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2 SUSTAINABILITY

zess unterstützt. Das Bedürfnis, seine jeweilige Identität jederzeit gestalten und auch ändern, anpassen zu können,

ist eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Kaufen-Wegwerfen-Logik des industriellen Wirtschaftssystems.

Wer bin ich – und wenn ja wie viele? (Precht 2007) wird zur zentralen Herausforderung, Güter

können bei ihrer Bewältigung eine mehr oder weniger bedeutende Rolle spielen. Nicht nur die Werbung, auch

andere Entwicklungen wie „Life-long-learning“ oder der technische und medizinische Fortschritt, Wissenschaft

und Forschung tragen dazu bei, dass der Mensch seine Identität zunehmend als etwas jederzeit gestalt-

und änderbares, verbesserbares sieht – und auch sehen soll – Ich-Gestaltung wird zur ethisch korrekten Aufgabe.

2. Individuation – Voraussetzungen und Prozesse der Ich-Entwicklung

2.1 Das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit

Der Begriff Individuation lässt sich aus dem Lateinischen ableiten, meint „sich unteilbar/untrennbar machen“

und kann als Weg zu einem eigenen Ganzen bezeichnet werden, als Prozess, des Werdens zu etwas Einzigartigem,

zu einem Individuum. Ein eigenes Ganzes wiederum setzt ein Selbst voraus, ein Selbst, dass sich als

Individuum wahrnimmt oder als solches von anderen wahrgenommen wird. Dieser Prozess kann bewusst oder

unbewusst, gesteuert oder zufällig, gerichtet oder richtungslos verlaufen. Der Mensch ist ein Wesen das Denken

kann und Bewusstsein hat. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die Selbstwerdung mehr oder

weniger bewusst, nicht ganz zufällig und nicht ganz richtungslos verläuft. Für den Menschen bedeutet dies,

dass jeder zu dem werden kann, der er wirklich ist, und dass er diesen Prozess beeinflussen oder sogar aktiv

gestalten kann.

Das Individuum und damit auch die Selbstwerdung hatten in der Geschichte der Menschheit nicht immer dieselbe

Bedeutung wie heutzutage. Es gab Epochen und gibt noch immer Kulturen, in welchen das Kollektiv,

und nicht das Individuum, im Zentrum der Betrachtung stand bzw. steht (z. B. asiatische Kulturen, Stammeskulturen).

Heute gehört die freie persönliche Entfaltung zu den höchsten Werten im europäischen Kulturkreis:

In Deutschland explizit (Artikel 2 Absatz 1 des deutschen Grundgesetzes garantiert die freie Entfaltung der

Persönlichkeit.), in Österreich aufgrund der umfassenden Persönlichkeits- und Freiheitsrechte des Zivilrechts

(nur) implizit. Die Grundrechte-Charta der EU, noch umfassender als das deutsche Grundgesetz, ist allerdings

an den Lissabon-Vertrag geknüpft und daher (noch) nicht rechtsverbindlich. Somit ordnet dieses umfassende

Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht nur dem Individuum sondern auch der Identitätsentwicklung

eine bedeutende Rolle in der modernen Gesellschaft zu. Interessant ist also zunächst, wie es dazu kam,

dass das Individuum und seine freie Entfaltung einen derart hohen Stellenwert bekommen. Welche Voraussetzungen,

welche menschliche Dispositionen führten dazu?

2.1.1 Voraussetzung: Das Transzendenzpotenzial – Die Differenz zu sich selbst

Zunächst ist Voraussetzung für diese Prozesse, für die freie Entfaltung, dass der Mensch nicht ein für alle

Mal festgelegt ist, sondern immer wieder die Möglichkeit hat sich neu zu definieren. Als Mängelwesen ist der

Mensch weder im Naturzusammenhang instinktangepasst noch in der Lage, sich eine zweite Natur zu schaffen,

die alle Probleme löst (vgl. Gehlen 1940 idF. v. 1974). Daran ändern auch Entwicklungen von künstlichen

oder virtuellen Welten, wie künstliche Städte (z. B. Las Vegas), künstliche Welten (z. B. Disneyland, Legoland)

oder virtuelle Parallelleben (Second Life) vermutlich nichts. 1 Als natürliche Mängel sieht Gehlen die

fehlenden Instinkte, wodurch die menschliche (Antriebs-)Energie grundsätzlich ungerichtet bleibt, was den

Menschen offen, unabgeschlossen und unabschließbar macht – die Voraussetzungen für seine Freiheit. Auch

als Mängelwesen ist der Mensch dennoch Natur. Aber er kann in sie eingreifen, kann sich anpassen oder

widersetzen, auch seiner eigenen Natur, er kann sich zur Natur und zu sich selbst in Differenz setzen. Diese

Fähigkeit verdanken wir einer – zunächst unbestimmten – „Differenz des Menschen zu sich selbst“, der Freiheit.

Heintel meint hiermit jene Bestimmung des Menschen, die nicht Natur ist: der Mensch kann in deren

Abläufe eingreifen, sie bemühen etwas Neues zu schaffen, sie beeinflussen und verändern (Heintel 2007).

Damit steht gewissermaßen auch sein Wesen immer wieder zur Disposition. Als Differenzwesen (vgl. Heintel

2007: 37ff., Gross 1994) oszilliert der Mensch immer wieder zwischen Wirklichem und Möglichem. Seine

Identität ist somit nicht nur, sondern entsteht kontinuierlich als Prozess der In-Differenzsetzung, einerseits

gegenüber dem eigenen Ich und andererseits gegenüber dem Anderen, Äußeren.

Diese Fähigkeit des Menschen sein Ich, also die Grenzen des Verhaltens, Erlebens und Bewusstseins zu

überschreiten und das Sich-befinden jenseits dieser Grenzen wahrzunehmen verdankt er seinem Transzen-

1. Inwieweit diese Versuche, menschliche Bedürfnisse soweit wie möglich synthetisch, also mit Natur-Ersatz zu befriedigen,

sich zu einer Kultur im ursprünglichen Verständnis Gehlens entwickeln, wäre separat zu diskutieren – Künstlichkeit als

Welt-Kultur?

FORUM WARE 38 (2010) NR. 1 - 4

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