Die Welt der Inuit (Leseprobe)
Francesc Bailón Trueba Die Welt der Inuit – So leben die Frauen in der Arktis 48 Seiten, Hardcover, Euro (D) 24 | Euro (A) 24.70 | CHF 33 Eine Hommage an die Inuit-Frauen und ihre Lebensweise Die Inuit sind ein Volk, das gelernt hat, unter einigen der härtesten Lebensbedingungen der Erde zu überleben. Sie wohnen verstreut in der Arktis, von Sibirien bis Grönland, und haben vielfältige Lebensweisen entwickelt, die von der Landschaft, dem Klima und tiefem kulturellem Wissen geprägt sind. Weit entfernt von den Klischees von Schneehütten und eisiger Isolation ist die Kultur der Inuit reichhaltig, komplex und zutiefst menschlich. »Die Welt der Inuit« geht über romantisierte Mythen hinaus, um die wahre kulturelle Realität dieses Volkes zu enthüllen. Der Autor zeigt, wie sich die Gesellschaft der Inuit weiterentwickelt und dabei ihre Identität bewahrt hat – trotz tiefgreifender sozialer, ökologischer und politischer Veränderungen. ISBN 978-3-03876-393-2 (Midas Kinderbuch)
Francesc Bailón Trueba
Die Welt der Inuit – So leben die Frauen in der Arktis
48 Seiten, Hardcover, Euro (D) 24 | Euro (A) 24.70 | CHF 33
Eine Hommage an die Inuit-Frauen und ihre Lebensweise
Die Inuit sind ein Volk, das gelernt hat, unter einigen der härtesten Lebensbedingungen der Erde zu überleben. Sie wohnen verstreut in der Arktis, von Sibirien bis Grönland, und haben vielfältige Lebensweisen entwickelt, die von der Landschaft, dem Klima und tiefem kulturellem Wissen geprägt sind.
Weit entfernt von den Klischees von Schneehütten und eisiger Isolation ist die Kultur der Inuit reichhaltig, komplex und zutiefst menschlich. »Die Welt der Inuit« geht über romantisierte Mythen hinaus, um die wahre kulturelle Realität dieses Volkes zu enthüllen. Der Autor zeigt, wie sich die Gesellschaft der Inuit weiterentwickelt und dabei ihre Identität bewahrt hat – trotz tiefgreifender sozialer, ökologischer und politischer Veränderungen.
ISBN 978-3-03876-393-2 (Midas Kinderbuch)
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Francesc Bailón Trueba
Cristina Franco Roda
DIE WELT DER
INUIT
So leben die Frauen
in der Arktis
MIDAS
Für Amèlia, deren Lächeln mir stets den Weg erhellt, und für Tuya, für ihre bedingungslose Liebe während der Entstehung dieses
Buches. Als Hommage an die Inuit-Frauen und ihr Volk, deren Freundschaft diesem Werk Kraft und Leidenschaft verliehen hat.
Qujanarssuaq!
FRANCESC
An die mutigen und freien Frauen, die die Welt verändern. An diejenigen, die mich auf dieser künstlerischen
Reise begleiten. Danke, dass ihr an mich glaubt, dass ihr mir in dunklen Momenten Licht und Halt gebt.
CRISTINA
HINWEIS DES AUTORS
Da die Sprache der Inuit verschiedene Dialekte umfasst, von denen sich einige stark voneinander
unterscheiden, haben wir in diesem Werk je nach Kontext bewusst unterschiedliche Begriffe
verwendet, um dem sprachlichen Reichtum dieses Volkes Rechnung zu tragen.
1. Auflage
ISBN 978-3-03876-393-2
© 2026 Midas Verlag AG
Übersetzung:
Claudia Koch, Ilmenau
Lektorat:
Kathrin Lichtenberg, Ilmenau
Korrektorat:
Elke Franz, Selbitz
Satz:
Ulrich Borstelmann, Dortmund
Projektleitung:
Gregory C. Zäch, Zürich
Illustrationen:
© 2026 Cristina Franco Roda
Originaltexte:
© 2026 Francesc Bailón Trueba
Spanische Originalausgabe: »MUJERES INUIT«
© 2026 Mosquito Books, Barcelona
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie unter www.dnb.de.
Alle Rechte für die deutschsprachige Ausgabe vorbehalten.
Die Verwendung der Texte und Bilder ist ohne schriftliche
Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar.
Midas Verlag AG, Dunantstrasse 3, CH 8044 Zürich
Webseite: www.midas.ch, E-Mail: kontakt@midas.ch
Midas Büro Berlin, Mommsenstraße 43, D 10629 Berlin
E-Mail: berlin@midasverlag.com (GPSR)
Francesc Bailón Trueba
Cristina Franco Roda
DIE WELT DER
INUIT
So leben die Frauen
in der Arktis
MIDAS
DARUM GEHT ES IN DIESEM BUCH
EINFÜHRUNG
8
14
ETWAS GESCHICHTE …
12
NATUR DER ARKTIS
10
WO?
16
INUIT-FRAUEN UND IHRE
TRADITIONELLEN SYMBOLE
18
TRADITIONELLE KLEIDUNG
UND SCHMUCK DER INUIT-FRAUEN
24
DIE TRADITIONELLE
KÜCHE
22
DIE ROLLE
DER INUIT-FRAU
TRADITIONELLE
WOHNUNGEN
20
DER MISSBRAUCH
UNSERES PLANETEN
42
44
ARNAT: IM NAMEN DES
VOLKES DER INUIT
40
DIE INUIT HEUTE UND
DIE NEUE ROLLE DER FRAU
36
KUNST UND TATTOOS
38
INUIT-FRAUEN: ENTDECKERINNEN
UND ABENTEURERINNEN
TRANSPORTMITTEL
26
34
SPRACHE, KLAGELIEDER
UND MUSIK
32
GEISTER UND LEGENDEN
30
DIE TRADITIONELLE
RELIGION
28
DER LEBENSZYKLUS
DER INUIT-FRAUEN
EINFÜHRUNG
Die Inuit, fälschlicherweise oft als »Eskimos« bezeichnet, sind ein Volk in den arktischen
Regionen, das es geschafft hat, unter einigen der extremsten Lebensbedingungen der Erde
zu überleben. Vielleicht ist gerade deshalb so ein romantisches und idealisiertes Bild von
Menschen entstanden, die Schneehütten bauen, Robben jagen, um sie roh zu verzehren,
und ein hartes und schwieriges Leben führen. Diese Realität trifft jedoch nur auf 5 % dieser
indigenen Volksgruppe zu, die im 19. Jahrhundert in der Arktis lebte. Darum möchte dieses
Buch die kulturelle Realität dieses Volkes vorstellen, damit du es besser kennenlernen
kannst.
Außerdem geben wir in diesem Buch einen historischen Überblick von der Vergangenheit
bis zur Gegenwart, um zu zeigen, wie sich die Kultur der Inuit entwickelt hat. Ganz ohne
Zweifel gehören sie zu den Völkern, denen es trotz tiefgreifender Veränderungen gelungen
ist, einen Teil ihrer ältesten Bräuche zu bewahren und ihre kulturelle Identität nicht zu
verlieren.
Inuit-Männer pflegen im Wesentlichen weiterhin ihre traditionelle, auf Jagd und Fischfang
basierende Wirtschaft, auch wenn sie diese heutzutage mit Aktivitäten einer modernen
Gesellschaft verbinden. Diejenigen, deren Tätigkeiten und Rolle sich jedoch wirklich
verändert haben, sind die Inuit-Frauen, die im Laufe der Jahre miterlebt haben, wie sich ihr
Leben tiefgreifend gewandelt hat. Deshalb stehen in diesem Buch die Arnat im Mittelpunkt
der Geschichte – Frauen, die dafür kämpfen, die Bräuche und Traditionen ihres Volkes zu
bewahren und in einer zunehmend entmenschlichten Welt respektiert und anerkannt zu
werden.
Wie die Inuit selbst sagen, gehen Bräuche und Traditionen verloren, wenn sie in Vergessenheit
geraten. Dieses Buch will einem Volk Tribut zollen, das um die Bewahrung seiner Identität
ringt – nicht zuletzt dank der Frauen –, obwohl Klimawandel und Umweltverschmutzung
seine kulturelle Entwicklung und seine Hoffnungen für die Zukunft beeinträchtigen.
8
9
WO?
Der Name »Arktis« leitet sich vom griechischen Wort
»αρκτος« ab, was »Bär« bedeutet und sich auf die Sternbilder
Großer Bär und Kleiner Bär bezieht. Es handelt sich um ein
ausgedehntes Gebiet von 14.056.000 km² rund um den geografischen
Nordpol.
Die Inuit leben in diesen Polarregionen auf einem Gebiet, das
sich von Ost nach West über eine Länge von etwa 8.200 km
erstreckt. Sie verfügen über ein größeres geografisches Gebiet
als jedes andere indigene Volk der Welt, weisen jedoch
eine geringe Bevölkerungsdichte auf. Derzeit leben etwa
180.000 Inuit in den arktischen Regionen von Kalaallit Nunaat
(Grönland), Kanada, Alaska und Russland (Tschuktschen-Halbinsel).
In diesem Gebiet leben sie auch mit anderen ethnischen
Gruppen und dem »weißen Mann« zusammen.
Früher gab es 21 verschiedene Inuit-Gruppen (heute sind es
nur noch 19), von denen jede ihre eigenen Merkmale sowie
eigene Bräuche und Traditionen aufwies; all dies wurde von
drei grundlegenden Faktoren bestimmt: dem geografischen
Raum, in dem sie sich entwickelten, dem Zugang zu den in
ihren jeweiligen Gebieten vorhandenen Ressourcen und den
Umweltbedingungen, an die sie sich anpassen mussten.
Das Gebiet, in dem die Inuit leben, liegt nördlich der arktischen
Baumgrenze: einer imaginären Linie, die die Grenze
zur Arktis markiert. Südlich dieser Grenze wachsen Wälder,
nördlich davon gibt es den Permafrost, eine Bodenschicht, die
stets gefroren ist und das Wachstum von Bäumen verhindert.
Diese polaren Gebiete zeichnen sich durch unterschiedliche
Landschaften aus: Gletschergebiete, weite Tundraflächen und
Taiga-Gebiete. In der Arktis liegt die durchschnittliche Jahrestemperatur
bei 0 °C oder darunter, die Höchsttemperatur in
den wärmsten Sommermonaten beträgt 10 °C.
Nunatsiavut
INUIT NUNANGAT
(KANADA)
Nunavik
Nunavut
KALAALLIT
NUNAAT
(GRÖNLAND)
TUNDRA
ISLAND
PERMAFROST
ERDE
ATLANTISCHER
OZEAN
N O R W E G E N
10
ALASKA
PAZIFISCHER
OZEAN
Inuvialuit
Tschuktschen-
Halbinsel
ARKTISCHER
OZEAN
GEOGRAFISCHER
NORDPOL
A R K
L A R
P O
T I S C H E R
I S
K R E
Der Polarkreis liegt auf 66° 33' 52"
nördlicher Breite. Alle Orte, die
nördlich dieses Breitengrades liegen,
erleben mindestens einen Tag
im Jahr, an dem es immer Nacht
ist (Polarnacht) und einen Tag im
Jahr, an dem die Sonne nie untergeht
(Mitternachtssonne). Und
genau genommen leben mehr
Inuit südlich dieses Breitengrades
als nördlich davon.
SCHWEDEN
L A N D
R U S S
FINNLAND
Ethnische Verteilung der verschiedenen
Inuit-Gruppen in der Arktis
Baumgrenze in der Arktis, wo die Inuit leben
11
Rabe (Tulugaq)
Er ist ein Allesfresser und der größte Vertreter
seiner Gattung. In der Mythologie der Inuit spielt
er eine wichtige Rolle, denn der Legende nach
war er der Bringer des Lichts, als dieses Volk
noch in der Dunkelheit lebte.
Zwergweide
Rentier (Karibu, Tuttu)
Rentiere bzw. Karibus, wie
sie in Amerika heißen, sind
Pflanzenfresser, die in Herden
umherziehen und dabei jährlich
Tausende von Kilometern
zurücklegen können.
Zwergbirke
Moschusochse (Umimmaq)
Dieses sehr robuste und große Tier ist
der am nördlichsten lebende Pflanzenfresser
der Erde und eine der Arten, die
sich am besten an die Kälte der Arktis
angepasst hat.
Walross (Aaveq)
Dies ist das gefährlichste Tier
der Arktis. Es handelt sich um
ein großes, fleischfressendes
Meeressäugetier. Die erwachsenen
Tiere haben große Stoßzähne
und Schnurrhaare.
Bartrobbe (Ussuk)
Diese Art zeichnet sich durch sehr
lange Schnurrhaare aus. Sie haben
keine Ohren, dafür aber kleine
Gehöröffnungen.
12
Moltebeeren
NATUR DER ARKTIS
Wollgras
Moose und Flechten
Die arktische Tundra, in der die Inuit leben, ist eine Region mit widerstandsfähiger,
niedrig wachsender Vegetation, was im Wesentlichen auf
den gefrorenen Untergrund sowie auf lange, kalte Winter und kurze,
kühle Sommer zurückzuführen ist. Trotzdem finden wir hier zahlreiche
verschiedene Pflanzenarten wie Moltebeeren, Wollgräser oder verschiedene
Orchideenarten sowie Moose und Flechten. In den südlicheren
Gebieten gibt es kleine Sträucher wie Zwergbirken und Zwergweiden.
Die arktische Tierwelt ist sehr vielfältig und umfasst eine große Auswahl
an Vögeln sowie zahlreiche Meeres- und Landtiere.
Purpursteinbrech (Aupilaktunnguat)
Sie ist eine der drei Blumen, die im Wappen von
Nunavut abgebildet sind, und für die Inuit eine
der bedeutendsten und schönsten.
Eisbär (Nanoq)
Er ist der König der Arktis und das
symbolträchtigste und bedeutendste
Tier für die Inuit. Eisbären gehören
zu den größten und gefährlichsten
Raubtieren der Erde. Ihre Haare
sind durchscheinend und innen
hohl, und ihre Haut ist schwarz.
Herzblatt-Weidenröschen
(Niviarsiaq)
Die Nationalblume Grönlands
kommt fast überall auf der Insel
vor. Sie ist eine der schönsten
Blumen der Arktis.
Narwal (Qilalugaq qernertaq)
Bei dieser Walart weisen die Männchen einen
bis zu drei Meter langen Zahn an der Stirn auf.
Grönlandhai (Eqalussuaq)
Grönlandhaie können über 500 Jahre alt
werden und erreichen damit das höchste
Alter unter allen Wirbeltieren.
13
G R Ö N L A N D
PRÄHISTORIE KOLONIALZEIT (900–1950)
ETWAS GESCHICHTE …
Vor etwa 4.500 Jahren überquerten Paläo-Eskimo-Völker, die
ursprünglich aus der Region der Beringsee und aus Ostsibirien
stammten, in Lederbooten die Beringstraße und gelangten nach
Alaska. Dort begründeten sie mehrere Kulturen, die sich durch
den Gebrauch von Mikrolithen (kleinen Steinklingen) auszeichneten
und die ältesten Vorfahren der heutigen Inuit sind.
Einige dieser prähistorischen Völker zogen nach Kanada und
später nach Grönland weiter.
Im Jahr 985 n. Chr. waren Wikinger aus Island unter
der Führung von Eirik Thorvaldsson (Erik der Rote)
die ersten Europäer, die Inuit-Gebiete (Grönland)
besiedelten.
i r i e n
S i b
Halbinsel
Tschukotka
A L A S K A
Ab dem 16. Jahrhundert begannen europäische
Entdecker, nach der Nordwestpassage zu suchen,
einem Seeweg, der den europäischen Kontinent
über die nordamerikanische Arktis mit Asien
verbinden sollte. Und genau zu dieser Zeit kam
es zu den ersten Kontakten mit den Inuit.
Beringstraße
Kanada
Nordwestpassage
Vor etwa 1000 Jahren entstand in Alaska die
sogenannte Thule-Kultur, die sich später in den
arktischen Regionen Kanadas und Grönlands
weiterentwickelte. Die Thule gelten als die
jüngsten Vorfahren der historischen Inuit.
Dann kamen europäische Walfänger,
Missionare und Händler
mit ungekannten Krankheiten,
von denen die Inuit-Bevölkerung
betroffen war, deren Zahl daraufhin
in alarmierender Weise zurückging.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren bereits
alle Inuit-Gruppen mit dem »Weißen
Mann« in Kontakt gekommen und standen
unter seiner Kolonialherrschaft.
14
MODERNE (1950–1977) ZEIT DER FORDERUNGEN (1977–2025)
Die Inuit erkannten, dass sie kämpfen mussten,
um ihre kulturelle Identität nicht zu verlieren.
Sie begannen, sich zu organisieren, um ihre
Traditionen wiederzubeleben und selbst
über ihre Zukunft zu entscheiden.
Ab der Mitte des letzten Jahrhunderts waren die Inuit
gezwungen, in die Städte zu ziehen und ihre Bräuche
und Traditionen aufzugeben, wodurch sie einen Teil
ihrer kulturellen Identität verloren.
1977 wurde die Inuit Circumpolar Conference (ICC) gegründet,
eine Nichtregierungsorganisation, die die Rechte
und Interessen der Inuit vertritt, verteidigt und fördert.
Auf ihrer ersten Versammlung beschlossen sie, die Verwendung
des Begriffs »Eskimo« zu verbieten und nur
noch das Wort »Inuit« zu akzeptieren, das »Menschen«
bedeutet und dessen Singular »Inuk« lautet.
Die Inuit begannen, sich politisch zu organisieren, indem
sie neue Regierungsformen schufen wie beispielsweise
in Kalaallit Nunaat (Grönland), das 1979 zum ersten
autonomen Inuit-Gebiet wurde und derzeit auf dem Weg
ist, sich von Dänemark unabhängig zu machen.
Die moderne Welt mit ihren neuen Technologien hielt
Einzug in die Häuser und das Leben der Inuit. Und obwohl
sie in den verschiedenen Ländern, in denen sie lebten, als
vollwertige Bürger integriert wurden, behandelte man sie
weiterhin so, als lebten sie in einer Kolonie.
Anschließend wurden in Kanada die Territorien Nunavut
(1999) – das zur ersten autonomen Inuit-Region des
Landes wurde – und Nunatsiavut (2006) gegründet, das
heute über eine Selbstverwaltung verfügt.
15
INUIT-FRAUEN UND IHRE
TRADITIONELLEN SYMBOLE
150 m
Inuit-Frauen (arnat, Einzahl:
arnaq) zeichnen sich körperlich
durch eine kräftige Statur aus;
sie sind nicht besonders groß
und eher stämmig gebaut.
Sie haben mandelförmige Augen
mit dichten Wimpern, die ihre
Augen vor der Reflexion des
Sonnenlichts auf dem Schnee
schützen. Meist haben sie eine
dunkle Hautfarbe und langes,
glattes Haar.
Was ihren Charakter
betrifft, so gelten die
Inuit-Frauen als fröhlich,
ehrlich, gastfreundlich
und sehr fleißig.
16
TRADITIONELLE SYMBOLE
Die Inuit-Frauen besaßen traditionell drei Gegenstände, die ihre wichtigsten und
bedeutungsvollsten traditionellen Symbole darstellten und zudem ihr persönliches
Eigentum waren: ihr Messer, die Öllampe und ihre Kleidung. Wenn eine Frau starb,
wurde sie mit diesen drei Gegenständen beigesetzt.
Ulu
Das traditionelle Messer der Inuit-
Frauen, das sogenannte Ulu (im
Plural Ulut oder Uluit), stammt
ursprünglich aus der Thule-Kultur.
Es ist fächerförmig oder dreieckig.
Sein Griff besteht aus Karibu- oder
Moschusochsenhorn, Walrosselfenbein
oder Treibholz. Für die
Klinge wurde meist Schiefer oder
Elfenbein verwendet, obwohl
einige Inuit-Gruppen auch Kupfer
oder Meteoriteneisen nutzten.
Heutzutage besteht die Klinge aus
Stahl, der Griff ist meist aus Karibuhorn
gefertigt. Jede Inuit-Gruppe
hatte ihr eigenes, unverwechselbares
Design. Dieses Messer wird
zum Beispiel zum Schneiden und
Säubern von Tierhäuten und zum
Zerlegen von Fleisch verwendet –
und um den Kindern die Haare zu
schneiden.
Qulliq
Die traditionelle Lampe der Inuit-Frauen wird »Qulliq« oder
»Qulleq« genannt. Sie wurde normalerweise aus Speckstein
gefertigt, einem sehr weichen, metamorphen Gestein, das
sich wie Seife anfühlt, oder aus dem Schlüsselbein eines
Walrosses. Sie hat die Form eines Halbmondes.
Als Brennstoff diente üblicherweise Wal-,
Robben- oder Walrossfett. Man legte
einen Docht aus Moos mit Weidenzweigen
oder Wollgras hinein, den man durch
das Schlagen eines Pyritsteins gegen
einen Feuerstein entzündete.
Diese Öllampe durfte keinen Rauch entwickeln, den
man hätte einatmen können – das wäre tödlich!
Die Qulliq diente zum Kochen, zur Beleuchtung und zum Heizen des Hauses sowie zum
Trocknen von Tierfellen. Deshalb musste sie ständig von den Inuit-Frauen bewacht werden,
die bereits von Kindheit an lernten, damit umzugehen. Wenn ein Paar heiratete, war genau
diese Lampe eines der Geschenke des Bräutigams an seine zukünftige Frau; sie bildete den
Grundstein für die gesamte traditionelle Inuit-Kultur.
17
TRADITIONELLE KLEIDUNG
UND SCHMUCK DER INUIT-FRAUEN
Kleider und persönlicher Schmuck
waren für die Inuit-Frauen
schon immer sehr wichtig. Aus
diesem Grund bemühten sie sich
stets um originelle Designs.
Die Inuit haben die Sonnenbrille (ilgaak) erfunden,
um sich vor der Sonne und deren Reflexion im
Schnee zu schützen; sie wurde von der ganzen Familie
getragen. Sie bestand aus Knochen, Elfenbein
oder Holz und wies je nach Modell der verschiedenen
Inuit-Gruppen nur einen oder zwei Schlitze auf.
Der traditionelle Parka der Inuit-Frauen
wird »Amauti« genannt und ist sowohl
in der Vergangenheit als auch in der
Gegenwart ein sehr wichtiges Symbol
der kulturellen Identität. Stil und
Verzierungen dieses Kleidungsstücks
variieren je nach Region.
Die Kamiit oder Mukluks waren die traditionellen Stiefel der Inuit,
die hauptsächlich aus Robben- oder Karibufell gefertigt waren und
mit Fell von Polarhasen oder Hunden gefüttert wurden. Für eine
noch bessere Isolierung der Füße auf dem kalten Boden sorgte eine
zusätzliche Einlage aus Kräutern.
Die Fäustlinge (Pualuit)
wurden früher aus
Robbenfell hergestellt.
Für Hosen (qarliik), Unterhosen
(aliqsiik) und Felljacken
(annoraaq) verwendeten die
Inuit im Winter hauptsächlich
Karibu-, Eisbären- und
Hundefelle und im Sommer
wegen ihrer Wasserfestigkeit
Robbenfelle. Außerdem
nutzten sie Haut von Vögeln,
Hasen, Wölfen und Polarfüchsen
sowie von Walrossen und
Moschusochsen.
18
Auch die Inuit-Frauen schmückten sich mit
Ohrringen und Halsketten, außerdem war
es üblich, heilige Amulette zu tragen. Als
Materialien für diesen Schmuck dienten in
den meisten Fällen Tierknochen und Perlen.
Der Amauti steht für die Herkunft und gibt zudem Aufschluss über das Alter und den sozialen Status der Frau. Er
wurde so konzipiert, dass Mütter ihre Babys in ihrem eigenen Parka tragen konnten, um sie zu wärmen und vor
Kälte und Wind zu schützen. Früher stellte man ihn aus Robben- oder Karibufell her, heute wird er jedoch auch
aus Baumwolle, Polyester oder Filz gefertigt. Der Parka für Mädchen hatte in der Regel keine Rückentasche;
wenn doch, diente sie dazu, Hundewelpen, Puppen, Steine oder andere Gegenstände zu transportieren.
19
DIE ROLLE DER INUIT-FRAU
Inuit-Männer und -Frauen hatten unterschiedliche, sich ergänzende Aufgaben, bei denen es
darauf ankam, effizient, geschickt und schnell zu sein, um das Überleben der Familie zu sichern.
Die Tätigkeiten der Inuit-Männer konzentrierten sich im Wesentlichen auf die
Jagd und den Fischfang. Außerdem stellten sie die Werkzeuge her, die
für die täglichen Aufgaben im Haushalt benötigt wurden.
Gemeinsam mit den Frauen bauten sie die Winterund
Frühlingsbehausungen, waren für die
Vorbereitung und das Lenken
der Schlitten zuständig und
versorgten zudem ihre
Hunde mit Futter.
Die Arbeit der Frauen bestand
hauptsächlich darin, Lebensmittel
zuzubereiten, zu konservieren
und zu kochen, Tierhäute zu
gerben und Kleidung herzustellen.
Außerdem kümmerten sie sich
um die Erziehung der Kinder,
zerlegten die Jagdbeute und
kümmerten sich um den Haushalt.
22
Manchmal halfen sie den Männern
bei der Jagd und beim Fischen,
und in den Sommermonaten
sammelten sie essbare Beeren
und andere Wildpflanzen
sowie Vogeleier, Muscheln
und Seetang an der Küste.
»Ein Mann ist immer
der Jäger, den die Frau aus
ihm macht«
Dieses Inuit-Sprichwort steht für eine der
wichtigsten Aufgaben der Frauen: das Gerben
von Fellen und die Herstellung von
Kleidung daraus. Die Jäger verbrachten
viel Zeit im Freien mit Jagen und Fischen,
weshalb die Frauen Kleidung anfertigen
mussten, die am besten gegen
die Kälte schützte.
Zuerst wurden die Felle
abgezogen und man entschied,
welche Häute sich am besten für
die Herstellung von Kleidung für
die verschiedenen Jahreszeiten
eignete. Dann saßen die Inuit-
Frauen stundenlang vor ihren
Häusern und kratzten das
Fett von den Tierfellen ab.
Manchmal wusch man die Felle
mit Menschenurin, da dies half,
das Fett und die anhaftenden
Fleischreste zu entfernen.
Anschließend wurden die Häute getrocknet
und gespannt, um schließlich
gegerbt zu werden. Dazu kauten
die Frauen sie langsam durch, was zu
einer starken Abnutzung ihrer Zähne
führte; wenn die Zähne unbrauchbar
waren und sie die Häute nicht mehr
gerben konnten, galten sie als alte
Frauen.
Genäht wurde die Kleidung mit einer
Nadel aus Knochen oder Elfenbein
und mit einem Faden aus getrockneten
Sehnen, beispielsweise von
Narwalen oder Karibus. Der Fingerhut
bestand aus Bartrobbenfell. Die
Kleidungsstücke mussten sehr schön
und sorgfältig verarbeitet sein – damit
drückte man den erlegten Tieren
gegenüber seine Dankbarkeit aus.
23
DIE TRADITIONELLE KÜCHE
Die Inuit leben in vollkommener Anpassung an die Natur und müssen sich extremen Bedingungen stellen. Ihr Lebenszyklus
wechselt zwischen Zeiten des Überflusses und Zeiten der Nahrungsknappheit. Zudem hat jede Inuit-Gruppe ihre eigene Ernährung,
da die Ressourcen je nach Region, in der sie lebt, unterschiedlich sein können und nicht immer das ganze Jahr über verfügbar sind.
Grundsätzlich basiert die Ernährung der Inuit auf der Jagd und dem Fischfang sowie dem Verzehr bestimmter pflanzlicher Nahrung.
Vögel
Wale
Fisch
Gemüse
Muscheln
Karibus
Robben
Algen
Die Nahrung der Inuit umfasst mehr als einhundert Tierarten, darunter
Weichtiere, und eine große Vielfalt an Pflanzen sowie Meeresalgen. Früher
hatten die Inuit keinen Zugang zu Obst oder Gemüse, heute dagegen stehen
ihnen diese Lebensmittel, die aus anderen Teilen der Welt stammen, ebenso
zur Verfügung. Um den damaligen Mangel an Nährstoffen auszugleichen,
verzehrten sie Muktuk oder Mattak (Walhaut und daran haftendes Fett) sowie
Robbenleber. Beides wurde roh gegessen. Diese Art der Ernährung liefert die
für den menschlichen Körper notwendigen Vitamine und Mineralstoffe.
24
Der Mann war dafür zuständig, Tiere für den Eigenbedarf zu fangen
und zu jagen, darunter Wale, Moschusochsen, Robben, Hasen, Vögel
und Polarfüchse, Walrosse, Eisbären, Lachse oder Saiblinge.
In der Regel waren es die Inuit-Frauen, die Pflanzen für
den Verzehr sammelten: eine große Vielfalt an wilden
Beeren, mancherorts außerdem die Rinde der Arktischen
Weide sowie Sauerampferblätter.
Zudem waren die Frauen dafür zuständig, die
Lebensmittel für den Verzehr auszuwählen
und solche auszusortieren, die giftig sein
könnten, wie beispielsweise die Leber eines
Eisbären. Außerdem beschafften sie Trinkwasser,
indem sie Eis schmolzen oder es aus
Flüssen und Seen schöpften.
Die Frau übernahm das Zerlegen der Tiere
und die Zubereitung der Speisen, die roh,
gekocht, geräuchert oder gefroren verzehrt
wurden. Sie konservierten Lebensmittel
durch verschiedene Verfahren wie das
Trocknen in der Sonne, das Räuchern über
dem Feuer oder das Eingraben im Dauerfrostboden.
Bestimmte Lebensmittel ließen
sich auch durch Verwesungsprozesse konservieren
wie beispielsweise Kiviaq, bei dem
Vögel in Robbenhaut und -fett eingewickelt
wurden und monatelang fermentierten.
25
Eine Reise in den hohen Norden
Die Inuit leben unter extremen Bedingungen in
den arktischen Regionen der Erde.
Wohnen sie wirklich in Iglus aus Eis? Leben sie auch heute
noch ausschließlich von der Robbenjagd? Und was
bedeuten die Tätowierungen in ihren Gesichtern?
Lerne die Inuit näher kennen und finde heraus, wie
sie sich an die heutige Welt anpassen, ihr Recht auf
Respekt und Anerkennung einfordern, während
sie um ihre Bräuche und Traditionen kämpfen.
Francesc Bailón Trueba ist Dozent und
Polarforscher und gilt weltweit als einer
der renommiertesten Kenner der Inuit-
Kultur. Auf seinen zahlreichen
Reisen zu den Menschen in
der Arktis wird er wie ein
Familienmitglied
empfangen.
ISBN 978-3-03876-393-2
www.midas.ch
€ 24.00 | € 24.70