
fördern die Zusammenarbeit zwischen
Landwirtschaft, Industrie, Forschung und
Verwaltung. Für Österreich fördern sie die
Digitalisierung kleinstrukturierter Betrieb
und Bürokratieabbau. Auf europäischer
Ebene wird eine Infrastruktur für grenzüberschreitende
Innovationen gebildet.
Fabian Butzenlechner ist Area-Manager
und Projektleiter am Josephinum
Research. Er koordiniert das Projekt
“Innovation Farm – Farming for Future”,
den “Proof of Concept für einen
nationalen Agrardatenraum” als auch
das Wieselburger Feldversuchswesen.
Die Initiative zum Common European Agricultural Data Space (CEADS), kofinanziert durch das EU-Programm Digital Europe,
arbeitet zusammen um über die gesamte Agrar- und Lebensmittelwertschöpfungskette hinweg eine sichere, souveräne und
vertrauenswürdige gemeinsame Datennutzung zu ermöglichen. Das Josephinum Research, welches eine teilrechtsfähige
Einrichtung mit eigener Rechtspersönlichkeit an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt Francisco Josephinum in
Wieselburg ist, leitet das Arbeitspaket der Anwendungsfallbereitstellung und deren Generierung. Dies schafft die Schnittstelle
zwischen den Anwendungsfällen und den projektbezogenen Arbeitspakten.
Grafik 1. Grafische Darstellung eines Datenraums. CC-BY A short intro into data spaces by Günther Tschabuschnig und Anna Neureiter, DIO www.dataintelligence.at 2024
22 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal 23
Nachhaltigkeit und Informatik
Satellitendaten besser nutzen: Von Agrarmonitoring zu urbaner Klimaanpassung
von Irmgard Fuchs, Daniel Cornel, Georg Zotti, David Major, Katja Bühler; VRVis
Green City - Safe City -
Cool City
Frei verfügbare Satellitendaten sind eine
wichtige Grundlage für Anwendungen
in Umwelt, Landwirtschaft und Stadtentwicklung.
Am VRVis werden Methoden
entwickelt, um diese Daten präziser
nutzbar zu machen und für konkrete
Fragestellungen im Kontext von Nachhaltigkeit
einzusetzen – von landwirtschaftlichem
Monitoring bis zur Analyse
urbaner Räume.
SATELLITENDATEN UND IHRE
GRENZEN
Programme wie Copernicus, das Erdbeobachtungsprogramm
der Europäischen
Union, stellen mit den Sentinel-
2-Satelliten regelmäßig multispektrale
Bilddaten der Erdoberfläche bereit. Diese
frei verfügbaren Daten eröffnen vielfältige
Anwendungsmöglichkeiten, etwa in der
Landwirtschaft, der Umweltbeobachtung
oder der Stadtplanung. Durch die Kombination
mehrerer Spektralbänder – insbesondere
im sichtbaren und infraroten
Bereich – lassen sich Informationen über
Vegetation, Wasserhaushalt oder Bodenbeschaffenheit
ableiten.
Gleichzeitig liegt eine zentrale Einschränkung
in der räumlichen Auflösung dieser
Daten. Mit typischerweise 10 Metern (optische
Bänder) bzw. 20 Metern (Infrarot) pro
Pixel sind viele kleinräumige Strukturen
nicht direkt erfassbar. Gerade in heterogenen
Landschaften oder in dicht bebauten
urbanen Räumen verschwimmen relevante
Details innerhalb eines Pixels, was
die Analyse deutlich erschwert. Für viele
Anwendungen ist daher nicht nur die Verfügbarkeit
von Satellitendaten entscheidend,
sondern vor allem deren gezielte
Aufbereitung.
SMAIL: SUPER-RESOLUTION FÜR
KLEINSTRUKTURIERTE FLÄCHEN
Im Forschungsprojekt SMAIL (Super-resolution-based
Monitoring through AI for
small land parcels) wurde am VRVis eine
Methode entwickelt, um die Nutzbarkeit
frei verfügbarer Sentinel-2-Daten gezielt
zu verbessern.
Kern des Ansatzes ist eine KI-basierte Super-Resolution-Methodik,
bei der multispektrale
Satellitendaten mithilfe höher
aufgelöster Referenzdaten trainiert
werden. Das Modell lernt dabei charakteristische
Strukturen in den Daten und
nutzt dieses Wissen, um neue Sentinel-
2-Aufnahmen mit erhöhter Auflösung zu
rekonstruieren. Auf diese Weise wird die
effektive Pixelgröße von 10 bzw. 20 Metern
auf etwa 2,5 Meter reduziert, während die
spektralen Eigenschaften der Daten erhalten
bleiben.
Die Methode nutzt dabei einmalig Trainingsdaten
höher aufgelöster kommerzieller
Satelliten, um die Bildcharakteristik
zu erlernen und auf frei verfügbare Daten
zu übertragen. Dadurch können vorhandene
Datensätze gezielt aufgewertet werden,
ohne dass zusätzliche kostenintensive
Datenquellen erforderlich sind.
Die Herausforderung liegt darin, zusätzliche
räumliche Details aus begrenzter
Ausgangsinformation abzuleiten, ohne
die physikalische Aussagekraft der multispektralen
Daten zu verfälschen. Gerade
für Anwendungen wie Vegetationsanalysen
ist es entscheidend, dass spektrale
Signaturen konsistent bleiben.
Die entwickelte Methodik wurde wissenschaftlich
publiziert und hinsichtlich ihrer
Eignung für Monitoring-Anwendungen
untersucht. Dabei konnte gezeigt werden,
dass sich durch diese Aufbereitung
kleinräumige Strukturen besser erkennen
lassen und frei verfügbare Satellitendaten
auch für Anwendungen nutzbar werden,
bei denen bislang hochaufgelöste, kostenpflichtige
Daten erforderlich waren.
VON DER LANDWIRTSCHAFT IN
DIE STADT: ADUCAT
Die im SMAIL-Projekt entwickelten Ansätze
werden seit 2025 im EU-geförderten
Projekt ADUCAT (Actionable Data space
for Urban Climate Adaptation and related
socio-ecological, local Transformation)
aufgegriffen und auf urbane Fragestellungen
übertragen.
Im Projekt wird untersucht, wie sich satellitengestütztes
Monitoring für die Erhaltung
und Verbesserung von Umweltbedingungen
in Städten einsetzen lässt. Im
Fokus stehen dabei die Analyse von Vegetation
und Grünflächen („Green City“), das
Monitoring von Infrastruktur und Bodenbewegungen
(„Safe City“) sowie die Untersuchung
und Reduktion urbaner Hitzebelastung
(„Cool City“).
Als Datengrundlage dienen frei verfügbare
Copernicus-Daten. Die multispektralen
Sentinel-2-Daten liefern Informationen
über Vegetation, Wasserhaushalt
und Oberflächenstrukturen, während
Sentinel-1-Daten radarbasierte Anwendungen
wie InSAR-Monitoring (z.B. Bodensetzungen)
ermöglichen. Sentinel-3
liefert Oberflächentemperaturen, allerdings
nur mit einer räumlichen Auflösung
Abbildung 1: Super-Resolution im Projekt SMAIL am VRVis: Vergleich von Sentinel-2-
Eingangsdaten (oben) und rekonstruierten Bildern (unten). Die höhere räumliche Auflösung
macht kleinräumige Strukturen sichtbar, während die spektralen Eigenschaften erhalten bleiben.
Enthält modifizierte Copernicus-Sentinel-Daten (2021, 2023).
im Kilometerbereich. Insgesamt bleibt
die begrenzte räumliche Auflösung eine
zentrale Herausforderung.
Am VRVis wird daher die im Rahmen von
SMAIL entwickelte Super-Resolution-Methodik
weiterentwickelt und an urbane
Anforderungen angepasst. Die Modelle
werden mit geeigneten Trainingsdaten
erneut trainiert, um die spezifischen
Strukturen städtischer Räume – etwa Gebäude,
Verkehrsflächen oder Grünräume
– besser abzubilden. Dadurch lassen sich
auch in dicht bebauten Gebieten kleinräumige
Veränderungen besser erkennen.
DIE AUTOR*INNEN:
Ein weiterer Vorteil der Sentinel-Daten
liegt in ihrer hohen zeitlichen Verfügbarkeit.
Neue Aufnahmen stehen etwa wöchentlich
zur Verfügung, wodurch sich
Zeitreihen aufbauen und Veränderungen
systematisch analysieren lassen. In Kombination
mit der verbesserten räumlichen
Auflösung können so auch kleinräumige
Entwicklungen über die Zeit hinweg beobachtet
werden. Auf dieser Basis lassen
sich beispielsweise Trockenstress in städtischen
Grünflächen frühzeitig erkennen
Katja Bühler Daniel Cornel Irmgard Fuchs David Major Georg Zotti
VRVIS - VIENNA RESEARCH CENTER FOR VISUAL COMPUTING
und entsprechende Maßnahmen einleiten.
NACHHALTIGKEIT DURCH BES-
SERE DATENNUTZUNG
Die Beispiele zeigen, dass der Mehrwert
von Satellitendaten nicht allein in ihrer
Verfügbarkeit liegt, sondern in ihrer gezielten
Aufbereitung und Nutzung. Ein
besonderer Vorteil liegt dabei in der Nutzung
frei verfügbarer Datenquellen. Indem
bestehende Satellitendaten durch
geeignete Verfahren aufgewertet werden,
können Anwendungen entwickelt
werden, ohne auf exklusive oder kostenintensive
Daten angewiesen zu sein.
Damit werden datenbasierte Analysen
und Entscheidungsgrundlagen breiter
zugänglich.
Methoden des Visual Computing und der
Künstlichen Intelligenz ermöglichen es,
Satellitendaten präziser auszuwerten und
für konkrete Fragestellungen nutzbar zu
machen. Damit können vorhandene Datenquellen
effizienter genutzt und neue
Anwendungsfelder erschlossen werden
– von der Landwirtschaft bis zur nachhaltigen
Gestaltung urbaner Räume. Gerade
im Kontext von Klimawandel und nachhaltiger
Entwicklung wird es zunehmend
wichtig, Veränderungen frühzeitig zu erkennen
und Entscheidungen auf Basis
der verfügbaren Daten zu unterstützen.
VRVis ist Österreichs führende Forschungseinrichtung im Bereich Visual Computing mit Standorten in Wien und Graz. Als
Kompetenzzentrum im COMET-Programm forscht VRVis mit rund 80 Expertinnen und Experten an der Schnittstelle von
Wissenschaft und Industrie. Schwerpunkte sind Methoden aus Künstlicher Intelligenz, Visual Data Analytics, XR und Simulation
für datenbasierte Analyse, Modellierung und Entscheidungsunterstützung.
24 OCG Journal | 02 • 2026
02 • 2026 | OCG Journal 25
Intern
Nachhaltigkeit und grüne Kompetenzen
im SMARCO Projekt
Veranstaltungen
ACS 2026
Austrian Computer Science Day
01. Juni.2026, Wien
IKT-Sicherheitskonferenz 2026
Veranstaltung des BM für Landesverteidigung
16. - 17. September 2026, Linz
Wenn man sich die Städte von heute
ansieht, wird schnell klar, dass die Folgen
des Klimawandels sowie steigende
Energiepreise den Druck erhöhen, nachhaltiger
zu wirtschaften. Genau hier setzt
SMARCO an: mit der Frage, wie Smart
Communities nicht nur digital, sondern
auch wirklich nachhaltig funktionieren
können.
Ein wichtiger Punkt im Projekt ist, dass
digitale Lösungen nicht mehr „nur“ technisch
gedacht werden. Wer heute in der
Stadtplanung oder Verwaltung arbeitet,
muss auch einschätzen können, welche
Auswirkungen Entscheidungen auf Umwelt
und Ressourcen haben. Das betrifft
ganz konkrete Dinge wie Energieverbrauch
von digitalen Systemen, nachhaltige
Beschaffung oder die Frage, ob eine
Lösung langfristig wirklich (auch ökologisch)
sinnvoll ist.
Auch in der Ausbildung von Fachkräften
verschiebt sich der Fokus. Es geht nicht
mehr nur darum, neue Technologien zu
beherrschen, sondern sie so einzusetzen,
dass sie helfen, CO₂ zu reduzieren und
Städte widerstandsfähiger zu machen.
Gerade in Zeiten, in denen viele Städte
gleichzeitig mit Klimazielen und Modernisierungsdruck
kämpfen, ist das zentraler
Faktor.
SMARCO greift dabei auch etwas auf,
das oft unterschätzt wird: Veränderung
in Organisationen. Denn nachhaltige Lösungen
scheitern selten an der Technik,
sondern eher an der Umsetzung im Alltag.
Genau hier setzt das Projekt mit zusätzlichen
Kompetenzen an. So entsteht
ein Ansatz, der die großen aktuellen Herausforderungen
nicht getrennt betrachtet,
sondern versucht, sie gemeinsam zu
lösen.
Female Cybersecurity Youth Camp
CyberMe Female Cybersecurity Youth Camp
15. - 19. Juni 2026, Online
junior_didact_2026
06.-08. Juli 2026, Salzburg
CEOI 2026
Central European Olympiad in Informatics
05. - 10. Juli 2026, Ljubljana
ICCHP26
20th International Conference on Digital Inclusion,
Assistive Technology and Accessible
15. - 17. Juli 2026, Brno
IOI 2026
38th International Olympiad in Informatics
09. - 16. August 2026, Tashkent
15th DACH+ Conference on Energy Informatics
21. - 23. September 2026, Linz
OCG Impulse Linz
13. Oktober 2026, Linz
OCG Impulse Graz
22. Oktober 2026, Graz
AIS26
AI Summit Styria 2026
22. - 23. Oktober 2026, Kapfenberg
OCG Impulse Wien
12. November 2026, Wien
Heinz Zemanek Lecture
25. November 2026, Wien
ditact_2026
women´s IT summer studies
24. August - 04. September 2026, Salzburg
CEEe|Gov Days 2026
Central and Eastern European e|Dem und e|Gov Days
09. - 11. Dezember 2026, Bucharest
FH Salzburg - Weichen für eine
nachhaltige Zukunft
HCC17
Human Choice and Computer Conference
07. - 09. September 2026, Wien
Nachhaltigkeit ist für Hochschulen ein
besonders wichtiges Thema, denn wer
heute ausbildet, gestaltet morgen Gesellschaft.
Die FH Salzburg nimmt diese
Verantwortung wahr und strebt Klimaneutralität,
Innovationskraft sowie eine
Ausbildung an, die Zukunftskompetenzen
stärkt. In der aktuellen Ausgabe
des ePapers „warum!“ wird Nachhaltigkeit
aus vielen Perspektiven beleuchtet:
von Projekten in Lehre, Forschung und
von Studierenden.
„Nachhaltigkeit ist für uns als Hochschule
ein besonders wichtiges Thema mit
vielen Dimensionen. Dementsprechend
nähern wir uns der Nachhaltigkeit aus
verschiedenen Perspektiven, auch in der
Lehre und in der Forschung“, begründet
Dominik Engel, Rektor und Geschäftsführer
der FH Salzburg, warum das Thema
für ihn einen so hohen Stellenwert
hat.
Die Fachhochschule Salzburg hat in den
vergangenen Monaten intensiv an ihrer
Nachhaltigkeitsstrategie gearbeitet.
Sechs Handlungsfelder wurden identifiziert:
• Für nachhaltige Entwicklung lehren
und lernen
• Nachhaltigkeitsorientierte Forschung
stärken
• Campus Vision – Student Edition
• Hochschulbetrieb und Mobilität
• Sustainability in People & Culture
• Kommunikation für nachhaltige Entwicklung
Nicht zuletzt gestalten die Mitarbeiter*innen
und Studierenden der FH Salzburg
die Zukunft aktiv mit, sie setzen Schwerpunkte
und haben eine klare Stimme.
Denn Klimaneutralität entsteht dort, wo
viele mitdenken und mitgestalten.
(aus: APA News Jänner
2026)
IMPRESSUM
Das OCG Journal ist die Mitgliederzeitschrift der Österreichischen Computer
Gesellschaft (OCG). Inhaltlich wird das Journal in völliger Unabhängigkeit gestaltet
und berichtet über die OCG Leitthemen Ausbildung und Qualität, Innovation und
Start-ups, internationale Vernetzung und digitale Zivilgesellschaft.
ISSN 1728-743X
Medieninhaber und Herausgeber:
Österreichische Computer Gesellschaft (OCG)
Präsident: DI Wilfried Seyruck
Generalsekretär und Leitung der Redaktion: Dr. Ronald Bieber
Redaktion: Irina Scheitz, Katharina Resch-Schobel, Josefine Hiebler
Layout und DTP: OCG | Josefine Hiebler
Lektorat: Katharina Resch-Schobel
Fotos: Archiv OCG, Autor*innen, Privatarchive, istock
Kontakt: info@ocg.at | URL: www.ocg.at
Alle: Wollzeile 1, 1010 Wien | Tel.: +43 1 512 02 35-0
Druck: Print Alliance HAV Produktions GmbH, 2540 Bad Vöslau
https://printalliance.at/fairprint
26 OCG Journal | 02 • 2026
Lectures
Im Inneren eines Quantum Labors @ iStock John D
EINLADUNG
Die OCG freut sich, dass Univ. Prof. Dr. Richard Küng MSc ETH, bei der dritten Zemanek Lecture die Keynote
halten wird.
Universität Wien, Universitätsring 1, 1010 Wien
25. November 2026, 16:00 Uhr
Richard Küng leitet das Institut für Quantum Computing an der JKU. Küngs Forschungstätigkeiten
befinden sich an der Schnittstelle zwischen Informatik, Physik und
angewandter Mathematik mit dem Ziel effiziente und einfache Lösungen für wichtige
algorithmische Herausforderungen zu entwickeln.
Anmeldung zur 3. Heinz Zemanek Lecture:
Österreichische Computer Gesellschaft • 1010 Wien • Wollzeile 1