Der Tod am Wegesrand - Fachbereich 5 Biologie - Universität ...

biologie.uni.osnabrueck.de

Der Tod am Wegesrand - Fachbereich 5 Biologie - Universität ...

Bunte SAMEN

von Wildpflanzen

sind das Kapital

der Artenvielfalt

Die Anfahrt zum Naturschutzgebiet Silberberg

endet an einem steilen Feldweg.

Mit einem Kleintransporter des Botanischen

Gartens Osnabrück sind wir

etwa 15 Kilometer südwärts gefahren ins »Hüggelgebiet«

bei Hagen am Teutoburger Wald. Ziel der

Exkursion: Samen von Pflanzen sammeln, die vom

Aussterben bedroht sind. Die Samen sind bestimmt

für ein Pilotprojekt, Deutschlands einzige Genbank

für heimische Wildpflanzen. In Osnabrück versucht

man, tiefgekühlt zu retten, was vielerorts kaum mehr

zu retten ist – die genetischen Ressourcen von Pflanzen,

die als bedrohte Arten auf der Roten Liste

stehen. Die Liste ist lang.

Nach einem kurzen Fußmarsch hangaufwärts

gibt ein Gatter einen schmalen Trampelpfad frei,

der sich durch eine Wiese zur bewaldeten Kuppe

des Silberbergs hinaufschlängelt. Es ist schwülwarm

an diesem Südhang, die Hügellandschaft

erinnert an die Toskana. Schilder mahnen, den

Pfad nicht zu verlassen, weder Blumen zu pflücken

noch Pflanzen zu entfernen. Das Erz des Silberbergs

ist längst ausgebeutet, doch er birgt noch

Schätze: botanische Kostbarkeiten, echte Raritäten.

»Dies ist einer der schönsten Kalkmagerrasen

weit und breit«, erklärt Barbara Neuffer, Botanikerin

an der Universität Osnabrück. 700

Pflanzenarten wachsen in dem kleinen Paradies,

darunter 20 verschiedene Orchideen.

Nr. 33 DIE ZEIT S. 27

27 DIE ZEIT Nr. 33 9. August 2007

WISSEN

Der Tod am

Wegesrand

»Da, eine Fliegenragwurz!« Sie zeigt auf eine

unscheinbare, 30 Zentimeter hohe krautige Pflanze

mit gelbgrünem Stängel neben dem Pfad. Daran

hängen drei bräunliche Blüten, die auffällig

Hummeln ähneln. »Die Fliegenragwurz gehört zu

den Insektentäuschern«, erklärt die Professorin.

Die Blüten gaukeln männlichen Grabwespen eine

Partnerin vor. »Das reicht bis in feinste Details wie

die Behaarung der Blütenlippe oder die Abgabe

insektentypischer Sexuallockstoffe.« Der Wesperich

läuft beim Begattungstanz auf der Blüte zwar

ins Leere, überträgt dabei aber Pollenpakete von

Orchidee zu Orchidee.

Die Ragwurz ist nur ein Beispiel unter Tausenden

für das eng verwobene Leben von Pflanzen und Insekten.

»Viele Schmetterlingsraupen ernähren sich

von nur einer Pflanzenart«, erklärt Barbara Neuffer.

Verschwindet die Pflanze, verschwindet auch der

Schmetterling. Mit der Erkenntnis solcher Zusammenhänge

haben sich die Motive für den Artenschutz

in den vergangenen Jahren gewandelt. Vorbei die

Zeit, als es den Naturliebhabern nur um pflanzliche

Schönheit, biologischen Nutzen oder menschliche

Moral ging. Es gilt, die Stabilität von Ökosystemen

zu sichern, genetische Vielfalt zu erhalten, den Erfindungsreichtum

der Natur zu bewahren. Neben ökologische

Argumente für den Erhalt der Biodiversität

sind somit politische und ökonomische In te res sen

getreten.

KASTILISCHER

REIHER SCHNABEL: Spanien

KORKRINDIGE PASSIONSBLUME:

Kanarische Inseln

SCHILDKRESSE: U. a. Italien,

Griechenland, Albanien, Ägypten

MÄRZENBECHER: U. a.

Deutschland, Österreich, Italien

BENEDIKTENKRAUT: U. a. Al banien,

Bulgarien, Kreta, Portugal

SCHÖNRANKE: Chile

SCHWARZ cyan magenta yellow

Gerade noch rechtzeitig

haben Artenschützer die

Kulturpflanzen entdeckt.

Doch zum Schutz wertvoller

Wildkräuter fehlen Konzepte

und Geld VON HANS SCHUH

Es gibt viel zu bewundern auf dem Silberberg:

weiße Waldhyazinthen (eine weitere Orchidee),

der Gemeine Hauhechel (ein Schmetterlingsblütler),

die blaue Taubenskabiose. Oder das rosa

blühende Tausendgüldenkraut, eine bitter schmeckende

Heilpflanze, die Magenkranken einst »tausend

Gulden« wert schien. Wer dabei das Umfeld

mustert, entdeckt überall kräftige Schösslinge. Von

Birken, Eichen, Pappeln, Kiefern, Brombeeren.

Sie zeigen: Die blühende Pracht hier ist akut bedroht,

zigtausendfach wurzeln ihre natürlichen

Feinde bereits im Boden. Sobald die Landschaftspflege

durch Mähen aufhört, werden diese Schösslinge

alles überwuchern und der artenreichen Wiesenflora

das Licht rauben. »Ohne Mahd würde

dieses Areal schnell verbuschen und sich später in

einen Wald verwandeln«, bestätigt Peter Borgmann.

Er betreut die Osnabrücker Genbank und

ist mit seiner wissenschaftlichen Beraterin Neuffer

hier auf Sammeltour.

Borgmann hat das Schicksal von Magerwiesen,

diesen blumenreichen Insektenparadiesen, selbst

jahrelang untersucht. »Diese Weideflächen wurden

einst durch Waldrodungen gewonnen. Sie gehören

zu den am stärksten bedrohten Biotopen in

unseren Breiten«, sagt er. In der Hungersnot erschlossen,

werden sie heute wegen zu magerer Er-

Fortsetzung auf Seite 28

Nr. 33 DIE ZEIT

S.27 SCHWARZ cyan magenta yellow

Fotos: Joern Sackermann/Bilderberg; www.ensconet.com (6)

Grüner surfen

Rechenzentren verschlingen viel

Energie und erhitzen die Umwelt.

Nun sollen Computer und Netze

sparsamer werden Seite 29

Muster-Ausbruch

Diesmal haben die Briten

ihre Tierseuche fest im Griff

Nein, die Bilder gleichen sich nicht. 2001

war eine verluderte Schweinezucht schuld.

Ihr Besitzer mästete Sauen mit infizierten

Abfällen, seine Farm wurde zum Herd des

verheerendsten Ausbruchs der Maul- und

Klauenseuche in der jüngeren Vergangenheit

Europas. Rauchwolken, die von riesigen

Scheiterhaufen aufstiegen, verdunkelten

den Himmel über Großbritannien. Über sieben

Millionen Schafe und Rinder wurden

verbrannt, Bauern gingen in Konkurs, manche

verübten Selbstmord.

Kein Wunder, dass Hillary Benn, Chef des

Landwirtschafts- und Umwelt ministeriums,

jetzt stöhnte: »O Gott, nicht schon wieder!«

Am vergangenen Donnerstag entdeckten Tierärzte

die Symptome der Seuche bei dreißig auf

einer südengli schen Weide grasenden Rindern.

Am Montag war ein zweiter, nicht weit entfernter

Hof betroffen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen,

die man den Bauern seit 2001

aufgebürdet hatte – kaum mehr übersehbare

Verordnungen, einen end losen Formularkrieg,

drakonische Strafen bei jeder Nachlässigkeit.

Und nun das.

Minister Benn ist Vegetarier. Mit Landwirten

weiß er wenig anzufangen, er widmet sich

lieber großen Themen wie der Klimaerwärmung.

Auch Premierminister Gordon Brown

und die Farmer verbindet alles andere als ein

Liebesverhältnis. Doch Benn und Brown

scheinen bislang alles richtig zu machen, was

Tony Blair 2001 vermasselt hat. Damals verging

ein ganzer Monat, bevor die Regierung

ihren höchsten Krisenstab einberief. Diesmal

leitete Brown schon von seinem Ferienort aus

eine Videokonferenz des Stabs, bevor er nach

London zurückkehrte.

Blair wartete drei Tage, bis er ein Verbot

aller Tiertransporte zur Verhinderung der Ausbreitung

der Seuche verhängte. Da war es

schon zu spät. Diesmal trat ein Verbot nach

drei Stunden in Kraft. 2001 führte eine Schließung

Tausender Kilometer von Wanderwegen

und Spazierpfaden zu einem Zusammenbruch

des Tourismus und weiter Bereiche des ländlichen

Wirtschaftssystems. Die Sperrungen

trieben die Kosten der Epidemie auf unvorstellbare

zwölf Milliarden Euro. Dieses Mal

bleibt das ländliche Groß britannien offen. Nur

um die betroffenen Gehöfte besteht eine –

auch das ein Gegensatz zu 2001 – strikt durchgesetzte

Ausschlusszone.

Doch ohne einen Wermutstropfen bleibt

die Sache für die Regierung auch diesmal

nicht. Irgendwo muss das Virus ja hergekommen

sein. Unweit der infizierten Farm nutzen

ein staatliches Veterinärinstitut und ein Unternehmen

der Pharmafirmen MSD Sharp &

Dohme und Sanofi-Aventis gemeinsam ein

Labor. Es wurde 2002 vom Forschungsrat für

Biowissenschaften als »nicht annähernd den

Standards einer modernen biomedizinischen

Anlage entsprechend« kritisiert.

Das Virus ist vermutlich aus diesem Labor

entkommen. Es sieht so aus, als habe die Regierung

dieses Mal zwar prompt gehandelt,

aber den Ausbruch durch Schlamperei selbst

verursacht. REINER LUYKEN


Nr. 33 DIE ZEIT S. 28

SCHWARZ cyan magenta yellow

28 WISSEN

9. August 2007 DIE ZEIT Nr. 33

Fotos: Fritz Poelking/VISUM (Ausschnitt o.); www.ensconet.com (7); Loki Schmidt Genbank (3)

Der Tod am Wegesrand

Fortsetzung von Seite 27

träge entweder gedüngt oder aufgeforstet, insbesondere

in steilen Hanglagen. Borgmann hat in

Liechtenstein die Böden noch vorhandener und

ehemaliger Magerwiesen untersucht und fand: »In

Magerwiesen ist der Samenvorrat im Boden um

ein Vielfaches größer als in gedüngten Wiesen

oder auf verbuschten Flächen.« Doch ohne Eingriffe

des Menschen kehrt der Wald zurück, die

Artenvielfalt schwindet. Die Nutzung von Magerwiesen

wird entweder subventioniert, oder die seltenen

Lebensräume werden, wie hier, in Naturschutzgebieten

gepflegt – oft von Idealisten, die

noch einen Hang von Hand mähen können.

»Auch die sind vom Aussterben bedroht«, sagt

Barbara Neuffer.

Das Hauptziel der beiden Botaniker wächst

oben auf der Kuppe in einer trichterförmigen Senke:

ein unscheinbar weiß blühendes Pflänzchen

namens Galmei-Hellerkraut (Thlaspi calaminare).

»Es bevorzugt schwermetallhaltige Böden und

kommt in Niedersachsen nur noch hier vor«, erklärt

die Botanikerin. Einen weiteren Bestand gibt

es noch im Rheinland bei Aachen. Die Pflanze ist

in Mitteleuropa endemisch, kommt also sonst

nirgendwo mehr vor. Sie genießt entsprechend

hohen Schutzstatus, Gefährdungsstufe eins auf der

Roten Liste. Kein Wunder, ihr Verbreitungsgebiet

hier ist kaum größer als zwei Tischtennisplatten

und umfasst etwa hundert Exemplare. Es ist bereits

von lichtem Wald umgeben, wäre rasch überwuchert,

von Wildschweinen oder durch einen

Brand zerstört.

Blumen pflücken verboten – wer nicht

aufpasst, macht sich strafbar

Vorsichtshalber wird ein kleiner Samenvorrat von

dieser Hellerkraut-Sippe eingetütet für die Genbank.

Borgmann sucht nach verblühten Pflänzchen

mit nahezu trockenen Rispen, an denen die

schildförmigen Samen aufgereiht sind. Er streift

die Samen ab in eine transparente Papiertüte, die

er beschriftet. Als der Redakteur ihm helfen will,

passiert gleich ein Malheur. Beim Abzupfen der

Samen kommt eine ganze Pflanze mit, ihr weißes

Würzelchen flutscht aus dem Boden wie aus Butter.

»Jetzt haben Sie sich strafbar gemacht«, knurrt

Borgmann. »Die Entnahme geschützter Pflanzen

ist strikt verboten.« Auch Profis wie er müssen das

Sammeln von Samen genau absprechen mit der

Behörde, dem Niedersächsischen Landesbetrieb

für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz.

Kann man das Kraut wieder einpflanzen – oder

geht es nun ab in den Knast?

»Es gibt einen Ausweg«, beruhigt der Botaniker

und betrachtet die ausgezupfte Pflanze. »Sie

kommt als Beleg in unser Herbarium. Der Bestand

hier hat sich sehr gut entwickelt und verträgt daher

eine Einzelentnahme.« Der Herbarbeleg gehört

zur sorgfältigen Dokumentation nebst einer präzisen

Beschreibung der Pflanze und einer möglichst

metergenauen Angabe des Fundorts.

Nach der Rückkehr in Osnabrück werden die

Samen gereinigt und schonend getrocknet, dann

in aluminiumkaschierten Plastiktüten luftdicht

eingeschweißt, mit einer Kennung versehen und

schließlich vorgekühlt bei wenigen Grad über null.

Nach einigen Kältetagen, quasi als erstes Nickerchen

vor der jahrelangen Frostruhe, gelangt die

etwa briefgroße silbergraue Tüte in die Tiefkühlkammer

der Genbank.

Diese besteht aus einem nüchternen Raum mit

einem schmalen Mittelgang. Hier herrschen minus

20 Grad, links und rechts ragen Regale vom

Boden bis zur Decke. Auf den Regalböden stehen

nach oben offene farbige Pappkartons, in denen

die silbergrauen Samentüten dicht gestapelt sind,

ähnlich wie in Zettelkästen.

Ein seltsamer Kontrast: In solch funktiona len

Speichern soll künftig die blühende Vielfalt des

Lebens ruhen – atemlos im Dauerfrost. »Hier

lagern inzwischen 1500 Saatgutproben von 400

Wildpflanzenarten«, sagt Borgmann stolz. »Darun

ter auch solche, die Loki Schmidt gesammelt

hat.« Die im Herbst 2003 eröffnete Genbank

trägt den Namen der prominenten Pflanzenschützerin.

Modell der

»arktischen Samenbank«

Spitzbergen

In einem etwa

fünfzig Meter tiefen

Bergschacht auf Spitzbergen

sollen nach Fertigstellung

Saatgutproben sicher

eingelagert werden

Ein Publikumsmagnet ist diese Arche für Wildpflanzen

allerdings nicht. Jeder Schlachthof hat

größere Tiefkühlräume, jede städtische Postzentrale

stapelt mehr Umschläge. Mit leisem Frösteln

verlassen wir die Samenbank und wärmen uns einige

Schritte weiter im tropischen Regenwaldhaus

auf. In dem riesigen Glashaus zirpen Pfeilgiftfrösche

wie Grillen, es gibt noch mehr zu bestaunen

als auf dem Silberberg. Eine mächtige Wendeltreppe

führt durch verschiedene Stockwerke der

Wälder des Amazonasbeckens. Auch deren Artenvielfalt

ist bedroht. »Es kann gar nicht oft genug

betont werden, dass es zu unseren Aufgaben gehört,

das Bewusstsein für die enorme Bedeutung

dieser einmaligen Naturschätze zu schärfen«, heißt

es in einem Text zum Regenwaldhaus. Okay –

doch wo lässt sich die bedrohte Biodiversität heimischer

Wildpflanzen bewundern? Platz müsste

vorhanden sein im knapp sechs Hektar großen

Garten. Dieser liegt in einem ehemaligen Kalksteinbruch

mit imposanten Steilwänden, zeigt ein

Alpinum und die Pflanzenwelt mehrerer Kontinente,

von Nordamerika bis Asien. Da müssten

auch bedrohte heimische Wildpflanzen gedeihen!

Borgmann zuckt verlegen die Schulter: »Ist ja

längst geplant. Aber bisher fehlten die Mittel.«

Nicht einmal die Weiterführung der Genbank ist

gesichert. Borgmanns Stelle läuft im Frühjahr

2008 aus, bis dahin zahlt die Stiftung Wattenmeer.

Als Einzelkämpfer kann er nicht einmal ganz Niedersachsen

abdecken, sondern muss sich überwiegend

auf Pflanzen der Insel- und Küstenregionen

konzentrieren – die gelten wegen möglicher

Sturmfluten als gefährdet. Deshalb zahlt auch die

Watten meer-Stiftung. Gibt es in den anderen

Bundesländern vergleichbare Samenbanken für

Wildpflanzen? »Nein«, sagt der Botaniker. »Nur in

Jena und in einer Berliner Kooperation mit Brandenburg

werden regionale Wildsamen in Tiefkühltruhen

aufbewahrt.«

In Jena herrscht derzeit Flaute beim Aufbau der

»Samenbank der thüringischen Wildpflanzenflora«.

Das Projekt wurde 1992 mit viel Elan von

Helga Dietrich gegründet, der Kustodin des Botanischen

Gartens. Sie ist nun im Ruhestand, arbeitet

zwar noch mit, verweist aber bei Nachfragen

auf den Direktor Frank Hellwig. Dieser gibt offen

zu, dass ihm Mittel und Personal fehlen, um die

Wildsamenbank auszubauen: »Wir sind auf ehrenamtliche

Helfer angewiesen. Und diese können

wir noch nicht einmal mit einem Fahrzeug bei ihrer

Sammeltätigkeit unterstützen.« Er würde gern

von allen bedrohten Thüringer Wildpflanzen Samen

sammeln und Erhaltungskulturen anlegen.

Doch er müsse knappe Ressourcen aufteilen und

habe auch eines der größten Herbarien Deutschlands

mit drei Millionen Pflanzen zu erhalten. »Es

ist beschämend für eine Kulturnation, unter welchen

Bedingungen dort gearbeitet wird«, sagt er.

Loki Schmidt überraschen solche Klagen nicht,

sie kennt den notorischen Notstand aus eigener

Erfahrung. »Die meisten botanischen Gärten haben

bereits zur Jahresmitte kein Geld mehr«, sagt

sie. Aber das sei nur einer von vielen Gründen,

warum der Wildpflanzenschutz in Deutschland in

krassem Missverhältnis steht zu den feierlichen

Abkommen und Sonntagsreden über die Erhaltung

der Biodiversität. Ein weiterer Grund sei

auch das Misstrauen vieler Naturschützer gegenüber

Erhaltungskulturen und Genbanken, dem

sogenannten Ex-situ-Schutz außerhalb der Natur.

»Als ich 1981 auf einer internationalen Konferenz

in Bonn für den Ex-situ-Schutz plädierte, habe ich

das links und rechts um die Ohren bekommen.

›Das ist doch nur eine Alibifunktion‹, wurde mir

vorgeworfen«, erzählt sie. Das lenke nur von den

realen Problemen in der Natur und vom notwendigen

Landschaftsschutz ab. Dennoch sammelten

sie und eine kleine Gruppe Botaniker unbeirrt Samen

von Wildpflanzen, die in der Genbank der

bundeseigenen Forschungsanstalt für Landwirtschaft

(FAL) in Braunschweig-Völkenrode Aufnahme

fanden. Dann ging den Sammlern 1986

das Geld aus.

Mehr noch. Die FAL-Genbank wurde nach der

Wiedervereinigung aufgelöst, ihr Bestand in den

Osten überführt, nach Sachsen-Anhalt in die nur

80 Kilometer entfernte Genbank von Gatersleben.

Diese verfügt heute über eine der größten Sammlungen

der Welt, 148 000 Kulturpflanzenmuster

von mehr als 3000 Arten. »Die Entscheidung war

ZEIT-Grafik

richtig«, sagt Loki Schmidt, sie schätzt Gatersleben.

Doch wie der offizielle Titel »Bundeszentrale

ex-situ Genbank landwirtschaftlicher und gärtnerischer

Kulturpflanzen« verdeutlicht, ist die Bank

zuständig für Nutzpflanzen, nicht für Wildpflanzen.

Damit war das Projekt einer bundesweiten

Wildsamensammlung auch noch heimatlos.

Anders als die beliebten Nutz- und Ziergewächse

genießen Wildpflanzen (»Unkräuter«) oft

wenig Ansehen. Entsprechend existieren seit Jahrzehnten

Genbanken für Nutzpflanzen, weltweit

sind es mittlerweile 1400. Mit großem Aufwand

entsteht derzeit sogar eine globale »Arche Noah«

für Nahrungspflanzen im Permafrost der Arktis

auf Spitzbergen (siehe Kasten). Samenbanken für

scheinbar nutzlose Wildpflanzen hingegen sind

überwiegend jung, die namhaften lassen sich weltweit

an einer Hand abzählen.

Flaggschiff ist das britische Millennium Seed

Bank Project (MSBP) der Royal Botanical Gardens

in Kew, das global Samen bedrohter Wildpflanzen

sammelt und bis 2010 wenigstens zehn

Prozent des Bestands sichern möchte. Das Projekt

genießt in Großbritannien höchstes Ansehen, der

Staat unterstützt es großzügig. Hier hat man begriffen,

dass die Artenvielfalt zur Kultur gehört wie

Kathedralen und andere Denkmäler, aber auch

dass jedes dritte Arzneimittel pflanzliche Vorläufersubstanzen

hat. Also pries Prinz Charles das

Millennium Project bei der Eröffnung im Jahr

2000 »als Bank von England der botanischen Welt

– Lagerort für eine Wertreserve, in diesem Fall das

Leben selbst«. Vor wenigen Monaten feierte Gordon

Brown, inzwischen Premierminister, die Einlagerung

des milliardsten Samens. 18 000 Pflanzenarten

hortet die Bank mittlerweile, viele davon

sind in der Natur bereits ausgestorben.

Vom britischen Engagement für den Pflanzenschutz

können Loki Schmidt und die Hüter deutscher

Wildsamen nur träumen. Peter Borgmann

und Barbara Neuffer wissen, dass auch ihre Genbank

mit der gegenwärtigen Ausstattung und

Struktur keine Zukunft hat. »Deshalb sind wir

auch bestrebt, ein dezentrales Netzwerk regionaler

Genbanken in Deutschland aufzubauen«, sagt

Borgmann. Es genügt nämlich nicht, dass er als

Einzelkämpfer Kontakt zu ehrenamtlichen Helfern

und Behörden pflegt, ins Feld geht, sucht,

sammelt, Saatgut aufbereitet, dokumentiert und

aufbewahrt. Das vorhandene Material muss auch

regelmäßigen Keimtests unterzogen und ausgesät

werden, um Samen aufzufrischen oder zu vermehren

für Wiederaussiedlungen, Forschungszwecke

oder den Austausch mit anderen Genbanken. In

Gatersleben etwa sind jeweils fünf Prozent des Samenbestandes

in Kultur. Nach etwa zwanzigjähriger

Eisesruhe beginnt die Keimfähigkeit vieler

Samen stark zu leiden – manchmal auch deutlich

früher. Die Ursache ist noch kaum erforscht.

»Wir dürfen die Datenbank

der Natur nicht löschen«

Weniger das Tiefkühlen ist teuer als die Pflege und

die Kultur einer Genbank, sie erfordern Platz und

geschultes Personal. »Zum Ex-situ-Schutz bedrohter

Arten gehört beides, Genbanken und Kulturen«,

sagt Barbara Neuffer. Da botanische Gärten

knausern und ihre Besucher gerne Vielfalt bewundern,

kultivieren sie meist nur wenige Exemplare

einer Art. Just das kann fatal sein für die Arterhaltung.

»Typisch ist der Fall einer ornamental wunderschönen

Lotusart, die auf den Kanaren endemisch

war und inzwischen dort ausgestorben ist«,

erzählt die Professorin. Zum Glück, so schien es,

kultivierten gleich mehrere botanische Gärten das

Prachtstück. »Der Versuch, die Pflanze auf den

Kanaren wieder anzusiedeln, schlug leider fehl. In

allen Gärten wuchs nur noch der gleiche Klon.

Und der war nicht mehr an seine Heimat angepasst.«

Solche genetische Verarmung ist kein Einzelfall.

Auch der Versuch, den auf der Osterinsel

endemischen und dort ausgestorbenen Toromiro-

Baum wieder anzusiedeln, ist gescheitert. Etwa

hundert mühsam aus konservierten Samen unter

anderem in Bonn und den Kew Gardens gezogene

Bäumchen gingen in ihrer Urheimat wieder ein.

Als Loki Schmidt vor einem Vierteljahrhundert

mit dem Sammeln von Wildsamen begann, galt

dies als exotisches Hobby. Heute ist die Bundesrepublik

Deutschland völkerrechtlich dazu ver-

"

STENGELUMFASSENDES

HABICHTSKRAUT: U. a. Deutschland

ECHTER GALGANT:

U. a. Südchina, Thailand

GROSSE KLETTE:

Weite Teile Europas

PFAFFENHÜTCHEN: Weite Teile

Europas, nördliches Kleinasien

STRAUCH-SCHNECKENKLEE:

U. a. Albanien, Balearen, Kreta

SPANISCHER DIPTAM:

Spanien

EINGESCHLECHTLICHES

LEIMKRAUT: Spanien

AUGENTROST: Mittel-,

West- und Südeuropa

EIN SAATGUTTRESOR FÜR NUTZPFLANZEN AUF SPITZBERGEN

Teure »Arche Noah« im Permafrost

Der weltweit größte Tresor speziell für Samen und

Zellgut von Nutzpflanzen entsteht derzeit in Longyear

by en auf Spitzbergen. Tief im permanent

gefrorenen Fels der arktischen Insel, die nur etwa

tausend Kilometer vom Nordpol entfernt liegt,

soll Saatgut aus aller Welt sicher lagern, geschützt

vor Naturkatastrophen, Epidemien oder gar einem

Atomkrieg.

Die gern als »Arche Noah« bezeichnete Lagerstätte

wird von der norwegischen Regierung errichtet

in Kooperation mit dem Global Crop

Diversity Trust, einer UN-nahen Stiftung, die von

MANNSTREU: U. a. Mexiko,

Südbrasilien, Argentinien

ARNIKA: Europa,

Mittelasien, Nordamerika

der deutschen Bundesregierung jährlich 1,5 Millionen

Euro erhält. Beteiligt ist auch die Bill &

Melinda Gates Foundation, die dem Projekt 37,5

Millionen Dollar zuführt. Hauptziel der Initiative

ist eine möglichst vollständige Erhaltung der 21

wichtigsten Nutzpflanzenarten wie Reis, Mais,

Weizen, Kartoffeln, Äpfel, Maniok, Wasserbrotwurzel

oder Kokosnuss und deren riesiger Sortenvielfalt.

Vorrangig werden seltene Kultursorten

gebunkert, die für Landwirte in Entwicklungsländern

von Bedeutung sind. Der Tresor soll mehrere

Millionen Saatgutproben fassen.

Nr. 33 DIE ZEIT

S.28 SCHWARZ cyan magenta yellow

pflichtet, durch das Rio-Übereinkommen über die

biologische Vielfalt von 1992. Dieses Abkommen,

2002 konkretisiert in einer »Globalen Strategie

zur Erhaltung der Pflanzenvielfalt«, verpflichtet

dazu, 60 Prozent der gefährdeten Pflanzenarten in

Ex-situ-Sammlungen zu bringen und 10 Prozent

in Rettungsprogrammen wiederanzusiedeln. Vor

dem Gipfel in Heiligendamm verkündeten die

Umweltminister der G8-Staaten die »Potsdam Initiative

zur biologischen Vielfalt«. Bundesumweltminister

Sigmar Gabriel bekannte öffentlich, es

bestehe Einigkeit, »dass wir nicht länger die Datenbank

der Natur mit ihrem großen Potenzial

löschen dürfen.«

Große Worte, doch in der Realität will niemand

die Verantwortung für den Schutz der Artenvielfalt

übernehmen. Thomas Hagbeck, Sprecher

des Umweltbundesministeriums, verweist auf

das zuständige Bundesamt für Naturschutz (BfN)

in Bonn. Dessen Sachbearbeiter Frank Klingenstein

wiederum schiebt den schwarzen Peter

auf die Länder, im BfN existiere keine Stelle für

Wildpflanzenschutz.

Eine deutsche Wasserpflanze

gibt es nur noch in Norwegen

Einzige Hoffnungsträger sind derzeit die botanischen

Gärten, von denen es in Deutschland

rund 90 gibt, die meisten sind Universitätsgärten.

Aber mit dem Erhalt von Wildpflanzen lässt sich

auch in der Forschung kein Blumentopf gewinnen,

Gärtnerei ist kein Fördergebiet etwa der

Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zwar kultivieren

gut zwei Dutzend Gärten bedrohte Arten,

bis vor Kurzem weitgehend unkoordiniert. Das

führte dazu, dass von den 21 am vordringlichsten

zu erhaltenden Arten Deutschlands nicht einmal

die Hälfte in Erhaltungskultur war.

Das hat sich inzwischen geändert, dank dem

Druck der internationalen Abkommen. Nun ist

die Erhaltung der 21 Arten verbindlich aufgeteilt,

berichtet Michael Burkart, Kustos des Potsdamer

Gartens. »Allerdings sind zwei bereits ausgestorben

und nicht mehr aus deutscher Herkunft zu beschaffen.«

Eine davon, eine Wasserpflanze aus dem

Bodensee, bekomme man nur noch aus Norwegen.

Rücksiedlungsprobleme wie auf den Kanaren

und der Osterinsel halten die Forscher bei Reimporten

aus entfernten Regionen zurück. Und

niemand weiß, wie viele offiziell ausgestorbene

Pflanzensippen möglicherweise doch noch irgendwo

in Kulturen überlebt haben. Laut Burkart lässt

sich schon mit geringem Aufwand (einige Tausend

Euro) Beachtliches erreichen. »Dank der Unterstützung

vom Landesumweltamt haben wir für

Brandenburg nun von den 227 bedrohten Arten

ein Drittel in Kultur«, sagt er. Allerdings seien

noch längst nicht alle Samen auch in der Gen bank

gesichert – die müssten nämlich erst einmal gezüchtet

werden.

»Die Erhaltungskulturen zeigen Bewegung in

Deutschland, bei den Genbanken hapert es noch

deutlich«, sagt Jonas Müller von den Kew Gardens.

Der Deutsche kennt seine Pappenheimer

und hat einen guten Überblick, denn er koordiniert

von Großbritannien aus das Europäische

Netzwerk zum Erhalt von Wildpflanzen, Ensconet

(European Native Seed Conservation Network),

das hauptsächlich von der EU finanziert wird.

Müllers Erfahrungen zeigen, dass der Wildpflanzenschutz

etwa in Spanien und Italien gut vorankommt.

Deutschland hingegen ist im Ensconet

erst angemeldet, aber noch nicht einmal offiziell

aufgenommen. Müller bestätigt auch, dass für den

Erhalt der Nutzpflanzen ungleich mehr getan wird

als für die Wildpflanzen. Hier klotzt die Bundesregierung,

sie unterstützt auch die globale »Arche

Noah« auf Spitzbergen (siehe Kasten), obwohl die

Aufbewahrung von Samen im Permafrost fachlich

umstritten ist. Eine bessere Kooperation der vorhandenen

1400 Genbanken, die ihre Schätze über

die Kontinente austauschen könnten, wäre wesentlich

sinnvoller als ein bombensicherer Bunker

am Nordpol.

Schon der gern als Vorbild zitierte Patriarch

Noah hatte die Wildpflanzen vollständig vergessen

und in seine Arche nur Tiere aufgenommen. Dass

die Pflanzen die 150-tägige Überflutung überlebt

haben sollen, wäre ein biologisches Wunder. Auf

seine Wiederholung sollten wir nicht bauen.

Die Anlage dürfte im nächsten Jahr fertig sein.

Angesichts der 1400 Genbanken für Nutzpflanzen

weltweit stellt sich jedoch die Frage nach dem Sinn

des teuren Tresors auf Spitzbergen. Dort werden

Samen nicht gepflegt, nur treuhänderisch aufbewahrt.

Das geht auch einfacher: Will eine Genbank

wertvolles Gut besonders schützen, dann

verschickt sie Duplikate an Partner-Genbanken.

Dieser bewährte Samenaustausch entschärft lokale

Zerstörungen, etwa durch Brand oder Krieg.

Ein globales Netzwerk wäre ebenfalls sicher – und

könnte arme Genbanken unterstützen. WÜS

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine