Zum Schreiben ermutigt
ISBN 978-3-422-80398-5
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Zum Schreiben
ermutigt
Hans Purrmann und das Ehepaar Göpel
Der Briefwechsel 1954–1966
In Kooperation mit Olaf Peters,
Seminar für Kunstgeschichte der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Herausgegeben und bearbeitet von
Felix Billeter, Julie Kennedy (†) und Maria Leitmeyer
Edition Purrmann Briefe
Diese Publikation wurde gefördert von:
Erbengemeinschaft nach Dr. Robert Purrmann
Die Herausgebenden danken für die freundliche Unterstützung.
Inhalt
7 Vorwort und Dank der Herausgebenden
10 Hans Purrmann – Ein Geleitwort Olaf Peters
14 Zum Schreiben ermutigt – Hans Purrmann und die Kunstpublizisten
Karl Scheffler, Gotthard Jedlicka und Erhard Göpel Julie Kennedy (†)
30 Zwischen Geist und Gewalt – Der Kunsthistoriker Erhard Göpel
Eugen Blume
47 Hans Purrmann, Barbara und Erhard Göpel – Versuch der
Selbsteinschreibung in die Kunsthistoriografie der Moderne
Olaf Peters
67 »Nun aber zu ›unseren‹ Sachen« – Kunst, Künstler und Kalkül
im Austausch Göpels mit Purrmann Felix Billeter
85 »Sie sind augenblicklich der größte Maler« – Hans Purrmann
und das Ehepaar Göpel 1954 bis 1966 Maria Leitmeyer
Briefwechsel Hans Purrmann mit Erhard und Barbara Göpel
104 Die Jahre 1954 bis 1956 (Briefe 1–27)
160 Die Jahre 1958 bis 1962 (Briefe 28– 231)
458 Die Jahre 1963 bis 1966 (Briefe 232–281)
Anhang
527 Kurzbiografien
534 Literaturhinweise
537 Editorische Notiz
538 Namensregister
544 Impressum
102
Briefwechsel
Hans Purrmann mit
Erhard und Barbara Göpel
103
Die Jahre 1954 bis 1956
»Zum Schreiben von Erinnerungen
möchte ich Sie allerdings nur dann
ermuntern, wenn diese Zeit zum
Malen nicht verloren geht.«
Erhard Göpel in München an Hans Purrmann
in Montagnola, 5. Januar 1955
104
1 Hans Purrmann in Montagnola an Erhard Göpel in München
Handschriftlicher Brief, 26. Juni 1954
BSB
Kuvert: DEUTSCHLAND | Herrn | Dr. E. Goepel | München | Kaulbachstr.
62 || Verso: H. P. | MONTAGNOLA
Briefkopf: PROF. HANS PURRMANN | MONTAGNOLA DI LUGANO
26 Juni 1954
Sehr verehrter Herr Dr. Goepel,
Schon habe ich mich sehr gefreut, als mir Frl Ursula von Kardorff 1 die Besprechung
der Frankfurter Künstlerbund Ausstellung brachte 2 und mir außerdem
noch Grüsse von Ihnen bestellte, und nun folgte heute eine zweite
Drucksache von Ihnen selbst geschickt.
Ich danke Ihnen für die so freundliche und ausgezeichnete Hervorhebung
meiner Arbeit und ich bin umsomehr [sic] sensibel, als mir schon früher
Ihre Berichte über Kunst, über Ausstellungen und Kunstversteigerungen
aufgefallen sind, die mir immer etwas wesentliches sagten.
Schon vor einigen Jahren sah ich einmal im Zürcher Kunsthaus eine Kokoschka
Ausstellung und da war ich traurig gestimmt, daß mir nur ein einziger
Saal mit früheren Arbeiten gefallen hatte und ein Nieder- || gang seiner
Kunst festzustellen war, der seither nicht allzuviel bemerkt wurde. 3 Daß Sie
nun den Mut haben es festzustellen, bewundere ich. Dieser Fall ist nicht ganz
so schlimm wie bei De Chirico, aber ähnlich, denn Beide gefallen sich über
Meister wie Cezanne herzufallen, 4 statt die Pflicht zu fühlen hier ein großes
1 Ursula von Kardorff (1911–1988), deutsche Journalistin und Tochter des impressionistischen
Malers der »Berliner Secession« Konrad von Kardorff (1877–1945); er war ein enger
Freund Purrmanns seit der Bekanntschaft in Paris 1908.
2 Die 4. Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes fand 1954 im »Haus des Deutschen
Kunsthandwerks« in Frankfurt a. M. statt, an der sich Purrmann beteiligte.
3 Oskar Kokoschka (1886–1980), österreichischer Maler und Grafiker; ihm wurde 1954 eine
Retrospektive in der Kunsthalle Zürich gewidmet. Göpel rezensierte sie in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung.
4 Giorgio de Chirico (1888–1978), italienischer Maler, war als Hauptvertreter der »Pittura
metafisica« ein Wegbereiter des Surrealismus.
105
Gesetz hervorzuheben, 5 das allerorts in Verfall geraten ist, selbst bei Matisse
und noch mehr bei Braque um nur von diesen Meistern zu reden und nicht
von kleineren. 6
Ihre Worte, daß die Zeit eindeutiger Formulierungen optischer Einsichten
im Bilde ungünstig sei[e]n, sprechen das in großartiger Form aus und deßhalb
[sic] empfinde ich es für mich so wertvoll, daß Sie meiner Arbeit Beachtung
schenken, die ich mir nicht immer leicht werden ließ.
Seien Sie aufs schönste gegrüßt Ihr ergebener
Hans Purrmann
2 Erhard Göpel in München an Hans Purrmann [in Montagnola]
Handschriftlicher Brief, 13. Juli 1954
HPA
München 13/vii/54 | Kaulbachstr. 62.
Sehr verehrter Herr Professor,
es ergibt sich die Möglichkeit Ihnen heute diesen Brief quasi persönlich
überbringen zu lassen. Mein Schwiegervater, I. Staatsanwalt Sperling, geht
auf meinen Rat für zwei bis drei Wochen ins Tessin und will, wenn es ihm
gefällt, vielleicht gar in Montagnola bleiben. 7 Es wäre sehr freundlich, wenn
Sie ihm einen guten Rat geben könnten. Ursula von Kardorff hat zu »Bella
vista« geraten, 8 aber vielleicht ist ihm das mit 15 Franken in voller Pension zu
teuer und Sie können ihm ein Privatquartier nennen, eventuell auch in
einem anderen kleinen Bergdörfchen. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen
mit einer so persönlichen Angelegenheit ins Haus falle.
5 Gemeint ist das Studium der Natur.
6 Henri Matisse (1869–1954), französischer Maler, Zeichner, Grafiker und Bildhauer, Hauptvertreter
des Fauvismus und der Klassischen Moderne. Seit 1907 mit Purrmann befreundet,
wurde er zu dessen Mentor und Lehrer; Purrmann war Initiator der 1908 in Paris gegründeten
Académie Matisse. – Georges Braque (1882–1963), französischer Maler, um 1906 Anhänger des
Fauvismus, dann zusammen mit Pablo Picasso Erfinder des Kubismus.
7 Hans Sperling (1888–1965), Vater von Barbara Göpel, Jurist und Erster Staatsanwalt in
Berlin; eine Todesanzeige hat sich im Nachlass Göpel erhalten.
8 Gemeint ist das heute noch existierende Hotel »Bellavista« in Montagnola oberhalb von
Lugano, das zu Zeiten Purrmanns von der Familie Ceccarelli geführt wurde.
106
Briefwechsel Hans Purrmann – Erhard und Barbara Göpel
Erhard Göpel in München an Hans Purrmann in Montagnola, 13. Juli 1954,
Hans Purrmann Archiv, München
Die Jahre 1954 bis 1956
107
Nun aber zu »unseren« Sachen. Erst einmal || eine erfreuliche Nachricht.
Der Kulturkreis des Bundesverbandes der Industrie, der Ihr schönes, in
Frankfurt ausgestelltes Selbstbildnis 9 erworben hat, gibt in diesem Jahre zum
ersten Male ein »Jahrbuch für Literatur und Kunst« heraus, an dem ich für
den Bereich der Bildenden Kunst mitarbeite. Es sind 4 farbige Tafeln vorgesehen.
Für die eine hatte ich schon ehe ich von dem Ankauf hörte, an Ihr
Selbstbildnis gedacht. Der Ankauf erleichterte mir mein Vorhaben und ich
hoffe, Sie sind einverstanden, wenn es nun dem Bande farbig beigegeben
wird. Wir haben es nach München kommen lassen und es steht jetzt am
Platze des Graveurs, der die Farbauszüge bearbeitet. Die ersten Abzüge, die
ich sah – ich kümmere mich selbst darum – geben die Gesamtstimmung
recht gut. Die übrigen Farbtafeln geben einen farbigen Holzschnitt von E. L.
Kirchner, Wintermondnacht, 10 das Hafenaquarell von Dietmar || Lemcke,
einem begabten jungen Berliner, 11 und eine Gouache von Fritz Winter wieder.
12 Ein sorgfältig überlegter Querschnitt! Den Kulturkreis habe ich gebeten,
das Bild der Pinakothek zur Verfügung zu stellen, damit es gesehen wird
– und damit ich es mir selber auch manchmal ansehen kann. 13 Ich könnte
mir denken, dass Sie gern über den selbstverständlichen Beleg hinaus Abzüge
der Farbaufnahme, des farbigen Klischees meine ich, haben möchten.
Wenn Sie mir die Anzahl mitteilen, so will ich sehen, dass man etwas mehr
druckt ohne dass Ihnen Kosten entstehen.
9 Gemeint ist das Selbstbildnis Purrmanns von 1953 (heute Hessisches Landesmuseum
Darmstadt) (siehe Lenz/Billeter 2004, 1953/23); ausgestellt im Frankfurter Künstlerbund 1954,
Kat.-Nr. 163.
10 Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), bekannter deutscher Expressionist und Mitglied der
Gruppe »Brücke«.
11 Dietmar Lemcke (1930–2020), deutscher Maler und Hochschullehrer in Berlin.
12 Fritz Winter (1905–1976), deutscher abstrakter Maler und Mitbegründer der Gruppe ZEN
49 in München.
13 Es handelt sich um Purrmanns Gemälde Palme und Häuser, gemalt 1911 im südfranzösischen
Collioure, das im Rahmen der von Heinz Braune organisierten Tschudi-Spende 1913 von
dem Maler und Kunstsammler Oskar Moll der Neuen Pinakothek in München gestiftet wurde.
Heinz Braune (1880–1957), Kunsthistoriker und engster Freund Purrmanns seit der gemeinsamen
Münchner Studienzeit, war damals Interimsdirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.
108
Briefwechsel Hans Purrmann – Erhard und Barbara Göpel
Hans Purrmann bei der Rückgabe der Villa Romana in Florenz, 1954,
Hans Purrmann Archiv, München
Die Jahre 1954 bis 1956
109
Über Ihren Brief habe ich mich sehr gefreut. Umso mehr als ich einer der
Jüngsten im Kreise um »Kunst und Künstler« war und durch Scheffler von
früh an auf Sie hingewiesen worden bin. 14 An einen Besuch in Florenz, wo
wir ein Aquarell für Hetzer aus- || suchten und Siebenhüner zum ersten Mal
zu Ihnen kam, erinnern Sie sich wohl. 15 Nach dem Kriege habe ich dann bei
Frau Siebenhüner in Einbeck zum ersten Mal wieder Bilder von Ihnen gesehen.
16
Der zweite Teil Ihres Briefes teilt mir so weitreichende Erkenntnisse mit,
dass es mich selbst sehr nach ausführlichen Gesprächen mit Ihnen gelüstet.
Vielleicht gelingt es mir im Herbst einmal ins Tessin zu kommen. Sollten Sie
umgekehrt nach Deutschland oder gar nach München kommen, so bitte ich
sehr um Benachrichtigung. Ich würde dann sicher eine Möglichkeit finden
Sie zu treffen.
Wenn ich Sie zu Anfang mit einer persönlichen Angelegenheit behelligte, so
bitte ich Sie, daraus nicht eine Verpflichtung zu entnehmen, meinen Schwiegervater
öfter zu sehen, aber schon Ihr Rat und eventuell Ihre Empfehlung
wird ihm sehr wertvoll sein.
Mit den verehrungsvollsten Grüssen bin ich Ihr ergebener
Erhard Göpel
14 Der einflussreiche Berliner ›Kunstkritikerpapst‹ Karl Scheffler (1869–1951) war als Chefredakteur
der führenden modernen Kunstzeitschrift Kunst und Künstler. Illustrierte Monatsschrift
für Kunst und Kunstgewerbe (1902–1933) Purrmanns wichtigster Kritiker und Förderer;
er regte ihn auch an, eigene Texte für die Zeitschrift zu verfassen (vgl. Billeter/Kennedy/
Matelowsky 2021). Zwischen 1919 und 1933 erschienen 13 Aufsätze von Purrmann in Kunst und
Künstler. Auch Göpel war seit 1928 gelegentlich für die Zeitschrift tätig gewesen, vor allem mit
Rezensionen aus dem Grafikbereich.
15 Theodor Hetzer (1890–1946), deutscher Kunsthistoriker, Spezialist für die Malerei der italienischen
Renaissance und wichtige Bezugsperson Purrmanns in Florenz. – Herbert Siebenhüner
(1908–1996), Kunsthistoriker, spätestens seit 1938 mit Purrmann in Florenz befreundet,
sammelte seine Bilder.
16 Diese Bilder aus der Sammlung Siebenhüner befinden sich heute im Martin von Wagner
Museum der Universität Würzburg.
110
Briefwechsel Hans Purrmann – Erhard und Barbara Göpel
Bei Hans Purrmann in Montagnola
Süddeutsche Zeitung Nr. 156, 10./11. Juli 1954
Er kann nur ein Maler sein: Die untersetzte, kräftige Gestalt in der maisgelben
Jacke, der Strohhut über dem mächtigen Rundschädel mit dem sensiblen
Bauerngesicht, die Augen, die scharf hinsehen und kaum der Brille bedürfen,
der gestutzte Bart. In Frankreich denkt man bei diesem Anblick an
Cézanne. Ich kannte Hans Purrmann, den besten Freund meines Vaters, als
schweigsamen Gast, dem nur selten, dann aber treffend und bissig, Bemerkungen
in pfälzischem Dialekt über die Lippen kamen. Damals war sein Bart
noch dunkel; jetzt ist er silberweiß. Was mich aber am meisten überraschte,
war der Abglanz der Milde, der Güte auf diesem nahezu alterslosen Gesicht.
Er ist jetzt vierundsiebzig. Wenn er mit den Kindern reist (seine Schwiegertochter
ist die Pianistin Christine Purrmann, eine Tochter des Malers Leo
von König) [Christine Purrmann ist in Wahrheit die Tochter von Hans Purrmann!],
gehen sie nach einem Sechzehnstundentag erschöpft ins Bett, während
er noch in irgendein Theater oder Konzert eilt. »Wenn ich auch – allein
schon durch mein Lebensalter – mit einem guten Stück Vergangenheit verbunden
bin, so stehe ich doch allen zeitgenössischen Strömungen offen und
ich darf wohl sagen, daß ich Beunruhigungen eher suche, als daß ich mich
ihnen entziehen wollte«, schreibt er im Manuskript für einen Katalog.
Purrmann ist Pfälzer – dem Süden verfallen. Als er in Berlin lebte, zog es
ihn stets hinunter, an den Bodensee, nach Paris, Südfrankreich, Ischia und
Florenz. Seit 1935 war er den Argusaugen der Kunstbüttel entzogen, als Leiter
der »Villa Romana« in Florenz. Wenn Staatsbesuch drohte, bekam er polizeiliche
Anweisung, nicht aus dem Hause zu gehen. Aber die Italiener und
Schweizer verehrten ihn, kauften seine Bilder, die in der Heimat nicht ausgestellt
wurden und schrieben begeisterte Kritiken.
Kurz vor dem Fall von Florenz nahm sich der Schweizer Konsul Purrmanns
an und schaffte den an Lungenentzündung Erkrankten mit Pflegerin nach
Lugano. Dort blieb er. Zunächst in Castagnola, dann in Montagnola. Auch
der Freund Hermann Hesse wohnte einmal dort. Der Blick von der Loggia
geht hinunter auf den See, hinüber auf die grün-blauen Berge mit den
Schneekuppen, weit ins Land hinein, davor aber blüht und sprießt der romantischste
Garten mit Camelien, Tropenbäumen, Weinreben, schattig-
111
dunklen Wegen, glucksenden Quellen und Grotten. Hesse hat dieses magische
Stückchen Erde in »Klingsors letzter Sommer« beschrieben; man wäre
nicht erstaunt, antike Nymphen lieblich einherschweben zu sehen.
Draußen ist Sonne und Tessiner Helle, drinnen, im Purrmannschen
Wohnzimmer, ist es dämmerig und kühl. Weil die Fenster auf eine Mauer
gehen, hat er sie mit gotischen Glasmalereien von kostbarem Funkelglanz
verstellt. Drum brennt die Lampe auf dem Tisch in der Mitte schon zum
Frühstück. Hier ist das Zentrum. Da liegen Briefe – wie viele Maler, kann er
hervorragend schreiben – die neuesten Bücher und Zeitschriften in drei
Sprachen. Da steht das Radio, täglich hört er die Nachrichten, denn er ist
leidenschaftlich interessiert am Geschehen in der Welt, kennt sich in der
Politik gut aus und erst recht in der Literatur, mit dem unbestechlichen Urteil
für Qualität, weil er blitzgescheit, profund gebildet und gar nicht intellektuell
ist. Nebenbei ist Purrmann ein Sammler von hohen Graden. Rundherum
auf der verblichenen rot-gelben Tapete hängt das seltsamste
Kunst-Sammelsurium, das sich denken läßt. Es ist unglaublich, aber alles
verträgt sich auf wunderbare Weise. Renoir-Skizzen mit der italienischen
Madonna aus dem 13. Jahrhundert, romanische Pferdetorsos, antike Frauenköpfe,
ein süddeutsches Engelbild mit dem Picasso-Mädchen, Purrmann-Interieurs
aus Langenargen mit etruskischen Figuren, Gilles-Aquarelle aus Ischia
– sie haben zusammen dort gemalt – ein 4000jähriger ägyptischer
Falke, Dufy-Lithographien, romanische Kruzifixe, Negerbronzen, Matisse
und wieder frühgriechische Trinkbecher. Persische Kacheln aus dem 16. Jahrhundert
von wundersamer Farbigkeit, die er selbst in Gips gefaßt hat, hängen
auf der Loggia neben dem Kanarienvogel, sogar im Badezimmer gibt es
Fayenceteller, in Barockvasen stehen frische Blumen. Italienische Renaissancemöbel
von der glatten, nicht überladenen Art, hohe Stühle geben den
Zimmern das Gepräge. Alles in allem aber das Gegenteil eines Museums,
nichts wird in Vitrinen präsentiert, das meiste bleibt Gebrauchsgegenstand.
Purrmanns Redeweise ist bedacht und zögernd, kein Satz fließt glatt und
bedenkenlos dahin. Er kann sich an den Linien eines formvollendeten Autos
genauso freuen, wie an der sanft-glühenden Tessiner Landschaft: »Sehen Sie
das Oliv, genau wie von Corot oder dort das Altdorfer-Grün.« Er begeistert
sich vor einer kleinen Rembrandtlandschaft in der Sammlung Thyssen – und
bewundert Picasso, in dem er einen der »stärksten, produktivsten und logisch
geordnetsten Künstler der Zeit« sieht. Er lernte ihn vor Jahrzehnten
112
bei Gertrude Stein in Paris kennen. Er duzte sich mit Paul Klee: »einer der
aufrichtigsten Maler, die ich kannte«, war befreundet mit Rudolf Großmann,
der ihn wohl hundertmal zeichnete, verehrt Matisse, seinen Lehrer und
Freund, schätzt den frühen Braque, zieht Leibl und Trübner Liebermann vor,
hält Beckmann für einen der größten deutschen Maler, verschließt sich
nicht vor den Jüngeren: Meistermann, Winter, Nay, seine ganze Liebe aber
gilt Cézanne, seiner »mystischen und menschlich tiefen malerischen Kraft.«
Die flächig-leuchtenden Ölbilder Purrmanns sind mit zierlichen Pinseln
gemalt und die Palette nach jeder Sitzung blank wie ein frisch gehobeltes
Brett. Purrmann ist ausgebildeter Handwerker. Es kam ihm oft zugute, er
kennt sich mit allen Maltechniken aus. Schon mit zwölf Jahren mußte er von
der Volksschule in die väterliche Dekorationsmaler-Lehre. Mit achtzehn Jahren
trieb es ihn nach München. Er bestand die Aufnahmeprüfung für die
Akademie – doch schon nach dem ersten Semester wollte er weiter – zu
Franz Stuck, in die damals berühmteste Malschule Deutschlands. Von den
Eltern fast ohne Unterstützung gelassen, setzte er seinen Hartschädel
durch. Der Handwerkslehrling, der in Speyer während der Ferien brav die
Stuben ausgeweißelt hatte, kam in die weitberühmte Malschule. Den Mitschülern
Klee, Kandinsky, Weißgerber, der sein Freund wurde, dem Bildhauer
Haller und dem Bühnenbildner Stern galt seine Bewunderung. Er
wohnte in Schwabing, traute sich kaum in die Bräus, hörte bei Mollier
Anatomie – ganze Malergenerationen schwärmen wie er von diesem Unterricht
– und malte schließlich, wie die meisten seiner Mitschüler, in starker
Tempera vor düster-grellem Hintergrund, à la Stuck. Die Bilder wurden
immer schlechter. Stuck, der jeden Freitag im Gehrock zur Korrektur kam,
schüttelte nur still den Kopf. Der junge Purrmann fiel in die Hölle der Verzweiflung.
Er malte — es sollte in der Schule sein letztes Bild werden – einen
Mädchenakt, ganz einfach, so wie er es sah, licht und mit Ölfarben. Stuck
erschien einen Tag früher als gewohnt. Purrmann flüchtete vor Schreck hinter
einen Vorhang. »Das Bild ist ausgezeichnet, ich nehme es für die Schülerausstellung,
natürlich können Sie bleiben und malen wie Sie wollen.« In dieser
Ausstellung bekam Hans Purrmann den Preis. »Ich lernte nicht viel von
Stuck«, sagt er, »aber bei den besten Lehrern sind auch immer die besten
Schüler und von ihnen lernt man durch gegenseitige Anregung und Diskussion.
Manchmal ist das Caféhaus besser als die Universität.« Ein Kritiker riet
ihm, seine Bilder zu Paul Cassirer nach Berlin zu schicken. Er hörte monate-
113
lang nichts. Gab schon alle Hoffnung auf und stand wieder auf der Leiter in
Speyer, diesmal um die Initialen eines Tabakgeschäftes auf die Wand zu pinseln,
als ein Zeitungsjunge hinaufrief: »Hans, komme runter, Du stehst in
der Zeitung.« Fassungslos las der Malergeselle, von neugierigen Passanten
umgeben, in der Frankfurter Zeitung, daß Meier-Gräfe [sic] ihn für ein neues
Talent hielt.
Einige Bilder wurden verkauft. Mit dem Geld zog er überglücklich nach
Paris. Dort traf er auf Matisse – die schöne, begabte Mathilde Vollmöller, die
ebenfalls bei Matisse malte, wurde seine spätere Frau. Matisse, nur 11 Jahre
älter, wurde sein Lehrer und Freund. Damals hatte er mitunter Angst, daß
der französische Einfluß zu groß werden könnte. »Vous ne perdrez jamais
votre dos carré«, meinte Matisse, der »breite Rücken« hat Purrmann zu dem
gemacht, was er heute ist, zu einem der »besten Europäer in der deutschen
Malerei«, wie Karl Scheffler in einem seiner letzten Aufsätze schrieb. »Die
Bilder enthalten, was die abstrakte Kunst will und was ihr manchmal auch
gelingt; doch ist zugleich das heiterste Naturgefühl beteiligt.«
Auf einem wild verwachsenen, fast verwunschenen Pfad gelangen wir in
Purrmanns Atelier auf der anderen Seite des Hügels. Auch hier wieder das
Gemisch von Italien, Persien, Griechenland, Rokokostühlen, afrikanischen
Masken, die Pinsel in kostbaren Fayencevasen. »Ich habe eigentlich nichts
zu zeigen«, sagt er, holt dann aber doch Bild für Bild aus einer Kammer. Es
hat etwas ungemein Bewegendes, wenn ein großer Maler seine Werke zeigt.
Stück für Stück, freilich aus der Fülle nur ein Dutzend, hebt er sie auf die
Staffelei. Landschaften aus Ischia, Frauenporträts, Blumen in glühender Farbigkeit
vor noch farbigerem Hintergrund. »Die Natur ist stark und geheimnisvoll.
Mit ihr pflege ich dauernden Umgang. So gering auch mein Werk
sein mag, der Natur entrücke ich mich niemals, um nicht ins Leere darauf los
zu phantasieren und Gefahr zu laufen, auf der Flucht vor der Natur in Formlosigkeit
oder gar im Nichts zu enden«, schrieb er kürzlich.
Niemals war es schöner zu leben als heute, sagt Hans Purrmann, der
doch die sagenhaften Zeiten vor dem ersten Weltkrieg auch gekannt hat.
Man sollte es ihm glauben.
URSULA VON KARDORFF
114
3 Hans Purrmann in Montagnola an Erhard Göpel [in München]
Maschinenschriftlicher Brief, 20. Juli 1954
BSB
Briefkopf: PROF. HANS PURRMANN | MONTAGNOLA DI LUGANO
Montagnola, den 20. Juli 1954
Sehr verehrter Herr Göpel,
über den Besuch Ihres Herrn Schwiegervaters, der mir Ihr Buch über Max
Beckmann 17 und Ihren freundlichen Brief überbrachte, habe ich mich sehr
gefreut. Es ist Gott sei Dank gelungen, ihm ein gutes Quartier bei netten
Leuten aufzutreiben, wo er auch dann, wenn er Lust hat, gut und reichlich
und auch preiswert verköstigt wird, und alles weitaus billiger als wenn er im
Bellevue Wohnung genommen hätte. 18 Ich glaube, dass Ihr Herr Schwiegervater
sehr zufrieden ist, so hat er sich wenigstens zu mir geäußert.
In den nächsten Tagen will ich nach Italien abreisen. Ich habe dringend Erholung
nötig und fand mich in der letzten Zeit etwas Depressionen ausgesetzt,
die mit einer grossen Mutlosigkeit verbunden waren, – hoffentlich nur vorübergehend,
denn verschiedene Leute, die meine letzten Arbeiten sahen,
waren sehr davon eingenommen und die Kritik hat sich ja über die vielen
Bilder, die ich in Deutschland ausgestellt hatte, besser als ich erwartet hatte
geäussert. Über den Erfolg, den das Selbstportrait fand, bin ich natürlich sehr
erfreut, umsomehr [sic] als es ohne Programm und Voreingenommenheit
gemalt ist. Aber schon auf der Künstlerbund-Ausstellung fühlte ich die Sympathie,
die beinahe alle Maler der verschiedensten Richtungen mir entgegenbrachten.
Wie es auch sei, voll zufrieden ist man ja selbst nie und man kennt
auch zu sehr seine eigenen Grenzen, in denen man sich zu bewegen hat.
Dass das Selbstbildnis farbig reproduziert wird freut mich ungemein und
wenn es möglich wäre, 25 Sonderdrucke davon für mich abzuzweigen, so
wäre ich sehr dankbar. Auch können Sie mir ungeniert eine Rechnung zustellen
lassen.
17 Max Beckmann (1884–1959), deutscher Maler und Grafiker; gemeint ist hier Göpels Buch
»Max Beckmann. Der Zeichner«, München 1954.
18 Bellevue = Hotel Bellavista in Montagnola.
Die Jahre 1954 bis 1956
115
Ich habe mich sehr gefreut, dass Sie auch dem Kreis angehörten, der mir mit
Scheffler und mit dem von mir so sehr bewunderten Hetzer und Siebenhüner
in angenehmster Erinnerung ist. So langsam erinnere ich mich auch an
die Begegnung mit Ihnen in Florenz. Jetzt ist man gerade wieder dabei, die
Villa Romana wieder der deutschen Künstlerschaft bereitzustellen, sie ist zurückgegeben
worden, aber ein Leiter ist noch nicht bestimmt. 19 Man ist sehr
eindringlich mit Bitten, dass ich die Villa Romana wieder wenigstens provisorisch
übernehmen würde, ich weiss aber nicht, ob sich das für mein Alter
geziemt.
Nichts würde mir mehr Freude machen, als mit Ihnen zu einer persönlichen
Begegnung zu kommen, sei es in der Schweiz oder in Deutschland, – ich
würde die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen und verspreche mir davon
grossen Gewinn für mich. Seien Sie aufs Herzlichste bedankt für das Interesse,
das Sie mir und meiner Arbeit entgegenbringen und seien Sie aufs
Schönste gegrüsst.
von Ihrem ganz ergebenen Hans Purrmann
4 Hans Purrmann in Montagnola an Erhard Göpel in München
Handschriftlicher Brief, Neujahr [1. Januar] 1955
BSB
Kuvert: DEUTSCHLAND | Herrn | DR. E. GOEPEL | MÜNCHEN | KAUL-
BACHSTR. 62 || Verso: Purrmann | Montagnola
Briefkopf: PROF. HANS PURRMANN | MONTAGNOLA DI LUGANO
Neujahr 1955
Sehr verehrter Herr Dr. Goepel,
Da wir gerade ins neue Jahr kommen, moechte ich Ihnen viel Glück wünschen,
gute Arbeit und Gesundheit. Ich hatte die Absicht Sie letztes Jahr in
19 Im Sommer 1935 war Purrmann zum ehrenamtlichen Leiter der »Villa Romana« ernannt
worden, des 1905 von Max Klinger gegründeten Künstlerhauses in Florenz. Er kümmerte sich
bis zu seiner Flucht in die Schweiz 1943 um dessen Belange und setzte sich nach 1945 für die
Wiederöffnung der Einrichtung (1959) ein; vgl. Kuhn 2019.
116
Briefwechsel Hans Purrmann – Erhard und Barbara Göpel
Hans Purrmann, Villa Romana, 1928, Öl auf Leinwand, 38 × 55 cm, Privatbesitz
München aufzusuchen, da Sie mir so freundlich geschrieben hatten, ich
dürfte es tun, wenn ich nach Bayern käme. Ich war nun tatsächlich dort aber
so krank, daß ich einige Zeit in einem Krankenhaus in München liegen
mußte und 5 Wochen in Bad Tölz zur Kur weilen. Die Erkrankungen waren
mit so starken Depressionen verbunden, daß es mir nicht einmal möglich
gewesen ist, Zeitungen zu lesen, Musik hören oder Bilder anzusehen. Ihr
Herr Schwiegervater wird Ihnen wohl berichtet haben, daß ich als er in
Montagnola war, schon sehr schlecht daran war, und mich gerne mehr um
ihn gekümmert hätte, als mir möglich war. Grüßen Sie ihn mit meinen
schönsten || Wünschen fürs neue Jahr.
Jetzt geht es mir wieder viel besser so daß ich wenigstens meine Arbeit wieder
aufnehmen konnte, aber ich muß mich noch sehr schonen. Leider
konnte ich auch damals den Einladungen zu der Bamberger Feier des Kulturkreises
nicht folge [sic] leisten. Das Werk an dem Sie mitgearbeitet haben
hat mich sehr interessiert, es ist recht gut zusammengestellt. Ich danke Ihnen
noch, daß Sie sich so um die Reproduktion meines Selbstporträts bemüht
haben.
Die Jahre 1954 bis 1956
117