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Dolce far niente (Leseprobe)

Lucy Laucht Dolce Far Niente – Der ewige Sommer Italiens 272 Seiten, Hardcover, Euro (D) 39 | Euro (A) 42 | CHF 49 ISBN 978-3-03876-370-3 (Midas Collection)

Lucy Laucht
Dolce Far Niente – Der ewige Sommer Italiens
272 Seiten, Hardcover, Euro (D) 39 | Euro (A) 42 | CHF 49
ISBN 978-3-03876-370-3 (Midas Collection)

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Der ewige

Sommer Italiens


So ist der Sommer in Italien

LUCY LAUCHT

mit LEE MARSHALL

MIDAS



Dolce far niente

© 2026

Midas Collection

Ein Imprint der Midas Verlag AG

ISBN 978-3-03876-370-3

1. Auflage

Für Mama und Papa, die uns die Freude daran vermittelt

haben, die Dinge so zu betrachten, wie sie sind.

Übersetzung: Claudia Koch

Lektorat: Elke Franz

Layout: Ulrich Borstelmann

Midas Verlag AG, Dunantstrasse 3, CH 8044 Zürich

Webseite: www.midas.ch, E-Mail: kontakt@midas.ch

Midas Büro Berlin, Mommsenstraße 43, D 10629 Berlin

E-Mail: berlin@midasverlag.com (GPSR)

Englische Originalausgabe:

»Il dolce far niente«

Design by Giulia Garbin

Illustrationen auf Seite 14, 46, 94, 136, 166, 200 und 242 © Caroline Popham

Illustrationen auf Seite 18, 50, 99, 141, 169, 205 und 247 © Agathe Marty

Text © 2024 by Lucy Laucht

© 2024 Hachette Book Group, Inc.

Printed in Europe

Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche

Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Erstellung und

Verbreitung von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet.



INHALT

Einführung 8

NEAPEL

15

DIE ÄOLISCHEN INSELN

47

ISCHIA

95

DIE AMALFIKÜSTE & CAPRI

137

SIZILIEN

167

APULIEN

201

DIE ÄGADISCHEN INSELN

243

Dank 266



EINFÜHRUNG

MEIN BLICK WIRD schon seit Langem von dem menschlichen Treiben

an einem Sommerstrand angezogen. Ich liebe die Ruhe und das Chaos. Ich

liebe die stille Poesie dessen, wer wir am Meer sind. Ich liebe es, wie die Küstengebiete

eines Landes auf sanfte Weise so viel vom nationalen Charakter

offenbaren. Nirgendwo auf der Welt sind das Chaos, die Ruhe, die Poesie

und diese Offenbarung so lebendig wie in Italien.

Mein erster Besuch in Italien fand in einem Doppelhaus in einem abgelegenen

britischen Vorort statt. Mein Großvater landete in Bari, der Hauptstadt

der Region Apulien, nachdem er im Zweiten Weltkrieg in Nordafrika

stationiert gewesen war. Er verliebte sich sofort in Italien – so sehr, dass er

in Rom vom Papst gesegnet wurde. Zurück in der tristen englischen Heimat

bemalte er das Familienhaus mit prächtigen Fresken. Er sollte nie wieder

nach Italien zurückkehren, doch das Land lebte in seinen Gedanken und in

seinem Zuhause weiter, wo die Bucht von Neapel die Wände seines Schlafzimmers

zierte.

Meine erste echte Begegnung mit Italien war lebhaft und wie aus einem

Film. Ich erinnere mich an das fast schon epische Licht; an meinen ersten

Bissen in eine saftige, reife sizilianische Tomate; an die Eleganz der abendlichen

Passeggiata, wenn die ganze Stadt auf die Hauptstraße kam, um dort

spazieren zu gehen; an die Boote, die unterhalb des Dorfes Positano vor

Anker lagen. Doch was mir am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben

ist, war die Gelassenheit, mit der die Italiener durch das Leben zu gehen

schienen. Ich bewunderte diese langen, entspannten Mittagessen; die starke

Verbundenheit der Einheimischen mit Familie, Gemeinschaft und Ort; ihre

stille Kultur der Gelassenheit und Freude.

8



Der elegante italienische Ausdruck Il dolce far niente lässt sich mit die Süße

des Nichtstuns oder süße Muße übersetzen. In einer Welt, die geschäftiger und

lauter ist als je zuvor, wollte ich die Grundsätze dieser Philosophie ergründen

und der Frage nachgehen, was man von dieser sanften Lebensweise lernen

kann.

Die Antwort fand ich in einer analogen Kamera, die einst meinem Vater

gehörte. In den freien Momenten während Dreharbeiten und Aufträgen

schlich ich mich davon und fotografierte Szenen: einen ruhigen Augenblick

inmitten der chaotischen Stadtstrände Neapels, eine nachmittägliche pennichella

(ein kurzes Nickerchen) unter der heißen Augustsonne, farbenfrohe

Küstenstädte und Fischerdörfer und vor allem Menschen am Meer, die sich

wohlfühlten.

Das Ergebnis ist eine fotografische Reise durch Neapel, die Äolischen

Inseln, Ischia, die Amalfiküste und Capri, Sizilien, Apulien und die Ägadischen

Inseln – sieben Orte an der süditalienischen Küste, die mich am

stärksten ansprechen. Für jeden Ort habe ich eine von der Region inspirierte

Regel vorgeschlagen, für diejenigen, die dem Weg des dolce far niente

folgen möchten. Es ist eine spielerisch-ernste Übung, die am besten funktioniert,

wenn man die ultimative Regel der »dolce far niente«-Erleuchtung im

Hinterkopf behält – dass es eigentlich keine Regeln gibt.

Diese Seiten sind eine Ode an die süße Muße und den Geist des süditalienischen

Sommers. Ich hoffe, dass meine Fotos und Texte dazu beitragen,

diejenigen, die hier eintreten, in eine andere Welt zu entführen, Nostalgie

zu wecken und den Geist des italienischen Sommers in ihre Herzen zu tragen.

Vor allem hoffe ich, dass sie den Wunsch wecken, einen Gang herunterzuschalten

und das Leben so zu schätzen, wie es ist.

EINFÜHRUNG 11





KAPITEL EINS

Neapel ist ein Pompeji, das nie begraben wurde.

– Curzio Malaparte

NEAPEL

Napoli





DIE NEAPEL-REGEL

FRIEDEN IM CHAOS FINDEN

Trovate la pace in mezzo al caos.

SPÄTER NACHMITTAG AM Stadtstrand von Santa Lucia.

Durch den Sucher einer alten Filmkamera betrachtet, ist Neapel ein

lebendiges, atmendes Diorama, ein Ort opernhafter Ausbrüche, ausgelassenen

Humors und stiller Melancholie, vor allem aber ein Ort, der von

einem kaum gezügelten Chaos beherrscht – oder geradezu unkontrolliert

– zu sein scheint. Kinder planschen in der Brandung. Ihre Eltern behalten

sie im Auge, während sie sich über Essen und Fußball unterhalten. Überall

liegt Strandkram herum. Schuhe, Taschen, Wasserflaschen, ein umgedrehtes

Boogie-Board mit einem Paar Flip-Flops darauf. Eine Taube pickt unter

den Plastikstühlen nach Panino-Krümeln. Ein blechern klingendes Radio

überträgt kitschige neapolitanische Popmusik. Im Hintergrund dröhnen

die Hupen der Autos, die in dem üblichen Stau auf der Küstenstraße oberhalb

feststecken. Außerhalb des Bildes flammt ein Streit auf. Der Duft von

frittiertem Essen und Sonnencreme auf heißer Haut wird von der leichten

Brise mitgetragen.

Und doch gibt es immer einen Weg, das Rauschen auszublenden, die

Umgebung auszusperren und sich ganz der Wärme der Sonne hinzugeben.

Um inmitten des Chaos Ruhe zu finden. Glückseligkeit entsteht dort, wo

man sie selbst erschafft.

18 DOLCE FAR NIENTE



LUCYS NEAPEL

ICH BIN NICHT die erste Kreative, die vom Licht und dem lebhaften

Alltag vor dem Hintergrund des Vulkans angezogen wird, der jederzeit

wieder zum Leben erwachen und ausbrechen kann. Seit Jahrhunderten

lassen sich Dichter und Künstler vom Charme dieser Stadt verzaubern, in

jüngerer Zeit auch Filmemacher und Fotografen – alle angezogen von der

Lebendigkeit einer Stadt, die von den alten Griechen gegründet und von

Römern, Byzantinern, Normannen, Aragonesen und spanischen Bourbonen

regiert wurde.

Um zu verstehen, wie alt Neapel tatsächlich ist, sollte man sich ihren

Namen vor Augen führen. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. legten

griechische Verbannte aus Cuma den Grundstein für das, was sie Neapolis

nannten – wörtlich »neue Stadt« –, an einem Ort, an dem ihre Vorfahren

gut zwei Jahrhunderte zuvor bereits eine Siedlung gegründet hatten. Dieses

Ur-Neapel hieß Partenope, benannt nach der gleichnamigen Sirene, die

sich einer Version der Legende zufolge ins Meer stürzte und ertrank, als es

ihr nicht gelang, Odysseus mit ihrem Gesang zu verzaubern. Sie wurde an

der Küste angespült, wo im 8. Jahrhundert v. Chr. die Stadt entstand, im

Stadtteil, der heute als Santa Lucia bekannt ist.

Noch heute verkörpert Santa Lucia das Wesen der Stadt, und viele der

Fotos in diesem Kapitel wurden dort aufgenommen. Die Neapolitaner sind

gastfreundliche, aufrichtige, ernsthafte, höfliche, fröhliche und melancholische

Menschen, und die Stammgäste am Stadtstrand von Santa Lucia

verkörpern diese Eigenschaften in vollem Umfang. Hier fand ich auch die

Inspiration für den ersten von sieben Tipps für alle, die die Kunst des dolce

far niente wie ein echter Süditaliener praktizieren möchten: »Finde Frieden

im Chaos.« Ich habe diese Vorschläge le regole – die Regeln – genannt, aber

man muss sie nicht buchstabengetreu befolgen. Wie so oft in Italien zählt

der Geist.

NEAPEL 21







STIMMUNGEN

IN NEAPEL

La Spiaggia di Santa Lucia

Es erscheint nur folgerichtig, dass der

Stadtteil Santa Lucia, wo angeblich ein

Fabelwesen mit dem Kopf einer Frau

und dem Körper eines Vogels sein Ende

fand, heute den Hauptstrand der Stadt

beherbergt. Die Napoletani vermischen

gerne Leben und Tod, Legende und

Realität.

Die Küste von Santa Lucia besteht

aus einem Gewirr aus Felsen, die als

Wellenbrecher dienen, einem winzigen

Sandstreifen und einem Steg aus

Stein. Sie ist für alle zugänglich, aber

selbst wenn es sich um einen Strandklub

handeln würde, wäre die einzige

Voraussetzung für die Mitgliedschaft,

das Sonnenbaden auf einem Felsen wie

eine raffinierte Kunstform aussehen zu

lassen. Ganz in der Nähe, im Schatten

des Castel dell’Ovo, liegt der kleine

Fischerhafen Borgo Marinari, wo die

Neapolitaner Geburtstage, Kindstaufen

und Hochzeiten bei großen Tellern

spaghetti alle vongole und Krügen mit

Falanghina-Wein feiern. Er war auch

das Hauptzentrum eines einst florierenden

Zigarettenschmuggels, bis die

neapolitanische Mafia – die Camorra –

auf härtere Drogen umstieg. Davor, in

der Römerzeit, wurde dieses gesamte

Vorgebirge von einem riesigen Villenkomplex

eingenommen, der möglicherweise

einem reichen ehemaligen General

namens Lucullus gehörte, dessen

Name zum Inbegriff eines Lebens in

Luxus wurde. Heiße Schnellboote, die

unter der Terrasse einer Trattoria hin

und her sausen, wo alle auf Braut und

Bräutigam anstoßen, auf einem Grundstück,

auf dem einst eine opulente

römische Lustvilla stand: Auch das ist

sehr napoletano.

Am Strand fangen alte Männer mit

mahagonifarbener Haut kleine Fische

in Netzbeuteln. Sie tragen winzige

Badehosen und reiben sich großzügig

mit Sonnenöl ein. In der Nähe versammeln

sich Frauen auf Gruppen weißer

Plastikstühle. Klatsch und Tratsch wird

mit Genuss ausgetauscht und diskutiert.

Essen ist ein wichtiger Bestandteil

der Strandkultur von Santa Lucia.

Süße Brioche-Kuchen – von der Sorte,

die man mit bloßen Händen auseinanderziehen

soll – werden herumgereicht.

Gegen Mittag ist die Luft vom klebrigsüßen

Duft der Feigen erfüllt. Einer der

Männer singt mit tiefer Opernstimme.

Alle applaudieren. Jemand zündet sich

eine Zigarette an, greift nach einem

Mittagsbier. Es ist heiß. Eine hölzerne

Jacht segelt in Richtung Capri.

26 DOLCE FAR NIENTE







STIMMUNGEN

IN NEAPEL

Stadtzentrum, Vororte

Neapel ist eine Stadt, in der sich seit

jeher Arm und Reich die Schultern

reiben. In der Altstadt lebten Grafen,

Bettler und Marktverkäufer in unmittelbarer

Nähe zueinander, manchmal

buchstäblich Tür an Tür. Als sich die

Stadt vor allem im 19. und frühen 20.

Jahrhundert auszubreiten begann, entstanden

Viertel, in denen die soziale

Durchmischung – zumindest oberflächlich

betrachtet – weitaus weniger

vielfältig war. Arbeiterviertel wie

Rione Luzzatti, die Vorlage für das

Viertel, in dem Lenù und Lila in Elena

Ferrantes Roman Meine geniale Freundin

aufwachsen, fanden ihr Gegenstück in

gehobenen Vororten wie Posillipo. Diese

elegante Küstenenklave beherbergte

einst die Villen am Meer der römischen

Aristokratie, die hierherkam, um die

Kunst des otium – der erholsamen

Muße – zu praktizieren und zu perfektionieren.

Auch heute noch ist es ein

Ort des otium, ein wohlhabender Vorort

mit dunstigem Blick auf Capri, wo

wunderschön frisierte Signori in Cafés

sitzen und über abwesende Freunde

klatschen.

Doch selbst hier bieten die Strände

einen Einblick in ein Leben, das sich

in der ansässigen Bevölkerung nicht

widerspiegelt. Der schiere Bevölkerungsdruck

hat die neapolitanische

Strandkultur zwangsläufig demokratisiert.

Lebhafte Teenager aus weniger

vornehmen Vororten strömen auf

ihren Vespas nach Posillipo. Bei den

Überresten der antiken römischen

Villa, bekannt als Palazzo degli Spiriti,

springen Jungen von den Ruinen ins

Meer und tauchen durch die tosende

Brandung wieder auf, geschmeidig wie

Otter. Mädchen mit rabenschwarzem

Haar rollen mit den Augen, checken

ihre Handys und geben sich demonstrativ

unbeeindruckt. Am Scoglione

Marechiaro, einem felsigen Strand, der

nur per Boot erreichbar ist, dringen

die Gespräche der Badegäste hinauf

zu einer Reihe von Restaurants an

der Steilküste, wo la Napoli bene –

die High Society der Stadt – lange,

sonnenverwöhnte Mittagessen genießt.

Im Hintergrund der Vesuv. Immer der

Vesuv.

NEAPEL 33







STIMMUNGEN

IN NEAPEL

Die Renaissance von La Sanità

Neapel ist eine Stadt der sicheren

Wege. Einer führt (in nur zwanzig

Minuten mit dem Taxi) vom Flughafen

zum Archäologischen Nationalmuseum.

Ein anderer verläuft vom

Museum aus in Richtung Norden zum

Bourbonenpark, zum Palast und zur

Kunstsammlung von Capodimonte.

Beunruhigt durch den Ruf der Stadt,

von Kriminalität und Chaos geprägt

zu sein, verfolgen zu viele Besucher die

Strategie »reingehen, die Kunst und

die Antiquitäten anschauen, wieder

raus«. Das ist verständlich. Aber es ist

auch falsch. In einer jährlichen Umfrage

der italienischen Tageszeitung Il Sole

24 Ore zu den kriminellsten Städten

Italiens liegt Neapel regelmäßig weit

hinter Mailand, Turin, Bologna, Rom

und Florenz. Und ohne die »sicheren

Korridore« zu verlassen, wird man

niemals jene Viertel entdecken, in

denen das authentische Herz der Stadt

schlägt – wie La Sanità. In diesem faszinierenden

Labyrinth aus alten Gassen

nördlich der alten Stadtmauern hängt

die Wäsche hoch über den Straßen

wie Girlanden. An den Leinen hängen

Babykleidung, Bettlaken, die Schürze

eines Pizzabäckers, Sommerkleider, die

Trikots einer ganzen Jugendfußballmannschaft.

Ganze Lebensgeschichten

werden in der Sonne zum Trocknen

aufgehängt.

La Sanità war lange Zeit ein Ort

der Bestattung, geprägt von Friedhöfen

und Katakomben. Im 17. und 18. Jahrhundert,

als es noch größtenteils ein

grünes Tal war, errichteten Adlige wie

Ferdinando Sanfelice hier prächtige

Stadthäuser, fernab vom Trubel der

dicht bebauten Altstadt weiter südlich.

Bald wurden die Felder, Gärten und

Obstgärten zwischen diesen aristokratischen

Palazzi von den Häusern der

Arbeiter und Gauner der Stadt eingenommen.

Im 19. Jahrhundert war La

Sanità zu einem der ärmsten Stadtteile

Neapels geworden und galt als No-go-

Area.

Heute jedoch erlebt La Sanità einen

Aufschwung dank der Bemühungen

von Einheimischen, die eine tiefe Verbundenheit

mit dem Viertel empfinden

und entschlossen sind zu zeigen, dass

seine Energie – eine Eigenschaft, an der

es dem Viertel nie gemangelt hat – auf

positive Weise genutzt werden kann.

Man muss nur die Katakomben von

San Gennaro besuchen, um dies mit

eigenen Augen zu sehen. Führungen

durch dieses faszinierende Labyrinth,

das von den ersten Christen als geheime

Begräbnisstätte genutzt wurde,

werden von jungen Einheimischen

geleitet, die von einer gemeinnützigen

Nachbarschaftskooperative unterstützt

und geschult werden. Eine weitere

Erfolgsgeschichte für La Sanità ist das

»Concettina ai Tre Santi«, eine Pizzeria,

die von einem leidenschaftlichen

jungen Koch aus der Gegend namens

Ciro Oliva geführt wird. Es ist schwieriger,

dort einen Tisch zu bekommen,

als im angesagtesten Michelin-Stern-

Restaurant.

38 DOLCE FAR NIENTE







NEAPEL:

INSIDER-INFORMATIONEN

1.

2.

3.

4.

Wenn Sie das nächste Mal in einer neapolitanischen Bar sind, lassen

Sie einen caffè sospeso – einen im Voraus bezahlten Espresso – stehen,

damit ihn die nächste Person, die hereinkommt und fragt: »Gibt es

einen caffè sospeso für mich?«, mitnehmen kann. Es ist eine wunderbare

lokale Tradition, die kürzlich vom findigen Pizzaiolo Ciro Oliva

vom »Concettina ai Tre Santi« auf Pizzen ausgeweitet wurde.

Wenn Sie am Samstag vor dem ersten Sonntag im Mai, am 19. September

oder am 15. Dezember in der Stadt sind, sollten Sie die San-Gennaro-

Riten im Duomo (Dom) der Stadt miterleben. Im Mittelpunkt steht

die angebliche Verflüssigung des geronnenen Blutes des Heiligen,

das in einem Fläschchen im Dom aufbewahrt wird, genau an diesen

Tagen. Dieses »Wunder«, das mit heidnischen Traditionen verbunden

ist, wird in der ganzen Stadt herbeigesehnt. Nur sehr selten verflüssigt

sich das Blut nicht. Dies gilt dann als schlechtes Omen, das Erdbeben,

Vulkanausbrüche oder andere Katastrophen ankündigt.

Lassen Sie den Lärm, die Farbenpracht und das Chaos der Stadt hinter

sich und machen Sie einen Rundgang durch die friedliche Galleria

Borbonica, ein Labyrinth aus unterirdischen Tunneln, die zwar sehr

alt wirken, aber tatsächlich erst aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Einer der seltsamsten Anblicke in dieser dämmerigen Unterwelt ist

eine Ansammlung staubbedeckter Vespas und anderer Motorroller,

die aus der Zeit übrig geblieben sind, als diese Galerien von der örtlichen

Verkehrspolizei als Lagerräume für beschlagnahmte Fahrzeuge

genutzt wurden.

Entscheiden Sie, auf welcher Seite Sie in der Frage nach dem besten

Frühstücksgebäck der Stadt stehen. Sind Sie ein Fan der sfogliatella

riccia und ihrer mehrschichtigen, fächerförmigen Form? Oder geben

Sie Ihre Stimme der frolla, der schlichteren Version aus Mürbeteig?

Die Neapolitaner sind ziemlich genau in zwei Lager gespalten, und

nur sehr wenige schwanken zwischen riccia und frolla – obwohl sich

die meisten einig sind, dass das »Attanasio«, eine Bar-Pasticceria in

der Nähe des Bahnhofs, die besten Sfogliatelle der Stadt macht (zu

Stoßzeiten ist es dort so voll, dass Nummern verteilt werden). Für

welches Lager Sie auch sind, Sie werden die gleiche köstliche Füllung

aus Ricotta, Grieß und kandierten Früchten genießen. Buon appetito!

NEAPEL 45


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