Dezember 2008 - FURIOS Online

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Dezember 2008 - FURIOS Online

Historiker Nolte

neben dem Pferd

Friedrichs des

Großen. Das

Dank Finanzkrise und Obamanie sind

die USA Dauergast in der deutschen Medienwelt.

Dabei ist erneut eine Diskussion

über die Rolle Amerikas entbrannt.

Kommt Zeit, kommt Rat: Unter Mitarbeit

des FU-Historikers Paul Nolte ist das Buch

Wettlauf um die Moderne im Pantheon-Verlag

erschienen. Die Aufsatzsammlung untersucht

den Kampf zweier Staaten um die

Vorherrschaft, die zu Betrachtungsbeginn

in vergleichbaren Startpositionen steckten:

Deutschland und die USA. An der Wende

ins 20. Jahrhundert waren beide dynamische

Wirtschaftsnationen und machtpolitisch

ambitioniert. Was hat die einen zur

Supermacht und unserseins zur Nachsicht

gebracht?

Vierzehn Aufsätze, von je zwei Autoren

verfasst, beleuchten Politik-, Gesellschafts-,

und Wirtschaftsgeschichte der beiden Länder.

Zusätzlich hat Joschka Fischer ein

Nachwort verfasst. Neben den deutschamerikanischen

Beziehungen seiner Amtszeit

erzählt er darin, ganz neuer Talkshow-

Fischer, vor allem von sich selbst.

Viele der Aufsätze weichen gängige

Klischees auf. Dabei werden trügerische

Selbstbilder entlarvt. Etwa zum Thema

Einwanderungspolitik, bei dem sich die

deutsche Regierung immerhin bescheidener

gibt als das in diesem Fall schon immer

sehr selbstbewusste Amerika, das nach

eigenem Selbstverständnis den Schlüssel

Furios 01 (2008)

raubtier

unD Der KapitaList

Die Märkte stürzen. Schuld sind die Amerikaner. Heile macht der Staat.

Schreibt Professor Nolte über deutsche und amerikanische Vermächtnisse,

fällt die Analyse etwas anders aus.

für gelungene Einwanderungspolitik in der

Hand hält.

Diese Einschätzung relativieren die Autoren,

indem sie auf die dem amerikanischen

Immigrationsmodell eigene Ghettoisierungstendenz

hinweisen. Zudem zeigen

sie geglückte Einwanderungsbewegungen

nach Deutschland auf, vornehmlich in der

ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

»Markt: Konsum und Kommerz.« Mit

eingänigen Schlagwörtern übertitelt ist

der Aufsatz, den Nolte gemeinsam mit

Heinz-Gerhardt Haupt vom Europäischen

Hochschulinstitut Florenz verfasste. Dabei

geht es unter anderem um amerikanische

»Importgüter« wie den Verbraucherschutz,

die man hierzulande als »hausgemacht« betrachtet.

Tatsächlich weiß sich »der kleine

Mann« auch in Amerika zu schützen. Er

ist nicht nur Opfer eines entfesselten Ami-

Kapitalismus, wie der Deutsche gemeinhin

und besonders in Zeiten wie diesen gern

annimmt.

Das wirtschaftsgeschichtliche Thema

scheint auf Nolte zugeschnitten. Seit einigen

Jahren ist er bekannt für Bücher, die

sich vor allem mit wertkonservativen und

wirtschaftsliberalen Reformen befassen.

Das elitäre Schlagwort »Unterschichtenfernsehen«

stammt von ihm.

Im persönlichen Gespräch nimmt sich

Nolte zurück. Seine Öffentlichkeitswirkung

kennt er allerdings. »Die Geschichte

von Johann Haber und Livia Mertens (Foto)

hat in letzter Zeit den Status einer Leitwissenschaft

erlangt«, erklärt er. »Die Öffentlichkeit

drängt darauf, dass sich Historiker

mit ihren Deutungen zu Wort melden, es

kommen viele Anfragen von Journalisten.«

Seinen Aufsatz in Wettlauf um die Moderne

versteht er aber nicht als politische Wortmeldung.

Tatsächlich ist das Thema zu abstrakt,

um der politischen Wegweisung zu

dienen. Trotzdem blitzt gelegentlich durch,

wo Nolte politisch zu verorten ist. Den im

Essay auftauchenden Satz »Die deutsche

obrigkeitsstaatliche Knebelung des freien

Marktes« kann man sich nicht als den eines

gestandenen Sozialdemokraten vorstellen.


Johann Haber studiert Physik.

WissenschaFt

»Wettlauf um die Moderne:

Die USA und

Deutschland 1890

bis heute« wurde von

Christof Mauch und

Kiran Klaus Patel

herausgegeben und ist

2008 im Pantheon-

Verlag erschienen.

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