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Bericht des Rechnungshofes - Der Rechnungshof

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<strong>Bericht</strong><br />

<strong>des</strong> <strong><strong>Rechnungshof</strong>es</strong><br />

Reihe WIEN 2010/2<br />

Stadt Wien; Wasser–,<br />

Kanal– und Müllgebühren<br />

sowie Energiepreise<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH<br />

Teilbereiche der Gesundheitsreform<br />

2005 mit Länderaspekten<br />

in Tirol und Wien<br />

VERBUND–Austrian Hydro<br />

Power AG: Pumpspeicher-<br />

kraftwerk Limberg II<br />

TINA VIENNA Urban Techno-<br />

logies and Strategies GmbH<br />

Projekt „<strong>Der</strong> neue Wienfluss“;<br />

Follow–up–Überprüfung<br />

Genehmigungs– und<br />

Aufsichtspflichten bei<br />

Bauobjekten;<br />

Follow–up–Überprüfung<br />

<strong>Rechnungshof</strong><br />

GZ 001.509/204-S3-1/10


Auskünfte<br />

<strong>Rechnungshof</strong><br />

1031 Wien, Dampfschiffstraße 2<br />

Telefon (00 43 1) 711 71 - 8450<br />

Fax (00 43 1) 712 49 17<br />

E-Mail presse@rechnungshof.gv.at<br />

Impressum<br />

Herausgeber: <strong>Rechnungshof</strong><br />

1031 Wien, Dampfschiffstraße 2<br />

http://www.rechnungshof.gv.at<br />

Redaktion und Grafik: <strong>Rechnungshof</strong><br />

Druck: Druckerei <strong>des</strong> BMF<br />

Herausgegeben: Wien, im April 2010


<strong>Bericht</strong><br />

<strong>des</strong> <strong><strong>Rechnungshof</strong>es</strong><br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und Müllgebühren sowie<br />

Energiepreise<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesell-<br />

schaft mbH<br />

Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005 mit Länder-<br />

aspekten in Tirol und Wien<br />

VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

TINA VIENNA Urban Technologies and Strategies GmbH<br />

Projekt „<strong>Der</strong> neue Wienfluss“; Follow–up–Überprüfung<br />

Genehmigungs– und Aufsichtspflichten bei<br />

Bauobjekten; Follow–up–Überprüfung


Vorbemerkungen<br />

Wien<br />

ANHANG<br />

Wien 2010/2<br />

Inhalt<br />

Tabellenverzeichnis 2<br />

Abbildungsverzeichnis 4<br />

Abkürzungsverzeichnis 5<br />

Vorlage an den Wiener Gemeinderat 9<br />

<strong>Bericht</strong>saufbau 9<br />

Wirkungsbereich der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und Müllgebühren sowie Energiepreise 11<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien 89<br />

Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft mbH 125<br />

Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005 mit Länderaspekten<br />

in Tirol und Wien 135<br />

VERBUND–Austrian Hydro Power AG;<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II 187<br />

TINA VIENNA Urban Technologies and Strategies GmbH 211<br />

Projekt „<strong>Der</strong> neue Wienfluss“; Follow–up–Überprüfung 229<br />

Genehmigungs– und Aufsichtspflichten bei Bauobjekten;<br />

Follow–up–Überprüfung 243<br />

Entscheidungsträger der überprüften Unternehmungen 249


Tabellen<br />

Tabellenverzeichnis zum <strong>Bericht</strong>sbeitrag Stadt Wien; Wasser–, Kanal–<br />

und Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Tabelle 1: Preisvergleich österreichischer Stromanbieter 34<br />

Tabelle 2: Internationaler Preisvergleich 35<br />

Tabelle 3: Wirtschaftliche Entwicklung <strong>des</strong> Wien Energie–Konzerns 42<br />

Tabelle 4: Energieausgaben 2007 46<br />

Tabelle 5: Einnahmen und Ausgaben der Wien Kanal 49<br />

Tabelle 6: Einnahmen und Ausgaben der Wasserwerke 54<br />

Tabelle 7: Einnahmen und Ausgaben <strong>des</strong> Teilbereichs<br />

Abfallwirtschaft 57<br />

Tabelle 8: Kostendeckungsgrad Wien Kanal 62<br />

Tabelle 9: Kostendeckungsgrad Wasserwerke 63<br />

Tabelle 10: Kostendeckungsgrad Teilbereich Abfallwirtschaft 63<br />

Wien 2010/2


Wien 2010/2<br />

Tabellenverzeichnis zum <strong>Bericht</strong>sbeitrag Teilbereiche der Gesundheitsreform<br />

2005 mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Tabelle 1: Mittelaufbringung <strong>des</strong> TGF bzw. WGF für das Jahr 2007 145<br />

Tabelle 2: Außerhalb der Fonds bereitgestellte Finanzmittel zur<br />

Betriebsabgangsdeckung im Jahr 2007 146<br />

Tabelle 3: Fondsmittel für ambulante Krankenanstaltenleistungen<br />

im Zeitraum 2005 bis 2007 (ohne Mittel gemäß<br />

Gesundheits– und Sozialbereich–Beihilfengesetz) 153<br />

Tabelle 4: Quantifizierte Kostendämpfungseffekte 162<br />

Tabelle 5: Projektstatus der Wiener Reformpoolprojekte –<br />

Stand Mai 2009 167<br />

Tabelle 6: Projektstatus der Tiroler Reformpoolprojekte –<br />

Stand Mai 2009 168<br />

Tabelle 7: Entwicklung der durchschnittlichen Außenstände,<br />

Zahlungseingänge und Außenstandsdauern von<br />

Forderungen gegenüber Gastpatienten in Tirol 179<br />

.<br />

Tabellen


Abbildungen<br />

Abbildungsverzeichnis zum <strong>Bericht</strong>sbeitrag Stadt Wien; Wasser–,<br />

Kanal– und Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Abbildung 1: Energiepreise 2002 bis 2009 31<br />

Abbildung 2: Preisvergleich 33<br />

Abbildung 3: Stromverbrauch 2007 45<br />

Abbildung 4: Gasverbrauch 2007 45<br />

Abbildung 5: Wien Kanal – Abweichung zwischen Voranschlag<br />

und Rechnungsabschluss in der Gebührenspiegelkalkulation<br />

67<br />

Abbildung 6: Wasserwerke – Abweichung zwischen Voranschlag<br />

und Rechnungsabschluss in der Gebührenspiegelkalkulation<br />

68<br />

Abbildung 7: Teilbereich Abfallwirtschaft – Abweichung zwischen<br />

Voranschlag und Rechnungsabschluss in der<br />

Gebührenspiegelkalkulation 68<br />

Wien 2010/2


Wien 2010/2<br />

Abkürzungsverzeichnis<br />

Abs. Absatz<br />

AG Aktiengesellschaft<br />

AKH Allgemeines Krankenhaus<br />

AMS Arbeitsmarktservice<br />

Art. Artikel<br />

BEGAS BEGAS – Burgenländische Erdgasversorgungs–<br />

Aktiengesellschaft<br />

BEWAG Burgenländische Elektrizitätswirtschafts –<br />

Aktiengesellschaft<br />

BGBl. Bun<strong>des</strong>gesetzblatt<br />

BM... Bun<strong>des</strong>ministerium<br />

BMG für Gesundheit<br />

BMJ für Justiz<br />

BMLFUW für Land– und Forstwirtschaft, Umwelt und<br />

Wasserwirtschaft<br />

BMWFJ für Wirtschaft, Familie und Jugend<br />

bspw. beispielsweise<br />

B–VG Bun<strong>des</strong>–Verfassungsgesetz<br />

bzw. beziehungsweise<br />

ca. circa<br />

Kohlenstoffdioxid<br />

CO 2<br />

Abkürzungen<br />

EDV elektronische Datenverarbeitung<br />

EG Europäische Gemeinschaft<br />

EnergieAllianz ENERGIEALLIANZ Austria GmbH<br />

EU Europäische Union<br />

EuGH Europäischer Gerichtshof<br />

EUR Euro<br />

EWR Europäischer Wirtschaftsraum<br />

Fernwärme Wien Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H.<br />

gem. gemäß<br />

G(es)mbH (Ges.m.b.H.) Gesellschaft mit beschränkter Haftung<br />

GWh Gigawattstunde(n)


Abkürzungen<br />

i.d.g.F. in der geltenden Fassung<br />

inkl. inklusive<br />

IT Informationstechnologie<br />

KELAG KELAG–Kärntner Elektrizitäts–Aktiengesellschaft<br />

km Kilometer<br />

km 2 Quadratkilometer<br />

kV Kilovolt<br />

kWh Kilowattstunde(n)<br />

LGBl. Lan<strong>des</strong>gesetzblatt<br />

LINZ AG LINZ AG für Energie, Telekommunikation, Verkehr und<br />

Kommunale Dienste<br />

LKH Lan<strong>des</strong>krankenhaus<br />

lt. laut<br />

m 2 Quadratmeter<br />

m 3 Kubikmeter<br />

MA Magistratsabteilung<br />

Mill. Million(en)<br />

MW Megawatt<br />

Nr. Nummer<br />

OGH Oberster Gerichtshof<br />

rd. rund<br />

RH <strong>Rechnungshof</strong><br />

S. Seite(n)<br />

t Tonne(n)<br />

Teilbereich Abfall- MA 48 – Teilbereich Abfallwirtschaft<br />

wirtschaft<br />

TZ Textzahl(en)<br />

u.a. unter anderem<br />

u.a.m. und anderes mehr<br />

USD US–Dollar<br />

USt Umsatzsteuer<br />

usw. und so weiter<br />

Wien 2010/2


Wien 2010/2<br />

VfGH Verfassungsgerichtshof<br />

vgl. vergleiche<br />

VwGH Verwaltungsgerichtshof<br />

Abkürzungen<br />

Wasserwerke MA 31 – Wasserwerke<br />

Wien Energie WIEN ENERGIE GmbH<br />

Wien Energie Vertrieb WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG<br />

Wiener Wohnen Stadt Wien – Wiener Wohnen<br />

Wien Kanal MA 30 – Wien Kanal<br />

Wr. BO Wiener Bauordnung<br />

Z Ziffer(n)<br />

z.B. zum Beispiel<br />

Weitere Abkürzungen sind bei der erstmaligen Erwähnung im Text angeführt.


Wien 2010/2


Wien 2010/2<br />

Vorbemerkungen<br />

Vorbemerkungen<br />

Vorlage an den Wiener Gemeinderat<br />

<strong>Der</strong> RH erstattet dem Wiener Gemeinderat gemäß Artikel 127 Abs. 6<br />

und Abs. 8 B–VG nachstehenden <strong>Bericht</strong> über Wahrnehmungen, die<br />

er bei mehreren Gebarungsüberprüfungen getroffen hat.<br />

<strong>Bericht</strong>saufbau<br />

In der Regel werden bei der <strong>Bericht</strong>erstattung punkteweise zusammenfassend<br />

die Sachverhaltsdarstellung (Kennzeichnung mit 1 an der zweiten<br />

Stelle der Textzahl), deren Beurteilung durch den RH (Kennzeichnung<br />

mit 2), die Stellungnahme der überprüften Stelle (Kennzeichnung<br />

mit 3 und im Kursivdruck) sowie die allfällige Gegenäußerung <strong>des</strong> RH<br />

(Kennzeichnung mit 4) aneinandergereiht. Das in diesem <strong>Bericht</strong> enthaltene<br />

Zahlenwerk beinhaltet allenfalls kaufmännische Auf– und<br />

Abrundungen.<br />

Alle personenbezogenen Bezeichnungen werden aus Gründen der<br />

Übersichtlichkeit und einfachen Lesbarkeit nur in einer Geschlechtsform<br />

gewählt und gelten gleichermaßen für Frauen und Männer.<br />

<strong>Der</strong> vorliegende <strong>Bericht</strong> <strong>des</strong> RH ist nach der Vorlage über die Website<br />

<strong>des</strong> RH „http://www.rechnungshof.gv.at“ verfügbar.


10 Wien 2010/2


Wirkungsbereich der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und Müllgebühren<br />

sowie Energiepreise<br />

Wien<br />

<strong>Der</strong> kartellrechtlich angemeldete Zusammenschluss mehrerer Energieversorger<br />

in Form der ENERGIEALLIANZ Austria GmbH war für<br />

diese aus betriebswirtschaftlicher Sicht als vorteilhaft zu bewerten,<br />

schränkte aber den Wettbewerb beim Stromverkauf in Ostösterreich<br />

ein.<br />

Die WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG lag mit dem Strompreis<br />

ihres Hauptumsatzträgers im Haushaltskundensegment bis November<br />

2008 preislich im oberen Mittelfeld und danach im Spitzenfeld<br />

österreichischer Stromanbieter. Dies entsprach dem privatwirtschaftlichen<br />

Ziel der WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG einer nachhaltigen<br />

Gewinnorientierung im Sinne der langfristigen Sicherung<br />

und Entwicklung <strong>des</strong> Unternehmenswerts.<br />

Die Stadt Wien führte die in den Jahren 2005 bis 2007 erzielten<br />

Überschüsse aus den Gebührenhaushalten Kanal, Wasser und Abfall<br />

in Höhe von rd. 390 Mill. EUR nicht zweckgebundenen Rücklagen<br />

für zukünftige Investitionen zu, sondern verwendete sie für den allgemeinen<br />

Haushalt. Trotz der Erzielung von Überschüssen wurde<br />

der Gebührenzahler mit zusätzlichen Fremdkapitalkosten belastet.<br />

Für die festgelegten Abwasser–, Wasser– und Müllgebühren lagen<br />

keine schlüssigen Kostenkalkulationen vor.<br />

Wien 2010/2 11


Kurzfassung<br />

Prüfungsziele<br />

Ziele der auf Verlangen gem. Art. 127 Abs. 6 B–VG bzw. § 73a Wiener<br />

Stadtverfassung durchgeführten Gebarungsüberprüfung waren<br />

Analysen der Entwicklung der Strompreise einschließlich der Strategie<br />

der WIEN ENERGIE GmbH, der Vergabe der Strom– und Gasbezüge,<br />

der Gebührenhaushalte Kanal, Wasser und Abfall sowie der<br />

Fernwärmenutzung. (TZ 1)<br />

Strompreise<br />

Im Jahr 2001 vereinbarten die ostösterreichischen Strom– und<br />

Gasversorgungsunternehmen, ihren Stromhandel und –einkauf<br />

sowie ihren Stromvertrieb mittels gemeinsamer Tochterunternehmen<br />

(ENERGIEALLIANZ Austria GmbH, e&t Energie Handelsgesellschaft<br />

m.b.H.) zu koordinieren. (TZ 2)<br />

Im Rahmen der Errichtung jeweils eigener, regionaler Vertriebsgesellschaften<br />

wurden die Kunden im ehemaligen Versorgungsgebiet<br />

ihrer Muttergesellschaft weiterhin mit Strom und Gas beliefert. Da<br />

die regionalen Vertriebsgesellschaften nicht miteinander im Wettbewerb<br />

standen, lagen im Sinne <strong>des</strong> Kartellrechts keine unzulässigen<br />

Preisabsprachen vor. (TZ 3, 4)<br />

Die ausschließliche Versorgung durch die regionalen Stromversorger<br />

in der Monopolzeit führte zu einer starken Bindung der Haushaltskunden<br />

an die traditionellen Stromlieferanten. Diese Kunden<br />

wechselten bisher nur in einem geringen Ausmaß zu anderen Lieferanten,<br />

selbst wenn diese billigere Angebote stellten. (TZ 6)<br />

Die WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG nahm im Wiener Netzgebiet<br />

(Heimmarkt) aufgrund ihres hohen Umsatzanteils eine marktbeherrschende<br />

Stellung ein. (TZ 7)<br />

Die ENERGIEALLIANZ Austria GmbH war im Haushaltskundensegment<br />

mit den drei Marken Optima, switch und NaturStrom in allen in der<br />

Energiewirtschaft gängigen Angebotskategorien mit ihren unterschiedlichen<br />

Preisen vertreten. Ihre Preispolitik, durch ergebnisorientierte<br />

Strompreise eine nachhaltige Rentabilität im Sinne einer langfristigen<br />

Sicherung und Entwicklung <strong>des</strong> Unternehmenswerts zu erzielen, entsprach<br />

den Gegebenheiten auf dem liberalisierten Markt. (TZ 9, 12)<br />

12 Wien 2010/2


Wien<br />

Kurzfassung Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Die WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG erhöhte ihre Preise<br />

im Haushaltskundensegment in den Jahren 2004 und 2008 jeweils<br />

zweimal sowie in den Jahren 2003, 2006 und 2007 jeweils einmal.<br />

Insgesamt stieg die Energiepreiskomponente <strong>des</strong> Stromprodukts<br />

„Optima“ in den sieben Jahren um rd. 140 % an. Da in diesen<br />

Jahren das Netznutzungsentgelt um rd. 10 % und die Abgaben um<br />

rd. 5 % gesenkt wurden, betrug die Erhöhung <strong>des</strong> Gesamtpreises,<br />

bezogen auf den Durchschnittsverbrauch eines Wiener Haushalts<br />

(2.500 kWh), rd. 35 %. (TZ 14)<br />

Die WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG lag im Vergleich zu<br />

16 bedeutenden österreichischen Stromanbietern mit den Preisen<br />

ihrer Produktmarke „Optima“ bis November 2008 im oberen Mittelfeld<br />

und danach im Spitzenfeld österreichischer Stromanbieter.<br />

(TZ 20, 21)<br />

Einem Vergleich der Strombezugspreisentwicklung in Österreich mit<br />

der in 15 EU–Staaten zufolge erhöhten sich die durchschnittlichen<br />

Strombezugspreise in Österreich im Vergleich zu denen in den EU–<br />

Staaten stärker. Allerdings blieben dabei die Unterschiede der einzelnen<br />

Staaten insbesondere hinsichtlich ihrer energiewirtschaftlichen<br />

Entwicklung unberücksichtigt, wodurch die Aussagekraft <strong>des</strong><br />

Ländervergleichs eingeschränkt wird. (TZ 22)<br />

WIEN ENERGIE GmbH<br />

Die im Zuge der Energiemarktliberalisierung gegründete WIEN ENER-<br />

GIE GmbH gehörte zu 100 % zum Konzern der WIENER STADT-<br />

WERKE Holding AG und leitete deren Energiebereich. Da das operative<br />

Geschäft ausschließlich von den Tochtergesellschaften betrieben<br />

wurde und ein unternehmenspolitisches Gesamtkonzept für den<br />

Wien Energie–Konzern fehlte, stellte sich die Frage nach der Zweckmäßigkeit<br />

der WIEN ENERGIE GmbH als Zwischenholding innerhalb<br />

<strong>des</strong> Wiener Stadtwerke–Konzerns. (TZ 23, 25, 27)<br />

Eine Marketingmaßnahme, die sich auf zusätzliche Inseratenschaltungen<br />

beschränkte, wurde kurzfristig und ohne Einbindung in ein<br />

Gesamtkonzept gesetzt. (TZ 29)<br />

Wien 2010/2 13


Kurzfassung<br />

Vergabe der Strom– und Gasbezüge<br />

<strong>Der</strong> Magistrat der Stadt Wien sowie die Unternehmen Wiener Krankenanstaltenverbund<br />

und Stadt Wien – Wiener Wohnen gelten als<br />

öffentliche Auftraggeber. Bei der Energiebeschaffung waren daher<br />

vergaberechtliche Bestimmungen zu beachten. (TZ 31)<br />

Die Stadt Wien schloss vor der Liberalisierung <strong>des</strong> Strom– und <strong>des</strong><br />

Gasmarkts mit der WIENSTROM GmbH und der WIENGAS GmbH<br />

Lieferverträge ab. Die veränderlichen Preise wurden im Zuge von<br />

Neuverhandlungen regelmäßig auf ihre Marktangemessenheit überprüft.<br />

Aus vergaberechtlicher Sicht bestand keine Pflicht zu einer<br />

Vertragskündigung; die Entscheidung über eine Neuvergabe lag im<br />

Ermessen <strong>des</strong> jeweiligen Auftraggebers. (TZ 34, 35)<br />

Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

In den Jahren 2005 bis 2007 erzielte die Stadt Wien Überschüsse aus<br />

den Gebührenhaushalten der MA 30 – Wien Kanal (95,45 Mill. EUR),<br />

der MA 31 – Wasserwerke (191,07 Mill. EUR) und der MA 48 – Teilbereich<br />

Abfallwirtschaft (101,68 Mill. EUR). Zweckgebundene Rücklagen<br />

für künftige Investitionen wurden nicht gebildet. (TZ 37<br />

bis 39)<br />

<strong>Der</strong> Betrieb einer Kläranlage und einer Müllverbrennungsanlage<br />

wurde über Tochterunternehmen abgewickelt, die größtenteils<br />

fremdfinanziert waren. Da deren gesamter Betriebsaufwand von<br />

der MA 30 – Wien Kanal und der MA 48 – Teilbereich Abfallwirtschaft<br />

zu tragen war, wurde der Gebührenzahler — trotz der<br />

Erzielung von Überschüssen — mit zusätzlichen Fremdkapitalkosten<br />

belastet. (TZ 37, 39)<br />

Den aus der Cross–Border–Leasing–Transaktion „Wien Kanal“ lukrierten<br />

Nettobarwertvorteil in Höhe von 25,17 Mill. EUR vereinnahmte<br />

die Stadt Wien im allgemeinen Haushalt, die Leasingraten mussten<br />

jedoch vom Gebührenhaushalt der MA 30 – Wien Kanal getragen<br />

werden. Zusätzlich nahm die Stadt Wien im Zuge dieser Transaktion<br />

einen Kredit in Höhe von 121,30 Mill. EUR auf. (TZ 37)<br />

Für die im Zeitraum 2005 bis 2007 festgelegten Kanal–, Wasser–<br />

und Abfallgebühren der Stadt Wien lagen keine schlüssigen Kostenkalkulationen<br />

vor. Durch die Gleichsetzung der Einnahmen mit den<br />

Kosten war keine Kostenwahrheit gegeben. Ein Vergleich der Kostendeckungsgrade<br />

auf Basis der Voranschlagswerte mit jenen der<br />

14 Wien 2010/2


Wien<br />

Kurzfassung Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Rechnungsabschlüsse ergab hohe Abweichungen. Eine Aussetzung<br />

der Valorisierungsbestimmungen — wie bei den Wassergebühren —<br />

für die Gebührenhaushalte der MA 30 – Wien Kanal und der MA 48<br />

– Teilbereich Abfallwirtschaft erfolgte nicht. (TZ 40 bis 46)<br />

Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen von Stadt Wien – Wiener<br />

Wohnen<br />

<strong>Der</strong> Grundsatzvertrag zwischen der Stadt Wien – Wiener Wohnen<br />

und der Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H. aus dem Jahr 1997<br />

über nachträgliche Fernwärmeanschlüsse entsprach nicht mehr den<br />

tatsächlichen Gegebenheiten. (TZ 47)<br />

Zwecks Inanspruchnahme steuerlicher Vorteile für die Mieter verpflichtete<br />

sich die Stadt Wien – Wiener Wohnen vertraglich als Lieferant<br />

für Warmwasser. Tatsächlich wurden die Wärmelieferungen<br />

für Warmwasser von der Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H. im<br />

Namen und für Rechnung von Stadt Wien – Wiener Wohnen durchgeführt.<br />

Eine vertragliche Grundlage für die Vorlieferung der Wärme<br />

von der Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H. an die Stadt Wien –<br />

Wiener Wohnen lag nicht vor. (TZ 48)<br />

Bei 33 Wohnhausanlagen waren die Mieter nicht direkte Vertragspartner<br />

der Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H. In diesen Fällen<br />

belieferte die Gesellschaft mittels eines Großkundenvertrags<br />

die Stadt Wien – Wiener Wohnen als Hauseigentümer, die sodann<br />

ihrerseits als direkter Wärmelieferant der einzelnen Mieter auftrat.<br />

(TZ 51)<br />

Die den Fernwärmekunden von der Fernwärme Wien Gesellschaft<br />

m.b.H. aufgrund der Entscheidung <strong>des</strong> Obersten Gerichtshofes vom<br />

29. April 2004 eingeräumte Kündigungsmöglichkeit wurde von diesen<br />

bisher nur wenig in Anspruch genommen. (TZ 52)<br />

Sofern die Grundkosten der Wärmeversorgung höher oder zumin<strong>des</strong>t<br />

gleich hoch wie die Verbrauchskosten waren, bestand kein Anreiz<br />

für eine energiesparende Beheizung der Wohnung. (TZ 53 bis 55)<br />

Die Wärmeeinspeisung in das Leitungsnetz der Fernwärme Wien<br />

Gesellschaft m.b.H. durch private, nicht unter dem Einfluss der Stadt<br />

Wien stehende Unternehmen, war gering. (TZ 56, 58)<br />

Wien 2010/2 15


Kenndaten zum Wien Energie–Konzern<br />

Eigentümer 100 % WIENER STADTWERKE Holding AG<br />

Unternehmensgegenstand Energie, Beteiligungsmanagement, Telekommunikation,<br />

Facility Management<br />

Gebarung 2005/2006 2006/2007<br />

in Mill. EUR<br />

2007/2008<br />

Umsatzerlöse 1.976,00 1.956,11<br />

Anzahl<br />

2.258,72<br />

durchschnittlicher Beschäftigtenstand 5.485 5.454 5.441<br />

WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG<br />

Eigentümer 66,67 % WIENSTROM GmbH<br />

33,33 % WIEN ENERGIE Gasnetz GmbH<br />

Unternehmensgegenstand Strom– und Gasvertrieb<br />

Gebarung 2005/2006 2006/2007<br />

in Mill. EUR<br />

2007/2008<br />

Umsatzerlöse Strom 449,12 557,47 604,78<br />

Energiebezug Strom 419,42 502,97<br />

Anzahl<br />

563,93<br />

Beschäftigtenstand zum Stichtag 30. September 15 13 20<br />

Gebührenhaushalt der MA 30 – Wien Kanal<br />

Rechnungsabschluss 2005 2006<br />

in Mill. EUR<br />

2007<br />

Einnahmen 210,41 217,13 209,11<br />

Ausgaben 189,94 179,21<br />

in %<br />

172,05<br />

Kostendeckungsgrad laut Gebührenspiegel 95,1 102,5 115,3<br />

Gebührenhaushalt der MA 31 – Wasserwerke<br />

Rechnungsabschluss 2005 2006<br />

in Mill. EUR<br />

2007<br />

Einnahmen 173,88 175,98 170,46<br />

Ausgaben 104,80 108,29<br />

in %<br />

116,16<br />

Kostendeckungsgrad laut Gebührenspiegel 108,2 112,1 113,8<br />

Gebührenhaushalt der MA 48 – Teilbereich Abfallwirtschaft<br />

Rechnungsabschluss 2005 2006<br />

in Mill. EUR<br />

2007<br />

Einnahmen 220,53 245,57 279,98<br />

Ausgaben 190,91 215,08<br />

in %<br />

238,41<br />

Kostendeckungsgrad laut Gebührenspiegel 104,6 117,0 119,0<br />

16 Wien 2010/2


Prüfungsablauf und –gegenstand<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

1 <strong>Der</strong> RH überprüfte von Jänner bis April 2009 im Bereich der Stadt Wien<br />

gem. Art. 127 Abs. 6 B–VG die Strompreise, die Vergabe der Strom–<br />

und Gasbezüge, die Gebührenhaushalte Kanal, Wasser und Abfall sowie<br />

die Fernwärmenutzung. Ausgangspunkt der Prüfung war ein von den<br />

Gemeinderäten der FPÖ, ÖVP und Grünen gestelltes Verlangen gem.<br />

§ 73a Wiener Stadtverfassung, das sich auf Akte der Geschäftsgruppe<br />

„Finanzen, Wirtschaftspolitik und Wiener Stadtwerke“ bezog.<br />

Zur Vorbereitung der Überprüfung fand am 12. Dezember 2008 im RH<br />

ein Gespräch mit den Klubobleuten der antragstellenden Gemeinderatsfraktionen<br />

statt. Als <strong>des</strong>sen Ergebnis wurden Fragestellungen zu<br />

folgenden vier Themenbereichen festgelegt:<br />

(1) Strompreise<br />

– Welche Entscheidungsgrundlagen bestanden für die Strompreisgestaltung<br />

und wie wurden diese eingehalten?<br />

– Wie hat sich das Preisniveau (Strom für Haushaltskunden) bei der<br />

WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG im Zeitraum 2002 bis 2008<br />

entwickelt?<br />

– Wie stellen sich die Strompreise im nationalen und internationalen<br />

Vergleich dar?<br />

– Welche strategischen Ziele hat die Holdinggesellschaft WIEN ENER-<br />

GIE GmbH im Zeitraum 2006 bis 2008 verfolgt und in welchem<br />

Umfang wurden diese erreicht?<br />

– Nach welchen Entscheidungsgrundlagen erfolgte die Erbringung<br />

und Verrechnung der Leistungen für Konzerntöchter?<br />

(2) Vergabe der Strom– und Gasbezüge<br />

– Stand der Strom– und Gaseinkauf <strong>des</strong> Magistrats und der Unternehmen<br />

im Einklang mit den vergaberechtlichen Bestimmungen?<br />

– Wurden beim Einkauf auch ökologische Aspekte berücksichtigt?<br />

Wien 2010/2 17


Prüfungsablauf und –gegenstand<br />

(3) Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

– Wurden im Zeitraum 2005 bis 2007 in den einzelnen Gebührenhaushalten<br />

Überschüsse und/oder Abgänge finanziert?<br />

– Wofür wurden die Überschüsse verwendet bzw. wie wurden die<br />

Abgänge finanziert?<br />

(4) Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen der Stadt Wien – Wiener<br />

Wohnen<br />

– Nach welchen Kriterien erfolgt die Verrechnung <strong>des</strong> Fernwärmeverbrauchs<br />

an die Mieter und welche Alternativmöglichkeiten bestanden?<br />

– Welche Vertragsdauer lag den Lieferverträgen mit der Fernwärme<br />

Wien Gesellschaft m.b.H. zugrunde?<br />

– Welche Möglichkeiten bestehen für andere Anbieter, um in das Leitungsnetz<br />

der Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H. Wärme einspeisen<br />

zu können?<br />

Die Prüfungshandlungen fanden bei folgenden Rechtsträgern statt:<br />

– Stadt Wien (Magistrat, Wiener Wohnen, Krankenanstaltenverbund)<br />

– WIEN ENERGIE GmbH (Wien Energie)<br />

– WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG (Wien Energie Vertrieb)<br />

– ENERGIEALLIANZ Austria GmbH (EnergieAllianz) sowie<br />

– Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H. (Fernwärme Wien)<br />

<strong>Der</strong> Überprüfungszeitraum umfasste bei der Stadt Wien die Jahre 2005<br />

bis 2007 und bei den Gesellschaften die Geschäftsjahre 2005/2006<br />

bis 2007/2008. Die Strompreisentwicklung wurde ab dem Geschäftsjahr<br />

2001/2002 dargestellt.<br />

Nicht Gegenstand der Überprüfungen waren die von der Stadt Wien<br />

abgeschlossenen Cross–Border–Leasing–Verträge.<br />

18 Wien 2010/2


Wien<br />

Prüfungsablauf und –gegenstand Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Das Prüfungsergebnis wurde Anfang Oktober 2009 übersendet. Dazu<br />

bzw. zu den sie betreffenden Teilergebnissen nahmen die EnergieAllianz<br />

im Oktober 2009, die Wien Energie und die Fernwärme Wien im<br />

November 2009 sowie der Wiener Stadtsenat im Dezember 2009 Stellung.<br />

Die Bun<strong>des</strong>länder Niederösterreich und Burgenland verzichteten<br />

im November bzw. Dezember 2009 auf eine Stellungnahme. <strong>Der</strong><br />

RH erstattete seine Gegenäußerungen im März 2010.<br />

Wien 2010/2 19


Kartellrechtliche<br />

Aspekte<br />

Strompreise<br />

2 Angesichts der bevorstehenden Energiemarktliberalisierung entschlossen<br />

sich die ostösterreichischen Strom– und Gasversorgungsunternehmen<br />

– Burgenländische Elektrizitätswirtschafts – Aktiengesellschaft<br />

(BEWAG)<br />

– BEGAS – Burgenländische Erdgasversorgungs–Aktiengesellschaft<br />

(BEGAS)<br />

– EVN AG<br />

– LINZ AG für Energie, Telekommunikation, Verkehr und Kommunale<br />

Dienste (LINZ AG) sowie<br />

– Wien Energie,<br />

ihren Stromhandel und –einkauf sowie ihren Stromvertrieb mittels<br />

gemeinsamer Tochtergesellschaften (EnergieAllianz und e&t Energie<br />

Handelsgesellschaft m.b.H.) zu koordinieren. Die Errichtung <strong>des</strong> Gesellschaftsvertrags<br />

der EnergieAllianz erfolgte 2001.<br />

Um den Vorschriften <strong>des</strong> Kartellrechts zu entsprechen, wonach insbesondere<br />

Beschränkungen <strong>des</strong> Wettbewerbs verhindert bzw. reguliert<br />

werden sollen, wurde der Zusammenschluss der EnergieAllianz–Partner<br />

beim Kartellgericht angemeldet und im Kartellregister eingetragen.<br />

3.1 <strong>Der</strong> Inhalt und der Aufbau <strong>des</strong> Zusammenschlusses waren in einem<br />

Syndikatsvertrag geregelt. Dieser betraf alle Aktivitäten der Syndikatspartner<br />

bezüglich Ein– und Verkauf von Strom und Gas.<br />

20 Wien 2010/2


Wien<br />

Strompreise Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Die Syndikatspartner lagerten jeweils ihren gesamten Strom– und<br />

Gasvertrieb in eigene Vertriebsgesellschaften aus. Jeder Syndikatspartner<br />

blieb dabei Alleineigentümer seiner Vertriebsgesellschaft, die<br />

Geschäftsführung oblag jedoch der EnergieAllianz als gemeinsamer<br />

Leitgesellschaft. Zur Zeit der Gebarungsüberprüfung waren daran die<br />

EVN AG und die Wien Energie zu je 45 %, die BEWAG zu 7 % und die<br />

BEGAS zu 3 % beteiligt. 1) Im Rahmen der Errichtung jeweils eigener,<br />

regionaler Vertriebsgesellschaften 2) wurden die Kunden im ehemaligen<br />

Versorgungsgebiet ihrer Muttergesellschaft weiterhin mit Strom<br />

und Gas beliefert. Großkunden über 4 GWh Jahresverbrauch wurden<br />

im Allgemeinen — außerhalb dieser Versorgungsgebiete und im<br />

Ausland jedenfalls — von der EnergieAllianz selbst und im eigenen<br />

Namen beliefert.<br />

1) Bis 2006 waren auch die oberösterreichischen Energieversorger Energie AG Oberösterreich<br />

und LINZ AG EnergieAllianz–Partner<br />

2) BEWAG Energievertrieb GmbH & Co KG, BEGAS Energievertrieb GmbH & Co KG,<br />

EVN Energievertrieb GmbH & Co KG, Wien Energie Vertrieb<br />

3.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass damit ein Konzern entstanden war, in dem<br />

alle ehemaligen vertrieblichen Aktivitäten der Syndikatspartner unter<br />

der Leitung der EnergieAllianz gebündelt waren. Die als Zusammenschluss<br />

erfolgte kartellrechtliche Anmeldung ermöglichte nunmehr eine<br />

konzerninterne Gebietsaufteilung der Marktbearbeitung zwischen den<br />

Vertriebsgesellschaften.<br />

Durch den Zusammenschluss entstand außerhalb der ehemaligen Versorgungsgebiete<br />

der Syndikatspartner ein größerer und damit potenterer<br />

Marktteilnehmer. Im Hinblick auf den Wettbewerb beim Stromverkauf<br />

in Ostösterreich stellte der RH aber auch fest, dass dort die Kooperation<br />

im EnergieAllianz–Konzern eine verringerte Anzahl an potenten<br />

Anbietern zur Folge hatte.<br />

3.3 Die EnergieAllianz ergänzte in ihrer Stellungnahme, dass sie außerhalb<br />

der ehemaligen Versorgungsgebiete ihrer Muttergesellschaften auch<br />

kleinere Kunden unter 4 GWh Jahresverbrauch beliefere. Weiters betonte<br />

sie ihre nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit sowie die Tatsache, dass die<br />

durch den Zusammenschluss ermöglichte Gebietsaufteilung neu gewesen<br />

sei. Darüber hinaus führte sie aus, durch den Zusammenschluss<br />

sei die Anzahl der Anbieter geringer geworden, daraus könne jedoch<br />

nicht auf eine Einschränkung <strong>des</strong> Wettbewerbs geschlossen werden.<br />

Wien 2010/2 21


Strompreise<br />

Rahmenbedingungen<br />

Österreichischer<br />

Strommarkt<br />

4.1 Die Eigentümerrechte der Syndikatspartner bezüglich der EnergieAllianz<br />

nahm ein „Steering Committee“ wahr, das von den Partnern mit einer<br />

je nach Beteiligungsanteil unterschiedlichen Anzahl von Vertrauenspersonen<br />

beschickt wurde. Die Geschäftsführung der EnergieAllianz bestand<br />

aus drei Personen, die von je einem Syndikatspartner (für BEWAG und<br />

BEGAS ein gemeinsamer Geschäftsführer) nominiert wurden.<br />

Die Aufgabe der EnergieAllianz als Geschäftsführerin der regionalen<br />

Vertriebsgesellschaften oblag größtenteils demjenigen Geschäftsführer<br />

der EnergieAllianz allein, der vom Eigentümer der jeweiligen<br />

regionalen Vertriebsgesellschaft nominiert worden war. <strong>Der</strong> Gesamtgeschäftsführung<br />

der EnergieAllianz kamen diesbezüglich im Wesentlichen<br />

nur eine Richtlinienkompetenz sowie ein Widerspruchsrecht<br />

zur Wahrung der vom Steering Committee erlassenen Grundsätze zu.<br />

Es bestand eine gegenseitige Informationspflicht der Geschäftsführer<br />

über wesentliche Angelegenheiten dieser Regionalgeschäftsführung.<br />

Daher wurden insbesondere auch Tarif– und Preisfestsetzungen vor<br />

ihrer Inkraftsetzung in der EnergieAllianz gemeinsam erörtert.<br />

4.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass die regionalen Vertriebsangelegenheiten — unter<br />

Einschluss der Preisfestsetzung für Haushaltskunden — der alleinigen<br />

operativen Kompetenz <strong>des</strong> vom jeweiligen Eigentümer der regionalen<br />

Vertriebsgesellschaft nominierten EnergieAllianz–Geschäftsführers<br />

unterlagen. Gleichzeitig war jedoch eine gewisse Koordination mit<br />

den jeweils anderen Vertriebsgesellschaften gegeben.<br />

Aufgrund der Eintragung <strong>des</strong> Zusammenschlusses der EnergieAllianz–Partner<br />

im Kartellregister war die Kommunikation zwischen den<br />

Organen der EnergieAllianz und den regionalen Vertriebsgesellschaften<br />

als zulässiger konzerninterner Vorgang anzusehen.<br />

4.3 Laut Stellungnahme der EnergieAllianz seien Produkt– und Preismaßnahmen<br />

stets umfassend abgestimmt worden.<br />

5.1 Im Oktober 2001 wurde der Verkauf von Strom an Haushaltskunden<br />

in Österreich liberalisiert. Seither können die Stromkunden ihren Lieferanten<br />

frei wählen. Demnach wird der Strompreis nicht mehr — wie<br />

zur Zeit der Gebietsmonopole der Stromversorgung — staatlich festgesetzt,<br />

sondern vom Markt mit seinem Wechselspiel von Angebot und<br />

Nachfrage bestimmt. Das Stromnetz (Übertragung und Verteilung) blieb<br />

jedoch nach wie vor ein regulierter Monopolbereich.<br />

22 Wien 2010/2


Wien<br />

Strompreise Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Aufgrund der früheren Monopolstellung haben die regionalen Stromanbieter<br />

in ihren damaligen Versorgungsgebieten auch nach der Liberalisierung<br />

einen hohen Bekanntheitsgrad und eine starke Marktmacht.<br />

Insbesondere verfügen sie über eingespielte Verkaufsorganisationen<br />

vor Ort und bieten unterschiedliche Leistungen an. Beispielsweise verkaufen<br />

Tochtergesellschaften der Wien Energie auch Erdgas und Fernwärme<br />

und betreiben die dafür erforderlichen Verteilernetze. Weiters<br />

sind sie in der Region durch viele Betriebsstätten präsent.<br />

5.2 <strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass für Haushaltskunden, bedingt durch die<br />

starke Marktstellung der ansässigen Stromanbieter in deren damaligen<br />

Versorgungsgebieten, regionale Unterschiede im österreichischen<br />

Strommarkt bestanden. Ausländischen Anbietern war es bisher nicht<br />

gelungen, im österreichischen Strommarkt direkt Fuß zu fassen. Vielmehr<br />

wählten sie dafür Beteiligungen an inländischen Elektrizitätsunternehmen.<br />

Inländische Stromlieferanten erzielten bislang in fremden Regionen<br />

— trotz teilweise niedrigerer Preise als die der Regionalanbieter —<br />

nur geringe Marktanteile. Immerhin war die Liberalisierung insofern<br />

erfolgreich, als bspw. zuletzt für den Wiener Heimmarkt 1) 15 inländische<br />

Stromlieferanten mit preislich unterschiedlichen Angeboten zur<br />

Auswahl standen. 2)<br />

1) Das Wiener Netzgebiet umfasst neben der Stadt Wien auch Teile Niederösterreichs<br />

und <strong>des</strong> Burgenlan<strong>des</strong>. Netzbetreiber ist die WIEN ENERGIE Stromnetz GmbH.<br />

2) Tarifkalkulator E–Control, Mai 2009<br />

6.1 Die ausschließliche Versorgung durch die regionalen Stromversorger in<br />

der Monopolzeit führte zu einer starken Bindung der Haushaltskunden<br />

an die traditionellen Stromlieferanten. Diese Stromkunden wechselten<br />

bisher nur in einem geringen Ausmaß zu anderen Lieferanten, selbst<br />

wenn diese billigere Angebote mit allerdings auch geringeren Leistungen<br />

stellten. Zur geringen Wechselrate tragen auch andere Faktoren<br />

bei, wie bspw. der geringe Anteil der Stromkosten am Haushaltsbudget<br />

3) , so dass die Abnehmer diesen Ausgaben vielfach wenig Beachtung<br />

schenken.<br />

3) Für einen Wiener Haushalt mit einem durchschnittlichen Stromverbrauch von<br />

2.500 kWh lag im Jahr 2008 der Anteil der Stromausgaben am Haushaltsbudget<br />

bei rd. 1,4 Prozent.<br />

Wien 2010/2 23


Strompreise<br />

Wettbewerbsrecht<br />

6.2 <strong>Der</strong> Aufbau bzw. die Aufrechterhaltung einer starken Kundenbindung,<br />

insbesondere im Haushaltskundensegment, stellte ein zentrales verkaufspolitisches<br />

Vorhaben aller Stromlieferanten dar. Dies war nach Ansicht<br />

<strong>des</strong> RH allein schon daraus erklärbar, dass Strom stets die gleichen physikalischen<br />

Eigenschaften aufweist und sich daher die Angebote der verschiedenen<br />

Lieferanten hinsichtlich der reinen Stromlieferung (siehe auch<br />

TZ 9 bis 20) lediglich durch den Preis voneinander unterscheiden.<br />

Daher bestehen bezüglich der Gestaltung <strong>des</strong> Energiemarkts unterschiedliche<br />

Sichtweisen der Stromlieferanten einerseits und der EU–<br />

Kommission sowie <strong>des</strong> nationalen Energieregulators 1) andererseits.<br />

Letzterer war bestrebt, auch im Haushaltskundensegment die Wechselbereitschaft<br />

durch Verbesserung der Markttransparenz zu erhöhen.<br />

Beispiele dafür sind die Erlassung gesetzlicher Vorschriften für eine<br />

einfachere Rechnungsgestaltung und die Einrichtung eines Tarifkalkulators<br />

auf der Homepage der Energie–Control GmbH zum Zweck <strong>des</strong><br />

Vergleichs verschiedener Strompreisangebote. Anzumerken war, dass<br />

die Wien Energie Vertrieb ihre Rechnungslegung bereits lange vor der<br />

diesbezüglichen gesetzlichen Regelung transparent gestaltete. Weiters<br />

wurden Vorschriften geschaffen, um die Durchführung <strong>des</strong> Lieferantenwechsels<br />

zu erleichtern.<br />

1) Energie Control Österreichische Gesellschaft für die Regulierung in der Elektrizitäts–<br />

und Erdgaswirtschaft mit beschränkter Haftung (Energie–Control GmbH)<br />

Durch die genannten Maßnahmen sollte mehr Wettbewerb — wie er<br />

bereits im Großkundensegment besteht — geschaffen werden und dieser<br />

tendenziell niedrigere Strompreise bewirken.<br />

7 Die Wien Energie Vertrieb nahm in ihrem Heimmarkt aufgrund ihres<br />

hohen Umsatzanteils eine marktbeherrschende Stellung ein. Sie unterlag<br />

daher hinsichtlich der Preisbildung den diesbezüglichen Vorschriften<br />

<strong>des</strong> Kartellrechts. Demgemäß dürfen marktbeherrschende<br />

Unternehmungen bspw. ihre Produkte nicht zu unangemessen hohen<br />

oder niedrigen Verkaufspreisen anbieten und nur Rabatte gewähren,<br />

die eine Weitergabe von Kostenvorteilen an die Kunden darstellen, keineswegs<br />

jedoch solche, die nur eine Kundenbindung mit einer wettbewerbsbehindernden<br />

Wirkung zum Ziel haben. Weiters ist die Bindung<br />

<strong>des</strong> Energieverkaufs an den Kauf anderer Produkte (z.B. Gas) <strong>des</strong>selben<br />

Unternehmens untersagt.<br />

Diese gesetzlichen Vorschriften haben den Zweck, marktbeherrschende<br />

Unternehmungen daran zu hindern, mit Mitteln der Preisgestaltung<br />

Konkurrenten den Marktauftritt zu erschweren.<br />

24 Wien 2010/2


Wien<br />

Strompreise Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Vertriebsorganisation<br />

im Haushaltskundenbereich<br />

Marken– und Preispolitik<br />

Markenpolitik<br />

8.1 Die EnergieAllianz führte mittels der Wien Energie Vertrieb im Wiener<br />

Heimmarkt den Stromvertrieb durch. Die Zuständigkeit der Wien<br />

Energie Vertrieb als regionale Vertriebsgesellschaft erstreckte sich für<br />

den Stromverkauf an Haushaltskunden auf das Wiener Netzgebiet. Die<br />

Wien Energie Vertrieb bot ihre Stromprodukte sowie seit 2008 als Handelsvertreter<br />

auch die Marke „NaturStrom“ der im Eigentum der EnergieAllianz<br />

stehenden Naturkraft Energievertriebsgesellschaft m.b.H.<br />

an. Weiters war im Wiener Netzbereich die „Diskontgesellschaft“ der<br />

EnergieAllianz, die SWITCH Energievertriebsgesellschaft m.b.H., als<br />

Stromanbieter aktiv.<br />

8.2 <strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass die Wien Energie durch die Auslagerung<br />

<strong>des</strong> Stromvertriebs an die EnergieAllianz in ihren Entschlüssen hinsichtlich<br />

der Preispolitik nicht mehr unabhängig war und diese auch<br />

im Haushaltskundensegment nur gemeinsam mit den Partnern im Rahmen<br />

der EnergieAllianz gestalten konnte.<br />

9.1 Um für die Haushaltskunden die eigenen Stromprodukte von denen<br />

der Konkurrenz unterscheidbar zu machen, kennzeichnete die Energie-<br />

Allianz ihre Produkte mit eigenständigen Marken 1) , die — um sie im<br />

Bewusstsein der Kunden positiv zu verankern — jeweils für eine besondere,<br />

kundenrelevante Eigenschaft standen:<br />

1) Marke ist eine Kennzeichnung von Waren und Dienstleistungen, die zum Nachweis<br />

deren Herkunft dient.<br />

– Stromlieferungen, die sich durch eine besondere Qualität auszeichnen<br />

2) , brachte die EnergieAllianz unter dem Markennamen „Optima“<br />

auf den Markt. <strong>Der</strong>en Preis wurde mit der Erbringung von Zusatzleistungen<br />

begründet. Im Wiener Netzgebiet wurde diese zusätzlich mit<br />

der dort gut eingeführten Marke „Wien Energie“ ergänzt. Im Wiener<br />

Haushaltskundensegment war diese Marke der Hauptumsatzträger.<br />

Daneben führte die Wien Energie Vertrieb noch eine Vielzahl<br />

von Stromprodukten, von denen jedoch nur Nachtstrom für Heizzwecke<br />

oder Warmwasserbereitung sowie Strom für Baustellen größere<br />

Umsätze erzielten.<br />

2) Die Qualität bezieht sich nicht auf die physikalischen Stromeigenschaften, die normiert<br />

sind und für die der Stromnetzbetreiber zu sorgen hat, sondern vielmehr auf<br />

die Erbringung sonstiger „kaufmännischer“ Zusatzleistungen, wie z.B. mehrere Arten<br />

der Rechnungsbegleichung, eine gemeinsame Rechnung sowohl für die Stromlieferung<br />

als auch für das Netzentgelt, Versicherungen bei Stromunfällen, sowie auf<br />

die Möglichkeit, zusätzliche Informationen und Beratungen zu erhalten.<br />

Wien 2010/2 25


Strompreise<br />

Preispolitik<br />

– Die Marke „switch“ stellte das Diskontprodukt der EnergieAllianz<br />

dar. Ihr Verkaufsargument war der günstige Preis. Es wurden <strong>des</strong>halb<br />

keine Zusatzleistungen angeboten. Zurzeit der Überprüfung durch<br />

den RH lag deren Preis um rd. 11 % unter dem der Marke „Optima“<br />

und stellte zu dieser eine billige Alternative <strong>des</strong> eigenen Unternehmens<br />

dar (Zwei–Marken–Strategie). Ihr Umsatz im Wiener Netzgebiet<br />

war allerdings nur gering.<br />

– Die Marke „NaturStrom“ schließlich stand für eine besonders klimaschonende<br />

Stromerzeugung. 1) Aufgrund der erhöhten Stromerzeugungskosten<br />

war der Bezug von „NaturStrom“ auch teurer. Ihr<br />

Umsatz im Wiener Netzgebiet war sehr gering.<br />

1) Stromerzeugung ohne CO2 –Emissionen bzw. CO 2 –neutrale Stromerzeugung<br />

9.2 <strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass die EnergieAllianz im Haushaltskundensegment<br />

<strong>des</strong> Wiener Netzgebiets mit diesen drei Marken in allen in der<br />

Energiewirtschaft gängigen Angebotskategorien vertreten war.<br />

Strompreiskomponenten<br />

10 Vor der Liberalisierung wurden den Kunden für Stromlieferungen All–<br />

inklusive–Preise verrechnet. Danach kam es zu einer Trennung von<br />

Stromlieferungs– und Netznutzungsentgelt.<br />

Seitdem setzte sich der Strompreis aus dem Energie– und dem Netznutzungspreis<br />

sowie diversen Abgaben und Zuschlägen 2) zusammen,<br />

wobei nur der Energiepreis von den Elektrizitätsversorgungsunternehmen<br />

selbständig festgesetzt wurde. Zur Zeit der Überprüfung durch den<br />

RH im Juni 2009 setzte sich bspw. der Endkundenpreis für die Produktmarke<br />

„Optima“ aus dem Energiepreis mit 43 %, dem Netznutzungspreis<br />

mit 27 % sowie aus Umsatzsteuer, Abgaben und Zuschlägen mit<br />

30 % zusammen. Änderungen der Höhe der einzelnen Komponenten<br />

wirken sich im Ausmaß ihrer Anteile und daher nur in abgeschwächter<br />

Form auf den Gesamtpreis aus.<br />

2) im Wiener Netzgebiet: Elektrizitätsabgabe, Gebrauchsabgabe, Zuschlag für Ökostrom<br />

26 Wien 2010/2


Wien<br />

Strompreise Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Energiepreis<br />

11 <strong>Der</strong> Energiepreis bestand aus einem Grundpreis (EUR/Jahr), der in etwa<br />

die Kosten der Leistungsbereithaltung und Rechnungslegung abdecken<br />

soll, und einem Preis für die gelieferte elektrische Arbeit (Arbeitspreis<br />

in Cent/kWh). Auf den sich daraus ergebenden Rechnungsbetrag<br />

gewährte die Wien Energie Vertrieb bei Erteilung eines Einziehungsauftrags<br />

einen Rabatt. Für Strombezieher der Produktmarke „Optima“<br />

erfolgte dies bspw. in Form einer kostenlosen Stromlieferung im Ausmaß<br />

eines Zweitagesbezugs pro Jahr.<br />

Grundsätze der Preispolitik<br />

12.1 Die Allianzpartner hatten sich in Form einer Rahmenrichtlinie 1) auf<br />

Grundsätze für die Preispolitik <strong>des</strong> gemeinsamen Stromverkaufs geeinigt,<br />

die auch im Haushaltskundenvertrieb der Wien Energie Vertrieb<br />

anzuwenden waren. Hauptziel war die Erzielung eines optimalen<br />

wirtschaftlichen Gesamterfolgs unter Beachtung und möglichst<br />

auch Nutzung regionaler und segmentieller Besonderheiten. Zu diesem<br />

Zweck waren die Strompreise ergebnis–, das heißt gewinnorientiert,<br />

zu gestalten. Hiebei hatte die Rentabilität gegenüber der Maximierung<br />

<strong>des</strong> mengenmäßigen Umsatzes im Sinne einer langfristigen<br />

Sicherung der Unternehmenssubstanz Vorrang. Dies galt für jeden Teilmarkt<br />

und je<strong>des</strong> Kundensegment.<br />

1) Grundsätze der Preispolitik der ENERGIEALLIANZ Austria GmbH vom 19. Oktober<br />

2004<br />

Die betriebswirtschaftliche Orientierung der Preisbildung schließt jedenfalls<br />

die Beachtung der wechselnden Marktverhältnisse und auch deren<br />

Beeinflussungsfaktoren, wie bspw. die öffentliche Meinung, mit ein.<br />

Dies allerdings nur insoweit, als sie geeignet erscheinen, die Marktstellung<br />

der Unternehmung zu beeinflussen. Dementsprechend ist auch<br />

die Marken– und Preispolitik zu gestalten bzw. laufend weiter zu entwickeln.<br />

Bei der Preisgestaltung besteht insbesondere das Risiko einer<br />

Fehleinschätzung der Reaktion <strong>des</strong> Marktes; so könnte es bei einer zu<br />

starken Erhöhung der Preise zu massiven Kundenverlusten kommen.<br />

Obwohl sich der Preisabstand zu den Konkurrenten nach der Preiserhöhung<br />

der Wien Energie Vertrieb im November 2008 vergrößerte,<br />

blieben die Kundenverluste im bisher üblichen Umfang.<br />

12.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH entsprachen die Zielsetzung der EnergieAllianz<br />

und die daraus abgeleiteten Grundsätze der Preisbildung den Gegebenheiten<br />

auf dem Markt.<br />

Wien 2010/2 27


Strompreise<br />

13.1 Als Miteigentümerin der EnergieAllianz unterlag die Wien Energie 1)<br />

selbst zwar nicht den genannten Grundsätzen, konnte aber ihre Aktivitäten<br />

hinsichtlich <strong>des</strong> Stromvertriebs nur in Übereinstimmung mit<br />

der EnergieAllianz gestalten. In Bezug auf die Gestaltung der Strompreispolitik<br />

waren ihr weder in den Satzungen noch durch Weisungen<br />

der Muttergesellschaft 2) Aufträge erteilt worden. Sie setzte bisher auch<br />

selbst keine eigenen Maßnahmen.<br />

1) Muttergesellschaft der als Kommanditisten an der EnergieAllianz beteiligten WIEN-<br />

STROM GmbH und Wien Energie Gasnetz GmbH<br />

2) WIENER STADTWERKE Holding AG<br />

13.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH war aus dem Verhalten der Wien Energie bezüglich<br />

der Strompreise ersichtlich, dass sie die von der EnergieAllianz<br />

gesetzten Maßnahmen als zweckmäßig erachtete.<br />

Verkaufspreisentwicklung<br />

14 Die Wien Energie Vertrieb erhöhte ihre Preise im Haushaltskundensegment<br />

in den Jahren 2004 und 2008 jeweils zweimal sowie in den<br />

Jahren 2003, 2006 und 2007 jeweils einmal.<br />

Die höchsten Energiepreissteigerungsraten der Produktmarke „Optima“ 3)<br />

waren in den Jahren 2004 (rd. 32 %) und 2007 (rd. 25 %) zu verzeichnen.<br />

Insgesamt stieg die Energiepreiskomponente <strong>des</strong> Stromprodukts<br />

„Optima“ in den beobachteten sieben Jahren um rd. 140 %<br />

an. Unter Berücksichtigung der Verringerung <strong>des</strong> Netznutzungsentgelts<br />

(rd. 10 %) und der Abgaben (rd. 5 %) führten diese Erhöhungen<br />

zu einem Anstieg <strong>des</strong> gesamten Strompreises von rd. 13 Cent/kWh<br />

(April 2002) auf rd. 17 Cent/kWh (November 2008). Bezogen auf den<br />

Durchschnittsverbrauch eines Wiener Haushalts lag die Preiserhöhung<br />

bei rd. 35 %. 4)<br />

3) Als Hauptumsatzträger kann die Preisentwicklung bei der Marke „Optima“ als repräsentativ<br />

für alle Stromprodukte der Wien Energie Vertrieb angesehen werden.<br />

4) Durchschnittsverbrauch eines Wiener Haushalts von jährlich 2.500 kWh<br />

28 Wien 2010/2


Wien<br />

Strompreise Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Strombeschaffung<br />

15.1 Die Wien Energie Vertrieb bezog den für die Kundenbelieferungen<br />

benötigten Strom von der e&t Energie Handelsgesellschaft m.b.H. 1) . Sie<br />

war gesetzlich verpflichtet, einen Teil ihres Strombedarfs entsprechend<br />

ihres Anteils am gesamten inländischen Stromabsatz mit Öko–Strom<br />

zu behördlich festgesetzten Preisen, die fallweise über den Marktpreisen<br />

lagen, zu decken. Kurzfristig benötigte Mengen wurden am Spotmarkt<br />

2) eingekauft.<br />

1) Gesellschafter waren die BEGAS, die BEWAG, die EVN AG und die Wien Energie<br />

2) Markt, an dem Geschäfte in Kontrakten abgeschlossen werden, die sofort (Intra–Day),<br />

am nächsten Tag (Day–Ahead) oder auch am übernächsten Tag erfüllt werden<br />

Einen Teil <strong>des</strong> Stroms kaufte die e&t Energie Handelsgesellschaft m.b.H.<br />

für die Wien Energie Vertrieb am Strommarkt bzw. an der Strombörse<br />

zu. <strong>Der</strong> Kauf erfolgte in Tranchen während eines vorher festgelegten<br />

Zeitraums von mehreren Monaten vor Beginn der Lieferungen.<br />

15.2 <strong>Der</strong> RH erachtete diese Vorgangsweise als zweckmäßig, weil damit — im<br />

Vergleich zum Einkauf <strong>des</strong> gesamten Jahresbedarfs zu einem einzigen<br />

Zeitpunkt — das Preisrisiko wesentlich gesenkt werden kann. Da die<br />

Börsenpreise für Strom sehr volatil sind und ihre Entwicklung nicht<br />

vorhersehbar ist, stellt diese Form der Energiebeschaffung eine gängige<br />

Strategie <strong>des</strong> Stromeinkaufs für die Belieferung von Haushaltskunden<br />

dar. Die Auswahl eines einzigen Zeitpunkts für die Beschaffung<br />

<strong>des</strong> gesamten Bedarfs wäre spekulativ und risikobehaftet.<br />

15.3 Dazu ergänzte die Geschäftsführung der Wien Energie, dass die Wien<br />

Energie Vertrieb trotz der volatilen Strombörsenpreise mit ihrer Einkaufs–<br />

und Preisstrategie möglichst lange konstante Verkaufspreise<br />

ermögliche. Auch biete die Wien Energie umfangreiche Beratungsmöglichkeiten<br />

für Kunden als Teil <strong>des</strong> Stromlieferungsentgelts an.<br />

16.1 Große Strommengen kaufte die e&t Energie Handelsgesellschaft m.b.H.<br />

für die Wien Energie Vertrieb zudem von der WIENSTROM GmbH,<br />

einer Tochtergesellschaft der Wien Energie, zu. Die Preise hiefür orientierten<br />

sich ebenfalls an jenen der Strombörse.<br />

Wien 2010/2 29


Strompreise<br />

16.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH war die Bewertung <strong>des</strong> Stromeinsatzes zu Börsenpreisen<br />

für die Zwecke der internen Erfolgskontrolle <strong>des</strong> Vertriebs<br />

auch im Falle einer Erzeugung im Wien Energie–Konzern zweckmäßig.<br />

<strong>Der</strong> erzeugte Strom kann nämlich ohne zusätzliche Kosten einer Vertriebsorganisation<br />

für den Stromverkauf an Endverbraucher jederzeit<br />

auch an der Börse zu den dort notierten Preisen abgesetzt werden.<br />

17.1 <strong>Der</strong> Stromeinkauf erfolgte in der Regel lange Zeit vor Belieferung der<br />

Haushaltskunden. Beispielsweise betrafen die Börsenpreise <strong>des</strong> Jahres<br />

2008 für „Forwards 1 year ahead“ Lieferungen, die ein Jahr später<br />

erfolgten und erst dann erfolgswirksam verrechnet werden. 1)<br />

1) Ein Forward ist ein Vertrag zwischen Käufer und Verkäufer, in dem der Verkäufer<br />

sich verpflichtet, eine Lieferung in definierter Größe zu einem festgelegten Preis und<br />

zu einem bestimmten Datum in der Zukunft durchzuführen. Die Zahlung erfolgt<br />

zur Gänze zum Zeitpunkt der oder nach der Lieferung.<br />

17.2 <strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass die jeweils aktuellen Beschaffungspreise<br />

überwiegend erst in späteren Zeitperioden erfolgswirksam werden.<br />

Aufwandsstruktur<br />

18.1 Im Zeitraum der Wirtschaftsjahre 2001/2002 bis 2008/2009 2) stiegen<br />

die durchschnittlichen Strombezugspreise der Wien Energie Vertrieb<br />

um rd. 170 % an. Im Vergleich dazu erhöhten sich in diesem Zeitraum<br />

die gleitenden Durchschnittspreise an der Strombörse für Öl bspw. um<br />

250 % und für Kohle um 275 %. Im Wirtschaftsjahr 2007/2008 betrug<br />

der Aufwand für den Strombezug mehr als 90 % <strong>des</strong> gesamten Aufwands<br />

der Gesellschaft. Hingegen erhöhte sich der restliche Aufwand<br />

nur geringfügig.<br />

2) Für das Wirtschaftsjahr 2008/2009 handelt es sich um eine Prognose.<br />

18.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass die Aufwandserhöhungen im Haushaltskundensegment<br />

vor allem auf den Anstieg der Strombezugspreise zurückzuführen<br />

waren.<br />

30 Wien 2010/2


Wien<br />

Strompreise Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Verkaufserfolg<br />

19 Im Vergleich zu den sehr volatilen Strombörsenpreisen wurden, wie<br />

die folgende Tabelle zeigt, die Stromverkaufspreise der Wien Energie<br />

Vertrieb für Haushaltskunden für einen längeren Zeitraum konstant<br />

gehalten.<br />

Abbildung 1: Energiepreise 2002 bis 2009<br />

in Cent/kWh 1)<br />

10<br />

9<br />

8<br />

7<br />

6<br />

5<br />

4<br />

3<br />

2<br />

1<br />

0<br />

1. Jänner 2002<br />

3,63<br />

(3,51)<br />

1. Jänner 2003<br />

3,99<br />

(3,87)<br />

1. Jänner 2004<br />

4,25<br />

(4,22)<br />

1. Jänner 2005<br />

5,25<br />

(5,21)<br />

1. Jänner 2006<br />

Betrachtungsperiode – Jahre<br />

1) ohne USt; Klammerausdruck: Energiepreise abzüglich Rabatt<br />

5,92<br />

(5,88)<br />

1. Jänner 2007<br />

7,40<br />

(7,36)<br />

1. Jänner 2008<br />

7,47<br />

(7,43)<br />

8,77<br />

(8,72)<br />

1. Jänner 2009<br />

1. Mai 2009<br />

Wien 2010/2 31


Strompreise<br />

Wegen der unterschiedlichen Entwicklung <strong>des</strong> Aufwands und der Erlöse<br />

kam es zwischenzeitlich zu Gewinnen oder Verlusten, so dass zur<br />

Erfolgsbeurteilung <strong>des</strong> Stromverkaufs im Haushaltskundensegment die<br />

Ergebnisse längerer Zeiträume heranzuziehen waren. Die Umsatzrendite<br />

der Wien Energie Vertrieb über alle Stromkundensegmente lag in<br />

den letzten Jahren bei durchschnittlich 3 % und wies eine sinkende<br />

Tendenz auf.<br />

Preiserhöhung im November 2008<br />

20.1 In Anbetracht <strong>des</strong> seit Mitte <strong>des</strong> Jahres 2008 unerwartet starken Anstiegs<br />

der Börsenpreise erhöhte die Wien Energie Vertrieb am 15. November<br />

2008 den seit 1. Jänner dieses Jahres geltenden Verkaufspreis für<br />

die Produktmarke „Optima“ von 7,47 Cent/kWh (7,43 abzüglich Rabatt)<br />

um rd. 17 % auf 8,77 Cent/kWh (8,72 abzüglich Rabatt). Da die Konkurrenz<br />

keine Preiserhöhungen durchführte, zählte die Wien Energie<br />

Vertrieb damit zu den Anbietern mit den höchsten Strompreisen im<br />

Wiener Netzbereich. <strong>Der</strong> Preisabstand zu den Hauptkonkurrenten Verbund<br />

und KELAG–Kärntner Elektrizitäts–Aktiengesellschaft (KELAG)<br />

vergrößerte sich dadurch auf 29 % bzw. 17 % 1) . Die Preisabweichungen<br />

sind der nachstehenden Grafik <strong>des</strong> RH zu entnehmen:<br />

1) Unter Berücksichtigung der damals gewährten Rabatte betrug der Preisabstand<br />

gegenüber der KELAG 25 %.<br />

32 Wien 2010/2


Wien<br />

Strompreise Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Abbildung 2: Preisvergleich<br />

in Cent<br />

30<br />

25<br />

20<br />

10<br />

90<br />

170<br />

250<br />

330<br />

410<br />

490<br />

570<br />

650<br />

730<br />

810<br />

890<br />

970<br />

1.050<br />

1.130<br />

1.210<br />

1.290<br />

1.370<br />

1.450<br />

1.530<br />

1.610<br />

1.690<br />

1.770<br />

1.850<br />

1.930<br />

2.010<br />

2.090<br />

2.170<br />

2.250<br />

2.330<br />

2.410<br />

2.490<br />

2.570<br />

2.650<br />

2.730<br />

2.810<br />

2.890<br />

2.970<br />

3.050<br />

3.130<br />

3.210<br />

15<br />

10<br />

5<br />

0<br />

Gegen Ende <strong>des</strong> Jahres 2008 sanken die Börsenpreise für Strom ebenso<br />

unerwartet, wie sie gestiegen waren, rasch wieder auf das Niveau der<br />

ersten Jahreshälfte. Trotz der nunmehr hohen Preisunterschiede zu<br />

den anderen Anbietern verlor die Wien Energie Vertrieb nicht mehr<br />

Kunden als in den vergangenen Jahren, in denen die Preisdifferenzen<br />

geringer waren.<br />

20.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH entsprach die Preispolitik der Wien Energie Vertrieb<br />

konsequent ihrem privatwirtschaftlichen Ziel einer nachhaltigen<br />

Gewinnorientierung. Das Risiko einer verstärkten Abwanderung von<br />

Kunden zur preislich günstigeren Konkurrenz aufgrund <strong>des</strong> eigenen<br />

hohen Preisniveaus verwirklichte sich bisher nicht.<br />

Wien 2010/2 33<br />

kWh<br />

Wien Energie GmbH<br />

Österreichische Elektrizitätswirtschafts–Aktiengesellschaft (Verbund)<br />

SWITCH Energievertriebsgesellschaft m.b.H.<br />

KELAG – Kärntner Elektrizitäts–Aktiengesellschaft; Preis in Wien<br />

3.290


Strompreise<br />

Strompreisvergleich<br />

Preisvergleich österreichischerStromanbieter<br />

20.3 Die EnergieAllianz betonte in ihrer Stellungnahme, sie verfolge die<br />

Strategie der nachhaltigen Sicherung und Entwicklung der Geschäftssubstanz<br />

bzw. <strong>des</strong> Unternehmenswerts.<br />

21 In der folgenden Tabelle werden für die Jahre 2003 1) bis 2009 jeweils<br />

die Energiepreise der Wien Energie Vertrieb mit 16 bedeutenden österreichischen<br />

Stromanbietern verglichen. 2) Dargestellt werden dabei<br />

die höchsten, die niedrigsten sowie die durchschnittlichen Energiepreise<br />

in Cent/kWh (Werte in Klammer unter Berücksichtigung der<br />

damals gewährten Rabatte). <strong>Der</strong> Berechnung liegt ein Jahresbezug von<br />

2.500 kWh zugrunde.<br />

1) Für 2002 lagen dem RH keine Vergleichszahlen für einen Jahresverbrauch von<br />

2.500 kWh vor.<br />

2) EVN AG, Energie AG Oberösterreich, Salzburg AG für Energie, Verkehr und Telekommunikation,<br />

KELAG, TIWAG–Tiroler Wasserkraft AG, STEWEAG–STEG GmbH,<br />

Vorarlberger Kraftwerke Aktiengesellschaft, Energie Graz GmbH & Co KG, Innsbrucker<br />

Kommunalbetriebe Aktiengesellschaft, Linz Strom Vertrieb GmbH & Co KG,<br />

Energie Klagenfurt GmbH, SWITCH Energievertriebsgesesellschaft m.b.H., My Electric,<br />

Unsere Wasserkraft GmbH, Österreichische Elektrizitätswirtschafts–Aktiengesellschaft<br />

(Verbund)<br />

Tabelle 1: Preisvergleich österreichischer Stromanbieter 3)<br />

Mai<br />

2003 4)<br />

Jänner<br />

2004<br />

Jänner<br />

2005<br />

Jänner<br />

2006<br />

in Cent/kWh<br />

Jänner<br />

2007<br />

Jänner<br />

2008<br />

Jänner<br />

2009<br />

höchster Preis 4,66 4,61 6,28 6,87 8,97 8,91 9,38<br />

(4,19) (4,55) (6,28) (6,87) (8,79) (8,59) (9,06)<br />

Preis Wien Energie<br />

Vertrieb GmbH &<br />

Co KG (Optima)<br />

3,99<br />

(3,87)<br />

4,25<br />

(4,22)<br />

5,25<br />

(5,21)<br />

5,25<br />

(5,21)<br />

7,40<br />

(7,36)<br />

7,47<br />

(7,43)<br />

8,77<br />

(8,72)<br />

Durchschnittspreis 4,06 4,35 5,00 5,45 6,77 7,18 7,64<br />

(3,73) (4,19) (4,85) (5,21) (6,60) (6,99) (7,46)<br />

niedrigster Preis 3,65 4,14 4,14 4,50 5,60 6,20 6,20<br />

(3,38) (3,78) (3,78) (4,05) (5,40) (6,00) (6,03)<br />

3) Werte in Klammer: abzüglich gewährter Rabatte<br />

4) Vergleichszahlen für Jänner nicht verfügbar<br />

Quelle: ENERGIEALLIANZ Austria GmbH<br />

34 Wien 2010/2


Wien<br />

Strompreise Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Internationaler<br />

Preisvergleich<br />

Demnach lag die Wien Energie Vertrieb mit dem Preis der Produktstrommarke<br />

„Optima“ bis November 2008 im oberen Mittelfeld und<br />

danach im Spitzenfeld der Anbieter. Von den im Vergleich genannten<br />

16 österreichischen Stromanbietern boten sieben 1) ihre Produkte auch<br />

im Wiener Netzbereich an.<br />

1) KELAG, Vorarlberger Kraftwerke Aktiengesellschaft, Energie Klagenfurt GmbH,<br />

SWITCH Energievertriebsgesesellschaft m.b.H., My Electric, Unsere Wasserkraft<br />

GmbH, Österreichische Elektrizitätswirtschafts–Aktiengesellschaft (Verbund)<br />

22.1 Die folgende Tabelle zeigt für den Zeitraum Jänner 2002 bis Juni 2008<br />

einen Vergleich der Strombezugspreisentwicklung in Österreich mit der<br />

in 15 EU–Staaten. Erfasst wurden dabei die durchschnittlichen Nettopreise<br />

der wichtigsten Stromlieferanten je<strong>des</strong> Staates gewichtet nach<br />

ihren Marktanteilen für eine Abnahme von jährlich 3.500 kWh. 2) Sie<br />

beinhalten sowohl die Energie– als auch die Netznutzungspreise.<br />

2) davon 1.300 kWh Nachtstrom<br />

Tabelle 2: Internationaler Preisvergleich<br />

durchschnittlicheStrombezugspreise<br />

Jänner<br />

2002<br />

Jänner<br />

2003<br />

Jänner<br />

2004<br />

Jänner<br />

2005<br />

in Cent/kWh<br />

Jänner<br />

2006<br />

Jänner<br />

2007<br />

Jänner<br />

2008<br />

Juni<br />

2008<br />

Österreich 9,32 9,26 9,81 9,64 8,94 10,50 12,55 12,71<br />

EU–Staaten 10,32 10,36 10,27 10,74 10,94 12,05 12,52 12,19<br />

Quelle: Energie–Control Österreichische Gesellschaft für die Regulierung in der Elektrizitäts– und Erdgaswirtschaft<br />

mit beschränkter Haftung (E–Control)<br />

22.2 Wie aus der Tabelle ersichtlich ist, erhöhten sich die durchschnittlichen<br />

Strombezugspreise in Österreich im Vergleich zu den EU–Staaten stärker.<br />

Bis 2007 lagen die Werte unter dem Durchschnitt und ab 2008 darüber.<br />

Allerdings ist die Aussagekraft <strong>des</strong> angeführten Vergleichs nach<br />

Ansicht <strong>des</strong> RH eingeschränkt, weil dabei nicht die Unterschiede der<br />

einzelnen Staaten hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Lage bzw. Entwicklung<br />

(z.B. Kaufkraft, Steuern und Abgaben) sowie insbesondere<br />

in Bezug auf die Bereiche Stromerzeugung (insbesondere Ökostromförderung),<br />

–verteilung und –verbrauch berücksichtigt werden.<br />

Wien 2010/2 35


Strompreise<br />

22.3 Dazu ergänzte die Wien Energie, dass unter der Berücksichtigung der<br />

Kaufkraft die Energie– und Netzpreise für Strom und Gas ohne Steuern<br />

und Abgaben im Vergleich zu den westlichen EU–Mitgliedern zu<br />

den günstigsten zählen würden. Die EnergieAllianz teilte mit, dass sich<br />

das Preisniveau in der EU harmonisiere und Österreich gut im Schnitt<br />

liege (Durchschnitt im 2. Halbjahr 2008 in Österreich 12,68 Cent/<br />

kWh und EU 12,78 Cent/kWh).<br />

36 Wien 2010/2


Eigentümerstruktur<br />

Organisation<br />

Wien Energie<br />

Wien<br />

23 Die Wien Energie gehörte zu 100 % zum Konzern der Wiener Stadtwerke,<br />

der insbesondere die Bereiche Energie, Verkehr, Bestattung<br />

und Beteiligungsmanagement umfasste. Bedingt durch die Neuordnung<br />

<strong>des</strong> europäischen Energiebinnenmarkts kam es in Österreich ab<br />

Oktober 2001 (Strom) bzw. Oktober 2002 (Gas) zu einer vollständigen<br />

Marktöffnung und damit freien Wahlmöglichkeit <strong>des</strong> Lieferanten für<br />

jeden Kunden. Diesen veränderten Marktbedingungen begegnete die<br />

WIENER STADTWERKE Holding AG (Wiener Stadtwerke) mit einer<br />

neuen Konzernorganisation. Sie fasste die Gesellschaften <strong>des</strong> Energiebereichs,<br />

der in die Zuständigkeit eines Vorstands der Wiener Stadtwerke<br />

fiel, in einem Teilkonzern unter einer eigenen Zwischenholding<br />

(Wien Energie) zusammen. Damit sollte dem EU–rechtlichen Verbot<br />

von Quersubventionen in Konzernen Rechnung getragen werden. Weiters<br />

konnte dem Wettbewerb und dem Preiskampf flexibel begegnet<br />

und die Vertiefung der Zusammenarbeit mit anderen Lan<strong>des</strong>energieversorgungsunternehmen<br />

leichter verwirklicht werden.<br />

24 Die Wien Energie hielt 100 % der Anteile an der WIEN ENERGIE Stromnetz<br />

GmbH, der WIEN ENERGIE Gasnetz GmbH, der Fernwärme Wien,<br />

der WIENSTROM GmbH sowie der ENERGIECOMFORT Energie– und<br />

Gebäudemanagement GmbH. Diese Tochtergesellschaften waren ihrerseits<br />

wiederum an energienahen Unternehmen beteiligt. Gemeinsam<br />

bildeten sie den Wien Energie–Konzern.<br />

Weiters war die Wien Energie zu jeweils 45 % an der EnergieAllianz<br />

und der e&t Energie Handelsgesellschaft m.b.H. sowie zu 6,59 % an<br />

der Burgenland Holding Aktiengesellschaft beteiligt.<br />

25 Die Wien Energie als Obergesellschaft <strong>des</strong> Wien Energie–Konzerns war<br />

für die Unternehmenspolitik verantwortlich. Darüber hinaus erbrachte<br />

sie für ihre Töchter Dienstleistungen. Das operative Geschäft betrieben<br />

ausschließlich die Tochtergesellschaften, die über einen hohen Grad<br />

an Selbständigkeit verfügten. Im überprüften Zeitraum 1) bestand die<br />

Unternehmensleitung aus drei Geschäftsführern, wovon zwei gleichzeitig<br />

auch eine Geschäftsführerfunktion in Tochterunternehmen (WIEN-<br />

STROM GmbH bzw. Fernwärme Wien) ausübten. Im Jahr 2009 wurde<br />

deren Anzahl auf zwei reduziert, die zudem ausschließlich für die Wien<br />

Energie tätig waren.<br />

1) Wirtschaftsjahre 2005/2006 bis 2007/2008<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Wien 2010/2 37


Wien Energie<br />

Unternehmenspolitik<br />

26.1 Im Jahr 2002 untersuchte die Wien Energie gemeinsam mit einem<br />

externen Berater mögliche Strategieansätze und organisatorische Synergiepotenziale.<br />

Die Ergebnisse der Untersuchung wurden zwar dokumentiert,<br />

eine formelle verbindliche Festlegung auf eine bestimmte<br />

Strategievariante unterblieb jedoch.<br />

Die Auswirkungen der Ergebnisse dieser Untersuchung auf das Unternehmensgeschehen<br />

wurden im Jahr 2006 anhand der organisatorischen<br />

Veränderungen <strong>des</strong> Konzerns seit 2002, der Entwicklung der Dachmarke<br />

und der Unternehmensexpansion evaluiert. Dabei zeigte sich,<br />

dass die von der Geschäftsführung durchgeführten Projekte, wie bspw.<br />

die Entwicklung einer Dachmarke 1) , die Zentralisierung der Vertriebsaktivitäten<br />

im Energiebereich (Gründung der EnergieAllianz und der<br />

EconGas GmbH), die Verhandlungen zur Österreichischen Stromlösung<br />

sowie der Beginn und Ausbau von Auslandsaktivitäten die Überlegungen<br />

der Strategieansätze im Wesentlichen widerspiegelten. Weiters<br />

wurden Risiken und Chancen von Unternehmenskooperationen<br />

und –partnerschaften analysiert, um für diese Bereiche eine strategische<br />

Ausrichtung abzuleiten.<br />

1) Zusammenführung bestehender Einzelmarken unter einer Gesamtmarke<br />

26.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass das Ergebnis der im Jahr 2002 durchgeführten<br />

Untersuchung lediglich ein grobes, unverbindliches Konzept darstellte,<br />

das keine Zielvorgaben enthielt. Die darin enthaltenen Strategieansätze<br />

wiesen einen geringen Konkretisierungsgrad auf. Dies<br />

beeinträchtigte auch die Evaluierung im Jahr 2006, die aufgrund der<br />

fehlenden Zielvorgaben sehr allgemein gehalten war.<br />

26.3 Die Wien Energie teilte mit, dass die im Jahr 2002 erarbeitete Konzernstrategie<br />

<strong>des</strong> Unternehmens durch Beschlüsse der Generalversammlung<br />

und <strong>des</strong> Aufsichtsrats verbindlich gemacht worden sei.<br />

26.4 Dem hielt der RH entgegen, dass ihm keine diesbezüglichen Beschlüsse<br />

vorgelegt wurden.<br />

27.1 Im Geschäftsjahr 2007/2008 wurden für Teilbereiche <strong>des</strong> Wien Energie–Konzerns<br />

Einzelstrategien entwickelt. Ein unternehmenspolitisches<br />

Gesamtkonzept für den Wien Energie–Konzern lag nicht vor.<br />

38 Wien 2010/2


Wien<br />

Wien Energie Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Die Wien Energie nahm die zur Führung <strong>des</strong> Wien Energie–Konzerns<br />

notwendigen Aufgaben Konzerncontrolling und –kommunikation<br />

selbst wahr; die Leistungen für die Bereiche Konzernrevision, Recht<br />

sowie Treasury und Unternehmensfinanzierung bezog sie von der Wiener<br />

Stadtwerke.<br />

Weiters erbrachte die Wien Energie für ihre Tochtergesellschaften<br />

Dienstleistungen. Diese wurden entweder selbst erstellt, von der Wiener<br />

Stadtwerke zugekauft oder von anderen Tochtergesellschaften<br />

bezogen. Dienstleistungen im Wert von jährlich durchschnittlich<br />

rd. 5,10 Mill. EUR wurden zu rd. 68 % <strong>des</strong> durchschnittlichen Gesamtwerts<br />

von anderen Konzernunternehmen erbracht.<br />

27.2 Angesichts <strong>des</strong> Fehlens von quantifizierten Vorgaben im Rahmen<br />

eines detaillierten unternehmenspolitischen Gesamtkonzepts und <strong>des</strong><br />

vergleichsweise geringen Umfangs der von der Wien Energie selbst<br />

erbrachten Leistungen regte der RH an, die Zweckmäßigkeit einer eigenen<br />

Zwischenholding innerhalb <strong>des</strong> Wiener Stadtwerke–Konzerns zu<br />

überprüfen, wobei sowohl die Leistungserbringung als auch deren Verrechnung<br />

direkt zwischen den Konzernunternehmen erfolgen könnte.<br />

<strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass für den Bereich Energie auch im Wiener<br />

Stadtwerke–Konzern ein Vorstandsmitglied zuständig war und somit<br />

eine redundante Struktur bestand.<br />

27.3 Die Wien Energie wies darauf hin, dass sie Anfang 2008 mit jedem<br />

ihrer Bereichsunternehmen Zielvereinbarungen für das Geschäftsjahr<br />

2013 festgelegt habe. Sie habe den Anteil an zugekauften Dienstleistungen<br />

am Gesamtaufwand mit 63 % ermittelt.<br />

27.4 Dem entgegnete der RH, dass diese konkreten Zielvorgaben für den<br />

überprüften Zeitraum zur Zeit der Überprüfung noch nicht vorlagen.<br />

Weiters verblieb er bei seiner Beurteilung, dass die Festlegung von<br />

Zielvereinbarungen lediglich einen Teilaspekt eines unternehmenspolitischen<br />

Gesamtkonzepts darstellt.<br />

<strong>Der</strong> vom RH errechnete Prozentsatz von 68 % für zugekaufte Dienstleistungen<br />

basierte auf den von der Wien Energie übergebenen Unterlagen<br />

über die Hauptkostenstellen <strong>des</strong> Unternehmens. <strong>Der</strong> von der<br />

Wien Energie angegebene Prozentsatz von 63 % konnte vom RH nicht<br />

nachvollzogen werden.<br />

Wien 2010/2 39


Wien Energie<br />

Leistungsver-<br />

rechnung<br />

Konzernkommunikation<br />

28.1 Die Wiener Stadtwerke führte entsprechend den abgeschlossenen Verträgen<br />

die Verrechnung <strong>des</strong> von ihr beigestellten Personals durch. Dabei<br />

stellte der RH im überprüften Zeitraum Abweichungen in Höhe von<br />

rd. 57.800 EUR fest. <strong>Der</strong> Betrag wurde der Wien Energie nachträglich<br />

in Rechnung gestellt. Laut Auskunft der Wiener Stadtwerke soll eine<br />

im Jahr 2008 neu implementierte Software–Anwendung Eingabefehler<br />

bei der Gehaltsweiterverrechnung künftig ausschließen.<br />

Die Kostenerfassung sowie die Umlageverrechnung der Wien Energie<br />

an ihre Töchter erfolgten zum Teil IT–gestützt und zum Teil mittels<br />

Berechnungen auf Basis von manuell eingegebenen IT–Daten in<br />

Tabellenkalkulationsprogrammen.<br />

Zwischen den Ergebnissen der Kostenrechnung und der Finanzbuchhaltung<br />

stellte der RH Abweichungen fest. Ebenso ergaben sich Differenzen<br />

bei der Kontrolle der vertragsgemäßen Abbildung der Kostenweiterverrechnung.<br />

28.2 Durch die Berechnungen in Tabellenkalkulationsprogrammen verzichtete<br />

die Wien Energie nach Ansicht <strong>des</strong> RH auf die Vorteile eines in<br />

sich geschlossenen Systems. Die manuellen Berechnungen stellten darüber<br />

hinaus zusätzliche potenzielle Fehlerquellen dar. <strong>Der</strong> RH empfahl<br />

daher der Wien Energie neben der Kostenerfassung auch die durchgängige<br />

IT–unterstützte Durchführung der Umlagenverrechnung. Er<br />

empfahl weiters, softwareunterstützte Kontrollmechanismen einzurichten<br />

und zu verwenden.<br />

28.3 Laut Stellungnahme der Wien Energie sei die Ursache für die vom RH<br />

festgestellten Differenzen zwischen der Kostenrechnung und der Finanzbuchhaltung<br />

<strong>des</strong> Geschäftsjahres 2008/2009 richtiggestellt worden.<br />

29.1 Die Konzernkommunikation der Wien Energie umfasste die Öffentlichkeitsarbeit<br />

für den gesamten Wien Energie–Konzern in Form von Sponsoring<br />

und Kooperationen primär mit Institutionen aus dem Bereich<br />

Sport, aber auch aus dem Kulturbereich. Im überprüften Zeitraum lag<br />

der durchschnittliche jährliche Aufwand für Marketingaktivitäten bei<br />

rd. 11,38 Mill. EUR.<br />

40 Wien 2010/2


Wien<br />

Wien Energie Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Im Rahmen einer Geschäftsführersitzung der Wien Energie im<br />

August 2007 wurde von den als Gästen geladenen Vertretern der Wiener<br />

Stadtwerke 1) die Geschäftsführung beauftragt — entsprechend den<br />

Wünschen der Stadt Wien —, Inserate in Höhe von 2 Mill. EUR in<br />

bestimmten Medien zusätzlich zu schalten. Davon sollten 700.000 EUR<br />

noch im Geschäftsjahr 2007 und die restlichen 1,3 Mill. EUR im<br />

Geschäftsjahr 2008 eingesetzt werden. Eine Begründung für die Notwendigkeit<br />

der Verstärkung dieser Marketingaktivitäten der Wien Energie<br />

wurde nicht dargelegt.<br />

1) Mitglied <strong>des</strong> Vorstands; Leiterin der Konzernkommunikation<br />

Die Geschäftsführer der Wien Energie setzten diese Eigentümervorgaben<br />

um.<br />

29.2 <strong>Der</strong> RH beanstandete den kurzfristigen Einsatz beträchtlicher finanzieller<br />

Mittel für Werbung im Energiebereich ohne Einbindung in ein<br />

Gesamtkonzept. Weiters fehlten Ziele, die mit dieser Maßnahme erreicht<br />

werden sollten.<br />

Hinsichtlich der mündlichen Anordnung verwies der RH auf das Gesetz<br />

über Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH–Gesetz), wonach<br />

der Geschäftsführung einer GmbH eine Weisung nur durch Gesellschafterbeschluss<br />

erteilt werden kann.<br />

29.3 Die Wien Energie erklärte, die für die Verstärkung dieser Marketingaktivitäten<br />

zusätzlichen 2 Mill. EUR seien in ein Gesamtkonzept eingebunden<br />

gewesen.<br />

29.4 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass der Betrag von 2 Mill. EUR im ursprünglichen<br />

Werbebudget nicht berücksichtigt war und erst im Nachhinein auf<br />

Initiative der Eigentümer aufgenommen wurde. Im Hinblick darauf,<br />

dass Zielsetzungen dieser Aktivitäten sowie deren Einbindung in ein<br />

Gesamtkonzept fehlten, verblieb der RH bei seiner Auffassung. Er hielt<br />

daher seine Kritik aufrecht, dass beträchtliche finanzielle Mittel für<br />

die Werbung im Energiebereich ohne Einbindung in ein Gesamtkonzept<br />

und die entsprechenden Maßnahmenziele eingesetzt wurden.<br />

Wien 2010/2 41


Wien Energie<br />

Wirtschaftliche<br />

Entwicklung <strong>des</strong><br />

Wien Energie–<br />

Konzerns<br />

30.1 Die Wien Energie erstellte für den Wien Energie–Konzern einen Teilkonzernabschluss,<br />

der folgende Entwicklung zeigte:<br />

Tabelle 3: Wirtschaftliche Entwicklung <strong>des</strong> Wien Energie-Konzerns<br />

2005/2006 2006/2007 2007/2008<br />

in Mill. EUR 1)<br />

Umsatzerlöse 1.976,00 1.956,11 2.258,72<br />

Materialaufwand 1.140,62 1.140,03 1.400,46<br />

Personalaufwand 433,21 473,57 465,75<br />

Betriebsergebnis 51,24 29,36 55,75<br />

Finanzergebnis 42,33 58,26 23,35<br />

Ergebnis der gewöhnlichen<br />

Geschäftstätigkeit 93,57 87,63 79,10<br />

Eigenkapital 1.107,78 1.182,33 1.264,46<br />

Anzahl<br />

durchschnittlicher<br />

Beschäftigtenstand 5.485 5.454 5.441<br />

1) Rundungsdifferenzen<br />

Die Schwankungen der Umsatzerlöse, die zu rd. 87 % aus den Bereichen<br />

Strom, Gas und Fernwärme stammten, waren hauptsächlich von<br />

den Witterungsbedingungen in den einzelnen Geschäftsjahren und den<br />

Veränderungen beim Energieverkaufspreis beeinflusst.<br />

Die Materialaufwendungen stiegen im überprüften Zeitraum um<br />

rd. 23 % an. Sie waren vor allem durch den witterungsbedingten Mengenbedarf<br />

an Energie sowie deren Bezugspreise bestimmt.<br />

<strong>Der</strong> Personalstand war mit 0,8 % rückläufig. Dennoch stieg der Personalaufwand<br />

wegen <strong>des</strong> steigenden Anteils an Pensionsaufwendungen<br />

für die von der Stadt Wien an die Wien Energie unbefristet überlassenen<br />

Mitarbeiter an.<br />

42 Wien 2010/2


Wien<br />

Wien Energie Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Entsprechend dem oben dargestellten Verlauf der Ertrags– und Aufwandslage<br />

entwickelte sich der Betriebserfolg. Witterungsbedingte<br />

Schwankungen der Absatzmengen, steigende Bezugskosten sowie<br />

Erhöhung der Personalkosten waren die größten Einflussfaktoren.<br />

Das Finanzergebnis <strong>des</strong> Wien Energie–Konzerns war im Geschäftsjahr<br />

2007/2008 rückläufig, weil die Abwertung von Wertpapieren<br />

nicht durch erzielte Beteiligungs– und Zinserträge kompensiert werden<br />

konnte. Das Ergebnis spiegelte die Situation auf den Finanzmärkten<br />

wider.<br />

Die Umsatzrenditen 1) lagen im überprüften Zeitraum zwischen rd. 1,5 %<br />

(2006/2007) und rd. 2,6 % (2005/2006). Die Verzinsung <strong>des</strong> eingesetzten<br />

Gesamtkapitals betrug 2005/2006 rd. 2,3 %, 2006/2007 rd. 2,3 %<br />

und 2007/2008 rd. 2,0 %.<br />

1) Umsatzrendite: Umsatz im Verhältnis zum Betriebsergebnis<br />

30.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass der Wien Energie–Konzern insgesamt eine<br />

positive wirtschaftliche Entwicklung aufwies. Die Entwicklung <strong>des</strong><br />

Eigenkapitals, in dem sich der wirtschaftliche Erfolg eines Konzerns<br />

widerspiegelt, stieg durch das erwirtschaftete Jahresergebnis an.<br />

Im Vergleich zu ähnlichen kommunalen Energieversorgern zeigte sich<br />

jedoch, dass trotz <strong>des</strong> positiven Verlaufs der wirtschaftlichen Verhältnisse<br />

die Rentabilitäten (Gesamtkapital–, Umsatzrentabilität) <strong>des</strong><br />

Konzerns in den Jahren 2006 und 2007 deutlich schlechtere Ergebnisse<br />

aufwiesen. 2) Ein Grund dafür lag u.a. am vergleichsweise hohen<br />

Personalstand bei gleichzeitig überdurchschnittlichem Personalaufwand<br />

je Beschäftigten. Dieser war durch den hohen Anteil der Pensionsaufwendungen<br />

für die von der Stadt Wien überlassenen Mitarbeiter<br />

bedingt.<br />

2) Vergleichsdaten für das Jahr 2008 lagen zur Zeit der Überprüfung noch nicht vor.<br />

Wien 2010/2 43


Vergaberechtliche<br />

Bestimmungen<br />

Auftraggeber<br />

Energieverbrauch<br />

Vergabe der Strom– und Gasbezüge<br />

31.1 <strong>Der</strong> Magistrat der Stadt Wien sowie die Unternehmen Wiener Krankenanstaltenverbund<br />

und Wiener Wohnen galten als öffentliche Auftraggeber.<br />

Bei der Energiebeschaffung waren daher vergaberechtliche<br />

Bestimmungen zu beachten. 1)<br />

1) Wiener Lan<strong>des</strong>vergabegesetz (WLVergG), LGBl. Nr. 36/1995 (bis 31. August 2002);<br />

Bun<strong>des</strong>vergabegesetz 2002 (BVergG 2002), BGBl. I Nr. 99/2002 (ab 1. September 2002<br />

bis 31. Jänner 2006); Bun<strong>des</strong>vergabegesetz 2006 (BVergG 2006), BGBl. I Nr. 17/2006<br />

(seit 1. Februar 2006)<br />

Bis zur Liberalisierung <strong>des</strong> Strommarkts (Oktober 2001) bzw. <strong>des</strong> Gasmarkts<br />

(Oktober 2002) konnten derartige Aufträge mangels der rechtlichen<br />

Möglichkeit eines Wettbewerbs im Rahmen von Verhandlungsverfahren<br />

ohne vorherige Bekanntmachungen vergeben werden. Seit<br />

der Liberalisierung stehen den Auftraggebern lediglich das offene<br />

und das nicht offene Verfahren mit Bekanntmachung zur Verfügung.<br />

Angesichts der Volumina hätte die Vergabe derartiger Lieferaufträge<br />

im Oberschwellenbereich zu erfolgen; die beabsichtigte Vergabe wäre<br />

europaweit bekannt zu machen. Die Stadt Wien schloss bereits vor der<br />

Liberalisierung Energielieferverträge ab. Vergaben über Energielieferungen<br />

nach der Liberalisierung wurden nicht durchgeführt.<br />

31.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH entsprach die Vorgangsweise der Stadt Wien den<br />

vergaberechtlichen Bestimmungen.<br />

32 <strong>Der</strong> Strom– und Gasbezug für die Stadt Wien erfolgte durch den Magistrat<br />

(Abteilung 23 bzw. 34) sowie durch die Unternehmen Wiener Krankenanstaltenverbund<br />

und Wiener Wohnen. Die Vertragsverhandlungen<br />

mit den Energieversorgungsunternehmen wurden federführend von der<br />

zuständigen Magistratsabteilung unter Einbindung der beiden Unternehmen<br />

abgewickelt.<br />

Magistratsinterne Vorgaben hinsichtlich der Berücksichtigung ökologischer<br />

Aspekte bei der Energiebeschaffung, wie bspw. der Nutzung erneuerbarer<br />

bzw. Nichtnutzung nuklearer Energieträger, bestanden nicht.<br />

33 <strong>Der</strong> Energieverbrauch <strong>des</strong> Magistrats der Stadt Wien sowie <strong>des</strong> Wiener<br />

Krankenanstaltenverbunds und von Wiener Wohnen stellte sich<br />

im Jahr 2007 wie folgt dar:<br />

44 Wien 2010/2


Wien<br />

Vergabe der Strom– und Gasbezüge Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Abbildung 3: Stromverbrauch 2007<br />

in GWh<br />

180<br />

160<br />

140<br />

120<br />

100<br />

80<br />

60<br />

40<br />

20<br />

0<br />

44,11<br />

149,19<br />

113,45<br />

161,47<br />

79,09<br />

MA 1) Haushaltstarif MA 1) Sondertarif KAV ohne AKH 2) AKH 3) Stadt Wien –<br />

Wiener Wohnen<br />

1) Magistrat<br />

2) Krankenanstaltenverbund ohne Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien<br />

3) Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien<br />

Abbildung 4: Gasverbrauch 2007<br />

in GWh<br />

70<br />

60<br />

50<br />

40<br />

30<br />

20<br />

10<br />

0<br />

36,92<br />

59,32<br />

28,62<br />

32,70<br />

28,17<br />

MA 4) Haushaltstarif MA 4) Sondertarif KAV ohne AKH 5) AKH 6) Stadt Wien –<br />

Wiener Wohnen<br />

4) Magistrat<br />

5) Krankenanstaltenverbund ohne Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien<br />

6) Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien<br />

Wien 2010/2 45


Vergabe der Strom– und Gasbezüge<br />

Strombezug<br />

Die mit Abstand größten Stromverbraucher waren das Allgemeine<br />

Krankenhaus der Stadt Wien (AKH; einschließlich seiner Nebenanlagen)<br />

sowie das Sozialmedizinische Zentrum Ost. Weitere große Stromverbraucher<br />

waren das Rathaus und das Rechenzentrum der Stadt<br />

Wien. Zu den größeren Gasverbrauchern zählten das Stadtgartenamt<br />

und das Praterstadion.<br />

Im Einzelnen verteilten sich die Energieausgaben wie folgt:<br />

Tabelle 4: Energieausgaben 2007<br />

Strom Gas<br />

in Mill. EUR<br />

Magistrat 27,64 4,71<br />

Wiener Krankenanstaltenverbund 25,26 2,13<br />

Wiener Wohnen 9,20 1,50<br />

Summe 62,10 8,34<br />

Die Wohnungsmieter von Wiener Wohnen verfügten über eigene Energielieferverträge.<br />

34.1 Vor der Liberalisierung <strong>des</strong> Strommarkts im Oktober 2001 schloss die<br />

Stadt Wien mit der WIENSTROM GmbH einen Rahmenvertrag über<br />

den Strombezug ab. Er hatte eine Laufzeit von drei Jahren und verlängerte<br />

sich bei Nichtkündigung automatisch um ein halbes Jahr. Im<br />

Falle einer Änderung der Marktverhältnisse verpflichteten sich die Vertragspartner<br />

zu einer Neuverhandlung der Bedingungen. Die im Rahmenvertrag<br />

nicht geregelten Angelegenheiten (z.B. die zu liefernde<br />

Strommenge oder die Messeinrichtungen) blieben den Verträgen vorbehalten,<br />

die mit den einzelnen Magistratsabteilungen abgeschlossen<br />

wurden.<br />

Ende 2002 verhandelte die Stadt Wien aufgrund der Preisentwicklung<br />

auf dem Strommarkt den bestehenden Vertrag neu. <strong>Der</strong> im Jänner<br />

2003 vereinbarte Preis war an den Strombörsenpreis gebunden<br />

und lag geringfügig unter dem Preis, den der Bund zu bezahlen hatte.<br />

<strong>Der</strong> Vertrag hatte eine Laufzeit bis Ende 2005 und verlängerte sich<br />

bei Nichtkündigung automatisch. Die Stadt Wien verzichtete auf die<br />

46 Wien 2010/2


Wien<br />

Vergabe der Strom– und Gasbezüge Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Durchführung eines europaweiten Vergabeverfahrens, weil dadurch die<br />

Erzielung eines günstigeren Preises nicht sichergestellt war.<br />

Im Jahr 2005 wiederholte sich dieser Vorgang: <strong>Der</strong> neu vereinbarte<br />

Preis orientierte sich am Preis, den der Bund zu bezahlen hatte. <strong>Der</strong><br />

Vertrag hatte eine Laufzeit bis Ende 2009 und enthielt eine automatische<br />

Verlängerungsklausel bei Nichtkündigung.<br />

Für die Unternehmen Wiener Krankenanstaltenverbund und Wiener<br />

Wohnen bestanden vergleichbare Rahmenverträge.<br />

Nach der Rechtsprechung <strong>des</strong> Europäischen Gerichtshofes besteht aus<br />

vergaberechtlicher Sicht keine Pflicht zur Kündigung bestehender Verträge;<br />

1) die Entscheidung über eine Neuvergabe liegt im Ermessen <strong>des</strong><br />

Auftraggebers. Weiters gestattet das Vergaberecht öffentlichen Auftraggebern<br />

den Abschluss unbefristeter Verträge, wobei Verträge mit<br />

einer automatischen Verlängerung bei Nichtkündigung als unbefristete<br />

Verträge anzusehen sind.<br />

1) EuGH 24.09.1998, C–76/97 Tögel<br />

Bei der Beantwortung der Frage, ob und wann Änderungen bestehender<br />

Verträge als Neuvergaben anzusehen sind, stellte der Europäische<br />

Gerichtshof auf die Wesentlichkeit der Änderung und deren Wettbewerbsrelevanz<br />

ab. 2) Als wesentlich sah er die grundlegende Änderung<br />

von Bedingungen, die Auftragserweiterung in großem Umfang und<br />

Änderungen <strong>des</strong> wirtschaftlichen Gleichgewichts <strong>des</strong> Vertrags zugunsten<br />

<strong>des</strong> Auftragnehmers an.<br />

2) EuGH 19.06.2008, C–454/06 APA<br />

34.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH wurden die Verträge aus der Zeit vor der Liberalisierung<br />

<strong>des</strong> Strommarkts auf unbefristete Zeit abgeschlossen und gelten<br />

weiterhin. Die Vertragsänderungen in den Jahren 2003 und 2005<br />

waren vergaberechtlich zulässig, weil in allen Fällen der Leistungsgegenstand<br />

— die Lieferung von Strom — unverändert blieb, zusätzliche<br />

Leistungen nicht beauftragt wurden und im Rahmen der Neuverhandlungen<br />

regelmäßig Preisangemessenheitsprüfungen erfolgten.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl der Stadt Wien, künftige Vertragsänderungen und<br />

–anpassungen jeweils auf ihre vergaberechtliche Zulässigkeit zu prüfen<br />

und weiterhin die aktuelle Wettbewerbssituation zu beachten.<br />

34.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat sagte dies zu.<br />

Wien 2010/2 47


Vergabe der Strom– und Gasbezüge<br />

Gasbezug<br />

Weitere<br />

Feststellungen<br />

35.1 Wie beim Erwerb von Strom schloss die Stadt für den Magistrat vor<br />

der Liberalisierung <strong>des</strong> Gasmarkts (Oktober 2002) einen unbefristeten<br />

Vertrag ab. Im Falle einer Änderung der Marktverhältnisse verpflichteten<br />

sich die Vertragsparteien zur Verhandlung neuer Bedingungen.<br />

Angelegenheiten, die der Rahmenvertrag nicht regelte (bspw. zu liefernde<br />

Gasmenge, Messeinrichtungen, Netznutzungsentgelt), blieben<br />

den mit den einzelnen Magistratsabteilungen abgeschlossenen Verträgen<br />

vorbehalten.<br />

Im Jahr 2003 vereinbarte die Stadt mit der Wien Energie Vertrieb unter<br />

Hinweis auf die Marktpreisentwicklung eine Neuregelung. Grundlage<br />

der Preisfestsetzung bildete der Importgaspreis. <strong>Der</strong> Vertrag endete<br />

2005, wobei sich die Laufzeit bei Nichtkündigung um ein Jahr verlängerte.<br />

Eine vergleichbare Änderung erfolgte 2005, wobei die Stadt die<br />

Preisangemessenheit aufgrund der Einkaufspreise einer Lan<strong>des</strong>hauptstadt<br />

sowie eines privaten Großkunden, der eine weitgehend gleiche<br />

Verbrauchsmenge aufwies, prüfte. Nunmehr wurde ein unbefristeter<br />

Vertrag abgeschlossen.<br />

Vergleichbare Verträge für die Gaslieferungen an die Krankenanstalten<br />

der Stadt Wien stammten aus den Jahren 1996, 1997 und 2001.<br />

Diese wurden 2004 insoweit abgeändert, als der Lieferumfang eine<br />

Maximalleistung aufwies und ein neues, einfacheres Preismodell zur<br />

Anwendung kam. Im Übrigen blieben sie unverändert.<br />

35.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass der Leistungsgegenstand — die Lieferung von<br />

Gas — und die Laufzeit <strong>des</strong> Vertrags unverändert blieben. Zudem war<br />

die Marktangemessenheit der Preise durch die Indizierung sichergestellt.<br />

<strong>Der</strong> RH erachtete die Vertragsänderungen seit 2002 nicht als<br />

derart wesentlich, dass sie als Neuvergabe zu qualifizieren gewesen<br />

wären. In diesem Zusammenhang verweist der RH auf seine Empfehlungen<br />

zu TZ 34, auch in Zukunft die vergaberechtliche Zulässigkeit<br />

von Vertragsänderungen zu prüfen und die aktuelle Wettbewerbssituation<br />

zu beachten.<br />

36 Weitere Feststellungen <strong>des</strong> RH betrafen den vertraglich vereinbarten Auftragnehmerwechsel<br />

für das Allgemeine Krankenhaus der Stadt Wien und<br />

das Sozialmedizinische Zentrum Ost durch die Einbringung <strong>des</strong> Großkundenbereichs<br />

von WIENGAS GmbH in die EconGas GmbH und die Kündigung<br />

einer Nachlassregelung der Wien Energie für Wiener Wohnen.<br />

48 Wien 2010/2


Kamerale Ergebnisse<br />

MA 30 – Wien Kanal<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

37.1 Die kameralen Einnahmen und Ausgaben der MA 30 – Wien Kanal<br />

(Wien Kanal) entwickelten sich in den Jahren 2005 bis 2007 wie<br />

folgt:<br />

Tabelle 5: Einnahmen und Ausgaben der Wien Kanal<br />

2005 2006<br />

in Mill. EUR<br />

2007<br />

Einnahmen<br />

Abwassergebühren 144,14 173,83 184,81<br />

Sonderrücklage 35,97 23,41 6,47<br />

Darlehensaufnahmen 7,66 1,58 3,81<br />

Zinseinnahmen 2,08 – –<br />

sonstige Einnahmen 20,56 18,31 14,02<br />

Summe Einnahmen 210,41 217,13 209,11<br />

Ausgaben<br />

Investitionen 31,76 15,93 14,00<br />

Rücklagenzuführungen 3,20 0,80 1,00<br />

Leistungen für Personal und Pensionen 29,77 29,40 29,58<br />

Darlehenstilgungen 12,41 12,61 13,04<br />

Darlehenszinsen 7,41 6,83 6,21<br />

Entgelte für sonstige Leistungen 53,18 77,99 74,66<br />

sonstige Ausgaben 52,21 35,65 33,56<br />

Summe Ausgaben 189,94 179,21 172,05<br />

kameraler Überschuss 20,47 37,92 37,06<br />

Die Abwassergebühren beinhalteten jene Einnahmen, die laut Verordnung<br />

<strong>des</strong> Gemeinderats 1) zum Gesetz über den Betrieb und die Räumung<br />

von Kanalanlagen und über Einhebung von Gebühren und Räumung<br />

von Unratsanlagen 2) eingehoben wurden.<br />

1) Kanalgebührenordnung 1988 i.d.g.F.<br />

2) Kanalräumungs– und Kanalgebührengesetz, LGBl. Nr. 02/1978 i.d.g.F.<br />

Wien 2010/2 49


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Bis Februar 2006 betrugen die Gebühren für die Einleitung von Abwasser<br />

in einen öffentlichen Kanal 1,32 EUR je m 3 . Ab März 2006 erhöhte<br />

die Stadt Wien die Gebühren um 28 % auf 1,69 EUR je m 3 . Ab Jänner<br />

2009 betrug der Preis 1,78 EUR je m 3 , dies entsprach einer Erhöhung<br />

von 5,3 %.<br />

Auf Grundlage zweier Gemeinderatsbeschlüsse schloss die Stadt Wien<br />

in den Jahren 2002 und 2003 die Cross–Border–Leasing–Transaktion<br />

„Wien Kanal“ für den 21. und 22. Bezirk ab. Dabei lukrierte sie einen<br />

Nettobarwertvorteil in Höhe von 25,19 Mill. EUR, der laut Auskunft<br />

der Stadt Wien im Jahr 2003 im Sinne <strong>des</strong> Gesamtdeckungsprinzips<br />

als allgemeine Einnahme verrechnet wurde. In diese Cross–Border–<br />

Leasing–Transaktion integrierte man zugleich einen Kredit zugunsten<br />

der Stadt Wien in Höhe von 121,30 Mill. EUR 1) . Die aufgenommenen<br />

Geldmittel führte die Stadt Wien der Sonderrücklage „Cross–Border–<br />

Leasing“ zu. Die Wien Kanal und die MA 31 – Wasserwerke (Wasserwerke)<br />

entnahmen davon Mittel für ihre Investitionen und Instandhaltungen.<br />

1) Betrag umgerechnet zum damaligen USD–Kurs<br />

Die aus der Veranlagung der Sonderrücklage erwirtschafteten Zinserträge<br />

waren im Jahr 2005 unter „Zinseinnahmen“ bei der Wien Kanal<br />

ausgewiesen. In den Jahren 2006 und 2007 vereinnahmte die Stadt<br />

Wien die Zinserträge hingegen im allgemeinen Haushalt.<br />

Die jährlichen Zinsen für zinsengünstige Darlehen <strong>des</strong> Umwelt– und<br />

Wasserwirtschaftsfonds lagen — nach Auskunft der überprüften Stelle —<br />

zwischen 7,41 Mill. EUR (2005) und 6,21 Mill. EUR (2007). Somit mussten<br />

rd. 5,1 % (2005) bzw. 3,4 % (2007) der Einnahmen aus den Gebühren<br />

für den Zinsendienst verwendet werden.<br />

In den Entgelten für sonstige Leistungen waren auch Ausgaben für zentrale<br />

Leistungen magistratsinterner Abteilungen (bspw. zentraler Einkauf<br />

oder Buchhaltung, Hard– und Software) enthalten. Die wesentlichsten<br />

Ausgaben (bspw. 2006 rd. 98,5 %) betrafen jedoch Zahlungen<br />

an die Betreiberin der Hauptkläranlage der Stadt Wien, die Entsorgungsbetriebe<br />

Simmering GmbH. In einer im Jahr 1996 getroffenen<br />

Vereinbarung verpflichtete sich die Stadt Wien, der Entsorgungsbetriebe<br />

Simmering GmbH den Betriebsaufwand abzugelten. Demgemäß<br />

waren von der Wien Kanal alle aus dem Betrieb der Hauptkläranlage<br />

und der anderen Anlagen der Entsorgungsbetriebe Simmering GmbH<br />

entstandenen Aufwendungen einschließlich eines angemessenen<br />

Gewinns zu tragen.<br />

50 Wien 2010/2


Wien<br />

Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Die Entsorgungsbetriebe Simmering GmbH war nahezu vollständig<br />

fremdfinanziert, die Eigenmittelquote lag bei 6 % (2005) bzw. bei 4 %<br />

(2006 und 2007). Die Zinsen und ähnlichen Aufwendungen in der Entsorgungsbetriebe<br />

Simmering GmbH stiegen von 7,97 Mill. EUR (2005)<br />

auf 15,31 Mill. EUR (2007) an und waren vereinbarungsgemäß von der<br />

Wien Kanal zu tragen. Neben der geringen Eigenmittelquote entsprach<br />

auch die fiktive Schuldentilgungsdauer der Entsorgungsbetriebe Simmering<br />

GmbH nicht den Erfordernissen <strong>des</strong> Unternehmensreorganisationsgesetzes<br />

1) . Wegen der Vereinbarung mit der Stadt Wien war kein<br />

Reorganisationsbedarf im Sinne <strong>des</strong> Gesetzes gegeben.<br />

1) BGBl. I Nr. 114/1997 i.d.g.F.<br />

In den sonstigen Ausgaben waren nach Angaben der überprüften Stelle<br />

auch die Swap–Raten der in die Cross–Border–Leasing–Transaktionen<br />

integrierten Kreditfinanzierungen in den Jahren 2005 und 2007 in<br />

Höhe von 25,37 Mill. EUR enthalten.<br />

Die Wien Kanal erzielte in den Jahren 2005 bis 2007 Überschüsse zwischen<br />

20,47 Mill. EUR (2005) und 37,92 Mill. EUR (2006). Sie führte<br />

diese Überschüsse keiner für diesen Gebührenhaushalt zweckgebundenen<br />

Rücklage zu.<br />

37.2 <strong>Der</strong> RH beanstandete, dass die Stadt Wien den Nettobarwertvorteil<br />

in Höhe von 25,19 Mill. EUR im Rahmen der Cross–Border–Leasing–<br />

Transaktion „Wien Kanal“ keiner zweckgebundenen Rücklage zugunsten<br />

der Abwasserentsorgung zuführte, sondern diesen vollständig für<br />

den allgemeinen Haushalt vereinnahmte.<br />

Weiters beanstandete er, dass die Stadt Wien die Zinserträge aus der<br />

Veranlagung <strong>des</strong> Kredits aus der Cross–Border–Leasing–Transaktion<br />

in den Jahren 2006 und 2007 im allgemeinen Haushalt vereinnahmte,<br />

der Zinsaufwand und die Tilgung dieses Darlehens jedoch der Wien<br />

Kanal und damit in der Folge dem Gebührenhaushalt angelastet wurden.<br />

Auch die Fremdkapitalzinsen der ausgelagerten Entsorgungsbetriebe<br />

Simmering GmbH belasteten den Gebührenhaushalt.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl daher der Stadt Wien, künftig die Zinserträge aus<br />

der Veranlagung der Cross–Border–Leasing–Rücklage dem Haushalt<br />

der Wien Kanal gutzuschreiben, um den Gebührenzahler nicht doppelt<br />

zu belasten.<br />

Wien 2010/2 51


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Auch sollte die hohe Zinsenbelastung der Entsorgungsbetriebe Simmering<br />

GmbH durch einen Schuldenabbau verringert werden. Hiefür<br />

könnten die Überschüsse der Wien Kanal, die sich allein in den Jahren<br />

2005 bis 2007 auf rd. 95,45 Mill. EUR beliefen, herangezogen werden,<br />

anstatt sie für die Finanzierung <strong>des</strong> allgemeinen Haushalts der<br />

Stadt Wien zu verwenden.<br />

37.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat teilte in seiner Stellungnahme mit, dass der<br />

Gebührenkalkulation ein betriebswirtschaftlicher Kostenbegriff zugrunde<br />

zu legen sei. Die zwingende Verwendung kameraler Überschüsse für<br />

die Bildung zweckgebundener Rücklagen <strong>des</strong> Gebührenhaushalts sei<br />

aus betriebswirtschaftlicher Sicht unzulässig. Darüber hinaus sei eine<br />

Abschöpfung der Überschüsse auch für bspw. ökologische Lenkungsziele<br />

durch den eigenen Anspruch als Umweltmusterstadt gerechtfertigt.<br />

Laut einem der Stadt vorliegenden Gutachten sei sie als Gemeinde nicht<br />

verpflichtet, erwirtschaftete Mittel der Gemeindeeinrichtung unmittelbar<br />

zuzuführen. Vielmehr könne sie die Mittel über einen acht– bis<br />

zehnjährigen Beobachtungszeitraum als Vorfinanzierung im allgemeinen<br />

Haushalt verwenden.<br />

<strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat entgegnete weiters, dass die Zinsen der Entsorgungsbetriebe<br />

Simmering GmbH aus unvermeidbaren Fremdfinanzierungen<br />

im Zusammenhang mit Investitionen stünden. Die Verwendung<br />

von kameralen Überschüssen für eine vorzeitige Schuldentilgung würde<br />

der Gebührenkalkulation auf Basis einer betriebswirtschaftlichen Kostenrechnung<br />

widersprechen. Überdies seien ohnehin über 20 Mill. EUR an<br />

betriebswirtschaftlich kalkulierten Überschüssen zur Verfügung gestellt<br />

worden, die auch die Zinsenbelastung nachweislich reduziert hätten.<br />

37.4 <strong>Der</strong> RH teilte die Ansicht <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats, wonach die Gebührenkalkulation<br />

auf einer betriebswirtschaftlichen Basis zu erfolgen<br />

hätte. Er wies jedoch darauf hin, dass die derzeitige Kostenkalkulation<br />

für eine betriebswirtschaftliche Beurteilung keineswegs ausreichte<br />

(siehe TZ 40 bis 45).<br />

Weiters waren in den Kalkulationen keine Ansätze zu erkennen, wonach<br />

die Stadt Wien die von ihr erwähnten Lenkungsziele berücksichtigte.<br />

Eine Verwendung der Überschüsse als Vorfinanzierung <strong>des</strong> allgemeinen<br />

Haushalts ist auch aus Sicht <strong>des</strong> RH zulässig. Die Verwendung dieser<br />

Mittel als so genannte „innere Anleihe“ setzt jedoch voraus, dass die<br />

Stadt Wien über Aufzeichnungen über den Stand der für die Vorfinanzierung<br />

<strong>des</strong> allgemeinen Haushalts abgezogenen Überschüsse verfügt.<br />

Daher hielt es der RH für geboten, diese Information durch die Bildung<br />

von zweckgebundenen Rücklagen zu dokumentieren.<br />

52 Wien 2010/2


Wien<br />

Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

MA 31 – Wasserwerke<br />

Die im Rahmen von inneren Anleihen zur Verfügung gestellten Mittel<br />

sind bei Investitionen, für die die laufenden Überschüsse nicht ausreichen,<br />

dem Gebührenhaushalt zurückzuzahlen. Mit Rücksicht auf<br />

den Gebührenzahler wären diese Mittel auch entsprechend zu verzinsen.<br />

Gerade die Bildung von zweckgebundenen Rücklagen würde eine<br />

nachhaltige und sorgsame Bewirtschaftung im Sinne der Gebührenzahler<br />

widerspiegeln.<br />

Im Gegensatz zum Wiener Stadtsenat erachtete der RH die Verwendung<br />

der kameralen Überschüsse zur Finanzierung von Investitionen<br />

als betriebswirtschaftlich zweckmäßig. Dadurch können Fremdkapitalzinsen<br />

reduziert werden. Da die Überschüsse in den Gebührenhaushalten<br />

erwirtschaftet wurden, ist es nach Auffassung <strong>des</strong> RH zweckmäßig,<br />

sie auch dort zu verwenden und nicht für den allgemeinen Haushalt<br />

abzuschöpfen. Darüber hinaus erkannte auch der Wiener Stadtsenat,<br />

dass durch die Verwendung von Überschüssen in Höhe von rd. 20 Mill.<br />

EUR aus dem Gebührenhaushalt Wien Kanal als Eigenfinanzierungsbeitrag<br />

der Zinsendienst nachweislich reduziert werden konnte.<br />

38.1 Die kameralen Einnahmen und Ausgaben der MA 31 – Wasserwerke<br />

(Wasserwerke) der Stadt Wien entwickelten sich in den Jahren 2005<br />

bis 2007 wie folgt:<br />

Wien 2010/2 53


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Tabelle 6: Einnahmen und Ausgaben der Wasserwerke<br />

2005 2006<br />

in Mill. EUR<br />

2007<br />

Einnahmen<br />

Wassergebühren Wien 143,39 146,68 148,10<br />

Wassergebühren außerhalb Wiens 1,10 0,78 1,25<br />

Standgebühren und sonstige Abgaben<br />

Kostenbeiträge und –ersätze für<br />

1,14 1,22 1,35<br />

Wasseranschlüsse 4,92 3,80 4,63<br />

Darlehensaufnahmen 1,50 2,00 5,01<br />

sonstige Einnahmen 21,83 21,50 10,12<br />

Summe Einnahmen 173,88 175,98 170,46<br />

Ausgaben<br />

Investitionen 12,50 13,22 15,70<br />

Rücklagenzuführungen – – 8,02<br />

Darlehenstilgungen 10,85 11,06 11,68<br />

Leistungen für Personal und Pensionen 26,67 27,54 28,42<br />

Instandhaltungen 28,12 28,82 25,03<br />

Darlehenszinsen 8,05 7,37 6,76<br />

sonstige Ausgaben 18,61 20,28 20,55<br />

Summe Ausgaben 104,80 108,29 116,16<br />

kameraler Überschuss 69,08 67,69 54,30<br />

Gemäß dem Gesetz betreffend die Zuleitung und Abgabe von Wasser<br />

(Wasserversorgungsgesetz) 1) in Verbindung mit der Wassergebührenordnung<br />

1990 waren für die Abgabe von Wasser aus städtischen<br />

Wasserversorgungsanlagen und für die Beistellung und die laufende<br />

Instandhaltung der Wasserzähler vom Magistrat Gebühren (Wasserbezugsgebühren<br />

und Wasserzählergebühren) einzuheben. Für jeden<br />

Kubikmeter abgegebenen Wassers war eine Wasserbezugsgebühr von<br />

1,30 EUR (inkl. 10 % Umsatzsteuer) zu entrichten. Diese blieb seit Jänner<br />

1995 unverändert.<br />

1) LGBl. Nr. 10/1960 i.d.g.F.<br />

Außerhalb <strong>des</strong> Wiener Gemeindegebiets versorgten die Wasserwerke<br />

zumeist aufgrund von Tausch– bzw. Notlieferungsverträgen rd. 40 Gemeinden,<br />

die vorwiegend entlang <strong>des</strong> Leitungsnetzes angesiedelt<br />

waren.<br />

54 Wien 2010/2


Wien<br />

Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

In den sonstigen Einnahmen waren vorwiegend Kapitaltransferzahlungen<br />

in Höhe von 14,82 Mill. EUR (2005) bzw. 14,50 Mill. EUR (2006)<br />

aus Mitteln der Cross–Border–Leasing–Transaktion, die von der Wien<br />

Kanal zugewiesen wurden, enthalten.<br />

Die jährlichen Darlehenszinsen vorwiegend für zinsengünstige Darlehen<br />

<strong>des</strong> Umwelt– und Wasserwirtschaftsfonds lagen zwischen<br />

6,76 Mill. EUR (2007) und 8,05 Mill. EUR (2005). Somit mussten<br />

rd. 4,6 % (2007) bzw. 5,6 % (2005) der Einnahmen aus den Gebühren<br />

(Wassergebühren Wien) für den Zinsendienst verwendet werden.<br />

Für zukünftige Investitionen und Instandhaltungen wurde eine zweckgebundene<br />

Rücklage in Höhe von 8,02 Mill. EUR gebildet, was aber<br />

lediglich 4,2 % der vereinnahmten Überschüsse entsprach.<br />

Die Wasserwerke führten die in den Jahren 2005 bis 2007 erzielten<br />

Überschüsse keiner für diesen Gebührenhaushalt zweckgebundenen<br />

Rücklage zu.<br />

38.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass die Stadt Wien die erzielten Überschüsse<br />

aus der Wasserversorgung der Jahre 2005 bis 2007 in Höhe von<br />

191,07 Mill. EUR im allgemeinen Haushalt vereinnahmte. Durch die<br />

ständigen Abschöpfungen waren die Wasserwerke somit gezwungen,<br />

Darlehen (insbesondere aus der Cross–Border–Leasing–Transaktion in<br />

Kooperation mit der Wien Kanal) aufzunehmen und die Fremdkapitalverzinsung<br />

aus dem eigenen Haushalt zu bedienen.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl daher der Stadt Wien, künftige Überschüsse zweckgebundenen<br />

Rücklagen zuzuführen, um somit weitere Schulden für Investitionen<br />

zu vermeiden. Durch diese Maßnahme könnte der Gebührenzahler<br />

von steigenden Zinsaufwendungen entlastet werden.<br />

38.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats könne der Eindruck entstehen,<br />

dass die angeführten Darlehenszinsen in Zusammenhang mit<br />

der Cross–Border–Leasingtransaktion stünden. Weiters habe die Stadt<br />

Wien die Darlehen keineswegs <strong>des</strong>halb aufgenommen, um kamerale<br />

Überschüsse für den allgemeinen Haushalt abzuschöpfen. Vielmehr<br />

handle es sich überwiegend um besonders günstige Kredite im Rahmen<br />

<strong>des</strong> Umwelt– und Wasserwirtschaftsfonds.<br />

Zum Verhältnis kamerale Abrechnung und Gebührenkalkulation für<br />

den Bereich der Wasserwerke argumentierte der Wiener Stadtsenat in<br />

seiner Stellungnahme wie bei Wien Kanal (siehe TZ 37).<br />

Wien 2010/2 55


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

MA 48 – Teilbereich<br />

Abfallwirtschaft<br />

38.4 <strong>Der</strong> RH entgegnete, dass die Stadt Wien im Rahmen der Cross–Border–Leasing–Transaktion<br />

ein Darlehen in Höhe von 121,30 Mill. EUR<br />

aufnahm. Allein für diesen Kredit betrugen die Zinsen im Jahr 2007<br />

rd. 4,42 Mill. EUR.<br />

Ferner wies der RH auf die Tatsache hin, dass die Stadt Wien die kameralen<br />

Überschüsse aus den Gebührenhaushalten laufend für den allgemeinen<br />

Haushalt abschöpfte, was im Folgenden Kreditaufnahmen<br />

erforderlich machte, die bei Verwendung der Überschüsse im Gebührenhaushalt<br />

weitaus geringer ausgefallen wären und damit dem Gebührenzahler<br />

Zinszahlungen erspart hätten.<br />

<strong>Der</strong> RH beurteilte günstige Kreditfinanzierungen, soweit sie im notwendigen<br />

Ausmaß erfolgen, grundsätzlich positiv. Eine günstige Kreditfinanzierung<br />

sollte jedoch nicht dazu führen, die so frei gewordenen<br />

Beiträge der Gebührenzahler abzuschöpfen und zweckentfremdet zu<br />

verwenden.<br />

<strong>Der</strong> RH verwies in diesem Zusammenhang auch auf seine Gegenäußerung<br />

in der TZ 37 zum Verhältnis kamerale Abrechnung und Gebührenkalkulation.<br />

39.1 Die Einnahmen und Ausgaben der MA 48 – Teilbereich Abfallwirtschaft<br />

(Teilbereich Abfallwirtschaft) entwickelten sich in den Jahren 2005 bis<br />

2007 wie folgt:<br />

56 Wien 2010/2


Wien<br />

Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Tabelle 7: Einnahmen und Ausgaben <strong>des</strong> Teilbereichs Abfallwirtschaft<br />

2005 2006<br />

in Mill. EUR<br />

2007<br />

Einnahmen<br />

Müllabfuhrabgabe 174,26 203,70 211,11<br />

Rücklagenauflösung 2,13 1,03 16,68<br />

sonstige Einnahmen 44,14 40,84 52,19<br />

Summe Einnahmen 220,53 245,57 279,98<br />

Ausgaben<br />

Investitionen 7,71 13,01 24,59<br />

Rücklagenzuführungen 2,53 16,50 11,37<br />

Darlehenstilgungen 0,24 0,24 0,25<br />

Leistungen für Personal und Pensionen 89,98 94,43 96,18<br />

Darlehenszinsen 0,04 0,04 0,03<br />

sonstige Ausgaben 90,41 90,86 105,99<br />

Summe Ausgaben 190,91 215,08 238,41<br />

kameraler Überschuss 29,62 30,49 41,57<br />

Aufgrund <strong>des</strong> Wiener Abfallwirtschaftsgesetzes 1) wird für die Bereitstellung<br />

und Benützung von öffentlichen Einrichtungen zur Entsorgung<br />

von Abfällen eine Abgabe eingehoben. <strong>Der</strong> Grundbetrag beträgt<br />

seit 1. Jänner 2009 für einen Sammelbehälter mit 110 Litern bzw.<br />

120 Litern Inhalt 3,99 EUR. Die Gebühren wurden im Jahr 2006 von<br />

3,16 EUR auf 3,78 EUR (19,6 %) und im Jahr 2009 auf 3,99 EUR (5,6 %)<br />

erhöht. Gemessen an der gesammelten Abfallmenge waren somit die<br />

Einnahmensteigerungen bei der Müllabfuhrabgabe vorwiegend auf die<br />

Gebührenerhöhungen zurückzuführen.<br />

1) LGBl. Nr. 13/1994 i.d.g.F.<br />

Die Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft mbH wurde im<br />

Jahr 2002 als 100 %iges Tochterunternehmen der Stadt Wien gegründet.<br />

Sie war als Errichter und Betreiber der Projekte Müllverbrennungsanlage<br />

Pfaffenau und Biogas Wien vorgesehen. In der Vereinbarung<br />

mit der Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft mbH verpflichtete<br />

sich der Teilbereich Abfallwirtschaft zur Entrichtung eines<br />

angemessenen Entgelts. Dabei mussten der Betriebsaufwand, insbesondere<br />

die Wartung und Instandhaltung, die Fremdkapitalzinsen sowie<br />

sämtliche anfallende Steuern, Abgaben, Versicherungskosten und die<br />

Geschäftsführungskosten vergütet werden. Die Wiener Kommunal–<br />

Umweltschutzprojektgesellschaft mbH war nahezu vollständig fremd-<br />

Wien 2010/2 57


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

finanziert. Die bei der Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH angefallenen Zinsen und ähnlichen Aufwendungen stiegen<br />

von 0,15 Mill. EUR (2005) auf 4,73 Mill. EUR (2007) an und waren vereinbarungsgemäß<br />

vom Teilbereich Abfallwirtschaft zu tragen.<br />

<strong>Der</strong> Teilbereich Abfallwirtschaft erzielte in den Jahren 2005 bis 2007<br />

Überschüsse zwischen 29,62 Mill. EUR (2005) und 41,57 Mill. EUR<br />

(2007). Er führte diese Überschüsse keiner für diesen Gebührenhaushalt<br />

zweckgebundenen Rücklage zu.<br />

39.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass mit der Gesellschaftskonstruktion der Wiener<br />

Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft mbH auch die Auslagerung<br />

von Schulden aus dem Haushalt der Stadt Wien verbunden<br />

war. Dadurch übertrug die Stadt Wien die hohen Fremdkapitalkosten<br />

dem Gebührenhaushalt <strong>des</strong> Teilbereichs Abfallwirtschaft. <strong>Der</strong> RH<br />

empfahl der Stadt Wien, die hohe Zinsenbelastung der Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH durch einen Schuldenabbau<br />

mit den Überschüssen <strong>des</strong> Teilbereichs Abfallwirtschaft zu verringern.<br />

Weiters bemängelte der RH, dass die Stadt Wien die erzielten Überschüsse<br />

der Jahre 2005 bis 2007 aus dem Teilbereich Abfallwirtschaft<br />

in Höhe von 101,68 Mill. EUR im allgemeinen Haushalt vereinnahmte.<br />

Er empfahl daher der Stadt Wien, diese Überschüsse künftig zweckgebunden<br />

für den Teilbereich Abfallwirtschaft zu verwenden.<br />

39.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat betonte, dass die Zinsen der Wiener Kommunal–<br />

Umweltschutzprojektgesellschaft mbH aus unvermeidbaren Fremdfinanzierungen<br />

im Zusammenhang mit Investitionen stünden. Die kameralen<br />

Überschüsse aus betriebswirtschaftlichen Gründen dürften nicht<br />

zur vorzeitigen Schuldentilgung verwendet werden.<br />

Zum Verhältnis kamerale Abrechnung und Gebührenkalkulation für<br />

den Bereich der Abfallwirtschaft – Teilbereich Abfallwirtschaft argumentierte<br />

der Wiener Stadtsenat in seiner Stellungnahme wie bei Wien<br />

Kanal und Wasserwerke (siehe TZ 37 und 38).<br />

39.4 <strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass die Konstruktion aus Sicht der Überprüfung<br />

<strong>des</strong> Gebührenhaushalts „auch“ mit der Auslagerung von Schulden<br />

verbunden war. <strong>Der</strong> RH verwies in diesem Zusammenhang auch<br />

auf seine Gegenäußerungen in TZ 37 und 38 zum Verhältnis kamerale<br />

Abrechnung und Gebührenkalkulation.<br />

58 Wien 2010/2


Wien<br />

Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Kostenkalkulation<br />

Gebührenspiegel<br />

Im Gegensatz zum Wiener Stadtsenat erachtete der RH die Verwendung<br />

der kameralen Überschüsse zur Finanzierung von Investitionen<br />

betriebswirtschaftlich als zweckmäßig. Dadurch können Fremdkapitalzinsen<br />

reduziert werden. Da die Überschüsse in den Gebührenhaushalten<br />

erwirtschaftet wurden, ist es nach Auffassung <strong>des</strong> RH zweckmäßig,<br />

sie auch dort zu verwenden und nicht für den allgemeinen<br />

Haushalt abzuschöpfen.<br />

40.1 Gemäß § 11 Abs. 1 der Haushaltsordnung für den Magistrat der Stadt<br />

Wien in Verbindung mit § 86 Abs. 6 der Verfassung der Bun<strong>des</strong>hauptstadt<br />

Wien hatte der Gemeinderat gemeinsam mit dem Voranschlag<br />

festzustellen, ob für die von der Gemeinde festzusetzenden Leistungsentgelte<br />

Änderungen erforderlich waren. Demnach mussten alle jene<br />

Dienststellen, die Einnahmen aus öffentlich–rechtlichen Geldleistungen<br />

oder tarifmäßigen Entgelten erzielten, Übersichten erstellen, die den<br />

Gemeinderat in die Lage versetzten, dieser Überprüfungspflicht nachkommen<br />

zu können. Insbesondere war ersichtlich zu machen, inwieweit<br />

die Kosten durch die Erträge aus den öffentlich–rechtlichen Geldleistungen<br />

oder tarifmäßigen Entgelten gedeckt waren.<br />

Zu diesem Zweck erarbeiteten die betroffenen Dienststellen so genannte<br />

„Gebührenspiegel“. Die für die Erstellung gültigen Richtlinien legte<br />

der Magistratsdirektor jährlich durch einen Erlass fest, wodurch eine<br />

einheitliche Vorgangsweise für alle Gebührenhaushalte gewährleistet<br />

werden sollte. Diese Vorgaben waren somit auch von den Magistratsabteilungen<br />

30, 31 und 48 verbindlich anzuwenden.<br />

Die für den Gebührenspiegel zu ermittelnden Daten basierten im<br />

Wesentlichen auf den kameralen Werten der jeweiligen Voranschläge.<br />

Dabei durften ausschließlich die so genannten „Nettoeinnahmen“ bzw.<br />

„Nettoausgaben“ angesetzt werden. Dies waren nach Auffassung der<br />

Stadt Wien jene Gebühreneinnahmen bzw. Ausgaben, die in unmittelbarem<br />

Zusammenhang mit der Leistungserstellung im Wiener Stadtgebiet<br />

standen.<br />

Darüber hinaus zog die Stadt Wien die Ausgaben für sonstige Leistungen<br />

ab, insbesondere jene, die im Zuge der Herstellung von Kanal–<br />

oder Wasseranschlüssen anfielen. Allerdings verfügte die Stadt Wien in<br />

Bezug auf die Höhe der tatsächlichen Herstellungskosten von Kanal–<br />

oder Wasseranschlüssen über keine genauen Aufzeichnungen. Aus diesem<br />

Grund wurde unterstellt, dass die Kosten den Einnahmen entsprachen.<br />

Diese Vorgangsweise wählte die Stadt Wien bspw. bei der Wien<br />

Wien 2010/2 59


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Kalkulatorische<br />

Kosten<br />

Kanal bei Einnahmen aus der Kanaleinmündungsgebühr, aus einmaligen<br />

Kanalbenützungsgebühren, aus Leistungserlösen, aus Vermietung<br />

und Verpachtung sowie bei Rückersätzen für die Personalüberlassung.<br />

Im Jahr 2007 lag bspw. die Größenordnung dieser Positionen<br />

bei 17,32 Mill. EUR und entsprach 10,4 % der Nettoausgaben. In den<br />

beiden anderen Magistratsabteilungen war die Vorgangsweise ident.<br />

40.2 <strong>Der</strong> RH bemängelte, dass mit der Gleichsetzung der Einnahmen mit Kosten<br />

keine Kostenwahrheit gegeben war. Er empfahl der Stadt Wien, künftig<br />

auf Basis einer Kostenrechnung die tatsächlichen Kosten zu ermitteln<br />

und diese als Grundlage für die Gebührenkalkulation heranzuziehen.<br />

40.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat entgegnete, der Hinweis <strong>des</strong> RH, wonach die<br />

Stadt Wien bei der Gebührenkalkulation unterstellt habe, dass die<br />

„Kosten den Einnahmen entsprachen“, sei nicht zutreffend. Vielmehr<br />

habe sie bei der Gebührenkalkulation „sonstige erfolgswirksame Einnahmen“<br />

von den korrespondierenden Kosten in Abzug gebracht, um<br />

auf diese Weise Erlöskomponenten, wie Erlöse aus Anlagenverkäufen,<br />

Leistungserlöse sowie Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung,<br />

zu berücksichtigen.<br />

40.4 <strong>Der</strong> RH stellte klar, dass die Stadt Wien die Einnahmen von den Kosten<br />

abzog und damit unterstellte, dass die Kosten gleich hoch wie die<br />

Einnahmen sind. Durch diese Annahme wird eine Ungenauigkeit der<br />

Gebührenkalkulation in Kauf genommen. Im Übrigen wies er darauf<br />

hin, dass die Stadt Wien die „sonstigen erfolgwirksamen Einnahmen“<br />

nicht von den „korrespondierenden Kosten“ in Abzug brachte, sondern<br />

von den Nettoausgaben.<br />

<strong>Der</strong> RH wies nochmals darauf hin, dass diese Einnahmen bei der Ermittlung<br />

<strong>des</strong> Kostendeckungsgrads nicht angesetzt wurden, was im Übrigen<br />

auch durch die Stellungnahme der Stadt Wien bestätigt wird.<br />

41.1 Als kalkulatorische Kosten wurden in den Gebührenspiegeln Wertabschreibungen,<br />

Zinsen auf das eigenfinanzierte Anlagevermögen und<br />

Zuschlagssätze für Pensionen angesetzt.<br />

Die MA 6 – Rechnungsamt ermittelte den Pensionszuschlagssatz für<br />

den gesamten Magistrat zentral im Zuge eines Umlageverfahrens. Ausgehend<br />

vom gesamten Personalaufwand <strong>des</strong> Magistrats wurde jener<br />

Personalanteil, welcher auf die drei Gebührenhaushalte entfiel, anteilsmäßig<br />

berechnet. Auf Basis dieser Prozentwerte erfolgte eine Umlage<br />

der Pensionslasten an die Gebührenhaushalte.<br />

60 Wien 2010/2


Wien<br />

Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Zentralverwaltungsumlage<br />

41.2 <strong>Der</strong> RH erachtete den Ansatz kalkulatorischer Kosten zwar zweckmäßig,<br />

doch sollte deren Abgeltung auch tatsächlich den Gebührenhaushalten<br />

zugute kommen. Seiner Ansicht nach wäre dies dann gewährleistet,<br />

wenn kamerale Überschüsse bis zu ihrer Verwendung im entsprechenden<br />

Gebührenhaushalt zweckgebundenen Rücklagen zugeführt würden.<br />

<strong>Der</strong> RH bemängelte das Umlageverfahren der Pensionslastenverteilung<br />

auf die Gebührenhaushalte, da die Pensionslasten nicht unter Berücksichtigung<br />

<strong>des</strong> tatsächlichen Aufwands verrechnet wurden. Solange<br />

keine genaue Zuordnung der Pensionslasten möglich ist, wäre nach<br />

Ansicht <strong>des</strong> RH zumin<strong>des</strong>t eine Aufschlüsselung <strong>des</strong> Personalaufwands<br />

in Beamte und Vertragsbedienstete zweckmäßig, um dadurch eine präzisere<br />

Zuordnung der lediglich für Beamte zu entrichtenden Pensionslasten<br />

zu gewährleisten.<br />

41.3 Hinsichtlich der Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats und der Gegenäußerung<br />

<strong>des</strong> RH wird auf TZ 43 verwiesen.<br />

42.1 Neben den kalkulatorischen Kosten setzte die Stadt Wien im Gebührenspiegel<br />

auch Verwaltungsgemeinkosten an. Dadurch sollten den<br />

Gebührenhaushalten indirekte Leistungen von zentralen Verwaltungseinheiten<br />

anteilsmäßig verrechnet werden. Die MA 6 – Rechnungsamt<br />

legte den Verwaltungsgemeinkostenzuschlagssatz mit 20 % <strong>des</strong> Personalaufwands<br />

fest und orientierte sich dabei an den Vorgaben aus dem<br />

Konsultationsmechanismus. 1)2) Zusätzlich zum pauschalen Zuschlagssatz<br />

verrechnete die Stadt Wien auch direkte Leistungen anderer Magistratsabteilungen<br />

(IT–Leistungen, Buchhaltungsleistungen, Leistungen<br />

<strong>des</strong> zentralen Einkaufs).<br />

1) Richtlinien für die Ermittlung und Darstellung der finanziellen Auswirkungen neuer<br />

rechtsetzender Maßnahmen gemäß §14 Abs. 5 Bun<strong>des</strong>haushaltsgesetz (Konsultationsmechanismus)<br />

2) Eine Anfang 2008 durchgeführte Evaluierung ergab einen Zuschlagssatz von 20,3 %.<br />

In diese Berechnung wurden aber auch Ausgaben von Magistratsabteilungen, wie<br />

bspw. Kultur, Wiener Stadt– und Lan<strong>des</strong>archiv, Wienbibliothek, Jugend und Familie,<br />

Bildung und außerschulische Jugenderziehung, Integration und Diversitätsangelegenheiten,<br />

Einwanderung, Staatsbürgerschaft und Stan<strong>des</strong>amt, Wohnbauförderung<br />

und Parkraumüberwachung miteinbezogen. Laut Auskunft der Stadt Wien<br />

führte somit diese interne Berechnung zu keinem schlüssigen Ergebnis.<br />

42.2 <strong>Der</strong> RH erachtete die Ableitung <strong>des</strong> pauschalen Zuschlagssatzes aus dem<br />

Konsultationsmechanismus für den Nachweis <strong>des</strong> Kostendeckungsgra<strong>des</strong><br />

einer Gebühr als unzureichend. Er empfahl der Stadt Wien, den<br />

Verwaltungsgemeinkostenzuschlag künftig auf Grundlage der eigenen<br />

Kostenrechnung festzulegen.<br />

Wien 2010/2 61


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Kalkulation auf<br />

Grundlage der Rechnungsabschlüsse<br />

42.3 Hinsichtlich der Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats und der Gegenäußerung<br />

<strong>des</strong> RH wird auf TZ 43 verwiesen.<br />

43.1 Magistratsinterne Gebührenkalkulationen auf Grundlage der Rechnungsabschlüsse<br />

ergaben in den Jahren 2005 bis 2007 folgende Kostendeckungsgrade:<br />

Tabelle 8: Kostendeckungsgrad Wien Kanal<br />

2005 2006<br />

in Mill. EUR<br />

2007<br />

„Nettoeinnahmen“ 137,22 166,21 176,95<br />

„Nettoausgaben“ ohne Pensionen 185,50 174,79 167,42<br />

– Nettoinvestitionen 31,32 15,93 13,68<br />

– Rücklagenzuführungen 3,20 0,80 1,00<br />

– Darlehenstilgungen 20,50 12,61 21,12<br />

– sonstige Einnahmen 23,63 21,29 17,32<br />

= Ausgaben ohne kalkulatorische Kosten 106,85 124,16 114,3<br />

+ Absetzung für Abnutzung 17,67 18,02 17,64<br />

+ Verzinsung <strong>des</strong> Anlagevermögens 9,36 9,62 11,01<br />

+ kalk. Pensionsaufwand 4,44 4,42 4,63<br />

+ Zentralverwaltungskostenumlage 5,95 5,88 5,92<br />

= korrespondierende Kosten 144,27 162,10<br />

in %<br />

153,50<br />

Kostendeckungsgrad 95,1 102,5 115,3<br />

62 Wien 2010/2


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Tabelle 9: Kostendeckungsgrad Wasserwerke<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

2005 2006 2007<br />

in Mill. EUR<br />

„Nettoeinnahmen“ 143,39 146,68 148,10<br />

„Nettoausgaben“ ohne Pensionen 112,27 116,24 125,07<br />

– Nettoinvestitionen 12,50 13,22 15,70<br />

– Rücklagenzuführungen – – 8,02<br />

– Darlehenstilgungen 10,85 11,06 11,68<br />

– sonstige Einnahmen 13,00 12,04 13,38<br />

= Ausgaben ohne kalkulatorische Kosten 75,92 79,92 76,29<br />

+ Absetzung für Abnutzung 18,76 19,12 19,33<br />

+ Verzinsung <strong>des</strong> Anlagevermögens 17,61 18,23 20,36<br />

+ kalk. Pensionsaufwand 12,81 5,84 6,20<br />

+ Zentralverwaltungskostenumlage 7,38 7,74 7,98<br />

= korrespondierende Kosten 132,48 130,85<br />

in %<br />

130,16<br />

Kostendeckungsgrad 108,2 112,1 113,8<br />

Tabelle 10: Kostendeckungsgrad Teilbereich Abfallwirtschaft<br />

2005 2006<br />

in Mill. EUR<br />

2007<br />

„Nettoeinnahmen“ 174,26 203,70 211,11<br />

„Nettoausgaben“ inklusive Pensionen 187,77 212,22 235,54<br />

– Nettoinvestitionen 7,71 13,01 24,59<br />

– Rücklagenzuführungen 2,53 16,50 11,37<br />

– Darlehenstilgungen 0,24 0,24 0,25<br />

– sonstige Einnahmen 44,14 40,83 52,19<br />

= Ausgaben ohne kalkulatorische Kosten 133,15 141,64 147,14<br />

+ Absetzung für Abnutzung 11,40 9,25 11,56<br />

+ Verzinsung <strong>des</strong> Anlagevermögens 3,72 3,51 2,71<br />

+ Zentralverwaltungskostenumlage 18,37 19,69 15,93<br />

= korrespondierende Kosten 166,64 174,09<br />

in %<br />

177,34<br />

Kostendeckungsgrad 104,6 117,0 119,0<br />

Wien 2010/2 63


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Die Kalkulation ging jeweils von den „Nettoausgaben“ ohne Pensionen<br />

unter Abzug der Nettoinvestitionen, Rücklagenzuführungen, Darlehenstilgungen<br />

sowie der in Höhe der Einnahmen festgesetzten Ausgaben<br />

für sonstige Leistungen aus.<br />

In der kalkulatorischen Abschreibung der Wien Kanal sowie der Wasserwerke<br />

waren aber auch betriebsfremde Ansätze in Höhe von jährlich<br />

rd. 9,30 Mill. EUR bzw. rd. 1,26 Mill. EUR enthalten. Die Magistratsabteilungen<br />

vermuteten, dass es sich dabei größtenteils um Investitionen<br />

im Zuge <strong>des</strong> U–Bahn–Baus aus den Jahren 1970 bis 1992 handelte,<br />

was aber für die Abteilungen nicht mehr nachvollziehbar war.<br />

Ebenso beinhalteten die Kosten kalkulatorische Zinsen (Wien Kanal:<br />

3,11 Mill. EUR (2006) und 3,60 Mill. EUR (2007) bzw. Wasserwerke:<br />

1,13 Mill. EUR (2006) und 1,32 Mill. EUR (2007)), die auf diese betriebsfremden<br />

Ansätze zurückzuführen waren.<br />

Wie bereits zu den kalkulatorischen Kosten und der Zentralverwaltungsumlage<br />

ausgeführt, fehlten präzise Kostenzuordnungen.<br />

Im Teilbereich Abfallwirtschaft war die Kostenumlage zwischen hoheitlichem<br />

und unternehmerischem Bereich auf Grundlage eines Personalkostenschlüssels<br />

aus dem Jahr 1984 erfolgt. Eine Evaluierung dieses<br />

Verteilungsschlüssels fand bisher nicht statt.<br />

43.2 <strong>Der</strong> RH bemängelte, dass die Berechnung <strong>des</strong> Kostendeckungsgrads<br />

für die Abwasserbeseitigung, die Wasserwerke sowie die Abfallwirtschaft<br />

nicht der erforderlichen Kostenwahrheit entsprach.<br />

Er erachtete diese Berechnungen für ungeeignet, weil u.a. Erlöse aus<br />

Anlagenverkäufen, Leistungserlöse sowie Einnahmen aus Vermietung<br />

und Verpachtung außer Ansatz blieben und der kalkulatorische Pensionsaufwand<br />

lediglich auf zentral umgelegten Kosten beruhte und<br />

nicht den tatsächlichen Pensionsaufwand berücksichtigte.<br />

Auch enthielten die kalkulatorischen Abschreibungen und kalkulatorischen<br />

Zinsen Kosten für betriebsfremde Ansätze, deren Ursprung<br />

nicht mehr vollständig nachvollzogen werden konnte. <strong>Der</strong> angesetzte<br />

Verwaltungskostenzuschlag von 20 % der Personalkosten orientierte<br />

sich an den Vorgaben <strong>des</strong> Konsultationsmechanismus, für den die Stadt<br />

Wien keinen schlüssigen Nachweis erbringen konnte.<br />

64 Wien 2010/2


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Nach Ansicht <strong>des</strong> RH gab es somit für rund ein Viertel (Kanal und Teilbereich<br />

Abfallwirtschaft) bzw. 40 % (Wasserwerke) der im Gebührenspiegel<br />

angesetzten Kosten keine schlüssige Kalkulation.<br />

Er empfahl daher der Stadt Wien, die Mängel in der Gebührenkalkulation<br />

zu korrigieren, um künftig über eine auch kostenrechnerisch fundierte<br />

Entscheidungsbasis für die Gebührenfestsetzung zu verfügen.<br />

43.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats könne er der Kritik an der<br />

Nichtberücksichtigung von Erlöskomponenten nicht folgen (siehe auch<br />

TZ 40).<br />

<strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat teilte weiters mit, dass er die Verteilung der<br />

Pensionslasten anhand <strong>des</strong> Personalaufwands für Beamte für nicht<br />

sinnvoll erachte, weil durch die Nachbesetzung pragmatisierter Beamter<br />

durch Vertragbedienstete keine Pensionslasten durch die Dienststelle<br />

zu tragen seien, womit der Anteil der anderen Dienststellen an<br />

den Pensionslasten stiege. Durch die Flexibilität der Mitarbeiter, die im<br />

Laufe ihrer Tätigkeit in verschiedenen Magistratsdienststellen beschäftigt<br />

sein könnten, sei eine abteilungsbezogene Zuordnung der Pensionslasten<br />

nicht möglich.<br />

Investitionen für Wasser– und Kanalisationsbauten im Zuge der Aufschließung<br />

von Betriebsbaugebieten oder Wasser– und Kanalrohrumlegungen<br />

im Zuge <strong>des</strong> U–Bahn–Baus seien auf eigenen Budgetansätzen<br />

verrechnet worden. Somit bestehe zwischen den Gebührenhaushalten<br />

und diesen Investitionen ein innerer Zusammenhang. Es erfolge somit<br />

eine präzise Kostenzuordnung für Wertabschreibung und Verzinsung.<br />

Für Kosten, die nur mit erheblichem Aufwand ermittelt werden können,<br />

sei es durchaus üblich, anstelle der Einzelkosten kalkulatorische<br />

Zuschlagsätze anzusetzen. <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat verwies dabei nochmals<br />

auf den 20 %igen Zuschlagsatz nach den Vorgaben aus dem Konsultationsmechanismus.<br />

Darüber hinaus merkte er an, dass eine jährliche<br />

Nachkalkulation <strong>des</strong> Verwaltungsgemeinkostenzuschlags erfolge,<br />

die einen annähernd gleich hohen Prozentsatz ergäbe wie in der Verordnung<br />

über die Ermittlung und Darstellung der finanziellen Auswirkungen<br />

neuer rechtsetzender Maßnahmen. Die Verwendung <strong>des</strong><br />

Zuschlagsatzes von 20 % sei daher jedenfalls sachlich gerechtfertigt.<br />

43.4 <strong>Der</strong> RH hielt fest, dass es der Stadt Wien laut ihrer Stellungnahme nicht<br />

möglich war, die Pensionslasten verursachungsgerecht zuzuordnen.<br />

Wien 2010/2 65


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Er entgegnete weiters, dass während der gesamten Prüfung keine Nachweise<br />

erbracht wurden, wonach es sich um Investitionen im Zusammenhang<br />

mit dem seinerzeitigen U–Bahn–Bau handelte. Vielmehr lag<br />

dem RH eine schriftliche Stellungnahme vor, wonach die Stadt nicht<br />

mehr nachvollziehen konnte, um welche Investitionen es sich bei den<br />

betriebsfremden Ansätzen handelte. <strong>Der</strong> RH konnte daher eine präzise<br />

Zuordnung von Kosten nicht bestätigen.<br />

<strong>Der</strong> RH stellte klar, dass er sich nicht gegen die Verwendung von<br />

Zuschlagsätzen für die Kalkulation von Verwaltungsgemeinkosten aussprach.<br />

Er hielt es jedoch für erforderlich und jedenfalls zumutbar, den<br />

Zuschlagsatz nachvollziehbar und schlüssig zu ermitteln. Die ledigliche<br />

Anlehnung an die Vorgaben <strong>des</strong> Konsultationsmechanismus, welche<br />

für die Abschätzung von Folgekosten für rechtsetzende Maßnahmen<br />

empfohlen wird, erachtete der RH für die Kalkulation von Gebühren<br />

keinesfalls als ausreichend. Er wies in diesem Zusammenhang darauf<br />

hin, dass je<strong>des</strong> Unternehmen schon aufgrund der unternehmensgesetzlichen<br />

und steuerrechtlichen Regelungen über schlüssige Kalkulationen<br />

ihrer Gemeinkosten verfügen muss. Das wäre nach Auffassung<br />

<strong>des</strong> RH jedenfalls auch der Stadt für ihre Gebühren und Tarife<br />

zumutbar. Zudem brachte der RH nochmals in Erinnerung, dass die<br />

von der Stadt durchgeführte Kalkulation durchwegs mangelhaft war<br />

und laut ihrer eigenen schriftlichen Stellungnahme zu keinem schlüssigen<br />

Ergebnis führte. Er verblieb daher bei seiner Feststellung und<br />

hielt die Anwendung eines 20 %igen Zuschlagsatzes ohne ordnungsgemäße<br />

Nachkalkulation für sachlich nicht gerechtfertigt.<br />

66 Wien 2010/2


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Vergleich Voranschlags–<br />

und Rechnungsabschlusswerte<br />

Wien<br />

44.1 Ein Vergleich der Gebührenkalkulation auf Basis der Voranschlagswerte<br />

mit jenen der Rechnungsabschlusswerte zeigte folgende Entwicklung:<br />

Abbildung 5: Wien Kanal – Abweichung zwischen Voranschlag und<br />

Rechnungsabschluss in der Gebührenspiegelkalkulation<br />

in Mill. EUR<br />

30<br />

20<br />

10<br />

0<br />

– 10<br />

– 20<br />

– 30<br />

2005 2006 2007<br />

Voranschlag<br />

Rechnungsabschluss<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Wien 2010/2 67


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Abbildung 6: Wasserwerke – Abweichung zwischen Voranschlag und<br />

Rechnungsabschluss in der Gebührenspiegelkalkulation<br />

in Mill. EUR<br />

20<br />

15<br />

10<br />

5<br />

0<br />

Voranschlag<br />

2005 2006 2007<br />

Rechnungsabschluss<br />

Abbildung 7: Teilbereich Abfallwirtschaft – Abweichung zwischen Voranschlag<br />

und Rechnungsabschluss in der Gebührenspiegelkalkulation<br />

in Mill. EUR<br />

35<br />

25<br />

15<br />

10<br />

0<br />

Voranschlag<br />

2005 2006 2007<br />

Rechnungsabschluss<br />

68 Wien 2010/2


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Mit Ausnahme <strong>des</strong> Jahres 2005 bei den Wasserwerken waren die Kostendeckungen<br />

gemäß den Voranschlagsansätzen durchwegs — zum Teil<br />

erheblich — niedriger als die tatsächlich in der Folge erzielten Ergebnisse.<br />

Die signifikanten Abweichungen <strong>des</strong> Jahres 2006 waren auf die<br />

— auf Grundlage ungünstiger Voranschlagswerte erfolgte — Anhebung<br />

der Kanal– und Abfallgebühren 2006 zurückzuführen.<br />

44.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass aufgrund der hohen Abweichungen zwischen<br />

den Voranschlags– und den Rechnungsabschlusswerten eine Aussage<br />

über den Kostendeckungsgrad — auf Basis der Voranschlagswerte —<br />

nicht zulässig war.<br />

<strong>Der</strong> RH war daher der Ansicht, dass die Gebührenspiegelkalkulation auf<br />

Grundlage der Voranschläge keinesfalls ausreichte, um den Gemeinderat<br />

der Stadt Wien in die Lage zu versetzen, über eine angemessene<br />

Gebührenhöhe zu befinden.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl daher der Stadt Wien, eine Nachkalkulation auf Basis<br />

von Istwerten in die Entscheidungsfindung einzubeziehen, um zu vermeiden,<br />

dass dem Gebührenzahler zu hohe Gebühren verrechnet werden.<br />

44.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat entgegnete, dass es zulässig sei, nicht je<strong>des</strong> Jahr<br />

eine Nachkalkulation vorzunehmen. Er verwies dabei auf den Verfassungsgerichtshof,<br />

der zwecks Vermeidung größerer jährlicher Sprünge<br />

in der Gebührenhöhe eine längerfristige Gebührenkalkulation mit dem<br />

Äquivalenzprinzip für vereinbar halte. Die Ansicht <strong>des</strong> RH, wonach der<br />

Gemeinderat über keine ausreichende Grundlage für die Beurteilung<br />

der Gebührenhöhe verfüge, vermochte der Wiener Stadtsenat nicht zu<br />

teilen.<br />

44.4 <strong>Der</strong> RH teilte die Meinung <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats, wonach ein längerer<br />

Zeitraum für die Beurteilung <strong>des</strong> Kostendeckungsgrads herangezogen<br />

werden sollte. Er war jedoch der Ansicht, dass es nicht ausreicht,<br />

nur bspw. für das erste und das letzte Jahr dieses Zeitraums<br />

eine Nachkalkulation vorzunehmen. Vielmehr erfordert gerade eine<br />

langfristige Betrachtung eine jährliche Nachkalkulation, um die Kostendeckungsgrade<br />

im Zeitablauf und den Durchschnitt daraus ermitteln<br />

zu können.<br />

Wien 2010/2 69


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Äquivalenzprinzip<br />

<strong>Der</strong> RH hielt weiters die Information, die dem Gemeinderat für die<br />

Gebührenfestlegung zur Verfügung gestellt wird, für unzureichend. Er<br />

verwies dabei einerseits auf die mangelhaften Kalkulationsgrundlagen<br />

und andererseits darauf, dass die Informationen nur auf Basis von<br />

Voranschlagswerten, die in hohem Maße von den Istwerten abwichen,<br />

zur Verfügung gestellt wurden.<br />

45.1 Die Finanzausgleichsgesetze erlauben den Gemeinden die Festsetzung<br />

von Gebühren für die Benützung von Gemeindeeinrichtungen und<br />

–anlagen bis zu einem Ausmaß, bei dem der mutmaßliche Jahresertrag<br />

der Gebühren das doppelte Jahreserfordernis für die Erhaltung,<br />

den Betrieb sowie für die Verzinsung und Tilgung der Errichtungskosten<br />

der Anlage ausmacht. Diese Ermächtigung schränkte der Verfassungsgerichtshof<br />

insofern ein, als für die Verwendung der Mittel, die<br />

das einfache Jahreserfordernis übersteigen, ein innerer Zusammenhang<br />

mit der Gemeindeeinrichtung bestehen muss. 1)<br />

1) VfGH B 260/01–2001<br />

Demnach darf den Benützern von Gemeindeeinrichtungen neben der<br />

Anlastung der vollen Kosten keine weitere Steuer auferlegt werden.<br />

Dabei müssen sich die Kosten und Erlöse nicht bezogen auf ein Jahr<br />

decken. <strong>Der</strong> Verfassungsgerichtshof billigte einen Beobachtungszeitraum<br />

von zehn Jahren zu. 2)<br />

2) VfSlg 8847/1980<br />

<strong>Der</strong> Überprüfungszeitraum <strong>des</strong> RH hinsichtlich der Gebührenhaushalte<br />

erstreckte sich auf die Jahre 2005 bis 2007.<br />

45.2 <strong>Der</strong> RH verkannte nicht, dass es bei der Festsetzung von Gebühren im<br />

Voraus teilweise zu erheblichen Abweichungen zum tatsächlich erwirtschafteten<br />

Ergebnis kommen kann. Er hielt es jedoch für erforderlich,<br />

über einen längeren Zeitraum eine einfache Kostendeckung zu erzielen.<br />

Bei der von der Stadt Wien gewählten Vorgangsweise musste es<br />

schon allein durch die Festsetzung der Gebühren auf Basis von vorsichtig<br />

ermittelten Voranschlagswerten zu einer regelmäßigen Überdeckung<br />

der Ist–Kosten kommen.<br />

70 Wien 2010/2


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Valorisierungsgesetz<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

46.1 Gemäß § 88 Abs. 3a der Verfassung der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien 1)<br />

konnte der Gemeinderat eine Wertsicherung von Abgaben und sonstigen<br />

öffentlich–rechtlichen Geldleistungen sowie von tarifmäßigen<br />

Entgelten für Leistungen der Gemeinde beschließen. <strong>Der</strong> hiefür festgelegte<br />

Schwellenwert von 3,0 % orientierte sich am Verbraucherpreisindex<br />

2005. Wenn der Gemeinderat eine Wertsicherung beschloss, war<br />

es Aufgabe <strong>des</strong> Magistrats zu prüfen, ob der Schwellenwert über– oder<br />

unterschritten wurde. Führte die Prüfung zu einer Über– oder Unterschreitung<br />

<strong>des</strong> Schwellenwerts, hatte der Magistrat die jeweils wertgesicherten<br />

Abgaben, sonstigen Geldleistungen oder Entgelte entsprechend<br />

anzupassen.<br />

1) LGBl. 28/1968 i.d.g.F.<br />

Die Verordnungen, mit denen der Gemeinderat die Kanalgebührenordnung<br />

1988, den Müllabfuhrabgabetarif 2002 und die Wassergebührenordnung<br />

1990 entsprechend dem Valorisierungsgesetz änderte, wurden<br />

im November 2007 im Amtsblatt der Stadt Wien kundgemacht<br />

und traten am 1. Jänner 2008 in Kraft.<br />

Im Gemeinderat gab es von Juni bis Dezember 2008 vier Resolutions–<br />

und Beschlussanträge betreffend die Rücknahme, die Aussetzung oder<br />

Senkung von Gebührenerhöhungen seitens der Oppositionsparteien.<br />

Begründet wurden die Anträge einerseits durch bereits in den Vorjahren<br />

erfolgte Preiserhöhungen von bis zu 28 % und andererseits mit der<br />

Verwendung der Gebührenüberschüsse im allgemeinen Budget. Diese<br />

Anträge lehnte der Gemeinderat ab.<br />

Im Dezember 2008 beschloss der Gemeinderat auf Antrag der Regierungspartei,<br />

die sich aus dem Valorisierungsgesetz ergebende Erhöhung<br />

der Wassergebühren auszusetzen. Ein neuer Vergleichswert für<br />

eine erstmalige Valorisierung sollte zum 1. Jänner 2009 festgesetzt<br />

werden. Begründet wurde die Aussetzung damit, dass die Auswirkungen<br />

eines drohenden Wirtschaftsabschwungs so gering wie möglich<br />

zu halten und Mehrbelastungen für die Bevölkerung zu vermeiden<br />

wären. Zudem waren auch wirtschaftlich keine gravierenden Gründe<br />

gegeben, die eine Anhebung der Wassergebühren per 1. Jänner 2009<br />

rechtfertigten.<br />

46.2 <strong>Der</strong> RH anerkannte die Aussetzung der automatischen Anpassung der<br />

Wassergebühren für das Jahr 2009, zumal in diesem Bereich Überschüsse<br />

erwirtschaftet wurden und diese darüber hinaus durch eine<br />

nicht widmungsgemäße Verwendung entzogen wurden.<br />

Wien 2010/2 71


Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

<strong>Der</strong> RH vermisste jedoch eine Aussetzung der Valorisierungsbestimmungen<br />

für die Gebührenhaushalte der Wien Kanal und <strong>des</strong> Teilbereichs<br />

Abfallwirtschaft, zumal auch in diesen Bereichen vergleichbare<br />

Ergebnisse vorlagen. Da der RH die derzeit vorliegenden Kostenkalkulationen<br />

als eine unzureichende Entscheidungsgrundlage für etwaige<br />

Gebührenerhöhungen erachtete, empfahl er der Stadt Wien, die Valorisierungsbestimmungen<br />

für alle drei von ihm überprüften Gebührenhaushalte<br />

auszusetzen, bis eine den Anforderungen entsprechende<br />

Kostenkalkulation vorliegt.<br />

46.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat teilte mit, dass er die Valorisierungsbestimmungen<br />

in engem Zusammenhang mit dem verfassungsrechtlichen<br />

Äquivalenzprinzip sehe. Er leite aus einem Gutachten eines Rechtsberaters<br />

ab, dass eine Schwankungsbreite von bis zu 15 % zwischen<br />

budgetierten und realisierten Kostendeckungsgraden vom Verfassungsgerichtshof<br />

toleriert werde, wobei ein Beobachtungszeitraum von acht<br />

bis zehn Jahren erfolgen könne.<br />

Die seiner Ansicht nach solide Planungs– und Budgetierungsqualität<br />

habe schon bisher dazu beigetragen, dass die Kostendeckungsgrade über<br />

den Beobachtungszeitraum lediglich eine maximale Unschärfe im einstelligen<br />

Prozentbereich aufwiesen. Hinzu komme, dass mit der Einführung<br />

der Valorisierungsbestimmungen durch die Koppelung an den<br />

Verbraucherpreisindex zusätzlich eine höhere Prognosequalität in der<br />

Gebührenkalkulation erreicht werde und im Zeitablauf vergleichsweise<br />

unverhältnismäßig hohe Abgabenanpassungen vermieden würden. Aus<br />

diesen Gründen könne der Empfehlung <strong>des</strong> RH, sämtliche Valorisierungsbestimmungen<br />

auszusetzen, nicht nachgekommen werden.<br />

46.4 <strong>Der</strong> RH brachte in Erinnerung, dass eine den Anforderungen entsprechende<br />

Kalkulation nicht vorlag. Er verblieb daher bei seiner Empfehlung,<br />

die Valorisierungsbestimmungen auszusetzen, bis die Mängel<br />

behoben sind. Bezüglich der „soliden“ Planungs– und Budgetierungsqualiät<br />

verwies der RH auf seinen Vergleich der Voranschlags– und<br />

Rechnungsabschlusswerte (TZ 44).<br />

72 Wien 2010/2


Rechtsbeziehungen zwischen Wiener Wohnen und der Fernwärme Wien<br />

Grundsatzverträge<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen von<br />

Wiener Wohnen<br />

47.1 Infolge <strong>des</strong> Energiekonzepts bzw. <strong>des</strong> Klimaschutzprogramms der Stadt<br />

Wien war Wiener Wohnen bestrebt, ihre Wohnobjekte mit Fernwärme<br />

versorgen zu lassen; eine direkte Verpflichtung dazu war weder im<br />

Statut von Wiener Wohnen noch aufgrund einer Weisung gegeben.<br />

Wiener Wohnen erklärte sich in einer Vereinbarung aus dem Jahr 1997<br />

mit der Fernwärme Wien bereit, den Anschluss aller nicht vermieteten<br />

Wohnungen an die Fernwärmeversorgung in den neu angeschlossenen<br />

Wohnanlagen zu ermöglichen bzw. neue Mieter zum Anschluss<br />

zu verpflichten. Dieser Verpflichtung kam Wiener Wohnen nach, indem<br />

sie vor Abschluss eines Mietvertrags für eine solche Wohnung den<br />

Abschluss eines Fernwärmeliefervertrags durch den Mieter verlangte<br />

und im entsprechenden Mietvertrag das dauernde Bestehen eines Fernwärmeliefervertrags<br />

vorsah.<br />

Empfehlungen eines Arbeitskreises der Wiener Stadtwerke, der sich aus<br />

Vertretern der Wiener Strom–, Gas– und Fernwärmeversorger zusammensetzte<br />

und den Ausbau der Energieversorgung in der Stadt Wien<br />

zu koordinieren hatte, bildeten die Planungsgrundlage dafür, welche<br />

Objekte nachträglich an die Fernwärmeversorgung angeschlossen<br />

werden sollten. Im Zeitraum 2005 bis 2007 bestand dieser Arbeitskreis<br />

nicht mehr. Nachträgliche Fernwärmeanschlüsse wurden jedoch<br />

weiterhin im Einvernehmen zwischen Wiener Wohnen und der Fernwärme<br />

Wien durchgeführt.<br />

Die finanzielle Grundlage eines nachträglichen Anschlusses bildeten<br />

Förderungen im Rahmen der Wohnhaussanierung, deren gesetzliche<br />

Grundlagen sich seit Vertragsabschluss mehrfach geändert hatten.<br />

47.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH war neben Änderungen von Vertragsvoraussetzungen<br />

insbesondere mit der Auflösung <strong>des</strong> Arbeitskreises eine wichtige<br />

Grundlage für nachträgliche Fernwärmeanschlüsse von Wiener<br />

Wohnen–Objekten weggefallen.<br />

Wien 2010/2 73


Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen<br />

von Wiener Wohnen<br />

Direktbelieferung<br />

der Mieter durch die<br />

Fernwärme Wien<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl daher der Fernwärme Wien und Wiener Wohnen eine<br />

Anpassung bzw. Neufassung <strong>des</strong> Vertrags, um über eine entsprechende<br />

Grundlage für die Errichtung nachträglicher Fernwärmeanschlüsse zu<br />

verfügen. Insbesondere sollte Wiener Wohnen bei den zu schaffenden<br />

Vertragsregelungen die Wirtschaftlichkeit im Zusammenhang mit prioritären<br />

Sanierungserfordernissen beachten.<br />

47.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat und die Fernwärme Wien hielten in ihren Stellungnahmen<br />

fest, dass entsprechende Vertragsverhandlungen bereits<br />

aufgenommen worden seien.<br />

48.1 In der Regel belieferte die Fernwärme Wien die Mieter in denjenigen<br />

Wohnungen von Wiener Wohnen, die an die Fernwärmeversorgung<br />

angeschlossen waren, direkt mit Fernwärme. Seit Ende der Achtzigerjahre<br />

trat der Vermieter (Wiener Wohnen) aus steuerlichen Gründen<br />

als Warmwasserlieferant gegenüber den Mietern auf, weil Wasserlieferungen<br />

durch den Vermieter im Gegensatz zu Wärmelieferungen dem<br />

ermäßigten Mehrwertsteuersatz von zehn Prozent unterliegen.<br />

Als rechtliche Grundlage wurde die für Lieferverträge ungewöhnliche<br />

Konstruktion eines „Dreiervertrages“ zwischen Mieter, Vermieter und<br />

Wärmelieferant gewählt. Dies sollte eine einfachere Verwaltung ermöglichen.<br />

Nach diesen Dreierverträgen lieferte die Fernwärme Wien die<br />

Wärme für die Raumheizung und Wiener Wohnen trat als Lieferant<br />

für Warmwasser auf. Weiters hatte die Fernwärme Wien im Namen<br />

und für Rechnung von Wiener Wohnen gegenüber dem Endverbraucher<br />

die Verbrauchsermittlung, Verrechnung und Entgeltseinhebung<br />

für die Wärme zur Wassererwärmung durchzuführen.<br />

Eine vertragliche Grundlage für die Vorlieferung der Wärme zur Wassererwärmung<br />

von der Fernwärme Wien an Wiener Wohnen war in<br />

den „Dreierverträgen“ nicht enthalten.<br />

48.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass Wiener Wohnen und die Fernwärme Wien sich<br />

um eine Vertragskonstruktion bemüht hatten, die es auch bei Inanspruchnahme<br />

<strong>des</strong> zehnprozentigen Steuervorteils für die Mieter ermöglichen<br />

sollte, dass die Fernwärme Wien weiterhin in wirtschaftlicher,<br />

verrechnungstechnischer und praktischer Hinsicht als Wärmelieferant<br />

auch für das Warmwasser fungieren kann.<br />

74 Wien 2010/2


Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen<br />

von Wiener Wohnen<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Nach Ansicht <strong>des</strong> RH sollte Wiener Wohnen entsprechende Vorlieferverträge<br />

mit der Fernwärme Wien abschließen. Dies wäre sowohl für<br />

die rechtliche Absicherung der Lieferantenstellung von Wiener Wohnen<br />

gegenüber den Mietern als auch für die Festlegung <strong>des</strong> Preises der<br />

Vorlieferung zweckmäßig.<br />

48.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat teilte mit, dass bereits Verhandlungen zur<br />

Umsetzung der Empfehlung begonnen hätten.<br />

Die Fernwärme Wien gab in ihrer Stellungnahme zu bedenken, dass eine<br />

Umsetzung der Empfehlung <strong>des</strong> RH Zessionsgebühren auslösen würde.<br />

48.4 <strong>Der</strong> RH stellte zu den von der Fernwärme GmbH geäußerten Bedenken<br />

klar, dass er nicht ein schriftliches Festhalten von Forderungsabtretungen<br />

von Wiener Wohnen an die Fernwärme Wien empfohlen hatte<br />

— was eine Gebührenpflicht auslösen würde —, sondern eine vertragliche<br />

Regelung über die Wärmelieferungen der Fernwärme Wien an<br />

Wiener Wohnen.<br />

49.1 Die Anwendung der „Dreierverträge“ erfolgte unabhängig davon, ob<br />

Wiener Wohnen eine Wohnhausanlage selbst verwaltete oder die Verwaltung<br />

an eine externe Hausverwaltung ausgelagert hatte. Teilweise<br />

schlossen Hausverwaltungen Warmwasserlieferverträge für den Vermieter<br />

(Wiener Wohnen) ohne schriftliche Beauftragung ab.<br />

49.2 <strong>Der</strong> RH empfahl Wiener Wohnen, auch in diesen Fällen eindeutige<br />

rechtliche Grundlagen für die Vertragsabschlüsse mit den Mietern zu<br />

schaffen.<br />

49.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat sagte die Umsetzung dieser Empfehlung zu.<br />

Wien 2010/2 75


Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen<br />

von Wiener Wohnen<br />

Großkundenlieferung<br />

an Wiener Wohnen<br />

50.1 Die Fernwärme Wien verrechnete die Wasserbereitungswärme weiterhin<br />

direkt den Mietern zusammen mit der Raumheizungswärme. In den<br />

Rechnungen war lediglich der betreffende Anteil mit dem ermäßigten<br />

Mehrwertsteuersatz ausgewiesen und mit dem Vermerk „namens und<br />

für Rechnung der Hausverwaltung“ versehen. Wiener Wohnen bekam<br />

am Jahresende eine Rechnung von der Fernwärme Wien über die ihren<br />

Mietern verrechnete gesamte Wärmemenge zur Wassererwärmung, und<br />

zwar mit dem auch den Mietern verrechneten Preis, jedoch mit einem<br />

20 % Mehrwertsteuersatz versehen. Da die Fernwärme Wien die Zahlungen<br />

der Mieter einbehalten hatte, überwies Wiener Wohnen nur<br />

den Differenzbetrag in Höhe von 10 % Mehrwertsteuer, unabhängig<br />

davon, ob und inwieweit die einzelnen Mieter ihre jeweiligen Rechnungen<br />

bezahlt hatten.<br />

50.2 <strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass das Ausfallsrisiko für die einzelnen<br />

Zahlungen der Mieter — ungeachtet der nunmehrigen Lieferantenstellung<br />

von Wiener Wohnen — bei der Fernwärme Wien verblieb. Seiner<br />

Ansicht nach diente die Konstruktion der „Dreierverträge“ dazu,<br />

den Mietern von Wiener Wohnen einen Steuervorteil zu verschaffen,<br />

ohne dass Wiener Wohnen tatsächlich eine fernwärmebezogene Lieferantentätigkeit<br />

ausüben wollte.<br />

51.1 Bei 33 Wohnhausanlagen waren die Mieter nicht direkte Vertragspartner<br />

der Fernwärme Wien. In diesen Fällen belieferte die Fernwärme<br />

Wien mittels eines Großkundenvertrags Wiener Wohnen als Hauseigentümer,<br />

die sodann ihrerseits als direkter Wärmelieferant der einzelnen<br />

Mieter auftrat. Diese Vertragsform wurde bei jenen Wohnobjekten<br />

gewählt, wo Wiener Wohnen die Mieter schon vor dem Anschluss <strong>des</strong><br />

jeweiligen Hauses an die Fernwärme mittels einer zentralen Heizungsanlage<br />

und eines anderen Energieträgers mit Wärme beliefert hatte.<br />

Die Zählerablesung und Verrechnung für diese Wärmelieferungen hatte<br />

Wiener Wohnen an eine Tochtergesellschaft der Wien Energie ausgelagert.<br />

Für die Zählerablesungen und Verrechnungstätigkeiten musste<br />

Wiener Wohnen jährlich 138.000 EUR bezahlen, die allerdings nicht<br />

auf die einzelnen Fernwärmebezieher überwälzt wurden. Im Unterschied<br />

zum Großteil der Wohnhausanlagen, deren Mieter von der Fernwärme<br />

Wien direkt mit Wärme beliefert wurden, war Wiener Wohnen<br />

bei Großkundenlieferungen für einen Teil der Servicetätigkeiten selbst<br />

zuständig.<br />

76 Wien 2010/2


Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen<br />

von Wiener Wohnen<br />

Vertragsdauer der<br />

Lieferverträge<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Die neueren Mietverträge für diese Wohnhausanlagen enthielten bereits<br />

den Hinweis, dass die Wärmelieferung (bis zu einer anderen Möglichkeit<br />

der zentralen Wärmeversorgung) vorläufig durch die Vermieterin<br />

erfolgt. Somit war in diesen Fällen bereits eine künftige Fernwärmeversorgung<br />

der Mieter durch die Fernwärme Wien vorgesehen.<br />

51.2 <strong>Der</strong> RH empfahl Wiener Wohnen, zu untersuchen, für welche dieser<br />

Mietobjekte bereits nur noch solche Mietverträge bestehen, die eine<br />

Fernwärmeversorgung der Mieter direkt durch die Fernwärme Wien<br />

vorsehen. Bezüglich dieser Objekte sollte Wiener Wohnen gemeinsam<br />

mit der Fernwärme Wien aus wirtschaftlichen Gründen eine Umstellung<br />

auf eine Direktversorgung durch die Fernwärme Wien in Erwägung<br />

ziehen.<br />

51.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat führte aus, dass nach Prüfung der betreffenden<br />

Mietverträge gegebenenfalls auf Direktversorgung durch die Fernwärme<br />

Wien umgestellt werde.<br />

52.1 Laut den Allgemeinen Versorgungsbedingungen der Fernwärme Wien<br />

waren die Fernwärmelieferverträge bis 2004 an das jeweilige Hauptmietverhältnis<br />

gebunden und für <strong>des</strong>sen Bestandsdauer unkündbar.<br />

Dies galt sowohl für Wiener Wohnen als auch für den sonstigen sozialen<br />

Wohnbau.<br />

Auch die Mietverträge von Wiener Wohnen für mit Fernwärme versorgte<br />

Wohnungen sahen für die gesamte Bestandsdauer einen Fernwärmebezug<br />

verpflichtend vor.<br />

Aufgrund der OGH–Entscheidung vom 29. April 2004 1) wird den Fernwärmekunden<br />

von der Fernwärme Wien nunmehr in den Versorgungsbedingungen<br />

eine Kündigungsmöglichkeit nach dem ersten Jahr und<br />

danach nach jedem Halbjahr eingeräumt.<br />

1) demnach widerspricht eine Unkündbarkeit § 15 Abs. 3 Konsumentenschutzgesetz<br />

Hinsichtlich der wohnrechtlichen Aspekte dieser OGH–Entscheidung<br />

ließ die Fernwärme Wien ein Gutachten erstellen, nach dem die Mieter<br />

zwar nicht im Fernwärmeliefervertrag, jedoch sehr wohl im Mietvertrag<br />

selbst zum dauernden Bezug von Fernwärme verpflichtet werden<br />

können. Obwohl dieser Rechtsansicht in der einschlägigen Literatur<br />

nachdrücklich widersprochen wurde, blieb der verpflichtende Fernwärmebezug<br />

in den Mietverträgen von Wiener Wohnen verankert.<br />

Wien 2010/2 77


Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen<br />

von Wiener Wohnen<br />

Verrechnung<br />

<strong>des</strong> Fernwärmeverbrauchs<br />

Bisher machten von dieser Kündigungsmöglichkeit nur wenige Fernwärmebezieher<br />

Gebrauch.<br />

Laut Auskunft von Wiener Wohnen wurde bislang in keinem Fall versucht,<br />

die im Mietvertrag normierte Verpflichtung zum Fernwärmebezug<br />

auch durchzusetzen.<br />

52.2 Im Hinblick auf die geringe Kündigungsanzahl hielt der RH den Verzicht<br />

auf den Versuch einer vertragsrechtlichen Durchsetzung angesichts<br />

der ungünstigen Außenwirkung für vertretbar.<br />

53.1 Das für die Aufteilung der Heiz– und Warmwasserkosten in Gebäuden<br />

mit min<strong>des</strong>tens vier Nutzungsobjekten anzuwendende Heizkostenabrechnungsgesetz<br />

HeizKG 1) sah die Tarifaufteilung in einen verbrauchsabhängigen<br />

Teil (Arbeitspreis) und einen verbrauchsunabhängigen Teil<br />

(Grundpreis, Messpreis) vor. Die Fernwärme Wien verrechnete den<br />

Arbeitspreis zur Gänze nach den Verbrauchsteilen, obwohl das HeizKG<br />

auch eine Aufteilung bis zu 45 % nach der beheizbaren Nutzfläche<br />

zulassen würde.<br />

1) BGBl. Nr. 827/1992 i.d.g.F.<br />

<strong>Der</strong> Grundpreis bei Einzellieferungsverträgen der Fernwärme Wien<br />

bezog sich auf m 2 beheizte Nutzfläche und war somit verbrauchsunabhängig.<br />

Dieser Preis beinhaltete auch anteilige Erzeugungs– und<br />

Netzkosten, Errichtungs– und Instandhaltungskosten der Hausstation<br />

sowie Ablese– und Abrechnungskosten.<br />

Die Durchsicht einzelner Jahresabrechnungen ergab, dass die mit dem<br />

Grundpreis abgedeckten Grundkosten manchmal höher waren als die<br />

Verbrauchskosten. Bei schlecht gedämmten Altbauten waren die Verbrauchskosten<br />

hingegen wesentlich höher.<br />

Bei einer Wohnhausanlage im Passivhaus–Standard oder bei einer freiwilligen<br />

Drosselung der Heizung durch den Mieter konnten die Verbrauchskosten<br />

sehr gering gehalten werden. In diesem Fall wäre die<br />

Abdeckung der Netzinvestitionen in einem reinen verbrauchsabhängigen<br />

Tarifsystem nur sehr schwer möglich. Allerdings war in jenen<br />

Fällen, bei denen die Grundkosten höher oder zumin<strong>des</strong>t in gleicher<br />

Höhe gegenüber den Verbrauchskosten lagen, der Anreiz für eine energiesparende<br />

Beheizung der Wohnung kaum gegeben.<br />

78 Wien 2010/2


Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen<br />

von Wiener Wohnen<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

53.2 Obwohl die derzeitige Aufteilung <strong>des</strong> Wärmetarifs in einen Grund– und<br />

Arbeitspreis den Bestimmungen <strong>des</strong> HeizKG entsprach, empfahl der RH<br />

der Fernwärme Wien, bei den Einzellieferungsverträgen Überlegungen<br />

hinsichtlich eines energiesparenderen Tarifsystems anzustellen. Dabei<br />

sollten neben dem Energiespargedanken sowohl die Anliegen der Mieter<br />

nach einer überwiegend verbrauchsabhängigen Heizkostenabrechnung<br />

als auch die <strong>des</strong> Unternehmens hinsichtlich der Abdeckung der<br />

hohen Netzinvestitionen berücksichtigt werden.<br />

53.3 Laut Stellungnahme der Fernwärme Wien seien bereits Überlegungen<br />

über ein neues Tarifsystem und Verhandlungen über die Erwirkung<br />

eines neuen Preisbescheids begonnen worden.<br />

54.1 Die Messung <strong>des</strong> Wärmeverbrauchs der Mieter erfolgte ausschließlich<br />

durch Fremdfirmen, welche die ermittelten Daten an die Fernwärme<br />

Wien lieferten. <strong>Der</strong> Wärmeverbrauch für die gesamte Wohnhausanlage<br />

wurde anhand geeichter Wärmemengenzähler in der jeweiligen<br />

Fernwärme–Übergabestation gemessen. Diese Verbrauchsdaten dienten<br />

sodann als Basis für die Abrechnung aller Wohnungen.<br />

Die Verbrauchserfassung in den einzelnen Wohnungen erfolgte überwiegend<br />

mittels Heizkostenverteiler nach dem Verdunstungsprinzip.<br />

Die Verdunstungsröhrchen wurden bei jedem Heizkörper einmal im<br />

Jahr abgelesen (Feststellung der Teilstriche) und ausgetauscht, wodurch<br />

die Kosten für eine Eichung entfielen. In geringem Ausmaß wurden<br />

statt den Verdunstungsröhrchen auch elektronische Heizkostenverteiler<br />

eingesetzt. Anstatt der Ablesung bei jedem Heizkörper war auch<br />

eine jährliche Messung <strong>des</strong> gesamten Wohnungswärmeverbrauchs mittels<br />

Kleinwärmezähler (eventuell mit Fernablesung) möglich. Die Verbrauchsmessung<br />

<strong>des</strong> Warmwassers erfolgte über Durchflussmengenzähler,<br />

wobei der Verbrauch in m 3 erfasst wurde.<br />

Kleinwärmezähler und Warmwasserzähler mussten in bestimmten Zeitabständen<br />

geeicht werden. Messpreise wurden nur für Kleinwärmezähler<br />

verrechnet, weil diese teurer und in den Grundkosten nicht gedeckt<br />

waren. Für jede Wohnhausanlage kam nur ein bestimmtes Messsystem<br />

zur Anwendung, welches vom Wohnbauträger oder von den Mietern<br />

ausgewählt wurde.<br />

54.2 <strong>Der</strong> RH empfahl der Fernwärme Wien, in Zukunft die Installation von<br />

Kleinwärmezählern zu forcieren, weil sich der Verwaltungsaufwand für<br />

die Verbrauchsmessung — vor allem durch eine mögliche Fernablesung —<br />

deutlich verringern würde. Dabei wäre aber auch zu berücksichtigen,<br />

dass die Kleinwärmezähler für die Mieter derzeit teurer kommen.<br />

Wien 2010/2 79


Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen<br />

von Wiener Wohnen<br />

54.3 Laut Stellungnahme der Fernwärme Wien werde sie in Zukunft — unter<br />

Berücksichtigung der Kostensituation und deren Auswirkung auf die<br />

Kunden sowie in Abstimmung mit den Bauträgern — vermehrt Kleinwärmezähler<br />

forcieren.<br />

55.1 Die Überprüfung der Heizkostenabrechnung am Beispiel einer nicht<br />

direkt von der Fernwärme Wien belieferten Wohnhausanlage durch<br />

den RH zeigte, dass aufgrund fehlender Messmöglichkeiten eine Trennung<br />

der Heiz– und Warmwasserkosten technisch nicht möglich war.<br />

Die von Wiener Wohnen mit der Heizkostenabrechnung beauftragte<br />

Gesellschaft führte daher eine Pauschalverrechnung der Warmwasserkosten<br />

entsprechend der beheizbaren Nutzfläche durch. Auf den<br />

Rechnungen waren diese Kosten gesondert ausgewiesen. Das für die<br />

Heizkostenabrechnung maßgebende HeizKG sah für diese Fälle eine<br />

Aufteilung der gesamten Energiekosten zu 60 % bis 80 % für Raumheizung<br />

und den Rest für Warmwasser vor. Tatsächlich wurden jedoch<br />

nur 56 % der gesamten Energiekosten für die Raumheizung verrechnet.<br />

Da alle Wohnungen sowohl mit Raumwärme als auch mit Warmwasser<br />

versorgt wurden, wirkte sich die prozentuelle Abweichung nicht<br />

auf das Gesamtergebnis aus.<br />

Hinzuweisen war, dass die Fernwärme Wien bei Großkunden, für die sie<br />

aufgrund von Dienstleistungsverträgen die Heizkostenabrechnungen<br />

durchführte, die gesamten Energiekosten für Raumheizung und Warmwasser<br />

im Verhältnis 70:30 aufteilte, sofern eine getrennte Messung<br />

nicht möglich war.<br />

55.2 <strong>Der</strong> RH bemängelte die nicht dem HeizKG entsprechende Heizkostenabrechnung<br />

mit den Mietern. Er empfahl Wiener Wohnen, die mit der<br />

Wärmeverrechnung beauftragte Gesellschaft auf die Einhaltung <strong>des</strong><br />

HeizKG hinzuweisen. Dabei wäre im Sinne einer eventuell künftigen<br />

Direktversorgung dieser Wohnhausanlagen durch die Fernwärme Wien<br />

eine Anpassung <strong>des</strong> Aufteilungsschlüssels an jenen der Fernwärme<br />

Wien zweckmäßig.<br />

55.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats werde er den Empfehlungen<br />

<strong>des</strong> RH nachkommen.<br />

80 Wien 2010/2


Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen<br />

von Wiener Wohnen<br />

Einspeisemöglichkeiten<br />

in das<br />

Leitungsnetz der<br />

Fernwärme Wien<br />

Entwicklung <strong>des</strong><br />

Fernwärmemarktes<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

56.1 Im Unterschied zum Strom– und Gasbereich gab es bei der Fernwärme<br />

keine rechtliche Verpflichtung, das Leitungsnetz anderen Wärmeanbietern<br />

zur Durchleitung zur Verfügung zu stellen. Ebenso bestand<br />

keine Abnahmepflicht für angebotene Wärmelieferungen.<br />

Etwa ein Viertel der im Leitungsnetz der Fernwärme Wien benötigten<br />

Wärme kam aus der von der Fernwärme Wien durchgeführten thermischen<br />

Abfallverwertung, fast zwei Drittel stammten aus Kraft–Wärme–<br />

Kopplungsanlagen von Kraftwerken der WIENSTROM GmbH.<br />

Eine Mineralölgesellschaft speiste etwa ein Zehntel der ins Netz der<br />

Fernwärme Wien eingebrachten Wärme ein. Darüber hinaus gab es<br />

wenige private industrielle Wärmeeinspeiser.<br />

Aussagekräftige Daten über das Ausmaß <strong>des</strong> im Prüfungszeitraum<br />

von privater Seite gezeigten Interesses an Wärmeeinspeisungsmöglichkeiten<br />

wurden dem RH nicht vorgelegt.<br />

56.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass nur sehr wenige private Wärmeerzeuger in<br />

das Netz der Fernwärme Wien einspeisten. Weiters merkte er an, dass<br />

angesichts der gegebenen Rechtslage eine Konkurrenzsituation der<br />

Fernwärme Wien zu anderen Wärmeanbietern nur in einem geringen<br />

Ausmaß bestand.<br />

57.1 Im Prüfungszeitraum bestanden keine von Seiten der Stadt Wien festgelegten<br />

Vorranggebiete für einzelne Energieträger. Die Entscheidung<br />

über das Heizsystem erfolgte bei Neubauten zumeist im Rahmen eines<br />

Bauträgerwettbewerbs. Die Fernwärme Wien stand dabei in Konkurrenz<br />

zu anderen Energieträgern, wie Gas und Heizöl. Es gab auch keine<br />

Vorgaben von Seiten der Muttergesellschaft.<br />

Im Klimaschutzprogramm der Stadt Wien wurde 1999 im Maßnahmenprogramm<br />

„Wiener Wärme“ festgelegt, bis 2010 zusätzlich<br />

180.000 Wohnungen an die Fernwärme anzuschließen. Bei einem Stand<br />

von rd. 202.000 Wohnungen im Basisjahr 1999 würde dies bis 2010<br />

rd. 382.000 versorgte Wohnungen bedeuten.<br />

57.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH wird nach derzeitigem Stand das angepeilte<br />

Ziel, selbst unter der optimistischen Annahme, dass von den derzeit<br />

rd. 285.000 versorgten Wohnungen kurzfristig rd. 59.000 vorbereitete<br />

Wohnungen und bis 2010 zusätzlich jährlich rd. 12.000 Wohnungen<br />

angeschlossen würden, voraussichtlich nicht zu erreichen sein.<br />

Wien 2010/2 81


Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen<br />

von Wiener Wohnen<br />

58.1 In den Lageberichten für die Jahre 2005 bis 2007 schlüsselte die Fernwärme<br />

Wien ihren Anteil am Wiener Wärmemarkt für Raumwärme<br />

und Warmwasserbereitung getrennt und bezogen auf die Nutzenergie 1)<br />

auf. Im Jahr 2008 wurde bei der Berechnung <strong>des</strong> Marktanteils auf die<br />

Endenergie 2) abgestellt und nur noch für den Niedertemperatur–Wärmemarkt<br />

gemeinsam ausgewiesen. Dem Ersuchen <strong>des</strong> RH nach einer<br />

vergleichbaren Darstellung wurde nicht entsprochen.<br />

1) Nutzenergie ist jene Energie, die aus dem Gerät <strong>des</strong> Energieverbrauchers wirkungsgradabhängig<br />

herauskommt und für die konkrete Anwendung „netto“ zur Verfügung<br />

steht.<br />

2) Endenergie ist jene Energie, die der Endverbraucher geliefert bekommt.<br />

58.2 Aufgrund der unterschiedlichen Berechnungsmethoden in den verschiedenen<br />

Jahren war es für den RH nicht nachvollziehbar, ob im überprüften<br />

Zeitraum der Anteil der Fernwärme Wien am Wiener Wärmemarkt<br />

gestiegen, gesunken oder gleich geblieben ist. <strong>Der</strong> RH empfahl<br />

der Fernwärme Wien, schon zu ihrer eigenen Information eine vergleichbare<br />

Zeitreihe über ihre Marktanteile zu erstellen.<br />

58.3 Die Fernwärme Wien teilte mit, dass sie über genug Informationen über<br />

die Entwicklung ihres Marktanteils verfüge und vergleichbare Darstellungen<br />

erstellen werde.<br />

58.4 Dem hielt der RH entgegen, dass während der örtlichen Überprüfung<br />

durch den RH diese Informationen nicht vorgelegt wurden.<br />

82 Wien 2010/2


Themen <strong>des</strong> Prüfungsverlangens<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

59 Im Einzelnen stellte der RH zu den im Prüfungsverlangen gem. Art. 127<br />

Abs. 6 B–VG bzw. § 73a Wiener Stadtverfassung angesprochenen Themen<br />

zusammenfassend Folgen<strong>des</strong> fest:<br />

Strompreise<br />

Im Jahr 2001 vereinbarten die ostösterreichischen Strom– und Gasversorgungsunternehmen,<br />

ihren Stromhandel und –einkauf sowie ihren<br />

Stromvertrieb mittels gemeinsamer Tochterunternehmen (EnergieAllianz<br />

und e&t Energie Handelsgesellschaft m.b.H.) zu koordinieren. (TZ 2)<br />

Die ausschließliche Versorgung durch die regionalen Stromversorger<br />

in der Monopolzeit führte zu einer starken Bindung der Haushaltskunden<br />

an die traditionellen Stromlieferanten. Deshalb wechselten diese<br />

Kunden bisher nur in einem geringen Ausmaß zu anderen Lieferanten,<br />

selbst wenn diese billigere Angebote mit allerdings auch geringeren<br />

Leistungen stellten. (TZ 6)<br />

Im Rahmen der Errichtung jeweils eigener, regionaler Vertriebsgesellschaften<br />

wurden die Kunden im ehemaligen Versorgungsgebiet ihrer<br />

Muttergesellschaft weiterhin mit Strom und Gas beliefert. (TZ 3)<br />

Da die regionalen Vertriebsgesellschaften nicht miteinander im Wettbewerb<br />

standen, lagen im Sinne <strong>des</strong> Kartellrechts keine unzulässigen<br />

Preisabsprachen vor. (TZ 4)<br />

Die Wien Energie Vertrieb nahm in ihrem Heimmarkt aufgrund ihres<br />

hohen Umsatzanteils eine marktbeherrschende Stellung ein. (TZ 7)<br />

Insgesamt stieg die Energiepreiskomponente <strong>des</strong> Stromprodukts<br />

„Optima“ in den Jahren seit 2002 um rd. 140 % an. Da in diesem<br />

Zeitraum das Netznutzungsentgelt um rd. 10 % und die Abgaben<br />

um rd. 5 % gesenkt wurden, betrug die Erhöhung <strong>des</strong> Gesamtpreises<br />

bezogen auf den Durchschnittsverbrauch eines Wiener Haushalts<br />

(2.500 kWh) rd. 35 %. (TZ 14)<br />

Die Wien Energie Vertrieb lag im Vergleich zu 16 bedeutenden österreichischen<br />

Stromanbietern mit den Preisen ihrer Produktmarke „Optima“<br />

bis November 2008 im oberen Mittelfeld und danach im Spitzenfeld<br />

österreichischer Stromanbieter. (TZ 21)<br />

Wien 2010/2 83


Themen <strong>des</strong> Prüfungsverlangens<br />

Einem Vergleich der Strombezugspreisentwicklung in Österreich mit<br />

der in 15 EU–Staaten zufolge, erhöhten sich die durchschnittlichen<br />

Strombezugspreise in Österreich im Vergleich zu denen in den EU–<br />

Staaten stärker. Allerdings blieben dabei die Unterschiede der einzelnen<br />

Staaten insbesondere hinsichtlich ihrer energiewirtschaftlichen<br />

Entwicklung unberücksichtigt, wodurch die Aussagekraft <strong>des</strong> Ländervergleichs<br />

eingeschränkt wird. (TZ 22)<br />

Die im Zuge der Energiemarktliberalisierung gegründete Wien Energie<br />

gehörte zu 100 % zum Konzern der Wiener Stadtwerke und leitete<br />

deren Energiebereich. (TZ 23)<br />

Da das operative Geschäft ausschließlich von den Tochtergesellschaften<br />

betrieben wurde und ein unternehmenspolitisches Gesamtkonzept<br />

für den Wien Energie–Konzern fehlte, stellte sich die Frage nach der<br />

Zweckmäßigkeit der Wien Energie als Zwischenholding innerhalb <strong>des</strong><br />

Wiener Stadtwerke–Konzerns. (TZ 27)<br />

Vergabe der Strom– und Gasbezüge<br />

Um magistratsweit einheitliche Vertragsbedingungen zu schaffen, wurden<br />

mit Wirksamkeit Jänner 2001 (Strom) bzw. April 2002 (Gas) mit<br />

den bisherigen Energieversorgungsunternehmen WIENSTROM GmbH<br />

und WIENGAS GmbH Rahmenverträge abgeschlossen. Die Vertragsparteien<br />

vereinbarten veränderliche Preise, deren Marktangemessenheit<br />

im Zuge von Neuverhandlungen regelmäßig überprüft wurde. Aus vergaberechtlicher<br />

Sicht bestand keine Pflicht zur Kündigung bestehender<br />

Verträge. Die Entscheidung über eine Neuvergabe lag im Ermessen<br />

<strong>des</strong> jeweiligen Auftraggebers. (TZ 34, 35)<br />

<strong>Der</strong> Auftragnehmerwechsel <strong>des</strong> Wiener Krankenanstaltenverbun<strong>des</strong> für<br />

seine Großkunden (Allgemeines Krankenhaus und Sozialmedizinisches<br />

Zentrum Ost) stellte eine wesentliche Vertragsänderung dar. Nachdem<br />

jedoch die Vertragsparteien die Möglichkeit der Rechtsnachfolge im Vertrag<br />

vom 29. Juli 2002 ausdrücklich vereinbart hatten, war nach Ansicht<br />

<strong>des</strong> RH ein neuerliches Vergabeverfahren nicht geboten. (TZ 36)<br />

Die Vorgangsweise von Wiener Wohnen bei der Kündigung <strong>des</strong> Gasliefervertrags<br />

im Jahr 2005 erachtete der RH als vergaberechtlich unproblematisch,<br />

weil der Auftragnehmer im Rahmen der Kündigung von<br />

einem vertraglich eingeräumten Recht Gebrauch machte und die einzelnen<br />

Energielieferverträge auch ohne Rabattbestimmungen exekutierbar<br />

sind. (TZ 35)<br />

84 Wien 2010/2


Themen <strong>des</strong> Prüfungsverlangens<br />

Wien<br />

Die Strom– und Gasbezüge <strong>des</strong> Magistrats der Stadt Wien sowie der<br />

Unternehmen Wiener Krankenanstaltenverbund und Wiener Wohnen<br />

basierten auf Lieferverträgen, die noch vor der Energiemarktliberalisierung<br />

abgeschlossen worden waren. Ökologische Aspekte wurden bei<br />

der Energiebeschaffung nicht berücksichtigt. (TZ 32, 34)<br />

Gebührenhaushalte Kanal, Wasser, Abfall<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

In den Jahren 2005 bis 2007 erzielte die Stadt Wien Überschüsse aus<br />

den Gebührenhaushalten der Wien Kanal (95,45 Mill. EUR), der Wasserwerke<br />

(191,07 Mill. EUR) und dem Teilbereich Abfallwirtschaft<br />

(101,68 Mill. EUR), die dem allgemeinen Haushalt zugeführt wurden.<br />

Zweckgebundene Rücklagen für künftige Investitionen wurden nicht<br />

gebildet. (TZ 37 bis 39)<br />

<strong>Der</strong> Betrieb einer Kläranlage und einer Müllverbrennungsanlage wurde<br />

über Tochterunternehmen abgewickelt, die größtenteils fremdfinanziert<br />

waren. Da der gesamte Betriebsaufwand von der Wien Kanal und dem<br />

Teilbereich Abfallwirtschaft zu tragen war, wurde der Gebührenzahler<br />

— trotz der Erzielung von Überschüssen — mit zusätzlichen Fremdkapitalkosten<br />

belastet. (TZ 37, 39)<br />

Den aus der Cross–Border–Leasing–Transaktion „Wien Kanal“ lukrierten<br />

Nettobarwertvorteil vereinnahmte die Stadt Wien im allgemeinen<br />

Haushalt, die Leasingraten mussten jedoch vom Gebührenhaushalt<br />

der Wien Kanal getragen werden. (TZ 37)<br />

Für die im Zeitraum 2005 bis 2007 festgelegten Kanal–, Wasser– und<br />

Abfallgebühren der Stadt Wien lagen keine schlüssigen Kostenkalkulationen<br />

vor. Ein Vergleich der Kostendeckungsgrade auf Basis der<br />

Voranschlagswerte mit jenen der Rechnungsabschlüsse ergab hohe<br />

Abweichungen. (TZ 43)<br />

Fernwärmenutzung bei Wohnhausanlagen von Wiener Wohnen<br />

Zwecks Inanspruchnahme steuerlicher Vorteile für die Mieter verpflichtete<br />

sich Wiener Wohnen vertraglich als Lieferant für Warmwasser. Tatsächlich<br />

wurden die Wärmelieferungen für Warmwasser von der Fernwärme<br />

Wien im Namen und für Rechnung von Wiener Wohnen durchgeführt.<br />

Eine vertragliche Grundlage für die Vorlieferung der Wärme war in den<br />

diesbezüglichen Verträgen nicht enthalten. (TZ 48)<br />

Wien 2010/2 85


Themen <strong>des</strong> Prüfungsverlangens<br />

Die den Fernwärmekunden von der Fernwärme Wien aufgrund der<br />

OGH–Entscheidung vom 29. April 2004 eingeräumte Kündigungsmöglichkeit<br />

wurde von diesen bisher nur wenig in Anspruch genommen.<br />

(TZ 52)<br />

Sofern die Grundkosten der Wärmeversorgung höher oder zumin<strong>des</strong>t<br />

gleich hoch wie die Verbrauchskosten waren, bestand kein Anreiz für<br />

eine energiesparende Beheizung der Wohnung. (TZ 53)<br />

Die Wärmeeinspeisung in das Leitungsnetz der Fernwärme Wien durch<br />

private Unternehmen war gering. (TZ 56)<br />

86 Wien 2010/2


Stadt Wien<br />

Wien<br />

Stadt Wien; Wasser–, Kanal– und<br />

Müllgebühren sowie Energiepreise<br />

Schlussbemerkungen/Schlussempfehlungen<br />

60 Zusammenfassend hob der RH nachfolgende Empfehlung hervor:<br />

(1) Künftige Vertragsänderungen und –anpassungen bei Strom– und<br />

Gaslieferungen sollten auf ihre vergaberechtliche Zulässigkeit geprüft<br />

und die Wettbewerbssituation beachtet werden. (TZ 34, 35)<br />

(2) Die Zinserträge aus der Veranlagung der Cross–Boarder–Rücklage<br />

sollten dem Haushalt der Wien Kanal gutgeschrieben werden,<br />

um den Gebührenzahler nicht doppelt zu belasten. (TZ 37)<br />

(3) Die hohen Zinsenbelastungen der Entsorgungsbetriebe Simmering<br />

GmbH und der Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH wären durch einen Schuldenabbau zu verringern. Hiefür<br />

könnten die Überschüsse aus den entsprechenden Gebührenhaushalten<br />

herangezogen werden. (TZ 37, 39)<br />

(4) Überschüsse in den Gebührenhaushalten sollten zweckgebundenen<br />

Rücklagen zugeführt werden, um weitere Schulden für Investitionen<br />

zu vermeiden. Dadurch könnte der Gebührenzahler von steigenden<br />

Zinsaufwendungen entlastet werden. (TZ 38, 39)<br />

(5) Als Grundlage für die Gebührenkalkulation wären die tatsächlichen<br />

Kosten auf Basis einer Kostenrechnung zu ermitteln. (TZ 40)<br />

(6) <strong>Der</strong> Verwaltungsgemeinkostenzuschlag wäre künftig auf Grundlage<br />

der eigenen Kostenrechnung festzulegen. (TZ 42)<br />

(7) Die Mängel in der Gebührenkalkulation wären zu korrigieren,<br />

um künftig über eine auch kostenrechnerisch fundierte Entscheidungsbasis<br />

für die Gebührenfestsetzung zu verfügen. (TZ 43)<br />

(8) Eine Nachkalkulation auf Basis von Istwerten sollte in die Entscheidungsfindung<br />

zur Gebührenfestsetzung eingebunden werden,<br />

um zu vermeiden, dass dem Gebührenzahler zu hohe Gebühren verrechnet<br />

werden. (TZ 44)<br />

(9) Die Valorisierungsbestimmungen für alle drei überprüften Gebührenhaushalte<br />

wären auszusetzen, bis eine den Anforderungen entsprechende<br />

Kostenkalkulation vorliegt. (TZ 46)<br />

Wien 2010/2 87


Schlussbemerkungen/<br />

Schlussempfehlungen<br />

WIEN ENERGIE GmbH<br />

Fernwärme Wien<br />

Gesellschaft m.b.H.<br />

und Stadt Wien<br />

– Wiener Wohnen<br />

Fernwärme Wien<br />

Gesellschaft m.b.H.<br />

Stadt Wien –<br />

Wiener Wohnen<br />

(10) Die Zweckmäßigkeit der WIEN ENERGIE GmbH als Zwischenholding<br />

innerhalb <strong>des</strong> Wiener Stadtwerke–Konzerns wäre zu überprüfen.<br />

(TZ 27)<br />

(11) Bei der WIEN ENERGIE GmbH sollten neben der Kostenerfassung<br />

auch eine durchgängige IT–unterstützte Durchführung der<br />

Umlagenverrechnung erfolgen und softwareunterstützte Kontrollmechanismen<br />

eingerichtet werden. (TZ 28)<br />

(12) <strong>Der</strong> Grundsatzvertrag aus dem Jahr 1997 sollte angepasst bzw.<br />

neu gefasst werden, um über eine entsprechende Grundlage für<br />

die Errichtung nachträglicher Fernwärmeanschlüsse zu verfügen.<br />

(TZ 47)<br />

(13) Für die Vorlieferung der Wärme zur Warmwassererwärmung<br />

sollte Wiener Wohnen entsprechende Vorlieferverträge mit der Fernwärme<br />

Wien Gesellschaft m.b.H. abschließen. (TZ 48)<br />

(14) Bei Objekten, bei denen Wiener Wohnen als direkter Wärmelieferant<br />

auftrat, wäre die Möglichkeit einer Direktversorgung durch<br />

die Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H. zu untersuchen. (TZ 51)<br />

(15) Bei den Einzellieferungsverträgen wären Überlegungen über<br />

ein energiesparenderes Tarifsystem anzustellen. (TZ 53)<br />

(16) Die Installation von Kleinwärmezählern sollte unter Bedachtnahme<br />

auf die höheren Kosten für die Mieten forciert werden. (TZ 54)<br />

(17) Die Entwicklung <strong>des</strong> Marktanteils der Fernwärme Wien Gesellschaft<br />

m.b.H. sollte in einer vergleichbaren Zeitreihe dargestellt werden.<br />

(TZ 58)<br />

(18) Für die Beauftragung von Hausverwaltungen zum Abschluss<br />

von Warmwasserlieferverträgen sollte Wiener Wohnen eindeutige<br />

rechtliche Grundlagen für die Vertragsabschlüsse mit den Mietern<br />

schaffen. (TZ 49)<br />

(19) Die mit der Wärmeverrechnung beauftragte Gesellschaft wäre<br />

auf die Einhaltung <strong>des</strong> Heizkostenabrechnungsgesetzes hinzuweisen.<br />

(TZ 55)<br />

88 Wien 2010/2


Kurzfassung<br />

Wirkungsbereich der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Wien<br />

In den Jahren 2006 bis 2008 bezogen mehr als 5 % der Wiener<br />

Wohnbevölkerung Allgemeine Sozialhilfe. Die Zahl der Bezieher<br />

stieg kontinuierlich um rd. 5 % pro Jahr an und betrug 2008 rd.<br />

93.550.<br />

Die Sozialhilfe der Stadt Wien war zum größten Teil in der Geschäftsgruppe<br />

Gesundheit und Soziales organisiert, wobei die Budgetkoordination<br />

nur unzureichend wahrgenommen wurde. Die Finanz– und<br />

die Leistungsplanung war erst im Aufbau begriffen. Ein Schnittstellenmanagement<br />

und ein durchgängiges Controlling fehlten.<br />

Prüfungsziel<br />

Ziel der Gebarungsüberprüfung war, die Organisation der Sozialhilfe<br />

in Wien darzustellen und zu beurteilen. (TZ 1)<br />

Rahmenbedingungen<br />

Im System der sozialen Sicherheit in Österreich bestanden mit der<br />

Sozialversicherung, der staatlichen Versorgung und der Sozialhilfe<br />

drei Grundformen zur Absicherung sozialer Risiken, wobei die Sozialhilfe<br />

Lan<strong>des</strong>sache war und subsidiär geleistet wurde. (TZ 2)<br />

In Wien bezogen zwischen 2006 und 2008 mehr als 5 % der Wohnbevölkerung<br />

Geldleistungen aus der Allgemeinen Sozialhilfe. Insgesamt<br />

waren dies im Jahr 2008 rd. 93.550 Personen, was einen<br />

Anstieg von rd. 5,6 % im Vergleich zum Jahr 2007 bedeutete.<br />

(TZ 14)<br />

Wien 2010/2 89


Kurzfassung<br />

Rechtsgrundlagen<br />

Im Unterschied zu anderen Lan<strong>des</strong>gesetzen enthielt das Wiener Sozialhilfegesetz<br />

keine Klarstellung, dass auf die Form der Gewährung<br />

der Sozialhilfe kein Rechtsanspruch bestand. Damit fehlte die Möglichkeit,<br />

auch ohne die Zustimmung der Hilfesuchenden zweckmäßige<br />

Vorsorgemaßnahmen zur Deckung vordringlicher Bedürfnisse<br />

zu treffen und einer zweckentfremdeten Verwendung der Sozialhilfeleistungen<br />

vorzubeugen. (TZ 3)<br />

Organisation<br />

Die Vollziehung der Sozialhilfe durch verschiedene Organisationseinheiten<br />

(bspw. MA 24, MA 40, Fonds Soziales Wien) mit einer<br />

Vielzahl von Akteuren auf unterschiedlichen Ebenen war insgesamt<br />

sehr komplex. Die Aufgabe der Budgetkoordination und das<br />

zentrale Finanzmanagement wurden noch unzureichend wahrgenommen,<br />

was eine sparsame und zweckmäßige Aufgabenerfüllung<br />

erschwerte. (TZ 4)<br />

Die Stadt Wien hatte die Bedeutung einer zentralen Budgetkoordination<br />

und eines strategischen Finanzmanagements für den Bereich<br />

Gesundheit und Soziales erkannt. Konzepte für ein verbessertes<br />

Schnittstellenmanagement und ein durchgängiges Controlling, das<br />

im Sinn eines Beteiligungscontrollings auch den Fonds Soziales Wien<br />

mit seinen operativen Dienstleistern umfassen sollte, fehlten. Dies<br />

erschwerte die Finanz– und Leistungsplanung. Zusätzlich bestand<br />

das Risiko eines unzweckmäßigen Ressourceneinsatzes. (TZ 5)<br />

Eine strukturierte Bedarfsplanung für den Pflegebereich lag vor. In<br />

den übrigen Bereichen der Sozialhilfe waren die Leistungsplanung,<br />

Bedarfsplanung sowie Strategie– und Kennzahlenentwicklung noch<br />

im Aufbau begriffen. (TZ 6)<br />

Sozialausgaben<br />

Die deutlichen Abweichungen von 7,5 % beim Fonds Soziales Wien<br />

bzw. 11,9 % bei der Allgemeinen Sozialhilfe zwischen den Voranschlags–<br />

und den Rechnungsabschlusswerten im Jahr 2007 wiesen<br />

auf eine unzureichende Finanz– und Leistungsplanung sowie auf<br />

unzureichende Entscheidungsgrundlagen über budgetwirksame Entwicklungen<br />

hin. (TZ 7)<br />

90 Wien 2010/2


Wien<br />

Kurzfassung Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Fonds Soziales Wien<br />

<strong>Der</strong> Fonds Soziales Wien setzte die Methode <strong>des</strong> Case–Managements<br />

ein, bei dem sowohl die Ressourcen <strong>des</strong> Hilfesuchenden als auch alle<br />

professionellen sozialen Einrichtungen und Dienstleistungen einbezogen<br />

werden. (TZ 8)<br />

Die vom Fonds Soziales Wien im Bereich Subjektförderungen gesetzten<br />

Maßnahmen und Kontrollen trugen dazu bei, Über– bzw. Fehlförderungen<br />

und den mit Rückforderungen von Förderungsmitteln<br />

verbundenen Verwaltungsaufwand zu vermeiden. Eine umgehende<br />

Rechnungskontrolle und Gegenverrechnung mit den anerkannten<br />

Einrichtungen unterstützte eine widmungsgemäße Mittelverwendung.<br />

(TZ 10)<br />

Im Bereich der Objektförderung kam es im Jahr 2007 zu zwölf<br />

Rückforderungen in Höhe von rd. 0,46 Mill. EUR, im Jahr 2008 zu<br />

13 Rückforderungen in Höhe von rd. 0,24 Mill. EUR. (TZ 10)<br />

Eine bereichsübergreifende Systematisierung der Kennzahlen und<br />

damit eine Vergleichbarkeit der Daten waren nicht gegeben. Auch<br />

fehlte eine standardisierte Evaluierung <strong>des</strong> <strong>Bericht</strong>swesens. (TZ 11)<br />

Magistratsabteilung 40 Soziales, Sozial– und Gesundheitsrecht<br />

Die MA 40 evaluierte die interne Aufgabenerledigung <strong>des</strong> Fachbereichs<br />

Sozialarbeit und Sozialhilfe. Die Zielerreichung insgesamt<br />

sowie auch die Wirksamkeit bzw. Zweckmäßigkeit und die Nachhaltigkeit<br />

der erbrachten Sozialhilfeleistungen hatte sie noch nicht<br />

untersucht. (TZ 13)<br />

Schuldnerberatung<br />

Als Indikatoren zur Darstellung der Zielerreichung zog die Schuldnerberatung<br />

überwiegend ihre Beratungsergebnisse, insbesondere<br />

erfolgreich abgeschlossene Schuldenregulierungsverfahren bzw.<br />

außergerichtliche Ausgleiche, heran. Laufend aktualisierte Daten<br />

betreffend die Auswirkungen der Schuldnerberatung auf die Arbeitsmarktchancen<br />

der Klienten lagen nicht vor. (TZ 18)<br />

Wien 2010/2 91


Kurzfassung<br />

Das Projekt „Betreutes Konto“ der Schuldnerberatung war im Entwicklungsstadium.<br />

Mit einem solchen Konto entfiele ein Hindernis<br />

bei der Reintegration von Personen in den Arbeitsmarkt. Die<br />

ökonomischen Effekte (Wohlfahrtseffekte) der Schuldnerberatung<br />

waren positiv. (TZ 18, 20)<br />

Die Schuldnerberatung war zweckmäßig organisiert. Rund 30 %<br />

der Klienten der Schuldnerberatung machten von der Möglichkeit<br />

Gebrauch, den Privatkonkurs mittels „Schulden online“ selbständig<br />

vorzubereiten. (TZ 19)<br />

Eine aussagekräftige mittelfristige Finanzplanung für die Schuldnerberatung<br />

lag nicht vor. (TZ 21)<br />

Delogierungsprävention<br />

Im Rahmen der Delogierungsprävention soll Personen geholfen werden,<br />

die akut vom Verlust ihrer Wohnung betroffen sind. Die Aufgaben<br />

der Delogierungsprävention nahmen in Wien die Fachstelle<br />

für Wohnungssicherung, die MA 11 sowie die MA 40 wahr. Konkrete<br />

Zielsetzungen und Strategien waren für den Bereich der Privat–<br />

und Genossenschaftswohnungen formuliert, fehlten aber für<br />

Gemeindewohnungen. (TZ 23, 24)<br />

Nach § 33a Mietrechtsgesetz war bei Einleitung eines Wohnungsräumungsverfahrens<br />

die Delogierungsprävention zu benachrichtigen.<br />

Es langten lediglich ca. 50 % der Verständigungen bei den an der<br />

Delogierungsprävention beteiligten Stellen in Wien ein. (TZ 25)<br />

Eine Evaluierung der Delogierungsprävention zeigte, dass bei<br />

einer erfolgreichen Prävention der durchschnittliche Aufwand nur<br />

22 Betreuungstage der Wohnungslosenhilfe ausmachte. (TZ 26, 27)<br />

Das <strong>Bericht</strong>swesen der Delogierungsprävention war verbesserungswürdig.<br />

(TZ 28)<br />

92 Wien 2010/2


Prüfungsablauf und<br />

–gegenstand<br />

Kenndaten der Stadt Wien für den Bereich Sozialhilfe<br />

Wien<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Gebarungsentwicklung <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien (Ansatz 4001) und der Allgemeinen Sozialhilfe<br />

der MA 40 (Ansatz 4110)<br />

2005 2006 2007<br />

in Mill. EUR<br />

2008 2009<br />

Einnahmen<br />

Fonds Soziales Wien (4001) 25,827 24,151 23,745 25,531 23,084<br />

MA 40 (4110) 15,500 15,339 19,173 15,370 16,167<br />

Ausgaben<br />

Fonds Soziales Wien (4001) 530,756 523,089 559,590 621,259 632,848<br />

MA 40 (4110) 234,633 252,563 277,376 320,369 338,627<br />

Quellen: Rechnungsabschlüsse 2005 bis 2008; Voranschlag 2009<br />

Leistungsbezieher der<br />

Allgemeinen Sozialhilfe<br />

der MA 40<br />

Quelle: Leistungsberichte der MA 40<br />

2005 2006 2007<br />

Anzahl<br />

2008 2009<br />

78.855 83.523 88.629 93.547 100.031<br />

1 <strong>Der</strong> RH überprüfte von Oktober bis Dezember 2008 die Gebarung der<br />

Stadt Wien hinsichtlich der Organisation der Sozialhilfe innerhalb der<br />

Geschäftsgruppe Gesundheit und Soziales <strong>des</strong> Magistrats der Stadt<br />

Wien. <strong>Der</strong> Prüfungszeitraum umfasste die Jahre 2005 bis 2008.<br />

Ziel war eine Darstellung und — am Beispiel ausgewählter Bereiche<br />

der Allgemeinen Sozialhilfe und der Sozialen Dienste — eine Beurteilung<br />

der<br />

– rechtlichen Grundlagen,<br />

– Organisationsstrukturen,<br />

– Ausgabenentwicklung und Finanzierungsströme,<br />

– Wohlfahrtseffekte der Schuldnerberatung und<br />

– der Delogierungsprävention.<br />

Wien 2010/2 93


Allgemeines<br />

Rahmenbedingungen<br />

Zu dem im September 2009 übermittelten Prüfungsergebnis gab der<br />

Wiener Stadtsenat im Dezember 2009 seine Stellungnahme ab. <strong>Der</strong> RH<br />

erstattete seine Gegenäußerung im März 2010.<br />

2 Im System der sozialen Sicherheit in Österreich bestanden mit der<br />

Sozialversicherung, der staatlichen Versorgung und der Sozialhilfe<br />

drei Grundformen zur Absicherung sozialer Risiken.<br />

Die Angelegenheiten der Sozialhilfe waren Lan<strong>des</strong>sache und daher<br />

jeweils in Lan<strong>des</strong>gesetzen geregelt. Für die Stadt Wien regelte das Wiener<br />

Sozialhilfegesetz, LGBl. 11/1973 i.d.g.F., die Angelegenheiten der<br />

Sozialhilfe, wie bspw. finanzielle Hilfe, Pflege und Betreuung sowie<br />

Wohnungslosenhilfe. Weitere wesentliche Rechtsgrundlagen zu vorsorge–<br />

und bedarfsorientierten Sozialleistungen enthielten das Wiener<br />

Behindertengesetz, LGBl. 16/1986 i.d.g.F., das Wiener Pflegegeldgesetz,<br />

LGBl. 42/1993 i.d.g.F., das Wiener Grundversorgungsgesetz,<br />

LGBl. 46/2004 i.d.g.F., und das Wiener Jugendwohlfahrtsgesetz 1990,<br />

LGBl. 36/1990 i.d.g.F.<br />

Die Sozialhilfeleistungen umfassten dabei in allen Ländern Hilfe zur<br />

Sicherung <strong>des</strong> Lebensbedarfs, Hilfe in besonderen Lebenslagen sowie<br />

Soziale Dienste; sie erfolgten in Form von Geldleistungen, Sachleistungen<br />

und persönlicher Hilfe bzw. Dienstleistungen.<br />

Aus dem System der sozialen Sicherheit in Österreich ergaben sich folgende<br />

generelle Prinzipien für die Zuerkennung der Sozialhilfe:<br />

– das Subsidiaritätsprinzip (Nachrangigkeit), wonach der Anspruch<br />

auf Sozialhilfe nur bestand, wenn eine Notlage nicht anders abgewendet<br />

oder beseitigt werden konnte;<br />

– das Selbsthilfeprinzip, wonach die Sozialhilfe als vorübergehende<br />

Hilfe geleistet wurde und den einzelnen Betroffenen zur Selbsthilfe<br />

befähigen sollte;<br />

– das Individualitätsprinzip, wonach sich Art, Umfang und Dauer der<br />

Sozialhilfe nach den Besonderheiten <strong>des</strong> Einzelfalls zu richten hatten<br />

und die Lebenssituation <strong>des</strong> Hilfesuchenden zu erfassen sowie<br />

zu überprüfen war;<br />

94 Wien 2010/2


Wien<br />

Allgemeines Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Rechtliche Grundlagen<br />

der Sozialhilfe<br />

– das Bedarfsdeckungsprinzip, wonach bei der konkreten Bemessung<br />

von Sozialhilfeleistungen objektive Bedarfskriterien anzuwenden<br />

waren, um eine transparente und sachgerechte Aufteilung der Sozialhilfegelder<br />

sicherzustellen.<br />

Für die verschiedenen Bereiche der Sozialhilfe (Allgemeine Sozialhilfe,<br />

Pflege und Betreuung, Jugendwohlfahrt, Behindertenhilfe) bestanden<br />

unterschiedliche Zuständigkeiten und Rechtsgrundlagen.<br />

3.1 Entsprechend dem Wiener Sozialhilfegesetz hatte die Sozialhilfe jenen<br />

Menschen die Führung eines menschenwürdigen Lebens zu ermöglichen,<br />

die dazu der Hilfe der Gemeinschaft bedürfen.<br />

Im Wesentlichen umfasste die Sozialhilfe:<br />

– Hilfe zur Sicherung <strong>des</strong> Lebensbedarfs, die in Form von Geldleistungen,<br />

Sachleistungen oder persönlicher Hilfe beansprucht werden<br />

kann. Im Unterschied zu anderen Bun<strong>des</strong>ländern fehlte im Wiener<br />

Sozialhilfegesetz eine Klarstellung, dass auf die Form der Gewährung<br />

der Sozialhilfe kein Rechtsanspruch bestand.<br />

– Hilfe zur Bewältigung besonderer Lebenslagen in Form von Geldleistungen,<br />

Sachleistungen oder persönlicher Hilfe.<br />

– Soziale Dienste in Form von Leistungen zur Befriedigung gleichartiger,<br />

regelmäßig auftretender, persönlicher, familiärer oder sozialer<br />

Bedürfnisse von Hilfesuchenden. Diese wurden vom Fonds Soziales<br />

Wien erbracht bzw. organisiert.<br />

Zur Zeit der Gebarungsüberprüfung waren die rechtlichen Grundlagen<br />

für eine voll automatisierte Durchführung umfangreicher Abfrageroutinen<br />

im Sozialhilfevollzug, wie etwa zum Zentralen Melderegister,<br />

zum Verkehrsamt oder zum Hauptverband der Sozialversicherungsträger<br />

noch nicht ausreichend für raschere und effizientere Erledigungen<br />

abgesichert.<br />

3.2 Die im Zuge der Gebarungsüberprüfung vom RH empfohlene Automatisierung<br />

der notwendigen Abfrageroutinen wurde mit der Novelle<br />

zum Wiener Sozialhilfegesetz, LGBl. Nr. 3/2009 vom 16. Jänner 2009,<br />

rechtlich abgesichert. Dadurch waren raschere und effizientere Erledigungen<br />

möglich.<br />

Wien 2010/2 95


Allgemeines<br />

Organisation der<br />

Sozialhilfe durch die<br />

Stadt Wien<br />

<strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass im Unterschied zu anderen Bun<strong>des</strong>ländern<br />

im Wiener Sozialhilfegesetz eine Klarstellung fehlte, dass auf die<br />

Form der Gewährung der Sozialhilfe kein Rechtsanspruch bestand.<br />

Diese Klarstellung wäre eine zweckmäßige Vorsorgemaßnahme für<br />

den Fall, dass der Hilfesuchende eine ihm gewährte Hilfe nicht zur<br />

Sicherung der dringendsten Lebensbedürfnisse (z.B. Wohnung, Heizung)<br />

verwendete.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl, auf eine Klarstellung im Wiener Sozialhilfegesetz<br />

hinzuwirken, dass auf die Form der Gewährung der Sozialhilfe kein<br />

Rechtsanspruch besteht.<br />

3.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats liege das Wesen der Sozialhilfe<br />

im Selbsthilfeprinzip, wonach die Sozialhilfe als bloß vorübergehende<br />

Hilfe verstanden werde und die einzelnen Betroffenen zur<br />

Selbsthilfe befähigen solle.<br />

Die mit Abstand größte Gruppe der Sozialhilfebezieher sei jene der<br />

Richtsatzergänzungsbezieher (= Sozialhilfe als Ergänzungsleistung zu<br />

eigenem Einkommen). Bei dieser Zielgruppe könne, selbst wenn die<br />

gesamte Sozialhilfeleistung etwa für Miete oder Energiekosten überwiesen<br />

werde, in den meisten Fällen nicht gewährleistet werden, dass diese<br />

Kosten zur Gänze durch die Sozialhilfe abgedeckt wären. Die zuständige<br />

Fachabteilung bereite derzeit im Rahmen der Bedarfsorientierten<br />

Min<strong>des</strong>tsicherung eine Novellierung <strong>des</strong> Wiener Sozialhilfegesetzes vor,<br />

die ausdrücklich normiert, dass bei nicht zweckentsprechender Verwendung<br />

der Mittel diese nicht an die Hilfesuchenden selbst, sondern<br />

an Dritte auszuzahlen wären.<br />

4.1 Die Sozialhilfe der Stadt Wien wurde zum größten Teil durch die<br />

Geschäftsgruppe Gesundheit und Soziales organisiert. Im Rahmen dieser<br />

Geschäftsgruppe agierten die Bereichsleitung für Finanzmanagement,<br />

Budgetkoordination, die MA 24 Gesundheits– und Sozialplanung,<br />

die MA 40 Soziales, Sozial– und Gesundheitsrecht sowie der<br />

Fonds Soziales Wien mit einer Vielzahl an operativen Dienstleistern<br />

und Einrichtungen.<br />

Die MA 24, Gesundheits– und Sozialplanung, war die zentrale Stelle<br />

für die strategischen Vorsorgeplanungen, die Dokumentation und Koordination<br />

der medizinischen sowie sozialen Fachthemen und Leistungen.<br />

Zu den wichtigsten Aufgaben dieses noch im Aufbau befindlichen<br />

Bereichs zählten: Strategie– und Kennzahlenentwicklung, kontinuierliche<br />

Sozialberichterstattung, Bedarfsplanungen, Koordination und<br />

96 Wien 2010/2


Wien<br />

Allgemeines Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Vernetzung der unterschiedlichen Akteure im Sozialwesen und Aufbau<br />

von kooperativen Strukturen.<br />

Die MA 40, Soziales, Sozial– und Gesundheitsrecht, war hauptverantwortlich<br />

für die Abwicklung der Sozialhilfe im engeren Sinn (Allgemeine<br />

Sozialhilfe), wobei sie finanzielle Leistungen selbst erbrachte<br />

und individuelle Beratung sowie Hilfe anbot.<br />

<strong>Der</strong> Fonds Soziales Wien förderte soziale Einrichtungen und bedürftige<br />

Personen. Er koordinierte als Träger der Sozialen Dienste die<br />

Arbeit von über 300 Sozialeinrichtungen und Partnerorganisationen<br />

(so genannte „anerkannte Einrichtungen“); er erbrachte mit seinen<br />

operativen Dienstleistern<br />

– Schuldnerberatung Wien – gemeinnützige GmbH,<br />

– FSW – Wiener Pflege– und Betreuungsdienste GmbH,<br />

– acht Tageszentren für Seniorinnen und Senioren,<br />

– Mobile Hauskrankenpflege,<br />

– „wieder wohnen“ — Betreute Unterkünfte für wohnungslose Menschen<br />

gemeinnützige GmbH und<br />

– FSW–LGM GmbH<br />

auch selbst Sozialhilfeleistungen in den Bereichen Schuldnerberatung,<br />

Pflege und Betreuung, Behinderung, Betreutes Wohnen und Gesundheitsförderung.<br />

Innerhalb der Geschäftsgruppe erbrachten somit mehrere Akteure Sozialhilfeleistungen.<br />

Zudem bestanden auch zahlreiche Schnittstellen zu<br />

anderen Beteiligten am Sozial– und Gesundheitssystem außerhalb der<br />

Geschäftsgruppe bzw. <strong>des</strong> Magistrats der Stadt Wien, bspw. zur Jugendwohlfahrt<br />

oder zum Arbeitsmarktservice.<br />

4.2 Die Vollziehung der Sozialhilfe durch verschiedene Organisationseinheiten<br />

(bspw. MA 24, MA 40, Fonds Soziales Wien) mit einer Vielzahl<br />

von Akteuren auf unterschiedlichen Ebenen war insgesamt sehr komplex.<br />

Damit bestand ein Risikopotenzial für die Planung und Steuerung.<br />

Die Aufgaben der Budgetkoordination und das zentrale Finanzmanagement<br />

wurden in der Geschäftsgruppe Gesundheit und Soziales<br />

noch unzureichend wahrgenommen, was eine sparsame und zweckmäßige<br />

Aufgabenerfüllung erschwerte.<br />

Wien 2010/2 97


Allgemeines<br />

Finanz– und Leistungsplanung in der Sozialhilfe<br />

Finanzplanung<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl, die Aufgaben der Budgetkoordination, das zentrale<br />

Finanzmanagement sowie die Sozialplanung interdisziplinär auszurichten<br />

und stärker wahrzunehmen. Dabei hätte die MA 24 Strategien,<br />

Kennzahlen und eine kontinuierliche Sozialberichterstattung zu entwickeln,<br />

Bedarfsplanungen zu erstellen und kooperative Strukturen aufzubauen.<br />

Es wären auch längerfristige Finanzierungspläne zu erarbeiten.<br />

Grundsätzlich sollte die Vollziehung der Sozialhilfe auf möglichst<br />

wenige Organisationseinheiten konzentriert werden, um das Risikopotenzial<br />

zu vermindern.<br />

4.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats befinde sich eine Änderung<br />

der organisatorischen Abläufe hinsichtlich der Aufgaben der Budgetkoordination<br />

und <strong>des</strong> zentralen Finanzmanagements in Planung. Sie<br />

werde in den nächsten Monaten schrittweise umgesetzt.<br />

Da die entsprechenden Kennzahlen, <strong>Bericht</strong>e, Bedarfsplanungen u.a.m.<br />

zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht zur Gänze vorlägen, arbeite die<br />

Stadt Wien an der Vervollständigung eines entsprechenden Systems.<br />

5.1 Die Finanzplanung für den Bereich der Sozialhilfe oblag der im Jänner<br />

2006 bestellten Bereichsleitung für Gesundheits– und Sozialplanung<br />

sowie Finanzmanagement in der Geschäftsgruppe Gesundheit<br />

und Soziales.<br />

Im März 2007 entschied die Stadträtin für Gesundheit und Soziales,<br />

dass sich die Bereichsleiterin und Leiterin der MA 24 künftig ausschließlich<br />

dem strategischen Finanzmanagement im Gesundheits–<br />

und Sozialwesen sowie der Umsetzung der damit verbundenen Projekte<br />

widmen solle.<br />

Damit sollte die Bedeutung einer zentralen Budgetkoordination und<br />

<strong>des</strong> strategischen Finanzmanagements hervorgehoben, das Schnittstellenmanagement<br />

verbessert sowie ein durchgängiges Controlling<br />

und eine klare Koordinationskompetenz in Finanzfragen eingerichtet<br />

werden.<br />

Im Prüfungszeitraum nahm die Bereichsleitung und Budgetkoordination<br />

die Angelegenheiten <strong>des</strong> strategischen Finanzmanagements jedoch<br />

noch unzureichend wahr. Es lagen auch keine Konzepte für ein verbessertes<br />

Schnittstellenmanagement und ein durchgängiges Controlling<br />

vor. Zudem waren ausgegliederte Einrichtungen nicht in die Budgetkoordination<br />

einbezogen.<br />

98 Wien 2010/2


Finanz– und Leistungsplanung<br />

in der Sozialhilfe<br />

Wien<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

5.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass die Stadt Wien im Prüfungszeitraum die<br />

Bedeutung einer zentralen Budgetkoordination und eines strategischen<br />

Finanzmanagements für den Bereich Gesundheit und Soziales<br />

erkannt hatte; ausreichende Umsetzungsschritte unterblieben jedoch.<br />

Dies erschwerte die Finanz– und Leistungsplanung. Zusätzlich bestand<br />

nach Ansicht <strong>des</strong> RH das Risiko eines unzweckmäßigen Ressourceneinsatzes.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl, in die Budgetkoordination und das Finanzmanagement<br />

der Geschäftsgruppe auch ausgegliederte Einrichtungen wie den<br />

Fonds Soziales Wien mit seinen operativen Dienstleistern einzubeziehen.<br />

Im Hinblick auf den Fonds Soziales Wien mit seinen operativen<br />

Dienstleistern wäre ein Beteiligungscontrolling mit einem standardisierten<br />

<strong>Bericht</strong>swesen erforderlich.<br />

Außerdem wären Konzepte für die Koordination der verschiedenen<br />

Akteure im Sozialhilfebereich und für ein verbessertes Schnittstellenmanagement<br />

zu erstellen. Weiters wäre ein durchgängiges Controlling<br />

einzurichten, das im Sinn eines Beteiligungscontrollings auch ausgegliederte<br />

Einrichtungen einbezieht. Damit wäre ein organisatorischer<br />

Rahmen gegeben, um laufend auftretende Fragestellungen zur Verbuchungspraxis,<br />

zur bilanziellen Darstellung oder Liquiditätssteuerung<br />

rasch, sachgerecht und einheitlich behandeln zu können.<br />

5.3 Nach Ansicht <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats solle das vom RH empfohlene<br />

Beteiligungscontrolling für den Fonds Soziales Wien von der ansatzführenden<br />

Dienststelle durchgeführt werden, um ein effizientes und<br />

effektives Informationsmanagement zu gewährleisten. Dies gelte insbesondere<br />

dann, wenn diese Dienststelle auch die führenden Vertreter<br />

der Stadt Wien in den Organen <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien stelle.<br />

Die MA 40 habe in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit der Budgetkoordination<br />

Aufbauarbeiten für ein Beteiligungscontrolling durchgeführt.<br />

Ab 1. Jänner 2010 werde der Haushaltsansatz <strong>des</strong> Fonds Soziales<br />

Wien durch die Bereichsleitung für Finanzmanagement geführt.<br />

Darüber hinaus sei beabsichtigt, den Vorsitz im Präsidium <strong>des</strong> Fonds<br />

Soziales Wien in die Bereichsleitung für Finanzmanagement zu transferieren.<br />

Weiters würden organisatorische Änderungen innerhalb der Gremien<br />

<strong>des</strong> Fonds Soziales Wien vorgenommen werden, um die Zusammenarbeit<br />

zwischen ihm und der Stadt Wien weiter zu verbessern.<br />

Wien 2010/2 99


Finanz– und Leistungsplanung<br />

in der Sozialhilfe<br />

Leistungsplanung<br />

Zu der Empfehlung betreffend das fehlende Schnittstellenmanagement<br />

wurde seitens <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats festgehalten, dass die Stadt<br />

Wien bereits im Rahmen eines Organisationsentwicklungsprozesses<br />

Vorschläge für eine verbesserte Regelung der Zusammenarbeit und der<br />

Verantwortlichkeiten auf den verschiedenen organisatorischen Ebenen<br />

der Geschäftsgruppe Gesundheit und Soziales ausgearbeitet habe.<br />

6.1 Die Leistungsplanung oblag der MA 24 Gesundheits– und Sozialplanung.<br />

Sie erhielt im Herbst 2007 den Auftrag für eine strukturierte<br />

Bedarfsplanung im Pflegebereich.<br />

Die Planung erfolgte unter Beiziehung der bzw. in Abstimmung mit<br />

den Fachabteilungen und der Bereichsleitung für Finanzmanagement<br />

sowie dem Büro der Geschäftsgruppe Gesundheit und Soziales. Die<br />

MA 24 verstand den Prozess der Pflegeplanung nicht als abgeschlossenen<br />

und statischen Prozess, sondern als revolvierende Planung. Sie<br />

sah daher auch eine Aktualisierung, Überprüfung und Weiterentwicklung<br />

der Planung vor. Zudem plante sie die Entwicklung einer zentralen<br />

Pflege–Datenbank.<br />

In den übrigen Bereichen der Sozialhilfe waren die Leistungsplanung<br />

sowie Strategie– und Kennzahlenentwicklung, Bedarfsplanungen, kontinuierliche<br />

Sozialberichterstattung, Koordination und Vernetzung der<br />

unterschiedlichen Akteure im Sozialwesen und kooperative Strukturen<br />

noch im Aufbau begriffen.<br />

6.2 <strong>Der</strong> RH empfahl, auch die Leistungsplanung interdisziplinär auszurichten.<br />

Die MA 24 hätte — entsprechend ihrer Aufgabenstellung —<br />

auch für die übrigen Bereiche der Sozialhilfe entsprechende Bedarfsplanungen<br />

auszuarbeiten.<br />

6.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats sei die Planung im Bereich<br />

der Pflege und Betreuung aufgrund der hohen Kosten, der demografischen<br />

Entwicklung und der damit verbundenen zusätzlichen Bedarfe<br />

und Kosten prioritär. Die Planungsabläufe dienten als Grundlage für<br />

die Planungen in anderen Bereichen.<br />

Die Planungen der Bereiche „Offene Sozialhilfe“ und „Behindertenhilfe“<br />

seien aufgrund sich verändernder rechtlicher Rahmenbedingungen<br />

(Bedarfsorientierte Min<strong>des</strong>tsicherung und Wiener Chancengleichheitsgesetz)<br />

zurückgestellt worden bzw. konzentrierten sich auf die Auswirkungen<br />

aus der Einführung der neuen Leistungen.<br />

100 Wien 2010/2


Finanz– und Leistungsplanung<br />

in der Sozialhilfe<br />

Sozialausgaben der<br />

Stadt Wien<br />

Wien<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Die Vorarbeiten für eine strukturierte Bedarfsplanung im Bereich der<br />

Sozialhilfe seien im Gange. Eine Bedarfsplanung analog zur Pflegeplanung<br />

wäre jedoch aufgrund der vielschichtigeren Einflussfaktoren<br />

(bspw. wirtschaftliche Lage, Arbeitslosigkeit, Arbeitsmarkt– und Einkommensentwicklung)<br />

nur für einen kurz– bis mittelfristigen Zeitraum<br />

möglich.<br />

6.4 <strong>Der</strong> RH erachtete es für zweckmäßig, die Planungen für die Bereiche<br />

„Offene Sozialhilfe“ und „Behindertenhilfe“ nicht zu vernachlässigen.<br />

Die Bedarfsplanungen wären zumin<strong>des</strong>t für einen kurz– bis mittelfristigen<br />

Zeitraum zu konzipieren.<br />

7.1 Die Sozialhilfe wurde in der Haushaltsgruppe 4 — Soziale Wohlfahrt<br />

und Wohnbauförderung — <strong>des</strong> Rechnungsabschlusses der Stadt Wien<br />

verrechnet.<br />

Die MA 40 war innerhalb dieser Haushaltsgruppe die ansatzführende<br />

Dienststelle für die Haushaltsstellen 4001/Fonds Soziales Wien und<br />

4110/Allgemeine Sozialhilfe.<br />

Die Ausgaben und Einnahmen der erwähnten Haushaltsstellen 4001<br />

und 4110 zeigten folgende Entwicklung (in Mill. EUR):<br />

Wien 2010/2 101


Sozialausgaben der Stadt Wien<br />

Einnahmen Ausgaben Differenz Einnahmen – Ausgaben<br />

Summe Fonds<br />

Soziales Wien<br />

und Sozialhilfe<br />

Sozialhilfe<br />

(4110)<br />

Fonds<br />

Soziales<br />

Wien (4001)<br />

Summe Fonds<br />

Soziales Wien<br />

und Sozialhilfe<br />

Sozialhilfe<br />

(4110)<br />

Fonds<br />

Soziales<br />

Wien (4001)<br />

Summe Fonds<br />

Soziales Wien<br />

und Sozialhilfe<br />

Sozialhilfe<br />

(4110)<br />

Fonds<br />

Soziales<br />

Wien (4001)<br />

Voranschlag 2005 27,300 5,294 32,594 528,571 228,971 757,542 – 501,271 – 223,677 – 724,948<br />

Rechnungsabschluss<br />

2005 25,827 15,500 41,327 530,756 234,633 765,389 – 504,929 – 219,133 – 724,062<br />

Tabelle 1<br />

Rechnungsabschluss<br />

zu Voranschlag in % – 5,40 192,78 26,79 0,41 2,47 1,04 0,73 – 2,03 – 0,12<br />

Voranschlag 2006 23,913 11,101 35,014 534,783 237,627 772,410 – 510,870 – 226,526 – 737,396<br />

Rechnungsabschluss<br />

2006 24,151 15,339 39,490 523,089 252,563 775,652 – 498,938 – 237,224 – 736,162<br />

Rechnungsabschluss<br />

zu Voranschlag in % 1,00 38,18 12,78 – 2,19 6,29 0,42 – 2,34 4,72 – 0,17<br />

Rechnungsabschluss<br />

zum Vorjahr in % – 6,49 – 1,04 – 4,45 – 1,44 7,64 1,34 – 1,19 8,26 1,67<br />

Voranschlag 2007 24,807 11,101 35,908 520,547 247,847 768,394 – 495,740 – 236,746 – 732,486<br />

Rechnungsabschluss<br />

2007 23,745 19,173 42,918 559,590 277,376 836,966 – 535,845 – 258,203 – 794,048<br />

Rechnungsabschluss<br />

zu Voranschlag in % – 4,28 72,71 19,52 7,50 11,91 8,92 8,09 9,06 8,40<br />

Rechnungsabschluss<br />

zum Vorjahr in % – 1,68 25,00 8,68 6,98 9,82 7,90 7,40 8,84 7,86<br />

Voranschlag 2008 24,537 15,370 39,907 556,726 279,831 836,557 – 532,189 – 264,461 – 796,650<br />

Rechnungsabschluss<br />

2008 23,531 20,415 43,946 621,259 320,369 941,628 – 597,728 – 299,954 – 897,682<br />

Rechnungsabschluss<br />

zu Voranschlag in % – 4,10 32,82 10,12 11,59 14,49 12,56 12,31 13,42 12,68<br />

Rechnungsabschluss<br />

zum Vorjahr in % – 0,90 6,48 2,40 11,02 15,50 12,50 11,55 16,17 13,05<br />

Voranschlag 2009 23,084 16,167 39,251 632,848 338,627 971,475 – 609,764 – 322,460 – 932,224<br />

Voranschlag 2010 22,387 17,485 39,872 671,943 365,577 1.037,520 – 649,556 – 348,092 – 997,648<br />

102 Wien 2010/2


Wien<br />

Sozialausgaben der Stadt Wien Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Die Summe der Nettoausgaben für Sozialhilfe <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien<br />

und der MA 40 erhöhte sich in den Jahren 2005 bis 2008 (lt. Rechnungsabschluss)<br />

von rd. 765 Mill. EUR auf rd. 942 Mill. EUR, somit<br />

um 177 Mill. EUR. Das entsprach einer Steigerung von rd. 23 %.<br />

Im Vergleich dazu betrugen laut den Daten der Statistik Austria („Sozialhilfe,<br />

Behindertenhilfe und Pflegegeld der Bun<strong>des</strong>länder im Jahr 2006<br />

und in der Entwicklung seit 1996“, Statistische Nachrichten 7/2008) die<br />

durchschnittlichen jährlichen Steigerungsraten bei den Nettoausgaben<br />

im Bereich der Sozialhilfe bei den Ländern ohne Wien für die Zeiträume<br />

1996 bis 2006 rd. 7,1 % bzw. von 2001 bis 2006 rd. 7,7 %.<br />

Im Jahr 2007 waren bei den Ausgaben <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien und<br />

der Allgemeinen Sozialhilfe mit rd. 7,5 % bzw. 11,9 % besonders deutliche<br />

Abweichungen zwischen den Voranschlags– und den Rechnungsabschlusswerten<br />

festzustellen. Dadurch erreichte diese Differenz auch<br />

bei den Nettoausgaben (Ausgaben minus Einnahmen) Spannen von<br />

rd. 8,1 % (Fonds Soziales Wien) bzw. 9,1 % (Allgemeine Sozialhilfe).<br />

Wegen der jeweils gegebenen Überschreitungen der Voranschlagszahlen<br />

waren im Jänner 2009 auch für das Haushaltsjahr 2008 maßgebliche<br />

Nachdotationen der betroffenen Haushaltsstellen erforderlich.<br />

Diese betrugen bei der Haushaltsstelle <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien (4110)<br />

36,3 Mill. EUR (das sind ca. 13 % <strong>des</strong> Voranschlags–Werts) und bei<br />

der Haushaltsstelle der Allgemeinen Sozialhilfe (4001) 29,6 Mill. EUR<br />

(das sind rd. 5,3 % <strong>des</strong> Voranschlags–Werts).<br />

7.2 <strong>Der</strong> RH hielt fest, dass die Steigerung der Nettoausgaben für den Fonds<br />

Soziales Wien und die Allgemeine Sozialhilfe von 2005 auf 2006 insgesamt<br />

rd. 1,7 % unter dem von der Statistik Austria auf Länderebene<br />

erhobenen Durchschnittswert lag. Im Jahr 2007 entsprach diese Steigerung<br />

mit rd. 7,9 % dem österreichweiten Durchschnitt. Die Sozialhilfestatistik<br />

vom 12. Juni 2009 wies eine österreichweite Steigerungsrate<br />

von 5,9 % und für Wien eine Steigerung von 8,5 % aus.<br />

Die deutlichen Abweichungen von 7,5 % bzw. 11,9 % zwischen den<br />

Voranschlags– und den Rechnungabschlusswerten für die Ausgaben<br />

<strong>des</strong> Fonds Soziales Wien und der Allgemeinen Sozialhilfe im Jahr<br />

2007 wiesen auf eine unzureichende Finanz– und Leistungsplanung<br />

sowie auf unzureichende Entscheidungsgrundlagen über budgetwirksame<br />

Entwicklungen hin. Eine grundsätzliche Unterdotierung zur Vermeidung<br />

von angebotsinduzierten Ausgaben stellte nach Ansicht <strong>des</strong><br />

RH keine ausreichende Finanz– und Leistungsplanung dar. Sie ergibt<br />

dann ein budgetäres Risiko, wenn wesentliche gebarungsrelevante Entwicklungen<br />

wie bei Einkommen, Pensionen, Beschäftigung und Bevöl-<br />

Wien 2010/2 103


Sozialausgaben der Stadt Wien<br />

kerung nicht berücksichtigt werden und dadurch im Haushalt nicht<br />

budgetär vorgesorgt werden kann.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl, die Budgetierung bzw. die Dotation der genannten<br />

Haushaltsstellen auf umfassendere Entscheidungsgrundlagen zu stützen.<br />

Für die finanziellen Auswirkungen von gebarungsrelevanten Entwicklungen<br />

etwa bei Einkommen, Pensionen, Beschäftigung, Bevölkerung<br />

oder Kosten auf den Haushalt sollte budgetär vorgesorgt werden.<br />

Um die Finanz– und Leistungsplanung zu verbessern, sollten die Plandaten<br />

<strong>des</strong> Fonds Soziales Wien und der MA 24 als Grundlage einer<br />

mehrjährigen Finanzvorschau für den Fonds Soziales Wien zusammengeführt<br />

und rollierend aktualisiert werden.<br />

7.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat teilte in seiner Stellungnahme mit, dass gerade<br />

im Bereich der Sozialhilfe in den letzten Jahren überdurchschnittliche<br />

Kostensteigerungen erfolgt seien. Diese seien nur sehr schwer<br />

mit den Vorgaben und Möglichkeiten der Finanzverwaltung, welche<br />

die für das kommende Jahr prognostizierte budgetäre Lage der Stadt<br />

Wien zum Zeitpunkt der Erstellung <strong>des</strong> Voranschlags widerspiegeln,<br />

in Einklang zu bringen. Ergeben sich im Budgetvollzug <strong>des</strong> laufenden<br />

Jahres in anderen Bereichen Minderausgaben, Mehreinnahmen bzw.<br />

Einsparungspotenziale, fänden diese prioritär für die Sozialhilfe Verwendung.<br />

<strong>Der</strong> Fonds Soziales Wien werde weiterhin großes Augenmerk auf die<br />

Erstellung aussagekräftiger Plandaten legen, die auch der Geschäftsgruppe<br />

als Grundlage zur Verfügung stehen werden.<br />

7.4 <strong>Der</strong> RH verwies auf die Abweichungen zwischen Voranschlägen und<br />

Rechnungsabschlüssen; er verblieb bei seiner Empfehlung, die Budgetierung<br />

bzw. Dotation der betroffenen Haushaltsstellen auf bessere<br />

Entscheidungsgrundlagen zu stützen.<br />

104 Wien 2010/2


Sozialhilfeleistungen <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien<br />

Ziele, Strategien und<br />

Zielerreichung <strong>des</strong><br />

Fonds Soziales Wien<br />

Wien<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

8.1 Die wesentlichen Zielsetzungen <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien lauteten:<br />

– Unterstützung für bedürftige Menschen in den sozialen Grundbedürfnissen<br />

Wohnen und Arbeit;<br />

– medizinische, psychische und soziale Beratung, Behandlung und<br />

Betreuung sowie Pflege von bedürftigen Menschen;<br />

– eine quantitativ ausreichende und qualitativ verbesserte Versorgung<br />

älterer Menschen für die künftige Entwicklung der Sozial–<br />

und Gesundheitsdienste.<br />

Zur Zielerreichung setzte der Fonds Soziales Wien insbesondere folgende<br />

Maßnahmen:<br />

– Planung <strong>des</strong> Bedarfs an Angeboten und Leistungen, Erstellung von<br />

Leitlinien und Qualitätskriterien zur Durchführung der Maßnahmen;<br />

– Förderung und Koordination von Organisationen, Einrichtungen<br />

und Projekten;<br />

– Förderung und Koordination von Maßnahmen von und für Einzelpersonen.<br />

Weiters setzte der Fonds die Methode <strong>des</strong> Case–Managements ein,<br />

bei dem sowohl die Ressourcen <strong>des</strong> Hilfesuchenden als auch alle professionellen<br />

sozialen Einrichtungen und Dienstleistungen einbezogen<br />

werden.<br />

<strong>Der</strong> Fonds Soziales Wien evaluierte die Maßnahmen in Form von Verlaufskontrollen.<br />

Waren die Leistungen quantitativ und qualitativ nicht<br />

bedarfsgerecht, erfolgte im Einvernehmen zwischen dem Fonds und<br />

dem Klienten eine Anpassung der Leistungen und Maßnahmen an den<br />

geänderten Bedarf.<br />

8.2 <strong>Der</strong> Fonds Soziales Wien war — neben der MA 40 — grundsätzlich eine<br />

geeignete Organisation zur Erfüllung <strong>des</strong> sozialen Hilfe– und Betreuungsauftrags<br />

der Stadt Wien. Damit das Case–Management längerfristig<br />

zur Entlastung im Sozialhilfebereich führen kann, empfahl der RH,<br />

den Versorgungsbedarf der Klienten unter Berücksichtigung ihrer Ressourcen<br />

quer über sämtliche Sozialhilfeleistungen zu planen, erbringen<br />

und überwachen.<br />

Wien 2010/2 105


Sozialhilfeleistungen <strong>des</strong><br />

Fonds Soziales Wien<br />

Ablauforganisation<br />

am Beispiel ambulanter<br />

Dienste<br />

8.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat teilte mit, dass die Methode <strong>des</strong> Case–Managements<br />

im Fonds Soziales Wien weiter ausgebaut werde. Dies solle im<br />

Sinne der Empfehlung <strong>des</strong> RH zu noch differenzierteren Bedarfsanalysen<br />

führen und die soziale Treffsicherheit weiter erhöhen.<br />

9 <strong>Der</strong> Fonds Soziales Wien informierte Interessenten in den Zentralstellen<br />

in Wien 3, Guglgasse, sowie in den acht regionalen Wiener Beratungszentren<br />

„Pflege und Betreuung zu Hause“ über Angebote ambulanter<br />

Dienste und finanzielle Förderungen.<br />

Eine interne Richtlinie <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien regelte detailliert die<br />

Subjektförderung in der ambulanten Pflege und Betreuung.<br />

<strong>Der</strong> Förderungsprozess begann mit einer Bedarfsmeldung <strong>des</strong> Klienten.<br />

Die beim Erstkontakt vom Fonds erhobenen Stammdaten und Informationen<br />

wurden in ein Klientenverwaltungssystem eingegeben.<br />

Im Rahmen der persönlichen Beratung (Hausbesuch) erhoben die Mitarbeiter<br />

<strong>des</strong> Fonds mit dem Klienten den Pflege– bzw. den Betreuungsbedarf,<br />

erstellten den Förderungsantrag und errechneten den Kostenbeitrag<br />

<strong>des</strong> Klienten.<br />

Die Bewilligung der geförderten Leistung hatte seitens <strong>des</strong> Fonds innerhalb<br />

von zwei Werktagen an den Klienten bzw. <strong>des</strong>sen Sachwalter zu<br />

ergehen. Im Zeitraum Jänner 2008 bis November 2009 wurden von<br />

9.416 Förderanträgen 7.662 (entspricht rd. 81 %) innerhalb von zwei<br />

Werktagen bewilligt. Weitere 1.413 Förderanträge (entspricht rd. 15 %)<br />

wurden innerhalb von drei bis zehn Werktagen bewilligt.<br />

In der Folge organisierte der Fonds die im Fördervertrag festgelegten<br />

Betreuungsleistungen über eine von ihm anerkannte Organisation unter<br />

Bedachtnahme der Klientenwünsche. Die Abrechnung der Betreuungsleistungen<br />

erfolgte zwischen dem Fonds und der anerkannten Organisation.<br />

<strong>Der</strong> Fonds stellte dem Klienten den ermittelten Kostenbeitrag<br />

in Rechnung.<br />

106 Wien 2010/2


Sozialhilfeleistungen <strong>des</strong><br />

Fonds Soziales Wien<br />

Rückforderung von<br />

Subjekt– und Objektförderungen<br />

Wien<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

10.1 Subjektförderung bezeichnete die Förderung von Maßnahmen für Einzelpersonen,<br />

während Objektförderung die Unterstützung von Projekten<br />

umfasste.<br />

Die allgemeinen Förderrichtlinien <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien sahen vor,<br />

dass eine zugesagte Förderung aus wichtigen Gründen (bspw. unrichtige<br />

oder unvollständige Informationen zum Förderungsgegenstand;<br />

Nichterfüllung von Förderungsbedingungen; widmungswidrige Verwendung<br />

von Fördermitteln) zur Gänze oder teilweise widerrufen<br />

werden konnte. <strong>Der</strong> Fördernehmer war verpflichtet, Fördermittel über<br />

schriftliche Aufforderung <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien binnen 14 Tagen<br />

zurückzuzahlen.<br />

Um Rückforderungen bei der Subjektförderung zu vermeiden, hatte der<br />

Fonds Soziales Wien u.a. folgenden Maßnahmenkatalog festgelegt:<br />

– Erhebung <strong>des</strong> Pflege– und Betreuungsbedarfs;<br />

– Erhebung <strong>des</strong> Einkommens und Berechnung <strong>des</strong> Kostenbeitrags;<br />

– Bewilligung und Koordination der in Frage kommenden Leistungen<br />

(sozialen Dienste);<br />

– Durchführung von Qualitätskontrollen;<br />

– Beschwerdemanagement.<br />

<strong>Der</strong> Fonds Soziales Wien legte in der Bewilligung der geförderten Leistungen<br />

jeweils das Pflege– und Betreuungsausmaß seitens der anerkannten<br />

Einrichtung fest. Somit stellte diese Maßnahme die Schnittstelle<br />

zwischen Subjekt– und Objektförderung dar.<br />

Neben den erbrachten Maßnahmen im Rahmen der Subjektförderungen<br />

überprüfte der Fonds Soziales Wien im Zuge der Rechnungslegung<br />

durch die anerkannte Einrichtung die Vollständigkeit und Richtigkeit<br />

der in Rechnung gestellten Leistungen und Beträge. Unrichtige Abrechnungen<br />

hatten umgehende Rechnungskorrekturen und Gegenverrechnungen<br />

mit der anerkannten Einrichtung zur Folge.<br />

Im Bereich der Objektförderungen überprüfte der RH stichprobenweise<br />

Förderungen <strong>des</strong> Jahres 2007. In diesem Zeitraum kam es bei<br />

zwölf von insgesamt 134 Förderungen mit einer Gesamtsumme von rd.<br />

27,44 Mill. EUR zu Rückforderungen in der Höhe von rd. 0,46 Mill. EUR.<br />

Im Jahr 2008 gab es 144 Objekt– und Projektförderungen mit einer<br />

Wien 2010/2 107


Sozialhilfeleistungen <strong>des</strong><br />

Fonds Soziales Wien<br />

<strong>Bericht</strong>swesen<br />

Gesamtsumme von rd. 38 Mill. EUR. Davon kam es zu 13 Rückforderungen<br />

in Höhe von 0,24 Mill. EUR.<br />

10.2 Die vom Fonds Soziales Wien im Bereich Subjektförderungen gesetzten<br />

Maßnahmen und Kontrollen trugen dazu bei, Über– bzw. Fehlförderungen<br />

und den mit Rückforderungen von Förderungsmitteln<br />

verbundenen Verwaltungsaufwand zu vermeiden. Eine umgehende<br />

Rechnungskontrolle und Gegenverrechnung mit den anerkannten Einrichtungen<br />

unterstützte die widmungsgemäße Mittelverwendung.<br />

Um Rückforderungen zu vermeiden, empfahl der RH, die jeweils zuerkennbaren<br />

Fördersummen noch gewissenhafter zu ermitteln bzw. die<br />

Verlaufskontrolle bzw. das Case–Management dahingehend zu verbessern.<br />

10.3 Laut Mitteilung <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats werde die Stadt Wien der Empfehlung<br />

<strong>des</strong> RH nachkommen.<br />

11.1 Innerhalb <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien erstellten verschiedene Organisationseinheiten<br />

(bspw. Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit, Dokumentation<br />

& Monitoring) <strong>Bericht</strong>e für unterschiedliche Zielgruppen<br />

(Geschäftsführung, Fondsorgane, Öffentlichkeit, Stadtratbüro).<br />

Die <strong>Bericht</strong>e informierten über die jeweiligen Tätigkeiten sowie die<br />

Leistungen <strong>des</strong> Fonds.<br />

Darüber hinaus erstellten die Stabsstellen Finanz bzw. Personal zur<br />

Steuerung <strong>des</strong> Fonds Controllingberichte.<br />

Eine bereichsübergreifende Systematisierung der Kennzahlen und damit<br />

eine Vergleichbarkeit der Daten waren nicht gegeben. Auch fehlte eine<br />

standardisierte Evaluierung <strong>des</strong> <strong>Bericht</strong>swesens.<br />

11.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass im Fonds Soziales Wien ein umfassen<strong>des</strong><br />

<strong>Bericht</strong>swesen bestand. Im Interesse einer bereichsübergreifenden Vergleichbarkeit<br />

empfahl er, für das <strong>Bericht</strong>swesen <strong>des</strong> Fonds Soziales<br />

Wien Kennzahlen zu verwenden, die mit dem zentralen Finanzmanagement<br />

und der Sozialplanung abzustimmen wären.<br />

11.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats sei die Qualität der zu<br />

Grunde liegenden Daten seitens <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien erhöht worden,<br />

um die Aussagekraft der verwendeten Kennzahlen zu verbessern.<br />

108 Wien 2010/2


Sozialhilfeleistungen <strong>des</strong><br />

Fonds Soziales Wien<br />

Weitere Feststellungen<br />

Sozialhilfeleistungen der MA 40<br />

Ziele und Zielerreichung<br />

Wien<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

12 Weitere Feststellungen <strong>des</strong> RH zum Fonds Soziales Wien betrafen<br />

– die Steigerung bei den Leistungsstunden der ambulanten Dienste<br />

(Hauskrankenpflege, Heimhilfen, Besuchs– und Reinigungsdienst)<br />

von rd. 4,57 Mill. Stunden (2005) auf rd. 5,22 Mill. Stunden (2008)<br />

und<br />

– die stichprobenweise überprüften Abrechnungskontrollen <strong>des</strong> Fonds<br />

Soziales Wien bei den anerkannten Einrichtungen.<br />

13.1 Die MA 40 — Soziales, Sozial– und Gesundheitsrecht — bot neben sozialen<br />

und finanziellen Leistungen individuelle Beratung und Hilfe an.<br />

Grundlagen für die Aufgabenerfüllung waren das Leitbild und das<br />

Qualitätshandbuch für den Fachbereich Sozialarbeit und Sozialhilfe.<br />

Auf über 200 Seiten regelte es sehr detailliert die Abläufe sowie Aufgaben<br />

und diente damit als Handlungsanleitung für die Mitarbeiter<br />

sowie für einen einheitlichen Sozialhilfevollzug.<br />

Organisatorisch diente die Einrichtung von dezentralen Sozialzentren<br />

der Umsetzung der Zielvorgaben. Im Herbst 2008 bestanden zehn Sozialzentren<br />

mit über 180 Mitarbeitern, die Beratungen sowie Hilfestellungen<br />

anboten und zur Zeit der Gebarungsüberprüfung einen ausreichend<br />

kundennahen Zugang zum vielfältigen Leistungsangebot<br />

ermöglichten.<br />

Die MA 40 evaluierte regelmäßig die Arbeitsauslastung der Mitarbeiter<br />

der Sozialzentren für den Fachbereich Sozialarbeit und Sozialhilfe.<br />

Als Ergebnis dieser Erhebungen wurden Maßnahmen zur Verbesserung<br />

der Aufgabenerledigung eingeleitet. Allerdings fehlte eine systematische<br />

Untersuchung der Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der erbrachten<br />

Serviceleistungen.<br />

13.2 <strong>Der</strong> RH empfahl, die Zielerreichung der MA 40 nicht nur intern für<br />

den Fachbereich Sozialarbeit und Sozialhilfe zu evaluieren, sondern<br />

auch die Wirksamkeit und die Nachhaltigkeit der erbrachten Sozialhilfeleistungen<br />

zu untersuchen.<br />

Wien 2010/2 109


Sozialhilfeleistungen der MA 40<br />

Leistungen der Allgemeinen<br />

Sozialhilfe<br />

der MA 40<br />

13.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats sei die Darstellung der<br />

Zielerreichung — vor allem im Hinblick auf die Wirksamkeit bzw.<br />

Zweckmäßigkeit und die Nachhaltigkeit der erbrachten Sozialhilfeleistungen<br />

bei arbeitsfähigen Sozialhilfebeziehern — Teil der Sozialhilfestudie<br />

,,Erwerbspotenzial in der Sozialhilfe“, deren Ergebnisse Anfang<br />

2010 vorliegen sollen.<br />

14.1 Die Geldleistungen im Rahmen der Sozialhilfe stellten mit rd. 70 % der<br />

Gesamtausgaben den finanziell bedeutendsten Bereich innerhalb der<br />

MA 40 dar, wie folgender Überblick über die Geldleistungen (Transfers)<br />

der MA 40 (Rechnungsabschlüsse 2005 – 2008) zeigt:<br />

2005 2006 2007 2008<br />

in Mill. EUR<br />

Gesamtausgaben<br />

Allgemeine Sozialhilfe (Ansatz 4110)<br />

davon laufende Transfers<br />

234,633 252,563 277,376 320,369<br />

(Post 575 und 768) 163,704 182,109 201,996 222,294<br />

in %<br />

Anteil der laufenden Transfers<br />

an den Gesamtausgaben 70 72 73 69<br />

Je nach Art der Bedarfssituation und der zuerkannten Geldleistungen<br />

unterschieden die Wiener Sozialhilfe–Richtsätze folgende wesentliche<br />

Bezugsgruppen der Allgemeinen Sozialhilfe (die Antragsteller <strong>des</strong> Wiener<br />

Heizkostenzuschusses blieben dabei unberücksichtigt):<br />

2005 2006 2007 2008 2005 – 2008 2008<br />

Anteil<br />

Steigerung Bezugsgruppe<br />

Personenzahlen absolut in % in %<br />

Mietbeihilfen 6.779 7.024 7.510 7.972 1.193 17,60 8,52<br />

Dauerleistungen<br />

Geldaushilfe<br />

4.160 4.401 4.856 5.393 1.233 29,64 5,77<br />

Vollsozialhilfe<br />

Geldaushilfe<br />

12.370 12.683 12.575 12.595 225 1,82 13,46<br />

Richtsatzergänzung 51.347 55.078 58.945 62.760 11.413 22,23 67,09<br />

Sonstiges 4.199 4.337 4.743 4.827 628 14,96 5,16<br />

Personen Gesamt 78.855 83.523 88.629 93.547 14.692 18,63 100,00<br />

110 Wien 2010/2


Wien<br />

Sozialhilfeleistungen der MA 40 Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Ablauforganisation<br />

zur Allgemeinen<br />

Sozialhilfe in der<br />

MA 40<br />

Weitere Feststellungen<br />

14.2 Im Jahr 2008 bezogen insgesamt rd. 93.550 Personen Geldleistungen<br />

aus der Sozialhilfe; dies war ein Anstieg von rd. 18,6 % im Vergleich<br />

zum Jahr 2005 und von rd. 5,6 % im Vergleich zum Jahr 2007,<br />

obwohl es sich dabei um eine subsidiäre Sozialleistung im österreichischen<br />

Sozialsystem handelt. Die höchste Steigerung wiesen 2005<br />

bis 2008 die Dauerleistungen auf.<br />

Im Betrachtungszeitraum ab 2006 bezogen damit mehr als 5 % der<br />

Wiener Wohnbevölkerung Allgemeine Sozialhilfe. Im Jahr 2007 bezogen<br />

in den Ländern ohne Wien rd. 0,96 % der Wohnbevölkerung Sozialhilfe;<br />

im gesamten Bun<strong>des</strong>gebiet waren es 1,84 %. Dabei fielen ca.<br />

58 % aller Sozialhilfebezieher auf die Stadt Wien, die aber lediglich<br />

einen Bevölkerungsanteil von ca. 20 % aufwies.<br />

15 Die MA 40 wickelte die Gewährung von Geldleistungen im Rahmen<br />

der Sozialhilfe wie folgt ab:<br />

– Beratung <strong>des</strong> Klienten;<br />

– Klärung der Anspruchsberechtigung auf Sozialhilfe;<br />

– Unterstützung bei der Antragstellung;<br />

– Zuerkennung (Bescheid);<br />

– Auszahlung der anerkannten Geldleistung.<br />

Die Arbeitsabläufe waren hiefür in einem Qualitätshandbuch detailliert<br />

geregelt. Die Aktenführung war in einer stichprobenweisen Überprüfung<br />

gut nachvollziehbar.<br />

16 Weitere Feststellungen <strong>des</strong> RH betrafen die von der MA 40 zentral<br />

gesetzten Maßnahmen zur Einnahmenbetreuung sowie die Kontrollen<br />

der widmungsgemäßen Mittelverwendung.<br />

Wien 2010/2 111


Schuldnerberatung<br />

Rechtliche Grundlagen<br />

und Organisation<br />

Ziele, Strategien und<br />

Zielerreichung<br />

17 Das Insolvenzrechtseinführungsgesetz (§ 12) und das Wiener Sozialhilfegesetz<br />

(§ 22) bildeten die rechtlichen Grundlagen für die Schuldnerberatung.<br />

Die Schuldnerberatung Wien gemeinnützige GmbH (Schuldnerberatung)<br />

war als Tochtergesellschaft <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien eingerichtet.<br />

Ihr wesentliches Ziel war die Regulierung der Schulden von Privatpersonen.<br />

Sie beschäftigte 35 Mitarbeiter.<br />

18.1 Die Schuldnerberatung verfolgte nachstehende Ziele:<br />

– Regulierung der Schulden von Privatpersonen;<br />

– Reintegration ins Wirtschaftsleben;<br />

– Vermeidung von Schwarzarbeitsverhältnissen;<br />

– Stärkung der Vermittelbarkeit am Arbeitsmarkt;<br />

– Einflussnahme auf das Ausgabeverhalten (Prioritätenreihung) finanzschwacher<br />

Haushalte;<br />

– Einflussnahme auf die Gesetzgebung mit dem Ziel der Vermeidung<br />

von Überschuldung.<br />

Eine Strategie der Schuldnerberatung bestand darin, die weitgehende<br />

Selbstständigkeit der Klienten durch die interaktive Anwendung<br />

„Schulden online“ zu forcieren. Eine weitere Strategie zur Schuldenregulierung<br />

verfolgte die Schuldnerberatung mit der Entwicklung eines<br />

„Betreuten Kontos“, weil das Fehlen eines eigenen Kontos ein Hindernis<br />

bei der Reintegration von Personen in den Arbeitsmarkt darstellte.<br />

Außerdem könnten mit einem solchen Konto die Kosten für Postanweisungen<br />

von Transferleistungen eingespart werden.<br />

Als Indikatoren zur Darstellung der Zielerreichung zog die Schuldnerberatung<br />

überwiegend die Beratungsergebnisse, insbesondere erfolgreich<br />

abgeschlossene Schuldenregulierungsverfahren bzw. außergerichtliche<br />

Ausgleiche, heran. Betreffend die Auswirkungen der Schuldnerberatung<br />

auf die Arbeitsmarktchancen der Klienten lagen keine regelmäßig<br />

aktualisierten Daten vor.<br />

112 Wien 2010/2


Wien<br />

Schuldnerberatung Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Ablauforganisation<br />

18.2 <strong>Der</strong> RH empfahl der Schuldnerberatung, die Indikatoren für die Evaluierung<br />

ihrer Leistungen und Wirkungen insbesondere hinsichtlich<br />

arbeitsmarktrelevanter Daten zu ergänzen.<br />

Weiters empfahl er, die Initiative „Betreutes Konto“ mit den Projektpartnern<br />

zu erproben und auf Basis <strong>des</strong> Pilotbetriebs weiterzuentwickeln.<br />

18.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats seien — soweit dies möglich<br />

war — in der bestehenden Struktur (EVAX) die Indikatoren präzisiert,<br />

der Struktur der Dachorganisation angepasst und die EDV–Eingabe<br />

für jede Neuanmeldung zwingend gemacht worden.<br />

Die Evaluierung der für den Arbeitsmarkt relevanten Daten werde allerdings<br />

seitens der Schuldnerberatung nur bedingt durchführbar sein,<br />

weil der notwendige Beobachtungszeitraum zu kurz sei. Es bestünde<br />

lediglich die Möglichkeit, Daten ab Eintritt in die Beratung bis zum<br />

Abschluss <strong>des</strong> Verfahrens zu dokumentieren. Eine aussagekräftige Darstellung<br />

wäre daher primär durch das AMS, das alle relevanten Daten<br />

laufend im Rahmen <strong>des</strong>sen Kernkompetenz erhebt, möglich.<br />

Die Idee <strong>des</strong> „Betreuten Kontos“ werde zurzeit durch die Erstellung eines<br />

präzisen Businessplans auf ihre Umsetzungsmöglichkeiten überprüft.<br />

19.1 Die Einleitung eines Schuldnerberatungsverfahrens erfolgte seit dem<br />

Jahr 2007 über das Internet mit der interaktiven Anwendung „Schulden<br />

online“. Diese Anwendung bot die Möglichkeit, den Privatkonkursantrag<br />

weitgehend selbstständig vorzubereiten, wovon bereits ca. 30 %<br />

der Klienten der Schuldnerberatung Gebrauch machten. Die Anwendung<br />

ermöglichte auch den Zugriff durch die Justizverwaltung. Klienten<br />

ohne Zugang zum Internet konnten die Infrastruktur <strong>des</strong> Bürgerdienstes<br />

der Stadt Wien in Anspruch nehmen.<br />

Aufgrund der Anmeldung erfolgten Gespräche zur Schuldenregulierung<br />

im Rahmen <strong>des</strong> Privatkonkurses. Die Betreuungszeiten bis zur<br />

Schuldenregulierung unterlagen größeren Schwankungen. Bei motivierten<br />

Klienten konnte die gesamte Betreuung/Begleitung innerhalb<br />

eines halben Jahres erfolgen. In schwierigeren Fällen konnte sich die<br />

Betreuungszeit auch über ein Jahr und länger erstrecken.<br />

19.2 <strong>Der</strong> RH empfahl der Schuldnerberatung, die Justizverwaltung über die<br />

Möglichkeiten der Anwendung „Schulden online“ verstärkt zu informieren,<br />

um die selbständige Vorbereitung von Privatkonkursen durch<br />

die Klienten zu fördern.<br />

Wien 2010/2 113


Schuldnerberatung<br />

Leistungen und<br />

Wohlfahrtseffekte<br />

19.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats werde die Empfehlung <strong>des</strong><br />

RH aufgegriffen und eine länderweise Regelung beim BMJ angestrebt.<br />

20.1 Die Schuldnerberatung bot für verschuldete Einzelpersonen, Familien<br />

und Haushalte Hilfe zur Selbsthilfe mit dem Ziel an, die mannigfaltigen<br />

Folgeprobleme von Ver– oder Überschuldung zu beseitigen oder<br />

zu verringern.<br />

Zum Klientenkreis der Schuldnerberatung zählten Wiener, die aktuell<br />

nicht unternehmerisch tätig waren. Das Durchschnittseinkommen<br />

pro Kopf betrug zwischen 500 EUR und 1.100 EUR.<br />

Die Schuldnerberatung berücksichtigte durch mehrsprachige Informationsangebote,<br />

dass — nach ihren Angaben — mehr als die Hälfte der<br />

Klienten einen Migrationshintergrund aufwiesen. Ein Drittel der Klienten<br />

war arbeitslos.<br />

Im Jahr 2007 fanden in der Schuldnerberatung Wien insgesamt<br />

13.509 Beratungsgespräche statt. In 1.033 Fällen konnte die Schuldnerberatung<br />

gemeinsam mit den Klienten einen Ausgleich ohne Inanspruchnahme<br />

der Gerichte erzielen. Die Zahl der mit Klienten vorbereiteten<br />

und/oder begleiteten Privatkonkurse, die im Jahr 2007 eröffnet<br />

wurden, betrug 1.786.<br />

Die ökonomischen Effekte (Wohlfahrtseffekte) der Schuldnerberatung<br />

waren laut einer im Jahr 2006 von der Wirtschaftsuniversität Wien<br />

vorgestellten Evaluierung der Schuldnerberatung in Österreich zumin<strong>des</strong>t<br />

mehr als doppelt so hoch wie die damals rd. 8 Mill. EUR an eingesetzten<br />

Förderungen. In einer in der Studie ebenfalls vertretenen Variante<br />

war es das Vierfache. Noch nicht enthalten waren darin Effekte<br />

wie bspw. die Wiedererlangung der Kaufkraft.<br />

<strong>Der</strong> RH führte unter Zugrundelegung der Studie der Wirtschaftsuniversität<br />

an, dass den in der Wiener Schuldnerberatung eingesetzten rd.<br />

2 Mill. EUR positive ökonomische Effekte von 4 Mill. EUR bis 8 Mill.<br />

EUR gegenüberstanden.<br />

20.2 <strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass eine erfolgreiche Schuldnerberatung die<br />

wirtschaftliche Situation der Klienten festigt und letztlich dazu beiträgt,<br />

Sozialhilfeausgaben zu vermeiden. Daher empfahl der RH, die<br />

Präventionsarbeit für gefährdete Personengruppen in Zusammenarbeit<br />

mit anderen Einrichtungen, wie z.B. mit dem AMS, zu verstärken.<br />

114 Wien 2010/2


Wien<br />

Schuldnerberatung Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Ausgabenentwicklung<br />

und Finanzierung<br />

20.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats werde sowohl mit dem<br />

AMS als auch mit Arbeitgebern eine verstärkte Zusammenarbeit mit<br />

dem Ziel angestrebt, dass Schulden ein möglichst geringes Vermittlungshindernis<br />

darstellen bzw. so wenig wie möglich den Arbeitsplatz<br />

gefährden.<br />

21.1 Ausgabenentwicklung und Finanzierung der Schuldnerberatung stellten<br />

sich wie folgt dar:<br />

2005 2006 2007 2008<br />

in EUR<br />

Ausgaben 539.399 1.461.894 1.554.669 2.042.867<br />

Einnahmen<br />

AMS – 346.100 475.310 801.661<br />

MA 5 – 94.475 94.475 94.475<br />

Fonds Soziales Wien 539.399 1.021.319 984.884 1.146.731<br />

Die Ausgaben der Schuldnerberatung hatten sich von 2005 bis 2008<br />

nahezu vervierfacht. Dies war einerseits auf die Ende 2006 erfolgte<br />

Fusion der damaligen Schuldnerberatung der Stadt Wien mit der damaligen<br />

Kredit– und Wiedergutmachungshilfe der Dr. Christian Broda und<br />

Dr. Elisabeth Schilder Initiative zurückzuführen. Andererseits stockte<br />

die Schuldnerberatung nach massiver Kritik — u.a. vom Kontrollamt<br />

der Stadt Wien — an den langen Wartezeiten ihr Personal auf (um<br />

zehn auf 35 Mitarbeiter). Dies führte auch zu einer deutlichen Reduktion<br />

bei den Wartezeiten.<br />

Nach der Fusion kamen die Subventionen <strong>des</strong> AMS seit 2006 der nunmehrigen<br />

Schuldnerberatung zugute und wurden auf einen Finanzierungsanteil<br />

von zuletzt 40 % angehoben. Eine aussagekräftige mittelfristige<br />

Finanzplanung lag nicht vor.<br />

21.2 <strong>Der</strong> RH bewertete die stärkere Einbeziehung <strong>des</strong> AMS im Sinne einer<br />

Vernetzung und Kooperation der verschiedenen Beteiligten im Sozialsystem<br />

als zweckmäßig.<br />

Er erachtete eine mittelfristige Finanzplanung auch für die Schuldnerberatung<br />

als erforderlich und empfahl, eine solche zu erarbeiten.<br />

Wien 2010/2 115


Schuldnerberatung<br />

Weitere Feststellungen<br />

Delogierungsprävention<br />

Rechtliche Grundlagen<br />

21.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats werde eine mittelfristige<br />

Finanzplanung als zweckmäßig angesehen. Die Umsetzung könne allerdings<br />

nur unter Berücksichtigung der Finanzplanung <strong>des</strong> Fonds Soziales<br />

Wien sowie der Gesamtgebarung der Stadt Wien erfolgen.<br />

22 Weitere Feststellungen <strong>des</strong> RH betrafen:<br />

– die Weiterentwicklung der IT–Systeme bzw. Anwendungen insbesondere<br />

für Verlaufskontrollen,<br />

– die Kontrolle der Schuldnerberatung und<br />

– das <strong>Bericht</strong>swesen der Schuldnerberatung Wien, welches an jenes<br />

der Dachorganisation der österreichischen Schuldnerberatung, u.a.<br />

hinsichtlich der Verschuldungsursache angeglichen wurde.<br />

23 Im Rahmen der Delogierungsprävention soll Personen geholfen werden,<br />

die akut vom Verlust ihrer Wohnung bedroht sind.<br />

Aufgrund § 33a Mietrechtsgesetz ist je<strong>des</strong> Bezirksgericht verpflichtet,<br />

die Gemeinde zu benachrichtigen, sobald ein auf Räumung von<br />

Wohnungen abzielen<strong>des</strong> Verfahren eingeleitet oder ein Räumungsvergleich<br />

abgeschlossen wird. Die jeweilige Gemeinde kann soziale Institutionen,<br />

die Hilfeleistungen bei drohendem Wohnungsverlust oder<br />

Obdachlosigkeit erbringen, darüber informieren.<br />

Gemäß § 569 der Geschäftsordnung für die Gerichte I. und II. Instanz<br />

ist eine Ausfertigung <strong>des</strong> Beschlusses, womit die zwangsweise Räumung<br />

von Wohnungen bewilligt wurde, den Behörden zuzustellen.<br />

Diese sind berufen, Fürsorgemaßnahmen für Obdachlose einzuleiten.<br />

Als lan<strong>des</strong>gesetzliche Grundlage für die Delogierungsprävention kam<br />

§ 22 Abs. 2 Z 4 Wiener Sozialhilfegesetz in Betracht, durch den „allgemeine<br />

und spezielle Beratungsdienste“ als soziale Dienste eingerichtet<br />

wurden.<br />

116 Wien 2010/2


Wien<br />

Delogierungsprävention Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Ziele, Strategien und<br />

Zielerreichung<br />

Ablauforganisation<br />

24.1 Die Fachstelle für Wohnungssicherung formulierte Ziele, Strategien<br />

und Aufgaben der Delogierungsprävention für Privat– und Genossenschaftswohnungen<br />

schlüssig und nachvollziehbar. Für den Bereich<br />

Gemeindewohnungen fehlten bei der Stadt Wien konkrete Zielsetzungen<br />

und festgelegte Strategien.<br />

24.2 <strong>Der</strong> RH empfahl, Aufgaben, konkrete Zielsetzungen und Strategien<br />

sowie Kennzahlen und Indikatoren zur Messung der Zielerreichung<br />

für den gesamten Bereich der Delogierungsprävention der Stadt Wien<br />

(Privat–, Genossenschafts– und Gemeindewohnungen) festzulegen.<br />

24.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats stoße das Erstellen von<br />

Kennzahlen und Indikatoren zur Messung und Überprüfung einer Zielerreichung<br />

nicht zuletzt durch den Datenschutz an gewisse Grenzen. So<br />

könne etwa die Fachstelle für Wohnungssicherung nur bei jenen Personen<br />

das Ergebnis eines angesetzten Räumungstermins bei den Bezirksgerichten<br />

erfragen, die eine Zustimmungserklärung unterschrieben haben. Hier<br />

wäre die Möglichkeit einer Prüfung, ob Klienten drei (fünf) Jahre nach<br />

erfolgter Beratung durch eine Präventionsstelle noch in ihrer Wohnung<br />

leben oder ob sie die Wohnung gewechselt oder sogar verloren haben,<br />

für eine Zielerreichungsevaluierung durchaus sinnvoll.<br />

24.4 <strong>Der</strong> RH erachtete Ziele, Strategien und Aufgaben auch für den Bereich<br />

der Gemeindewohnungen für notwendig.<br />

25.1 Die Bezirksgerichte verständigten im Wege <strong>des</strong> Bun<strong>des</strong>rechenzentrums<br />

die Stadt Wien (MA 40) über eingebrachte Räumungsverfahren. Diese<br />

Daten wurden an die von der Stadt Wien beauftragte Fachstelle für<br />

Wohnungssicherung, eingerichtet bei der Volkshilfe, elektronisch weitergeleitet.<br />

Die MA 40 beauftragte die Fachstelle für Wohnungssicherung,<br />

die betroffenen Mieter über das Delogierungspräventionsangebot<br />

der Gemeinde Wien zu informieren. Weiters erhielten die für die<br />

Delogierungsprävention zuständigen Einrichtungen der MA 11 bzw.<br />

der MA 40 diese Daten. Alle von der Delogierung bedrohten und der<br />

Fachstelle für Wohnungssicherung bekannt gegebenen Personen in<br />

Privat– und Genossenschaftswohnungen lud die Fachstelle schriftlich<br />

zu einem Gespräch ein.<br />

Informationen über eingeleitete Verfahren konnten die erwähnten Beratungsstellen<br />

sowohl durch die erwähnten Verständigungspflichten der<br />

Gerichte nach § 33a Mietrechtsgesetz bzw. § 569 Geschäftsordnung für<br />

die Gerichte I. und II. Instanz erhalten, als auch durch Meldung aus<br />

eigener Initiative, Zuweisung durch andere soziale Organisationen oder<br />

aber auch durch Hausverwaltungen, Vermieter und Rechtsvertreter.<br />

Wien 2010/2 117


Delogierungsprävention<br />

Die wesentlichen Schritte der danach eingeleiteten Betreuung durch die<br />

Delogierungspräventionsstellen waren: Klärung der Situation, Information,<br />

Beratung sowie Krisenintervention.<br />

Nach Angaben der an der Delogierungsprävention in Wien beteiligten<br />

Stellen langten lediglich ca. 50 % der nach § 33a Mietrechtsgesetz<br />

von den Bezirksgerichten vorzunehmenden Verständigungen<br />

ein. Weder diese Stellen noch die federführend mit der Reorganisation<br />

der Delogierungsprävention in Wien beauftragte MA 24 konnten<br />

die Gründe für diesen Umstand mit der Justizverwaltung aufklären<br />

oder beseitigen.<br />

25.2 <strong>Der</strong> RH empfahl, in Zusammenarbeit mit der Justizverwaltung zu klären,<br />

warum ein wesentlicher Teil der Benachrichtigungen nach § 33a Mietrechtsgesetz<br />

nicht bei den Delogierungspräventionsstellen einlangte.<br />

Es wäre sicherzustellen, dass die Delogierungsprävention die erforderlichen<br />

Meldungen erhält, um noch vor einem Wohnungsverlust eingreifen<br />

zu können. Im Zuge der geplanten Reorganisation sollten die<br />

Abläufe vereinfacht werden.<br />

25.3 Laut Mitteilung <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats betrage die Übermittlungsquote<br />

der Benachrichtigungen nach § 33a Mietrechtsgesetz 2008 bereits<br />

65 %. Die Tendenz der Zahl der Übermittlungen sei über die Jahre<br />

gesehen steigend.<br />

Im Frühjahr 2009 habe im Rahmen <strong>des</strong> Projekts „Weiterentwicklung<br />

der Wiener Wohnungssicherung“ ein Treffen mit Vertretern der Justiz<br />

stattgefunden, um die Möglichkeiten einer verbesserten und vor<br />

allem einheitlicheren Datenübermittlung zu erörtern. <strong>Der</strong>zeit werde eine<br />

Benachrichtigung nach § 33a Mietrechtsgesetz nicht automatisch an<br />

die Stadt Wien übermittelt, weil eine Unterscheidung der Räumungsverfahren<br />

(betreffend Wohnraum und andere Mietobjekte wie Geschäftslokale)<br />

nur händisch erfolgen könne. Dadurch komme es zu einer sehr<br />

unterschiedlichen Übermittlungspraxis der einzelnen Bezirksgerichte.<br />

Eine Umstellung auf eine automatische Übermittlung sei laut Auskunft<br />

<strong>des</strong> BMJ derzeit nicht möglich, weil dies mit großem Aufwand<br />

verbunden wäre.<br />

25.4 <strong>Der</strong> RH erachtete die Übermittlungsquote in Anbetracht der grundsätzlichen<br />

gesetzlichen Verpflichtung zur Benachrichtigung als vergleichsweise<br />

gering. Durch weitere Urgenzen bei der Justizverwaltung<br />

wäre anzustreben, die Übermittlungsquote anzuheben, damit rechtzeitig<br />

vor einem Wohnungsverlust eingegriffen werden kann.<br />

118 Wien 2010/2


Wien<br />

Delogierungsprävention Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

Leistungen und<br />

Wirkungen<br />

26.1 Die Sozialarbeiter informierten in den Beratungsgesprächen bspw. über<br />

miet– und verfahrensrechtliche Angelegenheiten sowie über noch vorhandene<br />

Möglichkeiten, die drohende Kündigung oder Räumung der<br />

Wohnung abzuwenden. Auf diese Weise konnten im Jahr 2008 die Stellen<br />

der Delogierungsprävention in Wien insgesamt in ca. 2.300 Fällen<br />

den Wohnungsverlust verhindern.<br />

Die Fachstelle für Wohnungssicherung evaluierte auch die Delogierungsprävention.<br />

Sie berechnete, dass für den durchschnittlichen Aufwand<br />

einer gelungenen Delogierungsprävention lediglich 22 Betreuungstage<br />

für eine Person in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe<br />

finanziert werden könnten.<br />

Die Berechnungen der Fachstelle wurden auch durch eine wissenschaftliche<br />

Studie aus dem Jahr 1999 unterstützt. 1) Aktuelle wissenschaftlich<br />

fundierte Studien lagen jedoch nicht vor.<br />

1) Aigner Helga (1999): Delogierung und Delogierungsprävention. Ein Kostenvergleich<br />

anhand der Fachstelle für Wohnungssicherung in Wien. Diplomarbeit an der Wirtschaftsuniversität<br />

Wien, Studienrichtung Handelswissenschaft, Wien.<br />

26.2 <strong>Der</strong> RH empfahl, bei der Reorganisation der Delogierungsprävention<br />

in Wien den Kostenvergleich zu berücksichtigen (Vergleich der Kosten<br />

der Delogierung — z.B. Gerichtskosten, Kosten der Wohnungslosenbetreuung<br />

— mit den Kosten erfolgreicher Delogierungsprävention). Er<br />

hielt eine aktuelle wissenschaftliche Evaluierung dieses Bereichs für<br />

zweckmäßig.<br />

26.3 Laut Mitteilung <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats sei ein Bestandteil <strong>des</strong> Projekts<br />

„Weiterentwicklung der Wiener Wohnungssicherung“ die Gegenüberstellung<br />

der Kosten einer Delogierung und anschließenden Reintegration<br />

mit den Kosten der Prävention.<br />

Eine aktuelle wissenschaftliche Evaluierung der Delogierungsprävention<br />

solle mit Implementierung <strong>des</strong> Projekts „Weiterentwicklung der<br />

Wiener Wohnungssicherung“ einhergehen.<br />

Wien 2010/2 119


Delogierungsprävention<br />

Ausgabenentwicklung<br />

27.1 Die von der Stadt Wien finanzierten Ausgaben für die Delogierungsprävention<br />

entwickelten sich folgendermaßen:<br />

2005 2006 2007 2008<br />

in EUR<br />

Transferzahlungen 627.220,00 642.900,50 655,758,52 700.590,00<br />

Geldaushilfen 737.703,48 602.677,67 596.405,82 577.564,47<br />

Summe 1.364.923,48 1.245.578,17 1.252.164,34 1.278.154,47<br />

Wie aus der obigen Darstellung ersichtlich ist, stiegen die Ausgaben<br />

für Transferzahlungen (Personal– und Büroaufwand) bei gleichzeitigem<br />

Rückgang der Geldaushilfen. Dies führten die Verantwortlichen<br />

sowohl auf eine verbesserte Präventionswirkung der Allgemeinen Sozialhilfe<br />

als auch auf eine effektivere Beratung in den Delogierungspräventionsstellen<br />

zurück. Durch eine optimierte Zusammenarbeit mit<br />

Vermietern und Anwälten konnte der Einsatz von Sozialhilfemitteln<br />

reduziert werden.<br />

27.2 <strong>Der</strong> RH empfahl den Delogierungspräventionsstellen in Wien, die<br />

Bemühungen weiter zu forcieren, die Präventionswirkung in erster<br />

Linie durch Beratungen zu erzielen und den Einsatz von Sozialhilfemitteln<br />

möglichst zu reduzieren.<br />

27.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat merkte an, dass bei Klienten mit fehlenden finanziellen<br />

Ressourcen ein Mehr an Beratungsleistung nur vor dem Beginn<br />

eines Verfahrens bzw. vor einem Urteil zielführend sei. Bei Vorliegen<br />

eines Räumungstermins sei bei der genannten Zielgruppe die Gewährung<br />

einer Geldleistung oftmals die einzige Möglichkeit, eine Delogierung<br />

zu verhindern.<br />

27.4 Nach Auffassung <strong>des</strong> RH könnten möglichst frühzeitige Beratungsleistungen<br />

auf der Grundlage von lückenlosen Benachrichtigungen<br />

nach § 33a Mietrechtsgesetz den Einsatz von Sozialhilfemitteln bei<br />

der Delogierungsprävention verringern.<br />

120 Wien 2010/2


Wien<br />

Delogierungsprävention Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

<strong>Bericht</strong>swesen<br />

Weitere Feststellungen<br />

28.1 Die Fachstelle für Wohnungssicherung verfasste für den Bereich der<br />

Privat– und Genossenschaftswohnungen <strong>Bericht</strong>e, die im Wesentlichen<br />

„Allgemeine Daten“ und die „Sozialstruktur der betreuten Klienten“<br />

enthielten.<br />

Für die <strong>Bericht</strong>e über die Sozialstruktur der betreuten Klienten wurden<br />

die Parameter Haushaltsgröße, Geschlecht, Alter, Staatsbürgerschaft<br />

und Einkommen der Klienten erhoben. Aufgrund dieser Auswertungen<br />

war erkennbar, dass eine besondere Gefährdung von Alleinerzieherinnen<br />

ohne Arbeitseinkommen bestand.<br />

Für den Bereich der Gemeindewohnungen lagen gleichwertige Auswertungen<br />

der Stadt Wien nicht vor.<br />

28.2 <strong>Der</strong> RH erachtete das <strong>Bericht</strong>swesen für verbesserungswürdig. Er empfahl<br />

der Stadt Wien, das <strong>Bericht</strong>swesen zu vereinheitlichen und das<br />

grundsätzlich aussagekräftigere <strong>Bericht</strong>swesen der Fachstelle für Wohnungssicherung<br />

für den Bereich der Privat– und Genossenschaftswohnungen<br />

auch auf die Gemeindewohnungen auszudehnen.<br />

28.3 Laut Mitteilung <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats werde im Rahmen <strong>des</strong> Projekts<br />

„Weiterentwicklung der Wiener Wohnungssicherung“ ein einheitliches<br />

Reporting mit Kennzahlen und Indikatoren angedacht.<br />

29 Weitere Feststellungen <strong>des</strong> RH betrafen:<br />

– die Zusammenfassung der Aufgaben der Delogierungsprävention<br />

in einer Organisation für alle Arten von Wohnungen;<br />

– die internen Kontrollen bei der Fachstelle für Wohnungssicherung<br />

und in den Delogierungspräventionsstellen.<br />

Wien 2010/2 121


Schlussbemerkungen/Schlussempfehlungen<br />

30 Zusammenfassend hob der RH die nachfolgenden Empfehlungen an<br />

die Stadt Wien hervor:<br />

(1) Es wäre auf eine Klarstellung im Wiener Sozialhilfegesetz hinzuwirken,<br />

dass auf die Form der Gewährung der Sozialhilfe kein<br />

Rechtsanspruch besteht. (TZ 3)<br />

(2) Die Vollziehung der Sozialhilfe sollte auf möglichst wenige Organisationseinheiten<br />

konzentriert werden, um das Risikopotenzial zu<br />

vermindern. (TZ 4)<br />

(3) Die Budgetkoordination, das zentrale Finanzmanagement sowie<br />

die Sozialplanung wären interdisziplinär auszurichten und verstärkt<br />

wahrzunehmen. (TZ 4)<br />

(4) Die MA 24 hätte — entsprechend ihrer Aufgabenstellung — Strategien,<br />

Kennzahlen und kontinuierliche Sozialberichterstattung zu<br />

entwickeln, Bedarfsplanungen zu erstellen, kooperative Strukturen<br />

aufzubauen und längerfristige Finanzierungspläne zu erarbeiten.<br />

(TZ 4)<br />

(5) Konzepte für die Koordination der verschiedenen Akteure im<br />

Sozialhilfebereich und für ein verbessertes Schnittstellenmanagement<br />

wären zu erstellen. (TZ 5)<br />

(6) In die Budgetkoordination und das zentrale Finanzmanagement<br />

wäre auch der Fonds Soziales Wien mit seinen operativen Dienstleistern<br />

einzubeziehen. Weiters wäre ein durchgängiges Controlling<br />

einzurichten, das im Sinn eines Beteiligungscontrollings auch ausgegliederte<br />

Einrichtungen einbezieht. (TZ 5)<br />

(7) Die Leistungsplanung wäre interdisziplinär auszurichten. Die<br />

MA 24 hätte — entsprechend ihrer Aufgabenstellung — auch für die<br />

übrigen Bereiche der Sozialhilfe entsprechende Bedarfsplanungen<br />

auszuarbeiten. (TZ 6)<br />

(8) Die Budgetierung bzw. die Dotation der Haushaltsstellen wäre<br />

auf bessere Entscheidungsgrundlagen zu stützen. Für die finanziellen<br />

Auswirkungen von gebarungsrelevanten Entwicklungen etwa<br />

bei Einkommen, Pensionen, Beschäftigung, Bevölkerung oder Kosten<br />

auf den Haushalt sollte budgetär vorgesorgt werden. Um die<br />

Finanz– und Leistungsplanung zu verbessern, sollten die Plandaten<br />

<strong>des</strong> Fonds Soziales Wien und der MA 24 als Grundlage einer mehr-<br />

122 Wien 2010/2


Schlussbemerkungen/<br />

Schlussempfehlungen<br />

Wien<br />

Sozialhilfe der Stadt Wien<br />

jährigen Finanzvorschau für den Fonds Soziales Wien zusammengeführt<br />

und rollierend aktualisiert werden. (TZ 7)<br />

(9) Damit die vom Fonds Soziales Wien eingesetzte Methode <strong>des</strong><br />

Case–Managements längerfristig zur Entlastung im Sozialhilfebereich<br />

führt, sollte der Versorgungsbedarf der Klienten unter Berücksichtigung<br />

ihrer Ressourcen quer über sämtliche Sozialhilfeleistungen<br />

geplant, erbracht und überwacht werden. (TZ 8)<br />

(10) Um Rückforderungen zu vermeiden, sollten die jeweils zuerkennbaren<br />

Fördersummen noch gewissenhafter ermittelt bzw. die<br />

Verlaufskontrolle bzw. das Case–Management dahingehend verbessert<br />

werden. (TZ 10)<br />

(11) Im Interesse einer bereichsübergreifenden Vergleichbarkeit<br />

wären für das <strong>Bericht</strong>swesen <strong>des</strong> Fonds Soziales Wien Kennzahlen<br />

zu verwenden, welche mit dem zentralen Finanzmanagement und<br />

der Sozialplanung abgestimmt sind. (TZ 11)<br />

(12) Die Zielerreichung der MA 40 für den Fachbereich Sozialarbeit<br />

und Sozialhilfe wäre nicht nur intern zu evaluieren, sondern auch<br />

die Wirksamkeit bzw. Zweckmäßigkeit und die Nachhaltigkeit der<br />

erbrachten Sozialhilfeleistungen zu untersuchen. (TZ 13)<br />

(13) Die Indikatoren für die Evaluierung von Leistungen und Wirkungen<br />

der Schuldnerberatung wären insbesondere hinsichtlich<br />

arbeitsmarktrelevanter Daten zu ergänzen. (TZ 18)<br />

(14) Die Initiative „Betreutes Konto“ sollte mit den Projektpartnern<br />

erprobt und auf Basis <strong>des</strong> Pilotbetriebs weiterentwickelt werden.<br />

(TZ 18)<br />

(15) Die Schuldnerberatung sollte die Justizverwaltung über die<br />

Möglichkeiten der Anwendung „Schulden online“ verstärkt informieren,<br />

um die selbständige Vorbereitung von Privatkonkursen<br />

durch die Klienten zu fördern. (TZ 19)<br />

(16) In Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, wie z.B. mit<br />

dem Arbeitsmarktservice, sollte die Präventionsarbeit der Schuldnerberatung<br />

für gefährdete Personengruppen verstärkt werden.<br />

(TZ 20)<br />

(17) Für die Schuldnerberatung wäre eine mittelfristige Finanzplanung<br />

zu erarbeiten. (TZ 21)<br />

Wien 2010/2 123


Schlussbemerkungen/<br />

Schlussempfehlungen<br />

(18) In Zusammenarbeit mit der Justizverwaltung wäre zu klären,<br />

warum ein wesentlicher Teil der Benachrichtigungen nach § 33a<br />

Mietrechtsgesetz nicht bei den Delogierungspräventionsstellen einlangte.<br />

Durch weitere Urgenzen bei der Justizverwaltung wäre anzustreben,<br />

dass die Delogierungsprävention die erforderlichen Meldungen<br />

erhält, um noch vor dem Wohnungsverlust eingreifen zu<br />

können. (TZ 25)<br />

(19) Für den Gesamtbereich der Delogierungsprävention (Privat–,<br />

Genossenschafts– und Gemeindewohnungen) wären Aufgaben, konkrete<br />

Zielsetzungen und Strategien sowie Kennzahlen und Indikatoren<br />

festzulegen. (TZ 24)<br />

(20) <strong>Der</strong> Kostenvergleich von Delogierung und erfolgreicher Delogierungsprävention<br />

sollte bei der Reorganisation berücksichtigt werden.<br />

(TZ 26)<br />

(21) Das <strong>Bericht</strong>swesen zur Delogierungsprävention sollte vereinheitlicht<br />

und das grundsätzlich aussagekräftigere <strong>Bericht</strong>swesen der<br />

Fachstelle für Wohnungssicherung für den Bereich der Privat– und<br />

Genossenschaftswohnungen auch auf Gemeindewohnungen ausgedehnt<br />

werden. (TZ 28)<br />

124 Wien 2010/2


Kurzfassung<br />

Wirkungsbereich der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien<br />

Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH<br />

Wien<br />

Das mit der Gründung der Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH verfolgte Ziel der Vermeidung der Ablagerung<br />

von unbehandeltem Müll wurde erreicht. Hinsichtlich der mittel–<br />

und langfristigen strategischen Ausrichtung der Gesellschaft lag kein<br />

Konzept vor. Ihre finanzielle Lage war aufgrund vertraglicher Kostenabdeckung<br />

durch die Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien (z.B. 2008: 23 Mill.<br />

EUR) ausgeglichen. Eine Kostenrechnung, die Aussagen über den<br />

wirtschaftlichen Erfolg der Projekte ermöglichte, fehlte.<br />

Prüfungsziel<br />

Ziel der Überprüfung war die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage<br />

der Gesellschaft und der Erreichung der Unternehmensziele, nicht<br />

jedoch der Planung, Errichtung und Finanzierung konkreter Investitionsprojekte.<br />

Die Gesellschaft wurde aufgrund einer Stichprobe<br />

nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Dieses Verfahren bezieht auch<br />

Rechtsträger ein, die nach dem ansonsten risikoorientierten Auswahlverfahren<br />

(z.B. wegen ihres geringen Gebarungsumfangs) nicht<br />

überprüft würden. <strong>Der</strong> RH wendet dieses Verfahren an, um seine<br />

präventive und beratende Wirkung zu verstärken. (TZ 1)<br />

Aufgaben<br />

Unternehmensgegenstand der Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH (Gesellschaft) war die Planung, Projektierung,<br />

Finanzierung, Errichtung und der Betrieb von Anlagen zum<br />

Zweck <strong>des</strong> Umweltschutzes in Form der Verwertung von Abfällen,<br />

insbesondere im Bereich der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien. (TZ 2)<br />

Wien 2010/2 125


Kurzfassung<br />

Gemäß Wiener Abfallwirtschaftsgesetz verfolgte die Bun<strong>des</strong>hauptstadt<br />

Wien die thermische Behandlung nicht vermeidbarer und stofflich<br />

nicht verwertbarer Abfälle. Mit der Inbetriebnahme der von der<br />

Gesellschaft errichteten dritten Wiener Müllverbrennungsanlage in<br />

der Pfaffenau im Sommer 2008 gelang es, den diesbezüglich bestehenden<br />

Kapazitätsengpass zu beheben. (TZ 2)<br />

Die von der Gesellschaft errichtete Müllverbrennungsanlage Pfaffenau<br />

war mit einer Jahreskapazität von 250.000 t voll ausgelastet.<br />

Die Auslastung der Biogasanlage betrug bei einer Jahreskapazität<br />

von 17.000 t rd. 82 %. Die für beide Anlagen angesetzten Errichtungskosten<br />

von 220,50 Mill. EUR bewegten sich im vorgesehenen<br />

Kostenrahmen. (TZ 3)<br />

Die vereinbarte Abgabe der erzeugten Energie wurde bezüglich der<br />

Fernwärme vertraglich sichergestellt. Hinsichtlich der Abgabe elektrischer<br />

Energie führten die Verhandlungen mit der WIENSTROM<br />

GmbH hingegen zu keinem Vertragsabschluss. (TZ 6)<br />

Strategische Ausrichtung<br />

Hinsichtlich der mittel– und langfristigen strategischen Ausrichtung<br />

der Gesellschaft lag kein Konzept vor. Die Beauftragung der Gesellschaft<br />

mit der Planung, Projektierung und Errichtung eines Abfalllogistikzentrums<br />

Pfaffenau sowie der Planung der Optimierung der<br />

Müllverbrennungsanlage Spittelau sicherten in naher Zukunft die<br />

Auslastung der Gesellschaft. (TZ 4)<br />

Wirtschaftliche Lage<br />

Aufgrund der vertraglich fixierten Abdeckung der jährlichen Kosten<br />

durch die Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien (2008: rd. 23 Mill. EUR) war es<br />

der Gesellschaft möglich, ausgeglichene Jahresergebnisse zu erzielen.<br />

Eine Kostenrechnung, die Aussagen über den wirtschaftlichen<br />

Erfolg der Projekte ermöglichte, fehlte. (TZ 5)<br />

126 Wien 2010/2


Wien<br />

Kurzfassung Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH<br />

Personal<br />

Für die Durchführung der Planungsaufgaben nahm die Gesellschaft<br />

hochqualifiziertes Personal auf, wobei zur Wahrung der früheren<br />

Bezüge Zahlungen geleistet wurden, die um durchschnittlich fast<br />

50 % über dem kollektivvertraglichen Bezugsniveau lagen. (TZ 7)<br />

Seit der Bestellung eines kaufmännischen Geschäftsführers im Februar<br />

2009 bestanden Überschneidungen zwischen <strong>des</strong>sen Aufgabenbereich<br />

und den seitens der ebswien hauptkläranlage Ges.m.b.H. für<br />

die Gesellschaft vertraglich zu erbringenden Leistungen. Hinsichtlich<br />

dieses Dienstleistungsvertrags vom Oktober 2007 lag die erforderliche<br />

Genehmigung durch den Aufsichtsrat nicht vor. (TZ 8)<br />

Kenndaten zur Wiener Kommunal-Umweltschutzprojektgesellschaft mbH<br />

Rechtsform Gesellschaft mit beschränkter Haftung<br />

Eigentümer 99 % Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien (vertreten durch die MA 48 –<br />

Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark)<br />

1 % ebswien hauptkläranlage Ges.m.b.H.<br />

Unternehmensgegenstand Planung, Projektierung, Finanzierung, Errichtung und Betrieb<br />

von Anlagen zum Zweck <strong>des</strong> Umweltschutzes in Form der Verwertung<br />

von Abfällen, insbesondere im Bereich der Bun<strong>des</strong>hauptstadt<br />

Wien<br />

Gebarung 2004 2005 2006<br />

in Mill. EUR<br />

2007 2008<br />

Bilanzsumme 1,46 60,68 103,01 163,76 198,22<br />

Eigenkapital 0,06 0,06 0,06 0,06 0,06<br />

Umsatzerlöse 1,54 0,46 2,47 7,59 22,91<br />

Personalaufwand 0,61 0,87 1,75<br />

Anzahl<br />

1,83 2,07<br />

Mitarbeiter 7 10 10 20 22<br />

Wien 2010/2 127


Prüfungsablauf und<br />

–gegenstand<br />

Entwicklung und<br />

Organisation<br />

1 <strong>Der</strong> RH überprüfte im Mai 2009 die Gebarung der Wiener Kommunal–<br />

Umweltschutzprojektgesellschaft mbH (Gesellschaft). <strong>Der</strong> überprüfte<br />

Zeitraum umfasste die Jahre 2004 bis 2008. In Einzelfällen wurde auf<br />

länger zurückliegende Sachverhalte Bezug genommen.<br />

Die Gesellschaft wurde aufgrund einer Stichprobe nach dem Zufallsprinzip<br />

ausgewählt. Dieses Verfahren bezieht auch Rechtsträger ein, die<br />

nach dem ansonsten risikoorientierten Auswahlverfahren (z.B. wegen<br />

ihres geringen Gebarungsumfangs) nicht überprüft würden. <strong>Der</strong> RH<br />

wendet dieses Verfahren an, um seine präventive und beratende Wirkung<br />

zu verstärken.<br />

Ziel der Überprüfung war die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage der<br />

Gesellschaft und der Erreichung der Unternehmensziele, nicht jedoch<br />

der Planung, Errichtung und Finanzierung konkreter Investitionsprojekte.<br />

Zu dem im September 2009 übermittelten Prüfungsergebnis nahmen<br />

die Gesellschaft im Oktober 2009 und der Wiener Stadtsenat im Dezember<br />

2009 Stellung. Eine Gegenäußerung <strong>des</strong> RH war nicht erforderlich.<br />

2.1 Die Gesellschaft wurde im Jahr 2002 gegründet. Gesellschafter waren<br />

zuletzt die Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien (99 %) und die ebswien hauptkläranlage<br />

Ges.m.b.H. (EbS) (1 %). Unternehmensgegenstand war die Planung,<br />

Projektierung, Finanzierung, Errichtung und der Betrieb von<br />

Anlagen zum Zweck <strong>des</strong> Umweltschutzes in Form der Verwertung von<br />

Abfällen, insbesondere im Bereich der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien.<br />

Gemäß Wiener Abfallwirtschaftsgesetz verfolgte die Bun<strong>des</strong>hauptstadt<br />

Wien die thermische Behandlung nicht vermeidbarer und stofflich<br />

nicht verwertbarer Abfälle. Aufgrund zunächst nicht ausreichender<br />

Behandlungskapazitäten wurde von der gesetzlichen Möglichkeit der<br />

Fristerstreckung zur Ablagerung unbehandelter Abfälle bis Ende 2008<br />

Gebrauch gemacht. Mit der Inbetriebnahme der von der Gesellschaft<br />

errichteten dritten Wiener Müllverbrennungsanlage in der Pfaffenau<br />

im Sommer 2008 gelang es, diesen Kapazitätsengpass zu beheben.<br />

2.2 <strong>Der</strong> RH anerkannte, dass das mit der Gründung der Gesellschaft<br />

angestrebte Ziel der Vermeidung der Ablagerung von unbehandeltem<br />

Müll erreicht werden konnte. Er wies auf den — nunmehr behobenen<br />

— Engpass bei der Behandlungskapazität hin.<br />

128 Wien 2010/2


Anlagenerrichtung<br />

Wien<br />

Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH<br />

<strong>Der</strong> RH hatte die Wiener Abfallwirtschaft bereits in seinem <strong>Bericht</strong><br />

„Ausgewählte Themen der Abfallwirtschaft in Österreich“, Reihe<br />

Wien 2007/2, behandelt.<br />

3.1 Die von der Gesellschaft errichtete Müllverbrennungsanlage Pfaffenau<br />

war seit Sommer 2008 mit einer Jahreskapazität von 250.000 t voll<br />

ausgelastet. Die Betriebsführung der Müllverbrennungsanlage wurde<br />

der Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H. übertragen. Die Fertigstellungsmeldung<br />

von September 2008 war Grundlage <strong>des</strong> im April 2009<br />

von der MA 22 – Umweltschutz durchgeführten Abnahmeverfahrens,<br />

das die konsensgemäße Ausführung und technische Funktionstüchtigkeit<br />

der Anlage bestätigte.<br />

Die ebenfalls von der Gesellschaft errichtete Biogasanlage diente dem<br />

Ziel, nicht gefährliche biogene Abfälle (z.B. Markt– und Großküchenabfälle)<br />

zu vergären. Die gewonnene Energie sollte in Form von Strom<br />

und Wärme genutzt werden. Die ursprünglich geplante Kapazität von<br />

34.000 t wurde aufgrund einer aktualisierten Bedarfsermittlung vom<br />

September 2004 auf die Hälfte reduziert. Im Frühjahr 2009 war die<br />

Biogasanlage zu 82 % ihrer (reduzierten) Kapazität ausgelastet; die<br />

Betriebsführung der Biogasanlage wurde der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien<br />

(MA 48 – Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark) übertragen.<br />

Im Dezember 2003 wurden in der siebenten Aufsichtsratssitzung der<br />

Gesellschaft die Gesamtkosten für die Projekte Müllverbrennungsanlage<br />

Pfaffenau und Biogasanlage, einschließlich der Kosten für die<br />

Infrastruktur (Fernwärmeanschluss), auf der Grundlage einer Schätzung<br />

mit 211,73 Mill. EUR festgelegt. Planungskosten waren darin nicht enthalten.<br />

Diese Kostenschätzung fand Eingang in den jährlichen Wirtschaftsplan<br />

der Gesellschaft und wurde im Sinne einer rollierenden Planung<br />

fortgeschrieben. <strong>Der</strong> Wirtschaftsplan 2009 wies für beide Anlagen<br />

Gesamtkosten in Höhe von 220,50 Mill. EUR aus.<br />

3.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass die Investitionskosten der beiden Projekte im<br />

Wesentlichen im vorgesehenen Rahmen blieben.<br />

Die von der Schätzung nicht erfassten Planungskosten betrugen rd. 6 %<br />

<strong>des</strong> Investitionsvolumens und waren als angemessen zu bewerten.<br />

Eine vertiefte Projektevaluierung durch den RH, etwa die Vergaben<br />

betreffend, war nicht Gegenstand der Gebarungsüberprüfung.<br />

Wien 2010/2 129


Strategische<br />

Ausrichtung<br />

Wirtschaftliche<br />

Lage<br />

4.1 Ein Konzept hinsichtlich der mittel– und langfristigen strategischen<br />

Ausrichtung der Gesellschaft lag nicht vor, obwohl die Geschäftsführung<br />

der Gesellschaft bereits im Jahr 2007 in den Aufsichtsratssitzungen<br />

auf das Erfordernis der Entwicklung einer Zukunftsperspektive<br />

für die Gesellschaft hingewiesen hatte.<br />

Zur Zeit der Gebarungsüberprüfung war die Gesellschaft u.a. mit der<br />

Planung der Optimierung der Müllverbrennungsanlage Spittelau (Planungsvolumen<br />

4,73 Mill. EUR) sowie mit der Planung, Projektierung<br />

und Errichtung <strong>des</strong> Abfalllogistikzentrums Pfaffenau beauftragt. Beide<br />

Aufträge sind vertragsgemäß im Jahr 2011 abzuschließen.<br />

4.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH waren die Aufträge kurzfristig geeignet, die Auslastung<br />

der Gesellschaft sicherzustellen. Er erachtete es jedoch für notwendig,<br />

ein Konzept hinsichtlich der mittel– und langfristigen strategischen<br />

Ausrichtung der Gesellschaft zu entwickeln.<br />

4.3 Laut den Stellungnahmen <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats und der Gesellschaft<br />

sei im September 2009 unter der Leitung eines externen Beratungsunternehmens<br />

ein Prozess zur Entwicklung einer strategischen Neuausrichtung<br />

der Gesellschaft in Gang gesetzt worden. Mit einem diesbezüglichen<br />

Konzept sei Mitte 2010 zu rechnen.<br />

5.1 Grundlage der Finanzierung der laufenden Geschäftstätigkeit der Gesellschaft<br />

war ein Vertrag mit der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien vom Mai 2004 1) .<br />

Dieser sah vor, dass die Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien (vertreten durch die<br />

MA 48) zur Abdeckung der jährlichen Kosten der Finanzierung von<br />

Planung und Errichtung der Anlagen sowie für den Betrieb ein angemessenes<br />

Entgelt entrichtet. Dieses betrug im Jahr der Betriebsaufnahme<br />

der Müllverbrennungsanlage Pfaffenau (2008) rd. 23 Mill. EUR.<br />

Hiedurch wurden ausgeglichene Jahresergebnisse der Gesellschaft<br />

erreicht. Die Synchronisierung der Nutzungsdauer der Anlagen mit<br />

der Tilgungsdauer der Fremdmittel stellte zudem den Ausgleich der<br />

Liquidität sicher.<br />

1) Vereinbarung über die Behandlung von Abfällen im Umweltzentrum Simmering,<br />

abgeschlossen am 24. Mai 2004 mit der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien (MA 48) und im<br />

Oktober 2004 vom Gemeinderat genehmigt.<br />

130 Wien 2010/2


Wien<br />

Wirtschaftliche Lage Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH<br />

Energielieferungen<br />

Basis der Entgeltbemessung war der angemessene Betriebsaufwand<br />

im Zusammenhang mit den vertraglich überbundenen Aufgaben der<br />

Errichtung und <strong>des</strong> Betriebs der Müllverbrennungsanlage Pfaffenau<br />

sowie der Biogasanlage. Bis Anfang 2008 war die Gesellschaft mit der<br />

Abwicklung dieser beiden Projekte ausgelastet. Im Oktober 2008 wurde<br />

die Gesellschaft von der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien auch mit der Planung,<br />

Projektierung und Errichtung <strong>des</strong> Abfalllogistikzentrums Pfaffenau<br />

beauftragt, wobei die Regelung hinsichtlich der Kostenabdeckung<br />

analog galt.<br />

Im März 2008 erhielt die Gesellschaft von der Fernwärme Wien Gesellschaft<br />

m.b.H. den Planungsauftrag betreffend die Optimierung der<br />

Müllverbrennungsanlage Spittelau mit einer Gesamtauftragssumme<br />

von 4,73 Mill. EUR.<br />

Eine Projektkostenrechnung war bei der Gesellschaft zur Zeit der Gebarungsüberprüfung<br />

nicht eingerichtet.<br />

5.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH ist mit der Annahme von Planungsaufträgen,<br />

die nicht Gegenstand <strong>des</strong> Vertrags mit der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien aus<br />

dem Jahr 2004 sind, wie z.B. die Planung der Optimierung der Müllverbrennungsanlage<br />

Spittelau, ein Nachweis über den wirtschaftlichen<br />

Erfolg dieser Aufträge erforderlich. <strong>Der</strong> Vertrag sah nämlich lediglich<br />

die Abdeckung angemessener Aufwendungen für die übertragenen<br />

Aufgaben (Errichtung der Müllverbrennungsanlage Pfaffenau und der<br />

Biogasanlage), nicht jedoch finanzielle Leistungen für etwaige Abgänge<br />

aus anderen Aufträgen vor.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl daher die umgehende Einführung einer Kostenrechnung,<br />

die eine Aussage über den wirtschaftlichen Erfolg der Projekte<br />

ermöglicht.<br />

5.3 Laut den Stellungnahmen <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats und der Gesellschaft<br />

werde nunmehr eine Kostenträgerrechnung über alle Projekte geführt.<br />

Diese zeige, dass alle Projekte wirtschaftlich erfolgreich abgewickelt<br />

worden seien.<br />

6.1 Gemäß dem Vertrag mit der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien vom Mai 2004<br />

hat die Gesellschaft u.a. die von ihr erzeugte Energie an die von der<br />

Bun<strong>des</strong>hauptstadt zumin<strong>des</strong>t mittelbar beherrschten Betreiber öffentlicher<br />

Strom– und Fernwärmenetze zu einem angemessenen Entgelt<br />

abzugeben.<br />

Wien 2010/2 131


Energielieferungen<br />

Aufgrund dieser Rahmenbedingung wurde die Wärmelieferung an die<br />

Fernwärme Wien Gesellschaft m.b.H. im April 2006 vertraglich geregelt.<br />

Die Verhandlungen mit der WIENSTROM GmbH hinsichtlich der<br />

Abgabe elektrischer Energie führten zu keinem Vertragsabschluss.<br />

Seitens der Gesellschaft wurde daher im Zusammenwirken mit der<br />

EbS, welche die Hauptkläranlage Wien betreibt, alternativ ein Konzept<br />

ausgearbeitet, das eine Stromversorgung dieser Anlage über eine<br />

Direktleitung vorsah. Für die Errichtung dieser Direktleitung wurden<br />

insgesamt 1,50 Mill. EUR veranschlagt; der jährliche Vorteil aus dieser<br />

Variante wurde mit 1,50 Mill. EUR gegenüber dem Verhandlungsstand<br />

mit der WIENSTROM GmbH angegeben. Geplant war eine Aufteilung<br />

der Kosten und Vorteile zwischen der Gesellschaft und der EbS<br />

im gleichen Verhältnis.<br />

Die Errichtung der Direktleitung wurde elektrizitätsrechtlich bewilligt.<br />

<strong>Der</strong> Aufsichtsrat der Gesellschaft hat zur Verwirklichung <strong>des</strong> Projekts<br />

seine Zustimmung erteilt. Aus technischer Sicht war dieses Projekt<br />

jedoch nicht erforderlich.<br />

6.2 <strong>Der</strong> RH wies darauf hin, dass gesamtwirtschaftlich betrachtet diesen<br />

Ausgaben kein technischer Nutzen gegenüberstand. Er empfahl daher,<br />

nochmals mit der WIENSTROM GmbH zu verhandeln und auf eine Verbesserung<br />

der Konditionen hinzuwirken, wodurch auf die Errichtung<br />

einer Direktleitung verzichtet werden könnte.<br />

Im Übrigen wies der RH darauf hin, dass eine Änderung <strong>des</strong> Vertrags,<br />

der vom Gemeinderat der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien genehmigt worden<br />

war, neuerlich diesem allgemeinen Vertretungskörper zur Genehmigung<br />

vorzulegen wäre.<br />

6.3 Laut den Stellungnahmen <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats und der Gesellschaft<br />

werde aufgrund einer Vereinbarung mit der WIENSTROM GmbH für die<br />

Rücklieferung elektrischer Energie ab 1. Jänner 2010 eine am Marktpreis<br />

orientierte Vergütung geleistet.<br />

Vor einer Realisierung der Direktleitung werde auf Basis der Daten<br />

<strong>des</strong> Jahres 2009 eine Evaluierung der Kosten–Nutzen–Überlegungen<br />

erfolgen.<br />

132 Wien 2010/2


Personal<br />

Dienstleistungsvertrag<br />

mit der EbS<br />

Wien<br />

Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH<br />

7.1 Im Juli 2002 wurde in der ersten Aufsichtsratssitzung der Gesellschaft<br />

ausdrücklich angestrebt, den Hauptanteil der Planung mit eigenem Personal<br />

durchzuführen. Lediglich Gutachter und Sonderfachleute wären<br />

extern zu beauftragen. Demgemäß beschäftigte die Gesellschaft zuletzt<br />

22 hochqualifizierte Mitarbeiter, die im Planungsbereich eingesetzt<br />

waren.<br />

Das Personal wurde von einer Planungsgesellschaft, die im Zuge <strong>des</strong><br />

Ausbaus der Hauptkläranlage Simmering beschäftigt war, mit den<br />

ursprünglichen Bezügen übernommen und nach dem Kollektivvertrag<br />

für Angestellte <strong>des</strong> Gewerbes (Nichtmetallgewerbe) mit zum Teil erheblichen<br />

Überzahlungen bei der Gesellschaft angestellt. Zur Indexierung<br />

wurde die Erhöhung der Ist–Bezüge nach dem Kollektivvertrag für die<br />

chemische Industrie festgelegt. Eine Kalkulation der Stundensätze, die<br />

Grundlage einer Projektkalkulation ist, lag nicht vor.<br />

Laut Gesellschaft seien die Stundensätze für Angebote 20 % bis 40 %<br />

über dem Satz für Ziviltechniker gelegen.<br />

7.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass die Gesellschaft zur Wahrung der früheren<br />

Bezüge <strong>des</strong> Personals Zahlungen leistete, die um durchschnittlich fast<br />

50 % über dem kollektivvertraglichen Bezugsniveau lagen. Er verwies<br />

darauf, dass die Höhe der Personalkosten die Konkurrenzfähigkeit der<br />

Gesellschaft verringert.<br />

7.3 Laut den Stellungnahmen <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats und der Gesellschaft<br />

liege nunmehr eine Kalkulation der Stundensätze vor. Die Überzahlung<br />

über das kollektivvertragliche Bezugsniveau sei erforderlich gewesen,<br />

um qualifiziertes Personal für die Abwicklung der Projekte zu erwerben<br />

sowie weitere hoch komplexe und technisch herausfordernde Arbeiten<br />

für die Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien zu bewältigen.<br />

8.1 Im Oktober 2007 wurde mit der EbS ein Dienstleistungsvertrag abgeschlossen.<br />

Demzufolge obliegt die Führung <strong>des</strong> laufenden, ordentlichen<br />

Geschäftsbetriebs (insbesondere Geschäftsführung, kaufmännische Leitung,<br />

Einkauf, Rechnungswesen, Finanzbuchhaltung, Personalverrechnung)<br />

der EbS. Als Entgelt wurde ein monatlicher Pauschalbetrag von<br />

rd. 24.000 EUR wertgesichert vereinbart. Das Jahresentgelt überstieg<br />

die für die Aufsichtsratspflicht von Dauerschuldverhältnissen vorgesehene<br />

Grenze von 100.000 EUR. Eine förmliche Bewilligung <strong>des</strong> Vertrags<br />

durch den Aufsichtsrat lag nicht vor.<br />

Wien 2010/2 133


Dienstleistungsvertrag mit der EbS<br />

Schlussbemerkungen/Schlussempfehlungen<br />

Mit Wirkung ab Februar 2009 wurde ein kaufmännischer Geschäftsführer<br />

bestellt. Seit <strong>des</strong>sen Bestellung bestanden Überschneidungen<br />

zwischen seinem Aufgabenbereich und bestimmten Leistungsfeldern<br />

<strong>des</strong> Dienstleistungsvertrags mit der EbS (Geschäftsführung, kaufmännische<br />

Leitung).<br />

8.2 <strong>Der</strong> RH empfahl daher, den Dienstleistungsvertrag zu evaluieren und<br />

gegebenenfalls Leistungsumfang und Entgelt entsprechend anzupassen.<br />

8.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat und die Gesellschaft stellten eine Evaluierung<br />

<strong>des</strong> Dienstleistungsvertrags in Aussicht.<br />

9 Zusammenfassend hob der RH folgende Empfehlungen hervor:<br />

(1) Ein Konzept hinsichtlich der mittel– und langfristigen strategischen<br />

Ausrichtung der Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH wäre zu entwickeln. (TZ 4)<br />

(2) Eine Kostenrechnung, die eine Aussage über den wirtschaftlichen<br />

Erfolg der Projekte ermöglicht, wäre einzurichten. (TZ 5)<br />

(3) Bezüglich der an die WIENSTROM GmbH abgegebenen elektrischen<br />

Energie wäre im Verhandlungswege auf eine Verbesserung<br />

der Konditionen hinzuwirken, wodurch auf die Errichtung einer<br />

Direktleitung verzichtet werden könnte. (TZ 6)<br />

(4) <strong>Der</strong> Dienstleistungsvertrag mit der ebswien hauptkläranlage Ges.<br />

m.b.H. betreffend die kaufmännische Leitung der Wiener Kommunal–Umweltschutzprojektgesellschaft<br />

mbH wäre zu evaluieren.<br />

Gegebenenfalls wären Leistungsumfang und Entgelt entsprechend<br />

anzupassen. (TZ 8)<br />

134 Wien 2010/2


Kurzfassung<br />

Wirkungsbereich der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien<br />

Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005 mit<br />

Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Wien<br />

Mit der Gesundheitsreform 2005 sollte die strikte Trennung der<br />

einzelnen Sektoren <strong>des</strong> Gesundheitswesens überwunden werden.<br />

Eine österreichweite, integrierte Leistungsangebotsplanung für alle<br />

Bereiche der Gesundheitsversorgung war vorgesehen, wurde jedoch<br />

bisher nicht realisiert. Zudem gab es keine transparente und umfassende<br />

Darstellung der Finanzierung der Fondskrankenanstalten als<br />

Voraussetzung für eine Optimierung <strong>des</strong> Mitteleinsatzes. Auch der<br />

Reformpool, in dem Land und Sozialversicherungsträger gemeinsame<br />

Projekte finanzieren und durchführen sollten, wurde bisher<br />

kaum genutzt.<br />

Prüfungsziel<br />

Ziel der Gebarungsüberprüfung war eine Beurteilung der Aufgaben<br />

der Lan<strong>des</strong>gesundheitsfonds (LGF) von Tirol und Wien sowie<br />

der Umsetzung von Teilbereichen der Gesundheitsreform 2005 mit<br />

Länderaspekten in Tirol und Wien. (TZ 1)<br />

Finanzierung der Lan<strong>des</strong>gesundheitsfonds in Tirol und Wien<br />

Die Finanzierung <strong>des</strong> Tiroler Gesundheitsfonds (TGF) und <strong>des</strong> Wiener<br />

Gesundheitsfonds (WGF) unterschied sich im Wesentlichen durch<br />

die Dotierung der zur Betriebsabgangsdeckung zu leistenden Beiträge.<br />

Dem WGF stand im Vergleich zum TGF eine erheblich geringere<br />

Lenkungsmasse gegenüber, weil die Finanzierung der Betriebsabgänge<br />

außerhalb <strong>des</strong> Fonds erfolgte. (TZ 2)<br />

<strong>Der</strong> TGF unterlag der Aufsicht der Lan<strong>des</strong>regierung. Die Aufsicht betraf<br />

die Einhaltung der rechtlichen Bestimmungen und die Wirtschaftsführung.<br />

Gegenüber dem WGF bestand keine Aufsicht. (TZ 4)<br />

Wien 2010/2 135


Kurzfassung<br />

Die Budgetierung und Gewährung <strong>des</strong> vom WGF zu leistenden<br />

Zuschusses an das Hanusch–Krankenhaus erfolgte außerhalb <strong>des</strong><br />

WGF und widersprach damit den geltenden lan<strong>des</strong>gesetzlichen<br />

Grundlagen. (TZ 5)<br />

Obwohl die Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur ihre für die LGF bereitzustellenden<br />

Mittel direkt an diese zu leisten hatte, erhielt der WGF<br />

die Mittel der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur im Wege <strong>des</strong> Budgets der<br />

Stadt Wien. (TZ 6)<br />

Entgegen den — gemäß Art. 15a B–VG zwischen Bund und Ländern<br />

abgeschlossenen — Reformvereinbarungen 2005 und 2008 waren<br />

in den LGF die Rechnungsabschlüsse der Krankenanstalten(verbände)<br />

und der Sozialversicherung weder transparent noch vollständig dargestellt.<br />

Die <strong>Bericht</strong>e <strong>des</strong> TGF und WGF enthielten nur statistische<br />

Daten und Basiskennzahlen von Fondskrankenanstalten. (TZ 7)<br />

Ausgestaltung <strong>des</strong> LKF–Systems zur Abgeltung von Leistungen<br />

Stationäre Leistungen wurden nach dem System der leistungsorientierten<br />

Krankenanstaltenfinanzierung (LKF) den Krankenanstalten<br />

von den Fonds abgegolten. Dieses System setzte sich aus einem<br />

österreichweit einheitlich gestalteten Kernbereich und einem Steuerungsbereich,<br />

der dem Gestaltungsspielraum der Länder oblag,<br />

zusammen. Während in Tirol 70 % der Mittel im Kernbereich abgerechnet<br />

wurden, waren die Mittel in Wien in den Jahren 2005 bis<br />

2008 zur Gänze dem Steuerungsbereich zugeteilt. Mangels einheitlicher<br />

Vorgaben zur Ausgestaltung <strong>des</strong> Steuerungsbereichs waren die<br />

Abrechnungsmodalitäten beim TGF und WGF unterschiedlich, was<br />

eine Vergleichbarkeit der beiden Fonds unmöglich machte. (TZ 9,<br />

10)<br />

Durch die weitreichende Gestaltungsfreiheit der Länder im Bereich<br />

<strong>des</strong> LKF–Modells war nicht das ursprüngliche Ziel, ein bun<strong>des</strong>weit<br />

einheitliches Vergütungssystem zu entwickeln, sondern die fehlende<br />

Vergleichbarkeit der Abrechnungsergebnisse bestimmend für<br />

das LKF–System. (TZ 9)<br />

136 Wien 2010/2


Wien<br />

Kurzfassung Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Abgeltung von ambulanten Leistungen<br />

Obwohl die Reformvereinbarungen 2005 und 2008 auf ein einheitliches<br />

Abrechnungssystem für den gesamten ambulanten Bereich<br />

abzielten, erfolgte die Abgeltung in Tirol im Rahmen eines leistungsorientierten<br />

Verrechnungsmodells, in Wien pauschal. Diese<br />

unterschiedlichen Verrechnungssysteme und die unterschiedliche<br />

Fondsdotierung bewirkten, dass die für Ambulanzleistungen bereitgestellten<br />

Fondsmittel in Wien lediglich rd. 25 % höher waren als<br />

in Tirol, obwohl die für diesen Bereich entstandenen Endkosten in<br />

Wien mehr als dreimal so hoch waren als in Tirol. (TZ 11)<br />

Abgeltung von Leistungen im Nebenkostenstellenbereich<br />

Das Wiener Krankenanstaltengesetz legte zwar fest, dass der WGF<br />

zu bestimmen hatte, in welcher Form Leistungen im Nebenkostenstellenbereich<br />

abgegolten werden; nähere Bestimmungen dazu fehlten.<br />

Die im Nebenkostenstellenbereich entstandenen, nicht unmittelbar<br />

für die Leistungserbringung am Patienten angefallenen Kosten<br />

(z.B. Kosten für Gesundheits– und Krankenpflegeschulen) wurden<br />

außerhalb <strong>des</strong> Fonds finanziert. (TZ 12)<br />

Leistungsangebotsplanung – Österreichischer Strukturplan Gesundheit<br />

Gemäß der Reformvereinbarung 2005 bildete der Österreichische<br />

Strukturplan Gesundheit die verbindliche Grundlage für die integrierte<br />

Leistungsangebotsplanung und stellte gleichzeitig die Rahmenplanung<br />

für Detailplanungen auf regionaler Ebene (den Regionalen<br />

Strukturplänen Gesundheit) bzw. auf Ebene einzelner Bereiche<br />

der Gesundheitsversorgung dar. Die Zielsetzung, bis Ende 2008 über<br />

den stationären Akutbereich hinausgehend auch für die übrigen<br />

Bereiche der Gesundheitsversorgung eine Leistungsangebotsplanung<br />

zu entwickeln, erwies sich als nicht realistisch. (TZ 14)<br />

Regionale Strukturpläne Gesundheit<br />

Die Regionalen Strukturpläne Gesundheit sollten — ebenso wie der<br />

Österreichische Strukturplan Gesundheit — alle Bereiche der Gesundheitsversorgung<br />

und angrenzende Bereiche beinhalten sowie Verlagerungspotenziale<br />

zwischen den Bereichen der Gesundheitsversorgung<br />

berücksichtigen. (TZ 15)<br />

Wien 2010/2 137


Kurzfassung<br />

Die Reformvereinbarungen 2005 und 2008 enthielten weder Vorgaben<br />

in methodischer Hinsicht noch bezüglich der in die Regionalen<br />

Strukturpläne Gesundheit aufzunehmenden Inhalte. Auch der Planungshorizont<br />

wurde nicht festgelegt. Das Fehlen jeglicher Standardisierung<br />

erschwerte den bun<strong>des</strong>länderübergreifenden Vergleich der<br />

regionalen Planungen. Anfang 2009 lagen in den Bun<strong>des</strong>ländern<br />

Tirol und Wien noch keine Regionalen Strukturpläne vor. (TZ 15)<br />

Dokumentation ambulanter Diagnosen und Leistungen<br />

Im Gegensatz zur stationären medizinischen Versorgung existierte<br />

für den ambulanten Versorgungsbereich keine bun<strong>des</strong>weit einheitliche<br />

Diagnosen– und Leistungsdokumentation, wodurch die Leistungen<br />

im spitalsambulanten und niedergelassenen Bereich nicht<br />

vergleichbar waren. (TZ 16)<br />

Die gemäß der Reformvereinbarung 2005 von Bund und Ländern<br />

sicherzustellende Diagnosendokumentation wurde bisher nicht umgesetzt.<br />

Hinsichtlich der im intra– und extramuralen Bereich erbrachten<br />

ambulanten Leistungen wurde bis zum Jahresende 2007 ein<br />

Leistungskatalog erstellt, der im Jahr 2008 weiterentwickelt wurde.<br />

(TZ 16)<br />

Maßnahmen zur Kostendämpfung, Effizienzsteigerung und Steuerung<br />

In der Reformvereinbarung 2005 waren Maßnahmen zur Kostendämpfung<br />

und Effizienzsteigerung im Ausmaß von 300 Mill. EUR<br />

vereinbart („Einsparungskatalog“). In welchem Zeitraum dieser<br />

Betrag erreicht werden sollte, wurde nicht festgelegt. Ebenso wenig<br />

gab es Angaben zur Verteilung <strong>des</strong> angestrebten Kostendämpfungspotenzials<br />

auf die einzelnen Akteure sowie zur Methode der Quantifizierung<br />

von Einsparungen. (TZ 18)<br />

Trotz der unklaren Zielvorgaben wurde ein Evaluierungsbericht von<br />

einem Beratungsunternehmen erstellt. Darin enthaltene Aussagen<br />

über den Zielerreichungsgrad konnten vom RH nicht nachvollzogen<br />

werden. (TZ 18)<br />

138 Wien 2010/2


Wien<br />

Kurzfassung Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

In der Reformvereinbarung 2008 wurde auf die Vereinbarung ziffernmäßig<br />

festgelegter Kostendämpfungsziele verzichtet. Eine zur<br />

Akkordierung und Steuerung von Maßnahmen zur Realisierung von<br />

Sparpotenzialen eingerichtete Arbeitsgruppe endete ohne Erzielung<br />

konkreter Ergebnisse. (TZ 19, 20)<br />

Reformpool<br />

Ziel <strong>des</strong> Reformpools war es, medizinische Leistungen aus dem<br />

stationären in den ambulanten Bereich bzw. umgekehrt zu verlagern,<br />

wenn diese dort kostengünstiger erbracht werden konnten.<br />

(TZ 21)<br />

Für Reformpoolprojekte hätten gemäß der Reformvereinbarung 2005<br />

in den Jahren 2006 bis 2008 min<strong>des</strong>tens 185,5 Mill. EUR (Wien)<br />

bzw. 55,7 Mill. EUR (Tirol) zur Verfügung gestellt werden können.<br />

Tatsächlich wurden aber deutlich geringere Mittel für Reformpoolprojekte<br />

beschlossen (in Wien 4,1 Mill. EUR; in Tirol 0,4 Mill. EUR),<br />

weil für den Reformpool eingesetztes Geld jene Mittel reduziert, die<br />

für die Finanzierung der Krankenanstalten und <strong>des</strong> niedergelassenen<br />

Bereichs zur Verfügung stehen. (TZ 22)<br />

Reformpoolprojekte in Tirol und Wien<br />

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Reformpoolprojekte liegt in der<br />

Projektauswahl. Die Herausforderung bestand darin, Projekte zu<br />

finden, die sowohl vom Land als auch von der Sozialversicherung<br />

als sinnvoll eingestuft und in der Folge ambitioniert durchgeführt<br />

werden. (TZ 23)<br />

Aufgrund der bisherigen Erfahrungen ermöglichen Reformpoolprojekte<br />

zumin<strong>des</strong>t kurzfristig keine (großen) Gewinne, die zwischen<br />

Land und Sozialversicherung geteilt werden können. Vielmehr<br />

wurde z.B. bei einem Diabetes–Projekt evident, dass eine verbesserte<br />

Patientenversorgung zu höheren Kosten in der Gegenwart<br />

führt, denen mögliche Einsparungen erst in der Zukunft gegenüberstehen.<br />

(TZ 23)<br />

Die Gesundheitsplattformen beschlossen bis Ende 2008 fünf Reformpoolprojekte<br />

in Wien bzw. drei in Tirol. Davon wurde in Tirol bisher<br />

kein Reformpoolprojekt abgeschlossen, in Wien wurde ein Projekt<br />

beendet. (TZ 23, 24)<br />

Wien 2010/2 139


Kurzfassung<br />

Das Wiener Reformpoolprojekt „Einrichtung einer kinderfachärztlichen<br />

Notdienstordination im AKH“ betraf die Sicherstellung<br />

der ambulanten Notfallversorgung für Kinder und Jugendliche an<br />

Wochenenden durch eine kinderfachärztliche Notdienstordination.<br />

Ob durch dieses Projekt tatsächlich eine Leistungsverlagerung stattfand,<br />

wurde von den Kooperationspartnern (Land, Sozialversicherung)<br />

unterschiedlich beurteilt. (TZ 25)<br />

Beim Reformpoolprojekt „Integrierte Versorgung von Schlaganfallpatienten<br />

in Wien“ zeigte die Kosten–Nutzen–Analyse auf, dass<br />

der Mehrbedarf im niedergelassenen Bereich in Summe die angenommenen<br />

Einsparungen im stationären Bereich langfristig übersteigt.<br />

(TZ 26)<br />

Die Plattform „www.LebensSeiten.at“ sollte Informationen über das<br />

Wiener Sozial– und Gesundheitswesen enthalten, die ein rasches<br />

Auffinden <strong>des</strong> optimalen Betreuungsangebots ermöglichen. <strong>Der</strong> mit<br />

diesem Projekt verbundene technische und redaktionelle Aufwand<br />

wurde deutlich unterschätzt. (TZ 27)<br />

Verrechnung ausländischer Gastpatienten – Kostenerstattungsverfahren<br />

In Österreich entfielen im Zeitraum 2005 bis 2007 im Jahresdurchschnitt<br />

rd. 27.000 stationäre Aufenthalte auf ausländische sozialversicherte<br />

Gastpatienten (Gastpatienten). Rund 37 % dieser Aufenthalte<br />

betrafen Tirol, rd. 6 % davon Wien. Die Ende 2007 offenen<br />

Forderungen aus Behandlungen von Gastpatienten betrugen beim<br />

TGF 71,7 Mill. EUR und beim WGF rd. 13,6 Mill. EUR. (TZ 29)<br />

In Wien finanzierte der WGF die Erstattungsentgelte von Gastpatienten<br />

vor. In Tirol trugen die Fondskrankenanstalten die Finanzierungskosten.<br />

Nach Ansicht <strong>des</strong> RH war die unterschiedliche<br />

Vorgangsweise in Tirol und Wien durch die verschieden hohen<br />

Außenstände begründet. (TZ 29)<br />

Das mehrstufige Kostenerstattungsverfahren führte dazu, dass<br />

die Erstattungen der Jahre 2005 bis 2007 durchschnittlich erst<br />

rd. 2,7 Jahre (TGF) bzw. 3,85 Jahre (WGF) nach der Verrechnung<br />

durch die LGF bei diesen eintrafen. Die lange Erstattungsdauer<br />

verursachte — nach Schätzung <strong>des</strong> RH — in diesen Jahren Finanzierungskosten<br />

in Höhe von rd. 6,6 Mill. EUR beim TGF bzw. von<br />

rd. 1,6 Mill. EUR beim WGF. (TZ 30)<br />

140 Wien 2010/2


Wien<br />

Kurzfassung Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Zur Beschleunigung <strong>des</strong> Erstattungsverfahrens war mit Italien eine<br />

Vereinbarung über die Leistung von Vorauszahlungen geplant.<br />

(TZ 30)<br />

Weiterleitung von Verrechnungsdaten der Gastpatienten<br />

<strong>Der</strong> RH analysierte stichprobenartig die Durchlaufzeiten der Kostenerstattungen<br />

für im Zeitraum 2005 bis 2007 behandelte Gastpatienten.<br />

Dabei stellte sich heraus, dass die Weitergabe der Verrechnungsdaten<br />

vom TGF bis zur Weiterleitung an die ausländischen<br />

Verbindungsstellen durch den Hauptverband rd. 17 Monate dauerte,<br />

wovon rd. 14 Monate auf die Verweildauer bei der Tiroler Gebietskrankenkasse<br />

entfielen. Die seit 1998 auf mehr als das Doppelte<br />

angestiegene Erstattungsdauer und Außenstandshöhe war überwiegend<br />

durch die mangelhafte Schnittstelle zwischen dem TGF und<br />

der TGKK bedingt. (TZ 31)<br />

Rückverfolgung der Zahlungseingänge für Gastpatienten<br />

Im Gegensatz zum WGF konnte der TGF auf Patientenebene nicht<br />

feststellen, ob bzw. in welcher Höhe die gegenüber ausländischen<br />

Versicherungsträgern geltend gemachten Forderungen erstattet worden<br />

waren. (TZ 32)<br />

Kostendeckungsgrad<br />

Da in Wien der Betriebsabgang der Fondskrankenanstalten außerhalb<br />

<strong>des</strong> Fonds finanziert wurde, konnte der WGF gegenüber den<br />

ausländischen Versicherungsträgern nicht die vollen Kosten geltend<br />

machen. <strong>Der</strong> RH schätzte den damit verbundenen Einnahmenverzicht<br />

zu Lasten <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> Wien im Jahr 2007 auf rd. 4,3 Mill. EUR.<br />

(TZ 33)<br />

Wien 2010/2 141


Kenndaten zur Gesundheitsreform<br />

Rechtsgrundlagen Vereinbarung gemäß Art. 15a B‑VG über die Organisation und Finanzierung <strong>des</strong><br />

Gesundheitswesens für den Zeitraum 2005 bis 2008 BGBl. I 73/2005<br />

Vereinbarung gemäß Art. 15a B‑VG über die Organisation und Finanzierung <strong>des</strong><br />

Gesundheitswesens für den Zeitraum 2008 bis 2013 BGBl. I 105/2008<br />

Krankenanstalten– und Kuranstaltengesetz – KAKuG, BGBl. Nr. 1/1957 i.d.g.F.<br />

Tiroler Krankenanstaltengesetz – Tir KAG, LGBl. Nr. 5/1958 i.d.g.F.<br />

Wiener Krankenanstaltengesetz – Wr KAG, LGBl. Nr. 1/1958 i.d.g.F.<br />

Tiroler Gesundheitsfondsgesetz – TGFG, LGBl. Nr. 2/2006 i.d.g.F.<br />

Wiener Gesundheitsfondsgesetz – WGFG, LGBl. Nr. 3/2006 i.d.g.F.<br />

Fondsgebarung1) 2005 2006 2007<br />

Tirol Wien Tirol Wien Tirol Wien<br />

in 1.000 EUR<br />

Aufwendungen/Erträge 549.798 1.296.333 572.982 1.359.480 600.515 1.411.831<br />

Aktiva/Passiva 174.707 258.679 191.004 273.059 211.550 276.589<br />

Anzahl<br />

Fondskrankenanstalten 12 24 12 23 12 23<br />

systemisierte Betten 4.279 11.756 4.263 11.622 4.295 11.572<br />

in 1.000 EUR<br />

Kosten 728.884 2.760.063 752.001 2.841.288 768.797 2.901.749<br />

Zuschüsse 2)<br />

für den Betrieb 3) 12.384 854.757 4.845 871.867 12.543 897.427<br />

für Investitionen 18.489 90.709 24.734 142.083 28.373 144.362<br />

1) <strong>Der</strong> Anfang 2006 eingerichtete Tiroler bzw. Wiener Gesundheitsfonds (TGF bzw. WGF) war Gesamtrechtsnachfol‑<br />

ger <strong>des</strong> Tiroler bzw. Wiener Krankenanstaltenfinanzierungsfonds (TKF bzw. WKF).<br />

2) vom Land/von Gemeinden an Fondskrankenanstalten außerhalb <strong>des</strong> Fonds; für Wien inklusive der an Kranken‑<br />

anstalten angeschlossene Geriatriezentren geflossenen Zahlungen für Investitionen und Betriebskostenzuschüsse<br />

(2005 und 2006) bzw. für Investitionen (2007)<br />

3) für Tirol: ohne Gegenrechnung der Krankenanstalten mit positiven Betriebsergebnissen<br />

Quellen: Rechnungsabschlüsse 2005 bis 2007, DIAG (Dokumentations‑ und Informationssystem für Analysen im Gesund‑<br />

heitswesen), Werte gerundet<br />

142 Wien 2010/2


Prüfungsablauf und<br />

–gegenstand<br />

Wien<br />

Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

1 <strong>Der</strong> RH führte von Februar bis Juni 2009 mit Unterbrechung eine<br />

Gebarungsüberprüfung zur Gesundheitsreform 2005 durch. Prüfungs‑<br />

ziel war eine Beurteilung der Aufgaben der Lan<strong>des</strong>gesundheitsfonds<br />

(LGF) von Tirol und Wien sowie der Umsetzung von Teilbereichen der<br />

Gesundheitsreform 2005 mit Länderaspekten in Tirol und Wien.<br />

Prüfungsschwerpunkte waren insbesondere die Finanzierung und Leis‑<br />

tungsabgeltung im Wege <strong>des</strong> Tiroler Gesundheitsfonds (TGF) und <strong>des</strong><br />

Wiener Gesundheitsfonds (WGF), die Planung und Dokumentation, die<br />

Maßnahmen zur Kostendämpfung und Effizienzsteigerung, der Reform‑<br />

pool und die Verrechnung ausländischer Gastpatienten.<br />

Rechtsgrundlage der Gesundheitsreform 2005 war die Vereinba‑<br />

rung gemäß Art. 15a B–VG zwischen Bund und Ländern über die<br />

Organisation und Finanzierung <strong>des</strong> Gesundheitswesens für den Zeit‑<br />

raum 2005 bis 2008 (Reformvereinbarung 2005). Diese Vereinba‑<br />

rung wurde Ende 2007 vorzeitig beendet und durch die Vereinbarung<br />

gemäß Art. 15a B–VG über die Organisation und Finanzierung <strong>des</strong><br />

Gesundheitswesens für den Zeitraum 2008 bis 2013 (Reformvereinbarung<br />

2008) ersetzt.<br />

Zu dem im August 2009 übermittelten Prüfungsergebnis gaben das<br />

BMG, die Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung und der Wiener Stadtsenat im<br />

November 2009 ihre Stellungnahmen ab. Die Bun<strong>des</strong>gesundheits‑<br />

agentur sowie der TGF und der WGF nahmen nicht gesondert Stel‑<br />

lung. Diese war jeweils von den Stellungnahmen <strong>des</strong> BMG (für die<br />

Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur), der Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung (für den TGF)<br />

und <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats (für den WGF) mitumfasst. Eine Gegen‑<br />

äußerung <strong>des</strong> RH war nicht erforderlich.<br />

Das BMG hielt in seiner Stellungnahme grundlegend fest, dass die<br />

einvernehmlich zwischen Bund und Ländern geschlossene Reform‑<br />

vereinbarung die Grundlage für alle in Transformation dieser Ver‑<br />

einbarung in Kraft zu setzenden Gesetze sowie für das weitere Ver‑<br />

waltungshandeln darstelle. Im Rahmen dieser Vereinbarung sei auch<br />

festgelegt, dass für Beschlüsse der Bun<strong>des</strong>gesundheitskommission in<br />

allen wesentlichen Aufgabenbereichen der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagen‑<br />

tur (insbesondere betreffend die Planung, die Dokumentation und die<br />

Finanzierung) ein Einvernehmen zwischen dem Bund, den Ländern<br />

und der Sozialversicherung erforderlich sei.<br />

Wien 2010/2 143


Finanzierung<br />

Dotierung der<br />

Lan<strong>des</strong>gesundheitsfonds<br />

2.1 Zur Wahrnehmung der im Rahmen der Gesundheitsreform 2005 über‑<br />

tragenen Aufgaben im Bereich der Planung, Steuerung und Finan‑<br />

zierung <strong>des</strong> Gesundheitswesens richtete der Bund die Bun<strong>des</strong>ge‑<br />

sundheitsagentur und je<strong>des</strong> Land einen LGF ein. Diese — seit 2006<br />

bestehenden — öffentlich–rechtlichen Fonds mit eigener Rechtsper‑<br />

sönlichkeit ersetzten die bis dahin in jedem Land bestehenden Kran‑<br />

kenanstaltenfinanzierungsfonds.<br />

Die Möglichkeit, für mehrere Bun<strong>des</strong>länder gemeinsam einen LGF ein‑<br />

zurichten, nahm kein Land wahr. Je<strong>des</strong> Land richtete einen eigenen<br />

LGF ein.<br />

Die von den LGF bereitgestellten Gelder wurden überwiegend zur<br />

Finanzierung der Leistungen von Fondskrankenanstalten verwendet.<br />

Diese bestanden gemäß Reformvereinbarung 2005 aus Pflichtbeiträ‑<br />

gen (Fixbeiträge der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur, Umsatzsteueranteile<br />

<strong>des</strong> Bun<strong>des</strong>, der Länder und Gemeinden, Sozialversicherungsbeiträge<br />

und Zahlungen gemäß dem Gesundheits– und Sozialbereich–Beihil‑<br />

fengesetz – GSBG). Weitere von Ländern, Gemeinden und Krankenan‑<br />

staltenträgern insbesondere zur Deckung von Betriebsabgängen oder<br />

zur Finanzierung von Investitionen bereitgestellte Finanzmittel konn‑<br />

ten in die Fondsgebarung einfließen.<br />

Im Detail gestaltete sich die Mittelaufbringung der LGF im Jahr 2007<br />

wie folgt:<br />

144 Wien 2010/2


Wien<br />

Finanzierung Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Tabelle 1: Mittelaufbringung <strong>des</strong> TGF bzw. WGF für das Jahr 2007<br />

TGF WGF<br />

in 1.000 EUR<br />

Pflichtbeiträge Fixbeitrag Bund 22.097 57.489<br />

USt‑Anteile Bund, Länder, Gemeinden 46.129 181.324<br />

Beitrag Sozialversicherungsträger 304.234 965.249<br />

Mittel gemäß GSBG 37.514 150.697<br />

Summe 409.974 1.354.759<br />

Fakultative Beiträge Beitrag Land Tirol/Wien 77.655 —<br />

Beitrag Gemeinde(n) Tirol/Wien 77.655 —<br />

Beitrag Krankenfürsorgeanstalten 5.515 21.623<br />

Beitrag Rechtsträger 206 —<br />

Erträge aus zwischenstaatl. Abrechnung 24.321 2.116<br />

Kostenbeiträge, Selbstbehalte 3.157 6.813<br />

Sonstige Erträge 2.032 26.520<br />

Summe 190.541 57.072<br />

Gesamterlöse 600.515 1.411.831<br />

Quellen: Rechnungsabschlüsse <strong>des</strong> TGF und WGF, gerundet<br />

Die Finanzgebarung <strong>des</strong> TGF und WGF unterschied sich im Wesent‑<br />

lichen durch die Dotierung der Beiträge, die zur Betriebsabgangsde‑<br />

ckung 1) der Fondskrankenanstalten von Land, Gemeinden und Rechts‑<br />

trägern zu leisten waren.<br />

1) <strong>Der</strong> Betriebsabgang bezeichnet die Differenz zwischen den Betriebs– und Erhal‑<br />

tungskosten der Krankenanstalten und den dafür erhaltenen Einnahmen und ist<br />

vom Rechtsträger, vom Beitragsbezirk, vom Krankenanstaltensprengel und vom<br />

Bun<strong>des</strong>land abzudecken.<br />

Ziel <strong>des</strong> TGF war, Ausgaben der Tiroler Fondskrankenanstalten mög‑<br />

lichst zur Gänze durch den TGF zu finanzieren. Die Mittel <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong><br />

Tirol und der Tiroler Gemeinden zur Abdeckung <strong>des</strong> Betriebsabgangs<br />

wurden <strong>des</strong>halb für die Jahre 2006 bis 2013 im Tiroler Gesundheits‑<br />

fondsgesetz betragsmäßig festgelegt und in die Fondsgebarung ver‑<br />

einnahmt. Ein allfälliger darüber hinaus noch entstehender Restbe‑<br />

triebsabgang wurde außerhalb <strong>des</strong> Fonds finanziert.<br />

In Wien beschränkte sich die Fondsdotierung im Wesentlichen auf die<br />

Pflichtbeiträge. Die Finanzierung der Betriebsabgänge erfolgte außer‑<br />

halb <strong>des</strong> WGF. Diese Vorgangsweise war laut Stadt Wien durch die in<br />

Wien 2010/2 145


Finanzierung<br />

Wien vorhandene Krankenanstaltenstruktur von städtischen und nicht‑<br />

städtischen Spitälern bedingt.<br />

Folgende Tabelle zeigt die außerhalb der Fonds von Ländern und<br />

Gemeinden aufgebrachten Zuschüsse zur Betriebsabgangsdeckung:<br />

Tabelle 2: Außerhalb der Fonds bereitgestellte Finanzmittel zur<br />

Betriebsabgangsdeckung im Jahr 2007<br />

Tirol1) in % <strong>des</strong> Wien<br />

in 1.000 EUR Fondsvolumens<br />

2) in % <strong>des</strong><br />

in 1.000 EUR Fondsvolumens<br />

Beitrag Land<br />

Beitrag Gemeinde(n)<br />

6.394<br />

6.149<br />

1,1<br />

1,0<br />

897.427 63,6<br />

Summe 12.543 2,1 897.427 63,6<br />

1) ohne Gegenrechnung der Krankenanstalten mit positiven Betriebsergebnissen<br />

2) umfasst Transferzahlungen für den laufenden Betrieb, für Verwaltungskostenersätze an die Stadt Wien und<br />

für anteilige Pensionsausgaben der KAV‑Spitäler, Transferzahlungen an Ordensspitäler und die Betriebs‑<br />

abgangsdeckung für das Hanusch‑Krankenhaus<br />

Quellen: Amt der Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung, Abt. Krankenanstalten; Magistrat Wien, Abteilung Finanzen;<br />

Werte gerundet<br />

Während in Tirol lediglich eine Restbetriebsabgangsdeckung im Aus‑<br />

maß von rd. 2,1 % <strong>des</strong> Fondsvolumens außerhalb <strong>des</strong> Fonds finanziert<br />

wurde, stellte Wien zur Abdeckung der Betriebskosten von Fondskran‑<br />

kenanstalten Finanzmittel im Ausmaß von rd. 63,6 % <strong>des</strong> Fondsvolu‑<br />

mens außerhalb <strong>des</strong> WGF bereit.<br />

Die Finanzmittel für Investitionen in Fondskrankenanstalten wurden<br />

sowohl durch die Fonds als auch von Ländern, Gemeinden und Rechts‑<br />

trägern außerhalb <strong>des</strong> Fonds aufgebracht. Die dafür insgesamt zur<br />

Verfügung gestellten Mittel beliefen sich im Jahr 2007 in Tirol auf<br />

rd. 37,2 Mill. EUR und in Wien auf rd. 190,1 Mill. EUR. 3)<br />

3) inklusive Investitionszuschüsse für fünf an Fondskrankenanstalten angegliederte<br />

Geriatriezentren<br />

2.2 <strong>Der</strong> RH verwies darauf, dass mangels verbindlicher Regelungen die<br />

Finanzgebarung <strong>des</strong> WGF und TGF unterschiedlich gestaltet war. Die<br />

Finanzgebarung unterschied sich insbesondere durch die in Wien<br />

außerhalb <strong>des</strong> Fonds erfolgende Finanzierung der Betriebsabgänge.<br />

Damit stand dem WGF im Vergleich zum TGF eine erheblich gerin‑<br />

gere Lenkungsmasse gegenüber.<br />

146 Wien 2010/2


Wien<br />

Finanzierung Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Min<strong>des</strong>tdotierung<br />

der Lan<strong>des</strong>gesundheitsfonds<br />

Nach Ansicht <strong>des</strong> RH stellte das Ziel <strong>des</strong> TGF, Lan<strong>des</strong>– und Gemein‑<br />

demittel zur Betriebsabgangsdeckung betragsmäßig zu begrenzen und<br />

in die Fondsgebarung aufzunehmen sowie nur eine allfällige Restbe‑<br />

triebsabgangsdeckung außerhalb <strong>des</strong> Fonds durch die Krankenanstal‑<br />

tenträger zu finanzieren, für Krankenanstaltenträger einen Anreiz zur<br />

sparsamen und wirtschaftlichen Gebarung dar. Weiters konnten die<br />

LGF ihre Steuerungsaufgaben umso effektiver erfüllen, je höher der<br />

Anteil der im Wege der LGF bereitgestellten Geldmittel zur Kranken‑<br />

anstaltenfinanzierung war.<br />

Ein Vergleich der Abgeltung von Krankenanstaltenleistungen bzw. der<br />

Finanzierung von Investitionen im Wege eines Fondsvergleichs war<br />

nicht möglich. Die Gebarung der LGF war daher nicht geeignet, öster‑<br />

reichweit die Finanzierung der Fondskrankenanstalten transparent und<br />

vollständig wiederzugeben und die Voraussetzungen für eine Optimie‑<br />

rung <strong>des</strong> Mitteleinsatzes zu schaffen.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl dem BMG, im Zusammenwirken mit den Ländern im<br />

Rahmen einer allfälligen Verlängerung der Reformvereinbarung 2008<br />

auf eine einheitliche, verbindliche Dotierung der LGF hinzuwirken.<br />

Die Fondsmittel sollten dabei einen möglichst hohen Anteil der für die<br />

Krankenanstaltenfinanzierung erforderlichen Finanzmittel abdecken.<br />

Dem Land Wien empfahl der RH, eine Finanzierung <strong>des</strong> Betriebsab‑<br />

gangs von Fondsspitälern im Wege <strong>des</strong> WGF zu prüfen.<br />

2.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat hielt in seiner Stellungnahme fest, dass gemäß<br />

Wiener Krankenanstaltengesetz der WGF nur den 50 %igen Betriebsabgang<br />

für das Hanusch–Krankenhaus zu tragen habe.<br />

Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG sei eine einheitliche verbindliche Dotierung<br />

der LGF seit Jahren ein wesentliches Anliegen <strong>des</strong> Bun<strong>des</strong>. Für<br />

die Verrechnung ausländischer Gastpatienten hätten nun alle Bun<strong>des</strong>länder<br />

— teilweise zumin<strong>des</strong>t fiktiv — nahezu alle Finanzierungsmittel<br />

in die Dotierung der LGF einbezogen.<br />

3.1 Laut Reformvereinbarung 2005 waren die LGF so zu dotieren, dass<br />

zumin<strong>des</strong>t 51 % der laufenden Kosten der Krankenanstalten durch<br />

marktmäßige Umsätze (insbesondere Abgeltung der stationären und<br />

ambulanten Leistungserbringung durch die LGF) finanziert würden.<br />

Wien 2010/2 147


Finanzierung<br />

Aufsicht über die<br />

Fonds<br />

Im Jahr 2007 waren beim TGF rd. 77 % bzw. beim WGF rd. 56 % der<br />

stationären und ambulanten Endkosten 1) durch Abgeltungen aus dem<br />

Fonds gedeckt. Somit wurde die Vorgabe für die Min<strong>des</strong>tdotierung <strong>des</strong><br />

Fondsvolumens sowohl vom TGF als auch WGF erfüllt.<br />

1) <strong>Der</strong> Begriff Endkosten umfasst sämtliche (einschließlich kalkulatorische) im medi‑<br />

zinischen und nicht–medizinischen Bereich von Krankenanstalten aufgetretenen<br />

Kosten.<br />

3.2 <strong>Der</strong> RH vermerkte kritisch, dass die Regelung, wonach zumin<strong>des</strong>t<br />

51 % der laufenden Kosten der Krankenanstalten durch marktmäßige<br />

Umsätze zu finanzieren seien, nicht ausreichend war, um die Vergleich‑<br />

barkeit und Transparenz der Fondskrankenanstaltenfinanzierung zu<br />

erhöhen.<br />

3.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG erachte es die Festlegung einer Min<strong>des</strong>tdotierung<br />

für LGF als wichtige Maßnahme im Hinblick auf eine einheitliche,<br />

verbindliche Fondsdotierung.<br />

4.1 <strong>Der</strong> TGF unterlag der Aufsicht der Lan<strong>des</strong>regierung. Die Lan<strong>des</strong>re‑<br />

gierung hatte die Aufsicht dahingehend auszuüben, dass das Tiroler<br />

Gesundheitsfondsgesetz und die in seiner Durchführung erlassenen<br />

Richtlinien sowie die Geschäftsordnung der Gesundheitsplattform ein‑<br />

gehalten werden. <strong>Der</strong> Fonds hatte weiters der Lan<strong>des</strong>regierung auf<br />

Verlangen alle Auskünfte zu erteilen und ihr aus Anlass der Überprü‑<br />

fung der Wirtschaftsführung Einsicht in sämtliche Geschäftsstücke<br />

und Geschäftsbücher zu gewähren.<br />

<strong>Der</strong> WGF unterstand keiner Aufsicht.<br />

4.2 Da der WGF im Gegensatz zum TGF keiner Aufsicht unterlag, emp‑<br />

fahl der RH dem WGF, eine in die Verwaltung <strong>des</strong> WGF nicht invol‑<br />

vierte Einrichtung mit der Aufsicht <strong>des</strong> WGF zu betrauen. Er vertrat<br />

die Ansicht, dass dies erforderlich wäre, um die Einhaltung der recht‑<br />

lichen Bestimmungen sicherzustellen und die Wirtschaftsführung über‑<br />

prüfen zu können.<br />

4.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat sagte dies in seiner Stellungnahme zu. Ein entsprechender<br />

Regelungsentwurf sei in Ausarbeitung.<br />

148 Wien 2010/2


Wien<br />

Finanzierung Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Abgangsdeckung<br />

Hanusch–Krankenhaus<br />

5.1 Gemäß dem Wiener Krankenanstaltengesetz hatte der WGF 1) seit 1997<br />

einen jährlichen Zuschuss in Höhe von 50 % <strong>des</strong> Betriebsabgangs<br />

an öffentliche Fondskrankenanstalten, deren Rechtsträger nicht die<br />

Stadt Wien war, zu leisten. Die dafür erforderlichen Finanzmittel hatte<br />

das Land Wien dem Fonds bereitzustellen. Die aufgrund dieser Rege‑<br />

lung im Zeitraum 2005 bis 2007 gewährten Finanzmittel betrugen<br />

rd. 76,4 Mill. EUR und wurden ausschließlich dem Hanusch–Kranken‑<br />

haus gewährt. 2)<br />

1) bzw. sein Vorgänger, der Wiener Krankenanstaltenfinanzierungsfonds<br />

2) Das Orthopädische Spital Speising hatte aufgrund seines Status als Krankenanstalt<br />

mit Öffentlichkeitsrecht auch Anspruch auf eine 50 %ige Betriebsabgangsdeckung<br />

durch die Stadt Wien, verzichtet jedoch zugunsten einer anderen Zuschussgewäh‑<br />

rung auf diese Mittel.<br />

<strong>Der</strong> vom WGF zu leistende Zuschuss zum Betriebsabgang <strong>des</strong> Hanusch–<br />

Krankenhauses wurde jedoch nicht durch diesen, sondern direkt von<br />

der Stadt Wien budgetiert und geleistet. <strong>Der</strong> Magistrat Wien begründete<br />

diese Vorgangsweise mit der damit verbundenen Verwaltungsvereinfa‑<br />

chung und der Vermeidung einer Bilanzverlängerung beim WGF.<br />

Die von der Regelung mangels Öffentlichkeitsrecht nicht umfassten<br />

Ordensspitäler erhielten von der Stadt Wien aufgrund einer mehrjährigen<br />

Subventionsvereinbarung jährlich Zuschüsse. Die dafür bereitgestellten<br />

Finanzmittel erreichten im Zeitraum 2005 bis 2007 rd. 64,8 Mill. EUR<br />

und wurden außerhalb der Gebarung <strong>des</strong> WGF gewährt.<br />

5.2 Sowohl die Budgetierung als auch die Gewährung <strong>des</strong> vom WGF zu<br />

leistenden Zuschusses an das Hanusch–Krankenhaus in Höhe von 50 %<br />

<strong>des</strong> Betriebsabgangs erfolgte außerhalb <strong>des</strong> WGF und widersprach<br />

damit den geltenden lan<strong>des</strong>gesetzlichen Grundlagen.<br />

<strong>Der</strong> RH vertrat die Ansicht, dass zur Optimierung der dem WGF zukom‑<br />

menden Steuerungsfunktion die Abwicklung der von Ländern und<br />

Gemeinden an Fondskrankenanstalten gewährten Mittel möglichst zur<br />

Gänze im Wege der LGF erfolgen sollte. Er empfahl dem Land Wien,<br />

eine gesetzeskonforme Abwicklung <strong>des</strong> vom Land Wien bereitzustel‑<br />

lenden Beitrags zur Betriebsabgangsdeckung <strong>des</strong> Hanusch–Kranken‑<br />

hauses sicherzustellen und eine zukünftige Gewährung der Zuschüsse<br />

für fondsfinanzierte Ordensspitäler im Wege <strong>des</strong> WGF zu prüfen.<br />

Wien 2010/2 149


Finanzierung<br />

Mittel der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur<br />

für<br />

den Wiener Gesundheitsfonds<br />

Einheitliches<br />

<strong>Bericht</strong>ssystem<br />

5.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats sei der gesetzeskonformen<br />

Abwicklung <strong>des</strong> Beitrags der Stadt Wien zur Betriebsabgangsdeckung<br />

<strong>des</strong> Hanusch–Krankenhauses bereits bei der Erstellung <strong>des</strong> Voranschlags<br />

2010 entsprochen worden. Die von der Stadt Wien den gemeinnützigen<br />

Wiener Ordensspitälern gewährten Subventionen seien eine<br />

freiwillige Unterstützung, die sich nicht an den Betriebsabgängen der<br />

einzelnen Häuser orientiere und mit der gesetzlichen Regelung für<br />

das Hanusch–Krankenhaus nicht vergleichbar sei. Darüber hinaus<br />

bestünde gemäß dem Wiener Krankenanstaltengesetz keine Verpflichtung,<br />

Zuschüsse für Ordensspitäler im Wege <strong>des</strong> WGF zu gewähren.<br />

6.1 Obwohl die Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur ihre für die LGF bereitzu‑<br />

stellenden Mittel direkt an diese zu leisten hatte, erhielt sie der WGF<br />

im Wege <strong>des</strong> Budgets der Stadt Wien.<br />

6.2 <strong>Der</strong> RH empfahl dem WGF, die von der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur<br />

zufließenden Fondsmittel unmittelbar beim WGF zu budgetieren und<br />

zu vereinnahmen.<br />

6.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats sei dieser Empfehlung im<br />

Rahmen <strong>des</strong> Voranschlags 2010 bereits entsprochen worden.<br />

7.1 Die Reformvereinbarungen 2005 bzw. 2008 sahen vor, in den LGF die<br />

Rechnungsabschlüsse der Krankenanstalten(verbände) und der Sozial‑<br />

versicherung transparent darzustellen. In den <strong>Bericht</strong>en <strong>des</strong> TGF und<br />

WGF waren diesbezüglich jedoch nur statistische Daten und Basis‑<br />

kennzahlen von Fondskrankenanstalten enthalten.<br />

Ein bis Mitte 2008 von der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur zu erarbeiten‑<br />

<strong>des</strong> einheitliches <strong>Bericht</strong>ssystem zu den Ergebnissen der Rechnungs‑<br />

abschlüsse der Fondskrankenanstalten lag zum vereinbarten Termin<br />

noch nicht vor.<br />

7.2 <strong>Der</strong> RH empfahl der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur, nach Erarbeitung der<br />

Verordnung zum <strong>Bericht</strong>swesen von Rechnungsabschlüssen in Kran‑<br />

kenanstalten Art und Form der Darstellung von Fondskrankenanstal‑<br />

ten und Sozialversicherung in den LGF zu präzisieren.<br />

7.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG wurde die Verordnung Ende 2009 verlautbart.<br />

Eine bun<strong>des</strong>weit einheitliche <strong>Bericht</strong>erstattung solle durch<br />

Schulungsveranstaltungen gewährleistet werden. Geplante Gespräche<br />

mit den Ländern und der Sozialversicherung würden auf eine standardisierte<br />

<strong>Bericht</strong>serstattung abzielen.<br />

150 Wien 2010/2


Wien<br />

Finanzierung Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Vergleichbarkeit von<br />

Kennzahlen<br />

Abgeltung von Leistungen<br />

Leistungsorientierte<br />

Krankenanstaltenfinanzierung<br />

8.1 Fondskrankenanstalten hatten das Betriebsergebnis bzw. das um<br />

nicht krankenanstaltenspezifische Ausgaben und Einnahmen berei‑<br />

nigte Betriebsergebnis auszuweisen. Mangels bun<strong>des</strong>weit einheitlicher<br />

Erhebungsmethode waren die für Tiroler und Wiener Fondskranken‑<br />

anstalten erhobenen (bereinigten) Betriebsergebnisse jedoch nicht ver‑<br />

gleichbar.<br />

8.2 <strong>Der</strong> RH empfahl dem BMG, die Vergleichbarkeit von Kennzahlen insbe‑<br />

sondere bei der in Ausarbeitung befindlichen Verordnung zum <strong>Bericht</strong>s‑<br />

wesen von Krankenanstalten–Rechnungsabschlüssen zu beachten.<br />

8.3 Das BMG sagte dies zu.<br />

9.1 Ursprüngliches Ziel der Leistungsorientierten Krankenanstaltenfi‑<br />

nanzierung (LKF–System) war es, ein österreichweit einheitliches<br />

leistungsorientiertes Vergütungssystem unter Berücksichtigung <strong>des</strong><br />

Krankenanstaltentyps zu entwickeln. Dieses Modell beruhte auf dem<br />

Grundgedanken, erbrachte Behandlungen auf Basis von leistungsori‑<br />

entierten Diagnosefallgruppen (LDF) leistungsorientiert abzurechnen.<br />

Stationäre Leistungen wurden seit 1997 nach dem LKF–System abge‑<br />

golten.<br />

Das LKF–Modell 2009 enthielt rd. 1.000 Diagnosefallgruppen, denen<br />

ein LDF–Pauschale (LKF–Punkte) zugeordnet war. Das je LKF–Punkt<br />

erstattete Entgelt bemaß sich an dem vom jeweiligen Fonds für sta‑<br />

tionäre Krankenhausleistungen bereitgestellten Finanzvolumen und<br />

war in jedem Bun<strong>des</strong>land unterschiedlich hoch.<br />

Das LKF–System setzte sich aus je einem Kern– und Steuerungsbereich<br />

zusammen. <strong>Der</strong> Kernbereich war österreichweit einheitlich gestaltet. <strong>Der</strong><br />

Steuerungsbereich oblag dem Gestaltungsspielraum der Länder, die auf<br />

die besonderen Versorgungsfunktionen von Krankenanstalten Rücksicht<br />

nehmen konnten. Einheitliche Vorgaben über einen Verteilungsschlüs‑<br />

sel zwischen Kern– und Steuerungsbereich oder zur Ausgestaltung <strong>des</strong><br />

Steuerungsbereichs bestanden nicht. Dementsprechend unterschiedlich<br />

waren die Abrechnungsmodalitäten beim TGF bzw. WGF gestaltet.<br />

<strong>Der</strong> TGF teilte die für den stationären Bereich vorgesehenen Fonds‑<br />

mittel seit 1997 im Verhältnis 70:30 zwischen dem Kern– und Steue‑<br />

rungsbereich auf. Im Steuerungsbereich wurde die Zentralversorgungs‑<br />

funktion <strong>des</strong> LKH Innsbruck berücksichtigt.<br />

Wien 2010/2 151


Abgeltung von Leistungen<br />

Ausgestaltung <strong>des</strong><br />

Steuerungsbereichs<br />

beim Wiener Gesundheitsfonds<br />

In Wien waren die für den stationären Bereich vorgesehenen Finanz‑<br />

mittel zur Gänze dem Steuerungsbereich zugeteilt. Im Zeitraum 2005<br />

bis 2008 wurden dabei insbesondere Krankenanstalten mit einer Zent‑<br />

ral– oder Schwerpunktfunktion bzw. orthopädischen Versorgungsfunk‑<br />

tion sowie die Auslastung von Krankenanstalten berücksichtigt. Für<br />

das Jahr 2009 war vorgesehen, die Mittel zur Gänze im Kernbereich<br />

zu verteilen.<br />

9.2 Durch die weitreichende Gestaltungsfreiheit der Länder im Bereich <strong>des</strong><br />

LKF–Modells war nicht das ursprüngliche Ziel, ein bun<strong>des</strong>weit ein‑<br />

heitliches Vergütungssystem zu entwickeln, sondern die fehlende Ver‑<br />

gleichbarkeit der Abrechnungsergebnisse bestimmend für das LKF–Sys‑<br />

tem. Entsprechende Bedenken hatte der RH bereits in einem Vorbericht<br />

(Reihe Bund 2000/4) geäußert.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl dem BMG, im Zusammenwirken mit den Ländern im<br />

Rahmen einer allfälligen Verlängerung der Reformvereinbarung die<br />

Mittelverteilung zwischen dem Kern– und Steuerungsbereich und das<br />

maximale Ausmaß der Gewichtungsfaktoren im Steuerungsbereich<br />

einheitlich zu regeln.<br />

9.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG sei es um eine möglichst bun<strong>des</strong>einheitliche<br />

Umsetzung <strong>des</strong> LKF–Systems bemüht und beabsichtige es, die Ausgestaltung<br />

<strong>des</strong> Steuerungsbereichs in den LGF strenger zu prüfen.<br />

10.1 Für die Ausgestaltung <strong>des</strong> Steuerungsbereichs waren Parameter festge‑<br />

legt. Bis Ende 2004 konnten sechs unterschiedliche Parameter, beispiels‑<br />

weise die Auslastung von Krankenanstalten, berücksichtigt werden. Ab<br />

2005 konnte im Steuerungsbereich ausschließlich auf die besondere<br />

Versorgungsfunktion von Krankenanstalten abgestellt werden.<br />

Das LKF–Modell <strong>des</strong> WGF berücksichtigte auch im Zeitraum 2005 bis<br />

2008 bei bis zu fünf Fondskrankenanstalten, deren Auslastung weni‑<br />

ger als 80 % betrug, einen Abschlagsfaktor. Für 2009 war dieser Fak‑<br />

tor nicht mehr vorgesehen.<br />

10.2 <strong>Der</strong> RH beurteilte die Weiterverwendung <strong>des</strong> Parameters „Auslastung“<br />

von 2005 bis 2008 als nicht vereinbarungskonform.<br />

Zur Sicherstellung einer vergleichbaren Gestaltung <strong>des</strong> Steuerungsbe‑<br />

reichs empfahl der RH dem BMG, im Zusammenwirken mit den Ländern<br />

auf klar definierte Kriterien für den Steuerungsbereich hinzuwirken.<br />

10.3 Das BMG sagte dies zu.<br />

152 Wien 2010/2


Wien<br />

Abgeltung von Leistungen Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Abgeltung von ambulanten<br />

Leistungen<br />

11.1 Die Lan<strong>des</strong>gesetzgebung hatte gemäß dem Krankenanstalten– und Kur‑<br />

anstaltengesetz zu bestimmen, in welcher Form ambulante Leistungen<br />

von Fondskrankenanstalten durch den LGF abgegolten werden.<br />

In Ausführung dieses Grundsatzgesetzes legte das Tiroler Kranken‑<br />

anstaltengesetz fest, dass an sozialversicherten Patienten erbrachte<br />

Leistungen <strong>des</strong> spitalsambulanten Bereichs im Wege der Ambulanz‑<br />

gebührenersätze abzugelten sind. Die Abgeltung erfolgte im Rahmen<br />

eines leistungsorientierten Verrechnungsmodells, dem ein jährlich von<br />

der Lan<strong>des</strong>gesundheitsplattform beschlossener Ambulanzabrechnungs‑<br />

katalog zugrunde lag.<br />

Das Wiener Krankenanstaltengesetz enthielt selbst keine Bestimmun‑<br />

gen zur Verrechnung von ambulanten Leistungen und übertrug dem<br />

WGF die Aufgabe, bis zur Einführung eines bun<strong>des</strong>weit einheitlichen<br />

Abrechnungssystems für ambulante Leistungen Abgeltungsbestim‑<br />

mungen zu definieren. <strong>Der</strong> WGF legte in seinen Richtlinien fest, dass<br />

gegenüber sozialversicherten Patienten erbrachte ambulante Leistun‑<br />

gen pauschal abgegolten werden.<br />

Nachstehende Tabelle stellt den Gebarungsumfang der gegenüber sozi‑<br />

alversicherten Patienten (inklusive ausländischen sozialversicherten<br />

Gastpatienten) von Fondskrankenanstalten im Zeitraum 2005 bis 2007<br />

erbrachten ambulanten Leistungen dar.<br />

Tabelle 3: Fondsmittel für ambulante Krankenanstaltenleistungen im<br />

Zeitraum 2005 bis 2007 (ohne Mittel gemäß Gesundheits- und<br />

Sozialbereich–Beihilfengesetz)<br />

insgesamt<br />

Fondsmittel<br />

Anteil der Fondsmittel<br />

am Fondsvolumen für<br />

ambulante und stationäre<br />

Krankenanstaltenbetriebsleistungen<br />

Endkosten der<br />

ambulanten<br />

Patientenversorgung in<br />

Fondskrankenanstalten<br />

in Mill. EUR in % in Mill. EUR<br />

jährlicher<br />

Durchschnitt<br />

insgesamt bzw.<br />

jährlicher Durchschnitt<br />

jährlicher<br />

Durchschnitt<br />

TGF 186,3 63,8 13,0 120,2<br />

WGF 240,7 80,2 6,8 410,3<br />

Quellen: Rechnungsabschlüsse der LGF 2005 bis 2007; DIAG (Dokumentations– und Informationssystem für<br />

Analysen im Gesundheitswesen)<br />

Wien 2010/2 153


Abgeltung von Leistungen<br />

Abgeltung von Leistungen<br />

im Nebenkostenstellenbereich<br />

Die in der Reformvereinbarung 2005 für Anfang 2007 geplante Ein‑<br />

führung eines bun<strong>des</strong>weit einheitlichen Modells zur leistungsorien‑<br />

tierten Abgeltung im gesamten ambulanten Bereich war zur Zeit der<br />

Überprüfung durch den RH noch nicht realisiert. Die Reformverein‑<br />

barung 2008 sah eine sektorübergreifende Finanzierung von ambu‑<br />

lanten Leistungen vor und zielte auf ein einheitliches Abrechnungs‑<br />

system für den ambulanten Bereich ab.<br />

11.2 Zu den in Tirol und Wien verwendeten unterschiedlichen Modellen<br />

zur ambulanten Leistungsabgeltung vermerkte der RH, dass weder die<br />

Leistungen noch die im Wege der LGF bezahlten Leistungsentgelte ver‑<br />

gleichbar waren. Die unterschiedlichen Verrechnungssysteme und die<br />

unterschiedliche Fondsdotierung bewirkten, dass die für Ambulanzleis‑<br />

tungen bereitgestellten Fondsmittel in Wien lediglich rd. 25 % höher<br />

waren als in Tirol, obwohl die für diesen Bereich entstandenen End‑<br />

kosten in Wien mehr als drei Mal so hoch waren als in Tirol.<br />

<strong>Der</strong> RH anerkannte die in den Reformvereinbarungen enthaltene Absicht,<br />

ein bun<strong>des</strong>weit einheitliches Modell zur ambulanten Leistungsabgel‑<br />

tung einzuführen und empfahl dem BMG, im Zusammenwirken mit den<br />

Ländern dieses Ziel weiter zu verfolgen und umzusetzen.<br />

12.1 Gemäß dem Kranken– und Kuranstaltengesetz hatte die Lan<strong>des</strong>gesetz‑<br />

gebung zu bestimmen, in welcher Form Leistungen im Nebenkosten‑<br />

stellenbereich 1) durch den LGF abgegolten werden.<br />

1) Nebenkostenstellenbereiche sind jene kostenverursachenden Teilbereiche der Kran‑<br />

kenanstalten, die Leistungen nicht unmittelbar am Patienten erbringen. Dazu zäh‑<br />

len beispielsweise Kosten für Gesundheits– und Krankenpflegeschulen, Personal–<br />

und Dienstwohnungen sowie Pensionen bzw. Pensionszuschüsse.<br />

Das Tiroler Gesundheitsfondsgesetz und die Richtlinien <strong>des</strong> TGF ent‑<br />

sprachen diesen Vorgaben. Im Zeitraum 2005 bis 2007 stellte der TGF<br />

für Nebenkostenstellen und den Fachhochschulbereich 5,5 % der für<br />

Betriebsleistungen von Fondskrankenanstalten vorgesehenen Mittel<br />

bzw. rd. 82 Mill. EUR zur Verfügung.<br />

Das Wiener Krankenanstaltengesetz legte zwar fest, dass der WGF zu<br />

bestimmen hatte, in welcher Form Leistungen im Nebenkostenstellen‑<br />

bereich abgegolten werden; nähere Bestimmungen dazu fehlten. Die<br />

im Nebenkostenstellenbereich entstandenen Kosten wurden außerhalb<br />

<strong>des</strong> Fonds finanziert.<br />

154 Wien 2010/2


Planung und Dokumentation<br />

Leistungsangebotsplanung<br />

Österreichischer<br />

Strukturplan<br />

Gesundheit<br />

Wien<br />

Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

12.2 <strong>Der</strong> RH kritisierte, dass in Wien die Leistungsabgeltung im Nebenkos‑<br />

tenstellenbereich außerhalb <strong>des</strong> WGF erfolgte. <strong>Der</strong> RH empfahl dem<br />

Land Wien, zukünftig eine Abgeltung von Leistungen im Nebenkos‑<br />

tenstellenbereich im Wege <strong>des</strong> WGF vorzunehmen.<br />

12.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat sagte dies zu.<br />

13 Durch die Gesundheitsreform 2005 sollte insbesondere die strikte Tren‑<br />

nung der einzelnen Sektoren <strong>des</strong> Gesundheitswesens überwunden wer‑<br />

den. In diesem Sinn sah die Reformvereinbarung 2005 in der Präambel<br />

und dem Art. 3 Abs. 1 eine österreichweite integrierte Leistungsan‑<br />

gebotsplanung vor, die alle Bereiche der Gesundheitsversorgung zu<br />

umfassen hatte. Diese betrafen den stationären Bereich, den ambu‑<br />

lanten Bereich, den Rehabilitationsbereich sowie die Nahtstellen zum<br />

Pflegebereich.<br />

Im Rahmen dieser umfassenden integrierten Leistungsangebotsplanung<br />

sollten strukturelle Fehlentwicklungen, die als Folge der bisher fehlen‑<br />

den Koordination und Kooperation der jeweiligen Versorgungsbereiche<br />

<strong>des</strong> Gesundheitswesens entstanden waren, beseitigt werden.<br />

Gemäß Art. 22 Abs. 1 Z 6 der Reformvereinbarung 2005 und den im<br />

Österreichischen Strukturplan Gesundheit 2006 festgelegten Zielen und<br />

Planungsgrundsätzen sollte durch eine Verlagerung von Kapazitäten<br />

und Leistungen in andere Versorgungsbereiche insbesondere auch eine<br />

Entlastung der Krankenanstalten stattfinden.<br />

Die Leistungsangebotsplanung löste die bisherige Planung im Rahmen<br />

<strong>des</strong> Österreichischen Krankenanstaltenplans/Großgeräteplans ab, die<br />

sich darauf beschränkte, Standorte und Kapazitäten der Fondskran‑<br />

kenanstalten (Betten, Fächerstruktur, Ausstattung mit medizinisch–<br />

technischen Großgeräten) festzulegen.<br />

14.1 Gemäß Art. 4 Abs. 1 der Reformvereinbarung 2005 bildete der Öster‑<br />

reichische Strukturplan Gesundheit (ÖSG) die verbindliche Grundlage<br />

für die integrierte Leistungsangebotsplanung und beinhaltete gleich‑<br />

zeitig die Rahmenplanung für Detailplanungen auf regionaler Ebene<br />

(die Regionalen Strukturpläne Gesundheit) bzw. auf Ebene einzelner<br />

Bereiche der Gesundheitsversorgung.<br />

Wien 2010/2 155


Planung und Dokumentation<br />

<strong>Der</strong> ÖSG legte das Min<strong>des</strong>tangebot bzw. die erforderliche Min<strong>des</strong>t‑<br />

menge an medizinischer Behandlung und Betreuung nach Fallgrup‑<br />

pen zur Versorgung der Bevölkerung in 32 Versorgungsregionen bzw.<br />

vier Versorgungszonen durch Prognoseberechnungen fest.<br />

Für die Leistungserbringung waren grundsätzlich keine Standorte,<br />

Organisationsformen und Versorgungsbereiche vorgegeben. Voraus‑<br />

setzung für die Leistungserbringung war, dass bestimmte Qualitätskri‑<br />

terien (z.B. Ausstattung, Min<strong>des</strong>tfrequenzen) eingehalten wurden.<br />

Gemäß der Reformvereinbarung 2005 hatte der ÖSG eine Leistungs‑<br />

angebotsplanung für den stationären Akutbereich zu umfassen. Die<br />

Leistungsangebotsplanung für die übrigen Bereiche war sukzessive bis<br />

zum Ende der Vereinbarungsperiode im Jahr 2008 verbindlich festzu‑<br />

legen und in den ÖSG aufzunehmen.<br />

<strong>Der</strong> auf Basis der Reformvereinbarung 2005 mit dem Planungshori‑<br />

zont 2010 erstellte ÖSG 2006 enthielt Planungsaussagen ausschließ‑<br />

lich zum stationären Akutbereich. In den übrigen Versorgungsberei‑<br />

chen wurde der Ist–Stand der Versorgungsstruktur dargestellt.<br />

Die Reformvereinbarung 2008 sah vor, dass eine Leistungsangebots‑<br />

planung in jenen Bereichen vorzunehmen wäre, wo die Datengrund‑<br />

lagen dies ermöglichen würden. Ein verbindlicher Zeithorizont für die<br />

Realisierung war nicht vereinbart. Allerdings war für den ambulanten<br />

Bereich vorgesehen, dass möglichst ab 2009 vergleichbare Datengrund‑<br />

lagen vorliegen sollten.<br />

<strong>Der</strong> auf Basis der Reformvereinbarung 2008 im März 2009 beschlos‑<br />

sene ÖSG 2008 enthielt Planungsaussagen weiterhin nur zum statio‑<br />

nären Akutbereich.<br />

14.2 Die in der Reformvereinbarung 2005 festgelegte Zielsetzung, bis zum<br />

vorgesehenen Ende der Vereinbarungsperiode im Jahr 2008 über den<br />

stationären Akutbereich hinausgehend auch für die übrigen Bereiche<br />

der Gesundheitsversorgung eine Leistungsangebotsplanung zu entwi‑<br />

ckeln, erwies sich als nicht realistisch.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur, die Entwicklung eines<br />

umfassenden, über den stationären Akutbereich hinausreichenden ÖSG<br />

weiter voranzutreiben.<br />

156 Wien 2010/2


Wien<br />

Planung und Dokumentation Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Regionale Strukturpläne<br />

Gesundheit<br />

14.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG würde es auch in seiner Funktion als<br />

Geschäftsführung der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur kontinuierlich das<br />

Ziel eines umfassenden, über den stationären Akutbereich hinausreichenden<br />

ÖSG im Rahmen seiner Möglichkeiten verfolgen (z.B. durch<br />

die Entwicklung von entsprechenden Arbeitsprogrammen).<br />

In einer von den Ländern initiierten und geleiteten Arbeitsgruppe würden<br />

seit dem Frühjahr 2009 die Grundsätze und das zukünftige Prozedere<br />

für die ÖSG–Weiterentwicklung gemeinsam mit Bund und Sozialversicherung<br />

abgestimmt. Aufbauend auf diesen Festlegungen würden<br />

beginnend mit dem Jahr 2010 die notwendigen Erweiterungen <strong>des</strong> ÖSG<br />

auf alle Bereiche <strong>des</strong> Gesundheitswesens schrittweise vorgenommen.<br />

15.1 Gemäß Art. 4 Abs. 1 der Reformvereinbarungen 2005 und 2008 waren<br />

in den Bun<strong>des</strong>ländern auf Basis <strong>des</strong> als Rahmenplan erstellten ÖSG<br />

Detailplanungen in Form Regionaler Strukturpläne Gesundheit (RSG)<br />

zu erstellen.<br />

Die RSG sollten ebenso wie der ÖSG im Sinne einer integrierten Gesund‑<br />

heitsplanung alle Bereiche der Gesundheitsversorgung und angren‑<br />

zende Bereiche beinhalten sowie Verlagerungspotenziale zwischen den<br />

Bereichen der Gesundheitsversorgung berücksichtigen.<br />

Die Reformvereinbarungen enthielten weder Vorgaben in metho‑<br />

discher Hinsicht noch bezüglich der in die RSG aufzunehmenden<br />

(Min<strong>des</strong>t–)Inhalte. Auch der Zeitraum, auf den sich die Planungspe‑<br />

riode beschränken sollte (Planungshorizont), wurde nicht festgelegt.<br />

Die Bun<strong>des</strong>länder Wien und Tirol hatten bis Anfang 2009 noch keine<br />

RSG erstellt.<br />

Regionaler Strukturplan Gesundheit Tirol<br />

<strong>Der</strong> TGF beabsichtigte, den RSG Tirol in den Modulen stationär (akut‑<br />

stationär), ambulant und Nahtstellen zu erstellen. Das Land Tirol beauf‑<br />

tragte die Gesundheit Österreich GmbH im Februar 2007 zunächst mit<br />

Planungsarbeiten für den stationären Bereich der Versorgungsregion<br />

Nord Ost und im Jänner 2008 mit der Erstellung <strong>des</strong> stationären Moduls<br />

für alle Tiroler Versorgungsregionen.<br />

Die Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung beauftragte die zuständigen Organisati‑<br />

onseinheiten <strong>des</strong> Amtes der Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung mit Beschluss vom<br />

März 2008, den ÖSG in den RSG Tirol umzusetzen.<br />

Wien 2010/2 157


Planung und Dokumentation<br />

Die Planungsarbeiten im stationären Modul für alle vier Versorgungs‑<br />

regionen begannen im ersten Quartal 2009. Nach deren Abschluss<br />

beschloss die Gesundheitsplattform das stationäre Modul <strong>des</strong> RSG Tirol<br />

im Juni 2009. Es war geplant, die entsprechende Verordnung der Lan‑<br />

<strong>des</strong>regierung im August bzw. September 2009 zu erlassen.<br />

Die Ausschreibung <strong>des</strong> ambulanten Moduls war für das Jahr 2009 ge‑<br />

plant, die Auftragsvergabe <strong>des</strong> Moduls Nahtstellen soll im Jahr 2010<br />

erfolgen. Hinsichtlich der Umsetzung der beiden Module war laut einer<br />

Einschätzung der Geschäftsführung der Gesundheitsplattform mit meh‑<br />

reren Jahren zu rechnen.<br />

Regionaler Strukturplan Gesundheit Wien<br />

<strong>Der</strong> WGF beabsichtigte, einen integrierten, alle Bereiche umfassenden<br />

RSG zu erstellen. Er vergab im Oktober 2008 die Planungsarbeiten<br />

für den akutstationären Bereich, die medizinisch–technischen Groß‑<br />

geräte sowie die Nahtstellen an ein Consultingunternehmen und im<br />

Februar 2009 für den ambulanten Bereich an die Gesundheit Öster‑<br />

reich GmbH.<br />

15.2 <strong>Der</strong> RH beanstandete, dass die Reformvereinbarungen weder Vorgaben<br />

zur Methode der RSG–Erstellung noch zu den in die RSG aufzuneh‑<br />

menden Min<strong>des</strong>tinhalten enthielten und dass auch der Planungshori‑<br />

zont nicht einheitlich festgelegt war. Das Fehlen jeglicher Standar‑<br />

disierung erschwerte den bun<strong>des</strong>länderübergreifenden Vergleich der<br />

regionalen Planungen. Darauf aufbauende Interpretationen büßten an<br />

Aussagekraft und Akzeptanz ein. <strong>Der</strong> RH empfahl der Bun<strong>des</strong>gesund‑<br />

heitsagentur, auf eine Vereinheitlichung der RSG in methodischer und<br />

inhaltlicher Hinsicht hinzuwirken sowie einheitliche Planungshori‑<br />

zonte zu vereinbaren.<br />

Da Anfang 2009 in den Bun<strong>des</strong>ländern Tirol und Wien noch keine RSG<br />

vorlagen, empfahl der RH den LGF Wien und Tirol, die Erstellung der<br />

RSG zügig voranzutreiben.<br />

15.3 Laut Stellungnahme der Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung sei der RSG Tirol 2015<br />

(stationäres Modul) in der Sitzung der Gesundheitsplattform vom<br />

15. Juni 2009 einstimmig beschlossen worden. Die Beschlussfassung<br />

der darauf aufbauenden Verordnung hinsichtlich <strong>des</strong> Tiroler Krankenanstaltenplans<br />

2009 sei in der Sitzung der Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung am<br />

20. Oktober 2009 erfolgt.<br />

158 Wien 2010/2


Wien<br />

Planung und Dokumentation Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Dokumentation ambulanter<br />

Diagnosen<br />

und Leistungen<br />

<strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat teilte mit, dass der integrierte RSG Wien in der<br />

Ausprägung stationärer Teil, ambulanter Teil, medizinisch–technische<br />

Großgeräte im intramuralen und extramuralen Bereich sowie Planung<br />

an den Nahtstellen der Wiener Gesundheitsplattform in der Herbstsitzung<br />

2009 der Wiener Gesundheitsplattform beschlossen worden sei.<br />

Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG sei ihm eine bessere Vergleichbarkeit<br />

der RSG ein wesentliches Anliegen, das kontinuierlich verfolgt werde.<br />

Seitens der Länder bestehe ein grundsätzliches Verständnis für dieses<br />

Ziel.<br />

16.1 Die ambulante Versorgung erfolgte durch Spitalsambulanzen in den<br />

Akutkrankenanstalten, durch Ambulatorien und durch niedergelas‑<br />

sene Ärzte. Im Gegensatz zur stationären medizinischen Versorgung<br />

existierte für den ambulanten Versorgungsbereich keine bun<strong>des</strong>weit<br />

einheitliche Diagnosendokumentation und keine bun<strong>des</strong>weit einheit‑<br />

liche Leistungsdokumentation, wodurch die Leistungen im spitalsam‑<br />

bulanten und niedergelassenen Bereich nicht vergleichbar waren.<br />

Ebenso konnten die zwischen diesen Gesundheitsbereichen bestehen‑<br />

den Wechselbeziehungen und Synergiepotenziale nicht bzw. nur ein‑<br />

geschränkt analysiert werden. Die Planung und Steuerung der einzel‑<br />

nen Sektoren erfolgte voneinander getrennt und nicht aufeinander<br />

abgestimmt.<br />

Die Reformvereinbarung 2005 sah daher vor, dass Bund und Länder<br />

im spitalsambulanten Bereich eine bun<strong>des</strong>weit einheitliche Dokumen‑<br />

tation der Diagnosen und eine bun<strong>des</strong>weit einheitliche Leistungsdo‑<br />

kumentation sicherstellen sollten.<br />

Die Diagnosendokumentation wurde bisher nicht umgesetzt. Hinsicht‑<br />

lich der im intra– und extramuralen Bereich erbrachten ambulanten<br />

Leistungen beschloss die Bun<strong>des</strong>gesundheitskommission, bis zum<br />

31. Dezember 2007 einen gemeinsamen Katalog vorzulegen.<br />

Ende <strong>des</strong> Jahres 2007 lag ein vorläufiger Leistungskatalog zur Doku‑<br />

mentation von Leistungsdaten im spitalsambulanten und niedergelas‑<br />

senen Bereich vor. Er beruhte auf den spitalsambulanten Katalogen<br />

von vier Bun<strong>des</strong>ländern und der Allgemeinen Unfallversicherungs‑<br />

anstalt sowie auf der Metahonorarordnung <strong>des</strong> Hauptverbands der<br />

Sozialversicherungsträger und deckte alle medizinischen Fachhaupt‑<br />

bereiche, außer Zahn–, Mund– und Kieferheilkunde, ab.<br />

Wien 2010/2 159


Planung und Dokumentation<br />

Modellversuche zur<br />

integrierten fachärztlichen<br />

Versorgung<br />

Dieser vorläufige Leistungskatalog war für eine bun<strong>des</strong>weite Leistungs‑<br />

angebotsplanung noch nicht geeignet und wurde im Jahr 2008 weiter‑<br />

entwickelt, indem die bisher nicht beteiligten Bun<strong>des</strong>länder eingebun‑<br />

den und der Katalog um weitere Leistungspositionen ergänzt wurde.<br />

16.2 <strong>Der</strong> RH empfahl der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur, die Umsetzung <strong>des</strong><br />

ambulanten Leistungskatalogs zügig voranzutreiben, um die Leistun‑<br />

gen im spitalsambulanten und niedergelassenen Bereich vergleich‑<br />

bar zu machen. Eine kompatible Leistungsdokumentation ist zudem<br />

erforderlich, um sektorenübergreifende ambulante Abrechnungsmo‑<br />

delle entwickeln zu können.<br />

16.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG sei ein wesentlicher Schwerpunkt der<br />

Arbeiten der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur die rasche Umsetzung einer<br />

vergleichbaren Dokumentation im ambulanten Bereich in ausgewählten<br />

Pilotbun<strong>des</strong>ländern. <strong>Der</strong>zeit würden die notwendigen Voraussetzungen<br />

finalisiert, die eine gemeinsame sektorenübergreifende Dokumentation<br />

im ambulanten Bereich in den Pilotbun<strong>des</strong>ländern ab 1. Jänner 2010<br />

ermöglichen.<br />

17.1 In Art. 30 Abs. 1 der Reformvereinbarung 2005 war die Durchführung<br />

von gemeinsamen Modellversuchen zur integrierten Planung, Umset‑<br />

zung und Finanzierung der fachärztlichen Versorgung im Bereich der<br />

Spitalsambulanzen und <strong>des</strong> niedergelassenen Bereichs vorgesehen. Die<br />

Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur hatte geeignete Formen der Zusammen‑<br />

arbeit von Leistungserbringern zu entwickeln (Art. 11 Abs. 1 Z 3 der<br />

Reformvereinbarung 2005).<br />

Die Realisierung eines vom Gesundheitsressort im Jahr 2007 entwickel‑<br />

ten und mit den Ländern sowie dem Hauptverband der Sozialversiche‑<br />

rungsträger weitgehend abgestimmten Modells für neue Versorgungs‑<br />

strukturen im ambulanten Bereich („Ambulante Versorgungszentren“)<br />

scheiterte laut Auskunft <strong>des</strong> Gesundheitsressorts am Widerstand der<br />

Ärztekammer.<br />

Die Tätigkeit einer gemäß Art. 12 der Reformvereinbarung 2008 einge‑<br />

richteten Arbeitsgruppe zur Erarbeitung von Modellen einer bedarfs–<br />

und patientenorientierten Versorgungsstruktur wurde nach deren Kons‑<br />

tituierung im April 2008 wieder beendet. Laut Gesundheitsressort sei<br />

eine konstruktive Diskussion nach Protestaktionen der Ärztekammer<br />

im Sommer 2008 nicht möglich gewesen. Unter Hinweis auf ein beim<br />

EuGH anhängiges Verfahren unternahm das Gesundheitsressort in der<br />

Folge keine weiteren Schritte.<br />

160 Wien 2010/2


Wien<br />

Planung und Dokumentation Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

17.2 <strong>Der</strong> RH wies auf die Bemühungen <strong>des</strong> Gesundheitsressorts zur Entwick‑<br />

lung geeigneter Formen der Zusammenarbeit von Leistungserbringern<br />

hin. Die Durchführung von Modellversuchen wäre eine angemessene<br />

Maßnahme zur Erprobung neuer Versorgungsstrukturen im Echtbetrieb<br />

gewesen. Eine Evaluierung der Modellversuche wäre zudem geeignet<br />

gewesen, die Vor– und Nachteile der ambulanten Versorgungszentren<br />

einer objektiven Beurteilung zu unterziehen und daraus etwaige Ver‑<br />

besserungen <strong>des</strong> Konzepts abzuleiten.<br />

Maßnahmen zur Kostendämpfung, Effizienzsteigerung und Steuerung<br />

Ziele und Evaluierung<br />

18.1 In Art. 30 Abs. 2 der Reformvereinbarung 2005 wurden Maßnah‑<br />

men zur Kostendämpfung und Effizienzsteigerung im Ausmaß von<br />

300 Mill. EUR vereinbart („Einsparungskatalog“). Das Ziel sollte ins‑<br />

besondere durch Senkung der Verwaltungskosten in Krankenanstal‑<br />

ten, durch neue Organisationsformen in Krankenanstalten und durch<br />

Vermeidung von Doppelgleisigkeiten erreicht werden. Ein Zeitraum<br />

zur Realisierung <strong>des</strong> genannten Einsparungsbetrags wurde nicht fest‑<br />

gelegt.<br />

Gemäß Art. 31 der Reformvereinbarung 2005 waren alle Maßnahmen<br />

in allen Sektoren <strong>des</strong> Gesundheitswesens nach Vorgaben der Bun<strong>des</strong>‑<br />

gesundheitsagentur zu evaluieren. In Bezug auf den Einsparungska‑<br />

talog war darüber hinaus in Art. 30 Abs. 4 eine Evaluierung in Inter‑<br />

vallen von jeweils zwei Jahren vorgesehen.<br />

Ein Beratungsunternehmen erstellte im September 2007 im Auf‑<br />

trag <strong>des</strong> BMG einen Evaluierungsbericht, die Kosten dafür betrugen<br />

rd. 13.000 EUR. Darin wurden die von den Ländern dem Gesundheits‑<br />

ressort für die Jahre 2005 und 2006 gemeldeten Einsparungsvolumina<br />

bzw. –potenziale — unter Verweis auf unterschiedliche Quantifizie‑<br />

rungsmethoden — wie folgt zusammengefasst:<br />

Wien 2010/2 161


Maßnahmen zur Kostendämpfung,<br />

Effizienzsteigerung und Steuerung<br />

Tabelle 4: Quantifizierte Kostendämpfungseffekte<br />

Land Kostendämpfungseffekt<br />

in Mill. EUR<br />

Burgenland, Oberösterreich, Steiermark, Tirol, Wien — 1)<br />

Kärnten 27,40<br />

Niederösterreich 14,80<br />

Salzburg 16,71<br />

Vorarlberg 0,04<br />

Summe der quantifizierten Effekte 58,95<br />

1) nicht quantifiziert<br />

Die von der Sozialversicherung für die Jahre 2005 und 2006 gemeldeten<br />

Kostendämpfungseffekte im Gesamtausmaß von 328 Mill. EUR wurden<br />

auf Maßnahmen in den Bereichen Vertragsarzthonorare (69 Mill. EUR),<br />

Heilmittel (221 Mill. EUR) und Verwaltung (38 Mill. EUR) zurückge‑<br />

führt.<br />

Das Beratungsunternehmen vertrat in seinem <strong>Bericht</strong> die Ansicht,<br />

dass das in der Reformvereinbarung 2005 verankerte Einsparungs‑<br />

ziel erreicht worden sei.<br />

18.2 <strong>Der</strong> RH kritisierte die seiner Ansicht nach nicht hinreichende Präzi‑<br />

sierung <strong>des</strong> Einsparungsziels, weil kein Umsetzungshorizont verein‑<br />

bart und nicht festgelegt wurde, wer welchen Beitrag zur Zielerrei‑<br />

chung leisten sollte. Auch die Methode zur Quantifizierung der erzielten<br />

Effekte blieb ungeklärt.<br />

Außerdem hielt der RH fest, dass eine Evaluierung bei derart unklaren<br />

Zielvorgaben nicht zweckmäßig war. Er konnte die Aussage <strong>des</strong> Bera‑<br />

tungsunternehmens über die Erreichung <strong>des</strong> Einsparungsziels aufgrund<br />

fehlender Bewertungsmaßstäbe nicht nachvollziehen.<br />

Er empfahl dem BMG, in Hinkunft im Zusammenwirken mit den Län‑<br />

dern Einsparungsziele ausreichend zu definieren (Inhalt, Ausmaß, Zeit‑<br />

bezug, Zielbeitrag der einzelnen Akteure) und auch die Methode zur<br />

Quantifizierung der erzielten Effekte von vornherein klar festzulegen.<br />

Im Fall von unklaren Zielvorgaben sollte auf eine Evaluierung ange‑<br />

sichts der zusätzlichen Kosten verzichtet werden.<br />

162 Wien 2010/2


Maßnahmen zur Kostendämpfung,<br />

Effizienzsteigerung und Steuerung<br />

Zielvereinbarungen<br />

ab 2008<br />

Arbeitsgruppe „Sparpotenziale<br />

im Krankenanstaltenbereich“<br />

Wien<br />

Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

18.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG habe die Aufnahme eines betragsmäßig<br />

definierten Kostendämpfungspotenzials in die Reformvereinbarung<br />

2005 einen großen Fortschritt dargestellt. Mit der erfolgten Evaluierung<br />

hätten jedenfalls für den Bereich der Sozialversicherung und<br />

partiell auch für den Bereich der Länder entsprechende Kostendämpfungs–<br />

und Effizienzsteigerungspotenziale nachgewiesen und beziffert<br />

werden können. Auch hätten diese <strong>Bericht</strong>e und die Diskussionen darüber<br />

entsprechende Anstöße gegeben, vergleichbare Maßnahmen auch<br />

in jenen Bun<strong>des</strong>ländern zu betreiben, die diese Maßnahmen nicht oder<br />

noch nicht in diesem Umfang realisiert haben.<br />

19.1 Auch in der Reformvereinbarung 2008 wurde ein Maßnahmenpaket zur<br />

Kostendämpfung und Effizienzsteigerung vereinbart. Im Unterschied<br />

zur Reformvereinbarung 2005 wurde das angestrebte Einsparungs‑<br />

volumen nicht ziffernmäßig bezeichnet. Die grundsätzliche Überein‑<br />

kunft, alle Maßnahmen nach Vorgaben der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagen‑<br />

tur zu evaluieren, wurde gegenüber der Reformvereinbarung 2005 um<br />

den Auftrag zur Quantifizierung der gesetzten Maßnahmen ergänzt.<br />

19.2 <strong>Der</strong> RH beanstandete, dass in der Reformvereinbarung 2008 auf die<br />

Vereinbarung ziffernmäßig festgelegter Kostendämpfungsziele verzich‑<br />

tet wurde. Dies stellt den Nutzen der vereinbarten Quantifizierung der<br />

Kostendämpfungseffekte in Frage.<br />

<strong>Der</strong> RH erachtet es als zweckmäßig, Ziele durch die Bildung von Kenn‑<br />

zahlen messbar zu machen und deren Einhaltung im Rahmen eines<br />

jährlich wiederkehrenden Prozesses zu überwachen. Er empfahl daher<br />

der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur, die Vereinbarung messbarer Teilziele<br />

und die Entwicklung bun<strong>des</strong>einheitlicher Evaluierungsvorgaben zu<br />

forcieren.<br />

20.1 Im Oktober 2005 konstituierte sich eine Arbeitsgruppe unter Leitung<br />

<strong>des</strong> Gesundheitsressorts, deren Aufgabe die Akkordierung und Steu‑<br />

erung von Maßnahmen zur Realisierung von Sparpotenzialen in den<br />

Krankenanstaltenverwaltungen bzw. in den mit Krankenanstalten<br />

befassten Organisationseinheiten der Lan<strong>des</strong>verwaltungen war.<br />

Wien 2010/2 163


Maßnahmen zur Kostendämpfung,<br />

Effizienzsteigerung und Steuerung<br />

Reformpool<br />

Allgemeines<br />

Die Arbeitsgruppe beendete ihre Tätigkeit bereits nach zweimaligem<br />

Zusammentreten wieder. Das Konzept einer bun<strong>des</strong>länderübergreifen‑<br />

den Einkaufsgesellschaft für den zentralen Einkauf in Krankenanstal‑<br />

ten wurde nicht weiter verfolgt. Die Durchführung eines bun<strong>des</strong>weiten<br />

Benchmarking der Verwaltungskosten der Krankenanstalten unterblieb<br />

wegen Schwierigkeiten bei der Definition der Verwaltungskosten. Eine<br />

Anregung <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> Tirol, die vergleichende Analyse der Produktivi‑<br />

täten der Fondskrankenanstalten nicht auf den Verwaltungsbereich zu<br />

beschränken, verfolgte das Gesundheitsressort nicht weiter.<br />

20.2 Die Tätigkeit der Arbeitsgruppe endete ohne Erzielung konkreter Ergeb‑<br />

nisse. <strong>Der</strong> RH würdigte die Anregung <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> Tirol, einen Vergleich<br />

der Produktivitäten der Fondskrankenanstalten anzustellen und ver‑<br />

merkte kritisch, dass das Gesundheitsressort diese Anregung nicht auf‑<br />

griff.<br />

Er empfahl der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur, einen systematischen kenn‑<br />

zahlenbasierten Vergleich der Krankenanstalten zu entwickeln, um<br />

unterschiedliche Produktivitätsniveaus und Effizienzpotenziale auf‑<br />

zeigen und effizienzsteigernde Maßnahmen umsetzen zu können.<br />

20.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG habe die Arbeitsgruppe sehr wohl Ergebnisse<br />

erzielt. So sei den Krankenanstalten empfohlen worden, sich beim<br />

Einkauf vermehrt der Bun<strong>des</strong>beschaffungsgesellschaft zu bedienen. Zur<br />

Anregung <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> Tirol hielt das BMG fest, dass eine Behandlung<br />

<strong>des</strong> Vorschlags aufgrund begrenzter Ressourcen nicht möglich gewesen<br />

sei. Das BMG werde sich weiterhin bemühen, die Möglichkeiten<br />

zur selbstständigen Durchführung geeigneter Kennzahlenvergleiche<br />

auf Basis <strong>des</strong> im Ministerium eingerichteten Dokumentations– und<br />

Informationssystems für Analysen im Gesundheitswesen (DIAG) zu<br />

verbessern.<br />

21.1 Ziel <strong>des</strong> Reformpools war gemäß der Reformvereinbarung 2005, medi‑<br />

zinische Leistungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich<br />

bzw. umgekehrt zu verlagern, wenn diese dort kostengünstiger erbracht<br />

werden konnten.<br />

In diesem Sinn kamen Bund und Länder in der Reformvereinba‑<br />

rung 2005 überein, gemeinsam vereinbarte Strukturveränderungen<br />

oder Projekte, die Leistungsverschiebungen zwischen dem intra– und<br />

extramuralen Bereich auf Lan<strong>des</strong>ebene zur Folge haben, zu fördern.<br />

Die Mittel dafür sollten im Rahmen der LGF bereitgehalten werden.<br />

164 Wien 2010/2


Wien<br />

Reformpool Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Diese betrugen für die Jahre 2005 und 2006 min<strong>des</strong>tens 1 % bzw. für<br />

die Jahre 2007 und 2008 min<strong>des</strong>tens 2 % der Gesamtmittel für den<br />

intra– und extramuralen Bereich.<br />

Voraussetzung für die Förderung dieser Leistungsverschiebung war,<br />

dass sich das jeweilige Land und die Sozialversicherung im Voraus auf<br />

diese Maßnahmen inhaltlich einigen und sowohl das Land als auch die<br />

Sozialversicherung von diesen Verschiebungen profitieren.<br />

Die Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur erarbeitete Leitlinien für den Koopera‑<br />

tionsbereich (Reformpool). Die Leitlinie vom Juli 2005 bestimmte u.a.,<br />

dass Ziel der Leistungsverschiebungen die Erhöhung der Effektivität<br />

und Effizienz <strong>des</strong> Gesundheitswesens war. Auch die Auswahlkriterien<br />

für Reformpoolprojekte waren detailliert in den Leitlinien geregelt, z.B.<br />

die Darstellung <strong>des</strong> finanziellen Ausgleichs der allfälligen Leistungs‑<br />

verschiebung zwischen Land und Sozialversicherung (Prinzip „Geld<br />

folgt Leistung“). Die Leitlinien wurden von den Ländern in modifi‑<br />

zierter Form übernommen.<br />

Mit der Reformvereinbarung 2008 wurde der Anwendungsbereich <strong>des</strong><br />

Reformpools verbreitert und die Höhe der verwendbaren Mittel nicht<br />

mehr definiert. <strong>Der</strong> Reformpool dient nunmehr zur Förderung von<br />

Projekten der Integrierten Versorgung (z.B. Versorgung von Diabe‑<br />

tes– und Schlaganfallpatienten). Weiters können Projekte gefördert<br />

werden, die Leistungsverschiebungen zwischen dem intra– und extra‑<br />

muralen Bereich zur Folge haben, Pilotprojekte zur sektorübergreifen‑<br />

den Finanzierung <strong>des</strong> ambulanten Bereichs und bereits während der<br />

Laufzeit der Reformvereinbarung 2005 beschlossene Projekte. Nähere<br />

Regelungen enthalten die Leitlinien für den Kooperationsbereich der<br />

Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur vom Mai 2008.<br />

21.2 <strong>Der</strong> RH erachtete die Verbreiterung <strong>des</strong> Anwendungsbereichs der<br />

Reformpoolprojekte als zielführend, weil die Fixierung auf eine Leis‑<br />

tungsverschiebung und die Forderung, dass sowohl das Land als auch<br />

die Sozialversicherung von diesen Verschiebungen profitieren sollten,<br />

sich als nachteilig für die Initiierung von Reformpoolprojekten erwie‑<br />

sen hatten.<br />

Wien 2010/2 165


Reformpool<br />

Reformpoolmittel<br />

22.1 Als Basis für die Ermittlung der Reformpoolmittel dienten im intra‑<br />

muralen Bereich die bun<strong>des</strong>einheitliche Krankenanstaltenkostenrech‑<br />

nung bzw. im extramuralen Bereich die endgültige Erfolgsrechnung<br />

der Krankenversicherungsträger. Die jeweiligen Summen wurden auf<br />

die neun Bun<strong>des</strong>länder aufgeteilt.<br />

Gemäß der Reformvereinbarung 2005 hätten die Reformpoolmittel für<br />

Wien und Tirol in den Jahren 2006 bis 2008 min<strong>des</strong>tens 185,5 Mill.<br />

EUR (Wien) bzw. 55,7 Mill. EUR (Tirol) betragen können.<br />

Tatsächlich beschloss die Wiener Gesundheitsplattform Reformpool‑<br />

mittel für die Jahre 2006 bis 2008 im Ausmaß von rd. 4,1 Mill. EUR.<br />

Davon wurden bis 31. Dezember 2008 rd. 1,87 Mill. EUR ausbezahlt.<br />

Die Ursache dafür war insbesondere eine Projektverzögerung beim Pro‑<br />

jekt „PatientInnenorientierte integrierte Krankenbetreuung“, wodurch<br />

noch keine Arbeitsplätze für Entlassungsmanager eingerichtet wur‑<br />

den.<br />

In Tirol wurden für Projekte <strong>des</strong> TGF je 100.000 EUR vom Land Tirol<br />

und der Tiroler Gebietskrankenkasse sowie 500.000 EUR vom TGF<br />

für das Jahr 2007 zur Verfügung gestellt. Für das Jahr 2008 wurden<br />

je 100.000 EUR vom Land Tirol und der Tiroler Gebietskrankenkasse<br />

sowie 379.000 EUR zuzüglich Rückstellungen aus den Vorjahren vom<br />

TGF zur Verfügung gestellt.<br />

Die Tiroler Gesundheitsplattform beschloss im Jahr 2007 Reform‑<br />

poolprojekte mit Projektkosten von 425.000 EUR, wovon in den Jah‑<br />

ren 2007 und 2008 61.155,59 EUR ausbezahlt wurden. <strong>Der</strong> Grund<br />

war insbesondere eine Projektverzögerung beim Reformpoolprojekt<br />

„Integrierter Patientenpfad/Behandlungspfad Schlaganfall“, bei dem<br />

der Projektbeginn von ursprünglich Juli 2007 auf Oktober 2008 ver‑<br />

schoben wurde.<br />

In der Reformvereinbarung 2008 sind keine Angaben zur Höhe der<br />

Reformpoolmittel mehr enthalten.<br />

22.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass die genehmigten Mittel für Reformpoolpro‑<br />

jekte gemessen an den Möglichkeiten der Reformvereinbarung 2005<br />

sehr gering ausfielen. Dafür war insbesondere die Tatsache wesentlich,<br />

dass für den Reformpool eingesetztes Geld jene Mittel reduziert, die<br />

für die Finanzierung der Krankenanstalten und <strong>des</strong> niedergelassenen<br />

Bereichs zur Verfügung stehen. Aufgrund von Projektverzögerungen<br />

waren die tatsächlich für Reformpoolprojekte ausbezahlten Gelder noch<br />

deutlich geringer. <strong>Der</strong> Reformpool stellt damit ein Finanzierungsins‑<br />

trument dar, das derzeit in der Praxis wenig genutzt wird.<br />

166 Wien 2010/2


Wien<br />

Reformpool Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Reformpoolprojekte<br />

Übersicht über die<br />

Projekte in Wien und<br />

Tirol<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl dem WGF und TGF, das Instrument <strong>des</strong> Reformpools<br />

im Sinne einer verbesserten Patientenversorgung stärker zu nutzen.<br />

Auch würden dadurch persönliche Kontakte zwischen Vertretern von<br />

Land und Sozialversicherung geschaffen werden, die dazu beitragen<br />

können, die strikte Trennung der Sektoren <strong>des</strong> Gesundheitswesens zu<br />

überwinden. Weiters werden durch Reformpoolprojekte Sachverhalte<br />

zwischen dem Land und der Sozialversicherung thematisiert, wodurch<br />

auch gemeinsame Lösungen (z.B. für offenkundige Versorgungsdefi‑<br />

zite) gefunden werden könnten.<br />

22.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats teile er die Ansicht, dass<br />

durch Reformpoolprojekte persönliche Kontakte geschaffen werden,<br />

die zur Überwindung der strikten Trennung der Sektoren <strong>des</strong> Gesundheitswesens<br />

beitragen können. In Wien seien Kooperationsvorhaben<br />

von Land und Sozialversicherung auch außerhalb <strong>des</strong> Reformpools<br />

umgesetzt worden, z.B. im Bereich der Dialyseversorgung. In jenen<br />

Fällen, wo ein Vorhaben den Intentionen <strong>des</strong> Reformpools entspricht,<br />

werde seitens <strong>des</strong> WGF dieses Finanzierungsinstrument auch zukünftig<br />

genutzt werden.<br />

23.1 Die Gesundheitsplattformen beschlossen bis Ende 2008 fünf Reform‑<br />

poolprojekte in Wien bzw. drei in Tirol.<br />

Die Wiener Reformpoolprojekte wiesen folgenden Projektstatus auf:<br />

Tabelle 5: Projektstatus der Wiener Reformpoolprojekte – Stand Mai 2009<br />

Projekt Projektstatus<br />

Einrichtung einer kinderfachärztlichen Notdienstordination im AKH beendet<br />

Arzt für Allgemeinmedizin im Donauspital nie begonnen<br />

Integrierte Versorgung von Schlaganfallpatienten nach Ist–Analyse beendet<br />

Therapie Aktiv–Diabetes im Griff wird fortgeführt<br />

PatientInnenorientierte integrierte Krankenbetreuung wird fortgeführt, Teilprojekt<br />

beendet<br />

Wien 2010/2 167


Reformpoolprojekte<br />

Die Projekte „Einrichtung einer kinderfachärztlichen Notdienstordina‑<br />

tion im AKH“ (TZ 25) und „Integrierte Versorgung von Schlaganfall‑<br />

patienten in Wien“ (TZ 26) wurden beendet.<br />

Das Projekt „Therapie Aktiv – Diabetes im Griff“ zielte ebenso wie das<br />

Tiroler Diabetes–Projekt u.a. auf eine Reduktion von diabetischen Fol‑<br />

geerkrankungen (z.B. Amputation, Erblindung) durch eine optimierte<br />

medizinische Betreuung im niedergelassenen Bereich ab. Dadurch wur‑<br />

den Einsparungen bei teuren Spätfolgen erwartet, denen aber sofort<br />

anfallende Kosten für den erhöhten Betreuungsaufwand gegenüber<br />

stehen. Beide Projekte wurden im Jahr 2009 fortgeführt.<br />

Das Wiener Projekt „PatientInnenorientierte integrierte Krankenbe‑<br />

treuung“ umfasste die Teilprojekte Entlassungsmanagement, Selbst‑<br />

hilfegruppen im Spital und die Informationsplattform „www.Lebens‑<br />

Seiten.at“ (siehe TZ 27). Ziel <strong>des</strong> Teilprojekts Entlassungsmanagement<br />

war, eine optimale Versorgung von Menschen mit komplexem Betreu‑<br />

ungsbedarf nach dem stationären Aufenthalt sicherzustellen. Durch<br />

das Teilprojekt Selbsthilfegruppen im Spital sollte die Schnittstelle<br />

zwischen Krankenhaus und Selbsthilfegruppen verbessert werden. Als<br />

Anschubfinanzierung wurden vom WGF rd. 2,5 Mill. EUR beschlos‑<br />

sen, wovon bis Ende 2008 726.755 EUR ausbezahlt wurden. Weitere<br />

Auszahlungen sollen insbesondere nach Maßgabe der eingerichteten<br />

Arbeitsplätze für Entlassungsmanager erfolgen.<br />

Von vier neuen Anträgen für Reformpoolprojekte, die im Jahr 2007<br />

fristgerecht eingereicht worden waren, wurden drei Anträge in der<br />

Folge von den Projektwerbern zurückgezogen. <strong>Der</strong> Antrag „Ambu‑<br />

lante Betreuungsstrategie bei Herzinsuffizienz“ wurde vom Reform‑<br />

poolgremium inhaltlich positiv bewertet. Aufgrund der finanziellen<br />

Situation der Krankenversicherungsträger wurde von der Umsetzung<br />

im Rahmen <strong>des</strong> Reformpools Abstand genommen.<br />

Die drei im Jahr 2007 genehmigten Tiroler Reformpoolprojekte befan‑<br />

den sich in folgendem Projektstatus:<br />

Tabelle 6: Projektstatus der Tiroler Reformpoolprojekte – Stand Mai 2009<br />

Projekt Projektstatus<br />

Heilmittel an der Schnittstelle läuft<br />

DMP Diabetes mellitus Typ 2 wird fortgeführt<br />

Integrierter Patientenpfad/Behandlungspfad Schlaganfall läuft<br />

168 Wien 2010/2


Wien<br />

Reformpoolprojekte Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Beim Projekt „Integrierter Patientenpfad/Behandlungspfad Schlagan‑<br />

fall“ wurde der Projektbeginn von ursprünglich Juli 2007 auf Okto‑<br />

ber 2008 verschoben.<br />

Durch das Projekt „Heilmittel an der Schnittstelle“ sollte verhindert<br />

werden, dass Patienten an der Schnittstelle zwischen spitalsambu‑<br />

lantem und niedergelassenem Bereich bei der Abgabe von teuren Heil‑<br />

mitteln hin– und hergeschickt werden. Im Zuge <strong>des</strong> Projekts wurde fest‑<br />

gestellt, dass beim Bezug der Heilmittel im niedergelassenen Bereich<br />

deutlich höhere Preise anfielen als bei der Beschaffung über Anstalts‑<br />

apotheken im Krankenanstaltenbereich.<br />

Für ein neues Reformpoolprojekt „Onkologie in der freien Praxis“<br />

wurde in der Gesundheitsplattform Ende 2008 ein Budgetrahmen<br />

genehmigt. Das Ziel ist die Erprobung einer palliativen Therapiebe‑<br />

treuung von Patienten mit Blut– und Tumorerkrankungen im nieder‑<br />

gelassenen Bereich.<br />

23.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass nur wenige Reformpoolprojekte bereits abge‑<br />

schlossen und kaum neue Projekte bewilligt wurden.<br />

Aufgrund der bisherigen Erfahrungen ermöglichen Reformpoolprojekte<br />

zumin<strong>des</strong>t kurzfristig keine (großen) Gewinne, die zwischen Land und<br />

Sozialversicherung geteilt werden können. Vielmehr wurde z.B. beim<br />

Diabetes–Projekt evident, dass eine verbesserte Patientenversorgung<br />

zu höheren Kosten in der Gegenwart führt, denen mögliche Einspa‑<br />

rungen erst in der Zukunft gegenüberstehen.<br />

<strong>Der</strong> RH vertrat die Ansicht, dass ein wesentlicher Erfolgsfaktor für<br />

Reformpoolprojekte neben der Kooperationsfähigkeit/–möglichkeit<br />

zwischen Land und Sozialversicherung vor allem in der Projektaus‑<br />

wahl liegt. Die Herausforderung bestand darin, Projekte zu finden, die<br />

sowohl vom Land als auch der Sozialversicherung als sinnvoll einge‑<br />

stuft, somit in der Gesundheitsplattform genehmigt und in der Folge<br />

ambitioniert durchgeführt werden.<br />

Er empfahl dem WGF und TGF, insbesondere kleine, überschaubare<br />

Reformpoolprojekte durchzuführen, die im Falle eines Erfolgs flächen‑<br />

deckend ausgeweitet werden können.<br />

In Bezug auf das Reformpoolprojekt „Heilmittel an der Schnittstelle“<br />

empfahl der RH dem TGF, die Voraussetzungen für einen gemeinsamen<br />

zentralen Einkauf sehr teurer Medikamente für den Krankenanstalten‑<br />

bereich und den niedergelassenen Bereich durch Anstaltsapotheken zu<br />

erheben, um dadurch günstige Einkaufspreise sicherzustellen.<br />

Wien 2010/2 169


Reformpoolprojekte<br />

Analyse der abgeschlossenenReformpoolprojekte<br />

23.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat merkte zur Empfehlung <strong>des</strong> RH betreffend überschaubare<br />

Reformpoolprojekte an, dass sich die Art der eingereichten<br />

Projekte der unmittelbaren Einflussnahme <strong>des</strong> WGF entziehen<br />

würde.<br />

Überblick<br />

24 In Wien wurde bereits ein Reformpoolprojekt abgeschlossen („Einrich‑<br />

tung einer kinderfachärztlichen Notdienstordination im AKH“) und<br />

ein weiteres nach der Analyse <strong>des</strong> Ist–Zustan<strong>des</strong> beendet („Integrierte<br />

Versorgung von Schlaganfallpatienten“). Ebenso wurde ein Teilpro‑<br />

jekt („www.LebensSeiten.at“) abgeschlossen. In Tirol war noch kein<br />

Reformpoolprojekt abgeschlossen.<br />

Einrichtung einer kinderfachärztlichen Notdienstordination im AKH<br />

25.1 Das Projekt betraf die Sicherstellung der ambulanten Notfallversorgung<br />

für Kinder und Jugendliche an Wochenenden durch die Errichtung<br />

einer kinderfachärztlichen Notdienstordination — die dem niederge‑<br />

lassenen Bereich zuzuordnen ist — im AKH. Diese sollte die pädia‑<br />

trische Notfallambulanz im AKH durch die Betreuung von Patienten<br />

mit „banalen“ Beschwerden entlasten. Im Projektzeitraum (1. Juli 2006<br />

bis 30. Juni 2007) wurden an Wochenenden rd. 9.400 Behandlungen in<br />

beiden Einrichtungen durchgeführt, wovon 47,6 % auf die Notdienst‑<br />

ordination entfielen.<br />

Durch die Notdienstordination wurden laut Projektendbericht der Wie‑<br />

ner Gebietskrankenkasse, der zugleich als Evaluierungsbericht diente,<br />

Leistungen von der Notfallambulanz in die Notdienstordination, die<br />

zum extramuralen Bereich zählt, verlagert. Die Kosten–Nutzen–Bewer‑<br />

tung <strong>des</strong> Projekts ergab laut Evaluierungsbericht einen Gewinn von<br />

rd. 50.000 EUR im Projektzeitraum. Dieser setzte sich aus den Leis‑<br />

tungseinsparungen der Notfallambulanz abzüglich der Kosten für das<br />

Reformpoolprojekt zusammen.<br />

Das Projekt wurde plangemäß beendet. Eine Überführung <strong>des</strong> Projekts<br />

in den Regelbetrieb erfolgte nicht. Als Grund dafür wurde u.a. ange‑<br />

führt, dass es durch die Ambulanz und Ordination zu einem Anstieg<br />

der Frequenzen der behandelten Kinder im Sinne einer angebotsin‑<br />

duzierten Nachfrage kam. Weiters wurde dem WGF zufolge vom AKH<br />

mitgeteilt, dass es zu keiner Veränderung im Sinne einer Kostenmin‑<br />

derung auf der entsprechenden Kostenstelle gekommen war.<br />

170 Wien 2010/2


Wien<br />

Reformpoolprojekte Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Hinsichtlich der im Evaluierungsbericht erwähnten Leistungsverschie‑<br />

bung vom intra– in den extramuralen Bereich und deren Ausgleich im<br />

Sinne <strong>des</strong> Prinzips „Geld folgt Leistung“ kam es zu keiner abschließen‑<br />

den gemeinsamen Einschätzung durch Land und Sozialversicherung.<br />

25.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass bei Leistungsverschiebungsprojekten ein tat‑<br />

sächlicher Gewinn erst entsteht, wenn beim abgebenden Leistungs‑<br />

erbringer (der höhere Kosten als der neue Leistungserbringer hat) ein<br />

Ressourcenabbau erfolgt. Nur in diesem Fall wäre sichergestellt, dass<br />

keine teuren Doppelstrukturen entstehen, die in der Folge mehr Geld<br />

als die bisherige Form der Versorgung kosten. Durch dieses Reform‑<br />

poolprojekt wurde aufgezeigt, dass die Frage, ob tatsächlich eine Leis‑<br />

tungsverschiebung zwischen dem intra– und extramuralen Bereich<br />

stattgefunden hat, von den Kooperationspartnern (Land, Sozialversi‑<br />

cherung) unterschiedlich beurteilt werden kann.<br />

Er empfahl dem WGF und TGF, bei einer nachgewiesenen Leistungs‑<br />

verlagerung sicherzustellen, dass tatsächlich ein Ressourcenabbau<br />

beim abgebenden Leistungserbringer erfolgt, um Doppelstrukturen<br />

bzw. Überversorgungen zu verhindern.<br />

25.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats sei erst bei einem tatsächlichen<br />

Ressourcenabbau bei der leistungsabgebenden Stelle eine nachgewiesene<br />

Leistungsverlagerung eingetreten. Diese Linie werde auch in<br />

zukünftigen Diskussionen mit Sozialversicherungsträgern weiter verfolgt.<br />

Integrierte Versorgung von Schlaganfallpatienten in Wien<br />

26.1 Durch dieses Reformpoolprojekt sollte u.a. die Schlaganfallerkennung<br />

im Notfallmanagement erhöht sowie mehr Schlaganfallpatienten in<br />

kürzerer Zeit an Stroke Units 1) gebracht werden und damit eine opti‑<br />

male Behandlung und Frührehabilitation bereits im Krankenhaus gesi‑<br />

chert werden. Rehabilitationsanträge sollten rechtzeitig im Kranken‑<br />

haus gestellt werden und so ein Anschlussheilverfahren ohne Wartezeit<br />

begonnen werden.<br />

1) Stroke Units sind Spezialstationen zur Behandlung von Schlaganfallpatienten, in<br />

welchen die Patienten interdisziplinär betreut werden und Untersuchungen rund<br />

um die Uhr möglich sind.<br />

Wien 2010/2 171


Reformpoolprojekte<br />

Die Wiener Gesundheitsplattform genehmigte die erste Phase <strong>des</strong> Pro‑<br />

jekts (Ist–Analyse). Gemäß den Ergebnissen der Ist–Analyse war die<br />

Strukturqualität im Krankenhaus ausreichend, die Prozessqualität kann<br />

aber noch verbessert werden (z.B. durch eine Optimierung <strong>des</strong> Wei‑<br />

terversorgungsprozesses). Ebenso sollten freie Kapazitäten an Stroke<br />

Units belegt werden, indem die Patienten durch die Rettung besser<br />

verteilt werden.<br />

Zudem sollte eine rechtzeitige (Früh–)Rehabilitation und eine adäquate<br />

Nachsorge im extramuralen Bereich sichergestellt werden.<br />

Die Analyse zeigte auf, dass der Mehrbedarf im niedergelassenen<br />

Bereich in Summe die angenommenen Einsparungen im stationären<br />

Bereich langfristig übersteigt. Deshalb konnte kein Einvernehmen hin‑<br />

sichtlich der Weiterführung dieses Projekts im Rahmen <strong>des</strong> Reformpools<br />

erzielt werden, obwohl es aus Patientensicht zweckmäßig war.<br />

26.2 Das Projekt zur integrierten Versorgung von Schlaganfallpatienten<br />

zeigte auf, dass Qualitätsverbesserungen zu Mehrkosten im niederge‑<br />

lassenen Bereich geführt hätten. <strong>Der</strong> RH empfahl dem WGF, im Inte‑<br />

resse einer verbesserten Patientenversorgung möglichst viele Maß‑<br />

nahmen aus den Erkenntnissen der Studie zur Schlaganfallversorgung<br />

in Wien abzuleiten (z.B. Belegung freier Kapazitäten auf den Stroke<br />

Units).<br />

26.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats hätten die Wiener Fondskrankenanstalten<br />

ein trägerübergreifen<strong>des</strong> Projekt gestartet, das die<br />

Erkenntnisse aus der ersten Phase <strong>des</strong> Reformpoolprojekts „Integrierte<br />

Schlaganfallversorgung“ als Anknüpfungspunkte zur Verbesserung der<br />

Prozesse in der Schlaganfallversorgung verwertet.<br />

Informationsplattform www.LebensSeiten.at<br />

27.1 Die Plattform „www.LebensSeiten.at“ war ein Teilprojekt <strong>des</strong> Reform‑<br />

poolprojekts „PatientInnenorientierte integrierte Krankenbetreuung“<br />

und sollte Informationen über das Wiener Sozial– und Gesundheits‑<br />

wesen enthalten, die ein rasches Auffinden <strong>des</strong> optimalen Betreu‑<br />

ungsangebots ermöglichen. Die Online–Schaltung wurde insbesondere<br />

aufgrund von technischen Problemen mehrfach verschoben. Verzöge‑<br />

rungen traten aber auch dadurch ein, dass Maßnahmen aufgrund der<br />

Usability–Tests, welche die Benutzerfreundlichkeit ermitteln sollten,<br />

erforderlich wurden. Dabei zeigte sich, dass Informationen nur schwer<br />

gefunden werden konnten.<br />

172 Wien 2010/2


Wien<br />

Reformpoolprojekte Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Verrechnung ausländischer Gastpatienten<br />

Allgemeines<br />

Nach Fertigstellung und Online–Schaltung wies die Informationsplatt‑<br />

form Fehler, beispielsweise in der Suchfunktion, auf. Sie wurde daher<br />

im September 2008 offline gestellt und das Teilprojekt als beendet<br />

erklärt. Die tatsächlichen Projektkosten für die Informationsplattform<br />

betrugen rd. 286.000 EUR, davon waren rd. 105.500 EUR Reformpool‑<br />

mittel. Weitere Mittel für dieses Projekt konnten nicht mehr aufge‑<br />

bracht werden.<br />

27.2 Das Teilprojekt wurde ohne Erfolg beendet, weil der damit verbundene<br />

technische und redaktionelle Aufwand deutlich unterschätzt wurde.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl dem WGF und TGF, Projekte, bei denen von Beginn<br />

an massive Probleme auftreten, rechtzeitig abzubrechen, um den ver‑<br />

lorenen Aufwand möglichst gering zu halten.<br />

27.3 <strong>Der</strong> Wiener Stadtsenat teilte die Ansicht <strong>des</strong> RH, dass Projekte, die von<br />

Beginn an massive Probleme verursachen, aus Kosten–Nutzen–Erwägungen<br />

rechtzeitig abgebrochen werden sollten. Im konkreten Fall sei<br />

festzuhalten, dass die auftretenden Probleme zunächst als projektimmanent<br />

und technisch lösbar gesehen wurden. Sobald sich abgezeichnet<br />

habe, dass das Projekt in der geplanten Form nicht mehr durchführbar<br />

war, sei es trotz Widerstands einiger Projektpartner beendet worden.<br />

28 Die Reformvereinbarung 2005 regelte die Zuständigkeit für die Leis‑<br />

tungserbringung von Krankenanstalten an ausländischen sozialversi‑<br />

cherten Gastpatienten (Gastpatienten) 1) und übertrug die Verrechnung<br />

der dafür angefallenen Kosten den LGF. Im Falle einer Behandlung<br />

solcher Patienten erstattete der ausländische Versicherungsträger Ent‑<br />

gelte.<br />

1) Art. 39 der Reformvereinbarung 2005 verwendet den Begriff „Ausländischer<br />

Anspruchsberechtigter“<br />

Kostenerstattungsverfahren im Wege der ausländischen Versicherungs‑<br />

träger fanden zwischen den zuständigen Behörden in Österreich und<br />

den EU–Mitgliedstaaten und EWR–Staaten sowie zwischen Österreich<br />

und sieben weiteren Staaten statt. 2)<br />

2) Ohne entsprechende zwischenstaatliche oder überstaatliche Rechtsgrundlage war<br />

keine Kostenerstattung im Wege von ausländischen Versicherungsträgern vorge‑<br />

sehen. Nicht anspruchsberechtigte ausländische Patienten hatten im Falle einer<br />

Behandlung in einer österreichischen Fondskrankenanstalt die Kosten selbst zu tra‑<br />

gen und dem Krankenanstaltenträger zu bezahlen.<br />

Wien 2010/2 173


Verrechnung ausländischer Gastpatienten<br />

Kostenerstattungsverfahren<br />

29.1 In Österreich entfielen im Zeitraum 2005 bis 2007 im Jahresdurch‑<br />

schnitt rd. 27.000 von rd. 2,4 Mill. stationären Aufenthalten auf Gast‑<br />

patienten. Rund 37 % dieser Aufenthalte betrafen Tirol, rd. 6 % davon<br />

Wien.<br />

Die Außenstände der Krankenanstalten gegenüber Gastpatienten<br />

hatten sich in Tirol von rd. 14,5 Mill. EUR per Jahresende 1997 auf<br />

rd. 71,7 Mill. EUR per Jahresende 2007 erhöht. <strong>Der</strong> Anteil dieser Außen‑<br />

stände am Tiroler Fondsvolumen stieg von rd. 4 % im Jahr 1997 auf<br />

rd. 12 % im Jahr 2007 an. Beim WGF betrugen die Außenstände gegen‑<br />

über Gastpatienten Ende 2007 rd. 13,6 Mill. EUR bzw. 1 % <strong>des</strong> Fonds‑<br />

volumens.<br />

Gemäß der Reformvereinbarung 2005 waren die bei der Behandlung<br />

von Gastpatienten entstandenen Kosten von den Krankenanstalten mit<br />

den LGF abzurechnen. In die Erstattung der von den LGF aufgewende‑<br />

ten Beträge waren in Österreich neben den Fonds die örtlich zuständi‑<br />

gen Gebietskrankenkassen und der Hauptverband der österreichischen<br />

Sozialversicherungsträger eingebunden.<br />

Folgen<strong>des</strong> Organigramm stellt das Kostenerstattungsverfahren für Gast‑<br />

patienten im Krankenanstaltenbereich dar:<br />

174 Wien 2010/2


Wien<br />

Verrechnung ausländischer Gastpatienten Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Abbildung 1: Kostenerstattungsverfahren<br />

Übermittlung der Rechnungsdaten<br />

für Krankenbehandlung<br />

an<br />

Prüfung und Weiterleitung<br />

der Rechnungsdaten an<br />

Weiterleitung der Kosten-<br />

forderung an<br />

Weiterleitung der gesammelten<br />

Kostenforderung an<br />

Übermittlung der Rechnungsdaten<br />

für Krankenbehandlung<br />

an<br />

Fondskrankenanstalten<br />

Lan<strong>des</strong>gesundheitsfonds<br />

Gebietskrankenkasse<br />

Hauptverband der<br />

Sozialversicherungsträger<br />

ausländ.<br />

Verbindungsstelle<br />

zuständ. ausländ. Träger<br />

Wien: Überweisung der<br />

Behandlungskosten im<br />

Rahmen der LKF–Abrechnung<br />

nach Meldung der<br />

Daten<br />

Tirol: Aufteilung<br />

<strong>des</strong> Betrags und<br />

Überweisung an<br />

Aufteilung <strong>des</strong> Betrags<br />

und Überweisung an<br />

Aufteilung <strong>des</strong> Betrags<br />

und Überweisung an<br />

Erstattung der<br />

anerkannten Forderungen<br />

Erstattung nach<br />

Überprüfung der Forderungen<br />

Wien 2010/2 175


Verrechnung ausländischer Gastpatienten<br />

Erstattungsdauer<br />

Die Kostenerstattungsverfahren waren in Tirol und Wien unterschied‑<br />

lich ausgestaltet: <strong>Der</strong> TGF leitete die Entgelte für Behandlungskosten<br />

für Gastpatienten erst nach ihrem Eingang beim TGF an die Fondskran‑<br />

kenanstalten weiter. <strong>Der</strong> WGF hingegen erstattete die Entgelte bereits<br />

nach Erhalt der Rechnungsdaten. Damit erfolgte in Wien eine Vorfi‑<br />

nanzierung der Entgelte von Gastpatienten durch den Fonds. In Tirol<br />

trugen die Fondskrankenanstalten die Finanzierungskosten.<br />

29.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH war die unterschiedliche Vorgangsweise in Tirol<br />

und Wien durch die verschieden hohen Außenstände begründet. Im<br />

Hinblick auf eine Verkürzung der Vorfinanzierungsdauer empfahl der<br />

RH dem TGF, auf eine Verringerung der Außenstände hinzuwirken.<br />

29.3 Laut Stellungnahme der Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung hätte eine Vorfinanzierung<br />

der Auslandsabgeltungen eine erhebliche Verringerung der Fondsmittel<br />

für Inlandsabgeltungen bewirkt. Dies sei weder vom Fonds noch<br />

von den Rechtsträgervertretern als akzeptabel angesehen worden.<br />

30.1 Das mehrstufige Kostenerstattungsverfahren führte dazu, dass die<br />

Erstattungen der Jahre 2005 bis 2007 durchschnittlich erst rd. 2,7 Jahre<br />

(TGF) bzw. 3,85 Jahre (WGF) nach der Verrechnung durch die LGF bei<br />

diesen eintrafen.<br />

Sowohl der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungs‑<br />

träger als auch das Gesundheitsressort hatten auf EU–Ebene bzw. in<br />

bilateralen Kontakten auf die langen Verfahrensdauern hingewiesen<br />

und waren für eine beschleunigte Abwicklung und Erstattung ein‑<br />

getreten. <strong>Der</strong> Entwurf einer voraussichtlich 2010 in Kraft tretenden<br />

neuen gemeinschaftsrechtlichen Durchführungsverordnung sah ver‑<br />

bindliche Zahlungsfristen und die Möglichkeit der Verrechnung von<br />

Verzugszinsen vor.<br />

Italien leistete beispielsweise im Zeitraum 2007 bis Februar 2009 Kosten‑<br />

erstattungen von insgesamt rd. 42,5 Mill. EUR. Ende Juni 2009 waren<br />

gegenüber Italien Kostenerstattungen in Höhe von rd. 11,8 Mill. EUR<br />

offen. Zur Beschleunigung <strong>des</strong> Erstattungsverfahrens war zwischen<br />

den zuständigen Ressorts in Österreich und Italien eine Vereinbarung<br />

über die Leistung von Vorauszahlungen geplant gewesen.<br />

176 Wien 2010/2


Wien<br />

Verrechnung ausländischer Gastpatienten Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Weiterleitung von<br />

Verrechnungsdaten<br />

30.2 <strong>Der</strong> RH bemängelte, dass die lange Erstattungsdauer in den Jahren 2005<br />

bis 2007 nach seiner Schätzung Finanzierungskosten in Höhe von<br />

rd. 6,6 Mill. EUR beim TGF bzw. von rd. 1,6 Mill. EUR beim WGF ver‑<br />

ursachte. In Tirol entsprachen damit die Finanzierungskosten für Gast‑<br />

patienten rd. 28 % <strong>des</strong> in den Jahren 2005 bis 2007 insgesamt ent‑<br />

standenen Betriebsabgangs.<br />

Hingegen anerkannte der RH die Bemühungen <strong>des</strong> Gesundheits– und<br />

Sozialressorts sowie <strong>des</strong> Hauptverbands der Sozialversicherungsträger,<br />

insbesondere das Kostenerstattungsverfahren mit Italien zu verkürzen<br />

und empfahl dem BMG, auf eine baldige Umsetzung der geplanten<br />

Vereinbarung mit Italien über Vorauszahlungen hinzuwirken. Ein<br />

Abschluss entsprechender Vorauszahlungsregelungen mit anderen<br />

Staaten wäre zu prüfen.<br />

30.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> BMG seien in einer im Mai 2010 in Kraft tretenden<br />

EU–Verordnung kürzere Zahlungsfristen, die Verrechnung von<br />

Verzugszinsen und die Möglichkeit einer Akontierung von bis zu 90 %<br />

der voraussichtlichen Kosten vorgesehen. Dadurch sei eine Verringerung<br />

der Außenstände zu erwarten.<br />

31.1 Angesichts der Außenstände <strong>des</strong> TGF und WGF Ende 2007 von ins‑<br />

gesamt rd. 85,3 Mill. EUR analysierte der RH stichprobenartig die<br />

Durchlaufzeiten der Kostenerstattungen für im Zeitraum 2005 bis 2007<br />

behandelte Gastpatienten.<br />

Nachstehen<strong>des</strong> Diagramm stellt die für die Stichprobenfälle erhobenen<br />

Durchlaufzeiten für die Weiterleitung der Verrechnungsdaten von Gast‑<br />

patienten in Wien und Tirol dar.<br />

Wien 2010/2 177


Verrechnung ausländischer Gastpatienten<br />

Abbildung 2: Vergleich der Durchlaufzeiten in Monaten für die Weiterleitung<br />

der Verrechnungsdaten von Gastpatienten<br />

Wien<br />

Entlassung<br />

der Gastpatienten<br />

Tirol<br />

Dateneingang<br />

LGF<br />

Dateneingang<br />

GKK<br />

0 5 10 15 20 25<br />

Monate<br />

Fondskrankenanstalten<br />

Fonds<br />

Gebietskrankenkasse (GKK)<br />

Hauptverband der Sozialversicherungsträger (HV)<br />

Datenweiterleitung<br />

an Ausland<br />

Dateneingang<br />

HV<br />

Die Weitergabe der Verrechnungsdaten vom WGF bis zur Weiterleitung<br />

an die ausländische Verbindungsstelle durch den Hauptverband der<br />

Sozialversicherungsträger dauerte rund sieben Monate, wovon rund<br />

drei Monate auf die Bearbeitung durch die Wiener Gebietskranken‑<br />

kasse entfielen. In Tirol dauerte die Weitergabe der Verrechnungsdaten<br />

vom TGF bis zur Weiterleitung an die ausländische Verbindungsstelle<br />

durch den Hauptverband der Sozialversicherungsträger rd. 17 Monate,<br />

wovon rd. 14 Monate auf die Verweildauer bei der Tiroler Gebiets‑<br />

krankenkasse entfielen.<br />

Die Entgelte für den WGF wurden dem Hauptverband der Sozialversi‑<br />

cherungsträger rd. 18 Monate nach <strong>des</strong>sen Anforderung an das Aus‑<br />

land erstattet und binnen weiterer zwei Monate von diesem an den<br />

WGF weitergeleitet. Die Gesamtdurchlaufzeit von der Entlassung <strong>des</strong><br />

Gastpatienten bis zum Geldeingang beim WGF betrug somit insge‑<br />

samt rd. 2,7 Jahre.<br />

178 Wien 2010/2


Wien<br />

Verrechnung ausländischer Gastpatienten Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Bezogen auf die beim TGF gezogene Stichprobe war eine Erhebung der<br />

Erstattungsdauer nicht möglich. Einerseits war zum Auswertungszeit‑<br />

punkt im Mai 2009 erst rund ein Drittel der erhobenen Fälle erstattet<br />

worden. Andererseits war es mehrheitlich weder der Tiroler Gebiets‑<br />

krankenkasse noch dem TGF möglich, die eingelangten Beträge den<br />

dazugehörigen Patienten zuzuordnen. Im Zeitraum 1998 bis 2007 ent‑<br />

wickelte sich die Erstattung von Forderungen gegenüber Gastpati‑<br />

enten wie folgt:<br />

Tabelle 7: Entwicklung der durchschnittlichen Außenstände,<br />

Zahlungseingänge und Außenstandsdauern von<br />

Forderungen gegenüber Gastpatienten in Tirol<br />

durchschnittlicher<br />

Außenstand<br />

Zahlungseingang<br />

durchschnittliche<br />

Außenstandsdauer<br />

Jahr in Mill. EUR in Jahren<br />

1998 20,8 16,7 1,2<br />

2007 62,1 21,9 2,8<br />

Quelle: TGF, Werte ohne Mittel gemäß Gesundheits– und Sozialbereich–Beihilfengesetz<br />

31.2 <strong>Der</strong> RH kritisierte, dass Verrechnungsdaten von Gastpatienten im Zeit‑<br />

raum 2005 bis 2007 in Tirol erst rd. 1,7 Jahre nach der Entlassung <strong>des</strong><br />

Patienten an den Hauptverband weitergeleitet wurden und somit erst<br />

knapp zwei Jahre nach der Entlassung <strong>des</strong> Patienten die ausländischen<br />

Verbindungsstellen erreichten.<br />

Weiters bemängelte der RH, dass sich in Tirol im Zeitraum 1998 bis<br />

2007 sowohl die Höhe der Außenstände als auch die durchschnittlichen<br />

Außenstandsdauern von Forderungen gegenüber Gastpatienten um das<br />

rd. 2,3–Fache erhöhten, der Zahlungseingang im selben Zeitraum hin‑<br />

gegen nur um rd. 30 % anstieg. Die seit 1998 ansteigende Erstattungs‑<br />

dauer war überwiegend durch die mangelhafte Schnittstelle zwischen<br />

dem TGF und der Tiroler Gebietskrankenkasse bedingt.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl dem TGF, auf eine stärkere Koordination und regelmä‑<br />

ßige Abstimmungen mit der Tiroler Gebietskrankenkasse hinzuwirken.<br />

Insbesondere die Datenschnittstelle zwischen der Tiroler Gebietskran‑<br />

kenkasse und dem TGF wäre im Hinblick auf Verbesserungspotenzi‑<br />

ale zu analysieren. Es wären gemeinsam Lösungen mit dem Ziel der<br />

Beschleunigung <strong>des</strong> derzeitigen Verfahrens zu entwickeln.<br />

Wien 2010/2 179


Verrechnung ausländischer Gastpatienten<br />

Rückverfolgung der<br />

Zahlungseingänge<br />

Im Zusammenhang mit den vom RH festgestellten Mängeln ließ der<br />

TGF zusammen mit der Tiroler Gebietskrankenkasse Ende Juli 2009<br />

eine Analyse <strong>des</strong> Datenmanagementprozesses zwischen TGF und Tiro‑<br />

ler Gebietskrankenkasse erstellen und Lösungsvorschläge zur Verbes‑<br />

serung dieses Prozesses erarbeiten.<br />

31.3 Laut Stellungnahme der Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung seien seitens <strong>des</strong> TGF<br />

und der Tiroler Gebietskrankenkasse gemeinsam massive Anstrengungen<br />

unternommen worden, den elektronischen Datenaustausch zwischen<br />

den Fondskrankenanstalten, dem TGF und den Sozialversicherungsträgern<br />

zu verbessern. Die Probleme im Datenaustausch seien überwiegend<br />

durch die leistungsorientierte Verrechnung im ambulanten Bereich verursacht.<br />

Die aus der Analyse der Datenschnittstelle resultierenden Vorschläge<br />

für Verbesserungen im Datenmanagement sollen zur Beschleunigung<br />

der Verfahren beitragen. Zur Verbesserung der Koordination und<br />

Kommunikation seien weiters regelmäßig Sitzungen von TGF, Tiroler<br />

Gebietskrankenkasse und Fondskrankenanstalten geplant.<br />

32.1 <strong>Der</strong> WGF aktualisierte kontinuierlich seine Forderungslisten gegenüber<br />

Gastpatienten und hatte dadurch auf Patientenebene laufend Kennt‑<br />

nis über den Stand seiner Forderungen.<br />

Auch der TGF und die Tiroler Gebietskrankenkasse verfügten über For‑<br />

derungslisten, jedoch hatten beide keine aktuellen Informationen dar‑<br />

über, ob Forderungen einzelner Patienten zur Gänze, teilweise oder<br />

nicht erstattet worden waren.<br />

Mangels entsprechender Informationen konnte der TGF die erstatteten<br />

Entgelte nicht an jene Krankenanstalten weiterleiten, für deren Pati‑<br />

enten die Erstattung erfolgt war. Statt<strong>des</strong>sen teilte der TGF erhaltene<br />

Zahlungen an die Fondskrankenanstalten im Verhältnis ihrer Außen‑<br />

stände zu.<br />

Ob die Einzelforderungen von den ausländischen Versicherungsträ‑<br />

gern zur Gänze erstattet worden waren, konnte der TGF insbesondere<br />

erst im Falle einer 100 %igen Erstattung der Forderungen eines Jah‑<br />

res feststellen. Da seit 1997 keine Jahresforderungen zur Gänze erstat‑<br />

tet worden waren, bezahlte der TGF die bei den Fondskrankenanstal‑<br />

ten bestehende offene Differenz aus seinem Budget. Dafür hatte der<br />

TGF gemäß Jahresabschluss 2004 rd. 17.000 EUR verausgabt und für<br />

2009 eine Rückstellung von 1,1 Mill. EUR vorgesehen.<br />

180 Wien 2010/2


Wien<br />

Verrechnung ausländischer Gastpatienten Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

Kostendeckungsgrad<br />

32.2 <strong>Der</strong> RH bemängelte, dass der TGF im Gegensatz zum WGF auf Patien‑<br />

tenebene nicht feststellen konnte, ob bzw. in welcher Höhe die gegen‑<br />

über ausländischen Versicherungsträgern geltend gemachten Forde‑<br />

rungen erstattet worden waren. Für den RH war es weder zweckmäßig<br />

noch vertretbar, dass die Aufteilung der Entgelte auf die Fondskran‑<br />

kenanstalten aufgrund eines vom TGF festgelegten Verteilungsschlüs‑<br />

sels erfolgte.<br />

<strong>Der</strong> RH vertrat die Ansicht, dass eine patientenbezogene Zuordnung der<br />

Erstattungsentgelte die Basis für einen nachvollziehbaren Zahlungs‑<br />

vollzug und für ein funktionieren<strong>des</strong> Mahnwesen bildete. Er empfahl<br />

dem TGF, auf die Sicherstellung einer lückenlosen Information über<br />

erstattete Entgelte im Wege <strong>des</strong> Hauptverbands der Sozialversiche‑<br />

rungsträger und der Tiroler Gebietskrankenkasse hinzuwirken und in<br />

Abstimmung mit der Tiroler Gebietskrankenkasse das Verrechnungs‑<br />

system dahingehend weiterzuentwickeln, dass eine patientenbezogene<br />

Auswertung der offenen Erstattungen möglich wird.<br />

32.3 Laut Stellungnahme der Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung würden zum Teil Akontozahlungen<br />

ohne Personenbezug geleistet. Im ambulanten Bereich seien<br />

darüber hinaus personenbezogene Rückmeldungen über die Zahlungseingänge<br />

seitens der Sozialversicherung derzeit nicht vorgesehen. Mittelfristig<br />

müsse daher darauf hingewirkt werden, dass bei Endabrechnungen<br />

mit den ausländischen Sozialversicherungsträgern auch personenbezogene<br />

Rückmeldungen über die Zahlungseingänge erfolgten.<br />

33.1 Sowohl die Reformvereinbarung 2005 als auch die gemeinschafts‑<br />

rechtlichen Rechtsgrundlagen sahen vor, dass die Behandlungskos‑<br />

ten für Gastpatienten wie für österreichische Versicherte abzurechnen<br />

waren.<br />

Die Höhe der Kostenerstattungen hatte somit den im Rahmen der LKF–<br />

Abrechnung verrechenbaren Entgelten zu entsprechen und hing damit<br />

von der Mittelausstattung der LGF ab. Da beim WGF die Behandlungs‑<br />

kosten jedoch nicht in voller Höhe über den Fonds abgerechnet wurden,<br />

konnte der WGF gegenüber den ausländischen Versicherungsträgern<br />

nicht die vollen Kosten geltend machen. <strong>Der</strong> Einnahmenverzicht zu<br />

Lasten <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> Wien betrug nach Schätzungen <strong>des</strong> RH rd. 4,3 Mill.<br />

EUR.<br />

Laut Auskunft <strong>des</strong> Hauptverbands der Sozialversicherungsträger werde<br />

die Möglichkeit, die nicht über die LGF finanzierten Betriebsabgangs‑<br />

deckungen anteilig gegenüber den ausländischen Versicherungsträ‑<br />

gern zu verrechnen, derzeit auf EU–Ebene diskutiert.<br />

Wien 2010/2 181


Verrechnung ausländischer Gastpatienten<br />

Schlussbemerkungen/Schlussempfehlungen<br />

BMG<br />

33.2 <strong>Der</strong> RH hielt kritisch fest, dass es beim WGF aufgrund seiner Mit‑<br />

telausstattung zu einem Einnahmenverzicht bei der Behandlung von<br />

Gastpatienten zu Lasten <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> Wien kam. Er empfahl dem Land<br />

Wien, eine Finanzierung der Betriebsabgänge der Wiener Fondskran‑<br />

kenanstalten im Wege <strong>des</strong> WGF zu prüfen.<br />

33.3 Laut Stellungnahme <strong>des</strong> Wiener Stadtsenats beabsichtige der WGF,<br />

einen Vorschlag zu erarbeiten, wodurch Betriebsabgänge bei der Verrechnung<br />

von Auslandsabgeltungen berücksichtigt werden könnten.<br />

34 Zusammenfassend hob der RH folgende Empfehlungen hervor:<br />

(1) Im Zusammenwirken mit den Ländern sollte im Rahmen einer<br />

allfälligen Verlängerung der Reformvereinbarung auf eine einheitliche,<br />

verbindliche Dotierung der Lan<strong>des</strong>gesundheitsfonds (LGF)<br />

hingewirkt werden. Die Fondsmittel sollten dabei einen möglichst<br />

hohen Anteil der für die Krankenanstaltenfinanzierung erforderlichen<br />

Finanzmittel abdecken. (TZ 2)<br />

(2) Neben einer einheitlichen, verbindlichen Regelung der Fondsdotation<br />

sollte im Zusammenwirken mit den Ländern die Mittelverteilung<br />

zwischen dem Kern– und Steuerungsbereich und das maximale<br />

Ausmaß der Gewichtungsfaktoren im Steuerungsbereich einheitlich<br />

geregelt werden. (TZ 9)<br />

(3) Die Kriterien für den Steuerungsbereich sollten im Zusammenwirken<br />

mit den Ländern zukünftig klar definiert werden. (TZ 10)<br />

(4) Das Ziel, ein bun<strong>des</strong>weit einheitliches Modell zur ambulanten<br />

Leistungsabgeltung einzuführen, sollte im Zusammenwirken mit<br />

den Ländern weiter verfolgt und umgesetzt werden. (TZ 11)<br />

(5) In Hinkunft sollten im Zusammenwirken mit den Ländern Einsparungsziele<br />

ausreichend definiert (Inhalt, Ausmaß, Zeitbezug, Zielbeitrag<br />

der einzelnen Akteure) und auch die Methode zur Quantifizierung<br />

der erzielten Effekte klar festgelegt werden. Im Fall von<br />

unklaren Zielvorgaben sollte auf eine Evaluierung angesichts der<br />

zusätzlichen Kosten verzichtet werden. (TZ 18)<br />

182 Wien 2010/2


Schlussbemerkungen/<br />

Schlussempfehlungen<br />

Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur<br />

Wien<br />

Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

(6) Die Vergleichbarkeit von Kennzahlen sollte insbesondere bei der<br />

in Ausarbeitung befindlichen Verordnung zum <strong>Bericht</strong>swesen von<br />

Krankenanstalten–Rechnungsabschlüssen beachtet werden. (TZ 8)<br />

(7) Es sollte auf eine baldige Umsetzung der geplanten Vereinbarung<br />

mit Italien über Vorauszahlungen hingewirkt werden. Ein<br />

Abschluss entsprechender Vorauszahlungsregelungen mit anderen<br />

Staaten wäre zu prüfen. (TZ 30)<br />

(8) Art und Form der Darstellung von Fondskrankenanstalten und<br />

Sozialversicherung in den LGF sollten präzisiert werden. (TZ 7)<br />

(9) Die Entwicklung eines umfassenden, über den stationären Akutbereich<br />

hinausreichenden Österreichischen Strukturplans Gesundheit<br />

sollte weiter vorangetrieben werden. (TZ 14)<br />

(10) Es wäre auf eine Vereinheitlichung der Regionalen Strukturpläne<br />

Gesundheit in methodischer und inhaltlicher Hinsicht hinzuwirken.<br />

Einheitliche Planungshorizonte wären zu vereinbaren,<br />

um den bun<strong>des</strong>länderübergreifenden Vergleich der regionalen Planungen<br />

zu erleichtern. (TZ 15)<br />

(11) Die Umsetzung <strong>des</strong> ambulanten Leistungskatalogs sollte zügig<br />

vorangetrieben werden, um die Leistungen im spitalsambulanten<br />

und niedergelassenen Bereich vergleichbar zu machen. Eine kompatible<br />

Leistungsdokumentation ist zudem erforderlich, um sektorenübergreifend<br />

ambulante Abrechnungsmodelle entwickeln zu können.<br />

(TZ 16)<br />

(12) Im Zusammenhang mit Zielvorgaben sollten messbare Teilziele<br />

vereinbart und die Entwicklung bun<strong>des</strong>einheitlicher Evaluierungsvorgaben<br />

forciert werden. (TZ 19)<br />

(13) Es sollte ein systematischer, kennzahlenbasierter Vergleich<br />

der Krankenanstalten entwickelt werden, damit unterschiedliche<br />

Produktivitätsniveaus und Effizienzpotenziale aufgezeigt und effizienzsteigernde<br />

Maßnahmen umgesetzt werden können. (TZ 20)<br />

Wien 2010/2 183


Schlussbemerkungen/<br />

Schlussempfehlungen<br />

Wiener und Tiroler<br />

Gesundheitsfonds<br />

Tiroler Gesundheitsfonds<br />

(14) Die im Rahmen der Reformvereinbarung 2005 und 2008 vorgesehene<br />

Erstellung der Regionalen Strukturpläne Gesundheit sollte<br />

zügig umgesetzt werden. (TZ 15)<br />

(15) Das Instrument <strong>des</strong> Reformpools sollte im Sinne einer verbesserten<br />

Patientenversorgung stärker genutzt werden. Auch würden<br />

dadurch persönliche Kontakte zwischen Vertretern von Land<br />

und Sozialversicherung geschaffen werden, die dazu beitragen können,<br />

die strikte Trennung der Sektoren <strong>des</strong> Gesundheitswesens zu<br />

überwinden. Weiters werden durch Reformpoolprojekte Sachverhalte<br />

zwischen dem Land und der Sozialversicherung thematisiert,<br />

wodurch auch gemeinsame Lösungen (z.B. für offenkundige<br />

Versorgungsdefizite) gefunden werden könnten. (TZ 22)<br />

(16) Es sollten insbesondere kleine, überschaubare Reformpoolprojekte<br />

durchgeführt werden, die im Falle eines Erfolgs flächendeckend<br />

ausgeweitet werden können. (TZ 23)<br />

(17) Bei einer nachgewiesenen Leistungsverlagerung sollte sichergestellt<br />

werden, dass tatsächlich ein Ressourcenabbau beim abgebenden<br />

Leistungserbringer erfolgt, um Doppelstrukturen bzw. Überversorgungen<br />

zu verhindern. (TZ 25)<br />

(18) Projekte, bei denen von Beginn an massive Probleme auftreten,<br />

sollten rechtzeitig abgebrochen werden, um den verlorenen Aufwand<br />

möglichst gering zu halten. (TZ 27)<br />

(19) Die Voraussetzungen für einen gemeinsamen zentralen Einkauf<br />

sehr teurer Medikamente für den Krankenanstaltenbereich und<br />

den niedergelassenen Bereich durch Anstaltsapotheken sollten erhoben<br />

werden, um dadurch günstige Einkaufspreise sicherzustellen.<br />

(TZ 23)<br />

(20) Im Hinblick auf eine Verkürzung der Vorfinanzierungsdauer<br />

sollte auf eine Verringerung der gegenüber ausländischen Gastpatienten<br />

bestehenden Außenstände hingewirkt werden. (TZ 29)<br />

184 Wien 2010/2


Schlussbemerkungen/<br />

Schlussempfehlungen<br />

Wiener Gesundheitsfonds<br />

Land Wien<br />

Wien<br />

Teilbereiche der Gesundheitsreform 2005<br />

mit Länderaspekten in Tirol und Wien<br />

(21) Im Bereich Verrechnungsdaten von ausländischen Gastpatienten<br />

sollte auf eine stärkere Koordination und regelmäßige Abstimmung<br />

mit der Tiroler Gebietskrankenkasse hingewirkt werden. Insbesondere<br />

die Datenschnittstelle zwischen der Tiroler Gebietskrankenkasse<br />

und dem Tiroler Gesundheitsfonds (TGF) wäre im Hinblick auf Verbesserungspotenziale<br />

zu analysieren und gemeinsam Lösungen mit<br />

dem Ziel der Beschleunigung <strong>des</strong> derzeitigen Verfahrens zu entwickeln.<br />

(TZ 31)<br />

(22) In Abstimmung mit der Tiroler Gebietskrankenkasse sollte das<br />

Verrechnungssystem für Gastpatienten dahingehend weiterentwickelt<br />

werden, dass eine patientenbezogene Auswertung der offenen<br />

Erstattungen möglich wird. (TZ 32)<br />

(23) Mit der Aufsicht <strong>des</strong> Wiener Gesundheitsfonds (WGF) sollte eine<br />

in die Verwaltung <strong>des</strong> WGF nicht involvierte Einrichtung betraut<br />

werden. (TZ 4)<br />

(24) Die von der Bun<strong>des</strong>gesundheitsagentur zufließenden Fondsmittel<br />

sollten unmittelbar beim WGF budgetiert und vereinnahmt<br />

werden. (TZ 6)<br />

(25) Im Interesse einer verbesserten Patientenversorgung sollten<br />

möglichst viele Maßnahmen aus den Erkenntnissen der Studie zur<br />

Schlaganfallversorgung in Wien abgeleitet werden (z.B. Belegung<br />

freier Kapazitäten auf Stroke Units). (TZ 26)<br />

(26) Im Hinblick auf eine Optimierung der Steuerungsfunktion <strong>des</strong><br />

WGF sollte eine Finanzierung <strong>des</strong> Betriebsabgangs von Fondsspitälern<br />

im Wege <strong>des</strong> WGF geprüft werden. (TZ 2)<br />

(27) Eine gesetzeskonforme Abwicklung <strong>des</strong> vom Land Wien bereitzustellenden<br />

Betriebsabgangsdeckungsbeitrags an das Hanusch–<br />

Krankenhaus sollte sichergestellt und eine zukünftige Gewährung<br />

der Zuschüsse für fondsfinanzierte Ordensspitäler im Wege <strong>des</strong> WGF<br />

geprüft werden. (TZ 5)<br />

(28) Die zukünftige Abgeltung von Leistungen im Nebenkostenstellenbereich<br />

sollte im Wege <strong>des</strong> WGF vorgenommen werden.<br />

(TZ 12)<br />

Wien 2010/2 185


(29) Angesichts <strong>des</strong> Einnahmenverzichts bei der Behandlung von<br />

ausländischen Gastpatienten sollte die Finanzierung der Betriebsabgänge<br />

der Wiener Fondskrankenanstalten im Wege <strong>des</strong> WGF geprüft<br />

werden. (TZ 33)<br />

186 Wien 2010/2


Kurzfassung<br />

Wirkungsbereich der Bun<strong>des</strong>hauptstadt Wien<br />

VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Wien<br />

Beim Bau <strong>des</strong> Pumpspeicherkraftwerks Limberg II in Kaprun traten<br />

asbesthältige Gesteinschichten auf. Dies erschwerte die Arbeitsbedingungen<br />

und führte zu Mehrkosten von rd. 16 Mill. EUR.<br />

Trotzdem wird es der VERBUND–Austrian Hydro Power AG voraussichtlich<br />

gelingen, das Projekt im vom Aufsichtsrat genehmigten<br />

Kostenrahmen und um bis zu sieben Monate früher als ursprünglich<br />

geplant fertigzustellen.<br />

Prüfungsziel<br />

Ziel der Gebarungsüberprüfung war es, die Zweckmäßigkeit der<br />

Organisation von Projektaufbau und –ablauf sowie die Wahrnehmung<br />

der Bauherrenfunktion durch die VERBUND–Austrian Hydro<br />

Power AG (Austrian Hydro Power) bei der Errichtung <strong>des</strong> Pumpspeicherkraftwerks<br />

Limberg II in Kaprun zu beurteilen. <strong>Der</strong> RH<br />

analysierte die Auftragsvergaben und –abwicklungen in Hinblick<br />

auf mögliche Einsparungspotenziale und zeigte Lösungen auf, um<br />

zukünftige Fehler zu vermeiden. (TZ 1)<br />

Projektübersicht<br />

Mit dem Pumpspeicherkraftwerk Limberg II soll unter Nutzung der<br />

bestehenden Speicher Mooserboden und Wasserfallboden die Leistung<br />

der bestehenden Anlage um 480 MW erhöht und damit insgesamt<br />

mehr als verdoppelt werden. Die Inbetriebnahme <strong>des</strong> Pumpspeicherkraftwerks<br />

Limberg II ist für das Jahr 2011 geplant. (TZ 2)<br />

Bauzeitverkürzung<br />

Die geologischen Verhältnisse ermöglichten einen schnelleren Baufortschritt<br />

als ursprünglich geplant. Falls die beabsichtigte Bauzeitverkürzung<br />

um sieben Monate im vollen Ausmaß umgesetzt werden<br />

kann, übersteigen die erwarteten zusätzlichen Einnahmen die<br />

Wien 2010/2 187


Kurzfassung<br />

Mehrkosten für Beschleunigungsmaßnahmen und die Betriebskosten<br />

infolge der vorzeitigen Inbetriebnahme. (TZ 5)<br />

Das Projekt wurde zur Zeit der Gebarungsüberprüfung im Rahmen<br />

<strong>des</strong> um sieben Monate verkürzten Zeitplans und <strong>des</strong> vom Aufsichtsrat<br />

genehmigten Kostenrahmens (405,6 Mill. EUR einschließlich<br />

Preisgleitung und Schätzkosten für Unvorhergesehenes) abgewickelt.<br />

(TZ 2)<br />

Das hohe Interesse der Austrian Hydro Power an einer Bauzeitverkürzung<br />

führte zur Anerkennung von rd. 920.000 EUR bei der<br />

Abgeltung der Beschleunigungsmaßnahmen. (TZ 16)<br />

Fremdvergabe von Leistungen<br />

Die Ausschreibungsunterlagen berücksichtigten den bei Asbestbelastung<br />

der Luft erforderlichen Arbeitnehmerschutz zu wenig. Das<br />

Auftreten von Asbest in Faserform führte aufgrund der erschwerten<br />

Arbeitsbedingungen zu Mehrkosten von rd. 16 Mill. EUR. (TZ 15)<br />

Die Ausschreibungsunterlagen zu den Bauarbeiten wiesen mehrfach<br />

auf Lawinensprengungen, die für einen sicheren Bauablauf<br />

einer Hochgebirgsbaustelle notwendig sind, hin. Trotzdem beauftragte<br />

die Austrian Hydro Power für Lawinensprengungen zusätzliche<br />

Leistungen von rd. 0,46 Mill. EUR. (TZ 14)<br />

Mängel bei den nach dem Bun<strong>des</strong>vergabegesetz anzuwendenden<br />

Vergabeverfahren – wie die schriftliche Beurteilung der Teilnahmeanträge<br />

und die schriftliche Festlegung der Gründe für die Auftragsvergabe<br />

– führten zu keinen Einsprüchen. (TZ 6, 8, 9, 10)<br />

Im Zusammenhang mit einer Änderung von Lieferfristen bei Stahlwasserbauarbeiten<br />

fehlte die transparente Dokumentation über die<br />

damit einhergehende Änderung der Zahlungsbedingungen. (TZ 18)<br />

Aufgrund von Abrechnungsvereinbarungen waren abgerechnete<br />

Teilleistungen schwer mit der Ausschreibung vergleichbar. (TZ 12)<br />

Die immateriellen Fremdleistungen wurden vertragsgemäß und<br />

mängelfrei abgewickelt. (TZ 19, 20)<br />

188 Wien 2010/2


Projektorganisation<br />

Wien<br />

VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Die Austrian Hydro Power nahm die Auftraggeberfunktionen weitgehend<br />

selbst aktiv wahr. (TZ 4)<br />

Die Projektorganisation und –dokumentation der Austrian Hydro<br />

Power erwies sich wegen der Konzentration <strong>des</strong> konzerneigenen<br />

Know–how und der Entscheidungskompetenzen als zweckmäßig<br />

und effektiv. (TZ 4)<br />

Kenndaten der VERBUND–Austrian Hydro Power AG<br />

Unternehmensgegenstand Errichtung und Betrieb von Wasserkraftwerken zur Stromerzeugung<br />

Grundkapital 138.477.985 EUR (18.477.598 Stückaktien)<br />

Eigentümer Österreichische Elektrizitätswirtschafts–Aktiengesellschaft<br />

(Verbundgesellschaft) 80,33 %<br />

KELAG – Kärntner Elektrizitäts–Aktiengesellschaft 10,02 %<br />

Energie Steiermark AG 5,31 %<br />

Wienstrom GmbH 2,94 %<br />

EVN AG 0,73 %<br />

Energie AG Oberösterreich 0,44 %<br />

TIWAG – Tiroler Wasserkraft AG 0,22 %<br />

Personalstand 2006 2007<br />

Anzahl<br />

2008<br />

Vorstandsmitglieder 2 2 2<br />

Beschäftigte1) 1.344 1.341<br />

in Mill. EUR<br />

1.340<br />

Betriebserfolg (EBIT) 423,8 605,5 754,4<br />

Umsatzerlöse 799,0 964,7 1.161,8<br />

Bilanzsumme 3.991,2 4.016,9 4.085,0<br />

Personalaufwand gesamt 145,5 137,1 153,5<br />

1) in Vollzeitäquivalenten; im Jahresschnitt<br />

Wien 2010/2 189


Prüfungsablauf und<br />

–gegenstand<br />

Kenndaten zum Projekt Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Beschluss der Aufsichtsrats 20. Februar 2006<br />

Realisierungszeitraum 2006 bis 2012<br />

Kosten<br />

Budget bei Projektbeschluss 365 Mill. EUR<br />

Budget Ende 2008 370 Mill. EUR<br />

2006 2007 2008 Gesamt–Prognose<br />

Ist Ist Ist<br />

in 1.000 EUR<br />

Eigenleistungen<br />

Austrian Hydro Power 1.195 1.544 2.180 12.830<br />

Fremdleistungen 40.240 61.385 76.893 357.170<br />

Technische Kenndaten<br />

Turbinentyp Pumpturbine, vertikal eingebaut<br />

Mittlere Rohfallhöhe 365 m<br />

Anzahl der Maschinensätze 2<br />

Maximale Turbinenleistung 2 x 240 MW<br />

Maximale Pumpleistung 2 x 240 MW<br />

Maximale Durchflussmenge je Turbinensatz 72 m 3 /s<br />

Gesamthöhe <strong>des</strong> Maschinensatzes 18,5 m<br />

Kraftkaverne Trafokaverne<br />

Felsausbruch 52.900 m 3 12.500 m 3<br />

Länge 62 m 61 m<br />

Breite 25 m 15 m<br />

Höhe 43 m 16 m<br />

1 <strong>Der</strong> RH überprüfte von Jänner bis Mai 2009 die Gebarung der VER-<br />

BUND–Austrian Hydro Power AG (Austrian Hydro Power) im Zusammenhang<br />

mit der Errichtung <strong>des</strong> Pumpspeicherkraftwerks Limberg II<br />

in Kaprun vom Beginn der Ausschreibungsplanung im Februar 2005<br />

bis zur Abrechnung der Teilleistungen bis Dezember 2008. Ziel war es,<br />

die Zweckmäßigkeit der Organisation von Projektaufbau und –ablauf<br />

sowie die Wahrnehmung der Bauherrenfunktion durch die Austrian<br />

Hydro Power zu beurteilen.<br />

Zu dem im August 2009 übermittelten Prüfungsergebnis nahmen die<br />

Austrian Hydro Power im September 2009 sowie das BMWFJ und die<br />

Steiermärkische Lan<strong>des</strong>regierung im November 2009 Stellung. <strong>Der</strong> Wiener<br />

Stadtsenat, die Niederösterreichische Lan<strong>des</strong>regierung, die Oberös-<br />

190 Wien 2010/2


Wien<br />

Prüfungsablauf und –gegenstand VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Projektübersicht<br />

terreichische Lan<strong>des</strong>regierung, die Tiroler Lan<strong>des</strong>regierung, die Lan<strong>des</strong>hauptstadt<br />

Linz sowie die Kärntner Lan<strong>des</strong>regierung verzichteten<br />

auf die Abgabe einer Stellungnahme. <strong>Der</strong> RH erstattete seine Gegenäußerungen<br />

im Dezember 2009.<br />

Die im <strong>Bericht</strong> angeführten EUR–Beträge enthalten — sofern nicht ausdrücklich<br />

anders angegeben — keine Preisgleitung 1) und keine Umsatzsteuer.<br />

1) Preisgleitung: Bei Vereinbarung von veränderlichen Preisen werden die Angebotspreise<br />

bei Veränderung definierter Preisgrundlagen (bspw. <strong>des</strong> Baukostenindex)<br />

unter bestimmten Voraussetzungen angepasst.<br />

2.1 (1) Die zur Gänze im Berg gelegenen Betriebsräume (Kraftwerkskavernen)<br />

<strong>des</strong> Pumpspeicherkraftwerks Limberg II liegen nahe dem bestehenden<br />

Kraftwerk Limberg in der östlichen Talflanke <strong>des</strong> Kapruner Tales.<br />

Für die Wasserzuleitung wird ein rd. 5,4 km langer Stollen mit einem<br />

Durchmesser von bis zu neun Metern (Triebwasserweg) vom Speicher<br />

Mooserboden zur Krafthauskaverne und weiter zum Speicher Wasserfallboden<br />

errichtet.<br />

Die Projektplanung fußte auf früheren Planungen aus dem Jahr 1970<br />

und nachfolgenden Variantenuntersuchungen. Die oberste Wasserrechtsbehörde<br />

bewilligte das Projekt Limberg II mit Bescheid vom<br />

5. April 1994 und datierte das Ende der Bauausführungsfrist mit<br />

31. Dezember 2005.<br />

<strong>Der</strong> Aufsichtsrat der Austrian Hydro Power fasste im Februar 2005<br />

einen Grundsatzbeschluss, das Bauprojekt umzusetzen.<br />

Die Ausbauleistung legte die Austrian Hydro Power nach energiewirtschaftlichen<br />

und bautechnischen Optimierungen auf zwei Aggregate<br />

zu je maximal 240 MW (zusammen 480 MW) fest. Diese sollten im<br />

August 2011 bzw. Februar 2012 in Probebetrieb gehen.<br />

Aufgrund der erschwerten Zufahrtsmöglichkeiten und der hohen Lawinengefahr<br />

in den Wintermonaten erforderte der für die Einhaltung der<br />

kurzen Bauzeit notwendige kontinuierliche Baustellenbetrieb besondere<br />

logistische Maßnahmen.<br />

(2) <strong>Der</strong> Aufsichtsrat der Austrian Hydro Power genehmigte auf Antrag<br />

<strong>des</strong> Vorstands<br />

– im Februar 2006 die Errichtung <strong>des</strong> Projekts Pumpspeicherkraftwerk<br />

Limberg II mit veranschlagten Kosten von 365 Mill. EUR (ohne Preis-<br />

Wien 2010/2 191


Projektübersicht<br />

gleitung), Beginn <strong>des</strong> Probebetriebs 30. August 2011 bzw. 10. Februar<br />

2012; und<br />

– im Mai 2008 die — wegen der Übernahme eines Kostenanteils für<br />

die Umlegung der 380 kV–Leitung erforderlichen — Erhöhung der<br />

veranschlagten Kosten auf 370 Mill. EUR.<br />

Den <strong>Bericht</strong> <strong>des</strong> Vorstands betreffend eine Bauzeitverkürzung um rd.<br />

sieben Monate und den damit verbundenen Beginn <strong>des</strong> Probebetriebs<br />

im Februar 2011 bzw. Juni 2011 nahm der Aufsichtsrat im Februar 2008<br />

zur Kenntnis.<br />

192 Wien 2010/2


Wien<br />

Projektübersicht VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Tabelle 1: Chronologie <strong>des</strong> Projekts<br />

Jahr Ereignis nähere<br />

Darstellung<br />

1970 Planungen zur Erweiterung <strong>des</strong> Pumpspeicherkraftwerks in Kaprun TZ 3<br />

5. April 1994 Wasserrechtliche Bewilligung für die Erweiterung <strong>des</strong> Pump- TZ 3, 5, 7<br />

speicherkraftwerks Limberg in Kaprun (Ende der Bauausführungsfrist<br />

31. Dezember 2005)<br />

19. Februar 1999 Elektrizitätswirtschafts– und –organisationsgesetz TZ 7<br />

(ElWOG, BGBl. I Nr. 143/1998 § 66 (1))<br />

Nationale Umsetzung der EU–Richtlinie vom 19. Juli 1997 zur<br />

stufenweisen Liberalisierung <strong>des</strong> österreichischen Strommarkts<br />

– 1. Stufe<br />

14. Februar 2005 Aufsichtsrat 40. Sitzung TZ 5<br />

Planung und Ausschreibung zur Erweiterung <strong>des</strong> Pumpspeicherkraftwerks<br />

Limberg, Vorbereitung <strong>des</strong> Baubeschlusses durch den<br />

Aufsichtsrat<br />

Einrichtung eines Lenkungsausschusses (ab März 2005), dem auch<br />

die beiden Vorstandsmitglieder angehörten<br />

30. Juni 2005 Antrag auf Verlängerung der Bauausführungsfrist laut wasser- TZ 7<br />

rechtlicher Bewilligung<br />

2005 bis 2006 Abwicklung der übrigen materienrechtlichen Genehmigungs- TZ 7<br />

verfahren<br />

20. Februar 2006 Aufsichtsrat 45. Sitzung<br />

Baubeschluss Kraftwerk Limberg II und Zustimmung zur Vergabe<br />

der Hauptbauarbeiten und<br />

der Rohrpanzerungen Triebwasserweg und Verteilrohrleitungen<br />

sowie<br />

Ermächtigung zur Vergabe<br />

der elektro–maschinellen Anlagen,<br />

der Sicherheits–Absperrklappen und<br />

von zwei Pumpturbinen–Maschinensätzen mit Beginn der<br />

Probebetriebe am 30. August 2011 bzw. 10. Februar 2012<br />

Zustimmung <strong>des</strong> Arbeitsausschusses zur Vergabe der örtlichen<br />

Bauaufsicht und der Ausführungsplanung<br />

TZ 5<br />

8. März 2006 Beginn der Bauarbeiten TZ 2<br />

7. März 2008 17. Sitzung <strong>des</strong> Lenkungsausschusses: Beschluss sieben Monate TZ 5<br />

Bauzeitverkürzung<br />

Beginn der Probebetriebe 7. Februar 2011 bzw. 24. Juni 2011<br />

8. Mai 2008 Aufsichtsrat 45. Sitzung TZ 5<br />

Zustimmung zum Budgetnachtrag von 5 Mill. EUR<br />

Wien 2010/2 193


Projektübersicht<br />

(3) Im Februar 2009 informierte die Projektleitung der Austrian Hydro<br />

Power den vom Vorstand eingerichteten Lenkungsausschuss über die<br />

voraussichtlichen Gesamtprojektkosten von 405,6 Mill. EUR. Dieser<br />

Betrag blieb innerhalb <strong>des</strong> vom Aufsichtsrat (ohne Preisgleitung)<br />

genehmigten Budgets von 370 Mill. EUR und enthielt neben den Kosten<br />

für die Preisgleitung (rd. 35,61 Mill. EUR) auch Schätzkosten für<br />

bereits absehbare Zusatzleistungen (rd. 0,48 Mill. EUR) und für Unvorhergesehenes<br />

(rd. 17,98 Mill. EUR).<br />

Die nachstehende Übersicht informiert zusammenfassend über die Budgetierung<br />

und den Anteil der überprüften Aufträge am Gesamtbauvolumen.<br />

Tabelle 2: Budget 2009 und Übersicht der Fremdleistungen<br />

in Mill. EUR<br />

(1) Budget<br />

einschließlich Eigenleistungen vom Aufsichtsrat im Mai 2008 genehmigt<br />

(ohne Preisgleitung) 370,00<br />

budgetierte Preisgleitung 35,61<br />

Gesamtbudget Februar 2009 (einschließlich Preisgleitung) 405,61<br />

(2) Fremdleistungen bis Februar 2009 vergeben:<br />

Hauptleistungen fortgeschriebene Abrechnungsstand<br />

(überprüfte Aufträge) Auftragssumme 31. Dezember 2008<br />

(einschließlich Preisgleitung) (einschließlich Preisgleitung)<br />

in Mill. EUR<br />

Baumaßnahmen 136,19 109,00<br />

Motor–Generatoren 24,35 6,04<br />

Stahlwasserbau hochdruckseitig 39,80 17,99<br />

Stahlwasserbau niederdruckseitig 5,40 2,37<br />

Schaltanlagen 7,09 2,26<br />

Pumpturbinen, Nebenanlagen 35,26 10,83<br />

Ingenieurleistungen, Qualitätssicherungen 13,89 7,87<br />

Sonstige Leistungen 66,39 19,49<br />

Zwischensumme Fremdleistungen 328,37 175,85<br />

davon Anteil Preisgleitung – 13,19 – 13,19<br />

Summe 315,18 162,66<br />

(3) Noch nicht für Fremdleistungen verfügte Mittel (budgetiert):<br />

Geschätzte Mehrkosten bei bestehenden Aufträgen 0,48<br />

Preisgleitung 2009 bis 2013 21,31<br />

Noch nicht beauftragte Fremdleistungen 23,89<br />

Unvorhergesehenes 17,98<br />

Summe 63,66<br />

Quelle: Information <strong>des</strong> Lenkungsausschusses im Februar 2009<br />

194 Wien 2010/2


Projektorganisation<br />

Immaterielle<br />

Eigenleistungen<br />

Wien<br />

VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

2.2 <strong>Der</strong> RH stellte positiv fest, dass das Projekt zur Zeit der Gebarungsüberprüfung<br />

im Rahmen <strong>des</strong> verkürzten Zeitplans und <strong>des</strong> vom Aufsichtsrat<br />

genehmigten Kostenrahmens abgewickelt wurde.<br />

3 Die von der Austrian Hydro Power für das Projekt Limberg II selbst<br />

erbrachten mit rd. 3,5 % der Projektkosten budgetierten, immateriellen<br />

Leistungen beschränkten sich im Wesentlichen auf das Projektmanagement.<br />

Dazu zählten unter anderem die Koordination, die technische<br />

und die kaufmännische Projektleitung sowie das Controlling.<br />

Für Planung, Bauaufsicht und Leistungen von Sonderfachleuten beauftragte<br />

sie geeignete Unternehmen.<br />

4.1 (1) Eine externe Planungsgemeinschaft erstellte auf Basis <strong>des</strong> bereits<br />

1994 wasserrechtlich genehmigten Projekts die Planungs– und Ausschreibungsgrundlagen.<br />

Die Austrian Hydro Power erarbeitete die Kostenprognose<br />

sowie eine Wirtschaftlichkeitsberechnung <strong>des</strong> Projekts<br />

und erörterte diese in dem seit März 2005 eingerichteten Lenkungsausschuss,<br />

dem auch die beiden Vorstandsmitglieder der Austrian Hydro<br />

Power angehörten.<br />

(2) Die Aufgaben <strong>des</strong> vom Vorstand eingerichteten Projektmanagements<br />

umfassten gesamtheitlich den Bau, die maschinelle und elektrotechnische<br />

Ausrüstung, die kaufmännische Abwicklung sowie das<br />

Projektcontrolling einschließlich der Kostenkontrolle, das auch die<br />

Basisdaten für das gesamtheitliche Controlling <strong>des</strong> Mutterkonzerns<br />

(Verbundgesellschaft) lieferte.<br />

Die Austrian Hydro Power rekrutierte für die Aufgaben <strong>des</strong> Projektmanagements<br />

Mitarbeiter aus anderen Geschäftszweigen der Austrian<br />

Hydro Power bzw. schloss mit verbundenen Unternehmungen Überlassungsverträge<br />

für namentlich genannte Mitarbeiter ab. Diese bildeten<br />

die Projektleitung, das Projektkernteam und das erweiterte Projektteam.<br />

In vier– bis achtwöchig stattfindenden Bauprojektausschüssen wurden<br />

die Entscheidungsgrundlagen für den Vorstand und in der Folge<br />

für den Aufsichtsrat vorbereitet.<br />

In den vier bis sechs Mal im Jahr tagenden Lenkungsausschüssen informierte<br />

die Projektleitung den Vorstand umfassend über die Kostenprognosen<br />

und den Baufortschritt sowie über Risiken und Chancen.<br />

Wien 2010/2 195


Projektorganisation<br />

Bauzeitverkürzung<br />

Die Kostenkontrolle erfasste und überwachte die für Unvorhergesehenes<br />

vorgesehene Budgetreserve sowie die Gesamtkostenentwicklung.<br />

Vertragsänderungen waren der Projektleitung der Austrian Hydro<br />

Power vorbehalten. Die Leistungen der — fremdvergebenen — Örtlichen<br />

Bauaufsicht waren im Wesentlichen auf die Vertragsumsetzung<br />

beschränkt.<br />

4.2 <strong>Der</strong> RH beurteilte die vorgefundene Projektorganisation und –dokumentation<br />

der Austrian Hydro Power wegen der Konzentration <strong>des</strong><br />

konzerneigenen Know–how und der Entscheidungskompetenzen als<br />

zweckmäßig und effektiv. Die Auftraggeberfunktionen wurden weitgehend<br />

von der Austrian Hydro Power selbst aktiv wahrgenommen.<br />

5.1 Da die geologischen Verhältnisse besser als angenommen waren, schritten<br />

die Bauarbeiten in den Kavernen schneller voran als im Bauzeitplan<br />

festgelegt. Die Projektleitung entschloss sich daher im Dezember<br />

2007, eine Bauzeitverkürzung von sieben Monaten auf ihre Wirtschaftlichkeit<br />

hin zu untersuchen.<br />

Mit den Vertretern der Gewerke wie Rohrpanzerung, Pumpturbinen<br />

usw. war zu klären, ob — abweichend von vereinbarten Lieferterminen<br />

— die Maschinenteile früher produziert und montiert werden konnten.<br />

Die Verhandlungen mit den ausführenden Unternehmen ergaben<br />

schließlich Mehrkosten von insgesamt 4,91 Mill. EUR für die erforderlichen<br />

Beschleunigungsmaßnahmen. Die Austrian Hydro Power konnte<br />

für die neuen Preise teilweise die dem Bauauftrag zugrunde liegenden<br />

— unter Wettbewerb erstellten — Kalkulationen berücksichtigen.<br />

Bei den Ausrüstungsgewerken mit funktionaler Ausschreibung 1) (und<br />

eingeschränktem Marktangebot) beschränkte sich die Preisprüfung auf<br />

eine Plausibilitätskontrolle.<br />

1) Aufgabenbeschreibung durch Festlegung von Leistungs– und Funktionsanforderungen.<br />

Die Gegenüberstellung der erwarteten zusätzlichen Einnahmen mit<br />

den Betriebskosten für den Zeitraum der vorzeitigen Inbetriebnahme<br />

und den Folgekosten aus der Bauzeitverkürzung von sieben Monaten<br />

ergab einen positiven Kapitalwert 2) . <strong>Der</strong> Lenkungsausschuss stimmte<br />

<strong>des</strong>halb im März 2008 der Bauzeitverkürzung zu.<br />

2) Ein nach der Kapitalwertmethode ermittelter, positiver Kapitalwert bedeutet, dass<br />

das betrachtete Investitionsprojekt vorteilhaft ist.<br />

196 Wien 2010/2


Wien<br />

Projektorganisation VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Vergabe von Fremdleistungen<br />

Vergabeverfahren<br />

5.2 <strong>Der</strong> RH bewertete das Bestreben der Austrian Hydro Power positiv,<br />

günstige Bedingungen zu einer Bauzeitverkürzung zu nützen und durch<br />

betriebswirtschaftliche Kennzahlen diese Entscheidung transparent darzulegen.<br />

Gleichzeitig stellte er jedoch fest, dass der ausgewiesene Vorteil<br />

nur dann vollständig zum Tragen kommt, wenn die Bauzeitverkürzung<br />

in vollem Ausmaß umgesetzt werden kann.<br />

<strong>Der</strong> RH wies auch darauf hin, dass die erwarteten betriebswirtschaftlichen<br />

Vorteile zu tendenziell hohen Preisvorstellungen der Auftragnehmer<br />

bei den Preisverhandlungen über Mehrkostenforderungen für<br />

zusätzliche oder geänderte Leistungen führen können.<br />

5.3 Laut Stellungnahme der Austrian Hydro Power seien die Mehrkosten<br />

bereits früher ausgeglichen worden. Da die für die Bauzeitverkürzung<br />

erforderlichen Änderungen der Verträge nach internen Regelungen nur<br />

durch den Vorstand erfolgen können, seien der Projektleitung lediglich<br />

die Vorbereitung von Vertragsänderungen und die zugehörigen Verhandlungen<br />

vorbehalten gewesen.<br />

6.1 Die Austrian Hydro Power hatte bei der Vergabe der vom RH überprüften<br />

Fremdleistungen das Bun<strong>des</strong>vergabegesetz (BVergG) 2002<br />

bzw. 2006 anzuwenden. Sie wählte in der Regel das zweistufige Verhandlungsverfahren<br />

mit vorheriger europaweiter Bekanntmachung.<br />

Die Austrian Hydro Power ist seit der Entscheidung der Europäischen<br />

Kommission vom 7. Juli 2008 zur „Freistellung der Erzeugung von<br />

Strom in Österreich von der Anwendung der Richtlinie 2004/17/EG“ bei<br />

den noch ausständigen Vergaben von der Anwendung <strong>des</strong> BVergG 2006<br />

freigestellt. 1)<br />

1) BGBl. II Nr. 350/2008 vom 2. Oktober 2008<br />

Die unter TZ 8 bis 10 dargestellten Mängel der Vergabeverfahren führten<br />

zu keinen Einsprüchen der Bieter.<br />

6.2 Aus Gründen der Zweckmäßigkeit, Transparenz und sparsamen Mittelverwendung<br />

empfahl der RH der Austrian Hydro Power, weiterhin die<br />

Prinzipien <strong>des</strong> BVergG, z.B. Wettbewerb, Gleichbehandlung der Bieter<br />

sowie Transparenz und Nachvollziehbarkeit <strong>des</strong> Vergabeverfahrens,<br />

anzuwenden.<br />

Wien 2010/2 197


Vergabe von Fremdleistungen<br />

Vergabe von<br />

immateriellen<br />

Leistungen<br />

6.3 Die Austrian Hydro Power sagte in ihrer Stellungnahme zu, die vom<br />

RH aufgezählten Vergabeprinzipien weiterhin anzuwenden.<br />

Die Steiermärkische Lan<strong>des</strong>regierung schloss sich in ihrer Stellungnahme<br />

der Empfehlung <strong>des</strong> RH an.<br />

7 <strong>Der</strong> RH überprüfte die Vergabe und die Abrechnung der größten Aufträge<br />

über immaterielle Leistungen. Sie sind in nachfolgender Tabelle<br />

aufgezählt:<br />

Tabelle 3: Übersicht der überprüften Aufträge über immaterielle Leistungen<br />

Auftragsdatum Auftragssumme bei Leistungszeitraum Stand der Abrechnung<br />

Zuschlagserteilung per 31. Dezember 2008<br />

in EUR in EUR<br />

Ausschreibungs- 3. März 2005 963.025 2005 bis 2006 962.701<br />

planung (Bau)<br />

Bauwirtschaftliche<br />

(Schlussrechnung)<br />

Beratung 16. März 2006 444.000 2006 bis 2008 471.122<br />

2006 bis 2008 (Schlussrechnung)<br />

Örtliche 12. April 2006 7.760.610 2006 bis 2011 3.236.355<br />

Bauaufsicht (Bau) (Teilrechnung)<br />

Ausführungs- 18. April 2006 4.524.150 2006 bis 2011 3.073.337<br />

planung (Bau) (Teilrechnung)<br />

Baugeologische<br />

Dokumentation 24. April 2006 753.280 2006 bis 2008 986.674<br />

und Beratung (Schlussrechnung)<br />

Überwachung und<br />

Qualitätssicherung<br />

(Stahlbau und<br />

maschinelle 5. September 2007 1.500.000 2007 bis 2011 239.199<br />

Ausrüstung) (Teilrechnung)<br />

8.1 Die Austrian Hydro Power lud nach der ersten Stufe <strong>des</strong> Verhandlungsverfahrens<br />

die als geeignet beurteilten Bewerber — das waren maximal<br />

vier, in zwei Fällen nur einer — zur Angebotsabgabe ein. Die Verhandlungen<br />

mit den Bietern mündeten in letztgültigen Angeboten. Die<br />

Austrian Hydro Power ermittelte den Bestbieter aufgrund eines Bewertungsschemas,<br />

das den Preis und, um den Projekterfolg zu sichern, in<br />

einem hohen Maß die Qualität der Leistung berücksichtigte.<br />

198 Wien 2010/2


Wien<br />

Vergabe von Fremdleistungen VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Vergabe der<br />

Bauarbeiten<br />

Die Austrian Hydro Power hielt die Beurteilung der Teilnahmeanträge<br />

und die Gründe für die Zuschlagsentscheidung nicht oder nur unzureichend<br />

schriftlich fest.<br />

8.2 <strong>Der</strong> RH stimmte der Austrian Hydro Power zu, dass die Qualität von<br />

immateriellen Leistungen großen Einfluss auf den Projekterfolg hat.<br />

Um eine größere Anzahl von Bewerbern und damit mehr Wettbewerb<br />

zu erreichen, empfahl er, die strengen Kriterien für die wirtschaftliche<br />

und technische Eignung zu überprüfen.<br />

<strong>Der</strong> RH kritisierte, dass die Austrian Hydro Power die Beurteilung der<br />

Teilnahmeanträge (erste Stufe <strong>des</strong> Vergabeverfahrens) und die Gründe<br />

für die Zuschlagserteilung entgegen den Bestimmungen <strong>des</strong> Bun<strong>des</strong>vergabegesetzes<br />

nicht oder nur unzureichend schriftlich festhielt. Im<br />

Sinne der Transparenz von Vergabeverfahren empfahl er der Austrian<br />

Hydro Power, Muster für Niederschriften zu erstellen und deren<br />

Anwendung für verbindlich zu erklären.<br />

8.3 Die Austrian Hydro Power sagte zu, die Ergänzung <strong>des</strong> RH bezüglich<br />

der Kriterien für die wirtschaftliche und technische Eignung bei zukünftigen<br />

Ausschreibungen berücksichtigen zu wollen. Die Austrian Hydro<br />

Power räumte ein, in zwei Vergabeverfahren, zu denen jeweils nur ein<br />

Angebot vorlag, auf eine schriftliche Beurteilung gänzlich verzichtet<br />

zu haben.<br />

Laut Stellungnahme der Steiermärkischen Lan<strong>des</strong>regierung solle der Qualität<br />

der immateriellen Leistungen bei Investitionen in Wasserkraftanlagen<br />

mit ihren extrem langen Lebenszyklen im Sinn der Nachhaltigkeit der<br />

Investitionen auch weiterhin eine hohe Priorität eingeräumt werden.<br />

8.4 Gerade <strong>des</strong>halb hatte der RH — im Sinne der Transparenz der Vergabeverfahren<br />

— empfohlen, verbindliche Muster für Niederschriften zu<br />

erstellen, um zeitökonomisch der Verpflichtung zur Schriftlichkeit im<br />

Vergabeverfahren (auch bei Vorliegen nur eines Angebots) nachkommen<br />

zu können.<br />

9.1 Im Jänner 2006 lagen im Zuge <strong>des</strong> zweistufigen Verfahrens von vier<br />

Bietergemeinschaften letztgültige Angebote vor. Die Austrian Hydro<br />

Power beurteilte die Angebote anhand der Angebotssumme und der<br />

definierten Qualitätskriterien (Bestbieterverfahren). Die Bewertung der<br />

Qualität erfolgte durch eine Kommission, welche die Bieter aufgrund<br />

der in den Ausschreibungsunterlagen definierten Qualitätskriterien<br />

reihte, dabei jedoch ex–aequo–Rangplätze ungenau zählte.<br />

Wien 2010/2 199


Vergabe von Fremdleistungen<br />

Vergabe der RohrpanzerungTriebwasserweg<br />

und<br />

Verteilrohrleitung<br />

9.2 <strong>Der</strong> RH stellte fest, dass die Kommission die Bewertung der Angebote<br />

transparent abwickelte. Er wies jedoch auf Ungenauigkeiten bei der<br />

Reihung der Angebote hinsichtlich einiger Kriterien hin und empfahl,<br />

künftig größeres Augenmerk auf die Einhaltung der selbst auferlegten<br />

Regeln zu legen.<br />

9.3 Laut Stellungnahme der Austrian Hydro Power habe die erwähnte Ungenauigkeit<br />

zu keinem Bietersturz geführt. Trotzdem wolle sie künftig größeres<br />

Augenmerk auf die Einhaltung der selbst auferlegten Regeln legen.<br />

10.1 Bei der Vergabe der Rohrpanzerungen der beiden Triebwasserwege legte<br />

die Austrian Hydro Power nach der letzten Verhandlungsrunde mit den<br />

beiden verbliebenen Bietern fest, dass die letztgültigen Angebote bis<br />

spätestens 15. Dezember 2005 vorzulegen waren. Die Öffnung dieser<br />

Angebote erfolgte am 14. Dezember 2005. Die Angebotsbestandteile<br />

waren mit 14. Dezember und teilweise mit 15. Dezember 2005 datiert<br />

und unterfertigt.<br />

10.2 <strong>Der</strong> RH kritisierte, dass die Austrian Hydro Power die letztgültigen<br />

Angebote vor Ablauf der Angebotsfrist geöffnet hatte. Er empfahl,<br />

bei der Angebotsöffnung der Fristenwahrung verstärktes Augenmerk<br />

zu widmen sowie zur besseren Transparenz alle Angebotsbestandteile<br />

lückenlos zu kennzeichnen („Entwertung“), um die geschlossene<br />

Abgabe von Angeboten zu dokumentieren und den etwaigen nachträglichen<br />

Austausch von Angebotsbestandteilen zu verhindern.<br />

10.3 Laut Stellungnahme der Austrian Hydro Power habe sie die komplett<br />

vorliegenden Angebote gemäß den internen Richtlinien geöffnet und<br />

protokolliert. Eine Terminvorziehung der Angebotsöffnung sei im vorliegenden<br />

Fall vertretbar erschienen, weil die Angebote vollständig<br />

vorgelegen seien und eine beschleunigte Bearbeitung für den weiteren<br />

Projektverlauf Vorteile gebracht habe. Datierungsfehler der Bieter auf<br />

einzelnen Blättern der Angebotsunterlagen habe die Austrian Hydro<br />

Power aufgrund <strong>des</strong> Umfangs der Unterlagen nicht erkannt. Sie werde<br />

den Vorschlag <strong>des</strong> RH zur eindeutigen Kennzeichnung der Angebotsunterlagen<br />

umsetzen, um allfälligen diesbezüglichen Unregelmäßigkeiten<br />

vorzubeugen.<br />

200 Wien 2010/2


Wien<br />

Vergabe von Fremdleistungen VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Vergabe der Pumpturbinen–Maschinensätze<br />

Auftragsabwicklung<br />

Bauarbeiten<br />

11.1 Die Austrian Hydro Power legte als Zuschlagskriterium für die Vergabe<br />

der beiden Pumpturbinen–Maschinensätze neben dem Gesamtpreis<br />

— mit allfälligen Nachlässen und Bonifikationen — auch Kennwerte<br />

für eine Bewertung <strong>des</strong> gesamten Lebenszyklus der Anlage fest.<br />

Nach der Öffnung der vier eingelangten Angebote am 7. Februar 2006<br />

bewertete die Austrian Hydro Power im Zuge der Bestbieterermittlung<br />

die einzelnen Zuschlagskriterien durch interne betriebswirtschaftliche<br />

Berechnungen monetär. <strong>Der</strong> Vergabevorschlag wurde dem Vorstand<br />

am 8. März 2006 zur Entscheidung vorgelegt.<br />

11.2 <strong>Der</strong> RH bewertete das Vergabeverfahren als sehr transparent durchgeführt<br />

und die Aufnahme von Lebenszyklusansätzen in das Vergabeverfahren<br />

positiv.<br />

Abrechnungsvereinbarungen<br />

12.1 Die Ausschreibung enthielt drei Positionen für Betonfertigteile im Triebwasserstollen<br />

mit einer Gesamtlänge der Einbaustrecke von 3.676 m.<br />

Eine andere Position deckte das Mörtelbett für den Einbau dieser Fertigteile<br />

ab. Die ausgeschriebene Länge <strong>des</strong> Mörtelbetts betrug 3.673 m.<br />

In der 34. Teilrechnung anerkannte die Austrian Hydro Power den Einbau<br />

der Betonfertigteile auf einer Strecke von 3.469 m und ein Mörtelbett<br />

in der Länge von 4.899 m.<br />

Auf Nachfrage <strong>des</strong> RH erläuterte die Austrian Hydro Power die Abrechnungsentwicklung<br />

einerseits mit einer Verkürzung der Vortriebstrecke<br />

und andererseits mit einer getroffenen Abrechnungsvereinbarung 1) ,<br />

nach der die Mörtelkubaturen für den Einbau der unterschiedlichen<br />

Fertigteile auf die Menge je Laufmeter für das ausgeschriebene Mörtelbett<br />

umgerechnet worden waren.<br />

1) Abrechnungsvereinbarung: Eine nach Vertragsabschluss getroffene vertragsergänzende<br />

oder vertragsändernde Vereinbarung zur Abrechnung von Leistungen.<br />

12.2 <strong>Der</strong> RH kritisierte, dass in den Teilrechnungen die gebotene Transparenz<br />

der Abrechnungsmengen fehlte. Er empfahl, künftig von derartigen<br />

Abrechnungsvereinbarungen Abstand zu nehmen.<br />

Wien 2010/2 201


Auftragsabwicklung<br />

Leistungsänderungen wären nach Ansicht <strong>des</strong> RH zweckmäßiger über<br />

Zusatzaufträge zu vergüten. Diese erhöhen die Transparenz und ermöglichen,<br />

die Positionsmengen in der ausgeschriebenen Mengeneinheit<br />

unverfälscht darzustellen. Dadurch verringert sich das Fehlerpotenzial<br />

beim Controlling der Abrechnungsentwicklung.<br />

12.3 Die Austrian Hydro Power stimmte der Kritik <strong>des</strong> RH grundsätzlich zu.<br />

Bei geringfügigen Anpassungen erscheine ihr der mit Zusatzaufträgen<br />

verbundene organisatorische Zusatzaufwand jedoch nicht zweckmäßig.<br />

Abrechnungsstand<br />

13 Mit der 34. Teilrechnung vom 30. Dezember 2008 anerkannte die Austrian<br />

Hydro Power eine Abrechnungssumme von insgesamt 107,02 Mill.<br />

EUR. Diese Teilrechnung enthielt Zusatzaufträge in Höhe von rd. 22 Mill.<br />

EUR (rd. 21 % der Abrechnungssumme). Davon betrafen rd. 16 Mill.<br />

EUR (rd. 15 % der Abrechnungssumme) Ausbrucharbeiten, die infolge<br />

von unvorgesehener Asbestbelastung notwendig geworden waren (siehe<br />

TZ 16).<br />

Lawinensprengungen<br />

14.1 Die Ausschreibungsunterlagen zu den Bauarbeiten wiesen mehrfach<br />

auf Lawinensprengungen hin, die von den Bietern kalkulatorisch zu<br />

berücksichtigen waren.<br />

Im Mai 2007 legte der Auftragnehmer ein Zusatzangebot über den<br />

außervertraglichen Aufwand für Lawinensprengungen vor. Die Austrian<br />

Hydro Power beurteilte dieses Zusatzangebot dem Grunde nach<br />

als berechtigt, weil im Leistungsverzeichnis zwar die Möglichkeit zur<br />

Sprengung von Lawinen angeführt, aber keine Positionen dafür aufgenommen<br />

worden waren. Weiters befand sich im Bauvertrag kein<br />

Hinweis darauf, dass diese Sprengungen bei der Preisgestaltung einzurechnen<br />

waren.<br />

Die Austrian Hydro Power beauftragte die Zusatzleistungen für Lawinensprengungen<br />

in zwei Teilen um insgesamt rd. 457.000 EUR.<br />

Davon vergütete die Austrian Hydro Power mit der 34. Teilrechnung<br />

rd. 373.000 EUR, einschließlich Kosten von mehr als 60.000 EUR für<br />

einen im Rahmen von Hubschraubereinsätzen beigezogenen Lawinensachverständigen.<br />

202 Wien 2010/2


Wien<br />

Auftragsabwicklung VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Gegenüber dem RH betonte die Austrian Hydro Power, dass sie großes<br />

Interesse an einer Einigung mit dem Auftragnehmer gehabt hätte. Grund<br />

dafür waren die angestrebte raschere Fertigstellung und die Sicherheit<br />

anderer am Bau beteiligter Auftragnehmer und Lieferanten.<br />

14.2 Nach Ansicht <strong>des</strong> RH waren die Zusatzforderungen für Lawinensprengungen<br />

dem Grunde nach nicht anzuerkennen. Lawinensprengungen<br />

waren nicht nur in den Ausschreibungsunterlagen mehrfach beschrieben,<br />

sondern stellten bei einer mehrjährigen Hochgebirgsbaustelle auch<br />

eine absehbare Standardsituation dar.<br />

Bei der Preisprüfung <strong>des</strong> Zusatzangebots hätte die Austrian Hydro<br />

Power nach Auffassung <strong>des</strong> RH zumin<strong>des</strong>t die Kosten für den Lawinensachverständigen<br />

abziehen können.<br />

<strong>Der</strong> RH empfahl der Austrian Hydro Power, künftig anstelle von Pauschalformulierungen<br />

oder Kalkulationsanweisungen für Lawinensprengungen<br />

eigene Positionen im Leistungsverzeichnis vorzusehen, um<br />

dem Auftragnehmer keine dem Auftraggeber zugeordnete Risiken zu<br />

übertragen und damit das Claimpotenzial zu verringern. Das lasse aus<br />

Wettbewerbsgründen auch günstigere Einheitspreise erwarten.<br />

14.3 Die Austrian Hydro Power vertrat den Standpunkt, dass der Auftragnehmer<br />

die Lawinensprengungen in seinem Angebot nicht ausreichend<br />

berücksichtigen konnte. Die Bauzeitverkürzung wäre erst in der Ausführungsphase<br />

erfolgt und die naturschutzbezogenen Rahmenbedingungen<br />

hätten sich geändert – ursprünglich wären Hubschrauberflüge<br />

nur in Ausnahmefällen möglich gewesen. Die Austrian Hydro Power<br />

hätte daher die Vergütung der Kosten für den Zeitraum vor der Änderung<br />

dieser Umstände abgelehnt.<br />

Da die Planung und Beurteilung von Lawinensprengungen einen erheblichen<br />

Mehraufwand im Vergleich zu einfachen Straßensperren bei<br />

Lawinengefahr erfordere, seien die im Zusatzauftrag eingerechneten<br />

Kosten <strong>des</strong> Lawinensachverständigen für zusätzliche Lawinensprengungen<br />

gerechtfertigt.<br />

Wien 2010/2 203


Auftragsabwicklung<br />

<strong>Der</strong> Empfehlung <strong>des</strong> RH, anstelle von Pauschalformulierungen in den<br />

Ausschreibungen soweit wie möglich eigene Positionen vorzusehen,<br />

stimmte die Austrian Hydro Power im Hinblick auf eine faire Risikoverteilung<br />

zwischen Auftragnehmer und Auftraggeber zu. Das Mengenrisiko<br />

würde damit jedoch vom Auftragnehmer zum Auftraggeber<br />

verlagert werden. Da im Wettbewerb sowohl Einzel– als auch Gemeinkostenpositionen<br />

entstanden seien, würde eine Änderung der Ausschreibungsmethode<br />

nicht notwendigerweise günstigere Einheitspreise<br />

erwarten lassen.<br />

14.4 <strong>Der</strong> RH entgegnete, dass die abgerechneten Leistungen für Lawinensprengungen<br />

eben nicht im Wettbewerb angeboten worden waren, sondern<br />

in Form eines Zusatzangebots außerhalb <strong>des</strong> Wettbewerbs. Erfahrungsgemäß<br />

werden unter Wettbewerb Leistungen günstiger angeboten<br />

als im Wege eines Zusatzangebots. Deshalb sollten anstelle von Pauschalformulierungen<br />

oder Kalkulationsanweisungen eigene Positionen<br />

im Leistungsverzeichnis vorgesehen werden, weil dies günstigere Einheitspreise<br />

erwarten lasse.<br />

Asbestvorkommen im Gestein<br />

15.1 Bereits ein Lehrbuch 1) aus dem Jahr 1802 beschrieb den „biegsamen<br />

Asbest (Amianth)“ und listete unter den Fundorten auch Kaprun auf.<br />

1) Franz Ambros Reuß; Lehrbuch der Mineralogie, Leipzig bei Friedrich Gotthold Jacobäer<br />

1802<br />

<strong>Der</strong> im September 2005 erstellte geologisch–geotechnische <strong>Bericht</strong><br />

wurde Teil der Ausschreibungsunterlagen. Er beruhte auf dem geologischen<br />

<strong>Bericht</strong> <strong>des</strong> Jahres 1993, der für die wasserrechtliche Einreichung<br />

erstellt worden war. Die Verfasser <strong>des</strong> <strong>Bericht</strong>s erwarteten unter<br />

anderem das Auftreten der „Grüngesteine“ Serpentin und Prasinit.<br />

„Grüngesteine“ können in ihrem Gefüge Asbest einschließen.<br />

Wegen der guten Kenntnis <strong>des</strong> Projektsgebiets und weil bisher keine<br />

Asbestprobleme aufgetreten waren, hatte die Austrian Hydro Power<br />

nicht mit Vorkommen von Asbest in fasriger Form (auch als Aktinolith<br />

oder Amianth bezeichnet) gerechnet. Das Leistungsverzeichnis<br />

enthielt demzufolge keine Positionen für Maßnahmen zum Arbeitnehmerschutz<br />

bei Asbestvorkommen und der daraus resultierenden<br />

Asbestbelastung der Luft.<br />

204 Wien 2010/2


Wien<br />

Auftragsabwicklung VERBUND–Austrian Hydro Power AG:<br />

Pumpspeicherkraftwerk Limberg II<br />

Mitte Oktober 2006 traten — entgegen den Erwartungen der Austrian<br />

Hydro Power — asbesthältige Gesteinsschichten auf und machten<br />

umfangreiche Maßnahmen erforderlich. Anfang Dezember 2006<br />

behandelte der Lenkungsausschuss die Asbestproblematik bereits mit<br />

Hinweis auf den Maßnahmenkatalog und die erwarteten Mehrkosten.<br />

Die Prüfung der — meist vor Ausführung der Leistung gelegten —<br />

Zusatzangebote konnte zum Teil auf der Kalkulation <strong>des</strong> Hauptangebots<br />