Mein Konfispruch König PDF - Gustav-Adolf-Werk eV

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Mein Konfispruch König PDF - Gustav-Adolf-Werk eV


Kathrin König, Jahrgang 1975, ist freie Journalistin in Leipzig.

Eine Digitaluhr im Himmel

Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen

Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. Epheser 4, Vers 15

Alles strahlt weiß. Ich fühle mich nicht, höre nur meinen Atem. Von links pumpt regelmäßig ein Herz.

Das ist ja meines! Wo bin ich? Etwa im Himmel? Wie bin ich hierher gekommen? Hatte ich nicht in

den Sommerferien so viel vor? Angestrengt denke ich nach. Aber ich komme auf nichts Greifbares.

Wo sind die Engel? Warum nur hängt im Himmel eine große Digitaluhr an der Wand?

Das sind meine ersten Gedanken, als ich aus dem Koma auf der Intensivstation erwache. Dass ein

Schutzengel mein Leben gerettet hat, wird mir klar, nachdem Krankenschwestern, Ärzte und Eltern

immer wieder betonen, wie viel Glück ich doch beim Moped-Unfall hatte. Dass ich noch mal

davongekommen sei und überhaupt alles viel schlimmer hätte enden können. Einen Autofahrer, der

die Vorfahrt missachtet und mich derart über den Haufen fährt, dass mich Mopedteile zerschneiden,

Beine und Schädel brechen, finde ich auch schlimm. Innerlich bin ich trotzdem ruhig. Alles kommt

wieder in Ordnung, bestimmt. Jemand wollte eben nicht, dass ich sterbe. Der Gedanke gefällt mir.

Während ich bewegungsunfähig in und an Schienen, Schläuchen und Geräten liege, male ich mir aus,

wie meine Beerdigung wohl ausgesehen hätte. Ob alle Freunde, Verwandte und Mitschüler

gekommen wären? Hätten sie richtig geweint wegen meines Abgangs? Mein Gewissen grummelt

ziehend im Magen, ich weiß aber nicht, warum. Darf man denn nicht mal wehleidig über seine

Beerdigung nachdenken?

Als ich Wochen später an Krücken wieder laufen kann, will ich etwas ändern. Ich möchte so leben,

dass ich beim nächsten – dann vielleicht tödlichen – Unfall sagen kann: Bis hierhin hast du viel erlebt,

hast Menschen glücklich gemacht und musst nichts bereuen. Denn Reue ist der wahre Grund für mein

schlechtes Gewissen. So richtig ernst habe ich vor meinem Unfall nichts genommen. Ich habe öfter

Dinge geklaut am Kiosk und in Geschäften, meine Schwester und Eltern angelogen, wenn es nützlich

für mich war. Klar, ich bin in der Jungen Gemeinde, singe im Kirchenchor, spiele Flöte und mache

allein schon deshalb regelmäßig bei Gottesdiensten mit. Aber beschäftigt habe ich mich nicht mit dem,

was Jesus spricht und verlangt.

Dabei ist meine Konfirmation zwanzig Jahre her. Ich habe diesen Spruch mit auf den Lebensweg

bekommen: »Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin,

der das Haupt ist, Christus.« Lasst uns wachsen in allen Stücken – Paulus verlangt nicht, dass man

sofort und in allen Stücken schon wahrhaftig ist. Man darf sich also entwickeln, macht Fortschritte

oder verrennt sich mal. Dafür braucht man eben Zeit. Das ist gut, denke ich beim neuerlichen Lesen

meiner Konfirmationsurkunde. Da hat der Pfarrer eine Bibelstelle ausgesucht, die mir bei der

Konfirmation noch so spröde und lebensfremd vorkam. Jetzt weiß ich, dass mir der Spruch bei

meinem Vorhaben helfen will. Obwohl ich ihn mir nicht selbst ausgesucht habe, hat er mich doch

gefunden.

Seit dem Unfall sind 15 Jahre vergangen. Ich versuche so zu leben, dass ich am Ende nichts bereuen

muss. Ob es gelingt, weiß ich noch nicht. Aber seit dem Unfall bin ich mir sicher, dass Jesus an

meiner Seite ist und mich beschützt. Das dazu passende Kirchenlied wurde auch bei meiner

Konfirmationsfeier Pfingsten 1990 gesungen:

1


»Es heißt, dass einer mit mir geht, der's Leben kennt, der mich versteht, der

mich zu allen Zeiten kann geleiten. Es heißt, dass einer mit mir geht.

Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist.«

(Evangelisches Gesangbuch 209)

Ehrlicherweise bedeutet mir dieses Lied viel mehr als mein eigentlicher Konfirmationsspruch. Wenn

das Lied bei Taufen oder Konfirmationen erklingt, dann wünsche ich den Jugendlichen, dass auch sie

sich mit Jesus anfreunden. Vielleicht finden sie ja auf einfacherem Weg zu ihm als über eine

Intensivstation.

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