Der Garten im Tal

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Der Garten im Tal

Eine neue Gartenkultur?

Deutschland verfügt über einen bisher unbekannten, reichen

Schatz an Gärten. Dies ist aber ein Thema, über das

man wenig spricht, als ob man sich nicht für würdig hält,

sich neben die großen Gartenländer England und Frankreich

zu stellen. Es ist aber Zeit, aus dem Schattendasein

zu treten und sich als gartenbegeistertes Land erkennen

zu geben.

Allein durch die geografische Lage Deutschlands war

man stets offen für Einflüsse aus anderen Ländern. Die

Re nais sance, gefolgt vom Barock, hat sich nicht nur auf

die Bildende Kunst, sondern auch auf die Gartengestaltung

ausgewirkt. Jeder Prinz, Fürst, Fürstbischof oder

Graf, der etwas auf sich hielt, legte einen Garten nach

der Mode der Zeit an. Die Einflüsse von Versailles haben

sich in den berühmten Gärten von Herrenhausen und

Schloss Schleißheim durchgestzt, die dann auch in Kleinausgaben

von der niedrigen Adelsschicht nachgeahmt

wurden. Der Landschaftsstil, der buchstäblich durch das

Land rollte, wurde mit Begeisterung aufgenommen. An

der Spitze der Bewegung stand Prinz Leopold Friedrich

Franz von Anhalt-Dessau, der die inzwischen weltberühmten

Wörlitzer Anlagen schuf.

Deutsche Gartenkunst ist persönlichkeitsgeprägt von Figuren

wie dem exzentrischen aber genialen Fürst, später

Prinz Ludwig Heinrich Hermann von Pückler-Muskau,

der den Brantitzer Park und Bad Muskau anlegte und

dabei sich finanziell ruinierte, und Ludwig II. von Bayern,

der ein Faible für alles Großartige hatte, den französischen

Barock im 19. Jahrhundert wiederentdeckte und

ihn in seinem Garten Herrenchiemsee auf Staatskosten

zelebrierte. Wichtig sind auch die Pflanzenzüchter wie

Karl Foerster und Ernst Pagels, die im 20. Jahrhundert

wegweisende Arbeit im gekonnten Einsatz von Pflanzen

und der Einführung von neuen Sorten leisteten.

Heute werden Millionen für Gartenprodukte ausgegeben

und die Gartenindustrie wächst und gedeiht. Es

wird liebevoll, still und heimlich hinter Hecken und

Mauern in den Gärten gearbeitet. Man freut sich über

das eigene Stück Grün, sucht in den einschlägigen Werken

und auch bei Gartenbesuchen nach Inspiration und

setzt es dann um. Dieser Aufschwung in Sachen Gärten

ist mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg peu à peu gewachsen

und hat gerade in den letzten zehn Jahren noch

deutlich zugelegt. Es klingt ironisch, dass in keinem

anderen Land der Berufszweig der Garten- und Landschaftsarchitekten

so angesehen ist und dass die Qualität

der ausführenden Firmen unvergleichbar hoch ist, wie in

Deutschland. Deutsche Baumschulen sind weltweit bekannt,

beliefern sogar die hochgelobten Schaugärten von

Chelsea mit Solitärbäumen und Sträuchern. Endlich ist

ein Stolz, wenn auch vorsichtig und zurückhaltend, auch

bei den Gartenbesitzern zu spüren. Initiativen wie Tage

der offenen Gartenpforte, locker an das englische Modell

angelehnt, wurden in verschiedenen Bundesländern, vor

allem mit großem Erfolg in Niedersachsen eingerichtet.

Gartenschauen und Festivals sind für Gartenfans ein fester

Bestandteil des Kalenders und sie scheinen fast wie

Pilze aus dem Boden zu wachsen. Es werden mehr Gartenreisen

angeboten als je zuvor, nicht nur ins Ausland,

sondern auch innerhalb Deutschlands.

Aber wie schauen die Gärten aus, ist irgendein Grundtenor

zu spüren, haben sie etwas Neues zur Gartenszene

beizutragen oder sind sie nur Interpretationen oder gar

Kopien von bekannten Formen? In England spricht man

von einer neuen deutschen Bewegung, die als die neue

Art der Pflanzenverwendung gesehen wird. Vor einigen

Jahren undenkbar, überqueren bekannte Gartenfotografen

den Ärmelkanal, um die beispielhaften Anlagen

von Hermannshof, Weihenstephan und im Münchener

Westpark zu fotografieren. Für Deutsche ist es nicht außergewöhnlich,

mit Ziergräsern und langanhaltenden, robusten

Stauden zu arbeiten und spannungsvolle Kompositionen,

die dem Kontinentalklima standhalten können,

zusammenzustellen. Das Klima und die Höhen meter

sind stets ein nicht zu verändernder Faktor des deutschen

Gärtner lebens gewesen und sind sowohl Hemmnis wie

auch Herausforderung. Denn gleichgültig, wie entzückt

man ist von den üppigen farbenfrohen englischen Cottagegärten

oder den komponierten, höhengestaffelten Rabatten,

es muss gearbeitet werden mit dem, was man hat.

Der deutsche Winter kann hart und lang sein. Extreme

im Süden wie bei Friedrich Hechelmanns Garten im Allgäu,

wo der Schnee oft monatelang liegt, sind gang und

gäbe. In manchen Jahren geht der Winter direkt in den

Sommer über und scheint den Frühling zu überspringen.

Nur im milderen Rheintal und in Holstein kann eine

große Bandbreite an immergrünen Pflanzen gepflanzt

werden. Es ist ein Zeichen für einen guten Gärtner, dass

er sich mit seiner Umgebung auseinandersetzt und dadurch

in manchen Fällen Wunder wirkt.

In Deutschland hat sich die Tradition der Nutzgärten

als Gartenform wesentlich länger gehalten als in anderen

Ländern, sie ging fast nahtlos in die Bewegung der biodynamischen

Erzeugung über, dem Wunsch nach Selbstversorgung,

der verstärkt seit den 1980er Jahren seine

Anhänger hat. Günther Wasmeier hat es konsequent in

der reinen alpenländischen Form fortgesetzt, Uschi Wes-

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tedt nach der traditionellen Art, wie ihre Gärten im Folgenden

zeigen.

Die deutsche Romantik ist von Märchen durchwoben,

von Ruinen, verwunschenen Burgen, umschlungen von

Kletterrosen, von mächtigen Bäumen und bedrohlichen

Wäldern. Ein herbe, robuste Romantik, von Licht und

Schatten geprägt, von Knusperhäuschen und Brauchtum.

Rosen und Romantik sind so eng miteinander verflochten,

dass es kein Wunder ist, dass sich Rosen als Leitthema

durch viele der Gärten ziehen. Jeder der vorgestellten

ist aber individuell und einzigartig und erzeugt eine nur

ihm eigene Atmosphäre.

Was aus allen Gärten im Buch heraussprudelt ist der Enthusiasmus

ihrer Eigentümer. Das Resultat ist erstaunlich.

Die meisten Gärten wurden über Jahre von den

Besitzern gestaltet, bepflanzt, gepflegt und entwickelt,

ein Vorgang, der in vielen Fällen nicht abgeschlossen ist

und wahrscheinlich auch nie sein wird. Auf dem Weg zu

ihrer Vorstellung eines Gartenparadieses gab es Niederlagen,

Enttäuschungen, Fehlentscheidungen, aber auch

Freude und Überraschungen, Erfolgserlebnisse und oft

Bewunderung von anderen.

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