2,20 - Nord-Handwerk

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2,20 - Nord-Handwerk

Thema des monaTs

>> Lebenssituationen, mit denen die Kinder

umgehen lernen müssen. Der zweite

Punkt ist, dass Schule latent Gefahr läuft,

ihre Aufgabe aus dem Blick zu verlieren.

Der Auftrag lautet Bildung und Erziehung.

Keines von beidem ist Selbstzweck, sondern

darauf gerichtet, die Jugendlichen

auf die (Arbeits-)Welt vorzubereiten. Hier

sehe ich uns Lehrer tatsächlich in der Verantwortung.

Der dritte Punkt sind die

Lehrpläne:Was gehört da hinein und was

nicht. Wir müssen uns stärker auf Grundsätzliches

konzentrieren, um so den Raum

zu haben, dieses Grundsätzliche zu üben

und zu vertiefen. Und viertens – hierüber

wird schon sehr lange gesprochen – ist auch

die Lehrerausbildung verbesserungsfähig.

Die zukünftigen Kollegen kommen viel zu

spät in Kontakt mit den Schülern.

Wie praxistauglich sind denn heute die Schulabgänger,

denen Sie mit dem Abschlusszeugnis

nach Klasse 9 die „Berufsreife“ attestieren?

Personalverantwortliche klagen, die Jugendlichen

beherrschten häufig nicht mal die einfachsten

Kulturtechniken und Umgangsformen.

Barsch Ich glaube, da hat sich einiges

gebessert. Unsere Schulabgänger sind berufstauglicher

geworden. Wir können aber

noch viel mehr erreichen. Und was die

Umgangsformen angeht, die Teamfähigkeit,

das Verantwortungsgefühl: Die Schule muss

10 nordhandwerk April 2009

„Tut uns leid. Das sind

unsere/eure Kinder.

Andere haben

wir nicht.“

Wissen, Sach- und Sozialkompetenzen

vermitteln. Bei Letzterem darf man nicht

vergessen: Unsere Spielräume sind eng.

Wenn die Kinder zu uns kommen, haben

sie den größten Teil ihrer Sozialisation

bereits hinter sich. Vielleicht 10 % dieser

Entwicklung können – und müssen – wir

beeinflussen. Es gibt zahlreiche Untersuchungen,

die das belegen.

Thema: Berufswahlreife, Berufsorientierung.

Auch das ist eine Aufgabe der Schule ...

Barsch ... und der Wirtschaft und der

Eltern!

Andersherum: Schule,Verbände, Kammern,

Innungen, Kreishandwerkerschaften, Unternehmen,

Bundesagentur für Arbeit: Alle beteiligen

sich an der Berufsorientierung. Trotzdem

konzentriert sich das Interesse der Jugendlichen

auf gerade eine Handvoll der über 340 Ausbildungsberufe.

Kruse Ein riesiges Problem. Die Jugendlichen

wissen kaum etwas von der

Fotos: Seemann

Vielfalt der Berufe und den Karrierechancen.

Im kommenden Jahr startet das Handwerk

mit großem Aufwand eine bundesweite

Imagekampagne, um gerade bei

Jugendlichen das Interesse am Handwerk

zu wecken [mehr dazu S. 3 und 16].

Frau Ahlers, woran liegt es Ihrer Meinung

nach, dass die Schüler augenscheinlich so

schlecht informiert sind?

Sigrid Ahlers Das hat viele Gründe.

Zunächst einmal sind diejenigen Schülerinnen

und Schüler, für die die Auseinandersetzung

mit der Arbeitswelt richtig

relevant wird, in der Pubertät. In diesem

Alter sind viele Dinge spannend. Berufswahl

steht selten an erster Stelle.

Dann ist es immer auch die Frage, wie

die Jugendlichen angesprochen werden.

Als Fachberaterin bin ich öfter an

Schulen, zum Beispiel um Vorträge zu

halten. Ich bekomme mit, wie Lehrer

mit Schülern reden. Ganz oft frontal

und ein bisschen von oben herab; nach

dem Motto „ich Lehrer, du Schüler!“.

Da machen die meisten natürlich dicht.

Die Jugendlichen, zumal die benachteiligten,

sind sehr sensibilisiert und merken

sofort, wenn da einer vor ihnen steht, der

sich weder für sie interessiert noch für

das, was er erzählt. Das ist nicht glaubwürdig

und auch nicht motivierend.

Also mehr Praktiker, mehr Wirtschaft in die

Klassenzimmer. Sie helfen Betrieben und

Schulen zueinanderzufinden.

Ahlers Ja. Wirtschaft muss über Wirtschaft

informieren und orientieren. Meine

Erfahrung ist, dass die Schüler viel aufmerksamer

sind, wenn jemand aus der

Praxis in den Unterricht kommt. Der

bringt die Dinge ganz anders rüber als

das in diesem speziellen Fall ein Lehrer

könnte.

Ich bin eine Art Brückenbauerin. Es

bestehen ja bereits zahlreiche Kontakte

zwischen Firmen und Schulen. Entscheidend

ist, diese zu festigen und zu vertiefen.

Ich helfe beiden Seiten, miteinander

strukturiert, verlässlich und nachhaltig zu

kooperieren. Zu diesem Zweck schließen

die Partner einen schriftlichen Kooperationsvertrag.

Nach Vertragsschluss setzt

man sich an einen Tisch und organisiert

gemeinsam das nächste halbe Jahr: Wann

sind Praktikumszeiten, wie lassen sich

die Praktika von beiden Seiten optimal

vor- und von den Lehrern nachbereiten?

Sind andere Veranstaltungen denkbar, etwa

Betriebsbesichtigungen oder Messen, zu

denen auch die Eltern eingeladen werden?

Die Kooperationsformen sind sehr vielfältig.

Sie orientieren sich an den Vorstellungen

der Schulen und den Möglichkeiten

der Betriebe. Gewinnen tun alle:

Die Lehrer und Schulen, weil sie ihren

Auftrag besser erfüllen; die Unternehmen,

weil gute Berufsorientierung die Quote

aUsBILdUnGsBeRaTUnG deR handWeRKsKammeRn

Allen an der Berufsausbildung Beteiligten

steht die Ausbildungsberatung der Handwerkskammern

mit Rat und Tat zur Seite.

Wenn Sie Fragen haben, etwa zu den

Ausbildungsvoraussetzungen, zum Ausbildungsrahmenplan,

zu finanziellen Fördermöglichkeiten

oder zur überbetrieblichen

Unterweisung, dann wenden Sie sich an

den für Sie zuständigen Berater.

Ausbildungsbetriebe und solche, die es

werden wollen, haben viele Fragen: Woher

bekommt man Ausbildungsvertrag, Ausbildungsordnung

oder Berichtsheft? Wer nimmt

die Ausbildereignungsprüfung ab, und gibt

es Ausnahmeregelungen? ... Die Experten

Thema des monaTs

der Ausbildungsabbrüche senken hilft; die

Schülerinnen und Schüler, weil ihnen der

gewaltige Schritt von der Schule in die

Ausbildung erleichtert wird.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan

hat kürzlich vorgeschlagen, Topmanager und

Ingenieure an die Schulen zu holen, um den

Lehrermangel abzumildern.

Barsch Das wollen Sie jetzt nicht wirklich

diskutieren?

Nicht ernsthaft, aber ...

Ahlers Mir fällt dazu eine Geschichte

ein. Wir haben vor einiger Zeit im Rahmen

der Kooperationsverträge eine Schülerfirma

gründen helfen. Beteiligt waren

ein Autohaus und eine Realschule, heute

Gemeinschaftsschule. Die Unternehmer

sind zu zweit einmal wöchentlich in den

Unterricht gekommen. Nach zwei Monaten

waren beide ziemlich irritiert und

haben erstmal gefragt, was man ihnen

denn da für Schüler angeboten habe. Die

Lehrer konnten nur antworten: „Tut uns

leid, das sind unsere/eure Kinder. Andere

haben wir nicht.“ Da ist denen erst mal

klargeworden, wie Jugendliche sind und

was Lehrer tun.

Barsch Schule heißt immer zuerst Arbeit

mit der Person. Meine Aufgabe als Lehrer ist

es, Neugier zu wecken und Handlungskompetenzen

zu vermitteln. Die durchdachte

Kooperation mit der Wirtschaft ist in einigen

Bereichen sehr ertragreich. Ersetzen

kann Wirtschaft Schule nicht.

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