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Georg Plasger (Hrsg.): Die dialektische Welle (Leseprobe)

2022 erschien in den Niederlanden ein Band zur dortigen Rezeption der Theologie Karl Barths. In keinem anderen nicht-deutschsprachigen Land hat die Theologie Karl Barths eine solche Wirkung erzielt, wobei ihm keineswegs nur Zustimmung zuteilwurde. Vielmehr gab es aus Teilen der reformierten Theologie heftigen Widerspruch gegen manche seiner Positionen. Zugleich wurde in einem anderen Teil der niederländischen Theologie Barth gleichsam zum entscheidenden Orientierungspunkt. Von den zwanzig in jenem Buch versammelten Beiträgen bringen wir wichtige in deutscher Übersetzung.

2022 erschien in den Niederlanden ein Band zur dortigen Rezeption der Theologie Karl Barths. In keinem anderen nicht-deutschsprachigen Land hat die Theologie Karl Barths eine solche Wirkung erzielt, wobei ihm keineswegs nur Zustimmung zuteilwurde. Vielmehr gab es aus Teilen der reformierten Theologie heftigen Widerspruch gegen manche seiner Positionen. Zugleich wurde in einem anderen Teil der niederländischen Theologie Barth gleichsam zum entscheidenden Orientierungspunkt. Von den zwanzig in jenem Buch versammelten Beiträgen bringen wir wichtige in deutscher Übersetzung.

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ZDTh

Zeitschrift für Dialektische Theologie

Jahrgang 42 · Nummer 1/ 2026

Die dialektische Welle

Zur Barth-Rezeption in den Niederlanden

83



Inhalt / Content

Vorwort.................................................... 5

Rinse Reeling Brouwer

K.H. Miskotte, „Der Visionär und Dichter unter

meinen Freunden“ ...........................................9

Niels van Driel

Ferne Freunde?

Orthodox-Reformierte und Barth ............................ 27

Niels den Hertog

Cum maxima reverentia, sed non sine aliqua differentia

Die Barth-Rezeption von J. Koopmans ........................ 43

Dirk van Keulen

Die konträre Barth-Rezeption von Arnold Albert van Ruler...... 68

Dirk van Keulen

Die reformierte Kehrtwende

G.C. Berkouwer und Karl Barth .............................. 88

Gerard van Zanden

Sola scriptura in Zeiten der Säkularisierung

Die Theologie Karl Barths, erarbeitet von Frans Breukelman .... 109

Rein den Hertog

Die Gemeinde als Gleichnis

Zum theologischen und missionarischen Gehalt eines

ekklesiologischen Bildes ................................... 126

Jan Martijn Abrahamse

God’s Ordering Presence

A Reassessment of Holiness in Conversation with

K.H. Miskotte ............................................ 146


4 Inhalt / Content

Johannes von Lüpke

„Wegkameradschaft von Exegese und Systematik“

Zum Gedenken an Georg Eichholz .......................... 169

Verzeichnis der Autoren .................................... 180


Vorwort

Dialektische Theologie ist nicht dasselbe wie die Theologie Karl Barths. Es ist

allgemein bekannt, dass Barth selbst mit der Existenz des Adjektivs „barthianisch“

oder der Bezeichnung „Barthianer“ absolut nicht einverstanden war.

In unserer Zeitschrift ist es deshalb auch nicht das Ziel, sich nur mit den Gedanken

eines einzigen Mannes zu beschäftigen – und schon gar nicht kann

es das Ziel sein, diesem Mann immer recht zu geben.

Aber viele in der Dialektischen Theologie denkende und arbeitende

Theologen und Theologinnen haben sich mit der Theologie von Karl Barth

auseinandergesetzt, und ein großer Teil der Dialektischen Theologie hat

auch die Form einer Aufarbeitung von Barths Theologie. So war es in den

Niederlanden auf jeden Fall von Anfang an: Der entscheidende Impuls für

den Aufbruch einer neuen, dialektischen Bewegung ging von der Veröffentlichung

der zweiten Auflage des Römerbriefs aus, der in den Niederlanden

eifrig gelesen wurde, vor allem unter Studierenden, aber anschließend auch

von Theologen und Theologinnen aller Couleur. Eine Geschichte der Dialektischen

Theologie in den Niederlanden nimmt deshalb zum Teil auch den

Charakter einer Geschichte der Barth-Rezeption an.

In dieser Ausgabe unserer Zeitschrift bieten wir Ihnen daher einen Querschnitt

dieser Geschichte. Im Jahr 2022 erschien nach einem Symposium zu

Susanne Henneckes „Karl Barth in den Niederlanden“ 1 ein Sammelband mit

Aufsätzen über verschiedene Theologen und ihre Reaktion auf die Einführung

der dialektischen Theologie in den Niederlanden: Georg Harinck und

Dirk van Keulen (Hrsg.), Die Rezeption von Karl Barth in den Niederlanden.

2 Aus diesem Werk finden Sie in dieser Zeitschriftenausgabe eine Reihe

von Artikeln über die international bekanntesten Theologen, die ins Deutsche

übersetzt wurden. Für alle diese Theologen gilt, dass Barth ihnen geholfen

hat, einen ganz eigenen theologischen Weg zu finden. Dabei war es für

die einen ein eindeutig dialektischer Weg, wohingegen andere letztendlich

doch andere Wege einschlugen.

Ganz eigene Akzente setzte, das ist allgemein bekannt, Kornelis Heiko

Miskotte. Rinse Reeling Brouwer legt dar, wie das Denken Barths dabei in

dessen eigenen Suchwegen mitschwang. Miskotte war in vielerlei Hinsicht

1 Susanne Hennecke, Karl Barth in den Niederlanden, Göttingen 2014.

2 Georg Harinck / Dirk van Keulen (Hrsg.), Die Rezeption von Karl Barth in den Niederlanden

(ADCharta-Reihe 35), Amersfoort 2022.


6 Vorwort

von der niederländischen „erfahrungsbezogenen“ Tradition geprägt, worüber

Niels van Driel anschließend einen Beitrag verfasst: Wie hat man in

dieser kleinen Welt auf das Aufkommen der einerseits so vertraut klingenden

und doch manchmal so befremdlichen Sprache der Dialektischen Theologie

reagiert? Auch Jan Koopmans stammte aus diesem Umfeld: Niels den

Hertog erzählt, wie dieser vielversprechende, im Krieg tragisch ums Leben

gekommene Widerstandstheologe mit dem Theologieprofessor in Basel in

Kontakt stand.

Anfangs war der bekannte Utrechter Professor A.A. van Ruler von Barths

Theologie sehr begeistert; doch bei ihm macht sich zunehmend eine Entfremdung

gegenüber der dialektischen Theologie breit. Dirk van Keulen

skizziert den eigenwilligen und originellen Weg Van Rulers. Van Keulen

betreut in den Niederlanden die Herausgabe von Van Rulers gesammelten

Werken; zuvor hatte er sich mit der Theologie von G.C. Berkouwer befasst,

dem Verfasser des bekannten Werks „De triomf van de genade in de theologie

van Karl Barth“ (1954), einem Buch, das auch von Barth selbst mit nachdenklicher

Aufmerksamkeit aufgenommen wurde. Van Keulen skizziert in

seinem zweiten Artikel auch die Entwicklung, die Berkouwer in dieser Hinsicht

durchlaufen hat.

In der Zwischenzeit entstand in den Niederlanden, in der Nachfolge Miskottes,

eine ganz eigene Form der dialektischen biblischen Theologie: die

sogenannte Amsterdamer Schule. Der große Name dieser Schule ist Frans

Breukelman. Breukelman war ein dankbarer Leser von Barths „Kirchlicher

Dogmatik“. Gerard van Zanden skizziert, wie Breukelman damit seinen eigenen

Weg eingeschlagen hat.

Nach all diesen historischen Stimmen ist es Zeit für einige neue Artikel.

Die Barth-Rezeption hält nach wie vor an. Rein den Hertog, der in dieser

Ausgabe zum ersten Mal in unserer Zeitschrift veröffentlicht, hat die ekklesiologischen

Abschnitte in Barths Versöhnungslehre (KD IV/1-3) gründlich

gelesen, und zwar mit Fragestellungen, die derzeit in den niederländischen

(und anderen) Kirchen aktuell sind. Es scheint, dass man bei Barth noch

immer sehr viel lernen kann.

Was die Niederlande betrifft, schließen wir den Kreis mit einem weiteren

Beitrag über Miskotte. Seine Theologie wird derzeit in der englischsprachigen

Welt mit wachsendem Interesse gelesen. Kürzlich ist eine englische

Übersetzung des „Bijbels ABC“ erschienen, und die Aktualität dieses Textes

wird von vielen wahrgenommen. Auch Jan Martijn Abrahamse findet

in Mis kottes Ansatz neue und spannende Antworten, beispielsweise wenn


Vorwort

7

es um die Bedeutung von Gottes Heiligkeit in der Schrift geht und um die

Frage, die diese Heiligkeit an die Menschen stellt. Sein spannender englischsprachiger

Artikel leistet einen Beitrag zur fortlaufenden Miskotte-Rezeption;

er inspiriert vielleicht den einen oder anderen dazu, sich ebenfalls einmal

mit diesem originellen dialektischen Theologen auseinanderzusetzen.

Mit dem früheren Wuppertaler Neutestamentler Georg Eichholz beschäftigt

sich ein Aufsatz von Johannes von Lüpke, dem früheren Wuppertaler

systematischen Theologen. Eichholz ist einerseits Schüler Karl Barths, andererseits

bezieht er, wie von Lüpke aufzeigt, mit Hilfe metaphysikkritischer

Reflexionen Exegese und Systematische Theologie eng aufeinander: Beide

lassen sich (hoffentlich) immer wieder von der Bibel selbst in Frage stellen.

Diese Ausgabe unserer Zeitschrift wurde durch die tatkräftige Unterstützung

der Studierenden Corneli Vinke (Utrecht), die die Übersetzungen aus

dem Niederländischen angefertigt hat, und Florian Theis (Siegen) ermöglicht.

Schließlich gebührt ganz, ganz herzlicher Dank Anna Lena Schwarz

aus Siegen. Sie hat in den letzten Jahren unermüdlich, sehr gründlich und

äußerst zuverlässig viele Korrekturarbeiten und vor allem auch den Satz unserer

Zeitschrift erledigt und wird jetzt aus dem universitären in den kirchlichen

Dienst wechseln.

Und wie immer freuen wir uns über neue Beiträge, die sich mit dem Gebiet

der dialektischen Theologie befassen. Es zeigt sich einmal mehr: Diese

müssen sich nicht ausschließlich mit Karl Barth befassen!

Wir wünschen Ihnen im Namen der Redaktion viel Lesevergnügen,

Georg Plasger und Edward van ’t Slot



Rinse Reeling Brouwer

K.H. Miskotte, „Der Visionär und Dichter unter

meinen Freunden“ 1

In diesem Beitrag werden vier Aspekte der Beziehung zwischen Kornelis

Heiko Miskotte und Karl Barth behandelt. Zunächst geht es um sein öffentliches

Auftreten als Verfechter der Theologie Barths. Anschließend werden

anhand von Auszügen aus Tagebüchern und Briefen einige Fragen an Barth

behandelt, die ihn auf jeden Fall bis 1940 beschäftigten. Es folgen einige Bemerkungen

über die persönliche Beziehung zu Barth als Freund und Mit-

Theologen. Abschließend wird kurz auf die nur teilweise ausgesprochenen

und ausgearbeiteten Spannungen zwischen den theologischen Programmen

beider eingegangen.

1. Fürsprecher

In den Augen seiner Zeitgenossen trat K.H. Miskotte (1894–1976) in Bezug

auf Karl Barth vor allem als unermüdlicher Erklärer, Verteidiger und

Fürsprecher dessen theologischen Engagements und dessen Werkes in den

Niederlanden auf. Wer Band 2 der Verzameld Werk (Gesammelte Werke)

aufschlägt, der ausschließlich Barth gewidmet ist, findet dort in den ersten

sieben von neun Rubriken Texte, die sich unter diese Begriffe einordnen

lassen. 2

Der Band beginnt mit lobenden Einführungen zu den meisten Bänden

der Kirchlichen Dogmatik für ein breiteres Publikum, die unmittelbar nach

ihrem Erscheinen verfasst wurden (der erste Teilband und die beiden Bände,

1 Ursprünglich unter dem Titel „K.H. Miskotte, ‚de ziener en dichter onder mijn vrienden“

auf niederländisch erschienen in: George Harnick/Dirk van Keulen (Hg.), De receptie van

Karl Barth in Nederland (Ad Chartas-Reeks 35), Amersfoort 2022, 153–168. Die Übersetzung

fertigte Corneli Vinke an.

2 Kornelis Heiko Miskotte, Verzameld Werk, Deel 2: Karl Barth. Inspiratie en vertolking:

inleidingen, essays, briefwisseling, hg. von A. Geense und H. Stoevesandt, Kampen 1987

(Im Folgenden abgekürzt als: VW2).


10 Rinse Reeling Brouwer

die während oder kurz nach der Besatzungszeit erschienen sind, fallen nicht

in diese Reihe). Bezeichnend für den hier angeschlagenen Ton ist der Seufzer

am Ende der Ankündigung von Band II/1 (am 12. Januar 1940), dem Kapitel

über die Wirklichkeit Gottes:

„Wir haben diese Seiten in einer Reihe von vereinzelten, aber sehr gesegneten

Tages- oder Nachtstunden in einer ersten Lektüre verschlungen und müssen

gestehen: nie haben wir ein Buch gefunden, das bei so erhabener Intelligenz so

durch und durch erbaulich ist, bei so unermüdlicher Akribie so weitreichend,

bei so tiefer Ernsthaftigkeit so fröhlich, bei so strenger Wissenschaftlichkeit so

pastoral und liebevoll, bei allem Drang zur Enträtselung so zu hymnischer Ehrfurcht

und stiller Verzückung erhoben. Wie schön muss Gott sein!“ 3

Auch einige andere Werke von Barth erhalten eine ähnliche Würdigung.

Ergänzend dazu ist Miskotte sich nicht zu schade, für diejenigen, denen die

Dogmatikbände zu viel auf einmal erscheinen, eine Lesehilfe als Einführung

zu erstellen, 4 wodurch Barth selbst, der sich für einen „weit weniger reflexiv

eingestellten Menschen“ hielt als Miskotte, sich in einem ganz neuen Licht

sah und sich erfreut zeigte über einen Mann, der so voller Geist war und ihn

so geistreich verstanden hatte. 5

Bereits im Frühjahr 1935 hatte sich Miskotte als Übersetzer eines Buches

von Barth angeboten. Barth war als Professor in Bonn abgesetzt worden,

hatte aber noch keine neue Stelle gefunden. Aufgrund einer freien Stelle

in Utrecht bot sich die Gelegenheit, ihn mit dem Zug dorthin kommen zu

lassen, um Vorlesungen zu halten, die einen Eindruck von der Art seiner

dogmatischen Reflexion vermitteln konnten. Es wurden sechzehn Vorlesungen

auf der Grundlage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, die Miskotte

nicht nur übersetzte, sondern auch in großer Eile mit ausführlichen

Anmerkungen versah, in denen er Aussagen von Barth in den Kontext seines

Werkes, aber auch in zahlreiche theologische und philosophische Diskussionen

einordnete, darunter auch Diskussionen, die Barth selbst nicht gekannt

haben dürfte. 6

3 A.a.O., 19.

4 „Kleine Präludien und Fantasien“ („Kleine preludes en fantasieën“) über die Kirchliche

Dogmatik, geschrieben 1955 und 1961 anlässlich von Barths 75. Geburtstag übersetzt und

veröffentlicht in der Reihe Theologische Existenz heute, Neue Folge (A.a.O., 93–141).

5 Brief von Barth an Miskotte vom 19.05.1961 (A.a.O., 510).

6 Karl Barth, De Apostolische Geloofsbelijdenis, voor Nederland bewerkt en van aantekeningen

voorzien door K.H. Miskotte, Nijkerk 1935. Das Buch und die Anmerkungen wurden


K.H. Miskotte, „Der Visionär und Dichter unter meinen Freunden“

11

Aus Berichten über das Leben von Karl Barth, die in Tages- und Wochenzeitungen

erschienen sind, sowie aus einem Nachruf nach seinem Tod

und dem Text eines Fernsehinterviews von E.J. Beker aus dem Jahr 1969

geht hervor, dass Miskotte sich auch in der breiteren Öffentlichkeit nicht

zurückgehalten hat. 7 Solche Äußerungen stehen im Zusammenhang mit

der Präsentation niederländischer „Barthianer“ in den 1930er-Jahren, dem

Lunterse-Kreis und der Doorbraak. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die

Zeitschrift In de Waagschaal mit Miskotte als Chefredakteur zum Organ, in

dem laut Angaben des Biographen bis 1970 mindestens 130 Artikel erschienen

sind, die mit Barth in Verbindung stehen. 8

Miskotte polemisiert auch mit Kreisen, insbesondere mit Theologen, die

Barth seiner Meinung nach missverstehen und aus falschen Gründen bekämpfen,

wie der junge Berkouwer, Vertreter des Neocalvinismus (1934),

aber auch der Leidener Professor Korff, der in seiner während des Krieges

erschienenen zweibändigen Christologie nach Miskottes Auffassung die

eigentliche Aufgabe der Dogmatik nicht zu verstehen scheint (1941), oder

auch Reformierte Gruppierungen, die sich nach dem Krieg in alle möglichen

Richtungen „los von Barth“ zu bewegen scheinen (1950). 9 De Liagre Böhl hat

Recht, dass Miskotte „als Verteidiger der dialektischen Theologie nicht stark

auftrat, denn er widerlegte seine Gegner nicht“ 10 – auch wenn sich diese Beurteilung

nicht auf die Polemik mit Korff bezieht, der sich ohnehin dogmatisch

mit der Sache selbst befasst.

Umso erfreuter zeigt sich Miskotte, als sich unerwartet herausstellt, dass

die Vorschläge Barths zu einem ernsthaften ökumenischen Gespräch führen

können. So begrüßt er die großen Barth-Bücher des römisch-katholischen

Von Balthasar (1952) und des reformierten Berkouwer (in späteren Jahren,

1954–55) und berichtet von seinem Besuch eines Kongresses in Herborn, wo

vor allem (aber nicht ausschließlich) von lutherischer Seite ein ernsthaftes

Gespräch mit Barth geführt wurde (1951). 11

von den Herausgebern von VW2 als zu umfangreich erachtet, um in diesen Band aufgenommen

zu werden (siehe Vorwort, 9).

7 Miskotte, VW2 (Anm. 2), 332–354 und 413–421; die Tonbandaufnahme des Interviews

ist zu finden unter https://www.karlbarth.nl/audio/.

8 Herman de Liagre Böhl, Miskotte. Theoloog in de branding, 1894–1976, Amsterdam 2016,

246.

9 Miskotte, VW2 (Anm. 2), 250–257, 257–275 und 141–152.

10 De Liagre Böhl, Miskotte (Anm. 8), 266.

11 Miskotte, VW2 (Anm. 2), bzw. 292–296 (ergänzt durch einen Vortrag, 405–413), 298–

328 und 170–196.


12 Rinse Reeling Brouwer

Schließlich finden wir in dem Band verschiedene Beiträge, in denen Miskotte

versucht, sich eingehend mit der Besonderheit der Stimme Barths im

Geistesleben des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. So fragt er sich in

einem Vortrag aus dem Jahr 1940, warum sich ein Mensch eigentlich bewusst

oder unbewusst in dem von Nietzsche geprägten und beschriebenen

Lebensraum befinden muss, um die Verkündigung, wie sie bei Barth zu finden

ist, verstehen zu können. Und in einer Festvorlesung an der Universität

Leiden (1951) stellt er die Frage, wie ein Philosoph wie Sartre bei Barth in die

dogmatische Überlegung einfließen kann, um als ganz eigene Stimme ernst

genommen zu werden. Drittens stellt Miskotte in einem Artikel für einen

Festband zum siebzigsten Geburtstag von Barth im Jahr 1956 die Frage, worin

die eigene niederländische Barth-Rezeption bestehen könnte, womit er

gleichzeitig auch einen Zugang zu seinem eigenen theologischen Programm

formuliert. 12

Damit wird jedoch noch nicht deutlich, wie sich der Einfluss von Barth

auch in den anderen, eher eigenständigen Werken von Miskotte wiederfindet.

Dies würde eine wesentlich ausführlichere Studie erfordern. Aufschlussreich

finde ich den Kommentar zu den ersten zwölf Sonntagen des Heidelberger

Katechismus, den Miskotte 1941 für die Amsterdamer Kirchengemeinde

verfasste und in dem er sich stark mit dem Katechismus auseinandersetzt,

weil seiner Meinung nach die Argumentation in Bezug auf Christus „Was

für einen Mittler und Erlöser müssen wir denn suchen?“ (Frage 15) nur vor

dem Hintergrund der bereits in Frage 1 gegebenen Antwort auf die Frage

nach dem einzigen Trost verstanden werden kann. 13 Im Hintergrund steht

hier unverkennbar die Unhaltbarkeit der Argumentation von Anselmus und

Ursinus für das 20. Jahrhundert, auf die Barth in den christologischen Teilen

der Kirchlichen Dogmatik I/2 hingewiesen hatte. Es ist etwas ironisch, dass

Barth selbst in seinen Vorlesungen über den Heidelberger Katechismus von

1947 gerade an diesem Punkt ein viel milderes Urteil fällt. 14

12 Miskotte, VW2 (Anm. 2), bzw. 391–405, 153–170 und 196–220. Die Reihe von Rundfunkvorträgen

„Schriftuurlijke hermeneutiek“ (Schriftliche Hermeneutik) hätte meiner

Meinung nach besser in einem anderen, der Hermeneutik gewidmeten Band der Verzameld

Werk (Gesammelte Werke) ihren Platz gefunden.

13 Die Artikelserie aus dem Jahr 1941 erschien 1947 bei Callenbach, Nijkerk, unter dem

Titel De blijde wetenschap (Die frohe Wissenschaft) und wurde fotomechanisch in den

Gesammelten Werken, Band 11, Kampen 1989 nachgedruckt.

14 Vgl. die Masterarbeit von André Langeweg (PThU, Standort Amsterdam), „Gesetz und

Evangelium im Denken von K.H. Miskotte. Im Gespräch mit De blijde wetenschap van


K.H. Miskotte, „Der Visionär und Dichter unter meinen Freunden“

13

Am Ende seiner Tätigkeit als Chefredakteur von In de Waagschaal

schließt Miskotte seinen Rückblick mit einer erneuten Betonung des unaussprechlichen

und unvergesslichen Segens, der Karl Barth „uns“ in dieser

Zeitschrift gewesen ist. „Bemerkenswert ist, dass die nachträgliche Lektüre

in den Bereichen, in denen er gearbeitet hat, erst jetzt beginnt: Man spricht

von 20 ‚Ergänzungsbänden‘. Aber wir sagen bei seinem Namen: Es war genug.

Wir hatten das Brot, das uns zugeteilt wurde. Sparsam! Und gesiebt“ 15 .

Inzwischen erscheint innerhalb der genannten Reihe „Ergänzungsbände“ im

Jahr 2021 bereits Band 55, und Barth ist damit für neue Generationen auf

eine andere Weise präsent, als er es für seine Zeitgenossen sein konnte. Für

Miskotte war er vor allem ein Zeitgenosse, von dem es zu lernen und für

dessen theologisches Engagement es einzutreten galt. 16

2. Hinter verschlossenen Türen geäußerte Fragen und Kritik

Was für Barth gilt, gilt vielleicht in noch stärkerem Maße für Miskotte. Diejenigen,

die ihn überlebt haben und die nach ihm kommen, verfügen nämlich

nicht nur über die öffentlichen Äußerungen zu seinen Lebzeiten. Band

2 der Verzameld Werk endet mit zwei Rubriken, die für seine Zeitgenossen

nicht zugänglich waren: erstens eine Liste mit Fragen an Barth, die teilweise

möglicherweise bereits für ein (nicht zustande gekommenes) Gespräch in

Utrecht im Jahr 1935 erstellt worden war, zum anderen Teil zumindest teilweise

Barth vorgelegt wurde, als Miskotte Ende Mai auf der Durchreise nach

Niederländisch-Indien Anfang Juni 1937 in Basel Halt machte, und zweitens

die Korrespondenz zwischen beiden von 1924 bis zum Tod Barths im

Jahr 1968. 17 Darüber hinaus erscheint eine Auswahl der (zumindest bis Mai

K.H. Miskotte über das Verhältnis von Elend, Erlösung und Dankbarkeit im Heidelberger

Katechismus“ (Juli 2017).

15 Kornelis Heiko Miskotte, Bij het scheiden van de markt (Beim Verlassen des Marktes), in:

Verzameld Werk, Deel 1: In de Waagschaal. Een keur uit de artikelen van K.H. Miskotte uit

de eerste vijf jaargangen van In de Waagschaal, Kampen 1982, 403–407, hier 406.

16 Es sei noch erwähnt, dass Miskotte zu seiner Zeit auch als Ratgeber fungieren konnte, wie

man sich in Barth zurechtfindet. So empfiehlt er dem Dichter Hendrik Marsman einmal,

Barths Aufsatz „Reformierte Lehre, ihr Wesen und ihre Aufgabe“ aus dem Jahr 1923 zu lesen:

„Das ist so meisterhaft, dass uns so viele Jahre später (1940) noch immer Barths ‚unbeirrbare‘

Sichtweise darüber, was Theologie eigentlich ist, in Erstaunen versetzt.“ Vgl.

Kornelis Heiko Miskotte, Keuze uit de dagboeken en andere teksten, Amsterdam 1994,

116.

17 Miskotte, VW2 (Anm. 2), bzw. 422–429 und 430–540.


Zeitschrift für Dialektische Theologie ISSN 0169-7536

Journal of Dialectical Theology

Gründer

Gerrit Neven (Kampen)

Herausgeber

Georg Plasger (Siegen), Edward van ’t Slot (Amsterdam)

Erweiterter Herausgeberkreis:

Kait Dugan (Princeton), Gregor Etzelmüller

(Osnabrück), Marco Hofheinz (Hannover), Bruce

McCormack (Princeton), Günter Thomas (Bochum)

und Matthias Wüthrich (Zürich)

Layout

Anna Lena Schwarz (Siegen)

Redaktionsanschrift

Universität Siegen

Prof. Dr. Georg Plasger

57068 Siegen

zdth@uni-siegen.de

Abonnementskosten:

Preise inkl. MwSt.: Einzelheft & Einzelheft

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© 2026 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Blumenstr. 76 · 04155 Leipzig

Printed in Germany

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes

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unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an info@eva-leipzig.de.

Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: Anna Lena Schwarz, Siegen

Drucken und Binden: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza

ISBN 978-3-374-08001-4

www.eva-leipzig.de

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