Dezember 2008 - FURIOS Online

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Dezember 2008 - FURIOS Online

Game-Schmiede »Bavaria Interact« testet

im Rahmen einer LAN-Party seine neueste

Entwicklung. »Revolt Reloaded« verspricht

ein völlig neues Spielerlebnis. Ego-Talker

nennt Schwarzkopf das Genre, in Anlehnung

an den Ego-Shooter. »Labern statt

ballern«, das sei bald der letzte Schrei seiner

Branche. »Dagegen kann vor allem die

Politik nichts einwenden!«, scherzt der charismatische

Mittvierziger.

Einiges einzuwenden hat hingegen das

Präsidium der Freien Universität. Man sei

über den Missbrauch der Universität als

Spielkulisse »not amused«, sagt Exzellenz-

Pressesprecher Torsten Kugel bei einer Pressekonferenz

im Tischtennisraum nebenan.

Kugel hat sich hinter dem Netz verschanzt.

Wer von den Journalisten einen Ping-

Pong-Ball mit dabei habe, dürfe diesen als

Credit für eine Frage einsetzen, sagt er. Da

wir zufälligerweise einen haben, fragen wir,

was die FU dazu sage, ein Spielverderber zu

sein. »Wir haben soeben einen Volleyball-

Platz eröffnet!«, verteidigt Kugel. »Sonst

noch jemand ein Ball?«

sartre ist gut, Lenin geht immer

Von Volleyball halten die Informatiker

so wenig wie von der mündlichen Kommunikation.

»Pass ich eh nich’ rein«, murmelt

Titelanwärter Jens über den Pullover,

den es zu gewinnen gibt. Er zieht ein Buch

von Sartre hervor, steuert mit dem Joystick

seine Spielfigur auf ein Rednerpult und

beginnt mechanisch auf der Tastatur zu

tippen. »Sartre ist gut. Oder Bloch. Lenin

geht immer. Man muss die Kommilitonen

convincen.«

In den frühen Morgenstunden erreichen

die »Club Mate«-Vorräte einen bedrohlich

tiefen Pegel. Nur noch fünf Spieler versuchen

sich zu den Wortführern hochzutexten.

Dann plötzlich steht der Sieger fest:

David Goldwich kriegt das Wolltrikot! Wie

er die revolutionären studentischen Massen

mobilisierte? Mit einer Weihnachtsgeschichte

von Erich Kästner. �

Christian Wöllecke studiert Literatur.

Furios 01 (2008)

meine esse

Der Mensamagen: Optimal geschmacksneutral

von Shan Qiao

Der Magen – Gaster/Ventriculus – ist das zentrale Organ des menschlichen

Verdauungstrakts. Ein komplexes System, bestehend aus Kardia,

Fundus, Curvatura major, Corpus, Antrum und Pylorus, in dem die

aus dem Oesophagus kommende Nahrung chemisch verdaut wird.

Eine besondere Spezies des menschlichen Magens zeigt sich mit

dem Verdauungsorgan des Homos Studiosus: Angesichts des vitaminarmen,

dafür aber fett- und kohlenhydratreichen Mensaspeiseplans

grenzt seine Leistung an ein kleines Verdauungswunder.

Mittels einer langfristigen Studie haben wir versucht herauszufinden,

wie der Magen des Homos Studiosus zermatschtes Rahmgemüse,

dubiose Fleischcurrys und gebratenes Gestrüpp, alias

»Spinatkrustis«, bewältigen kann. Wir gehen von der Hypothese

aus, dass der Homo-Studiosus-Magen im Laufe des Studiums zum

Mensamagen mutiert, einer außergewöhnlich robusten und evolutiv

bewährten Form eines Magens, die den Homo Studiosus zu einem

bestimmten Essverhalten zwingt und so sein Überleben sichert.

Untersuchungen mit Fledermäusen und Gänsen haben bereits

gezeigt, dass die Adaption des Magens an seine Umgebung

möglich ist. So führte beispielsweise die Fütterung der

Gänse mit proteinreicher Nahrung zu einer Hypertrophie der

Magendrüsen, während eine kohlenhydratreiche Nahrung

die verstärkte Sekretion von Pepsin zur Folge hatte.

Die Beobachtung von Homo Studiosussen an der FU-Berlin, die

ihrem Körper kontinuierlich Nahrung aus der Großküche zuführen,

lässt auf eine ähnlich große Anpassungsfähigkeit ihres Magens

schließen. Während sich zu Beginn des ersten Semesters noch

der ein oder andere Magen sprichwörtlich umdrehte, war nach

einigen Monaten bereits eine erhöhte Toleranz erkennbar. Gegen

Ende des Semesters empfanden rund 70 Prozent der Homo Studiosusse

Konsistenz und Geschmack des Essens als angenehm und

konnten die Nahrung leichter verdauen. 15 Prozent wiesen sogar

ein gewisses Suchtverhalten auf, da sie zugaben, mindestens eine

der täglichen Mahlzeiten in der Mensa einnehmen zu müssen.

Wir nehmen an, dass sich die Magenstruktur innerhalb von weiteren

Semestern dergestalt verändern wird, dass sich nach Abschluss

des Universitätsstudiums die Modifikation des normalen

Magens zum Mensamagen restlos, in einigen Fällen irreversibel,

vollzogen haben wird. Wolfram Siebecks in Koch-Glossen gepriesene

Gourmettempel braucht ein solcher Magen nicht. Auch

einen Jamie Oliver, Missionar der Schulkantinen, muss man nicht

mehr anheuern, um dem grauen Eintopf Aroma und Vitamine unterzujubeln.

Ein echter Mensamagen kennt keinen Schmerz.

Shan Qiao studiert Biochemie.

WissenschaFt

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