architektur FACHMAGAZIN Ausgabe 2 2026
Gebäudehüllen müssen heute mehr können als je zuvor. Sie sollen Energie sparen oder erzeugen, Ressourcen schonen, Hitze puffern, Identität stiften, auf Bestand reagieren und im besten Fall auch noch gut altern. Dass aus dieser Vielzahl an Anforderungen auch ein architektonisches Potenzial entsteht, ist eine der spannendsten Entwicklungen des gegenwärtigen Bauens. Denn genau dort, wo Anforderungen aufeinandertreffen, wird Architektur interessant. An der Hülle entscheidet sich, wie ein Gebäude auf Klima und Kontext antwortet, wie es seine Nutzung organisiert, wie es sich im Stadtraum behauptet – und welche Geschichte es über sich selbst erzählt. Die Hülle ist damit nicht einfach Verpackung, sondern eine der produktivsten Zonen des Entwurfs. Die Beiträge dieser Ausgabe spannen einen Bogen von leichten, materialeffizienten Konstruktionen bis zu komplexen Hochleistungsfassaden.
Gebäudehüllen müssen heute mehr können als je zuvor. Sie sollen Energie sparen oder erzeugen, Ressourcen schonen, Hitze puffern, Identität stiften, auf Bestand reagieren und im besten Fall auch noch gut altern. Dass aus dieser Vielzahl an Anforderungen auch ein architektonisches Potenzial entsteht, ist eine der spannendsten Entwicklungen des gegenwärtigen Bauens.
Denn genau dort, wo Anforderungen aufeinandertreffen, wird Architektur interessant. An der Hülle entscheidet sich, wie ein Gebäude auf Klima und Kontext antwortet, wie es seine Nutzung organisiert, wie es sich im Stadtraum behauptet – und welche Geschichte es über sich selbst erzählt. Die Hülle ist damit nicht einfach Verpackung, sondern eine der produktivsten Zonen des Entwurfs.
Die Beiträge dieser Ausgabe spannen einen Bogen von leichten, materialeffizienten Konstruktionen bis zu komplexen Hochleistungsfassaden.
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FACHMAGAZIN
WISSEN, BILDUNG, INFORMATION FÜR DIE BAUWIRTSCHAFT
Erscheinungsort Vösendorf, Verlagspostamt 2331 Vösendorf. P.b.b. 02Z033056; ISSN: 1606-4550
02
www.architektur-online.com
März/Apr. 2026
Gebäudehüllen
© Namgoong Sun
Starke
ORIGINALE.
Ein SYSTEMANBIETER.
VERTRIEBSPARTNER Österreich
0343SBAMAY0326
www.ardex.at
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Gebauter Übergang
3
Editorial
Gebäudehüllen müssen heute mehr können als je zuvor. Sie sollen Energie sparen
oder erzeugen, Ressourcen schonen, Hitze puffern, Identität stiften, auf Bestand
reagieren und im besten Fall auch noch gut altern. Dass aus dieser Vielzahl an
Anforderungen auch ein architektonisches Potenzial entsteht, ist eine der spannendsten
Entwicklungen des gegenwärtigen Bauens.
Denn genau dort, wo Anforderungen aufeinandertreffen,
wird Architektur interessant.
An der Hülle entscheidet sich, wie ein Gebäude
auf Klima und Kontext antwortet, wie
es seine Nutzung organisiert, wie es sich
im Stadtraum behauptet – und welche Geschichte
es über sich selbst erzählt. Die Hülle
ist damit nicht einfach Verpackung, sondern
eine der produktivsten Zonen des Entwurfs.
Die Beiträge dieser Ausgabe spannen einen
Bogen von leichten, materialeffizienten
Konstruktionen bis zu komplexen Hochleistungsfassaden:
In der Bretagne wird ein
Sport- und Kulturzentrum unter einer textilen
Dachlandschaft aus Holz und Membran
organisiert, die mit ausgetüftelter Geometrie
viel Raum mit wenig Material schafft. In
Valldal wiederum wird eine alte Scheune zur
Hülle für ein Restaurant, dessen eingepasster
Holzkern so gefügt ist, dass die historische
Substanz unangetastet und der Eingriff
reversibel bleibt. Auch die Vila Muhr am
Bohinjer See begreift die Hülle als Schichtung
ihrer Geschichte, in der sich historische
Fragmente, Rekonstruktion und zeitgenössische
Konstruktion zu einem neuen architektonischen
Zusammenhang verbinden.
Demgegenüber stehen Projekte, in denen
die Hülle als technisch verdichtetes System
erscheint. Am Cyber Valley in Tübingen
verbindet eine zweischichtige Fassade
Sonnenschutz, Photovoltaik und Wartung
zu einem integralen Ganzen; in Hongkong
vereint The Henderson skulpturale Form
mit thermischer Leistung, natürlicher Belüftung
und Widerstandsfähigkeit gegenüber
Taifunen. Das Photo-SeMA in Seoul
schließlich rückt die Wahrnehmung selbst
in den Mittelpunkt und übersetzt die Beziehung
von Architektur und Fotografie in eine
plastische, leicht verdrehte Gebäudeform
aus Licht, Bewegung und Blick.
Ergänzt wird diese Ausgabe durch aktuelle
Produktneuheiten und zahlreiche weitere
Projektberichte. Darüber hinaus erhält auch
die Retailarchitektur wieder eigenen Raum,
wobei diesmal unter anderem die Kioskarchitektur
im Fokus steht.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre
dieser Ausgabe.
Andreas Laser
Fenster-Markisen als Designelement:
Textiler Sonnenschutz
Ton in Ton mit der Fassade
/ Charakterstarke Produkte für zeitgenössische Architektur*
/ Nachhaltige, windstabile Verschattungslösungen
/ Einfache Sonnenschutz-Planung dank digitalisierter Prozesse
Mehr erfahren: www.warema.at/architekten
* Ritterstraße 16, Berlin: In geschlossenem Zustand verwandeln die außenliegenden Markisen das kreative
Bürogebäude in ein homogenes Betonrelief aus strahlendem Weiß. Foto: Schnepp Renou
architektur FACHMAGAZIN
4
Inhalt
Editorial 03
Start 06
What a Hut
Magazin 10
Wettbewerbe & Awards 22
Volksschule Patrizigasse, Wien
Grundschule Rathenow, Brandenburg
Wohnbebauung Velden Bahnweg
Der Stoff, aus dem 30
die Hallen sind
Centre sportif et culturel Marie-José Pérec,
Salle de danse Joséphine Baker /
La Bouëxière, Frankreich /
Onze04 Architectes
Alte Hülle, reversibler Kern 36
Nikkakjøkken Restaurant /
Valdall, Norwegen / Office Inainn
Zeit(ge)schichten 42
Vila Muhr / Bohinj, Slovenien /
OFIS ARHITEKTI
Im Spiel des Lichts 48
Innovationscampus Cyber Valley /
Tübingen, Deutschland / heinlewischer
Präzision und Dramaturgie 54
Photographic Seoul Museum of Art /
Seoul / Jadrić Architektur & 1990uao
Fließende Hülle 60
The Henderson / Hongkong, China /
Zaha Hadid Architects
RETAILarchitektur 66
Produkt News 78
Exoskelette 96
Smarte Power fürs Bauhandwerk
30
42
54
36
60
48
KLARSTELLUNG:
In Ausgabe 06/2025 wurde in einem Beitrag über OFROOM auf S. 6 die Bezeichnung „Architektin“ redaktionell irrtümlich verwendet.
Wir stellen klar, dass die Berufsbezeichnung „Architekt:in“ in Österreich gesetzlich geschützt ist und gemäß § 35 Ziviltechnikergesetz
2019 nur von Personen geführt werden darf, denen eine entsprechende Befugnis verliehen wurde.
MEDIENINHABER UND HERAUSGEBER Laser Verlag GmbH; Ortsstraße 212/2/5, 2331 Vösendorf, Österreich
CHEFREDAKTION Andreas Laser (andreas.laser@laserverlag.at) • REDAKTION DI Linda Pezzei, Roland Kanfer, Gertraud Gerst, DI Marian Behaneck
LTG. PRODUKTREDAKTION Nicolas Paga (nicolas.paga@laserverlag.at) Tel.: +43-1-869 5829-14 • RESSORT WETTBEWERBE Roland Kanfer (wettbewerbe@architektur-online.com)
GRAFISCHE GESTALTUNG & WEB Andreas Laser • LEKTORAT Mag. Heidrun Schwinger • DRUCK Bauer Promotion
GESCHÄFTSLEITUNG Silvia Laser (silvia.laser@laserverlag.at)
ABONNEMENTS Abonnement (jeweils 8 Ausgaben/Jahr): € 109,- / Ausland: € 133,-, bei Vorauszahlung direkt ab Verlag n Studentenabonnement (geg. Vorlage einer gültigen Inskriptionsbestätigung):
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Mit ++ gekennzeichnete Beiträge und Fotos sind entgeltliche Einschaltungen. Die Redaktion haftet nicht für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Fotos. Berichte, die nicht von einem Mitglied der Redaktion gekennzeichnet
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architektur FACHMAGAZIN
6
Start
Tiny Heat
Mobile Saunen entwickeln sich vom Wellness-Accessoire zur Mikroarchitektur.
What a Hut aus Zlín zeigt, wie lokales Holz, maßgenaue CNC-Fertigung und ein
perforiertes Signature-Detail einem kleinen Volumen eine klare architektonische
Handschrift verleihen.
Text: Linda Pezzei Fotos: Julius Filip, Adéla Bačová
Saunieren ist schon lange kein exklusives
Wellnessritual mehr. Zwischen Immunboost,
Natursehnsucht und dem Bedürfnis nach
informellen Treffpunkten wird der Schwitzraum
zur kleinmaßstäblichen Architektur mit
erstaunlicher gesellschaftlicher Relevanz.
Mobile Modelle umgehen komplexe Genehmigungsverfahren,
sind oft rückbaubar und
fügen sich unauffällig in die Landschaft ein.
Zugleich können sie als private Rückzugsorte
oder temporäre Community-Hubs genutzt
werden. In dieser Schnittmenge ist das
tschechische Label What a Hut zu verorten:
Es entwirft Saunen als Mikroarchitekturen
aus Holz und versteht Reduktion nicht als
Stilmittel, sondern als räumliche Essenz.
What a Hut wurde 2021 in Zlín gegründet
und fokussierte sich zunächst auf typisierte
und maßgefertigte Holzcabins. Aus diesen
kleinen Häusern entwickelte sich rasch ein
Schwerpunkt auf Saunen, ein Bereich, der
im Design gestalterisch wie atmosphärisch
mehr Spielraum bot. Alle Modelle stammen
von der multidisziplinären Designerin Adéla
Bačová, die als Art Directorin auch die visuelle
Sprache der Marke prägt. Die Saunen
bestehen aus massiven Fichtenpaneelen,
deren Holz aus Regionen wie den Beskiden,
dem Prostějov-Gebiet und dem Elbegebiet
stammt und in Tschechien zu großformatigen
Platten verarbeitet wird.
Die Materialwahl knüpft an die Tradition
an, Saunen aus heimischem Holz zu bauen.
Die Verarbeitung hingegen ist klar im Heute
verankert: CNC-gefräste Paneele treffen
in der Werkstatt auf handwerkliche Montage.
Statt auf eine Lieferung in Einzelteilen
setzt What a Hut auf mobil transportierbare,
fertig montierte Saunen. Vor Ort sind
nur noch Anschlussarbeiten notwendig.
Gestalterisch sind sie als Räume für eine
„Essential Experience“ konzipiert. Visuelle
Reize werden bewusst gedimmt, damit Körper,
Gespräch und Stille in den Vordergrund
rücken können.
u
www.architektur-online.com
7
Start
about What a Hut
Adéla Bačová studierte Industrial Design an der Tomas Bata University
in Zlín und gründete während dieser Zeit die Zlín Design Week. Anschließend
arbeitete sie unter anderem bei Koma Modular, wo sie eine prämierte
modulare Kollektion entwickelte. Bei What a Hut verantwortet sie die
Produktentwicklung und die visuelle Identität. Ihre Entwürfe sind von der
Klarheit und konstruktiven Ehrlichkeit des 20.‐Jahrhundert‐Modernismus
geprägt. Gemeinsam mit Lenka Sršňová, die Marketing, Markenstrategie
und internationale Expansion steuert, formt sie eine Marke, die Design,
Architektur und Natur als gleichberechtigte Parameter versteht.
Geschützter,
ökologischer,
regionaler,
visionärer
ist vermutlich
Signature und Kontext
Ein zentrales Motiv ist die perforierte Wand,
keiner.
die sowohl spielerisch als auch funktional
gestaltet ist. Sie lässt Tageslicht in
den Innenraum, schützt aber die Intimität
Wenn Dämmung,
der Nutzerinnen und Nutzer. Nachts wird
die Sauna dann zum Bauder. leuchtenden Körper in der
Landschaft, wenn ein Lichtschimmer von
den glühenden Kohlen oder dem LED-Band
nach außen dringt. Dieses Detail hat sich
zum Wiedererkennungsmerkmal der Marke
entwickelt: eine kleine architektonische
Geste, die Privatheit und Landschaftsbezug
austariert. Da Saunen klaren physikalischen
Regeln unterliegen – Hitze, Feuchte und
Wer klug dämmt, baut auf Bauder. Bauder
Materialspannung
PIR und Bauder
–,
ECO
werden
bieten
sie für Gestalter
höchste Dämmwerte und sparen Platz, Zeit und
oft zu
Geld:
wahren
weil
Laborräumen:
Bauhöhen
im Mittelpunkt
gering bleiben, die Lieferzeiten kurz und die Verarbeitung
stehen das kleine
einfach
Volumen,
sind
eine hohe
und weil die Energiekosten stark reduziert
atmosphärische
werden. Das ist
Dichte
heimische
und wenige, aber
Qualität vom Dachprofi, der die Zukunft nachhaltig
durchdachte
gestaltet.
Details.
Seit mehr als 40 Jahren in Österreich.
What a Hut bietet drei Grundmodelle mit
unterschiedlichen Konfigurationen: von
großflächiger Verglasung für einen maximalen
Landschaftsbezug bis zu stärker
geschlossenen Varianten für eine intimere
Atmosphäre. Parallel dazu entsteht eine
neue Typologie der „Community Sauna“.
Mit einer mobilen Version, die intern „Mascot
on Wheels“ genannt wird, testet What a
Hut temporäre Standorte in Dörfern und bei
Events. So können Gemeinden ausprobieren,
ob sich eine dauerhafte Sauna als sozialer
Treffpunkt etablieren ließe. Die Sauna
wird so auch zur sozialen Infrastruktur im
Kleinformat: demokratisch, niedrigschwellig
und sensibel im Umgang mit ihrem jeweiligen
Standort.
bauder.at
architektur FACHMAGAZIN
8
Start
Project Spotlight: Sauna Mini
Mit einer Grundfläche von nur 3 m² ist die Sauna
Mini für Grundstücke mit begrenztem Platzangebot
konzipiert. Ihre großflächige, dreigeteilte
Verglasung – eine Sektion fungiert als Tür – prägt
die Fassade und rahmt den Blick ins Grün. Eine
ausziehbare untere Bank dient als Trittstufe und
zusätzliche Sitz- beziehungsweise Liegefläche für
bis zu drei Personen. Vier Farbvarianten – Natur,
Schwarz, Rot und Grün – erlauben eine Bandbreite
von zurückhaltend bis bewusst akzentuiert. Konstant
bleibt das Prinzip: lokales Holz, kompakte
Konstruktion, maximale atmosphärische Wirkung.
Q&A – Design jenseits von heißem Dampf
Wann ist eine Sauna Ihrer Meinung nach
„architektonisch gelungen“?
Wenn sie mehr ist als ein technisches Objekt. Sie muss
Atmosphäre erzeugen – nicht über Effekte, sondern
über Proportion, Licht und Materialehrlichkeit.
Welche Rolle spielt die Technologie im Hintergrund?
Sie ist essenziell, darf aber nie sichtbar dominieren.
Verbesserungen betreffen meist konstruktive Details
oder die thermische Performance, während die Eingriffe
ästhetisch nahezu unsichtbar bleiben.
Was war die größte Herausforderung, was das
Mini-Modell anbelangt?
Eine wirtschaftliche Produktion mit echter Liegelänge
für eine Person zu verbinden – und gleichzeitig eine
Form zu entwickeln, die sich trotz großer Verglasung
klar von Lösungen von Mitbewerbern unterscheidet.
Wie definiert sich Ihre Zielgruppe?
Inzwischen wissen wir sehr genau, für wen wir entwerfen
– und für wen nicht. Diese Klarheit erleichtert
Entscheidungen im Designprozess enorm.
Wohin entwickelt sich das Thema Sauna in Europa?
Die nordischen Länder sind kulturell weiter, aber
auch in Mitteleuropa verändert sich die Wahrnehmung
rasant. Saunen wandern vom Luxusprodukt in
den selbstverständlichen Bestandteil eines gesundheitsbewussten
Alltags.
•
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9
Magazin
Beleuchtet den Weg,
nicht die Nacht
Der Dark-Sky-Leuchtenkopf für die modularen Systempollerleuchten
schützt den Nachthimmel und nachtaktive Tiere. Optional erhältlich mit
BEGA BugSaver® Technologie zur Umschaltung der Farbtemperatur
auf einen Amber-Farbton. Pollerrohre wahlweise auch aus nachhaltigem
Accoya®-Holz. bega.com/systempoller
Das gute Licht.
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10
Magazin
Weiche Schalen
In einem chinesischen Reistal treffen Stahlcontainer auf pneumatische Wolken
und verschieben damit die Definition der Gebäudehülle hin zu einem körpernahen,
klimatischen und kulturellen Interface.
Text: Linda Pezzei Fotos: Cloe Yun Wang
Mitten in der Reisfeldlandschaft von Dun’ao Village
bei Ningbo haben Practice on Earth und Increments
Studio ein Projekt realisiert, das weniger die Gebäude
selbst als vielmehr deren Hüllen erforscht. Unter
dem Titel „Down in the Clouds“ wurden aufgegebene
Werbeflächen, Lager- und Nebengebäude durch drei
Interventionen ersetzt: das Cloud Café, das Leaning
Cinema und den Secret Reading Room. Dem Feld
wurde auf diese Weise eine poetische, kulturtouristische
Schicht hinzugefügt.
Der Kontext ist fragil: ein ländliches Tal, geprägt von
Abwanderung, ökonomischem Druck und dem schleichenden
Verlust kultureller Identität. Anstelle massiver
Neubauten setzten die Architekten auf minimale
Eingriffe mit maximaler gestalterischer Wirkung.
Der rote Faden ist die Gebäudehülle als Hybrid aus
robuster, serieller Containerstruktur und weichen,
pneumatischen Volumen. Gegensätze wie Dauerhaftes
und Temporäres, Technik und Ästhetik sowie
Industrie und spielerische Leichtigkeit wurden nicht
gegeneinander ausgespielt, sondern überlagert.
Harter Kern, weiche Körper
Die Grundlage aller drei Baukörper bilden maßgeschneiderte
Stahlcontainer. Anstatt als standardisierte
Frachtmodule zu fungieren, werden sie mit
genormten Stahlprofilen zu begehbaren Architekturen
adaptiert. Sie bündeln Tragwerk, Technik, Klimatisierung
und Servicefunktionen, also jene Aspekte,
die Betriebssicherheit und Dauerhaftigkeit erfordern.
Darüber oder daneben entfalten sich aufblasbare
PVC-Hüllen. Wolken, Ringe, Kugeln. Was üblicherweise
temporären Installationen vorbehalten bleibt, wird
hier als permanenter Bestandteil der Architektur gedacht.
Die Hülle ist damit nicht länger eine statische
Grenzfläche, sondern ein aktives, „atmendes” System.
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11
Magazin
Beim Cloud Café wächst aus einem 3 × 3 × 7 Meter
messenden Containerturm eine großmaßstäbliche,
kontinuierlich belüftete PVC-Membran. Zwei Gebläse
halten den Innendruck stabil, während Luftöffnungen
das Materialgewicht reduzieren und die Standfestigkeit
sichern – selbst bei Beschädigung. Unter der
„Wolke” entsteht ein auskragender, schattiger Aufenthaltsraum,
der als Landmarke und Mikroklimamaschine
dient. Die Hülle filtert Licht, spendet Schutz
und ist so konzipiert, dass der Reisanbau nicht gestört
wird.
Inszenierte Last und Leichtigkeit
Das „Leaning Cinema“ übersetzt das Spannungsverhältnis
von Masse und Luft in eine beinahe ironische
Statik. Ein Container wurde um 15 Grad geneigt und
ruht nur auf zwei Stützen, um die Belastung des
Geländes zu minimieren. Diese Stützen sind von
ringförmigen Luftkissen ummantelt. So scheint die
massive Box lässig gegen die ballonartigen Formen
zu lehnen, was einen irritierenden Maßstabskontrast
erzeugt und die Schwere des Containers relativiert.
Innen übernimmt die Hülle eine zweite Funktionsebene.
Holzwolleplatten wirken akustisch und atmosphärisch
zugleich, während ergonomisch geformte
Rückenlehnen die weichen Außenformen in den Körpermaßstab
übersetzen. Die Gebäudehülle wird zur
doppelten Membran: außen Inszenierung und Zeichen,
innen präzise Klimabox.
Durchdringbare Fassaden
Der Secret Reading Room formuliert die Idee einer
physischen Hülle am radikalsten. Sieben kugelförmige,
vollversiegelte PVC-Inflatables bilden eine ringförmige
Wand ohne Tür. Der Eintritt erfolgt durch
das physische Auseinanderschieben der Kugeln. Die
Fassade wird so zur taktilen Erfahrung – zur Schwelle,
die sich nicht öffnet, sondern nachgibt. Im Inneren
kontrastieren eine Aluminium-Paneeldecke, Schreibtische
aus Edelstahl und ein Gitterrostboden mit der
glatten, weißen Außenhaut. Gefiltertes Licht dringt
ein, wird an der halbglänzenden Decke reflektiert
und zeichnet wechselnde Lichtfelder, die sich mit
Wetter und Tageszeit verändern. Bei Hitze werden
die Kugeln praller – das Klima schreibt sich unmittelbar
in die Form ein.
u
architektur FACHMAGAZIN
12
Magazin
Prototyping als Fassadenforschung
Da die pneumatischen Systeme hier dauerhaft eingesetzt
werden, war eine intensive Materialforschung
erforderlich. Vom handgefertigten Modell über Prototypen
im Zwischenmaßstab bis hin zur 1:1-Realisierung
wurden Gewicht, Luftvolumen, Dichtigkeit und
Montageabläufe schrittweise getestet. Besonders
die ringförmigen Abschlüsse des Kinos stellten eine
konstruktive Herausforderung dar. Durchhängen
und Undichtigkeiten mussten durch Anpassungen
von Geometrie, Materialstärke und Fertigungsdetails
behoben werden. Obwohl die Container und Luftkörper
vorgefertigt wurden, verlangten die Montage, die
Geländer, die Decken und die Installation der Inflatables
eine enge Abstimmung vor Ort. Die anfängliche
Skepsis gegenüber der unkonventionellen Bauweise
wich mit dem Baufortschritt einer wachsenden Identifikation
mit dem Ergebnis – ein nicht zu unterschätzender
sozialer Aspekt im ländlichen Kontext.
Die Hülle als kulturelle Strategie
„Down in the Clouds“ ist mehr als nur ein Ensemble
aus drei Pavillons. Es ist eine Untersuchung der
Gebäudehülle als kulturelles Instrument. Der minimale
Footprint – Punktauflager, Auskragungen und
erhöhte Plattformen – respektiert die Logik des
Reisanbaus. Gleichzeitig erzeugen die weißen, voluminösen
Formen eine starke visuelle Präsenz in
der Landschaft. Die Kombination aus industrieller
Containerlogik und atmosphärischer Luftarchitektur
verhandelt Fragen nach Dauerhaftigkeit, Reparierbarkeit
und Wartung ebenso wie nach Körpernähe,
Leichtigkeit und Poesie. In einem Umfeld, das vom
Verlust ländlicher Identität geprägt ist, wird die Hülle
zum Medium der Revitalisierung – nicht als massiver
Neubau, sondern als sanfte, experimentelle Setzung
zwischen Land Art und Infrastruktur.
Damit zeigt das Projekt exemplarisch, wie Gebäudehüllen
heute gedacht werden können: nicht nur als
energetische oder konstruktive Schicht, sondern
als sensibles Interface zwischen Landschaft, Klima
und Körper.
•
www.architektur-online.com
Wie viel ist genug?
Am 21. und 22. Mai 2026 versammelt das BIG SEE Festival
in Portorož, Slowenien, erneut Akteurinnen und Akteure aus
Architektur, Design und verwandten Disziplinen. Im Mittelpunkt
steht diesmal das Leitthema “Too much? What is just
enough?” – und damit eine Frage, die die Architektur derzeit
besonders dringlich beschäftigt: Wie viel ist notwendig, sinnvoll
und verantwortbar?
Das Festival versteht sich als Plattform für Reflexion, Austausch
und Auszeichnung. Das Konferenzprogramm nähert
sich dem Jahresthema aus unterschiedlichen Perspektiven
und diskutiert unter anderem Relevanz, Reduktion, Maßstäblichkeit
und die Verantwortung der Architektur gegenüber
Gesellschaft und gebautem Kontext. Ergänzt wird das Programm
durch die BIG SEE Awards und eine Trade Show, die
den Bogen von der inhaltlichen Debatte zur praktischen Anwendung
spannt.
BIG SEE ist international vor allem als Festival- und Awardformat
bekannt, basiert jedoch auf einem größeren, ganzjährig
aktiven Netzwerk. In Portorož verdichtet sich dieser kontinuierliche
Austausch zu einem zweitägigen Treffpunkt für die
internationale Architektur- und Designszene.
www.bigsee.eu
© Matic Dolenc
13
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Magazin
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architektur FACHMAGAZIN
14
Magazin
Energie unter Glas
Als das Neanderthal Museum im Jahr 1996 in Mettmann östlich von Düsseldorf
eröffnete, war es selbst ein Statement: ein längsovaler, geschlossener
Betonkörper, umhüllt von einer geschwungenen Glasfassade, die sich wie
ein Schleier um den Bau legt. Die spiralförmig ansteigende Rampe machte
das Museum zum architektonischen Wahrzeichen des Fundorts. Fast drei
Jahrzehnte später geriet genau diese Hülle unter Druck – technisch, bauphysikalisch
und energetisch.
Text: Linda Pezzei Fotos: Holger Neumann
Spätestens 2019 war klar: Die vorgehängte
Profilglasfassade hatte ihre Lebensdauer
erreicht. Feuchteeintrag, vermooste
und von Algen sowie Pilzen besiedelte
Oberflächen, offene Versiegelungsfugen
und verstopfte Entwässerungsbohrungen
erzeugten ein Mikroklima mit einem
„Treibhauseffekt“ innerhalb der Profilglasschalen.
Dieser beschleunigte die Schadensentwicklung
und stellte die Funktion
der Fassade als Gebäudehülle grundsätzlich
infrage. Undichte Stoßfugen und verformte
Blechverkleidungen verschärften
die Situation zusätzlich. Es folgte keine
kosmetische Reparatur, sondern eine vollständige
Demontage und Neuerrichtung
der Glasfassade. Die Stahlunterkonstruktion
konnte weitgehend erhalten bleiben
und die alukaschierte Wärmedämmung
wurde instandgesetzt sowie energetisch
verbessert. Parallel dazu wurden Dach und
Oberlichter saniert – eine ganzheitliche
Erneuerung der thermischen Hülle statt
eines bloßen Fassaden-Updates. Hier beginnt
die Geschichte: Die Fassade wurde
nicht nur ersetzt, sondern aktiviert.
BIPV als architektonische Strategie
Das ursprünglich verbaute grünliche Gussglas
war nicht mehr erhältlich. Ein Standardersatz
hätte den Charakter des Hauses
verändert. Die Lösung war eine maßgefertigte,
bauteilintegrierte Photovoltaik-Fassade
(BIPV), die die Optik und Geometrie des
Bestands exakt nachzeichnet. Insgesamt
wurden 735 Glaselemente montiert, davon
248 mit integrierten PV-Modulen. Die Module
sitzen an der Süd-, Ost- und Westseite.
Die Nordseite erhielt identisches Glas
ohne aktive Zellen, um eine homogene Erscheinung
sicherzustellen. Das Ergebnis ist
mehr als eine technische Nachrüstung: Die
matt-grünliche Fassade changiert je nach
Sonnenstand und erzeugt das vertraute
Spiel aus Licht und Tiefe – Technik und Ästhetik
bedingen hier einander.
Von der Hülle zur Infrastruktur
Mit einem erwarteten Jahresertrag von
rund 30.000 kWh deckt die Fassadenanlage
etwa ein Drittel des Strombedarfs des
Museums. Ergänzt wird sie durch eine bestehende
PV-Anlage auf dem Verwaltungsdach,
die jährlich etwa 13.000 kWh erzeugt.
Seit März 2025 ist die Fassade am Netz. Allein
in den ersten Monaten wurden rund 21
MWh Strom produziert.
Bemerkenswert ist weniger die absolute
Zahl als die Systematik: Der Strom wird genau
dann erzeugt, wenn das Museum geöffnet
ist und Verbrauchsspitzen auftreten.
Somit wird die Gebäudehülle zur aktiven
Infrastruktur für den eigenen Strombedarf.
Sie erfüllt mehrere Funktionen zugleich:
Witterungsschutz, Gestaltungselement und
Energieerzeuger.
www.architektur-online.com
Lebenszyklen verlängern
Die Energiewende findet hier nicht auf der
grünen Wiese, sondern am gebauten Erbe
statt. In einer Zeit, in der der Neubau oft
reflexartig als Lösung gilt, setzt dieses
Projekt ein anderes Zeichen: Weiterbauen
statt ersetzen. Durch die Sanierung wird
die Substanz stabilisiert, die energetische
Performance gesteigert und aus einer sanierungsbedürftigen
Hülle wird ein zukunftsfähiges
Bauteil – konstruktiv, bauphysikalisch
und betrieblich.
Mit einer Gesamtinvestition von knapp
3,8 Millionen Euro, davon 258.000 Euro
für die PV-Integration, wurde das Projekt
maßgeblich durch öffentliche Fördermittel
ermöglicht – ein kulturpolitisches Signal.
Hier wird kulturelle Infrastruktur zum
Testfeld: für technische Innovation, für
gestalterische Kontinuität und für die Frage,
wie sich Lebenszyklen im Bestand klug
verlängern lassen.
Technik trifft Gestaltung
Die Leitfragen des Museums – „Woher kommen
wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?” –
erhalten eine unerwartete architektonische
Übersetzung. Die Fassade wird zur energetisch
aktiven Schicht, die die Formensprache
der 1990er-Jahre bewahrt und zugleich
fortschreibt. Aus einem Sanierungsfall entstand
ein Kraftwerkskörper. Aus einer statischen
Hülle wurde ein mitarbeitendes Bauteil
und aus einem Wahrzeichen ein Modell
für das Bauen im Bestand.
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17
Eine Fassade
als Kraftwerk
Magazin
Mit 550 Spencer ist in Melbourne ein Bürogebäude entstanden, das die Fassade
nicht nur als äußeren Abschluss versteht, sondern als aktiven Teil der Energieversorgung.
Der 2024 fertiggestellte Entwurf von Kennon nutzt seine Gebäudehülle
in großem Umfang zur Stromproduktion für den eigenen Betrieb und verbindet
diese technische Funktion mit einem präzise gegliederten, vertikal rhythmisierten
Fassadenbild. Es handelt sich um das erste in Australien realisierte Bürogebäude,
das seine Fassade in diesem Umfang zur Eigenstromerzeugung nutzt.
Text: Andreas Laser Fotos: Tom Ross
Zentrales Element des Projekts ist eine photovoltaisch
aktive Fassadenlösung mit insgesamt 1.182
integrierten Solarpaneelen. Die Anlage erreicht
eine Leistung von 142 kWp und erzeugt damit mehr
Energie, als das Gebäude im laufenden Betrieb verbraucht.
Die CO 2 -Emissionen sollen sich um rund 70
Tonnen pro Jahr reduzieren. Prägend ist, dass die
Stromerzeugung nicht als technische Zugabe behandelt
wird, sondern integraler Bestandteil der Fassadenkonzeption
ist. Kennon knüpft mit dem Projekt
an europäische Vorbilder im Bereich photovoltaisch
aktiver Verglasungen an und überträgt diese in Zusammenarbeit
mit lokalen Herstellern und internationalen
Fachleuten in den australischen Kontext.
Auch klimatisch ist die Gebäudehülle differenziert
ausformuliert. Auf der Nordseite kommen opake Solarpaneele
zum Einsatz, um den solaren Ertrag zu
maximieren. Die südlich orientierten, Fassadenflächen
arbeiten dagegen mit vorwiegend transparenten
Glaselementen, die den Wärmeeintrag begrenzen
und zugleich gute Licht- und Blickqualitäten sichern.
Die Fassade reagiert also gezielt auf Ausrichtung,
Komfort und Energiebedarf, anstatt als durchgehende
Standardoberfläche ausgebildet zu sein.
Weil die Energiegewinnung weitgehend an die Fassade
verlagert wurde, blieb das Dach für andere Nutzungen
frei. Dort entstand ein Garten mit gemeinschaftlich
nutzbaren Aufenthaltsbereichen, der den
Büroräumen einen zusätzlichen Freiraum zuordnet.
Bepflanzte Terrassen und plastisch geformte Sitzlandschaften
fassen den Außenraum als eigenständigen
Teil des Gebäudes.
Auch die technische und bürokratische Umsetzung
war anspruchsvoll. Für das Fassadensystem wurden
umfangreiche Brandschutzprüfungen durchgeführt
um in enger Abstimmung mit Fachingenieuren die
australischen Standards erfüllen zu können. Die
notwendige Zustimmung der Victorian Building Authority
unterstreicht, dass hier nicht nur ein gestalterischer,
sondern auch ein konstruktiver und regulatorischer
Präzedenzfall geschaffen wurde.
architektur FACHMAGAZIN
18
Magazin
Wohnen hinter
Klimafiltern
Das Büro Sanjay Puri Architects hat mit Cielo in Nagpur ein Wohngebäude entworfen,
das auf engem Grundstück und unter heißen Klimabedingungen eine präzise organisierte
Wohnform entwickelt. Der Bau umfasst zwölf Regelgeschosse über dem
Erdgeschoss und nimmt pro Etage jeweils eine einzige Vier-Zimmer-Wohnung auf.
Text: Andreas Laser Fotos: Vinay Panjwani
www.architektur-online.com
19
Magazin
Sie wollen
geringe Energiekosten.
Wir reduzieren Kosten
ohne Verzicht.
Ausgangspunkt des Entwurfs ist ein nur 900 Quadratmeter
großes Grundstück. Die einzuhaltenden
Abstandsflächen auf allen Seiten begrenzen die
bebaubare Fläche pro Geschoss auf lediglich 270
Quadratmeter. Der Grundriss reagiert darauf mit
einer klaren Organisation: Drei Schlafzimmer liegen
an den Gebäudeecken, die Küche besetzt die vierte
Ecke, während die gemeinschaftlich genutzten
Wohnbereiche in die Mitte rücken. So entstehen
günstige Voraussetzungen für Querlüftung in den
wesentlichen Aufenthaltsräumen.
Die klimatischen Bedingungen in Nagpur prägen
das Projekt entscheidend. In der zentralindischen
Stadt steigen die Temperaturen über weite Teile des
Jahres auf mehr als 40 Grad Celsius. Vor diesem
Hintergrund setzt Cielo auf eine Gebäudehülle, die
Verschattung, Freiraum und Belüftung miteinander
verbindet. Jeder der Haupträume ist an zwei Balkonbereiche
angeschlossen: einen offenen und einen
abgeschirmten. Diese doppelte Pufferzone reduziert
die direkte Wärmeaufnahme und erweitert die Wohnräume
um geschützte Außenbereiche, die auch bei
starker Sonneneinstrahlung nutzbar bleiben.
Besonders prägend ist die Fassadenausbildung der
abgeschirmten Zonen. Die geschwungenen Elemente
bilden in der unteren Ebene jeweils einen Filter
und weiten sich darüber zu Balkonen auf. Horizontal
und vertikal versetzt angeordnet, erzeugen sie eine
reliefartige Gebäudehülle, die nicht nur Sonnenschutz
leistet, sondern den Wohnungen auch begrünbare
Freibereiche zuordnet. Zugleich verweist
das Motiv der gefilterten Fassaden auf regionale
Bautraditionen, in denen durchlässige Schichten
und verschattende Screens seit Jahrhunderten eine
wichtige Rolle spielen.
Auch in technischer Hinsicht verfolgt das Projekt
eine klar klimabezogene Strategie. Vorgesehen sind
eine vollständige Dachbelegung mit Solarpaneelen
sowie Systeme zur Regenwassernutzung und Wasseraufbereitung.
Zusammen mit der verschattenden
Gebäudehülle und der konsequenten natürlichen Belüftung
soll dies den Energiebedarf im Betrieb senken
und insbesondere die Abhängigkeit von mechanischer
Kühlung reduzieren.
Baumit Dämmsysteme
zahlen sich mehrfach aus.
Gemeinsam besser
Sie wünschen sich ganzjährig ein angenehmes Raumklima
bei niedrigem Energiebedarf. Mit unserer optimalen
Fassadendämmung erreichen Sie effizient wohltuende
Temperaturen, regulieren die Luftfeuchtigkeit und
schützen zugleich das Klima. Baumit Dämmsysteme helfen,
Energie zu sparen und wertvolle Ressourcen zu schonen.
█ Energiekosten einsparen
█ Energieverbrauch reduzieren
█ Wohlfühlklima erhöhen
Baumit. Ideen mit Zukunft.
architektur FACHMAGAZIN
20
Magazin
Schwebende
Reetdächer
Mit den „Under the Reed Roof Guesthouses“
realisiert das Architekturbüro
YOD Group in der Zentralukraine eine
zeitgenössische Neuinterpretation der
traditionellen ukrainischen Hata-Mazanka.
Der Entwurf greift deren prägende
Elemente auf – das markante Dach, die
klare Silhouette und die enge Beziehung
zur Landschaft – und übersetzt sie in
eine reduzierte architektonische Form.
Text: Andreas Laser Fotos: Mykhailo Lukashuk
www.architektur-online.com
21
| MT01G |
Vom Konferenzraum …
Magazin
© Eric Ferguson / Getty Images
… bis zur Gebäudeautomation
© Cultura / Getty Images
Eine Plattform für Medientechnik,
Gebäudeautomation und
Entertainment: PC-based Control
Im Zentrum des Projekts steht das überdimensionierte
Reetdach, das die gesamte Erscheinung der 50 Quadratmeter
großen Gästehäuser bestimmt. Mit seiner
skulpturalen Form erzeugt es eine prägnante Silhouette,
die Assoziationen an traditionelle hohe Kopfbedeckungen
ebenso weckt wie an einen übergroßen Pilz
in der Landschaft. Das Dach wird so zum entscheidenden
architektonischen Motiv des Projekts.
Ebenso zentral ist die vollständig verglaste Gebäudehülle.
Sie übersetzt die helle, weiß verputzte Anmutung
der historischen Mazanka in eine zeitgenössische,
transparente Form. Tagsüber lösen sich die
Fassaden optisch nahezu auf, sodass der Eindruck
entsteht, das große Dach schwebe über dem Gelände.
Die Landschaft bleibt ständig präsent und wird
zum wesentlichen Teil des räumlichen Erlebnisses.
Der Grundriss ist um einen zentralen Kern organisiert,
in dem das Bad untergebracht ist; auf den beiden
Seiten liegen Schlaf- und Aufenthaltsbereich.
Die Innenseite des Dachs ist mit Holzschindeln
verkleidet und nimmt damit Bezug auf historische
Dachdeckungen in der Region. Zugleich ermöglicht
die bis zu zehn Meter hohe Dachform, technische
Systeme wie Lüftung und Klimatisierung unsichtbar
in die Architektur zu integrieren.
Medientechnik neu gedacht: Als Spezialist für PC-basierte Steuerungssysteme
ermöglicht es Beckhoff mit einem umfassenden und
industrieerprobten Automatisierungsbaukasten, Multimedia, Gebäudeautomation
sowie Entertainmentkonzepte vernetzt und integriert
umzusetzen. Mit der modularen Steuerungssoftware TwinCAT und
direkter Cloud- und IoT-Anbindung werden alle Gewerke von der
A/V-Technik über die Gebäudeautomation bis hin zu Digital Signage
Control, Device Management und Condition Monitoring, auf einer
Plattform kombiniert. Hinzu kommt die maximale Skalierbarkeit aller
Komponenten und die Unterstützung aller gängigen Kommunikationsstandards.
So schafft Beckhoff die Grundlage für neue mediale und
architektonische Erlebniswelten.
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Beckhoff Highlights
für die AV- und
Medientechnik
entdecken
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www.architektur-online.com
22
w / Innsbruck
Wettbewerbe & Awards
© KollektivLand - Martin König
Anforderungen erfüllt
Wettbewerb Neubau einer 17-klassigen Volksschule in Wien 21, Patrizigasse 2
Für den geplanten Neubau einer Volksschule
mit Tagesbetreuung und 17 Bildungsräumen,
aufgeteilt auf vier Bildungscluster,
wurde von der MA 56 ein offener Wettbewerb
ausgeschrieben.
Jurybeurteilung zusammengefasst:
Die neue Volksschule ergänzt die bestehende
BAFEP und den Praxiskindergarten
durch eine gestaffelte Baukörperentwicklung.
Klare Erschließung, Bildungscluster
mit Freiluftklassen, Terrassen und vielseitige
Freiräume prägen das Konzept. Eine
Holzriegelfassade mit Betonpflanztrögen
sorgt für Beschattung und langlebige Konstruktion.
Das Projekt erfüllt funktionale,
logistische und brandschutztechnische
Anforderungen.
AUSSCHREIBUNG
Auslober
Stadt Wien Magistratsabteilung 56 – Wiener
Schulen, vertreten durch WIP Wiener Infrastruktur
Projekt GmbH
Verfahrensorganisation
DI Herbert Liske, Baden bei Wien
Art des Verfahrens
Offener, einstufiger Realisierungswettbewerb für
Generalplanerleistungen
Preisgeldsumme
€ 142.800,- netto.
Preisgericht (ohne Titel)
Martin Treberspurg, Heidi Pretterhofer, Michael
Lawugger, Michaela Rebel-Burget, Franziska Graber
Preisgerichtssitzung
29./30.10.2025
1. Obergeschoss
Ansicht NO – Patrizigasse
Ansicht NW – Schulgarten
1. Preis
Projekt 50
dreiplus Architekten ZT GmbH
Graz/Innsbruck; gegründet 2001
Mitarbeiter:
Nikolaus Deichsel-Kastinger, David
Pöll, Patrick Klammer (Modell)
Stephan Hoinkes und Thomas Heil
leiten das Büro mit Standorten in
Graz und Innsbruck. Das Team
beschäftigt sich mit Bauaufgaben
unterschiedlichster Maßstäbe –
von Bildungs- und Wohnbauten,
Büro- und Gewerbestrukturen bis
hin zu einfachen Schutzhütten.
Ausgangspunkt jedes Projektes ist
eine sorgfältige Analyse von Ort,
Nutzung und programmatischen
DAS BÜRO
„Eine Schule im
Dialog mit Stadt
und Natur“
Die Architekten
Stephan Hoinkes und
Thomas Heil über
ihren Entwurf
Anforderungen. Daraus entwickelt
sich eine klare Architektursprache,
die Funktionalität, gestalterische Präzision
und den jeweiligen städtebaulichen
Kontext miteinander verbindet.
dreiplus.at
www.architektur-online.com
23
Wettbewerbe & Awards
© Kronaus Mitterer Architekten
Nutzungspotenzial
Kronaus Mitterer Architekten aus Wien und Berlin gewinnen
den Wettbewerb für die neue Grundschule Rathenow
in Brandenburg.
Die Grundschule „Geschwister-Scholl“ der
Stadt Rathenow entspricht qualitativ und
quantitativ nicht mehr den Anforderungen
eines zeitgemäßen Schulbetriebs. Der
Schulneubau mit Platz für rund 450 Schüler:innen
und ca. 50 Mitarbeitende wird auf
dem Schulgrundstück östlich des bisherigen
Schulgebäudes errichtet.
Jurybeurteilung (gekürzt)
Die Grundschule ist als windmühlenartiger,
dreiflügeliger Baukörper konzipiert. Trotz
der großen Grundfläche wirkt der Baukörper
im stadträumlichen Zusammenhang
differenziert und belebt die Umgebung in
mehrere Richtungen. Der Freiraum, insbesondere
der geschützte Vorplatz mit klar
erkennbarem Eingang sowie die Verbindung
zwischen Innen- und Außenräumen,
wird positiv bewertet.
Besonders die verschattete Terrasse ermöglicht
vielfältige Lehrformate im Außenbereich.
Die Architektur überzeugt
durch eine aus dem Innenraum entwickel-
te Gebäudefigur mit identitätsstiftenden,
zweiseitig belichteten Foren, die über reine
Flurerweiterungen hinausgehen. Die flexible
Raumstruktur unterstützt zeitgemäße
Lernformen und ermöglicht vielfältige Nutzungen.
Positiv bewertet werden zudem die
funktionale Beziehung zwischen Eingangshalle
und Mensa sowie die klare Orientierung
durch die zentrale Treppe. Insgesamt
zeigt der Entwurf ein hohes architektonisches
und räumliches Nutzungspotenzial.
1. Obergeschoss
DAS PROJEKT
Neubau Grundschule „Geschwister-Scholl“ Rathenow (D)
Auslober: Stadt Rathenow
Art des Verfahrens: Offener Realisierungswettbewerb in zwei Phasen
Jury: Fachpreisrichter: Rüdiger Amend, Maria Clarke (stellv. Juryvorsitzende),
Jan Hübener, Henner Winkelmüller, Uwe Wittig (Juryvorsitzender)
Sachpreisrichter: Wolfram Bleis, Reinbern Erben, Maria Lill, Matthias Remus
Jurysitzung
29.01.2026
DAS BÜRO
Kronaus Mitterer Architekten (KMA) ist ein renommiertes Architekturbüro mit
Standorten in Wien und Berlin. Durch zahlreiche Wettbewerbserfolge im Bereich
öffentlicher Großprojekte mit multifunktionaler Raumnutzung hat KMA große mediale
Aufmerksamkeit erworben. Das Büro beschäftigt ca. 50 Mitarbeitende und
zeichnet sich durch seine ganzheitliche Herangehensweise an Planung und Umsetzung
aus.
www.kronaus-mitterer.com
architektur FACHMAGAZIN
24
Wettbewerbe & Awards
© Google Maps
Ökologische Wohnbebauung
Architekturwettbewerb „Velden Bahnweg – meine Heimat“
Die Gemeinnützige Bau-, Wohn- und
Siedlungsgenossenschaft „meine
Heimat“ plant die Errichtung einer
geförderten Wohnanlage mit leistbarem,
nachhaltigem und generationengerechtem
Wohnraum in infrastrukturell
gut erschlossener Lage
am Bahnweg in Velden am Wörther
See. Zur Erlangung qualitätsvoller
architektonischer Lösungen wurde
ein geladener Realisierungswettbewerb
durchgeführt. Dieser sollte ein
breites Spektrum an Entwurfsansätzen
hervorbringen, die sowohl städtebauliche
als auch ökologische und
soziale Anforderungen erfüllen. Der
Wettbewerb wurde als einstufiger,
geladener Architekturwettbewerb
organisiert. Geladen waren acht Architekturbüros:
Werner Thurner, Katzianka
Architektur, Toralf Fercher,
Anton Oitzinger, Helmut Dominikus,
frediani-gasser architettura, Klaura
I Horvath Lendarchitektur und Murero
Bresciano architektur.
Grundansatz des Siegerentwurfes
der Architekten Werner Thurner
und Stefan Thalmann ist der Versuch,
im Rahmen der Vorgaben des
Bebauungsplanes eine strukturierte,
hofbildende Gebäudeabfolge
zu entwickeln, die eine zeitgemäße
Umsetzung einer Wohnbebauung
ermöglicht. Das Siegerteam hat
einen ökologischen und ökonomischen
Wohnbau entwickelt, der
trotz der geforderten Kubaturen
adäquate und spannende Raumabfolgen
bietet. Es werden klar geordnete
Außenräume angeboten, die
das Areal zwischen halböffentlichen
Bereichen und privaten Gärten zonieren
und durch die Anlage leiten.
Großes Augenmerk liegt dabei am
Bereitstellen von Gemeinschaftsbereichen
und Treffpunkten. Der Entwurf
soll zu einem Miteinander der
Bewohner beitragen.
u
Auslober
Gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft
GesmbH meine Heimat,
Villach
Wettbewerbsbetreuung
DI Gerhard Alberer, St. Veit an der Glan
Art des Verfahrens
Geladener einstufiger Architekturwettbewerb
mit acht Teilnehmern
Beurteilungskriterien
Lösung des Spannungsfeldes zwischen
architektonischer Qualität und wirtschaftlicher
Optimierung, sinnvolle Erschließung,
Realisierung in einzelnen Abschnitten,
Zweckmäßigkeit der Grundrisslösungen und
des Tragsystems, Wirtschaftlichkeit, energieeffizientes
Gebäude, Barrierefreiheit
Integration in das gesamte Grünraumkonzept
Gestaltung unter Rücksichtnahme auf die
Beziehungen zur Umgebung
Innovative Potenziale des Projektansatzes
AUSSCHREIBUNG
Preisgericht (ohne Titel)
Arch. Alexandra Stingl-Enge (Juryvorsitzende),
Arch. Werner-Lorenz Kircher, Arch. Oliver
Sterl, Helmut Rainer-Marinello, Martin Lepuschitz,
Helmut Kusternik, Arnold Muschet,
Helmut Steiner (Vizebgm.)
Preisgerichtssitzung
09.07.2025
Preisgeld
je TeilnehmerIn: € 3.500,-, zusätzlich:
1. Preis € 2.000,-
2. Preis € 1.500,-
3. Preis € 1.250,-
© Google Maps
www.architektur-online.com
25
Wettbewerbe & Awards
meine Heimat-Mission:
Wir bauen für Menschen, die sich
Wohnungen sonst nicht leisten können.
Die Baugenossenschaft meine Heimat aus Villach steht seit nahezu 120 Jahren
für Verlässlichkeit, Kontinuität und Handschlagqualität. Gegründet im Jahr 1908,
hat sich die Genossenschaft von Anfang an als verlässlicher Partner für Menschen
etabliert, die sich hochwertige Wohnungen am freien Markt oft nicht leisten können.
Heute gehört meine Heimat zu den erfolgreichsten Wohnbaugenossenschaften
Österreichs und ist in Kärnten führend, wenn es um bezahlbares, hochwertiges
und innovatives Wohnen geht.
Wohnen bei meine Heimat bedeutet mehr als nur ein Dach
über dem Kopf zu haben. Es eröffnet ganzheitliche Wohnerlebnisse,
in denen außergewöhnliche Architektur, großzügige
Bauweise mit großen Balkonen und Terrassen, durchdachte
Grundrisse und eine zukunftsweisende Energieversorgung
auf gefördertes Wohnen treffen. Dadurch entstehen Wohnungen,
die nicht nur modern aussehen, sondern auch nachhaltige
und eindrucksvolle Lebensqualität liefern – und das zu
Mieten, die angesichts der allgemeinen Kostensteigerungen
dank gemeinnütziger Ausrichtung deutlich unter dem privaten
Markt liegen.
Wohnen mit Würde
Ein zentrales Prinzip bleibt dabei neben einer nachhaltigen
und innovativen Bauweise auch die sinnvolle Flächennutzung
statt Flächenverbrauch. Ein aktuelles Projekt in Villach
zeigt, wie beispielsweise zusätzlicher Wohnraum geschaffen
werden kann, ohne versiegelte Böden zu vergrößern.
Solche Projekte bewahren Grünflächen, erhalten städtische
Lebensqualität und demonstrieren, dass Qualität, Planungssicherheit
und ökologische Verantwortung Hand in Hand gehen.
Meine Heimat verknüpft damit eine klare und zukunftsweisende
Vision: Wohnen mit Würde und Nachhaltigkeit zu
fairen Konditionen, ohne Kompromisse bei Architektur oder
Energieeffizienz.
Blick in die Zukunft
Die Genossenschaft setzt auch künftig auf Wachstum, Innovation
und soziale Verantwortung. Nachhaltigkeit bleibt
das Leitprinzip, begleitet von sozialer Inklusion und stabilen
Mietpreisen. Es werden kontinuierlich Konzepte entwickelt,
um weiteren bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, der den
hohen Standards in Architektur, Lebensqualität und Energieeffizienz
gerecht wird. Familien, Singles und ältere Menschen
finden so eine verlässliche Perspektive bei einer Wohnbaugenossenschaft,
die Lebensqualität und Verantwortung füreinander
in den Mittelpunkt stellt.
Helmut Kusternik, Vorstandsvorsitzender meine Heimat
Soziale Verantwortung
Die Baugenossenschaft meine Heimat aus Villach steht damit
seit nahezu 120 Jahren für Verlässlichkeit, Kontinuität und
Handschlagqualität. Mit der Mission, bezahlbares, hochwertiges
Wohnen für jene zu ermöglichen, die es am freien Markt
schwer haben, setzt sie besondere Maßstäbe in Architektur,
Energieeffizienz und sozialer Verantwortung. Besonderes Plus:
Sämtliche Neubauten erfolgen in diesem Kontext unter Berücksichtigung
architektonischer Qualität – das heißt: Architektenwettbewerbe
werden bei allen Neubauprojekten durchgeführt,
um innovative Ideen möglichst umfassend zu integrieren. Ganz
aktuell entsteht in Velden/Bahnweg ein Wohnbauprojekt, bei
dem genau diese meine Heimat-Vorgaben umgesetzt werden,
den neuen Mieterinnen und Mietern somit in Zukunft ein schönes,
zufriedenes, modernes und vom Land Kärnten gefördertes
Wohnen zu ermöglichen, das auch in herausfordernden Zeiten
leistbar ist.
© meine Heimat
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26
Wettbewerbe & Awards
1. Rang
Projekt 1
ARGE Thurner/ Thalmann
Arch. DI Werner Thurner
Villach
architekt-thurner.at
Arch. DI Stefan Thalmann
Berg im Drautal
okaipage.at/home
weils nach Süden orientiert und mit
Flachdächern überdeckt sind. Die
viergeschossigen Teile orientieren
sich nach Westen und sind mit Satteldächern
überdeckt. Die vertikale
Erschließung erfolgt über drei Stiegenhäuser
und Aufzüge, angeordnet
an den Gelenken bzw. an der Nordseite
der Baukörper. Die Tiefgarage
wird von Westen erschlossen und
lässt durch ihre günstige Lage am
Grundstück großzügige Grünflächen
für Baumpflanzungen zwischen den
Häusern frei. Oberirdische Stellplätze
befinden sich an der westlichen
und südlichen Erschließungsstraße.
Alle Wohnungen sind nach Süden
bzw. Westen orientiert und verfügen
über die gesamte Fassadenlänge
durchgehende Balkone, die jeweils
Jurybeurteilung
Drei L-förmige Baukörper gruppieren
sich um einen zentralen Freiraum,
der sich nach Süden öffnet.
Die L-förmigen Baukörper bestehen
jeweils aus einem drei- und einem
viergeschossigen Teil, wobei die
dreigeschossigen Gebäudeteile jevor
den Wohnräumen tiefer werden.
Das Projekt zeichnet sich durch die
Anordnung der Baukörper, die dadurch
erzielten Außenräume und die
Formensprache aus: Den höheren
Nord-Süd ausgerichteten Baukörpern
mit Satteldächern werden Baukörper
mit Flachdach winkelförmig
angefügt.
Die städtebauliche Lösung, die Baukörpersetzung,
die Körnung der
Volumina, Erschließung des Grundstücks
und die Außenraumgestaltung
werden sehr positiv gesehen.
Hervorgehoben wird der Ansatz eines
Niveauunterschiedes zwischen
Dorfplatz und südlicher Wohnstraße.
Formal bietet die Lösung ein Erscheinungsbild,
das dem Ort als angemessen
beschrieben wird.
Erdgeschoss
www.architektur-online.com
FACHMAGAZIN
27
Wettbewerbe Wettbewerbe & Awards
Ansicht Süd
Regelgeschoß
Lageplan
Empfehlung der Jury:
Sofern möglich sollten die Engstellen
der Balkone aufgeweitet werden, um
mehr nutzbare Freiflächen zu erhalten
und einen konstruktiven Sonnenschutz
zu gewährleisten. Für die
Situierung des Müllraumes im Osten,
am Ende der südlichen Straße muss
ein neuer Standort gefunden werden.
Die Ausformulierung des Höhensprungs
vom Dorfplatz zur südlichen
Straße, sollte so erfolgen, dass
keine Absturzsicherung (z.B. durch
Abstufung) notwendig ist. u
Schnitt West
Ansicht West
www.architektur-online.com
28
Wettbewerbe & Awards
Ansicht Süd
Ansicht Südwest
Ansicht West
2. Rang
Projekt 3
Arch. DI Toralf Fercher
Villach
arch-fercher.com
Jurybeurteilung
Das Projekt überzeugt, weil es trotz
des engen Korsetts des Bebauungsplans
eine sehr interessante und
eindrucksvolle Lösung aufzeigt. Es
setzt sich aus sieben Hauptbaukörpern
zusammen. Jeder der Baukörper
besteht aus zwei langgestreckten,
schmalen Gebäudeteilen, die mit
Satteldächern überdeckt sind und
über einen mittig angeordneten Erschließungskern
verbunden sind. Die
Firstrichtung aller Dächer verläuft
von Nord nach Süd. Sechs der Häuser
sind dreigeschossig, das siebente
ganz im Osten ist zweigeschossig.
Die städtebauliche Setzung der
Baukörper folgt einem stringenten
Muster und überzeugt durch Klarheit
und Differenzierung. So entstehen
kleinteilige Außenräume. Die Fassaden
sind strukturiert gestaltet, die
Grundrisse überzeugend funktional.
Die Parkierung erfolgt an der westlichen
und südlichen Erschließungsstraße.
Der Ansatz, mit kleinteiliger
Dimensionierung der Baukörper entsprechend
auf den Ort zu reagieren,
wird gewürdigt, die stringente Baukörperanordnung
wirkt dabei jedoch
konstruiert. Durch eine Vielzahl an
Baukörpern sind die Baukosten zu
hinterfragen.
Grundrisse
Erdgeschoss
1. Obergeschoss
2. Obergeschoss
Schnitt Ost-West
architektur FACHMAGAZIN
29
Wettbewerbe & Awards
Schnitt-Ansicht West
3. Rang
Projekt 6
Klaura I Horvath
Lendarchitektur ZT GmbH
Klagenfurt
lendarchitektur.at
Jurybeurteilung
Drei zweihüftige Baukörper, jeweils
zusammengesetzt aus sieben kleinteiligen
Volumen, gruppieren sich
um einen Binnenraum mit Dorfplatz.
Die Erschließung erfolgt von Westen;
Parkplätze sind im Westen und Süden
an der Erschließungsstraße situiert.
Die räumliche Gesamtstruktur
ist städtebaulich klar und innovativ,
jedoch energetisch ineffizient. Großflächige
überdachte Freiräume im
Erdgeschoss prägen das Projekt. Der
Ansatz ist insgesamt sehr urban. Die
inneren Erschließungszonen – ohne
adäquate Begegnungszonen – wirken
weitgehend nicht entsprechend
dimensioniert und willkürlich. •
Erdgeschoss
Ansicht Süd
architektur FACHMAGAZIN
30
Gebäudehüllen
Der Stoff, aus dem
die Hallen sind
Centre sportif et culturel Marie-José Pérec, Salle de danse Joséphine Baker /
La Bouëxière, Frankreich / Onze04 Architectes
Text: Gertraud Gerst Fotos: Juan Cardona
Textildächer kannte man bislang hauptsächlich
für den Sonnenschutz im Außenbereich.
Dass sie auch gebäudefähig sind,
zeigt ein neues Sport- und Kulturzentrum
in der Bretagne. Durch die Aufteilung
in zwei Volumen konnten Bauweise und
Gebäudetechnik den jeweiligen Funktionen
angepasst werden. Die stoffbespannte
Holzkonstruktion basiert auf einer ausgetüftelten
Geometrie, die viel Raum mit
wenig Material schafft.
www.architektur-online.com
31
Onze04 Architectes
Hinter den Wohnhäusern von La Bouëxière, einer Gemeinde
in der Bretagne, ragen seit kurzem vier weiße
Spitzen in die Höhe. Sie sind zwischen 13 und 28
Meter hoch und gehören zum markanten Dach des
neuen Sport- und Kulturzentrums, das von weithin
sichtbar ist und einen blinden Fleck der Stadtplanung
füllt. Die mit einer Textilmembran bespannte
Struktur hält sich untertags im Hintergrund und bildet
einen leeren Canvas, vor dem sich das kleinstädtische
Leben abspielt.
Der Neubau nach den Plänen des 2006 in Barcelona
gegründeten Büros Onze04 Architectes ist zuallererst
eine städtebauliche Intervention. Die Architekten
verlegten die im Flächennutzungsplan vorgesehene
Wegführung und schafften so eine neue Achse,
die zwei bestehende Freizeiteinrichtungen mit dem
neuen Zentrum verbindet und an das dahinterliegende
Wohngebiet anschließt. Auf diese Weise ist ein
neuer Freizeit-Hub entstanden, der sich den Bewohnern
auf natürliche Weise erschließt.
Zwei Volumen, zwei Bauweisen
Die geschaffene Erschließungsachse führt mitten
durch das neue Gebäude und teilt es in zwei konträre
Volumen. Der Nutzungsbedarf, den die Kommunalverwaltung
mit dem Neubau abdecken wollte, war
sehr umfassend und komplex. Auf der einen Seite
sollten hier überregionale Sportturniere und kulturelle
Großveranstaltungen stattfinden, auf der anderen
Seite wollte man auch ein Raumangebot für Sportvereine
und private Trainingsmöglichkeiten schaffen.
„Diese unterschiedlichen Anforderungen führten zur
Entwicklung zweier Baukörper mit jeweils eigener
Konstruktionslogik: einer großen, nicht permanent
beheizten Mehrzweckhalle, die mit einer Textilmembran
überzogen ist, und eines kompakten Betonbaukörpers,
der für bestimmte Aktivitäten einen stabilen
thermischen Komfort bietet“, erläutert der leitende
Architekt Gustavo Silva-Nicoletti das Konzept.
Der südliche Teil des zweigeteilten Ensembles ist
nach der berühmten Tänzerin der 1920er-Jahre,
Josephine Baker, benannt und beherbergt einen
Tanzsaal, Squash-Courts und einen Fitnessraum.
Da diese Sportarten ganzjährig konstante Temperaturen
erfordern, ist der Baukörper entsprechend
komprimiert und auf Energieeffizienz getrimmt. Der
Teil des Gebäudes, in dem sich die Umkleiden und
die Technik befinden, ragt als generischer Sockel in
die Halle hinein und bildet dort eine Tribüne mit 600
Sitzplätzen aus. Über einen Biomassekessel wird der
Betonbau mit Warmwasser und Heizung versorgt. An
den kältesten Tagen, die im sehr gemäßigten Winter
der Bretagne die Null-Grad-Grenze nur selten unterschreiten,
sorgen Heizung und Infrarot-Paneele auch
in der multifunktionalen Halle für eine angenehme
Betriebstemperatur.
Das restliche Jahr über kommt die nördliche, um ein
Vielfaches größere Kubatur ganz ohne Heizung aus.
Der Name der Halle liefert auch in diesem Fall einen
Hinweis auf die ausgeübte Sportart. Benannt nach
der olympischen Ausnahme-Athletin Marie-José
Perec, die in den 1990er-Jahren den Langsprint dominierte,
sind hier all jene Sportarten untergebracht,
die zwar Witterungsschutz, aber nicht allzu viel Klimatisierung
erfordern.
u
architektur FACHMAGAZIN
32
Gebäudehüllen
Viel Raum mit wenig Material
Die Stofffassade hat von außen die Anmutung von
straff gespannten Segeln und kommt im Gegensatz
zum gedrungenen Flachbau sehr luftig daher. Die
Bauweise basiert auf einer Brettschichtholz-Konstruktion,
die an einem zentralen Fachwerkträger
aus Stahl aufgespannt ist. Die gebogenen Leimbinder
bilden im Inneren einen imaginären Schiffsrumpf,
der über den Sportflächen zu schweben scheint. Im
Austüfteln der exakten Geometrie des vierfach gekrümmten
Daches lag laut Gustavo Silva-Nicoletti
die größte Herausforderung des Bauprojekts: „Die
Dachform basiert auf Kettenlinien mit einer leichten
zentralen Krümmung, wodurch eine gleichmäßige
Spannung über die gesamte Membran erzielt wird.“
Mit sogenannten Kettenlinien-Strukturen lassen sich
im Holzbau expressive Kubaturen und hocheffiziente
Tragwerke schaffen. Sie folgen der Form einer
frei hängenden Kette und nutzen die elastomechanischen
Eigenschaften von Holz optimal aus, um weitgespannte
Räume mit einem Minimum an Material zu
schaffen. Diese Raffinesse der Lastabtragung nutzte
bereits Frei Otto, der Großmeister der Freiformkonstruktionen.
Vor knapp 40 Jahren konstruierte er für
den deutschen Möbelhersteller Wilkhahn zwei Zeltdach-Pavillons,
die bis heute als ingenieurtechnische
Meisterleistung und als Inbegriff für eine humanisierte
Fabriksarchitektur gelten. Während der visionäre
Bauingenieur physische Modelle wie Seifenblasen
nutzte, um seine Tragwerke zu berechnen, übernehmen
das heute die Algorithmen der digitalen Planungswerkzeuge.
www.architektur-online.com
33
Onze04 Architectes
Frankreich setzt auf Holzbau
Weniger Massiv- und mehr Leichtbau senkt den Bedarf
an Rohstoffen und gilt heute als Schlüssel für
die Bauwende. Auch Frankreich setzt auf diese Strategie
und nutzt Holz als zentralen Hebel für die Dekarbonisierung
des Bausektors. Seit 2022 ist eine der
weltweit strengsten Umweltverordnungen in Kraft,
die unter anderem vorschreibt, dass alle öffentlichen
Neubauten zu mindestens 50 Prozent aus Holz oder
anderen biobasierten Baustoffen bestehen müssen.
Laut dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik können
innovative Leichtbauweisen den Materialbedarf um
mehr als 40 Prozent senken. Und weniger Material
bedeutet auch weniger graue Energie. Potenzial für
den Membranbau in der zeitgenössischen Architektur
sieht Silva-Nicoletti auch abseits von Sportanlagen:
von überdachten Märkten bis hin zu großen
Konzerthallen. Aber auch in der Katastrophenhilfe
können mobile Unterkünfte und Krankenhäuser von
seinem geringen Transportgewicht profitieren. u
architektur FACHMAGAZIN
34
Gebäudehüllen
Es werde Licht
Besucher, die über den leicht abgesenkten Haupteingang
das erste Mal die hohe Halle betreten, erleben
meist einen Wow-Moment, beschreibt der Architekt
das räumliche Erlebnis. Holztragwerk, Lüftungstechnik
und Lichtführung sind in der Halle offen ablesbar
und wirken durch die lichtdurchlässige Stoffmembran
leichtfüßig, ja fast schwerelos. An den häufig bewölkten
Tagen in der Bretagne maximiert die transluzente
Hülle das natürliche Tageslicht und senkt den Bedarf
an künstlicher Beleuchtung.
„Das gefilterte Licht ist gleichmäßig gestreut, selbst
an sehr sonnigen Tagen, und erzeugt so eine fast
entrückte Stimmung“, schwärmt der Architekt. Wenn
es Nacht wird in La Bouëxière, kehrt sich der Lichtfluss
um. Dann strahlt der vielfach prämierte Sportund
Kulturbau von innen nach außen und wird zur
weithin leuchtenden Landmarke.
•
Der bretonische Neubau zählt zu den sieben Finalisten
des EU Mies Awards 2026. Die Architektur
lege den Fokus auf die menschliche Dimension
und bereichere den Alltag, so die Jury.
Eine Form, die kühlt
Derartige Sporthallen, die auf einer textil bespannten
Leichtkonstruktion aus Holz basieren, sind in der
Bretagne nichts Neues. Sie sind nicht nur schnell gebaut
und gut in der Ökobilanz, sie erzielen dabei auch
enorme Spannweiten von über 80 Metern. Sportarten,
die sonst nur im Freien stattfinden, können so
das ganze Jahr über ausgeübt werden. „Kritisch wird
es in der Regel nur im Sommer, da können niedrige,
schlecht belüftete Volumen leicht überhitzen“, sagt
Silva-Nicoletti. „Aus diesem Grund bildet das Dach
der Halle vier Spitzen aus. Dadurch entsteht ein großes
Volumen, das natürliche Belüftung und thermischen
Komfort fördert.“
Die skulpturale Form der Halle ist also nicht bloß
ästhetischer Ausdruck eines öffentlichen Baus, der
markant in Szene gesetzt ist. Vielmehr sorgen die
hochgezogenen Eckpunkte für passive Kühlung im
Inneren. Das Prinzip ist einfach, effizient und kommt
ganz ohne High-Tech aus. Warme Luft steigt auf und
kann über Öffnungen entweichen, während kühlere
Luftmassen nachströmen. Was in der traditionellen
persischen Architektur seit Jahrhunderten Usus ist,
gewinnt heute in der klimafreundlichen Gebäudetechnik
zunehmend an Bedeutung.
www.architektur-online.com
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Onze04 Architectes
Centre sportif et culturel Marie-José Pérec, Salle de danse Joséphine Baker
La Bouëxière, Frankreich
Bauherr:
Commune de La Bouëxière
Architektur:
Onze04 Architectes, Barcelona, Spanien
Bauingenieur:
EVEN
Textile Architektur: Asteo
Umweltingenieur: SOLAB
Nutzfläche: 2.505 m²
Planungsbeginn: 2020
Fertigstellung: 2025
www.onze04.fr
„Das diffuse Licht im Inneren lässt den Baukörper
beinahe immateriell erscheinen und erzeugt eine
kathedralenartige Atmosphäre. Die rückbau- und
recycelbare Konstruktion ermöglicht große Volumina
bei minimalem Materialeinsatz und eröffnet so neue
Möglichkeiten für die Gestaltung zeitgenössischer
öffentlicher Räume.“
Gustavo Silva-Nicoletti, Onze04 Architectes
architektur FACHMAGAZIN
36
Gebäudehüllen
Alte Hülle,
reversibler Kern
Nikkakjøkken Restaurant / Valdall, Norwegen / Office Inainn
Text: Gertraud Gerst Fotos: Mathias Sæther
Eine alte Scheune bildet die Hülle, ein
eingepasster Holzkern den Innenraum für
das Restaurant Nikkakjøkken in Norwegens
Valldal, einem fruchtbaren Tal am Norddalsfjord.
Der Modulbau ist so gefertigt, dass er
bei einem späteren Rückbau ohne Beschädigung
der historischen Substanz wieder
entfernt werden kann. Durch die sensible
Verknüpfung von Alt und Neu ist ein Ort
entstanden, der mit seinem einzigartigen
Charakter zum Placemaker wird.
www.architektur-online.com
37
Office Inainn
Nikoline Myren Grønnings, kurz „Nikka“ genannt,
war eine bekannte Persönlichkeit in Norwegen. Als
Hüterin der regionalen Esskultur ihrer Heimatgemeinde
Valldal, war sie regelmäßig im norwegischen
Staatsfernsehen NRK zu Gast. Die Zubereitung von
traditionellen Backwaren wie Hardangerlefse – eine
Art weihnachtlicher Pfannkuchen – war ihre besondere
Leidenschaft. Bis ins hohe Alter von knapp 107
Jahren gab sie dieses Wissen in Kursen weiter und
sorgte dafür, dass das kulinarische Erbe erhalten
blieb. Das weiß gestrichene Holzhaus mit den grünen
Fensterrahmen, in dem sie über viele Jahrzehnte
gelebt hatte, wurde zum charmanten Ferienhaus Nikkahuset
ausgebaut, dessen Name heute noch an sie
erinnert. Nun hat ihr der neue Besitzer des Anwesens
ein weiteres Denkmal gesetzt. Die ehemalige Scheune
hinter dem Wohnhaus ließ er von Office Inainn zu
einem Restaurant und Spa umbauen und gab ihm
den Namen Nikkakjøkken – Nikkas Küche. u
architektur FACHMAGAZIN
38
Gebäudehüllen
Geplant für den Rückbau
Der hohe Luftraum verleiht dem Speisesaal einen
Loft-artigen Charakter. Mit den runden Tischen und
den Designstühlen des norwegischen Möbelbauers
Fjordfiesta ist das Interior auf das Wesentliche beschränkt,
während das historische Holztragwerk
und die Gebirgslandschaft des Tafjordfjella zu den
Hauptprotagonisten avancieren. Die verglaste Giebelwand
öffnet den Raum zur Natur hin und macht
die Dachkonstruktion so auch von außen ablesbar.
Die übrigen Fenster des Bestands wurden nicht vergrößert,
sondern lediglich kalibriert, um die Aussicht
entsprechend zu rahmen.
Damit die Spannweite des Raumes möglichst frei
bleibt und die bestehende Fachwerkkonstruktion
ihre räumliche Wirkung entfalten kann, wurden die
Nebenräume im Gebäudekern zusammengefasst.
Der modulare Holzbau ist so in die bäuerliche Substanz
eingesetzt wie ein Einlegeraum in einem Werkzeugkasten.
Nassarbeiten wurden so weit wie möglich
vermieden, stattdessen setzte man auf möglichst
einfache, trockene Verbindungen. „Der gesamte
Einbau ist so konzipiert, dass er später einmal ohne
Beschädigung der historischen Hülle demontiert
werden kann“, erklärt Sawicki das zirkuläre Rückbau-Konzept.
Ein leichter, modularer Einbau
Genauso, wie es der passionierten Köchin ein Anliegen
war, das regionale Kulturgut zu bewahren, ging
man auch an die Transformation des Bestands heran.
Die historische Scheune sollte ihre Struktur, Anmutung
und Identität behalten und gleichzeitig den
Anforderungen eines modernen Gastronomiebetriebes
gerecht werden. „Der wichtigste Eingriff bestand
darin, das Restaurant als eigenständiges, leichtes
Holzmodul zu entwerfen und es behutsam in die
bestehende Gebäudehülle einzufügen“, beschreibt
Maksymilian Sawicki, Architekt und Büroinhaber von
Office Inainn, seinen Lösungsansatz. „Um den Charakter
der Substanz zu erhalten, haben wir nur das
hinzugefügt, was für die neue Nutzung unbedingt
notwendig war.“
Im Zuge der Transformation des Wirtschaftsgebäudes
wurden alle drei Geschosse aktiviert und generalsaniert.
Auf der untersten Ebene befindet sich der
Eingang für die Betriebs- und Funktionsräume des
Hauses, und das erste Geschoss wurde zu einem
Sauna- und Spabereich ausgebaut. Das Restaurant
samt Küche ist im alten Heuboden, direkt unter dem
historischen Dachgebälk untergebracht. Besucher,
die zum Essen kommen, gelangen über die alte Heurampe
nach oben. Ein stilgerechter Eingang, der
noch dazu barrierefrei ist.
www.architektur-online.com
39
Office Inainn
Wie ein Restaurant zum Placemaker wird
Durch die kreative Umnutzung des Bestands wurde
so ein Stück regionaler Baukultur erhalten und für die
Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Abgesehen von
der besseren Ökobilanz, die das Bauen im Bestand
mit sich bringt, bewahrt es auch lokale Identität, die
im kollektiven Bewusstsein verankert ist. Auf diese
Weise entstehen Orte, die dazu beitragen, das Gemeinschaftsgefühl
zu stärken.
Mit der zunehmenden Digitalisierung und sozialen
Vereinzelung kommt diesen Prinzipien des Placemakings
in der Architektur eine immer größere Rolle zu.
Nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch im gewerblichen
Bereich gilt: Alles, was sich standardisieren
und reproduzieren lässt oder zu sehr auf Effizienz
getrimmt ist, wird es künftig schwerer haben, gegen
das wachsende Angebot der digitalen Bedürfnisbefriedigung
anzukommen, so die Trendforschung.
Dagegenhalten können in der analogen Welt nur
Orte, die all das verkörpern, was sich nicht digitalisieren
lässt: Authentizität, Atmosphäre, Charakter. In
dieser Entwicklung werden auch gewerbliche Bauwerke
verstärkt zu Placemakern, die den Genius Loci
destillieren und zu ihrem Alleinstellungsmerkmal machen.
„Ein Neubau erzählt in der Regel eine einzige,
homogene Geschichte. Hier aber ist die Identität vielschichtig.
Während die Silhouette in der Landschaft
unverändert bleibt, bildet der neue Holzbau eine
zweite Ebene, die mit der bestehenden Hülle in einen
Dialog tritt“, so der Gründer von Office Inainn, das es
mit seinen ortssensiblen Arbeiten in das Ranking der
AD100 geschafft hat.
u
architektur FACHMAGAZIN
40
Gebäudehüllen
Vom Stiefkind zur Königsdisziplin
Die alten Fachwerkbalken mit dem sichtbaren Zickzack
der historischen Sägegatter werden von der
dunkel lasierten, schlichten Holzlattung der Innenwände
wie selbstverständlich flankiert. Die massiven
Holzwürfel-Beisteller schlagen in dieselbe handwerklich
rohe Kerbe und vereinen das neue Mobiliar mit
der alten Holzkonstruktion zu einem einheitlichen
Ganzen. Im Zusammenspiel zwischen Alt und Neu
wirkt nichts aufgesetzt oder bemüht. Alles, was da
ist, hat seine Berechtigung und befeuert das Narrativ,
das die Geschichte des Ortes vorgibt.
Seit 2022 versucht man in Norwegen die Hürden
für kreative Umnutzungen zu senken. Grundsätzlich
müssen alle umgenutzten Bestandsgebäude die
strengen Anforderungen der bautechnischen Vorschriften
2017 (TEK17) erfüllen. Vor allem bei historischen
Gebäuden kann es mitunter komplex oder
sehr kostspielig werden, sie in Sachen Brandschutz,
Energieeffizienz und Barrierefreiheit auf den aktuellen
Stand zu bringen. Wer eine Treibhausgasbilanz
vorlegt, die zeigt, wieviel graue Energie durch das
Bauen im Bestand erhalten bleibt, hat es leichter, an
eine Sondergenehmigung zu kommen.
Skandinavischer Minimalismus
trifft bäuerliche Bausubstanz: Der
neue Holzboden passt sich mit seinen
unterschiedlich breiten Dielen
an den historischen Bestand an.
www.architektur-online.com
41
Office Inainn
Aber das Bauen im Bestand ist weit mehr als die
Summe der eingesparten Emissionen. „Sanierung
und Umnutzung werden zunehmend als primäre architektonische
Strategie und nicht als sekundäre
Dienstleistung betrachtet – weil sie kulturelle Kontinuität
mit einem greifbaren ökologischen Wert
verknüpfen und ein hohes Maß an Präzision im Umgang
mit dem bereits Vorhandenen erfordern“, sagt
Maksymilian Sawicki. War das Erneuern von Altem
früher ein rein technisches oder wirtschaftliches Mittel
zum Zweck, zählt es heute zur Königsdisziplin der
innovativen Entwürfe. Das bereits Vorhandene mit
dem Neuen möglichst organisch zu verknüpfen wird
dabei zur kreativen und intellektuellen Challenge.
Im Fall des Restaurants Nikkakjøkken am Fuß des
Trollstigen-Gebirges wurde so eine ortsbildprägende
Struktur revitalisiert und für die Nachwelt erhalten.
Nikka Myren Grønnings hat dem Land seine kulinarischen
Traditionen ins Gedächtnis gerufen, und wurde
dafür am Ende ihres Lebens mit der Verdienstmedaille
des Königs ausgezeichnet. Ihre persönliche Geschichte
lebt nun an diesem Ort als immaterielles Erbe
weiter, und das wohl auch auf der Speisekarte. Auch
wenn das Restaurant noch nicht geöffnet ist, wird es
kulinarisch vermutlich auf dem aufbauen, was in der
Region seit vielen Generationen überliefert wird. •
21-24 Nikkakjøkken Restaurant
Valdall, Norwegen
Bauherr: Nikkahuset
Architektur: Office Inainn, Ålesund, Norwegen
Bauunternehmen: Valldal Høvleri AS
Holzbau: Hunton, Hunton Fiber
Fassade: Talgø MøreTre AS
Holzfenster: NorDan
Möbel:
Fjordfiesta
Nutzfläche: 675m²
Planungsbeginn: 2021
Fertigstellung: 2025
www.inainn.eu
„Es ist uns gelungen, ein funktionales,
zeitgemäßes Restaurantkonzept
innerhalb einer bestehenden
Struktur zu realisieren. Die
freiliegende Konstruktion und der
räumliche Rhythmus unter dem
Fachwerk blieben als primäres Erlebnis
erhalten, während Altes und
Neues mit minimaler visueller Unruhe
ineinandergreifen konnten.“
Maksymilian Sawicki,
Office Inainn
architektur FACHMAGAZIN
42
Gebäudehüllen
Zeit(ge)schichten
Vila Muhr / Bohinj, Slovenien / OFIS ARHITEKTI
Text: Linda Pezzei Fotos: Miran Kambic
Im Jahr 2014 stürzte eine Villa ein, die einst als Jagdsitz und
später als Residenz des jugoslawischen Königs Aleksandar
Karađorđević diente. Später wurde sie als Augenklinik und
Erholungsheim genutzt, bevor sie schließlich als Hotel-Annex
Verwendung fand. Übrig blieb ein fragmentierter Steinsockel
als Relikt einer mondänen Vergangenheit am Bohinjer
See. Was zunächst wie ein Verlust erschien, wurde zum
architektonischen Ausgangspunkt: Das Büro OFIS arhitekti
rekonstruierte die 1902 von Franz Ritter von Neumann für
Adolf Muhr errichtete Vila Muhr als vielschichtige Gebäudehülle,
in der historische Substanz, zeitgenössische Konstruktion
und alpines Klima aufeinander treffen.
Historische Spurensicherung
Die Vila Muhr wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts
als Jagdvilla für den Wiener Industriellen Adolf Muhr
errichtet. Im Laufe der Jahrzehnte wechselten die
Rollen: Residenz, medizinische Nutzung, Erholung,
später Nebenbetrieb. Nach dem Einsturz im Jahr
2014 überdauerte vor allem der Steinsockel als topografische
Spur. Bei der Rekonstruktion wurden Kubatur,
Orientierung und Proportion des Vorgängers
wieder aufgenommen – jedoch nicht als Rückgriff auf
ein „Originalbild“, sondern als Weiterführung alpiner
Bautypologien unter heutigen Bedingungen: Die Rekonstruktion
ist langlebig, anpassungsfähig und materiell
klar gedacht.
Die Hülle als konstruktive Schichtung
Der zentrale Entwurfsansatz bestand darin, die
Schichtungen konstruktiv offenzulegen. Rund 70
Prozent der Mauersteine im Erdgeschoss stammen
aus der Originalsubstanz. Jeder Stein wurde geprüft
und entsprechend seiner Tragfähigkeit wieder eingesetzt.
Das historische Mauerwerk fungiert heute als
selbsttragende äußere Schale. Dahinter befindet sich
eine neue, gedämmte Holzkonstruktion, die aktuelle
thermische und bauphysikalische Anforderungen erfüllt,
ohne das alte Material strukturell zu überformen.
Entscheidend sind die Details: Die Anschlüsse sind
reversibel ausgeführt und bleiben ablesbar – starre
Verbundsysteme wurden vermieden. So wird die Fassade
nicht zur Kulisse, sondern zum sorgfältig gefügten
Bindeglied zwischen Bestand und Gegenwart. u
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43
OFIS ARHITEKTI
architektur FACHMAGAZIN
44
Gebäudehüllen
Karbonisierte Holzhaut
Über dem mineralischen Sockel erheben sich Obergeschosse
aus slowenischer Fichte und Lärche. Die
Bretter wurden traditionell karbonisiert, das heißt
kontrolliert verkohlt, gebürstet und geölt – ganz
ohne chemische Zusätze. Das erhöht die Resistenz
gegenüber UV-Strahlung, Pilzbefall und Schlagregen,
während die Holzhaut diffusionsoffen bleibt.
Unter den alpinen Bedingungen Bohinjs ist die Fassade
auf minimalen Wartungsaufwand ausgelegt.
Anstelle periodischer Beschichtungszyklen sind Inspektionsintervalle
vorgesehen. Die dunkle, samtige
Oberfläche schärft visuell den Kontrast zum hellen
Steinsockel und markiert die neue Schicht, ohne sie
als „neu“ zu verstecken.
Die Balkone übernehmen die Proportionen, den
Rhythmus und die Tiefe der historischen Vorbilder.
Konstruktiv folgen sie jedoch einer anderen Logik:
Verdeckte Stahlunterkonstruktionen, die in den
Holzrahmen integriert sind, ermöglichen schlankere
Profile bei höherer Tragfähigkeit. So bleibt die ikonische
Figur der Villa erhalten – bei gleichzeitig zeitgemäßen
Anschlussdetails und Sicherheitsstandards.
Rhythmus und Proportion orientieren sich am
Vorbild von 1902, konstruktiv folgen die Balkone
jedoch einer neuen Logik: verdeckte Stahlunterkonstruktionen
ermöglichen schlanke Profile und
erfüllen aktuelle Sicherheitsanforderungen.
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45
OFIS ARHITEKTI
Öffnungen und thermische Performance
Anstelle einer flächigen Verglasung folgt die Fassade
einer differenzierten Strategie: Es gibt Panoramafenster
an den Stellen, an denen historisch Landschaftsbezüge
angelegt waren, und in den sekundären Bereichen
sind die Öffnungen zurückhaltender. Die
Dreifachverglasungen mit thermisch optimierten Holzrahmen
sind tief in die Fassade zurückgesetzt, sodass
Leibungstiefe und Verschattung erhalten bleiben. In
Kombination mit kapillaraktiver Dämmung entsteht
eine Hülle, die auch unter alpinen Winterextremen ein
robustes thermisches Verhalten aufweist und zugleich
die Proportionen des Vorgängerbaus respektiert.
Programmatische Verdichtung
Heute beherbergt die Vila Muhr ein Restaurant, einen
Konferenzraum sowie vier Suiten. Das von OFIS
in Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern entwickelte
Interieur führt die Materiallogik der Hülle fort
und umfasst Altholz, maßgefertigte Möbel und keramische
Unikate. Ein reaktivierter unterirdischer Tunnel,
der einst als Verbindung zum Hotel diente, wird
nun als kuratierter Ausstellungsraum genutzt, in dem
die wechselvolle Geschichte des Ortes inszeniert
wird. Während sich die Zeitschichten oberirdisch in
Material und Konstruktion zeigen, wird Zeit unterirdisch
räumlich erzählt.
u
architektur FACHMAGAZIN
46
Gebäudehüllen
Im Gespräch mit Rok Oman
Was war für Sie der entscheidende Moment
in der Rekonstruktion: Geschichte zu
„wiederholen“ – oder sie bewusst nebeneinanderstehen
zu lassen?
Entscheidend war, die vorhandenen Spuren
nicht zu glätten. Der Steinsockel blieb als
reale Schicht präsent, neue Eingriffe sollten
klar als zeitgenössisch erkennbar sein.
So entsteht ein Nebeneinander ohne Hierarchie
– die Fassade wird zur Schichtung,
nicht zur Rekonstruktion eines Bildes.
Wo lagen die größten technischen Risiken
beim Arbeiten mit wiederverwendetem
Naturstein?
Bei den Toleranzen. Jeder Stein ist anders,
und genau diese Unregelmäßigkeit muss
konstruktiv aufgenommen werden. Zusätzlich
war die Kontrolle der Feuchtigkeitsmigration
unter Frost-Tau-Bedingungen
wesentlich – dafür haben wir kapillaraktive
Dämmschichten integriert und die Details
so gelöst, dass sie reversibel bleiben.
Die Holzoberflächen wirken fast wie ein
Schutzpanzer. Was leistet die Karbonisierung
konstruktiv – und was ökologisch?
Karbonisierung ist eine chemiefreie Schutzschicht,
deren Brenntiefe wir präzise steuern
konnten. Sie verbessert die Resistenz
gegen UV, Pilz und Schlagregen, bleibt aber
dampfdurchlässig. Das reduziert Wartung
und vermeidet ökologische Lasten typischer
Beschichtungssysteme.
Was war Ihnen bei den Balkonen wichtiger:
die historische Bildhaftigkeit oder die
konstruktive Logik?
Beides – aber mit klarer Rollenverteilung.
Die Bildhaftigkeit entsteht über Rhythmus
und Proportion. Die Logik dahinter
musste neu sein: verdeckte Stahlunterkonstruktionen
im Holzrahmen erlauben
schlanke Profile und erfüllen heutige
Sicherheitsanforderungen, ohne visuell
schwer zu werden.
Wie definieren Sie „Nachhaltigkeit“ bei
einer Gebäudehülle, die so stark auf Materialgeschichte
setzt?
Über Performance und Identität zugleich.
Jeder Stein wurde geprüft und selektiv
wiederverwendet – das reduziert Emissionen
und Transport. Gleichzeitig bleibt
die lokale Materialität sichtbar. Für uns ist
Nachhaltigkeit auch kulturell: Historische
Substanz ist nicht nur Erinnerung, sondern
Teil der Funktionsschicht.
•
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OFIS ARHITEKTI
0 1 2
0 1 2
OG 2
EG
0 1 2
0 1 2
OG 1
OG 3
Vila Muhr
Bohinj, Slovenien
0 1 2
0 1 2
Bauherr:
Planung:
Team:
Statik:
Bebaute Fläche: 1.100 m²
Planungsbeginn: 2022
Baubeginn: 2023
Fertigstellung: 2025
www.ofis.si
Alpinia
OFIS ARHITEKTI
Rok Oman, Špela Videčnik, Janez Martinčič, Andrej Gregorič,
Rok Dolinšek, Matej Krajnc, Borut Bernik, Amadej Mravlak,
Giulia Sgrò, Nada Kodela, Deniz Itak, Juan Pablo Orbea
Project PA
„Die Qualität lag für uns in der Präzision
der Übergänge: alte Steine mit ihren Toleranzen,
eine unabhängige gedämmte Holzstruktur,
reversible Details. So bleibt nicht
nur die Geschichte ablesbar, sondern auch
die Arbeit – von Kon struk tion bis Handwerk
– sichtbar in der Gebäudehülle.“
Rok Oman, OFIS arhitekti
architektur FACHMAGAZIN
48
Gebäudehüllen
Im Spiel
des Lichts
Innovationscampus Cyber Valley / Tübingen, Deutschland / heinlewischer
Text: Andreas Laser Fotos: Brigida González
Für den Innovationscampus
Cyber Valley in Tübingen, an dem
Forschung im Bereich Künstliche
Intelligenz und Robotik räumlich
gebündelt wird, hat heinlewischer
einen Neubau mit klar gegliedertem
Raumprogramm entworfen.
Prägendes Element ist eine
zweischichtige Fassade, in der
Sonnenschutz, Wartung und Photovoltaik
zu einem integrierten
System verbunden sind.
www.architektur-online.com
49
heinlewischer
Mit dem ersten Bauabschnitt des Innovationscampus
Cyber Valley nimmt im Wissenschafts- und Technologiepark
Tübingen ein Forschungsstandort Gestalt
an, der verschiedene Bereiche aus Wissenschaft und
anwendungsnaher Entwicklung räumlich zusammenführt.
Der Neubau vereint Arbeitsräume, Hörsäle,
Labore und Flächen für Austausch, Präsentation und
Start-ups und markiert den Auftakt für den weiteren
Ausbau des Campus. Nutzer sind das AI Center der
Universität Tübingen und das Max-Planck-Institut
für Intelligente Systeme.
Der von heinlewischer geplante Baukörper entwickelt
sich aus einem nahezu quadratischen Grundriss
mit trapezförmigem Sockel. Im Zentrum liegt ein
Atrium, das von einer ETFE-Membran überspannt
wird und die innere Organisation zusammenbindet.
Im Erdgeschoss sind Hörsäle, Seminarräume, Sonderlabore
und ein Pressebereich mit Experimentierlabor
angeordnet; in den Obergeschossen reihen
sich kleinteilige Büros entlang der Fassade, während
sich zur Mitte hin Labore, Besprechungszonen
und offene Arbeitsbereiche orientieren. Das Dachgeschoss
ergänzt das Raumprogramm um Aufenthalts-
und Besprechungsräume sowie den Zugang
zur begrünten Dachterrasse.
u
architektur FACHMAGAZIN
50
Gebäudehüllen
Mit ihrer vorgelagerten
Konstruktion reguliert die
Fassade Licht und Einblicke,
ohne die Innenräume
vom Außenraum abzuschirmen.
Die feststehenden
Photovoltaik-Module
sind in die Fassadenstruktur
integriert und werden
vollständig für den
Eigenbedarf des Hauses
genutzt.
Die aktive Hülle
Eine besondere Bedeutung kam im Entwurfsprozess
der Fassade zu. Sie sollte den funktional organisierten
Baukörper nicht einfach verkleiden, sondern
ihm eine zusätzliche Ebene geben, die technische
Anforderungen, Wartung und Erscheinungsbild zusammenführt.
Bereits früh war eine zweite Hülle vorgesehen,
zunächst noch ohne Photovoltaik, aber mit
außenliegendem Sonnenschutz und dem Gedanken
an intelligente Steuerungssysteme. Im Verlauf der
Planung und Bauausführung wurde dieses Konzept
um PV-Module erweitert. Aus einer sekundären Fassadenebene
wurde so ein mehrschichtiges System,
das Energiegewinnung, Verschattung und Zugänglichkeit
miteinander verknüpft.
Konstruktiv besteht die thermische Hülle aus einer
Pfosten-Riegel-Konstruktion zwischen massiven
Sturz- und Brüstungselementen. Diese sind mit einer
hinterlüfteten Vorhangfassade verkleidet und tragen
die vorgesetzten Wartungsbalkone. An deren Konsolen,
die thermisch getrennt am Rohbau befestigt
sind, sitzt über Tragprofile die abgewinkelte zweite
Fassadenebene. In dieser sind die Photovoltaik-Module
und der textile Sonnenschutz angeordnet. Unterschiedliche
Prismenwinkel von 15 und 30 Grad
erzeugen eine abgestufte Fassadenstruktur und brechen
die Strenge des horizontalen Fassadenbilds.
www.architektur-online.com
51
heinlewischer
Rund 1.000 Quadratmeter
Photovoltaik auf dem
Dach ergänzen die aktive
Gebäudehülle. Gleichzeitig
setzt die intensiv
begrünte Dachterrasse
einen nutzbaren Freiraum
an den oberen Abschluss
des Gebäudes.
In der Umsetzung stellte insbesondere die Integration
der Photovoltaik hohe Anforderungen an Statik,
Detailplanung und Montage. Die Unterkonstruktion
musste auf Gewicht und Befestigung der Module
abgestimmt werden; zugleich waren Leerrohrführung,
Wechselrichterstandorte und die Einspeisung
in Hausnetz und öffentliches Netz mit TGA und
Bauphysik zu koordinieren. Auch die Durchdringungen
der Dämmebene wurden bauphysikalisch
untersucht. Mock-ups und ein Fassadenmodul im
Maßstab 1:1 dienten dazu, Neigung, Verschattung,
Unterkonstruktion und die Integration des Sonnenschutzes
zu überprüfen.
Licht, Energie, Steuerung
Energetisch ist die Fassade Teil eines übergeordneten
Konzepts, bei dem sie mit etwa 1.000 m² PV auf
dem Dach ergänzt wird. So wird ein Jahresertrag von
rund 78.000 kWh erreicht. Im Gebäude selbst wird
der erzeugte Strom vollständig genutzt, unter anderem
für einen sehr energieintensiven Serverbereich.
Dessen Abwärme wird wiederum in die Beheizung integriert.
Nach Angaben des Architekturbüros deckt
der PV-Ertrag damit zu rund zehn Prozent den Energiebedarf
des laufenden Betriebs.
Ein weiterer Bestandteil des Fassadenkonzepts ist
der textile Sonnenschutz. Zentral gesteuert über
Wetterdaten und Bewegungsmelder, reagiert er auf
Sonnenstand, Temperatur, Wind und Raumbelegung,
kann jedoch von den Nutzerinnen und Nutzern bei
Bedarf übersteuert werden. Die zweite Fassadenebene
reguliert den Lichteintrag, ohne den Raumcharakter
im Inneren einzuschränken. Durch den
Abstand zur Primärfassade bleibt ihre räumliche Offenheit
erhalten, während spezielle Behänge auch in
geschlossenem Zustand den Außenbezug wahren.
So verändert sich das Erscheinungsbild des Hauses
im Tagesverlauf, ohne die Innenräume von ihrer Umgebung
abzuschirmen.
u
architektur FACHMAGAZIN
52
Gebäudehüllen
Das Atrium ist nicht nur Erschließungsraum,
sondern auch Fläche für Austausch, Präsentation
und Begegnung. Durch die Anbindung
an die Hörsäle lässt es sich in das Veranstaltungsprogramm
des Hauses einbeziehen.
Universität Tübingen
November 2025
Neubau Innovationscampus Cyber Valley (1. Bauabschnitt)
Grundriss Erdgeschoss M 1:500
www.architektur-online.com
Universität Tübingen
53
Neubau Innovationscampus Cyber Valley (1. Bauabschnitt)
Grundriss Regelgeschoss M 1:500
heinlewischer
2. BA Bestand
2. BA Bestand
EG OG 1
Die Hülle im Unterhalt
Auch im Betrieb ist die Fassade auf Dauerhaftigkeit
und Wartbarkeit ausgelegt. Die Wartungsbalkone
erleichtern Reinigung, Inspektion und den Zugang
zu den PV-Modulen und sind damit Teil einer Konstruktion,
die auf langfristige Betriebssicherheit angelegt
ist. Auch im Lebenszyklus bleibt die Hülle durch
diese zugänglichen und kontrollierbaren Schichten
dauerhaft gut handhabbar. Trennbare Aufbauten
und recyclingfähige Materialien wurden dabei mitgedacht,
ohne dass hierfür projektspezifische Sonderanforderungen
formuliert wurden.
Mehr als ein Solitär
Im städtebaulichen Zusammenhang ist der Bau als
Teil eines Ensembles gedacht. Gemeinsam mit dem
benachbarten und im Ausbau befindlichen zweiten
Bauabschnitt fasst er die Straßenräume entlang der
Maria-von-Linden-Straße und bis zum Parkhaus. Die
Fassadenkonstruktion soll dort erneut aufgegriffen,
jedoch farblich variiert werden, sodass ein Zusammenhang
aus verwandten Gebäuden entsteht, der
den neuen Campus räumlich und visuell prägen wird.
Der Neubau markiert damit den Beginn einer Campusstruktur,
deren Wirkung sich erst mit dem weiteren
Ausbau vollständig entfalten wird. Gerade darin
liegt seine besondere Stellung: Er behauptet sich als
erster Baustein und bleibt zugleich anschlussfähig
für das, was folgen wird.
•
Innovationscampus Cyber Valley
Tübingen, Deutschland
Bauherr:
Planung:
Team:
Tragwerksplanung:
Bauphysik:
TGA-Planung:
Fassadenplanung:
Pfosten-Riegel-Fassade:
Metallbau:
Planungsbeginn: 11/2018
Bauzeit: 01/2022 - 10/2025
Nutzungsfläche: 7.010 m²
www.heinlewischer.de
Land Baden-Württemberg, vertreten durch Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Tübingen
heinlewischer, Stuttgart
Till Behnke (verantwortlicher Partner), Steffen Walter (verantwortlicher Partner/Projektleiter),
Heide Nerger, Annelaure Thuault, Saniye Kocak, Anastasia Kozhevnikova, Maria Shelkovska,
Afsaneh Sheikhzeinoddin, Matthias Holtkamp, Mathilde Richard
wh-p Ingenieure, Stuttgart
Müller BBM, Stuttgart
Planungsgruppe M+M AG, Böblingen (HLSK)
Müller und Bleher, Filderstadt (ELT)
G-Plan, Bühl
Wicona
HW Heinrich Würfel Metallbau
„Die Hülle sollte dem Gebäude ein einzigartiges
Gesicht verleihen und darüber hinaus ein klares
Statement für Technik und Innovation setzen.
Steffen Walter
Verantwortlicher Partner & Projektleiter
architektur FACHMAGAZIN
54
Gebäudehüllen
Präzision und
Dramaturgie
Photographic Seoul Museum of Art / Seoul / Jadrić Architektur & 1990uao
Text: Roland Kanfer Fotos: Namgoong Sun, Yasutake Kojima, Image Joom
Mit dem Photographic Seoul Museum of Art
(Photo-SeMA) erhält Südkorea erstmals ein
Museum, das sich ausschließlich der Fotografie
widmet. Das Gebäude ist Teil einer umfassenden
städtebaulichen Strategie.
Chang-dong, der nordöstliche Bezirk der südkoreanischen
Hauptstadt Seoul, soll durch eine neue Kulturachse
aufgewertet werden, die Kunstinstitutionen,
Kreativwirtschaft und öffentliche Räume miteinander
verknüpft. Das Photographic Seoul Museum nimmt
innerhalb dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle
ein. Zwischen dem Seoul Arena Theatre im Nordosten
und dem Bahnhof Chang-dong im Südwesten,
eingebettet in den groß angelegten Stadtentwicklungsplan
zur Erneuerung des Quartiers Sanggye
in Chang-dong, fungiert der Bau als Ankerpunkt. In
unmittelbarer Nachbarschaft entstehen weitere öffentliche
Einrichtungen, darunter ein Robot Science
Museum. Ziel der Stadt ist es, ein lebendiges kulturelles
Umfeld zu schaffen.
Der Bau des Photo-SeMA geht auf einen internationalen
Architekturwettbewerb zurück, den die Stadt
Seoul 2019 auslobte. Ziel war es, die kulturelle Infrastruktur
des dicht besiedelten Bezirks Dobong-gu
zu stärken und zugleich einen Impuls für die Entwicklung
einer Kunstszene zu setzen. Da es in Korea
bislang kein eigenständiges Museum für Fotografie
gab, existierten keine architektonischen Vorbilder,
an denen sich das Programm orientieren konnte. Das
internationale Interesse war groß: 128 Entwürfe aus
aller Welt wurden eingereicht, zehn Büros gelangten
in die engere Auswahl.
u
www.architektur-online.com
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Jadrić Architektur & 1990uao
architektur FACHMAGAZIN
56
Gebäudehüllen
Architektur als Metapher
Der siegreiche und letztlich umgesetzte Entwurf
von Jadric Architektur aus Wien und dem südkoreanischen
Büro 1990uao, ein Stahlbetongebäude mit
vier Ober- und zwei Untergeschossen, interpretiert
die Beziehung zwischen Architektur und Fotografie
als ein Spiel von Licht, Bewegung und Wahrnehmung.
Statt eines konventionellen Museumsgebäudes präsentiert
sich eine plastische, leicht verdrehte Skulptur,
die wie eine in Fotografie eingefrorene Bewegung
wirkt. Besonders im Übergang zum Stadtraum wird
diese Bewegung sichtbar. Eine großzügige Treppenlandschaft
steigt vom Platz zum Gebäude an. Sie
ist nicht nur Erschließungselement, sondern auch
öffentlich nutzbar. Besucher können auf den Stufen
verweilen, den Platz überblicken oder die Fassade als
begehbare Landschaft nutzen. Das Museum erweitert
damit den öffentlichen Raum, anstatt sich von
ihm abzuschotten.
Die Aluminiumlamellen
der Fassade erzeugen
beim Näherkommen visuelle
Bewegungen.
www.architektur-online.com
57
Jadrić Architektur & 1990uao
Fassade als Filter
Das prägnanteste Merkmal des Photo-SeMA ist seine
aus horizontalen Lamellen aufgebaute Außenhülle.
Die dicht übereinanderliegenden Aluminiumelemente
formen eine rhythmisierte Oberfläche, die das
Gebäude wie ein schützender Mantel umgibt. Aus
der Distanz wirkt die Fassade nahezu geschlossen
und monolithisch, beim Näherkommen erzeugen die
Lamellen jedoch eine visuelle Bewegung, die sich mit
dem Tageslicht verändert. Je nach Blickwinkel und
Sonnenstand entsteht ein fein abgestuftes Spiel aus
Schatten, Linien und Tiefen mit unterschiedlichen
Wahrnehmungen des Gebäudeumrisses. Gleichzeitig
reguliert die Konstruktion wie ein Filter das Licht, das
in die Innenräume gelangt und dem Baukörper technische
Präzision verleiht. Unterhalb der massiven
Lamellen öffnet sich das Gebäude mit einer transparenten
Glasfront zum Platz. Der Eingang liegt in
einer zurückgesetzten Zone unter der aufsteigenden
Treppenlandschaft. Diese Kombination aus schwerer,
geschlossener Hülle und leichtem, transparentem
Sockel schafft einen starken Kontrast – auch hier
lässt sich das architektonische Pendant zum fotografischen
Hell-Dunkel erkennen.
u
architektur FACHMAGAZIN
58
Gebäudehüllen
Im Gegensatz zur
Dynamik der äußeren
Gestaltung zeigt sich die
Innenarchitektur bewusst
zurückhaltend.
Monochrome Innenräume
Während die äußere Gestalt des Museums Bewegung
und Dynamik ausdrückt, setzt die Innenarchitektur
auf Zurückhaltung. Das Raumkonzept folgt
einer klaren Organisation, die eine intuitive Orientierung
durch die Ausstellungsebenen ermöglicht. Ein
zentraler Kern aus dunkel gehaltenem Beton bildet
das räumliche Rückgrat des Gebäudes und verbindet
die verschiedenen Funktionsbereiche. Dieses dunkle
Zentrum steht im Kontrast zu den hellen Ausstellungssälen.
Die neutralen Räume lassen unterschiedlichste
Präsentationsformen zu, von historischen
Fotografien bis zu zeitgenössischen Video- und Medieninstallationen.
Wände, Decken und Bodenflächen
sind reduziert gestaltet, um die Werke selbst in den
Vordergrund treten zu lassen.
Das Materialkonzept spielt mit Gegensätzen: glatte
und raue Oberflächen, matte und reflektierende Materialien
sowie natürliche und technische Texturen
treffen aufeinander. Glas, Beton und Metall prägen
die Atmosphäre. Diese Kombination erzeugt eine zurückhaltende,
fast monochrome Umgebung.
Die Ausstellungsebenen sind so angeordnet, dass
sich Besucher durch eine Abfolge von Räumen unterschiedlicher
Größe und Lichtstimmung bewegen.
Flexible Trennwände erlauben es, mehrere Räume
miteinander zu verbinden und so auf wechselnde Anforderungen
zu reagieren. Neben den Ausstellungsflächen
erweitern Bildungsräume, Medienbereiche
und öffentliche Zonen das klassische Museumsangebot,
um Raum für Workshops, audiovisuelle Formate
und digitale Inhalte zu schaffen.
Kultureller Impuls
Das Projekt Photo-SeMA wurde in enger Kooperation
zwischen europäischen und koreanischen
Architekturbüros sowie zahlreichen Fachdisziplinen
entwickelt, wodurch lokale städtebauliche Anforderungen
mit modernen Museumstypologien in
Einklang gebracht werden konnten. Die skulpturale
Form, die prägnante Lamellenfassade und die offenen
öffentlichen Räume machen das Gebäude zu
einem identitätsstiftenden Ort innerhalb der neuen
Kulturmeile. Als Institution soll das Museum die
Entwicklung der koreanischen Fotografie dokumentieren
und gleichzeitig den internationalen Dialog
fördern. In architektonischer Hinsicht verbindet das
Projekt die technische Präzision des Mediums Fotografie
mit einer räumlichen Dramaturgie aus Licht,
Bewegung und Wahrnehmung.
•
www.architektur-online.com
A-305
59
Jadrić Architektur & 1990uao
지붕 FL
GL+22,900
지상 4층 FL
GL+18,550
지상 3층 FL
GL +12,250
지상 2층 FL
GL +6,250
지상 1층 FL
EL +25.40
EL +25.55
EL +26.
GL ±0
EL +25.55
지하 1층 FL
EL +21.00
GL -4,550
지하 2층 FL
GL -8,200
GL -7,600
EL +17.35
GL -8,200
1:200
지붕 FL
GL+22,900
OG 1
지상 4층 FL
GL+18,550
지상 3층 FL
GL +12,250
지상 2층 FL
GL +6,250
지상 1층 FL
GL ±0
EL +25.55
지하 1층 FL
GL -4,550
지하 2층 FL
GL -8,200
1:200
EG
Photography Seoul Museum of Art
Chang-dong, Seoul, Südkorea
Bauherr:
Planung:
Statik:
Landschaftsplanung:
Seoul Metropolitan Infrastructure Headquarters
Jadric Architektur ZT GmbH, 1990uao
Eden Structure Consultant
ALIVEUS
Grundstücksfläche: 3.167 m 2
Bruttogeschoßfläche: 7.049 m 2
Baukosten:
21,2 Millionen Euro
Entwurf: 3/2020-8/2021
Bauphase: 11/2021-9/2024
Fertigstellung: 9/2024
www.jadricarchitektur.at
„Während des gesamten Projekts haben wir uns
verpflichtet, alle Bereiche von Missverständnissen
oder Schwierigkeiten gründlich anzusprechen,
ohne sie zu beschönigen. Aktives Zuhören und kulturelle
Sensibilität waren wichtig für eine erfolgreiche
interkulturelle schöpferische Zusammenarbeit.“
Mladen Jadric und Yoon Geun Ju
architektur FACHMAGAZIN
60
Gebäudehüllen
Fließende Hülle
The Henderson / Hongkong, China / Zaha Hadid Architects
Text: Linda Pezzei Fotos: Virgile Simon Bertrand
Mitten im dichten Gefüge des Central District setzt The Henderson auf eine ungewöhnlich
weiche architektonische Geste. Statt strenger Raster prägen geschwungene Linien,
doppelt gekrümmte Glasflächen und die Anmutung einer aufbrechenden Blütenknospe
den 190 Meter hohen Bau von Zaha Hadid Architects. Hinter der skulpturalen Erscheinung
steckt jedoch mehr als eine ikonische Form: eine hochentwickelte Gebäudehülle,
ausgelegt auf maximale thermische Leistung, Widerstandsfähigkeit gegenüber
Taifunen, natürliche Belüftung und eine stärkere Verzahnung mit dem Stadtraum. The
Henderson zeigt, wie sich Hightech-Engineering, biomorphe Gestaltung und intelligente
Gebäudetechnik zu einer neuen Generation urbaner Architektur verbinden.
Im Herzen des Hongkonger Finanzzentrums, umgeben
von einigen der bekanntesten Hochhäuser der
Stadt, verfolgt The Henderson eine Architektur der
Bewegung. Der Turm erhebt sich an der Murray Road
zwischen den MTR-Stationen Central und Admiralty
– genau dort, wo das dichte Netz der erhöhten
Fußgängerwege den Central District durchzieht. Auf
dem Grundstück, das lange von einem Parkhaus besetzt
war, entstand ein Gebäude, das sich bewusst
nicht als isolierter Solitär versteht, sondern als Teil
eines städtischen Gefüges aus Wegen, Grünräumen
und öffentlichen Übergängen. Zaha Hadid Architects
(ZHA) beschreibt das Projekt entsprechend als Architektur,
die „neue, von Natur umgebene öffentliche
Plätze“ schafft.
Ein organischer Kontrapunkt
Gerade in diesem Kontext wirkt die organisch modellierte
Silhouette wie ein bewusster Gegenentwurf.
Zwischen dem Bank of China Tower von I. M. Pei, Norman
Fosters HSBC-Gebäude und dem Lippo Centre
reagiert The Henderson nicht mit weiterer geometrischer
Strenge, sondern mit einer weich modellierten
Figur, die der vertikalen Skyline eine andere Rhythmik
entgegensetzt. Ausgangspunkt des Entwurfs ist
die Bauhinia x blakeana, die Hongkong-Orchidee, die
sowohl auf der Flagge der Stadt erscheint als auch
erstmals in den Botanischen Gärten oberhalb des
Murray-Road-Grundstücks kultiviert wurde. ZHA
übersetzt dabei nicht die geöffnete Blüte, sondern
die gespannte Form einer Knospe kurz vor dem Aufbrechen
in Architektur: Schichtungen, Einschnürungen
und eine Außenhaut, die wirkt, als sei sie von
innen heraus geformt.
Diese botanische Referenz bleibt nicht bloß Bild,
sondern prägt den gesamten Baukörper. Der vertikale
Kern wurde bewusst an die Ostseite verlegt,
sodass sich die Büroflächen nach Westen zum Chater
Garden und zur Skyline öffnen. Eine hochfeste
Stahlstruktur ermöglicht Spannweiten von bis zu 26
Metern und vollständig stützenfreie Büroflächen mit
fünf Metern Geschosshöhe. Die plastische Gestalt
steht damit in direkter Beziehung zu Struktur, Aussicht
und Nutzungsflexibilität.
u
www.architektur-online.com
61
Zaha Hadid Architects
architektur FACHMAGAZIN
62
Gebäudehüllen
Mehr als nur eine Hülle
Ihre eigentliche Ausdruckskraft entfaltet die Architektur
jedoch über die Gebäudehülle. Bei The Henderson
ist sie weit mehr als Oberfläche: Sie verbindet Klimafunktion,
konstruktive Leistung und gestalterische
Wirkung. Die vierlagigen, doppelt laminierten und doppelt
gekrümmten Isolierglas-Elemente – laut ZHA die
ersten ihrer Art in Hongkong – bilden eine hochperformante
Außenhaut, die sowohl thermische Effizienz als
auch Widerstandsfähigkeit gegenüber den extremen
Wetterbedingungen der Region gewährleisten muss.
Entwickelt wurde das komplexe Fassadensystem unter
anderem von den Glas- und Fassadenspezialisten
sedak und seele, die große Teile der maßgefertigten
gebogenen Verglasung realisierten.
Gerade diese technische Komplexität verleiht dem
Gebäude seine besondere Wirkung. Die mehrfach
gekrümmten Glasflächen lassen den Turm je nach
Lichteinfall, Wetter und Blickwinkel unterschiedlich
erscheinen: mal kühl und stringent, mal beinahe
weich und textil. Besonders im Podiumsbereich
(Ebenen 3 bis 6) sowie an der Turmkrone, wo unter
anderem ein verglaster Bankettsaal realisiert wurde,
wird diese Wirkung verstärkt. Hier treffen gebogene
Gläser, großformatige Ganzglasfassaden und exakt
gefertigte Metallverkleidungen aufeinander und
akzentuieren Eingangsbereiche, Lobbys und obere
Ebenen. Die Gebäudehülle wird damit zum eigentlichen
Medium der Architektur.
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63
Zaha Hadid Architects
Zwischen Hochhaus und Garten
Parallel dazu versucht das Projekt, das Hochhaus
stärker mit der Landschaft zu verzahnen. Unter dem
angehobenen Baukörper und entlang der Zugänge
entstehen begrünte Vorzonen, die den benachbarten
Chater Garden räumlich erweitern. Im Inneren
setzt sich diese Idee in lichtdurchfluteten, organisch
geformten Räumen fort. Besonders deutlich
wird diese Haltung im Sky Garden, einem Freiraum
auf dem sogenannten Refuge Floor – einer brandschutztechnisch
vorgeschriebenen Fluchtebene –,
der hier zu einem Aufenthalts- und Grünraum transformiert
wurde. Ein integriertes Aquaponik-Pflanzsystem
wirkt laut Projektangaben als biologischer
Luftfilter und verbessert die Luftqualität der angrenzenden
Büroetagen.
u
Die dynamische, schwungvolle Formensprache der Außenhaut
setzt sich auch im Inneren konsequent fort und spielt dabei mit
der gewohnten Wahrnehmung von Material und Oberfläche.
architektur FACHMAGAZIN
64
Gebäudehüllen
Mehr als ein Büroturm
Auch programmatisch überschreitet das Gebäude
die klassische Bürotypologie. Neben attraktiven Arbeitsflächen
beherbergt es den Asia-Pacific-Hauptsitz
des Auktionshauses Christie’s sowie das „AP
House at The Henderson“ von Audemars Piguet. Hinzu
kommt mit Cloud 39 eine Skylounge mit Terrasse,
die den Turm nach oben öffnet und ihn zugleich als
urbanen Treffpunkt positioniert.
Zwischen Chater Garden, erhöhtem Fußgängernetz und
Skyline inszeniert The Henderson das Hochhaus nicht nur
als Office-Tower, sondern als vertikalen Stadtraum mit
öffentlichen Plätzen, Sky Garden und Cloud 39.
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65
Zaha Hadid Architects
Neben seiner formalen Präsenz versteht sich The
Henderson als hochentwickeltes Smart Building. Das
Gebäude hat unter anderem LEED Platinum, WELL
Platinum und BEAM Plus Platinum erreicht und zählt
damit zu den nachhaltigsten Büroprojekten Hongkongs.
Intelligente Managementsysteme steuern die
natürliche Belüftung, ergänzen sie bei Bedarf durch
Entfeuchtung und Filtration und passen Raumtemperatur,
Luftfeuchtigkeit sowie Frischluftzufuhr automatisch
an die tatsächliche Nutzung an. Gleichzeitig
analysieren die Systeme Belegungsmuster, um Betrieb
und Energieverbrauch kontinuierlich zu optimieren.
Gerade darin liegt die eigentliche Stärke des Projekts.
The Henderson versteht sich nicht nur als
ikonisches Hochhaus, sondern als Versuch, Form,
Struktur, Klima und Stadt miteinander zu verbinden.
Die florale Referenz wird dabei zu einem räumlichen
Prinzip: Die Gebäudehülle fungiert zugleich als Ausdruck,
Klimafilter und Identitätsträger – und verleiht
dem Turm eine bemerkenswert weiche Präsenz in
einer Skyline, die sonst von rationalen Glasfassaden
geprägt ist.
•
The Henderson
Hongkong, China
Bauherr:
Planung:
Design:
Architekt vor Ort:
Statik und Geotechnik:
Fassadentechnik:
Höhe:
190 m
Bruttogeschossfläche: 43.200 m²
Planungsbeginn: 2018
www.zaha-hadid.com
Henderson Land
Zaha Hadid Architects
Patrik Schumacher
Ronald Lu & Partners
LERA Consulting Structural Engineers (Stahlbau)
C M Wong & Associates
Eckersley O’Callaghan Asia (Fußgängerbrücken
und Bankettsaal)
Group 5F; Meinhardt Facade Technology
Von der Financial Times als „organisch und fließend,
ein bedeutender und eleganter Turm“ beschrieben,
schafft der Entwurf von Zaha Hadid
Architects für Henderson Land mit dem Namen
„The Henderson“ neue, von Natur umgebene öffentliche
Plätze. Die vierfach verglasten, doppelt
laminierten, doppelt gekrümmten Isolierglasfassaden
von The Henderson sind so konzipiert,
dass sie höchste thermische Leistung bieten
und den starken Sommertiefstürmen der Region
standhalten. Der Sky Garden des Turms ist
ein Freizeitbereich im Freien mit einem Aquaponik-Pflanzennetzwerk,
das als wirksamer biologischer
Luftreinigungsfilter fungiert, indem es
Schadstoffe abbaut.
Zaha Hadid Architects
architektur FACHMAGAZIN
66
RETAILarchitektur
Apfel im Glashaus
Mit „Apple The Exchange TRX“ hat Apple im Zentrum von Kuala Lumpur seinen
ersten Store in Malaysia eröffnet. Entworfen von Foster + Partners, liegt das
Projekt im neuen Stadtquartier Tun Razak Exchange (TRX), das als internationales
Finanz- und Geschäftsviertel entwickelt wurde. Der Store ist Teil des gemischt
genutzten Komplexes The Exchange TRX und vermittelt zwischen Einkaufszentrum
und dem rund vier Hektar großen TRX City Park. Damit ist er nicht nur
Verkaufsort, sondern auch räumlicher Übergang zwischen Innenraum, Freifläche
und öffentlicher Erschließung.
Text: Andreas Laser Fotos: Nigel Young, Foster + Partners
Prägendes Element des Gebäudes ist eine verglaste
Kuppel mit einer Grundfläche von rund 31 x 31 Metern
und einer Höhe von etwa 10 Metern. Sie wurde
als Glas-Stahl-Konstruktion mit gebogenen und geraden
Glaselementen realisiert. Acht spiegelpolierte
Edelstahlstützen und acht verkleidete Stahlsäulen
übernehmen die Lastabtragung. Umlaufende, horizontal
geschichtete Aluminiumlamellen reduzieren
die direkte Sonneneinstrahlung und geben dem
Baukörper seine markante, schichtweise aufgebaute
Erscheinung. Nach oben wird die Dachstruktur
durchlässiger; ein zentraler, verglaster Oculus bringt
Tageslicht tief in das Innere. Ergänzend sind im Bereich
der Dachspitze öffenbare Elemente für die natürliche
Entlüftung integriert.
Der Store reagiert damit präzise auf die klimatischen
Bedingungen in Kuala Lumpur. Die Lamellen steuern
die solare Einstrahlung, schützen die Glasfassaden
und bilden zugleich einen überdeckten Umgang entlang
des Gebäuderands. Die Kuppel vermittelt geometrisch
zwischen einer quadratischen Basis und
einer runden Dachform, wodurch ein klar lesbarer
Baukörper entsteht, der aus verschiedenen Blickwinkeln
unterschiedlich in Erscheinung tritt.
Im Inneren ist der Store über drei Ebenen organisiert.
Ein oberes Deck bindet direkt an den Park an und
bringt Tageslicht sowie die umliegende Vegetation in
die Raumfolge ein. Die Verkaufsflächen auf der unteren
Ebene stehen in direkter Verbindung zum Mall-Bereich.
Dazwischen verknüpfen eine skulpturale Treppe
aus Quarz und Glas sowie ein verglaster Aufzug die
Geschosse. Gestaffelte Podeste und Öffnungen schaffen
dabei gezielte Sichtbeziehungen durch den Raum.
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67
RETAILarchitektur
PRODUCT | LON HEXAGON
mit Akustikeinsatz
PROJECT | EDEKA, REGENSBURG
Design: Ben Elmecker
Materialseitig setzt das Projekt auf eine zurückhaltende,
hochwertig ausgeführte Palette: Natursteinwände,
polierte Edelstahlstützen, helle Terrazzo-Böden und
eine Holzdecke mit integrierter Beleuchtung prägen
den Innenraum. Vor allem im Zusammenspiel mit dem
gefilterten Tageslicht aus dem Oculus entsteht eine
helle, gleichmäßige Innenraumatmosphäre.
Auch die innere Fassadenlösung ist technisch bemerkenswert.
Die Retail-Fassade zum Mall-Bereich
wurde als Ganzglaskonstruktion mit einer Breite von
18 Metern und einer Höhe von 10 Metern aus nur
sieben großformatigen Glaselementen ausgeführt.
Hinzu kommen eine zentrale Eingangstür sowie zwei
verglaste Seitentüren.
PROFESSIONAL
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Aufgabenstellung ungelöst und keine Wünsche offenlässt.
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architektur FACHMAGAZIN
68
RETAILarchitektur
Brutalistische
Provokation
Ein Supermarkt als Installation: In Port de Pollença hat Minimal Studio den Nahversorger
in eine radikale Materialstudie aus Beton und recyceltem Kunststoff
verwandelt und damit den Akt des Einkaufens in eine räumlich choreografierte
Erfahrung umgewandelt.
Text: Linda Pezzei Fotos: Leonardo Condor
Mit „Plastic Box“ inszeniert Minimal Studio auf 193 m²
einen Perspektivwechsel: Der Supermarkt wird von
einem funktionalen Versorger zu einer architektonischen
Versuchsanordnung. „Plastic Box“ sei aus einem
Zusammenprall von Beton-Brutalität und transparenter
Fragilität entstanden, erklärt Juan David
Martínez Jofre, Gründer und Geschäftsführer des
Studios. Der Entwurf versteht sich als bewusster Widerspruch:
„Die Anmutung von Rohheit, Schwere und
Permanenz trifft auf etwas Leichtes, Reflektierendes,
beinahe Ephemeres.“
Von außen erscheint der Markt als reduzierter Sichtbetonkubus,
eine rohe, ornamentlose Hülle mit dunklen
Portalen, die den Übergang ins Innere effektvoll
inszenieren. Dort setzt sich die monolithische Sprache
in Form von polierten Betonböden, massiven
Betontischen und Stahlregalen fort. Lichtkontraste
und Schatten übernehmen die Inszenierung der
Produkte anstelle grafischer Signaletik. „Wenn jedes
Detail einen Grund hat zu existieren, wird Ästhetik
strukturell“, so Martínez Jofre. „Die Balance zwischen
Schönheit und Funktion ist kein Kompromiss, sondern
Kohärenz.“
www.architektur-online.com
69
RETAILarchitektur
Das ikonische Element des Projekts ist eine zweite,
innere Hülle in Form einer Decke aus über tausend
recycelten Industrie-Plastikkisten. Rasterförmig angeordnet,
filtern sie Tageslicht, integrieren LED-Beleuchtung
und nehmen Lüftungs- sowie weitere
Haustechnik auf. „Der Kunststoff, der oft als Wegwerfmaterial
abgetan wird, bekommt hier ein zweites
Leben“, sagt Martínez Jofre. „Er wird aufgearbeitet,
neu interpretiert und zur Architektur erhoben.“ Die
transluzenten Module werfen geometrische Schatten,
die sich im Tagesverlauf verändern und den
Raum in eine Lichtmaschine verwandeln.
Auch die Wegeführung folgt keiner konventionellen
Logik aus Regalachsen und Effizienzdiagrammen.
„Wir behandeln die Zirkulation wie eine Choreografie.
Bewegung wird nicht diktiert, sondern komponiert.“
Anstelle klassischer Zonen entsteht eine Abfolge unterschiedlicher
„emotionaler Temperaturen“: Kälte,
Helligkeit und Stille. Der Weg wird so zur narrativen
Sequenz. „Der Supermarkt ist für uns eine atmosphärische
Maschine“, so Martínez Jofre. „Zwischen
Regalwiederholung und Produktdichte entsteht ein
stiller Dialog zwischen Nutzer, Geometrie und Licht.“
Im touristisch geprägten Norden Mallorcas gewinnt
diese Überhöhung der Alltagstypologie an Schärfe.
Der Nahversorger wird zur Bühne, auf der Konsum
organisiert und zugleich reflektiert wird. Dabei ist die
bewusste Provokation des Materials zentral. „Unsere
Absicht war nie, Plastik zu glorifizieren, sondern sein
Potenzial jenseits des Konsums sichtbar zu machen.“
Indem das Material konstruktiv und räumlich aufgewertet
wird, verschiebt sich seine Symbolik vom
Zeichen des Überflusses zum Träger von Dauerhaftigkeit
und Licht. „Nachhaltigkeit ist hier nicht dekorativ,
sondern existenziell“, betont Martínez Jofre.
„Es ist eine Provokation in Präzision – eine Kritik, die
nicht predigt, sondern verführt.“
Trotz der konzeptuellen Schärfe bleibt das Projekt
ein hoch regulierter Einzelhandelsraum. Lichtplanung,
Ergonomie und Toleranzen verlangen technische
Präzision. Für Minimal Studio ist diese Disziplin
kein Widerspruch zur künstlerischen Handschrift:
„Retail verlangt Kontrolle. Für uns sind diese Regeln
wie eine Partitur, die Ausdruck durch Disziplin ermöglicht.“
Die Stärke des Projekts liegt in der physischen
Schwere des Betons und der Präzision der
Details. „Minimalismus bedeutet hier nicht Abwesenheit,
sondern perfekt kalibrierte Spannung.“
So wird die Plastic Box zu einem architektonischen
Kommentar über Konsum und Nachhaltigkeit und zu
einer gebauten These, dass selbst ein Supermarkt
eine räumliche Erzählung sein kann.
architektur FACHMAGAZIN
70
RETAILarchitektur
Sinnliche Substanz
Am Neuen Wall in Hamburg hat Polène seine erste deutsche Boutique eröffnet
– ein haptisches Erlebnis, gestaltet von Snøhetta. Für Peter Girgis, Senior Interior
Architect und Project Lead bei Snøhetta, begann der Entwurfprozess mit der
Stofflichkeit selbst. Eine „transdisziplinäre Materialsprache“ verbinde, so Girgis,
sinnliche Erfahrung, emotionale Resonanz und Kontext. Oberflächen seien nie bloße
Hülle, sondern Träger von Funktion, Atmosphäre und Narrativ.
Text: Linda Pezzei Fotos: Benoit Florençon
Im Hamburger Store wird diese Idee greifbar. Die weich
modellierten Lehmwände sind laut Girgis „inspiriert
vom menschlichen Körper und von der Beziehung der
Stadt zum Wasser“. Ziegel zitieren das hanseatische
Stadtbild, dunkles Holz führt in das Polène-Universum.
Das Ziel war eine Gestaltung, die Körper, Marke und urbanen
Kontext miteinander verschränkt. Dabei spielte
der Ort eine zentrale Rolle. „Der erste Impuls ergab
sich beim Durchstreifen der Stadt.“ Straßenräume,
Nachbarschaft und Lichtstimmungen flossen in
Form und Stofflichkeit ein. Ziel war ein Flagship-Store
mit unverwechselbarer lokaler Verankerung.
Der Ziegelboden greift die Straßenbeläge Hamburgs
auf und holt ein Stück des öffentlichen Stadtraums
ins Innere. Er bildet im Eingangsbereich einen gezielten
Kontrast zum sonst eleganten Markenraum
definiert den Übergang zur rauen Hafenstadt. Während
Cortenstahl-Säulen industrielle Motive zitieren,
erzeugen gerundete Wandnischen und organisch
geformte Einbauten Ruhe. Das zurückhaltende Licht
modelliert Texturen und Vertiefungen, ohne dabei Effekte
zu suchen. Die Atmosphäre wirkt konzentriert
und beinahe entschleunigt.
Ein prägender Aspekt ist der Einsatz von Upcycling.
„Upcycling verändert die Hierarchie im Interieur, indem
es den Wert von Neuheit hin zu Kreativität und
Bedeutung verschiebt“, erklärt Girgis. In der spanischen
Manufaktur Ubrique wurden 488 Kilogramm
Lederreste aus den Archiven des Hauses zu Theken
und Möbeln verarbeitet. Die geschichteten Oberflächen
in Beige-, Camel- und Cognactönen erinnern an
geologische Sedimente.
www.architektur-online.com
71
RETAILarchitektur
„Anstatt polierte, kostspielige Materialien dominieren
zu lassen, gewinnen wiederverwendete Elemente
durch ihre Geschichte und Textur an Präsenz.“
Das recycelte Leder steht dabei im Zentrum und ist
sowohl sichtbar als auch haptisch erfahrbar. Auch
das Handwerk bleibt präsent. „Letztlich sind es die
Produzenten und Handwerker, die unseren Entwürfen
ihren finalen Eindruck geben.“ Eine eigens eingerichtete
Werkstattzone macht die Verarbeitung
nachvollziehbar. Werkzeuge, Materialproben und
Maschinen wie Walke oder Flexometer verweisen
auf den Herstellungsprozess. Nussbaum und Edelstahl
im Boden markieren die Schwelle zwischen
Werkstatt und Verkaufsfläche.
Für Girgis ist Authentizität der Schlüssel zeitgenössischer
Markenarchitektur. Ein Store müsse heute
mehr sein als eine reine Verkaufsfläche, er solle sich
über Licht, Haptik und Atmosphäre einprägen. Der
Polène Store in Hamburg übersetzt dieses Prinzip in
ein sinnliches Einkaufserlebnis, das nicht auf Inszenierung,
sondern auf Substanz setzt. Es ist ein Ort,
der zur Verlangsamung und zur bewussten Begegnung
mit Material und Handwerk einlädt.
architektur FACHMAGAZIN
72
RETAILarchitektur
Stadt im Kleinen
Der Kiosk – Als Schnittstelle zwischen Stadtmöbel, Pavillon und Infrastruktur
bündelt er konstruktive, funktionale und soziale Fragen im Miniaturmaßstab. Von
modularen Klassikern wie dem K67 bis zu aktuellen Beispielen in Cannes, Berlin,
Luxem burg und Thüringen zeigt sich: Mikroarchitektur ist heute ein vielversprechendes
Testfeld für reversible, nachhaltige und mehrfach nutzbare Stadtbausteine.
Text: Linda Pezzei
Prüfstein im Kleinen
Kaum eine Bauaufgabe verdichtet so viele Anforderungen
auf so wenig Fläche wie der Kiosk. Er muss
sichtbar sein und robust, offen und sicher, effizient im
Betrieb und dennoch einladend im Stadtraum. Seine
Hülle ist nicht Fassade im repräsentativen Sinn, sondern
Arbeitsgerät: Schutz, Klappe, Theke, Vordach,
manchmal Bühne. Gleichzeitig hängt die Typologie
an Infrastruktur – Strom, Wasser, Daten, Entsorgung,
Logistik – und wird damit zum kleinsten gemeinsamen
Nenner urbaner Versorgung. Genau darin liegt
seine architektonische Relevanz: Im Minimalmaßstab
wird deutlich, was Städte im Großen ausmacht – Öffentlichkeit,
Nutzungsmischung, Ressourcen, Wiederverwendbarkeit.
Eine Frage der Typologie
Der Kiosk bewegt sich im Dreieck aus Stadtmöbel,
Pavillon und Infrastruktur. Als Stadtmöbel belebt er
Plätze, Wegkanten und Zwischenräume; als Pavillon
ist er freistehend, allseitig adressiert, ein Zeichen im
Raum; als Infrastruktur organisiert er Betrieb, Technik
und Standards. Das Ergebnis ist eine Architektur
der Schwelle: nicht ganz innen, nicht ganz außen –
und genau deshalb sozial wirksam. Mikroarchitektur
kann hier schnell reagieren: temporär, teilpermanent,
adaptierbar. Für Städte ist das attraktiv, weil mit
geringem Eingriff neue Programme erprobt werden
können: von Nahversorgung über Information bis hin
zu Care-Angeboten.
Reversibel, seriell, resilient – warum jetzt?
Kioske sind heute so zeitgemäß, weil sie eine konkrete
Antwort auf drei Druckzonen geben: Klimaanpassung
(Schatten, Aufenthaltsqualität, kurze
Bauzeiten), ökonomische Unsicherheit (kleine Investitionen,
flexible Programme) und den Bedarf an
niederschwelliger sozialer Infrastruktur. Entscheidend
ist dabei weniger das „Objekt“ als das System:
Vorfertigung, modulare Bauteile, trockene Montage,
Rückbau- und Wiederaufbauoptionen.
Der Kiosk als Stadtlabor
Kioske sind keine Randnotiz der Stadtgeschichte,
sondern ein konzentriertes Versuchsfeld für ihre Zukunft.
Im Minimalmaßstab werden hier Fragen verhandelt,
die den öffentlichen Raum insgesamt betreffen.
Wie viel Permanenz braucht Infrastruktur? Wie
viel Offenheit verträgt Öffentlichkeit? Wie lassen sich
Ressourcen sparen, ohne Präsenz zu verlieren?
Die aktuellen Beispiele zeigen, wie der Kiosk heute
über den Verkauf hinaus als sozialer Katalysator,
landschaftlicher Marker oder medizinischer Versorgungsbaustein
wirken kann. Gerade weil er klein ist,
zwingt er zu architektonischer Klarheit – konstruktiv,
funktional und stadträumlich. Wer den Kiosk ernst
nimmt, nimmt die Stadt ernst.
Restauriertes K67-Modul in Berlin-Kreuzberg:
Das 1966 entwickelte, glasfaserverstärkte
System von Saša J. Mächtig zeigt bis heute die
Anpassungsfähigkeit serieller Mikroarchitektur
– hier als Café neu programmiert.
© Joe Clark
www.architektur-online.com
73
RETAILarchitektur
Fotos: Aldo Amoretti
7 Kiosks, Cannes
Heams & Michel Architectes
In Cannes definieren sieben vorfabrizierte Kioske die
Allées de la Liberté als Sequenz fein gesetzter Stadtbausteine.
Trotz unterschiedlicher Funktionen – von
Fast Food über Boule bis Sanitär und Technik – war
eine einheitliche Gestaltung zentral, um einen konsistenten
Look zu erzeugen, den Raum zu strukturieren
und eine klare Identität zu schaffen. Konstruktiv sind
die Kioske als Aluminiumstruktur mit pulverbeschichteten
Paneelen und einer zusätzlichen, netzartigen
Aluminiumhülle gedacht; im Betrieb klappen zwei ge-
genüberliegende Längselemente als Vordächer auf,
unterstützt durch Gasdruckzylinder. Das Spannende
ist die stadträumliche Doppelrolle: Offen werden die
Kioske „zum Ereignis“, geschlossen wirken sie wie
rätselhafte Stadtmöbel; tags moduliert das Maschengeflecht
Licht und Schatten, nachts werden sie zur
Laterne mit umlaufenden Lichtbändern. Vorfertigung
als Trockenbau im Werk reduziert Bauzeit, Störungen
und Abfall – ein Musterbeispiel dafür, wie serielles
Bauen im Kleinen urbane Ästhetik erzeugt. u
Vorgefertigter Aluminiumkiosk mit netzartiger
Doppelfassade auf den Allées de la Liberté
in Cannes: Klappbare Fassadenelemente
transformieren das geschlossene Volumen
tagsüber in einen offenen Pavillon.
architektur FACHMAGAZIN
74
RETAILarchitektur
© Ignacio Bandera
Café Leo, Berlin
Sophie & Hans
Der Kiosk auf dem Leopoldplatz in Berlin-Wedding
wird zur sozialräumlichen Infrastruktur: ein Pavillon,
der öffentliche Ordnung durch Sichtbarkeit und Begegnung
stiften will, statt auf Verdrängung zu setzen.
„Selbst der kleinste architektonische Eingriff
kann Veränderungen bewirken“, so die Architekten.
Offenheit und Transparenz machen das Haus zur
Erweiterung des Platzes; soziale Interaktion wird
sichtbar und teilbar. Bemerkenswert ist die konstruktive
Konsequenz: Als temporäre Struktur konzipiert,
setzt das Café Leo auf eine modulare Holzbauweise,
die Abbau und Wiederaufbau an einem anderen Ort
ermöglicht. Reversibilität erscheint hier als gesellschaftliche
Selbstverständlichkeit statt als technisches
Add-on: Architektur bleibt beweglich, weil sich
die Bedürfnisse ändern.
© Bryn Donkersloot
Inklusiver Holzpavillon auf dem Leopoldplatz in Berlin-Wedding: Kiosk, Café und
sozialräumliche Infrastruktur in einem transparenten, modular aufgebauten
Baukörper.
BUCHTIPP
KIOSK – The Last Modernist Booths Across Central and Eastern Europe
Zupagrafika
Das Fotobuch dokumentiert über
150 modernistische Verkaufskioske
in Mittel- und Osteuropa –
darunter ikonische Systeme wie
der K67 von Saša J. Mächtig. Die
Fotografien zeigen aktive, umgenutzte
und verfallende Exemplare
und lesen die Typologie als gebaute
Alltagsgeschichte zwischen
Spätsozialismus und Gegenwart.
Ein Essay und historische Einordnung
rahmen die „letzten modernen
Buden“ als schützenswerten
Teil urbaner Identität.
www.zupagrafika.com/kiosk
www.architektur-online.com
75
RETAILarchitektur
Gesundheitskioske Seltenrain, Thüringen
PASEL-K Architects
In der Dorfregion Seltenrain wandelt sich die Typologie
von der Waren- zur Versorgungsinfrastruktur. Im
Rahmen der IBA Thüringen sind in zentraler Ortslage,
jeweils an Bushaltestellen, fünf Gesundheitskioske
als Teil eines gemeindeübergreifenden Gesundheits-,
Pflege- und Versorgungsnetzwerks entstanden. Die
Kioske sind als eine „architektonische Familie“ konzipiert:
Sie sind zusammenhängend und doch standortspezifisch
gestaltet und tragen durch Experimente
an Dach-, Wand- und Fassadenkonstruktionen zur
Thüringer Holzbaukultur bei. Nachhaltigkeit wird
hier dreifach umgesetzt: Es handelt sich um klimaneutrale,
unbehandelte Holzbauten (inklusive Solarversorgung).
Besonders relevant ist zudem die soziale
Nachhaltigkeit, die durch kollaborative Prozesse
vom offenen Baubüro bis zum gemeinsamen Aufbau
mit den Dorfbewohnern erreicht wurde. Der Kiosk
wird so zum Prototyp einer neuen ländlichen Baukultur:
klein, identitätsstiftend und wirksam.
Teil eines gemeindeübergreifenden
Versorgungsnetzwerks: Der Holzpavillon
bündelt Beratungsraum, Wartebereich und
Mobilitätsinfrastruktur als identitätsstiftender
Baustein im Dorfzentrum.
Fotos: Thomas Müller
architektur FACHMAGAZIN
76
RETAILarchitektur
Fotos: BoysPlayNice
Lesní koupaliště – Waldschwimmbad, Liberec
Mjölk architects
Am historischen „Forest Pool“ in Liberec , Tschechien
wurde der Kiosk zum Ausgangspunkt einer umfassenden
Revitalisierung. Nach einem Brand und
jahrzehntelangem Verfall initiierten lokale Akteure
gemeinsam mit Mjölk architects die Wiederbelebung
der Anlage. Ausgangspunkt war ein einfacher, kosteneffizienter
Holzbau, der Bistro, Servicefunktionen
und Infrastruktur bündelt. Die Konstruktion kombiniert
CLT-Elemente und Holzrahmenbau mit einer
leichten, überkragenden Stahl-Dachstruktur. Diese
integriert offene Funktionen wie Duschen und Umkleiden
wie unter einem schützenden Schirm. Innenund
Außenraum gehen fließend ineinander über und
der Kiosk wird zur Schwelle zwischen Wasser, Wald
und Gemeinschaft. Bemerkenswert ist weniger die
formale Geste als die Umsetzung: phasenweise Realisierung,
partizipative Finanzierung und hohe Reversibilität.
Hier zeigt sich, dass Mikroarchitektur nicht
nur städtische Verdichtung organisieren kann, sondern
auch im Landschaftsraum als minimaler, aber
wirksamer Infrastrukturbaustein funktioniert – klein
im Maßstab, groß in der Wirkung.
www.architektur-online.com
77
| IO02G |
Kompakt, stark,
zuverlässig: die
Beckhoff Stromversorgungen
RETAILarchitektur
Schlanker Pavillon im UNESCO-geschützten
Landschaftsraum der Pétrusse-Schlucht: reversible
Holzbauweise und klare Proportionen als zurückhaltender
Eingriff zwischen Natur und Stadtraum.
Kiosk Parc Pétrusse, Luxemburg
new new / New Architekten
© New Architekten BDA
Im Parc Pétrusse wird Mikroarchitektur als konzentrierter
Eingriff in eine sensible Landschaft beschrieben
– und zugleich als Statement. Michael Weichler
formuliert dazu einen Anspruch, der über die Gestaltung
hinausgeht: Mikroarchitekturen tragen „quasi
keinen Ballast“ und können konzeptuell sowie konstruktiv
frei agieren. Genau darin liege aber auch die
Verpflichtung, den Spielraum zu nutzen, „um Wohltat
oder Stachel im Auge des Betrachters zu sein“. Diese
Haltung macht deutlich, warum der Kiosk heute wieder
relevant wird. Er ist klein genug, um schnell zu
reagieren, und groß genug, um im Stadtraum Position
zu beziehen.
•
lange Lebensdauer und hohe Zuverlässigkeit durch geringe
Verlustwärme
hoher Wirkungsgrad von bis zu 96,3 % durch optimierte
Konvektionskühlung
ideal für Motion-Anwendungen dank hoher Rückspeisefestigkeit
universell einsetzbare 24/48-V-DC-Geräteserien im kompakten
Gehäuse
Starten von anspruchsvollen Lasten mit kurzzeitiger
Überlastfähigkeit von 150 %
erweiterter Funktionsumfang durch Puffer-, Redundanzmodule
und DC/DC-Wandler
zusätzliche Geräteserie mit EtherCAT-Schnittstellen
Scannen und mehr
über das Portfolio
der Stromversorgungen
erfahren
Halle 27,
Stand G56
architektur FACHMAGAZIN
78
Produkt News
Ein geschwungenes Log50-Profil in grüner Oberflächenlackierung
zieht sich als durchgängiges Lichtband
über das gesamte Obst- und Gemüsesortiment und
akzentuiert diese Zone als eigenständigen Bereich.
Licht, das Produkte lebendig macht
EDEKA zählt zu den bedeutendsten Lebensmittelhändlern Deutschlands. Für die
Standorte in Regensburg und Gaimersheim entwickelt Molto Luce nun ein umfassendes
Retail-Lichtkonzept: Die Projekte verdeutlichen, wie präzise sich die spezifischen
Anforderungen des Lebensmittelhandels durch einen gezielten Einsatz der
passenden Leuchten, Spezial-Lichtfarben und Akzentuierungen einzelner Zonen
im Geschäft erfüllen lassen. Professionelle Lichtplanung führt zu individuellen Konzepten,
die sowohl funktional als auch langfristig wirtschaftlich überzeugen.
Insbesondere im Lebensmittelhandel geht es darum,
die einzelnen Warengruppen bestmöglich zu präsentieren.
Regale und Gänge sind optimal auszuleuchten,
Zonierungen müssen für zusätzliche Orientierung
der Kunden sorgen. Spezial-Lichtfarben spielen im
Frischebereich eine bedeutende Rolle, damit Fleisch,
Fisch, Obst und Gemüse sowie Brot und Backware
besonders authentisch und mit hohem Appetite Appeal
präsentiert werden. Bei Edeka kommen an den
Frischetheken MOVA Einbaustrahler zum Einsatz
-u.a. wird mit der Real Meat Lichtfarbe durch erhöhte
Rotanteile das Fleisch besonders frisch und saftig
dargestellt. Im Tiefkühlbereich sorgen VALO-Pendelleuchten
mit erhöhten Blauwerten für die Wahrnehmung
von Frische und Kühle.
www.architektur-online.com
79
Produkt News
Im EDEKA CENTER REGENSBURG wurden in der
Mall BASIC ABSORBER ROUND mit integrierten BI-
DO-Leuchten an einer 3-Phasen-Schiene montiert,
wodurch eine harmonische Deckenstruktur mit
gleichzeitig akustikverbessernder Wirkung entsteht.
Im Kassenbereich sorgen BAFFELN mit integrierten
MOVA-Strahlern für optimale Ausleuchtung.
Molto Luce GmbH
T +43 (0)7242 698-0
office@moltoluce.com
www.moltoluce.com
Faltscherenläden.
Design trifft
Individualität.
Machen Sie Ihre Fassade
zum architektonischen Highlight.
Unsere patentierten
Faltscherenläden, ausgezeichnet
als Architects’
Choice, vereinen innovative
Technik mit maximaler Gestaltungsfreiheit.
Genießen
Sie Sonne ohne Hitze. Die
verstellbaren Flügel passen
sich dank unserer smarten
Steuerung automatisch dem
Sonnenstand an. Inspired by
the Sun.
architektur FACHMAGAZIN
80
Produkt News
Schalter als
Kommunikationswerkzeug
Schalter gehören zu den meistgenutzten Elementen eines
Raums. Sie werden berührt, ohne wahrgenommen zu werden,
genutzt, ohne hinterfragt zu werden. Dabei sind sie die
Schnittstellen zwischen Menschen und Architektur; sie sind
entscheidende Momente der Interaktion. Gestaltung, Material
und Farbe bestimmen, ob die Bedienung intuitiv, klar oder
vielleicht sogar emotional wirkt.
Euro Unitech Elektrotechnik
Gesellschaft .m.b.H.
T +43 (0)1 662 72 50
office@eurounitech.at
www.eurounitech.at
Nach Kooperationen mit der Ippolito Fleitz Group,
Marie Van Eijk, GRAFT und Komo setzt JUNG die
Schalter-Reihe JUNG UNIQUE nun gemeinsam mit
dem spanischen Kreativstudio Melon Breakers fort.
In der neuen Kollektion JUNG UNIQUE x Melon Breakers
werden Farbe und Form gezielt eingesetzt, um
Funktion sichtbar zu machen, Abläufe zu strukturieren
und Technik verständlich zu übersetzen. Ausgangspunkt
des Gestaltungskonzepts ist das Tangram
– eine universelle, geometrische Formensprache,
die Logik, Klarheit und Kreativität verbindet. Die
Kollektion ist modular angelegt und umfasst unterschiedliche
Farbsysteme – von einfarbigen Akzenten
über mehrfarbige Varianten bis hin zu bewusst kräftigen,
kontrastreichen Kombinationen. Die quadratische
Grundform des JUNG Klassikers LS 990 wird
dabei konsequent weitergedacht und durch ein klar
entwickeltes ikonografisches System ergänzt mit
Symbolen zur Steuerung von Belichtung, Belüftung,
Temperatur und Sound.
www.architektur-online.com
81
Produkt News
Fotos: Bieffe Render
Das Licht der Zukunft
Auf der Light + Building 2026 präsentierte Zumtobel ein Portfolio, das
technologische Präzision mit emotionaler Raumwirkung verknüpft.
LERIMA ist eine skalierbare Lichtlösung, die architektonische
Klarheit, hohen Sehkomfort und technologische
Zukunftssicherheit für moderne Arbeits-
und Lernumgebungen vereint. Die innovative
ECLIPSE-Optik bietet eine homogene Ausleuchtung,
eine sanftere Lichtwirkung und verbessert die Wahrnehmung
bei konzentrierten Tätigkeiten. Das neu
eingeführte mountingGO-Montagesystem vereinfacht
dabei Installation, Wartung und Anpassung der
Lichtlösung erheblich.
Mit der vorgestellten Konzeptstudie MATRIX gehen
die Lichtexperten zudem weit über die Präsenzerkennung
im Büro hinaus: In der Konzeptstudie werden
verschiedene Technologien auf neuartige Weise
in einer Leuchte kombiniert, um Licht gezielt und in
Echtzeit an sich verändernde Tätigkeiten anzupassen.
Dazu werden über 100 LEDs direkt und pixelgenau
angesteuert und das Licht bedarfsgerecht in
verschiedene Richtungen gelenkt.
Und die international etablierte Weltrekord-Lichtdecke
CIELUMA erfährt mit der Sonder-Option „Move“
eine emotionale Evolution. Wo bislang statisches Licht
und optional akustische Funktionen im Mittelpunkt
standen, eröffnet CIELUMA Move eine neue Dimension
räumlicher Inszenierung: organische Bewegung.
Ebenso gezeigt wurde die Erweiterung der PANOS
III - Familie, die neue Maßstäbe in der Individualisierung
setzt. Neue dekorative Elemente für PANOS
R150 (Einbau-, Halbeinbau- und Pendelleuchten)
werden im 3D-Druckverfahren gefertigt. Das macht
auch Sonderlösungen erschwinglich und nachhaltig.
Zumtobel Lighting GmbH
T +43 (0)5572 390-0
info@zumtobel.info
www.zumtobel.com
architektur FACHMAGAZIN
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Produkt News
Zeit, Außenräume neu zu inszenieren
Mit den ersten milden Tagen verändert sich nicht nur das Stadtbild, sondern
auch die Art, wie Räume genutzt werden. Plätze sind belebter, Terrassen öffnen,
und Außenbereiche werden erneut zu Orten des Austauschs. Auch Büro- und
Verwaltungsgebäude entdecken ihre Außenflächen neu: Dachterrassen, Innenhöfe
oder Vorzonen werden zu informellen Meetingpoints, Rückzugsorten oder
kreativen Arbeitsbereichen im Freien – nicht als saisonales Add-on, sondern als
integralen Bestandteil moderner Arbeitswelten.
Bei der Gestaltung dieser Bereiche setzen Produkte
wie twin oder crona steel Maßstäbe, da sie Funktion
und Gestaltung konsequent verbinden. Der leichte,
stapelbare Kunststoffstuhl twin eignet sich besonders
für flexible Settings auf kleineren Terrassen. In
Kombination mit einem zurückhaltend gestalteten
Bistrotisch entstehen kommunikative Zonen, die sich
mühelos an wechselnde Anforderungen anpassen
lassen. Mit crona steel wiederum wird eine prägnante
Formensprache ins Freie übertragen. Die pulverbeschichtete
Stahlkonstruktion verbindet Stabilität mit
filigraner Wirkung. Unterschiedliche Farboptionen
eröffnen Spielraum für eine präzise Abstimmung auf
Fassade, Materialität und Umgebung.
Selmer GmbH
T +43 (0)6216 20210
info@selmer.at
www.selmer.at
www.architektur-online.com
83
Produkt News
Farbtrends 2026
Die Scouts des Caparol FarbDesignStudios
kürten den intensiven Blauton „Deep Ocean“
zur Interior-Trendfarbe 2026 und stellten
ihm gleich drei variantenreiche Farbwelten
zur Seite – für spannende und hochaktuelle
Farbkompositionen. Das faszinierend tiefe
und zugleich kühle Blau übernimmt dabei
die Hauptrolle in der Trendkollektion für das
kommende Jahr und wird mit 25 fein austarierten
Farbtönen in drei Farbwelten kombiniert:
Jede ist in sich perfekt abgestimmt,
ausgestattet mit dem Potenzial, eigenständige
Farbkonzepte anzustoßen. Die Farbwelten
sind keine geschlossenen Systeme, sondern
offen für gegenseitigen Austausch und lassen
sich vielfach miteinander kombinieren.
Synthesa Chemie
Gesellschaft m. b. H.
T +43 (0)7262 560-0
office@synthesa.at
www.synthesa.at
Nachhaltige Stadtentwicklung
mit Begrünungssystemen vom Marktführer
Zunehmender Flächenversiegelung
entgegenwirken, Regenwasser
regulieren, die Kanalisation entlasten,
das Stadtklima verbessern und
Aufenthaltsorte zum Wohlfühlen
schaffen.
OPTIGRÜN macht’s möglich!
Optigrün international AG | optigruen.at
architektur FACHMAGAZIN
84
Produkt News
Nutzdach als drittes Geschoss
Oben Spiel- und Grünflächen, darunter Nahversorgung im Ortskern: Beim Neubau
des EUROSPAR in Rohrbach-Berg wurde die Dachfläche als nutzbare Ebene in das
Gesamtkonzept integriert. Anlass war eine baurechtliche Vorgabe, wonach Verkaufsflächen
über 800 m² um ein „drittes Geschoss“ mit zusätzlichem Nutzwert
ergänzt werden sollten. Im konkreten Fall wurde das Dach an das benachbarte
Schulgelände angebunden und als Freizeit- und Grünfläche ausgebildet.
Hohe Anforderungen an
Konstruktion und Ausführung
Das Projekt entstand unter komplexen Rahmenbedingungen.
Neben einem Provisoriumsmarkt, dem
Abbruch des Bestands, einer Tiefgarage sowie laufenden
logistischen Abstimmungen mit Nachbarn
und Gemeinde stellte auch der Baugrund eine Herausforderung
dar: Statt der erwarteten Bodenverhältnisse
traf man auf Mühlviertler Granit, wodurch
Sprengarbeiten erforderlich wurden.
Besondere Anforderungen ergaben sich aus der Nutzung
der Dachfläche selbst. Das Dach in Stahlbetonbauweise
wurde für hohe Lasten ausgelegt. In Teilbereichen
kamen bis zu 80 cm Substrataufbau sowie
zusätzliche Fundamente für Spielgeräte zur Ausführung.
Entsprechend sensibel waren alle Durchdringungen
und Befestigungspunkte zu behandeln, um
die Abdichtung dauerhaft zu sichern.
www.architektur-online.com
85
Produkt News
Fachdialog
Fassadenplanung
„Zukunft Fassade“
am 21. April 2026
auch im YouTube-Livestream
Informationen und Anmeldung:
www.next-studio.de
Durchgängige Planung des Dachaufbaus
Gerade bei genutzten Dächern ist die Abstimmung
zwischen den Gewerken wesentlich. Beim Projekt
in Rohrbach-Berg wurde der Dachaufbau daher als
durchgängiges System geplant – von der Dampfsperre
und Wärmedämmung über die wurzelfeste
Abdichtung bis hin zum Schichtaufbau für Schutz,
Dränage, Filterung und Vegetation.
Aus planerischer Sicht bietet ein solcher Systemansatz
vor allem Vorteile bei der Schnittstellenkoordination,
der Dokumentation und der Zuständigkeit im
Ausführungsprozess. Das kann dazu beitragen, Risiken
in Planung, Ausführung und Betrieb zu reduzieren.
BESTAND
NEU
DENKEN.
Retentionsleistung und
mikroklimatischer Beitrag
Neben der Nutzung als Aufenthaltsfläche übernimmt
das Dach auch eine wasserwirtschaftliche Funktion.
Die Kombination aus intensiver und extensiver Begrünung
dient als Retentionsfläche und trägt dazu bei,
Niederschlagswasser temporär auf dem Dach zurückzuhalten.
Darüber hinaus kann die Begrünung einen
Beitrag zum Mikroklima im Ortszentrum leisten.
Bauder GesmbH
T +43 (0)7229 69130-0
info@bauder.at
www.bauder.at
Das Projekt in Zahlen
4.364 m² Dachfläche
2.376 m² Intensiv-Gründach: 90 % Starkregenrückhalt
1.302 m² Extensiv-Gründach: 70 % Starkregenrückhalt
1.930 m² Nutzfläche EUROSPAR Markt
Jetzt Dachgespräch lesen!
Systemaufbau
Dampfsperre: Bauder Super AL-E PLUS 40
Dämmung (Plan/Gefälle): BauderPIR FA + BauderPIR FA G20
Abdichtung (2-lagig, wurzelfest): BauderTEC KSA DUO 40 /
Bauder EP 4 WSB TF / BauderPLANT E
Schutz-/Drän-/Filter-/Vegetationsaufbau:
BauderGREEN FSM 600 / DSE 40 / FV 125 / CL-I
Tiefgarage (unter Asphalt, zweilagig):
BauderPONT EP 5 GA
NACHHALTIGE
TRANSFORMATION
Am Wiener Julius-Tandler-Platz wurde das Bürogebäude
„Francis“ nicht abgerissen, sondern gezielt saniert,
aufgestockt und energetisch optimiert. Zentrales Element
sind die angepassten Verbundfenster WICLINE 115 AFS
mit integrierter Verschattung und klarer Fassadenstruktur.
Zur nachhaltigen Transformation tragen Aluminiumprofile
aus Hydro CIRCAL 75R bei – mit mindestens 75 %
recyceltem End-of-Life-Material. Eine Lösung, die
architektonische Präzision, technische Leistungsfähigkeit
und Klimaschutz verbindet.
www.wicona.at
architektur FACHMAGAZIN
86
Produkt News
Fotos: DELVA Landscape Architects
Vom Strand aufs Gründach
Mit dem Projekt SILT ist im belgischen Middelkerke ein Bauwerk entstanden,
das die Grenzen zwischen Architektur und Landschaft auf eindrucksvolle
Weise auflöst. Direkt an der Nordseeküste gelegen, erhebt sich der markante
Neubau des Casino- und Veranstaltungsensembles, dessen begehbare Dachfläche
die Topografie der umliegenden Dünen aufgreift und sie für Besucherinnen
und Besucher erlebbar macht.
Die extensive Dachbegrünung ist dabei weit mehr
als ein gestalterisches Element. Sie übernimmt
wichtige ökologische und klimatische Funktionen
und ist integraler Bestandteil des nachhaltigen Gesamtkonzepts.
Durch ihre Wasserspeicherfähigkeit
trägt sie zur Retention von Niederschlägen und zur
verzögerten Ableitung bei. Gleichzeitig verbessert
die Vegetationsschicht das Mikroklima, reduziert
die Aufheizung der Oberflächen und unterstützt
die Einbindung des Baukörpers in das sensible Küstenökosystem.
Das Projekt zeigt, wie Dachflächen zu
identitätsstiftenden Orten werden können – als begehbare
Landschaften, die Mehrwert für Stadt, Klima
und Gesellschaft schaffen.
Optigrün international AG
T +43 (0)7 20111-310
info@optigruen.at
www.optigruen.at
www.architektur-online.com
Traumhaus für
Architekt:innen
In einem sanierungsbedürftigen Wohnhaus
von 1976 erkannte ein Architekt:innenpaar
das Haus ihrer Träume und verwandelte
es in ein modernes Familiendomizil. Großflächige,
bodentiefe Fenster – tief in die
Dämmebene eingelassen – sorgen nun für
lichtdurchflutete Räume. Anthrazitfarbene
Aluminiumrahmen und außenliegende Raffstoren
von Warema in der Farbe der Fensterprofile
ergänzen das minimalistische Design.
Die Warema Produkte ließen sich dafür in ein
bereits vorhandenes Smart Home System
integrieren – ebenso der einzige Rollladen
im Schlafzimmer. Und die großzügige Südterrasse
mit Pool wird von einer 5 x 7 Meter
großen Warema Kassetten-Markise Terrea
K70 verschattet. Ein Volant-Rollo schützt
zusätzlich vor der tiefstehenden Sonne.
WAREMA Austria GmbH
T +43 (0)662 853015-0
info@warema.at
www.warema.at
87
Produkt News
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BERATEN
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Die unsichtbare
Dachkante für moderne
Architektur
Wenn Design und Funktion präzise verschmelzen,
entsteht moderne Architektur
DURCHDACHTES SYSTEM MIT
LANGLEBIGER QUALITÄT
RoofEtics ® setzt neue Maßstäbe in der Gestaltung moderner
Gebäude: Klare Linienführung trifft auf ausgereifte
Technik. Die einzigartige Dachkante ermöglicht es,
kubische Architektur kompromisslos und ästhetisch umzusetzen.
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architektur FACHMAGAZIN
88
Produkt News
Nachhaltige Transformation
Im Zuge der Quartiersentwicklung am Wiener Julius-Tandler-Platz wurde das
Bürogebäude „Francis“ nicht abgerissen, sondern transformiert. Der zuvor
monofunktionale Bürobau aus den 1970er-Jahren wurde im Rahmen der Quartiersentwicklung
nach einem Konzept der ARGE Josef Weichenberger Architects ZT
GmbH / Delugan Meissl Associated Architects zu einem offenen, städtisch integrierten
Gebäude umgestaltet.
Fotos: Mediashots
Prägendes Element dabei sind die rund 4.800 m²
Verbundfenster im dritten bis siebten Obergeschoss
– basierend auf einer projektspezifisch angepassten
Ausführung des Systems WICLINE 115 AFS. Die Konstruktion
kombiniert einen Innen- und Außenflügel
– in der Kavität ist ein motorisierter Sonnenschutz integriert.
Die flächenbündige Nurglasoptik unterstützt
das klare, horizontale Fassadenbild und erzeugt eine
homogene Gesamtoptik. Die gewählten Verbundfenster
erfüllen höchste Anforderungen an den Wärme-
und Schallschutz. Zudem sichern sie eine hohe
Energieeffizienz. Darüber hinaus tragen die Aluminiumprofile
aktiv zur Verbesserung der Klimabilanz bei.
Sie bestehen aus Hydro CIRCAL 75R – einer Aluminiumlegierung
mit mindestens 75 % End-of-Life-Material
und einem CO 2 -Fußabdruck von nur 1,9 kg CO 2 pro
Kilogramm Aluminium.
Hydro Building Systems Austria GmbH
T +43 (0)6212 20000
info@wicona.at
www.wicona.at
www.architektur-online.com
89
Produkt News
Historisches Erbe trifft modernen Komfort
Die historische Art-déco-Glasfassade des ehemaligen Designstudios Wilmotte &
Industries in Paris betont die Eleganz des Gebäudes. Bei der Sanierung des Ensembles
wurde nun eine Brücke zwischen dem baukulturellen Erbe und modernen Anforderungen
an Komfort, Nutzung und Langlebigkeit geschlagen.
Durch die Neuverglasung mit FINEO Vakuumisolierglas
konnte ein zeitgemäßer bauphysikalischer
Standard erreicht werden, ohne die bestehende Unterkonstruktion
zu verändern. Die zentrale Innovation
der FINEO-Verglasung liegt in dem versiegelten, vakuumierten
Raum von nur 0,1 Millimetern Dicke zwischen
zwei Glasscheiben, der sowohl eine sehr hohe
Energieeffizienz als auch eine bislang unerreichte
Schlankheit ermöglicht. Dies sorgt für eine hervorragende
Wärmedämmung mit einem Ug-Wert von 0,7
W/(m²K) bei einer Gesamtdicke von lediglich 6,7 Millimetern
in der Minimalversion, gleiches gilt für den
Schalldämmwert Rw, der in den Standard-Konfigurationen
36 Dezibel und in der Verbundglasausführung
mit dem Schallschutzglas Stratophone von AGC bis
zu 45 Dezibel erreicht.
FINEO by AGC
www.fineoglass.eu
www.agc-yourglass.com
architektur FACHMAGAZIN
90
Produkt News
Fotos: skarDaRiz courtesy KUP-ARCH Architekten
Monolithische Schutzhülle
In der alpinen Topografie Südtirols ist Architektur oft ein Balanceakt zwischen
funktionaler Notwendigkeit und landschaftlicher Integration. Das neue
Zivilschutzzentrum für vier Rettungsorganisationen in Sarnthein, entworfen
vom Büro KUP-ARCH, löst dieses Spannungsfeld durch eine klare Formsprache
und eine außergewöhnliche Materialität auf.
Dominierendes Element ist die markante Hülle
aus dunkelgrauen Zinkblechen. Diese verleiht dem
Volumen eine monolithische Stärke, die durch ein
prägnantes, individuell gestaltetes Muster aufgebrochen
wird. Ein technisches wie ästhetisches
Highlight sind die integrierten Faltscherenläden
von Griesser (Modell SL Slim). Diese wurden maßgefertigt
und mit dem spezifischen Designmuster
der Fassade versehen. Im geschlossenen Zustand
verschmelzen sie nahezu unsichtbar mit der Gebäudehülle.
Im geöffneten oder teilgeöffneten Zustand
rhythmisiert die motorisierte Beschattung die Fassade
und verleiht dem Baukörper eine plastische
Tiefe. Das Projekt zeigt eindrucksvoll, wie moderne
Schutzbauten durch intelligente Details und hochwertige
Sonnenschutzlösungen sowohl technische
Höchstleistung als auch architektonischen Anspruch
erfüllen können.
Griesser Austria GmbH
T +43 (0)5525 64222-0
info@griesser.at
www.griesser.at
www.architektur-online.com
91
Produkt News
Klare Kante
Das 2024 fertiggestellte Wohn- und Geschäftshaus Rohner in
Schwarzach (Vbg.) zeigt, wie der Übergang zwischen Dach
und Fassade als feine, durchgehende Linie ausgebildet
werden kann. Erstmals in Österreich wurde dort das Fassadendachkanten-System
RoofEtics® umgesetzt, bei
dem die sonst übliche Dachrandabdeckung aus Blech
entfällt. Dadurch bleibt die Fassadenfläche optisch
ungestört und die Geometrie des Baukörpers tritt
klarer hervor. Das unterstützt eine ruhige, reduzierte
Architektursprache, die ohne sichtbare
Fremdmaterialien am Dachrand auskommt.
Herzstück des Systems ist das dreiteilige,
patentierte ProAttika Profil. Es ist ideal auf
RÖFIX EPS-Fassadendämmsysteme abgestimmt
und mit Mineralwolle sowie PURoder
PIR-Dämmplatten kompatibel. Der
Übergang vom Dach zur Fassade ist hinterlaufsicher
und wärmebrückenfrei. Die
Ausführung erfolgt gewerksübergreifend
durch zertifizierte RoofEtics® Fachpartner:
Der Fassadenbauer integriert das System
in die Fassade, während der Dachdecker
den dichten und sicheren Anschluss an
das ProAttika Profil gemäß Vorgaben erstellt.
Dieser Ablauf gewährleistet Qualität
und Sicherheit und macht aus einer
architektonischen Vision eine langlebige
Lösung, die sich nahtlos in bestehende
Bauprozesse integriert.
RÖFIX AG
T +43 (0)5522 41646-0
office.roethis@roefix.com
www.roefix.com
architektur FACHMAGAZIN
92
Produkt News
Ziegel „sourced in Vienna“
Der Wiener U-Bahn-Ausbau schreibt Nachhaltigkeitsgeschichte: Durch ein Pilotprojekt
der Wiener Linien und wienerberger konnte für das Aushubmaterial der
Verlängerung der U2 eine Innovation für nachhaltiges Bauen entwickelt werden.
Der Ton aus dem U-Bahn-Bau wird für die Herstellung
von hochwertigen Ziegeln verwendet. Insgesamt
werden so aus dem bisherigen Aushub 2,8 Millionen
Stück “U-Bahn-Ziegel“ in den wienerberger-Werken
in Hennersdorf bei Wien und in Göllersdorf (NÖ)
produziert, die ab Mai im regulären Baustoffhandel
erhältlich sein werden und für sämtliche Bauprojekte
einsetzbar sind.
Das Pilotprojekt verdeutlicht, wie urbane Kreislaufwirtschaft
funktionieren kann. Das Aushubmaterial,
konkret aus der Verlängerung der U2 bis zum Matzleinsdorfer
Platz, wird nicht deponiert, sondern als
wertvoller Rohstoff genutzt: Das qualitativ hochwertige
Material wird zentral über den Matzleinsdorfer
Platz ausgehoben, zu den beiden wienerberger Ziegelwerken
transportiert und wie herkömmlicher Ton
zu Ziegeln weiterverarbeitet. Bisher wurden 35.000 m 3
hochwertiger Wiener Ton von der Tunnelvortriebsmaschine
„Debohra“ ausgegraben und an wienerberger
übergeben.
Wienerberger AG
T +43 (0)1 60192-0
office@wienerberger.com
www.wienerberger.at
www.architektur-online.com
Messbare Schritte in
Richtung Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit bleibt für Baumit auch in wirtschaftlich
herausfordernden Zeiten ein zentrales Handlungsfeld.
Messbare Fortschritte wurden unter
anderem durch den verstärkten Einsatz von Recyclingmaterialien,
neue Verfahren in der Bindemittelproduktion
sowie den weiteren Ausbau energieeffizienter
Produktionsprozesse erzielt. Unter dem
Nachhaltigkeitsdach „GO2morrow“ bündelt das Unternehmen
seine Aktivitäten in den Bereichen ökologische,
ökonomische und soziale Verantwortung. Der
Ansatz reicht dabei über das Produkt selbst hinaus
und nimmt zunehmend auch Fragen der Kreislaufwirtschaft
in den Blick.
Im Fokus stehen Konzepte für geschlossene Materialkreisläufe
entlang des gesamten Lebenszyklus
– von der Herstellung über die Nutzung bis zum
Rückbau. Erste Projekte im Rahmen von GO2morrow
zeigen, wie sich Kreislaufwirtschaft im Baustellenalltag
praktisch umsetzen lässt.
Ein weiterer Baustein folgt im Frühjahr 2026 mit
dem Rücknahme- und Recyclingkonzept „Recyceln
statt kübeln“. Ziel ist es, die Entsorgung restentleerter
Kübel für Verarbeiter deutlich zu vereinfachen.
93
Fassader und Maler sammeln leere Kübel inklusive
Deckel direkt am Lager. Die gebündelt erfassten
Gebinde werden in kompletten LKW-Ladungen an
ARAplus übergeben, dort aufbereitet und anschließend
wieder in den Recyclingprozess zurückgeführt.
Das reduziert den Entsorgungsaufwand und schont
zugleich Ressourcen.
Produkt News
Baumit GmbH
T +43 (0)501 888-0
www.baumit.com
Alperia Merano - © OskarDaRiz
Fassaden jenseits jeder Vorstellung
Jedes Projekt bekommt sein eigenes Gewand. Wir realisieren atemberaubende Fassaden mit hohem technologischem
Anspruch, die die Grenzen jeder Vorstellung sprengen. Die Zukunft ist jetzt. www.pichler.pro
architektur FACHMAGAZIN
94
Produkt News
Außenwand mit Kassette, vorgesetzter Wärmedämmung und Planum®-Fassade
Schneller Leichtbau für die Logistik
Um die Produktionsstätten zur Getränkeherstellung und -lagerung vor Regen
und Schnee zu schützen, erhielten 25 Projekte des Getränkeunternehmens
Starzinger an unterschiedlichen Standorten bereits wetterfeste Gebäudehüllen
aus DOMICO Bausystemen.
Und auch für sein neues Logistikzentrum am Stammsitz
in Frankenmarkt/Oberösterreich setzte das
Unternehmen wieder auf die Leichtbauweise mit
DOMICO Dach- und Fassadensystemen, mit denen
die hohen Anforderungen an die Statik sowie den
Schall- und Brandschutz erfüllt werden konnten: Das
neue Starzinger-Logistikzentrum erhielt mit 4.200
m² Element-Dach, 3.700 m² Planum®-Fassaden und
4.425 m² Kassetten von DOMICO den Raum und
Schutz, um zahllose Getränkepaletten für den Versand
in über 40 Länder sicher zu managen.
DOMICO erzeugt an vier Produktionsstandorten
hochwertige Dach-, Hallen- und Fassadensysteme
aus Metall: Jedes Projekt wird dabei individuell geplant
und gefertigt. Aktuell werden so jährlich 20.000
Tonnen Metall für die unterschiedlichen Dach- und
Fassadensysteme verarbeitet.
DOMICO Dach-, Wandund
Fassadensysteme KG
T +43 (0)7682 2671-0
office@domico.at
www.domico.at
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Produkt News
Versickern mit Stil
Versickerungsflächen müssen nicht langweilig aussehen: Der
Pflastersteinhersteller Friedl Steinwerke bietet ein umfassendes
Angebot an Pflastersteinen mit aufgeweiteten Fugen, die
das Planen optisch ansprechender hydroaktiver Flächen erlauben.
Etwa die Rasenplatte Verso mit ihren diagonal verlaufenden
Betonstreifen und die Rasenplatte Verde mit horizontal
verlaufenden Betonstreifen sind besondere Blickfänge. Neu
entwickelt wurde eine Gehstreifenplatte, die mit der Rasenplatte
Verde ideal kombiniert werden kann und das Markieren
von Autoabstellflächen einfach macht. Oder das neue Arret
Öko B20 VG4 Kombipflaster: Ein Sickerpflaster mit integrierten
12 mm Abstandsnoppen und Verschiebesicherung VG4.
Für die Kombipflaster werden dabei automatisch mehrere Steingrößen
geliefert, was ein abwechslungsreiches Fugenbild erzeugt.
Friedl Steinwerke GmbH
+43 2618 3208
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Exoskelette
Exoskelette
Smarte Power fürs Bauhandwerk
Tragbare Hebe- und Montagehilfen, so genannte Exoskelette, können Bauhandwerker
bei Über-Kopf-Arbeiten oder beim Heben von Lasten unterstützen.
Welche Exoskelette gibt es, was können sie und worauf sollte man bei
der Auswahl achten?
Text: Marian Behaneck
Zum Berufsbild von Bauhandwerkern gehören
körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten.
Der Transport und die Montage von Mauersteinen,
Fenstern, Heizkörpern oder Sanitärobjekten,
das Klopfen oder Fräsen von
Schlitzen, die Arbeit mit schweren Geräten
oder Werkzeugen – häufig über Kopf – beanspruchen
Schultern, Nacken, Rücken,
Muskeln und Gelenke. Eine ständige, sich
immer wiederholende Belastung dieser Körperpartien
kann sich langfristig negativ auf
die Produktivität auswirken, zu krankheitsbedingten
Fehlzeiten und gesundheitlichen
Schäden führen. Eng am Körper getragene
Hebe-, Trage-, Montage- und Arbeitshilfen,
sogenannte Exoskelette („Außenskelette“),
versprechen Abhilfe.
Welche Exoskelette gibt es
und was können sie?
Exoskelette sind künstliche Hebe- und Tragehilfen,
die man sich wie einen Rucksack
umschnallen kann. Sie verstärken, stützen
und entlasten das Skelett und den Muskelapparat
und verhindern eine Überbelastung.
Die künstlichen Hebehilfen wiegen
zwischen ein bis fünf Kilogramm, sind für
10 bis 40 Kilogramm schwere Lasten oder
mehr ausgelegt und entlasten Muskelpartien
zwischen 20 bis 75 Prozent, je nach
Hersteller und System. Über verstellbare
Gurte und Manschetten werden sie mit
Armen, Schultern, Brust und Rücken sowie
den Oberschenkeln verbunden und lassen
sich an unterschiedliche Körpergrößen
anpassen. Polster sorgen für eine gleichmäßige
Verteilung der Lasten und beugen
Druckstellen vor. Je nach System, werden
unterschiedliche Körperteile wie Schulter,
Rücken, Beine, Ellenbogen, Handgelenke
oder Finger unterstützt. Am weitesten verbreitet
sind schulter- oder rückenunterstützende
Exoskelette. Unterschieden werden
Passive oder aktive Hebe- und Montagehilfen können den Arbeitsalltag erleichtern. © Htrius
passive und aktive Exoskelette, sowie Hybridsysteme.
Passive Systeme funktionieren
mit der Kraft elastischer Bänder, mechanischer
Federn oder Gasdruckfedern auch
ohne Energiezufuhr. Sie sind leicht, kompakt
und wartungsarm. Nur aus elastischen
Materialien bestehende Soft-Exoskelette
können auch unter der Arbeitskleidung getragen
werden, unterstützen allerdings keine
Über-Kopf-Arbeiten. Aktive Exoskelette
werden elektrisch oder pneumatisch angetrieben
und sind leistungsfähiger. Den
Strombedarf liefern Akkus, die Stärke der
Unterstützung wird manuell oder automatisch
geregelt. Einige erkennen KI-gestützt
Arbeitsabläufe automatisch und passen die
Unterstützung des Trägers in Echtzeit an.
Werden aktive Exoskelette mit dem Internet
der Dinge (IoT) vernetzt, lassen sich Aktivitäten
und Belastungswerte für statistische
Zwecke zur Analyse der geleisteten Arbeit
oder für die Abrechnung von Tätigkeiten
auswerten. In Industrie 4.0-Umgebungen
können sich einige Exoskelette mit Maschinen
oder Anlagen vernetzen, um mit ihnen
zu interagieren und so die Effizienz von Arbeitsabläufen
zu steigern.
Exoskelette in der Praxis
Der Einsatz von Exoskeletten empfiehlt
sich prinzipiell an allen nicht-stationären
Arbeitsplätzen und für Tätigkeiten, die auf
Über-Kopf-Arbeiten oder das Heben und
Tragen schwerer Lasten fokussiert sind –
und die gleichzeitig den Einsatz von technischen
Hilfsmitteln wie Galgenkränen,
Hubwagen oder Hubtischen ausschließen,
etwa aufgrund enger Bau- oder Montage-
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Exoskelette
Insbesondere schwere Über-Kopf-Arbeiten können Exoskelette
aktiv oder passiv unterstützen und Überlastungen vorbeugen.
© Festool
Aktive Systeme bieten eine motorische Unterstützung, sind aber
voluminöser und benötigen einen Akku. © Suitx/Ottobock
räume. Entscheidend für die Akzeptanz
von Exoskeletten in der Praxis sind ein geringes
Gewicht, kompakte Abmessungen,
eine einfache Handhabung und ein guter
Tragekomfort, auch im Sommer. Beachten
sollte man dabei, dass Scheuerstellen an
Gurten, Manschetten oder Auflageflächen
erst nach längerem Gebrauch auftreten.
Arm- oder Beinmanschetten oder das komplette
Exoskelett sollten außerdem schnell
an- und ausgezogen werden können, pflegeleicht
oder waschbar sein. Es sollte sich
an individuelle Körperproportionen und Anforderungen
des Nutzers flexibel anpassen
lassen und eine gute, individuell dosierbare
Unterstützung bieten. Da das Anlegen und
die individuelle Einstellung „Rüst-Zeit“ erfordert,
ist ein eigenes System für jeden
Mitarbeiter empfehlenswert. Beim Gehen,
Treppen steigen, beim Heben und Arbeiten
sowie auf Leitern oder Gerüsten sollte
das Exoskelett den Träger nicht behindern
und auch durch enge Türen oder Durchgänge
passen, ohne anzuecken oder hängen
zu bleiben. Dies gilt insbesondere für
die voluminöseren aktiven Systeme. Hier
sollte man auch darauf achten, dass das
Gesamtgewicht nicht zu hoch ist und dass
der Akku möglichst lange durchhält. Im Außenbereich
kommt es zusätzlich darauf an,
dass die Konstruktion unempfindlich gegen
Nässe und Feuchtigkeit ist.
Exoskelette – pro und kontra
Laut Statistiken kommen in der Baubranche
Verletzungen vor allem an Schultern
und Oberarmen, Rumpf, Rücken und Wirbelsäule
vor. Körperliche Fehlbelastungen
beim Heben und Tragen im Beruf führen
zu Muskel- und Skeletterkrankungen und
sind in Deutschland für über 20 Prozent aller
krankheitsbedingten Fehlzeiten verantwortlich.
Exoskelette können dem vorbeugen
und dafür sorgen, dass arbeitsbedingte
Muskel-Skelett-Erkrankungen erst gar
nicht entstehen, krankheitsbedingte Ausfallzeiten
minimiert werden und Beschäftigte
gesund bleiben. Außerdem bieten technische
Assistenzsysteme Arbeitnehmern mit
Handicaps, nach Krankheiten oder Unfällen
Chancen für eine (Wieder-)Eingliederung
ins Berufsleben. Auch vor dem Hintergrund
des Fachkräftemangels und des demographischen
Wandels gibt es einen Bedarf,
Arbeiten auf dem Bau bequemer, angenehmer
und attraktiver zu gestalten. Aktuelle
Studien zur Wirksamkeit von Exoskeletten
zeigen allerdings ein zweigeteiltes Bild:
Während biomechanische Kurzzeitstudien,
beispielsweise der ETH Zürich oder der TU
Graz signifikante Entlastungen der Arbeitenden
belegen, fehlen bisher belastbare
Nachweise für eine langfristige präventive
Wirkung gegen Muskel-Skelett-Erkrankungen.
Da erhöhte Belastungen an einer Stelle
meist an einer anderen Stelle wieder in den
Körper eingeleitet werden, besteht die Gefahr,
dass Überlastungen, Muskel-, Skelettoder
Gelenkschäden lediglich verlagert
werden. Insbesondere aktive Exoskelette
befähigen den Träger, mehr zu leisten – beispielsweise
sehr schwere Lasten zu heben.
Deshalb sehen Berufsgenossenschaften
die Gefahr eines missbräuchlichen und gesundheitsschädigenden
Einsatzes. Explizit
hingewiesen wird auch auf mögliche Unfallgefahren
durch Kollisionen, Hängenbleiben
oder Fehlfunktionen.
u
architektur FACHMAGAZIN
Produktbeispiele
Zahlreiche Hersteller offerieren auch für
das Bauhandwerk geeignete Exoskelette
(siehe Infokasten). Die folgenden Absätze
stellen ausgewählte Produkte beispielhaft
vor. Die Preise liegen, je nach System, zwischen
2.500 und 15.000 Euro (zzgl. MwSt.),
bei aktiven Systemen auch mehr. Der Handel
bietet teilweise auch kostenlose und unverbindliche
Tests oder Geräte-Mieten an.
Exia von German Bionic ist ein robustes,
staub- und wasserdichtes, KI-gestütztes
Exoskelett, speziell für den industriellen
Einsatz und die Logistik entwickelt. Es entlastet
den unteren Rücken bei Hebevorgängen,
Tragen und in vorgebeugter Haltung
mit bis zu 38 kg. Das System passt sich per
KI in Echtzeit an den Nutzer an und lernt
aus den Bewegungsdaten. Eine Cloud-basierte
Analyseplattform ermöglicht ergonomische
Auswertungen, das Monitoring von
Aktivitäten sowie das Flottenmanagement.
Exo-S von Hilti ist ein passives, ca. 2,2 Kilogramm
leichtes Schulter-Exoskelett für
Über-Kopf- und Wandarbeiten im ganztägigen
Einsatz. Die Unterstützung des Exoskeletts
kann per Knopf-Drehung eingestellt
werden. Das praxisorientierte Design vereinfacht
das Tragen, Einstellen und Reinigen.
Eine optionale Nackenstütze bietet
zusätzliche Entlastung bei besonders anspruchsvollen
Über-Kopf-Arbeiten.
Exo Active von Festool ist ein aktives, mit
einem 18 Volt-Akku betriebenes Exoskelett,
das sowohl Über-Kopf-Arbeiten als auch
Arbeiten an der Wand, beispielsweise das
Stemmen von Schlitzen oder die Wandmontage
von Sanitärobjekten unterstützt.
Die Unterstützungskraft kann exakt auf die
jeweilige Tätigkeit angepasst werden und
soll die Schultermuskulatur um bis zu 30
Prozent entlasten. Per App lässt sich das
ExoActive individuell einstellen.
IX Back Air von Suitx/Ottobock entlastet
die untere Rückenpartie des Trägers bei
körperlich fordernden Tätigkeiten Herstellerangaben
zufolge um bis zu 15 Kilogramm
pro Hebevorgang und reduziert Belastun-
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gen um bis zu 75 Prozent. Das 4,8 Kilogramm
leichte aktive Exoskelett ermöglicht
ein schnelles An- und Ablegen in 30 Sekunden
und erkennt dank intelligenter Sensorik,
wie sich der Körper bewegt und unterstützt
diesen zielgerichtet.
OmniSuit vom schweizerischen Hersteller
Auxivo ist ein passives Mehrzweck-Exoskelett,
das sowohl Arme und Schultern als
auch den Rücken unterstützt. Damit eignet
sich die ca. 3 Kilogramm leichte, flexible Lösung
für Über-Kopf-Arbeiten ebenso wie
für das Heben und die Montage beispielsweise
WCs oder Waschbecken. Herstellerangaben
zufolge werden Schultermuskeln
um 40 Prozent, Rücken und Hüfte um 45
Prozent entlastet.
Auswahl und Einführung
Vor der Auswahl und Einführung sollte geprüft
werden, ob man das Arbeitsumfeld
auch mit anderen Maßnahmen ergonomischer
gestalten kann. Auch organisatorisch
lassen sich körperliche Belastungen reduzieren,
zum Beispiel mit einer Beschränkung
der Tätigkeitsdauer oder einer Verteilung
auf mehrere Mitarbeiter. Erst dann,
wenn technische und organisatorische
Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg
bringen, sollten Exoskelette eingeführt
werden. Ein wichtiges Auswahlkriterium ist
die Frage, welche Körperregion unterstützt
werden soll, denn die meisten Systeme
sind entweder für das Heben/Tragen oder
für Über-Kopf-Arbeiten optimiert, aber
nicht für beides gleichzeitig. Die Auswahl
des passenden Modells unterstützen mittlerweile
diverse Leitfäden, z.B. [1], [2] und
Web-Portale. Eine finanzielle Förderung
von Exoskeletten im gewerblichen Bereich
gibt es im Gegensatz zu Frankreich, den
Niederlanden oder Deutschland hierzulande
nicht. Vereinzelt bieten aber Organisationen,
wie zum Beispiel die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt
(AUVA) oder der
TÜV Austria Informationen, Auswahl- und
Einführungshilfen.
Exoskelette
Je nach System und Hersteller unterstützen
Exoskelette unerschiedliche Körperpartien
und Arbeitshaltungen. © Noonee/Carl Stahl
Entscheidend für die Akzeptanz durch die
Mitarbeiter sind unter anderem ein schnelles
An- und Ablegen, das Gewicht, der Tragekomfort
… © Auxivo
… sowie kompakte Abmessungen, damit man
beim Arbeiten in beengten Verhältnissen
oder auf Gerüsten nicht hängen bleibt. © Hilti
•
Hersteller, Literatur- und Linktipps
https://laevo-exoskeletons, www.auxivo.com, www.comau.com, www.eksobionics.com,
www.ergosante.fr/de, www.festool.at, www.germanbionic.com, www.gobio-robot.com,
www.herowearexo.com, www.hilti.at, www.htrius.com, www.hunic.com, www.noonee.com,
www.rb3d.com, www.skelex.com, www.suitx.com, www.sunaro.de
[1] Amato, P.: Exoskelette im Handwerk, Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk, Berlin, 2023
[2] DGUV (Hrsg.): Mensch und Arbeitsplatz – Auswahl und Einsatz von Exoskeletten,
DGUV-Information 208-062, Berlin, 2025
www.exoskelette.com
www.orthexo.de
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