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Der verbotene Atlas (Leseprobe)

Sam Sedgman Der verbotene Atlas – Isaac Turner ermittelt (Band 2) 320 Seiten, Hardcover, Euro (D) 16 | Euro (A) 16.90 | CHF 24 ISBN 978-3-03876-366-6 (Midas Kinderbuch) Eigentlich sollte es der große Moment seines Lebens werden: Der angehende Erfinder Isaac Turner ist im Nationalarchiv von Paris, um eine besondere Auszeichnung entgegenzunehmen. Doch die feierliche Zeremonie wird jäh unterbrochen, als ein Attentat auf den berüchtigten Geschäftsmann Balthazar Blaise die Menge in Panik versetzt. Isaac und seine Freundin Hattie beobachten, wie ein Junge spurlos vom Tatort verschwindet, und vermuten bald, dass hinter dem Anschlag mehr steckt, als man auf den ersten Blick sieht. Ohne zu zögern, nehmen sie die Verfolgung auf und stürzen sich in ein atemberaubendes Abenteuer durch die geheimen Winkel der Stadt. Sie jagen einem gestohlenen Brief nach, suchen eine vermisste Schwester und folgen der Legende einer Karte, die den Schlüssel zu einem unermesslichen, unter den Straßen von Paris begrabenen Schatz birgt. Doch mit skrupellosen Schatzjägern im Nacken wird die Jagd nach Antworten zum tödlichen Wettlauf. Können Isaac und Hattie die Geheimnisse der Stadt lüften, bevor es zu spät ist?

Sam Sedgman
Der verbotene Atlas – Isaac Turner ermittelt (Band 2)
320 Seiten, Hardcover, Euro (D) 16 | Euro (A) 16.90 | CHF 24
ISBN 978-3-03876-366-6 (Midas Kinderbuch)

Eigentlich sollte es der große Moment seines Lebens werden: Der angehende Erfinder Isaac Turner ist im Nationalarchiv von Paris, um eine besondere Auszeichnung entgegenzunehmen. Doch die feierliche Zeremonie wird jäh unterbrochen, als ein Attentat auf den berüchtigten Geschäftsmann Balthazar Blaise die Menge in Panik versetzt.

Isaac und seine Freundin Hattie beobachten, wie ein Junge spurlos vom Tatort verschwindet, und vermuten bald, dass hinter dem Anschlag mehr steckt, als man auf den ersten Blick sieht. Ohne zu zögern, nehmen sie die Verfolgung auf und stürzen sich in ein atemberaubendes Abenteuer durch die geheimen Winkel der Stadt. Sie jagen einem gestohlenen Brief nach, suchen eine vermisste Schwester und folgen der Legende einer Karte, die den Schlüssel zu einem unermesslichen, unter den Straßen von Paris begrabenen Schatz birgt.

Doch mit skrupellosen Schatzjägern im Nacken wird die Jagd nach Antworten zum tödlichen Wettlauf. Können Isaac und Hattie die Geheimnisse der Stadt lüften, bevor es zu spät ist?

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Sam sedgman


Für Maya, die immer den richtigen Weg findet.


SAM SEDGMAN

Aus dem Englischen

von André Mumot

Aus dem Englischen

von André Mumot

MIDAS

JUNIOR


© 2026 Midas Verlag AG

1. Auflage

ISBN 978-3-03876-366-6

Text: © Sam Sedgman, 2025

Illustrationen: © David Dean, 2025

Karten und Querschnitt von Big Ben: © Thy Bui, 2025

Übersetzung: André Mumot

Lektorat: Marietheres Wagner

Korrektorat: Kathrin Lichtenberg

Layout: Ulrich Borstelmann

Cover: Stefan Hilden

Druck & Bindung: Finidr

Midas Verlag AG, Dunantstrasse 3, CH 8044 Zürich

Webseite: www.midas.ch, E-Mail: kontakt@midas.ch

Midas Büro Berlin, Mommsenstraße 43, D 10629 Berlin

E-Mail: berlin@midasverlag.com (GPSR)

Originaltitel: »The Forbidden Atlas«

© 2025 Bloomsbury Publishing Plc, London

Printed in Europe

Alle Rechte der deutschen Ausgabe

© 2026 bei Midas Verlag AG

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich

geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Textund

Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor.

Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.


»Wer die Tiefen von Paris betrachtet, wird von

Schwindel ergriffen. Nichts ist fantastischer.

Nichts ist tragischer. Nichts erhabener.«

Victor Hugo

»Ich habe klugerweise mit einer Landkarte begonnen.«

J. R. R. Tolkien


ARC DE

TRIOMPHE

CHAMPS-ÉLYSÉES

MAISON

DE BLAISE

AVENUE GEORGE V

AVENUE MONTAIGNE

TRIANGLE

D’OR

LA TOUR EIFFEL

MARCHÉ

SAINT-GERMAIN

ÉGLISE DE

SAINT-CHRISTOPHE

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MONTPARNASSE

JARDIN DU

LUXEMBOURG

RUE DES PLANTES

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LA PETITE

CEINTURE


SACRÉ-COEUR

GARE DU NORD

RUE LA FAYETTE

CENTRE

POMPIDOU

MUSÉE DES ARCHIVES

NATIONALES

CIMETIÈRE DU

PÈRE-LACHAISE

ÎLE DE LA

CITÉ

NOTRE-DAME

HÔPITAL

HÔTEL-DIEU

PONT

AU

DOUBLE

RUE DE

LA CLEF

PANTHÉON

RUE DESCARTES

RUE DES TANNERIES

BUTTE-AUX-

CAILLES

PLACE D’ITALIE



PROLOG

Rue Descartes

Wie ein Spinnennetz zogen sich die Straßen von Paris durch die

Stadt und schimmerten golden in der Winterdunkelheit. Eingeschmiegt

in eine enge Gasse, die wie eine scharfe Falte im Stadtplan

von Norden nach Süden lief, lag ein Laden für seltene Bücher. Das

bernsteinfarbene Licht seines Fensters tanzte in Carmens Augen wie

ein Glühwürmchen.

Stille senkte sich über das Kopfsteinpflaster, als sie ihr Motorrad

ausschaltete und den Helm abnahm. In der bitterkalten Nachtluft

dampfte ihr Atem. Sie ließ den Blick über den Bürgersteig schweifen

und stellte zufrieden fest, dass keine Menschenseele zu sehen war.

Carmen mochte Paris. Selbst im Herzen der Stadt konnte man solche

kleinen, stillen Winkel finden. Das machte ihre Arbeit erheblich einfacher.

Sie ignorierte das Fermé-Schild, das im Fenster hing, und stieß die

Tür auf. Im Laden roch es nach vergilbtem Papier, Holzpolitur und

Staub. Auf den Tischen stapelten sich wunderschöne gebundene

Bücher in schützender Plastikfolie. Auch die Schränke und Regale

9


waren bis zur Decke vollgestopft mit schweren Lederausgaben, Pergamentrollen

und Karten.

»Mademoiselle?« Mit einem Bücherstapel im Arm trat der Ladenbesitzer

aus dem hinten gelegenen Lagerraum. Er war ein schmaler

Mann mit Weste, hochgekrempelten Ärmeln, weißem Schnurr- und

Backenbart. Er legte die Bücher auf dem Tresen ab. »Ich fürchte, wir

haben geschlossen.«

»Aber ich habe so einen weiten Weg auf mich genommen und bin

extra hergekommen.« Carmen klimperte mit den Wimpern. »Bitte. Ich

suche etwas sehr Wichtiges, und ich bin mir sicher, Sie sind der einzige,

der es für mich auftreiben kann.«

Der Mann warf sich sichtlich stolz in die Brust. »Nun. Wir gehören

zu den wenigen Spezialisten hier in der Stadt.« Er rückte seine Weste

zurecht. »Was suchen Sie denn?«

»Eine seltene Stadtkarte von Paris«, erwiderte Carmen.

»Dann sind Sie hier richtig«, sagte der Buchhändler. »Karten sind

unsere Spezialität. Haben Sie eine bestimmte historische Epoche im

Sinn?«

Carmen lächelte. »Ich suche die Laval-Projektion.«

Alarmiert trat der Buchhändler einen Schritt vom Tresen weg.

»Nun … das ist in der Tat eine sehr seltene Ausgabe. Ich glaube

nicht, dass ich je die Freude hatte …«

»Sie ist einzigartig.« Carmen legte ihre Hände auf den Tresen und

schaute den Mann mit ruhigem, konzentriertem Blick an. »Und ich

weiß, dass Sie sie haben.«

Der Buchhändler schluckte. »Ich fürchte, da hat man Sie falsch

informiert.« Doch Carmen sah, wie sein Blick unwillkürlich nach

unten huschte, zu einem Metallsafe neben seinem Arbeitstisch.

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»Sie haben letzten Monat eine Ausgabe der Laval-Projektion erworben.«

Carmen trat langsam um den Tresen herum, sodass ihr der

Buchhändler nicht mehr ausweichen konnte. »Für das Mädchen. Sie

haben gemeinsam versucht, ihre Geheimnisse zu entschlüsseln.« Sie

tippte mit der Stiefelspitze gegen den Safe. »Und ich glaube, es ist

Ihnen gelungen.«

»Das stimmt nicht, ich schwöre es.« Der Buchhändler stolperte

rückwärts, gegen eine antike Karte von Frankreich, die in einem

Rahmen an der Wand hing.

»Lügen Sie mich nicht an!«, sagte Carmen und kam näher. »Ich

kann einen Betrug genauso leicht erkennen wie Sie.« Sie strich einen

der Aufschläge an seiner Weste glatt. »Wie heißen Sie?«

»B… Bernard.«

»Nun, Bernard …« Mit einem kalten Lächeln packte sie ihn an der

Weste. »Werden Sie mir helfen, oder wollen Sie Schwierigkeiten

machen?«

Bernards Unterlippe zitterte. »Sie haben es auf den Atlas abgesehen,

nicht wahr?«, fragte er.

Carmens Grinsen wurde noch eisiger.

»Wer sind Sie?«

»Das ist nicht wichtig.« Carmen schüttelte den Kopf. »Jetzt seien

Sie ein braver Junge und öffnen Sie den Safe.«

»B… bitte«, stammelte Bernard. »Ich weiß gar nichts! Der Atlas, er

… ist bloß ein Mythos. Harmlose Fiktion!« Ihm entfuhr ein panisches

Kichern.

»Ich war nie ein Fan von Fiktion.« Carmen stieß ihn mit voller

Wucht gegen die Frankreichkarte. Das Glas splitterte, und die Risse

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breiteten sich nach allen Seiten aus wie bei einem Spinnennetz. Bernard

schnappte nach Luft.

»Machen Sie den Safe auf!«, blaffte Carmen. »Sofort!«

Sie löste ihren Griff, und Bernard stürzte zu Boden. Er kniete sich

hin, um mit zitternder Hand an der Wählscheibe des Safes zu drehen.

Die Tür schwang auf, und er zog eine verstärkte, braune Lederröhre

mit Deckel hervor – einen Dokumentenköcher.

»Hier«, sagte er.

Carmen nahm den Köcher und löste vorsichtig die Messingschnalle.

Sie öffnete den Deckel und spähte hinein. Dann zog sie eine Augenbraue

hoch und wandte sich wieder dem Buchhändler zu.

»Da ist nichts drin«, sagte sie und stellte den Köcher auf den Kopf.

»Was?« Bernard wirkte entsetzt.

»Wie enttäuschend.« Carmen schüttelte den Kopf. Auf die Innenseite

des Deckels hatte jemand mit einem Farbstift eine Spirale

gezeichnet, die von einer diagonalen Wellenlinie durchkreuzt wurde.

Sie konnte nichts damit anfangen.

»Sie muss sie mitgenommen haben.« Aus Bernards Kehle löste sich

ein erleichterter Laut. Er lehnte sich gegen den Safe und schaute trotzig

zu Carmen auf. »Samira ist der cleverste Mensch, den ich kenne.

Sie werden den Atlas niemals finden. Denn Sie werden sie niemals

finden.«

Carmen schnalzte missbilligend mit der Zunge und fuhr mit dem

Finger über das Symbol. Dann ließ sie den Köcher zu Boden fallen.

»Ich bekomme immer, was ich will, Bernard.« Der Buchhändler

drückte sich wieder in die Ecke. »Und ich will den Atlas.« Sie baute

sich über ihm auf. »Also, warum erzählen Sie mir nicht einfach, wo

sich Samira versteckt?«

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»Ich weiß es nicht!« Bernard schluckte panisch. »B… bitte. Sie ist

meine Freundin.«

»Zwingen Sie mich nicht, ein zweites Mal zu fragen.«

Wieder zitterte Bernards Unterlippe, aber er hob das Kinn und

schüttelte den Kopf.

»Ach, Bernard.« Carmen seufzte. »Sie haben sich keinen guten

Abend ausgesucht, um den Helden zu spielen.«

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ERSTES KAPITEL

Museé des Archives Nationales

Bis der Schuss abgefeuert wurde, war Isaacs größte Sorge, dass er

eine Rede halten musste.

Er mochte es gar nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Doch nun war er

nach Paris eingeladen worden, um vor großem Publikum eine Auszeichnung

zu erhalten. Als sein Dad ihm gesagt hatte, dass er ein paar

Worte sprechen sollte, um sich bei allen zu bedanken – und das sogar

auf Französisch –, war Isaac schon bei dem Gedanken daran in helle

Panik verfallen.

Er war nicht gut in Französisch. Klar, er konnte bis zwanzig zählen

und nach dem Weg fragen, aber das genügte wohl kaum für eine Dankesrede

beim Internationalen Büro für Maß und Gewicht. Diese Organisation

wollte ihm und seiner Freundin Hattie einen Orden verleihen,

weil sie im Oktober die Uhren der Welt vor einer Katastrophe

bewahrt hatten.

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»Ich übernehme den französischen Kram«, hatte Hattie gesagt.

»Französisch ist einfach. Und Danke kannst du auch auf Englisch

sagen.«

Aber selbst das brachte ihn ins Schwitzen. Er hatte sich ein paar

Sätze auf einen Zettel geschrieben und diesen fest zusammengefaltet

in die Tasche seines kratzenden Anzugs gesteckt. Er brauchte ihn für

den Fall, dass er vor Aufregung alles vergaß. Worte waren für Isaac

schwierig; Zahlen lagen ihm deutlich mehr.

Die Veranstaltung fand im Nationalarchiv im Herzen von Paris statt.

Hier bewahrte die Regierung wichtige Dokumente aus der Geschichte

Frankreichs auf, Briefe von Königen zum Beispiel und die Grundrisse

berühmter Monumente. Gelegentlich öffnete das Archiv seine Tore

auch für Ausstellungen und zeigte der Öffentlichkeit einzelne Stücke

der Sammlung. An diesem Abend wurde die neueste Ausstellung mit

einer Party eröffnet, und inmitten der Sektgläser und all der geladenen

Gäste sollten Isaac und Hattie geehrt werden.

Den ganzen Nachmittag hatte ein Gewitter den Himmel aufgewühlt.

Während Isaac und sein Dad über die große Steintreppe zum

Ausstellungsraum hinaufstiegen, trommelte der Regen immer noch

gegen die Fenster. Die Party war bereits in vollem Gang.

»Da seid ihr ja«, sagte Hattie und schoss aus der Menge auf sie zu.

Ihr schwarz-goldenes Paillettenkleid funkelte bei jeder Bewegung;

dazu trug sie feste, schwarze Stiefel. »Wir dachten schon, ihr hättet

euch verlaufen.«

»Nein, wir sind bloß nass bis auf die Haut«, gab Isaac zurück. Er

bemerkte, wie die Regentropfen von seinem Sakko auf den Teppich

tropften. »Kommen wir zu spät?«

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»Wir kommen nicht zu spät«, sagte sein Dad und strich sich über

seinen durchnässten Bart. »Ich habe den Schirm vergessen, aber nicht

die Zeit.«

»Harriet, warum trägst du immer noch diese schrecklichen Stiefel?«

Eine schlanke Frau in einem schicken, roten Kleid tauchte hinter

Hattie auf und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Wo sind denn die

hübschen Schuhe, die du anziehen wolltest?«

»Die muss ich in der Eile im Hotel vergessen haben, Mama«, antwortete

Hattie. Mit einem verschmitzten Lächeln sah sie zu Boden.

»Hm.« Ihre Mutter presste die Lippen zu einem dünnen Strich

zusammen.

»Hallo, Patricia«, begrüßte Isaacs Dad sie und schüttelte ihr die

Hand. »Wie war euer Tag in Versailles?«

»Höchst lehrreich«, erwiderte Hatties Mum fröhlich. Patricia Tan

war eine große Frau mit einem perfekt frisierten schwarzen Bob und

Augen, die unaufhörlich hin und her huschten. »Ich freue mich so

sehr darauf, zu sehen, wie mein kleines Mädchen heute Abend geehrt

wird.« Sie drückte die Schulter ihrer Tochter, aber Hattie schüttelte

sie gleich wieder ab.

»Wo müssen wir denn die Rede halten?«, fragte Isaac und ließ den

Blick schweifen. Der Raum war größer, als er angenommen hatte.

Überall standen Menschen in festlicher Kleidung, die an ihrem Sekt

nippten und dabei die Objekte in den gläsernen Vitrinen bewunderten.

»Da drüben in der Ecke gibt es eine Bühne.« Hattie deutete auf ein

Streichquartett, das im Scheinwerferlicht spielte. Isaac sah es, und

sofort schlug sein Herz schneller.

»Monsieur?«

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Isaac zuckte zusammen, als eine uniformierte Kellnerin ihm ein

Tablett mit verschiedenen kleinen Häppchen anbot.

»Oh!« Er nahm sich einen winzigen Pfannkuchen mit Lachs.

»Dan… äh … Merzi buh kuh.«

»De rien.« Die Frau unterdrückte ein spöttisches Lachen. Isaacs

Gesicht lief knallrot an.

»Ich habe gehört, Balthazar Blaise persönlich wird euch vorstellen«,

sagte Patricia begeistert und nahm sich ebenfalls ein Häppchen.

»Wer ist Balthazar Blaise?«, fragte Isaac.

»Einer der reichsten Männer von Paris. Er ist ein alter Freund von

mir und ein unfassbar großzügiger Förderer der Oper, des Balletts und

natürlich des Nationalarchivs«, antwortete Patricia. »Er ist ein sehr

wichtiger Mann, den du unbedingt kennenlernen musst, Harriet.«

»Ja, Mama.« Hattie verdrehte die Augen. »Ich führe erstmal Isaac

rum.«

»Und ich suche Luc und frage, wie der Ablauf für heute aussieht«,

sagte Isaacs Dad. »Geht nicht so weit weg.«

»Machen wir nicht.«

Hattie schnappte sich Isaacs Hand und zog ihn ins Partygetümmel.

»Ich habe was komplett Irres entdeckt!« Sie marschierte an einem

Tisch vorbei, auf dem unter Glas alte Briefe und Bücher ausgelegt

waren. »Du und dein Nerd-Hirn, ihr werdet das lieben!« Sie blieb vor

der Wand stehen, wo ein Metallstab hinter schwerem Sicherheitsglas

ausgestellt war.

»Le Mètre«, las Isaac von einem Schild ab. »Der … der Meter? Ein

Metermaß?«

»Das erste Metermaß«, erwiderte Hattie mit großen Augen. »Also,

das allererste überhaupt. Das ist der Maßstab, nach dem alle anderen

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auf der Welt angefertigt wurden. Es besteht zu großem Teil aus Platin –

es muss Unsummen wert sein.«

»Genau genommen ist es unbezahlbar.«

Die Kinder drehten sich um und sahen eine grauhaarige Frau in

einem metallisch blauen Kleid. Eine rechteckige schwarze Brille

rahmte ihr langes Gesicht ein, das von Lachfältchen durchzogen

wurde.

»Entschuldigt bitte. Ich habe gehört, wir ihr euch unterhalten habt«,

sagte sie. »Ich bin Eveline, Kuratorin der Ausstellung. Le Mètre ist

eines unserer kostbarsten Stücke – das Urmeter.«

»Wieviel ist es denn wert?«, fragte Hattie.

»Ah, du bist eine junge Frau mit Geschäftssinn!« Eveline kicherte.

»Na schön. Wie du schon gesagt hast, besteht es fast vollständig aus

Platin, einem der teuersten Metalle der Welt. Man würde etwa sechzig-

oder siebzigtausend Euro bekommen, wenn man das Urmeter einschmelzen

würde.«

Hattie stieß einen leisen Pfiff aus.

»Aber man würde es natürlich niemals einschmelzen«, fuhr Eveline

fort. »Sein historischer Wert ist viel höher. Es wurde auch nicht aus

Platin angefertigt, um es teuer zu machen.«

»Sondern, damit es stabil ist?«, fragte Isaac.

»Ja.« Eveline warf ihm einen beeindruckten Blick zu. »Wie kommst

du darauf?«

»Platin ist ein Edelmetall«, sagte Isaac. »Es reagiert kaum auf äußere

Einflüsse. Ich nehme an, bei der Herstellung von so einem Metermaß

war es wichtig, dass es immer dieselbe Länge behielt. Das ist bei den

meisten Metallen nicht der Fall.«

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»Ganz richtig«, sagte Eveline. »Eisen zum Beispiel dehnt sich bei

Hitze erheblich aus. Angeblich wächst der Eiffelturm an einem sonnigen

Tag um fünfzehn Zentimeter.«

»Warum ist dieses Metermaß dann so unschätzbar wertvoll?«

»Nach der Revolution wollte die Republik alles erneuern und der

Welt zeigen, wozu sie in der Lage war«, erwiderte Eveline stolz. »Deshalb

legte Frankreich neue Maße fest, die für die ganze Welt gelten.

Sie sollten auf den Regeln der Natur beruhen. Ein Meter war von nun

an genau ein Zehnmillionstel der Strecke vom Nordpol zum Äquator.

Nach mühsamen Vermessungen hat Frankreich dieses Metermaß entwickelt.

Es ist hier im Archiv hinterlegt, als Erinnerung an diese große

Errungenschaft.«

»War das vor oder nachdem Sie dem König und der Königin den

Kopf abgeschlagen hatten?«, fragte Hattie.

»Danach.« Eveline lachte. »Allerdings wurden ziemlich viele Köpfe

abgeschlagen – mehrere Jahre lang.«

»Ich wusste gar nicht, dass Frankreich das metrische System erfunden

hat«, sagte Isaac.

»Aber natürlich!«, rief Eveline aus. »Warum, glaubst du, funktioniert

es so gut?«

»Isaac! Hattie! Die Kinder der Stunde!«

Ein Franzose mit gepflegtem Bart und elegantem Rollkragenpullover

legte Isaac eine Hand auf die Schulter. Es war ein alter Bekannter:

Luc Bouchard, ein Freund von Isaacs Dad. Ihm verdankten sie ihre

Einladung nach Paris.

»Bonsoir, Eveline.« Er küsste die Museumskuratorin auf beide

Wangen.

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»Bonsoir, Luc. Und danke, dass du zwei so intelligente junge Leute

eingeladen hast«, erwiderte Eveline mit einem breiten Lächeln.

»Isaac, dein Dad meinte, das hier könntest du brauchen.« Luc

reichte ihm ein Handtuch. Dankbar rieb sich Isaac die pitschnassen

Haare trocken. »Euer großer Moment ist fast gekommen. Ich bringe

euch mal zur Bühne.«

Isaac schlug das Herz bis zum Hals, während Luc sie durch die

Menge manövrierte und Eveline ihnen folgte. Es passierte also wirklich.

Er würde vor all diesen intelligenten, gut angezogenen Leuten

reden müssen. Er sah, wie Mikrofon und Scheinwerfer immer näher

kamen und bekam einen trockenen Mund.

Sein Dad und Hatties Mum standen stolz neben der Bühne. Diggory

Turner sah eigentlich immer ein bisschen zerknittert aus, aber

neben Patricias schickem roten Kleid stachen die Falten in seinem

Hemd und sein zerzauster Bart umso deutlicher hervor. Ein korpulenter

Mann mit Glatze und breitem Lächeln trat zwischen ihnen hervor

und schüttelte Isaac die Hand.

»Bonsoir! Vous êtes Isaac et Harriet?«

»Ich … ähm …«, stotterte Isaac.

»Oui, Monsieur Blaise? Enchantée«, sagte Harriet und deutete einen

Knicks an. Isaac sah das Strahlen in den Augen ihrer Mutter.

»Patricia, du hast mir gar nicht gesagt, dass deine Tochter so charmant

ist!« Blaise lachte, und Patricia wurde rot. »Et Isaac? Est-ce que

vous vous amusez ce soir?«

»Ich … spreche kein Französisch«, sagte Isaac und steckte sich das

Handtuch unter den Arm. Er wurde von Sekunde zu Sekunde verlegener.

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»Ah, das einzige, was dieses geniale Kind nicht kann!« Der glatzköpfige

Mann lachte laut und die anderen Erwachsenen stimmten mit

ein.

»Tut mir leid«, fügte Isaac hinzu.

»Nicht nötig.« Der Mann lächelte. »Ich bin Balthazar Blaise. Ich

werde euch dem Publikum vorstellen. Omar müsst ihr nicht beachten,

er ist mein Bodyguard.«

Isaac zuckte zusammen, als ein muskulöser Mann im Anzug hinter

Blaise auftauchte. Sein Nacken war so breit wie Isaacs Bein.

»Wir können jetzt anfangen, denke ich?« Luc deutete auf die Versammlung.

»Oui, oui.« Eveline nickte und marschierte zur Bühne hinüber. »J’y

vais.« Sie klopfte mit einer Gabel gegen den Rand ihres Sektglases und

brachte die Menge zum Verstummen. Dann sprach sie ins Mikrofon

und deutete mit der freien Hand auf die im Raum verteilten Ausstellungsstücke.

Sie sprach Französisch und Isaac verstand kein einziges

Wort.

»Du tropfst.«

Isaac drehte sich um. Hinter ihm stand Omar, der Bodyguard. »Dein

Sakko«, sagte der Mann leise und deutete auf das Regenwasser, das

sich am Saum sammelte.

»Oh. Wir wurden vom Gewitter überrascht«, murmelte Isaac.

»Willst du meins haben?«, bot der Bodyguard an. »Bisschen groß,

aber trocken.«

»Wirklich?«

»Klar.« Omar streifte seine Jacke ab und reichte sie ihm. Rasch zog

Isaac seinen zusammengefalteten Zettel mit der Rede aus der

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Innentasche, dann streifte er sich das Sakko des Bodyguards über. Es

fühlte sich riesig an, aber immerhin: Es war nicht völlig durchgeweicht.

»Danke«, flüsterte er, während Eveline Balthazar Blaise ans Mikrofon

holte. Omar trat zum Rand der Bühne hinüber.

»Gleich sind wir dran.« Hattie knuffte Isaac in die Rippen.

Er nickte und faltete seinen Zettel auseinander. Entsetzt weiteten

sich seine Augen. Das Papier war vom Regen aufgeweicht und die

Worte zu einem Brei aus blauer Tinte verlaufen. Sie waren völlig unleserlich.

»Oh, nein«, murmelte er, während Balthazar Blaise etwas sagte und

das Publikum in lautes Gelächter ausbrach. Isaacs Herz hämmerte

wie ein Schlagzeug gegen seine Rippen.

»Einfach tief durchatmen und lächeln«, sagte Hattie. Isaac schaute

auf und sah, dass sie mit sich selbst sprach. Balthazar Blaise arbeitete

sich derweil auf einen Höhepunkt zu.

»… Mesdames et messieurs, j’ai l’honneur de vous présenter Harriet

Bassala et Isaac Turner!«

Applaus brandete im Publikum auf, und Blaise streckte schwungvoll

die Hand aus, um die beiden im Rampenlicht zu begrüßen. Über

Hatties Gesicht legte sich ein breites Grinsen und sie trat vor. Isaac

machte ebenfalls einen Schritt, stolperte aber sofort über den Rand

der Bühne. Omar half ihm hoch.

»Du wirst das super machen«, flüsterte er.

Isaac folgte Hattie kleinlaut zum Mikrofon, wo sie bereits fließend

Französisch sprach. Die Menge kicherte, und er sah, dass ihr Lächeln

noch breiter wurde. Seine Zunge fühlte sich pelzig an. Noch einmal

23


schaute er auf seine ruinierte Rede hinab. Stand da das Wort Dankbarkeit?

»Isaac?« Er hob den Blick, als Hattie seinen Namen sagte. Im Publikum

war es still geworden. Alle starrten ihn an. »Du bist dran«, flüsterte

sie.

»Ähm …« Unsicher trat er ins Rampenlicht. Es war schrecklich

hell. »D… danke Ihnen«, sagte er blinzelnd. »Danke, dass Sie uns eingeladen

haben. Ich …«

Plötzlich fiel die Bühne in völlige Dunkelheit. Ein unterdrücktes

»Ohh!« drang von der Menge zu ihm herauf.

»Was ist passiert?«, fragte Isaac. Auch das Mikrofon war tot. Eine

Welle aus Verwirrung und Erleichterung spülte über ihn hinweg.

»Ich weiß nicht«, sagte Hattie. »Vielleicht ein Stromausfall? Oder

…«

»Non! Arrête!« Aus der Dunkelheit löste sich ein Schrei wie ein

Donnerschlag, und Isaac spürte, wie sich die Menschen augenblicklich

anspannten. Jemand kam hinter ihm auf die Bühne, dann fuhr ein

heller Blitz durch den Raum und ein durchdringender Knall ertönte.

Jemand hatte einen Schuss abgefeuert.

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Musée des Archives Nationales

Eine halbe Sekunde lang, die sich wie eine ganze Stunde anfühlte,

wusste niemand, was zu tun war. Der Knall dröhnte noch immer in

Hatties Trommelfell. Wie erstarrt stand sie im Dunkeln und konnte

sich nicht erinnern, was sie mit ihren Beinen anstellen sollte. Sie fragte

sich, ob sie angeschossen worden war. Aber das würde doch bestimmt

wehtun?

Dann hörte sie einen dumpfen Aufprall, als jemand hinter ihnen

schwer auf die Bühnenbretter krachte. Ein Schrei gellte durch die

Luft, dann noch einer und plötzlich schienen alle zu schreien. Voller

Angst krallte sich Hattie an Isaacs Schulter.

Einzelne Lichter tauchten auf, wo Leute ihre Handys zückten.

Auch Hattie zog ihres hervor und schaltete die Taschenlampe ein. Sie

ließ den Lichtstrahl über die Bühne wandern, bis er auf Balthazar

Blaise fiel. Er lag bäuchlings auf dem Boden und rang unter Omars

Gewicht nach Luft.

»Au secours!«, stammelte Blaise. »Aidez-moi!«

Gerade wollte sie vorpreschen, als jemand sie und Isaac an den

Armen packte und vom Mikrofon wegriss.

»Dad?«, hörte sie Isaac. Diggory Turner zerrte sie von der Bühne

weg und schob sie durch eine kleine Tür direkt dahinter. Dort brach

Hattie neben Isaac auf den Bodendielen zusammen.

»Lauft!«, presste Diggory hervor. Er klammerte sich an den Türrahmen.

»Verschwindet von hier – lauft, so schnell ihr könnt!«

»Aber …«, begann Isaac.

»Wo ist Mama?«, fragte Hattie.

25


»Sie ist in Sicherheit. Wir kommen hinter euch her. Ich muss nur

einen Krankenwagen rufen.« Im Saal gingen die Lichter an. Hattie

erhaschte einen kurzen Blick auf das Chaos: Besucher rannten zum

Haupteingang; auf der Bühne kniete Eveline über Blaise und schrie.

»Lauft!«, brüllte Diggory. »Sofort!«

Er knallte die Tür hinter ihnen zu und sperrte den Tumult aus. Erst

jetzt merkte Hattie, dass sie die ganze Zeit den Atem angehalten hatte.

Keuchend schnappte sie nach Luft.

»Geht’s dir …?«

»Mir geht’s gut, mir geht’s gut.« Hattie rappelte sich auf und versuchte,

sich zu beruhigen. »Na los. Er hat gesagt, wir sollen weglaufen.«

Sie packte Isaac am Handgelenk. Gemeinsam stürmten sie durch

eine breite Galerie, vorbei an mehreren Bänken, direkt auf ein grünes

Notausgangsschild zu. Plötzlich rutschte Isaac auf etwas Hartem aus.

Er verlor das Gleichgewicht und stürzte mit einem dumpfen Knall zu

Boden. Der Gegenstand, auf den er getreten war, schlitterte gegen die

Wand.

»Alles klar?«, fragte Hattie und half ihm hoch.

»Ja.« Isaac rückte seine Brille gerade. »Schnell weiter.«

Doch Harriet starrte die Wand an.

»Schau!« Sie zeigte auf den kleinen Metallgegenstand, der nun an

der Fußleiste unter einem Heizkörper lag. »Ist das …?« Sie kniete sich

hin, um einen genaueren Blick darauf zu werfen.

»Fass es nicht an!«, sagte Isaac. Er reichte ihr einen Kugelschreiber

aus seiner Tasche. Hattie nahm ihn und stupste den Gegenstand vorsichtig

in ihr Sichtfeld.

»Okay, ja«, sagte sie leise. »Das ist eine Pistole.«

26


Sie starrten das Ding an. Dann spürte Hattie, wie Isaac ihren Arm

berührte.

»Was?«, fragte sie.

»Hör mal«, flüsterte er.

Hattie lauschte in die Stille. Von weiter unten im Korridor kam ein

dumpfes, schweres Atmen.

»Das bist nicht du, oder?«, murmelte sie. Sie spürte, wie Isaac

neben ihr den Kopf schüttelte.

»Was machen wir denn jetzt …?«

»Hallo?«, rief Hattie, erhob sich und drehte sich um. »Wir wissen,

dass Sie da sind. Zeigen Sie sich! Ich … ich habe keine Angst!«

»Was machst du denn?«, zischte Isaac. »Das könnte ein Mörder

sein!«

»Ganz genau!«, flüsterte Hattie zurück. »Willst du, dass der uns aus

dem Hinterhalt anspringt?«

Sie hob ihre Handytaschenlampe in die Höhe. »Wer sind Sie?« Sie

ließ den Lichtstrahl ihres Handys den Korridor hinabgleiten, bis er

eine Gestalt erfasste. Jemand kroch unter einer der Bänke hervor,

streckte den Arm aus und riss ein Fenster auf.

»Hey!«, brüllte Hattie. »Stopp!« Isaac versuchte, sie an der Schulter

zurückzuhalten, aber Hattie stürmte bereits den Gang hinunter. Sie

lief auf das Fenster zu, um die Verfolgung aufzunehmen.

»Hattie, warte!« Isaac rannte hinter ihr her. »Das ist zu gefährlich!«

»Aber hast du’s nicht gesehen?«, rief sie. »Es war ein Junge!«

Hattie öffnete das Fenster und starrte in das Unwetter hinaus. Sie

befanden sich im ersten Stock. Der Regen peitschte auf das Pflaster

des Innenhofs.

27


»Da!« Isaac zeigte auf eine Gestalt in einem dunklen Sweatshirt, die

über das Dach der Kolonnaden kletterte. Der Säulengang umrundete

den Hof wie ein steinernes Hufeisen. Isaac warf einen gehetzten Blick

zurück zum Ausstellungsraum. »Wir müssen Hilfe holen!«

»Dafür ist es zu spät, er entkommt.« Hattie krallte sich am Fensterrahmen

fest und schwang die Beine nach draußen.

»Bist du verrückt?«, rief Isaac. »Hattie komm zurück! Das könnte

ein Killer sein!«

»Er hat ja keine Waffe mehr!«, rief sie über die Schulter.

»Trotzdem! Du kannst ihn nicht allein aufhalten!«, protestierte

Isaac.

Hattie drehte sich zu ihm um. »Nein«, erwiderte sie vielsagend.

»Werde ich auch nicht.«

Dann stieß sie sich vom Fenstersims ab, landete auf dem Kolonnadendach

und rannte dem Jungen hinterher.

28


Jardin des Archives Nationales

Es goss wie aus Kübeln. In Sekundenschnelle war Isaac nass bis auf

die Knochen. Vor ihm spannte sich das flache Dach der Kolonnaden

vom Hauptgebäude des Archivs bis zur Außenmauer. Isaac kämpfte

sich tief gebeugt voran. Bei jedem Schritt auf dem glitschigen Untergrund

drohte er das Gleichgewicht zu verlieren. Nur mühsam konnte

er mit Hattie Schritt halten, deren Stiefel geschwind über den steinernen

Untergrund stampften. Doch plötzlich machte sie kehrt.

»Er ist weg!«, brüllte sie gegen das Prasseln des Regens an. »Bis zur

Begrenzungsmauer ist er nicht gekommen. Er muss irgendwo in den

Garten hinuntergeklettert sein.«

Unvermittelt hielt Isaac inne. Direkt unter ihnen hörte er ein gurgelndes

Geräusch.

»Da ist ein Regenrohr.« Er entdeckte die Stelle, an der das Wasser

wie ein wilder kleiner Strudel in die Öffnung schoss.

Hattie nickte. Sie packte das gusseiserne Rohr und hangelte sich

geschickt daran herab. Sekunden später rannte sie schon über den

nassen Rasen. Isaac tat sein Bestes, um ihr zu folgen. Er umklammerte

das Rohr und stemmte nervös die Sohlen gegen die nackte Mauer.

Doch schon beim ersten Schritt rutschte sein Fuß ab und er stürzte

einige Meter tief in das feuchte Gras. Die Luft blieb ihm weg. Kalter

Schlamm durchtränkte seinen Ärmel. Alles tat weh. Und er kam sich

völlig nutzlos vor.

Durch den Regenvorhang rief ihm jemand etwas zu. Es war Hattie.

Und sie klang ungewöhnlich ängstlich.

29


Isaac rappelte sich auf und kämpfte sich durch dichtes Gebüsch.

Die nassen Äste klatschten ihm ins Gesicht.

»Hattie!«, rief er. »Wo bist du?«

Von rechts erschallte ein Schrei. Isaac folgte dem Laut und brach

aus dem Gebüsch auf den Rasen hervor. Zwei Schatten rangen im

Gras miteinander. Hatties Paillettenkleid blitzte auf, während sie die

Taille des Jungen umklammerte. Es sah aus, als hätte sie ihn mit einem

perfekten Rugby-Tackle zu Boden gerungen. Verbissen riss sie an

seinem Rucksack, während er zappelnd versuchte, sich freizuwinden.

»Lâche-moi!«, brüllte der Junge. Er befreite sich mit einem Ruck

aus den Schultergurten und boxte Hattie gegen die Brust. Sie taumelte

zurück und rang nach Luft. Der Junge kam unsicher auf die

Füße und riss den Rucksack in die Höhe.

»Stopp!« Isaac raste über das Gras und warf sich auf den Jungen. Er

hatte keine Ahnung vom Kämpfen, aber seine Geschwindigkeit und

sein Gewicht warfen seinen Gegner um wie einen Bowlingkegel. Mit

einem dumpfen Aufschlag landeten sie im Schlamm. Der Junge rollte

sich blitzschnell auf Isaac und verpasste ihm einen heftigen Schlag.

Schmerz fuhr durch Isaacs Schulter. Als jedoch der Junge erneut ausholte,

zuckte er schreiend zurück. Hattie hatte sich seinen Fuß

geschnappt und in seinen Knöchel gebissen, als wäre er ein saftiges

Steak. Er kreischte auf und trat sie weg. Isaac nutzte den Moment, um

sich unter ihm wegzurollen. Der Junge sprang auf, schnappte sich den

Rucksack und humpelte rasch über den Rasen davon.

»Alles okay?« Isaac half Hattie aufzustehen.

»Mir geht’s gut«, erwiderte sie und wischte sich hastig über den

Mund. »Schnell! Er entkommt!«

»Aber …«

30


»Wir müssen sehen, wo er hinläuft!«, brüllte Hattie. In so einem

Augenblick konnte man nicht mit ihr diskutieren.

Sie stolperten über den nassen Rasen. Isaac sah noch, wie der

Schatten des Jungen an einer weißen Steinmauer vorbeihuschte und

in einer dunklen Gasse zwischen den Gebäuden verschwand. Er gab

Hattie ein Zeichen. Der Kies knirschte verräterisch unter ihren Füßen,

als sie vorsichtig um die Ecke spähten.

Vor ihnen lag eine Sackgasse. Sie war vollkommen leer.

Hattie rannte bis zur hinteren Mauer und suchte verzweifelt nach

einem Weg, den der Junge hätte nehmen können. Isaac sah an den

hohen Steinwänden hinauf. Sie waren nass vom Regen und spiegelglatt

– unmöglich, daran hinaufzuklettern.

»Psst!«, zischte er. Er stand ganz still und lauschte auf das kleinste

Lebenszeichen. Aber da war nichts, nur das ferne Heulen von Sirenen

und das unermüdliche Gurgeln in der Regenrinne.

Ungläubig starrten sie einander an. Der Junge war wie vom Erdboden

verschluckt.

31



ZWEITES KAPITEL

Sous la Rue des Francs-Bourgeois

Leons Füße stapften durch das knöcheltiefe Wasser, während der

Strahl seiner Taschenlampe im Zickzack durch den vor ihm liegenden

Tunnel huschte. Die Gesteinsdecke der alten Mine war niedrig,

und er musste sich ducken, um voranzukommen. Bis jemand herausfand,

wohin er geflüchtet war, würde er weit weg sein. Er durfte

nur nicht stehenbleiben.

Er überprüfte seinen Rucksack. Leon war völlig vom Regen durchnässt,

aber sein Rucksack war wasserdicht und der Inhalt trocken.

Sofort atmete er ein wenig leichter und leuchtete mit dem Strahl der

Taschenlampe in die Richtung, aus der er gekommen war. Hinter ihm

zog sich der Tunnel in die Länge, verengte sich zu einem schwarzen

Nichts.

Alles okay, dachte er und eilte voran. Die Kinder folgten ihm nicht.

Aber wo waren die plötzlich hergekommen? Wer waren sie? Er spannte

seinen Knöchel an, in den ihn das Mädchen gebissen hatte. Die Stelle

brannte immer noch.

33


Leon erreichte eine Tunnelgabelung, und der Lampenstrahl fand

das Graffito an der Wand, das er als Wegweiser hinterlassen hatte: ein

geheimes Symbol aus weißer Sprühfarbe. Er nickte und trat in einen

breiteren Gang. Hier bestand der Boden aus trockenem Kies, der unter

seinen Wanderstiefeln knirschte. Es war einer der neueren Gänge, die

von den Mineninspektoren zur Zeit der Revolution ausgehoben worden

waren – er spiegelte genau die Straße über ihm. Leon kam bei einer

verrosteten Trittleiter an, steckte sich die Taschenlampe in den Gürtel

und kletterte hinauf, wobei sich die Rostspäne schmerzhaft in seine

Hände gruben.

Er schob den metallenen Gullydeckel beiseite und kletterte neben

der hoch aufragenden Pariser Bibliothek, der Bibliothèque historique,

ins Freie, wo der Regen noch immer auf das Kopfsteinpflaster prasselte.

Im Marais-Bezirk gab es jede Menge Cafés und Restaurants. In

dieser Seitenstraße hingegen war es ruhig, selbst an einem Freitagabend.

Leon duckte sich in die Schatten, als ein Moped vorbeigefahren

kam. Rasch wich er dem Scheinwerferkegel aus und zog sich die

Kapuze seines Sweatshirts über den Kopf. Dann kniete er sich hin, um

den Gullydeckel wieder an seinen Platz zu wuchten, und eilte zur Rue

de Rivoli und zur Métro-Station Saint-Paul.

Sirenen heulten, als er auf den breiten Boulevard trat. Sein Herz

pochte, während drei Polizeiwagen an ihm vorbeirauschten. Sie bogen

mit quietschenden Reifen rechts ab, Richtung Nationalarchiv.

Alles okay, schärfte er sich noch einmal ein, in der Hoffnung, Es

würde wahr werden, wenn er es nur oft genug wiederholte. Morgen

sollte sich zeigen, was hinter alledem steckte. Die Katakomben würden

endlich ihr Geheimnis offenbaren.

34


Er rannte die Stufen zur Métro hinunter und schob sich durch das

Drehkreuz, während unten am Bahnsteig ein Zug einfuhr. Er stürmte

die Treppe hinab, um ihn noch zu erwischen. Dabei dachte er an

Samira – und an das letzte Mal, als er sie gesehen hatte. Wie sie ihm

vom Bahnsteig aus zugewinkt hatte, während die Métro mit ihm Richtung

Schule davongesaust war.

Ich komme, dachte er, und sprang in letzter Sekunde in den Zug,

bevor sich die Türen hinter ihm schlossen. Ich werde dich finden.

35


Musée des Archives Nationales

»Voleurs! Meurtriers!«

Evelines Stimme schallte laut von der Treppe herab. Isaac sah, dass

sie mit den Armen fuchtelte, um die Aufmerksamkeit einer Polizistin

mit einem Notizblock auf sich zu ziehen. Die Lobby des Archivs war

rappelvoll mit Besuchern, die von einem halben Dutzend Polizeibeamten

in Schach gehalten wurden. In einer Ecke weinte jemand. Isaacs

Schuhe quietschten, während sie sich durch den Tumult schoben.

»Isaac!« Diggory Turner warf die Arme um seinen Sohn. »Dir ist

nichts passiert. Gott sei Dank.«

»Oh, Harriet!« Patricia tauchte hinter ihm auf. Die Erleichterung

stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. »Ich habe mir solche

Sorgen gemacht. Herrgott. Was um Himmels Willen ist denn mit

deinem Kleid passiert?«

»Wir haben den Attentäter gesehen«, erklärte Hattie und wrang

sich den Regen aus dem Haar. »Es war ein Junge – er ist geflüchtet.

Wir haben ihn verfolgt, aber dann ist er verschwunden.«

»Habt ihr die Waffe gefunden?«, fragte Isaac. »Sie liegt oben.«

»Die Polizei hat sie.« Diggorys Gesicht war kreidebleich. »Ihr habt

sie entdeckt?«

»Ja, aber wir haben sie nicht angefasst«, erwiderte Isaac rasch. »Na

ja, ich bin draufgetreten. Aber danach habe ich sie nicht mehr angefasst.«

»Ihr habt den Attentäter verfolgt?« Patricia war entsetzt.

»Wir haben auch mit ihm gekämpft«, ergänzte Harriet stolz. »Ich

hab ihm ins Bein gebissen. Aber er ist entkommen.«

36


»Wie kannst du sowas tun?« Diggory bekam große Augen.

»Er hatte ja keine Waffe mehr …« Isaac kam ins Stocken, als er versuchte

zu erklären, was sich gerade noch wie eine gute Idee angehört

hatte. »Und er … er war ja bloß ein Junge.«

»Was hast du dir dabei gedacht, wolltest du die Heldin spielen?«,

fragte Patricia und presste sich die Hand gegen die Stirn.

»Wir sollten gerade einen Orden bekommen, weil wir Helden

waren, Mama«, sagte Hattie. »Was hast du denn von uns erwartet –

dass wir den Killer einfach davonkommen lassen?«

»Zum Glück ist er kein wirklicher Killer«, sagte Diggory, als sich die

Menge teilte, weil zwei Sanitäter eine Trage die Treppe hinabtransportierten.

Obwohl sein Dad alles tat, um ihm den Blick zu versperren,

sah Isaac, dass Omar, der Bodyguard, darauf lag. Die Augen des

Mannes standen offen und er war bis zum Hals zugedeckt.

»Kommt er durch?«, fragte Isaac.

»Das hoffe ich«, erwiderte Diggory und drückte seine Schulter.

»Balthazar!« Patricia stürmte auf Monsieur Blaise zu, der sich mit

aschfahlem Gesicht ebenfalls die Treppe herabschleppte.

»Zurück bitte, Madame!« Ein schlanker Mann mit Schnauzbart und

besorgter Miene stellte sich zwischen Monsieur Blaise und Harriets

Mum.

»Schon gut, Michel«, sagte Blaise und trat an ihm vorbei. »Das sind

meine Freunde.«

»Geht’s dir gut?«, fragte Patricia.

»Ich bin unverletzt, aber am Boden zerstört«, sagte Balthazar Blaise

und ließ den Blick über die kleine Gruppe gleiten. »Omar ist der

Mann, dem ich auf dieser Welt am meisten vertraue. Und ohne diese

37


arme Seele wäre ich jetzt tot.« Mit der Hand bedeckte er sein Gesicht.

»Wenn er stirbt, weiß ich nicht, was ich tun soll.«

»Monsieur, wir müssen Sie in Sicherheit bringen«, murmelte

Michel. Seine Blicke huschten unruhig durchs Foyer.

»Wir haben den Jungen gesehen, der auf Sie geschossen hat«, sagte

Hattie. »Wir sind hinter ihm hergerannt, aber er ist entwischt. Wir

haben Beweise, dass …«

»Junge?« Blaise sah verwirrt aus. »Was für ein Junge?«

»Psst, Harriet. Nicht jetzt«, fuhr Patricia dazwischen. »Balthazar?«

Ihr Tonfall wurde weicher. »Wenn du irgendetwas brauchst, bitte …«

Sie umarmte ihn.

»Danke dir.« Er schenkte ihr ein schwaches Lächeln.

Michel räusperte sich. »Monsieur, bitte? Sie sind hier nicht sicher.«

»Ich muss gehen«, sagte Blaise. Während er fortgeführt wurde,

wandte er sich noch einmal Michel zu. »Lassen Sie Blumen ins Krankenhaus

schicken. Und besorgen Sie mir die Nummer von Omars

Frau.«

»Er ist immer so mitfühlend«, sagte Patricia und schaute ihnen

nach.

»Warum durften wir ihm nicht von dem Jungen erzählen, der auf

ihn geschossen hat?«, fragte Hattie gereizt.

»Das müssen wir nicht ihm erzählen«, sagte Isaac. »Wir müssen mit

der Polizei sprechen.«

»Dann tut das bitte.«

Isaac zuckte zusammen, als die Stimme hinter ihm erklang: Sie

gehörte einem hochgewachsenen Mann, der eine dunkelblaue Uniform

trug, ein Barett und einen scharf geschnittenen Ziegenbart.

38


»Ähm. Isaac und Hattie, dies ist Lieutenant Théo Garonne«, sagte

Diggory und trat aus dem Weg. »Er gehört zur Police Nationale. Lieutenant,

dies ist mein Sohn Isaac, und das ist Patricias Tochter, Hattie.«

Der Polizeibeamte musterte Isaac mit Augen, die wie dunkle Murmeln

funkelten. Isaac bemerkte die Automatikpistole, die am Gürtel

des Mannes in einem Holster steckte. Offensichtlich war er nicht

mehr in London, wo Polizisten so gut wie nie bewaffnet waren.

»Also … Englisch?«, fragte der Beamte und ließ seinen Blick zwischen

den beiden Kindern hin und her huschen.

»Je parle francais mais pas mon ami«, sagte Hattie.

»Okay.« Unbeeindruckt schlug der Mann ein kleines Notizbuch

auf. »Also. Was habt ihr beobachtet?«

Isaac erklärte, wie sie die Waffe gefunden und anschließend gesehen

hatten, dass der Junge aus dem Fenster gestiegen war.

»Ihr seid über das Dach geklettert?«

»Und in den Garten«, erklärte Hattie. »Wir haben mit ihm gekämpft,

und dann ist er entkommen.«

»Wohin?«

»Er, ähm …« Isaac zögerte. »Wir haben gesehen, wie er in eine

Gasse gelaufen ist, aber dann war er nicht mehr da.«

»Eine Gasse? Hier im Archiv?«

»Nein, zwischen den Gebäuden. Ich zeige sie Ihnen.« Isaac führte

den Beamten und die anderen zu einer Vitrine neben der Tür, wo ein

Modell des Nationalarchivs unter Glas gezeigt wurde. »Hier sind wir

runtergeklettert …« Isaac zeigte auf die Kolonnade. »Da auf dem

Rasen haben wir mit ihm gekämpft, und dann ist er da verschwunden.«

39


»Aber von dort kann er nirgendwo hin, dieser Junge«, sagte der

Beamte rundheraus. »Der einzige Weg führt durch das Haupttor, und

das war bewacht. Niemand hat das Gebäude an diesem Abend verlassen.«

»Vielleicht ist er ja noch auf dem Grundstück«, schlug Diggory vor.

»Die Durchsuchung dauert noch an«, sagte Lieutenant Garonne.

»Ihr sagt, er wäre verschwunden.« Er wandte sich Isaac zu. »Es war

dunkel, ja? Und es hat stark geregnet?«

»Na ja, schon«, sagte Isaac. »Aber …«

»Ich verstehe.« Der Detektiv notierte sich etwas auf seinem Block.

»Alors. Hattet ihr Balthazar Blaise vorher schon einmal getroffen?«

»Sie sind ihm heute Abend zum ersten Mal begegnet«, warf Patricia

ein. »Aber er und ich sind alte Freunde.« Als Garonnes Blick streng zu

ihr hinüber zuckte, presste sie rasch die Lippen aufeinander.

»Nein«, sagte Isaac. »Noch nie.«

»Wir waren auf der Bühne«, sagte Hattie. »Isaac hat gerade gesprochen,

als das Licht ausging.«

»Und ihr habt niemanden gesehen?«

»Nein«, erwiderte Hattie. Sie zog ihre Worte in die Länge, als wäre

der Mann schwer von Begriff. »Weil ja das Licht ausging.«

»Und doch findet ihr – kurz darauf – die Waffe?«

»Ich habe sie durch die Tür hinter der Bühne rausgeführt«, sagte

Diggory. »Damit sie sich schnell in Sicherheit bringen konnten.«

»Aber das habt ihr dann nicht getan?«, fragte der Lieutenant.

»Habe ich Ihnen doch gesagt«, entgegnete Isaac. »Ich bin über die

Waffe gestolpert. Und dann haben wir den Jungen gesehen.«

»Der Junge, der verschwunden ist, ja.« Der Beamte nickte. »Ich

kann mir das schon vorstellen: Ihr findet oben die Waffe. Und dann

40


seid ihr natürlich sehr aufgeregt. Ihr glaubt, ihr hört etwas. Ihr macht

das Fenster auf, seht einen Schatten, lauft hinterher. Ich verstehe. Es

macht Spaß, die Helden zu spielen. Aber ich brauche Beweise. Ich

muss einen bewaffneten Dieb aufspüren.«

»Einen Dieb?« Isaac stellte die Ohren auf. »Ist etwas gestohlen

worden?«

»Das geht euch nichts an.«

»Aber wir haben Beweise!« Hattie zog etwas aus ihrem Stiefel. »Das

fiel dem Jungen aus der Tasche, als Isaac ihn zu Boden geworfen hat.«

Sie hielt ein zusammengeknülltes, weißes Stück Papier in die Höhe.

Der Beamte faltete es auseinander. Es stand nichts darauf.

»An Abfall bin ich nicht interessiert«, sagte Garonne und gab ihr

den Zettel zurück. »Mich interessieren nur Fakten.«

»Wir sagen die Wahrheit!«, protestierte Isaac.

Der Beamte klappte seinen Notizblock zu. »Wie lange bleibt ihr in

Paris?«

»Wir reisen morgen ab«, sagte Diggory.

»Sie werden Ihren Aufenthalt verlängern müssen. Bis der Täter

identifiziert worden ist, darf niemand, der in das Verbrechen verwickelt

ist, die Stadt verlassen.«

»Sie wollen doch sicher nicht behaupten, meine Tochter wäre eine

Tatverdächtige?« Patricia schnappte nach Luft.

»Jeder ist verdächtig, Madame«, erwiderte Lieutenant Garonne.

»Und bis dieses Verbrechen aufgeklärt wurde, darf keiner von Ihnen

Paris verlassen. Haben Sie das verstanden?«

41


Rue des Archives

Es war schon fast Mitternacht, als Lieutenant Garonne den Partygästen

widerwillig gestattete, aufzubrechen. Es waren keine Hinweise auf

einen Einbruch gefunden worden. Und da Isaac nichts anderes zu tun

hatte, als in der Lobby auf und ab zu tigern, war er in seinem Kopf fieberhaft

tausend Fragen durchgegangen. Wohin war der Junge verschwunden?

Wer war er? Warum hatte er auf Balthazar Blaise geschossen?

Warum glaubte die Polizei nicht, dass er überhaupt existierte?

Und was war aus der Ausstellung gestohlen worden?

»Sinnlos!« Patricia beendete empört einen Anruf auf ihrem Handy

und schob sich zusammen mit dem Rest der Menge durch das Haupttor

des Archivs. Der Regen trommelte immer noch heftig auf den Bürgersteig,

und, so gut es ging, krochen sie unter zwei Schirmen zusammen.

»Ich komme nicht zur Airline durch, um meinen Flug nach

Hongkong umzubuchen. Und das Hotel sagt, sie hätten morgen keine

Zimmer frei. Offenbar findet irgendein Fußballspiel statt.«

»Bei uns sieht es auch nicht so aus, als würden wir ein Zimmer für

die Nacht bekommen«, sagte Diggory.

»Ich würde euch ja gern noch weiter beherbergen, aber morgen früh

reist meine Mutter an«, sagte Luc entschuldigend, als er mit ihnen auf

die Straße trat. Isaac und sein Dad hatten seit Mittwoch auf einer

Klappcouch in Lucs Wohnzimmer geschlafen. »Vielleicht kann ich mit

dem Bureau sprechen«, fuhr er fort, »aber …«

»Irgendwas wird sich schon ergeben«, warf Isaacs Dad rasch ein.

»Mach dir keine Sorgen.«

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»Ich fasse es nicht, dass die Polizei uns zwingt, in Paris zu bleiben«,

sagte Hattie zu Isaac, während sich die Erwachsenen weiter unterhielten.

»Meinst du, für uns fällt jetzt erstmal der Unterricht aus?«

»Ich hoffe nicht«, erwiderte Isaac.

Hattie warf ihm einen fassungslosen Blick zu.

»Was?«, fragte er. »Ich geh halt gern zur Schule.«

»Excusez-moi, mesdames et messieurs? Alors, darf ich Sie kurz stören?«

Ein Mann in einem eleganten blauen Anzug schob sich vor ihnen

durch die Menschenmenge. Es war Michel, der Assistent von Balthazar

Blaise. Unter seinem dünnen schwarzen Schnurrbart blitzte ein

Lächeln auf. »Ich habe eine Nachricht für Sie von Monsieur Blaise.«

»Oh!« Patricias düstere Miene löste sich sofort in Luft auf. »Hallo.«

»Mein Name ist Michel Delacroix. Es tut mir leid, dass ich nicht

vorhin schon dazu gekommen bin, mich vorzustellen, vor …« Michel

räusperte sich. »Vor den unerfreulichen Ereignissen.«

»Schön, Sie kennenzulernen.« Diggory trat einen Schritt vor, um

unter dem großen Regenschirm des Mannes Schutz zu suchen.

»Monsieur Blaise hat erfahren, dass Sie während der Ermittlungen

in Paris bleiben müssen«, fuhr Michel fort. »Es bekümmert ihn sehr,

dass man ihnen solche Unannehmlichkeiten zumutet. Deshalb würde

er Sie gerne einladen, bei ihm zu bleiben, bis die Polizei Sie aus dieser

Zwangslage erlöst.«

»Wir sollen bei ihm übernachten?«, fragte Isaac überrascht.

»Bei einem Milliardär?«, setzte Hattie nach.

»Harriet!«, blaffte Patricia. »Das ist überaus großzügig von ihm. Wir

sind hoch erfreut.«

»Magnifique.« Michel nickte. »Das wird Monsieur Blaise sehr

freuen. Warten Sie hier, ich besorge Ihnen einen Wagen.«

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»Jetzt sofort?«, fragte Diggory verunsichert. »Aber unsere Sachen …«

»Man wird ihr Gepäck abholen«, sagte Michel. »Alles wird zu Ihrer

vollsten Zufriedenheit geregelt, seien Sie unbesorgt.«

»Du hattest recht, Turner«. Luc klopfte Isaacs Dad auf die Schulter,

während Michel durch die Menge davoneilte. »Es hat sich tatsächlich

etwas ergeben.«

»Mr. Blaise muss deine Mum wirklich mögen, wenn er uns alle bei

sich wohnen lässt«, sagte Isaac zu Hattie. Der Regen rann immer noch

über sein Gesicht. »Kennt sie ihn gut?«

»Offenbar«, erwiderte Harriet mit finsterem Blick.

»Ich will rausfinden, wer das getan hat.« Isaac schaute sich in der

Menge um.

»Wie meinst du das? Wir wissen doch, wer es war«, erwiderte Hattie

verwirrt. »Wir haben ihn verfolgt. Er hat dich geschlagen.«

»Aber das ergibt keinen Sinn«, sagte Isaac. »Dieser Polizeibeamte

hat gesagt, es wäre etwas aus der Ausstellung gestohlen worden.

Warum sollte man auf Mr. Blaise schießen und etwas stehlen?«

»Warum nicht?«

»Wenn du ein Dieb bist, willst du keine Aufmerksamkeit auf dich

ziehen. Du würdest keine Waffe abfeuern, sondern einfach still und

heimlich abhauen. Und wenn du ein Attentäter bist, der Mr. Blaise

erschießen will …«

»Würdest du keine Zeit damit verschwenden, einen Glasschrank

aufzubrechen oder sowas«, beendete Harriet den Satz. »Du hast

Recht, das ist komisch.« Sie zitterte. »Ich kann nicht glauben, dass wir

da oben auf der Bühne gestanden haben, als die Waffe losging. Es

hätte auch dich oder mich treffen können.«

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»Ja.« Isaac schluckte. Auch ihm steckte die Angst noch in den Knochen.

»Ich will diesen Jungen finden«, sagte Harriet wild entschlossen.

»Und der Polizei beweisen, dass es ihn wirklich gibt.«

»Wir lösen den Fall«, sagte Isaac. »Und nicht bloß, damit ich wieder

zur Schule kann. Versprochen.«

Hattie lachte. »Abgemacht«, sagte sie.

»Isaac?« Sein Dad stand neben einem schwarz glänzenden Wagen,

der am Bordstein parkte. Ein Chauffeur hielt die Tür zum Rücksitz

auf. »Unsere Mitfahrgelegenheit ist da!«

45


Île de la Cité

Carmen ließ die Tasche mit ihrer Kleidung in eine Mülltonne an der

Kreuzung fallen und überquerte den Fluss am Pont d’Arcole, während

der Regen auf ihren schwarzen Schirm prasselte.

Sie ärgerte sich darüber, dass sie die Pistole verloren hatte, aber es

ließ sich nicht ändern. Sie hatte sowieso nichts für Waffen übrig. Sie

hinterließen einfach zu viel Chaos. Der heutige Abend war keine Ausnahme.

In ihrer Tasche vibrierte ihr Handy, während sie zur Île de la Cité

hinüberging. Die Insel im Herzen der Stadt war seltsam ruhig zu dieser

nächtlichen Stunde, was vor allem an dem schauderhaften Wetter lag.

Carmen stellte sich im Eingang eines geschlossenen Cafés unter, um

den Anruf entgegenzunehmen. Schon bevor sie einen Blick auf ihr

Handy warf, wusste sie, wer am anderen Ende der Leitung sein würde.

»Es gibt keinen Grund zur Sorge«, sagte sie, noch bevor der Anrufer

sprechen konnte. »Ich habe bereits einen neuen Plan.«

»Sie wollen sich nicht einmal entschuldigen?«, blaffte die Stimme

am anderen Ende. »Die ganze Aktion war eine einzige Katastrophe!«

»Ich habe nicht vor, mich zu entschuldigen. Es war nicht meine

Schuld.« Carmen betrachtete ihr Spiegelbild in dem dunklen Schaufenster

des Cafés.

»Er ist nicht tot, und jemand hat vor Ihren Augen den Brief an sich

gebracht«, protestierte der Anrufer. »Sie haben nichts von dem getan,

was ich Ihnen aufgetragen hatte.«

»Ich hatte nicht alle Informationen.« Carmen tupfte seelenruhig

einen verlaufenen Mascara-Fleck unter ihrem Auge weg. »Hätte ich

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gewusst, dass ein zweiter Dieb vor Ort sein würde, hätte ich den Plan

darauf abgestimmt.«

»Ein zweiter Dieb?«

»Ja. Wussten Sie das nicht? Es war ein Kind.« Unwillkürlich musste

sie lächeln. »Ein Junge. Vielleicht vierzehn. Klein, gut gebaut, dunkle

Haut.«

»Ein Vierzehnjähriger hat Sie ausgetrickst?«

»Nein«, sagte Carmen. Die Versuche des Anrufers, sie in Rage zu

bringen, amüsierten sie bloß. »Ich war mir nur nicht bewusst, dass er

dort war.«

»Sie hätten wissen müssen, dass noch jemand versuchen würde,

den Brief zu bekommen. Er ist das fehlende Glied, auf das alle gewartet

haben.«

»Sie hätten den Brief nicht mal von einem Blatt Klopapier unterscheiden

können, wenn ich Sie nicht über die Bedeutung informiert

hätte.«

»Die Summe, die ich Ihnen zahle …«

»Sie zahlen mir, was ich wert bin.« Carmen drehte sich um und

schaute zur gewaltigen Front der Kathedrale Notre Dame auf. »Und

deshalb – ich wiederhole mich – gibt es auch keinen Grund zur Sorge.«

»Uns läuft die Zeit davon. Die Wetterbedingungen sind absolut

ideal, aber ohne den Brief …«

Carmen zog gelangweilt das Handy von ihrem Ohr. Sie musterte die

Wasserspeier auf der Kathedrale. Aus ihren Mäulern spuckten sie den

Regen, der durch die Dachrinnen strömte.

»Hören Sie!« Sie unterbrach die sich aufplusternde Stimme. »Das

heute Abend war bloß ein kleiner Rückschlag. Ich werde den Brief

rechtzeitig beschaffen.«

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»Wie?«

»Es wird nicht schwer sein, den Jungen aufzuspüren.«

»Und die Zielperson, die Sie nicht getötet haben? Er darf auf gar

keinen Fall …«

»Ich kümmere mich darum«, entgegnete Carmen streng.

Dann legte sie auf. Mein Leben, dachte sie, wäre erheblich einfacher,

wenn ich es nicht mit so vielen Idioten zu tun hätte. Doch bald schon

würde das keine Rolle mehr spielen. Der Verbotene Atlas war zum

Greifen nahe. Und der Schatz von Paris würde ihr gehören.

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DRITTES KAPITEL

Le Triangle d’Or

Die Zahnräder in Isaacs Kopf hörten nicht auf, sich zu drehen,

während der Wagen durch die Straßen von Paris rauschte. Auf

der Rückbank, eingezwängt zwischen Hattie und ihrer Mutter, starrte

er durch die Windschutzscheibe, bekam aber von der gleißend nassen

Umgebung kaum etwas mit. Er versuchte bloß, zu verstehen, was

gerade passiert war.

»Was wurde nur gestohlen?«, fragte er, als sie an einer Ampel hielten.

»Aus der Ausstellung, meine ich. Lieutenant Garonne sagte, sie

würden einen Dieb suchen.«

»Luc hat irgendeinen Brief erwähnt«, entgegnete Dad vom Beifahrersitz.

»Einen alten Brief, den ein Schlosser an König Ludwig XVI.

geschrieben hat. Und der hieß … wie war das noch?«

»Xavier Laval«, sagte Patricia in verschwörerischem Ton. »Der vertraute

Haus-und-Hof-Schlosser des Königs. Ich weiß alles über ihn.«

»Warum sollte jemand einen alten Brief stehlen?«, fragte Hattie.

»War er wertvoll?«

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»Wohl nicht im eigentlichen Sinn«, sagte Patricia, als sich der

Wagen wieder in Bewegung setzte. »Mir kam dieses Schriftstück nicht

wie etwas Besonderes vor. Allerdings lieben manche Leute es, Sachen

zu sammeln, die früher den Königsfamilien gehört haben.«

»Warum hatte der König denn einen besonderen Haus-und-Hof-

Schlosser?«, fragte Isaac.

»Der König liebte verzwickte Schlösser«, erklärte Patricia. »Überhaupt

alle möglichen mechanischen Konstruktionen. Er war ein echter

Erfinder. Du weißt das, Harriet, wir haben doch heute Nachmittag

seine Werkstatt in Versailles besichtigt. Erinnerst du dich an den

Tisch, an dem er Karten gezeichnet hat?«

»Ja, Mama, das war sehr interessant«, entgegnete Harriet trocken.

»Worum ging es in dem Brief?«, fragte Isaac mit gerunzelter Stirn.

»Ich weiß es nicht mehr«, sagte Patricia nachdenklich. »Es war

wohl ein Dankschreiben oder sowas. Eveline sagte, der Bereich der

Ausstellung mit dem Brief sei ganz der Legende vom verschollenen

Schatz des Königs gewidmet.«

»Schatz?« Isaac spitzte die Ohren.

»Oh, ja«. Patricia schien sein Interesse sehr zu genießen. »Es ist

eine großartige Geschichte. Ich kenne sie, weil Balthazar völlig besessen

von ihr ist. Allerdings ist er von vielen Sachen besessen.«

»Worum geht’s denn in dieser Legende?«, fragte Harriet. »Was ist

das für ein Schatz?«

»König Ludwig XVI. war der letzte König von Frankreich vor der

Revolution«, sagte Patricia, als der Wagen auf einen Boulevard abbog.

»Datum, Harriet?«

»Ähm … 1789?«

52


»Korrekt. Die nichtadlige Bevölkerung von Frankreich kämpfte

gegen die königliche Familie und sperrte den König und die Königin

hier in Paris ein. Versailles, ihr Palast, wurde verwüstet und ihr

unschätzbar wertvolles Gold und ihre Juwelen wurden gestohlen.

Aber! Die Legende besagt, dass zu Beginn der Revolution treue Anhänger

einige Wertgegenstände des Königs in einer geheimen Schatzkammer

versteckten, um sie vor den Revolutionären zu schützen. Dann

aber wurden sie hingerichtet und niemand wusste mehr, wo sich diese

Kammer befand. Und so ist der Schatz, wenn er denn je existiert hat,

für immer verschollen.«

»Und was hat ein Schlosser mit der ganzen Sache zu tun?«, fragte

Isaac.

»Während seiner Gefangenschaft hat der König geheime Aufzeichnungen

in einem besonderen eisernen Safe verborgen, dem so genannten

Armoire de Fer. Die Revolutionäre hielten die Papiere für einen

Beweis seines Verrats. Deshalb köpften sie ihn. Aber viele der Dokumente

fehlten. Die Legende besagt, dass es unter diesen Papieren eine

Karte gab – gezeichnet vom König persönlich –, auf der die geheime

Kammer mit dem Schatz eingezeichnet war. Leute, die von dem Schatz

besessen sind, glauben, dass der Schlosser, der die Kammer eingerichtet

und verschlossen hat, Xavier Laval war.«

»Der Typ, der den gestohlenen Brief geschrieben hat«, sagte Hattie.

»Hey, ich wette, da stand ein Hinweis drin, wie man die Schatzkarte

des Königs findet!«

»Es ist bloß eine Legende.« Patricia lachte. »Und ich habe dir ja

schon gesagt – ich habe den Brief selbst gelesen. Es ging nicht viel

daraus hervor.«

53


Doch Hatties Gesicht glühte vor Aufregung. Isaac merkte, dass sie

fest an die Legende glaubte. Er fragte sich, ob der Dieb wohl auch von

der Existenz des Schatzes überzeugt gewesen war.

Der Wagen bog aus einem Kreisverkehr auf eine breite Avenue.

Durch die Windschutzscheibe konnte Isaac einen vertrauten Torbogen

erkennen, der von goldenen Lichtern angestrahlt wurde.

»Der Arc de Triomphe.« Sein Dad streckte den Finger aus. »Wir

sind auf der Champs-Élysées, Isaac.« Der Wagen steuerte eine Seitenstraße

an, in der elegante Boutiquen den sauber gepflegten Bürgersteig

säumten. »Eins steht fest: Mr. Blaise lebt in einer sehr beeindruckenden

Gegend.«

Sie hielten vor einem Apartmentgebäude aus leuchtend weißem

Kalkstein, das an der Ecke einer Kreuzung aufragte wie ein Diamant.

Der Chauffeur brachte sie zu einer glänzenden, schwarzen Tür. Von

dort führte sie ein Butler durch einen umschlossenen Innenhof, in

dessen Mitte ein Marmorbrunnen vor sich hin sprudelte.

»Das ist ja gigantisch hier!«, sagte Isaac mit großen Augen.

»Ich glaube, ihm gehört der gesamte Apartment-Komplex.« Auch

Patricia ließ staunend ihren Blick schweifen.

»Ich werde Monsieur Blaise von Ihrer Ankunft unterrichten«, sagte

der Butler. Er führte sie in ein Wohnzimmer, in dem ein Feuer im

Kamin knisterte. Ringsum standen riesige Sofas mit Samtbezügen.

»Was hältst du von der Sache mit dem geheimen Schatz?«, flüsterte

Hattie, während sich Patricia auf einem der Sofas niederließ und

Isaacs Dad eine Wanduhr bewunderte.

»Ziemlich cool, aber ich verstehe nicht, was das mit dem Schuss auf

Mr. Blaise zu tun haben soll«, sagte Isaac.

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»Hast du nicht zugehört, Dummerchen?«, fragte Hattie. »Mama

sagte doch, er wäre von dem Schatz total besessen. Ich wette, dieser

Brief ist wichtig.«

»Meine geehrten Gäste! Ich bin hoch erfreut, dass ihr meine Einladung

angenommen habt.«

Balthazar Blaise kam in einem tiefblauen Sweatshirt und mit strahlendem

Lächeln in den Raum marschiert.

»Das war unglaublich großzügig von dir, uns einzuladen.« Patricia

stand auf, um ihn zu begrüßen. »Und das ausgerechnet heute Nacht,

wo du so viel im Kopf hast.«

»Meine Liebe, das ist gar nichts.« Blaise winkte ab. »Gäste machen

mir große Freude, und ich habe reichlich Apartments zur Verfügung.

Davon abgesehen haben die Ereignisse von heute Abend unsere

gemeinsame Zeit verkürzt. Schließlich hatte ich gehofft, deine Entourage

ein bisschen besser kennenzulernen.«

»Mama sagte gerade, Sie wären besessen von dem geheimen Schatz

von König Ludwig XVI.«, warf Hattie ein und schob sich zwischen

Blaise und ihre Mutter.

»Hattie!« Patricia schaute sie wütend an. »Ich habe nicht besessen

gesagt«, fügte sie zu Monsieur Blaise hinzu.

»Aber es ist ja wahr!« Der Mann lachte. »Ich kann es nicht leugnen.

Ich habe sehr viele Obsessionen, und dies ist eine der stärksten. Ich

habe sogar Eveline überredet, Platz für ein paar Exponate zu machen,

die mit dieser Legende zu tun haben – neben dem Fokus der Ausstellung

auf Frankreichs Einführung der Dezimalzeit, zu Ehren unserer

beiden besonderen Gäste.« Er blinzelte Isaac zu, der nun ebenfalls

lächelte.

55


»Sind Sie denn dem Schatz schon auf der Spur?«, fragte Harriet.

»Und wissen Sie irgendetwas über den gestohlenen Brief – meinen

Sie, dass er eine Spur enthalten könnte?«

»Wir haben uns gefragt, ob die Person, die Sie erschießen wollte,

womöglich hinter der Schatzkarte her war«, setzte Isaac hinzu.

»Ich bin sicher, Mr. Blaise möchte jetzt nicht darüber sprechen«,

wandte sein Dad ein. Dann unterdrückte er ein Gähnen.

»Unsinn!« Blaise kicherte. »Es freut mich, dass die beiden ihrem

wissbegierigen Ruf gerecht werden. Morgen, vor dem Frühstück, zeige

ich euch den fünften Stock.«

»Was ist denn da oben?«, fragte Isaac.

Blaise grinste. »Dort bewahre ich all meine Geheimnisse auf.«

56


Maison de Blaise

Hattie klappte die Kinnlade herunter, als Bruno, der Butler, die Tür

zum Apartment 44 öffnete. Hier sollten sie und ihre Mutter übernachten!

Ein Fernseher, der eine ganze Wand einnahm, ragte über dem

weitläufigen Salon auf, der mit einem eleganten, cremefarbenen Sofa

möbliert war. Hattie hatte große Lust, mit Anlauf draufzuspringen. Sie

sah, dass ihr Koffer ordentlich neben einer Topfpflanze stand, als wäre

er von Zauberhand aus ihrem Hotel hierher transportiert worden.

»Nun?«, fragte Patricia, die vor dem Spiegel ihre Ohrringe abnahm.

»Nenn mir drei Dinge, die du heute Abend gelernt hast, Harriet.«

Es gibt einen geheimen Schatz, der in Paris versteckt ist, bei der französische

Polizei arbeiten nur Trottel und meine Mum ist komplett in

einen Milliardär verschossen, dachte Harriet. Stattdessen sagte sie:

»Das allererste Metermaß besteht aus Platin, König Ludwig XVI. hatte

einen Haus-und-Hof-Schlosser und französische Polizeibeamte tragen

Barette.«

»Hervorragend.« Ihre Mutter lächelte sie im Spiegel an. »Ist das

nicht hinreißend von Balthazar, dass er uns hier unterbringt?«

»Kann sein.« Harriet ließ sich aufs Sofa fallen. »Woher kennst du

ihn eigentlich?«

»Wir haben uns kennengelernt, als ich an der Sorbonne studiert

habe.« Patricia klang fast schüchtern. »Er schreibt mir von Zeit zu

Zeit. Geh vom Sofa runter, du machst Flecken auf den Stoff.«

»Ja, Mama. War das, bevor du Dad getroffen hast?«

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»Deinen Vater habe ich später kennengelernt, als er geschäftlich in

Hongkong zu tun hatte.« Plötzlich klang sie gereizt. »Das weißt du

ganz genau. Jetzt geh schlafen. Ich bin fix und fertig.«

Nachdem Hattie geduscht und sich einen kuscheligen weißen

Bademantel angezogen hatte, setzte sie sich aufs Bett und beobachtete

den Regen. Dabei nippte sie an einer Mischung aus zwei verschiedenen

Früchtetees, die sie sich in der Küche aufgebrüht hatte. Es

schmeckte zwar nach Hustenbonbons, kam aber heißem Zitronentee

noch am nächsten.

Sie griff nach dem leeren Zettel, den der Junge bei ihrem Kampf im

Archivgarten verloren hatte. Jetzt war sie froh, dass die französische

Polizei dieses Beweismittel nicht haben wollte. Hattie strich den Zettel

glatt, der lang und dünn war – wie …

»Ein Kassenzettel«, flüsterte sie. Dann nahm sie das glatte Stück

Papier genauer in Augenschein, hielt es ins Licht, suchte nach Überresten

von Schrift. Die schwachen Spuren ausgeblichener Buchstaben

waren unleserlich – vom Regen fortgewaschen.

Genervt legte sie den Bon weg und nippte wieder an ihrem Tee. Wie

konnte man einen leeren Zettel entziffern?

Sie gähnte und ging ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen.

Sie fragte sich, ob die Polizei morgen ihre Meinung ändern würde.

Vielleicht kam sie doch noch zu dem Schluss, dass sie die Hilfe von

Hattie und Isaac brauchte. Sie spuckte Zahnpasta ins Becken. Nein,

das war unwahrscheinlich.

Nachdem sie ins Bett gestiegen war, bemerkte sie genervt, dass sie

ihre Teetasse auf eine Ecke des Kassenbons gestellt hatte. Sie hob die

Tasse und sah auf einmal einen dunklen Ring auf dem glatten Papier.

Und zu ihrer völligen Verblüffung stellte sie fest, dass in dessen

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Mitte – wie aus dem Nichts – spiegelverkehrt der Buchstabe C aufgetaucht

war.

Hattie machte große Augen. Wie war das passiert? Es sah aus, als

wäre der Boden der Tasse mit schwarzer Tinte bedeckt. Aber woher

kam das C? Sie umfasste die Tasse fest mit beiden Händen und spürte

ihre Wärme. Hitze. Wurden so Kassenzettel gedruckt? Gab es irgendeine

Magie, die man anwenden konnte, indem man sie erhitzte?

Neugierig legte sie den Zettel wieder ab und drückte noch einmal

den Boden der Tasse dagegen. Nach einem Moment hob sie ihn hoch

und sah, dass sich ein weiterer Ring gebildet hatte. Diesmal waren die

Ränder einzelner Ziffern aufgetaucht. Ein begeistertes Grinsen legte

sich auf ihr Gesicht.

Schnell kletterte sie aus dem Bett, huschte in den Salon und warf

einen Blick auf den Lichtstrahl unter der Tür ihrer Mutter. So leise

wie möglich suchte sie in den Schränken nach einem Bügeleisen. Tatsächlich

fand sie eins, zog sich rasch in ihr Zimmer zurück und schloss

es neben dem Schreibtisch an einer Steckdose an. Dann legte sie den

Kassenzettel flach auf ein Handtuch. Mit vorsichtiger Hand ließ sie

das heiße Bügeleisen über den Bon fahren. Hattie schnappte nach

Luft, als die schwarz-weißen Muster sichtbar wurden und die verschwundenen

Buchstaben wieder auftauchten wie sprießende Blüten

im Frühling.

»Hab dich!«, flüsterte sie und hielt triumphierend den Zettel in die

Höhe.

59


Maison de Blaise

»Na ja«, sagte Diggory in der Tür zu seinem Schlafzimmer. »Nach der

Klappcouch schon ein Fortschritt, oder?«

»Was meinst du, wie viele leere Apartments er hat?« Isaac drückte

sein Gesicht gegen das Wohnzimmerfenster und blickte auf den verregneten

Innenhof hinab. »Wie oft hat er wohl Gäste?«

»Vielleicht war er deshalb so erpicht darauf, uns hierher einzuladen«,

sagte Diggory. »Ich wette, Mr. Blaise ist einsam.« Er fuhr sich

mit einer Hand über den Bart. »Hätte ich gewusst, dass wir bei einem

Milliardär übernachten, hätte ich feinere Socken eingepackt.«

»Wie lange werden wir in Paris bleiben müssen?« Isaac öffnete auf

dem Sofa seinen Koffer und kramte nach seinem Pyjama. »Wie lange

dauert so eine polizeiliche Ermittlung?«

»Bestimmt nicht lange«, erwiderte Diggory, doch Isaac merkte, dass

sich sein Vater Sorgen machte. »Ich glaube aber wirklich, dass ich

noch nie an einem so interessanten Ort untergebracht war wie in

diesem Haus. Ich meine, allein das hier!« Er betrachtete staunend ein

Ölgemälde, das über dem Kaminsims hing. »Sie hatten davon einen

Druck in der Ausstellung – hast du ihn gesehen?«

Isaac rückte seine Brille zurecht und kam herüber, um sich das

Gemälde genauer anzuschauen. Es zeigte eine Reihe von Gebäuden,

die, umgeben von Flammen, in einen Krater im Boden stürzten.

»Ähm, nein«, sagte er. »Ich hatte nicht viel Zeit, mir irgendwas

anzuschauen. Was ist das?«

»Die Rue d’Enfer«, sagte sein Dad. »An dem Tag, an dem die Hälfte

der dortigen Gebäude in die Katakomben eingebrochen sind.«

60


»Eingebrochen?«

»Ein so genannter Erdfall. Eben noch ist alles wie immer und im

nächsten Augenblick reißt der Boden auf. Die Wohnhäuser und Bäckereien

und Kirchen stürzen in den Boden und alles liegt in Trümmern.«

Er schüttelte den Kopf. »Rue d’Enfer bedeutet so viel wie Straße zur

Hölle. Die Menschen glaubten, Gott hätte die Stadt gestraft.«

Draußen erhellte ein Blitz den Innenhof, und ein gewaltiger Donner

hallte durch den Raum.

»Was ist denn wirklich passiert?«, fragte Isaac.

»Sie wussten nichts von den Katakomben. Der Boden war nicht

stabil genug, um die Gebäude zu tragen.«

»Die Katakomben?« Isaac runzelte die Stirn. »Was ist das?«

»Oh!«, sagte sein Dad überrascht. »Es sind Tunnel – sie erstrecken

sich über Hunderte Kilometer unter Paris.«

»Wie die Métro?«

»Viel tiefer und weitaus umfangreicher. Es sind verlassene Kalksteinminen,

glaube ich. Die Menschen hatten sie vergessen und bauten

das immer weiter wachsende Paris über ihnen auf. Aber damit haben

sie den Boden geschwächt und eines Tages …« Diggory schnippte mit

den Fingern. »… öffnete sich unter ihren Füßen das Tor zur Hölle.«

»Das heißt, Paris könnte … jederzeit in ein Loch im Boden stürzen?«,

fragte Isaac mit großen Augen.

»Nein. Heute nicht mehr.« Diggory schüttelte den Kopf. »Deshalb

wurde das Gemälde auch in der Ausstellung gezeigt – es markiert

den Moment, an dem die Mineninspektoren eingesetzt wurden.

Ludwig XVI. schickte eine Gruppe von Kartenzeichnern in die Tunnel

hinab. Sie sollten herausfinden, wo die unterirdischen Gänge verliefen.

Dann hat er sie verstärkt, um Paris sicher zu machen.«

61


Sie betrachteten das Gemälde, auf dem Menschen schreiend aus

den einstürzenden Gebäuden rannten.

»Vielleicht gönnen wir uns morgen ein bisschen Sightseeing, das

etwas weniger … aufregend ausfällt«, sagte Diggory. »Turner & Sohn –

Entdecker auf großer Tour. Oh, wir könnten zum Beispiel auf den Eiffelturm

steigen.«

»Ich will mit Hattie noch einmal zum Archiv zurück«, sagte Isaac.

»Nach Spuren suchen.«

»Spuren?«

»Wir glauben, dass die Person, die auf Mr. Blaise geschossen hat,

ihn davon abhalten will, nach dem geheimen Schatz des Königs zu

suchen.«

»Sagtest du nicht, es wäre der Junge gewesen, den ihr im Garten

verfolgt habt?«

»Ja, er könnte es gewesen sein. Es sei denn, der Dieb war doch

jemand anderer. Wär ja eigentlich logisch, denn wenn man etwas stehlen

will, würde man doch jeden Tumult vermeiden …«

»Isaac, ich möchte nicht, dass du dich in diese Sache hineinsteigerst«,

sagte sein Dad besorgt. »Nicht vorm Schlafengehen. Du weißt,

was das mit dir macht.«

»Ja.« Isaac stand in der Tür zu seinem Zimmer. »Ich versuche nur,

das alles irgendwie zu begreifen, weißt du?«

»Ich weiß.« Sein Dad drückte kurz Isaacs Schulter. »Es war für uns

alle eine beängstigende Nacht.«

»Dad, es geht mir gut, wirklich.«

»Fein, dann wirst du ja auch ohne Probleme einschlafen können.«

Sein Dad strahlte.

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»Trotzdem möchte ich morgen Zeit mit Harriet verbringen.« Isaac

stieß mit dem Fuß gegen den Teppich. »Ähm. Also vielleicht … nur zu

zweit?«

»Oh.«

Als Isaac das Gesicht seines Vaters sah, kam es ihm vor, als würde

sich ein Stück Eis in sein Herz bohren.

»Es ist bloß, weil wir kaum Zeit miteinander verbringen konnten,

seit wir hier angekommen sind«, fügte er rasch hinzu. »Und ich habe

sie ja in letzter Zeit eh kaum gesehen, weil sie dauernd weg ist. Aber,

ähm, vielleicht könnten wir ja alle zusammen zum Eiffelturm gehen

und …«

»Nein, nein, das ist schon in Ordnung.« Diggory fuhr sich erneut

mit der Hand durch den Bart. »Du möchtest ein bisschen Unabhängigkeit

haben, das verstehe ich.« Er seufzte. »Du wirst einfach immer

älter, was?«

»Na ja … ja«, sagte Isaac verlegen. »Die Zeit bewegt sich ja nur vorwärts,

oder?«

Sein Dad kicherte. »Du bist wirklich der Sohn eines Uhrmachers.«

Er lächelte. »Hab dich lieb.«

Isaac sagte ihm Gute Nacht, schlüpfte in seinen Pyjama und spürte

ein bittersüßes Gefühl in seiner Brust. Als ihm klar wurde, dass er

seinen Kulturbeutel vergessen hatte, schoss er zurück ins Wohnzimmer.

Dort fiel sein Blick erneut auf das Gemälde von der Rue d’Enfer.

In seinem Kopf machte etwas Klick.

»Tunnel unter den Straßen«, murmelte er vor sich hin. Dann

lächelte er.

Jetzt wusste er, wie der Junge verschwunden war.

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VIERTES KAPITEL

Avenue de la Sibelle

Ein lautes Hämmern gegen die Tür schreckte Leon aus dem Schlaf.

Er stellte fest, dass sein Gesicht in einer kleinen Speichelpfütze

auf dem Küchentisch lag. Blinzelnd und mit verquollenen Augen

setzte er sich auf.

»Mach auf, Leon, ich weiß, dass du da drin bist!« Es war die Stimme

von Monsieur Cannard, dem Vermieter. Und er war wütend.

Leon schaute zur Tür hinüber und dann wieder zurück zum Tisch.

Zwischen Stapeln unbezahlter Rechnungen lag ein zerknittertes, vergilbtes

Stück Papier.

Der Brief.

Er hatte es wohlbehalten vom Archiv nach Hause geschafft und das

gestohlene Dokument sicher in seiner Tasche verwahrt. Dann hatte er

es auf dem Tisch auseinandergefaltet und begonnen, die verblichene

braune Handschrift zu entziffern, um dem Geheimnis auf die Spur zu

kommen. Aber der Schlaf hatte ihn überwältigt, bevor er die Antworten

finden konnte, die er so verzweifelt suchte.

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»Leon!« Noch mehr An-die-Tür-Hämmern von Monsieur Cannard.

Als Leon aufstand, quietschte sein Stuhl über den Boden.

»Ich kann dich hören!«, brüllte der Vermieter. »Ihr seid drei Monate

im Rückstand! Deine Schwester hat mir schon vor fünf Wochen fest

zugesagt, dass ich meine Miete bekommen würde. Wo steckt sie?«

Ich weiß es nicht, dachte Leon.

»Ich habe auch Rechnungen zu bezahlen, weißt du!« Cannard rüttelte

an der Klinke.

»Sie kommt bald zurück!«, rief Leon und drückte die Arme gegen

den Türrahmen. »Sie ist für einen Job weggefahren. Sie bekommen Ihr

Geld nächste Woche, versprochen!«

»Lügner«, blaffte Monsieur Cannard. »Das hör ich nicht zum ersten

Mal. Ich hab’s satt, zu warten. Ich komme rein.«

Leon hörte das Klirren von Schlüsseln. Mit zitternden Fingern legte

er die Kette vor, gerade noch rechtzeitig, bevor das Schloss knarrte und

Monsieur Cannard die Tür aufschob. Sie knallte gegen die Kette.

»Sie können hier nicht rein!«, sagte Leon, als der Vermieter seine

Finger durch die Lücke steckte. »Ich rufe die Polizei!«

»Gut! Erzähl der Polizei, dass ihr mit der Miete in Verzug seid. Das

ist meine Wohnung. Ich will sie zurück.« Er versuchte erneut, die Tür

aufzudrücken.

»Nein! Verschwinden Sie!«

»Dann komme ich mit einem Polizisten wieder und zwinge euch,

auszuziehen«, knurrte Cannard. »Ich hätte nie auf die Ausflüchte

deiner Schwester reinfallen dürfen.«

»Sie kommt bald zurück!« Leons Herz pochte wie wild. Er merkte ja

selbst, wie unglaubwürdig sich das anhörte.

66


Cannard knallte die Tür zu, und Leon hörte, wie er die Treppe hinunterstampfte.

Er konnte kaum atmen.

Er wusste, dass Monsieur Cannard ihre Wohnung ohne Erlaubnis

nicht betreten durfte, aber er vertraute nicht darauf, dass sich ihr Vermieter

an das Gesetz halten würde. Der Mann konnte jeden Augenblick

zurückkommen. Leon schaute sich in der leeren Küche um, sah

die unbezahlten Rechnungen und das gerahmte Foto von Samira

neben dem Fenster. Dann traf er eine Entscheidung.

Leon rannte ins Schlafzimmer und leerte seinen Rucksack auf der

ausgeblichenen Tim-und-Struppi-Bettwäsche, für die er längst zu alt

war. Anschließend stopfte er seine Werkzeuge und eine Taschenlampe

hinein, schnappte sich eine Reisetasche und füllte sie mit Klamotten.

Kurz schaute er zu dem Wandbild über dem Bett auf – zwei kämpfende

Roboter, die er an die Wand gesprayt hatte. Rasch packte er

auch noch eine Sprühdose in die Tasche.

Samiras Zimmer befand sich auf der anderen Seite des Flurs. Vor

langer Zeit hatte es ihrer Mutter gehört, aber Samira lebte schon so

lange dort, wie Leon zurückdenken konnte. Er griff in die Schublade

ihres Nachtschranks und holte das Skizzenbuch seiner Schwester

hervor. Er nahm sich einen Moment, um es aufzuschlagen, und fuhr

mit der Hand über die Seiten: detaillierte Abbildungen von Tunneln

und Straßen, gezeichnet mit feinem Bleistift und verschiedenen Farbmarkern.

Nach ihrem Verschwinden hatte er das Buch am selben Ort

aufbewahrt wie sie: in der Schublade. Falls sie es irgendwann brauchen

würde.

»Tut mir leid«, murmelte er.

67


Zurück in der Küche, steckte er den gestohlenen Brief in den

Schutzumschlag, faltete ihn und legte ihn in Samiras Skizzenbuch,

damit er in seinem Rucksack nicht zerknüllt wurde.

Dann rannte er zur Tür, zögerte aber, bevor er die Kette löste. Gut

möglich, dass Cannard immer noch da draußen auf ihn wartete. Also

ging Leon zum Fenster, öffnete es und schleuderte die Reisetasche

hinab in einen Busch.

Samira lächelte ihn glücklich und mit frischem Gesicht aus ihrem

Bilderrahmen an. Sie trug ihre Universitätsrobe und presste voller

Stolz die Abschlussurkunde an ihre Brust. Er küsste seine Finger und

drückte sie gegen das Glas.

»Ich finde dich«, sagte er.

Nachdem er sich den Rucksack aufgesetzt hatte, streckte Leon die

Hände aus dem Fenster und griff nach dem Regenrohr. Langsam ließ

er sich daran herab, bis er auf das Gras hinunterspringen konnte. Er

holte sich die Reisetasche aus dem Busch, klemmte sie an seinem

Fahrrad fest und radelte in die Stadt. Er ließ sein Zuhause hinter sich

zurück und drehte sich nicht noch einmal um.

68


Maison de Blaise

»Er ist definitiv ein Verbrecher«, sagte Hattie und strich in Isaacs

Zimmer den Kassenzettel glatt. »Und hiermit können wir ihn aufspüren.«

Patricia hatte gegen ihren Jetlag eine Schlaftablette genommen. Da

sie nun schnarchend im Bett lag, war Hattie aus dem Apartment

geschlichen, um Isaac das Ergebnis ihrer Detektivarbeit zu zeigen.

»Das ist cool.« Neugierig griff Isaac nach dem Bon, und Harriet

wurde ganz rot vor Stolz. »Letzten Sommer habe ich Mr. Singh im

Laden an der Ecke gefragt, warum seiner Kasse dauernd das Papier

ausgeht, aber nie die Tinte. Da hat er mir erklärt, dass sie Thermopapier

benutzen. Er hat mir eine Rolle gegeben, mit der ich herumexperimentieren

konnte.«

»Klar: Klassische Isaac-Turner-Sommerferien-Beschäftigung.«

Hattie setzte sich auf den Schreibtischstuhl und drehte sich im Kreis.

»Schau mal, was da draufsteht.«

»Caméléon Beaux-Arts.« Isaac las das Logo ganz oben auf dem Kassenzettel.

»Ist das ein Geschäft für Kunstbedarf? Wo man Papier und

Farben bekommt? Er kam mir nicht gerade wie ein künstlerischer Typ

vor.« Isaac rieb sich die Stelle, wo ihm der Junge den Faustschlag versetzt

hatte.

»Das Datum ist erst ein paar Tage her«, sagte Hattie. »Wenn wir da

hingehen, erinnert sich vielleicht jemand an ihn.«

»Wir könnten es auch der Polizei sagen«, schlug Isaac vor.

»Ich habe den Zettel bereits der Polizei gezeigt, und es hat sie nicht

interessiert«, entgegnete Hattie. »Wir müssen ihn auf eigene Faust

69


aufspüren. Wenn er nicht auf Monsieur Blaise geschossen hat, weiß er

garantiert, wer’s war.«

Isaac sah unsicher aus. »Wie sollen wir das unseren Eltern erklären?«

»Das übernehme ich. Komm schon!«, drängte Hattie. »Wenn wir

den Fall lösen, kannst du wieder zur Schule.«

Isaac schnaufte verächtlich. »Die Schule ist echt nicht meine größte

Sorge«, sagte er. Harriet wusste, dass es der Schuss war. »Aber ich

glaube, ich weiß, wie er vom Gelände des Archivs verschwinden

konnte.«

Er erzählte ihr von den Katakomben.

»Geheime Tunnel?«, fragte Harriet begeistert. »Isaac, du bist ein

Genie. Es gab einen Gully in dieser Gasse – ich wette, durch den ist

er da runter geklettert. Er ist wahrscheinlich so eine Art Killer aus dem

Untergrund.«

»Aber warum wollte er Mr. Blaise erschießen?«

Es klopfte an der Tür des Apartments, und sie hörten, wie Isaacs

Dad den Butler begrüßte.

»Kinder?«, rief Diggory. »Bruno ist hier, um euch in den fünften

Stock zu bringen. Mr. Blaise will euch vor dem Frühstück noch die

Führung geben, die er euch versprochen hat.«

Hattie wartete, bis Isaac seine Schuhe angezogen hatte. Dann eilten

sie gemeinsam zur Tür. Sie folgten Bruno über einen mit rotem Teppich

ausgelegten Flur bis zum Treppenhaus des Apartmentgebäudes.

Dort drückte der Butler auf den Knopf des altmodischen, gusseisernen

Aufzugs. Die Kabel surrten leise und zogen den Lift nach oben. Plötzlich

drang eine wütende Stimme aus dem Stockwerk unter ihnen

herauf.

70


»Sind Sie in der Lage, die Aufgabe zu erfüllen, oder nicht?« Hattie

spitzte die Ohren. Es war Michel, Monsieur Blaises Assistent. Er

sprach Französisch – in einem gedämpften, wütenden Flüsterton.

Dann herrschte Stille, Hattie nahm also an, dass er ein Telefonat

führte.

»Hundertausende Euros!«, blaffte Michel. »Ich werde keine Unsicherheiten

akzeptieren!«

Hattie warf Isaac einen Blick zu, der sie aber nur stirnrunzelnd

anschaute. Der Aufzug rastete klackend ein, und während Bruno ratternd

die Tür aufzog, konnten sie Michels Stimme nicht mehr hören.

»… komplette Geheimhaltung«, sagte Michel jetzt. »Balthazar darf

nichts davon erfahren.«

Bruno schob die Tür wieder zu, und der Aufzug bewegte sich ruckartig

aufwärts. Michels Stimme verschwand unter ihnen.

»Hast du das verstanden?«, flüsterte Isaac.

»Er ist wütend«, sagte Hattie. »Und er hat ein Geheimnis vor seinem

Boss – das Hunderttausende Euros wert ist.«

Der Lift kam im fünften Stock zum Stehen, und Bruno führte sie

auf den Treppenabsatz. Dort tauchte Balthazar Blaise in einem fleckigen

Overall und mit strahlendem Lächeln aus einem Apartment auf.

»Meine jungen Genies!« Er hieß sie mit offenen Armen willkommen.

»Verzeiht meine Aufmachung, ich war gerade mit Schweißarbeiten

beschäftigt.« Er deutete auf den Raum hinter sich. Hattie konnte

einen Blick auf eine Werkbank erhaschen, auf der verschiedene Geräte

zur Metallbearbeitung lagen. »Vielen Dank, Bruno.« Mit einem Nicken

schickte er den Butler weg.

»Gehören Ihnen wirklich all diese Wohnungen?«, fragte Isaac und

schaute voller Ehrfurcht den Korridor hinunter.

71


»Oui!« Strahlend schloss Blaise hinter sich die Tür. »Paris ist keine

Stadt der Häuser – sondern eine Stadt der Apartments. Ich bin aber

ein Mann mit extravagantem Geschmack, und selbst das großzügigste

Penthouse hat nicht genug Platz für all meine kleinen Projekte. Also

habe ich mir einen ganzen Apartmentkomplex gekauft.«

»Sie haben also nicht bloß ein Zuhause, sondern viele kleine?«,

fragte Hattie.

»Mais oui! Ich habe Apartments zum Wohnen, zum Schlafen, zum

Sport treiben, Arbeiten und Spielen.« Er führte sie den Flur hinab,

vorbei an einer Reihe von Eichentüren mit Messingnummern. »Hier

im fünften Stock habe ich meine Schweißerwerkstatt, mein Musikstudio,

meine Ameisensammlung …«

»Ameisen?« Hatties horchte auf.

»Ameisen sind fantastische Geschöpfe, Miss Bassala«, sagte Blaise.

»Sie bilden aus reinem Instinkt ganze Gesellschaften, und jede von

ihnen übernimmt die Funktion eines winzigen Zahnrads in der komplexen

Maschinerie. Ich könnte stundenlang dabei zusehen, wie sie

ihre Städte konstruieren und bauen.«

»Na klar«, sagte Harriet mit schmalen Augen. »Klingt wie das Normalste

von der Welt.«

»Ich finde, es klingt echt cool«, sagte Isaac.

»Freut mich.« Blaise strahlte. »Aber das größte Apartment widme

ich meiner wichtigsten Obsession.« Er erreichte die Tür am Ende des

Flurs und führte sie hindurch.

72


La Salle des Cartes

Isaac bekam große Augen, als Blaise die Apartmenttür öffnete. Die

Wohnung lag direkt an der Ecke des Gebäudes, sodass die Morgensonne

den ganzen Raum flutete. Draußen vor dem Fenster konnte

man tief unter ihnen die Kreuzung erkennen. In der Mitte des Hauptraumes

stand ein Glastisch, in den ein dreidimensionales Modell von

Paris eingelassen war. Isaac sah die sanften Hügel, die Dächer, die wie

Tierschuppen über dem Land lagen. Mitten hindurch schlängelte sich

die Seine wie ein glitzerndes Band.

»Whoa!« Er fuhr mit der Hand über das Glas. »Dafür müssen Sie

Jahre gebraucht haben!«

»Ich habe das Glück, Experten im Modellbau beschäftigen zu

können, die mir dabei helfen.« Blaise errötete. »Aber ich bin sehr stolz

darauf. Dies ist mein salle des cartes. Der Kartenraum. Ich bin kartophil,

versteht ihr? Das heißt, dass ich Karten über alles liebe.«

»Karten wovon?«, fragte Hattie und betrachtete die Schränke aus

Holz und Glas, die die Wände säumten. Sie waren mit ledergebundenen

Büchern gefüllt, einige davon so groß wie ganze Tische.

»Von fast allem«, erklärte Blaise stolz. »Da sind uralte Weltkarten

dabei, als man die Erde noch für flach hielt. Karten vom Mond, Seekarten,

Karten vom französischen Schienennetz. Hauptsächlich aber

sammele ich Karten von Paris. Mit ihnen hat meine Faszination begonnen.

Mein Vater hat das Blaise-Immobilien-Imperium schon vor

meiner Geburt gegründet. Als Kind habe ich ihn immer beobachtet,

wie er in seinem Büro über allen möglichen Karten unserer Stadt

gebrütet hat.«

73


»Warum mögen Sie sie so?«, fragte Hattie. Isaac hob den Kopf und

sah, dass die Decke mit Sternbildern bemalt war: eine Karte des

Nachthimmels.

Blaise kicherte. »Ich nehme an, weil die Welt so durcheinander ist.

Die Karten bringen Ordnung in dieses Chaos. Auf keiner Karte lässt

sich jedes Detail abbilden – das wäre unfassbar komplex. Also stellt

jede Karte eine bewusste Auswahl dar: Jede repräsentiert eine andere

Art, die Welt zu sehen. Versteht ihr?«

»Ähm, ja«, sagte Hattie. »Ich glaube schon.«

»Haben Sie auch Karten von den Katakomben?«, fragte Isaac.

»Na, selbstverständlich!« Blaises Gesicht leuchtete auf. »Gestern

Abend wolltet ihr mehr über den Schatz erfahren. Und genau deshalb

habe ich euch hier heraufgebracht.« Er ließ seine Finger über den

Inhalt eines der Schränke tanzen, bevor sie auf einem Papprohr zum

Stehen kamen. Er öffnete es wie eine Champagnerflasche und zog

eine große Papierrolle heraus.

»Die alten Minen erstrecken sich in alle Himmelsrichtungen.« Er

breitete das Papier auf einem Glastisch aus. »Sie verlaufen in unterschiedlichen

Tiefen kreuz und quer, sind zum Teil geflutet worden

oder eingestürzt.« Er beschwerte die Enden des Dokuments mit

Papiergewichten, und Isaac bewunderte die Karte, auf der blaue und

braune Linien einander überschnitten wie bei einem gigantischen

Labyrinth. »Dies ist einer der frühesten Versuche, sie zu dokumentieren

– angefertigt von den Mineninspektoren, die Ludwig XVI. damit

beauftragt hatte, die Katakomben abzusichern.«

»Er war auch der König, der den geheimen Schatz versteckt hat,

oder?«, fragte Hattie, während Isaac einen genaueren Blick auf die

Karte warf.

74


»So lautet die Legende.« Blaise nickte. »Und die meisten Schatzsucher

glauben, dass der Schatz – wenn es ihn wirklich gibt – irgendwo

in diesen Tunneln verborgen liegt.« Er fuhr mit den Fingern über das

Papier. »Seine treuen Mineninspektoren haben die Tunnel verstärkt

und eingestürzte Wände neu hochgezogen. Das wäre doch der perfekte

Ort für eine Schatzkammer, findet ihr nicht?«

»Das heißt, diese Karte könnte uns verraten, wo der Schatz versteckt

wurde?«, fragte Isaac und musterte eingehend die engen, verwobenen

Pfade.

»Leider nicht.« Blaise kicherte. »Denn diese Karte, so schön sie

auch sein mag, ist eine Lüge.«

»Wie kann eine Karte eine Lüge sein?«, fragte Hattie. »Eine Karte

zeigt doch nur … was da ist.«

»Auch eine Karte kann ein Werk der Fantasie sein«, sagte Blaise.

»Es trifft auf die meisten Karten zu. Man spricht da von Fallen- oder

Papierstraßen.«

»Was soll das sein?«, fragte Isaac.

»Eine Karte anzufertigen, ist anstrengende Arbeit«, erklärte Blaise.

»Und sie kann leicht gestohlen und von einem anderen Kartenmacher

kopiert werden, der sie dann als sein eigenes Werk ausgibt. Deshalb

verstecken Kartografen kleine Fehler in ihren Karten – damit sie es

später beweisen können, wenn sie kopiert wurden. Städte auf eigentlich

leeren Feldern, Flüsse, die mit einem Federstrich umgeleitet

werden, und erfundene Straßen, die es gar nicht gibt. Sie werden wie

Mausefallen in die Karten eingezeichnet, um die Fälscher zu entlarven.«

»Fallenstraßen«, sagte Hattie.

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»Karten lügen ständig«, sagte Blaise. »König Ludwig wollte, dass

niemand seinen Schatz findet. Aber statt Tunnel zu erfinden, die es gar

nicht gibt, hat er seine Kartografen angewiesen, das Versteck seines

Schatzes zu verschleiern. Die entsprechenden Tunnel wurden gar

nicht erst eingezeichnet.« Er fuhr mit der Handfläche über die Karte.

»Das Versteck wurde ausgelöscht. Und da alle späteren Karten auf

dieser hier beruhen, bleibt der Ort, an dem sich der Schatz befindet,

auf allen Karten der Katakomben bis heute verborgen.« Er hielt inne.

»Auf allen Karten … bis auf einer.«

Isaac schaute auf. »Auf welcher denn?«

»Auf der einzig korrekten Karte der Katakomben, die jemals angefertigt

wurde«, sagte Blaise mit einem Grinsen. »Gezeichnet vom

König persönlich in den Wirren der Revolution. L’Atlas Interdit, so

nannte man das Buch mit der Karte: den Verbotenen Atlas.«

»Und wo ist der jetzt?«, fragte Isaac.

»Ich habe keine Ahnung!« Blaise riss die Arme in die Höhe und

lachte. »Niemand weiß es! Ich habe euch ja gesagt, es ist ein albernes

Hobby. Meine Angestellten halten mir das ständig vor. Aber vor wenigen

Wochen bin ich auf einen wahrhaft faszinierenden Hinweis zur

Geschichte des Atlas gestoßen, der sich noch als entscheidend herausstellen

könnte, wenn ich …« Er unterbrach sich lachend. »Aber das

werde ich euch ganz sicher nicht anvertrauen.«

»Doch, verraten Sie es uns!«, sagte Hattie.

»Nein, nein.« Blaise schüttelte amüsiert den Kopf. »Ich kann doch

nicht zulassen, dass ihr mir den Schatz vor der Nase wegschnappt.«

»Wir haben gehört, dass der Brief, der aus dem Archiv gestohlen

wurde, von dem Schlosser des Königs stammt«, sagte Isaac. »Und dass

er es war, der den Schatz versteckt hat. Mr. Blaise, glauben Sie, dass

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die Person, die auf Sie geschossen hat, auch hinter dem Schatz her

war?«

»Es gibt hunderte Menschen, die diesen Schatz suchen, Isaac«,

erwiderte Blaise. »Und ich weiß nicht, wie viel ihr über meine Arbeit

wisst, aber mir mangelt es nicht an Feinden. Viele Leute haben schon

damit gedroht, mich umzubringen. Deshalb habe ich ja auch einen

Bodyguard.« Er hielt inne. »Nein, ich bin mir sicher, dass die Tragödie

von gestern Abend nichts zu tun hatte mit …« Er deutete auf die Karte.

»… alledem.«

Eine Uhr auf dem Kaminsims schlug zur vollen Stunde.

»Zeit fürs Frühstück.« Blaise rollte die Karte wieder auf und stellte

sie zurück in den Schrank. »Eure Eltern fragen sich bestimmt schon,

wo ihr steckt.«

Doch als sie sich wieder zum Fahrstuhl begaben, ging Isaac der

neue Hinweis nicht aus dem Kopf, den Mr. Blaise entdeckt hatte.

Handelte es sich um die entscheidende Spur, mit der man den Verbotenen

Atlas finden konnte? Und wenn ja, war es möglich, dass ein rivalisierender

Schatzsucher bereit wäre, Mr. Blaise umzubringen – nur

um zu verhindern, dass er ihn zuerst fand?

77


Maison de Blaise

Das Frühstück wurde in einem sonnendurchfluteten Esszimmer serviert,

das den Blick auf den Innenhof freigab. Körbe mit glänzendem

Obst und dampfenden Croissants standen auf einem blitzsauberen

Leinentischtuch. Ein Kellner in weißer Uniform bot Isaac einen Teller

mit Rührei und ein Glas Apfelsaft an, und er griff sofort zu. Es überraschte

ihn selbst, wie hungrig er war.

»Im Büro sind alle fuchsteufelswild, weil ich heute nicht zurückfliege«,

sagte Patricia und schüttelte den Kopf. »Die Airline ist der

reinste Alptraum. Gott allein weiß, was ich Harriets Schule sagen

soll.«

»Ja, ich bin auch so enttäuscht, dass ich den Unterricht verpasse,

Mama«, sagte Hattie, schaute Isaac an und verdrehte die Augen.

Dieser versuchte, nicht zu lachen.

»Du kannst sehr gerne von hier aus arbeiten«, sagte Blaise mit

einem Lächeln zu Patricia. »Sobald die Polizei euch wieder reisen

lässt, rufe ich persönlich den Chef der Airline an. Er wird dafür sorgen,

dass du auf schnellstem Wege nach Hause kommst.«

»Du bist so großzügig.« Patricia errötete leicht.

»De rien«, sagte Blaise und sein Lächeln wurde breiter. »Es ist mir

ein Vergnügen.«

Hattie sah aus, als habe sie saure Milch getrunken.

»Gibt es irgendetwas Neues von Omar?«, fragte Isaac.

»Er hat wohl eine harte Nacht hinter sich«, sagte Blaise. »Aber die

Chirurgen haben gute Arbeit geleistet. Wenn ich das richtig verstehe,

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ist er auf dem Weg der Besserung. Ich bete darum, dass er bald zurückkommt.«

Isaac spürte, dass ihm sein Dad eine Hand auf die Schulter legte.

»Und was ist mit der Polizei?«, fragte Blaise. »Wie ich hörte, hat sie

sich noch mal gemeldet.«

»Ja.« Diggory nickte. »Lieutenant Garonne hat Luc und mich gebeten,

heute Morgen doch noch eine offizielle Aussage abzugeben.«

»Ich werde euch einen Wagen bereitstellen.« Blaise nickte.

»Mama, wenn du mit deiner Arbeit beschäftigt bist und Diggory mit

der Polizei spricht, können Isaac und ich dann Paris auf eigene Faust

erkunden?«, fragte Hattie. »Es gibt so viele tolle historische Denkmäler,

die ich ihm gern zeigen würde.«

»Ich weiß immer noch nicht, ob ich es gut finde, dass ihr beiden

alleine unterwegs seid«, sagte Diggory.

»Oh, ich bin es gewohnt, mich in Städten umzuschauen«, sagte

Hattie lächelnd. »Meine Eltern haben schon immer viel Wert auf

meine Unabhängigkeit gelegt.«

»Aber ich würde gerne mit euch kommen«, sagte Patricia. »Es ist so

ein schöner Tag, und ich weigere mich, noch ein Wochenende für die

Arbeit zu opfern. Ich glaube, wir brauchen wirklich ein bisschen Spaß!

Wo würdet ihr gerne hin? Zur Skulpturenausstellung im Musée d’Orsay

vielleicht?«

»Ähm, auch wenn das echt nach viel Spaß klingt«, sagte Hattie und

warf Isaac einen nervösen Seitenblick zu, »hatten wir eigentlich

gehofft, wir könnten einfach ein bisschen die Stadt erkunden. Ein

paar Entdeckungen machen. Nur wir zwei.«

»Oh! Gute Idee!« Patricia klatschte in die Hände. »Seien wir echte

Flaneure.«

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»Flaneure?« Hattie entglitten die Gesichtszüge. Ihr Plan, mit Isaac

ganz in Ruhe das Geschäft für Kunstbedarf aufzuspüren, fiel in sich

zusammen. »Was soll das sein?«

»Ein Flaneur ist jemand, der ganz ohne Ziel spazieren geht und sich

an den alltäglichen Dingen erfreut, die die Straßen füllen«, sagte Patricia

und strich sich Marmelade auf ihr Croissant. »Eine essenzielle

Paris-Erfahrung. Wie ein Schaufensterbummel, nur dass die gesamte

Stadt das Schaufenster ist: die umtriebige Menge, das Plätschern

eines Brunnens, der Duft der Bäckereien am frühen Morgen …«

Isaac musterte sie ungläubig. »Also … schaut man sich einfach bloß

irgendwelches Zeug an?«

»Man schaut nicht bloß, man sieht«, sagte Blaise mit einem Funkeln

im Auge. »Die Stadt und wie alles ineinander greift. Man betrachtet

sie, wie sich ein Mechaniker einen Automotor anschaut.«

»Oder wie du dir letzte Woche unseren neuen Toaster angeschaut

hast, Isaac«, sagte Diggory schmunzelnd.

»Ich habe doch gesagt, dass ich ihn wieder zusammenbaue«, murmelte

Isaac.

»Okay«, sagte Hattie mit eingefrorenem Lächeln. »Dann machen

wir das, gehen wir flannellieren.«

»Flanieren.«

»Ja, klar. Können wir uns aussuchen, welche Gegend wir erkunden?«

»Warum nicht?«

»Dann nehmen wir den dreizehnten Bezirk«, sagte Hattie und

schaute Isaac an. »Ich habe gehört, dass es in diesem Teil der Stadt

großartige Kunst geben soll.« Sie zwinkerte. Isaac war klar, dass sie zu

dem Kunstbedarf gehen würden, von dem der Kassenzettel stammte.

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»Warum nennt man diesen Bezirk den Dreizehnten?«, fragte Isaac.

»Paris ist in zwanzig Arrondissements aufgeteilt«, erklärte sein Dad.

»Sie sind alle nummeriert und verlaufen spiralförmig aus dem Stadtzentrum

– wie bei einem Schneckenhaus. Das erste Arrondissement

befindet sich genau in der Mitte.«

»Das Dreizehnte liegt im Südosten«, sagte Blaise. »Aber ich werde

euch einen Wagen kommen lassen.«

»Oh, nein, Balthazar«, sagte Patricia. »Wenn wir Flaneure sein

wollen, müssen wir die Stadt aus nächster Nähe erleben. Wir nehmen

natürlich die Métro.« Sie lächelte. »Das wird so viel Spaß machen.«

»Ja«, sagte Hattie. »So viel Spaß.«

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FÜNFTES KAPITEL

Place d’Italie

Die Linie 5 der Pariser Métro rauschte klappernd und wackelnd

dahin, während Isaac den schwarz gewordenen Bon

untersuchte.

»Eins kapiere ich nicht«, sagte Hattie. »Warum hat der Junge die

Waffe zurückgelassen?«

»Vielleicht hat er sie versehentlich verloren«, sagte Isaac und

schaute zu Patricia hinüber. Sie hielt sich – außer Hörweite – in dem

vollgestopften Wagen an einem Handgriff fest. »Der Kassenzettel ist

ihm ja auch aus der Tasche gerutscht.«

»Ja, weil wir ihn eingeholt hatten«, sagte Hattie. »Er hatte keinen

Grund, die Waffe liegen zu lassen – er hätte sie auf seiner Flucht einfach

mitnehmen können.«

»Ich kann mir immer noch nicht erklären, warum er geschossen

hat«, sagte Isaac. »Weil Mr. Blaise kurz davor stand, den Schatz zu

finden, und er ihn für sich selbst haben will?«

»Wenn wir ihn finden, können wir ihn ja fragen«, sagte Hattie,

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»Ähm, nein«, sagte Isaac. »Wenn wir ihn finden und beweisen

können, dass es ihn wirklich gibt, sofort zur Polizei. Hattie, ich habe

echt nicht vor, mit einem Killer aus dem Untergrund zu plaudern.«

»Ja, okay, schon klar.« Hattie wandte den Blick ab.

»Ich mein’s ernst! Wir werden ihn nicht stellen!«

»Ich hab dich verstanden!«

Der Wagen füllte sich mit Licht, als der Zug aus dem U-Bahntunnel

ratterte und eine Seine-Brücke überquerte.

»Isaac, Harriet, schaut doch mal!« Patricia winkte sie zu sich. »Diese

Aussicht!«

Der Fluss glitzerte silbrig im Sonnenschein, während sich die Stadt

darum herum bettete. Das vom Regen angestiegene Wasser schoss

förmlich durch die steinernen Brückenbögen. Hattie wollte ein Foto

machen, aber ihre Mutter hielt sie davon ab.

»Heute, Harriet, schießen wir Fotos nur mit unseren Augen«, sagte

sie. »Flaneure erleben die Welt mit vollen Sinnen!«

»Klar«, sagte Hattie und steckte ihr Handy wieder ein.

Der Zug rauschte in seine Endstation, und Isaac folgte Hattie und

Patricia hinauf zum Place d’Italie, einem großen, begrünten Kreisverkehr.

Hier trafen sich verschiedene Boulevards, und der dichte Straßenverkehr

rauschte und hupte. Die Leute drängten mit Kinderwagen

und Einkäufen an ihnen vorbei, und die Bäume raschelten in der sanften

Brise. Isaac atmete die kühle Morgenluft ein. Plötzlich war es ein

erhebendes Gefühl, mitten in dieser großen, fremden Stadt zusammen

mit seiner Freundin auf einer Erkundungsmission zu sein.

»Und wie machen wir jetzt diese Flaneur-Sache?«, fragte Hattie

und schaute sich um. »Wonach suchen wir?«

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»Du folgst einfach deinem Sinn fürs Abenteuer«, erklärte Patricia

ehrfurchtsvoll. »Wir haben keinen Plan und keinen Reiseführer: nur

einen Appetit fürs Ungewöhnliche. Wir sind Entdecker, die nach

Wundern Ausschau halten.«

»Schatzsucher«, sagte Isaac.

»Ganz genau.«

Unauffällig warf Hattie einen Blick auf die Karte in ihrem Handy

und ließ es dann rasch wieder in ihrer Tasche verschwinden.

»Ich habe so ein Gefühl, dass ich gern nach Süden gehen würde«,

sagte sie.

Sie hörten Musik, die von Marktständen zu ihnen herüber drang.

Sie kauften eine Packung Datteln, die mit Honig überzogen waren.

Der Mann am Stand scheuchte eine Katze fort, und sie folgten ihr zu

einem schmalen Friedhof im Schatten einer Kirche, wo sie auf den

Grabsteinen nach den interessantesten Namen suchten: Séverine,

Enguerrand, Hortense. Neben der Kirche hatte sich eine Menschentraube

auf einem Platz versammelt. Sie fragten sich, was das Getümmel

zu bedeuten hatte. Dann sahen sie es: Die Leute bewunderten

einen Brunnen, auf dem die Skulptur eines Fisches angebracht war.

Kurz darauf fragte Patricia einen alten Mann, was die Aufregung zu

bedeuten hatte. »Dieser Brunnen war seit über achtzig Jahren kaputt«,

erklärte erklärte sie dann. »Und seit heute Morgen funktioniert er

plötzlich wieder – wie aus heiterem Himmel!«

Isaac schaute sich an, wie das Wasser aus dem Maul des Fisches

sprudelte. Er entdeckte ein Symbol, das auf den Sockel des Brunnes

gesprayt worden war: Eine Spirale, durchbrochen von einer diagonalen

Wellenlinie.

85


Eine krumme Treppe führte sie einen steilen Hügel hinauf, wo sie

Münzen in den offenen Geigenkasten eines Straßenmusikers warfen.

Hier war es ruhiger. Der Verkehrslärm blieb hinter ihnen zurück und

wurde vom Klirren einzelner Fahrradklingeln und dem Flattern der

Tauben abgelöst, die auf den nackten Ästen der Bäume hockten. Plötzlich

hatte Isaac das Gefühl, es würde ihn jemand von oben beobachten.

Er schaute auf und sah ein Wandbild: Einen Mann mit Schnurrbart

und großem Hut, der auf eine Hauswand gesprayt worden war. Eine

Wand auf der anderen Straßenseite war ganz mit Mustern bedeckt: ein

richtiges Farbspektakel inmitten all der weißen Kalksteingebäude.

Plötzlich sah er es überall. Street Art an jeder Ecke: Gesichter,

Tiere, Sprüche, die er nicht lesen konnte. Das ganze Viertel war mit

Graffiti geschmückt.

»Wie schön«, sagte Patricia und reichte Hattie noch eine Dattel.

»Als würde man in einer Galerie leben.«

»Ich würde das so gerne abzeichnen, Mama!« Hattie warf Isaac

einen kurzen Blick zu. »Ich wette, hier gibt es irgendwo einen Künstlerbedarf.

Ich habe das komische Gefühl, ich hätte da oben am Hügel

ein Ladenschild gesehen.«

»Eine fantastische Idee«, sagte Patricia. »Führ uns hin.«

An einer Kreuzung auf der Spitze des Hügels häuften sich Geschäfte

und Cafés, und Harriet überprüfte die Adresse auf dem Kassenzettel.

Der Künstlerbedarf zwängte sich zwischen einem Floristen und einem

Friseur in die Häuserzeile. Sein kleines Schaufenster war randvoll mit

Staffeleien, Pastellkreiden und Farben.

»Perfekt!«, sagte Patricia, »Ich hoffe, sie haben, wonach wir suchen.«

»Ich auch«, sagte Hattie und marschierte auf die Ladentür zu.

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Butte-aux-Cailles

Ein Glöckchen läutete, als Hattie den Laden betrat. Sofort stieg ihr

der Geruch von gespitzten Bleistiften und Chemikalien in die Nase,

der sie an den Kunstraum ihrer Schule erinnerte.

»Bonjour!« Die Frau hinter dem Tresen winkte ihnen zu. Hattie

winkte zurück und zog Isaac schnell hinter eine Auslage mit Skizzenbüchern.

»Wir müssen erstmal rausfinden, was der Junge gekauft hat. Dann

gehe ich rüber und spreche mit ihr«, flüsterte sie.

Patricias Handy klingelte, und sie musterte verwirrt die Nummer.

»Ich gehe draußen ran«, sagte sie. »Schau, ob du ein schönes Skizzenbuch

findest, Harriet.«

Wieder läutete das Glöckchen, als sie auf die Straße hinaustrat.

Hattie und Isaac machten sich sofort daran, die Wasserfarben, Filzstifte

und Bleistifte zu durchstöbern. Sie suchten nach allem, was auf

dem Bon des Jungen stand. Schließlich winkte Isaac sie zu einem

Regal im hinteren Bereich.

»Sprühfarben«, flüsterte er und deutete auf eine Auslage mit dicken

Sprayflaschen. »Ist dieselbe Marke, siehst du?« Er hielt den Kassenbon

in die Höhe.

»Okay, ich frage sie.« Hattie schnappte sich den Kassenzettel aus

seiner Hand und marschierte zum Tresen hinüber. Dabei spähte sie

durchs Fenster zu ihrer Mutter hinaus, die sich mit besorgter Miene

das Handy ans Ohr drückte.

»Entschuldigen Sie bitte, Madame.« Hattie sprach in ihrem besten

Französisch und zeigte der Verkäuferin die Quittung. Sie fragte nach

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dem Jungen, der die Sprühdosen gekauft hatte und deutete mit der

Hand seine Größe an.

»Ach, du meinst Leon.« Die Verkäuferin nickte freundlich. »Ein

talentierter Junge. Er kommt hier fast jede Woche vorbei.« Sie verengte

ihre Augen, schien plötzlich misstrauisch zu sein. »Steckt er in

Schwierigkeiten?«

»Nein, nein«, sagte Hattie lächelnd. »Wir haben nur etwas, das ihm

gehört, und würden es ihm gern zurückgeben. Wissen Sie, wo er sein

könnte?«

»Samstags zeichnet er manchmal Touristen am Fluss im Fünften«,

erwiderte die Verkäuferin. »An der Petit Pont. Da könntet ihr es versuchen.«

Hattie dankte ihr und kaufte ein schlichtes Skizzenbuch und eine

Packung Buntstifte. Dann kehrte sie zu Isaac zurück, der bereits an

der Tür wartete.

»Und?«, fragte er.

»Ich weiß, wo wir hin müssen«, flüsterte sie und trat auf die Straße

hinaus.

Doch bevor sie noch etwas sagen konnte, unterbrach sie Patricia

mit gequältem Gesicht.

»Das war die Polizei«, sagte sie. »Sie wollen jetzt doch mit mir sprechen.«

»Jetzt sofort?«, fragte Hattie.

»Ja, leider. Und dabei hatten wir gerade so viel Spaß. Ich habe uns

schon ein Taxi gerufen.«

»Ich würde total gern hier bleiben und die Wandbilder abzeichnen,

wenn das okay ist?«, fragte Hattie mit ihrer besten Brave-Mädchen-

Stimme. »Ich würde die Stadt so gern wirklich sehen.«

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»Ich bin mir nicht sicher, ob es Diggory recht wäre, Isaac in der

Stadt allein zu lassen«, entgegnete Patricia zögerlich.

»Er ist ja nicht allein«, sagte Hattie. »Er hat doch mich.«

»Ja, ich komme schon klar.« Isaac nickte. »Ich laufe auch in London

dauernd allein rum.«

»Wir haben Métro-Tickets, Geld, mein Handy«, sagte Hattie. »Wir

bleiben auch nicht lange – bis zum Mittagessen sind wir wieder bei

Monsieur Blaise. Bitte, Mama.«

»Ich nehme an, ein kleines Abenteuer hat noch nie geschadet«,

sagte Patricia. »Aber wenn ihr euch doch verspätet, ruf ihr mich an,

verstanden?«

»Ja, Mama, versprochen.«

»Dann bis später.« Patricia küsste ihre Tochter auf die Stirn und

winkte ihnen noch einmal zu, als das Taxi ankam.

»Wir müssen die Métro nehmen«, sagte Hattie, nachdem ihre

Mutter verschwunden war. »Der Junge heißt Leon. Er ist so eine Art

Künstler, und ich weiß, wo er abhängt.«

Sie eilten den Kopfsteinpflasterhügel hinab, wo die ruhigeren Straßen

von lauteren, mit Verkehr gefüllten Boulevards abgelöst wurden.

Isaac war seltsam still, und Hattie warf ihm einen kurzen Seitenblick

zu.

»Alles gut?«, fragte sie.

»Ja. Ich war nur noch nie ohne einen Erwachsenen im Ausland

unterwegs. Es fühlt sich … ich weiß auch nicht … komisch an.

Beängstigend. Toll.«

»Ich bin’s gewöhnt«, sagte Hattie, als sie die Straße überquerten.

»Wenn man geschiedene Eltern hat, wird man dauernd hin und her

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geschoben. Sie reisen immerzu irgendwohin. Da bekomme ich alle

möglichen Länder zu sehen.«

Sie stiegen in die Métro. Auf überirdischen Gleisen ratterte sie

Richtung Norden. Bunte Wandbilder rauschten an den Fenstern

vorbei. Sie kamen am Fluss an, als die Glocken von Notre Dame zur

vollen Stunde schlugen. Hattie ließ den Blick über die volle Uferstraße

schweifen. Dort, direkt an der Mauer, reihten sich kleine, grüne Kioske

aneinander. Ihre aufgeklappten Läden gaben den Blick auf Bücher,

Bilder und Schmuck frei. Die Händler selbst saßen auf kleinen

Hockern direkt daneben.

»Wonach suchen wir?«, fragte Isaac und spähte zu der Menschenmenge

hinüber.

»Die Verkäuferin sagte, er würde Touristen zeichnen«, sagte Hattie.

»Also sollten wir vielleicht nach einem Stand mit Bildern Ausschau

halten oder nach einer Staffelei oder …«

Sie blieb stehen und griff nach Isaacs Arm. Durch eine Lücke in der

Menschenmenge sahen sie einen Jungen, der sich über ausgestellten

Karikaturen auf der Ufermauer niedergelassen hatte. Auf seinem Schoß

lag ein Skizzenbuch und neben ihm ruhte eine mit Münzen gefüllte

Mütze. Gerade reichte eine Touristin ihm einen Fünf-Euro-Schein.

»Das ist der Junge vom Archiv«, erkannte Isaac.

Er war es tatsächlich. Und er hatte sie gesehen.

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Quai de Montbello

»Hey!«

Hatties Stimme brach durch die Touristenmenge, während sie, mit

Isaac dicht hinter sich, auf den Jungen zulief. Mit vor Angst geweiteten

Augen sprang dieser sofort von der Mauer. Plötzlich schnappte

sich der Junge seine Mütze und schleuderte sie von sich. Die Münzen

knallten ihnen wie Geschosse entgegen. Isaac hob schützend den Arm

und spürte, wie ihn ein Cent mit voller Wucht an der Stirn traf. Der

Junge stürmte den Bürgersteig entlang. Mehrere Autos hupten laut,

als er über die Straße raste.

»Geht’s dir gut?«, fragte Isaac, als er Hattie erreichte.

»Alles gut«, erwiderte Hattie und hielt sich ein Auge zu. »Lauf

hinter ihm her!«

Isaac stolperte zwischen den Autos auf die Fahrbahn. Er ließ den

Jungen nicht aus den Augen, der auf der anderen Straßenseite über

einen Zaun in einen kleinen Park sprang. Isaac rannte unter dem

Gefuchtel und Geschrei von Passanten hinter ihm her. Am anderen

Ende des Parks machte der Junge blitzschnell ein Fahrrad von einem

Baum los.

»Halt!«, rief Isaac, als das Fahrradschloss ins Gras fiel und der Junge

sich auf den Sattel schwang. »Wir wollen bloß mit dir reden!«

»Laisse-moi!«, brüllte der Junge und knallte Isaac seinen Rucksack

ins Gesicht. Er traf ihn hart wie ein Ziegelstein. Isaac stürzte zu Boden.

Hattie sprintete hinter ihnen über den Rasen, war aber immer noch

weit weg. Gerade als der Junge in die Pedale trat, bekam Isaac einen

dicken Stock im Gras zu fassen. Das Fahrrad setzte sich in Bewegung,

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doch Isaac rammte den Stock zwischen die Speichen des Hinterrads.

Ruckartig kam es zum Stehen. Das gab Hattie genug Zeit, sich auf den

Jungen zu stürzen und ihn mit sich zu Boden zu reißen.

»Game Over, Mörder!«, rief Hattie, während der Junge in ihrem

Griff strampelte. »Wir haben dich!«

»J’ai rien fait!«, brüllte der Junge. Er wand sich und trat wild um

sich.

Isaac schoss vor, um die Füße des Jungen festzuhalten.

»Wir wissen, wer du bist, Leon«, sagte Hattie. »Wir rufen die Polizei,

wenn du uns nicht erzählst, was passiert ist!«

»Non! Ich habe nicht auf den Mann geschossen! Ich wusste nicht,

dass das passieren würde! Bitte, ihr versteht das völlig falsch!«

Isaac schaute sich nervös im Park um. Er sah zwei Leute, die mit

Hunden Gassi gingen und ihren Kampf besorgt beobachteten.

»Wir wissen, dass du eine Pistole hattest«, sagte Hattie.

»Nein, hatte ich nicht!« Leon versuchte noch immer, sich freizukämpfen.

»Ich habe die Waffe nicht angefasst! Ich wusste nicht, dass

jemand erschossen werden sollte, ich habe nur versucht, mit dem

Brief da rauszukommen – ich bin kein Mörder!«

»Und du denkst, wir nehmen dir das ab?«, fragte Hattie. Doch Isaac

ließ die Beine des Jungen los.

»Er sagt die Wahrheit.«

»Woher willst du das wissen?«

»Bevor die Waffe losging, hat jemand eine Warnung gerufen«, sagte

Isaac. »Ich hatte gleich das Gefühl, dass es sich komisch angehört hat,

und jetzt weiß ich auch, warum. Es war ein Junge. Er war es.«

»Ja, ja, ich habe gerufen: Non! Arrête!«, sagte Leon.« Als ich gesehen

habe, dass jemand schießen wollte.«

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»Er ist nicht der Attentäter«, sagte Isaac rappelte sich auf und nickte

Hattie zu. Sie biss sich auf die Lippe.

»Wenn du irgendwas versuchst …«, warnte sie.

»Werde ich nicht«, sagte Leon. »Versprochen.«

Hattie ließ seine Arme los. Der Junge setzte sich auf und wischte

sich Schmutz von der Jacke. Hattie erhob sich und half ihm auf die

Füße. Isaac schaute zu den Leuten mit den Hunden hinüber und

winkte ihnen freundlich zu.

»Wir sollten hier verschwinden«, murmelte er.

»Ich werde euch alles erzählen«, sagte Leon. »Ruft nur nicht die

flics. Ich habe schon genug Probleme.«

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SECHSTES KAPITEL

Pont au Double

Leon führte sie zurück Richtung Flussufer, zu einer Brücke mit

Blick auf Notre Dame. An der Spitze der Île de la Cité wehte eine

sanfte Brise raschelnd durch die hohen Bäume des Parks. »Ich bin

nicht zum Archiv gegangen, um auf jemanden zu schießen«, sagte

Leon und lehnte seinen Rucksack gegen die Brückenbalustrade. »Ich

hatte keine Ahnung, dass das passieren würde. Ich war nur dort, um

den Brief zu stehlen.«

»Bist du ein professioneller Dieb?«, fragte Isaac.

»Nein. Ich habe es für Samira getan.«

»Wer ist Samira?« Isaac hörte, dass aus Hatties Misstrauen

gespannte Neugier wurde.

»Meine ältere Schwester«, sagte Leon. »Sie kümmert sich um mich.

Seit unsere Mutter … Es gibt nur noch uns zwei. Aber vor drei Wochen

ist sie weggegangen … um etwas zu suchen. Sie ist verschwunden. Ich

habe sie seitdem nicht mehr gesehen.«

»Du bist ganz allein?«, fragte Hattie.

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»Hm, ja«, sagte Leon und stopfte die Hände in die Taschen seiner

Jeansjacke. »Aber ich werde sie finden.«

»Mein Dad war auch verschwunden«, sagte Isaac nach einer kurzen

Pause. »Letztes Jahr. Das war hart.«

»Was hast du dann gemacht?«, fragte Leon angespannt.

»Er hat mich getroffen, und zusammen haben wir seinen Vater

zurückgeholt«, sagte Hattie mit breitem Lächeln.

»Samira hat den Verbotenen Atlas gesucht, oder?«, fragte Isaac.

»Wieso weißt du davon?« Leon sah verblüfft aus.

»Wir wissen vieles«, erwiderte Hattie. »Ist sie eine Schatzsucherin?«

»Ja«, sagte Leon. »Schon immer war sie verrückt nach den Katakomben.

Sie war sich sicher, dass sie dort unten den Schatz findet, der

uns reich machen kann. Jedes Wochenende ist sie da runter gestiegen

und hat nach Spuren gesucht. In den letzten Wochen war sie völlig

aufgekratzt – als hätte sie tatsächlich etwas Wichtiges entdeckt. Aber

als ich eines Tages aus der Schule nach Hause kam, fand ich nur einen

Zettel mit einer Nachricht. Sie müsse für eine Weile weg, stand da.

Keine Erklärung. Aber an der Art, wie sie mir geschrieben hatte, konnte

ich erkennen, dass sie … Angst hatte.«

Ein Pärchen in schicken Mänteln spazierte an ihnen vorbei und

nippte an Pappbechern.

»Wie hast du dich denn so lange über Wasser gehalten?«, fragte

Hattie.

»Ich bekomme ein bisschen Geld von den Touristen, aber ich kann

die Miete nicht bezahlen.« Leon biss sich auf die Unterlippe. »Ich

muss sie finden. In ihrem Notizbuch hatte sie einen Plan aufgeschrieben.

Sie wollte den Brief aus dem Nationalarchiv stehlen. Sie bräuchte

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nur diesen Brief, um den Atlas zu finden. Jeder Schatzsucher in Paris

würde versuchen, ihn in die Finger zu bekommen. Sie wollte ihn sich

sofort schnappen – gleich am ersten Tag, an dem er in der Ausstellung

präsentiert wurde.«

»Also gestern Abend«, sagte Isaac.

»Ja. Sie schrieb, er wäre der Schlüssel zum Verbotenen Atlas. Ich

glaube, sie ist verschwunden, weil sie versucht hat, den Schatz zu

finden. Deshalb habe ich gedacht, wenn ich ihn finden könnte …«

»Würdest du sie finden«, beendete Isaac den Satz.

»Ich habe mich an den Plan in ihrem Notizbuch gehalten. Aber

dann steckte ich plötzlich mittendrin, als jemand versucht hat, ihren

Chef zu erschießen.« Er vergrub den Kopf in seinen Händen. »Es ist

eine einzige Katastrophe.«

»Was meinst du damit – ihren Chef?«, fragte Hattie verwirrt.

»Monsieur Blaise«, sagte Leon. »Samira hatte gerade ein Praktikum

bei der Blaise Corporation angefangen. Sie will Ingenieurin werden –

Brücken bauen und sowas.«

»Das kann kein Zufall sein«, sagte Hattie mit verengtem Blick.

»Was?«

»Wir versuchen, herauszufinden, wer auf Mr. Blaise geschossen

hat«, erklärte Isaac. »Wir glauben, dass das alles mit dem Schatz

zusammenhängt – er war nämlich auch hinter ihm her!«

»Jemand hat auf ihn geschossen, und deine Schwester ist verschwunden«,

sagte Hattie. »Irgendwer will mit allen Mitteln verhindern,

dass der Schatz gefunden wird.«

»Samira muss etwas wirklich Wichtiges herausgefunden haben«,

sagte Isaac. Ȇber den Schatz. Und vielleicht ist es etwas, das auch

Mr. Blaise weiß.«

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»Seid ihr beide … Detektive oder sowas?«, fragte Leon und beobachtete

verblüfft, wie sie sich gegenseitig Ideen zuwarfen.

»Sowas in der Art«, erwiderte Hattie stolz.

»Mr. Blaise wird uns nicht verraten, was er weiß«, sagte Isaac. »Aber

wenn wir rausfinden, wo Samira steckt, kann sie uns vielleicht alles

erklären.«

»Du meinst, ihr wollt mir helfen, sie zu finden?« In Leons Augen

leuchtete Hoffnung auf.

»Natürlich«, sagte Hattie. Sie streckte ihm eine Hand entgegen,

und Leon schüttelte sie zögerlich.

»Wir müssen alles wissen, was Samira über den Schatz herausbekommen

hat«, sagte Isaac. »Und den Brief – hast du ihn?«

»Ja.« Leon schaute sich auf der Brücke um. »Aber nicht hier. Es gibt

da einen Ort, an den Samira immer gegangen ist.« Er hob seinen Rucksack

auf. »Sie hat einen Freund, der ihr mit den Karten und all diesen

Sachen geholfen hat. Bevor Samira verschwunden ist, meinte sie, er

würde nach mir sehen. Ich dachte, er könnte mir wegen des Briefes

helfen. Aber ich war heute Morgen dort und …« Er schüttelte den

Kopf.

»Was?«, fragte Isaac.

»Auch er wurde überfallen.«

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Über den Autor

Sam Sedgman ist Bestsellerautor, überzeugter Nerd und begeisterter

Eisenbahn-Fan. Bevor er Kinderbücher schrieb, arbeitete er als Digital

Producer am National Theatre in London. Er schnüffelte also mit

Kamera und Mikrofon hinter der Bühne herum und ließ sich von Theatermachern

erklären, wie Geschichten entstehen. Sam ist ein echter

Fan von Rätseln, Spielen und Kriminalromanen. Mit Begeisterung

gründete er ein Unternehmen, das Abenteuerlustigen in London eine

Schnitzeljagd mit Krimi-Elementen anbietet. Seine Bücher wurden

bereits in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Wenn er nicht gerade

schreibt, bewundert er schöne Uhren, schaut Hitchcock-Filme oder

beschäftigt sich mit schrägen Fakten. Er lebt in London, direkt über

einem Bahnhof.

Der Übersetzer

André Mumot, geboren 1979 in Helmstedt, studierte Kulturwissenschaften

an der Universität Hildesheim. Als Übersetzer englischsprachiger

Romane und Sachbücher hat er die Werke namhafter Autoren

wie Neil Gaiman, Jo Nesbø, Nick Harkaway, Cornelia Funke und

Graham Moore für verschiedene Verlage wie Penguin, Hanser oder

Berlin Verlag ins Deutsche übertragen. Seine Übersetzung des Romans

»Wunder« von Raquel J. Palacio wurde 2014 mit dem Deutschen

Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

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