Dezember 2008 - FURIOS Online

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Dezember 2008 - FURIOS Online

persönLiche uni, exzeLLente chancen

Sascha Förster, Kristin Flade und Rafael Ugarte Chacón sind

Studierende der Theaterwissenschaft und Vertreter der studentischen

Initiative Margins Out/Incorporated

Sascha: Margins Out/Incorporated ist kurz gesagt eine studentische

Plattform, die Studierenden die Möglichkeit geben möchte,

sich zu äußern. Unser Ziel ist es, Studierenden an der Uni mehr

Gehör zu verschaffen und sie aus einer gewissen „Unmündigkeit“

zu befreien. Die Studierenden sollen sich selbst einbringen. Auch

die FU sollte sich für ihre Studierenden interessieren, ihnen Freiräume

schaffen und den Fokus auf die Bildung legen und nicht auf

die Markttauglichkeit der Universitätsabgänger.

Kristin: Wenn die Einführung von Studiengebühren nicht zu

verhindern ist, bleibt nur zu hoffen, dass dann all die klugen Menschen,

die nach Berlin kommen, phantastische Bedingungen bekommen,

um miteinander an exzellenten Projekten zu arbeiten.

Eine Traum-Universität würde die Mündigkeit und gedankliche

Reife der Studierenden wieder klarer in den Mittelpunkt rücken.

Auch ein stärker teamorientierter Leistungsnachweis könnte

manchmal fruchtbar sein. Die Eigenverantwortlichkeit der Studierenden

innerhalb ihrer Institute könnte dazu führen, dass man sich

wohlfühlt und die Uni als etwas betrachtet, das persönlich und

professionell Spaß macht.

Rafael: Generell richtet sich ja alles immer mehr auf Ingenieurs-,

Wirtschafts- und Naturwissenschaften aus, wohingegen Geisteswissenschaften

immer wieder unter Legitimationszwang stehen.

Ich fürchte, in dieser Hinsicht ist noch längst keine Trendwende

in Sicht.

Die stuDierenDen im mitteLpunKt

Hans-Werner Rückert, Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung

und Psychologische Beratung

Aus der Sicht einer Einrichtung, die sich Service und Support

auf die Fahne geschrieben hat, sieht man, dass es in diesen Bereichen

noch Defizite gibt. Studierende geben große Probleme bei

der Lern- und Arbeitsunterstützung an. Wir haben inzwischen alle

mehr Bedarf an psychologischer Beratung. Meine Traumuniversität

sieht so aus, dass man natürlich exzellente Lehre und Forschung

hat. Gleichzeitig aber dürfen die Studierenden nicht als selbstverständlich

hingenommen werden, denn: Ohne sie wären wir alle

nicht da. Wo es gewünscht wird, muss es Unterstützung geben.

Man sollte die Probleme, die man sieht, nicht ewig vor sich herschieben,

sondern beispielsweise aus den Ergebnissen der Studierendenbefragungen

Schlussfolgerungen ziehen. Man könnte ein

Lernzentrum einrichten und in den Fachbereichen Unterstützung

bei der Erarbeitung bestimmter Lernstrategien anbieten. Dazu

braucht man konkret Geld und Personal. Außerdem sollte man

Bildungsreserven aktivieren, also Leute aus bildungsfernen Schichten

fördern. Es ist schon allein aus Gerechtigkeitsaspekten nicht

zu vertreten, dass man sagt: ‚Wir machen hier eine Veranstaltung

für uns und unseresgleichen – 81 Prozent der Akademikerkinder

studieren, aber nur 27 Prozent der Kinder aus sozial schwächeren

Schichten.

Tasnim El-Naggar und Franziska Weil studieren Politikwissenschaft.

Furios 01 (2008)

Wir trauern um:

Das DipLom

von Daniel Erlemeier

Im Jahr 2010 stirbt das Diplom nach langer Umstellungsphase.

Einst der am häufigsten erworbene akademische

Grad, wurde das Diplom 1899 geboren. Wilhelm

II. führte es für Ingenieure ein. Dem Diplom-Ingenieur

folgten aber bald diverse andere Diplom-Berufe. Unbeirrbare

Gläubige hoffen auch jetzt noch auf die Auferstehung

des Diploms. Es ist immer wieder zurückgekehrt –

zuletzt gar in modularisierter Form. Diesmal hingegen

scheint es ernst und mit dem Abschluss stirbt auch der

Typus des Diplom-Studenten.

Einer der sein Studium bis zum

Letzten ausnutzte

poLitiK

Das Diplom ließ Raum, um nebenbei zu arbeiten,

Häuser zu besetzen, WGs zu gründen und wilde Partys

zu schmeißen. Man konnte sich in anderen Fakultäten

umsehen, ganz im Sinne des Humboldt’schen Bildungsideals.

So wurde das Diplom über Jahre, Jahrzehnte ausgekostet.

Manch einer kostete gar, bis es bitter wurde.

Den letzten Diplom-Studenten blieb der Trost,

Verbliebene einer aussterbenden Gattung zu sein. Sie

umwehte ein Reiz von Exotik. Easy-Rider der Bildung

waren sie. »Du studierst noch auf Diplom? Das geht

noch? Wow!« Die Sympathie, die den letzten Diplom-

Studenten zuteil wurde, ernten sonst nur aussterbende

Wale oder Pandabären. Ebenso wie diese litten auch die

Diplomanten unter schwindenden Lebensräumen und

Diskriminierung. Sie wurden aus überfüllten Seminaren

geworfen, denn Bachelor gingen vor. Veranstaltungen

fanden zum letzten Mal statt. Wurden sie verpasst, gab

es keinen Ersatz. So groß auch die Sympathie bei Kommilitonen

war, so gering war das Verständnis in der Verwaltung.

Mit dezimiertem Angebot und Anrechnungsschwierigkeiten

schwand die Lust am langen Studieren. Modularisierung

erschwerte das selbstbestimmte Studium.

Wer nicht zum BA wechselte, beendete sein Studium

schnell. Das war der Tod des Diploms.

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