Wie die Gier nach Geld den Roten Thunfisch ausrottet ... - Enorm

enorm.magazin.de

Wie die Gier nach Geld den Roten Thunfisch ausrottet ... - Enorm

Exklusiver Auszug Transparenz und Teilhabe: Piraten an Bord!

Nummer 2 April / Mai 2012

enorm

www.enorm-magazin.de

Nummer 2 April / Mai 2012

Die Forderung der Piratenpartei nach Transparenz

setzt die Wirtschaft unter Druck. Sie muss sich

öffnen, sonst verliert sie weiter an Vertrauen

Wie die Gier nach Geld den

Roten Thunfisch ausrottet

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Vorweg oder hinterher?

RWE und die Energiewende

=========================================

Die Kaputt-Strategie:

Sollbruchstellen in

Elektronik-Geräten

SPeCiAL

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IT-Branche:

Auf grün

programmiert

10 SeiteN

0 2

Deutschland € 7,50 / BeNeLux € 8,20

Schweiz sfr 14,80 / Österreich € 8,50

4 191828 907506


FOTOs privat, Thorsten Suedfels, Sabine Braun

Künstler sind mitunter scheue Wesen. Ein

Foto von sich, fürs Editorial? Naja, erklärte

uns der Berliner Illustrator Dieter Jüdt

(Mare, SZ), ein paar Schnappschüsse gebe

es zwar, aber die seien zum Teil schon

zehn Jahre alt, und mehr habe er nicht.

„Ich archiviere prinzipiell keine Fotos von

mir. Sorry, aber so sind Zeichner.“ Wesentlich

mehr Mühe verwendete er darauf,

unsere Titelgeschichte „Piraten an

Bord!“ zu entwerfen. Inspiration fand er

bei N.C. Wyeth, einem der bedeutendsten

amerikanischen Illustratoren, dessen Seeräubermotive

bereits Disneys „Fluch der

Karibik“ prägten. Ein wichtiger Einfluss

war auch der Wälzer „Das Schiff“ des Skandinaviers

Björn Landström, der, so Jüdt,

demonstriert, „dass die Fotografie manchmal

ganz schön überflüssig sein kann“. Die

Titelgeschichte finden Sie auf Seite 16

Seite 3

Editorial

Ahoi!

Der Rote Thun stirbt aus, und die Fischer

im Mittelmeer verlieren ihre Existenzgrundlage.

Darüber sprechen will aber

kaum einer, musste Philipp Kohlhöfer

(GEO, Stern) feststellen, als er in Spanien,

Italien und Tunesien den Folgen des

Sushi-Konsums nachging. Mehr noch: Niemand

hat ein Problembewusstsein. Als er

in Siracusa auf Sizilien nach einem Gericht

ohne Thunfisch fragte, verstand die

Kellnerin nicht, was er damit bezwecken

wollte. Das sei doch der König der Fische.

„Eben“, erwiderte Kohlhöfer, „warum soll

ich ihn dann essen?“ Irgendwann bestellte

er einen Teller Pasta. Seite 54

PHILIPP KOHLHÖFER

DIETER JÜDT

KERsTIn WaLKER unD sabInE bRaun

DIE NäCHSTE AUSGABE VON enorm ERSCHEINT AM 21. JUNI

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Soziale Gerechtigkeit ist in Südafrika auch

knapp 20 Jahre nach Ende der Apartheid

keine Selbstverständlichkeit. Das Land

steht weiter vor großen Problemen. Umso

beeindruckter waren unsere Autorin Kerstin

Walker (GEO Saison, Zeit) und Fotografin

Sabine Braun (Spiegel, Stern), mit

welchem Enthusiasmus die Sozialunternehmer,

die sie trafen, an dem Wandel arbeiten.

Das Duo trug selbst ein wenig dazu

bei: Es wohnte eine Woche lang in Fair-

Trade-Gästehäusern, die ihre Angestellten

fair entlohnen und sie auch im Falle einer

Infektion mit HIV weiter beschäftigen.

Den Länderreport lesen Sie ab Seite 72


Seite 16

Titel


Seite 17

Titel

Mit ihrer Forderung nach mehr Transparenz und Teilhabe entert die

Piratenpartei die Landtage. Diese Welle der Veränderung erfasst langsam

auch die Wirtschaft – und setzt viele Unternehmen unter Druck, ihren

Kurs zu ändern und sich zu öffnen

TexT Christiane Langrock-Kögel und Marc Winkelmann

IllusTraTIon Dieter Jüdt


Seite 18

Titel

n dem kleinen Ladengeschäft an einer mehrspurigen

Hamburger Ausfallstraße stehen

zwei überfüllte Schreibtische. Es herrscht

Computerclub-Atmosphäre, irdisches Chaos

und eine gewisse Ferne des Realen. Der

schmale Raum ist nur der physische Aufenthaltsort

von Daniel Plötz und Claudius Holler. Sie arbeiten

und kommunizieren in sozialen Netzwerken, bei

Facebook, über Twitter und in Blogs. Dort sind ihre

Kunden, Partner und Freunde zu Hause. Daniel ist

Ende 20, Claudius Mitte 30, zwei ungleiche Brüder,

der eine klein und blond, der andere groß und dunkel.

Internet-Nerds, so nennen sie sich selbst.

Plötz und Holler stellen Mate-Limonade her, die

Coca-Cola der Computerfreak-Szene. Die goldbraune

Brause auf Basis eines Mate-Tee-Auszugs schmeckt

herb und ein bisschen grasig. Eine Halbliter-Flasche

Mate hat in etwa soviel Koffein wie eine große Tasse

starker Kaffee. „Wir lieben Mate“, sagen die Brüder.

Aber sie haben nicht vor, mit ihrer 1337Mate – ein

Zahlenspiel aus dem Netzjargon – den Getränkemarkt

neu aufzurollen. Oder ein klassisches Limonaden-

Business aufzuziehen. Die Geschwister statuieren

eine Art Exempel: die gläserne Mate GmbH. Ihr Geschäftsmodell:

transparente Herstellung, transparente

Kommunikation, transparente Struktur.

1337Mate ist eine Art Gemeinschaftsprodukt. Die

Kunden sind gleichzeitig Fans, Produktentwickler

und Vertriebler. Will eine Mehrheit mehr Koffein,

schrauben Plötz und Holler am Rezept. Sie fahren

nicht selbst von Stadt zu Stadt, um Getränkehändlern

ihre Mate vorzustellen, sondern fragen ihre Kunden:

„Wo willst du sie kaufen? Sprich bitte mit dem Händler.“

Im vergangenen Sommer haben die GmbH-Gründer

über Crowdfunding Geld eingesammelt, um die

nächste Abfüllung und den Ausbau der Vertriebsstrukturen

vorzufinanzieren. 30 000 Euro kamen zusammen,

geliehen für ein Jahr von ihren treuesten Kun-


den. In ein paar Monaten sollen sie

ihren Einsatz verzinst zurückbekommen.

„Wir bewegen uns

nicht mehr so nah wie möglich

an, sondern mitten in unserer

Zielgruppe“, sagt Daniel Plötz.

Er kommt aus der Werbung.

Aber mit Marketing hat das Projekt

nichts zu tun. Es ist eine

Frage der Weltanschauung. Eine

politische Frage. Seit drei Jahren

sind Plötz und Holler in der Piratenpartei

aktiv, Holler sitzt seit 2011

im Hamburger Landesvorstand. Die Piraten

sind eine „Freiheitspartei, die Politik

für eine durch das Internet geprägte Gesellschaft

macht“, schreibt die Schriftstellerin Juli Zeh. Teilhabe,

Pluralismus, die Erosion von Hierarchien, Gleichberechtigung,

Meinungsäußerung und Zugang zu allen

Informationen – mit diesem Geist und dem Slogan

„Klarmachen zum Ändern!“ erobert die Piratenpartei

Deutschland.

Nach ihrem Wahlerfolg in Berlin im Herbst 2011,

wo sie mit knapp neun Prozent der Stimmen und 15

Abgeordneten ins Rathaus einzog, holte sie Ende März

7,4 Prozent im Saarland. Im Mai geht es voraussichtlich

so weiter. Für die Landtagswahlen in Schleswig-

Holstein und Nordrhein-Westfalen prophezeien die

Meinungsforscher, dass die Orangenen dort ebenfalls

die Fünf-Prozent-Hürde nehmen. Wie in den Aufbruchsjahren

der Grünen Anfang der 1980er-Jahre

Seite 19

Titel

Claudius Holler und Daniel Plötz,

Gründer des Unternehmens 1337Mate,

das die totale Transparenz wagt

etabliert sich gerade in weiten Teilen

der Gesellschaft ein neues Bewusstsein.

Heute wie damals geht es um

nichts Geringeres als um eine bessere

Welt. In der Politik, in der

Gesellschaft, in der Wirtschaft.

Die Piratenpartei hat die

Schleusen geöffnet. Mitten im

Strom stehen die Unternehmen.

Was können sie von den Piraten

lernen? Was müssen sie tun, um

sich auf Augenhöhe mit Mitarbeitern

und Kunden zu bewegen? Wie

sollen sie die Forderungen nach Mitbestimmung

und Teilhabe umsetzen? Jede namhafte

Unternehmensberatung beschäftigt inzwischen

Experten für diese Fragen. Sie entwickeln Strategien

für eine möglichst kontrollierte Unternehmensöffnung.

Allgemeingültige Konzepte gibt es nicht.

Auch die Piratenpartei kann kein schlüssiges Modell

einer transparent agierenden Wirtschaft präsentieren.

Aber das muss sie auch gar nicht. Sie besetzt

das von den anderen Parteien vernachlässigte Thema

einfach. Selbst wenn die Piraten an ihrem in der Praxis

höchst anstrengenden transparenten Organisationsmodell

scheitern sollten – ihre Forderungen sind

nicht mehr vom Tisch zu kriegen. Die Unternehmen

müssen sie ernst nehmen, in ihrem ureigensten Interesse:

um ihre wirtschaftliche Zukunft zu sichern.

Wo kommt er her, der lauter werdende

Ruf nach Transparenz?

Mehr dazu im

neuen Heft 02/2012

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Seite 22

Titel

Crowdfunding

Unternehmen oder Projekte,

die per Crowdfunding

finanziert werden, erhalten

Geld von zumeist vielen

Internetnutzern. Die Macher

des geplanten Kinofilms

„Stromberg“ zum Beispiel

warben bei den Fans über

eine Website um Unterstützung

und sammelten

über diese Schwarmfinanzierung

eine Million Euro

ein. Ist der Film später

erfolgreich, werden die

privaten Kleininvestoren am

Umsatz beteiligt.

Seite 23

Titel

nem der beiden Standorte in Münchehofe im Spree- Darlegung von Fakten rund um Produkte und Prowald

oder in Dechow zwischen Lübeck und Schwerin duktion. Es geht auch um das Verhalten eines Unter-

vorbeischauen – die Design-Gebäude mit Holzvernehmens abseits seiner Produkte“. Entscheidend ist

kleidung und viel Glas wurden von einem Architek- für den Kunden auch die Struktur einer Firma. Gibt

turbüro so offen wir möglich gestaltet, Mitarbeiter, es Verflechtungen mit anderen Firmen oder Institu-

auch aus der Buchhaltung oder dem Qualitätsmanagetionen? Wie geht man mit Kundendaten um? Wie ofment,

übernehmen die Führungen im Wechsel. „Zu fen ist die Preisgestaltung? Volker Klenk und seine

einer Produktionsweise wie 1950 können wir nicht Geschäftspartner haben im letzten Jahr nach eigener

mehr zurückkehren“, sagt Böhmann, „aber bei uns Auskunft die erste Verbraucher-Studie zum Thema

kann man in der Käserei noch sehen, wie die Molke Transparenz beauftragt. 3000 Personen zwischen 14

abgelassen oder der Käse jeden zweiten Tag gewa- und 69 Jahren wurden bevölkerungsrepräsentativ aus- wiki

schen wird.“ In Deutschland, wo 50 Prozent des Kägewählt und befragt. Das Ergebnis: Unternehmen Ein Wiki ermöglicht es einer

ses scheibenweise in vorgefertigten Packungen im müssen sich öffnen, „um Vertrauen zu gewinnen oder großen Zahl von Usern,

Regal liegt, ist das durchaus ein Erlebnis. Während zu erhalten“. Um ein „positives Image aufzubauen“ gemeinschaftlich an einem

Text oder Projekt zu

der Grünen Woche in Berlin kamen an zwei Tagen und „die Loyalität der Kunden zu steigern“.

arbeiten. Die Einträge im

3000 Besucher, zu den regelmäßigen Gästen zählen Doch das funktioniert nur, wenn ein Unternehmen Wiki haben lexikalischen

Schulklassen und Kegelvereine.

bereit ist, sich wirklich zu verändern. Hinter der For- Charakter und können von

derung nach mehr Offenheit steckt vor allem das Be- den Mitgliedern jederzeit

verändert werden. Anders

investoren reisen nach Panama, dürfnis nach mehr Macht und Kontrolle. Für die Un-

als bei Liquid Feedback ist

ternehmen heißt das, dass sie ihre Haltung und es nicht das Ziel, Mehrhei-

um „ihren“ wald zu besichtigen Position ganz grundsätzlich hinterfragen müssen: Wer ten zu organisieren oder

sind wir? Wer geben wir vor zu sein? Und warum über Inhalte abzustimmen.

Das bekannteste Wiki ist

Auch andere versuchen, das Thema Transparenz möchten wir bestimmte Dinge nicht ändern, obwohl nach wie vor das Onlineerlebbar

zu machen. Die Friedrichshafener Firma Fol- der Kunde das gerne will?

Lexikon Wikipedia.

lowfish druckt auf jede Verpackung ihrer Tiefkühlpro- Der amerikanische Management-Berater Don Tapdukte

einen Tracking-Code. Gibt man ihn auf der Folscott hat schon vor zehn Jahren erklärt, dass in absehlowfish-Website

ein, wird angezeigt, woher der barer Zukunft jedes Unternehmen transparent agie-

jeweilige Fisch stammt. Bei einem Biolachs-Filet mit ren müsse. Er hat recht behalten: Schon heute lässt

dem Code „F101258“ bekommt man diese Daten: sich kaum noch etwas verbergen. Tapscotts Buch „The

„Herkunft: Romsdalfjord, Norwegen“ und „Transpor- Naked Corporation“ erschien zu der Zeit, als in den

troute: Froya, Oslo, Bocholt“. Die ökologische Invest- USA der Energieriese Enron pleitegegangen war. Enmentfirma

Forest Finance geht noch einen Schritt ron hatte 22 000 Mitarbeiter und machte einen Um-

weiter und bringt ihre Kunden direkt zum Produkt. satz von 140 Milliarden Dollar im Jahr. Bilanzfäl-

Auf sogenannten Investorenreisen können Anleger, schungen, Luftbuchungen, Betrug – innerhalb von

die ihr Geld in einen Wald in Panama gesteckt haben, zwei Monaten war das rauschhaft gefeierte Unterneh-

zu ihren eigenen Hölzern fahren und sich vor Ort von men insolvent, eine Reihe von Top-Managern lande-

der nachhaltigen Bewirtschaftung überzeugen. te im Gefängnis. Das Unmögliche war passiert, und

Für die Werte-Index-Autoren Wippermann und die Öffentlichkeit fragte sich, wie viel sie tatsächlich

Krüger bedeutet Transparenz mehr als die „offene über Enron wusste.

Volker Klenk, der Frankfurter Berater, war bis zum

Crash für Enron tätig. Im Namen des US-Konzerns

betreute er Anfragen deutscher Journalisten. Dass er

für ein „Kartenhaus“ arbeitete, wie er rückblickend

sagt, war ihm wie allen anderen auch nicht bewusst.

Anschließend begann er, sich näher mit der Frage der

Transparenz zu beschäftigen. „Jede unternehmerische

Handlung ist öffentlich“, sagt er. „Aber eine umfassende

Strategie hat kaum ein Manager. Dafür fehlen

ihnen das Bewusstsein und der Wille.“

Frank Roebers hat diesen Willen. „Wahnsinn, was

für ein Potenzial“, dachte der 44-Jährige, als er vor

ein paar Jahren einen Vortrag des Wikipedia-Gründers

Jimmy Wales hörte. Roebers ist seit 1999 Vorstand

der Synaxon AG, einem IT-Unternehmen mit


Herr Löchte, der Atomausstieg ist

beschlossen, der Anteil der erneuerbaren

Energie soll im Jahr 2020 in

Deutschland 35 Prozent betragen. Wie

viel wird RWE beisteuern?

Es ist unser Ziel, dass bis 2020 mindestens

20 Prozent der RWE-Erzeugungskapazität

auf erneuerbaren Quellen beruht.

Nach einer Studie von Greenpeace

lag der tatsächliche Anteil der erneuerbaren

Energien bei RWE 2009 bei nur

2,6 Prozent. Rechnet man alte Wasserkraftwerke

heraus, sind es nur 0,4 Prozent.

Wie soll sich das ändern?

Durch Investitionen. Wir haben 2008

RWE Innogy gegründet, ein Unternehmen

für erneuerbare Energie. Wir setzen auf

Offshore-Windenergie, Wasserkraft und

Biomasse. RWE Innogy investiert pro Jahr

etwa eine Milliarde Euro, sodass wir im

Jahr 2014 eine elektrische Leistung von

ungefähr 4500 Megawatt an erneuerbarer

Energie haben werden.

Das ist gerade mal doppelt so viel

Leistung wie allein das RWE­Kohlekraftwerk

Neurath bereitstellt. RWE ist der

größte CO2­Emittent Europas und ver­

Seite 44

Hartmann!

„RWE redet Klartext“

Der Energiekonzern RWE produziert mehr CO 2 als jedes andere europäische Unternehmen, hält aber

an der Stromerzeugung aus Kohle fest. enorm­Autorin Kathrin Hartmann sprach mit Joachim Löchte,

Leiter Corporate Responsibility und Umweltschutz, wie das zur verordneten Energiewende passt

antwortlich für ein Sechstel der CO2­

Emissionen Deutschlands. Mehr als die

Hälfte der RWE­Anlagen sind Kohlekraftwerke

und weitere sind geplant.

Wie kann das nachhaltig sein?

Grundsätzlich gilt, dass auch neue Windparks

nicht von jetzt auf gleich gebaut werden

können. Und dann haben wir noch

nicht über die notwendige Netzanbindung

gesprochen. Zu Ihrer Frage: Nur von einem

Energieträger als Volkswirtschaft ab-

„Grundsätzlich gilt, dass

auch hocheffiziente

fossile Kraftwerke zur

Energiewende gehören“

hängig zu sein, birgt ein viel zu hohes Risiko.

Deshalb sind wir von einem breiten

Energiemix überzeugt. Unser Ziel ist es,

die Stromerzeugung aus fossilen Quellen

effizienter und emissionsärmer zu machen:

Bis 2015 werden wir unsere neuen Gas-

und Kohlekraftwerke mit einer Gesamtka-

pazität von über 12 400 Megawatt in Betrieb

nehmen. Diese neuen Kraftwerke

emittieren bis zu 30 Prozent weniger CO2.

Außerdem nehmen wir bis dahin 16 ältere

Kohlekraftwerke vom Netz. Grundsätzlich

gilt, dass auch hocheffiziente fossile

Kraftwerke zur Energiewende gehören. Finanzielle

Aspekte und Machbarkeit sind

zudem auch Bestandteile von Nachhaltigkeitsstrategien.

Die Kohleverstromung verursacht

auch andere Umweltschäden: Feinstaub,

Bergbauschäden, Eingriffe in den Wasserhaushalt.

Das Biotop Schwalm­Nette

nahe des Tagebaus Garzweiler muss bereits

künstlich bewässert werden. Warum

hält RWE an der Kohle fest?

Braunkohle ist ein einheimischer und

wirtschaftlicher Brennstoff. Wir haben

Kunden, wie etwa die energieintensive Industrie,

die eine wettbewerbsfähige Produktion

benötigen. Nur wenn ich die Energie

hier halten kann – und das ist politisch

gewollt – kann ich sie wettbewerbsfähig

bereitstellen. Zum Feinstaub: Wir haben

im Tagebau umfangreiche Maßnahmen

getroffen. Zum Beispiel werden die Lkw,

Foto Stephanie Fuessenich/Verlagsgruppe Random House (oben)


FotoS Frank Beer

bevor sie den Tagebau verlassen, abgewaschen,

Böschungen werden begrünt und

so weiter. Um den Tagebau durchführen

zu können, müssen wir Grundwasser abpumpen.

Wir leiten das Wasser in Feuchtraumgebiete

und nutzen es zur Trinkwassergewinnung.

Wir leiten es auch in die

Erft, damit die Wasserführung konstant

bleibt. Ja, das ist ein Eingriff, aber wir halten

ihn so gering wie nur eben möglich.

Warum gibt es dann so großen Protest

von Bürgerinitiativen?

Wenn das Ausland über die German Angst

diskutiert, wäre es vermessen zu sagen, es

gäbe keine Proteste. Aber wenn wir mit

den Anwohnern sprechen, nehmen diese

die Auswirkungen in der Regel weniger

stark wahr als die, die weiter weg wohnen.

Ich vergleiche das immer wieder gerne mit

dem Standort Biblis. Auch vor dem Ausstiegsbeschluss

hatten wir vor Ort immer

eine hohe Akzeptanz und einen intensiven

Dialog mit den Bürgern dort.

In Biblis leben viele Angestellte

des Kraftwerks. Anders sieht es in Eemshaven

aus. An der Emsmündung der

Nordsee entsteht das größte Kohlekraftwerk

der Niederlande. Die Proteste der

Bürger waren groß, sie sehen in dem

Kraftwerk eine Bedrohung für das Wattenmeer

und die ostfriesischen Inseln.

Was Sie beschreiben, ist wieder die deutsche

Wahrnehmung der Proteste von

Greenpeace. Wir haben in den Niederlanden

mit vier Naturschutzverbänden einen

„Environmental Impact Vertrag“ geschlossen.

Wer nicht zur Unterzeichnung kam,

war Greenpeace.

Proteste gegen das Kraftwerk

Eemshaven gibt es sowohl auf niederländischer

als auch auf deutscher Seite.

Im vergangenen Jahr hatten Umweltschützer

vor Gericht in Den Haag zeitweise

einen Baustopp durchgesetzt.

Wir haben vor Gericht den Genehmigungsbescheid

mit mehr Informationen unterlegt.

Wir dürfen weiter bauen. Auf der

deutschen Seite hatten wir eine intensive

und konstruktive Diskussion mit den Bürgern

in Borkum. Deren gefühlte Wahrnehmung

war: Das Kraftwerk greift in ein

Reinluftgebiet ein. Technisch betrachtet

gibt es aber nicht mehr Immissionen vor

Ort. Wir unterstützen jetzt die Borkumer

Seite 45

Hartmann

bei einem Tourismuskonzept. Es gibt eine

große schweigende Mitte. Wir haben gelernt,

dass wir nicht nur auf die hören müssen,

die am lautesten schreien in unserer

Demokratie, sondern auch auf diejenigen,

die sich nicht so in die Situation einmischen.

Die Europäische Umweltagentur

hat ermittelt, wie hoch die sogenannten

externen Kosten der europäischen Industrie

sind. Diese Kosten, verursacht

durch Umwelt­ und Gesundheitsschäden,

betragen in Deutschland zwischen

102 und 169 Milliarden Euro und müs­

sen nicht von der Industrie,

sondern von der Allgemeinheit

getragen werden.

Ich kenne diese Studie im

Detail nicht, aber den

grundsätzlichen Tenor der

Aussage „Externalisierung

interner Kosten“ ...

... was bedeutet,

dass die Risiken sozialisiert

werden. Unter den

zehn teuersten Industrien

sind die RWE­Kohlekraftwerke

Niederaußen, Weißweiler,

Frimmersdorf und

Mehr dazu im

neuen Heft 02/2012

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Seite 46

Hartmann

sionshandel ist also heute schon ein Beidere Umweltschäden. Allein das Kohlebasis in Deutschland auf eine erneuerbare

spiel für die Internalisierung der externen kraftwerk in Frimmersdorf verursachte und CO2-arme Basis zu stellen.

Kosten. Er hat die Brennstoffkosten nahe- 2009 externe Kosten in Höhe von 749 Jahrelang warnte RWE vor dem

zu verdoppelt.

Millionen Euro. Müsste RWE so viel „Blackout“ nach dem Atomausstieg.

Ein Zertifikat für eine Tonne CO2 zahlen, wäre Kohle unerschwinglich. Jetzt warnt RWE vor Stromüberschuss

kostet derzeit 7,40 Euro. RWE hat – wie Auch hier muss ich noch mal sagen, dass – dabei sind bundesweit nur noch neun

andere Unternehmen auch – bis 2012 ich diese Zahlen so nicht kenne. Im Übri- Kernkraftwerke am Netz. Wie passt das

Verschmutzungsrechte im Emissionsgen ist es ja bekannt, dass wir bereits heu- zusammen?

handel kostenlos zugeteilt bekommen. te teilweise und dann ab 2013 alle Emissi- Es gibt sehr wind- oder sonnenreiche Re-

Die decken aber nicht die Kosten für anonsrechte erwerben müssen. Wir haben gionen in den verschiedenen Teilen

bisher schon große Vorleistungen er- Deutschlands. Manchmal produzieren wir

bracht. Trotzdem ist es nicht auszuschlie- in Deutschland dann so viel erneuerbare

ßen, dass der Druck so groß wird, dass man Energie, dass das europäische Netz genutzt

etwas unwirtschaftlich macht. Aber was werden muss, um diese Kapazitäten auf-

UnternehmensbewertUng passiert, wenn wir die modernen Kohlezunehmen. Allerdings ist man im Ausland

kraftwerke in Deutschland schließen und darüber nicht immer begeistert, da man

wir unsere Güter aus anderen Regionen dann eigene Kraftwerkskapazitäten dros-

beziehen? Mit welchen Eingriffen werden seln muss. Es gibt aber nicht nur im No-

Gesamtnote: C+

Not Prime die im Ausland produziert? Wäre es nicht vember Tage mit Hochnebel, wo weder

scheinheilig zu sagen, woanders auf der Photovoltaik noch Windkraft Strom pro-

Welt interessiert uns das nicht? Auf die duzieren und die Laufwasserkraftwerke

– D + – C + – B + – A + Güter wollen wir ja nicht verzichten. zudem stillstehen. Woher bekommen wir

RWE betreibt noch drei Kernkraft- dann den Strom?

Note Sozial-Rating: C+

Note Umwelt-Rating: C+ werke und hat sich lange gegen den Aus- Aus Gaskraftwerken, die man

stieg aus der Atomkraft gewehrt. Wie schnell zu- und wieder abschalten kann.

STäRKEN

sehen Sie das heute?

Davon haben wir aber nicht genug. Wenn

+ vorbildliches Vorgehen bei der Schließung Die deutsche Wahrnehmung ist massiv sie sich rechnen, gerne!

und Renaturierung von Tagebauen

durch Fukushima geprägt. Diesem politi- Aber gerade Kohlekraftwerke kön-

+ zahlreiche Maßnahmen zur Sicherung einer schen und öffentlichen Willen wird sich nen ja nicht flexibel an- und abgeschal-

zuverlässigen Stromübertragung und niedrige

RWE nicht verschließen. Wir haben unser tet werden. Sie sind dafür konzipiert,

Stromausfallzeiten pro Kunde pro Jahr

+ eine klare Strategie für den Ausbau der Kernkraftwerk in Biblis vom Netz genom- dauerhaft und rund um die Uhr die glei-

erneuerbaren Energien

men. Aber was heißt das für die 700 dort che Menge Strom zu produzieren. Jedes

direkt bei RWE Beschäftigten? Und was neue Kohlekraftwerk verhindert den

SCHWäCHEN

passiert mit den einigen Tausend Arbeits- Ausbau der Erneuerbaren, sagen Um-

- hohe CO2-Intensität der Stromerzeugung plätzen in der Zulieferindustrie, im örtliweltverbände. - niedriger durchschnittlicher Wärmewirkungschen

Gewerbe und anderswo? Der Aus- Technisch ist das bei den neuen Kraftwergrad

der fossil befeuerten Kraftwerke

- sehr niedriger Anteil erneuerbare Energien an stieg aus der Kernenergie betrifft uns und ken kein Problem. Selbst Kernkraftwerke

Gesamtstromerzeugung (4 Prozent im Jahr 2011) auch viele andere Unternehmen massiv. kann man flexibel hoch- und runterfahren.

- zahlreiche Arbeitsunfälle mit Todesfolge in den Der Ausstieg wurde ursprünglich Es ist also so, dass gerade diese Kraftwer-

vergangenen Jahren

bereits vor zehn Jahren beschlossen. ke überhaupt erst den Ausbau der Erneu-

2007 sagte RWE-Chef Jürgen Großerbaren möglich machen, weil sie als Ba-

AUSSCHLUSSKRITERIEN

mann: „Wir können den Reaktor in Bisis und Reserve unersetzlich sind.

- kontroverse Wirtschaftspraktiken: mehrere

Geldstrafen von Wettbewerbsbehörden, u.a. für blis so fahren, dass wir mit den Restlauf- Dagegen spricht eine Untersu-

überhöhte Preisgestaltung und Preisabsprachen zeiten über die nächste Bundestagswahl chung von Wolfgang Renneberg. Der

- Atomenergie

kommen.“ Hat RWE zu sehr auf den Ex-Abteilungsleiter Reaktorsicherheit

Ausstieg aus dem Ausstieg der schwarz- des Bundesumweltministeriums beleg-

SCHLüSSELTHEMEN DER BRANCHE

gelben Regierung vertraut?

Die wichtigsten Themen der Versorger sind u.a.

der Ausbau der erneuerbaren Energien und die

Energieeffizienz, eine zuverlässige Energie- und

Wasserversorgung für alle Teile der Bevölkerung

sowie faires Wirtschaftsverhalten

* Unternehmen, die zu den führenden ihrer Branche zählen

und die branchenspezifischen Mindestanforderungen erfüllen,

erhalten von Oekom Research das Prädikat „Prime“

*

Wie nachhaltig ist RWE?

Joachim Löchte: „Der Ausstieg aus der Kernenergie betrifft uns und auch viele andere Unternehmen massiv.“

Ökostrom, die nicht eingespeist wurde, gestellt noch kritische Themen ausgeblen- Die Behauptung, etwas zu leisten, zu dem

74 Gigawattstunden.

det. Es ist eine mit den Mitteln eines ani- man nicht imstande ist. RWE redet aber

Das ist ein Mythos. Wir haben eine gesetzmierten Werbespots ausgewogene Klartext an ganz vielen Stellen – ob Kernliche

Vorrangregelung für erneuerbare Darstellung aller Technologien, die wir im energie, Kohle oder die Erneuerbaren: Wir

Energie. Kraftwerke in bestimmten Regi- Portfolio haben. Übrigens haben wir für stellen diese Themen ausgewogen dar. Sie

onen werden sofort heruntergefahren, da- diesen Spot auch sehr viel Anerkennung finden all diese Informationen bei RWE.

mit das Netz frei ist für erneuerbare Ener- bekommen. Er ist aber auch eine Vision. Der Vorwurf des Greenwashing trifft eingie.

Ökostrom verdrängt konventionellen. Und was ist denn Greenwashing im Kern? fach nicht zu. /

Nur wenn es einen Überschuss gibt, obwohl

konventionelle Kraftwerke bereits

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abgeschaltet wurden, muss man die erneu-

RWE

erbare Energie zurückfahren, weil sonst

die Netzkapazitäten überfordert sind. 2011 war kein gutes Jahr für den zweitgrößten deutschen Energiekonzern, der Atomausstieg vermieste

Ihrem Unternehmen wird häufig RWE die Bilanz: Der Umsatz sank um 3 Prozent auf 51,7 Milliarden Euro, der Gewinn nach Steuern brach

Greenwashing vorgeworfen. Sie sind be- um rund 45 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro ein. Die vorherigen Gewinne hatte RWE maßgeblich durch

seine beiden Atomkraftwerke in Biblis erzielt; laut einer Berechnung des Öko-Instituts machte jedes AKW

in Deutschland täglich eine Million Euro Gewinn. RWE-Chef Jürgen Großmann forderte nach dem

Beschluss der Bundesregierung in einem Brief an Kanzlerin Angela Merkel Schadensersatz für den

Atomausstieg, zusammen mit E.on reichte RWE eine Klage gegen die Brennelementesteuer ein. Im Januar,

als das Finanzgericht Baden-Württemberg die Steuer für rechtmäßig erklärte, kündigte man weitere Klagen

an. Tatsächlich zahlt die Hauptlast des Ausstiegs die Allgemeinheit: Mindestens 30 Milliarden Euro soll der

Rückbau der Atomkraftwerke den Bund kosten. Im Juli wird der Niederländer Peter Terium neuer

RWE-Chef, er soll das Unternehmen um- und die erneuerbaren Energien ausbauen. / www.rwe.de

te vor zwei Jahren, dass das häufige An-

reits zum zweiten Mal für den EU Worst

Unsere Haltung zum Ausstiegsszenario ist und Abschalten ein hohes Sicherheits-

Lobbying Award nominiert, unter an-

bekannt. Wir schauen jetzt aber nicht risiko bedeutet. Kohlekraftwerke

derem für den Werbespot mit dem grü-

mehr nach hinten, sondern widmen uns anzufahren, dauert demnach zu lange,

nen Riesen: Darin stellen Sie die Koh-

Joachim den vor uns liegenden Aufgaben. Kurzfris- Löchte, außerdem sind sie nur dann wirtschaft- Leiter Corporate

lekraft als umweltfreundlich dar und

tig gilt es, die Energieversorgung in lich, wenn sie durchlaufen. Bei Strom-

zeigen ein Gezeitenkraftwerk, das gar

Deutschland stabil zu halten. Mittel- und überschuss stehen vor allem Windkraft-

nicht existiert.

langfristig sind wir dabei, die Erzeugungsanlagen still. 2009 betrug die Menge

Wir haben darin weder eine heile Welt dar-

Responsibility und Nachhaltigkeit bei RWE

Foto Frank Beer


Shopping: Restaurants in Japan zahlen für den Roten Thun Höchstpreise

Foto xxx


Foto ddp Images/AP/David Guttenfelder

Foto xxx

Resteessen

Seit Sushi in aller Welt serviert wird, ist der Rote Thun bedroht. Jetzt steht er

vor dem Aussterben. Trotzdem wird weitergefischt. Die perverse Logik des Marktes:

je weniger Fische, desto besser fürs Geschäft. Mittendrin: Japans Multikonzern

Mitsubishi. Ein Report über das Sterben einer Spezies für die Gier nach Geld

tExt Philipp Kohlhöfer


Er fährt Taxi jetzt. In einem kleinen

Fiat Uno, cremefarben verwaschen,

zwischen Flughafen

und Innenstadt hin und her,

wieder und wieder, ohne Lizenz.

Wie ein Monopol wirkt das, denn es

gibt zwar eine Buslinie, aber die fährt unregelmäßig

und niemand weiß genau

wann. Einen Plan gibt es nicht. Vielleicht

liegt es am Busfahrer, sagt Mattia Dazi,

der Taxifahrer. Vielleicht ist gerade wieder

ein wichtiges Teil kaputt und muss erst

mit dem Schiff nach Pantelleria geliefert

werden. Er zuckt mit den Schultern. Ist ja

nicht sein Problem. Und irgendwas ist sowieso

immer. Ist doch so im Leben, oder?

Man muss sich arrangieren, oder?

Er steht am Hafen, legt den Kopf in den

Nacken und inhaliert das Meer, aus dem

er früher die Thunfische zog. Es riecht

noch so, wie es immer roch, das schon, ja.

Dazi legt die Hand über die Augen, um

sich vor der Sonne zu schützen und redet

vom Wasser wie von einem Bruder, der

schon lange gestorben ist, dessen Erinnerung

ihm aber nicht aus dem Kopf will.

Er sieht auf die Uhr, bald landet wieder

ein Flieger, er muss los. Jeden Tag um die

Mittagszeit kommt eine Maschine aus Palermo,

jeden Abend eine aus Rom. Ein gutes

Geschäft ist das Quasimonopol trotzdem

nicht. Die Strecke ist überschaubar,

man könnte auch laufen. Die Flieger sind

klein und trotzdem nicht voll. Wer kommt

schon nach Pantelleria, diesem Gesteinsbrocken,

der zwar zu Italien gehört, aber

näher an Afrika ist und zwischen Tunesien

und Sizilien im Meer liegt, als hätte ihn

jemand verloren? Niemand. Zu viele Sorgen,

zu wenige Touristen. Nicht einmal

mehr die Japaner kommen noch. Zu viele

Boote, zu wenige Fische.

Dazi geht zum Auto, biegt kurz davor

aber in ein Café ab, ein schneller Espresso

noch. Es wird ihn schon keiner vermissen

am Flughafen.

Er erinnert sich, als die Japaner Mitte

der 1990er zum ersten Mal kamen. Sushi

hatte gerade seinen Siegeszug um die Welt

angetreten, es galt, sich die besten Fische

zu sichern. Sie fielen auf, denn es waren

meist allein reisende Männer um die 40.

Sie kauften alles, was er fischte, und schafften

es per Flugzeug innerhalb von 24 Stun-

Seite 56

Unternehmen

den in die japanische Hauptstadt. Dass ihn

das am Ende den Job kostete, wie sollte er

das wissen? Und er verstand ihr Problem.

Das Meer vor Japan war leer und die Japaner

brauchten Nachschub. Sie zahlten jeden

Preis. Das tun sie immer noch. Erst

im Januar wurde ein 269 Kilogramm

schwerer Blauflossenthunfisch, wegen der

Farbe seines Fleisches auch Roter Thun

genannt, auf dem Tsukiji-Fischmarkt in

Tokio, dem größten der Welt, für 566 000

Euro versteigert. Damit brach er den Rekord

des Vorjahres von 299 000 Euro, der

wiederum den Rekord des Vorjahres von

138 000 Euro gebrochen hatte. Käufer waren

jeweils Sushi-Restaurants.

Im Mittelmeer führte das viele Geld

dazu, dass immer mehr Fischer Blauflossenthun

fingen. Das Tier ist eine schwimmende

Meisterleistung der Evolution: Es

besteht fast ausschließlich aus Muskeln.

Bis zu viereinhalb Meter lang und 700 Kilogramm

schwer, kann es 1000 Meter tief

tauchen und dabei seine Körpertemperatur

selbst regulieren. Von Haien und man-

Das Meer vor Japan

war leergefischt und die

Japaner brauchten

Nachschub. Sie zahlten

jeden Preis. Das tun sie

immer noch

chen Walarten abgesehen hat

der Blau flossenthun keine natürlichen

Feinde; doch was eigentlich

ein Vorteil war, wird nun

zum Nachteil, denn wie alle

großen Räuber ohne Fressfeinde

vermehrt sich auch der Blauflossenthun

sehr langsam. Die

Weibchen werden erst mit etwa

sieben Jahren geschlechtsreif. Eigentlich

kein Problem, schließlich

können die Tiere bis zu 30 Jahre alt

werden. Für die moderne Fischerei

aber sind sieben Jahre viel zu lang.

Mattia Dazi verschuldete sich, um mithalten

zu können mit den großen Booten

und ihren modernen Fangtechniken, aber

spätestens mit der Verbreitung der Thunfischfarmen

zu Beginn des neuen Jahrtausends

hatte er keine Chance mehr. Wenn

er aufs Meer fuhr, musste er fangen, auch

wenn er wusste, dass das der Bestand nicht

mehr zuließ. Tat er es nicht, wuchsen seine

Schulden. Die Tage, an denen er nichts

fing, waren bald keine Ausnahme mehr.

2006 verkaufte Dazi das Boot an einen finanzstarken

Konkurrenten.

Laut Weltnaturschutzorganisation

IUCN, die die Rote Liste der gefährdeten

Arten herausgibt, ist der Blauflossenthun

„stark gefährdet“. Prognosen über das Verschwinden

der Art im Mittelmeer variieren

zwischen zwei und fünf Jahren. Ein

Beschleuniger dieser Entwicklung: „Thunfischfarmen“,

Dazi spuckt das Wort mehr

als er es spricht. Tatsächlich ist die Bezeichnung

„Farm“ irreführend, denn

nichts wird dort gezüchtet. Im Gegenteil:

Der Fisch für diese Farmen wird mit der

Ringwadennetz-Methode eingeholt: Die

Netze sind zwei Kilometer lang, reichen

bis zu zweihundert Meter tief und werden

um einen ganzen Schwarm Thunfische gezogen.

Mehr dazu im

neuen Heft 02/2012

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Foto ddp Images/AP/David Guttenfelder

Foto Getty Images/AFP/Yoshikazu Tsuno

Seite 59

Unternehmen

Zwischenzeit fetteres Essen gewohnt, so-

Blauflossenthunfisch ausgerechnet nach häuser bedeutet. Was dann den Einkaufsdass

der Rote Thun den neuen japanischen

Italien. Doch bald verschwand er: Hering preis verbilligt…

Geschmack mit der alten Fischtradition

und Makrele waren bereits stark über- Der Flughafen Pantellerias liegt auf dem

kombinierte. Zudem war er unschlagbar

fischt. Kann es einen Zusammenhang ge- höchsten Punkt der Insel. Eine einzige

günstig. Es dauerte nicht lange, bis der

ben? Und kann sich das wiederholen? Straße schlängelt sich in seine Richtung,

Blauflossenthun sich durchsetzte und zur

Schließlich benötigt die Thunfischmast mehr Piste als echte Befestigung. Müll

Sushi-Delikatesse avancierte. Kostete der

Unmengen an kleinen Fischen, denn die rundherum, Verpackungen aller Art. Ein

Fisch damals zwanzig US-Cent das Kilo –

Roten Thune sind Muskelpakete, geschaf- Auto kommt Dazi entgegen und weil die

wenn er teuer war – wird dieselbe Menge

fen nicht um zuzunehmen, sondern um Straße zu schmal ist für beide, fährt er an

heute für 900 Dollar gehandelt.

schnell zu schwimmen: Um ein Kilo den Straßenrand. Und dann steigt er aus.

Mattia Dazi geht zum Auto. Er lässt sich

Fleisch anzusetzen, benötigen sie etwa Er tritt nach vorne und geht nahe an den

mit Schwung in den Sitz fallen und dreht

zwanzig Kilo Fisch. Die Thunfischproduk- Hang. Dazi kneift die Augen zusammen.

das Radio an. Der Moderator redet über

tion vernichtet also deutlich mehr Protein, Die Sonne spiegelt sich im Wasser. Er sieht

das Wetter. Sonne folgt auf Sonne folgt auf

auf das Meer, das so ruhig und regungslos

Sonne. Besser geht es nicht, wenn man

vor der Insel liegt wie ein Handtuch am

rausfahren will. Für eine Sekunde schließt

Flottenreduktion bedeutet Strand. Viele Boote auf dem Wasser? Dazi

Dazi die Augen, bläst Luft durch die Nase,

nicht zwingend, dass es nickt. Das da hinten, das könnte sein Boot

beißt auf die Unterlippe. „Das ist unser

sein. Bestimmt ist es noch da, denn es ist

Fisch“, sagt er. Kann man etwas privatisie-

weniger Schiffe gibt. Oftmals Fangsaison. Er rührt sich nicht. Mehr zu

ren, das allen gehört? Nicht einem Dorf,

sich selbst sagt er: „Wirklich viele Boote.“

wird nur umgeflaggt. Boote

nicht einem Volk, einfach allen? Er lässt

Zu viele für die Fischbestände. Die EU

den Motor an. Der Wagen quält und hus-

großer Fangnationen fahren zahlt daher Programme für die Reduzie- Früher galt Thunfisch in Japan als zu fett. Heute ist er nicht

tet sich zum Start. Dazi schwitzt. Tröpfrung

ihrer Flotte und subventioniert so die nur dort, sondern weltweit der beliebteste Sushifisch

chen rinnen an seiner Wange herunter. Er

dann einfach unter einer Auslistung der Schiffe, deren Bau sie zu-

öffnet das Fenster, die Luft steht. „Irgend-

außereuropäischen Flagge erst mit indirekten Subventionen wie Steujemand

bezahlt immer“, sagt er. Und er

ererleichterungen unterstützt hatte. Flotten Fische, die im Ozean leben, präsidier-

bedauert, dass er das früher nicht verstantenreduktion

bedeutet dabei allerdings te.“ Für Umweltschützer steht die Abkürden

hat. Nicht nur der Fisch verschwin-

als sie schafft. Selbst wenn es gelänge, die nicht zwingend, dass es weniger Schiffe zung ICCAT daher für etwas anderes:

det. Nicht nur die Jobs verschwinden. Das

Tiere zu züchten, würde das nichts am Fut- gibt. Oftmals wird nur umgeflaggt. Boote International Conspiracy to catch all tuna.

ganze Leben verschwindet. Der Fiat arbeiterproblem

ändern. Zumal Fisch im Mit- großer Fangnationen fahren dann einfach Im Flughafenterminal befindet sich ein

tet sich an der Anhöhe ab, die aus dem

telmeer bereits jetzt knapp ist.

unter einer außereuropäischen Flagge und Kiosk, der abgesehen von Kaffee und Tört-

Stadtkern nach draußen führt, Richtung

Seit Langem gibt es Versuche, die Fi- tauchen so in der Flottenstatistik der EU chen nichts verkauft. Es gibt zwei Schal-

Flughafen. „Wie fühlt sich das an, wenn

scherei in der EU nachhaltiger zu gestal- nicht mehr auf – Ziel erfüllt.

ter, einer ist besetzt: Die Frau ist dieselbe,

dein Leben aufgefressen wird?“

ten. Seit Langem werden die Vorschläge Im November 2009 schlugen die Wis- die am gegenüberliegenden Reisebüro die

Ein Leben, geprägt von Tradition. Allei-

verwässert. Denn Fischereipolitik ist eusenschaftler der International Commissi- Tickets verkauft. Das Flugzeug aus Palerne

die spanische Almadraba, eine Stellropäische

Strukturpolitik, in der es darum on for the Conservation of Atlantic Tunas mo ist gerade gelandet. Ein Taxi braucht

netzfangmethode, in Italien unter dem Na-

geht, zumindest kurzfristig Arbeitsplätze (ICCAT) in Madrid ein totales Fangverbot niemand. Dazi geht vor die Tür, er zündet

men Mattanza bekannt, gibt es seit etwa

in strukturschwachen Gebieten zu erhal- vor, da sich der Bestand des Blauflossen- sich eine Zigarette an. Neben ihm hebt ein

3000 Jahren. Dabei wird der Blauflossenten.

Beispiele? 2007 erlaubten die spani- thuns im Mittelmeer um mehr als 90 Pro- Bagger Erde aus. Rohre und Kabel hängen

Massenprodukt: Zwei Drittel des weltweiten Thunfischfangs landen auf Japans Märkten

thun in einem System von Kammern geschen

Behörden die Jagd auf junge Thunzent reduziert habe. ICCAT soll sich zwar in der Luft, der Flughafen wird erweitert.

fangen. Den Beständen hat das nie geschafische,

obwohl das eigentlich verboten ist. um den Erhalt der Bestände kümmern. Die Inselverwaltung erwartet eine große

det. Im Gegenteil: Der Fisch war so häufig,

Und als die französische Flotte im selben Anders als der Name nahelegt, sind dort Zukunft. Nicht für die Fischerei.

Jahren. Ausschlaggebend waren zwei Entte in die USA wuchsen schnell. Aber das dass Gerichte mit ihm in Sizilien unter

Jahr die doppelte der im Vorfeld verein- aber nicht Umweltschützer organisiert, Dazi zuckt die Schultern. Er ist Fischer,

wicklungen, die auf den ersten Blick nichts Geschäft war einseitig. Kaum waren die dem Namen „cucina povera“ bekannt wabarten

Menge fing, passierte: nichts. sondern die 42 Länder, die Blauflossen- kein Fahrer. Er geht zurück zum Auto. Auf

miteinander zu tun hatten: Amerikanische Container im Hafen von Los Angeles entren, die arme Küche. Sogar in der Nord-

Für die andere Seite des Marktes, die thunfisch fangen. Deren Fischereiminis- dem Weg kann er übers Meer sehen. Er

Sportangler an der US-Ostküste entdeckladen, gingen sie leer auf die Reise zurück see war er heimisch – und auch hier so oft

Sushi-Industrie Japans, könnte diese Politer nahmen die Empfehlungen ihrer eige- dreht sich um: „Der Fisch wird im Preis

ten den Blauflossenthun als ebenbürtigen nach Japan. Die Amerikaner produzierten anzutreffen, dass das Arme-Leute-Essen

tik kaum besser sein: Die Thunfischfarmen nen Wissenschaftler zur Kenntnis, mehr nicht sinken, der Preis wird die Jagd an-

Gegner. Sie begannen, den Fisch tonnen- wenig, was die Japaner interessierte. Bis in Hamburg im Sommer gebratener Thun-

sorgen für einen steten Nachschub an Tie- nicht. Und legten die Fangquote auf 13 500 treiben, es gibt zu viele Schiffe, zu viele

weise aus dem Wasser zu ziehen. Der tote einem japanischen Geschäftsmann auffiel, fisch mit Bohnen, Kartoffeln und Gurkenren,

und weil der Fisch ständig verfügbar Tonnen fest. „Wenn es um Blauflossen- Farmen, keine Schutzgebiete. Nichts wird

Fisch wurde entweder verfüttert oder auf dass es Blauflossenthun gab.

salat war. Nur bis kurz vor Helgoland

ist, sind auch die Preise niedriger als es thunfisch geht“, sagt selbst der ehemalige sich ändern.“ Bis der Blauflossenthunfisch

den Müll geworfen. Niemand kam auf die Die US-Fischer waren erfreut, den Thun mussten die Fischer fahren, um auf große

nötig wäre. Was dazu führt, dass die ver- ICCAT-Vorsitzende William T. Hogarth, verschwunden ist. Man muss sich arran-

Idee, ihn zu essen – zu blutig. Etwa zur los zu sein, die Reeder froh, ihre Contai- Fanggründe zu treffen. Deutschland war

bliebenen Fischer mehr fangen müssen, „scheint Wissenschaft keinen Wert zu hagieren, oder? Vor ihm liegt ein leerer Plas-

gleichen Zeit boomte die japanische Unner zu füllen. Durch die US-Besatzung in den 1950er-Jahren eine der größten

wollen sie ihr Einkommen halten. Was ben. Unterm Strich fühlte ich mich, als ob tikkanister. „Nein“, sagt er mit fester Stimterhaltungselektronikindustrie.

Die Expor- nach dem Krieg waren die Japaner in der Fangnationen der Welt. Und exportierte

wiederum mehr Nachschub für die Kühl- ich über das Ableben eines der prachtvollsme. „Das muss man nicht.“ Er zertritt ihn. /


Ein Rechner besteht aus

gut 10 000 Teilen. Einige

davon stammen aus dem

Kongo, wo Kinder z. B. im

Erzabbau arbeiten müssen

Neue intelligente Technologien

helfen Usern, CO 2 einzusparen

Seite 82

Special

That’s IT

In Sachen Umweltschutz ist die IT-Branche auf einem guten Weg:

Sie achtet verstärkt auf den effizienten Einsatz von Energie und

Ressourcen. Um aber langfristig grün und nachhaltig zu werden,

gibt es in einigen Bereichen noch reichlich Nachholbedarf

Gefährliche Schwermetalle,

Weichmacher und andere Gifte in

modernen Kommunikationsgeräten

wie Smartphones stehen in Verdacht,

krebserregend zu sein

TExT Denis Dilba IllusTraTIon Thilo Kasper

Rechenzentren großer Firmen

entstehen zunehmend in

Polarregionen. Die natürliche

Kühlung spart Energiekosten

IT kann grün sein, wenn die

Abwärme der Rechenzentren

zum Heizen genutzt wird

Mehr Smartphones, mehr Laptops,

mehr Tablets: 2 Prozent der

weltweiten CO 2-Emissionen werden

von IT und moderner Kommunikationstechnik

verursacht. Das ist

genauso viel wie der weltweite

Flugverkehr verursacht


Rund zwei Prozent der weltweitenKohlendioxidemissionen

werden durch IT- und

Telekommunikationstechnik

verursacht – so viel wie auch

der globale Flugverkehr produziert. Zu diesem

Ergebnis kam das IT-Marktforschungsunternehmen

Gartner bereits vor

fünf Jahren. „Wir können heute davon ausgehen,

dass dieser Anteil trotz stetig steigender

IT-Nutzung nicht wesentlich größer

geworden ist“, sagt Thomas Tauer,

Chef des Bereichs Data Center Services

bei IBM. Dass das so ist, liegt auch ein wenig

an Tauer: Er baut streng auf Energieeffizienz

getrimmte Rechenzentren.

Früher waren diese mit Serverschränken

gespickten Schaltzentralen wahre

Stromfresser und für mindestens ein Viertel

der IT-Emissionen verantwortlich, so

die Gartner-Studie. Da sah es tatsächlich

noch schlecht mit dem Energieverbrauch

aus, so Tauer, seitdem habe sich aber einiges

auf dem Sektor getan. Die Triebfeder

ist dabei aber nicht unbedingt immer

ein gestiegenes Umweltbewusstsein, weiß

der Green-IT-Experte: „Unsere Kunden

wollen vor allem bei den Kosten für den

Strom sparen.“

Das müssen sie auch. Schließlich benötigt

„Big Data“, wie die stetig und schnell

anschwellende Datenlawine genannt wird,

auch immer mehr Speicherplatz; verursacht

durch immer mehr Smartphones,

Notebooks und Tablets, immer mehr Kommunikation

mit mehr verschickten Videos

und Multimediainhalten. Einer in diesem

März veröffentlichten Studie des

US-Netzwerkausrüster Cisco zufolge war

allein das mobile Datenvolumen 2011 achtmal

so groß wie der gesamte weltweite Internetverkehr

im Jahr 2000.

„Bei gleichzeitig steigenden Energiepreisen

wird der effiziente Betrieb von Rechenzentren

in Zukunft der einzig mögliche

sein“, ist sich Tauer sicher. Julien Ardisson,

Vorstand für das Produktmanagement

des Berliner Webhosting-Unternehmens

Strato AG, teilt die Meinung des IBM-Experten,

ergänzt aber: „Nachhaltigkeit

macht für ein Unternehmen nur Sinn,

wenn es dadurch auch langfristig ökonomisch

am Markt bestehen kann.“ Durch

den strikt reduzierten Energieverbrauch

Seite 83

Special

seiner beiden Rechenzentren spare das

Unternehmen bares Geld, wodurch es sein

Produkt günstiger anbieten könne, so Ardisson.

Energieeffiziente IT wird damit

zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Wie sehr, kann man derzeit auch daran

ablesen, wo die neuen Megarechenzentren

dieser Tage gebaut werden. „Lag die

Priorität früher auf einer guten Datenanbindung

und der Sicherheit eines Standortes,

entstehen neue Bauten heute vor allem

dort, wo genügend Strom verfügbar

und das Potenzial zum Energiesparen besonders

groß ist“, sagt IBM-Mann Tauer.

Da teilweise bis zu 50 Prozent der gesamten

Energiekosten eines Rechenzentrums

für die Kühlung aufgewendet werden

müssen, zieht es die IT-Unternehmen

in den hohen Norden. In diesen Breiten

kann die Computertechnik direkt mit kalter

Umgebungsluft oder Meerwasser und

damit mit besonders wenig Energieaufwand

vor Überhitzung geschützt werden.

„Man braucht keine energiehungrigen Kältemaschinen

mehr, nur noch einfache

Pumpen und Lüfter“, sagt Tauer.

Aus diesem Grund hat Google sein neues

europäisches Rechenzentrum in der finnischen

Hafenstadt Hamina erbaut, es

läuft seit Mitte letzten Jahres. Gekühlt werden

die Serverfarmen mit Hilfe von Meerwasser.

Facebook plant ein mit Polarluft

gekühltes Rechenzentrum im

schwedischen Luleå. Die jährlicheDurchschnittstemperatur

beträgt dort

zwei Grad Celsius. So

eine Luftkühlung,

im Fachjargon

„freie Kühlung“

genannt, lohnt

sich schon deutlich

weiter südlich,

rechnet

Ardisson vor:

„Wir können

unser Rechenzentrum

in Berlin

84 Prozent

der Zeit eines

Jahres allein mit

der Außenluft kühlen.“

IBM will Rechen-

Seite 84

Special

direkt zum Heizen von Gebäuden einset- von Anfang an Hand in Hand gehen, hat

21st Office

zen – oder mit deutlich geringerem Ener- Ende 2011 der Softwareentwickler Q2web

gieeinsatz abkühlen, da fast überall in der aus Pulheim bei Köln demonstriert. Des-

Diese App für Manager fragt nach, ob man

Welt immer weniger als 56 Grad Außensen neue Datenbank Yaacomo kombiniert

selbst oder das Unternehmen nachhaltig und

temperatur herrschen.“

erstmals eine neue Programmiersprache

grün agiert. Herausfinden lässt sich das mit

Resultat ist ein besonders geringer „Po- mit einer neuen Software-Struktur, die

Tests. User können anderen Aufgaben stellen

wer Usage Effectiveness“-(PUE)-Wert. Er stringent auf das Rechnen mit ultraschnel-

und so zum grüneren Handeln bewegen. Au-

setzt die insgesamt in einem Rechenzenlen Grafikkarten-Prozessoren ausgelegt ist.

ßerdem lassen sich in der Community vorgetrum

verbrauchte Energie ins Verhältnis Normalerweise laufen Datenbank-Proschlagene

Ideen für die CO2-Reduktion bewer-

mit der reinen Energieaufnahme der Rechgramme in mannshohen Serverschränken,

ten, verbessern und verbreiten. Zusätzlich klärt

ner. Je weniger Strom für die Kühlung ein- die mehrere Kilowatt Strom benötigen,

die App über schlaue IT auf.

gesetzt werden muss, desto näher rückt aufwendig gekühlt werden müssen und

der PUE-Wert an die bestmögliche Marke dabei auch noch laut brummen. „Daneben

System: Apple & Android

eins. „Werte von unter 1,3 sind schon sehr steht jetzt eine handtellergroße Box, die

Preis: kostenlos

gut, daran arbeiten wir gerade“, sagt Tau- zehnmal weniger Strom benötigt und ohne

er. Ein guter PUE-Wert allein sei aber nur einen Ton den Serverschrank in Grund

bedingt aussagekräftig, so Tauer: „Wenn und Boden rechnet. Und dabei spart und

die Computertechnik alt ist und damit viel spart und spart“, sagt Q2web-Chefentwick-

Web-Riese Google kühlt sein neues Rechenzentrum in der

Energie verbraucht, kann man mit einer ler Dieter Weiler.

finnischen Hafenstadt Hamina mit Polarmeerwasser

effizienten Kühlung trotz hoher Stromkos- Wenn etwa Versandhändler zur Planung

ten sehr gute PUE-Werte erreichen.“ ihrer Einkaufs- oder Lagerkapazitäten eine

Webhoster Strato geht noch einen Analyse der Bestellmengen ihrer Kunden

Schritt weiter: Das Unternehmen hat sei- brauchen, könne das heute schnell mehne

Stromspar-Hardware von Chipherstelrere Stunden Rechenzeit in Anspruch nehler

AMD nach eigenen Wünschen maßmen, so Weiler. „Yaacomo braucht für solschneidern

lassen. „Alle Komponenten che und vergleichbare Aufgaben nur

sind streng auf den richtigen Strombereich Minuten.“ Das Interesse sei groß, nicht

optimiert und kommen ohne überflüssige zuletzt weil Q2web mit ihrer Entwicklung

Komponenten, wie etwa CD-ROM-Lauf- beim Wettbewerb GreenIT Best Practice

werke, aus“, sagt Ardisson.

Award 2011 erfolgreich waren. „Wir tes-

Wie groß das Sparpotenzial ist, wenn ten unsere Entwicklung gerade zusammen

die Hardware- und Softwareentwicklung mit Großunternehmen“, sagt Weiler. Welche

das sind, sei noch geheim. Einige von

ihnen seien aber unter den ersten zehn im

DAX gelisteten.

„Die Energieeffizienz von Rechenzentren

und auch IT-Geräten zu verbessern,

ist auf jeden Fall auch weiterhin wichtig“,

sagt Philipp Rühle von der Nachhaltigkeits-

Ratingagentur Oekom Research. Er sieht

die Hersteller aber noch in einer anderen

Pflicht: „Um wirklich nachhaltig zu werden,

muss die IT-Branche an anderer Stelle

noch deutlich aktiver werden.“ Beispielsweise

auch bei der Vermeidung von

gefährlichen Substanzen in IT-Geräten.

Darunter fallen Schwermetalle wie Blei

und Cadmium, bromierte Flammschutzhemmer,

Arsen und Beryllium oder Weichmacher

in Kunststoffen. Alle diese Stoffe

stünden mehr oder weniger stark in Verdacht,

toxisch, krebserregend oder hormonbeeinflussend

zu sein, sagt Rühle, der

in dem aktuellen Oekom-Branchenreport

StandbyCheck

Um mit dieser App im Haushalt bislang unerkannte

Stromfresser zu enttarnen, ist zunächst

etwas Handarbeit gefragt: Drei Stromzählerstände,

verteilt über insgesamt 30 Stunden,

muss der Sparwillige in das Tool eintippen. Die

Zeitpunkte gibt die Anwendung vor. Die App

berechnet damit den Dauerstromverbrauch. Ist

dieser zu hoch, weist das auf uralte Kühlschranke

oder zu viele Geräte im Stand-by-Modus hin.

FoTos Google

System: Apple, eine Android-Version

soll folgen. Preis: kostenlos

Mehr dazu im

neuen Heft 02/2012

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Seite 85

Special

205 IT-Unternehmen anhand von ökologi- Bedingungen in den Minen arbeiten müsschen

und sozialen Kriterien analysiert hat. sen, weiß auch Oekom-Analyst Rühle.

Zwar hätten zahlreiche Unternehmen „Diese soziale Komponente wird bei der

die riskanten Inhaltsstoffe, allen voran die Nachhaltigkeit leider gerne vergessen, ob-

Flammschutzhemmer und die Weichmawohl sie eine große Rolle in der Bewercher,

in ihren Produkten verringert und tung spielt.“ Die Arbeitsbedingungen, vor

würden teilweise die in Europa und Chi- allem bei den Zulieferern der IT-Industrie,

na geltenden Richtlinien übertreffen. seien extrem schlecht. „Letztendlich brau-

„Noch ist aber nicht abzusehen, wann die chen wir einen fairen Computer“, sagt

Computer- und Elektronikindustrie voll- Rühle. Das sei zwar eine echte Aufgabe,

ständig auf die Verwendung gesundheits- da die rund 10 000 Teile, die in einem

und umweltschädlicher Substanzen ver- Computer stecken, oft von mehreren Hun-

(r)evolution

zichten wird“, sagt Rühle. Denn solange dert Zulieferern kommen, die alle über- Die englischsprachige App von Greenpeace

die Verbraucher jedes halbe Jahr das neuprüft werden müssten. Für möglich hält will nicht weniger, als einen Umbruch starten.

este Smartphone, Tablet oder Notebook Rühle das aber.

Wie schaffen wir den Übergang vom Ölzeital-

kauften, um immer mehr und größere Vi- Die Frage ist letztlich auch: Wird der ter in das der erneuerbaren Energien? Wer sich

deos hin und her zu schicken, und sich per Verbraucher dann bereit sein, mehr für so anmeldet, erhält jede Menge Informationen,

Videokonferenz unterhalten, obwohl sie einen fairen Computer auszugeben? Rüh- News und dazu Aufforderungen zu Aktivitäten,

im gleichen Büro sitzen, solange gleicht le ist zuversichtlich: „Da fairer hauptsäch- um die Energiewende voranzutreiben.

der Zuwachs an Endgeräten den Fortlich eine Anhebung der geringen Löhne

schritt durch Verzicht auf die Gefahrstof- der Arbeiter bedeutet, liegt der Aufpreis

fe wieder aus.

bei maximal zehn Prozent. Ich kann mir

System: Apple iPhone

Preis: kostenlos

Problematisch ist die Entwicklung vor schon vorstellen, dass es in Deutschland

allem für Länder, in denen die Umwelt- einen Markt dafür gibt.“ /

standards nicht konsequent eingehalten

werden. Die gefährlichen Substanzen wir- ============================

ken sich nämlich weniger im Betrieb der sTromsparTIpps Für VErbrauchEr

Produkte aus, sondern erst bei einer nicht

fachgerechten Entsorgung auf der Müll- 1. Windows-Rechner nach 20 Minuten in

halde, wo sie dann das Grundwasser ver- Stand-by, nach 40 Minuten in den Ruhezustand

seuchen. „Auf Unternehmen, die ohne sol- versetzen. Bildschirmschoner fressen Strom.

che Stoffe auskommen, muss man deutlich 2. Tintenstrahldrucker besser nicht ständig anhinweisen,

damit die Verbraucher durch und ausschalten. Bei jedem Anschalten werden

ihr Konsumverhalten Druck ausüben kön- die Druckköpfe gereinigt, das verbraucht

nen“, sagt Tom Dowdall, Koordinator der vergleichsweise viel Strom.

Greenpeace Greener-Electronics-Kampa- 3. Hochwertige Grafikkarten verbrauchen viel

gne. Hewlett-Packard sei in der aktuellen Energie, für das normale Surfen im Internet und

Ausgabe des „Guide to Greener Electro- Arbeiten am Rechner sind sie verzichtbar.

nics“ unter anderem aus diesem Grund 4. DSL-Router und –Modem bei Nichtgebrauch

verdient auf Platz eins gelandet, so der IT- am besten ausschalten. Sie ziehen Strom, auch

Experte von Greenpeace.

wenn sie nicht in Betrieb sind.

Greenit!

In die Greenpeace-Bewertung der Un- 5. Energieeffiziente Computer können bis zu 50

ternehmen aus dem Sektor der Unterhal- Prozent Strom einsparen, erkennbar sind sie am Eine eher spielerische App, die nicht direkt beim

tungselektronik floss neben dem Umgang Energy-Star-Label.

Stromsparen hilft, aber Raum für grüne Fanta-

mit schädlichen Chemikalien, dem Recy- 6. Unter Topgeraete.de finden Verbraucher

sien lässt. Nutzer können Fotos machen und

cling und der Klimabilanz ihrer Produkte energieeffiziente Geräte, gefördert wird die Seite sie durch umweltfreundliche Elemente und sau-

erstmals auch die Lebensdauer der Geräte vom Bundesministerium für Wirtschaft und

bere Technologien wie Solaranlagen verändern.

sowie die verantwortungsvolle Beschaf- Technologie sowie der Energieagentur dena.

Die App richtet sich vor allem an Architekten,

fung der Rohstoffe mit ein. Damit sind in 7. Nach dem Laden von Handy und Co. Netzste- Landschafts- und Stadtplaner sowie Nachhal-

erster Linie sogenannte Konfliktmineralicker ziehen. Ansonsten entstehen „Leerlaufverlustigkeitsaktivisten. Twitter und Facebook helfen

en gemeint, erklärt Dowdall. „Zum Beite“. Das bedeutet, dass das Netzteil zwar keine bei der Verbreitung der ergrünten Bilder.

spiel das Übergangsmetall Tantal aus dem Funktion mehr erfüllt, aber weiter Strom zieht.

Kongo“. Das Erz werde dort häufig von Erkennbar ist das, wenn es warm wird.

Kindern gefördert, die unter entsetzlichen ============================

System: Apple

Preis: 3,99 €


Seite 88

Special

Die Kaputt-Strategie

Kurze Lebensdauer, irreparabel – elektronische Geräte entwickeln sich immer mehr

zu Wegwerfprodukten. Das ist pure Strategie der Hersteller: Der Verbraucher wird

zum Neukauf gezwungen. enorm-Autor Lukas Grasberger will das nicht hinnehmen

Der Frühjahrsputz fördert alten

Ärger ans Tageslicht: Aus einer

Schublade, die beim Einzug

vor fünf Jahren noch leer

war, wuchern jetzt Kabel von

Ladegeräten, in ihr stapeln sich mehrere

Handys und ein MP3-Spieler. Der Anblick

verursacht plötzlich auch ein Gefühl

unbestimmten Unbehagens. Es ist die

Geschichte eigentlich intakter Mobiltelefone,

die nur wenig abgegriffen binnen eines

Jahres in der Schrankwand landeten.

Schließlich hat der Verkäufer im Handy-

Shop noch jede Vertragsverlängerung mit

einem Neugerät versüßt: mehr Pixel,

schneller im Inter-

net, mehr Speicher

und schon wieder

schicker. Es ist auch

die Geschichte eines

iPods, der eine Woche

nach Garantieende

schwere Ausfallerscheinungen

zeigt.

Vielleicht ist die Batterie

kaputt, vielleicht

liegt ein Systemfehler vor: Der so

lässige wie desinteressierte Apple-Service-

Mitarbeiter rät zum Neukauf. Der iPod

wird in die Schublade gepfeffert.

Mehr als 80 Millionen elektronische Leichen

haben die Bundesbürger im Keller,

schätzte unlängst der Bundesverband Informationswirtschaft,Telekommunikation

und neue Medien e.V. (Bitkom). Dabei

hat der Verband nur abgelegte, aber eigentlich

noch funktionsfähige Handys gezählt.

Liegt es am schlechten Gewissen,

dass die deutschen Ramschkisten quasi

elektronische Sondermülldeponien im eigenen

Heim sind? Eine echte Entsorgung

Mehr als 80 Millionen

elektronische Leichen

haben die Bundesbürger

im Keller – und das sind

nur die Handys

TExT Lukas Grasberger IllusTraTIon Thilo Kasper

käme ja einem Eingeständnis gleich: nämlich,

dass jeder hochgiftigen Elektroschrott

produziert, und zwar kiloweise.

Wann hat das überhaupt begonnen, dass

uns elektronische Geräte praktisch in der

Hand wegaltern? Trügt der Eindruck, dass

die Technik gefühlt immer kurz nach Ende

der Garantiezeit den Geist aufgibt? Und

dass wir das vorschnelle Lebensende teurer

Markengeräte achselzuckend hinnehmen,

statt Ersatz oder Reparatur einzufordern,

ist doch höchst erstaunlich.

Bei meiner Spurensuche fällt mir zuerst

Christian Kreutzberg ein. Es liegt vor allem

an Kreutzberg, dass es in meinem Elternhaus

bis heute

keine Elektroschrott-

Schublade gibt. Ging

ein Fernseher kaputt,

Kreutzberg hat ihn

repariert. Und ging

ein Gerät mal wirklich

den Weg aller irdischen

Dinge – der

gelernte Radio- und

Fernsehtechniker hat

es angenommen und ausgeweidet. Seinen

Werkstattladen im oberbayerischen Burghausen

gibt es noch und auch den beeindruckenden

Berg aus Gehäusen, Platinen

und Relais. Sogar ein altes Tonbandgerät

steht da. Doch Kreutzbergs Geschäft ist

schwierig geworden. Lang kann er erzählen

vom Aufkommen der Elektrodiscounter

und dem Niedergang deutscher Qualitätsmarken.

Und davon, dass seit etwa

zehn Jahren jeder in China fertigen lasse.

„Seitdem“, sagt Kreutzberg, „ist mit guter,

kaufbarer Qualität Feierabend.“ Seitdem

wird er überschwemmt mit defekten Geräten,

die er „Geiz-ist-Geil-Ware“, „Plas-

tik-Bomber“ oder „China-Kracher“ nennt.

Doch auch bei sogenannten Qualitätsmarken

muss der erfahrene Techniker passen:

Selbst solchen Firmen telefoniere er monatelang

und letztlich doch erfolglos nach

Ersatzteilen hinterher. „An Reparatur und

Service haben die kein Interesse mehr.“

Meinen iPod wiegt er ratlos in der Hand.

Verschweißt, verklebt, wie viele neue Geräte.

„Zum Wegwerfen“, sagt Kreutzberg.

„Gemacht, um kaputtzugehen“.

Gemacht, um kaputtzugehen – dieser

Satz setzt sich fest. Bei der weiteren Recherche

findet sich ein Buch gleichen Titels:

„Made to break“ von Giles Slade über

„Technologie und Obsoleszenz in Amerika“.

Mein Unbehagen hat nun einen Namen:

Obsoleszenz. „Geplante Obsoleszenz

ist der gebräuchliche Überbegriff für die

diversen Techniken, um künstlich die Lebensdauer

von Industriegütern zu begrenzen

mit dem Ziel, erneute Anschaffungen

zu stimulieren“, schreibt Slade.

Ich beginne, im Netz zu suchen nach

Obsoleszenz, iPod und Reparatur. In Foren

reißen die Vorwürfe bis heute nicht

ab, der Apple-Musikspieler überstehe gerade

mal die Garantiezeit. Die Klagen über

Obsoleszenz-Strategien der Firma waren

gar gerichtsanhängig. Schon 2003 geriet

Apple in die Kritik, da für die in den ersten

iPod eingebauten Akkus kein Austausch

vorgesehen war. Wegen des Akkutauschs

und falscher Angaben über die Laufzeit

strengten US-Kunden eine Sammelklage an

die der Konzern mit einer viele Millionen

schweren Schadensersatzzahlung beilegte.

2005 geißelte die „Stiftung Warentest“ den

iPod als Wegwerfgerät.

Ich frage schriftlich beim Konzern nach:

Fertigt Apple seine Geräte tatsächlich mit


Handys, Fernseher, Telefon, Kopfhörer werden im Eiltempo

durch neue Designs und bessere Technik ersetzt

eingebautem Verfallsdatum? Sind iPods

so konstruiert, dass sie nach einem Jahr

kaputtgehen?

Die Wartezeit überbrücke ich mit „Made

to break“. Bislang, schreibt Slade, wagte

es kaum ein Unternehmen, sich zur Obsoleszenz

zu bekennen. Dabei werde diese

Strategie unter Wirtschaftswissenschaftlern

und Marketingexperten aus der Praxis

seit den 1930er-Jahren offen diskutiert.

Tatsächlich tauchte der Begriff 1932 in

Bernhard Londons Schrift „Die Depression

mit geplanter Obsoleszenz beenden

erstmals auf. Um Konjunktur und Industrie

wiederanzukurbeln, müsse die Regierung

Waren nach bestimmter Zeit juristisch

für „tot“ erklären und dann zerstören

lassen, forderte der Immobilienkaufmann.

Was wie die Einzelmeinung eines Wirrkopfs

klingt, war durchaus mehrheitsfähig:

„In den USA gab es damals eine starke

Bewegung, die Weltwirtschaftskrise

durch eine absolut offensichtliche Obsoleszenz

zu überwinden. Das war eine offizielle

politische Strategie“, sagt die Konsumforscherin

Lucia Reisch.

Die wahrscheinlich entscheidende

Schlacht auf dem Weg zur Wegwerfgesellschaft

wurde Mitte der zwanziger Jahre in

Mehr dazu im

neuen Heft 02/2012

========================

Seite 90

Special

iPod haben willst, musst du mindestens wirklich im Voraus berechnen? Und wird könnte. Und das machen die Firmen dann.

jährlich einen neuen kaufen.“ Wie also hält das praktiziert? Fragen dazu an For- Da wird gespart, wo es geht.“

es Apple mit der geplanten Obsoleszenz? schungs- und Entwicklungsabteilungen Anders sieht es bei Firmenkunden aus.

Der Konzern hat meine Fragen mit nur ei- versanden in höflich-ausweichende Ant- Dort kann man sich kaum geplante Obsonem

Satz beantwortet: Apple, schreibt worten. Oder in Schweigen.

leszenz leisten, für den höheren Preis wird

Pressesprecher Georg Albrecht, plant kei- Wer bereitwillig Auskunft gibt, ist Olaf Qualität verlangt. Die Gefahr, einen Kunnerlei

Obsoleszenz seiner Produkte. Ein Wittler vom Berliner Fraunhofer-Institut den durch ein Schrottprodukt zu verär-

Satz, der im Widerspruch zu einer Aussa- für Zuverlässigkeit und Mikrointegration gern, ist viel zu hoch, da Anschlussaufträge

in Slades Buch steht. Die Lebensdauer (IZM). Der Ingenieur

ge verloren gingen

gerade elektronischer Produkte werde sucht für Hersteller

und hohe Verluste

schon seit den fünfziger Jahren nicht mehr Antworten auf die Wenn ein Gerät unerwartet entstünden. „Wenn

dem Zufall überlassen, sondern systema- Frage: „Wie schaffe etwa drei statt nur einem es sehr hochwertige

tisch geplant, „mit erschreckender Präzi- ich es, dass mein Ge-

Produkte sind, hat

sion durch wissenschaftliche Produkt- und rät am Ende so lange Jahr halten würde, dann sich der Kunde sehr

Materialforschung“. Death Dating nennt hält, wie ich mir das

genaue Gedanken

wäre das schlecht

Slade diese Ingenieurskunst. Bekannt ist, wünsche?“ Dafür

über die Langlebig-

dass das „Todesdatum“ bei Glühbirnen nimmt Wittler etwa

keit gemacht, weil es

festgelegt wurde: Das Phoebus-Kartell, ge- ein Handy und steckt es in den „Drop-Tes- eben mit hohen Kosten verbunden ist,

gründet von den führenden Herstellern, ter“. Befestigt an der Schiene in einem wenn’s nicht lange genug hält. Ein Beispiel

setzte 1924 durch, dass ihre Birnen künf- Glaskasten saust es dann mit einem ist die Automobilelektronik. In diesem Getig

nur noch 1000 statt vorher 2000 Stun- „Plopp!“ gen Boden. Hundertmal. Tauschäft wird intensiv getestet, berechnet

den leuchten sollten.

sendmal, bis es ausfällt. Manchmal lässt und analysiert, weil man eine recht lange

Doch was hat das Beispiel der Glühbir- Wittler die Geräte auch im weißen runden Lebensdauer für relativ geringe Kosten rene,

deren Lebensdauer sich einfach durch Shaker durchschütteln, stundenlang, taalisieren muss. Im Consumer-Bereich ist

dickeren oder dünneren Draht einstellen gelang. Vibrationen, wie sie sonst bei Zug- das weniger kritisch“, sagt Wittler.

lässt, mit komplexen elektronischen Ge- oder Autofahrten vorkommen. Die Zahl Es ist der große Kostendruck der ITräten

von heute gemein? Lässt sich das To- der gewünschten Belastungszyklen gibt Branche, der Obsoleszenz in immer grödesdatum,

etwa mei-

der Hersteller vor. Die mittlere Lebensßerer Geschwindigkeit vorantreibt. Schon

nes iPod,

dauer von Bauteilen lässt sich so genau tes- 1965 formulierte der Gründer des Chipten

– oder auf Basis der Tests mit Compuherstellers Intel, Gordon E. Moore, einen

tersimulationen systematisch berechnen. Satz, der bald Gesetz für alle späteren Pla-

Auch für die Hersteller von Unterhalnungen der Branche werden sollte: Mootungselektronik

hat Wittler ein Prores Law postulierte, dass sich die Leistung

gramm zur Lebensdauer-Berechnung für den Prozessor, dem Herz jedes Com-

entwickelt. Das Ziel der Hersteller: puters, alle eineinhalb bis zwei Jahre ver-

eine Lebensdauer, gerade lang gedoppeln sollte. Damit gab Moore den Startnug,

dass der Markt das Produkt schuss für den immer noch anhaltenden

nicht als Schrott zurückweist. Wettlauf der IT-Unternehmen, die hohe

Eine Lebensdauer, gerade Kosten in die Entwicklung immer leis-

kurz genug, um möglichst am tungsfähigerer Chips stecken müssen, um

Material zu sparen. Und konkurrenzfähig zu bleiben.

wenn ein Gerät unerwar- Wie diese Wachstumsspirale funktiotet

etwa drei statt nur einiert, hat Hans Dieter Hellige, Professor

nem Jahr halten würde? für Industrial Ecology, Technik und Kon-

„Dann“, sagt Wittler, sum an der Universität Bremen unter-

„wäre das natürlich sucht. „Das sind immense Investitionen,

schlecht.“ Denn zum die sich nur durch einen drastischen An-

einen wäre dann das stieg der Ausstoßmengen amortisieren“,

Gerät zu lange am sagt Hellige – also indem die Masse an

Markt, bevor der Kunden immer mehr kauft.

K u n d e e r n e u t In den 1980er-Jahren gewöhnten Mi-

kauft. „Zum anderen crosoft und Intel die Computernutzer ge-

sind da dann noch Matezielt daran, Software wie Rechner alle zwei

rialkosten, die ich reduzieren Jahre auszutauschen: Die immer leistungs-

Zum Auswechseln des Akkus braucht

man beim iPod spezielles Werkzeug

Seite 91

Special

fähigere Windows-Software fraß die eben- Doch neuerdings formiert sich Wider- Community hat sogar ein ironisches, klasfalls

stetig verbesserten Hardware-Ressourstand gegen den geplanten Wegwerf- senkämpferisches „Manifest der eigenstäncen

schneller und schneller auf. Mit der Wahnsinn: Mit einem neuen Internet-Pordigen Reparatur“ veröffentlicht. Eine wich-

massenhaften Verbreitung des Mobilfunks tal unter dem Motto „Murks, nein danke!“ tige Parole: „Wenn du es nicht reparieren

gelang dann endgültig die „Taktung will der Berliner Stefan Schridde nicht we- kannst, gehört es dir nicht.“

des Verbraucherverhaltens durch das niger als einen Bewusstseinswandel bei Weiher gibt Hilfe zur Selbsthilfe – für

Moore’sche Gesetz“, wie es der Bremer Herstellern anstoßen. Den Druck dafür iPhones, auch für iPods. „Wenn jemand

Professor formuliert. Der scharfe Wettbe- will er aufbauen, indem er Meldungen von keine Anleitung hat, kriegt er es nie selber

werb zwinge die Provider jährlich zu Ge- Produkten sammelt, die auf geplante Ob- auseinander. Wenn er es versucht, macht

bührensenkungen, die diese durch immer soleszenz setzen. Die Nutzer sollen „her- er es kaputt.“ Wäre auch mein iPod wie-

neue Verträge, immer neue Tarife komaus aus der Vereinzelungsfalle“ – und erder zum Leben zu erwecken? Ifixit sei gepensieren

müssen. Als Lockmittel dafür kennen, dass der vorschnelle Verschleiß rade für Laien gemacht, sagt Weiher.

setzen sie subventionierte Handys ein, so Methode hat. Eine kritische und große „Mach es. Du schaffst das!“

Hellige. Um Kunden zu binden, halten die Community könnte Hersteller dann mit Eine Woche später liegt ein neuer Akku

Anbieter diese mit einem fein abgestimm- fundierten Vorwürfen konfrontieren. auf meinem Schreibtisch, daneben zwei

ten Rhythmus neuer Features oder Schein- Markus Weiher aus Weisendorf bei Er- Werkzeuge, die Plastik-Skalpellen ähneln.

innovationen im „ständigen Sog des vorlangen geht einen anderen Weg. Weiher Knapp zehn Euro hat das Set im Internet

zeitigen Produktwechsels“. Die Folge: ist Reparier-Revoluzzer, Hunderte ver- gekostet. Butterweich gleitet das Plastik-

Vertragsdauer und Lebensdauer der Momeintlich hoffnungslos kaputter MP3- werkzeug in die Seitennaht, vorsichtig löse

biltelefone haben sich angeglichen. Spieler, Telefone und Notebooks hat er in ich die Platte. Es fühlt sich neu und ein

„Apple“, sagt Hellige, „ist auf jeden Fall seiner Dachgeschoß-Wohnung wieder zum wenig verboten an, Zögern und Bangen

Treiber dieser Obsoleszenz.“ Die durch Laufen gebracht. „Ich wollte diesen Kon- stehen vor jedem Schritt. Eine gefühlte

aggressives Marketing geschürte psychisumterror nicht mehr machtlos mitma- Ewigkeit später löst sich der Akku tatsächsche

Obsoleszenz gehe dabei Hand in chen. Und es gibt viele, die ticken wie ich. lich aus dem Gehäuse, der neue passt.

Hand mit „Maßnahmen gezielter Pro- Die bisher einfach keine Plattform hatten“, Nach einer weiteren halben Stunde ist die

duktverschlechterung, wie durch nicht er- sagt der Franke. Gleichgesinnte hat er bei Abdeckplatte wieder geschlossen. Das Geneuerbare

Akkus oder durch technische ifixit.com gefunden, einer amerikanischen rät läuft. Mein iPod gehört wieder mir. /

Schwachstellen wie der Verwendung ver- Internetseite, auf der die Nutzer sowohl

============================

formbarer Plastiksorten“.

Fragen stellen als auch Reparaturanleitun-

sElbsThIlfE Im nETz

Die Umweltfolgen der Obsoleszenz-Spigen hochladen können.

rale sind erschreckend: Die PC-Lebens- 1400 Fragen hat der frühere Handy-Ser-

Nicht alle wollen sich damit zufrieden geben, dass

dauer schrumpfte von zehn Jahren im Jahr vicetechniker Weiher beantwortet, als ei- man Dinge neu kaufen muss, wenn der Akku oder

1980 auf heute zwei Jahre. Waren Telefoner der Ersten hatte er das neueste iPho- ein anderes Teil seinen Dienst versagt. Einige

ne früher Jahrzehnte in Gebrauch, so werne in der Hand. Apple-Jünger hätten es Websites bieten Hilfe und Anleitung zur

Selbstreparatur:

den Handys heute nach 18 bis 24 Mona- wie ein Heiligtum gehütet, Weiher hat es

www.murks-nein-danke.de

ten gewechselt. In der EU wächst der Berg respektlos zerlegt. Das Fazit auf der Seite

www.ifixit.com

aus Elektroschrott dreimal schneller als von ifixit: Apple betrachtet die Selbstrepa-

der des sonstigen Mülls, in Indien wird ratur als Bedrohung, „sie machen es dir www.teamhack.de

2020 allein das Aufkommen aus alten Han- immer schwerer, dein Telefon aufzube- www.deutschland-repariert.de

dys 18-mal höher liegen als 2010, so eine kommen. Die ifixit-Gemeinschaft ist be- www.insidemylaptop.com

Schätzung der Vereinten Nationen. reit, diesen Kampf auszufechten.“ Die ============================

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Weitere Highlights der

Ausgabe 2/2012

AUFTAKT

Erdumrundung

Bochumer Studenten haben ein

Solarfahrzeug entwickelt, mit dem sie in

12 Monaten einmal um die Welt fahren

UnTernehmen

Die Leiden des Ioannis

Eine griechische Klinik behandelt

erfolgreich Alzheimerpatienten –

und steht wegen der Finanzkrise vor

dem Aus. Jetzt wollen es Mitarbeiter als

Sozialunternehmer versuchen

Die Reise einer Jeans

Jeans trägt jeder, die sozialen und

ökologischen Auswirkungen sind

den wenigsten bewusst. enorm zeichnet

den Lebensweg einer Jeans nach

PoliTiK & GesellschAFT

Kap des guten Willens

Knapp 20 Jahre nach der Apartheid werden

die sozialen Probleme in Südafrika kaum

von der Regierung gelöst. Vielmehr packen

die ehemals Unterdrückten sie an

Weitere Themen dieser und aller bisher

erschienenen Ausgaben finden sie unter

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Die Reise der Jeans

TUNESIEN,

Jeans sind bequem, robust, sexy, beliebt. Keine

5,1 MIO

andere Hose ziehen die Deutschen häufiger an,

zwischen drei und fünf Exemplare besitzt jeder

im Schnitt. Die sozialen und ökologischen Folgen

der Produktion sind dagegen kaum bekannt.

enorm zeichnet die Lieferkette einer Jeans nach

RECHERCHE Juliane Franze, Henrik Beermann / GreenDeltaTC ILLUSTRATION Nina Eggemann

1

Baumwollproduktion

Kleidung wird seit Jahrtausenden aus Baumwolle

hergestellt, der Rohstoff deckt heute

etwa 40 Prozent des gesamten Textilfaserverbrauchs

ab. Die Produktion benötigt viel

Wasser: Pro Kilo Baumwolle sind es zwischen

10 000 und 17 000 Liter, in trockenen Gegenden

wie dem Sudan bis zu 29 000 Liter. Auch

der Einsatz von Pestiziden ist hoch: Laut WHO

sterben jedes Jahr rund 10 000 Menschen allein

durch Schädlingsbekämpfungsmittel im

Baumwollanbau. Weit mehr Arbeiter tragen

Erkrankungen der Atemwege, Haut, Augen

und Nerven davon und haben ein hohes Risiko,

an Krebs zu erkranken. In Usbekistan verpflichtet

der Staat Kinder dazu, die Baumwolle

auf den Feldern zu pflücken.

Seite 48

Kettentaucher

SüD AfRiKA

2

Kapstadt Port Elizabeth

Anschauungsmaterial

======================================

I

mmer nur Weißbrot“. Tim Skerra schüttelt es ein

wenig, wenn er an die Tour durch die USA denkt.

„Deutsches Essen hat mir echt gefehlt“, schiebt

er hinterher und es klingt verwundert. Ist ja nun

Gottseidank vorbei – zumindest gibt es für ein

paar Tage heimische Küche, ehe der 23-jährige Teamleiter

einer 30-köpfigen Studentengruppe der Hochschule

Bochum weiterreist Richtung Osten nach China.

Die Truppe hat sich Großes vorgenommen: innerhalb

eines Jahres mit einem selbst gebauten Solarfahrzeug

die Welt umrunden. Ein Jahr lang haben sie am Solar

World Gran Turismo herumgetüftelt, finanziert von

Sponsoren wie Solarworld und DHL. Das kanariengelbe

Fahrzeug ähnelt einem Rennwagen mit vertauschtem

Vorder- und Hinterteil, doch die Form dient weniger

dem Tempo, vielmehr der Effizienz. Sonnenenergie,

eingespeist über Solarpaneele auf dem Autodach, treiben

den Solar World GT auf bis zu 50 km/h an.

Mit der Weltumrundung wollen die Bochumer die

Alltagstauglichkeit und Effizienz von solarbetriebenen

Fahrzeugen demonstrieren. Seit Oktober letzten Jahres

hat das Team Australien, Neuseeland und jetzt eben die

USA durchquert. Ende April startet sein Team die Europa-Tour

in Italien: „Dichter Verkehr und kürzere Strecken,

das wird nochmal richtig spannend“, sagt Tim.

Ein Zwischenstopp in Bochum ist auch geplant – auf ’ne

Currywurst. Alles zur Tour: www.solarworld-gt.de /

TÜRKEI,

15,4 MIO

Pretoria

Johannesburg

Sunshine-Tour

CHINA,

76,5 MIO

PAKISTAN,

14,7 MIO

BANGLADESCH,

34,8 MIO

Die fünf wichtigsten Jeans-

Importländer Deutschlands

(Stückzahlen 2010)

Garnproduktion/

Stoffproduktion

Um Baumwolle spinnen zu können, müssen

die Fasern gesäubert und gelockert werden,

zum Teil wird Kunstfaser beigemischt. In

China, Indien und Pakistan werden mehr als

dreiviertel aller Garne gesponnen, China ist

auch der weltgrößte Produzent für Baumwollgewebe.

Bei der Reinigung der Fasern

und ihrer Veredelung kommen Waschmittel

und zahlreiche Chemikalien zum Einsatz, zudem

wird auch hier viel Wasser verwendet:

Um ein Kilo Baumwolle zu färben, sind 60 bis

100 Liter Wasser nötig.

„Nachhaltigkeit ist

nicht über Nacht

umsetzbar.“ Justin

Smith vor der

Woolworths-Zentrale

Ebenso wenig wie eine Karriere als So- Asien. Ihre Ermächtigung ist aber nicht Dollar in Arbeitsbeschaffungsprogramme,

zialunternehmer wie die von Magrieta Lee- bloß moralisch motiviert, sondern soll die 2,5 Millionen neue Jobs bringen soluschit.

Sie ist inzwischen Miteigentüme- Wachstum bringen. Zwar gilt Südafrika len. „Auf jeweils drei Jahre angelegte Plärin

von Isikhwama. 25 Prozent der als wirtschaftliche Lokomotive des Kontine fördern die Branche der Small and

Taschenmanufaktur gehören ihr, 75 Pronents; das Wachstum lag in den vergange- Medium Enterprises und die der Sozialzent

halten zwei weitere Shareholder. nen Jahren stets bei mehr als 3 Prozent, unternehmen“, heißt es aus dem Wirt-

Zweimal im Jahr erhalten alle Mitarbeiter für 2012 sieht die Prognose ein Plus von schaftsministerium DTI (Department of

einen Anteil des Gewinns ausbezahlt – die 4,1 Prozent vor. Doch die positiven Zah- Trade and Industry) in Pretoria.

44-Jährige nutzt ihren, um den Beteililen können kaum kaschieren, dass die so- Weil die junge Demokratie auf sich algungskredit

nach und nach abzuzahlen. zialen Probleme, mit denen Regierungslein gestellt überfordert ist, ging der Staat

In Südafrika sind Aufstiege wie diese chef Jakob Zuma konfrontiert ist, weiterhin früh dazu über, auch die Wirtschaft in die

nicht selten. Fast zwei Jahrzehnte nach groß sind: Es gibt 5,7 Millionen Steuer- gesellschaftliche Arbeit einzubinden. Ne-

dem Ende der Apartheid spielt Wiedergutzahler, aber fast 15 Millionen Sozialhilfeben dem BEE existieren eine Reihe von

machung an der schwarzen Bevölkerung empfänger. Die Arbeitslosenquote liegt Gesetzen, die die Verantwortung von Un-

nach wie vor eine wichtige Rolle. Das Ziel: zwischen 30 und 40 Prozent, in den Townternehmen benennen und regeln. Doch

Die „historisch benachteiligten Gruppen“, ships sind es bis zu 80 Prozent.

noch immer haben viele CSR-Maßnahmen

wie sie offiziell heißen, sollen am gesell- Angesichts dieser Zahlen wurde der einen für Südafrika typischen karitativen

schaftlichen und wirtschaftlichen Leben BEE-Act deshalb von der Regierung im- Charakter. Und die meisten dienen ledig-

teilhaben. Dafür schuf die Regierung des mer weiter modifiziert, um besser und gelich dazu, das Image der Unternehmen in

African National Congress (ANC) 2003 zielter einer breiten Bevölkerung zu die- puncto Nachhaltigkeit zu polieren.

den „Black Economic Empowerment“ Act nen. So steckt man inzwischen zum Das gilt nicht für das Wirken der zahl-

(BEE). Das Gesetz regelt die Wahl des Per- Beispiel viel Energie in die Stärkung der reichen Sozialunternehmen, die in Südafsonals

und die Kultur in den Unterneh- Arbeitsmarkt-Agenturen. Den Menschen rika in den letzten Jahren mehr und mehr

men. Kritiker sagen, es fördere so wiede- soll eine bessere Ausbildung zukommen, entstehen. Viele werden zunächst als

rum die positive Diskriminierung. auch das ist eine Aufgabe der Agenturen. NGOs gegründet, entwickeln aber im Lau-

Rund 90 Prozent der Bevölkerung sind Gleichzeitig steckt man seit 2003 mithilfe der Jahre Modelle für soziales Unter-

Schwarze, Coloureds oder stammen aus fe der Europäischen Union 70 Millionen nehmertum, mit denen sie die sozialen

3

FoTo imago/Gallo Images

Quellen DIW Berlin, Auswärtiges Amt, Germany Trade & Invest, BMZ, Impact Investing

Stolze Besitzerin: Magrieta Leeuschit

gehören heute 25 Prozent der

Taschenmanufaktur, in der sie früher als

Näherin beschäftigt war

Zentrum des Wandels: Kapstadt mit Town und Tafelberg

Seite 75

Länderreport

Die Ermächtigung der Benachteiligten ist nicht nur

moralisch motiviert, sondern soll Wachstum bringen

enorm

www.enorm-magazin.de

Nummer 2 April / Mai 2012

Hauptstadt: Pretoria

Fläche: 1,22 Mio. km2 LäNDERPROFIL

SüDAFRIKA

(3,4-mal so groß wie

Dtld.)

Bevölkerung: 50,59 Mio. Einwohner

Amtssprachen: Zulu, Xhosa, Afrikaans, Englisch,

Ndebele, Nordsotho, Südsotho, Setswana, Swati,

Tsonga, Venda

Währung: Südafrikanischer Rand

Staatsform: Präsidialdemokratie mit föderativen

Elementen

Staatsoberhaupt: Jacob Zuma (ANC)

BIP: 396 828 Mio. Euro (2010)

Nominales BIP pro Kopf: 5420 Euro (2010)

Reales Wachstum: 4,1% (Prognose 2012)

Arbeitslosenquote: 24% (2012)

Wirtschaft: Grundsätzlich nagt ein Strukturwandel

an den großen Branchen Bergbau und

Agrarwirtschaft, dafür nimmt die Bedeutung

von verarbeitender Industrie und Tourismus zu.

Den größten Beitrag des BIP leistet gegenwärtig

der Dienstleistungssektor mit rund 65 Prozent.

Dazu zählt auch der Tourismus, der mit über 7

Millionen Gästen und 2,3 Mrd. US-Dollar zum

BIP beiträgt. Hinsichtlich der Biodiversität ist

Südafrika eines der reichsten Länder der Welt.

Geschichte: Bis 1994 herrschte in Südafrika

eine strenge Rassentrennung (Apartheid). Die

Wahl des ersten schwarzen Präsidenten, Nelson

Mandela, markierte das Ende des von der weißen

Bevölkerungsminderheit getragenen Apartheid-

Regimes. Wirtschaftlich und sozial betrachtet

ist Südafrika noch 18 Jahre nach dem Ende der

Apartheid gespalten: Die Schere zwischen Arm

und Reich ist dort weltweit am größten.

Politik: Seit dem Ende der Apartheid versucht

die ANC-Regierung durch die gezielte Förderung

von Nicht-Weißen deren ökonomische Benachteiligung

abzubauen. Seit 2003 unterstützt ein

Gesetz, der BEE-Act, diese Bestrebungen. Die

Politik der Broad Based Black Economic Empowerment

ist allerdings heute umstritten. Kritiker

beklagen Korruption und einseitige Elitenförderung

sowie eine Diskriminierung der Weißen.

Die Forderung der Piratenpartei nach Transparenz

setzt die Wirtschaft unter Druck. Sie muss sich

öffnen, sonst verliert sie weiter an Vertrauen

Wie die Gier nach Geld den

Roten Thunfisch ausrottet

=========================================

Vorweg oder hinterher?

RWE und die Energiewende

=========================================

Die Kaputt-Strategie:

Sollbruchstellen in

Elektronik-Geräten

SPeCiAL

=================================

IT-Branche:

Auf grün

programmiert

10 SeiteN

Seite 36

Unternehmen

Seite 49

Kettentaucher

Jeansproduktion

Jeans werden mit zahlreichen Chemikalien Pflicht, 80 bis 100 Stunden Gesamtarbeits-

behandelt, etwa um Falten zu fixieren, die zeit pro Woche keine Seltenheit. Verträge

Stoffe zu bleichen oder knitterfrei zu halten. besitzen die Arbeiter häufig nicht, die Sicher-

Der Verdienst in den Fabriken ist meistens heitsvorkehrungen sind schlecht. Junge Frau-

niedrig, er liegt zum Teil unter den gesetzlien, die beschäftigt werden, sind nach mehchen

Mindestlöhnen. Wer Fehler macht, wird reren Jahren Arbeit ausgelaugt. Erkranken

mit Lohnabzügen bestraft. Überstunden sind sie, müssen sie unbezahlten Urlaub nehmen.

Um den gebrauchten Look einer Jeans zu erzeugen,

werden die Hosen häufig mit Sandstrahlern

bearbeitet. In Europa ist die Technik

verboten, weil Arbeiter häufig an Staublungen

erkranken und zum Teil daran sterben. In

Bangladesch wird das Sandstrahlen laut der

NGO Kampagne für Saubere Kleidung unvermindert

fortgesetzt. Ein Arbeiter sagte, dass

es in seiner Fabrik aussieht „wie in einer Wüste

während eines Sandsturms“.

Transport/Handel

Eine Jeans legt im Schnitt per Flugzeug, Lkw

und Schiff 19 000 Kilometer zurück, bevor sie

im Handel ankommt. Die ökologischen Auswirkungen

des Transports sind trotzdem vergleichsweise

gering. Der durchschnittliche

Einfuhrwert einer Jeans lag 2008 bei 9,57

Euro; Hosen aus China kosteten im Schnitt

6,93 Euro, aus Bangladesch 4,72 Euro.

5

Entsorgung/Recycling

Nutzung

400 000 bis 600 000 Tonnen Alttextilien

landen in Deutschland jährlich auf dem Müll,

Rund 80 Prozent des Energie- und Wasser-

bei der Verbrennung entstehen zum Teil

verbrauchs entlang der Wertschöpfungsket-

hochgiftige Substanzen. Von den gesammelte

entfallen auf das Waschen, Trocknen und

ten Kleidern landen 40 Prozent als tragbare

die Pflege der Jeans durch den Konsumen-

Gebrauchtkleider zumeist in Osteuropa und

ten. Jeder Deutsche verbraucht im Schnitt

Afrika, 35 Prozent als Rohstoff in der Putz-

fast acht Kilogramm Waschmittel im Jahr,

lappenindustrie und 10 Prozent als Rohstoff

hinzu kommen Weichspüler und weitere

in der Vliesindustrie. Von den Textilien und

Hilfs- und Pflegemittel.

Jeans, die in der Altkleidersammlung landen,

werden rund 30 Prozent in Afrika zu Preisen

verkauft, die Arme sich nicht leisten können.

QUELLEN Baumwollboerse.de, Cottonusa.de, Wupperinst.org, Oeko-fair.de, Wilabonn.de, Waterfootprint.org,

Umweltinstitut.org, Dol.gov, Kampagne Saubere Kleidung, Bettercotton.org, Destatis,

Greenpeace.at, Eco-info.de, Südwind Institut, Levi Strauss, Umweltbundesamt, Abfallshop.de

4

6

Seite 11

Anschauungsmaterial

Mit Hirn und Controller:

Sozial-Innovator Ioannis Tarnanas

hofft auf Rettung

TexT Lillian Siewert

FoTo Hochschule Bochum

W

Seite 73

Länderreport

Kap des

guten Willens

Knapp zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid bekommt Südafrikas Regierung die sozialen

Probleme nur langsam in den Griff. Die großen Unternehmen packen kaum mit an, umso mehr aber

die ehemals Unterdrückten. Schließlich kennen sie die Gründe für das Leid im Land am besten

TexT Kerstin Walker FoTos Sabine Braun

M

Seite 37

Unternehmen

Die Leiden des Ioannis

Eine Klinik-Vereinigung in Thessaloniki behandelt Alzheimer-Patienten erfolgreich mit

einem einzigartigen Konzept, finanziert vom griechischen Staat. Aufgrund der Finanzkrise hat

der aber nun alle Zahlungen eingestellt. Es schlägt die Stunde der Sozialunternehmer

TExT Urs Fitze FoTos Grigoris Siamidis

o war sie nochmal, die so viele sein. Die Experten sind sich einig: worden, verschwitzte Arzttermine oder

Cornflakes-Schachtel? Es ist höchste Zeit, neue Wege zu gehen verstaute Dinge im Kühlschrank, die da

Und in welchen der in der Behandlung, die über das bloße Ver- nicht hingehörten. Nichts Schlimmes, aber

Schränke gehört sie? Iowahren der Patienten hinausgehen. Sozi- ein untrügliches Anzeichen für eine „leichannis

Tarnanas wiegt al-Innovator Tarnanas und seine Kollegen te kognitive Beeinträchtigung“ (englisch

den Kopf und sagt: „Gar nicht so einfach, von der Klinik haben einen dieser vielver- Mild Cognitive Impairment, MCI), der

wenn man nicht gut aufgepasst hat.“ Der sprechenden Wege gefunden – und dro- Vorstufe zu allen Formen von Demenz.

37-jährige Psychologe und Software-Ingehen nun im Sog der Finanzkrise unterzu- Seither kommt sie regelmäßig in die Klinieur

mit Spezialgebiet virtuelle Realität gehen. Wenn es nicht zu abgedroschen nik, eine von vier auf Alzheimer-Patienten

hat die Schachtel beiläufig am Computer- klänge, man müsste von einer griechischen spezialisierten ambulanten Einrichtungen

Bildschirm vom Küchen- auf den Salon- Tragödie sprechen. Eine Tragödie, die nur in Thessaloniki.

tisch einer mediterranen Wohnung ver- noch durch ein Wunder abgewendet wer- Betreiberin ist die griechische Alzheischoben.

Als Steuer dient ihm ein den könnte – und das vielleicht nicht nur mer-Vereinigung, die, angeschoben mit

Controller, wie man ihn von Ballerspielen für Ioannis Tarnanas Rettung und Chan- Geldern der Europäischen Union, dieses

kennt. Doch hier sollen am Controller keice auf ein Leben als Sozialunternehmer europaweit einmalige Pionierprojekt seit

ne jungen Menschen mit ein paar wild ge- bedeuten würde.

2007 aufgebaut hat. 2000 Patienten werwordenen

Fabelwesen kämpfen, sondern

den ambulant und ohne Abgabe von Me-

alte Menschen gegen das Vergessen.

dikamenten therapiert. Es sei besser ge-

Tarnanas sitzt in einem schmucklosen „Es mag erstaunen, aber mitworden mit ihrer Vergesslichkeit, sagt

Büro im fünften Stock der Tagesklinik Hei-

Tsotsiou. Der 75-jährige Georgios Terliger

St. Johann im Zentrum der nordgriehilfe der virtuellen Realität topoulos am Nebentisch pflichtet ihr bei:

chischen Stadt Thessaloniki. Wenige Tü- können wir bestimmte

„Ich bin fast täglich hier. Und das Rechren

weiter sitzen Alzheimer-Patienten, die

nen wird immer besser“.

hier ambulant betreut werden, an den Vorgänge im Gehirn im

Ihren Alltag meistern die beiden weit-

Computern und trainieren ihr Gehirn mit

gehend problemlos. Doch so richtig von

Maßstab eins zu eins real

dem Computer-Programm von Tarnanas,

Alzheimer wollen sie nicht sprechen. Sie

das er gemeinsam mit Kollegen in Italien auslösen und trainieren“ reden sich heraus, spielen ihre Befindlich-

und Kalifornien entwickelt hat. Sie wankeit

herunter, tun so, als ob sie nichts wirkdeln

mit dem Joystick durch eine virtuellich

Ernstes hätten. Alzheimer ist in Griele

Alltags-Welt und müssen Aufgaben lö- Der Mann mit dem Fünf-Tagebart und chenland eine aus dem öffentlichen

sen. Tarnanas sagt: „Es hilft ihnen, ihr den melancholischen Augen öffnet eine Bewusstsein verdrängte Krankheit – und

Gedächtnis zu verbessern und so den Weg der Türen. Mit dem Mauszeiger verbindet wer an ihr leidet, ist mit seiner Familie

in die absolute Finsternis möglichst lang Pascalina Tsotsiou am Computer zwei geo- mental auf sich alleine gestellt.

zu machen.“

metrische Figuren mit geraden Linien: Tsotsiou und Tertopoulos ahnen es: Der

Es sind Programme, die eine der größ- Rechteck zu Rechteck, Quadrat zu Quad- Tag wird kommen, an dem sie ihr Leben

ten Volkskrankheiten des Globus bekämprat. Dann wechselt die 70-Jährige zu ihrem nicht mehr alleine meistern können; der

fen sollen: 60 Prozent der weltweit 24 Mil- Lieblingsspiel: Es gilt, verschiedene geo- Tag auch, an dem ihr Gehirn so geschädigt

lionen Demenzpatienten leiden an metrische Formen so zu ordnen, dass sie sein wird, dass praktisch alles, was mit Be-

Alzheimer, in Deutschland sind es 1,3 Mil- sich ineinanderfügen. Tsotsiou bemerkte wusstsein, Verstand und Denken zu tun

lionen. Im Jahr 2050 werden es doppelt es vor drei Jahren. Sie war vergesslich ge- hat, verschwunden sein wird.

agrieta Leeuschit war Nä- Die Zusammenarbeit der beiden Unterherin.

Mit wenigen Stinehmen basiert auf einem Versprechen.

chen brachte sie Henkel Woolworths, nicht zu verwechseln mit

an Tragetaschen aus Re- dem fast gleichnamigen britischen Koncyclingmaterial

an. War zern, hat angekündigt, den Verbrauch von

sie in Form, wie an so vielen Tagen, schaff- Plastikflaschen und -tüten in seinen lante

sie mehr als 700 in der Stunde. Vor eidesweit 400 Filialen zu senken. Gleichzeinem

Jahr stieg sie auf. Sie wechselte vom tig recycelt das Unternehmen seine anfal-

Näh- an den Schreibtisch in die Firmenlenden Kunststoffabfälle und bereitet sie

leitung von Isikhwama Manufacturing. für die Taschenproduktion auf. Justin

Ihr Büro liegt im Kapstadter Industrie- Smith, Chef des Nachhaltigkeitsressorts,

viertel Milnerton. Ein schmuckloser Raum suchte für die Herstellung der sinnvollen

mit einfachen Sperrholzschreibtischen und wie farbenprächtigen Taschenmodelle ei-

ein paar Urkunden an der Wand. Nebennen Partner. Fündig wurde er vor fünf Jah-

Die Recycling-Taschen bringen en passant

an zwei Lagerhallen, die Produktionsstätren bei Isikhwama Manufacturing.

Arbeitslose wieder in Lohn und Brot

ten. Hier stellt das 76 Angestellte starke Im Hauptgebäude bei Woolworths, ei-

Sozialunternehmen, das vor allem Arbeitsnem mehrstöckigen glänzenden Kubus in

losen über den Job wieder eine Perspekti- der quirligen City von Kapstadt, lehnt sich klärt, welche Wege er einschlägt, um sich

ve geben will, rund eine Million Taschen Justin Smith entspannt zurück. Seine tatsächlich nachhaltig nennen zu dürfen:

pro Jahr für den südafrikanischen grünen rechte Hand ruht auf einem fingerdicken Von Recycling, sparsamem Wassermanage-

Einzelhändler Woolworths her.

Magazin. Der „Good Business Journey Rement und sozialen Entwicklungsprojekten

Magrieta Leeuschit, tiefschwarzes Haar, port“, 84 Seiten dick, puristisch-modernes in Gemeinden ist da unter anderen die

schimmernder Goldzahn, türkisfarbenes Layout, ist gespickt mit Fakten und Erfolgs- Rede. Zwar wirtschaftet Woolworths an-

Kleid, hält ein buntes Modell hoch, darauf geschichten. „Isikhwama ist nur eine dageblich seit der Firmengründung 1931 ver-

gedruckt sind Afrikas vom Aussterben bevon“, sagt Smith.

antwortungsbewusst. „Echte Nachhaltigdrohte

Rhinozerosse. „Einer unser Best- Seit 2007 gibt der börsennotierte Konkeit aber ist nicht über Nacht umzusetzen“,

seller“, sagt sie lächelnd.

zern den jährlichen Bericht heraus und er- räumt Smith ein.

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