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Auszug aus dem Magazin Südbaden zum Thema Molukalarküche

Die molekulare Küche, früher ein Hype in der gehobenen Gastronomie, hat in neue Sphären gefunden. Wie kulinarische Technik aus dem Labor zum Beispiel in Altersheimen hilft, beschreibt Dr. Peter Steurer in einem Gastbeitrag Im Magazin "Netzwerk Südbaden", der als Chemiker selbst viele Berührungspunkte findet. Seit 2024 ist Dr. Peter Steurer als Produktentwickler und Qualitätskontrolleur bei der Gewürzmanufaktur würzteufel tätig. | würzteufel.de

Die molekulare Küche, früher ein Hype in der gehobenen Gastronomie, hat in neue Sphären gefunden. Wie kulinarische Technik aus dem Labor
zum Beispiel in Altersheimen hilft, beschreibt Dr. Peter Steurer in einem Gastbeitrag Im Magazin "Netzwerk Südbaden", der als Chemiker selbst viele Berührungspunkte findet. Seit 2024 ist Dr. Peter Steurer als Produktentwickler und Qualitätskontrolleur bei der Gewürzmanufaktur würzteufel tätig. | würzteufel.de

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Die molekulare Küche, früher ein

Hype in der gehobenen Gastronomie,

hat in neue Sphären gefunden. Wie

kulinarische Technik aus dem Labor

zum Beispiel in Altersheimen hilft,

beschreibt unser Gastautor Peter

Steurer, der als Chemiker selbst viele

Berührungspunkte findet.

Text: Peter Steurer

Peter Steurer (48) studierte Chemie in Freiburg und Montpellier.

Er erwarb sein Diplom im Bereich Kunststoffchemie 2006 in

Freiburg, promovierte am Institut für Makromolekulare Chemie

und war im Anschluss als Lehrer an beruflichen Schulen in

Offenburg sowie in Wolfach tätig. Seit September 2022 ist

Steurer Lehrer am ICSE – Zentrum für Informationsaustausch

und Netzwerkarbeit rund um MINT-Bildung an der PH Freiburg.

Außerdem ist er seit 2024 für die Gewürzmanufaktur Würzteufel

in Empfingen (Kreis Freudenstadt) als Produktentwickler und

Qualitätskontrolleur tätig.

In der Molekularküche werden Texturen gezielt verändert, um neue sensorische Erlebnisse zu schaffen. Das kann jeder auch in einem eigenen kleinen Küchenlabor

zu Hause umsetzen, sagt unser Gastautor.

Fotos: Unsplash / PR

Rund um die Jahrtausendwende war sie in aller

Munde: die molekulare Küche. Als Geburtsort gilt das El Bulli,

ein legendäres Drei-Sterne-Restaurant an der katalanischen

Costa Brava, das unter der Leitung von Chefkoch Ferran Adrià

fünfmal zum besten Restaurant der Welt gekürt wurde. Das

Team hinterfragte die traditionelle Esskultur, kreierte neuartige

Texturen, Schäume und Dekonstruktionen. Für mich als

Chemiker war es ein völlig neues Erlebnis, als ich zu jener Zeit

ein kurzes Skript der Pädagogischen Hochschule Steiermark

zum Thema in den Händen hielt. Während der gesamten Schul-,

Studien- und Promotionszeit galt ein striktes Ess- und Trinkverbot

in Laborräumen, dieses Skript übte daher eine unglaubliche

Faszination aus. Plötzlich wurden Methoden, Geräte und

Chemikalien, die mir aus dem Labor zum Teil wohlbekannt

waren, zur Herstellung verblüffender und optisch ansprechender

kulinarischer Ergebnisse herangezogen. Das war neu.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren Zusatzstoffe in der

Küche ausschließlich negativ konnotiert und nur in Form der

bösen E-Nummern geläufig. Nun wurden ebendiese Stoffe

genutzt um raffinierte, überraschende Gerichte auf Spitzenniveau

zuzubereiten – und niemand hatte ein Problem damit.

Eine Beschäftigung mit der Geschichte der molekularen Küche

führt zurück ins Jahr 1988, als der französische Physikochemiker

Hervé This zusammen mit dem Briten Nicholas Kurti den

Begriff „Molecular and Physical Gastronomy“ prägte. Wenig

später fand auf Sizilien die erste internationale Konferenz statt,

bei der Spitzenköche und Wissenschaftler zusammenkamen. In

den 1990er-Jahren griffen kulinarische Größen wie Ferran Adrià

das Thema auf und verkürzten den Begriff zu Molecular Cuisine

– Molekularküche. Ab jetzt wurde die Bewegung langsam einer

breiten Öffentlichkeit bekannt.

Dennoch liegt der Ursprung bei Naturwissenschaftlern

und somit im Labor. Denn der ursprüngliche

Ansporn war es, zu verstehen, was genau beim Kochen passiert,

um alte Gewissheiten und Mythen zu überprüfen, zu bestätigen

oder zu widerlegen. So entsteht nach Hervé This das perfekte

Ei durch Erhitzen bei exakt 64 Grad über einen Zeitraum von

einer Stunde (in Japan als Onsen-Ei bekannt). Auch den weitverbreiteten

Fleischmythos hat This widerlegt. Denn die Annahme,

dass man Fleisch scharf anbraten müsse, damit sich die Poren

34 Schwerpunkt Netzwerk Südbaden #07/2026 Schwerpunkt 35


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schließen und der Saft im Inneren bleibt, ist falsch. Fleisch

besteht aus Muskelfasern und hat keine Poren. Die Fasern ziehen

sich bei Hitze sogar eher zusammen und pressen dabei aktiv

Wasser aus dem Fleisch. Dennoch sollte erwähnt sein: Hohe

Temperaturen sind wichtig, um durch die Maillard-Reaktion

(Bräunung von Aminosäuren und Zucker beim Erhitzen) leckere

Röstaromen und eine Kruste zu erzeugen.

Der Hype um die molekulare Küche hat sich im

Laufe der Zeit etwas gelegt. Das Sternerestaurant El Bulli wurde

2011 geschlossen. In der Folgezeit hat die gehobene Gastronomie

Techniken wie Sous- (das Garen im Wasserbad in luftdichten

Beuteln bei niedrigen Temperaturen), Sphärisierung

(Flüssigkeiten mithilfe von Geliermitteln in kleine Kugeln verwandeln)

oder Espumas (die Herstellung leichter, schaumartiger

Konsistenz) übernommen. Dennoch steht die molekulare Küche

nicht am Ende ihrer Entwicklung. Bei meiner Arbeit an der

Pädagogischen Hochschule Freiburg konnte ich im Rahmen des

EU-geförderten Projekts „ISCE Science Factory“ Module für die

Kinder- und Erwachsenenbildung zur molekularen Küche und

zu molekularen Cocktails ausarbeiten.

Dabei stieß ich auf eine ungeahnte Möglichkeit: Denn

eine neue, in der Schweiz bereits etablierte Anwendung kann

heute im Bereich der Altenpflege von Nutzen sein. Der Hintergrund

ist schnell erklärt: Die Bestrebung der Molekularen Küche

ist es, Texturgeber zu nutzen, um Nahrungsmittel mit überraschenden

Konsistenzen zu erzeugen. Diese Technik eignet sich

ideal, um zum Beispiel zerkleinerte Kost für Patientinnen und

Patienten mit krankhaften Schluckbeschwerden (Dysphagie)

appetitlich anzurichten. Mit fertigen Allroundmischungen auf

Basis von Agar-Agar und Xanthan oder einzelnen Zusatzstoffen

wie Gellanen können auch zerkleinerte Nahrungsmittel wieder

ansprechend und mit geeigneten und dennoch abwechslungsreichen

Texturen wieder in Form gebracht werden. Dadurch

sieht die Nahrung auf dem Teller ansprechend aus und kann

trotz Beschwerden wieder mit mehr Genuss gegessen werden.

Hier schließt sich der Kreis zu der anfangs erwähnten

Broschüre von der PH Steiermark. Der Mikrobiologe Fritz

Treiber, der damals dort tätig war, leitet nun das Geschmackslabor

an der Uni Graz, das sich als Mitmachlabor für Ernährung,

Lebensmittel und Molekulare Küche versteht. Treiber hat

mehrere Bücher zum Thema verfasst, unter anderem mit dem

Schweizer Spitzenkoch Rolf Caviezel, der Kurse zum Thema

„Kochen für Dysphagiepatienten“ anbietet.

Ungeahnte Einblicke

Was bleibt vom Hype?

Über das EU-Projekt landete ich außerdem bei der

Firma Würzteufel aus Empfingen im Landkreis Freudenstadt,

wo ich seit zwei Jahren nebenbei im Labor und in der Versuchsküche

arbeite. Hier haben wir gemeinsam die neue Linie

„WT Health“ mit Produkten rund um den Bereich Dysphagie

aufgebaut. Mein Ziel ist es, den Menschen zu zeigen, dass wir

Chemiker und Chemikerinnen in der Lebensmitteltechnologie

vieles bewirken können. Dass das nicht allen bewusst ist, verdeutlicht

ein Beispiel: Vegane Sahne, veganer Käse oder andere

Ersatzprodukte sind per se hochverarbeitete Lebensmittel, bei

denen die typischen Eigenschaften tierischer Produkte nachgebaut

werden. Ein Lebensmittelchemiker, der dies tut, nutzt

hierzu ein Labor. Der Verzicht auf tierische Nahrungsmittel

wird zwar als gesundheitlich vorteilhaft wahrgenommen,

während gleichzeitig dieselben Zusatzstoffe, die dabei zum Einsatz

kommen, an anderer Stelle verpönt sind.

Mir liegt viel daran zu zeigen, dass man durch die

intensive Beschäftigung mit Lebensmitteln ungeahnte Einblicke

in die Natur erhalten, tiefes Verständnis erlangen und

neue Möglichkeiten schaffen kann. Ich bin als Chemiker Naturwissenschaftler

und will eben genau diese Natur verstehen

– Nahrungsmittel stellen hierbei ein ideales Spielfeld dar.

Jede interessierte Person kann die heimische Küche ein Stück

weit in ein Labor umwandeln und selbst forschen. Rezepte,

Utensilien und Zutaten sind online günstig und schnell verfügbar,

können aber auch regional bezogen werden. Mein Tipp:

Die Untersuchung der überraschenden Gerichte mit ungewohnten

Texturen und verblüffender Optik ist ein tolles Event mit

Freunden oder der Familie. Und ich sehe dabei noch mehr: Wenn

Menschen experimentieren – sei es in der heimischen Küche

oder im Rahmen von Kursen – und den Vorgängen beim Kochen

auf den Grund gehen, sind sie demselben Sog erlegen, der auch

Naturwissenschaftler im Labor in seinen Bann zieht.

menschen.

BERATER

werte.

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immobilien.

MAKLER

Sprenker & Röder Immobilien GmbH

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