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ORNITHOLOGISCHE
MITTEILUNGEN
Monatsschrift für Vogelbeobachtung, Feldornithologie und Avifaunistik
Ornithologische
Mitteilungen
Jahrgang 76 • Nr. 5/6 • 2025
Ornithologische
Mitteilungen
ORNITHOLOGISCHE
MITTEILUNGEN
Monatsschrift für Vogelbeobachtung, Feldornithologie und Avifaunistik
1948 begründet und bis 1997 herausgegeben von Prof. Dr. Herbert Bruns,
bis 2011 fortgeführt von Dr. Walther Thiede.
Herausgeber
Dr.-Walther-Thiede-Stiftung
Schriftleitung
Ubbo Mammen, Buchenweg 14,
D-06132 Halle (Saale),
Tel. 0345/6869884,
E-Mail: ubbo.mammen@ornithologischemitteilungen.de
Herbert Grimm, Nordstr. 17,
D-06567 Bad Frankenhausen
Internet
www.ornithologische-mitteilungen.de
Redaktionsbeirat
David Conlin (Berlin), Dr. Bernd Nicolai
(Halberstadt)
Erscheinungsweise
12 Nummern im Kalenderjahr
Bezug
Jahresabonnement 12 Nummern,
Bezugspreis im Inland 50,00 €,
zzgl. Versand kosten.
Abonnentenverwaltung
Bestellungen usw. bei der Schriftleitung
Abbestellungen
Bis spätestens 1. November bei der
Schriftleitung, sonst erfolgt Verlängerung
des Abonnements um einen weiteren
Jahrgang.
Manuskripte
Manuskripte sind an die Schriftleitung zu
richten.
Inhalt
Der Inhalt der Beiträge spiegelt nicht
zwangs läufig die Auffassung des
Herausgebers oder der Schriftleitung wider.
Für den Inhalt der Beiträge sind die Autoren
verantwortlich.
Satz
Susanne Blomenkamp, Mainz
Druck
Strube Druck & Medien OHG, Felsberg
ISSN 0030-5723
Titelfoto:
Nilgans Alopochen aegyptiaca, Wiesbaden, Hessen, 17.03.2023.
Foto: O. Weirich
Ornithologische
Mitteilungen
Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 76 • 2025 • Nr. 5/6: 173
Vorwort
Die Bestandszahlen der Nilgans als invasives Neozoon
sind in den letzten Jahrzehnten besonders
in städtischen Lebensräumen rasant angestiegen.
Für die damit entstandenen Probleme, die sowohl
Verschmutzungen als auch die Konkurrenz mit
heimischen Arten betreffen, gibt es bislang kaum
Lösungen. Mit der Evaluierung von Maßnahmen
zu einem möglichen NilgansManagement in
Wiesbaden beschäftigt sich der erste Beitrag dieses
Doppelheftes. Oliver Weirich beschreibt darin
verschiedene Maßnahmen und die nachfolgenden
Reaktionen der Nilgänse. Er zeigt im Fall von
Wiesbaden, was erfolgreich sein kann, aber auch,
was sich als erfolglos erwies.
Der Stelzenläufer brütet in Deutschland zwar
jährlich, jedoch in sehr geringer Zahl. In unserem
zweiten Beitrag beschreibt Michael Kuhn anhand
von Tagesprotokollen und zahlreichen Fotos den
Brutverlauf eines Stelzenläuferpaares in NordrheinWestfalen,
wobei er auch auf die Gefiederentwicklung
und die Veränderungen des Federkleides
eingeht.
Die bisher bekannten Nachweise des Thorshühnchens
in Bulgarien stammen von der
Schwarzmeerküste. Georgi P. Stoyanov gelang
nun ein solcher Nachweis im Landesinneren, worüber
er in einem weiteren Beitrag berichtet.
Massenschlafplätze von mehreren Millionen
Bergfinken nach Buchenvollmast sind spektakuläre
Ereignisse und großartige Erlebnisse. Stefan
BoSch widmete sich dabei einem bislang wenig
beachteten Zusammenhang, nämlich dem Eintrag
von Nährstoffen und Samen. Er zeigt auch, wie
sich das Waldbild nach solchen Masseneinflügen
verändert.
In unserer 40. Folge zu Biografien osteuropäischer
Ornithologen schildert Jevgenij Schergalin
in einem Porträt das Leben und Wirken von Alexander
Alexandrowitsch KiSchtSchinSKij, einem
herausragenden sowjetischen Feldornithologen,
der 1980 im Alter von nur 43 Jahren verstarb.
Am 18. März 2024 verstarb Wolfgang Alexander
Bajohr. In einem Nachruf erinnert Josef H.
reichholf an diesen bekannten Naturfotografen.
In der Rubrik Schriftenschau stellen wir drei –
eigentlich sogar fünf – Bücher vor. Gern möchten
wir Ihre Aufmerksamkeit dabei auf die Rezension
von Gabriel hartmann über das dreibändige
Werk von Burkhard Stephan „Konstanz und
Wandel“ legen. Der Rezensent ist des Lobes voll
und bezeichnet die drei Bände als „das große
Meisterwerk“ Stephans.
Wir sind bestrebt, dass in unseren Beiträgen so
wenige Fehler wie möglich zu finden sind. In drei
Beiträgen aus dem Jahr 2024 haben sich jedoch
Fehler eingeschlichen, die wir Ihnen nicht vorenthalten
wollen, da sie fachlicher Natur sind. Auf
der letzten Seite des Heftes finden Sie deshalb die
Korrekturen.
Zum Schluss ein kleiner Ausblick: Wir bereiten
gerade zwei Tagungsbände vor. Zum einen handelt
es sich um den Band des 10. Symposiums Populationsökologie
von Greifvogel und Eulenarten in
Halberstadt (2022), zum anderen um den Band der
Tagung der Fachgruppe Spechte der Deutschen
Ornithologischen Gesellschaft in Bad Belzig (2024).
Wie immer freuen wir uns über Rückmeldungen
zu unseren Heften: Sagen Sie uns gern, was Ihnen
gefallen hat, aber auch, wenn Ihnen etwas nicht
gefällt.
Ubbo Mammen und Herbert Grimm
174 Ornithologische Mitteilungen 76 • 2025 • Nr. 5/6
Nilgänse Alopochen aegyptiaca, vor dem Hauptbahnhof Wiesbaden, Hessen, 14.09.2024.
Foto: O. Weirich
Nilgansgössel Alopochen aegyptiaca, Wiesbaden, Hessen, 03.04.2023.
Foto: O. Weirich
Ornithologische
Mitteilungen
Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 76 • 2025 • Nr. 5/6: 175 – 192
Evaluation des Managements der Nilgans Alopochen aegyptiaca
in Wiesbaden 2024
Oliver Weirich
Oliver Weirich, Wielandstraße 5, D-65187 Wiesbaden; E-Mail: oliver.weirich@gmx.net
1. Einleitung
1.1 Hintergrund
Ansammlungen der Nilgans Alopochen aegyptiaca
verursachen in Wiesbaden seit Jahren Beschwerden
über die Verschmutzung der Parkanlagen
und Sorgen um Infektionsrisiken für
Menschen sowie einen schädlichen Einfluss auf
die Stockente Anas platyrhynchos. Dieselben Probleme
treten in zahlreichen anderen europäischen
Städten auf (gyimeSi & lenSinK 2010,
röSler & Stiefel 2018, groom et al. 2020).
Auch im natürlichen Verbreitungsgebiet der Nilgans
in Afrika kommt es zu Konflikten mit zunehmenden
NilgansPopulationen in menschengemachten
Landschaften (little 2020). Wachsende
Populationen verschiedener einheimischer
und gebietsfremder Gänsearten in Nordamerika
und Europa profitieren von Städten. Durch kurz
gehaltene Rasenflächen an Gewässern, Fütterungen
und die Sicherheit vor Bejagung und
Beutegreifern erhöhen sich hier die Fortpflanzungs
und Überlebensraten (fox 2019). Die
steigenden Zahlen der Gänse sorgen für Konflikte
mit Menschen (fox 2019, groom et al.
2020, curtiS & BraBand 2022). Die Nilgans ist
als invasive Art von EUweiter Bedeutung eingestuft
(nehring & SKoWroneK 2017). Die
Areal ausweitung der Nilgans in Deutschland ist
die schnellste unter gebietsfremden Vogelarten
(Bauer & Woog 2008). Nachweise einer bestandswirksamen
Schädigung einheimischer
Arten wurden jedoch bisher nicht erbracht
(mazurSKa & Solarz o. J., Weirich et al. 2020,
Konter 2022).
1.2 Lösungsansätze und Diskussion in Wiesbaden
Eine anderthalbjährige Recherche zeigte, dass die
Fütterung von Wasservögeln in den Parkanlagen
für die Gesundheit der Tiere und ihre Lebensräume
problematisch und zu Recht verboten ist
(Weirich 2020, 2021a). Ein zweijähriges wöchentliches
NilgansMonitoring (Weirich et al. 2020,
2021) offenbarte, dass die Nilgans in den untersuchten
Parks im Hochsommer der häufigste
Wasservogel geworden ist. StockentenKüken
wurden aber nur selten getötet. Obwohl es zunächst
wider sprüchlich klingt, könnte das der hohen
NilgansDichte zu verdanken sein (siehe Kap.
3.9). Die erhebliche Verschmutzung der Parkanlagen
durch NilgansKot wurde bestätigt. Eine
besondere Infektionsgefahr für Menschen durch
NilgansKot auf Liegewiesen ist aber unwahrscheinlich
(Weirich et al. 2020). Die hohe NilgansAnzahl
in den Wiesbadener Parks wird zu
einem erheblichen Teil durch einen regional bedeutenden
Mauserplatz am Warmen Damm verursacht.
Zur Verlegung dieses Mauserplatzes wurde
die Errichtung einer Barriere zwischen Teich
und Rasen empfohlen, die für die flugunfähigen
mausernden Vögel unüberwindlich ist (Weirich
et al. 2020). Einer dauerhaften Barriere standen
allerdings Belange des Denkmalschutzes entgegen
(Martin horSten, 15.04.2021, briefl. Mitt.). Die
Idee einer temporären Barriere zur Mauserzeit
wurde vom Autor wegen der fehlenden Ästhetik
und der Anfälligkeit für Vandalismus verworfen
(Weirich et al. 2021). Der Autor sah ohne dauerhafte
Barriere am Mauser platz nur noch eine
176 Ornithologische Mitteilungen • 2025 • Nr. 5/6
letale Vergrämung (siehe Kap. 3.8.4) als Möglichkeit,
die Zahl der Nilgänse erheblich zu reduzieren
(horSmann 2023). Der Arbeitskreis Wiesbaden/
RheingauTaunusKreis der Hessischen Gesellschaft
für Ornithologie und Naturschutz (HGON
AK) schloss sich dieser Einschätzung in einer
Stellungnahme für den Naturschutzbeirat Wiesbaden
(NSB) an. Eine letale Vergrämung von Nilgänsen
wurde vom Umweltdezernat Wiesbaden
kategorisch abgelehnt und stattdessen eine temporäre
Barriere am Warmen Damm angekündigt
(horSmann 2023). Der NSB (horSmann 2023)
und der HGONAK warnten vor der mangelnden
Robustheit einer temporären Barriere. Das Umweltdezernat
verzichtete auf eine Beteiligung des
Autors an den weiteren Planungen zur Nilgans.
1.3 Maßnahmen zum Nilgans-Management in
Wiesbaden
Die Stadt Wiesbaden hat Maßnahmen zum Management
der Nilgans ergriffen:
1. Im Jahr 2024 wurde ab der letzten Maiwoche
eine temporäre Barriere am Warmen Damm
errichtet, um zu testen, ob sich der Mauserplatz
so verlegen lässt und ob sich die Verschmutzungen
dieser Parkanlage so verringern lassen
(Thomas WilKerling, 04.04.2025, briefl. Mitt.).
2. Entsprechend einer bundesweiten Empfehlung
(LANA 2019) wurde seit 2019 die Vegetation im
Umfeld des Dietenmühlenweihers verändert,
um die Anzahl der Aufzuchtreviere für Nilgänse
zu reduzieren (Weirich et al. 2020, 2021).
3. Entsprechend einer bundesweiten Empfehlung
(LANA 2019) wurden Fütterungsverbotsschilder
aufgestellt. Diese führen über QR
Codes zu einer Webseite der Stadt über die
Auswirkungen der Fütterung und zu den entsprechenden
Publikationen des Autors.
Um die Auswirkungen der Maßnahmen zu
überprüfen, führte der Autor im Sommer 2024 in
Eigeninitiative und ehrenamtlich ein Monitoring
der Nilgänse in denselben Parkanlagen wie 2019
und 2020 durch. Darüber hinaus wurde die Entwicklung
2023 rekonstruiert. Die Ergebnisse aller
Jahre werden im Folgenden verglichen, Aussagen
zur Wirksamkeit der Maßnahmen abgeleitet und
Empfehlungen zum weiteren Vorgehen gegeben.
Mit Mitteilungen zitierte Personen werden in der
Danksagung kurz vorgestellt.
2. Material und Methoden
2.1 Vorgehensweise bei den Zählungen
Die Parkanlagen wurden zwischen dem 14.07. und
dem 21.09.2024 in der Reihenfolge Reisinger
Anlage, HerbertAnlage, Warmer Damm, BowlingGreen,
Kurpark und Dietenmühlenweiher
wöchentlich begangen und die anwesenden Nilgänse
von bewährten Zählpunkten aus gezählt.
Wie 2019 und 2020 wurden alle Beobachtungen
öffentlich einsehbar bei ornitho.de gemeldet. Um
Verfälschungen der Ergebnisse durch Ortswechsel
der Nilgänse zu verhindern, wurden die Begehungen
zügig mit dem Fahrrad durchgeführt und
ein Fernglas verwendet. Die Zählung konnte so
in etwa einer Stunde abgeschlossen werden. Die
Zählungen wurden morgens und fast ausschließlich
am Wochenende durchgeführt. Zu anderen
Zeiten traten in den Jahren 2019 und 2020 zu oft
Störungen der Zählung durch laute Arbeiten, ordnungswidrig
fütternde Passanten oder freilaufende
Hunde auf.
2.2 Vergleich der Nilgans-Anzahlen 2019,
2020 und 2024
In der 28. Kalenderwoche des Jahres 2019 fiel die
Zählung aus. Für den Vergleich der Jahre 2019,
2020 und 2024 zwischen der 28. und 38. Kalenderwoche
wurde für die 28. Kalenderwoche 2019 der
Mittelwert der beiden angrenzenden Wochen
verwendet. Für den statistischen Vergleich der
Mittelwerte der Nilganszahlen am Warmen
Damm 2019 und 2020, 2019 und 2024 und 2020
und 2024 wurde der tTest für gepaarte Stichproben
durchgeführt. Die Daten waren intervallskaliert,
die verschiedenen Messwertpaare konnten
als voneinander unabhängig angesehen werden
und die Unterschiede zwischen den verbundenen
Testwerten 2019 und 2020 (ShapiroWilk
Test: p = 0,28), 2019 und 2024 (ShapiroWilkTest:
p = 0,47) und 2020 und 2024 (ShapiroWilkTest:
p = 0,08) konnten als normalverteilt angesehen
werden. Alle Tests wurden mit der Software GNU
PSPP version 2.0.0g5b54d1 (2023) durchgeführt.
2.3 Rekonstruktion des Wechsels des
Mauserplatzes der Nilgänse 2023
Bei einzelnen Begehungen des Autors im Jahr 2023
fiel auf, dass die Nilgänse bereits damals ihren
Mauserplatz vom Warmen Damm in den Kurpark
O. Weirich: Evaluation des Nilgans-Managements in Wiesbaden 2024 177
Abb. 1: Ein Teil der Mausergesellschaft
am Südufer
des Kurparkweihers am
02.07.2023. – Part of the
moulting community on the
south bank of the Kurpark
pond on 02.07.2023.
Alle Fotos: O. Weirich
verlegt haben. Mit Hilfe von Daten aus einer unveröffentlichten
Seminararbeit der Hochschule
Geisenheim, ornithoMeldungen des Autors und
den Kenntnissen einer WasservogelBeobachterin
wurde die Entwicklung rekonstruiert.
3. Ergebnisse und Diskussion
3.1 Ausgangssituation: Wechsel des
Mauserplatzes der Nilgänse im Jahr 2023
Der Warme Damm war seit 2013 der wichtigste
Mauserplatz der Nilgänse in der Umgebung von
Wiesbaden (Weirich et al. 2020). Die Nilgänse
haben jedoch im Jahr 2023 ihren Mauserplatz in
den Kurpark verlegt. Dieser Sachverhalt war dem
Grünflächenamt Wiesbaden nicht bekannt (Thomas
WilKerling, 05.04.2025, briefl. Mitt.). Der
Beginn der Mauserzeit in Wiesbaden wurde 2018
(Witiko heuSer) und 2019 (Oliver Weirich) Ende
Mai, 2020 aber erst Ende Juni (Oliver Weirich)
festgestellt (ornithoMeldungen). Zwei Begehungen
des Autors und fünf Begehungen der
Hochschule Geisenheim im Rahmen einer unveröffentlichten
Seminararbeit belegen, dass die Anzahl
der Nilgänse am Warmen Damm von Anfang
Mai bis Ende Juni 2023 von 68 auf 18 absank
(Tab. 1). Am Kurparkweiher wurde hingegen am
02.07.2023 ein Trupp von 60 Nilgänsen angetroffen,
die zwischen einem Ruheplatz auf einem winzigen,
völlig abgefressenen und vertrockneten
Tab. 1: Nilgans-Anzahlen am Warmen Damm zu Beginn der Mauserzeit 2023. Die Zahlen belegen, dass die
Nilgänse ihren Mauserplatz schon ein Jahr vor der Errichtung der Barriere vom Warmen Damm wegverlegt
haben. – Number of Egyptian Geese at Warmer Damm at the beginning of the moulting season in 2023. The figures
show that the Egyptian Geese had already moved their moulting site away from Warmer Damm a year before the
barrier was erected.
Datum Anzahl Nilgänse erfassende Personen
04.05.2023 68 Oliver Weirich
17.05.2023 63 Mareike Buder, Nora Beelitz, Lisa-Terese hupperich, Peter rosner
30.05.2023 36 Peter rosner
06.06.2023 27 Nora Beelitz, Peter rosner
21.06.2023 32 Lisa-Terese hupperich
28.06.2023 18 Lisa-Terese hupperich
02.07.2023 18 Oliver Weirich
178 Ornithologische Mitteilungen • 2025 • Nr. 5/6
Abb. 2: Aufzuchtrevier der Familie
KP1 2019 am Ost ufer des Kurparkweihers.
Der Ganter wacht
am Weges rand (links des linken
Laternenpfahls), Gans und vier
Gössel stehen fluchtbereit an der
Uferkante. – Breeding territory of
the KP1 family in 2019 on the eastern
shore of the Kurpark pond. The
gander stands guard at the edge
of the path (to the left of the left
lamppost), while the goose and
four goslings stand ready to flee at
the water’s edge.
Abb. 3: Ein Teil der Mausergesellschaft
am Ostufer des Kurparkweihers
am 14.07.2024. – Part of
the moulting community on the
eastern bank of the Kurpark pond
on 14.07.2024.
Abb. 4: Detailansicht des Mauserplatzes
am 14.07.2024: Nilgänse
ohne Handschwingen, die wiederum
verstreut auf dem Boden
liegen. – Detailed view of the
moulting site on 14.07.2024: Egyptian
Geese with out primary feathers,
which lie scattered about on
the ground.
O. Weirich: Evaluation des Nilgans-Managements in Wiesbaden 2024 179
Rasenstück im Hang des Südufers (Abb. 1) und
einer ergiebigeren Weide südlich des Weges pendelten.
Dieser Trupp bestand weit überwiegend
aus mausernden Nilgänsen.
Das Territorialverhalten Junge führender Nilgänse
hat einen starken Einfluss auf die Verteilung
der Nilgänse auf die Parkanlagen (Weirich et al.
2021). Der Grund für den Wechsel des langjährigen
Mauserplatzes war offensichtlich eine 2023
erstmalig aufgetretene Besonderheit im Territorialverhalten
der Nilgänse: Das Ostufer des Kurparkweihers
verfügt über eine abschüssige Rasenfläche
mit langgezogenem Ufer, die kaum von störenden
Menschen und Hunden betreten wird. Es ist deshalb
sowohl ein ideales Aufzuchtrevier für eine
NilgansFamilie als auch eine ideale Fläche für
mausernde Nilgänse (Abb. 2). Diese Fläche war zur
Mauserzeit regelmäßig von NilgansFamilien besetzt.
Im Mai 2023 ist es dem Mausertrupp erstmals
gelungen, die aktuelle territoriale Familie vom Ostufer
zu verdrängen. Erst Mitte Juni erschien eine
neue NilgansFamilie, die den Mausertrupp vom
Ostufer zum Südufer vertrieb (Marianne Krüger,
02.07.2023, mdl. Mitt.). Am 02.07.2023 wurde die
NilgansFamilie, die das Ostufer aufgegeben hat,
mit zwei Gösseln etwa in Lebenswoche 11 auf einer
Rasenfläche nördlich des Kurparkweihers festgestellt.
Die neue Familie mit acht Gösseln etwa in
Lebenswoche 3 hielt weiter das Ostufer besetzt.
Somit war eine der bedeutendsten offenen Fragen
nach dem NilgansMonitoring 2019/2020 schon
vor der Errichtung einer Barriere am Warmen
Damm beantwortet: Durch eine Barriere am
Warmen Damm würden die Nilgänse ihren Mauserplatz
leider nicht aus der Stadt hinaus, sondern
nur in den Kurpark verlagern, solange das Territorialverhalten
der dortigen NilgansFamilie(n)
es zulässt.
3.2 Mauserverhalten 2024: Kurpark erneut
Mauserplatz
Am 16.06.2024 war das Ostufer des Kurparkweihers
von einem Mausertrupp (32 Individuen)
besetzt. Vom 14.07. an wurde dieser Trupp bis
Mitte August dort festgestellt. Er umfasste bis zu
61 Individuen (14.07.), die weit überwiegend mauserten
(Abb. 3, 4). Der Trupp verhielt sich in seinem
Abhang unauffällig. Die Verschmutzung der
Wege und die Geruchsbelästigung war viel geringer
als 2019 und 2020 am Warmen Damm. Eine
Nilgans braucht etwa einen Monat für die Mauser
(Bauer et al. 2005). Mausernde Individuen wurden
vom Autor in Wiesbaden schon ab Mai und
bis in den Oktober beobachtet. Wenn zu einem
bestimmten Zeitpunkt z. B. 50 Individuen mausernd
angetroffen werden, haben während der
ganzen Mauserzeit eines Jahres deshalb weit mehr
Individuen am Mauserplatz gemausert. Offensichtlich
werden zudem flugfähige Nilgänse durch
die Anwesenheit eines Mausertrupps angezogen.
Nach dem Ende der Mauser fliegen die Nilgänse
alljährlich auf die Reisinger und HerbertAnlage.
Ein Mauserplatz hat deshalb eine große Bedeutung
für die Anzahl der Nilgänse im ganzen Untersuchungsgebiet
bis in den Oktober (Weirich et al.
2021).
3.3 Einschätzungen zur Barriere am Warmen
Damm 2024
3.3.1 Vorher-Nachher-Experiment „Barriere
am Warmen Damm“ ohne Beweiskraft
Die Errichtung der Barriere am Warmen Damm
stellt ein VorherNachherExperiment dar. Hätten
die Nilgänse bis 2023 am Warmen Damm gemausert
und nach der Errichtung der Barriere 2024 an
einem anderen Ort, wäre anzunehmen gewesen,
dass die Barriere wirksam war. Hätten die Nilgänse
bis 2023 am Warmen Damm gemausert und
2024 ebenfalls, wäre bewiesen gewesen, dass die
Barriere in der gewählten Ausführung wirkungslos
war. Der Mausertrupp hat sich jedoch bereits
2023 im Kurpark aufgehalten. Deshalb kann aus
dem Vergleich der NilgansAnzahlen der einzelnen
Parkanlagen 2019, 2020 und 2024 grundsätzlich
keine Aussage zur Wirksamkeit der Barriere
abgeleitet werden. Um die Wirksamkeit der Barriere
testen zu können, wäre es nach dem Wechsel
des Mauserplatzes 2023 zwingend notwendig gewesen,
2024 nicht nur am Warmen Damm, sondern
auch im Kurpark Barrieren zu errichten.
3.3.2 Fragwürdige Ausführung der Barriere
am Warmen Damm
Die Barriere am Warmen Damm 2024 verfügte
über je einen Durchlass für Nilgänse am Nordostufer
und am Südufer und eine breite Lücke am
Nordwestufer (Abb. 5).
Bis 2013 lag der Mauserplatz der Wiesbadener
Nilgänse auf dem Golfplatz Delkenheim (Weirich
et al. 2020). Dort war der Weg zwischen den als
180 Ornithologische Mitteilungen • 2025 • Nr. 5/6
Abb. 5: Breiter Durchlass
in der Barriere am Nordwestufer
des Teichs am
Warmen Damm. – A wide
opening in the barrier on
the north-western bank of
the pond at Warmer
Damm.
Weide dienenden Rasenflächen des Golfplatzes und
dem Rückzugsgewässer in der Delkenheimer Kiesgrube
durch einen Zaun versperrt. Den Nilgänsen
genügte ein etwa 30 cm breiter hochgebogener
Zaunabschnitt, um sich bei Gefahr in die Kiesgrube
zurückzuziehen (Witiko heuSer, 20.09.2024,
briefl. Mitt.). Es ist folglich unwahrscheinlich, dass
die am Warmen Damm gewählte Konstruktion die
Nilgänse vom Mausern abhalten konnte. Insbesondere
die breite Lücke am Nordwestufer ist kritisch
zu sehen. In den Jahren 2019 und 2020 waren das
Nordost und das Südufer zur Mauserzeit überwiegend
von territorialen NilgansFamilien besetzt,
während sich der Mausertrupp in diesen Phasen
eben gerade am Nordwestufer aufgehalten hat.
3.3.3 Mehrfache Sabotage der Barriere am
Warmen Damm
Im August wurden von Unbekannten acht zusätzliche
Durchlässe in die Barriere geschnitten
(Abb. 6). Die Beobachtungen bestätigen die
Warnun gen, dass temporäre Barrieren wegen
ihrer mangelnden Robustheit problematisch sind
(siehe Kap. 1.2).
Abb. 6: Sabotage: Am
24.08.2024 wurden acht
zusätzliche Durchlässe
festgestellt (hier Nordostufer).
– Sabotage: On
24.08.2024, eight additional
openings were discovered
(here on the
north-eastern bank).
O. Weirich: Evaluation des Nilgans-Managements in Wiesbaden 2024 181
3.3.4 Barriere bedeutet keine Entwertung von
Nilgans-Schlafplätzen
Viele Nilgänse schlafen nachts wie an der Perlenschnur
aufgereiht am Gewässerrand, sodass sie bei
Gefahr relexartig ins Wasser flüchten können. Die
Blockade der Sicht nach hinten durch die Barriere
wurde überraschend von den Nilgänsen nicht
als Nachteil wahrgenommen. Sie schliefen während
des Monitorings 2024 zunächst am Nordwestufer
und später, nach dem Ende der Territorialität
einer Familie, am Nordostufer. In beiden
Fällen nutzten sie einen schmalen Streifen zwischen
Barriere und Wasser (Abb. 7). Eine Störung
der Sichtbeziehung nach hinten ist somit keine
geeignete Maßnahme, um NilgansSchlafplätze zu
entwerten.
3.3.5 Barriere begünstigt offenbar Überleben
junger Teichhühner
Im Jahr 2019 überlebten am Warmen Damm nur
eins von sieben Küken des Teichhuhns Gallinula
chloropus und nur fünf von 57 Stockentenküken.
Dies wurde auf Prädation an den deckungsarmen
Uferabschnitten zurückgeführt. Entsprechend
wurde eine stärkere Bepflanzung im Uferbereich
angeregt (Weirich et al. 2021). Im Jahr 2024 wurden
nur Nilgänse gezielt erfasst. Offensichtlich
sind aber am Warmen Damm Teichhühner aus
mindestens drei, wahrscheinlich sogar vier Bruten
flügge geworden (Abb. 8). Es liegt nahe, dass die
jungen Teichhühner durch die Barriere mit ihren
zahlreichen Durchlässen für kleine Tiere bessere
Chancen hatten, ihren Verfolgern zu entkommen.
Sie waren durch die Barriere auch vor Störungen
durch Menschen und Hunde geschützt. Dieses
Ergebnis ist ein zusätzliches Argument, eine dauerhafte,
robuste ZaunHeckenAnlage im Uferbereich
anzulegen, insbesondere, weil sowohl Stockente
als auch Teichhuhn inzwischen in Hessen als
gefährdet eingestuft werden mussten (Kreuziger
et al. 2023).
Abb. 7: Die Nilgänse ließen sich durch die Barriere und
die fehlende Sicht nach hinten nicht davon abhalten,
den Gewässerrand als Schlaf- und Ruheplatz zu nutzen.
– Despite the barrier and the lack of visibility to the
rear, the Egyptian Geese were not deterred from using
the water’s edge as a place to sleep and rest.
Abb. 8: Ein adultes Teichhuhn mit drei flüggen Jungen
ruht zwischen Barriere und Teichrand. – An adult Moorhen
with three fledglings rests between the barrier and
the pond’s edge.
Ornithologische
Mitteilungen
ORNITHOLOGISCHE
MITTEILUNGEN
Monatsschrift für Vogelbeobachtung, Feldornithologie und Avifaunistik
Jahrgang 76 • Nr. 5/6 • 2025
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort ....................................................................................................................................................... 173
Oliver Weirich
Evaluation des Managements der Nilgans Alopochen aegyptiaca in Wiesbaden 2024 .............. 175
Michael Kuhn
Brut des Stelzenläufers Himantopus himantopus in den Klärteichen Euskirchen........................ 193
Georgi P. Stoyanov
Beobachtung eines Thorshühnchens Phalaropus fulicarius im Ogosta-Stausee,
Nordwest-Bulgarien ................................................................................................................................. 205
Stefan Bosch
Massenschlafplätze des Bergfinken Fringilla montifringilla düngen den Wald ............................ 209
Jevgenij Schergalin
Biografien osteuropäischer Ornithologen (40): Alexander Alexandrowitsch KischtschinsKij
(1937–1980) – ein herausragender sowjetischer Feldornithologe ................................................. 215
Nachruf auf Wolfgang Alexander Bajohr (1932–2024) ...................................................................... 222
Schriftenschau .......................................................................................................................................... 224
Corrigenda ................................................................................................................................................. 228
ISSN 0030-5723