Dezember 2008 - FURIOS Online

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titeLthema

nicht nur Das,

Was man DenKt

Die einen versuchen es mit Gitarre und quietschbunten Plakaten. Andere sprechen

über Jesus, Sex und ’68. An kaum einer Universität haben es Christen so schwer, auf

sich aufmerksam zu machen. Eine Suche.

von Anna Klöpper und Tin Fischer

Christliche Rhetorik kann die Freie

Universität. Wenn Präsident Lenzen

ihre Geschichte erzählt, meint

er eigentlich die Weihnachtsgeschichte. So

wie Gott als schwaches Kind in einer Futterkrippe

auf die Welt gekommen sein soll,

soll die FU von Studenten auf einem einfachen

Tischchen gegründet worden sein,

um die Wissenschaft von der Diktatur im

Osten zu befreien.

Trotzdem tut sich kaum eine Universität

mit der Religion so schwer wie die FU.

Vor einem Jahr hatte das Präsidium offiziell

zu einem Semestergottesdienst eingeladen.

Prompt reagierten einige Professoren

mit Protest. Eine zweite Einladung gab es

nicht. Dabei ist ein solcher Gottesdienst an

anderen Universitäten nur normal. Warum

die Verklemmtheit?

Wo ist gott, herr bongarDt?

Wir beginnen unsere Recherche bei

Herrn Bongardt, Professor für Ethik an

der FU und fragen gleich mal grundsätzlich:

Wo ist Gott an der Freien Universität?

Der differenziert: »Die FU hat von ihrer

Gründungsgeschichte her klare Signale

gesetzt, dass sie eine Universität ist, in der

zwar die Theologie oder die Religionswissenschaft

als Reflexion über Religion ihren

Platz hat. Was jedoch keinen Platz hat,

ist eine direkte Aktivität von Religionen.«

Was an Universitäten im angelsächsischen

Raum keine Seltenheit ist, findet man hierzulande

nicht. Einen Raum fürs Gebet, das

gibt es an der FU nicht. »Und das«, betont

Bongardt, »sollte auch so bleiben.«

Er hat den Einfluss zu spüren bekommen,

den die Kirche nichtsdestotrotz an

deutschen Universitäten hat. Während

Hochschulen in Frankreich oder im angel-

sächsischen Raum Theologie als Studienfach

unabhängig von der Kirche anbieten,

haben in Deutschland die Kirchen ein Mitspracherecht

bei der Besetzung von Professuren.

Ohne ein nihil obstat (»es steht nichts

entgegen«) durch die katholische Kirche

kann kein katholischer Theologe an einer

Uni lehren. Lebenswandel, Forschung und

Lehre des Professors müssen aus kirchlicher

Sicht stimmen.

Michael Bongardt ist eigentlich katholischer

Theologe. Nur: So nennen darf er

sich nicht mehr. Der ehemalige Priester hat

2003 geheiratet. Sein Recht, als Theologe

zu lehren, hat er damit aus Sicht der katholischen

Kirche eingebüßt. Also musste

an der FU nach einem neuen Aufgabenfeld

für den Professor gesucht werden. Das Institut

für Ethik wurde gegründet. Bongardt

bildet heute Ethiklehrer an der FU aus.

Eine Frage haben wir noch, bevor es weitergeht

zur Studentenmission SMD: Haben

wir eigentlich Gründe, an Gott zu glauben,

Herr Bongardt? »Zwingende Gründe gibt

es nicht«, sagt er zum Abschied. »Aber der

Glauben an Gott denkt vom Menschen oft

größer als der Humanismus.«

Die mission im namen

»Wer gläubig ist, muss dumm sein«,

habe ihr mal jemand gesagt, erzählt uns Rebekka

von der FU-Gruppe des SMD. Da

sei ihr dann auch nichts mehr zu eingefallen.

»Ein wichtiges Anliegen der SMD ist«,

erklärt sie, »dass der Glaube nicht anfängt

zu wanken, sobald man nachdenkt. Dass

es einen beispielsweise in der Naturwissenschaft

einfach faszinieren kann, wie Gott es

gemacht hat.«

Rebekka gehört zu den studentisch organisierten

Christen an der FU, die sich auf

die Gemeinden der evangelischen und katholischen

Kirche, die überkonfessionelle

SMD sowie eine ad hoc organisierte Bibelgruppe

verteilen. Letztere macht vor allem

mit Gitarre und quietschbunten Plakaten

auf sich aufmerksam.

»Wir würden an der Uni gerne präsenter

sein. Aber da kommt uns die Univerwaltung

nicht entgegen«, erklärt Rebekkas

Kollege Falko – »religiöse, terroristische

oder sexistische Inhalte« würden von der

FU nicht geduldet, sagte uns Studentenpfarrer

Thomas Treutler einmal halb ironisch.

Was hätte denn die FU von euch,

fragen wir die SMD-Studenten. Bei Rebekka

haben Antworten immer eine schlichte

Eleganz: »Mehr Freiheit.«

Die SMD, die es seit bald 60 Jahren

in ganz Deutschland gibt, hat die Mission

zwar im Namen und neue Mitglieder

sind natürlich ein Thema. Nur, wenn man

Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, muss

man auch darauf achten, wie die Strategien

bei Außenstehenden ankommen, meint

Rebekka. Lächerlich machen wolle man

sich nun eben auch nicht.

Zumindest haben die Gruppen und

Gemeinden ein reges Veranstaltungsprogramm.

Im Caledonian-Café in der Silberlaube

kommt der Referent des Diskussionsabends

zum Thema »Sex« zwar viel zu

spät, die Stimmung kann das aber trotzdem

nicht trüben. Fast glaubt man, in eine

vorweihnachtliche WG-Party geraten zu

sein – nur dass die Gäste die Flasche Wodka

im Kühlschrank noch nicht entdeckt

haben. Von Vertrauen und Hingabe ist die

Rede. An Gott, wie auch an einen geliebten

Menschen. Ist Sex wirklich nur eine Sache

der stimmigen Biochemie – oder vielleicht

doch »Ausdruck einer Sehnsucht, die über

Furios 01 (2008)

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