Dezember 2008 - FURIOS Online

furios.campus.de

Dezember 2008 - FURIOS Online

Furios*

StudentiScheS campuSmagazin an der Freien univerSität Berlin

Kostenlos

01

Dez 2008

*Wir hätten auch Fuchtel,

Fundi, Funeral, Fungizid,

Funk, Funktionär, Funzel,

Furka, Furunkel, Futsch

oder Fuzzi heissen können.

insoFern ist Furios nicht

schlecht Für ein neues

campusmagazin an der

Fu Berlin.

hier drin:

alles üBer

die Fu

Berlin


Ernst Reuter (1889–1953) hatte als Oberbürgermeister von Berlin

(ab 1950 Regierender Bürgermeister) entscheidenden Anteil an der

Gründung der Freien Universität Berlin, die am 4. Dezember 1948

im Titania-Palast in Steglitz gefeiert wurde. Immer wieder regte er

an, einen Förderverein ins Leben zu rufen. Sein Wunsch wurde nach

seinem Tod als Vermächtnis verstanden und am 27. Januar 1954 in die

Tat umgesetzt. In der ERG treffen sich seit über 50 Jahren Studierende,

Absolventen, Freunde, Förderer und ehemalige Mitarbeiter und

Mitarbeiterinnen. Sie sind herzlich eingeladen, sich über die Arbeit des

Fördervereins zu informieren.

Im Rahmen Ihrer Mitgliedschaft in der ERG erhalten Sie

1. Einladungen zu Veranstaltungen der ERG und der FU

2. Zedat-Account mit E-Mail-Adresse

3. Ermäßigungen für Veranstaltungen

(Collegium Musicum und Lange Nacht der Wissenschaften)

4. Ermäßigung für die GasthörerCard

5. Mitarbeitertarif beim Hochschulsport

6. Ermäßigung für Weiterbildungsangebote

7. Mitarbeitertarif in der Mensa

8. Magazin WIR für die Ehemaligen

9. auf Wunsch Zusendung der FU-Tagesspiegelbeilage

und des Wissenschaftsmagazins fundiert

10. Ermäßigung für das Berliner Kabarett Theater Die Wühlmäuse

Stand: Februar 2008

Ich möchte der Ernst-Reuter-Gesellschaft der Freunde, Förderer &

Ehemaligen der Freien Universität Berlin e. V. beitreten (bitte ankreuzen):

Mitgliedschaft / normal

(Mindestbeitrag 50,00 D/ Jahr)

Mitgliedschaft / ermäßigt

(Mindestbeitrag 10,00 D/ Jahr für Studierende und Ehemalige einschließlich der

ersten drei Jahre nach Exmatrikulation, bitte Nachweis beilegen)

Institution / Firma

(Mindestbeitrag 150,00 D/ Jahr)

Fördermitgliedschaft

Ich bin bereit, statt des Mindestbeitrags von 50,00 D

eine jährliche Spende von zu zahlen.

Ich möchte dem Kapitel

zugeordnet werden (optional)

Geschäftsstelle:

Die Ernst-Reuter-Gesellschaft

der Freunde, Förderer und Ehemaligen

der Freien Universität Berlin e. V.

Kaiserswerther Str. 16 – 18 · 14195 Berlin

Telefon Büro des Vorstandes: 030 – 838 570 38

Irma Indorf irma.indorf@fu-berlin.de

Telefon Mitgliederverwaltung und Finanzen: 030 – 838 530 77

Sylvia Fingerle-Ndoye erg@fu-berlin.de

Fax 030 – 838 530 78

www.fu-berlin.de/alumni/erg

Wir freuen uns auf Sie

Antrag auf Mitgliedschaft

Die ERG widmet sich verstärkt der Kontaktpflege zu den Ehemaligen

der Freien Universität Berlin. Als Mitglied können Sie über

Fachgrenzen und Studienzeit hinaus an Leben, Arbeit und

Entwicklung der Freien Universität teilnehmen. Die ERG ist als

gemeinnütziger Verein anerkannt. Spenden und Mitgliedsbeiträge

sind steuerlich absetzbar.

Berliner Sparkasse, BLZ 100 500 00 · Kto. 101 00 101 11

Mitgliedsbeiträge und Spenden

Berliner Sparkasse, BLZ 100 500 00 · Kto. 101 01 523 58

Stifterfonds Ernst-Reuter-Stipendienprogramm

Unsere Aktivitäten

Ω Verleihung der Ernst-Reuter-Preise

Ω Verleihung der Ernst-Reuter-Stipendien

Ω Unterstützung der Jubiläumsfeiern Silberne und Goldene Promotion

Ω Fundraising für den Stifterfonds des Ernst-Reuter-Stipendienprogramms

Ω Reuterianer-Forum

Ω Druckkostenzuschüsse zu Dissertationen

Ω Verwaltung von 2000 Mitgliedern

Ω Verwaltung von fachbereichsbezogenen Kapiteln

Ω Drittmittelverwaltung zweckgebundener Zuwendungen

Ω Gesellschafter der ERG Universitätsservice GmbH

Ω Herstellung von Kontakten zu Absolventen mit dem Ziel der

Netzwerkbildung

Hiermit beantrage ich die Mitgliedschaft in der Ernst-Reuter-Gesellschaft

Vorname Name E-Mail

Geburtsdatum Akad. Grad/Titel/Funktion Beruf/Position

Straße PLZ, Ort Telefon/Fax

Ich habe an der FU studiert von–bis

Ich war an der FU tätig von–bis

Ich möchte die FU-Tagespiegelbeilage per Postversand ja nein

(www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsbeilage.html)

Ich möchte das Wissenschaftsmagazin fundiert per Postversand ja nein

(www.elfenbeinturm.net/fundiert)

Ich bin einverstanden, dass die Angaben zu Vereinszwecken in einer rechnergestützten

Adressdatei gespeichert werden. Alle Angaben sind freiwillig.

Hiermit ermächtige ich Sie widerruflich, die zu entrichtenden Zahlungen bei Fälligkeit

zu Lasten des Kontos

Kontoinhaber

Kontonummer BLZ Geldinstitut mit Ortsangabe

durch Lastschrift einzuziehen. Datum Unterschrift


Furios? Für Wen?

Für euch, die Studierenden

der Fu

Berlin! Von Wem?

von Studierenden

aller FachBereiche.

Wie oFt?

mittelFriStig zwei

mal pro SemeSter.

preis? KoStenloS!

VertrieB und Finanzierung?verteilt

auF dem campuS

der Fu Berlin.

Finanziert durch

werBung Sowie

einen drucKKoStenzuSchuSS

der

ernSt-reuter-ge-

SellSchaFt. mitmachen?

gerne!

unter FurioS-campuS.de.

kenne ich

euch? wir Sind

neu! aBer eS giBt

ein aFroameriKaniScheSerotiKmagazin

namenS

Furious.

impressum

Schlussredaktion: Tin Fischer (V.i.S.d.P., Samariterstraße

11, 10247 Berlin), Clara Herrmann, Anna

Klöpper, Christa Roth, Claudia Schumacher und

Laurence Thio

� www.furios-campus.de

� redaktion@furios-campus.de

Printed by LASERLINE: www.laser-line.de

Furios 01 (2008)

Liebe KommiLitoninnen,

Liebe KommiLitonen,

einen Namen für ein Campusmagazin erhält man an der Freien Universität,

indem man abstimmt oder sich an die Marketingabteilung wendet. Letztere

ist für Wortspiele wie fundiert, profund und Funpreneurs verantwortlich.

Also haben wir abgestimmt. Interessanterweise mit ähnlichem Resultat:

FURIOS heißt euer neues Campusmagazin!

Seit genau 60 Jahren gibt es die FU. Und seit 40 Jahren ist sie bekannt fürs

Kritisieren. Wir dachten also, dass es an der Zeit wäre, einfach mal wieder

zuzuhören. Zum Beispiel unseren bürgerlichen, wohlhabenden Nachbarn in

Dahlem. Oder unserem AStA (auch so ein Millionär mit Villa in Dahlem),

der nicht mit uns reden wollte. Oder einem 68er, der bei diesem »68« nicht

mitmachte. Entstanden ist dieses Heft.

Furios heißt übrigens auch eine Software mit dem Slogan: »Einfach. Kasse.

Machen.« Für ein unabhängiges Campusmagazin ist das Kasse-machen

nicht ganz so einfach. Aber just an jenem Tag, an dem weltweit die Börsen

krachten, sagte uns die Ernst-Reuter-Gesellschaft der Ehemaligen der

Freien Universität ihre finanzielle Unterstützung zu. Dieses Jubiläumsheft

ist also ein Generationenprojekt: Geschrieben von und für die heutigen und

ermöglicht durch die ehemaligen Studierenden dieser Universität. Dafür

bedanken wir uns!

Bedanken möchten wir uns außerdem bei den Mitarbeitern des Archivs der

FU, die uns bei den Recherchen stets unterstützen, bei unseren Werbepartnern

und nicht zuletzt bei den über 50 Studentinnen und Studenten, die

ihre unzähligen Ideen in dieses neue Magazin eingebracht haben!

Das Titelblatt ist übrigens eine Hommage an ein offizielles FU-Plakat, das

uns alle begeistert hat. Mehr darüber findet ihr in der Rubrik »Bildlegende«

auf Seite 30.

Neue Blicke auf die Freie Universität wünscht euch

eure FURIOS-Redaktion

PS: Ihr findet uns auch unter www.furios-campus.de.

Redaktionelle Mitarbeiter dieser Ausgabe:

Blagoy Blagoev, Chantal Carucci, Tasnim El-

Naggar, Daniel Erlemeier, Nicolas Fuchs, Marlene

Göring, Cora-Mae Gregorschewski, Johann Haber,

Rachelie Hefter, Daniela Hombach, Johannes Hub,

Sophie Jankowski, Theresa Kellner, Sabine Küpers,

Livia Mertens, Sina Platzer, Sebastian Schirrmeister,

Michi Schneider, Björn Stephan, Franziska Weil,

Miriam Winkels, Christian Wöllecke

Layout: David Goldwich – layout@furios-campus.de

Bildredaktion: Livia Mertens

Lektorat: Annika Blohm

eDitoriaL

Inserate: Blagoy Blagoev, Johann Haber, Benjamin

Högerle, Keren Kashi, Jan Wischniewski, Shan Qiao

– inserate@furios-campus.de

Vertrieb: Tilman Kalckhoff, Christian Wöllecke

– vertrieb@furios-campus.de

Umschlagbild (Ei): Universitätsarchiv FU Berlin

Jeder Autor ist im Sinne des Pressegesetzes für den

Inhalt seines Artikels selbst verantwortlich. Die in

den Artikeln vertretenen Meinungen spiegeln nicht

zwangsläufig die Ansicht der Redaktion wider.

Gemäß dem Urheberrecht liegen die Rechte an den

einzelnen Werken bei den jeweiligen Autoren.

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inhaLt

Furios 01

empörter BrieF

soundcheck

titelthema Fu

politik

WissenschaFt

kultur

eWige ehemalige

Bildlegende

die internationale

poesiealBum

carte Blanche

mensen mit

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Lauschangriffe

Schön bestimmt: Helga Bayertz

Mythenschneiderei: Zu Besuch in zwei Archiven

Wohnt hier jemand? Dahlemer Nachbarn

Nicht nur das, was man denkt: Christen

Der AStA der Anderen

Think Tank: Visionen für die Freie Universität

Wir trauern um: Das Diplom

Revolte Reloaded: Revoltieren am Joystick

Meine Esse: Der Mensamagen

Forschungsfragen an das Dahlem-Brain

Rezensionsreportage: Der Historiker Paul Nolte

Schnappschuss: Axel Benzmann fotografiert die 68er

Warenfetisch: Die Mao-Bibel

Flaneur: Architektonischer Spaziergang

Kuh-Tipp: Veranstaltungskalender

Interview: Eike Weidenreich in seinem ersten Film

Hans Eberhard Zahn

Mut zur Ironie

Haifa

Michi Schneider

Präsident Lenzen

Furios 01 (2008)


sich orDentLich empören

Der FU-Student ist in der Regel empört. Aber wie empört man sich

richtig? Hier kannst du üben! Beachte dabei, dass du latente Einseitigkeit

wahrst, ein Spektrum an Feindbildern entwickelst, dass

du »die Grundfesten unserer Demokratie« in Gefahr siehst und dass

sich über die Nichtigkeit, über die du ich empörst, nur einer richtig

empören kann: du! Ein Beispiel:

An: The Brain

Wahrlich, so wird das nichts mit der Weltherrschaft, meine

liebe Philologische Bibliothek. Mit deiner veralteten Logistik

im modernen Gewand. Mal ehrlich: Münzschließfächer! Was

hast du dir gedacht? Nur mit stets vergebener 1-Euro-Münze

zugänglich. Ohne Wechselautomat, der es dem Bettler-Studenten

mit seinem Berg nordischen Goldes wie auch dem

Krösus-Studenten mit Kupfernickel- und Papiergeld ermöglichen

würde, doch noch an das nötige Messing zu gelangen.

Sag, du Hirn, wie kannst du uns einsammeln und untertänig

machen, wenn du uns stets resigniert von dannen ziehen lässt,

mit einem Gefühl tiefsten Ungenügens ob des Versagens, sich

dir und deiner Gedankenwelt ganz zu ergeben, nur weil man

der Obhut geeigneter Münzen wieder nicht Genüge tat? So

entgeht man dir, widerwillig. Oder aber irre ich, und dieses

Brain ist tatsächlich von einem Pinky erdacht, mir zu komplex,

es zu durchschauen? Sind es gerade die Hürden, die es zu

nehmen gilt, um in dein Gehirn vorzudringen? Die Findung

eines funktionstüchtigen Schließfaches und der Münzbesitz

trotz nervöser Vergesslichkeit – die deine Macht bedeuten

in meiner Machtlosigkeit, mich dir endlich uneingeschränkt

hinzugeben? So höre mein Nein! Lieber wende ich mich Leselandschaften

zu, die mir offen stehen und mich mit bedingungslosem

Stauraum und mehrwöchigen Ausleihen locken.

Künftig im Exil,

Bernd Krihl

Auch empört? schreib An empoert@furios-cAmpus.de

Furios 01 (2008)

empörter brieF

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6

sounDchecK

LauschangriFFe

von Marlene Göring und Blagoy Blagoev

Basti, 21,

Ostasienwiss.

Was hast du auf den Ohren?

Es ist ein bulgarisches Lied: Karizma

mit Kolko mi lipsvash, das heißt »Wie

sehr du mir fehlst«. Die Stimme der

Sängerin ist sehr schön, das ist mir

wichtig bei einem Lied.

Wo wohnst du in Berlin?

Mh, leider ziemlich weit weg, im Norden:

Karow.

Was ist dein Jubiläumswunsch an

die FU?

Da gibt’s viel. Eine bessere Mensa zum

Beispiel! Unsere ist sehr klein. Und diese

Formalitäten immer wieder. Oder

die Auflagen für Studenten in fortgeschrittenen

Semestern. Man wird damit

oft allein gelassen.

Marcus, 20,

Chemie

Was hörst du gerade?

Jetzt gerade Popof My lost soul. Das ist

so Electro-House. Ziemlich minimalistisch,

vielleicht ein kleines bisschen

Trance. Ich hab Internetradio gehört

und da kam das, und da musste ich mir

den Track gleich besorgen. Popof hab

ich erst seit zwei Tagen auf dem Player

und deshalb läuft der Song in Dauerschleife.

Wo ist dein Kiez?

Ich wohne in Treptow, wenn man will

also im Karl-Kunger-Kiez. Ich würd’s

aber nicht so nennen.

Was ist dein Geburtstagwunsch an

die FU?

Ich denke ein Zigarettenautomat. Das

wäre für alle das Beste. Ja, ich bin für

einen Zigarettenautomaten.

Plamena, 27,

Publizistik

Was läuft auf deinem MP3-Player?

Ich höre Empty Walls von Serj Tankian. Ich

höre meistens Rockmusik, ich kann mich

dabei einfach entspannen. Serj Tankian

mag ich besonders gern, er ist Leadsänger

von System of a Down und hat dieses

Jahr sein erstes Soloalbum rausgebracht.

Genauso wie die beiden anderen Bandmitglieder

mit ihren eigenen Bands. Das

nur so nebenbei. (lacht)

Wo trifft man dich in Berlin?

Charlottenburg ist mein Kiez!

Verrate uns deinen Geburtstagswunsch

an die FU!

Zur Zeit ist der Server überlastet und ich

muss noch auf alle möglichen Ämter rennen.

Also einfach bessere Organisation

und weniger Bürokratie.

schö

bestim

In der U-Bahn ist sie immer die

Tram hört man sie auch manch

von Nicolas Fuchs

und Cora-Mae Gregorschewski (Foto)

Sie arbeiten im Untergrund.

Ja, wenn Sie meine Stationsansagen in der

U-Bahn meinen. Da ich aber noch mehr

in Bussen zu hören bin, könnten Sie mich

auch als überirdisch bezeichnen.

Wie wird man zur U-Bahn-Stimme?

Bei mir war es so, dass ich jahrelang beim

SFB als Sprecherin und Moderatorin gearbeitet

habe. Die Gesellschaft für Sprachtechnologie

ist auf mich aufmerksam

geworden und fragte, ob ich Stationsansagen

für Bus und Bahn sprechen will.

Wie fühlt es sich für eine professionelle

Sprecherin vom Rundfunk an, in der U-

Bahn zu hören zu sein?

Es macht mir Spaß, viele Menschen jeden

Tag auf dem Weg zur Arbeit oder nach

Hause und an die vielen Orte in Berlin zu

begleiten.

Für Berlin haben Sie 3600 Haltestellen

gesprochen, allein die U-Bahn nutzen

laut BVG 1,4 Millionen Menschen

täglich. Würden Sie Ihre Stimme als

berühmt bezeichnen?

Nein, als berühmt eher nicht, vielleicht als

bekannt.

Furios 01 (2008)


n

mt

erste, auf jeder Busfahrt ist sie dabei und in der

mal. Helga Bayertz ist Berlins bekannteste Stimme.

Welche Stationen sind am schwersten zu

sprechen?

Diese Frage darf sich für einen Sprecher

nicht stellen. Ein Sprecher muss alles

aussprechen können. Wenn es zum Beispiel

um osteuropäische Stationen an den

Grenzen geht, dann spreche ich die auch,

das klingt natürlich nicht wie bei einem

Muttersprachler.

Hat man Sie schon mal auf der Straße

erkannt?

Im Supermarkt an der Kasse fragte mich

eine Dame, ob sie meine Stimme nicht

schon des Öfteren gehört habe. (Der

Reporter hadert mit der Technik seines Aufnahmegerätes.)

Nicht so leicht die moderne

Technik, wie?

Manchmal etwas widerspenstig. (greift

zum Notizblock) Wie sieht’s bei Ihnen

aus, fürchten Sie, irgendwann durch

moderne Technik ersetzt zu werden?

Das wurde ja schon probiert. In weiter

Zukunft vielleicht, im Moment siehts aber

eher umgekehrt aus. In Hannover habe

ich der Technik Konkurrenz gemacht. Die

Menschen haben die synthetische Stimme

nicht angenommen, viele haben sich

beschwert.

Furios 01 (2008)

Woran, glauben Sie, lag das?

Menschen wollen in den Stationsansagen

etwas menschliches hören, die Ansage

muss freundlich sein und natürlich sollte

sie auch von älteren Menschen verstanden

werden. Das bietet eine Computerstimme

noch nicht.

Viele Studenten fahren mit der U-Bahn

zur Uni, ausgerechnet auf der U3 sind

Sie nicht zu hören, warum?

Das würde ich ja gerne ändern. Wahrscheinlich

fahren auf der U3 ältere Züge.

Wenn die erneuert werden, aber das dauert

ja immer. Bis dahin hören mich die FU-

Studenten nur in den neuen Zügen und

im Bus.

… und auf dem Weg zu Partys: Sie sind

im 100er Bus und der U2 zu hören, wo

fährt Helga Bayertz noch so lang?

(lacht) Außerhalb von Berlin habe ich zum

Beispiel für die S-Bahnen in München,

Hannover und Münster gesprochen.

Würden Sie für Geld alles sprechen?

Was verstehen Sie denn unter alles?

Nicolas Fuchs studiert Volkswirtschaft.

sounDchecK

Werbung für die NPD zum Beispiel?

Auf gar keinen Fall, bestimmte Gruppen

möchte ich nicht unterstützen!

Pflegen Sie ihre Stimme auf bestimmte

Weise?

Ich laufe nicht wie manche Sänger immer

mit Halstuch rum, ab und zu mache ich

aber ein paar Stimmbildungsübungen.

Oliver Rohrbeck, die Stimme von Justus

Jonas aus Die drei ???, hat mir mal

warmes Bier empfohlen.

Das wäre nichts für mich, aber jeder hat

so sein Ritual. Udo Jürgens zum Beispiel

trinkt vor Auftritten gerne eine Tasse Kamillentee,

mir reicht ein Glas Leitungswasser,

nicht zu kalt und nicht zu warm.

Sind Sie mit dem Spruch »Zurückbleiben

bitte!« nicht der Star auf jeder Party?

»Zurückbleiben bitte«, habe ich in meinem

ganzen Leben noch nicht gesagt. Bei mir

beginnt alles mit »Nächster Halt«.

Frau Bayertz, haben Sie eigentlich eine

BVG-Freifahrkarte für den Rest Ihres

Lebens erhalten?

Nein, leider nicht. So wichtig bin ich

nicht.

7


8

titeLthema

mythenschneiDerei

Wenn die Freie Universität ihre Geschichte

erzählt, greift sie gerne gekonnt in das Archiv.

Dort liegt viel Geliebtes und einiges Ungeliebtes.

Zu Besuch in zwei ungleichen Mythenbaukästen.

von Clara Herrmann

und Livia Mertens (Foto)

Vom Präsidium verbannt, im Unishop vermarktet:

Nachgeschneiderte Talare.

Furios 01 (2008)


Armin Spiller war selbst in der

schrulligen Disziplin der Archivare

eine skurrile Gestalt. Als erster

Leiter des Archivs der Freien Universität

kramte er jede geschichtsträchtige Akte

der jungen Institution aus Schubladen und

Ecken hervor und hielt seine Schätze unter

Verschluss. Das Material konnte nicht

gesichtet werden. Lediglich Auskünfte

waren von Spiller zu bekommen. »Kategorie

Eichhörnchen«, könnte man sagen.

Die Aktenberge bis zum Hals und immer

auf der Suche, so wird von Spiller erzählt.

Als selbstvergessener Gedächtnishüter ist

er heute selbst ein kleiner Mythos. Sein

Archiv: ein »im Verborgenen wachsendes

Pflänzchen«, wie sein Nachfolger Michael

Engel romantisiert.

Spillers Sammeleifer war dabei nicht

wahllos. Seit 1970 im Amt, galt ihm vor

allem die Zeit der Ordinarienuniversität als

epochale Ausrichtung. Während er im Keller

die alte Zeit konservierte, tobte draußen

der »akademische Bürgerkrieg«. Unbeeindruckt

vom politischen Gedöns und kaum

beachtet von der Außenwelt puzzelte er an

der Gründungsgeschichte der FU.

Als sich Mitte der 70er Jahre der »rote

Sturm« legte, das Experiment einer von

Studierenden mitbestimmten Gruppenuniversität

abgebrochen wurde und die

Protestgeneration die Universität verließ,

begann man sich wieder auf die Wurzeln

zu besinnen. Während die Gründungsgeschichte

zur Zeit der Studentenunruhen in

den Hintergrund treten musste – die Feierlichkeiten

zum 20. Jahrestag der FU-Gründung

fielen 1968 aus – wurden nun die

Unruhen selbst zur Randnotiz. Hell und

licht erschien die Zeit vor den düsteren

Jahren des Protests und der umkämpften

Schmuddeluniversität. Zwar hatte sich

auch die Studentenbewegung mit ihren

Forderungen nach Mitbestimmung auf die

studentische Gründung berufen. Die Studenten

der Gründungsphase entpuppten

sich aber keineswegs als flammende 68er.

Im Gegenteil: Einige wurden Mitglied der

Notgemeinschaft für eine freie Universität.

gezieLte griFFe ins archiv

Der Gründungsmythos erlebt jetzt seine

Renaissance. Die Feier im Titania-Palast.

Karol Kubicki und Helmut Coper würfeln

um die Matrikelnummer 1. Studenten

tragen gespendete Möbel in karge Räumlichkeiten.

Liebgewonnene Bilder und Geschichten

der ersten Stunde, die spätestens

dann aus den Tiefen des Archivs hervorgeholt

werden, wenn die FU sich selbst feiert.

Furios 01 (2008)

Ein Film wie Eine freie Universität von 1949

läuft heute im Henry-Ford-Bau in der Endlosschleife.

Halb gestellt, halb dokumentarisch

zeigt er die ersten wackligen Schritte

der jungen Universität als mitreißendes

Kinoerlebnis. Eine Hollywoodtaugliche

Inszenierung nicht ohne Kalkül, wurde er

doch damals an amerikanischen Universitäten

gezeigt, um Spenden anzuregen.

Anfragen des Präsidiums an das Archiv

richten sich, nicht nur anlässlich des Jubiläums,

auf alles, was zur Vervollkommnung

der Corporate Identity nötig ist. Man beruft

sich auf die Gründungsideale, um das

Wunschbild einer jungen, liberalen und forschungsstarken

Universität zu beschwören.

Eine, die vor allem mit den Amerikanern

verbunden ist. Birgit Rehse, seit 2006 Leiterin

des Universitätsarchivs, attestiert dem

heutigen FU-Präsidenten Dieter Lenzen

dabei einen »sehr klaren Sinn für die Geschichte

der Universität«. Er spüre »was Öffentlichkeitswirksamkeit

hat.« Der Griff in

den Mythenbaukasten ist gezielt. Dass Eier

schmeißende Studenten nicht unbedingt

ins Konzept passen und als Stolperstein lieber

umgangen werden, ist kein Geheimnis.

Eine gewisse Profilneurose darf man der

Elite-Uni FU schon unterstellen.

ungeLiebtes stieFKinD

Das APO-Archiv des Siegward Lönnendonker

ist zum Bersten gefüllt mit solchen

Stolpersteinen und damit nicht gerade der

bevorzugte Baukasten für eine Imagekampagne.

Erst 2003, so erfährt man von Lönnendonker,

äußerte das Otto-Suhr-Institut

die Absicht, das Archiv schließen zu

lassen. Und auch so mancher Privatmann

wäre nicht unglücklich darüber, wenn die

eine oder andere karriereschädigende Akte

verschwinden würde, wie Lönnendonker

erzählt. Ein ehemaliges Mitglied des Sozialistischen

Deutschen Studentenverbandes

(SDS) verbrannte im Vorgarten schon mal

alte Dokumente, die seine Mitgliedschaft

hätten bezeugen können.

»1968 bis 1973, das ist ’ne Zeit, derer sich

die Administrationsspitze der FU immer

schämt«, meint Lönnendonker unverblümt.

Lönnendonker, der mit dem damaligen

Vorsitzenden der FU-Gruppe des SDS zusammen

wohnte und nolens volens am politischen

Geschehen teilnahm, begann 1963

die ersten Flugblätter der Studentenbewegung

zu sammeln. Erst unbemerkt, dann

mehr geduldet als gefördert, speiste sich

das etwas »schmuddelige« Archiv des »linken

Vogels«, wie er selbstironisch bemerkt,

aus allem, was der Studentenbewegung zu-

titeLthema

geordnet werden konnte. Es galt der »Geschichte

der Sieger«, den Versionen von Polizei

und Springer-Presse, welche die Linken

zu »den Bösen« schlechthin stilisierten,

durch eine eigene Geschichtsschreibung zu

begegnen – im Sinne einer Entmythisierung,

wie Lönnendonker meint. Bis 2004

fristete das APO-Archiv die Existenz eines

»ungeliebten Stiefkindes«, bis es durch die

Initiative von Engel in das Universitätsarchiv

eingegliedert wurde. Es ergänzt jene

Lücken, die in einer aus dem Fundus des

Spillerschen Archivs rekonstruierten FU-

Geschichte offen blieben.

Als Leiter einer »Agentur des Klassenfeindes«

hätte Spiller die Akten des AStA

oder des SDS gar nicht bekommen. »Herr

Spiller«, Lönnendonker lacht, »’ne ganz eigene

Figur. Der betrieb ein geheim-preußisches

FU-Archiv und hat darüber gewacht,

dass kein Mensch da rein kommt.«

Die Zusammenarbeit der ungleichen Archivare

gestaltete sich dementsprechend

schwierig. Alte Tradition und Studenteninitiative

prallten auch hier aufeinander.

»Um Gottes Willen«, antwortet Lönnendonker

auf die Frage, ob er sich ein ebenso

passioniertes Archivarendasein wie das des

Herrn Spiller vorstellen könnte.

aLte zöpFe in Den usa

Doch nicht alles, was im Spillerschen

Baukasten zu finden ist, wird als kompatibel

für die Corporate Identity der FU angesehen.

Als ein Wissenschaftler bei Präsident

Lenzen anfragte, ob er sich zu repräsentativen

Zwecken einen Talar nachschneidern

lassen dürfte, wurde ihm die Wiederbelebung

dieses Mythos versagt. Die Zöpfe

sind nun mal ab. Vor Lenzens Amtszeit ist

es einem Dozenten immerhin gelungen,

eine Imitation anfertigen zu lassen. Den

neuen Talar nahm er mit in die USA und

feierte dort die alte Zeit. �

Clara Herrmann studiert Deutsche Literatur.

Wir möchten uns für die Unterstützung durch

die Mitarbeiter des Universitätsarchivs bedanken,

das heute, unter der Leitung von Frau Dr. Rehse,

Benutzerfreundlichkeit groß schreibt und offen

zugänglich ist.

9


10

titeLthema

Wohnt

hier

JemanD?

Sie leben mitten unter uns und sind

doch keinem bekannt – Dahlems

Bewohner üben sich in Unauffälligkeit.

Bis jetzt. Wir werfen einen Blick hinter

die gutbürgerliche Fassade.

von Christa Roth und Livia Mertens (Foto)

Furios 01 (2008)


Die Straßen in Dahlem sind nur

spärlich beleuchtet. Dafür brennt

in einigen Häusern Licht. Obwohl

erst später Nachmittag ist, ist kaum

noch jemand unterwegs. Es sollte eigentlich

nicht allzu schwer sein, jemanden zu Hause

anzutreffen. Ich klingele bei nicht wenigen

Einfamilienhäusern, doch es öffnet keiner.

Wer in Dahlem wohnt, scheint unangekündigten

Besuch nicht zu mögen. Nach mehreren

Absagen habe ich schließlich Glück

beim Ehepaar Müller in der Garystraße.

Obwohl Frau Müller betont, dass sie »eigentlich

gar nichts zu sagen hat«, zeigt sich

ein paar Tage später im Gespräch, dass es

doch allerhand Berichtenswertes gibt.

Beflügelt von diesem Erfolg suche ich

weiter nach erzählfreudigen Nachbarn und

werde in der Brümmerstraße bei Frau Müller-Niepelt

fündig, einer ausgesprochen

netten Dame mittleren Alters, die auf meine

Anfrage zuerst ähnlich irritiert reagiert,

am Ende immerhin für ein kurzes Telefongespräch

zur Verfügung stehen wird. Damit

fügt sie sich in das Bild einer Nachbarschaft

ein, die sich vor allem dadurch auszeichnet,

dass sie nicht weiter auffällt und manchmal

sogar den Eindruck erweckt, gar nicht

wirklich vorhanden zu sein.

parKa aLs provoKation

Einen typischen Dahlemer will das Ehepaar

Müller allerdings nicht ausmachen können,

während sich der Duft von frischem

Kaffee im hellen Esszimmer verbreitet. So

wie ich hier Milchkaffee trinkend sitze,

hätten es Generationen von Studenten vor

mir gemacht, erzählt Frau Müller. Da ihre

Eltern das Haus bereits 1955 kauften, hat sie

bis auf wenige Jahre fast ihr ganzes Leben

in der Garystraße zugebracht: Nach ihrem

Abitur begann sie Mitte der 60er an der

Freien Universität ihr Medizinstudium, wo

sie auch ihren Mann kennenlernte. Mangels

Cafés wurde damals kurzerhand das universitätsnahe

Elternhaus zum studentischen

Treffpunkt umgewandelt. Der Mythos

1968 dringt in ihren Worten eher weniger

durch. »Sicher, man hat sich das angehört

von Rudi Dutschke, das gehörte dazu und

es war ja auch toll. Aber wir waren nie so

radikal«, berichtet Frau Müller so überzeugend

nüchtern, dass ich vergesse zu fragen,

warum offenbar Medizinstudenten einen

weniger ausgeprägten Hang zur Revolution

hatten. Andererseits zeugt eine vermeintlich

belanglose Anekdote vom Duktus jener

Zeit: »Parka, möglichst abgewrackt, waren

damals sehr in. Ich habe die auch getragen,

als Provokation. Meine Eltern wollten dann

für mich sammeln gehen.«

Furios 01 (2008)

Je mehr wir alte Zeiten heraufbeschwören,

desto stärker nimmt Herr Müller, der

bisher im Nebenzimmer scheinbar interessiert

Zeitung las, regen Anteil am Gespräch.

Auch er wirkt gleichzeitig freundlich und

unprätentiös, bleibt aber für einen Zeugen

der 68er weitgehend reserviert. Erst als er

ansetzt, um zu bemerken, dass er »irgendwo

das Gefühl habe, dass früher das studentische

Leben an der FU vielmehr ausgelebt

wurde. Es gab viel mehr Feste, der so genannte

Campus war viel belebter«, leuchten

seinen Augen kurz auf. Über die heutigen

Studierenden wundert ihn die mengenmäßige

Diskrepanz zwischen Semesterbeginn

und kurze Zeit später. »Am Anfang kommt

einem auf den Gehwegen ein ganzer Pulk

entgegen und nach einem Monat scheint

man zu wissen, welche Vorlesung man sich

schenken kann.« Offenbar ein mittlerweile

»FU-typisches« Phänomen, ergänzt er.

Woran das fehlende Zugehörigkeitsgefühl

liegen mag, weiß er nicht zu sagen. Festzustellen

bleibe zumindest ein gewisses »Desinteresse«

auf beiden Seiten, also auch der

Universitätsleitung an den Studierenden.

Vielleicht müssten beide noch dazulernen.

Jenseits Des zauns

Auch bei Frau Müller-Niepelt in der

Brümmerstraße hat man den Eindruck,

dass Voneinander-Lernen ein zentraler

Begriff ist. Wir entscheiden uns für ein

spontanes Telefongespräch, während sie die

Aufsicht über einen Nachbarsjungen hat,

was eine leichte Überforderung darstellt,

weil sie »es nicht mehr gewöhnt [ist], auf

einen Zweijährigen aufzupassen, dass er

nicht etwas in den Mund steckt.« Während

also ein brabbelndes Kind im Hintergrund

wer-weiß-was macht, erzählt Frau Müller-

Niepelt zunächst über das Glück, gesunde

Kinder zu haben, bevor sie plötzlich auf die

Bewohner ihres Nachbarhauses eingeht.

Wer die Brümmerstraße entlang läuft,

dem wird auf der einen Seite der Schienen

ein für diese Gegend eher ungewöhnlich

modernes Mehrfamilienhaus auffallen.

Dort lebt eine Wohngemeinschaft geistig

behinderter Menschen mittleren Alters.

Obwohl diese dauerhaft Betreuung erhalten

müssen, wirken viele auf Außenstehende

recht selbstständig und machen

laut Aussage Frau Müller-Niepelts »einen

zufriedenen Eindruck«. Dass es auch anders

kommen kann, zeigt für sie ein wie sie

sagt »besonders schwerer Fall«. Es gab eine

Zeit, da sie und ihr Mann immer wieder

Schreie aus dem Nachbarshaus gehört hätten,

ohne zu wissen, was es damit auf sich

habe. Schließlich habe ihr ein Betreuer von

titeLthema

einer jungen Frau berichtet, die jahrlang in

einem Altersheim untergebracht und dort

nicht gefördert worden sei. Wenn man der

jungen Frau jedoch heute jemanden an die

Seite setze, höre sie mit dem Schreien auf.

Das Problem sei, dass »eine [solche] ständige

Zuwendung mit dem Personalschlüssel

nicht gegeben ist«, formuliert es Frau

Müller-Niepelt. »Nur manchmal«, sagt sie,

»kommt das Schreien so unvermittelt, dass

man geladene Gäste spontan wieder nach

Hause schicken muss. Aber unsere Freunde

wissen eigentlich damit umzugehen.«

»Weniger abgehoben aLs zehLenDorF«

Auf die Frage nach dem »Campusleben«

antwortet Frau Müller-Niepelt, wie angenehm

es sei, von lauten jungen Leuten

umgeben zu sein. Dann auf einmal Schreie

am anderen Ende der Leitung. »Der Kleine

weint …«, stöhnt sie noch ins Telefon, bevor

sie das Gespräch beenden wird. In der weniger

hektischen Garystraße betonen auch

die Müllers die »sehr gute Nachbarschaft«

in Dahlem. Als ich skeptisch frage, ob denn

eine gefestigte Nachbarschaft überhaupt

zustande kommen kann, wenn zwischen

den Häusern unzählige FU-Einrichtungen

liegen, entgegnet Frau Müller: »Die Institute

gehörten einfach immer dazu. Es war

irgendwie schön, wenn da die Studenten

ein- und ausgingen.« Dass sich nebenan wie

einst revolutionäre Zellen gegen das Establishment

bilden könnten, dem sie mittlerweile

angehören, beunruhigt sie nicht. »Die

Grundstücke wurden nie belästigt«, bestätigt

Herr Müller. Nur Schmierereien soll es

ab und an geben, aber da waren sich beide

nicht einig.

Konsens hingegen ist bei allen, dass

Dahlem eine wunderbar grüne Gegend

und weniger »abgehoben als Zehlendorf«

ist. Doch es ist nicht der Hauch von Abgrenzung

oder Unangepasstheit, der mir

um die Nase weht, sondern der Duft eines

wohltemperierten, reichhaltigen Mittagsessens,

das Frau Müller gerade gekocht hat.

Mein Restkaffee ist inzwischen kalt geworden

und damit ist es Zeit, zu gehen. Als

ich noch einen letzten Schluck nehme und

die unaufgeregte moderne Einrichtung betrachte,

frage ich mich, was das junge Ehepaar

Müller wohl dazu gesagt hätte. �

Christa Roth studiert Politikwissenschaft.

11


12

titeLthema

nicht nur Das,

Was man DenKt

Die einen versuchen es mit Gitarre und quietschbunten Plakaten. Andere sprechen

über Jesus, Sex und ’68. An kaum einer Universität haben es Christen so schwer, auf

sich aufmerksam zu machen. Eine Suche.

von Anna Klöpper und Tin Fischer

Christliche Rhetorik kann die Freie

Universität. Wenn Präsident Lenzen

ihre Geschichte erzählt, meint

er eigentlich die Weihnachtsgeschichte. So

wie Gott als schwaches Kind in einer Futterkrippe

auf die Welt gekommen sein soll,

soll die FU von Studenten auf einem einfachen

Tischchen gegründet worden sein,

um die Wissenschaft von der Diktatur im

Osten zu befreien.

Trotzdem tut sich kaum eine Universität

mit der Religion so schwer wie die FU.

Vor einem Jahr hatte das Präsidium offiziell

zu einem Semestergottesdienst eingeladen.

Prompt reagierten einige Professoren

mit Protest. Eine zweite Einladung gab es

nicht. Dabei ist ein solcher Gottesdienst an

anderen Universitäten nur normal. Warum

die Verklemmtheit?

Wo ist gott, herr bongarDt?

Wir beginnen unsere Recherche bei

Herrn Bongardt, Professor für Ethik an

der FU und fragen gleich mal grundsätzlich:

Wo ist Gott an der Freien Universität?

Der differenziert: »Die FU hat von ihrer

Gründungsgeschichte her klare Signale

gesetzt, dass sie eine Universität ist, in der

zwar die Theologie oder die Religionswissenschaft

als Reflexion über Religion ihren

Platz hat. Was jedoch keinen Platz hat,

ist eine direkte Aktivität von Religionen.«

Was an Universitäten im angelsächsischen

Raum keine Seltenheit ist, findet man hierzulande

nicht. Einen Raum fürs Gebet, das

gibt es an der FU nicht. »Und das«, betont

Bongardt, »sollte auch so bleiben.«

Er hat den Einfluss zu spüren bekommen,

den die Kirche nichtsdestotrotz an

deutschen Universitäten hat. Während

Hochschulen in Frankreich oder im angel-

sächsischen Raum Theologie als Studienfach

unabhängig von der Kirche anbieten,

haben in Deutschland die Kirchen ein Mitspracherecht

bei der Besetzung von Professuren.

Ohne ein nihil obstat (»es steht nichts

entgegen«) durch die katholische Kirche

kann kein katholischer Theologe an einer

Uni lehren. Lebenswandel, Forschung und

Lehre des Professors müssen aus kirchlicher

Sicht stimmen.

Michael Bongardt ist eigentlich katholischer

Theologe. Nur: So nennen darf er

sich nicht mehr. Der ehemalige Priester hat

2003 geheiratet. Sein Recht, als Theologe

zu lehren, hat er damit aus Sicht der katholischen

Kirche eingebüßt. Also musste

an der FU nach einem neuen Aufgabenfeld

für den Professor gesucht werden. Das Institut

für Ethik wurde gegründet. Bongardt

bildet heute Ethiklehrer an der FU aus.

Eine Frage haben wir noch, bevor es weitergeht

zur Studentenmission SMD: Haben

wir eigentlich Gründe, an Gott zu glauben,

Herr Bongardt? »Zwingende Gründe gibt

es nicht«, sagt er zum Abschied. »Aber der

Glauben an Gott denkt vom Menschen oft

größer als der Humanismus.«

Die mission im namen

»Wer gläubig ist, muss dumm sein«,

habe ihr mal jemand gesagt, erzählt uns Rebekka

von der FU-Gruppe des SMD. Da

sei ihr dann auch nichts mehr zu eingefallen.

»Ein wichtiges Anliegen der SMD ist«,

erklärt sie, »dass der Glaube nicht anfängt

zu wanken, sobald man nachdenkt. Dass

es einen beispielsweise in der Naturwissenschaft

einfach faszinieren kann, wie Gott es

gemacht hat.«

Rebekka gehört zu den studentisch organisierten

Christen an der FU, die sich auf

die Gemeinden der evangelischen und katholischen

Kirche, die überkonfessionelle

SMD sowie eine ad hoc organisierte Bibelgruppe

verteilen. Letztere macht vor allem

mit Gitarre und quietschbunten Plakaten

auf sich aufmerksam.

»Wir würden an der Uni gerne präsenter

sein. Aber da kommt uns die Univerwaltung

nicht entgegen«, erklärt Rebekkas

Kollege Falko – »religiöse, terroristische

oder sexistische Inhalte« würden von der

FU nicht geduldet, sagte uns Studentenpfarrer

Thomas Treutler einmal halb ironisch.

Was hätte denn die FU von euch,

fragen wir die SMD-Studenten. Bei Rebekka

haben Antworten immer eine schlichte

Eleganz: »Mehr Freiheit.«

Die SMD, die es seit bald 60 Jahren

in ganz Deutschland gibt, hat die Mission

zwar im Namen und neue Mitglieder

sind natürlich ein Thema. Nur, wenn man

Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, muss

man auch darauf achten, wie die Strategien

bei Außenstehenden ankommen, meint

Rebekka. Lächerlich machen wolle man

sich nun eben auch nicht.

Zumindest haben die Gruppen und

Gemeinden ein reges Veranstaltungsprogramm.

Im Caledonian-Café in der Silberlaube

kommt der Referent des Diskussionsabends

zum Thema »Sex« zwar viel zu

spät, die Stimmung kann das aber trotzdem

nicht trüben. Fast glaubt man, in eine

vorweihnachtliche WG-Party geraten zu

sein – nur dass die Gäste die Flasche Wodka

im Kühlschrank noch nicht entdeckt

haben. Von Vertrauen und Hingabe ist die

Rede. An Gott, wie auch an einen geliebten

Menschen. Ist Sex wirklich nur eine Sache

der stimmigen Biochemie – oder vielleicht

doch »Ausdruck einer Sehnsucht, die über

Furios 01 (2008)


sich selbst hinausweist, zu einem Ort der

bedingungslosen Liebe, zu Gott«, wie der

Doktorand Matthias Clausen seinen Zuhörern

nahelegt.

Die lümmeln sich in den Sofas und nippen

an ihren Plastikbechern. Und schnell

ist man wieder bei ganz praktischen Themen:

Erasmus, Studienorganisation, Master.

Schließlich ist da mehr als nur der Gedankenanstoß,

den die jungen Christen in

den Studienalltag einbringen wollen. »Ich

bin oft etwas befremdet«, sagte uns Bettina,

»wie die Leute an der Uni miteinander umgehen.

Glauben heißt beispielsweise auch,

dass man versucht, dass man ein offenes

Ohr für Leute um einen herum hat.«

Die neue verstörungsqueLLe?

Dann stolperten wir über die Vermutung,

dass das Christentum als neue »Verstörungsquelle«

wahrgenommen werde.

Verstörungsquelle? Wieder? Warum? Und

gilt das auch für die FU, haben wir uns

gefragt.

Eva Quistorp ist laut Wikipedia »Aktivistin

der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung«

und ehemaliges Mitglied

des Europäischen Parlaments. Heute ist

sie zu Gast bei der Evangelischen Studierendengemeinde

(ESG). Die »revolutionären

68er« und die ESG sind das Thema.

Quistorp weiß darüber drei Stunden lang

lebhaft zu erzählen. Von ihrem Studentenpfarrer

an der FU, bei dem man bereits

Mitte der 60er Jahre Adorno und Horkheimer

als Raubdruck gelesen habe, noch

bevor sie an der Universität thematisiert

worden seien. Dass damals schon mal die

Bemerkung gefallen sei, die ESG sei radikaler

als der SDS. »Wir hatten Zugang zur

Kirche, waren wortgewandt und konnten

Furios 01 (2008)

PopArt in der Silberlaube:

Mit ClipArt das Christentum

verbreiten. Doch der Schein

trügt: Jenseits quietschbunter

Word-Plakate haben die

Christen ein vielfältiges

Veranstaltungsprogramm.

im Streit vermitteln«, erzählt sie. »Wir waren

radikal, ohne ideologisch zu sein.« Vom

Theologen Gollwitzer ist die Rede, der die

Studierenden zu verstehen versucht, aber

auch immer wieder zur Vernunft gerufen

habe. Und schließlich erzählt sie von jenem

Christen, der seinerzeit die Studenten

verzückte: Dem »Rudi«, dem Dutschke,

dieser vielleicht christlichen Mischung aus

unbeugsamer Zuversicht und einer nach

außen manchmal unglaublichen Humorlosigkeit.

Was ist von diesem Erbe geblieben? Man

habe eine soziale Verpflichtung, ohne sich

gleich als politisch zu begreifen, meint jemand.

Dorian, Moderator des Abends,

betont aber auch, dass man mit dem ESG-

Banner gegen Schäubles Datensammeln

demonstriert habe, dass der Hahn im Logo

rot sei, gegen Unterdrückung und Unrecht

krähe und der Tee aus fairem Handel stamme.

KritiK an Der KritiK

Sorgt heute die Theologie für die nötige

Irritation im Wissenschaftsbetrieb? Am

Institut für evangelische Theologie gibt uns

Dr. Wüstenberg eine Antwort. Der ist da

etwas vorsichtiger, sieht die Theologie aber

durchaus als »Stachel« im interdisziplinären

Dialog der Wissenschaften – im positiven

Sinn: »Als Möglichkeit, eine andere Perspektive

anzubieten und Kritik an der Kritik

zu üben«. Gilt das besonders an einer

links-liberal geprägten Universität wie der

FU? »Ich hoffe, dass man wahrnimmt, dass

man sich etwas abschneidet, wenn man die

evangelische Religion im zutiefst protestantisch

geprägten Berlin einfach ausblendet.«

Fest steht: Sein Mini-Institut für evangelische

Theologie wird geschlossen. Aus öko-

nomischer Sicht durchaus nachvollziehbar.

Das protestantische Erbe Berlins wird an

der HU, an der größten evangelisch-theologischen

Fakultät Deutschlands, bestens

gepflegt. Trotzdem, sagt Wüstenberg: »An

einer freien Universität kann es ja nicht nur

um die Frage einer Freiheit von, sondern

muss es auch um die Frage einer Freiheit

zur Religion gehen.«

christentum seLbstbeWusst

titeLthema

Zum Schluss unserer Reise lernen wir

noch Ben kennen. Auch er studierte an

einer »Freien Universität«, der Liberty

University in Virginia. Ironischerweise ist

unser Namensvetter zugleich unsere Antithese:

Die evangelikale »Liberty« wurde

vom großen Prediger Jerry Falwell gegründet,

stürmt jährlich die Top-10 der konservativsten

Universitäten der USA und ist ein

sicherer Hafen für Kreationisten. Können

wir etwas von ihr lernen? Die extrem gute

Betreuung der Studenten auch in spirituellen

Belangen habe ihn umgehauen, erzählt

uns Ben. »Dr. Falwell forderte uns

auf, ›Champions for Christ‹ und die besten

der Welt in unseren Gebieten zu sein.« Das

hat uns dann doch nachdenklich gemacht.

Wann hat einem jemand an der FU so viel

Selbstbewusstsein mit auf den Weg gegeben?


Anna Klöpper studiert Englische Philologie;

Tin Fischer Nordamerikanische Geschichte.

Veranstaltungen der ESG, KSG und SMD finden

sich online. Wir bedanken uns bei allen, die bei

der Recherche geholfen haben, auch wenn wir sie

nicht erwähnen konnten.

13


14

poLitiK

Der asta Der anDeren

Der AStA ist ein großer Unbekannter an der FU. Kaum einer kennt seine Mitglieder und Ziele.

Das ist paradox: Denn der Allgemeine Studierendenausschuss soll die Interessen der Studenten

vertreten. Auf der Suche nach einem FU-Phantom.

von Laurence Thio

schLechte pr Kompensieren:

Der asta-stern zum

seLberbasteLn

Das Kommando kommt von links:

Fünf Studenten klopfen an die Fenster

des Henry-Ford-Baus, versuchen ein

Banner aufzuhängen. Polizisten werfen die

Studenten zu Boden und führen sie ab.

Empörtes Gejohle: »Ihr seid nur gut bezahlte

Hooligans!«

Ein verhangener Novembermorgen,

die Studentenvertretung veranstaltet eine

Demo zur Immatrikulationsfeier mit Horst

Köhler. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten

den AStA der Freien Universität


1

mit einer Schere

entlang der ge-

Strichelten linie

auSSchneiden.

kennen zu lernen. Der AStA ist die Regierung

der Studenten und wird jährlich vom

Studierendenparlament (Stupa) gewählt.

Vergleichbar ist das mit Bundesregierung

und Parlament – nur auf Universitätsebene.

Die AStA-Koalition stützt sich auf eine

absolute Mehrheit. Darunter sind die Listen

der »Unabhängigen Antifaschistischen

Linken«, »Langzeitstudis gegen Studiengebühren«

und ein Großteil der Fachschaftsinitiativen

(FSI). Die Wahlbeteiligung lag

zuletzt bei 11,7 Prozent.

eine handelSüBlicheBüroKlammer

am Stern

BeFeStigen.

Zurück zum AStA-Protest: Ein Redner

prangert den neoliberalen Umbau der

FU an. Die »Imma-Feier« wird kritisiert.

In diesem Jahr konnten nur Erstsemester

teilnehmen, die ihre Daten einschickten.

Ungefähr 60 Studenten haben sich vor

dem Henry-Ford-Bau versammelt. Sie

tragen dunkle Kapuzenpullover, gefärbte

Haare, Dreadlocks und Piercings. Die

Demo gleicht einem folkloristischen Ritual

aus »Volxküche«, Flyern und antiquierten

»Deutschland muss sterben«-Gesängen.

3

2

Fertig iSt daS

aSta-logo!

Furios 01 (2008)


asta – ein roter streicheLzoo?

»AStA?«, fragt Anna, Mathestudentin,

wenige Stunden später in der Silberlaube.

»Ich weiß nicht, was das ist. Ich glaube es

hat mit Studenten zu tun.« Geschichtsstudent

Max glaubt, der AStA mache gute

Sachen, »ist aber durch seine kämpferische

Art abschreckend«. Politikstudent Lukas

reagiert belustigt: »Das ist doch dieser rote

Streichelzoo mit den linken Spinnern,

oder?«

Unwissen und Skepsis schlägt der Studentenvertretung

auf dem Campus entgegen.

Auf seiner Internetpräsenz schreibt

der AStA, er regle »die laufenden Geschäfte

der Studentenschaft«. Dafür hat er 13 verschiedene

Referate, unter anderem Kultur-,

AusländerInnen-, Frauen-, und Sozialreferat.

Der AStA bietet kostenlose Beratungen

zu Bafög, Fachwechsel und Rechtsfragen

an. Jährlich verfügt er über ein Budget von

ungefähr 700 000 Euro, jeder Student zahlt

15 Euro pro Jahr über den Semesterbeitrag.

Wo das Geld genau bleibt, weiß jedoch

keiner so recht. Nicht einmal alle AStA-Referenten.

Die Öffentlichkeitsarbeit des Studierendenausschuss

ist karg, die Website

wird selten aktualisiert. Namen, geschweige

denn Fotos, der Referenten sind nicht

einsehbar. Der AStA ist ein Phantom. Das

Hausmagazin »Out of Dahlem« erscheint

unregelmäßig, Presseanfragen – auch die

von FURIOS – wurden teilweise ignoriert

oder abgelehnt. Zwei AStA-Referenten dementierten

nach Interviews ihre Aussagen.

Auf die Frage: »Wer seid ihr?« konnte und

wollte der AStA offenbar nicht antworten.

»Wir fordern eine konsequente Umsetzung

von demokratischen Standards«, sagt

Johannes Gamer von der Juso-Hochschulgruppe.

Die Opposition aus Jusos, Liberaler

Hochschulgruppe, Grüner Hochschulgruppe

und der Linken bemängelt

seit Jahren fehlende Transparenz. »Der

AStA ist dem Stupa Rechenschaft schuldig,

doch wir können uns keinen Einblick verschaffen«,

sagt Carsten Hoffmann von den

Grünen. Besonders gilt das für die Finanzen:

Ein Haushaltsausschuss, der kontrollieren

könnte, existiert. Aber »der hat noch

nie getagt«, gibt ein AStA-Mitglied zu, das

ungenannt bleiben möchte. Eva Friesinger,

Mitarbeiterin im AStA-Finanzreferat,

stellt klar: »Der Berliner Rechnungshof,

die Universität und ein externer Haushaltsprüfer

kontrollieren unseren Haushalt regelmäßig.

Der Haushaltsplan wird zudem

Furios 01 (2008)

jedes Jahr dem Stupa zur Beschlussfassung

vorgelegt.«

Der 5-minuten haushaLt

Da sitzen sie, im Block und in den ersten

Reihen: die AStA-Verbündeten. Mitte

November findet die 27. Stupa-Sitzung

statt. Im hinteren Drittel des Raums sitzen

die Jusos, ganz hinten haben sich die

Liberalen verschanzt. Wer ist gegen den

Haushaltsplan? Die Opposition hebt die

Arme, doch gegen die Dreiviertelmehrheit

der AStA-Koalition ist sie machtlos.

Die Abstimmung braucht lediglich fünf

Minuten. Beifällige Tischklopferei folgt.

Die längste Zeit wird über ein Verbot von

Thor-Steinar-Kleidung in studentischen

Räumen an der FU diskutiert. Wer denn

an der FU mit Naziklamotten herumläuft?

Bisher wurde ein Handwerker in der AStA-

Villa entdeckt.

Gamer von den Jusos fasst seine Kritik

zusammen: »Der Haushaltsausschuss

ist mit Mitgliedern der Koalition besetzt

– kein einziges Oppositionsmitglied

ist dabei«. Hinzu kommt ein »allgemeiner

Deckungsvermerk«, durch diesen können

alle Posten im Haushalt nachträglich miteinander

vertauscht werden. »Unter einer

Prüfung stelle ich mir etwas anderes vor.«

Es gibt die wildesten Spekulationen darüber,

wohin die Gelder fließen. Eine Mutmaßung

ist, dass linke antifaschistische

Projekte in Kreuzberg finanziert werden.

Flüge von Referenten in den Irak zum

Aufbau eines Studentenparlaments sowie

Telefonrechnungen von 4 000 Euro nähren

weitere Verdächtigungen. Nadja von der

FSI Bio-Chemie, kritisiert den Umgang

mit dem Stupa: »Die Koalition stöhnt bei

unseren Anträgen laut oder lacht uns sogar

aus.« Georg Frankl von der Linken ergänzt:

»Wir werden mit unglaublicher Arroganz

abgefertigt.«

hochschuLpoLitiK ist eLitenpoLitiK?

Verstehen lässt sich die Studentenvertretung

vielleicht nur, wenn man drei Dinge

berücksichtigt: Erstens, der AStA ist

in sich gespalten. Die meisten Mitglieder

stammen politisch aus dem linken Spektrum,

doch die Unterschiede und Widersprüche

sind groß. Zweitens, der AStA ist

basisdemokratisch organisiert: Mitglieder

der Fachschaftsinitiativen (FSIs) und der

Studentenvertretung sind gleichberechtigt.

Der AStA sieht sich nicht als Vertretung

poLitiK

der Studenten, er lehnt das Repräsentationsprinzip

ab. Deshalb gibt es nur formell

einen Vorsitzenden und keine Namen auf

der Website. Philipp Karstaed von der Liberalen

sieht auch eine »Angst vor Kritik an

Einzelpersonen.« Wenn alle verantwortlich

sind, ist es letztlich niemand. Ein dritter

Punkt, der erklärt, weshalb der AStA fernab

der meisten Studenten ist, liegt in der

Vergangenheit:

Es ist das Jahr 2005. Der FU-AStA sitzt

auf der Anklagebank. Sein Vergehen: Er

hat sich allgemeinpolitisch geäußert. Auf

seiner Website wurde ein Link zu einer

Demo gegen die Agenda 2010 entdeckt.

Laut Gesetz darf die Studentenvertretung

sich nur hochschulbezogen äußern. Der

AStA wird zu 15 000 Euro Strafe verurteilt.

Verstößt er ein weiteres Mal dagegen, können

Ordnungsgelder bis zu 250 000 Euro

geltend gemacht werden. »Seitdem sind

sie paranoid. Begeben sich immer stärker

in die Isolation!«, erklärt Stefan. Der Studierendenausschuss

wurde zum Phantom.

Stefan ist AStA-Insider. Damit das so bleiben

kann, hat Stefan in Wirklichkeit einen

anderen Namen. Das Urteil hat sie schwer

getroffen, dem Selbstverständnis nach war

der »AStA immer ein Gremium, das allgemein

Politik macht.« Es gäbe viele in der

Studentenvertretung, die Hochschulpolitik

als Elitenpolitik sähen: Politik für die

oberen zehn Prozent der Gesellschaft. »Das

wird abgelehnt und folglich auch nur in

geringem Maße betrieben«, berichtet Stefan.

Momentan sitzt der Studierendenausschuss

durch die breite Unterstützung der

Fachschaftsinitiativen fest im Sattel. Ewig

wird es so nicht weitergehen, die Zeit läuft

gegen den AStA. Das Bewusstsein dafür

scheint der Gruppe noch zu fehlen. Es gibt

Studenten im AStA und in den FSIs, die

Widersprüche, Intransparenz und Verstöße

gegen die eigenen Ideale sehen. Doch sie

halten still, weil es im Prinzip um eine gute

Sache geht. Stefan diagnostiziert: »Früher

oder später wird es durch pragmatischere

Bachelor/Master-Studenten in den FSIs einen

Mentalitätswechsel geben – und dann

bricht möglicherweise die Koalition!« Wer

dann Phantomschmerzen hat, wird sich

zeigen. �

Laurence Thio studiert Politikwissenschaft.

15


16

poLitiK

thinK

tanK

Vier visionäre Denkpanzer,

um die Zukunft

der Freien Universität

in Angriff zu nehmen.

zusammengestellt von

Tasnim El-Naggar

und Franziska Weil

Immer schön dagegen: Überreste (Panzer) einer Demo vor der Silberlaube. Aber wofür?

chancen nutzen, risiKen beachten

Alexander Dix, Berliner Datenschutzbeauftragter

Die Bedeutung des Datenschutzes wird an den Berliner Hochschulen

noch erheblich zunehmen. Umso wichtiger ist es, für seine

Durchsetzung rechtzeitig die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen,

vor allem was die Unterstützung und Ausstattung der Datenschutzbeauftragten

an den Hochschulen betrifft. Ich würde mir

wünschen, dass die Freie Universität hier eine Vorreiterrolle einnimmt.

Ich könnte mir durchaus virtuelle Vorlesungen vorstellen,

die datenschutzfreundlich realisiert werden. Man sollte die Chancen

nutzen, ohne die Risiken auszublenden.

Meine Vision der Freien Universität in der Zukunft ist die einer

Hochschule, in der die Studierenden die Verarbeitung ihrer Daten

weitestgehend selbst kontrollieren und verfolgen können. Daneben

bleiben interne und externe Instanzen der Datenschutzkontrolle

allerdings unverzichtbar. Zu meiner Zukunftsvision gehört

auch, dass die FU noch mehr zu einer transparenten Hochschule

für Außenstehende wird.

Den Worten taten FoLgen Lassen

Miranda Schreurs, Leiterin der Forschungsstelle für Umweltpolitik

My impression is that the FU is one of the earlier universities to

actually work on improving its energy efficiency. In many ways it

has been kind of pioneering in energy saving. What I haven’t seen

here yet are big pushes on renewable electricity on campus. We are

talking about a green university, so we should actually put action

into words. I think it would also be a really smart move of a part

of the university to create an overarching environmental institution

because you cannot think about environmental issues in single

disciplinary terms. The trend between interdisciplinary researches

is one the university still needs to struggle with, if it really wants to

stay competitive in this area. Wouldn’t it be wonderful if you could

have an environmental bachelors program? Instead of just saying ‘I

have a degree from political science’ you could say ‘I have a degree

in environment that has a social science focus’

Furios 01 (2008)


persönLiche uni, exzeLLente chancen

Sascha Förster, Kristin Flade und Rafael Ugarte Chacón sind

Studierende der Theaterwissenschaft und Vertreter der studentischen

Initiative Margins Out/Incorporated

Sascha: Margins Out/Incorporated ist kurz gesagt eine studentische

Plattform, die Studierenden die Möglichkeit geben möchte,

sich zu äußern. Unser Ziel ist es, Studierenden an der Uni mehr

Gehör zu verschaffen und sie aus einer gewissen „Unmündigkeit“

zu befreien. Die Studierenden sollen sich selbst einbringen. Auch

die FU sollte sich für ihre Studierenden interessieren, ihnen Freiräume

schaffen und den Fokus auf die Bildung legen und nicht auf

die Markttauglichkeit der Universitätsabgänger.

Kristin: Wenn die Einführung von Studiengebühren nicht zu

verhindern ist, bleibt nur zu hoffen, dass dann all die klugen Menschen,

die nach Berlin kommen, phantastische Bedingungen bekommen,

um miteinander an exzellenten Projekten zu arbeiten.

Eine Traum-Universität würde die Mündigkeit und gedankliche

Reife der Studierenden wieder klarer in den Mittelpunkt rücken.

Auch ein stärker teamorientierter Leistungsnachweis könnte

manchmal fruchtbar sein. Die Eigenverantwortlichkeit der Studierenden

innerhalb ihrer Institute könnte dazu führen, dass man sich

wohlfühlt und die Uni als etwas betrachtet, das persönlich und

professionell Spaß macht.

Rafael: Generell richtet sich ja alles immer mehr auf Ingenieurs-,

Wirtschafts- und Naturwissenschaften aus, wohingegen Geisteswissenschaften

immer wieder unter Legitimationszwang stehen.

Ich fürchte, in dieser Hinsicht ist noch längst keine Trendwende

in Sicht.

Die stuDierenDen im mitteLpunKt

Hans-Werner Rückert, Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung

und Psychologische Beratung

Aus der Sicht einer Einrichtung, die sich Service und Support

auf die Fahne geschrieben hat, sieht man, dass es in diesen Bereichen

noch Defizite gibt. Studierende geben große Probleme bei

der Lern- und Arbeitsunterstützung an. Wir haben inzwischen alle

mehr Bedarf an psychologischer Beratung. Meine Traumuniversität

sieht so aus, dass man natürlich exzellente Lehre und Forschung

hat. Gleichzeitig aber dürfen die Studierenden nicht als selbstverständlich

hingenommen werden, denn: Ohne sie wären wir alle

nicht da. Wo es gewünscht wird, muss es Unterstützung geben.

Man sollte die Probleme, die man sieht, nicht ewig vor sich herschieben,

sondern beispielsweise aus den Ergebnissen der Studierendenbefragungen

Schlussfolgerungen ziehen. Man könnte ein

Lernzentrum einrichten und in den Fachbereichen Unterstützung

bei der Erarbeitung bestimmter Lernstrategien anbieten. Dazu

braucht man konkret Geld und Personal. Außerdem sollte man

Bildungsreserven aktivieren, also Leute aus bildungsfernen Schichten

fördern. Es ist schon allein aus Gerechtigkeitsaspekten nicht

zu vertreten, dass man sagt: ‚Wir machen hier eine Veranstaltung

für uns und unseresgleichen – 81 Prozent der Akademikerkinder

studieren, aber nur 27 Prozent der Kinder aus sozial schwächeren

Schichten.

Tasnim El-Naggar und Franziska Weil studieren Politikwissenschaft.

Furios 01 (2008)

Wir trauern um:

Das DipLom

von Daniel Erlemeier

Im Jahr 2010 stirbt das Diplom nach langer Umstellungsphase.

Einst der am häufigsten erworbene akademische

Grad, wurde das Diplom 1899 geboren. Wilhelm

II. führte es für Ingenieure ein. Dem Diplom-Ingenieur

folgten aber bald diverse andere Diplom-Berufe. Unbeirrbare

Gläubige hoffen auch jetzt noch auf die Auferstehung

des Diploms. Es ist immer wieder zurückgekehrt –

zuletzt gar in modularisierter Form. Diesmal hingegen

scheint es ernst und mit dem Abschluss stirbt auch der

Typus des Diplom-Studenten.

Einer der sein Studium bis zum

Letzten ausnutzte

poLitiK

Das Diplom ließ Raum, um nebenbei zu arbeiten,

Häuser zu besetzen, WGs zu gründen und wilde Partys

zu schmeißen. Man konnte sich in anderen Fakultäten

umsehen, ganz im Sinne des Humboldt’schen Bildungsideals.

So wurde das Diplom über Jahre, Jahrzehnte ausgekostet.

Manch einer kostete gar, bis es bitter wurde.

Den letzten Diplom-Studenten blieb der Trost,

Verbliebene einer aussterbenden Gattung zu sein. Sie

umwehte ein Reiz von Exotik. Easy-Rider der Bildung

waren sie. »Du studierst noch auf Diplom? Das geht

noch? Wow!« Die Sympathie, die den letzten Diplom-

Studenten zuteil wurde, ernten sonst nur aussterbende

Wale oder Pandabären. Ebenso wie diese litten auch die

Diplomanten unter schwindenden Lebensräumen und

Diskriminierung. Sie wurden aus überfüllten Seminaren

geworfen, denn Bachelor gingen vor. Veranstaltungen

fanden zum letzten Mal statt. Wurden sie verpasst, gab

es keinen Ersatz. So groß auch die Sympathie bei Kommilitonen

war, so gering war das Verständnis in der Verwaltung.

Mit dezimiertem Angebot und Anrechnungsschwierigkeiten

schwand die Lust am langen Studieren. Modularisierung

erschwerte das selbstbestimmte Studium.

Wer nicht zum BA wechselte, beendete sein Studium

schnell. Das war der Tod des Diploms.

17


18

WissenschaFt

�»Grandios programmiert

und hocherotisch!«

Marcel Reich-Ranicki

habe dieses Spiel

unheimlich gern gespielt!«

� �»Ich

»Ein wichtiges Spiel.«

revoLte

am JoysticK

Ein Computerspiel lässt die Studentenrevolte aufleben. Eine Weihnachtsreportage.

David Goldwich ist heute Abend ein gefragter

Student. Er hat die seltene Fächerkombination

Philosophie und Informatik.

»Sag mir irgendwas von diesem Satre!«, fordert

ein Kommilitone von ihm, ohne vom

Computer aufzuschauen. David meint, er

habe weder etwas von »Satre«, noch von

Sartre gelesen. »Dann sonst irgend ein Zitat

von so nem Franzosen! Cousteau, keine

Ahnung. Aber schnell! Mir laufen gleich

die Leute davon!«

Elke Heidenreich

Bundeszentrale für politische Bildung

von Christian Wöllecke, Tin Fischer und David Goldwich (Illustration)

Der Keller des FU-Informatik-Instituts

liegt in mattes, bläuliches Licht getaucht.

Die Schemen von rund fünfzig Studenten

sind erkennbar. Die Ohren unter Kopfhörern,

die Finger in den Tasten und die Lippen

um einen Flaschenhals »Club Mate«,

tippen sie unablässig auf ihren Tastaturen,

starren auf den Monitor und spielen: Revolte

an der FU!

Sie haben die Rollen von Studentenführern

übernommen. Aber nur einer wird

mit viel Reden, beziehungsweise Tippen,

die Massen mobilisieren und das Spiel gewinnen.

Das »Gelbe Trikot« des heutigen

Abends haben die Spieler an die Wand genagelt:

Ein gestrickter, gestreifter Dutschke-Pullover

mit eingesticktem FU-Logo.

KLagen am ping-pong-tisch

Mit »Action, Historizität und Spannung«

lockte Benjamin Schwarzkopf die

Journalisten nach Dahlem. Der Chef der

Furios 01 (2008)


Game-Schmiede »Bavaria Interact« testet

im Rahmen einer LAN-Party seine neueste

Entwicklung. »Revolt Reloaded« verspricht

ein völlig neues Spielerlebnis. Ego-Talker

nennt Schwarzkopf das Genre, in Anlehnung

an den Ego-Shooter. »Labern statt

ballern«, das sei bald der letzte Schrei seiner

Branche. »Dagegen kann vor allem die

Politik nichts einwenden!«, scherzt der charismatische

Mittvierziger.

Einiges einzuwenden hat hingegen das

Präsidium der Freien Universität. Man sei

über den Missbrauch der Universität als

Spielkulisse »not amused«, sagt Exzellenz-

Pressesprecher Torsten Kugel bei einer Pressekonferenz

im Tischtennisraum nebenan.

Kugel hat sich hinter dem Netz verschanzt.

Wer von den Journalisten einen Ping-

Pong-Ball mit dabei habe, dürfe diesen als

Credit für eine Frage einsetzen, sagt er. Da

wir zufälligerweise einen haben, fragen wir,

was die FU dazu sage, ein Spielverderber zu

sein. »Wir haben soeben einen Volleyball-

Platz eröffnet!«, verteidigt Kugel. »Sonst

noch jemand ein Ball?«

sartre ist gut, Lenin geht immer

Von Volleyball halten die Informatiker

so wenig wie von der mündlichen Kommunikation.

»Pass ich eh nich’ rein«, murmelt

Titelanwärter Jens über den Pullover,

den es zu gewinnen gibt. Er zieht ein Buch

von Sartre hervor, steuert mit dem Joystick

seine Spielfigur auf ein Rednerpult und

beginnt mechanisch auf der Tastatur zu

tippen. »Sartre ist gut. Oder Bloch. Lenin

geht immer. Man muss die Kommilitonen

convincen.«

In den frühen Morgenstunden erreichen

die »Club Mate«-Vorräte einen bedrohlich

tiefen Pegel. Nur noch fünf Spieler versuchen

sich zu den Wortführern hochzutexten.

Dann plötzlich steht der Sieger fest:

David Goldwich kriegt das Wolltrikot! Wie

er die revolutionären studentischen Massen

mobilisierte? Mit einer Weihnachtsgeschichte

von Erich Kästner. �

Christian Wöllecke studiert Literatur.

Furios 01 (2008)

meine esse

Der Mensamagen: Optimal geschmacksneutral

von Shan Qiao

Der Magen – Gaster/Ventriculus – ist das zentrale Organ des menschlichen

Verdauungstrakts. Ein komplexes System, bestehend aus Kardia,

Fundus, Curvatura major, Corpus, Antrum und Pylorus, in dem die

aus dem Oesophagus kommende Nahrung chemisch verdaut wird.

Eine besondere Spezies des menschlichen Magens zeigt sich mit

dem Verdauungsorgan des Homos Studiosus: Angesichts des vitaminarmen,

dafür aber fett- und kohlenhydratreichen Mensaspeiseplans

grenzt seine Leistung an ein kleines Verdauungswunder.

Mittels einer langfristigen Studie haben wir versucht herauszufinden,

wie der Magen des Homos Studiosus zermatschtes Rahmgemüse,

dubiose Fleischcurrys und gebratenes Gestrüpp, alias

»Spinatkrustis«, bewältigen kann. Wir gehen von der Hypothese

aus, dass der Homo-Studiosus-Magen im Laufe des Studiums zum

Mensamagen mutiert, einer außergewöhnlich robusten und evolutiv

bewährten Form eines Magens, die den Homo Studiosus zu einem

bestimmten Essverhalten zwingt und so sein Überleben sichert.

Untersuchungen mit Fledermäusen und Gänsen haben bereits

gezeigt, dass die Adaption des Magens an seine Umgebung

möglich ist. So führte beispielsweise die Fütterung der

Gänse mit proteinreicher Nahrung zu einer Hypertrophie der

Magendrüsen, während eine kohlenhydratreiche Nahrung

die verstärkte Sekretion von Pepsin zur Folge hatte.

Die Beobachtung von Homo Studiosussen an der FU-Berlin, die

ihrem Körper kontinuierlich Nahrung aus der Großküche zuführen,

lässt auf eine ähnlich große Anpassungsfähigkeit ihres Magens

schließen. Während sich zu Beginn des ersten Semesters noch

der ein oder andere Magen sprichwörtlich umdrehte, war nach

einigen Monaten bereits eine erhöhte Toleranz erkennbar. Gegen

Ende des Semesters empfanden rund 70 Prozent der Homo Studiosusse

Konsistenz und Geschmack des Essens als angenehm und

konnten die Nahrung leichter verdauen. 15 Prozent wiesen sogar

ein gewisses Suchtverhalten auf, da sie zugaben, mindestens eine

der täglichen Mahlzeiten in der Mensa einnehmen zu müssen.

Wir nehmen an, dass sich die Magenstruktur innerhalb von weiteren

Semestern dergestalt verändern wird, dass sich nach Abschluss

des Universitätsstudiums die Modifikation des normalen

Magens zum Mensamagen restlos, in einigen Fällen irreversibel,

vollzogen haben wird. Wolfram Siebecks in Koch-Glossen gepriesene

Gourmettempel braucht ein solcher Magen nicht. Auch

einen Jamie Oliver, Missionar der Schulkantinen, muss man nicht

mehr anheuern, um dem grauen Eintopf Aroma und Vitamine unterzujubeln.

Ein echter Mensamagen kennt keinen Schmerz.

Shan Qiao studiert Biochemie.

WissenschaFt

19


20

WissenschaFt

liebe furios! ich engagiere mich in einer linken agitationsgruppe,

die die gesamtuniversitären machtstrukturen nicht

weiter erträgt. wir streben kollektiv-anarchistische strukturen

frei nach Machnowstschina an. indem wir unsere aufrufe an die

bäume zwischen dahlem dorf und otto-suhr-institut tackern,

erzeugen wir eine gegenöffentlichkeit. nur etwas macht uns

sorgen: schaden die großen tackernadeln nicht den bäumen?

Mit anarchistischen Grüßen: Jens vom OSI

Lieber Jens, generell kommt es auf die Art und das Alter des

Baumes an und mit welchen Mitteln (Reißzwecken, Tackerklammern

oder Nägeln), die Bäume plakatiert werden. Die meisten

Holzgewächse (Bäume) haben ein totes Abschlussgewebe (Borke)

zum Schutz des Leitbündelsystems, zum Beispiel gegen

mechanische Außeneinwirkungen. Trotzdem

gilt: Nicht jeder anarchistische Specht ist

ein Baummörder! Bei einer dicken

Borke machen selbst hunderte von

Reißzwecken oder Tackerklammern

nichts aus. Anders dagegen

sieht es bei jungen Bäumen

oder Bäumen ohne

Borke aus. Hier dringen

die Reißzwecken direkt

in das Leitgewebe ein

und beeinträchtigen

den Nähr- und Wassertransport

in den

Leitbündeln. Allerdings

reichen keine

zwei Reißzwecken

um einen Baum zu

töten. Die Kastanien

entlang der Brümmerstraße

haben eine dicke

Borke und vertragen das

Plakatieren gegen die Ungerechtigkeit

der Welt.

Salvete! Ich reise mit meiner Kamera oft an

tabuisierte Orte, deren Schönheit den Menschen

nicht bewusst ist. Die Bilder publiziere ich auf meinem Blog.

Eines sorgt jedoch seit langem für Verwirrung: Das Foto einer

Behindertentoilette an der FU mit dem Schild »Autobahnschließung«.

Was hat es damit auf sich? Ex aeterna nocte, Julius.

Lieber Julius. Das Straßenbauamt Berlin lässt uns wissen, man

habe dort für das Schild keine Erklärung. Die FU falle nicht in

ihren Zuständigkeitsbereich. Hätte die Universität einen Autobahnanschluss,

könnte es sich um ein Protestschild gegen die als

schmerzhaft empfundene Erfahrung der Schließung einer Autobahn

handeln, so wie in der brandenburgischen Gemeinde Velten

im Jahre 2000. Das ist jedoch nicht der Fall. Von einem Hausmeister

erhalten wir die kryptische Antwort, »dass das hier eben wie

auf der Autobahn funktioniert«. Erst die Schwerbehindertenver-

tretung der FU brachte Licht ins Dunkel. Es handelt sich um eine

Maßnahme aus der kruden Welt der EU-Verordnungen. An Autobahnraststätten

gibt es ein einheitliches Schließsystem für Behindertentoiletten,

welches von der FU übernommen wurde. Schilder

mit der Aufschrift »Keine Autobahn« gibt es übrigens auch an der

FU.

Liebe Redaktion. Ich bin neu an der FU und versuche mich

in meinem christlichen Glauben zu orientieren. Da stelle ich

fest: Es gibt an der Universität kein einziges Kreuz, aber vor der

Silberlaube ein riesiges Pentagramm! Habe ich mich an einem

okkulten Ort immatrikuliert?! Verunsichert, aber lebensfroh:

Pauline.

Liebe Pauline. Ein Blick in das

»Handwörterbuch des deutschen

Aberglaubens« verrät: Das Pentagramm

ist das Chamäleon

unter den Symbolen. Zwischen

Penis und Pestwurz

wird das altorientalische

Zeichen als multifunktionales

Wunder der

Übelabwehr beschrieben.

Ob als Amulett

oder Kreidezeichen,

der Fünfstern soll

den Teufel austreiben

und als Heils- und

Glücksbringer wirken

(so wie übrigens auch

sein indischer Bruder,

das Hakenkreuz). Andererseits

birgt der gute

Stern auch eine dunkle Seite,

schon die alten Griechen

verwendeten ihn zur Dämonenbeschwörung.

Ist die FU nun ein

Teufelshort oder um unser Seelenheil

besorgt? Uns half nur der Selbstversuch.

Wie in einem Internetratgeber beschrieben, positionierten

wir uns in einer Vollmondnacht, um Mitternacht,

mit Friedhofskerzen und Latexmontur an den Spitzen des

Pentagramms und versuchten uns in Beschwörungsgesängen. Das

Einzige, was uns dann schließlich erschienen ist, war eine ordinäre

Grillwurst, die ein Redaktionsmitglied am Boden entdeckte. Und

das war dann auch die Antwort: Das FU-Fünfeck ist nichts weiter

als ein Barbecue-Grill und damit ein ganz unmagisches Ding, wo

du im Sommer deinen Schweinenacken draufschmeißt.

ForschungsFragen an das dahlem-Brain

haSt du eBenFallS Fragen rund um die Fu?

SchicK Sie an Forschung@Furios-campus.de!

clara hermann, daniela homBach und Sophie

JanKowSKi antworten.

Furios 01 (2008)


Historiker Nolte

neben dem Pferd

Friedrichs des

Großen. Das

Dank Finanzkrise und Obamanie sind

die USA Dauergast in der deutschen Medienwelt.

Dabei ist erneut eine Diskussion

über die Rolle Amerikas entbrannt.

Kommt Zeit, kommt Rat: Unter Mitarbeit

des FU-Historikers Paul Nolte ist das Buch

Wettlauf um die Moderne im Pantheon-Verlag

erschienen. Die Aufsatzsammlung untersucht

den Kampf zweier Staaten um die

Vorherrschaft, die zu Betrachtungsbeginn

in vergleichbaren Startpositionen steckten:

Deutschland und die USA. An der Wende

ins 20. Jahrhundert waren beide dynamische

Wirtschaftsnationen und machtpolitisch

ambitioniert. Was hat die einen zur

Supermacht und unserseins zur Nachsicht

gebracht?

Vierzehn Aufsätze, von je zwei Autoren

verfasst, beleuchten Politik-, Gesellschafts-,

und Wirtschaftsgeschichte der beiden Länder.

Zusätzlich hat Joschka Fischer ein

Nachwort verfasst. Neben den deutschamerikanischen

Beziehungen seiner Amtszeit

erzählt er darin, ganz neuer Talkshow-

Fischer, vor allem von sich selbst.

Viele der Aufsätze weichen gängige

Klischees auf. Dabei werden trügerische

Selbstbilder entlarvt. Etwa zum Thema

Einwanderungspolitik, bei dem sich die

deutsche Regierung immerhin bescheidener

gibt als das in diesem Fall schon immer

sehr selbstbewusste Amerika, das nach

eigenem Selbstverständnis den Schlüssel

Furios 01 (2008)

raubtier

unD Der KapitaList

Die Märkte stürzen. Schuld sind die Amerikaner. Heile macht der Staat.

Schreibt Professor Nolte über deutsche und amerikanische Vermächtnisse,

fällt die Analyse etwas anders aus.

für gelungene Einwanderungspolitik in der

Hand hält.

Diese Einschätzung relativieren die Autoren,

indem sie auf die dem amerikanischen

Immigrationsmodell eigene Ghettoisierungstendenz

hinweisen. Zudem zeigen

sie geglückte Einwanderungsbewegungen

nach Deutschland auf, vornehmlich in der

ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

»Markt: Konsum und Kommerz.« Mit

eingänigen Schlagwörtern übertitelt ist

der Aufsatz, den Nolte gemeinsam mit

Heinz-Gerhardt Haupt vom Europäischen

Hochschulinstitut Florenz verfasste. Dabei

geht es unter anderem um amerikanische

»Importgüter« wie den Verbraucherschutz,

die man hierzulande als »hausgemacht« betrachtet.

Tatsächlich weiß sich »der kleine

Mann« auch in Amerika zu schützen. Er

ist nicht nur Opfer eines entfesselten Ami-

Kapitalismus, wie der Deutsche gemeinhin

und besonders in Zeiten wie diesen gern

annimmt.

Das wirtschaftsgeschichtliche Thema

scheint auf Nolte zugeschnitten. Seit einigen

Jahren ist er bekannt für Bücher, die

sich vor allem mit wertkonservativen und

wirtschaftsliberalen Reformen befassen.

Das elitäre Schlagwort »Unterschichtenfernsehen«

stammt von ihm.

Im persönlichen Gespräch nimmt sich

Nolte zurück. Seine Öffentlichkeitswirkung

kennt er allerdings. »Die Geschichte

von Johann Haber und Livia Mertens (Foto)

hat in letzter Zeit den Status einer Leitwissenschaft

erlangt«, erklärt er. »Die Öffentlichkeit

drängt darauf, dass sich Historiker

mit ihren Deutungen zu Wort melden, es

kommen viele Anfragen von Journalisten.«

Seinen Aufsatz in Wettlauf um die Moderne

versteht er aber nicht als politische Wortmeldung.

Tatsächlich ist das Thema zu abstrakt,

um der politischen Wegweisung zu

dienen. Trotzdem blitzt gelegentlich durch,

wo Nolte politisch zu verorten ist. Den im

Essay auftauchenden Satz »Die deutsche

obrigkeitsstaatliche Knebelung des freien

Marktes« kann man sich nicht als den eines

gestandenen Sozialdemokraten vorstellen.


Johann Haber studiert Physik.

WissenschaFt

»Wettlauf um die Moderne:

Die USA und

Deutschland 1890

bis heute« wurde von

Christof Mauch und

Kiran Klaus Patel

herausgegeben und ist

2008 im Pantheon-

Verlag erschienen.

21


22

KuLtur

schnappschuss

vom verLorenen

stuDenten

Wenn die Chemie nicht stimmt, sollte man’s lassen.

Dachte sich Axel Benzmann – und fotografierte die 68er.

von Sina Platzer, Sabine Küpers und Theresa Kellner

West-Berlin vor grauer Häuserkulisse.

Eine Gruppe von protestierenden Menschen

zieht vorbei. Am Straßenrand steht

eine große, auffällige Gestalt mit Hut und

Schnauzer. Es ist Günter Grass, der sich

unter die Protestierenden gemischt hat. Es

ist der 18. Februar 1968, die Leute gehen auf

die Straße gegen den Krieg in Vietnam.

Axel Benzmann ist es mit dieser Schwarz-

Weiß-Aufnahme gelungen, die Stimmung

des Jahres 68 für den Betrachter lebendig

werden zu lassen. Benzmann der »dokumentierende

68er Sympathisant«, so will er

sich verstanden wissen.

Dabei war der Weg zum Fotografenberuf

für Benzmann nicht eben ein gerader.

1961 immatrikulierte er sich an der Freien

Universität Berlin für Chemie. Wirklich

warm wurde er allerdings nie mit seiner

Wahl. Mit dem Gefühl ein »verlorener Studenten«

zu sein, brach Benzmann sein Studium

nach fünf Semestern ab – und legte

mit diesem Schritt den Grundstein für seine

Zukunft als Fotograf.

Nach seinem kurzen Ausflug ins Studentenleben,

arbeitete Benzmann zunächst

in einer Firma für Lack und Farben, die

seinem Vater gehörte – und setzte sich zunehmend

und immer intensiver mit Kunst

auseinander. Hatten es ihm zunächst Flachreliefs

angetan, fand er schon bald zu seiner

wahren Liebe, der Fotografie. Damals verkaufte

Benzmann seine Bilder als freischaffender

Pressefotograf. Etwa an die damalige

SPD Zeitschrift »Blickpunkt« – oder an den

Axel Springer Verlag. Bekannt geworden ist

er aber mit Aufnahmen der Jazz- und Rockmusikszene

der 60er und 70er Jahre, durch

Fotos seiner vielen Weltreisen, vor allem

durch Asien. Und auch mit eigenen Fotoausstellungen.

Seine letzte hieß »Berlin 68: Zwischen

Revolte und Randale« und war bis Mitte

November in der Galerie Carlos Hulsch im

Kudamm Karree zu sehen. Darunter war

auch das Grass-Foto.

Die Anekdoten, die Benzmann zu seinen

Werken erzählen kann, sind mindestens

Axel Benzmann (rechts) bei der Eröffnung

seiner Ausstellung »Berlin 68: Zwischen

Revolte und Randale«.

ebenso spannend wie die Fotos selbst. Da

gibt es das Mysterium um den »Doppelten

Demonstranten«, der durch Zufall auf beiden

Demonstrationen von Benzmann fotografiert

wurde und dessen Identität sogar

ihm bis heute rätselhaft ist. Oder die Geschichte,

dass er in der Nacht des 18. Februars

den Studentenführer Rudi Dutschke

aus einer Verfolgungsjagd mit rechten und

militanten Taxifahrern rettete.

Aber wer auf der Ausstellung nach Fotos

des Internationalen Vietnam-Kongresses

selbst suchte, der schließlich der Auslöser

für die Demonstrationen wurde, suchte

vergebens. Als vermeintlicher »Springer

Fotograf« wurde Axel Benzmann, der

68er-Sympathisant, noch vor dem ersten

Schnappschuss des Saales verwiesen. �

Sina Platzer und Sabine Küpers studieren

Theaterwissenschaft. Theresa Kellner studiert

Frankreichstudien.

Furios 01 (2008)

foto: dietrich WinKler/pressedienst


Ein Student stößt im Bücherregal seiner Eltern auf ein Büchlein

im roten Latexmantel. Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking

1972, liest er. Plastikprodukt made in China. Vorne das Bild eines

zugeknöpften Herren mit schütterem Haar und Pausbacken. Goldletter

titeln: »Die Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung« – unterteilt

in 33 Kapitel über Kommunisten, Kader, die Jugend, Frauen,

den Volkskrieg oder den Klassenkampf.

Auf die Frage, wie das kleine Rote den Weg ins Regal gefunden

hat, antworten die Eltern des Studenten womöglich mit einer lustigen

Episode. Nur bei der Frage, warum sie das Büchlein erworben

haben, stutzen sie. Darüber zu reden scheint noch

schwieriger als über die Mao-Bibel zu schreiben.

1966 erschien sie erstmals mit einem Vorwort

von Maos Verteidigungsminister

Lin Piao, der Zitate »des großen Erlösers«

aus 40 Jahren zusammengetragen

hatte. Die Sprüchesammlung

war ursprünglich zur

Erbauung der Volksbefreiungsarmee

gedacht. Doch Mao gefiel

Piaos Einsatz. Das Büchlein wurde

zum Standardwerk politischer

Volksbildung während der Kulturrevolution.

In dieser Zeit starben drei

Millionen Menschen im Rahmen staatlich

initiierter »Säuberungen«.

An die Freie Universität schwappte das Buch 1967

und manch ein Student war hingerissen. Man trug die Mao-Bibel

bei sich; am Revers prangte ein goldfarbener Mao-Kopf und als

Poster grinste Mao von den Wänden. Was dem Chinesen befohlen

wurde, machte der deutsche Marxist-Leninist freiwillig. Genüsslich

zitiert der Historiker Götz Aly in seiner Abrechnung mit der eigenen

Generation die Mao-Parolen der Studenten: Die Revolution

sei kein Deckchensticken und aus den Gewehrläufen komme alle

Macht, hieß es. 1967 liefen im Auditorium Maximum chinesische

Propaganda-Filme wie Die große proletarische Kulturrevolution. Im

selben Jahr lud der AStA der FU zu einem Vortrag über die chine-

Furios 01 (2008)

WarenFetisch:

Die maobibeL

Ein China-Böller.

von Rachelie Hefter, Claudia Schumacher und

Michi Schneider (Illustration)

KuLtur

sische Kulturrevolution: »Revolutionäre sind wie der Affenkönig,

ihr goldener Stab ist mächtig, ihre übernatürlichen Kräfte sind

weitreichend und ihr Zauber ist allmächtig; denn sie besitzen die

unbesiegbare Lehre Mao Tse-tungs«. Von der Begeisterung zeugt

heute höchstens noch das Büchlein im Regal. Ab 1970 fanden Fundamentalmaoisten

zu ultradoktrinären Kadergruppen zusammen.

Auch die RAF fand in Maos krassem Freund-Feind-Schema ein

verwertbares Theorem. In dieser Tradition wollen vernünftige Eltern

nicht gesehen werden.

In China war der Besitz einer Mao-Bibel keine Frage der Begeisterung.

Studenten wurden in öffentlichen Verkehrsmitteln

kontrolliert, ob sie das Sammelwerk bei

sich führten. Für den kommunistischen

Gruß mit dem zum Maoportrait hin

aufgeschlagenen Büchlein gab es

ein eigenes Zeremoniell. Auch ein

Tanz mit dem Buch wurde festgelegt.

Ob die Mao-Bibel auch an

der Freien Universität zum Tanz

gebeten wurde, ist uns nicht bekannt.

Doch manch ein FU-Student

scheint das Buch auf dem »Pfad

zur endgültigen Dauerlust«, wie Götz

Aly zitiert, als treuen Begleiter in der Hosentasche

bei sich geführt zu haben. Vielleicht

hatte Peter Schneider, Autor und ehemaliger FU-Student,

das erotische Potenzial jenes kleinen roten Warenfetischs vor

Augen, als er schrieb: »Die Verwirklichung des Libidoprogramms

unter den Bedingungen des Spätkapitalismus und Imperialismus

ist daher die Weltrevolution.« Mittlerweile ist Mao tot. Zumindest

in Deutschland. In China lebt er noch ein bisschen wie Elvis

im Westen. Sein Geburtsort Shaoshan wurde zur Wallfahrtsstätte.

Dort lebt Mao weiter im Kommerz: Als Postkarte, Anstecker,

Bronzebüste oder Feuerzeug. �

23


24

KuLtur

FLaneur:

WinK mit Dem Kärcher

Der FLaneur führt durch das herbstliche Dahlem. Er weiß viel über die

Architektur und denkt sich dabei noch viel mehr. Eine Plauderei.

von Claudia Schumacher

und Chantal Carucci (Foto)

» Unsere Exzellenz begründete kein Cluster, sondern ein

vor 100 Jahren verstorbener Preuße. Es begab sich zu der

Zeit, da Romantik und Idealismus dem 19. Jahrhundert

ein Ende bereiteten, dass der preußische Ministerialdirektor

Friedrich Althoff, Spross pommerschen Uradels

und Ihre Exzellenz von Amts wegen, die Königliche

Domäne Dahlem auflöste. Auf vormals baugeschütztem

Ackerland sollte gedeihen, was Deutschland im internationalen

Vergleich bislang gefehlt: eine Eliteuniversität.

Und so veranlasste jener Althoff, ein »Intrigant unter

der Maske eines biederen westfälischen Bauern«, wie

ein Zeitgenosse höhnte, die »Gründung einer durch

hervorragende Wissenschaftsstätten bestimmten vornehmen

Kolonie«. Und nannte sie liebevoll sein »deutsches

Oxford«. Als 1911 mit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

in Dahlem eine Vielzahl neuer Institute

entstand, wuchs das kleine Oxford seiner Bestimmung

entgegen, bis es zwölf Nobelpreisträger unter seinen

Dächern beherbergte, darunter Max Planck und Albert

Einstein. In der Thielallee 63–69, wo heute Biochemiestudenten

der FU sitzen, schufen dereinst Otto Hahn

und Lise Meitner die theoretische Grundlage zur Kernspaltung.

Welch ein Erbe für unsere Universität, in

«

deren

jüngerer Geschichte mehr Atomgegner und Pazifisten

aktiv waren als Vitamine in der Mensa.

»

WeLch traurige griechin!

Zwei Kriege und zwei Jahre kommunistischer Geistesamputation

später, führte die Relegierung der bolschewisierungskritischen

Studenten Hess, Stolz und Schwarz

an der Universität unter den Linden zur Gründung der

Freien Universität. »Change they need!«, dachten sich die

amerikanischen Besatzer – et voilà: Im Winter 1948 wurde

der Lehrbetrieb in den ehemaligen Kaiser-Wilhelm-

Instituten (KWI) aufgenommen. Zudem wurden Villen

angemietet, die trotz späterer Neubauten teils noch genutzt

werden. Als eines der ersten KWI-Gebäude bekam

die FU das Haus in der Ihnestraße 22 gestellt, mittlerweile

wird es vom Otto-Suhr-Institut genutzt. Noch

heute schmückt der bronzene Kopf der KWI-Athene das

Hauptportal. Wehmütig blickt die Hellenin zu Boden.

Dabei hat sie gar nicht gesehen, was in der

«

Dunkelperiode

deutscher Geschichte hinter ihrem Rücken getrieben

wurde: rassentheoretische Naziforschung.

Claudia Schumacher studiert Literaturwissenschaft.

Furios 01 (2008)


»

so ein Dummer spruch!

Eine Universität, deren Gründungssaga wie ein frischer

Wind das Land durchzieht, hat so ihre Anziehungskraft.

Und so pilgerten die Studenten nach Dahlem. Bald

war es denn soweit und neue Bauten mussten her. Eine

illustre Gesellschaft lockerte ihr Beutelchen und die Architekten

Müller und Sobotka legten los. So entstand ab

1952 das offizielle Hauptgebäude der FU, finanziert aus

Spendengeldern der Ford Foundation. Was leicht schizophren

daherkommt – einerseits trutzig und schwer, auf

der anderen Seite bauhauselegant mit Glasfassade – birgt

in sich eine pathetische Symbolik. So fällt am Henry-

Ford-Bau zur Boltzmannstraße hin die massive Natursteinmauer

ins Auge. Sie ist gen Osten gerichtet, wie

ein Bollwerk gegen den Sozialismus. Und schützt nach

innen die Rednerbühne des Auditorium Maximum. Very

American. Genau der richtige Ort für einen Präsidentenschwatz.

Und so stellte sich John F. Kennedy 1963 an der

bauhauseleganten Seite in den Ehrenhof vor 12 000 Studenten,

zu seiner Rechten das antisozialistische Gemäuer.

Die FU vor dem großen Coup: der amerikanische Präsident

leibhaftig auf dem Campus! Das gesamte Ordinariat

drohte vor Erregung zu implodieren. Berühmt wurde die

Rede trotzdem nicht. Bereits am Vormittag war Kennedy

«

bei einem Volksfest vor dem Schöneberger Rathaus der

Satz »Ich bin ein Berliner« entwischt.

Furios 01 (2008)

KuLtur

»

Diese bLocKhütte!

Bis in die 60er Jahre hinein hatte sich die Studierendenanzahl

der FU versechsfacht. Not war am Raum

und ein großer flexibler Gebäudekomplex musste her.

FU-typisch zog allerdings noch ein weiteres Jahrzehnt ins

Land, bis der Grundstein gelegt wurde. Nach Plänen des

Pariser Architektenbüros Candilis-Josic-Woods begann

Anfang der 70er Jahre der Bau der Rost-und Silberlaube.

Um künftig besser auf wachsende Studierendenzahlen

reagieren zu können, entwarfen die Architekten mit

der Rostlaube ein Gebäude, das von Kopf bis Fuß fast

vollständig zerlegbar und variabel ist. Sie konzipierten die

Laube in Le Corbusiers proportionalem Modulor-System.

An allen Seiten kann angebaut werden, symbolisch

beginnen die Namen der Erschließungswege daher bei J

und 23 und nicht bei A und 1.

Schon wenige Jahre nach der Fertigstellung 1973

wurden Anbauten dringend nötig, ironischerweise wuchs

die Rostlaube aber nicht. Stattdessen platzte sie fast vor

Studentenmassen und mutierte in ein »unlustbesetztes

Monster«, wie der ehemalige FU-Präsident Lämmert

polterte. Bis in die 90er Jahre verbargen die Tore der

Rost-und Silberlaube einen anarchischen Schlund. Studentinnen

beklagten sich mehrfach über Paranoia in den

dunklen Fluren des von Vandalismus geprägten Gebäudes.

Dies war keiner präklausuralen Hysterie geschuldet,

sondern tatsächlich auf »die Anwesenheit von sozial auffälligen

und exhibitionistischen Personen« rückführbar,

wie die Bauplanerin Sylvia Stöbe es bezeichnet. Übrigens

verdankt die Rostlaube den Namen ihrer ursprünglichen

Gesichtshaut aus Corten-Stahl. Durch leichtes Anrosten

sollte eine Schutzschicht entstehen. Doch der Rost trieb

es teuflischer als vom Pariser Architektentrio prognostiziert.

Bis in die späten 90er war die Fassade der Laube

verdorben. Doch mittlerweile haben wir in der Rostlaube

dank Sir und Lord Norman Fosters Einsatz eine weitere

Kulisse für Staatsbesuche erhalten. Sarkozy würde es lieben.

Hier wurde mal ordentlich durchgekärchert. So, wie

er sich das für die französische Vorstadt erträumte. Mit

den Worten unseres hauseigenen

«

Präsidenten Lenzen:

Das »Image einer linken, schmutzigen Stadtrand-Universität«

wurde überwunden.

25


26

KuLtur

1

asian hot shots Berlin

13.–18. 1. 2009, Babylon Mitte

Asia in Berlin

Nach dem erfolgreichen Auftakt

letztes Jahr findet im Januar die

zweite Ausgabe des Festivals statt. Die

von drei FU-Studentinnen initiierte

Plattform für junge asiatische Filmkunst

kommt nach einer Tour durch

Bern, Bombay und Manila mit einem

neuen Programm zurück nach Berlin.

2

Final chaos

13. 12. 2008, Jugend- und Kulturzentrum

und ASPs Wutzkyallee, Neukölln

Seit diesem Jahr gehört die Band Final

Chaos zur Hard Rock und Metal Szene

Berlins. Im Januar 2008 kam ihr erstes

Album Fall of Distance auf den Markt.

Ihre Musik beschreiben sie selbst als

»clean«. Die Verbindung von Gesang

und Metal-Elementen spielt eine entscheidende

Rolle. Final Chaos ist eine

Mischung aus Metalcore, Trash und

Rock. Geprägt sind die sechs Musiker

dabei von Bands wie Killswith Engage,

Lamb of God, Trivium und Metallica.

www.myspace.com/finalchaos1

kuh-tipp

FU-Studierende sind 60 Jahre nach der Uni-Gründung kulturell aktiver

denn je: Eine Auswahl an Veranstaltungen kreativer FU-Köpfe.

3

Vorhang auF!

30. 1. 2009, 20 Uhr, 31. 1. 2009,

20 Uhr, Theater im Kino,

Boxhagener Str. 18, 2. Hinterhof

1

Shakespeares Komödie Twelfth Night

bringt die FU-Studentin Laura Ameln

als Regisseurin im Theater im Kino

auf die Bühne. Auch vor dem Vorhang

wird die Studentin der Theaterwissenschaften

und des Englischen selbst mit

anderen (FU-)Studis und Zivis stehen,

um gemeinsam das Stück um Liebe

und Sehnsucht auf Englisch aufzuführen.

www.theater-im-kino.de

4

»dahlemer

poetikgespräche« mit

dem georg-Büchnerpreisträger

des Jahres

2008

11. 12. 2008, Museen Dahlem,

Eintritt: 5 Euro (ermäßigt)

Buchhandlung unseres Vertrauens

Die Universitätsbuchhandlung der

FU am U-Bahnhof Dahlem ist keine

gewöhnliche: Entstanden ist sie

1968 aus einem mobilen Bücherstand

an der Mensa. Der damalige Betreiber

und heutige Besitzer war selbst

Student an der FU. Über das Dahlemer

Autorenforum veranstaltet er

regelmäßig Lesungen. Unser Tipp:

Am 11. 12. 2008 spricht Josef Winkler,

Preisträger des Georg-Büchner-Preises

2008, mit Peter-André Alt und Peter

Bieri über die Kunst des Schreibens.

www.schleichersbuch.de

2 3

4

5 6 8

7

9

zusammengestellt von Blagoy Blagoev,

Marlene Göring, Rachelie Hefter und

Miriam Winkels (Illustration)

5 herzstück!

headlaB

31. 1. 2009, Wabe, Danzigerstr. 101

Musik aus dem Kopflabor

Progressive Rock – das ist Energie und

Emotion, tonal verkörpert durch sich

ergänzende Instrumente und Gesang.

Diese Qualitäten haben headlab in

den letzten zwei Jahren entwickelt

und ausgebaut und werden das am

31. 1. 2009 gemeinsam mit for no one

live demonstrieren. Dafür versetzt

sich headlab vom Friedrichshainer

Untergrund in den Konzertsaal der

Wabe. Die entstand schon 1986 aus

den Überresten des Glaswerks an der

Danzigerstraße und ist heute Teil des

Kulturzentrums Prenzlauer Berg. In der

Wabe finden regelmäßig Veranstaltungen

bekannter Künstler statt, es sind

dort aber auch Bands groß geworden.

Wer »ProgRock« und seine Kinder

sonst nur in Kellerclubs genießen

kann, dem sei dieses Konzert ans Herz

gelegt. Headlab ist Stimmungsgewitter

und ihre neue Show hält einige

Überraschungen bereit. Seid gespannt

und lasst euch ein auf das »Geräusch,

das denkt«! www.myspace.com/

headlabberlin, www.wabe-berlin.de

Furios 01 (2008)


6

amerikanische Berge

Mi., 18 Uhr s.t., Seminarraum I, Institut

für Theaterwissenschaft, Grunewaldstr. 35

Eine Achterbahn durch die Filmgeschichte

Wenn du Filme nicht bloß sehen willst,

sondern zusammen mit anderen Filmliebhabern

erleben möchtest, dann bist

du hier richtig. Nach dem gemeinsamen

Gucken kannst du offen und kritisch

über die Filme diskutieren. Dabei ist

das Programm mit Klassikern wie JAWS

(10. 12), The Wizard of Oz (14. 1.) oder

Blade Runner (28. 1.) vollgepackt.

7

Baader-meinhoF-

komplexe

12.–14. 12. 2008

Wochenendseminar zur linken Kritik

an den 68ern und der RAF

Wer den Mythos 1968 entzaubern will,

hat hier die optimale Gelegenheit dazu.

Für nur ca. 10 Euro gibt es Unterkunft,

Verpflegung und Seminarmaterial, sodass

ihr euch ein Wochenende lang mit

Gleichgesinnten und Gesinnungsfremden

auseinandersetzen könnt. Verbindliche

Anmeldung und weitere Infos

unter: www.naturfreundejugend-berlin.de

8

skanta klaus am

nikolaus

6. 12. 2008, ABC Rocks Köpenick

Dass Ska und Weihnachten sehr gut

zusammenpassen, beweist schon zum

vierten Mal die SKAnta-Klaus-Konzertreihe.

Dieses Jahr sind die Bands

Minni the Moocher, The Essentials,

Les Calcatoggios, Kompetenzteam und

Nanofish Dippers am Start. Trotz Schnee

und Kälte kann man bei dem witzigen

Event für wenig Geld anständig feiern.

9

dein tipp?

Wenn du mit deinem Event (zwischen

März und Juni 2009) in der

nächsten Ausgabe auf diesen Seiten

stehen möchtest, melde dich unter:

kuh-tipp@furios-campus.de

Furios 01 (2008)

»Die Kunst

entLässt einen

nicht in Den

FeierabenD«

Eike Weinreich über Schauspiel,

Erfolg und fiese Blogger.

von Claudia Schumacher

und Livia Mertens (Foto)

Alles kreiste ums Debüt, nicht nur bei

FURIOS: Eike Weinreich gab mit gerade

einmal 21 Jahren sein Kinodebüt. Er spielt

die Hauptrolle in »Die Eisbombe«, einer

Coming-of-Age Geschichte im spießigen

Öko-Milieu. In der Bio-Komödie spielt

Eike einen behüteten Lehrersohn, der in

der permanenten Angst vor Bedrohung

und Umweltvergiftung aufwächst. Eines

Tages schlägt eine Eisbombe ins Elternhaus

ein – und nichts ist mehr so wie vorher. Als

der Leipziger Schauspielstudent in Berlin

Premiere feierte, haben wir ihn getroffen:

Toller Start! Bei den meisten Schulabgängern

sieht der große Sprung ins

Leben weniger spektakulär aus. Bist

du besser als die meisten, Elite sozusagen?

Ach nee, das ist nicht so mein Ding. Ich

bin in der Provinz aufgewachsen, wollte

Schauspieler werden. Das hat man da

erst mal belächelt und mit »Mach was

Vernünftiges« abgetan. An den staatlichen

Schauspielschulen bin ich dann

zweimal in der Bewerbungsendrunde

rausgeflogen. Es war also eine Erleichterung,

als die Zusage von der »Mendelssohn

Bartholdy Schauspielschule«

kam und schieres Glück, dass ich beim

Casting für »Die Eisbombe« erfolgreich

war. Im ersten Studienjahr hat mir die

Kinoerfahrung aber auch keine bessere

Stellung eingebracht. Da hatte ich

Selbstzweifel wie alle anderen.

Mal ehrlich, das muss doch ein krasses

Gefühl sein, im Kino zu debütieren!

Das ist ein völlig neues Gefühl und ich

weiß noch nicht recht, wohin damit.

Man kann sich aber eine gewisse Gelassenheit

antrainieren.

Was fällt dir als Jungschauspieler noch

schwer?

Die eigene Leistung der Kritik fremder

Leute zu übergeben, ist nicht leicht. Du

KuLtur

steckst sieben Wochen harte Arbeit in so

ein Projekt und dann wird das ganze auf

90 Minuten runtergekürzt. Diesen Ausschnitt

goutiert dann irgendein selbsternannter

Kritiker und fällt knallharte

Urteile in einem Blog.

Was war denn die übelste Kritik?

»Das ist kein Film fürs Kino!« Eigentlich

kann man froh sein, wenn die Kritik ins

Extrem geht. Jemand schrieb auch: »Das

ist der beste deutsche Film seit Jahren!«

Ich bemühe mich, auf meinem eigenen

Fundament zu stehen und mich von

Kritik ein Stück weit unabhängig zu machen.

Ist deine Figur des »Thomas-Albert

Schuhmann-Weil« nicht ein ziemliches

Klischee? Der Milchbub, der neurotische

Spross einer überbesorgten

Mutter, der Antiheld. Was macht die

Figur vielschichtig?

Er durfte eben nicht zu dumm wirken

und sollte bei seiner ganzen Schrulligkeit

ernstgenommen werden können. Das ist

ein schmaler Grat, der Charakter war arbeitsintensiv.

Wie hat das Studium dich verändert?

Man bringt uns bei, den Körper nicht

als Maschine, sondern als Instrument

wahrzunehmen. Da entwickelst du ein

anderes Bewusstsein für dein Auftreten.

Körperhaltung, Artikulation und

Stimmsitz lernt man mit der Zeit gezielt

einzusetzen.

Verrätst du mir noch, welche Momente

beim Dreh dir in besonderer Erinnerung

bleiben werden?

Neben der Sexszene mit Katharina

Schüttler vor allem die Gespräche mit

anderen Schauspielern. Wenn du als

Neuling mit Karoline Eichhorn über die

Risiken des Schauspiels reden kannst, ist

das schon ein Privileg.

27


28

eWige ehemaLige

boser

zahn

Die 68er haben ihn gehasst.

Wir haben ihn besucht.

von Björn Stephan und Tin Fischer (Foto)

Bürgerlicher Dreizack: Hans Eberhard Zahn

Furios 01 (2008)


Zweimal sauste das hölzerne Hämmerlein

des Vorsitzenden nieder.

Die letzten Gespräche verstummten

in dem bis zum Bersten gefüllten Senatssitzungssaal

des Henry-Ford-Baus. Die

bedrohliche Spannung aber schwebte weiter

über den penibel frisierten Häuptern

der Kuratoriumsmitglieder. Nach ebenso

langen wie kontroversen Diskussionen kam

es endlich zur Abstimmung. Die ersten

Manschetten-umknöpften Hände reckten

sich zur Stimmabgabe in die Höhe, als

plötzlich ein Sturm fauler Eier und Farbbeutel

aus den Reihen der studentischen

Zuschauer auf die Ordinarien niederbrach.

Peinlich besorgt um die Reinlichkeit ihrer

Anzüge suchten die Angegriffenen Schutz

unter den Tischen und Stühlen. Nur einer

versuchte sich einen Weg durch die Geschosse

der linken Aktivisten zu bahnen.

Der Vertreter der wissenschaftlichen Mitarbeiter

stieg auf einen Tisch und griff sich

das Mikrofon: »Genossen, wenn ihr die

Revolution machen wollt, müsst ihr besser

zielen lernen! Werft hier hin«, rief er auf seine

Brust deutend. »Ich werde es wie einen

Orden tragen!«

Geradezu beispielhaft wirkt

diese Szenerie für die Assoziationen,

die die Chiffre »68« in

unseren Köpfen weckt: Aufbegehren,

Tumulte und Proteste.

Einzig der beißende Zynismus

des Widerständlers fällt

aus dem Rahmen. Dabei ist er

charakteristisch für Hans Eberhard

Zahn, der von sich selbst

behauptet: »Ich war bei den Linken so verhasst,

weil ich ihre Angriffe nie mit knirschenden

Zähnen, sondern stets mit Ironie

beantwortet habe. Die konnten ja nie über

sich selbst lachen.« Wer ist dieser Mann,

der als einer der Lieblingsfeinde der 68er an

der FU galt?

Auf Spurensuche in seiner Schöneberger

Wohnung. Die Zeit scheint hier stehengeblieben

zu sein. Staubmoleküle tanzen im

schräg einfallenden Sonnenlicht. Die antiquiert

wirkenden Möbel atmen die Luft der

sechziger Jahre. Ganz anders der Hausherr.

Man begegnet einem rüstigen, aufgeschlossenen

Herrn, mittlerweile 80, der mit großer

Gelassenheit auf seine Vergangenheit

zurückblickt. Das ergraute Haar ist noch

immer sorgfältig nach hinten gekämmt,

wie auf einer Fotografie von 1960. Nur die

altersmilden Züge gleichen nicht mehr dem

kantig-verhärmten Gesicht, das einen dort

noch unverwandt anstarrt, gezeichnet von

sieben Jahren Stasi-Haft.

Furios 01 (2008)

Rückblick: Wir schreiben das Jahr 1953.

Der Psychologiestudent Zahn verweilt zu

Besuch in Ost-Berlin. Plötzlich wird er

von der Stasi verhaftet. Stählern legen sich

Handschellen um seine Gelenke. »Agententätigkeit«

lautet der Vorwurf. Das Urteil:

Sieben Jahre Haft für den 25-jährigen.

Ein Jahr nach seiner Entlassung nahm

Zahn sein Studium wieder auf. Die FU

glich nur noch in Ansätzen seinen Erinnerungen.

»Als ich die Uni notgedrungen verlassen

musste, herrschte ein anti-totalitärer

Konsens. De facto gab es weder linksradikale

noch rechtsradikale Studenten«, erinnert

er sich. Nun aber entwickelte sich ein

politischer Diskurs, drängende Reformen

wurden angemahnt. Sozialisten und Kommunisten

übernahmen die Meinungsführerschaft

auf dem Campus.

Auch Zahn, mittlerweile wissenschaftlicher

Assistent, hegte keinerlei Zweifel an

dem Reformbedarf der Ordinarien-Universität.

Der wachsende Einfluss linksradikaler

Kräfte erregte jedoch seine größte Besorgnis.

Schließlich waren es »SED-hörige

Westsozialisten«, die auf dem Vormarsch

waren und dem totalitären Unrechtsstaat

»Wenn ihr die Revolution machen

wollt, werft hier hin!«, rief er auf

seine Brust deutend. »Ich werde es

wie einen Orden tragen.«

das Wort redeten, der ihm sieben Jahre seines

Lebens genommen hatte. Noch heute

erklärt er deshalb im Brustton der Überzeugung:

»Die gemäßigten Linken waren

Gegner. Aber diejenigen, die die Sache der

DDR vertraten, waren Feinde.«

Zu letzteren zählte er vor allem die

Hochschulgruppe Aktionsbündnis von

Demokraten und Sozialisten (ADS), die finanziell

und organisatorisch maßgeblich

von der SED unterstützt wurde. Für Zahn

war klar: Dieser radikalisierte Teil der Studentenschaft,

der in zahlreichen Gremien

der Geistes- und Sozialwissenschaften vertreten

war, betrachtete die FU nur als ein

Experimentierfeld, als einen ersten kleinen

Schritt, bevor die sozialistische Maske nicht

nur der FU, sondern der gesamten bundesrepublikanischen

Gesellschaft gewaltsam

übergestülpt werden sollte.

Ein wenig ächzend erhebt sich Zahn

von seinem gepolsterten Stuhl und greift

eWige ehemaLige

zu einem an den Rändern vergilbten Ordner.

Alles ist sorgfältig archiviert. Vorsichtig

zieht er ein Papier heraus, auf dem in großen

Lettern die Überschrift »Freie Universität

unter Hammer und Sichel« prangt.

Unter diesem Titel firmierte ein Kampfesblatt

an der FU, das den wachsenden kommunistischen

Einfluss geißelte und erhebliches

Aufsehen erregte. Herausgegeben

wurde es von der Notgemeinschaft für eine

freie Universität (NofU), einer überparteilichen

Vereinigung von Professoren, wissenschaftlichen

Mitarbeitern und Studenten,

unter deren Dach sich die Gegner der 68er

versammelten. Zu ihren Mitbegründern im

Jahre 1969 gehörte auch Zahn, der schon

bald eine führende Rolle einnahm. Er war

das Gesicht der NofU und permanent in

der Öffentlichkeit. An ihm schieden sich

die Geister. So blieb er auch vor Schikanen

nicht gefeit. Mehrfach türmte sich Abfall

vor seinem Büro oder das Schloss war mit

Klebstoff verschmiert; einmal flog ein faules

Ei durch das Fenster. Doch Zahn, der Verhöre,

Schlafentzug und Isolationshaft über

sich ergehen lassen musste, ließ sich nicht

einschüchtern. Wesentlich schwerer jedoch

wogen für ihn die Vorwürfe, er sei

ein »Faschist« und »Nazi«. Der be-

kennende Antikommunist betont

noch heute: »Ich hätte mich auch

gegen Rechtsextreme zur Wehr

gesetzt, wenn es sie denn gegeben

hätte. Ich verabscheue politischen

Extremismus jeglicher Couleur.«

Aber auch die NofU und Zahn

verstrickten sich im ideologischen

Grabenkampf. Sie fertigten Namenslisten

an, die vor im ADS aktiven Studenten

warnten und an Vertreter aus Wirtschaft,

Verwaltung und Politik versandt wurden.

Unzählige Male ist Zahn bereits mit kritischen

Fragen dazu konfrontiert worden.

Ein wenig Verärgerung schwingt in seiner

Stimme mit, als er sich rechtfertigt: »Wir

haben das getan, was jeder Bürger hätte tun

können für den Schutz unserer freiheitlichdemokratischen

Grundordnung. Ich schäme

mich nicht dafür, sondern ich bin stolz

darauf.« Während er so spricht, flackert die

alte Kampfeslust wieder in seinen Augen

auf und für einen Moment kann man sich

den Mann vorstellen, der einst Tische erklomm

und den Farbbeuteln trotzte. �

Björn Stephan studiert Geschichte.

29


30

biLDLegenDe

mut zur

ironie

Nach den Studentenunruhen

galt die FU als »Schmuddeluniversität«.

Damals konnte

sie darüber lachen. Heute

nicht mehr. Untersuchung

eines Plakats.

von Johannes Hub

Ein zerschelltes Ei und ein roter Farbfleck.

Darüber der Satz: »Mal ehrlich: So

stellen Sie sich doch die Freie Universität

vor?« Die selbstironische Einladung zum

Tag der offenen Tür 1975 wirkt heute seltsam

fremd. Zumal die Fähigkeit, über sich

selbst zu lachen, in Deutschland nicht gerade

verbreitet ist. Die Freie Universität

macht da keine Ausnahme. Humorvoll war

ein Plakat, das die FU bewirbt, schon lange

nicht mehr.

Der Schöpfer des Plakats, Peter Butschkow,

beschreibt seinen Eindruck der Universität

in jener Zeit als unruhig und angespannt.

Den Auftrag für das Plakat erhielt

er vom damaligen Leiter der Pressestelle,

Dr. Rietzschell, den er als »äußerst vitalen,

aufgeschlossenen und in seiner Position

sicherlich auch unbequemen Mann« be-

schreibt. Dieser sei vom Entwurf »begeistert«

gewesen. Das Werbeplakat sei so gut

angekommen, dass es im Rahmen einer

Auszeichnung für die besten Werbeplakate

in der Nähe der Gedächtniskirche ausgestellt

wurde.

»Die zerplatzten Eier standen für Protest,

die rote Farbe für Energie«, sagt Butschkow.

Aber die farbliche Gestaltung sollte »durchaus

schon spezielle ideologische Protestaktionen

symbolisieren«. Eine Studentin, die

heute in der Vermarktung der FU tätig ist,

erinnert sich: »Seminare wurden regelmäßig

unterbrochen und dann als Diskussionsplattform

benutzt. Ich fand das okay,

aber mich hat geärgert, dass damit der Unibetrieb

so massiv gestört wurde.« Obwohl

selbst links engagiert, habe sie bald »die

Nase voll gehabt« von manchen Aktionen,

Quelle: universitätsArchiv fu berlin

die sie heute als »ideologisch und intolerant

und der Sache wenig dienlich« bezeichnet.

Das Plakat führt uns darüber hinaus

aber auch unser Verhältnis zur eigenen

Vergangenheit vor Augen. Denn obgleich

die Universität als Ergebnis der damaligen

Zustände laut der Zeitzeugin aussah »wie

Sau«, hätten die Studenten den Versuch

unternommen, die Universität und die

Gesellschaft zu verändern. Heute seien

viele »egoistisch und boxen sich gnadenlos

durch. Geld und Status haben heute einen

viel höheren Stellenwert als damals.« �

Johannes Hub studiert Politikwissenschaft.

Furios 01 (2008)


im grunDe

ein märchen

Haifa ist die Stadt der Kontraste. Und eine verschlafene Prinzessin.

von Sebastian Schirrmeister

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Sebastian Schirrmeister studiert Literaturwissenschaft.

Furios 01 (2008)

Die internationaLe

Erleuchtet in Israel:

Sebastian Schirrmeister

Warum fährt man nach Haifa? Vielleicht, weil man sich nicht

entscheiden kann. Berge oder Meer? Schabbatruhe oder Mobilität?

U-Bahn oder Seilbahn? Juden oder Araber? Ersetze das

»oder« durch ein »und« – voilà, du bist in Haifa.

Die Stadt in Israels Norden erstreckt sich vom Mittelmeerstrand

bis in die Wälder des Karmelgebirges. Sie hat eine U-Bahn, die

von Seilen gezogen wird, Busse, die an Schabbat fahren und wird

von Juden und Arabern bewohnt. Koexistenz heißt das Zauberwort

– Haifas größter Stolz.

Die Stadt, in der ich nun ein Jahr leben werde trägt den märchenhaften

Kosenamen »Schlafende Schöne«. Verträumt wie

Dornröschen. Aber das stört mich nicht: Ich komme aus Potsdam.

Gemeinsam mit zwei weiteren DAAD-Stipendiaten bin ich

vor drei Monaten von der Potsdamer Uni nach Haifa aufgebrochen.

Doch wer glaubt, wir hätten hier hart zu schuften, sieht

sich getäuscht: ein Studienbeginn wie zähfließender Verkehr.

Die International School der Universität Haifa will mehr sein als

ein Studienzentrum für ausländische Studenten. Neben englischsprachigen

Lehrveranstaltungen werden Vorträge und Sozialaktivitäten

geboten. Der Slogan ist nicht umsonst »Erkunde Israel.

Entdecke dich selbst.« Klingt irgendwie nach Sommerlager mit

Selbstfindungsprogramm. Immerhin garantiert die International

School die Durchführung ihrer Veranstaltungen. Doch gegenüber

den jüdischen Feiertagen ist sie machtlos. Und so waren die

ersten Wochen des eigentlichen Studiums wie ein Schweizer Käse

mit großen, feierlichen Löchern.

Der Schwerpunkt an der International School liegt auf Politikwissenschaften

und Nahost-Studien. Wir Geisteswissenschaftler

fristen hier ein randständiges Dasein und sitzen in den Seminaren

ganz intim in Kleingruppen zusammen.

Wer einen Schritt aus der gemütlichen Blase der International

School hinauswagt, um Kurse an der »normalen« Universität zu

belegen, den umweht plötzlich der eisige Wind der Wirklichkeit.

Hier regiert die Unsicherheit. Mal streiken die Studenten, mal

streiken die Dozenten. Manchmal stört ein Krieg oder Attentat

das Unterrichtsgeschehen.

Das jüdische Jahr 5769 hat gerade begonnen. Aber wann das

akademische Jahr beginnt, weiß niemand so genau. Die Rektoren

der israelischen Universitäten haben es auf Eis gelegt. Ob sie

damit den Finanzminister für die Herausgabe der geforderten

Millionen erwärmen können, ist fraglich. Aber Warten und

Beobachten ist auch eine Methode, Israel zu erkunden. Und

vielleicht entdecke ich mich dabei noch zufällig selbst.

foto: heiKe schlAtter

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32

poesieaLbum

zusammengestellt von Sabine Küpers und Livia Mertens

Furios 01 (2008)


MICHI SCHNEIDER: Mit 18 riss er aus der Steiermark aus, landete

zuerst er an der Ecole Supérieure des Beaux-Arts im schön

warmen Nîmes und danach an der FU Berlin. Hier studiert er

Kunstgeschichte, malt munter weiter und mache dabei »eigentlich

dieselben Dinge wie vorher, nur ein bisschen bewusster«.

Im Seminar sei er natürlich »eh der Revoluzzer«. Er habe ja oft

das Gefühl, dass die Leute vor lauter Büchern die Kunst nicht mehr

sehen. »Ich mach, glaub ich, sehr gute Referate«, sagt er dann noch

lachend. »Okay, jetzt geb ich ein bisschen an. Aber ich mach das

halt mit Leidenschaft.«

Furios 01 (2008)

J

carte bLanche:

michi schneiDer

2

carte bLanche

Seine gemalten Bilder sind momentan nur in Graz zu sehen. Auf

MySpace finden sich aber Fotografien davon. Und wie Fotografien

kommen die Bilder daher. Es sind gemalte Schnappschüsse aus

dem Alltag. Im Bus, im Bett oder am Tisch im China-Restaurant.

»Ich glaube es ist das Banale, was das Leben ausmacht. Mit einer

Flasche Wein in der Strassenbahn sitzen und irgendwo hin fahren,

das hat schon so viel Wert und Leben in sich, dass es wert ist, festgehalten

zu werden.«

www.myspace.com/michi_schneider

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34

mensen mit

in Der mensa

mit präsiDent

Lenzen

Gerne wollten wir ein Interview mit Professor Lenzen,

Präsident der Freien Universität. Leider ließ uns sein

Pressesprecher ausrichten, dass dies weder kurzfristig,

noch in absehbarer Zeit möglich sei. Die Haushaltsverhandlungen

mit dem Senat stünden an. Dank steter

Medienpräsenz ist es uns dennoch gelungen O-Töne

einzufangen. Für ein Gespräch der anderen Art.*

von Christa Roth und Johannes Hub

Freitagnachmittag in der Mensa. Auf dem Tablett hat Präsident Lenzen

Schweinememedaillons mit gedünstetem Lauch und Kroketten

für 4,90 Euro, dazu Spreewaldgurken.

Sieht sehr gesund aus …

(lacht) Keine Bange, auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen

leben nicht allein von der reinen Erkenntis!

Aber Spreewaldgurken? Als Lokalpatriot der FU sind Sie bisher

kaum in Erscheinung getreten.

Menschen, deren Horizont nicht über den Spreewald und seine

wohlschmeckenden Gurken hinausgeht, werden keine Zukunft

haben. (ernst) Daneben in aller Klarheit noch einmal: die Freie

Universität Berlin, nicht die FU! Wir hassen diese Abkürzung,

und jeder, der sie verwendet, zahlt einen Euro in die Universitätskasse.

Identity, das heißt Identität, das impliziert, sich zu identifizieren

mit einer Corporation, der Freien Universität.

Woran scheitert die von Ihnen geforderte Disziplin?

Es fehlt an Willenskraft.

Thema Exzellenzinitiative. Studenten der FU sehen die Lehre

der Forschung gegenüber oft benachteiligt. Können Sie diesen

Unmut nachvollziehen?

Honoriert werden in diesem Wettbewerb nicht exzellente Lehre

oder ein guter Ruf einzelner Fächer hinsichtlich ihrer Ausbildungsqualität

und auch nicht die Aussicht der Absolventen

unterschiedlicher Fachrichtungen auf dem Arbeitsmarkt. Kurzum:

Über die akademische Ausbildungsqualität sagt das Wettbewerbsergebnis

nichts aus.

Wie rechtfertigen Sie dann das Wahlergebnis in Bezug auf die

FU?

Freiheit und Exzellenz setzen einander gegenseitig voraus. Deshalb

war und ist die Freie Universität ein Ort der Exzellenz und wird es

sein. Und aufgrund ihrer Exzellenz ist sie ein Garant für akademische

Freiheit.

Sie selbst sind dieses Jahr vom CHE und der FTD zum »Hochschulmanager

des Jahres« gekürt worden. Welche Voraussetzungen

muss man mitbringen, um eine Universität glaubwürdig

zu vermarkten?

Billiger Trick: Dieter Lenzen in

der Mensa. Eine Fotomontage.

Marketing heißt: nicht mehr als fünf Stunden Schlaf pro Tag, viel

essen können (Dinners!) ohne nachhaltige Gesundheitsschäden,

den Stress lieben lernen.

Delegieren Sie nicht auch einiges an ihre Mitarbeiter?

Es gibt keine Maßnahme, die der Präsident nicht vorher gesehen

hat und keine Äußerung, die nicht vorher freigegeben wurde!

Universitätsmarketing ist Chefsache. Wilde Aktionen sind der

Tod einer jeden Marketingstrategie.

Andererseits prägen doch auch große Namen wie Dutschke

das Bild der FU.

Wir wurden lange Zeit als eine Schmuddeluni abgetan.

Sie meinen die 68er. Gesellschaftlich engagierte Studenten

gibt es heute auch noch, was soll sich im Vergleich zu damals

verändert haben?

Wenn man all die Rankings, die existieren, nebeneinander

schreibt und fragt, wie oft eine deutsche Universität unter den

zehn besten ist, dann ist die Antwort überraschend und für Sie

erfreulich: Die Freie Universität ist auf dem ersten Platz! Sie hat

die meisten Hits, wenn mal alle Rankings zusammen nimmt. So

gesehen sind Sie immatrikuliert an Deutschlands Nummer 1!

Was macht den Unterschied aus? Was heißt es denn, Student

der FU zu sein?

Erstens: besser sein als andere. Zweitens: schneller sein als andere.

Ein Wort zur verhinderten »Superuni«.

Freie Humboldt Universität? Nein, danke.

Ihr Kommentar zum 60-jährigen Jubiläum?

Frage nicht, was deine Universität für dich tun kann – frage, was

du für die Freie Universität tun kannst!

* Die Originalzitate sind Zeitungsartikeln, schriftlichen Stellungnahmen und

öffentlichen Äußerungen Dieter Lenzens entnommen. Das Gespräch hat in

dieser Form jedoch nicht stattgefunden.

Furios 01 (2008)


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