Dezember 2008 - FURIOS Online

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Dezember 2008 - FURIOS Online

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KuLtur

schnappschuss

vom verLorenen

stuDenten

Wenn die Chemie nicht stimmt, sollte man’s lassen.

Dachte sich Axel Benzmann – und fotografierte die 68er.

von Sina Platzer, Sabine Küpers und Theresa Kellner

West-Berlin vor grauer Häuserkulisse.

Eine Gruppe von protestierenden Menschen

zieht vorbei. Am Straßenrand steht

eine große, auffällige Gestalt mit Hut und

Schnauzer. Es ist Günter Grass, der sich

unter die Protestierenden gemischt hat. Es

ist der 18. Februar 1968, die Leute gehen auf

die Straße gegen den Krieg in Vietnam.

Axel Benzmann ist es mit dieser Schwarz-

Weiß-Aufnahme gelungen, die Stimmung

des Jahres 68 für den Betrachter lebendig

werden zu lassen. Benzmann der »dokumentierende

68er Sympathisant«, so will er

sich verstanden wissen.

Dabei war der Weg zum Fotografenberuf

für Benzmann nicht eben ein gerader.

1961 immatrikulierte er sich an der Freien

Universität Berlin für Chemie. Wirklich

warm wurde er allerdings nie mit seiner

Wahl. Mit dem Gefühl ein »verlorener Studenten«

zu sein, brach Benzmann sein Studium

nach fünf Semestern ab – und legte

mit diesem Schritt den Grundstein für seine

Zukunft als Fotograf.

Nach seinem kurzen Ausflug ins Studentenleben,

arbeitete Benzmann zunächst

in einer Firma für Lack und Farben, die

seinem Vater gehörte – und setzte sich zunehmend

und immer intensiver mit Kunst

auseinander. Hatten es ihm zunächst Flachreliefs

angetan, fand er schon bald zu seiner

wahren Liebe, der Fotografie. Damals verkaufte

Benzmann seine Bilder als freischaffender

Pressefotograf. Etwa an die damalige

SPD Zeitschrift »Blickpunkt« – oder an den

Axel Springer Verlag. Bekannt geworden ist

er aber mit Aufnahmen der Jazz- und Rockmusikszene

der 60er und 70er Jahre, durch

Fotos seiner vielen Weltreisen, vor allem

durch Asien. Und auch mit eigenen Fotoausstellungen.

Seine letzte hieß »Berlin 68: Zwischen

Revolte und Randale« und war bis Mitte

November in der Galerie Carlos Hulsch im

Kudamm Karree zu sehen. Darunter war

auch das Grass-Foto.

Die Anekdoten, die Benzmann zu seinen

Werken erzählen kann, sind mindestens

Axel Benzmann (rechts) bei der Eröffnung

seiner Ausstellung »Berlin 68: Zwischen

Revolte und Randale«.

ebenso spannend wie die Fotos selbst. Da

gibt es das Mysterium um den »Doppelten

Demonstranten«, der durch Zufall auf beiden

Demonstrationen von Benzmann fotografiert

wurde und dessen Identität sogar

ihm bis heute rätselhaft ist. Oder die Geschichte,

dass er in der Nacht des 18. Februars

den Studentenführer Rudi Dutschke

aus einer Verfolgungsjagd mit rechten und

militanten Taxifahrern rettete.

Aber wer auf der Ausstellung nach Fotos

des Internationalen Vietnam-Kongresses

selbst suchte, der schließlich der Auslöser

für die Demonstrationen wurde, suchte

vergebens. Als vermeintlicher »Springer

Fotograf« wurde Axel Benzmann, der

68er-Sympathisant, noch vor dem ersten

Schnappschuss des Saales verwiesen. �

Sina Platzer und Sabine Küpers studieren

Theaterwissenschaft. Theresa Kellner studiert

Frankreichstudien.

Furios 01 (2008)

foto: dietrich WinKler/pressedienst

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