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Dorothea Wendebourg (Hrsg.): Jahrbuch für Schlesische Kirchengeschichte 103/104 (2024/2025) (Leseprobe)

Das neue Jahrbuch für Schlesische Kirchengeschichte enthält die im Folgenden aufgeführten Beiträge: Robert Luft, Vielfalt und Konflikt – die Stadtgesellschaft von Teschen 1848–1938: Ökonomie, Politik, Nationalitäten, Kultur und Konfessionen Karl Schwarz, Von der »Mutterkirche vieler Länder« zur nationalen Segregation. Die evangelisch-lutherische Gemeinde in Teschen im 19. Jahrhundert aus österreichischer Perspektive Daniel Spratek, Die evangelische Gemeinde von Teschen – die tschechische Perspektive Miroslav Danyś, Industrialisierung im Herzogtum Teschen, verkörpert in Ludwig Hohenegger Thomas Kaufmann, Die Reformation in Görlitz Martin Rothkegel, Wolfgang Sustelius – der erste reformatorische Prediger in Görlitz Hans-Otto Korth, Die Preces scholasticae tempore pestis, Görlitz 1585 Lars-Arne Dannenberg, Lauban und die Reformation Martin Christ, Die Oberlausitz als gemischtkonfessioneller Raum zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg Matthias Paul, Das Reformationsjubiläum in Görlitz 1925

Das neue Jahrbuch für Schlesische Kirchengeschichte enthält die im Folgenden aufgeführten Beiträge:
Robert Luft, Vielfalt und Konflikt – die Stadtgesellschaft von Teschen 1848–1938: Ökonomie, Politik, Nationalitäten, Kultur und Konfessionen
Karl Schwarz, Von der »Mutterkirche vieler Länder« zur nationalen Segregation. Die evangelisch-lutherische Gemeinde in Teschen im 19. Jahrhundert aus österreichischer Perspektive
Daniel Spratek, Die evangelische Gemeinde von Teschen – die tschechische Perspektive
Miroslav Danyś, Industrialisierung im Herzogtum Teschen, verkörpert in Ludwig Hohenegger
Thomas Kaufmann, Die Reformation in Görlitz
Martin Rothkegel, Wolfgang Sustelius – der erste reformatorische Prediger in Görlitz
Hans-Otto Korth, Die Preces scholasticae tempore pestis, Görlitz 1585
Lars-Arne Dannenberg, Lauban und die Reformation
Martin Christ, Die Oberlausitz als gemischtkonfessioneller Raum zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg
Matthias Paul, Das Reformationsjubiläum in Görlitz 1925

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JAHRBUCH

für Schlesische

Kirchengeschichte

103/104 • 2024/2025



Inhaltsverzeichnis

Aufsätze

Robert Luft

Die Stadtgesellschaft von Teschen 1800–1938. Diversität,

Bildung und Migration am Beispiel von Persönlichkeiten

der Stadt und ihrer Region ............................................. 7

Karl Schwarz

Von der »Mutterkirche vieler Länder« zur nationalen Segregation.

Die evangelisch-lutherische Gemeinde in Teschen im 19. Jahrhundert

aus österreichischer Perspektive ........................................49

Daniel Spratek

Die evangelische Gemeinde im Teschener Schlesien im

20. und 21. Jahrhundert – die tschechische Perspektive ...................81

Thomas Kaufmann

Die Reformation in Görlitz – Versuch über einen gestreckten

historischen Prozess ..................................................97

Martin Christ

Die Oberlausitz als gemischtkonfessioneller Raum zwischen

Reformation und Dreißigjährigem Krieg ..............................123

Hans-Otto Korth

Die Preces SCHOLASTICÆ Tempore Pestis, Görlitz 1585 ...............147

Matthias Paul

Zum Reformationsjubiläum 1925 in Görlitz ...........................173

Martin Rothkegel

Valentin Krautwalds biblische Vorlesungen an der Liegnitzer Universität ..219


4

INHALTSVERZEICHNIS

Mitteilungen

Verein für Schlesische Kirchengeschichte 2024 und 2025 ................243

Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e.V.

2024 und 2025 .....................................................247

Verzeichnis der Autoren .............................................254

Register

Ortsregister ........................................................255

Personenregister ....................................................257


Vorwort

Der vorliegende Band enthält hauptsächlich – erweiterte – Vorträge zweier Jahrestagungen

des Vereins. Es handelt sich um die Tagung, die vom 3. bis 6. September

2024 in Teschen (PL), und die folgende, die vom 2. bis 5. September

2025 in Görlitz stattfand. Die erste beschäftigte sich mit der multiethnischen

evangelischen Kirchengeschichte des bis 1918 österreichischen Schlesiens im 19.

und 20. Jahrhundert. Von ihr stammen die Beiträge von Robert Luft (München),

Karl Schwarz (Wien) und Daniel Spratek (Český Těšín /Tschechisch-Teschen).

Die zweite Tagung war vom Jubiläum »500 Jahre Reformation in Görlitz« veranlaßt

und umkreiste jenes Ereignis. Auf sie gehen die Beiträge von Thomas

Kaufmann (Göttingen), Hans-Otto Korth (Kassel) und Martin Christ (Erfurt)

zurück. Hinzu kommt der Aufsätze von Matthias Paul (Görlitz), der thematisch

mit dem zweiten Generalthema zusammenhängt. Der Aufsatz von Martin Rothkegel

(Berlin) erinnert an die Entstehung des Schwenckfeldertums in Schlesien

vor 500 Jahren. Allen Beiträgen sind wie üblich kurze Zusammenfassungen in

polnischer Sprache beigegeben. Der Dank dafür geht wieder an Frau Anna Zinserling

(Berlin – Warschau).

Berlin, im November 2025

Dorothea Wendebourg



Die Stadtgesellschaft von Teschen 1800–1938.

Diversität, Bildung und Migration am Beispiel von

Persönlichkeiten der Stadt und ihrer Region

von Robert Luft

Die mikrohistorische Untersuchung von Persönlichkeiten und deren individuellen

Lebenswegen bietet eine Möglichkeit, geschichtliche Strukturen, Charakteristika

und Dynamiken von Gemeinschaften zu veranschaulichen. Am Beispiel

der Stadt Teschen (polnisch: Cieszyn, tschechisch: Těšín bzw. Český Těšín,

schlesisch-schlonsakisch: Ćeszyn) 1 soll dies im Folgenden für das 19. und die

erste Hälfte des 20. Jahrhunderts exemplifiziert werden. Analysiert wird dabei

nicht eine generationenübergreifende Gruppenbiographie, sondern es sollen

Traditionslinien des gesellschaftlichen Wissens und des Erinnerns an und von

Persönlichkeiten herausgearbeitet werden. Im Rahmen der lokalen Überlieferungen

kannten die Vertreter der jüngeren Generationen vor Ort vermutlich die

Namen und das Werk ihrer Vorgänger in der Stadt. 2 Die gesellschaftlichen und

1

Grundinformationen zur Stadtgeschichte in deutscher Sprache finden sich bei: Kai

Witzlack-Makarevich, Teschen/Cieszyn/Český Těšín (in: Online-Lexikon zur Kultur

und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg 2014, zuletzt aktualisiert

30.07.2021, URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32470, Stand: 24.11.2025); Walter

Kuhn, Teschen (in: Handbuch der Historischen Stätten. Schlesien, hg. v. Hugo Weczerka,

Stuttgart 22003, 530–534); Robert Luft, Teschen (in: Handbuch der Historischen

Stätten Böhmen und Mähren: hg. v. Joachim Bahlcke, Winfried Eberhard und Miloslav Polívka,

Stuttgart 1998, 607–610). – Unter den älteren deutschsprachigen Übersichten vor allem

Anton Peter, Geschichte der Stadt Teschen, Teschen 1888; Moritz Landwehr von

Pragenau, Geschichte der Stadt Teschen, bearb. v. Walter Kuhn, Würzburg 1976.

2

Die Frage, inwieweit exemplarische Biographien Gesellschaften im Lokalen widerzuspiegeln

vermögen, wurde im biographiehistorischen Spannungsfeld von Struktur, Individuum

und Erinnerung noch nicht intensiver diskutiert. Zur Biographie-Forschung vgl. vor

allem: Handbuch Biographie, Methoden, Traditionen, Theorien, hg. v. Christian Klein, Stuttgart

2 2022. Zu Gruppenbiographien Levke Harders, Hannes Schweiger, Kollektivbiographische

Ansätze (in: Handbuch Biographie, 285–291), 287f. und Martin Schmeiser,

Soziologie (in: Handbuch Biographie, 527–535); Wolfgang Fischer, Martin Kohli,

Biographieforschung (in: Methoden der Biographie- und Lebenslaufforschung, hg. v. Wolfgang

Voges, Opladen 1987, 25–49). – Aus regionaler Perspektive Schlesiens auch die Beiträge

in dem Band: Interferenzen zwischen Regionalbewusstsein und Historiografie in Schlesien,

hg. v. Rainer Bendel, Berlin, Münster 2021.


8

Robert Luft

biographischen Umbrüche seit 1938 haben diese Überlieferungsgeschichte in

Teschen, wie in den meisten anderen Regionen des östlichen Mitteleuropas zerstört

und auf national und ideologisch separierte Geschichtsbilder eingeengt.

Erst nach 1990 begann man in der Teschener Region wieder, an ältere plurale

Sichtweisen anzuknüpfen, wobei der Fokus weiterhin oft auf nur einer nationalen

Gruppe liegt. 3

Die Stadt und die Region Teschen aus historischer

und demografischer Sicht

Die Stadt Teschen und das Teschener Schlesien, über Jahrhunderte ein Herzogtum

in der Hand einer anfangs polnisch-piastischen Nebenlinie, waren bereits

im 17. Jahrhundert an die Habsburger als Herrscher der Länder der böhmischen

Krone gefallen. 4 Die Stadt Teschen hatte schon nach dem Dreißigjährigen Krieg

ihre Funktion als Residenzstadt eingebüßt und sollte diese auch unter den Häusern

Lothringen und Sachsen-Teschen nicht mehr zurückgewinnen. Die Stärkung

der regionalen evangelischen Minderheit durch den Bau der Gnadenkirche

( Jesuskirche) und einer evangelischen Schule in Teschen nach 1709 war zwar

sehr bemerkenswert gewesen, doch konnte diese konfessionelle Zentrumsbil-

3

Eine gelungene transnationale Zusammenstellung der Městská knihovna Český Těšín

aufgrund biographischer Lexika zeigt: Osobnosti města Těšín (Avionoviny 30.11.2013, Beilage,

1–4).

4

Grundinformationen zur Geschichte der Region Teschen in deutscher Sprache bei Kai

Witzlack-Makarevich, Teschener Schlesien (in: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte

der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg 2015, zuletzt aktualisiert 24.01.2022,

URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p35385, Stand: 24.11.2025); Robert Luft,

Das Teschener Schlesien als nationale und regionale Geschichtslandschaft. Tschechische,

polnische, deutschsprachige und schlesische Perspektiven der Geschichtswissenschaft im

20. Jahrhundert (in: Teschen. Eine geteilte Stadt im 20. Jahrhundert, hg. v. Ludger Udolph

u. Christian Prunitsch, Dresden 2009, 11–41); Gottlieb Biermann, Geschichte des Herzogthums

Teschen, Teschen 2 1894. – In polnischer Sprache vor allem das mehrbändige Handbuch:

Dzieje Śląska Cieszyńskiego od zarania do czasów współczesnych, hg. v. Idzi Panic u. a.,

8 Bde., Cieszyn 2011–2016; und Franciszek Popiołek, Studia z dziejów Śląska Cieszyńskiego,

Katowice 1958. – Von tschechischer Seite Irena Korbelářová, Rudolf Žáček,

Těšínsko, země Koruny české (k dějinám knížectví od počátků do 18. století) / Ducatus Tessinensis,

terra Coronae Regni Bohemiae, Český Těšín 2008; Zbyšek Ondřeka, Těšínsko

známé i neznámé, Český Těšín 2 2020; Rakouské Slezsko v procesu modernizace 1742–1914

/ Österreichisch-Schlesien im Prozess der Modernisierung 1742–1914, hg. v. Aleš Zářický,

2 Bde., Ostrava 2020.


Die Stadtgesellschaft von Teschen 1800–1938

9

dung in der Habsburgermonarchie den Bedeutungsverlust nicht ausgleichen. 5

In der Folge der Teilung Schlesiens nach 1742 geriet Teschen in eine Randlage –

nicht nur innerhalb Schlesiens, sondern auch im gesamten habsburgischen Herrschaftsverband.

Im Rahmen der Neuformierung des Kronlandes Österreichisch

Schlesien wurde das Teschener Schlesien administrativ dem neuen Zentrum

Troppau (tschech.: Opava) unterstellt. Die kirchlichen Autoritäten – der Generalvikar

des Breslauer Bistums für Österreichisch Schlesien und der Superintendent

der evangelischen Gemeinden Mährens und Schlesiens – waren hingegen

bis 1918 in Teschen bzw. in Bielitz (poln.: Bielsko, tschech.: Bílsko) ansässig.

Die Situation Teschens änderte sich nach 1772 mit der Besetzung bzw. späteren

Inkorporation von Galizien – und folgend von Krakau (poln.: Kraków) und

Umgebung – durch die Habsburgermonarchie erneut grundlegend. Die kürzesten

und besten Wege von Wien nach Galizien und zurück verliefen alle durch

das Herzogtum Teschen. Die Region wurde zu einem Drehpunkt für Personen,

Waren und Ideen. Fast zeitgleich setzten die Entdeckung von größeren Steinkohlelagern

im westlichen Teil des Herzogtums und von Eisenerzlagerstätten

am Rand der Beskiden sowie die Entwicklung der Textilindustrie eine zweite

tiefgreifende Veränderung der Region in Gang. 1787 begann noch zögerlich der

Abbau von Kohle im Gebiet von Schlesisch Ostrau (bis 1919: Polnisch Ostrau,

tschech.: Slezská Ostrava, Polská Ostrava, poln.: Śląska Ostrawa, Ostrawa Polska).

Das Teschener Schlesien entwickelte sich seit 1800 ökonomisch und hinsichtlich

der Bevölkerungszahlen dynamischer als das Troppauer Gebiet. Nach

1880 wurde es so dominant, dass es sogar Arbeitskräfte aus dem westlichen Teil

von Österreichisch Schlesien anzog.

Die Stadt Teschen partizipierte als Verwaltungszentrum nur indirekt an der

Industrialisierung. Bis zur Jahrhundertwende von 1900 war sie die größte Stadt

5

Zur Geschichte der evangelischen Bevölkerung in Teschen in deutscher Sprache siehe

Christian-Erdmann Schott, Die Gegenreformation in Teschen 1610 bis 1781. Von

der Verfolgung über die Eingliederung zur Tolerierung ( JSKG 90, 2011, 129–147); Karl

W. Schwarz, Teschen zwischen Toleranz und konfessioneller Parität. Die Evangelısche

Kirche in Österreichisch-Schlesien im 18. und 19. Jahrhundert ( JSKG 90, 2011, 149–171);

Herbert Patzelt, Geschichte der evangelischen Kirche in Österreichisch-Schlesien, Dülmen

1989; Die konfessionellen Verhältnisse im Teschener Schlesien vom Mittelalter bis zur

Gegenwart, hg. v. Peter Chmiel u. Jan Drabina, Ratingen 2000. – In der Region erschienen

Stanislav Piętak, David Pindur, Daniel Spratek, Dějiny evangelíků na Těšínsku od

reformace do tolerance, Český Těšín 2020; Veronika Tomášová, Evangelíci na Těšínsku

v tolerančním období (1781–1861), Český Těšín 2018; Władysław Sosna, Teschener Protestanten,

Geschichte und Denkmäler. Cieszyn 2009.


10

Robert Luft

der habsburgischen Verwaltungseinheit Teschen. Dann wurde sie der Bevölkerungszahl

nach von der östlich gelegenen Industriestadt Bielitz übertroffen,

lässt man deren galizische Vorstadt Biala (poln.: Biała, tschech.: Bělá) außer Betracht.

Im Westen des Teschener Schlesiens entwickelte sich nach 1880 – fast

explosionsartig wachsend – eine Industrieagglomeration. 1910 erreichte das im

Teschener Schlesien gelegene Schlesisch Ostrau bereits die Größe von Teschen.

Das Zentrum dieser neuen Industrieregion war Mährisch Ostrau (tschech.: Moravská

Ostrava, poln.: Morawska Ostrawa), das – am mährisch-schlesischen

Grenzfluss Ostrawitza gelegen – damals bereits allein eineinhalbmal so groß wie

Teschen war. Durch weitere Zuwanderung und die Eingemeindungen im Jahr

1924, als auch Schlesisch Ostrau und weitere schlesisch-teschenische Gemeinden

inkorporiert wurden, war Ostrau auf dem Weg zur Großstadt. 6 Während

in der ersten Phase des Industrialisierungsprozesses viele Arbeitskräfte aus nahe

gelegenen Landregionen zuwanderten, kam es seit den 1870er Jahren zu starken

Migrationsströmen aus weiter entfernten Regionen. Die Mehrzahl der Eingewanderten

des Ostrau-Karwiner-Kohlenreviers stammte aus Galizien. Aber auch

Personen aus Mähren, dem westlichen Österreichisch Schlesien und dem östlichen

Böhmen sowie aus dem slowakischen Teil Ungarns zogen in das »habsburgische

Ruhrgebiet«.

Die ökonomische Entwicklungsdynamik an den Rändern der Teschener Region

schwächte das alte Zentrum. Dies war eine der Ursachen dafür, dass die

Region und die Stadt zwischen 1918 und 1920 auf zwei Nationalstaaten aufgespalten

werden konnten.

Die erste Teilung der Region erfolgte Ende 1918 durch Vereinbarungen regionaler

tschechischer und polnischer Nationalräte. Dies führte aufgrund lokaler

Mehrheitsverhältnisse von Tschechen oder Polen zu einer Trennlinie westlich

des Flusses Olsa. Dieser Beschluss konnte jedoch nicht flächendeckend

umgesetzt werden und hatte nur wenige Wochen Bestand. Die Politik der Regierungen

der beiden sich neu konstituierenden Staaten Tschechoslowakei und

Polen war hinsichtlich der Region Teschen unvereinbar. Im Januar 1919 kam

es zu einem erfolgreichen Vordringen tschechoslowakischer Truppen über die

Stadt Teschen hinaus Richtung Kleinpolen bzw. Galizien, was zu einer Waffenstillstandslinie

im östlichen Teil des Teschener Schlesiens, teilweise entlang der

Weichsel, führte. Der vor allem von lokalen deutschen und schlesischen Akteu-

6

Josef Bartoš, Jindřich Schulz, Miloš Trapl, Historický místopis Moravy a Slezska

v letech 1848–1960, Bd. 16: Okresy: Ostrava, Fryštát, Hlučín, Ostrava 2011, 35 u. 60.


Die Stadtgesellschaft von Teschen 1800–1938

11

ren vorgeschlagene Plan, ein neutrales, autonomes schlesisches Gebiet unter

dem Mandat des Völkerbundes zu schaffen, fand international keine ausreichende

Unterstützung. Auch die Pläne für Volksabstimmungen in diesem ehemals

habsburgischen Gebiet zerschlugen sich nach der Pariser Friedenskonferenz von

1919. Im Juli 1920 legte die alliierte Pariser Botschafterkonferenz eine Trennlinie

fest, die der Tschechoslowakei die wichtige Bahnverbindung in die Slowakei

von Oderberg (tschech.: Bohumín, poln.: Bogumin) nach Kaschau (slowakisch

und tschech.: Košice, ungarisch: Kassa, poln.: Koszyce) ohne Unterbrechung,

alle Gebiete westlich der Olsa sowie einige aus ökonomischen oder nationalpolitischen

Gründen eingeforderte Orte östlich davon zusprach. 7 Seit 1920 ist

die Stadt Teschen – mit Ausnahme der Jahre von 1939 bis 1945 – daher in die

beiden sich dann zunehmend national, kulturell, politisch und wirtschaftlich

eigenständig entwickelnden Städte Teschen (poln.: Cieszyn) und Tschechisch

Teschen (tschech.: Český Těšín) geteilt.

1938 begann mit der deutschen Besetzung großer Teile der böhmischen Länder

infolge des Münchener Abkommens eine in diesem Ausmaß nicht erwartete

Phase von Entrechtung, Deportationen, Transferierung und zwangsweiser

Flucht bis hin zur Vernichtung der Bevölkerung sowie zu materiellen und kulturellen

Zerstörungen und Devastierungen der Region. Historische Darstellungen

des östlichen Mitteleuropas oder zur Geschichte von Stadt und Region Teschen

nutzen üblicherweise die Jahre 1918, 1920 oder 1945 als Gliederungselemente

und folgen damit der nationalstaatlichen und politisch-administrativen Ge-

7

Die neuere Forschung untersucht den Teschen-Konflikt der Jahre 1918 bis 1920 unter

verschiedenen Perspektiven und relativert die alten nationalen oder nationalstaatlichen Ansätze.

Steffen Kailitz, Wilsons Moment? Wilsons Deutungen von Demokratie und Nation,

ihre nationalen Rezeptionen und die Bedeutung für die Grenzkonflikte in Oberschlesien,

dem Teschener Schlesien und der Orava (Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 73, 2024,

17–50); Andrew Thomas Park, Accommodating the post-war order: the Hotel Brauner

Hirsch and the diplomacy of the Paris Peace Conference in Teschen Silesia, 1919–1920 ( Journal

of tourism history 13, 2021, Heft 1, 53–74); Jiří Bílek, Kyselá těšínská jablíčka, Československo-polské

konflikty o Těšínsko 1919, 1938, 1945, Praha 3 2025. – Materialreich und

detailliert noch immer die Darstellung von Kurt Witt, Die Teschener Frage. Berlin 1935;

Jaroslav Valenta, Česko-polské vztahy v letech 1918–1920 a Těšínské Slezsko, Ostrava

1961; Ders., Die Teschener Frage in der Zwischenkriegszeit 1918–1939 (in: Polen und die

böhmischen Länder im 19. und 20. Jahrhundert, hg. v. Peter Heumos, München 1997, 129–

150); und die Dokumentensammlung: Kwestja cieszyńska. Zbiór dokumentów z okresu walki

o Śląsk Cieszyński 1918–1920, hg. v. Włodzimierz Dąbrowski, Katowice 1923 (Reprint, Warszawa

2021).


Herausgegeben von Dorothea Wendebourg

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten

sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Blumenstr. 76 · 04155 Leipzig

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Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: Zacharias Bähring, Leipzig

Druck und Binden: BELTZ Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza

ISBN 978-3-374-08092-2 // eISBN (PDF) 978-3-374-08093-9

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