Katastropheneinsätze: Pflege spielt wichtige Rolle - IPP - Universität ...

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Katastropheneinsätze: Pflege spielt wichtige Rolle - IPP - Universität ...

966 | SCHWERPUNKT Autoren: Prof. Dr. St. Görres, N. Harenberg, T. Krieger

Global Disaster Nursing

Katastropheneinsätze:

Pflege spielt wichtige Rolle

Humanitäre Hilfe wird weltweit immer bedeutender – dabei werden auch viele

Pflegekräfte eingesetzt. Bislang war aber wenig bekannt über die genaue Zahl,

Qualifikation, Aufgaben und Erfahrungen der deutschen Pflegekräfte bei

internationalen Katastropheneinsätzen. Das Institut für Public Health und

Pflegeforschung (IPP) hat diese Datenlücke nun erstmals geschlossen

und konnte darüber hinaus einen deutlichen Handlungsbedarf aufzeigen.

Die Zahl der Katastrophen

nimmt weltweit zu: Natur -

ereignisse, Kriege, Hun -

gers nöte. Fast monatlich berichten

die Medien über die Folgen

und den Einsatz international

tätiger Hilfsorganisationen. Da -

bei wird immer wieder auf die

humanitären Notlagen hingewiesen.

Die Ereignisse in Haiti (Erd -

beben 2010) und in Japan

(Erdbeben und Tsunami 2011)

und ganz aktuell in Syrien zeigen,

wie verheerend die Folgen

einer Natur- oder von Menschen

gemachten Katastrophe sein

können. Hierbei kommen nicht

nur Hilfen technischer und

medizinischer Art zum Einsatz –

es werden auch in großem Um -

fang Pflegekräfte in der internationalen

Katastrophenhilfe eingesetzt.

Dies trifft insbesondere

auf Deutschland zu, das traditionell

und in vielfacher Form

neben unterschiedlichsten Be -

rufen vor allem auch Pflege -

berufe in internationale Katas -

trophengebiete entsendet, in de -

nen humanitäre Nothilfe gefragt

ist. Erstaunlicherweise wissen

wir relativ wenig über deren

konkrete Einsatzbereiche, die

Arbeitsschwerpunkte, die Kern -

aufgaben und die benötigten

Kompetenzen sowie die zu

erwartenden Belastungssitua -

tionen.

Zwar zeigen uns die Medien im

Falle eines Akutereignisses, wie

jüngst in Fukushima/Japan, dass

die weltweite Katastro phenhilfe

funktioniert und unterschiedlichste

Berufe offensichtlich

erfolgreich vor Ort eingesetzt

werden. Doch selbst wenn die

Medien im Katastrophenfalle

ausführlich berichten, so bleiben

die helfenden Menschen und die

dahinterstehenden Organisatio -

nen häufig im Hintergrund des

Geschehens – dies trifft besonders

für Pflegeberufe zu.

Auch der pflegewissenschaftlichen

Forschung ist dieser Be -

reich bisher kaum zugänglich,

und die Erkenntnisse sind daher

vergleichsweise spärlich. Dies

liegt im wahrsten Sinne „in der

Natur“ der Sache: Ereignisse

wie Fukushima kündigen sich

nicht vorher an und sind deshalb

nur schwer in einen Forschungs -

prozess zu integrieren.

Rolle der Pflegeberufe

bei internationalen Einsätzen

Um erstmals systematisch Daten

zu Einsatzumfang sowie Anfor -

derungen, Qualifikationen und

Aufgaben deutscher Pflegekräf -

te bei internationalen Hilfs -

einsätzen zu ermitteln, wurde

am Institut für Public Health

und Pflegeforschung (IPP) der

Universität Bremen mit Förde -

rung durch die Robert Bosch

Stiftung und das Bundes minis -

terium für wirtschaftliche Zu -

sammenarbeit und Entwicklung

(BMZ) eine nationale Synopse

zur Rolle der Pflegeberufe bei

internationalen Katastro phen -

ein sätzen erstellt.

Um eine solide Datengrundlage

zu erhalten, wurden zwei Er -

hebungen durchgeführt. Dabei

nimmt die erste Erhebung die

Leitungsebene der einzelnen

Hilfsorganisationen – Arbeiter

Samariter Bund, Ärzte der Welt,

Ärzte ohne Grenzen, Cap Ana -

mur, Deutsches Rotes Kreuz,

Hu medica, Johanniter Auslands -

hilfe und Medair – in Deutsch -

land, die in den letzten zwei

Jahren Pflegekräfte in internationale

Hilfseinsätze entsandt

haben, in den Fokus. Die zweite

Erhebung richtete sich an

Pflegekräfte, die Einsatzerfah -

rung in der humanitären Not -

hilfe/Katastrophenhilfe aufzeigen

können.

Die Analyse der Daten hat ergeben,

dass im Jahr 2009 114

Die Schwester Der Pfleger 51. Jahrg. 10|12


Foto: dpa/Ton Koene

Pflegekräfte aus Deutschland in

66 humanitären Projekten gearbeitet

haben. Im Jahr 2010

erhöhte sich die Zahl der ausgesandten

Pflegekräfte auf 178,

welche in 79 Projekten der hu -

manitären Hilfe tätig waren.

Laut Managementbefragung wa -

ren 66 Prozent der Pflegekräfte

Frauen. Der Großteil (41 %) der

vermittelten Pflegekräfte ist

zwischen 40 und 49 Jahre alt.

Auf Grundlage der Studie ließe

sich die „typische“ Pflegekraft

in der humanitären Nothilfe/

Ka tastrophenhilfe wie folgt charakterisieren:

Geschlecht: weiblich

Alter: ca. 40 Jahre

Sprachkenntnis: Englisch

fließend

Abschluss: examinierte

Krankenschwester

Berufserfahrung: mehr als

zwei Jahre

Anzahl der Einsätze: drei

Die Schwester Der Pfleger 51. Jahrg. 10|12

Gesamtzeit in Einsätzen:

neun Monate

Interesse an Weiterbildung:

ja

Pflegende sind

Schlüsselpersonen

Pflegekräfte sind für das Ge -

lingen der Projekte bedeutende

Schlüsselpersonen. Zum Port -

folio der Pflegekräfte gehören

aus Sicht des Managements in

allen Organisationen (n = 8)

auch fachfremde Aufgaben. Zu

den häufigsten Tätigkeiten zählen

Administration (8), Notfall -

versorgung (7), medizinische

Logistik (7) und die Sammlung

epidemiologischer Daten (7).

Pflegekräfte übernehmen zudem

in fast allen Organisationen

neben pflegerischen Aufgaben,

zum Beispiel in Lazaretten (6),

auch die psychologische Betreu -

ung von Patienten und Ange -

hörigen (6), Managementtätig -

keiten (6) und Prävention (6). In

fünf Organisationen nehmen

zudem die Ausbildung einheimischen

Personals sowie die Pla -

nung, Durchführung und Su -

pervision von Impfkampagnen

einen wich tigen Stellenwert ein.

Auf der Basis der gewonnenen

Daten lassen sich Kompetenzen

formulieren, die von Pflege -

kräften sowie vom Management

der Hilfsorganisationen gleichermaßen

als Kernkompe ten -

zen definiert werden. Hierzu

gehören:

Fachkompetenzen, zum Bei -

spiel in der Behandlungspflege,

Tropenmedizin, Geburtshilfe,

Public Health und in epidemiologischen

Grundlagen,

Administrative Kompeten -

zen, zum Beispiel im Finanz -

management und der Bericht -

erstellung,

SCHWERPUNKT | 967


4./5. September 2013

11. Niedersächsisches

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und Funktionsdienst

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Aktuelles aus der Berufspolitik

Aspekte der Krankenhaushygiene

Organspende und Organtransplantation

Patientenverfügung und Patientenvollmachten

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Neues in der laparoskopischen Chirurgie

Versorgung von Polytraumen

Interdisziplinäre Eingriffe an der Wirbelsäule

Rund um das Sterilgut

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Neue Verfahren in der Tumorbehandlung

Pädiatrische Endoskopie

Aufbereitung von Medizinprodukten

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Grundlagen des EKG-Monitorings

Intensivüberwachung von Patienten nach Herz-, Thoraxund

Gefäßoperationen

Postoperatives Schmerzmanagement

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Operative Behandlungsverfahren in der Herz- und

Lungenchirurgie

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Zielvereinbarungsgespräche

Risikoaudits

Integration verschiedener Berufsgruppen im OP

Workshops zu Schwerpunktthemen

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DBfK Nordwest e.V.

Geschäftsstelle

Lister Kirchweg 45

30163 Hannover

Telefon: 0511/69 68 44-0

Fax: 0511/69 68 44-176

E-Mail: hannover@dbfk.de

Web: www.dbfk.de

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BSG – Braunschweiger Studien-

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Boeselagerstraße 14

38108 Braunschweig

Telefon: 0531/12 999-0

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E-Mail: info@bsg-kongresse.de

Web: www.bsg-kongresse.de

Soft Skills, zum Beispiel interkulturelle Kompetenz,

Team fähigkeit und Methoden der Wissensvermittlung,

Führungskompetenzen, zum Beispiel in Projekt-,

Personal-, Stress- und Sicherheitsmanage ment, Super -

vision, Evaluierung und Gesprächsführung.

Obwohl 71 Prozent aller erstausreisenden Pflegekräfte

an einem Vorbereitungskurs teilnehmen mussten, fühlten

sich 77 Prozent nicht gut vorbereitet. Bei 15 Pro -

zent aller Befragten fanden keine Vorbereitungen vor

ihrer Erstausreise statt. Der Median der Vorbereitungs -

zeit beträgt laut der befragten Pflegekräfte 14 Tage,

mit einer Spanne von 1 bis 40.

Obwohl 71 Prozent aller

erstausreisenden Pflegekräfte an

einem Vorbereitungskurs

teilnehmen mussten, fühlten

sich 77 Prozent nicht gut vorbereitet

Anpassung der Qualifikations angebote gefragt

Nach Analyse der Ergebnisse wird deutlich, dass die

Anfor derungen, die ein Einsatz in der Nothilfe/Katas -

trophenhilfe an die Pflegekräfte stellt, nur teilweise

von ihnen erfüllt werden können. Es zeigt sich eine

partielle Diskrepanz zwischen den Inhalten organisationsinterner

Vorbereitungskurse und den täglichen

Anforderungen im Ein satz. Bedarf an Weiterbildung in

der humanitären Nothilfe/Ka tastrophenhilfe zeichnet

sich vor allem im Bereich der Sprach kompetenz ab,

gefolgt von hu manitärer Nothilfe/Katastro phen hilfe, allgemeiner

Organi sation und Human Ressource Manage -

ment. 65 Prozent aller teilnehmenden Pflegekräfte

würden sich gerne weiterbilden und ihr Kompetenz -

spektrum erweitern.

Zentrales Kriterium für die Attraktivität eines Weiter -

bil dungs angebotes ist dessen organisationsübergreifende

Aner kennung. Zudem spielen Zeit aufwand und

die Möglichkeit des berufsbegleitenden Lernens ebenso

eine Rolle wie modulare Buchbarkeit, E-Learning-

An ge bote, Workshopcharakter, Pra xisbezug und überschaubare

Kosten. Das Management sieht vor allem

den Nutzen für die Organisation sowie eine möglichst

kurze Ausfallzeit (1 bis 2 Präsenzzeiten pro Jahr) des

Pflegepersonals im Fokus. Die präferierten Formen für

Weiter bildungsmöglichkeiten in der humanitären Not -

hilfe/Katastro phenhilfe sind Summerschools und weiterbildende

Studien.

Aufgabenspektrum der Pflege erweitern

Im Fazit kommt dem Pflege personal in der humanitären

Hilfe eine bedeutende Rolle zu. Es zeigt sich ein

Aufgaben spektrum, das größtenteils jenseits der hierzulande

wahrgenommenen Tätigkeiten der Pfle genden

liegt. Die zunehmende Komplexität sowie die steigende

globale Verantwortung der Pfle gekräfte in diesem

Die Schwester Der Pfleger 51. Jahrg. 10|12


Bereich erfordern eine Anpassung der Qualifikations -

angebote in Deutschland. Die Übernahme von medizinischen,

management- und steuerungsbezogenen Tä -

tigkeiten in der Realität der humanitären Nothilfe/

Katas trophenhilfe greift der Diskus sion um eine

Neuverteilung der Aufgaben im deutschen Gesund -

heitswesen vor.

International wird diese Diskus sion bereits seit einigen

Jahren geführt. Die Weltgesundheits organisation

(WHO) hat gemeinsam mit dem International Council

of Nurses (ICN) einen Kompetenzkatalog erarbeitet,

der allerdings an die jeweiligen nationalen Bedingun -

gen anzupassen ist. Dies ist bislang für Deutschland

nicht ge schehen. Es besteht also auch im Hinblick auf

die Vorbereitung deutscher Pfle gekräfte auf nationale

Ka tas trophen ein deutlicher Han d lungsbedarf. Ob -

gleich die Ver mitt lung von Katastrophen schutz kennt -

nissen in der Pfle ge aus bildung seit 2003 im Kran ken -

pflegegesetz festgeschrieben ist, findet diese in der

Praxis bislang kaum statt.

Die ersten Forschungsergebnisse zeigen nicht nur aus

Sicht der Wissenschaft, dass noch viele Fragen offen

sind und deren systematische (wissenschaftliche)

Erfassung und Bearbei tung erst am Anfang stehen.

Auch NGOs (Non-Governmental Organizations) und

die eingesetzten Praktiker und Praktike rinnen bestätigen

diese Ein schätzung. Ein Indiz dafür ist zum

Beispiel, dass angesichts der Dringlichkeit und Ernst -

haftigkeit dieses Themas, die erste weltweite For -

schungs konferenz der World Society of Disaster Nur -

sing (WSDN) erst relativ spät, nämlich 2010 in Kobe/

Japan, abgehalten wurde; die zweite folgte im August

2012 in Car diff/Wales. Unbestritten viel fältig sind

dagegen das vorhandene Erfahrungswissen und die

langjährigen Erkenntnisse aus der Praxis. Dies trifft

insbesondere für jene zu, die selbst vor Ort in der

humanitären Nothilfe beziehungsweise in der internationalen

Katastrophen hilfe tätig waren oder – wie die

NGOs – diese organisieren.

Deutlich wird eines ganz sicher: Es handelt sich hier

um ein Einsatzgebiet, das hohe An strengungen in allen

Bereichen erfordert. Die immensen He rausforderungen

an die eingesetzten Pflegenden wie auch an alle anderen

Berufe sind nur durch hohe persönliche Einsatz -

bereitschaft und umfassende Kompetenzen erfolgreich

zu be wältigen.

Die fachliche und soziale Pro fessionalität gerade der

eingesetzten Pflegekräfte sind eine der wichtigsten

Säulen für den Erfolg in der humanitären Not- und

Katastrophenhilfe. Da in der Zukunft die Notwendig -

keit professioneller Helfer in diesem Bereich steigen

wird, ist es unumgänglich, das Aufgaben spektrum der

Pflege zu erweitern und die Professionali sie rung der

Berufsgruppe auch in Deutschland voranzutreiben.

Anschrift der Verfasser:

Prof. Dr. Stefan Görres, Niels Harenberg, Theresia Krieger

Universität Bremen

Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP)

Abteilung 3 Interdisziplinäre Alterns- und Pflegeforschung

E-Mail: sgoerres@uni-bremen.de

www.ipp.uni-bremen.de

Die Schwester Der Pfleger 51. Jahrg. 10|12

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