FURIOS 02 (Juni 2009): Unternehmer

furios.campus.de

FURIOS 02 (Juni 2009): Unternehmer

Furios

StudentiScheS campuSmagazin an der Freien univerSität Berlin

titelthema

unternehmer

Die bessermacher

ausserDem: interview mit PräsiDent lenzen

Kostenlos

02

Juni 2009

FuriOs Online:

fucampus.de


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Ernst Reuter (1889–1953) hatte als Oberbürgermeister von Berlin

(ab 1950 Regierender Bürgermeister) entscheidenden Anteil an der

Gründung der Freien Universität Berlin, die am 4. Dezember 1948

im Titania-Palast in Steglitz gefeiert wurde. Immer wieder regte er

an, einen Förderverein ins Leben zu rufen. Sein Wunsch wurde nach

seinem Tod als Vermächtnis verstanden und am 27. Januar 1954 in die

Tat umgesetzt. In der ERG treffen sich seit über 50 Jahren Studierende,

Absolventen, Freunde, Förderer und ehemalige Mitarbeiter und

Mitarbeiterinnen. Sie sind herzlich eingeladen, sich über die Arbeit des

Fördervereins zu informieren.

Im Rahmen Ihrer Mitgliedschaft in der ERG erhalten Sie

1. Einladungen zu Veranstaltungen der ERG und der FU

2. Zedat-Account mit E-Mail-Adresse

3. Ermäßigungen für Veranstaltungen

(Collegium Musicum und Lange Nacht der Wissenschaften)

4. Ermäßigung für die GasthörerCard

5. Mitarbeitertarif beim Hochschulsport

6. Ermäßigung für Weiterbildungsangebote

7. Mitarbeitertarif in der Mensa

8. Magazin WIR für die Ehemaligen

9. auf Wunsch Zusendung der FU-Tagesspiegelbeilage

und des Wissenschaftsmagazins fundiert

10. Ermäßigung für das Berliner Kabarett Theater Die Wühlmäuse

Stand: Februar 2008

Ich möchte der Ernst-Reuter-Gesellschaft der Freunde, Förderer &

Ehemaligen der Freien Universität Berlin e. V. beitreten (bitte ankreuzen):

Mitgliedschaft / normal

(Mindestbeitrag 50,00 D/ Jahr)

Mitgliedschaft / ermäßigt

(Mindestbeitrag 10,00 D/ Jahr für Studierende und Ehemalige einschließlich der

ersten drei Jahre nach Exmatrikulation, bitte Nachweis beilegen)

Institution / Firma

(Mindestbeitrag 150,00 D/ Jahr)

Fördermitgliedschaft

Ich bin bereit, statt des Mindestbeitrags von 50,00 D

eine jährliche Spende von zu zahlen.

Ich möchte dem Kapitel

zugeordnet werden (optional)

Geschäftsstelle:

Die Ernst-Reuter-Gesellschaft

der Freunde, Förderer und Ehemaligen

der Freien Universität Berlin e. V.

Kaiserswerther Str. 16 – 18 · 14195 Berlin

Telefon Büro des Vorstandes: 030 – 838 570 38

Irma Indorf irma.indorf@fu-berlin.de

Telefon Mitgliederverwaltung und Finanzen: 030 – 838 530 77

Sylvia Fingerle-Ndoye erg@fu-berlin.de

Fax 030 – 838 530 78

www.fu-berlin.de/alumni/erg

Wir freuen uns auf Sie

Antrag auf Mitgliedschaft

Die ERG widmet sich verstärkt der Kontaktpflege zu den Ehemaligen

der Freien Universität Berlin. Als Mitglied können Sie über

Fachgrenzen und Studienzeit hinaus an Leben, Arbeit und

Entwicklung der Freien Universität teilnehmen. Die ERG ist als

gemeinnütziger Verein anerkannt. Spenden und Mitgliedsbeiträge

sind steuerlich absetzbar.

Berliner Sparkasse, BLZ 100 500 00 · Kto. 101 00 101 11

Mitgliedsbeiträge und Spenden

Berliner Sparkasse, BLZ 100 500 00 · Kto. 101 01 523 58

Stifterfonds Ernst-Reuter-Stipendienprogramm

Unsere Aktivitäten

Ω Verleihung der Ernst-Reuter-Preise

Ω Verleihung der Ernst-Reuter-Stipendien

Ω Unterstützung der Jubiläumsfeiern Silberne und Goldene Promotion

Ω Fundraising für den Stifterfonds des Ernst-Reuter-Stipendienprogramms

Ω Reuterianer-Forum

Ω Druckkostenzuschüsse zu Dissertationen

Ω Verwaltung von 2000 Mitgliedern

Ω Verwaltung von fachbereichsbezogenen Kapiteln

Ω Drittmittelverwaltung zweckgebundener Zuwendungen

Ω Gesellschafter der ERG Universitätsservice GmbH

Ω Herstellung von Kontakten zu Absolventen mit dem Ziel der

Netzwerkbildung

Hiermit beantrage ich die Mitgliedschaft in der Ernst-Reuter-Gesellschaft

Vorname Name E-Mail

Geburtsdatum Akad. Grad/Titel/Funktion Beruf/Position

Straße PLZ, Ort Telefon/Fax

Ich habe an der FU studiert von–bis

Ich war an der FU tätig von–bis

Ich möchte die FU-Tagespiegelbeilage per Postversand ja nein

(www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsbeilage.html)

Ich möchte das Wissenschaftsmagazin fundiert per Postversand ja nein

(www.elfenbeinturm.net/fundiert)

Ich bin einverstanden, dass die Angaben zu Vereinszwecken in einer rechnergestützten

Adressdatei gespeichert werden. Alle Angaben sind freiwillig.

Hiermit ermächtige ich Sie widerruflich, die zu entrichtenden Zahlungen bei Fälligkeit

zu Lasten des Kontos

Kontoinhaber

Kontonummer BLZ Geldinstitut mit Ortsangabe

durch Lastschrift einzuziehen. Datum Unterschrift


liebe KOmmilitOninnen,

liebe KOmmilitOnen,

wer hat ihn erkannt? Der junge Supermann auf dem Titelblatt

heißt Mark und ist vor kurzem 25 Jahre alt geworden. Vor fünf

Jahren gründete er als Student, nach einigen erfolglosen Webprojekten,

Facebook. Mark Zuckerberg ist nicht nur der weltjüngste

Milliardär. Er hat unsere Art zu kommunizieren tiefgreifend verändert.

Wir bleiben in Kontakt mit Menschen, die wir nicht lieben,

aber auch nicht vergessen wollen: Schulfreunde, Urlaubsbekanntschaften,

Flirts. Mark Zuckerberg ist unser Paradebeispiel eines

studentischen Unternehmers.

Schade ist, dass Gründer oft mit raffgierigen Managern über

einen Kamm geschert werden. Der Begriff »Unternehmer« ist im

Deutschen derart negativ besetzt, dass sich manche Gründer nur

noch als Entrepreneur bezeichnen. Dabei sind Unternehmer etwas

Positives. Im Gegensatz zu Managern gehen sie selbst Risiken ein.

Im Gegensatz zu Kritikern erkennen sie nicht nur einen Mangel,

sondern beheben ihn auch. Unternehmer sind Bessermacher!

Wir haben dem Unternehmergeist auf dem Campus nachgespürt.

Wir haben einen Professor gefunden, der Roboter Fußball

spielen lässt, damit Blinde besser Lesen können. Wir haben mit

Studenten gesprochen, die dafür sorgen, dass es keine entliehenen

Bücher mehr geben wird. Und wir haben uns gefragt, was Unternehmer

von der Freien Universität lernen können. Wahrscheinlich

das: Krisen durchmachen.

Gefallen euch die Bilder zu den Geschichten? Wir konnten

Michi Schneider (myspace.com/michi_schneider) überreden, in

Dahlem unternehmerischen Orten nachzuspüren und sie ein wenig

zu verändern. Auch den Supermann auf dem Titelblatt verdanken

wir ihm.

Bedanken möchten wir uns aber auch bei der Ernst-Reuter-

Gesellschaft für die weitere finanzielle Unterstützung. Und nicht

zuletzt bei allen Studenten, die viel Zeit und Kreativität in diese

Ausgabe investiert haben!

Falls Du ebenfalls für FURIOS schreiben, zeichnen oder

fotografieren willst: Die Termine unserer Redaktionstreffen

findest Du online!

Auf unserer Webseite www.furios-campus.de verfolgen wir

übrigens die Geschichten aus dem Heft weiter. Dort findet ihr von

nun an auch aktuelle Veranstaltungen rund um die FU sowie wöchentlich

neue Geschichten! Die Zeit bis zur nächsten gedruckten

FURIOS im kommenden Semester ist damit bestens überbrückt.

Gute Ideen und den Mut, sie umzusetzen wünscht euch

Eure FURIOS-Redaktion

FuriOs 02/2009

Auch Furios ist

ein kleines

unternehmen.

und sucht Verstärkung!

Du liebst Magazine? Gedruckte und

digitale? Du hast Interesse an neuen

Entwicklungen in der Medienwelt

und machst Dir gerne Gedanken

darüber, wie man diese auf einem

Campus umsetzen könnte? Du bist

wirtschaftsaffin? Und Du studierst an

der Freien Universität Berlin?

dAnn suchen wir dich!

eDitOrial

Bei FURIOS hast Du die Möglichkeit,

ein unabhängiges Campusmagazin

an der Freien Universität zu

positionieren und dich zugleich

in deinem zukünftigen Berufsfeld

auszuprobieren! Wir suchen jemanden,

der FURIOS, online und in Print, den

Studenten näher bringt und durch

neue Funktionen erweitert, der unsere

Anzeigenkunden betreut und das

Heft auf dem Campus verankert. Ein

Verleger im besten Sinne!

Sagt Dir zu? Wir brauchen keinen

Lebenslauf und auch kein formales

Anschreiben. Sende einfach bis

zum 20. Juni 2009 eine Mail an

redaktion@furios-campus.de, in der

Du schreibst, warum dich FURIOS

überzeugt und was Du daran besser

machen würdest!

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Anzeige

inhalt

inhAlt

empörter student

titelthemA unternehmer

Die kreative Revolution: Wolf Lotter

Die Unternehmenslustigen: Spielerisch erfinden

Die Unergründlichen: Wieso unternimmt an der FU keiner was?

Die Drama Queen: Was Unternehmen von der FU lernen können

4 / 40 000

4/40 000: 40 000 Studenten an der FU. 4 von ihnen sind hier.

cAmpus

Strahlend Grün? Im Umweltsschutz gibt es noch einiges zu tun.

Forschungsfragen an das Dahlem Brain

Rezensionsreportage: Studenten publizieren

politik

Das ewige Experiment: Der Präsident und die Macht

»Wir diskutieren nicht mit Funktionären«: Dieter Lenzen im

Gespräch

Grenzenloses Engagement: Studenten stiften Frieden

kultur

Danke fürs Freunde sein! Die schöne neue MySpace-Welt der

Musiker

Flaneur: Dahlems Bibliotheken

VerAnstAltungskAlender

wArenFetisch: Das MacBook

Bildlegende

Open Access to the Rattenkeller

die internAtionAle

London

ewige ehemAlige

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Benedict Wells

FuriOs 02/2009

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Der emPörte stuDent

Der FU-Student ist in der Regel empört. Aber wie empört man sich richtig?

Die Empörung über die erste Ausgabe von FURIOS hat es vorgemacht!

Die Empörung kam postwendend. Noch während dem Verteilen

der ersten Ausgabe auf dem Campus warf man uns »Unverschämtheit

und Lüge!« vor und drohte, wie sich das für eine ordentliche

Empörung gehört, mit »Konsequenzen!«.

Da es sich bei den Empörten um AStA-Vertreter handelte, dachten

wir zuerst, ihre Empörung habe mit einem Artikel zu tun, in

dem wir behauptet hatten, ihre »Deutschland muss sterben«-

Gesänge seien antiquiert.

Ein Blogger klärte uns dann aber auf, für »den größten

Aufschrei unter der linken, politisch-aktiven, asta-nahen

Studierendenschaft« habe nicht dieser AStA-kritische Artikel

gesorgt, sondern ein Beitrag über Christen an der FU

sowie das Porträt eines Anti-68ers, einem alten Mann namens

Hans Eberhard Zahn.

Und in der Tat entbrannte in diesem Blog eine empörte

Diskussion darüber, welcher der Artikel nun das »allerletzte«

sei. »Rudi« plädierte für den alten Mann, der einer

»feigen Denunziantenbande« angehört habe, deren Gesinnungsgenossen

noch immer das FU-Präsidium beeinflussen

würden. »Dennis« hingegen meinte, »das allerletzte« sei ja

wohl der Artikel über die Christen gewesen. Was da »zwischen

den Zeilen an reaktionärem, vernunfts- und wissenschaftsfeindlichem

glaubensgedusel« verzapft worden sei, sei

»dem 21. jahrhundert alles andere als würdig«, meinte er empört.

»Micha« wiederum war der Ansicht, der Artikel über die

»FU-ChristInnen« habe nur »den zweiten

platz in anstößigkeitserzeugung« verdient.

Der »Böse Zahn» habe sie alle

geschlagen.

Ebenso interessant fanden wir

die Empörung über diese Empörrubrik.

Man hätte den Platz

nutzen sollen, um sich über

wirklich Empörendes zu empören!

»Stattdessen macht

man sich in der FURIOS-

Redaktion eben lieber

über KommilitonInnen

lustig, die ... wirkliche

Mißstände empörend finden

und diese Empörung

zum Ausdruck bringen.«

Über diese Arroganz,

schloss der Blogger,

könne man sich är-

FuriOs 02/2009

Michi schneider hat den empörten in Öl verewigt.

emPörter stuDent

gern. Das »wirkliche Problem« sei jedoch »eher« die dahinter liegende

Inhaltsleere. Eine empörende Unterstellung, fanden wir.

Alles in allem war die Empörung über FURIOS aber sehr vorbildlich.

Von interessanten Wortschöpfungen (»jung-neostockkonservatives

blattgedöns«) bis zur Sorge um die Würde des 21.

Jahrhunderts war alles für einen SPIEGEL-

Leserbrief dabei.

Eine Kommilitonin schrieb

uns dann noch, ob man sich hier

wirklich über etwas aufregen

müsse, das gar nicht zutrifft.

Gute Frage, fanden wir. Wir

hatten uns über Schließfächer

empört, die nur Ein-

Euro-Münzen schlucken

würden. Was nicht stimmt.

Trotzdem finden wir: Ja. Ja,

man sollte sich nur über

Dinge empören, die nicht zutreffen!

Die Empörung ist ein

erfüllender Geisteszustand. Man

sollte sie nicht von realen Mängeln

abhängig machen. Deshalb fanden

wir es ja auch ganz in Ordnung, als

sich herausgestellt hatte, dass der

Student, der uns unterstellte,

kalte Krieger zu sein,

das Heft noch

gar nicht

gelesen

hatte.

(red)

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interview: wOlF lOtter

»KrisenanFällig ist

alles, was sich nicht

veränDern Kann!«

Wirtschaftsjournalist WolF lotter erklärt die Kreative Revolution und warum

wir ein anderes System brauchen. Jetzt.

Das Gespräch führten nicolAs Fuchs und lAurence thio — Illustration: Michi schneider

Wir stehen vor einer Revolution: Der

Industriekapitalismus hat ausgedient. Wir

sind auf dem Weg in die Wissensgesellschaft.

Dienstleistungen verdrängen Industriearbeit,

Ideen sind wertvoller als Produkte.Wolf

Lotter nennt dies die »Kreative

Revolution«. Kürzlich veröffentlichte er

einen gleichnamigen Band, in dem sieben

Vertreter der Ideenwirtschaft schrieben,

welche Umstürze uns demnächst erwarten

und wie die neue Ökonomie unser Leben

verändern wird. Wolf Lotter ist Autor

beim Wirtschaftsmagazin »brand eins« und

gilt als Experte für die Transformation von

der Industrie- zur Wissensgesellschaft.

In ihrem neuen Buch dreht sich alles um

die »Kreative Revolution« - Herr Lotter,

wie kommt man auf eine gute Idee?

Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.

Fragen Sie sich mal selbst: Was interessiert

Sie und wo sind Sie bereit etwas zu verbessern?

Mit einer guten Idee muss man nicht

unbedingt neue Produkte erfinden, man

kann auch Vorhandene besser machen.

Welche Bedingungen müssen herrschen

damit Innovationen entstehen können?

Das Allerwichtigste ist Offenheit, nicht

immer nur auf Sicherheit setzen. Zu viele

Menschen betrachten, was sie haben, als

Maßstab aller Möglichkeiten, das ist natürlich

schlecht. Die Offenheit für Ideenwirtschaft

bedeutet immer auch Freude am Risiko

und die Grundvorstellung, es könnte

auf dieser Welt besser sein, als es ist.

Was verstehen Sie unter einem »Kreativen«?

Kreativität ist etwas sehr Menschliches,

etwas, das wir alle haben. Das gerade dann

ausbricht, wenn es scheinbar keinen Ausweg

gibt oder wenn die Stimmung relativ

depressiv ist: also so wie jetzt. Dann neigen

Menschen dazu, etwas zu machen, selbst

ohne Planung oder klares Ziel. Kreativität

bedeutet für mich vor allem mehr Selbständigkeit.

Ich versuche also mein eigenes

Leben zu gestalten, statt mich auf Rahmenbedingungen

zu verlassen oder zu fordern,

dass andere für mich einen Rahmen

schaffen. Fast jeder Unternehmer denkt so.

Das ist eine klare unternehmerische Tugend.

Kreative sind nicht nur Menschen,

die Kunst machen oder in der Ideenwirtschaft

arbeiten. Es kann beispielsweise eine

Krankenschwester sein. Es sind Menschen,

die in ihrem Job mehr Gestaltungsfreiraum

schaffen als es die Methode und der Plan

vorsieht.

Und wo sind die Zentren der Kreativen

Revolution?

Ich glaube nicht dass es darum geht, dass

man sagt »Hier kannst du jetzt besonders

kreativ sein«. Man braucht keine Bühne

oder kein Theater. Kreativität lebt davon,

dass man etwas verändern möchte, in dem

Sinne ist Kreativität auch ein System- und

Regelbruch.

Welche Rolle spielen die Universitäten

in der Kreativen Revolution?

In erster Linie werden die Universitäten

Wissensstandards vermitteln. Es muss

einen freien Zugang für Studierende aller

Altersgruppen geben. Da ist man noch

nicht weit genug. Ein Problem dabei ist

meiner Meinung nach zu viel Standesdünkel

im akademischen Bereich. Des

Weiteren erwarte ich von einer Universität,

dass sie aktiv ist. Sie soll zum Entwick-

lungshelfer von Menschen werden, die für

die Wissensgesellschaft individuelle und

persönliche Lösungen einbringen. Keine

industriellen, keine 0815-Lösungen mehr.

Wenn alle Leute von denen man sich neue

Problemlösungen erwartet einheitlich betreut,

einheitlich unterrichtet und ausbildet

werden, haben Sie am Ende wieder nur

eine einheitliche Masse. Das ist ein großes

Problem unseres Bildungssystems. Je mehr

das System behauptet einheitliche Qualität

produzieren zu können, desto schlechter,

ängstlicher und fehleranfälliger ist es.

Wichtiger ist es ab einem bestimmten

Punkt Freiheiten zu geben. Das können

wir in unserem System nur sehr schwer

denken, weil wir »entweder/oder« denken.

Wir müssen »sowohl/als auch« denken!

Mit dem Bologna-Prozess sind die Universitäten

auf einem ganz anderen Weg.

Ja und dabei handelt es sich um eine

der schlimmsten und problematischsten

Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte.

Einige Leute aus Konzernlobbies glauben

man könnte sich einen Experten schnitzen.

Darauf hat dann irgendwann ein akademisches

Establishment reagiert, und will

jetzt Experten herstellen – das ist richtiger

Unfug!

Wie müsste die Universität reagieren –

wie vermittelt sie zeitgemäß Wissen?

Man müsste vielmehr ein Management der

Unsicherheit, der Überraschung unterrichten.

Man müsste die Menschen so

vorbereiten, dass sie sich Situationen relativ

flexibel und spontan anpassen können.

Damit sie lernen aus dem Leben etwas zu

machen, stattdessen tut man so als ob man

mit 20 oder 25 wissen könnte was in zehn

FuriOs 02/2009


Wolf Lotter, seiner Herkunft entsprechend in einem österreichischen Schilling-Schein verewigt, ist selbst auch Gründer:

Er brachte vor 10 Jahren das Wirtschaftsmagazin »brand eins« auf den Markt.

Jahren passiert. Wir brauchen Instrumente,

die uns mit Überraschungen und

mit Veränderungen des Systems arbeiten

lassen. Dann werden wir auch wieder

veränderungsfähige Intellektuelle haben,

die bereit sind den Wandel zu tragen und

nicht darauf bestehen, dass alles so bleiben

muss, wie es ist.

Unternehmer-Geschichten werden in

letzter Zeit gern in der Presse erzählt.

Eine Rückbesinnung auf Werte gegenüber

dem Macht- und Geldstreben der

Manager. Brauchen wir mehr Unternehmertum?

Unsere Gesellschaft muss den Unterschied

zwischen Unternehmern und Managern

lernen. Unternehmer stehen für eine

Idee ein, sie tragen ein Risiko und haben

den Mut trotzdem etwas nach vorne zu

bringen. Das ist etwas völlig anderes als

das, was ein Manager macht. Manager

waren ursprünglich die Organisatoren von

Fabriken, nicht mehr und nicht weniger.

Sie haben Menschen organisiert, sie

haben Zeit und Ressourcen organisiert. In

einer Welt, in der Ideen und Wissen zur

FuriOs 02/2009

wichtigsten Ressource werden, sind Manager

überflüssig. Manager haben in der

Form, wie sie sich heute definieren, keine

Zukunft. Unternehmer haben hingegen

eine sehr große Zukunft, weil sie mit der

vorhandenen Situation unzufrieden sind

und etwas voran treiben wollen. Diese

Debatte wird noch nicht überall richtig

verstanden. Dabei finde ich immer ganz

witzig, dass insbesondere in der linken

politischen Hälfte Unternehmertum nicht

gut angesehen ist. Es wird oft überhaupt

nicht verstanden wie sehr Unternehmertum

eine der wichtigsten Grundlagen zur

gesellschaftlichen Emanzipation ist.

Ist aktuell ein guter oder schlechter

Zeitpunkt universitäre Ausgründungen

an den Start zu bringen?

Im Moment haben wir einen sehr guten

Zeitpunkt, denn die Alternative, sozusagen

das Gegenmodell, wäre die vorhandenen

Strukturen zu stärken. Einige dieser

Strukturen sind Teil eines krisenanfälligen

Systems und krisenanfällig ist alles, was

sich nicht verändern kann.

interview: wOlF lOtter

Ich bin sehr dafür gerade jetzt zu gründen.

Das ist nicht allen gegeben. Es gibt

viele Leute, die überhaupt nicht gelernt

haben, etwas zu entwickeln oder eine Idee

zu erkennen – also die Frage stellen: Geht

das besser oder ganz anders als bisher?

Aber das kann die, die es gelernt haben,

die Ideen entwickeln und erkennen, nicht

abhalten etwas zu tun. Gleichzeitig sollten

sie die anderen auffordern sich etwas mehr

geistig anzustrengen, statt vorhandenes

Wissen zu reproduzieren und zu Bürokraten

zu werden. Ich halte alle Leute die

Systemerhalter sind für einfach zu faul um

nachzudenken. Das ist keine Frage der

Talente und der Fähigkeiten sondern der

Bequemlichkeit. ■

»Die kreative Revolution: Was kommt nach

dem Industriekapitalismus?« ist im Murmann

Verlag erschienen.

Nicolas Fuchs studiert Volkswirtschaft.

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titelthema: unternehmer

Der Wissenschaftsbetrieb an der FU ist nicht lustig. Schade, die Universität verspielt damit eine große Chance. Illustration: Michi Schneider

Die unternehmenslustigen

Deutschen Universitäten fehlt es an Verspieltheit. Das macht sie wissenschaftlich langweilig und

unternehmerisch lahm. Die Freie Universität hat zumindest ein paar Ausnahmen. tin Fischer

besucht verspielte Professoren und spielende Unternehmer.

RoboCup« ist wahrscheinlich die einzige wissenschaftliche

Veranstaltung, bei der die Teilnehmer mit »Go! Go! Go!«

angefeuert werden. Ironischerweise ist es auch die einzige,

wo das rein gar nichts bringt. Hier bekämpfen sich weder gepumpte

Sportler, noch feinden sich miefige Professoren an. Der psychologische

Beistand ist Robotin »Lola« beim Fußballspielen egal.

Seit 10 Jahren nimmt ein Team des Informatikinstituts der Freien

Universität an den Meisterschaften im Roboterfußball teil. Bis an

die Weltspitze kämpften sich ihre »FU-Fighters«. Treibende Kraft

hinter den Spielereien ist Raúl Rojas, Professor für künstliche Intelligenz

und Garant für unkonventionelle Forschung. Einst bauten er

und sein Team den ersten funktionstüchtigen Computer der Welt

nach, Jahrgang 1941. Neulich traten sie zu einem urbanen Autorennen

in Amerika an, mit einem Auto ohne Fahrer. Nur: Was hat die

Wissenschaft von fussballspielenden Robotern, Herr Rojas?

Der Mexikaner, der von sich behauptet, immer nur seiner Neugierde

gefrönt zu haben (sprich: Master in Mathe, zweiter Master

in Wirtschaft, Promotion in Politikwissenschaft und Habilitation

in Künstlicher Intelligenz), versuchte eben noch einem Prüfling

Termindisziplin beizubringen. Jetzt antwortet er schnörkellos und

mit leichtem Akzent: »Für uns ist Fußballspielen eine Art Laboratorium.

Zum Beispiel müssen Roboter mit Videokameras die Welt

erkennen. Das ist im Spiel, in dem alles in Bewegung ist, sehr viel

schwieriger. Wenn das ein Roboter beherrscht, wissen wir, dass er

später in einer Fabrik wesentlich besser arbeiten wird.« Okay, aber

braucht es für diese Erkenntnisse gleich ein Sportspektakel? Rojas

lacht und erklärt: »Der Unterschied zum Labor ist, dass man beim

Spielen einen Gegner hat, der mich tricksen will. Ich kann mir

wohl die besten Strategien überlegen, um etwas zu erreichen, aber

mein Gegner versucht die Strategie zur Strecke zu bringen.« Der

tricksende Gegner nimmt die tückische Realität vorweg. Durch

FuriOs 02/2009


das Zusammenspiel mit dem Gegner werden die eigenen Lösungen

immer besser, so Rojas.

ameriKanische versPieltheit

Szenenwechsel. An der Universität Harvard wird jedes Jahre

der »Ig-Nobelpreis« für unnütze und skurrile Forschung verliehen,

für eine Entdeckung, die »nicht wiederholt werden kann oder

wiederholt werden sollte«. Die Studenten am benachbarten MIT

veranstalten jährlich einen hochkomplexen Rätselwettbewerb. Ausserdem

sind ihre »I Hate This Fucking Place«-Streiche legendär.

Der Polizeiwagen, der eines Morgens auf dem Kuppeldach der

Universität auftauchte, ist eine nach wie vor unübertroffene Meisterleistungen

auf dem Gebiet des kruden Humors und des nebensächlichen

Unternehmertums. »Playfulness« nennen die Amerikaner

diese entspannte Beziehung zur Wissenschaft und Universität.

Übersetzt: Verspieltheit, aber auch Munterkeit.

Im akademischen Betrieb Deutschlands ist Playfulness suspekt.

Wahrscheinlich steht sie in Verdacht, Spaß zu machen. Die Freie

Universität stellt da keine Ausnahme dar. FU-Präsident Dieter Lenzen

mag Sprichwörter wie: »Wenn man lange genug am Fluss sitzt,

kann man eines Tages die Leichen seiner Feinde vorbeischwim-

men sehen.« Das hat zwar viel mit

Gewinnen, aber nicht das Geringste

mit Spielen und schon gar nichts mit

Munterkeit zu tun. Der AStA, unsere

Studentenvertretung, hat anstelle

von Rätsel- und Debattierwettbewerben

nur Proteste und moralisierende

Vorträge auf seiner Agenda. Zu allem

Elend sehen es Professoren auch noch

als ihre oberste pädagogische Pflicht, ihren Studenten »kritisches

Bewusstsein« zu vermitteln, anstatt ihnen einfach mal aufzutragen,

eine Hausarbeit frei zu erfinden. Dabei macht Playfulness nicht

nur heiter, sondern auch unternehmenslustig!

sPielenDe unternehmer

Die spielerische Forschung der Informatiker ließe und lässt sich

auch auf andere Fächer übertragen. Studenten der Politikwissenschaft

spielen regelmässig die Vereinten Nationen nach, um auf

ungewohnte Argumentationen besser reagieren zu lernen. Heather

Cameron, Juniorprofessorin am FU-Fachbereich Erziehungswissenschaft,

initiierte das Kiezprojekt »Boxgirls«, wo Mädchen über

den Boxunterricht die Möglichkeit erhalten, sich im öffentlichen

Raum zu bewegen und in Führungsrollen zu üben. Gleichzeitig

ist das Projekt soziales Labor für ihre Studenten. Dass Kunsthistoriker

auf dem Antikmarkt ihren analytischen Blick schärfen

können, ist kein Geheimnis (siehe Portrait auf Seite 15). Auf den

Geschmack, daraus einen Wettbewerb zu machen, muss man sie

wohl noch bringen. So wie sich auch bei den Historikern erst noch

durchsetzen muss, dass Tagebücher fälschen nicht nur eine Unverschämtheit,

sondern auch eine intellektuelle Herausforderung und

hervorragende historische Übung ist.

Interessant ist, dass Professoren wie Rojas oder Cameron die

ideologisch bequeme Trennung von Wissenschaft, Wirtschaft und

sozialer Verantwortung munter durcheinander bringen. Cameron

macht sich für »Social Entrepreneurship« stark, also der Idee, soziale

Projekte durch unternehmerische Methoden und marktwirtschaftliche

Instrumente nachhaltig zu machen. Rojas motiviert

seine Informatikstudenten stets dazu, ihre Ideen in Produkte um-

FuriOs 02/2009

zusetzen und dadurch gesellschaftlich nutzbar zu machen. Jüngst

haben zwei seiner Absolventen ein Lesegerät für Blinde entwickelt,

dessen Kamera selbst Texte lesen kann, die nicht strukturiert angeordnet

sind. Beispielsweise in Zeitungen. Das Gerät ist wesentliche

schneller und kleiner als herkömmliche Vorleseapparate. Was das

mit Spielen zu tun hat? Das Kameraauge wurde ursprünglich für

die Fußballroboter entwickelt.

sPiel gewOrDene FabriK

im aKaDemischen

betrieb DeutschlanDs

ist PlayFulness susPeKt.

wahrscheinlich steht sie in

verDacht, sPass zu machen.

Der Autor Douglas Rushkoff sieht im Spiel sogar das soziale

Organisationssystem der Zukunft. In einer Kombination aus sinnlosem

Kick und harter Arbeit mache es das Tun an sich, und nicht

den Sieg, zur Befriedigung. Überraschen mag, dass Rojas, der nur

seiner Neugierde frönt und über Themen wie die Schuldenkrise

und die Armut der Nationen publiziert hat, wie ein ford›scher

Industriekapitalist sagt, er habe sich und seine Studenten nie geschont.

Auf die Frage, ob Disziplin und Verspieltheit zusammen

gehören, lacht er natürlich wieder. Und erklärt: »Was die Studenten

in Wettbewerben lernen ist, dass nicht nur gute Ideen vorn mitspielen,

sondern dass man auch Ordnung und Disziplin braucht,

um diese Ideen zu implementieren.« Der Torschuss eines Roboters

beginnt ein Jahr im Voraus und

involviert die Arbeit von mehr als 20

Händen. Erledigt jemand seine Aufgabe

nicht richtig, ist das ganze Spiel

in Gefahr.

Auch die beiden ehemaligen FU-

Studenten Gregor Ilg und Björn Kaminski

bereiten sich auf Torschüsse

vor. Ihr Spiel: Handball – diese Spiel

gewordene Fabrik, wo der Ball wie an einem Fließband von einer

Hand zur anderen gereicht wird, in der jeder Spieler wie ein

Zahnrad funktionieren muss, weil ein einziger Fehltritt das ganze

Spiel unterbricht. »Im Handball kann es vorkommen, dass du auf

einer bestimmten Position nur ein oder zwei Mal im Spiel den Ball

kriegst«, sagt Gregor auf die Frage, was er als Unternehmer vom

Handball gelernt hat. »Aber wenn du ihn hast, dann muss der Treffer

sitzen.«

Den Drive dieses Spiels will er mit mittlerweile einem Dutzend

Mitstreitern in ein Videogame umsetzen. Damit das passiert, muss

ihr nächster, seit zwei Jahren vorbereiteter Treffer sitzen. Im Sommer

läuft ihr Stipendium von »exist« für Gründungen aus der Wissenschaft

aus. Dann müssen sie mit dem Prototypen ihres »Handball

Challenge« einen Investor gefunden haben. Für Gamemultis war

der Sport bislang nicht attraktiv. Handball ist weder gewalttätig,

noch glamourös, noch global. Trotzdem glaubt Gregor, dass sich

daraus ein hervorragendes Videogame machen lässt, weil es alles

vereint, was Videospiele ausmacht: Tempo, Action und Taktik. Vor

allem aber hat der Sport das, was nur Spiele vereinen können: Fans!

Rojas Robotern ist das jubelnde Publikum egal. Anders den beiden

Unternehmern: Sie pflegen täglich online mit ihrer Handballfangemeinde

Kontakt, ihrer zukünftigen Kundschaft. ■

Tin Fischer studiert Nordamerikanische Geschichte

titelthema: unternehmer

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titelthema: unternehmer

Die unergrünDlichen

Die Freie Universität will ihre Studenten zum Gründen bewegen. Sie hilft beim Verfassen von

Business-Plänen und gibt Marketing-Seminare. Die Studenten sind abgeschreckt. Sie brauchen

keine Betriebswirtschaftslehre, sondern eine andere Mentalität, meint lAurence thio.

Leider ausgeliehen! Martin Fröhlich

sitzt in der Bibliothek und schreibt

an seiner Abschlussarbeit. Er benötigt

Fachbücher, doch sie sind nicht verfügbar.

Sein Kommilitone Felix Hofmann hat

ebenfalls Ärger mit den Büchern. Er bezahlt

am Flughafen ständig Gepäckzuschlag, weil

die Literatur für die Uni zu schwer ist. Zurück

in Deutschland gründen beide PaperC,

eine Online-Plattform, die Fachbücher

jederzeit zugänglich macht. Gründer

sind in Deutschland rar, studentische ganz

besonders. Eine Studie der Universität St.

Gallen misst die »unternehmerische Kraft«

der Studierenden im internationalen Vergleich.

Deutschland belegt regelmäßig den

letzten Platz.

schliPsträger schrecKen ab

Profund möchte das ändern. Die Gründerförderung

der FU hält Weiterbildungsangebote

bereit, richtet Wettbewerbe aus

und stellt Büroräume und Kontakte zur

Verfügung. Einmal im Jahr gibt Profund

eine PR-Broschüre heraus. Das häufigste

Motiv: Grinsende Studenten an Konferenztischen.

Das Vokabular und die Schlipsträger

können abschreckend wirken: »Ich

fürchte, dass ich bei Profund BWL lernen

soll«, sagt Phillip, Biologiestudent im 6. Semester.

Désirée, Literaturstudentin, pflichtet

bei: »Ein Unternehmen zu gründen, ist

das Letzte was ich mir vorstellen kann«.

Profund hat 123 Erstberatungen für Gründungsinteressierte

im Jahr 2008 durchgeführt.

Die FU hat insgesamt über 31 000

Studierende.

Mit einer Unternehmerkultur ist es in

Deutschland nicht weit her. Der Global

Entrepreneur Monitor von 2006 vergleicht

international die Gründungsaktivität.

Deutschland rangiert auf Platz 34 von 42.

Das Image der Unternehmensgründer ist

belastet, oft werden sie mit raffgierigen Managern

gleich gesetzt. Hinzu kommt das

ungefähr 80 Prozent aller Gründungen in

Deutschland nach fünf Jahren wieder vom

Markt verschwunden sind. Nach einer Stu-

die der Uni St. Gallen streben mehr als 72

Prozent der deutschen Studierenden eine

Erwerbstätigkeit im Angestelltenverhältnis

an. Der Witz: So viele Angestellte braucht

es in Zukunft überhaupt nicht. Dabei gilt

die Infrastruktur für Gründer in der Bundesrepublik

als ausgezeichnet. Vielleicht ist

das gerade der deutsche Denkfehler: Gründungen

und Innovationen lassen sich nicht

von oben verordnen. Gründertum erfordert

eine andere Mentalität.

»Das ist wie itunes Für Fachtexte!«

»Es gibt einfach zu wenige Leute, die

etwas riskieren«, sagt Martin Fröhlich von

PaperC. Fröhlich ist hochgewachsen, trägt

einen graukarierten Anzug, eine große

Hornbrille und hat die blonden Haare zum

Zopf gebunden. Er stammt aus Sachsen

und war einige Zeit Deutschrock-Musiker.

Sein Partner Felix Hofmann hat Technologiemanagement

studiert und entwickelte

Brettspiele für Ravensburger. Hofmann,

der Stratege und Fröhlich, der umtriebige

Kreative, haben sich an der Hochschule für

Recht und Wirtschaft in Berlin kennen gelernt.

Fröhlich präsentiert PaperC an seinem

Notebook. Er kann sich selbst kaum halten:

»Das ist wie iTunes für Fachtexte!« Viele

seiner Sätze beendet er mit einer Frage, die

sich mehr nach einer Feststellung anhört:

»Geil, oder?« PaperC ist eine Internetplattform

auf der wissenschaftliche Fachtexte

kostenlos gelesen werden können. Ganze

Bücher stehen im pdf-Format online. Per

Volltext-Suche lassen sich die Bücher nach

Schlagworten durchsuchen. Möchte der

Nutzer den Text online bearbeiten, Textstellen

markieren, Notizen an den Rand

schreiben und Zitate kopieren, kann er die

Seite für fünf Cent kaufen. Die Idee von

PaperC ist simpel, aber sie könnte das Verlagswesen

komplett umkrempeln.

schnelle milliOnen mit Fachbüchern?

Wenn die Verlage etwas wie die Pest

hassen, dann dass ihre Bücher kostenlos

ins Netz gestellt werden. Doch den Verlagen

fehlt für das digitale Zeitalter ein Geschäftsmodell.

Das Interesse an PaperC ist

dementsprechend groß. Sie sind bei der

renommierten Oxford University Press eingeladen.

Der Holtzbrink-Verlag, der bereits

StudiVZ erwarb, hat bereits einen Kauf angeboten.

Fröhlich ist optimistisch: »Wenn

wir richtig verhandeln, könnten Millionen

zusammen kommen. Das geht sehr schnell«.

Das Ziel ist es allerdings verlagsunabhängig

zu bleiben. Zurzeit kooperieren Springer,

Gabler, UTB und Pearson mit PaperC.

Fachlich liegt der Schwerpunkt auf Wirtschaft,

Recht und Informatik - Medizin

und Geisteswissenschaften sollen in Kürze

folgen. Über 1000 Buchtitel sind bereits

online, ab Juni soll die Zahl verdreifacht

werden.

Einer, der sofort an die Idee von PaperC

glaubte, war Professor Günter Faltin. Faltin

ist Leiter des Arbeitsbereich Entrepreneurship

an der FU und nach eigenen Angaben

der größte Versandhändler von Darjeeling-

Tee in Deutschland. Sein Erfolg als Unternehmer

geht auf die »Tee-Kampagne«,

einem ehemaligen Uniprojekt, zurück. Seitdem

hat Faltin viele Ausgründungen von

FU-Studenten begleitet. Er ist vehementer

Vertreter einer neuen Unternehmerkultur.

Faltins Standpunkt: Das Gründerbild

in unserer Gesellschaft ist überholt. »Wir

müssen lernen Entrepreneurship von Business

Administration zu unterscheiden!«,

sagt Faltin. Das heißt beim Gründen geht

es längst nicht um BWL-Kenntnisse und

Kapital. Wichtiger ist die Entwicklung

tragfähiger, unkonventioneller Ideenkonzepte.

»Genau das kommt in den gängigen

Gründungsberatungen in Deutschland zu

kurz«, so Faltin.

Sein Ansatz wirbt dafür, dass mehr Menschen

gründen. Ein Gründer muss kein

Alleskönner sein. Er kann ein schlechter

Manager sein oder nichts von Marketing

verstehen. Er muss diese Arbeitsbereiche

nur von jemandem erledigen lassen, der sie

FuriOs 02/2009


eherrscht. »Ein Gründer kann am Laptop

sitzen und braucht nur einzelne Komponenten

seines Unternehmens zu koordinieren«,

sagt Faltin. Durch das Internet und

verschiedene Dienstleister im Netz haben

sich die Voraussetzungen zum Gründen

merklich vereinfacht. Für den Gründer

bleibt genug Raum an seiner Idee zu arbeiten

und den Horizont nicht aus dem

Blick zu verlieren.

Gerade gründungsferne Schichten, also

Sozial- und Geisteswissenschaftler, profitieren

von dieser Art des Gründens. Wenn

sie kein BWL können, dann sollten sie

sich jemanden dafür suchen. Bisher ist das

allerdings bei den wenigsten Studierenden

angekommen. Es gibt grundsätzliche

Gründungshindernisse: Die FU wünscht

sich eine neue Unternehmerkultur. Die

entwickelt sich nicht über Nacht. Umgang

mit Unsicherheit, Risikofreude und Unabhängigkeit

stehen auf keinem Lehrplan

– Hochschulbürokratie und Bachelorsystem

führen zu einer Kultur der Unselbständigkeit.

Noch ein Hindernis ist die

Berührungsangst zwischen Wissenschaft

und Wirtschaft. Während Ingenieurwissenschaften,

Chemie und Informatik als verwertungsorientierte

Studiengänge gelten,

FuriOs 02/2009

haben Geisteswissenschaftler den Kleinunternehmer

nicht auf dem Karriereplan. Das

ist wesentlich für eine geisteswissenschaftlich

geprägte Universität wie die FU. Bei

den Ausgründungen, die Profund fördert

und auf ihrer Website vorstellt, war in den

letzten drei Jahren nur eine aus den Kulturwissenschaften.

PrOFunDe PrObleme

Profund möchte gerne alle Studierenden

ansprechen, schafft es aber nicht. Die Interessen

der Studierenden unterscheiden sich

zu stark. Aber auch Gründungswillige sind

von Profund nicht überzeugt. »Ich hatte

das Gefühl, dass die Universität die Studienorganisation

nur schwerlich in den Griff

bekommt. Wie soll sie dann erst dazu fähig

sein, einer jungen dynamischen Idee auf die

Sprünge zu helfen?«, fragt Christoph Fahle.

Er hat kurz nach seinem Studium das Betahaus

mitbegründet. Das Betahaus vermietet

Schreibtischplätze in einem Loft in Kreuzberg

an Freiberufler. Das zieht vor allem

Leute aus der Berliner Kreativwirtschaft an

und schafft Netzwerke und Synergie-Effekte.

Die deutschen Medien betrachteten

das Betahaus als soziale Innovation.

Laurence Thio studiert Politikwissenschaft

titelthema: unternehmer

Dahlem Dorf: Unternehmertum im Kleinen. Illustration: Michi Schneider

Eine Gründungsförderung, die es anders

als Profund machen möchte, ist »Creare!

Start Up«. Das Programm richtet sich

insbesondere an Geistes- und Sozialwissenschaftler.

Wie versucht Creare die Studenten

zu erreichen? »Wir wollen keinen

besonders starken Bezug zur Hochschule«,

sagt die Projektleiterin Ines Robbers. Bei

Creare arbeitet man mit speziellen Methoden:

Geschäftsideen werden auf Bierdeckeln

notiert. Statt einem Businessplan

wird ein Gründertagebuch geführt, »denn

eine Gründung ist wie eine Abenteuerreise«,

so Robbers. Für diese Reise stehen die

Studenten allerdings nicht Schlange, auch

nicht bei Creare, räumt Robbers ein. Dabei

gehe es nicht einmal darum, erfolgreich zu

gründen. Es geht darum, das Gründen auszuprobieren.

Ines Robbers sagt: »Die Studenten

brauchen die Bereitschaft zu scheitern

und daraus zu lernen.«

Martin Fröhlich will noch nicht sagen

wie es weitergeht: »PaperC ist erst der Anfang!«

Fröhlich schaut vielsagend. Egal ob

sich PaperC letztlich als die Plattform für

Fachbücher etablieren wird oder wieder in

der Versenkung verschwindet. Eines bleibt

Fröhlich und Hofmann: der Mut, etwas zu

unternehmen. ■

11


12

titelthema: unternehmer

Die Drama queen

Seit ihrer Gründung schlittert die Freie Universität von Krise zu Krise. In allgemeinen

Krisenzeiten ist diese Erfahrung ein Vorteil. Kann ihn die FU nutzen? clAudiA schuMAcher geht

dem geschüttelten Unternehmen FU auf den Grund.

Eigentlich kennt die Freie Universität

nichts anderes als Krisen und

Katastrophen. Mal wieder steht sie

vor massiven Kürzungen. Mal wieder ist sie

bedroht. Mal wieder wird sie sich verteidigen

müssen. Auf die Frage, ob die Krise

der FU positive Gestaltungsmöglichkeiten

lässt, beginnt Präsident Lenzen vom historischen

Kampfgeist und Zusammenhalt der

FU zu schwärmen: »Dieser Spirit ist charakteristisch

für diese Gründeruniversität,

die immer in Krisen gesteckt hat.« Wie hart

uns die Finanzkrise wirklich treffen wird,

sei momentan noch nicht abzusehen. »Aber

ich glaube«, so Lenzen, »dass diese Universität

besser als manch andere aufgrund ihres

beschworenen Spirits in der Lage ist, eine

Krise zu bewältigen.«

Schon die Geburt der Freien Universität

in den 40ern war ein Notfall. Studenten aus

Westberlin konnten an der HU nicht mehr

frei studieren, als Gegengründung entstand

die FU. Nach den Studentenunruhen war

sie in den 70ern heillos zerstritten, in den

80ern kläglichst verwahrlost und nach der

Wende pleite. Doch wer gelernt hat, Konflikte

zu führen, ist flexibler als andere. Erfahrung

macht gelassen.

Aber kann die FU im Kampf gegen die

Finanzkrise tatsächlich von ihrer Erfahrung

profitieren? Lenzens »Spirit« wirft einige

Fragen auf. Kampfgeist? Ja. Den kennt man

als FU-Student. Etwa gegen Bologna, gegen

die Diskriminierung von Frauen oder

gegen Studiengebühren. Aber Zusammenhalt?

Der ist nun wirklich nicht das erste,

Knapp bei Kasse: Die FU hat Geldsorgen. Macht nichts, solange der »Spirit« stimmt. Illustration: Michi Schneider

was einem zur FU-Geschichte in den Sinn

kommt.

PrOtest mit Dem messer

Seit 1965 war die FU über Jahre hinweg

gespalten. Während der Studentenbewegung

lag die Kommunikation innerhalb der

Universität brach. Von Zusammenhalt war

damals keine Spur. Als die Studenten an der

FU den Protest ausriefen, richteten sie sich

zunächst gegen die undurchsichtige Herrschaft

der Professoren in der Ordinarienuniversität.

Auf Druck der Studenten kam

es 1969 zur Reform: Das Präsidentenamt

wurde eingeführt und den Studenten wurde

eine starke Mitbestimmung eingeräumt.

Entgegen den Ordinarien, die den Dialog

mit den Studenten gescheut hatten, sah

FuriOs 02/2009


der erste FU-Präsident Rolf Kreibich seine

Hauptaufgabe in der Kommunikation. »Ich

wollte alle Konflikte im Gespräch lösen

und zwischen Professoren und Studenten

vermitteln«, gibt Kreibich seine Idee von

Krisenmanagement wieder. »Das hatte ich

mir allerdings einfacher vorgestellt«. Die

Empörung, die seine eigene Person auslöste,

habe er unterschätzt.

Kreibich war in der Rolle des Präsidenten

als SPD-Mitglied und 31-jähriger Soziologieassistent

ohne Promotion eine satte Sensation.

Die weitaus ältere und konservative

Professorenschaft war schockiert. Auch für

die Presse war der Jungspunt mit dem energischen

Auftreten ein »verkappter Kommunist«.

Passend zur Hysterie der Zeit, war

Kreibich einigen Studenten zu konservativ.

Wenn der heute 73-jährige Kreibich erzählt,

scheint es, als lägen keine drei Tage

zwischen damals und heute. »Dreimal haben

Studenten versucht, mir an die Gurgel

zu gehen. Einmal sogar mit einem Messer!«,

ruft er ungläubig aus und schlägt die Hände

ans Knie. »Ohne die Geistesgegenwart

meiner Mitarbeiter, säße ich jetzt wohl

nicht so vor Ihnen.« Die Fronten waren

verhärtet. Trotz Kreibichs Bemühungen

kam kein Gesprächsklima zu Stande, aus

dem ein Gefühl von Zusammengehörigkeit

hätte wachsen können.

Auch in den Folgejahren war die Universität

zerrissen. Sie entwickelte sich zur

Massenuniversität, in der gemeinsame Interessen

immer unwahrscheinlicher wurden.

Die FU verkam zur »Schmuddeluni«, an

der eigentlich keiner arbeiten wollte. Zusammen

erst Recht nicht.

PräsiDent bittet zum streiK

Das, was Lenzen »Spirit« nennt, entstand

erst in den 1990ern. Nach der Wende bot

sich der Berliner Politik die Möglichkeit,

die renitente Massenuni am Rande Berlins

loszuwerden. Kein Geld, aber zwei Universitäten

mit gleicher Fächerstruktur? Der

Senat drehte der FU den Hahn ab. Die traditionsreiche

Humboldt Universität wurde

ausgebaut. Dass die FU diese Krise überlebte,

ist eine Leistung. Dass sie gestärkt aus

ihr hervor ging, ein Lehrstück.

Regie führte der Jurist Johann Wilhelm

Gerlach. Beim Besuch im juristischen Institut

in der Boltzmannstraße wird schnell

klar, mit welchen Qualitäten der Professor

in den 1990ern als FU-Präsident Erfolg hatte:

Bedachtheit und Entgegenkommen.

Als erstes bittet er um eine Bedenkminute,

um sich die Vergangenheit wieder

FuriOs 02/2009

präsent zu machen. »Der Senat warb Professoren

von der FU an die HU«, erzählt

er. »Die HU sollte auf unsere Kosten zur

Eliteuniversität ausgebaut werden.« Da

habe er den Entschluss gefasst: »Weniger

kann auch mehr sein.« So indifferent diese

Losung klingt, Gerlach machte sie konkret.

Paradoxerweise hatten die schlimmsten

Kürzungen in der Geschichte der FU einige

positive Effekte. Die Massenuniversität

wurde um 10 000 Studenten leichter.

Durch obligatorische Beratungen gingen

die Studenten ab, die nur noch der Vergünstigungen

wegen studierten. Die NCs

wurden gehoben. Die FU bekam bessere

Studenten. Auch die Kürzungen im wissenschaftlichen

Bereich bewertet Gerlach

mit Blick auf die frühen 90er positiv: »Ich

denke, wir haben damals den Grundstein

zur Exzellenz gelegt. Für was braucht man

etwa 60 mittelmäßige Politik-Professoren,

wenn man 20 erstklassige haben kann?«

Die FU zeigte sich in dieser Zeit sehr

kooperativ. »Irgendwann kommt aber der

Punkt, an dem Kürzungen einfach nur

noch Qualität zerstören.« Als der Senat den

Sparterror 1996 auf die Spitze trieb, tat Gerlach

etwas Ungewöhnliches. Der Senat verordnete

der FU 50 Millionen DM Einsparungen

bis Ende des Jahres. Die Studenten

kochten. Und ihr Präsident rief die Berliner

Hochschulen zum geschlossenen Streik auf.

»Bei Finanzierungsplanungen kann doch

keiner mehr behaupten, es ginge sachlich

zu!«, ärgert sich Gerlach noch rückblickend,

»Was sein muss, geht auch. Wer sich

durchsetzt, der bekommt auch.«

In der Folge kam es zu zahlreichen studentischen

Protesten. Darüberhinaus klagte

die FU gegen die Bestimmungen des Senats.

Die Einstellung der FU, zu kooperieren so

weit es Sinn macht und sich darüberhinaus

nichts bieten zu lassen, brachte ihr vor

allem einen klaren Fortschritt: 1997 wurden

die Hochschulvertragsverhandlungen

eingeführt. Seitdem wird der Haushalt für

mehrere Jahre mit dem Senat verbindlich

verhandelt. Bis heute hat die FU dadurch

eine gewisse Planungssicherheit.

lenzen entgeistert?

Nun will der Senat der FU diese Sicherheit

wieder nehmen. Eine neue Krise kündigt

sich an. Das Präsidium wehrt sich. Ist

der »Spirit«, den Lenzen ins Feld führen

möchte, mehr als ein blasser Geist der Vergangenheit?

»Ein gemeinsames Bewusstsein

an einer so großen Universität wie der FU

funktioniert nicht einfach so«, hebt Gerlach

das eigene Engagement hervor. »Ich hatte

damals eine wöchentliche Sprechstunde.

titelthema: unternehmer

Es ist besonders in schweren Zeiten wichtig,

dass die Kommunikation in alle Richtungen

offen und stark ist.« Daher konnte

Gerlach zum gemeinsamen Streik rufen

und die Studenten gingen auf die Straße.

Die Öffentlichkeit sympathisierte mit der

gebeutelten Universität und die Presse übte

Druck auf den Senat aus.

Der gemeinsame Kampfgeist will allerdings

gepflegt werden. In der Kommunikation

ist Lenzen selbst der Geist. Als Student

liest man von ihm in der Zeitung. Medienpräsent

ist er, aber auf dem Campus zeigt er

sich nicht. Die neuen Videobotschaften auf

der FU-Webseite stärken nur den Eindruck

campusferner Kommunikation.

Lenzen hat die Arbeit seiner Vorgänger

weitergeführt und die FU effizient gemacht.

Sie ist wieder wettbewerbsfähig und hat

keine Kürzungen, sondern Investitionen

verdient. Eine weitere Diät wird ihr nur

schaden. Aber eines ist gewiss: Wenn Lenzen

via Video zum Streik riefe, blieben die

Straßen leer. So ein »Spirit« lässt sich nicht

aus dem Nichts heraufbeschwören. Will

Lenzen wirklich auf Zusammenhalt setzen,

muss er den Kontakt zu den Studenten stärken.

Oder er ruft sich andere Geister. ■

Die Fu in Der Krise –

Die FaKten

Der Senat will das Budget der Berliner

Hochschulen nicht erhöhen. Ein

Plus von 15 Prozent wäre für die FU

notwendig, um den momentanen Stand

bei wachsenden Aufgaben und Kosten

zu erhalten. Präsident Lenzen spricht

vom Verlust zweier Fachbereiche, sollte

der Senat nicht nachgeben. Aus Protest

haben die Berliner Hochschulen die Verhandlungen

mit dem Senat im März

offiziell unterbrochen. Die Beschäftigten

der FU appellierten in einer einstimmig

verabschiedeten Resolution an den Senat.

Sie fürchten um ihren Arbeitsplatz.

Bildungssenator Zöllner verweigert

nicht nur die nötige Budgeterhöhung,

sondern stellt sich grundsätzlich gegen

die Planungssicherheit und Autonomie

der Berliner Hochschulen. Mit einem

»Preismodell« soll künftig nur ein Drittel

des Etats verbindlich geregelt werden.

Weitere Mittel sollen die Hochschulen

einzeln nach Verwendungszweck beim

Senat erkämpfen.

Claudia Schumacher studiert Literaturwissenschaft

13


4

40 000*

14

4 / 40000

* 40 000 Menschen sind an dieser Universität. 4 von ihnen sind hier.

Notiert von Keren KAshi, MArlene göring und tin Fischer

Fotos: corA-MAe gregorscheWsKi

lisa geht.

Lisa, 26, möchte irgendwann sesshaft werden.

Nach zwei Semestern Ethnologiestudium in Heidelberg bin ich an

die FU gewechselt. Seitdem war ich in London, Vietnam, China,

Island und jetzt wieder in Berlin. Im Herbst gehe ich nach Singapur.

Ich habe selten irgendwo länger als 6 Monate gewohnt.

Bereits nach dem Abi habe ich eine Weltreise gemacht, ein Jahr

fast. Ich fand es spannend, andere Länder kennen zu lernen und

in andere Realitäten einzutauchen. Dabei habe ich gemerkt, dass

ich mich genau damit beschäftigen möchte. Deshalb Ethnologie.

In Shanghai habe ich meine Forschungsarbeit geschrieben, über

unabhängige Filmemacher. Das war nicht immer einfach. Klar

war ich erstmal die Fremde, die Forscherin, die hier irgendwas

wissen will. Außerdem siehst du fremd aus und bist selbst nie

ganz unbeobachtet. Deshalb ist es wichtig, den eigenen Einfluss

auf das Geschehen zu reflektieren. Ich denke, das hat die Ethnologie

anderen Wissenschaften voraus: den Prozess der Forschung

immer zu hinterfragen. Eine subjektive Stimme kann dann viel

mehr sagen als Statistiken.

Irgendwann möchte ich gerne sesshaft werden und ein Zuhause

haben. Aber ich habe meine Zweifel, dass ich dafür die Ruhe finden

werde. Im Grunde ist das ganze Leben eine Reise, vielleicht

erreicht man diesen Ort, vielleicht nicht.

uli KOPiert.

Uli, 32, druckt tagsüber und studiert abends fern.

Häufig kommen Leute panisch mit ihrem Speicherstick rein, die

Nacht durchgearbeitet: »Hey, mach das bitte für mich! Mach, dass

es schön aussieht! Mach, dass es ordentlich aussieht und dass ich

das abgeben kann!«. Wir drucken dann ganz schnell Abschlussarbeiten

und binden sie. Das mag ich gern, weil ich den Stress aus

eigener Erfahrung auch kenne.

Ich hab in Leipzig studiert und einen Magisterabschluss in Religionswissenschaft

und Ethnologie gemacht. Ich wollte was ganz

Exotisches ausprobieren. Das hat mir auch großen Spaß gemacht.

Da ich an der Universität nicht andocken konnte, hab ich mich

nach anderen Tätigkeiten umgeschaut, um Geld zu verdienen.

Seit anderthalb Jahren arbeite ich im Copyshop bei Alpha. Was

ich, neben den Arbeitskollegen, ganz toll finde, ist dass man aus

der hektischen, stinkenden Großstadt hier im Grünen aussteigt,

durchatmet und vor dem Job nochmal auftanken kann.

Wenn ich hier nach fünf Stunden fertig bin, hole ich meine Tochter

vom Kindergarten ab und wir verbringen den Nachmittag zusammen.

Abends setze ich mich dann an den Schreibtisch und

arbeite für mein Fernstudium in Wirtschaftsinformatik.

FuriOs 02/2009


cOnni Kassiert.

Einige Studenten kennt sie seit 25 Jahren.

Die Arbeit macht Spaß! Die Kollegen sind alle sehr nett, sind ja

fast alle die, die schon von Anfang an dabei war’n. Die Studenten

ham sich nicht groß verändert, sind freundlich und nett.

Gibt sogar noch welche, die kenn ich, die studieren schon 25

Jahre, weeß nicht, wat die studieren.

Ich komme aus Berlin-Zehlendorf, bin hier geboren, aufgewachsen,

nie weggezogen, ’ne waschechte Berlinerin. Ich habe einen

Garten und eine Katze, das sind meine Hobbys. Ich fahr auch

gerne Fahrrad, aber das hängt immer von der Lust ab, nicht vom

Wetter. Verreisen tu ich sehr gerne. Ägypten ist mein absolutes

Traumland, da war ich schon ’n paar Mal.

Freuen tut uns natürlich besonders, wennse kommen und sagen,

»Sie sind aber heute nett!« oder »Oh, ham Sie ne neue Frisur?«,

also so’n bisschen das Persönliche. Da geht man schon viel besser

an die Arbeit ran. Viele treff ich auch einfach so auf der Straße:

»Hallo, sind Sie nich...?« - »Jaja, jaja!«, also sowas is dann immer

schön, wa?

Überhaupt nicht mag ich unfreundliche Leute. Manche sauigeln

auch ganz schön rum. Das ist das Einzige, was also wirklich

verbesserungswürdig wäre. Und dass se eben auch drauf achten,

dass ihre Karten immer aufgeladen sind, nicht erst anne Kasse

kommen, Tablett voll und denn: »Hab nur 50 Cent.«

simOn hanDelt.

Simon, 28, lebt von Kunstgeschichte.

Ich wollte Kunstgeschichte studieren, um mich mit schönen

Dingen zu beschäftigen und damit Geld zu verdienen. Also hatte

ich von meinem ersten HiWi-Lohn eine Kiste Schmuck bei ebay

gekauft, 321 Euro. Meine Freunde haben mich natürlich ausgelacht,

meine Mutter machte sich Sorgen. Als ich nach einem

Tag auf dem Antikmarkt das Doppelte eingespielt hatte und die

Kiste noch immer halb voll war, lachte keiner mehr.

Mich interessieren vor allem die Geschichten hinter den Stücken.

Einmal kam ein junges Pärchen, das von einer Tante einen

Gefrierbeutel voller Schmuck geerbt hatte: «Ist nichts Tolles

dabei, oder?» Ich schaute es mir an: alles handgeschmiedet, mit

echten Steinen und aus hochwertigem Gold! Der Beutel war zusammen

mit Liebesbriefen in einem Bankschließfach. Die Tante

hatte einen Liebhaber. Den Schmuck hatte sie nie getragen.

Auf dem Markt mache ich manche Schnäppchen nur, weil ich

so lang studiert hab. Ein erfahrener Händler wollte mir neulich

Holzschnitte verkaufen, »mindestens 100 Jahre alt! «. Ich sah

sie und dachte: ne, mindestens 400. Ich zahlte 20 Euro. Und

tatsächlich: Rom, 1603! Da geht es dann nicht mehr um Profit.

Da freut sich einfach mein kleines Sammlerherz.

Nach dem Abschluss will ich einen ziemlich teuren Studiengang

bei Christie’s oder Sotheby’s absolvieren. Mit etwas Glück kann

ich das mit den Trouvaillen vom Flohmarkt finanzieren.

FuriOs 02/2009

4 / 40000

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16

camPus

strahlenD grün?

Die FU gilt als eine der energieeffizientesten Hochschulen Deutschlands. Zu tun gibt es

trotzdem noch vieles. Was? christiAn WöllecKe und Felix MoniAc haben nachgeforscht.

Foto: corA-MAe gregorscheWsKi

Leuchtendes Vorbild in Sachen Umweltschutz? Die Rostlaube an der Habelschwerdter Allee.

FuriOs 02/2009


Silberlaube, Mensa II, 12:17 Uhr. Studentin

Pia steht unter Zeitdruck. Eilig

hetzt sie zum Getränkeautomaten

und nimmt sich zwei Pappbecher gegen die

unerträgliche Hitze ihres Tees. Im Seminarraum

rennt sie gegen eine Wand aus heißer

verbrauchter Luft. »Ist das miefig hier!

« Ganz Gentleman, kippt Peter die Fenster

an, denn für ein optimales Raumklima sorgen

nur geöffnete Fenster und Heizungsthermostate.

Später holt Klaus die beiden

zum Mittagessen ab.

Peter verschwindet noch schnell in

die Toilette. Immerhin, das Licht brennt

schon. Draußen hört er Pia lachen. Hektisch

rupft er einen Knüll Papier aus dem

Spender. In der Mensa trennen sich die

Wege. Erst hinter den Kassen findet man

wieder zusammen. Klaus gluckst: »Hier, ich

hab Servietten für euch mitgebracht.« Wie

aber staunt er, als sich auf allen drei Tabletts

schon riesige Stapel türmen.

Wer begeht sie nicht, diese kleinen ökologischen

Alltagssünden? Doch rechnet man

den Einzelfall hoch, wird das Ausmaß der

Verschwendung deutlich. Beispiel Pappbecher:

Sie bestehen aus Hartpapier und sind

in der Produktion sehr energieintensiv. Damit

sie Wasser abweisen, sind sie von innen

zusätzlich mit dem Kunststoff Polyethylen

beschichtet. Dazu kommt der Plastikdeckel.

Jährlich werden laut Studentenwerk circa

300.000 Pappbecher an der FU verbraucht,

1,2 Millionen sind es in Berlin insgesamt –

Müll, der sich nicht recyceln lässt.

bOnusPrOgramm Für sParer

Seit 2005 ist die FU nach der Umweltnorm

DIN EN ISO 14001 zertifiziert. Zunächst

bezog sich diese auf die Gebäude der

zentralen Universitätsverwaltung, das Präsidium

und einige Fachbereiche. Seit 2007 ist

es die ganze Universität. Wichtige Voraussetzung

dafür war, dass Umweltteams in

den Fachbereichen eingesetzt wurden. Sie

überwachen die Einhaltung ökologischer

Standards und unterbreiten Vorschläge für

weitere Energieeinsparungen. Schon jetzt

konnte der Energieverbrauch insgesamt

stark reduziert werden, wenn er auch in der

EDV angestiegen ist. Ein Bonusprogramm

soll weitere Sparanreize schaffen: Der Fachbereich,

der seinen Verbrauch unter die

Vorgabe der Universitätsleitung senkt, er-

FuriOs 02/2009

hält eine finanzielle Prämie. Wer darüber

liegt, muss die Kosten selber tragen. Insgesamt

verbrauchte die Universität 2008

22,4% weniger Energie als im Jahr 2000.

Eine »grüne Oase«, wie es das hauseigenene

Magazin »campus.leben« formuliert hat,

ist die FU dennoch nicht. Es gibt bislang

keine konsequente Mülltrennung, lediglich

ein Konzept liegt vor, welches ab Herbst

2009 umgesetzt werden soll. Auch die Gebäudeisolierung

ist nicht überall auf dem

neuesten Stand. Viele Bauten aus den 70er

Jahren entsprechen nicht mehr dem neuesten

Dämmstandard. Erst ein Teil wurde

bisher renoviert. Der Rest steht noch aus

und ist für einen weiterhin hohen Energieverbrauch

mitverantwortlich.

Passive stuDenten

Es gibt also Handlungsbedarf. Zwei

große studentische Initiativen sorgen bereits

mit konkreten Maßnahmen für mehr

Umweltschutz. »Studieren-ohne-Kohle«

sammelte Unterschriften für Ökostrom

an den Berliner Universitäten. »UniSolar«

zielt auf eine Win-Win-Situation für

Studenten, Universität und Umwelt: Beteiligt

man sich finanziell am Bau einer

Photovoltaik-Anlage auf dem Campus,

erhält man laut Initiatoren einen Zinssatz

von jährlich vier Prozent. Bei viel Sonnenschein

wären es gar sechs. Speziell an

der FU aktiv ist die »studentische Unienergieeffizienzgruppe«,

hervorgegangen

aus »UniSolar«. Seit April prüft sie in der

Politik- und Rechtswissenschaft mögliche

Energiesparmaßnahmen.

Ein Umweltreferat des AStA, wie an

HU und TU, gibt es hingegen nicht. Im

StuPa-Wahlkampf präsentierten sich nur

die »Grüne Alternative« und die »Grüne

Hochschulgruppe« als Umweltlisten.

Über die erste ist außer Tarnlistengerüchten

nichts zu erfahren. Letztere, erst

kürzlich zur stärksten Fraktion im StuPa

gewählt, arbeitet mit dem Studentenwerk

zusammen und setzt sich im Qualitätszirkel

Mensa für regionale Zutaten ein,

um lange Transportwege zu vermeiden.

Dass es darüber hinaus noch an Ideen

fehlt, zeigt sich in ihrer pünktlich zum

Semesterbeginn erschienenen Zeitung.

Gezielte Kritik am Umweltgebaren der

FU sucht man dort vergebens. Insgesamt

ergibt sich ein ernüchterndes Bild:

Das sonst übliche studentische Engagement

hält sich beim Thema Umwelt in

Grenzen. Dabei erklärt Andreas Wanke

der Energiebeauftragte der FU: »Studentische

Beteiligung ist immer erwünscht.«

Verwunderlich, dass sich der AStA noch

nie bei ihm gemeldet hat.

mehr eigenverantwOrtung

camPus

Generell soll in Einführungsveranstaltungen

zukünftig darauf hingewiesen

werden, wie wichtig studentische Eigenverantwortlichkeit

ist. Sie äußert sich

beispielsweise im Ausschalten des Lichts

nach Seminarende oder des PCs bei

Nichtbenutzung. Wanke wünscht sich,

dass dies von Studenten auch so kommuniziert

werde.

Und Pia, Klaus und Peter? Die sitzen

mit Kaffee im Foyer, den sie diesmal aus

Keramiktassen trinken. Was aber ökologischer

ist, die Tasse, die regelmäßig

gespült werden muss oder der umweltschädliche

Pappbecher, der natürliche

Ressourcen verbraucht, ist schwer zu ermitteln.

Zumindest aber das Licht in der

Toilette lässt aus ökologischer Perspektive

keinen Raum für Diskussionen. ■

Christian Wöllecke studiert Literaturwissenschaft,

Felix Moniac studiert Germanistik

17


18

FOrschungsFragen

» liebe Furios. im sommer liege ich in meinen

lernpausen hinter der silberlaube im gras.

da ist ein vergitterter kasten, der knackende

geräusche von sich gibt. was ist das? ist es

gefährlich? « maria, angliStik im dritten

Liebe Maria, wir haben für dich recherchiert und sind dabei

selbst beunruhigt worden.Um das Innere des Kastens ranken

sich viele Gerüchte. So lässt all das Knacken etwa den Schluss

zu, dass vielleicht ein moderner Frankenstein im Inneren eine

neue Art Eliteprofessoren züchtet. Auf die Frage an zwei FU-

Angehörige, was sich denn in dem Kasten verberge, erhielten

wir eine sehr ruppige Antwort: »Dit hier is’ die Silberlaube,

und allet, wat dahinter is, jeht die Studenten nüscht an!« Ob

es Dieter Lenzens Geheimquartier sei? »Keen Kommentar.«

Fest steht, dass der Kasten nach dem Prinzip des Faradayischen

Käfigs funktioniert, das sich die abschirmende Wirkung

eines geschlossenen Metallkörpers zunutze macht. So werden

Schmusestunden im Auto bei Gewitter erst romantisch! Benannt

wurde er übrigens nach dem Physiker Michael… Na?!

Der beschwichtigenden Kollege lüftet das Geheimnis um den

Kasten dann doch noch. Es handle sich nur um die FU-eigene

Transformatorenanlage, erklärt er. Alles also gar nicht so mysteriös.

Und gefährlich erst recht nicht.

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FOrschungsFragen an Das

Dahlem-brain

Zusammengestellt und beantwortet von Felix MoniAc und sophie JAnKoWsKi

» salut Furios. ich frage mich, warum sich die

gänge in der rostigen laube in Berge und

täler verwandeln. liegt es daran, dass die

Allemands so begeisterte wanderer sind ?«

amicalement, roger (auS Frankreich)

Lieber Roger, das Architektenbüro Candilis-Josic-Woods

hat im Jahre 1963 mit dem Entwurf für die Rostlaube den

Wettbewerb zum Bau des neuen Hauptgebäudes der FU

gewonnen. Sie gehörten zum »Team 10«, einer Gruppe junger

Architekten, die den Strukturalismus in der Architektur – die

Einteilung nach Funktionen – entwickelten. Dabei sollte

die »Ästhetik der Anzahl« den Strukturen von Zellgeweben

ähneln. Vorbild für den Entwurf der Rostlaube war eine

arabische Zitadelle, deren lebendige Struktur die Studenten

in ständiger Bewegung und Kommunikation halten sollte.

Per aspera ad astra. Ob die unterschiedlichen Höhenlagen der

Flure nun mit der lebendigen Zellstruktur oder dem Erklimmen

einer Zitadelle zu begründen sind, ist aber ungeklärt.

Auch FrAgen? schreiB sie An:

Forschung@Furios-cAmpus.de!

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FuriOs 02/2009


stuDenten unter DrucK

Auch Studenten publizieren. Wie das geht und was das bringt? ViolA Köster hat nachgefragt.

»Margins-Plattform« versteht sich als

Grenzgebiet der gängigen Wissenschaftspraxis.

Der Name ist Programm: »Margins«

steht für die Marginalisierten, die

Studenten im professoral dominierten

Forschungsbetrieb. »Plattform« signalisiert,

dass es sich hier nicht um eine konventionelle

Tagung handelt.

Vor zwei Jahren beschlossen die Studenten

Kristin Flade, Rafael Ugarte Chacon

und Sascha Förster, eine wissenschaftliche

Tagungen nach eigenen Vorstellungen

zu organisieren und deren Ergebnisse zu

publizieren. Im Januar dieses Jahres hat

sie bereits zum zweiten Mal am Institut

für Theaterwissenschaft statt gefunden.

Unter dem Titel »Paradiesische Zustände«

tauschte man sich ein Wochenende lang

über unterschiedliche Vorstellungen von

»Paradies« in Kunst und Wissenschaft aus,

allerdings in ungezwungener und entspannter

Atmosphäre. »Wissenschaftliche Forschung

darf nicht nur einem kleinen Kreis

von etablierten Eingeweihten vorbehalten

bleiben«, so die Initiatoren, als ich sie am

Übergang von Rost- zu Silberlaube treffe.

Kreativ werde Forschung erst im Austausch

zwischen verschiedensten Teilnehmern.

Und in unterschiedliche Formen verpackt.

So konnte man zum »Wissenschaftsspaziergang«

das Audiomaterial auf den eigenen

FuriOs 02/2009

Sascha, Kristin und Rafael (v. l. n. r.) von » Margins« suchen noch nach dem richtigen Vertriebsweg. Foto: Cora-Mae Gregorschewski

iPod laden. Ihre beruflichen Zukunftsängste

durften die Teilnehmer am Ende der Tagung

in einer »Angstbörse« gegen amüsierte

Bewältigungstrategien tauschen.

Für ihre unkonventionelle Publikation

haben die drei Studenten allerdings noch

keinen Verlag finden können, der zu studentenfreundlichen

Preisen veröffentlicht.

10 bis 12 Euro sollte die Publikation kosten

und wenn möglich in Buchform erscheinen.

Gegen teure Print-on-Demand-Angebote

wehren sich die drei ausdrücklich: »Das widerspricht

unserem Verständnis von einer

offenen Wissenschaft!«

unstuDentische Preise

»Black, white and in-between«, herausgeben

von Studenten des John F. Kennedy-

Instituts, hat eben diesen Weg eingeschlagen.

Die »reine Notenabsicht« hinter dem

Verfassen von Hausarbeiten bewertete die

Juniorprofessorin Laura Bieger als »zu schade«

für ihr offenbar leistungsstarkes Hauptseminar.

Das Projekt habe ins Leben hinaus

gedrängt. »Es wollte ein echtes Buch werden«,

so die Kulturwissenschaflterin.

Acht Hausarbeiten wurden in aufwändiger

Gemeinschaftsarbeit zu einem Gesamtwerk

vereint. Die Themen reichen von

Diskriminierung über Vereinnahmung,

Vermischung und Unterwanderung von

Kulturformen und Ausdrucksweisen bis

hin zur Rolle des menschlichen Körpers. In

einem aber sind sich alle Beteiligten einig:

Bedeutungen, Konstruktionen und Wahrheitsansprüche

von rassistischen Zuschreibungen

wie »Schwarz-Sein« bzw. »Weiß-

Sein« sind fest ineinander verschränkt und

bringen sich gegenseitig immer neu hervor.

Im August 2008 ist das Buch im Shaker-

Verlag erschienen, der sich auf die Publikation

von Dissertationen und Tagungsbänden

in kleinen Auflagen spezialisiert hat.

Das ganze hat allerdings seinen Preis: Der

Band gesammelter Seminararbeiten kostet

knapp 30 Euro. Studentisch ist hingegen

der Preis des Downloads für drei Euro.

stuDentisch DrucKen

rezensiOnsrePOrtage

Eine Alternative zum langen Suchen und

zum teuren Bezahlen befindet sich gleich

hinter dem Kennedy-Institut: Die studentische

Druckerei des AStA FU. Jeder darf

hier zwar nicht drucken. Die Publikation

muss erst das AStA-Plenum passieren. Die

Veranstalter des »Kunsthistorischen Studierendenkongress«

haben diese Hürde überwunden.

Ihre Publikation »kunst macht

öffentlichkeit« kann daher nun kostenlos

bestellt werden. ■

Viola Köster studiert Politikwissenschaft.

19


20

POlitiK

Das ewige exPeriment

Vor zehn Jahren wagte die Berliner Politik ein Experiment: Den Hochschulen wurden

die Mittel gekürzt, dafür durften sie sich selbst regieren. Daraus sei eine »präsidiale

Diktatur« geworden, sagen manche. Andere loben die neue Effizienz. Wird das

Experiment fortgeführt? BJörn stephAn hat nachgefragt.

JAsMin FAyAd hat den Sessel von John F. Kennedy, wie er von Cornell Capa als Ikone der präsidialen Macht fotografiert wurde, illustriert.

FuriOs 02/2009


Probieren geht über studieren. Dieser

Binsenweisheit folgte 1997 der Berliner

Senat, als er den gesetzlichen

Grundstein für ein Experiment in der Berliner

Hochschullandschaft legte. Geboren

wurde es aus der Not heraus: Die Stadt litt

unter akutem Geldmangel, die Universitäten

mussten sparen. Um das möglichst effizient

zu tun, brauchen sie Entscheidungsfreiheit,

so die Grundidee des Experiments.

Deshalb fügte die Große Koalition aus

CDU und SPD dem Berliner Hochschulgesetz

den Paragraphen 7a hinzu, der die

strukturelle Entwicklung an den Berliner

Hochschulen in den letzten zehn Jahren

entscheidend prägen sollte. Und noch heute

Zündstoff für Diskussionen birgt.

Die Rede ist von der sogenannten Erprobungsklausel,

besser bekannt als Experimentierklausel.

Sie gibt den Hochschulen

die Möglichkeit, mit 67 Paragrafen nach ihrem

eigenen Gutdünken zu experimentieren.

So sollen »neue Modelle der Leitung,

Organisation und Finanzen« ausprobiert

werden, die dem Ziel »einer Vereinfachung

der Entscheidungsprozesse und einer Verbesserung

der Wirtschaftlichkeit dienen«.

Zu den alten, nun ausgehebelten Vorgaben

zählen auch die Abschnitte zu den Studienordnungen,

der Besetzung von Professorenstellen

und der Gremienstruktur.

Alle Berliner Hochschulen zeigten sich in

der Folge experimentierfreudig und haben

reichlich Gebrauch gemacht von der Klausel.

1998 fällte auch das Konzil der FU, das

damals höchste Gremium der Universität,

sein Votum für die Experimentierklausel.

Ein Jahr später trat sie in Kraft. Zehn Jahre

nach Beginn des Experiments stellt sich die

Frage, ob die hochgesteckten Ziele »schneller,

wirtschaftlicher, effizienter« erfüllt werden

konnten. Und zu welchem Preis.

besser hanDlungsFähig

Eine vom FU-Präsidium in Auftrag gegebene

Studie, die unter Mitwirkung von

Prof. Müller Bölling, Mitglied des wirtschaftsnahen

»Centrums für Hochschulentwicklung«,

erstellt wurde, zeichnet ein

durchweg positives Bild: Das Erprobungsmodell

habe mehr Effizienz geschaffen,

Entscheidungsprozesse verschlankt und die

Handlungsfähigkeit der Uni gestärkt. Wenig

überraschend zieht auch FU-Präsident

Dieter Lenzen ein eindeutiges Fazit: »Das

war der einzige Weg, um die schwierige Situation

der Berliner Finanzen in den Universitäten

so auffangen zu können, dass

wir mit diesen reduzierten Mitteln über-

FuriOs 02/2009

haupt noch arbeiten konnten.« Ist die Erprobungsklausel

also ein Erfolg auf ganzer

Linie?

eFFizient, aber intransParent

Die Schar der Kritiker ist ebenso groß

wie vielfältig. Sie reicht vom AStA über die

Jusos und die Liberale Hochschulgruppe

bis in die rot-rote Koalition im Berliner Senat,

die, sofern sie bei den nächsten Wahlen

bestätigt wird, über die Fortführung

des Experiments entscheiden kann. Der

gemeinsame Anklagepunkt: Die Experimentierklausel

sei vom FU-Präsidium dazu

benutzt worden, die Demokratie an der FU

zu unterlaufen und sich selbst mehr Macht

zu sichern. So spricht Dr. Wolfgang Albers,

wissenschaftspolitischer Sprecher der

Linksfraktion, von einem »Missbrauch der

Klausel«. Die zugrunde liegende Idee, mehr

Autonomie für die Hochschulen zu schaffen,

sei nur dann sinnvoll, wenn Entscheidungen

transparent und demokratisch gefällt

würden, betont er. Das FU-Präsidium

aber hätte die Klausel instrumentalisiert,

um »die leidige Mitbestimmung in den universitären

Gremien auszuhebeln und sich

ein präsidiales Königreich zu errichten.«

Insbesondere Dieter Lenzen verkörpere für

ihn den »Prototyp des Industrieunternehmens

Uni«. Lars Oberg, das sozialdemokratische

Pendant zu Albers, zielt mit seiner

Kritik in die gleiche Richtung. Auch wenn

das Ziel, die Effizienz zu steigern, erreicht

worden sei, wurde mit der »Intransparenz

von Entscheidungen und dem Mangel an

Demokratie« dafür doch ein Preis gezahlt,

den man so nicht hinnehmen könne, erklärt

er. Einige Uni-Präsidenten fühlten

sich mittlerweile als »mächtigste Männer

der Wissenschaftspolitik in Berlin«. Oberg

sieht deshalb den Staat gefordert: »Denn

Bildung ist ein öffentliches Gut und keine

Ware und die Uni ist kein Unternehmen.«

»ausDrucK Der öKOnOmisierung«

In der Tat nimmt das FU-Präsidium bei

der Umsetzung der Erprobungsklausel im

Berliner Vergleich eine Spitzenposition ein.

Mit dem Spielraum, von den ursprünglichen

Regelungen abzuweichen, hat es

seine eigene Aufgabenspanne erweitert.

Eine Entwicklung, die etwa an den Berliner

Fachhochschulen so nicht zu beobachten

ist. So obliegt dem Präsidium nicht nur

das Haushaltsrecht, sondern es kann auch

entscheiden, welche Professoren worüber

forschen und lehren. Die ehemals dafür

verantwortlichen Kommissionen wurden

abgeschafft. Der Akademische Senat wir im-

mer öfters vor vollendete Tatsachen gestellt.

Zudem lichtete das Präsidium den Gremiendschungel

der FU. Sowohl das Konzil

wurde beseitigt als auch das Kuratorium in

seiner alten Form beurlaubt und durch ein

neues Kuratorium ersetzt, das verstärkt mit

externem Sachverstand bestückt ist, etwa

Thomas Sattelberger, der Personalchef der

Telekom AG. Albers sieht in dieser Personalie

einen »Ausdruck der Ökonomisierung«.

Lenzen auf der anderen Seite verteidigt

die Klausel als einen notwendigen Schritt.

Er prangert an, im alten Kuratorium sei die

»Fremdbestimmung durch die Politik« zu

stark gewesen. In seinen Augen habe es als

öffentliches Forum gedient, um »Fensterreden

für die nächsten Wahlen zu halten.«

im interesse Der universität

Aus dem Blickwinkel eines Emeritus

beurteilt Johann W. Gerlach, FU-Päsident

von 1991-99, die Situation. Er ist bekenneder

Verfechter der Uni-Autonomie und

befürwortet deshalb die Experimentierklausel:

»Es ist wichtig, dass eine Unileitung

effiziente Gestaltungsmöglichkeiten hat.«

Zugleich aber ist er der Auffassung, dass

sich Mitbestimmung und professionelle

Führung nicht gegenseitig ausschließen, vorausgesetzt,

es handeln alle, die Studenten

inklusive, im Interesse der Universität und

versuchen sie nicht als politische Spielwiese

zu missbrauchen. Möglicherweise ein konstruktiver

Ansatz für die Zukunft der Freien

Universität.

Laut Gesetz ist die Experimentierklausel

nur für »eine begrenzte Zeit« gültig.

Auch wenn sie bis 2011 verlängert wurde,

ist fraglich, ob die Berliner Hochschullandschaft

wirklich auf dem schwankenden Untergrund

eines Provisoriums fußen sollte.

Dringend nötig ist es deshalb, sich der lang

angekündigten »Neufassung des Berliner

Hochschulgesetz« zu widmen, wie im rotroten

Koalitionsvertrag vereinbart. Doch

sowohl Oberg als auch Albers sind sich einig:

Eine Novelle wird es in dieser Legislaturperiode

aus politischen Gründen nicht

mehr geben. Zudem müsse erst die Evaluation

der Ergebnisse von Seiten des Senats

abgewartet werden. Nach zwölf Jahren ist

diese noch immer nicht abgeschlossen. Das

Experiment wird zur Dauerlösung. ■

Björn Stephan studiert Geschichte

POlitiK

21


22

interview: Dieter lenzen

»wir DisKutieren nicht

mit FunKtiOnären.«

FU-Präsident dieter lenzen im Gespräch über zusammengelegte Bibliotheken, studentische

Mitbestimmung, geprüfte Atemzüge, intelligentes Design und seine Präsenz auf dem Campus.

Das Gespräch führten clAudiA schuMAcher und tin Fischer — Foto: liViA Mertens

Herr Lenzen, das ist wahrscheinlich das

erste Gespräch zwischen einem FU-Präsidenten

und seinen Studenten seit 10

Jahren. Was läuft schief am Dialog zwischen

Studenten und dem Präsidium?

Überhaupt nichts. Wir haben hervorragende

Beziehungen zu den Studierenden

an der Basis. Wir diskutieren eben nicht

mit Funktionären, sondern mit denen, die

mit den Problemen direkt konfrontiert

sind.

Sie haben nicht das Gefühl, dass es hier

ein Kommunikationsproblem gibt?

Das ist keine Gefühlsfrage, sondern eine

Frage der Faktizität. Und insofern kann ich

das nur wiederholen.

Als Student sieht man Sie einmal zur

Immatrikulationsfeier und bekommt

dann noch ein paar präsidiale Mails. Ihr

Vorgänger Gerlach hatte eine wöchentliche

Sprechstunde. Gesine Schwan fährt

mit dem Fahrrad über den Campus der

Viadrina-Unversität...

Sie fuhr über den Campus, der aber auch

ziemlich klein ist (lacht)... Sie unterschätzen

den Alltag eines Präsidiumsmitglieds.

Wir haben einen Tagesablauf, der um 8

Uhr beginnt und um 23 Uhr endet. Ich

habe in meiner Amtszeit noch nie in Ruhe

zu Mittag gegessen! Es gibt unglaublich

viele wichtige Gespräche mit Leuten von

innen und außen, an denen meistens sehr

viel Geld oder wichtige Entscheidungen

für die Zukunft unserer Freien Universität

hängen. Seit April gibt es übrigens einen

regelmäßigen Podcast, mit dem ich mich

an die Mitglieder unserer großen Universität

richte.

Und wo gibt es den Austausch mit Studenten?

In den Gremien findet die Kommunikation

de jure und de facto statt. Darüber

hinaus haben unsere Vizepräsidenten und

ich in einer Reihe von Einführungsveranstaltungen

jeweils zwei Stunden übernommen,

um mit den Leuten an der Basis und

nicht mit den Funktionären zu sprechen.

Und es war erstaunlich und erfreulich, was

da an Response kam.

Der da wäre?

Das fängt bei ganz banalen Dingen an,

etwa, dass die Kopierkosten zu hoch sind.

Aber auch Themen, wie das Verhältnis von

Forschung und Lehre im Exzellenzwettbewerb

oder die Linie im Bologna- Prozess

wurden angesprochen und diskutiert.

Bachelor und Master weisen noch

zahlreiche Mängel auf. Sie selbst sagten

etwa, dass man »nicht jeden Atemzug«

der Studenten benoten müsse. Warum

geschieht es trotzdem?

Der Nachteil des Credit-Systems ist, dass

ununterbrochen geprüft wird. Der Vorteil

ist, dass die Abschlussprüfung wegfällt.

Die Zahl und die Art der Leistungsüberprüfungen

müssen dennoch modifiziert

werden. Wir verfolgen die Politik des

Dezentralisierens. Diese Entscheidungen

werden in den Fachbereichen zu treffen

sein.

Setzen Sie sich für einen offenen Zugang

zum Master ein? Und wenn nein: Wie

hoch soll die Quote angesetzt sein?

Wir haben im Moment eher das umgekehrte

Problem: Die Masterstudiengänge

lassen sich nicht ohne weiteres füllen.

Das ist ein vorübergehendes Problem.

Da bin ich nicht so sicher. Das ist sehr

stark von der Marktsituation und von

den angebotenen Masterprogrammen

abhängig. Der erste Abschluss sollte ja

berufsqualifizierend sein. Inwiefern er das

in jedem Fall tatsächlich ist, ist eine andere

Frage. Aber was die Zulassung betrifft: Der

Akademische Senat hat durch die weise

Entscheidung, jemand müsse »überdurchschnittlich«

sein, eine große Varianz geschaffen.

Auf welchen Durschnitt man sich

bezieht kann jedes Fach entscheiden.

Käme da auch das Auswahlgespräch in

Frage oder setzen Sie auf die Note?

Ich bin sehr für einen Mix. Manch einer

kann besser mit Multiple Choice umgehen,

ein anderer ist eher verbal begabt. Um

eine valide Auswahl treffen zu können, die

verschiedenen Personen gerecht wird, muss

man also eine Mixtur wählen.

Kommen wir zu einem anderen Thema,

über das wir reden sollten. Mit der

Drittelparität 1969 hatte das studentische

Mitbestimmungsrecht an der FU

ihren Höhepunkt gefunden. Heute geht

es gegen Null. Halten Sie professionelle

FuriOs 02/2009


Distanziert und kontrolliert: FU-Präsident Dieter Lenzen (links) und sein Pressesprecher Goran Krstin während dem Interview, das leider nicht in der Mensa stattfinden konnte.

Führung mit studentischer Mitsprache

für unvereinbar?

Die Berliner Gesetzgebung ist im Bundesvergleich

diejenige mit der höchsten studentischen

Mitbestimmung. In Entscheidungen,

die Forschung und Lehre direkt

betreffen, muss das Votum der Professoren

jedoch die Mehrheit darstellen. So hat

es das Verfassungsgericht entschieden.

Ich glaube aber auch, dass es vernünftige

Gründe hat: Studierende sprechen für die

kurze Zeit, in der sie da sind. Professoren

und Mitarbeiter reden über ihren Arbeitsplatz,

an dem sie unter Umständen 30

Jahre arbeiten müssen.

Wo ist studentische Mitbestimmung

sinnvoll?

Wo es um die Lehre geht. In den Ausbildungsgremien

der Fachbereiche und des

Akademischen Senats haben die Studenten

ja auch 50 Prozent der Sitze. In anderen

Fragestellungen fehlt ihnen aber oft der

nötige Einblick. Sie können natürlich

sagen: »Wir wollen ein neues Labor«. Nur,

wann wir ein solches zum Beispiel vom

Wissenschaftsrat genehmigt bekommen,

ist ein komplizierter politischer Prozess.

Seit 15 Jahren arbeiten wir daran, ein

Laborgebäude für die Tiermedizin zu bekommen.

Immer wieder steht irgendeine

Landesordnung oder die Finanzlage

dagegen. Das ist keine Frage studentischer

Mitbestimmung, sondern des zähen politischen

Ringens.

FuriOs 02/2009

Anders die Zusammenlegung von Bibliotheken?

Die Bibliotheken sind Orte, an denen

Forschung und Lehre unterstützt werden.

In der Mehrzahl die Forschung, da es Forschungsliteratur

ist. Eine Bibliothek muss

für alle zugänglich sein. Und sie muss

bezahlbar sein. Auf Grund des Personalmangels

können wir unsere Bibliotheken

nicht lang genug offen halten. Zurzeit

haben wir noch um die 50 Bibliotheken.

Es ist völlig unrealistisch, diese 12 Stunden

oder gar länger offen zu halten. Also muss

die Zusammenlegung, schon allein um

besseren Service bieten zu können, fortgesetzt

werden.

Kennen Sie hierzu die Meinung der

Studenten?

Das kommt ganz auf das Fach an. Manche

haben vielleicht bei der Schließung ihrer

Institutsbibliothek Angst, dass ihr Fach

abgeschafft wird. Das ist völliger Unfug.

Wir wollen durch Zusammenlegen der Bibliotheken

deren Benutzbarkeit verbessern.

Viele Studierende finden das auch gut!

Auch mit der Cluster-Bildung und der

Schließung von Instituten und Verkleinerung

von Fachbereichen findet ein

Konzentrationsprozess statt, der vielen

Studenten Sorgen macht. Führt das zu

einer ungleichen Verteilung der Gelder?

Zweifellos. Die Wissenschaftler, die tüchtig

sind und ein interessantes Projekt auf die

Beine stellen, bekommen beispielsweise

mehr Drittmittel. Auch die Landesgelder

interview: Dieter lenzen

werden nicht gleich verteilt. Wenn die Professoren

besonders erfolgreich in der Lehre

waren oder besonders viele Drittmittel eingeworben

haben, bekommt das Fach mehr

Geld, das auch unseren Studentinnen und

Studenten zugute kommt. Dazu kommen

Gelder, die nach Zielvereinbarungen

zwischen den Fachbereichen und dem

Präsidium verteilt werden.

Sie machen in der Öffentlichkeit immer

wieder mit provokanten Statements auf

sich aufmerksam. Jüngst kokettierten

Sie im »Tagesspiegel« als Befürworter

von Pro Reli mit Intelligent Design.

Woher kommt diese Lust auf die Provokation?

Ich weiß nicht, wodurch ich mit Intelligent

Design kokettiert haben soll. Wer das

meint, liest wohl nicht richtig. Generell

kann ich sagen, dass ich Erziehungswissenschaftler

bin und es meine professionelle

Pflicht ist, mich in Bildungsfragen zu

äußern. Wenn ich eine Einsicht zu haben

glaube, habe ich sie mitzuteilen. Das ist

natürlich nicht mehr, als meine eigene

Einsicht.

Ergibt sich ein Konflikt zwischen Ihrer

Funktion als FU-Präsident und Ihrer

Privatperson?

Nein, ganz im Gegenteil. Das muss

aus einem Guss sein. Ich versuche, das

Bildungssystem als eine Einheit zu sehen,

innerhalb derer die Universitäten ein Teil

sind, aber nicht das Ganze. ■

23


24

POlitiK

grenzenlOses

engagement

Gegen die Krise: Studierende stiften Frieden.

von FrAnzisKA Weil und tAsniM el-nAggAr

Auf, auf in eine bessere Welt! Nur wie?

Die Projekte Crisis Simulation for Peace

(CRISP) und Studieren ohne Grenzen engagieren

sich auf unterschiedliche Weise.

Die Mission ist dieselbe: Frieden.

Der Gedanke, sich für Frieden zu engagieren,

ist nicht neu. An der Umsetzung hat

sich jedoch einiges geändert. Vor 40 Jahren

lief das Engagement für den Frieden selbst

nicht so friedlich ab: Es wurden Straßen

blockiert, Schlägereien riskiert und zwischendurch

auch ein paar Eier geworfen.

Damals ging es gegen die damalige Hochschulpolitik,

später gegen den Vietnamkrieg.

Studierende sahen sich als Teil einer

größeren Bewegung und wollten nationale

und internationale Politik aktiv verändern.

Heute greifen Studierende meist zu anderen

Mitteln um internationale Probleme in

Angriff zu nehmen. Viele der Friedensprojekte

von heute sind spezieller, professioneller

und pragmatischer. Zwei dieser Friedensprojekte

hat FURIOS besucht:

stuDenten sPielen staatsOberhauPt

Hektisch laufen Diplomaten in Anzügen

umher. Ihnen folgen Journalisten. Mitarbeiter

lokaler NGOs verhandeln mit Wirtschaftsgrößen

der Region. Gespannte Stimmung

in Novo Brdo, einer kleinen Stadt im

Kosovo. Wird man eine Einigung erzielen

können oder kommt es zum Eklat? Einige

müssen noch Überzeugungsarbeit leisten

und stecken in langwierigen Verhandlungsgesprächen.

Denn Diplomatie ist kein Kinderspiel,

sondern harte Arbeit. Vor allem

muss sie gut geplant sein.

Franziska Weil und Tasnim El-Naggar

studieren Politikwissenschaft

Foto: Studieren ohne Grenzen

Einige Monate zuvor in einer Berliner

Altbauwohnung sitzen junge Männer und

Frauen um einen Tisch herum und besprechen

die Voraussetzungen für das Projekt in

Novo Brdo. Sie gehören zu dem gemeinnützigen

Verein CRISP. In Zusammenarbeit

mit verschiedenen Nicht-Regierungs-Organisationen

und gemeinnützigen Organisationen

aus Novo Brdo veranstaltet CRISP

ein Planspiel. »Die Idee ist, diese Form des

Planspiels auf die Konfliktbearbeitung anzuwenden

und so diese Methode, von der

wir sehr überzeugt sind, weiter zu trans-

»viele Der FrieDensPrO-

JeKte vOn heute sinD sPezieller,

PrOFessiOneller

unD Pragmatischer.«

portieren«, erzählt Andreas Muckenfuß aus

dem Vorstand. Das Besondere an dem Projekt:

Die Planspiele werden ausschließlich

mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus

den jeweiligen Regionen durchgeführt, in

diesem Fall kommen sie aus dem Kosovo.

In einem mehrtägigen Workshop schlüpfen

die Teilnehmer in eine andere Rolle.

Eigentlich sind sie Studierende oder Mitarbeiter

in Nicht-Regierungs-Organisationen.

Bei CRISP werden sie zu Staatsoberhäuptern,

Diplomaten, Wirtschaftsbossen

oder Journalisten. Dabei erfahren sie zunächst,

unter welchem Zeitdruck politische

Entscheidungen gefällt werden müssen. Es

geht um Abkommen, Vereinbarungen und

kreative Lösungen. Die einzelnen Akteure

müssen einander entgegen kommen, ohne

dabei den Blick für ihre eigenen Interessen

zu verlieren. Das Ziel des Planspiels: die

Teilnehmer für verschieden Positionen sensibilisieren

und ihnen politische Entscheidungsprozesse

und Dynamiken während

eines Konfliktes näher zu bringen.

Wie gut gelingt es den Teilnehmern ihre

Rolle zu übernehmen? »Meist sehr gut!«, so

Gerrit Kraemer, ebenfalls im Vorstand von

CRISP. »Natürlich ist es oft schwieriger für

die Studierenden, die den Konflikt miterlebt

haben.« So musste bei der Kosovo-

Simulation ein kosovo-albanischer Student

in die Rolle von Boris Tadic, dem aktuellen

serbischen Präsidenten, schlüpfen.

emOtiOnen KOchen hOch

Über den inhaltlichen Ablauf und Ausgang

der Simulation geben die Organisatoren

von CRISP den Teilnehmern nichts

vor. »Das Thema ist zu sensibel«, sagen Andreas

und Gerrit. Die Emotionen können

bei den betroffenen Teilnehmern schon

mal hoch kochen, weshalb hier eng mit den

Partnerorganisationen vor Ort gearbeitet

wird. Die konkrete inhaltliche Vorbereitung

ihrer Rolle liegt bei den Teilnehmenden,

die meist selbst im zivilgesellschaftlichen

Bereich engagiert sind.

Das Planspiel im letzten Jahr fand großen

Anklang und gemeinsam mit dem Lehrstuhl

von Professor Dr. Sven Chojnacki

führt CRISP in diesem Jahr ein Planspiel

im Kaukasus durch. Da die Partner vor Ort

meist nicht über ausreichend finanzielle

Mittel verfügen, läuft die Finanzierung auch

über deutsche Träger. So wurde das Projekt

im Kosovo von Zivik, einem Programm zur

zivilen Konfliktbearbeitung des Instituts für

Auslandsbeziehungen, gefördert.

Ein Friedensprojekt, das sich ebenfalls

durch seine Professionalität auszeichnet, ist

Studieren ohne Grenzen (SoG). Das Projekt

konnte bereits in Belgien, Italien, Spanien

und Deutschland Ableger bilden. Auch bei

»Studieren ohne Grenzen« kommt man

den Krisen der Welt sehr nah. Das Projekt

fördert Studierende aus Krisengebieten, indem

Vollstipendien vergeben werden. Gegründet

wurde SoG im Oktober 2006 als

Ableger der französischen Dachorganisation

»Etudes sans frontieres«. In Deutschland

konnte SoG bereits mehrere Ortsgruppen

gründen, es gibt sie in Konstanz, Hamburg,

Aachen, Frankfurt und in Berlin.

bilDung unD rabatt im biOlaDen

Die Schwerpunkte von SoG liegen auf

den Krisenregionen Kongo und Tschetschenien.

Im Kongo werden 22 Studierende

vor Ort gefördert. Die tschetschenischen

FuriOs 02/2009


Studierenden haben die Möglichkeit, ihr

Studium in Deutschland zu beginnen oder

fortzusetzen. Nach Abschluss des Studiums

sollen die Studierenden aktiv der politischer

Zukunft ihrer Region mitarbeiten. Eine

Bewerbungsvoraussetzung ist deshalb auch

ein gemeinnütziger und friedensfördernder

Projektvorschlag, den die Stipendiaten realisieren

wollen. Neben der Leistungsfähigkeit

montags, und -bereitschaft 18 Uhr spielt auch ihre

Bedürftigkeit eine Rolle. Frank Neher, der

Leiter der Otto-Suhr-Institut

SoG-Ortsgruppe in Berlin, beschreibt

das Konzept Hörsaal dahinter Aso:

»Gut ausgebildete

Leute sind diskursiver, das heißt

sie benutzen Worte Ihnestraße statt Waffen, 21 und das ist

für eine montags, bessere Zukunft 18 Uhr sehr bedeutend«.

Bildung 14195 ist Berlin-Dahlem

eine unumstrittene Entwicklungsförderung.

Otto-Suhr-Institut

Diese Tatsache macht es

für SoG leichter, Rückhalt und Unterstützung

zu bekommen. Hörsaal So ist die A Organisati-

Ihnestraße 27. April 21

Tissy Bruns

14195 Berlin-Dahlem

4. Mai

Prof. Dr. Josef Klein

27. 11. April Mai

Jakob Tissy Augstein Bruns

18. 4. Mai

Prof. Prof. Dr. Dr. Barbara Josef Witte Klein

montags, 18 Uhr

11. 25. Mai

Otto-Suhr-Institut

Jakob Jens Augstein König

Hörsaal A

18. 8. Juni Mai

Prof. Matthias Dr. Ihnestraße Barbara Wambach Witte 21

14195 Berlin-Dahlem

15. 25. Juni Mai

Hans-H. Jens Langguth König

22. 8. Juni

Matthias 27. April

Matthias Wambach Machnig

Tissy Bruns

15. 29. Juni

Hans-H. 4. Mai

Bettina Langguth Gaus

Prof. Dr. Josef Klein

22. 6. Juni Juli

11. Mai

Hans-Jürgen Matthias Machnig Beerfeltz

Jakob Augstein

29. 13. Juni Juli

Bettina 18. Gaus Mai

Dr. Marco Althaus

Prof. Dr. Barbara Witte

6. Juli

Hans-Jürgen Beerfeltz 25. Mai

Jens König

13. Juli

Dr. Marco Althaus 8. Juni

Matthias Wambach

15. Juni

Hans-H. Langguth

Medienpartner:

on inzwischen recht etabliert und hat durch

gute Öffentlichkeitsarbeit einen gewissen

Bekanntheitsgrad erreicht. Die Stipendien

werden nicht von Unternehmen, sondern

durch Fundraising und Patenschaften fi-

Verein der Freundinnen und Freunde

des Otto-Suhr-Instituts e.V.

nanziert. Auch unmittelbare Vergünstigungen

helfen, wie Ermäßigungen beim

Einkauf im Bioladen oder bei der Miete des

Studentenzimmers.

apropos Wahlkampf

Leiterin Parlamentsbüro, Der Tagesspiegel

Politik und Medien im Superwahljahr 2009

Superwahljahr – 2009: Demokratie Braucht in Wahlkampf der Krise? 2.0 auch Journalismus 2.0?

Leiterin Herausgeber Parlamentsbüro, und Geschäftsführer, Der Tagesspiegel der Freitag

Verein der Freundinnen und Freunde

des Otto-Suhr-Instituts e.V.

Von Senden Cicero Sie bis noch Obama oder twittern – zur Geschichte Sie schon? des Wahlkampf Wahlkampfs und Web 2.0

Univ.-Präsident Professorin für Rundfunkjournalismus a.D., Polito-Linguist und Onlinekommunikation, Hochschule Bremen

Öffentliche Ringvorlesung – Sommer 2009

Superwahljahr Nationaltheater 2009: – Politik Braucht als Inszenierung Wahlkampf 2.0 auch Journalismus 2.0?

Herausgeber Reporter im Hauptstadtbüro, und Geschäftsführer, sternder

Freitag

apropos Wahlkampf

Senden Sie noch oder twittern Sie schon? Wahlkampf und Web 2.0

Alle Macht geht vom Volke aus!? Einblicke in das Campaigning für Plebiszite

Professorin Kampagnen-Manager für Rundfunkjournalismus und Onlinekommunikation, Hochschule Bremen

Politik und Medien im Superwahljahr 2009

Nationaltheater You‘ll never vote – alone... Politik als Inszenierung

Reporter Geschäftsführer im Hauptstadtbüro, Zum Goldenen stern Hirschen, Berlin

Alle Wahlkampf Macht geht im Medienzeitalter

vom Volke aus!? Einblicke in das Campaigning für Plebiszite

Kampagnen-Manager

Superwahljahr – Demokratie in der Krise?

Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

Leiterin Parlamentsbüro, Der Tagesspiegel

You‘ll Wahlkampf never virtuell vote alone... – wie Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten wurde

Geschäftsführer

Von Cicero bis Obama – zur Geschichte des Wahlkampfs

Politische Korrespondentin, Zum Goldenen taz Hirschen, Berlin

Univ.-Präsident a.D., Polito-Linguist

Wahlkampf Bürgerdialog im statt Medienzeitalter

Wahlk(r)ampf

Staatssekretär

Superwahljahr 2009: Braucht Wahlkampf 2.0 auch Journalismus 2.0?

Bundesgeschäftsführer im Bundesministerium der FDP für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

Herausgeber und Geschäftsführer, der Freitag

Wahlkampf European Style virtuell – Lektionen – wie Barack aus dem Obama Europa-Wahlkampf

Präsident der Vereinigten Staaten wurde

Politische

Senden Sie

Korrespondentin,

noch oder twittern

taz

Sie schon? Wahlkampf und Web 2.0

Gastprofessor Fachbereich Wirtschaft, Verwaltung und Recht, TFH Wildau

Professorin für Rundfunkjournalismus und Onlinekommunikation, Hochschule Bremen

Bürgerdialog statt Wahlk(r)ampf

Bundesgeschäftsführer

Nationaltheater – Politik

der

als

FDP

Inszenierung

nähere Informationen unter www.osi-club.de

Reporter im Hauptstadtbüro, stern

Die European Ringvorlesung Style „apropos – Lektionen Wahlkampf“ aus wird dem veranstaltet Europa-Wahlkampf

vom OSI-Club am Otto-Suhr-Institut der

Freien

Gastprofessor

Alle Macht Universität geht Berlin

Fachbereich

vom (Ihnestr. Volke 22, aus!? 14195 Berlin

Wirtschaft,

Einblicke – www.osi-club.de)

Verwaltung

in das Campaigning in Zusammenarbeit

und Recht, TFH

für mit Plebiszite der

Wildau

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (Regionalbüro Berlin-Brandenburg,

Kampagnen-Manager

nähere You‘ll never vote alone...

Stiftung Informationen Deutsche Klassenlotterie unter www.osi-club.de Berlin.

Geschäftsführer Zum Goldenen Hirschen, Berlin

Kontakt: Katrin Grothe, polkomm@osi-club.de oder 0173/953 76 87. Verantwortlich: Christian Walther, walther@osi-club.de

Die Ringvorlesung „apropos Wahlkampf“ wird veranstaltet vom OSI-Club am Otto-Suhr-Institut der

Freien Universität Berlin (Ihnestr. 22, 14195 Berlin – www.osi-club.de) in Zusammenarbeit mit der

22. Juni Wahlkampf im Medienzeitalter

ben ihre persönlichen, unterschiedlichen

Antworten unter die Fragen.

Kritiker halten die Förderung, die SoG

vergibt, für einen Tropfen auf den heißen

Stein. Es ist ein pragmatischer Anfang.

Dass ein Stipendiat seine friedlichen Ideen

in seine Gemeinde trägt, kann langfristig

viel bewirken. Gute Bildung kann den

Stipendiaten Zugang zur Elite des Landes

Öffentliche Ringvorlesung – Sommer 2009

stuDieren im Krieg

verschaffen und so können Demokratie,

Verein der Freundinnen und Freunde

Toleranz und Frieden gestärkt werden. Je

des Otto-Suhr-Instituts Seit e.V. Februar 2009 veranstaltet SoG die

apropos Wahlkampf

besser Leute aus Krisengebieten ausgebil-

Wanderausstellung »Studieren im Krieg.

det sind, desto höher ist die Chance auf

Wenn Zukunft warten muss.« Die Fotos

einen stabilen Frieden und auf Wachstum

von Stanley Green zeigen Kriegsszenarien,

in jeglicher Hinsicht. Der Erfolg dieser Idee

Öffentliche dazu hängen Fragen Ringvorlesung aus: »Wie ist es, im

Politik – Sommer 2009

Krieg zu und studieren? Medien Welchen Lerneffekt im hat Superwahljahr ist kaum messbar. Das Mindeste 2009 aber, was

durch SoG erreicht werden kann, ist: Ver-

der Krieg?« Die Stipendiaten aus Krisengeständnis

und Bewusstsein für den Frieden

bieten kamen zur Ausstellung und schrie-

schaffen. ■

Superwahljahr – Demokratie in der Krise?

Von Cicero bis Obama – zur Geschichte des Wahlkampfs

Univ.-Präsident a.D., Polito-Linguist

Kontakt: Katrin Grothe, polkomm@osi-club.de oder 0173/953 76 87. Verantwortlich: Christian Walther, walther@osi-club.de

Reinhardtstr. 12, 10117 Berlin – www.freiheit.org).

Die Veranstaltung wird als politische Bildungsveranstaltung gefördert aus Mitteln der

Anzeige


26

Kultur

DanKe Fürs FreunDe sein!

MArlene göring über die schöne neue MySpace-Welt der Bands und Songwriter.

Foto: henry WulF — Illustration: dAVid goldWich

FuriOs 02/2009


Katha ist 27, studiert Politikwissenschaften

an der FU und ist auf

dem Campus eher unauffällig. Auf

MySpace heißt sie »suede girl«, trägt pinke

Minis und Stiefel mit Leopardenmuster.

Sie macht Musik. Indie genauer gesagt, weil

das poppig ist und Menschen zum Tanzen

bringt. Das klingt nach Spaß, läuft aber

streng nach Plan. »Ich habe Einträge auf so

ziemlich jedem Internetportal«, erzählt die

Songwriterin. Sie will möglichst viele Leute

erreichen. »Suede girl läuft in Internetradios

und wenn mein Album fertig ist, gibt’s

das natürlich auch im Online-Vertrieb auf

mp3.« Eine Fülle an Selbstvermarktungsangeboten

überrollt zur Zeit den jungen Musiker.

MySpace, last.fm und der Emergenza

Bandwettbewerb sind dabei nur die etablierte

Spitze des Eisbergs. Eine Band, die

noch nie außerhalb des Proberaums gespielt

hat, kann heute theoretisch weltweit Millionen

Fans erreichen. »Die Präsentation

ist mindestens so wichtig wie die Musik«,

meint Katha. »Selbstvermarktung nehme

ich wörlich: Aus suede girl soll eine Marke

werden.« Der Wiedererkennungswert sei

schon die halbe Miete. Damit redet Katha

auch der wachsenden Zahl von Künstler-

Coaches das Wort. Die Marketingexperten

wollen Musikern den Weg durch den

PR-Dschungel zeigen und setzen dabei auf

ein »ganzheitliches Konzept«, das Produkt

und Präsentation vereinen soll. Ein junger

Musiker steht damit aber vor einem Problem:

Wenn er wahrgenommen werden

will, sollte er sich nach dem Markt richten.

Nicht für jeden ist das so selbstverständlich

wie für suede girl. Mit dem Mehr an Selbstvermarktung

ist auch ein Weniger für die

eigentliche Sache verbunden: die Musik.

we DOn´t neeD nO eDucatiOn?

Playfellow, deren Mitglieder teils noch

an der FU studieren, können auf sechs Jahre

Bandgeschichte zurückblicken. An ihrem

heutigen Sound, ein eigenwilliger Mix aus

Indiepop, Noise und Postrock, haben sie

lange gearbeitet. Sie haben mit verschiedenen

Instrumenten und Stilen experimentiert,

bevor sie vor zwei Jahren das erste

Album aufgenommen haben. Obwohl die

Bandmitglieder mittlerweile in verschiedenen

Städten wohnen, halten sie Playfellow

am Laufen. Sich ein anderes Projekt zu

suchen, käme momentan für keinen in Frage.

Der lange Atem fängt an, sich bezahlt

FuriOs 02/2009

zu machen: Die erste CD ist vergriffen und

geht in die Nachpressung. Kritiker vergleichen

die Studentenband mit Radiohead

und Coldplay.

Der Professionalisierungs- und Theoretisierungswelle,

die die Pop- und Subkultur

erfasst hat, stehen Playfellow kritisch

gegenüber. Während es noch vor wenigen

Jahren kaum Ausbildungsmöglichkeiten in

diesen Genres gab, schießen heute Förderwettbewerbe

und Privatschulen wie Pilze

aus dem Boden. Mit Bandwettbewerben

haben Playfellow nicht nur positive Erfahrungen

gemacht. Sie waren beim »Becks on

Stage«-Wettbewerb dabei, wo sie sich über

Wochen hinweg wie in einer Reality-Show

produzieren sollten. »Becks konnte Werbegelder

von Sponsoren einfahren und hat

keinen einzigen Inhalt beigetragen«, meint

Tom, der Drummer von Playfellow. Zum

F6-Music-Award, bei dem die Bands auch

an Workshops zu »Stageperformance« teilnehmen

sollten, wollten sie erst gar nicht

antreten.

i can change, i can change

Viele der Dienstleister profitieren vor

allem von den kostenlosen Inhalten der

Nachwuchskünstler. Die Musiker können

zwar medienwirksame Einzelpreise erringen,

wie im Fall Becks Auftritte auf großen

Festivals, erhalten aber keine nachhaltige

Förderung. Stattdessen werden sie dazu

animiert, massenkompatible Musik zu machen.

In der Hoffnung auf Erfolg schränken

viele Bands ihr musikalisches Potenzial

dabei auch freiwillig ein. Die eigene Aussage

und der künstlerische Ausdruck finden

ihren Ursprung dann nicht mehr in der

Lebenswelt der Musiker, sondern werden

von marktspezifischen Faktoren und Trends

vorgegeben. Was hier passiert, ist die Institutionalisierung

von Musik, die früher ihren

Anfang auf der Straße und in Garagen

hatte.

»Es ist leider nicht mehr wie in den

70ern«, meint Playfellow-Drummer Tom.

»Dass ein Produzent von Universal mit

zwei Koffern im Proberaum erscheint und

sagt, `Hier habt ihr 10.000 Euro, besorgt

euch neue Instrumente, denn wir produzieren

eure Platte`, wird es nicht mehr

geben.« Bei der Masse an Bands im Netz

erhöht sich die Chance auf einen Plattenvertrag

durch ausgefeilte Selbstpräsentation

aber nur bedingt. »Um die Aufmerksamkeit

der Labels auf sich zu ziehen«, sagt Steffen

Gottwald, Mitinhaber von Homeground

Records Berlin, »kann ein großer Freundeskreis

bei MySpace sicher von Nutzen sein.

Am Ende des Tages muss eine Band aber

musikalisch und persönlich überzeugen,

damit ein Label sie unter Vertrag nimmt.«

Playfellow setzen deshalb vor allem auf ihre

Musik: »Wenn Selbstvermarktung meint,

Platten zu produzieren, die an Magazine

und Radiostationen zu versenden und später

bei Konzerten und in Internetportalen

zu vertreiben, dann ist sie schon fester Bestandteil

unserer Planung. Über Klamotten

und Bühnenkonzept denken wir aber nicht

so viel nach.« Sie haben trotzdem Erfolg:

Seit zwei Jahren sind Playfellow beim Indie

Label Sweet Home Records unter Vertrag.

Geschafft haben sie das vor allem durch

Netzwerke mit anderen Bands. Durch die

enge Zusammenarbeit entstehen Synergie-

Effekte, von denen alle profitieren können.

»Vor einem halben Jahr hat ein Bekannter

eine CD-Pressung gemacht. Jetzt haben wir

alle den Kontakt«, erzählt Tom. »Außerdem

hat ein befreundeter Gitarrist unsere erste

Platte gemischt, und wir vermitteln uns gegenseitig

Gigs.« Ins Label, dessen Inhaber

selbst Musiker sind, sind die befreundeten

Bands nach und nach »reingerutscht«. Gemeinsam

haben sie eine eigene kleine Szene

für ihre Musik etabliert. Internetportale

und Onlinemagazine helfen ihnen dabei.

Sie vereinfachen die Kommunikation untereinander

und mit den Fans. Sie bringen

Kontakte und erleichtern das Veröffentlichen

der Musik. Sie bilden Gegenöffentlichkeiten,

die an den Majors vorbei ihre

eigenen Ideen umsetzen, Hörer finden und

neue Musikstile prägen. Künstler dagegen,

die in den Strudel des »Überall-gleichzeitigsein-Wollens«

geraten, verlieren die Musik

aus den Augen und Schaden sich in der

Masse selbst: Die vielen Flyer in der Rostlaube

bringen meistens nicht einen einzigen

Gast mehr ins Konzert. Bands, die

die Selbstvermarktung bitter ernst nehmen,

setzen sich unnötig unter Druck. Denn

man muss sich nicht verbiegen, um die eigene

Nische im Markt der Hörerschaft zu

finden. Man kann den Markt auch selbst

verändern. Möglichkeiten gibt es. ■

Marlene Göring studiert Neuere Deutsche

Literatur, Publizistik und Philosophie

Kultur

27


28

Kultur

Der Dschungel im

KühlschranK

Der Flaneur will es genau wissen: Wo sind die Perlen unter den Büchereien?

Eine frühsommerliche Odyssee durch die Wissenshorte Dahlems.

von AnnA Klöpper und elisABeth loose — Fotos: liViA Mertens

» Die Zahl 2.300.000 hat viele Bedeutungen im Leben

eines FU-Studenten. So viele Werbepamphlete flattern

ihm täglich auf dem Campus entgegen. So oft treibt

sein Blick während einer langweiligen Vorlesung auf

die Uhr. So viele Seiten Druckerpapier benötigt er pro

Woche für seine Pflichttexte. Und 2.300.000 ist auch

die ungefähre Anzahl an verstaubten, alten Büchern in

den FU-Bibliotheken. Angefangen zu sammeln wurde

im Gründungsjahr 1948. Mittlerweile ist die FU im

Besitz der Universitätsbibliothek in der Garystraße und

etlichen weiteren Fachbereichsbibliotheken, die in ganz

«

Berlin verstreut sind. Diese Tatsache macht Lust, einigen

der kaum zählbaren Standorte auf den Grund zu gehen.

Anna Klöpper studiert Englische Philologie im

Masterstudiengang, Elisabeth Loose Sozial- und

Kulturanthropologie und Chinastudien

» KaFKas Fuchs

Außer zu den Stoßzeiten im Semester ist in der

Bibliothek für medizinische Soziologie nur wenig

Betrieb. Selten werfen Studenten einen Blick in

die dicken Wälzer und ernsten Heftchen über die

spezifischen Krankheiten der verschiedenen Gesellschaftsschichten,

die sich in der kleinen Villa in der

Hittorfstraße tummeln. Unentschlossen schaue ich

durch die großen Erkerfenster. Dort, im Vorgarten,

habe mal ein Fuchs gelegen, lenkt mich die Bibliothekarin

ab. »Ich wollte mir das Tier aus der Nähe

ansehen – da setzt es sich plötzlich auf und starrt

mich ganz erschrocken an«, lacht sie. Vielleicht hatte

der Fuchs zu viel Kafka gelesen. Das Leben im Prekariat

der urbanen Gesellschaft satt, versucht er nun,

wie Kafkas Affe ein Leben als Mensch zu führen und

verschafft sich Zugang zu weiterführender Bildung.

Ich schaue mich um – Bücherregale bis unter

die stuckverzierte Decke, mit kleinen altmodischen

Trittleitern. Findet man da oben, was man über

die Gefahren der Assimilation eines Fuchses wissen

sollte? Auf Höhe von Regalbrett Nummer drei angekommen,

wird mir die ganze Geschichte zu riskant

- die Hände schwitzen, die Knie werden wacklig. Ich

therapiere mich rasch

«

mit einem Sprung zurück auf

den Dielenboden.

FuriOs 02/2009


» tête-à-tête mit KOPerniKus

In der meteorologischen Bilbliothek philosophieren

Sternengucker und Wetterfrösche über vergilbten

Wetterkarten und riesenhaften Atlanten. Am Ende einer

schmalen Wendeltreppe, über 50.000 Büchern zur Meteorologie,

Mathematik und Physik fühle ich mich dem

Himmel tatsächlich schon ein bisschen näher. Von außen

architektonisch so solide wie einfallsarm gehalten, hat die

Bauherren bei der Innenausstattung wohl das Fernweh

gepackt: Von der sonnensegelgleichen Decke fällt Licht

durch eine dreieckige Glaskonstruktion. Säulen wie

Schiffsmasten, die die Decke stützen, vergilbte Atlanten

und eine Reihe Globen auf einem Regal tragen zur Seefahrerromantik

bei. Gern ließe ich mich jetzt von Galileo

und Kopernikus in ein Gespräch über das Sonnensystem

verwickeln.

Christian, 27, beendet meine Traumreise zu unbekannten

Stränden und Planeten. Die studentische Realität

des digitalen Zeitalters sieht anders aus: Vor einem

der Computerarbeitsplätze brütet der Meteorologiestudent

über dem Archiv der Wetterkarten für Berlin von

2007. Ich werfe noch einen letzten Blick die Wendeltreppe

hinunter, ob nicht vielleicht doch ein alter Mann mit

Bart...? Wieder draußen vor der roten Klinkerfassade,

strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel.

«

Regnen

wird es wohl nicht mehr heute, das kann ich auch ohne

Blick auf die Wetterkarten behaupten.

FuriOs 02/2009

Kultur

» zurücK zur natur?

Christopher Kolumbus hat der öffentlichen Meinung

zu Folge den Lauf der Welt verändert. Dabei ist den Wenigsten

klar, dass er auch unmittelbar für FU-Angehörige

ein bedeutendes Erbe hinterlassen hat. Seine Theorie,

im Grünen ließe sich besser lernen – so erlebte er es in

den unendlich grünen Weiten Amerikas – wurde in der

Erziehungswissenschaftlichen Bibliothek im L-Gang der

Rostlaube umgesetzt. In erquickender Atmosphäre lässt

es sich hier suchen, denken und lesen. Vom verdeckten

Kühlschrank-Gewand der Bib sollte man sich dabei nicht

ablenken lassen. Der Zutritt scheint aber nur einem

guten Orientierungssinn vorbehalten zu sein, obwohl

dieser selbst dem kühnen Kolumbus nicht beschieden

war. Einmal entdeckt, konfrontieren 260 Arbeitsplätze,

400.000 Bücher, 28 PCs den Besucher; eine reguläre Ausstattung

für FU-Verhältnisse. Der Springbrunnen, dessen

Plätschern Kolumbus dringend für strapazierte Gehöre

empfahl, fällt dagegen aus dem gewohnten Rahmen.

Reines Quellwasser und wucherndes Gewächs – könnte

das die Lösung für alle Blockaden im Kopf sein? Der

Urwald birgt allerdings auch Tücken: Vor zwei Jahren soll

sich ein Erstsemester im Dschungel der Zimmerpflanzen

verlaufen haben und erst nach einigen Tagen wieder

entdeckt worden sein. Möglicherweise war aber auch das

Teil der Kolumbus’schen Pädagogik: Die lebensweltliche

Bewährung im Angesicht theoretischer Abstraktion.

Anne, 25, kommt extra aus dem Prenzlauer Berg in die

Bibliothek, um zu lernen. »Die Atmosphäre ist einfach

toll,« meint die Psychologiestudentin. Hier sprießen

nicht nur Gewächse emsig in die Höhe, auch Wissen

wächst pflanzengleich heran. Allerdings nicht nur bei

Psychologie- und Pädagogikinteressierten – auch Nutzer

der Bestände für Religionswissenschaft, Frauen- und

Geschlechterforschung,

«

Ostasienstudien und Evangelische

Theologie strömen in diese Oase – alles dank einer

verirrten Indienreise.

29


30

Kultur

VerAnstAltungskAlender

zusammengestellt von theresA Kellner und rAchelie heFter

2

AuF

einen

Blick:

1 herzstück!

Junge meister

Martin Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7

12.7. 15 Uhr, Mitglieder des Kunstnetzwerk Berlin e.V. frei

Falsche Romantik

Seit fast drei Jahren bereichert Junge Meister e.V. den kulturellen

Terminkalender von Studenten. Von Studierenden ins

Leben gerufen, ermöglicht der Verein für nur 10 Euro Mitgliedschaftsbeitrag

im Jahr einen einzigartigen Zugang zur

unübersichtlichen Kunstlandschaft Berlins. Das Besondere:

Wo immer es möglich ist, stellt der Verein Kontakt zu Künstlern,

Kuratoren, Galeristen und Sammlern her, die den jungen

Meistern einen exklusiven Einblick in ihre Arbeit und spannende

Hintergrundinfos geben.

Das nächste Highlight führt in die Ausstellung zur Kunst und

Architektur Le Corbusiers (1887-1965) im Martin Gropius Bau.

Die Ausstellung will die ungebrochene Aktualität Le Corbusiers

im heutigen Diskurs über Architektur und Urbanismus

aufzeigen. Mit einer Auswahl von Exponaten aus der Fondation

Le Corbusier in Paris, darunter Originalgemälde, Zeichnungen,

Möbel und Skulpturen, soll sich den Leitthemen Le

Corbusiers Schaffen angenähert werden: Seiner Faszination

sowohl für die Großstadt als auch für das Mediterrane, die

Konzentration auf organische Formen und seine Begeisterung

für die Moderne, den neuen Technologien und Medien.

jungemeister.blogger.de

FrAu horn

L.U.X, Schlesische Straße 41, 10997 Berlin-Kreuzberg

2.7. 21 Uhr

Spießer-Rock

Frau Horn, das sind fünf Studenten um Sängerin Britta,

die mit einem experimentierfreudigen Mix aus viel Pop/

Rock, etwas Ska, Funk und NDW ihr Ding gefunden

haben. Frau Horn will Synonym sein für die spießigen

Fräuleins dieser Welt, was aber nicht auf der Bühne gilt:

Sängerin Britta etwa ist für extravagante Shows im Brautkleid

bekannt. Am 2.7. spielen Frau Horn unplugged im

L.U.X/Kreuzberg. www.myspace.com/frauhornswelt

wAs? wAnn? wo?

➊ Junge Meister Kunst 12.7. 15 Uhr Martin-Gropius-Bau

➋ Frau Horn KOnzert 2.7. 21 Uhr L.U.X

➌ Schwarze Hunde theather 4.–6.6., 19.6.–26.6. Ballhaus Ost u.a.

➍ Entzaubert Film 4.–7.6. Schwarzer Kanal

➎ OSI-Club Fu montags 18 Uhr OSI

Mehr Veranstaltungstipps unter WWW.Furios-cAMpus.de/KAlender

3

»Wenn du sie nicht schlagen kannst, dann schlag dich

auf ihre Seite«

»Schwarze Hunde« ist ein Inszenierung der 24-jährigen

Katharina A. Popov, nach Vorlagen von Irvine Welsh und

Bertram Pflüger. Nordfrönland erschüttert ein Mord.

Eine Gefahr für die Ideologie Max Schwarz´ und das

Ende des 90 Jahre währenden Kriegszustands?

An der Produktion und Aufführung sind Studenten der

FU Berlin beteiligt. www.kwer-produktion.de

4

Zeig mir dein Gesicht!

Seid ihr: arty, punky, no-borders, anarchic, porn, trashy,

experimental, feminist, funny, serious, low-budget, nobudget,

music, quality, international, homo-socialist, homosexualist,

revolutionary, polyamourous, monogamous,

lazy, tranny-dyky, faggy, old, brand-new, provocative…?

Dann seid ihr hier richtig! Die Filme des Queer Alternative

Filmfestival »Entzaubert« loten Grenzen aus und

drehen sich um Grenzgänger.

5

schwArze hunde

4.–6.6. Ballhaus Ost, Pappelallee 15

19.6.-26.6. Russisches ST/A/R-Theater, Kulturbrauerei

»entzAuBert« Queer

AlternAtiVe Film FestiVAl

Wagenplatz Schwarzer Kanal, Michaelkirchstraße 20,

4.–7.6.

osi-cluB

Otto-Suhr-Institut, Ihnestr. 21, Hörsaal A,

montags um 18 Uhr

Superwahljahr

Unter dem Motto »Apropos Wahlkampf – Politik und

Medien im Superwahljahr« finden wöchtenlich im

Rahmen des Offenen Hörsaals Ringvorlesungen statt. So

referiert am 29.6. Bettina Gaus, die als politische Korrespondentin

der TAZ ein Jahr lang vor allem ländliche

Teile der USA bereiste, über »Wahlkampf virtuell – wie

Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten wurde«.

www.osi-club.de/politik_und_kommunikation

FuriOs 02/2009


nAch den sternen

greiFen

MArlene göring im Gespräch mit

Anna Schreiber, FU-Studentin und stolze

Kneipenbesitzerin

Beim Feiern träumt manch ein Student von

der eigenen Kneipe. Da kriegt man alles

umsonst und kann die Musik spielen, die

einem gefällt. Das Team vom Laika hat

diesen Traum wahr gemacht: Seit letztem

Sommer betreiben die Studenten, die

sich zum Teil an der FU kennen gelernt

haben, die erste Neuköllner Kultur-

KiezKneipe in der Emserstraße 131.

Die Hündin Laika war das erste Lebewesen

im All. Was hat sie mit euch zu tun?

Laika steht für das Erreichen großer und

ferner Ziele und für den Beginn einer

neuen Ära. Das mag auf uns gemünzt hoch

gegriffen klingen, trifft aber trotzdem

unser Anliegen. Wir machen in einer

bisher unentdeckten Gegend Neuköllns

unser Ding. Anders als bei Laika, die leider

verglüht ist, ist bei uns kein Ende in Sicht.

Läuft bei euch alles nach Plan

oder herrscht kreatives Chaos?

Wir haben eine gesunde Mischung aus

Chaos, Zufall und langem Nachdenken.

Vor allem für die Renovierphase war ein

strikter Plan notwendig. Aber wir legen

uns nicht immer fest. Wir wollen unser

kulturelles Angebot vielfältig gestalten

und die Menschen im Kiez ansprechen.

Wie findet ihr noch Zeit fürs Studium?

Seid ihr dauergestresst

wie alle jungen Eltern?

Nein, Laika ist nicht so stressig wie ein

echtes Baby. Sie schläft zum Beispiel

immer lange und montags sogar 24

Stunden. Aber klar – die Freizeit ist

knapp und will gut eingeteilt sein.

Lohnt sich der Aufwand?

Auf jeden Fall! Wer Eigenverantwortung

und Enthusiasmus für ein Projekt aufbringen

kann, wird auch Freude daran

haben. Egal, ob es sich um einen Kulturverein,

eine Kneipe oder ein ganz

anderes Projekt handelt. Wichtig ist, nicht

zu früh das Handtuch zu werfen – Durststrecken

gibt es immer. Aber es macht

eine Menge Spaß und die Erfahrungen

wollen wir auf keinen Fall missen.

Auf www.laika-neukoelln.de findet ihr

Bilder vom Laika und Infos zu Konzerten,

Improtheater, KörnerKiezKino, Poetry Slam,

Motto-Parties, sonntags immer Tatort und als

nächstes Highlight: Kunst- und Kulturfestival

48h-Neukölln vom 26. bis zum 28. Juni!

warenFetisch:

innige

verhältnisse

theresA Kellner und rAchelie heFter über das MacBook.

Foto: corA-MAe gregorscheWsKi

Wage es bloß nicht, ihn einen viereckigen,

weißen Laptop zu nennen! Sofort

protestiert sein Besitzer, dass sein

Computer a) nicht eckig sei, sondern

»menschlich runde Konturen« aufweise

und dass es sich b) nicht um einen

einfachen Laptop, sondern um einen

»Mac« handle.

MacBook-Besitzer

haben ein innigesVerhältnis

zu ihrem

Computer.

Als wäre er

ihr eigenes, einzigartiges

Kind.

Was jedoch

kaum einer

dieser Kollektivindividualisten

weiß: Als

Computer

mit Charakter,

der einen

von der Masse

abhebt, war der

Mac nie gedacht!

Im Gegenteil: Der

Macintosh sollte die

Massen erobern, und zwar

als Maschine, die es auch einem Otto

Normalverbraucher ermöglicht, elektronische

Daten zu verarbeiten.

Am 24. Januar 1984 war es endlich

so weit: Begleitet durch die weltbewegenden

Töne von Bob Dylans »The

Times They Are A-Changin« stellte die

Firma Apple nach jahrelanger Arbeit

den Macintosh vor. Die Computerwelt

erbebte. Nichts war mehr wie zuvor.

Der Mac, der erste Mikrocomputer mit

grafischer Benutzeroberfläche wurde

in so großen Stückzahlen produziert,

dass sich das kleine Apfelsymbol auf

dem ganzen Globus verbreitete. Sein

kreativer Name stammt übrigens von

der Apfelsorte »McIntosh«, dem saftigen

Lieblingsapfel von Jef Raskin,

einem Mitglied des Macintosh-Designteams.

Der alternative Name »Bicycle

(for your mind)« von Mitbegründer

Steve Jobs konnte sich nicht gegen das

Früchtchen durchsetzen.

Kultur

Nach 25 Jahren ist der Mac zum PC

für szenegeile Besserverdiener mutiert.

Die Abfahrt in Richtung Massencomputer

hat er verpasst. Anstatt als Fahrrad

für Köpfe rast er wie ein hirnloser

Golf VI über die Autobahn – und bleibt

im Stau der mit Apfellogos überfüllten

Seminarräume stecken. Und doch ist

sein Ruf noch immer elitär und

mancher »Switcher«, der von

Windows auf Mac umsteigt,

erhofft sich ein bisschen

Image-Transfer von

den creative people

aus Berlin-

Mitte auf sein

Studentendasein

in Dahlem.

Aber sind wir

ehrlich: Die Mac-Party

ist doch vorbei.

In seinem Inneren

tickt mittlerweile

ein stinknormalerIntel-Prozessor.Windows

läuft auf

dem Mac und

Mac OS X mit ein

paar Kniffen auf dem

PC. Apple scheint sich mehr für Mobiltelefone

als für tragbare Computer zu

interessieren. Und zu allem Elend reißen

die Krankheitsgerüchte um Apple-

Messias Steve Jobs nicht ab.

Was kommt also als nächstes? Die

kleinen Notebooks sind bereits eine veritable

Seuche auf dem Campus. Billig,

hässlich und mit einem Monitor, der

den Gameboy zum Kinoerlebnis macht.

Oder folgt dem Apple-Kult der elektronische

Dritte-Welt-Chic? Die ersten

Kollegen schreiben einem ja bereits

SMS in Großbuchstaben, weil ihr Billighandy

über keine anderen verfügt.

Kreuzen bald Studenten mit einem

One-Laptop-per-Child-Computer an

der Uni auf? Der würde mit seinen

180 Euro wenigstens etwas besser zum

studentischen Budget passen als dieser

weiße, viereckige 1000-Euro-Kasten

von – wie hieß dieser Telefonhersteller

doch gleich? ■

FuriOs 02/2009

31


32

bilDlegenDe

OPen access tO the

rattenKeller

Von den ersten Bücherspenden an die Freie Universität bis zum E-Book:

FloriAn stenschKe über die Vergangenheit und Zukunft wissenschaftlicher Literatur.

Mit Büchern waren Gedankengänge

durch Theoriegebäude schon möglich gewesen,

bevor der erste Vorlesungssaal gebaut

war. Frau Stamm, 1948 die Leiterin

der Erwerbungsabteilung, packt in diesem

rührigen Nachkriegsbild Bücherspenden

aus den USA aus. Hammer, Beil und Keil

waren in den ersten Tagen der Freien Universität

für Bibliothekare so wichtig wie

heute der Barcodescanner.

Würde die Freie Universität heute nochmals

mit Hilfe von amerikanischen Spenden

gegründet, müsste die Literatur wahrscheinlich

nicht mehr im »Rattenkeller«

gestapelt werden, sondern würde als PDF

zur Verfügung gestellt werden. Studenten

bekämen E-Books und der Proliferation

von Wissen stünde nichts mehr im Weg.

Geteiltes Glück ist doppeltes Glück. Die

Gedanken sind frei. Und: Worte sind Geschenke.

Wer sie liest, wird mit Informationen

bereichert – manchmal auch mit Wissen.

Warum also die Aufregung um »Open

Access«, einer Initiative für frei zugängliche

Wissenschaftsliteratur im Internet? Ist es

nicht schön, wenn jeder alles lesen, hören

und sehen kann? Gerade dann, wenn die

Autoren nicht am Hungertuch nagen, sondern

auf gepolsterten Lehrstühlen sitzen?

Für Universitäten (und damit für Steuerzahler)

ist gedruckte Wissenschaft ein

schlechtes Geschäft: Universitäten bezahlen

Forschern Ausstattung und Gehalt.

Publikationen werden redaktionell von

Kollegen betreut und gratis an privatwirtschaftliche

Buchverlage gegeben. Danach

müssen Unis das Wissen in Form teurer

Bücher und Zeitschriftenabonnements von

den Verlagen zurück kaufen.

Auch den Studenten bringen E-Books

viele Vorteile: alle Titel sind jederzeit erhältlich,

die Wege zu unterschiedlichen

Bibliotheken fallen weg. Haptische Nachteile

stören akademische Vielzuhause- und

Beim Auspacken der ersten amerikanischen Bücherspenden an die Freie Universität, 1948.

-unterwegsleser mit federleichten E-Books

nicht. Niemand müsste mehr aus finanziellen

oder logistischen Gründen auf wissenschaftliche

Literatur verzichten. Fazit:

Der Mehrwert eines gedruckten Wissenschaftsbuchs

existiert nur auf dem Bankkonto

des Verlags.

»Copyright« – das »Recht zum Kopieren«

– ist Druckerschwärze von vorgestern,

als man Fernsehen noch mit dem Fernseher

empfing und mit einem Telefon telefonierte,

das nichts anderes konnte als Telefonate

übermitteln. Im digitalen Zeitalter

sind Original und Kopie identische Abfolgen

von Einsen und Nullen; die Kopie

existiert de facto nicht mehr. Vermutlich

bringt Steve Jobs bald stylische Lesebrillen

mit Texterkennungsscanner auf den Markt,

durch die alle jemals gedruckten Worte in

einer gigantischen Datenwolke verdampfen

– mit Open Access. Die normative

Kraft des Faktischen bricht dem Copyright

das Genick und bringt Wissen in Umlauf.

Hammer, Beil und Keil braucht es dazu

nicht mehr. ■

Florian Stenschke studiert Nordamerikastudien,

lebt von Sprache und ist Herausgeber des Hörbuchs

«staat sex amen».

BildQuelle: uniVersitätsBiBliotheK Fu Berlin

FuriOs 02/2009


clArA herrMAnn fühlt sich in London plötzlich reich. Darüber freuen kann sie sich nicht richtig.

Die Wirtschaftskrise hat London durcheinander gebracht.

On this sunny first of April the image of the financial centre of

London has changed. On Bishopsgate the usual secenery with men

in suits standing outside the mighty buildings smoking cigarettes

or rushing through the congested traffic is replaced by a colourful

hustle and bustle of music, dance and Speakers-Corner-like happenings.

Tents and bicycles block the street

and a bright banner stretched between some

banking houses shows what it`s all about:

“Nature doesn`t do bail outs”. It is the day

before the G20 are descending on the city in

a summit to address the current global crisis

and protesters give vent to their anger.

Listening to the speeches I feel slightly

ashamed. I know full well that the money

misery makes my student life in London

a lot easier. The weak pound brought me

unexpected financial relief. It is in fact the

perfect time to study in London. One

man`s meat is another man`s poison.

First cOmes a Full stOmach …

At the University College of London,

where I study as an Erasmus affiliate the

anger one could feel on the streets turns

into anxiety. The financial crisis is also

a graduate job crisis. “Recession-proof

your career” says an advert on the

university`s pinboards. But the 180

year old institution itself, which was

founded to provide a progressive alternative

to other institutions` social

exclusivity, seems to have forgotton their own responsibility.

It is an open secret that the leaders of the UCL plan

to increase tuition fees. Students at the Faculty of Arts and Humanities

for instance already pay £3,145 per annum for studying

a Bachelor of Arts. This could be doubled in a few years as some

concerned university lecturers tell me. Former ideals are munched

Furios 02 imPressum

Herausgeber: Tin Fischer

Chefredaktion: Claudia Schumacher (V.i.S.d.P.,

Bergmannstraße 109, 10961 Berlin), Laurence Thio

Ressortleitung Politik: Laurence Thio

Ressortleitung Campus: Björn Stephan

Ressortleitung Kultur: Marlene Göring

� www.furios-campus.de

� redaktion@furios-campus.de

FuriOs 02/2009

Redaktionelle Mitarbeiter dieser Ausgabe:

Nicolas Fuchs, Keren Kashi, Christian Wöllecke, Felix

Moniac, Sophie Jankowski, Viola Köster, Franziska

Weil, Tasnim El-Naggar, Anna Klöpper, Elisabeth

Loose, Florian Stenschke, Clara Herrmann, Theresa

Kellner, Rachelie Hefter, Johann Haber

Illustrationen: Michi Schneider, Jasmin Fayad,

David Goldwich

Layout: David Goldwich, Jasmin Fayad

Lektorat: Annika Blume

Die internatiOnale

by the “fat-cat”. Jeremy Bentham, the spiritual father of the university,

who`s preserved skeleton sits watching in a wooden cabinet in

the main building, must be little amused.

And the students? Their hunt for credit points keeps them busy.

£20 000 debts after graduation is no curiosity so studying has to

be effective. But some start to feel like they have been

cheated. The fees were mainly

accepted because of the good

jobs and high salaries a degree

promises, but the future

seems to be very uncertain

now.

POOr but sexy

But the Brits` famous sense

of humour is not gone with

the crisis. They make the credit

crunch a fashion. Robin Hood

dresses and seedy bankeroutfits

can be seen at “Low life parties”.

Altough pomp and glamour

isn`t in vogue these days,

the show must go on. Defiantly

holding a drink in the hand the

recession can be beaten with a

smile. With astonishing naturalness

the slogans of every day life

have changed. The business lunch

is replaced by the “credit crunch

meal deal” and the newspapers now

elect the best looking “broken broker”

instead of the hottest business

man. Berlin`s mayor Klaus Wowereit, who knows

about the glamour of poverty could supply his London counterpart

Boris Johnson with the perfect slogan to promote the city at the

moment: “London is poor but sexy?” ■

Inserate: Hanno Haber, Keren Kashi, Tobias Heimbach,

Sophie Jankowski – inserate@furios-campus.de

Vertrieb: Christian Wöllecke

Jeder Autor ist im Sinne des Pressegesetzes für den

Inhalt seines Artikels selbst verantwortlich. Die in

den Artikeln vertretenen Meinungen spiegeln nicht

zwangsläufig die Ansicht der Redaktion wider.

Gemäß dem Urheberrecht liegen die Rechte an den

einzelnen Werken bei den jeweiligen Autoren.

33


34

ewige ehemalige

Der anti-stuDent

Als er mit 19 von München nach Berlin zog um Schriftsteller zu werden, waren die (Selbst-)

Zweifel groß. Vier Jahre später veröffentlichte Benedict Wells (24) seinen Debütroman »Becks

letzter Sommer«. Und zeigt, dass man auch ohne Studium erfolgreich sein kann. Ein Portrait.

von JohAnn hABer und corA-MAe gregorscheWsKi (Foto)

Benedict Wells macht einen unauffälligen Eindruck. Er ist schmal,

höflich, sogar herzlich. Kleidet sich nicht exzentrisch, hat

gepflegt-ungepflegtes Haar, und einen leichten Einschlag von bayerischer

Mundart. Er wirkt eigentlich wie ein ganz gewöhnlicher

Student. Seltsam, dass er, obwohl früher mehrere Semester pro

forma an der FU eingeschrieben, partout keiner sein will. »Das

letzte mal als ich richtig in einer Vorlesung war, habe ich einen

Freund begleitet, BWL war das, glaube ich.« Dort ist ihm erneut

klar geworden, warum der Student Benedict Wells nie mehr als

eine Karteileiche war. »Ich mag es einfach nicht, wenn einer so da

oben steht und daherredet, ohne auf mich einzugehen. Ich habe

grundsätzlich ein Problem mit Autorität.« Das klingt nach einer

billigen und selbstgerechten Pose, aber im Gespräch wird klar, dass

dies nicht zutrifft. Es ist weniger eine Kritik, als ein Eingeständnis,

nicht in die Universität zu passen. Die Hauptvorwürfe an die Reformen

des Bildungssystems, am Fokus auf das schnelle Studieren,

dem erhöhten Druck und der Stromlinienförmigkeit der Ausbildung

teilt er dennoch. Schon in der Schule verlief seine Karriere

darum unregelmäßig: Drei verschiedene Internate besuchte er, bevor

er nach dem Abitur nach Berlin zog, um seinen ersten Roman

zu schreiben: »Becks letzter Sommer«, voriges Jahr bei Diogenes erschienen.

Umso erstaunlicher, dass dieser ausgerechnet eine Lehrer-

Schüler-Beziehung zum Thema hat, wenn auch eine auf gleicher

Augenhöhe. Als bildungspolitisches Programm betrachtet er seinen

Erstling aber nicht. Auch sonst springen keine Berührungspunkte

ins Auge – Wells ist keineswegs ein so abgeklärter Zyniker wie

Wer schreiben will, muss leiden. Benedict Wells im Hausflur seiner z alten Wohnung – »eine absolute Bruchbude«, wie er selbst sagt.

seine Hauptfigur Beck, was erklären mag, warum der manchmal

etwas klischeehaft erscheint. »Becks letzter Sommer« ist kein großer

Wurf, aber handwerklich so souverän, dass man sich von Wells

noch einiges erhoffen kann.

Statt des Studiums arbeitete er einige Zeit als Redakteur bei

»Menschen bei Maischberger«. Hinter den Kulissen habe es von

Zynikern gewimmelt, so dass es einiger Anstrengung bedurfte,

nicht selber einer zu werden. Trotzdem arbeitete er gerne mit ihnen

zusammen. Ausgestiegen ist er, als es zuviel wurde: tagsüber den

Lebensunterhalt zu verdienen, und sich parallel in seiner Wohnung

- »eine absolute Bruchbude« - die Nächte beim Schreiben um die

Ohren zu schlagen. Als wichtige Lebenserfahrung betrachtet er diese

Zeit, vor allem, weil sie ihm einen Einblick ins Arbeitsleben

brachte, der in seiner Zunft selten ist. »Einige Leute fragen mich

jetzt auch, ob es mir gefällt, der Schriftstellerszene anzugehören.

Aber erstens tue ich das nicht und zweitens würde mir das nicht

gefallen. Ich mag Szenen grundsätzlich nicht.« Einige Dinge heben

ihn ab vom Bild, das man von einem typischen Feuilletonliebling

hat – seine unironische Bewunderung für SciFi-Blockbuster wie

»The Matrix« beispielsweise. »Ich habe auch vor, einen Fantasy-

Roman zu schreiben.« Vorerst erscheint demnächst ein weiteres

Buch, »in dem ich auch mal sagen will, dass es keine Schande ist,

wenn das Studium nichts für einen ist.« Danach plant er, zu reisen

und ein Jahr in Barcelona zu leben. Was er da machen will? »Leben.

Das habe ich in den letzten paar Jahren viel zu wenig getan.« ■

Johann Haber studiert Physik

FuriOs 02/2009


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