Reisbericht - Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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Reisbericht - Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Studienreise Israel 2006

Vor – Worte

Seite 6

Versöhnungsarbeit

Seite 10

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Inhaltsverzeichnis

A society in transition – Beduinen und der Staat Israel

Seite 14

Die Felsenfestung Masada

Seite 17

Das Tote Meer— Nicht nur eine Wirtschaftsregion

Seite 22

Jerusalem— „Zellkern“ des Nah-Ost Konflikts

Seite 24

“We can not undo Israel, we have to coexist with Israel.“

PASSIA: Eine Sichtweise auf den israelischpalästinensischen

Konflikt

Seite 29

Christian Sterzing: „Man soll’s nicht aufgeben.“

Seite 37

Friedenszentrum Givat Haviva -

„Integraler Bestandteil der Kibbuzbewegung“

Seite 44

Avi Primor: „Die öffentliche Meinung bestimmt die Politik“

Seite 50


Ulrich Sahm: „So ausweglos wie noch nie.“

Seite 55

Studienreise Israel 2006

Yad Vashem: Begegnung mit der deutschen Geschichte

Seite 59

Besonderheit oder Normalisierung?

Die Deutsch-Israelischen Beziehungen

Seite 62

Begegnungen in der Jerusalem Foundation

Seite 68

Die kritische Sicht eines israelischen Historikers:

Moshe Zuckermann

Seite 72

Jörn Böhme: „Lösung des Konflikts wird es nicht geben.“

Seite 77

Friede und Industrie:

Zusammenhänge im Industriepark Tefen

Seite 81

Berge, Seen und ein soziales Experiment

Seite 85

Akko — altertümliche Metropole und Orient Galiläas

Seite 92

Crossing borders: 25 Jahre Uni-Partnerschaft

Seite 96

Yona Yahav: „Haifa is different“

Seite 107

The German Colony : „Spiritueller Tempel im Lande Zions“

Seite 110

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Studienreise Israel 2006

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Vor – Worte

„Feldstudien“, gerade auch politischer Art, sind nahezu zwingend

notwendig im akademischen Arbeiten und Wirken, wollen sie

doch ergänzen, modifizieren, wenn nötig korrigieren, verändern,

was Theorie-Bewusstsein im Seminar-Alltag zu vermitteln versucht.

Wenn das Ziel einer solchen „Feldstudie“ dann noch Israel

und die Gebiete der palästinensischen Autonomie ist, dann wird

geradezu ein ganzes ‚Labor’ an verschiedensten Fragestellungen

geöffnet: Gesellschaftstheorien, Konfliktursachen, Friedensforschung,

Migrations- und Integrationstheorien, Religions- und

Staatsverständnis – alles kann beobachtet, analysiert und überprüft

werden. 25 Jahre der bestehenden universitären Partnerschaft

Mainz – Haifa bildeten den Hintergrund einer 14-tägigen

Studienreise (vom 31. Mai bis 13. Juni 2006) mit Studierenden

der Politikwissenschaft, die drei Schwerpunkte vorsah:

1. Staat und Gesellschaft Israels begegnen, 2. die Rolle der Shoa

und die Frage nach der Erinnerungskultur in Israel erfahren und

3. die Dimensionen des israelisch-palästinensischen Konflikts analysieren.

Jene drei Themenschwerpunkte bestimmten das Programm

der Studienreise. Sie erwuchsen aus den Lehrveranstaltungen

am Institut für Politikwissenschaft als wesentliche Themen

im wissenschaftlichen Diskurs. In zahlreichen Begegnungen in

Israel und in den palästinensischen Autonomiegebieten mit verschiedenen

Gesprächspartnern aus Politik, Wissenschaft und

Kultur standen sie immer wieder im Vordergrund. Doch so zahlreich

wie die Gespräche und Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster

Hintergründe, erwiesen sich auch die Antworten

auf gestellte oder auch auf nicht gestellte Fragen, eine Erfahrung,

die alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Reise machen

mussten – scheinbar einfache Antwortmuster oder Lösungen für

die äußerst komplexen Themenfelder waren auf keiner Seite anzutreffen,

Beobachtungen ‚von Außen’ sind eine Sache, ‚gelebte

Antworten’ vor Ort eine andere. Beides zusammen zu sehen und


Studienreise Israel 2006

sich in seinen mitgebrachten „Voraus-Urteilen“ - oftmals in Kontexten

’Nahostkonflikt’ allerdings „Vor-Urteilen“ - infrage gestellt

zu wissen gehört mit zu den Ergebnissen einer solchen Studienfahrt,

die dann auch Basis zu einem weiteren Diskurs eröffnen

will. Zusammen mit den Bildern einer Reise (Ausstellung vom19.

Juli bis 04. August 2006, ALTE MENSA, Johannes Gutenberg

Universität Mainz) will der vorgelegte „reader“ teilnehmen lassen

an der ‚Außensicht der Innenansicht’ und dazu denen danken, die

diese Studienfahrt maßgeblich unterstützt haben, vor allem der

Johannes Gutenberg-Universität, mit ihrem Präsidenten, Prof. Dr.

Jörg Michaelis, der Israel erfuhr, dem Leiter der Abteilung Internationales

Herrn Rainer Henkel-von Klass, dem Dekan des Fachbereichs

02, Prof. Dr. Jürgen W. Falter, dem DAAD, den Freunden

der Universität Mainz unter ihrem Geschäftsführer Dr. Kurt

Roeske, dem Direktor der Landeszentrale für politische Bildung

Mainz, Herrn Dr. Dieter Schiffmann, dem Oberbürgermeister der

Stadt Mainz Herrn Jens Beutel, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Mainz unter dem ehemaligen Vorsitzenden Prof. Dr. Klaus

Sallmann, auch dem Leiter des Kulturkanals k3, Herrn Rolf

Zitzlsperger und seinen Mitarbeitern.

Gedankt werden soll aber vor allen Dingen all jenen Gesprächspartnern

und -partnerinnen in Israel und den palästinensischen

Gebieten, ohne die es keine wirkliche „Begegnung“ im Buberschen

Sinn gegeben hätte.

Alfred Wittstock Mainz im Juli 2006

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Studienreise Israel 2006

Unsere Reise nach Israel und in die palästinensischen Gebiete

diente Studienzwecken, trotzdem war sie für uns 23 Studentinnen

und Studenten viel mehr als ein Aufenthalt zu Bildungszwecken.

Wir haben eine Menge gelernt und sind dankbar für die einmalige

Chance, die uns geboten wurde. Darüber hinaus hatten wir aber

auch eine emotional sehr bewegende Zeit, die neue Erfahrungen

und auch neue Freundschaften mit sich brachte.. All dies wollen

wir nicht vergessen, und deshalb gilt unser Vorwort diesen Emotionen.

„Viel Glück“ und „komm gesund wieder“ waren wohl die Worte,

die die meisten von uns vor dem Abflug zu hören bekamen.

Kaum ein „viel Spaß“ oder „amüsiert euch gut“ von Freundinnen

und Freunden, Bekannten und Verwandten begleitete uns auf

unsere Reise nach Israel, die am 31. Mai 2006 begann.

Im Nachhinein können wir sagen, dass keine der geäußerten Befürchtungen

eingetreten ist und wir eine gute und vor allem interessante

Zeit hatten. Wir sind in ein Land, in ein Gebiet gereist, in

dem Krieg herrscht. Ein Krieg, dessen Ende nicht absehbar ist

und der aufgrund seiner Aktualität und Komplexität oft den Blick

von vielem anderen ablenkt.

Zum Beispiel von einer bunten Gesellschaft, in der Kulturen aus

aller Welt aufeinander treffen. Dazu eine Landschaft, die auf einer

Fläche des Landes Hessen so viele Schönheiten und Varietäten

verbirgt, wie man sie nicht vermuten würde.

Zwei Wochen lang sind wir durch Israel und die palästinensischen

Gebiete gereist, haben Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner

getroffen, mit ihnen diskutiert, heilige Stätten aller

drei monotheistischen Weltreligionen besucht und versucht zu

begreifen.

Einen Eindruck davon zu bekommen, warum Frieden im Nahen

Osten genauso wichtig wie weit entfernt ist. Viele von uns hatten

diesen Teil der Welt nie zuvor bereist, wir kamen mit hohen Erwartungen

und vielen Fragen, aber bestimmt auch mit ein bisschen

Angst und Respekt vor dem, was uns erwarten würde.

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Studienreise Israel 2006

Empfangen wurden wir vom Tel Aviver Abendhimmel und von

unserem Busfahrer Mahmoud, einem arabischem Israeli muslimischen

Glaubens, der uns, gemeinsam mit unserer Reiseführerin

Ramzia, einer griechisch-orthodoxen israelischen Araberin ständig

begleitete. Beide wurden ein unverzichtbarer Teil der Reise,

zugleich spiegelten sie die bunte Gesellschaft wieder, in der wir

uns bewegten.

Mit 25 Menschen, die sich vorher kaum kannten, auf eine solche

Exkursion zu gehen, die an Nerv und Seele zehrt, ist ein mutiger

Versuch. Aber ohne Einschränkungen können wir nach diesen 14

Tagen Reise und inmitten der Vorbereitung zur Ausstellung sagen:

Es war ein Erfolg.

Viele tauschen sich weiterhin regelmäßig über aktuelle Geschehnisse

im Nahen Osten und deren mögliche Konsequenzen aus,

die Euphorie ist noch groß, aber manchmal auch die Ernüchterung.

Mit der Ankündigung des militärischen Flügels der Hamas,

die Waffenruhe aufzukündigen, kam gegen Ende unseres Aufenthaltes

das mulmige Gefühl zum Vorschein, das bis dahin zumeist

von Begeisterung und Faszination überlagert wurde. Großteile

der Gruppe begannen Menschenaufläufe zu meiden, plötzlich

saßen wir im Hotel und guckten deutsches Fernsehen, um zu

schauen, wie die Neuigkeiten in Deutschland aufgenommen wurden.

Viele von uns haben wohl einen ähnlichen Eindruck mit nach

Hause genommen. Zuallererst haben wir viel gelernt. Durch Vorträge,

gemeinsame Gespräche, durch die Rundreise und nicht

zuletzt durch den Austausch untereinander. Das Leid und die

Verzweiflung der Menschen auf beiden Seiten des Konfliktes ist

uns ein Stück näher gekommen, aber auch ihre Herzlichkeit und

Aufgeschlossenheit.

Wir werden die Eindrücke dieser Exkursion wohl nie vergessen

und hoffen, Ihnen ein Stück dieser großartigen Erfahrung mit Ausstellung

und Dokumentation näher bringen zu können.

Für die Exkursions-Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Nele Möhlmann

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Studienreise Israel 2006

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Versöhnungsarbeit

Gespräch mit Prof. Dr. Dan Bar-On,

Ben Gurion-Universität,

Beer Sheva, 1. Juni 2006

Verfasserin: Katharina Binz

Zu Beginn des Gesprächs berichtet Bar-On von seiner eigenen

Vita und wie er zu seiner Arbeit mit Kindern von Nazi-Tätern und

Holocaustüberlebenden kam.

Während seiner Arbeit als Therapeut lernte er Kinder von Überlebenden

des Holocaust kennen und machte die Erfahrung, dass

deren Eltern ihre Erlebnisse und Geschichte aus der Shoa kaum

mit ihren Kindern teilten. Auch war die Shoa in der israelischen

Psychologie erst ab den sechziger Jahren ein Thema, da in Israel

lange aufgrund des zionistischen Heldenbildes in der Gesellschaft

keine Auseinandersetzung mit den Überlebenden des Holocaust

stattfand.

Dan Bar-On erlebte in seiner Arbeit eine Art „kommunikative Mauer“

zwischen den Generationen: Ein Austausch zwischen Kindern

und Eltern fand kaum statt.

Durch seine Beschäftigung mit diesem Thema kam Bar-On 1985

nach Deutschland, hier wollte er Interviews mit den Kindern der

Täter führen, also Kinder von Menschen, die aktiv am Prozess

der systematischen Verfolgung von Juden im Nationalsozialismus

beteiligt gewesen waren. Die Suche nach Interviewpartnern und

Partnerinnen gestaltete sich schwierig, nur über Zeitungsannoncen

und gezielte Anfragen fand Bar-On ca. 90 Nachkommen von

Nazitätern, die sich auf ein Gespräch mit ihm einließen. Auch in

Deutschland hatte sich die Forschung bis zu diesem Zeitpunkt

noch nicht mit den Kindern von Nazitätern beschäftigt.

Seine Interviews veröffentlichte Bar-On 1988 in seinem Buch „Die

Last des Schweigens“, welches erst sieben Jahre später ins Hebräische

übersetzt wurde.

Zusätzlich fand sich über die Interviews eine kleine Selbsthilfegruppe

der Gesprächspartner und Partnerinnen zusammen um


Studienreise Israel 2006

sich über die gemeinsamen Erfahrungen auszutauschen. Nachdem

Bar-On die Nachfahren „beider Seiten“ kennen gelernt hatte

und in den Gesprächen mit ihnen ähnliche Probleme feststellen

konnte, nämlich das mangelhafte Wissen über die eigene Familiengeschichte

verursacht durch fehlende Kommunikation zwischen

den Generationen, kam ihm die Idee eines Treffens beider

Gruppen. Auf seine Initiative hin trafen sich 1992 die deutsche

Selbsthilfegruppe und mehrere Kinder von Überlebenden der

Shoa, welche Bar-On von seiner Arbeit in Israel kannte.

Dieses Treffen in Wuppertal war vor allem vom Austausch der

persönlichen Erfahrungen bestimmt, vier Tage dauerte allein der

Rundlauf, währenddessen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen

sich und ihre Geschichte vorstellten. Auch ein Kamerateam der

BBC nahm an diesem Treffen teil, es entstand die eindrucksvolle

Dokumentation „Children of the Third Reich“.

Waren die Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Treffen für die

Teilnehmer und Teilnehmerinnen durchweg hilfreich für den Umgang

mit der eigenen Geschichte, so stießen vor allem die jüdischen

TeilnehmerInnen nach ihrer Rückkehr in die Heimat oft auf

Ablehnung und Unverständnis für ihre Bereitschaft, sich mit den

Kindern der Täter zu treffen und auseinanderzusetzen.

Dan Bar-On berichtete von den Erlebnissen einer Teilnehmerin,

welche nach ihrer Heimreise in der Synagoge von ihren Erlebnissen

erzählte und daraufhin beschimpft wurde.

Auch schon im Vorfeld hatten sich vor allem Kinder von Überlebenden

der Shoa geweigert, an dem Treffen teilzunehmen. Trotz

der Ablehnung von Teilen ihres Umfelds beschloss die Gruppe,

sich weiterhin regelmäßig zu treffen.

Hieraus entstand, unter der Anleitung von Dan Bar-On, die TRT-

Gruppe (to trust and reflect), welche sich bis 2002 einmal jährlich

traf, um an der Aufarbeitung der eigenen Geschichte gemeinschaftlich

zu arbeiten. Im Laufe der Zeit öffnete sich auch das

Umfeld der Gruppenmitglieder für die Idee eines Austausches mit

der „Gegenseite“ und der intensiven Beschäftigung mit den

schrecklichen Erlebnissen oder Taten der Eltern.

Hier liegen auch die Anknüpfungspunkte für das zweite große

Projekt von Dan Bar-On, der Aufbau von PRIME (Peace Re-

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Studienreise Israel 2006

search Institute for the Middle East) gemeinsam mit seinem palästinensischen

Kollegen Dr. Sami Adwan von der Universität

Bethlehem. Die beiden lernten sich 1998, während eines Treffens

der TRT-Gruppe, kennen.

Motiviert durch die Wirkung ihrer Beschäftigung mit der gemeinsamen

Vergangenheit, luden die TRT-Mitglieder 1998 Beteiligte

an aktuellen Konflikten aus Nordirland bzw. Israel und den palästinensischen

Gebieten ein. Hier begegneten sich die beiden Wissenschaftler

und beschlossen, gemeinsam ein Forschungsinstitut

zur Entwicklung von Strategien für den Frieden zwischen Israel

und Palästina aufzubauen.

Eines der aus der fruchtbaren Zusammenarbeit erwachsenen

Projekte besteht aus einem gemeinschaftlichen Schulbuch in arabischer

und hebräischer Sprache:

Es findet eine Gegenüberstellung der israelischen und palästinensischen

Erzählweisen in Bezug auf den Nahost-Konflikt, wie zum

Beispiel der Balfour-Erklärung oder dem Unabhängigkeitskrieg

statt. Die Intention besteht darin, das gegenseitige Verständnis zu

wecken, indem man die jüngste Generation von bestehenden

Vorurteilen gegen den jeweils Anderen löst. Das Ziel ist es, den

interkulturellen Diskurs zu eröffnen.

Das Projekt stellt somit eine direkte Reaktion auf die bisher gescheiterten

Versuchen, einen stabilen Frieden für Israelis und Palästinensern

zu gestalten, dar. Die Gründe für das Scheitern lagen

laut Bar-On in der fehlenden Vermittlung und „Übersetzung“

der Ziele an die Gegenseite. Dies versucht das Schulbuch-Projekt

durch den offenen Umgang beider Parteien miteinander zu beheben.

Die Praxis beweist den Erfolg des Projekts: Nach anfänglicher

Ablehnung des anderen, fremden Narrativs zeigen die Schüler

und Schülerinnen heute verstärkt Interesse am Dualismus ihrer

eigenen Geschichte. Zwar wurde vom israelischen Erziehungsministerium

bisher noch keine Genehmigung für den Gebrauch des

Buches im Geschichtsunterricht gegeben, nach einem erfolgreichen

Modellversuch hoffen Dan Bar-On und seine Kollegen und

Kolleginnen von PRIME allerdings auf eine Genehmigung für die

neue Ausgabe. Wie auch bei der Arbeit mit der TRT-Gruppe und

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Studienreise Israel 2006

deren Akzeptanz in der Öffentlichkeit verfährt Dan Bar-On bei

dem Schulbuchprojekt nach dem Credo, dass solche Vorhaben,

welche das Vertrauen und die Unterstützung beider Seiten benötigen

immer mit viel Geduld verfolgt werden müssen, damit sie

eines Tages ihre Wirkung entfalten können und von beiden Seiten

als sinnvoll erachtet werden.

Eine Perspektive, welche zumindest vorsichtige Zuversicht aufkommen

lassen kann.

Sicherheit Sicherheit „ „ geht geht “ “ vor

vor

Ich konnte es kaum glauben, was die Frau in der blauen Uniform

von mir wollte. Da sollte ich doch glatt meine Schuhe ausziehen.

Mitten im Flughafen. Der Sicherheitsschranken und wild dröhnenden

Piepsstäbe nicht genug, wurde ich angehalten, meine doch

so gefährlich aussehenden sandfarbenen Freizeitschuhe mit

Gummisohle ( Höhe ca. 0,9 cm ) von den Füßen zu holen, um

sie danach durch die „ b lack box “ zu schleusen. Sehe ich denn

aus wie jemand, der Übles im Schilde führen könnte? Aber ehrlich

gestanden ist man dann doch insgeheim froh über die verschärften

Maßnahmen. Schließlich will man ja irgendwie ankommen.

Silvia

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Studienreise Israel 2006

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A society in transition:

Beduinen und der Staat Israel

Gespräch mit Prof. Dr. Riad Agbaria,

Center for Bedouin Studies and

Development, Ben Gurion Universität,

Beer Sheva, 1. Juni 2006

Verfasserin: Nele Möhlmann

Das „Center for Bedouin Studies and Development“ existiert seit

1998 und widmet sich schwerpunktmäßig der Erforschung der

Beduinen-Kultur in der Region Beer Sheva. Ziel des Zentrums ist

es, die politische und wirtschaftliche Situation der Beduinen im

Negev und im Nahen Osten zu verbessern und ihr universitäres

Engagement zu stärken.

Riad Agbaria, heutiger Leiter des Centers und zugleich Chairman

des „Department for Pharmacology“ erklärt sein Engagement

hauptsächlich mit der Abwesenheit der arabischen Bevölkerung

an Israels Universitäten (20% der Bevölkerung, aber nur 8% der

Studierenden, 3% Graduierte).

Die Beduinen im Negev

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich für die Beduinen

viel verändert. Allem voran sind hier die Bemühungen der Regierung,

die Volksgruppe sesshaft zu machen, zu nennen. Dies begann

bereits mit der Gründung des Staates Israel und brachte

viele Schwierigkeiten mit sich.

Die Beduinen verloren ihr Land, ihrem Nomadentum wurden

Grenzen auferlegt, die mit den Traditionen der Volksstämme unvereinbar

sind. Im Norden des Negev wurden feste „Beduinen-

Städte“ implementiert, in denen die Nomaden angesiedelt werden

sollten.

Ein Großteil der Volksgruppe weigerte sich, in die für sie vorgesehenen

Städte umzusiedeln und Landansprüche aufzugeben und

lebt nun ‚illegal’ im Negev; immer wieder wurden und werden Klagen

vor nationalen und internationalen Gerichten eingereicht –


Studienreise Israel 2006

jedoch ohne Erfolg. Viele Dörfer, in denen die Beduinen stattdessen

leben, sind von der Regierung nicht anerkannt und damit von

Leistungen des israelischen Staates ausgeschlossen. 140.000

Beduinen leben heute in sieben anerkannten Städten sowie 37 so

genannten „unrecognised“ Siedlungen. Die israelische Regierung

erkannte nur Mitglieder bestimmter Stämme als Staatsbürgerinnen

und Staatsbürger an und beraubte vieler Beduinen damit ihrer

Würde; zudem ist die Wirtschaftssituation vielerorts katastrophal.

Sämtliche “nicht-anerkannte Dörfer” sowie viele der anerkannten

Ansiedlungen haben keinen direkten Zugang zu Wasser, Abwassersystemen,

Elektrizität, Kliniken oder Schulen.

Diejenigen, die die Neuansiedlungen bezogen, passten sich nur

schleppend oder gar nicht den neuen Lebensbedingungen an. In

den Städten leiden sie unter Arbeitslosigkeit, da sie ihre traditionelle

Schafzucht aufgeben mussten. Sie sind anfälliger für Krankheiten

und die Skepsis gegenüber moderner Medizin ist groß.

Bestes Beispiel hierfür ist, dass 95 Prozent der an Brustkrebs erkrankten

Beduinen-Frauen nicht geheilt werden können, normalerweise

sind es fünf Prozent. Mit dem Programm an der Universität

im Negev erhoffen sich Initiatorinnen und Initiatoren wie Studierende

eine Verbesserung der medizinischen Situation und die

Schaffung einer Brücke zwischen traditioneller und moderner Medizin.

Dem Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten entgegenwirken – vor

allem für Frauen

Die Situation der Schulen ist laut Agbaria „inadäquat“, 30-40 Prozent

der Schülerinnen und Schüler bleiben ohne Abschluss. Frauen

haben an Bildungsmaßnahmen kaum einen Anteil, ihre Situation

ist beängstigend; 90 Prozent erfahren Gewalt von ihren Brüdern.

Eine Geburtenrate von 7 Prozent und eine Arbeitslosenquote,

die bei 80 Prozent liegt (60 Prozent der Männer sind ohne Arbeit)

verschlimmern die Situation.

Aus all diesen Gründen bringt das Zentrum über einen Zeitraum

von drei Jahren jeden Freitag 30 Schülerinnen an die Universität

und unterrichtet sie in den Fächern Human Physiology, Anatomy,

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Studienreise Israel 2006

Pathology, Infectious Diseases, Human Genetics, Sex Education,

Laboratory Work und Independent Research, um sie auf ihre universitäre

Laufbahn vorzubereiten.

2004 graduierte die erste Beduinen-Ärztin. Studierten 1995 nur

fünf weibliche Beduinen an der Universität Beer Sheva, so waren

es im Jahr 2004 schon knapp 500. Im akademischen Jahr 2004/5

erhielten 150 Studentinnen Vollstipendien.

„Wir müssen miteinander auskommen“

Riad Agbaria hofft mit seinen Projekten auch auf eine Verbesserung

der Beziehung zwischen Arabern und Israelis. Seiner Meinung

nach gibt es drei mögliche Ausgänge des Konflikts: Entweder

würden die Juden ins Meer getrieben, oder die Araber oder

man einige sich auf ein friedliches Zusammenleben. Da die ersten

beiden Optionen wiederholt erfolglos versucht worden seien,

bliebe also nur die letzte, zu deren Gelingen er seinen Beitrag zu

leisten versuche.

Zum Weiterlesen:

http://www.bgu.ac.il/bedouin

http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Israel/

beduinen.html (zur Situation der Beduinen in Israel)

http://lochmueller.de/journalismus/fea/manal.htm (Bericht über die

Medizin-Ausbildung an der Ben Gurion Universität des Negev)

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Studienreise Israel 2006

Die Felsenfestung Masada

Wie ein Kampf zum identitätsstiftenden

Mythos Israels wurde

2. Juni 2006

Verfasserin: Anke Welzenheimer

Anhand der Geschichte Masadas lässt sich ein Bogen in der jüdischen

Geschichte vom 10. Jahrhundert v. Z. bis in die Gegenwart

schlagen.

Während der Salomonischen Zeit im 10. Jahrhundert v. Z. wurde

der erste Tempel der Juden in Jerusalem errichtet. Dieser wurde

allerdings 586/587 v. Z. durch die Babylonier zerstört und die Juden

ins Exil verbannt.

Nach ihrer Rückkehr errichteten die Juden 520-516 v. Z. den

zweiten Tempel. Er wurde mehrmals umgebaut, zuletzt durch Herodes

20/19 v. Z.

Herodes war von 73-4 v. Z. König Judäas. Im Jahr 40 v. Z. wurde

er auch vom römischen Senat, nachdem er kurzzeitig aus Palästina

vertrieben worden war, zum König ernannt. Er war bemüht,

gleichermaßen die Interessen der Juden und der Römer zu vertreten,

konnte die nationaljüdischen Kreise aber trotz seiner Heirat

mit einer Hasmonäerin nicht für sich gewinnen. Als Idumäer

galt Herodes selbst von Herkunft nicht als Jude.

36-30 v. Z. ließ Herodes die Festung Masada aus Schutz vor Angreifern

aus Ägypten aber auch aus Angst vor dem eigenen Volk

erbauen.

Der Berg von Masada liegt an den östlichen Ausläufern der Judäischen

Wüste an den südwestlichen Ufern des Toten Meeres. Der

gewaltige Felsblock erhebt sich isoliert von den umliegenden

Felswänden des syrisch-afrikanischen Grabenbruchs auf eine

Höhe von 450 m über dem Spiegel des Toten Meeres. Der Berggipfel

besteht aus einem rautenförmigen Plateau mit einer Länge

von 650 m und einer maximalen Breite von 300 m.

Innerhalb einer starken Kasemattenmauer mit vierzig Wachtür-

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Studienreise Israel 2006

men wurde hier eine königliche Stadt errichtet. Der Nordpalast

von Herodes war das prächtigste Gebäude, das sich mit einem

Höhenunterschied von 30 Metern über drei Felsterrassen erstreckte.

Dieser Palast diente dem Empfang hochrangiger Besucher

und als Rückzugsmöglichkeit für den König.

Herodes Westpalast war weniger prunkvoll aber mit 3 700 qm das

größte Gebäude auf Masada, in welchem in erster Linie jüdische

Bürger empfangen wurden. Weitere prachtvolle Gebäude, wie ein

luxuriöses Badehaus mit Mosaikverzierungen, ein Dampfbad mit

Bodenheizung und etliche Wohn- und Verwaltungsgebäude,

Speicher- und Lagerräume entstanden.

Die Versorgung mit Wasser ist und war in dieser sehr trockenen

Region von besonderer Bedeutung. Herodes ließ 14 Zisternen mit

einem Volumen von insgesamt 40 000 m³ in den Fels schlagen,

zudem wurde Regenwasser in einem Steinbruch aufgefangen. In

die Zisternen wurde das Wasser der umliegenden Wadis

(Flussbette) geleitet. Dieses musste anschließend mit Hilfe von

Eseln über serpentinenartige Wege den Berg hinauf in die Festung

befördert werden.

Die Festung war nur über drei Pfade zu erreichen und galt aufgrund

der enormen Höhenunterschiede von bis zu 450 Metern

und der Einsehbarkeit des umliegenden Geländes als uneinnehmbar.

Nach dem Tode Herodes des Großen 4 v. Z. wurde Judäa 6 n. Z.

durch das römische Reich annektiert und eine kleine Wachgarnison

nach Masada verlegt.

60 Jahre später erhob sich der erste jüdische Aufstand gegen die

Römer in Saria, die Welle des Protestes breitet sich schnell aus.

Noch im selben Jahr wurde Masada von Sikariern, der Name

stammt von dem kleinen krummen Dolch, den sie in ihren Gewändern

trugen (lat. sica), erobert. Sie galten als eine Elitegruppe

der Zeloten. Die Zeloten (griech. Eiferer) spielten eine führende

Rolle seit Beginn des jüdischen Aufstandes. Unter dieser Bezeichnung

versammelten sich verschiedene Gruppen von Widerstandskämpfern

im Aufstand gegen Rom 66-73 n. Z. In dieser

Gemeinschaft zeichneten sich sowohl priesterlich-messianische,

nationale und sozialrevolutionäre Tendenzen ab. Unter den Frei-

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Studienreise Israel 2006

heitskämpfern, die Masada besetzt hielten, waren nach den Schilderungen

Flavius Josephus’ auch Essener und Samariter.

Bis 70 n. Z. konnten die Zeloten auch Jerusalem gegen die Römer

verteidigen, schließlich eroberten die Römer unter Titus Flavius,

dem Sohn des Kaisers Vespasian Jerusalem und zerstörten

den zweiten Tempel.

Nur drei Festungen konnten zunächst nicht unterworfen werden –

Herodion, Machärus und Masada.

Die Zeloten, die Jerusalem nach der Zerstörung der Stadt verließen,

zogen sich zu den Sikariern nach Masada zurück. Unter diesen

Aufständigen war auch Eleasar Ben Yair, der später der Anführer

der Zeloten wurde. Unter seinem Kommando überfielen die

Zeloten von 70 bis 72 v. Z. römische Garnisonen.

Während des Aufstandes errichteten sich die Juden auf Masada

eine Synagoge, die zu dieser Zeit noch als Thoraschule genutzt

wurde, sowie eine Mikwe zur rituellen Reinigung.

Der römische Stadthalter Flavius Silva entschloss sich 72 n. Z.

zur Aushebung des Widerstandsnests. Unter dem Einsatz von

15 000 römischen Soldaten ließ er eine zwei Meter breite Mauer

um den Berg errichten, die eine Länge von über vier Kilometern

umfasste und mit 12 Türmen im Abstand von 80 bis 100 Metern

ausgestattet war, um die Belagerten völlig von ihrer Umgebung

abzuschneiden.

Um die Festung werden acht Lager errichten um hier dauerhaft

Soldaten stationieren zu können. Diese arbeiteten an der Aufschüttung

einer Rampe an der niedrigen Westmauer, die schließlich

bis an die Festung Masada auf dem Felsplateau heranreichte.

Noch heute sind Überreste der römischen Lager deutlich zu erkennen

und das Felsplateau Masadas ist über die Rampe erreichbar.

Diese Überreste sind die am vollständigsten erhaltenen

römischen Belagerungsbauten weltweit.

Unter dem Feuerschutz der Pfeil- und Schleuderschützen schoben

die römischen Soldaten den Belagerungsturm auf der Rampe

bis zur Mauer der Festung vor und rammten mit einem Rammbock

eine Bresche in die Mauer. Die Belagerten verschlossen die

Öffnung mit Holzerde. Diese Holzerdemauer ließ Silva in Brand

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Studienreise Israel 2006

setzen. Das Feuer war nicht mehr einzudämmen und so kehrten

die Soldaten in ihre Lager zurück, um sich auf den Sturmangriff

des folgenden Tages vorzubereiten.

In dieser Nacht beschloss der Anführer der Zeloten Eleasar Ben

Yair angesichts dieser ausweglosen Belagerungssituation den

Freitod für sich und seine Anhänger. Jeder Mann tötete seine Angehörigen,

von den Männern wurden zehn ausgewählt, die die

anderen töteten und schließlich einer, der die verbliebenen neun

Männer tötete und Feuer legte bevor er sich selbst in das Schwert

warf. Die Zeloten zogen den Tod als freie Menschen dem Leben

in Sklaverei vor.

Als die Römer das Felsplateau erreichen, finden sie neben 966

Leichen als einzige Überlebende zwei Frauen und fünf Kinder

vor, die sich versteckt hatten.

Nach dem Fall blieb Masada weitestgehend verlassen und wurde

nur vorübergehend von byzantinischen Mönchen bewohnt. Erst

1838 wurde die Festung wiederentdeckt und in den 60’er Jahren

des 20. Jahrhunderts schließlich unter der Leitung von Jigael Jadin

ausgegraben.

Die Belagerungsgeschichte Masadas ist von dem jüdischrömischen

Historiker Flavius Josephus (37-100 n. Z.) in dem siebenbändigen

Werk „Der jüdische Krieg“ überliefert worden. In diesem

Werk beschreibt er den heldenhaften Widerstand der 973

Zeloten gegen eine Übermacht von 15 000 römischen Soldaten

von 70-73 n. Z. Flavius Josephus hatte als Berater der Römer bei

der Besetzung Jerusalems mitgewirkt und sich als Vermittler gegen

die Zerstörung des zweiten Tempels ausgesprochen.

„Der jüdische Krieg“ entstand 75-79 n. Z. in Rom, wo Josephus

sich zum Zeitpunkt des jüdischen Aufstandes aufhielt. Obwohl die

archäologischen Ergebnisse der Ausgrabungen in den 1960’er

Jahren den Schilderungen Josephus’ an mehreren Stellen widersprechen

und die Diskussion um die Zuverlässigkeit dieser einzigen

historischen Quelle nicht endet, behält die Felsenfestung ihre

starke symbolische Bedeutung für die Widerstandskraft des jüdischen

Volkes und den Kampf nach Selbstbestimmung und Freiheit.

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Studienreise Israel 2006

Mit dem Fall Masadas existierte für die folgenden1875 Jahre kein

jüdischer Staat mehr. Die radikale Entscheidung des kollektiven

Freitods macht Masada bis heute zu einem Mythos.

Das Selbstverständnis der Israel Defence Force (IDF) wird maßgeblich

durch den Masada-Mythos bestimmt. Das Abschlussmanöver

der Grundausbildung — hauptsächlich der Fallschirmspringer

- endet nach zwei Tagen auf der Festung. Im Verteidigungsschwur

der Rekruten wird Masada zum Symbol für den jüdischen

Selbstbehauptungswillen: „Masada wird nie wieder fallen“.

Heute ist die Felsenfestung ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen,

die das Tote Meer, die Wüste Negev oder die nahe gelegene

Oase und Nationalpark En Gedi besuchen. Seit 1971 führt neben

der Römerrampe eine Luftseilbahn auf das Felsplateau, diese ist

die tiefstgelegene Seilbahn der Welt.

Seit 2001 steht Masada auf der Liste des Weltkultur- und Naturerbes

der Menschheit der UNESCO.

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Studienreise Israel 2006

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Das Tote Meer —

Nicht nur eine Wirtschaftsregion

2. Juni 2006

Verfasser: Christian Schulze

Das Tote Meer (hebr. Yam HaMelach „Salzmeer”; arab. Bahr al-

Mayyit „Meer des Todes“) grenzt an Israel, Jordanien und das

Westjordanland und liegt 417 m unter NN. Damit ist es die tiefstgelegene

Landstelle der Erde. Die Besonderheit des Toten Meeres

liegt im hohen Mineraliengehalt von 340g /pro Liter Wasser.

Dies wird bedingt durch die ständige Verdunstung der Zuflüsse

aufgrund des ariden Klimas und dem Fehlen eines Abflusses.

Lediglich Algen- und Bakterienvorkommen ist es möglich in diesem

Ökosystem zu überleben

Für die Region ist die Tourismusbranche von zentraler Bedeutung

und in den letzten Jahren hat sich dort eine moderne Kur- und

Urlaubsindustrie entwickelt und etabliert. Jährlich kommen ca.

500.000 Touristen zum Toten Meer, dessen Wasser sich vor allem

zur Linderung von Hautkrankheiten (Bsp.: Schuppenflechte,

Neurodermitis) und Asthma eignet.

Ein weiterer wirtschaftlicher Faktor ist der blühende Handel mit

Kosmetik- und Heilprodukten die aus den Mineralien des Toten

Meeres gewonnen werden. Der Konzern „Dead Sea Works“ produziert

jährlich 1.8 Mio. t Pottasche, 50.000 t Salz, 25.000t Magnesium

und 180.000 t Brom.

Aufgrund chronischen Wassermangels ist das Tote Meer seit den

70er Jahren in eine Nord- und eine Südhälfte geteilt und verliert

jedes Jahr einen weiteren Tiefenmeter. Insgesamt ist es um ein

Drittel seiner ursprünglichen Größe geschrumpft. Verursacher

dieses Prozesses sind vor allem Israel und Jordanien, die den

Zuflüssen zu viel Süßwasser für Tourismus, Bewässerungslandschaft,

Industrie und private Haushalte entziehen.

Zur Bekämpfung der Wasserproblematik wird die Möglichkeit einer

Pipeline, die Wasser vom Roten Meer ins Tote Meer beför-


Studienreise Israel 2006

dern soll, diskutiert. Dieser Vorschlag zum Bau des so genannten

„Friedenskanals“ wurde im Jahr 2002 in Johannesburg zusammen

von Israel und Jordanien gemacht. Aufgrund finanzieller und

politischer Variablen ist die Machbarkeit des Projekts allerdings

nicht gesichert. Geschätzter Baubeginn ist 2011.

Um der Gefahr des Austrocknens entgegenzutreten, kritisieren

heimische Umweltorganisationen stetig die Expansion von Industrie

und Tourismus am Toten Meer. Ihr Ziel ist es durch eine Ernennung

des Toten Meeres zum Weltkulturerbe, das Ökosystem

nachhaltig schützen zu können. Zusätzlich fordern sie die Einführung

einer „Notfallmarke“ des Wasserspiegels, bei deren Unterschreiten

umgehend Gegenmaßnahmen einzuleiten sind.

Jerusalem Jerusalem

Jerusalem

Wir sind seit wenigen Stunden in Jerusalem. Es ist Chavuot, ein

bedeutender Feiertag wird begangen. Bevor wir an die Klagemauer

heran können, werden unsere Taschen kontrolliert. Dann,

wir stehen an dem Kopf einer Treppe, zu deren Fuß sich der

Platz vor der Klagemauer erstreckt, sehen wir sie direkt vor uns.

Der Platz ist voll von Menschen, die Mauer indirekt beleuchtet,

eine weiße Katze sitzt ganz oben auf den gewaltigen Steinquadern.

Das Licht, die gemurmelten Gebete, das Rufen und Rennen

der Kinder – ein magischer Moment. Wenig entfernt ruft der

Muezim zum Gebet.

Anke

23


Studienreise Israel 2006

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Jerusalem –

„Zellkern“ des Nah-Ost Konflikts

3. Juni 2006

Verfasser: Gerrit Bohländer

Es gibt in Jerusalem keinen Platz, der besser geeignet wäre, um

dem Gewühle und den Reizen der Altstadt zu entkommen, um

durchzuatmen und sich Luft zu verschaffen als der im Süd-Osten

gelegene Ölberg. Von hier aus kann man in aller Ruhe - abgesehen

von den Touristen - diese faszinierende Stadt überblicken

und sich ein Bild davon machen, wie dicht hier Glauben und Geschichte,

aber auch Tages- und Weltpolitik, auf engstem Raum

miteinander verwoben sind. Der Nah-Ost Konflikt kulminiert nirgendwo

deutlicher, ist nirgendwo greif- und begreifbarer als in

Jerushalaim „Stadt des Friedens“, wie sie im Hebräischen, und El

Kuds, „der Heiligen“, wie Jerusalem im Arabischen heißt.

Doch bevor unser Blick über das zu unseren Füßen liegende

Kidrontal in Richtung Altstadt wandert, lautet die Frage, wo genau

stehen wir hier eigentlich. Seit der Antike steht die Bezeichnung

„Ölberg“ für einen Hügel oder Hang, der mit Olivenbäumen bepflanzt

ist. Im speziellen Fall des Ölbergs in Jerusalem handelt es

sich um eine Erhebung nordöstlich und östlich des Tempelbergs

bzw. der Altstadt. Vom Palästinakrieg 1948 bis zur Einnahme

durch Israel im Sechs-Tage-Krieg war das Gebiet, mit Ausnahme

des noch zum Hügelzug gehörenden Skopusberges, von Jordanien

annektiert. Der Name leitet sich vom ursprünglichen Bewuchs

mit Olivenbäumen ab. Die Hügelkette erreicht eine Höhe

von 827 m.

Unter dem Begriff „Ölberg“ wird aber im Allgemeinen nicht die

erwähnte gesamte Hügelkette verstanden, sondern lediglich jener

Teil, der aus 809 m einen direkten Blick auf das unter ihm liegende

Kidrontal und den auf der anderen Seite des Tals gelegenen

Tempelberg gewährt, im Grunde auf ganz Jerusalem. Dieser Ort

ist in allen drei monotheistischen Weltreligionen von starker Bedeutung.

Im Judentum und im Islam ist es der Platz des endzeitlichen Ge-


Studienreise Israel 2006

richts. Die Juden glauben, dass von dort ein Seil zum Tempelberg

gespannt werden wird, auf dem die Gerechten wandeln werden.

In der jüdischen Glaubenstradition soll der Messias am Tage des

jüngsten Gerichts, welches er im Kidrontal halten wird, über den

Ölberg durch das goldene Tor in die Altstadt einziehen. Auch die

Muslime glauben, dass vom Ölberg aus am Jüngsten Tag ein Seil

gespannt wird zu einer Säule in der Nähe des Goldenen Tors. An

der Säule sitzt Jesus, während der Prophet Mohammed sich auf

dem Ölberg befindet. Die vom Tode Auferstandenen wandeln

schließlich über das Seil, die Sünder stürzen allerdings in die Hölle.

Um am Tage des Jüngsten Gerichts in unmittelbarer Nähe

dem Grab entsteigen zu können, befindet sich am Westhang des

Ölbergs ein großer jüdischer Friedhof mit Gräbern aus zum Teil

noch biblischer Zeit. Im christlichen Glauben hat der Berg gleich

mehrere biblische Bezüge, hauptsächlich in den Evangelien. So

soll Jesus von hier aus in die Stadt eingezogen sein, den vorhergesagten

Untergang der Stadt beweint haben und gen Himmel

aufgefahren sein. Weiterhin befindet sich am Fuße des Berges

auch der Garten Gethsemane – der Ort der Gefangennahme Jesu

durch die Römer, nach dem Verrat durch Judas.

Unweigerlich schweift der Blick vom Ölberg aus auf die Altstadt

Jerusalems mit dem Tempelberg als dominierendem Element. Im

Wortsinne kollidieren hier auf engstem Raum die drei monotheistischen

Weltreligionen, aber auch faktisch die politischen Interessenssphären

eines Nationalstaats und die des palästinensischen

Volkes mit der Intention zur Gründung eines eigenen Staates. Im

letzten Jahrzehnt wurde der Wandel des Konflikts immer deutlicher.

Aus einem politischen Konflikt um den Anspruch zweier Völker

auf einen Streifen Land ist ein Identitätskonflikt geworden, der

das Selbstverständnis des Staates Israels hinterfragt. Ist es ein

„Staat der Juden“ oder ein „jüdischer Staat“? Wie ist das Verhältnis

zwischen Staat und Religion geregelt? Kann in einer modernen

Demokratie die Zivilstandsgesetzgebung von religiösen Gerichten

geregelt werden? Doch auch auf palästinensischer Seite

ist unklar, wie sich die politischen Kräfte Fatah und Hamas entwickeln.

Die Fatah als Nachfolge-Organisation der PLO bedient sich

immer stärker, entgegen ihrer eigentlichen Genese, religiöser Mo-

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Studienreise Israel 2006

tive. Mit der Hamas ist seit der Wahl in den Autonomiegebieten

eine, nach Eigendefinition, religiös motivierte Terrororganisation

nun in politischer Verantwortung – Entwicklung unklar.

Die beiden politischen Akteure waren ursprünglich in ihrer Ausrichtung

durchaus säkular, sowohl der 1948 gegründete Staat

Israel mit dem Gedankengut der ost- und westeuropäischen Juden

als mehrheitliche Gründerväter, als auch die PLO als Vertreter

der palästinensischen Interessen. Natürlich ist der Begriff

„säkular“ hier relativ zu betrachten, da auch unter anderem bereits

bei der Staatsgründung Israels starke religiöse Symbolik verwendet

wurde, z.B. bei der Staatsflagge, die an den Gebetsschal

erinnert oder auch der Hymne. Die Verschiebung hin zu einem

religiös geprägten Identitätskonflikt ist nirgendwo so stark spür-

und fassbar wie in Jerusalem. Bereits bei unserer abendlichen

Ankunft und unserem ersten Besuch der Altstadt innerhalb der

Mauern Suleimann des Prächtigen war die Spannung förmlich zu

greifen. Es war der Übergang des jüdischen Festes Schawuot

zum Shabbat, und uns kamen bei unserem Weg, zuerst durch

das christliche und anschließend das arabische Viertel, hin zur

Klagemauer tausende orthodoxe Juden entgegen, die ihren Gottesdienst

an der Mauer begangen hatten. Die trotz der Hitze traditionell

gekleideten Juden beeilten sich, durch das arabische Viertel

in Richtung des Jaffa Tors die Altstadt wieder zu verlassen,

den Blick nach unten gerichtet. Eine Gruppe arabischer Kinder

blockierte die schmale Straße jedoch mit zwei kleinen Absperrgittern,

im Grunde mit der Intention eines Spiels oder Streichs. Doch

während in einer beliebigen anderen Stadt die Männer wohl einfach

die Blockade beseitigt und die Kinder zurechtgewiesen hätten,

kann hier in Jerusalem aus solchen „Spielen“ schnell bitterer

Ernst werden. Die orthodoxen Juden versuchten nahezu panisch

dieser Situation zu entkommen – ohne ein Wort oder einen Blick

an bzw. auf die Kinder zu richten. Die Berührungsangst war allgegenwärtig.

Hier in Jerusalem liegt der religiöse Kern des Konflikts, der eine

politische Lösung in weite Ferne rückt. Das so genannte „Camp

David II“ im Jahre 2000 scheiterte – nicht ausschließlich – aber

eben doch auch an der Jerusalem-Frage. Beide Regierungen be-

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Studienreise Israel 2006

anspruchen für ihren Staat Jerusalem als unteilbare Hauptstadt,

aufgrund der mit dieser Stadt verbundenen Narrative für beide

Seiten. Der har habeit, der Tempelberg der Juden und das arabische

haram ash sharif (vornehme Heiligtum) thronen über der

Altstadt Jerusalems. Seit der Al-Aqsa Intifada – nicht zufällig trägt

der zweite arabische Aufstand in Israel einen religiös orientierten

Namen – ist der Besuch dieses Gebiets nur zu bestimmten meist

willkürlich veränderten Zeitfenstern möglich. Ein Betreten der Al

Aqsa-Moschee und des Felsendoms ist für einen Nicht-Moslem

mittlerweile strikt untersagt. Die immer stärker werdende Bedienung

von religiös verwurzelten Vorurteilen, religiösem Populismus

– hauptsächlich von palästinensischer Seite, aber auch von

religiösen Parteien und von rechts-konservativen Politikern in Israel

– mindert die Chancen auf eine politisch herbeigeführte Lösung

dieses ursprünglich territorialen Konflikts deutlich.

In keiner anderen Stadt Israels ist der politische Konflikt so deutlich

spürbar wie in Jerusalem. Auf engstem Gebiet sind hier nicht

nur die Heiligtümer der drei monotheistischen Weltreligionen in

unmittelbarer Nachbarschaft, sondern in der Altstadt leben auch

Muslime, Juden und Christen auf engstem Raum. Allerdings kann

man hier nicht von zusammen leben sprechen, sondern nur von

nebeneinander. Sobald man das arabische Viertel verlässt und in

das jüdische Viertel kommt, fühlt man sich in eine andere Welt

versetzt. Die Straßen sind sauber, der Müll ist nicht sichtbar und

die Geschäfte sind nobel und gepflegt. Das arabische Viertel bietet

das genaue Gegenteil. Am Shabbat sind die Übergänge zum

Teil mit Gittertoren, so genannten „Shabbat-Toren“, verschlossen.

Die Trennung wird hier besonders deutlich. Man erkennt vom

schlecht beleuchteten arabischen Viertel aus, in dem der Müll des

Tages noch auf der Straße liegt, die sauberen hell erleuchteten

Gassen des jüdischen Viertels.

Jerusalem stellt für mich nicht nur den Kern des Konflikts dar -

was ich durch den Aufbau des Artikels zu verdeutlichen versuchte

- sondern auch das am schwierigsten zu lösende Problem und

eine Art Mikrokosmos des Konflikts an sich. Hier ist im Kleinen zu

erkennen, welchen Problemen und Herausforderungen im gan-

27


Studienreise Israel 2006

zen Gebiet Palästina sich die Politik, aber auch die Menschen

stellen müssen. In Jerusalem an jedem Tag.

Zum Weiterlesen:

BAR-ON, Dan: Die „Anderen“ in uns. Dialog als Modell interkultureller

Konflikt-bewältigung, Soziopsychologische Analysen zur

kollektiven israelischen Identität. Hamburg 2001.

WITTSTOCK, Alfred: Politik und Religion – Konfliktpotentiale in

Nahost. In: Günter Meyer, Robert Pütz, Andreas Thimm (Hrsg.):

Terrorismus und Dritte Welt. Band 16. Mainz 2003. S. 37-49.

http://www.palestine-info.com/hamas/about/htm

http://www.wikipedia.org

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Jerusalem Jerusalem

Jerusalem

Stille Stadt auf Deinem Hügel,

Alt und ehrwürdig vor meinen Augen,

Dich zu erreichen braucht es Flügel,

Dein Anblick will mir den Atem rauben.

Laute Stadt auf Deinem Hügel,

Jung und voller Ideen zeigst Du Dich,

Doch niemandem wachsen hier Flügel,

Leis ‘ und gebückt beweg‘ ich mich.

Verlorne Stadt auf Deinem Hügel,

Mit Türen, die verschlossen sind,

Verschlossen mit dem grausamsten Riegel:

Die Angst macht taub, stumm, blind.

Widerspruch auf Deinem Hügel,

Vielfalt tummelt sich in Deinen Gassen,

Und doch wirst Du kein Tiegel,

Wie sollten lieben, doch wir hassen.

Gerrit


Studienreise Israel 2006

“We can not undo Israel,

we have to coexist with Israel.“

Eine Sichtweise auf den israelischpalästinensischen

Konflikt

Gründungszweck und Ziel der PASSIA

Gespräch mit Dr. Mahdi Abdul Hadi,

Mitbegründer und Vorsitzender der

PASSIA (Palestinian Academic Society

for the Study of International Affairs)

3. Juni 2006

Verfasserinnen: Kristina Müller,

Vera Tersteegen

PASSIA wurde im März 1987 von Dr. Mahdi Abdul Hadi und einer

Gruppe palästinensischer Akademikerinnen und Akademiker und

Intellektueller in Jerusalem/Al-Quds (Ostjerusalem) gegründet.

Bei PASSIA handelt es sich dem Selbstverständnis zufolge um

eine arabische non-profit Institution, die finanziell und rechtlich

unabhängig ist und an keine Regierung, politische Partei oder

Organisation gebunden ist. Die Gesellschaft wurde mit dem Ziel

gegründet, als sogenannter „think tank“ zu fungieren, um zum

einen palästinensische Intellektuelle, Aktivistinnen und Aktivisten

und Akademikerinnen und Akademiker zum Erhalt des gemeinsamen

Kulturerbes zusammenzubringen und zum anderen aufgrund

ihrer Verantwortlichkeit als Intellektuelle eine palästinensische

Position mittels Forschung, Dialog und Publikation darzustellen

und zu etablieren.

PASSIA unterhielt vor allem zu Beginn ihrer Gründung eine Korrespondenz

mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, die eine Verbindung

zwischen PASSIA und der FU Berlin herstellte und so eine Konferenz

mit drei deutschen Professoren über Kernfragen wie

„Geteilte Städte: Berlin und Jerusalem/Besatzung und Die jüdische

Frage“ veranstaltet werden konnte.

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Studienreise Israel 2006

Ein Umbruch im palästinensischen Denken einhergehend mit

dem Ausbruch der ersten Intifada 1987 brachte eine neue Sicht,

nämlich die der Koexistenz mit Israel. Ein Teil der Palästinenser

erkannte „we can not undo Israel, we have to coexist with Israel“.

PASSIA machte es sich in diesem Sinne zum Ziel einen Dialog

anzustreben, Dokumentationen, Studien, Publikationen herauszugeben

und Konferenzen zu organisieren um die andere Seite

zwar nicht zwangsläufig zu akzeptieren, aber zumindest kennenzulernen

– auch um ihrer selbst willen, um die eigene Position

besser verstehen und reflektieren zu können.

Im Folgenden soll mittels des Vortrags von Dr. Mahdi Abdul Hadi

ein vertiefter Einblick in die palästinensische Sichtweise und Deutung

des israelisch-palästinensischen Konflikts gegeben werden.

Dabei bleibt auch eine Bewertung der Friedensverhandlungen in

der Vergangenheit nicht unberücksichtigt, was die Schwierigkeiten

bei einer Lösung des Nahost-Konflikts aufzeigt. Anhand der

Darstellung von Mahdi Abdul Hadi wird deutlich, wie wichtig es

ist, die jeweilige Geschichtsdeutung beider Konfliktparteien zu

erkennen und zu begreifen. Dr. Mahdi Abdul Hadi`s Darstellung

der Entwicklung des Konflikts bis heute

“A question, first of all, of land”

In erster Linie ist die Frage Palästinas eine Territorialfrage, die

(beginnend mit dem ersten Weltzionistenkongress) über hundert

Jahre alt ist und einen langen Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit

eines souveränen palästinensischen Staates beinhaltet.

Während der gesamten Zeit hat sich die palästinensische Bevölkerung

mit vielen Widersprüchlichkeiten konfrontiert sehen müssen.

Unter dem britischen Mandat war unklar, was mit dem Land Palästina

geschehen sollte, denn die Briten führten Gespräche mit

drei Parteien mit jeweils unterschiedlichem und teilweise widersprüchlichem

Inhalt. Zum einen sollte 1915 eine Vereinbarung mit

dem britischen High Commissioner von Ägypten den Palästinensern

die Gründung eines unabhängigen arabischen Großreichs

mit Palästina als Teil zusichern. Schon im Jahre 1916 verfolgten

die britischen und französischen Besatzungsmächte dann aber

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Studienreise Israel 2006

den Plan einer Teilung der Gebiete in französisch und britisch

verwaltete Gebiete (Sykes-Picot-Abkommen) und 1917 sicherte

Arthur James Balfour in einem Brief an Baron de Rothschild - der

Balfour-Erklärung - der ZWO (Zionist World Organization) die Entstehung

eines neuen, jüdischen Nationalstaats in Palästina zu,

welcher sich letztendlich durchsetzen sollte.

Die Palästinenser begannen sich gegen die Balfour-Erklärung

und den jüdischen Plan (Aufstände 1932, 1933, 1936) zu wehren.

Trotz der Ausschreitungen kamen 1936 Juden und Palästinenser

zusammen, um einen Dialog in Gang zu setzen und Ideen hinsichtlich

eines Zwei-Völker-Staates zu sammeln. Die Palästinenser

versuchten hier deutlich zu machen, dass sie nicht gegen die

Einwanderung der Juden nach Palästina waren, solange es sich

um ein Palästina handelte, welches ein Teil der Vereinigten Arabischen

Länder sein sollte. Eine Antwort auf diese Gespräche war

schließlich die St. James Konferenz 1939, auf der die Teilung des

Landes und die Teilung Jerusalems als Hauptstadt, sowie die Beschränkung

der jüdischen Immigration nach Palästina beschlossen

wurde. Diese Vereinbarungen wurden allerdings nicht in die

Tat umgesetzt, da die Zionistenbewegung dagegen war.

Auch das Ende des britischen Mandats und die Ausarbeitung des

UN-Teilungsplans von 1947 beinhalteten zahlreiche Probleme.

Das Hauptproblem bestand aus palästinensischer Sicht darin,

dass die Juden ein Anrecht auf zehn Prozent der Fläche gehabt

hätten (nur ca. 10% des Landes gehörte den jüdischen Einwohnern),

aber über 56 Prozent der Fläche erhalten sollten. Dies

empfanden die Palästinenser als unrechtmäßig und ungerecht.

Noch größer war der Widerstand als die Zionistenbewegung in

den Teilungsplan einwilligte und mit der Ausrufung der Unabhängigkeit

Israels durch Ben-Gurion die Anerkennung des neuen jüdischen

Staates feierte. Als politische Reaktion hierauf wurde

Husseini (damaliger Großmufti von Jerusalem) nach London geschickt,

um gegenüber der britischen Regierung die palästinensischen

Einwände zu äußern und neue Pläne zu unterbreiten;

diese wurden allerdings nicht akzeptiert.

Allgemein lassen sich drei zionistische Strömungen unterscheiden.

Zum einen die religiöse Gruppe, welche ganz Palästina zu

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Studienreise Israel 2006

einem rein jüdischen Staat machen möchte und keine Nicht-

Juden toleriert. Des weiteren eine politische Gruppierung, die für

eine Anerkennung der Araber, nicht aber für eine Anerkennung

der Palästinenser ist. Und drittens lässt sich eine praktische Strömung

differenzieren, welche weder an internationaler Legitimität

noch an einer Anerkennung der Araber interessiert ist, sondern

anstrebt alles an sich zu reißen, was nur geht, um selbst über die

Grenzen Israels entscheiden zu können (Politik Scharons).

“A revolution in the Palestinian thinking“

Als Reaktion auf den israelischen Kurs wurde 1964 auf Entscheidung

der arabischen Staaten hin die PLO als Repräsentanz der

arabischen Interessen gegründet. Mit dem Juni-Krieg 1967 und

der Besetzung der Westbank und des Gaza-Streifens im Zuge

dessen, stellte sich für die Palästinenser allerdings schnell heraus,

dass die PLO ihnen anscheinend nicht ausreichend Unterstützung

bot und reagierte hierauf mit der Gründung einer Widerstandsbewegung;

der Fatah. Arafat, als Führer der Fatah, gelang

es zahlreiche Studentinnen und Studenten zu rekrutieren und

1969 übernahm jene neue Widerstandsbewegung die Führung

innerhalb der PLO, um sich als rein palästinensische Organisation

mit eigener Stimme von den arabischen Interessen abzugrenzen.

1974 erkannten dann sowohl die arabischen Länder auf einem

Treffen in Rabat, als auch die UN Generalversammlung, die

PLO als unabhängige Repräsentanz der Palästinenser an.

Die palästinensische Bevölkerung an sich reagierte in den Jahren

1967-1970 auf die Besatzung indem sie sich zurückzog. Aus

Angst vor den Besatzern, betrogen vom arabischen Regime, ohne

Frieden und ohne Unabhängigkeit, schlossen die Palästinenser

zahlreiche ihrer Universitäten, Schulen und Kliniken, versteckten

sich und blieben weitgehend passiv. Nach drei Jahren, die

Bedingungen der Besatzung hinnehmend, entwickelten sie um zu

überleben eine neue Form des Widerstands – sie öffneten wieder

ihre Einrichtungen und beschäftigten sich verstärkt mit der Aufrechterhaltung

ihrer Identität und ihrer Kultur, was die Israelis beunruhigte.

Außerdem folgte der Versuch ein arabisches National

Guidance Committee zu etablieren, sowie die Errichtung eines

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Studienreise Israel 2006

nationalen Gerichtshofs. Die Israelis versuchten jedoch jegliche

Entwicklung gen eigener politischer Institutionen der Palästinenser

zu unterbinden und setzten Kollaborateure ein, die die Städte

regieren und die Menschen beschwichtigen sollten.

Da sich aber auch nach 20 Jahren unter israelischer Besatzung

mit allen möglichen Grausamkeiten (Beschlagnahme von Land,

Zerstörung von Häusern, Ausreißen von Bäumen etc.) nichts änderte

und keine Lösung von außen kam, entwickelten vornehmlich

jene jungen palästinensischen Menschen, die das Land nie

verlassen hatten und die ihr Leben lang unter den Grausamkeiten

der Besatzung gelitten hatten, neue Werkzeuge des Kampfes:

Steine. Diese kamen mit dem Ausbruch der ersten Intifada 1987

zum Einsatz. Um die Besatzung zu beenden, um zu zeigen, wer

sie sind und um sich Gehör zu verschaffen, griffen die Palästinenser

zu neuen Maßnahmen. Sie veränderten ihre Umwelt, indem

sie unter anderem ihre Geschäfte öffneten und schlossen wann

und wie sie wollten und somit einen Kampf des „wer-regiert-wen“

in Gang setzten. In dieser Zeit konnte kein Israeli eine palästinensische

Stadt betreten, ohne durch Steine angegriffen zu werden

(„I have no bullets, I have no guns, I have my stones. I’ll stone

you, if you don`t come with a peace message“). In diesen Reaktionen

äußerte sich sehr deutlich die Weigerung der Palästinenser

die Israelis als Besatzer zu akzeptieren. Auf diese Art und

Weise übertrugen sie die Angst, welche sie selbst über 30 Jahre

verfolgt hatte, auf die israelische Gesellschaft. Diese Angst öffnete

den Israelis mit einer logischen Botschaft die Augen: auch

ohne Gewehre und Kugeln bleiben den Palästinensern immer

noch die Steine als Waffen. Auf palästinensischer Seite gab es

die Einsicht, um der Koexistenz wegen auf gewisse Städte zu

verzichten, allerdings einhergehend mit der Forderung an die Israelis

genauso auf bestimmte Siedlungen verzichten zu müssen.

Dies war eine historische Revolution im palästinensischen Denken.

Arafat`s five channels of contact (with Israel) and the Triangle”

Am 2. August 1990 kam es dann schließlich zu Gesprächen

zwischen israelischen Knessetmitgliedern und palästinensischen

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Studienreise Israel 2006

Führern in Jerusalem. Es wurde vereinbart gemeinsam für den

Frieden zu arbeiten; eine bindende Vereinbarung über die

Beendigung der Besatzung blieb jedoch aus. Der Dialog hinsichtlich

des Konflikts kam jedoch sowohl im Inneren als auch

nach außen hin nie zum Stillstand. Arafat unterhielt weiterhin

mehrere Kontaktkanäle zu Israel, die alle mehr oder minder parallel

verliefen. Als wichtigster hiervon gilt der Oslo-Kanal. Im

Gegensatz zur Madrider Konferenz 1991 hatten die Palästinenser

bei den Oslo-Verhandlungen 1993 eine eigene unabhängige

Delegation und mittels einer Prinzipienerklärung zur gegenseitigen

Anerkennung erfolgte hier die Anerkennung der PLO durch

Rabin als palästinensische Vertretung. Von palästinensischer

Seite wurde das historische PISGA-Dokument (Palestinean Interim

Self-Governing Authority) entwickelt, welches eine 5-

Jahres-Übergangsregelung für die Regierung der besetzten Gebiete

beinhaltete. In palästinensischen Augen stellte Oslo allerdings

eine weitere Enttäuschung dar, da die israelische Seite nicht

bereit war eine endgültige Regelung zu verabschieden.

Anstatt dessen wurde zwischen Arafat und Rabin die sogenannte

„Triangle-Mission“ vereinbart, mit der Arafat seine Fähigkeit zu

regieren beweisen sollte, sowie die Palästinenser Land erhalten

sollten, nämlich Gaza und Jericho zuerst. Nach der besprochenen

Frist sollten weitere Vorgehensweisen vereinbart werden.

Aufgrund der Ermordung Rabins 1995 gab es nach seinem Tod

keinen weiteren Fortschritt bezüglich dieser „Triangle-

Vereinbarungen“, denn Rabins Nachfolger Peres verweigerte unter

anderem den vorgesehenen Rückzug aus Hebron und akzeptierte

die Rachementalität der Israeli Defence Force. Und auch

unter der Führung Netanjahus wurde zunächst keine Einigung

erzielt, da er die Vereinbarungen der Oslo-Verhandlungen ablehnte.

Dennoch wurde zwischen ihm und Arafat am 23. Oktober

unter dem Leitsatz „Land gegen Sicherheit“ das Wye-River-

Memorandum verabschiedet. Insgesamt kann Netanjahu mit der

Thematisierung der Jerusalem-Frage für den Beginn der Transformation

des Konflikts von einem politisch-nationalen Konflikt in

einen verstärkt religiösen Konflikt verantwortlich gemacht werden.

1999 wurde dann mit Yehud Barak als neuem israelischen Minis-

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Studienreise Israel 2006

terpräsidenten eine neue Linie hinsichtlich des Konflikts vertreten,

denn jener wollte so schnell wie möglich Friedensverhandlungen

umsetzen und den Konflikt beenden. Es folgten die Verhandlungen

von Camp David im Juli 2000, auf die allerdings keine Einigung

folgte, da Arafat nicht bereit war die israelischen Vorschläge

(v.a. in Hinblick auf die Jerusalem-Frage) zu akzeptieren, ebenso

wie aufgrund einer fehlenden einheitlichen Meinung innerhalb der

palästinensischen Delegation.

“The Second Intifada: not stones, but bullets“

Die Verhandlungen von Taba vom Januar 2001 stellten ferner

eine Bewegung gegen den allgemeinen Trend dar, der von Ariel

Sharon vertreten wurde. Mit seinem Gang auf den Tempelberg

löste Scharon 2000 den Ausbruch der zweiten Intifada aus. Der

Konflikt nahm dieses Mal eine andere Dimension von Gewalt an.

Es handelte sich nun nicht mehr um einen Kampf der von palästinensischer

Seite nur mit Steinen ausgeübt wurde, sondern auch

mit Kugeln, Gewehren und Panzern. Scharon sah an dieser Stelle

den Moment gekommen, nach den bisher misslungenen Versuchen

Arafat und die PLO auszuschalten, erneut gegen die palästinensische

Führung vorzugehen und reagierte gemäß der Maxime

des praktischen Zionismus; keine palästinensische Führung als

Gesprächspartner anzuerkennen. Mit dem Bau der Mauer bewies

er zusätzlich den Willen selbst zu bestimmen, wie die Grenzen

Israels gezogen werden sollten und damit die Fläche Israels zu

vergrößern. Die Folgen des Mauerbaus sind die Isolation des

Nordens und eine Abschneidung Jerusalems von den restlichen

Gebieten. In der Westbank kann man von einer Art

„Gefängniskultur“ sprechen, mit den Gegenden um Nablus, Ramallah

und Hebron als isolierte „Gefängnisse“.

Nach dem Tod Arafats wurden in diesen „Gefängnissen“ immer

nur kurzzeitig Repräsentantinnen und Repräsentanten benannt,

um eine Kollaboration mit dem „Gefängniswärter“ Israel zu verhindern.

Mahmoud Abbas als Repräsentant forderte jedoch um weitere

Vorgehensweisen und Verhandlungen möglich zu machen

eine Legitimation der palästinensischen Führung durch Wahlen,

die schließlich Ende 2004 und Anfang 2005 durchgeführt wurden.

35


Studienreise Israel 2006

Die Ergebnisse der Wahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten

stellten mit der Wahl der Hamas in Wirklichkeit vielmehr

eine Abwahl der Fatah aufgrund der herrschenden Unzufriedenheit

hinsichtlich der Korruption und des Machtmissbrauchs der

palästinensischen Führung dar. Die Hamas, ursprünglich angetreten

um die Opposition zu bilden, steht nun vor der Aufgabe die

Regierung zu stellen. Es herrschen diesbezüglich große Schwierigkeiten

in einen Dialog einzutreten, da immer noch der Trend

besteht den Konflikt in einen verstärkt religiösen Kontext einzufügen.

Die veränderte Situation nach dem Wahlergebnis, welches als

politisches Erdbeben begriffen werden kann, hat in Gaza des

Weiteren zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen geführt. Der Gazastreifen

steht unter Führung der Hamas und Abbas sieht sich mit

den dort herrschenden sozialen und ökonomischen Problemen

konfrontiert. Angesichts der aktuellen Situation führt er mit dem

angekündigten Referendum eine neue Agenda ein. Ein Einverständnis

dessen durch die Hamas gilt als eher unwahrscheinlich,

ebenso wie die Fatah nicht erfolgreich dabei sein würde, es zu

erzwingen. Der Status quo mit der Mauer und der hierdurch entstandenen

Isolation wird voraussichtlich erst einmal bestehen

bleiben; es besteht höchstens eine geringe Chance zu einer

Rückkehr zur Road Map.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass der Dialog bisher aufgrund

einer Reihe von verschiedenen Faktoren fehlgeschlagen

ist; weil auf palästinensischer Seite von Anfang an Misstrauen

und Hass Bestand hatten, weil die passenden Repräsentantinnen

und Repräsentanten fehlen, weil keine menschlichen Werte berücksichtigt

wurden und weil das israelische Narrativ von einer

anderen Sichtweise ausgeht. Die Palästinenser haben solch extreme

Positionen eingenommen, da sie bis heute die Erfahrung

gemacht haben, in der Umgebung eines Feindes und nicht in der

eines Freundes zu leben und daher ihre Gebiete, ihre Kultur und

ihre Identität stets verteidigen mussten.

36


Studienreise Israel 2006

„Man soll’s nicht aufgeben.“

Gespräch mit Christian Sterzing,

Heinrich-Böll-Stiftung (HBS),

Arab Middle East Office, Ramallah,

3. Juni 2006

Verfasser: Jens Hoffmann

Die Heinrich-Böll-Stiftung ist eine Stiftung, die auf dem Gebiet der

politischen Bildung arbeitet. Das Büro der HBS in Ramallah, eines

von insgesamt drei im Nahen Osten (neben Tel Aviv und Beirut),

ist zuständig für die palästinensischen Autonomiegebiete,

Jordanien und Ägypten. Neben Christian Sterzing, dem Leiter des

Büros, sind fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

Ort des Gesprächs war das „Swift-Haus“ in den „Kayhab Gardens“,

einer Gartenanlage, die in einem Projekt der HBS zusammen

mit der biologischen Fakultät der Universität in Ramallah

aufgebaut wurde.

Der Fokus der Arbeit der HBS in den palästinensischen Gebieten

liegt auf der Förderung der Zivilgesellschaft und der Nichtregierungsorganisationen.

Christian Sterzing - zur Person:

Christian Sterzing ist Kriegsdienstverweigerer und leistete

1972/73 seinen Ersatzdienst in Israel. Seither ist er immer wieder

dorthin zurückgekehrt. Nach seiner Zeit im deutschen Bundestag

für die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen zwischen 1994 und

2002, in der er in seinem Fachgebiet Außen- und Sicherheitspolitik

oft mit der Lage im Nahen Osten konfrontiert war, beschloss

er, „vor der Pensionierung noch einmal etwas anderes zu machen“

und vor Ort für die HBS zu arbeiten, obwohl er für seinen

Entschluss in Deutschland vielfach „für bescheuert gehalten worden“

sei. Seine Arbeit empfindet er als „spannend“ und

„interessant“, im Gegensatz zur politischen Arbeit in Deutschland

sei er im Westjordanland „näher dran an existentiellen Problemen“.

Zusammen mit seiner Familie wohnt er in Ostjerusalem,

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Studienreise Israel 2006

von wo er täglich nach Ramallah und zurück pendelt. Sterzings

Motivation und Idealismus, aus denen heraus er für die Konfliktbewältigung

und für Frieden im Nahen Osten zu arbeiten angibt,

fasst folgende Aussage am treffendsten zusammen: „Es sieht

momentan nicht so aus, als ob in den nächsten zwei Monaten der

Konflikt gelöst würde – im Moment bewegen wir uns eher in die

andere Richtung. Aber: Man soll’s nicht aufgeben.“

I. Die fünf Themenfelder der Arbeit der HBS in Ramallah:

Demokratieförderung

Zusammen mit dem „Palestinian Institute for Studying Democracy“

sei durch den Vergleich unterschiedlicher Wahlsysteme ein

Wahlrecht entworfen worden, das Grundlage für die Beratung zur

Verfassung des Wahlgesetzes für die Wahlen zum palästinensischen

Parlament gewesen sei, erklärte Sterzing.

Eine „Revolution in der arabischen Welt“ nannte er die Einführung

einer Frauenquote bei den Parlamentswahlen. Das Wahlgesetz

schreibe vor, dass sich auf den ersten drei Listenplätzen jeder

Partei eine Frau, und zwei Frauen auf den jeweils folgenden fünf

Plätzen befinden müssten. Der Frauenanteil im Parlament liege

nach den Wahlen bei 14 Prozent.

Medien

Sterzing führte als Beispiel für die Arbeit der HBS im Bereich Medien

einen Journalismusstudiengang an, den die Stiftung als Fort-

und Weiterbildung für Journalisten anbiete. Der Schwerpunkt des

Lehrgangs liege auf der Radioproduktion, in deren Rahmen jede

Woche ein zehnstündiges Rundfunkprogramm entstehe.

Frauen

Seit zweieinhalb Jahren leite die HBS zum Thema „Gewalt gegen

Frauen“ ein EU-Projekt in Ägypten, Jordanien, Libanon, in der

Westbank und im Gaza-Streifen, sagte Sterzing.

Die Arbeit der HBS in diesem Bereich reiche von der beruflichen

Bildung für Frauen, über die Beratung von Gewaltopfern, bis hin

zur Erstellung von „Trotzentwürfen“ zum Stichwort „Bekämpfung

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Studienreise Israel 2006

häuslicher Gewalt“. Die Kontaktaufnahme zu Frauen, die Opfer

häuslicher oder familiärer Gewalt sind, gestalte sich als sehr

schwierig. Oft müsse an betroffene Frauen „unter dem Deckmantel“

beruflicher Beratung herangetreten werden.

Umwelt & Nachhaltigkeit

Die HBS versuche in diesem Bereich auf die Problematik der

Wasserknappheit sowie auf den problematischen Umgang mit

Müll in den palästinensischen Gebieten aufmerksam zu machen,

erläuterte Sterzing. Beide Sachverhalte hingen eng miteinander

zusammen, da mangels adäquater Müllentsorgung und -

deponierung das Grundwasser verschmutzt werde.

Die HBS bemühe sich darum, alle Parteien, die mit dem Thema

„Naturschutz“ zu tun haben, zusammenzubringen und die Ausarbeitung

eines Naturschutzgesetzes für die palästinensischen Gebiete

zu begleiten.

Projekte, wie z.B. die Gestaltung der Gartenanlage auf dem Gelände

rund um das „Swift-Haus“ sollten das Umweltbewusstsein

der Bevölkerung schärfen. Weiterhin biete die HBS zusammen

mit der „Friends Boy School“ in Ramallah sowie mit einigen

„Green Roots-Gruppen“ ein schulisches und außerschulisches

Umwelterziehungsprogramm an, sagte Sterzing.

Dialog und Konfliktbewältigung

Im Bereich Dialog und Konfliktbewältigung ist es laut Sterzing

grundsätzlich schwierig, Menschen zusammenzuführen, da die

Reise von Palästinensern nach Israel und zwischen den besetzten

Gebieten sowie die Reise von Israelis in palästinensisches

Gebiet Genehmigungen von israelischen Behörden voraussetzten.

Diese würden oft erst wenige Tage vor der geplanten Reise

erteilt und häufig abgelehnt, so dass eine Planbarkeit von Treffen

zum gegenseitigen Austausch kaum gegeben sei.

Sterzing erklärte, dass die Arbeit im Bereich Dialog/

Konfliktbewältigung auf zwei Ebenen ansetze:

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Studienreise Israel 2006

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Die innergesellschaftliche Dialogebene

Die HBS versuche, an Imame und Scheichs heranzutreten

und diese fortzubilden. Insbesondere geschehe dies im

Bereich Menschenrechte/Frauenrechte. Aktuell finde eine

Fortbildung unter dem Titel „Koran und Gewaltlosigkeit“

statt.

Die regionale Ebene (israelisch-palästinensische Dialogebene)

Die HBS arbeite zusammen mit NGOs gegen eine

„Normalisierung des Schweigens“ zwischen Israelis und

Palästinensern.

Sie leiste auf dieser Ebene Unterstützung der

„Combattants for Peace“, einer Organisation ehemaliger

israelischer Soldaten und Soldatinnen und palästinensischer

Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen,

die zur Konfliktlösung ohne Waffengewalt entschlossen

seien.

Weiterhin bemühe sich die Stiftung um die Schaffung Internationaler

Jugendbegegnungen (z.B. initiierte sie 2004

eine Zusammenarbeit mit dem deutsch-französischen

Jungendwerk sowie mit israelischen und palästinensischen

Jugendlichen zum Thema „alternative Medien“).

Im Grundsatz gehe es auf der regionalen Ebene darum,

„in den Gesellschaften die Bereitschaft zum Dialog zu

schaffen“.

II. Christian Sterzings Erläuterungen zum israelischpalästinensichen

Konflikt

Christian Sterzing zur Wahrnehmung des israelischpalästinensischen

Konflikts in Deutschland:

Durch seine Arbeit, erläuterte Sterzing, habe er neben der Behandlung

„existentieller Probleme“ auch die Möglichkeit,

„Wahrnehmungslücken“ im Bezug auf den israelischpalästinensischen

Konflikt in Deutschland zu schließen. Die deutsche

Bevölkerung sehe „einen symmetrischen Konflikt, in dem


Studienreise Israel 2006

zwei Länder um Grenzen streiten, und in dem man mit den Palästinensern

nicht reden kann, da diese alle radikal sind“. Dies sei

eine grundlegend falsche und undifferenzierte Sichtweise.

Christian Sterzing zum Thema Gewalt(losigkeit)

Als falsch kritisierte Sterzing unter anderem den Beschluss der

EU und der USA, der Hamas-geführten palästinensischen Regierung

als Bedingung zur Aufnahme von Gesprächen und zum

Fluss finanzieller Hilfen die Bedingung aufzustellen, dass sie

nach dem Prinzip der Gewaltlosigkeit handeln und dem „Terror

abschwören“ müsse. Sterzing stellte die Frage, ob irgendeine

westliche Regierung, die israelische eingeschlossen, nach dem

Prinzip der Gewaltlosigkeit handele. Da sie dies nicht täten, sei es

falsch, der Hamas die Befolgung von Richtlinien als Voraussetzung

für die Aufnahme von Verhandlungen aufzuerlegen, die von

der Gegenseite selbst nicht befolgt würden.

Die israelische Besatzung des Gaza-Streifens und des Westjordanlandes

bezeichnete Sterzing als „völkerrechtswidrig“ und den

Widerstand gegen diese Besatzung grundsätzlich als „legitim“.

Die Frage sei nur, welche Art von Widerstand man leiste. Das

„Problem der Hamas“ sei in diesem Zusammenhang, dass sie

sich nie „die Mühe gemacht“ habe, „zwischen legitimem und illegitimem

Widerstand zu unterscheiden“. Stattdessen werde nur

„taktisch abgewogen, jedoch nicht moralisch/ethisch“ entschieden,

ob und wie Gewalt gegen die Besatzungsmacht angewandt

werde.

Wenn schließlich Israelis oder Palästinenser „jedwede Gewalt als

Terror“ bezeichneten, geschehe dies aus politischen Motiven oder

Interessen.

Christian Sterzing zum israelischen Rückzug aus dem Gaza-

Streifen und zum „Konvergenzplan“ für das Westjordanland:

Sterzing kritisierte den „Konvergenzplan“, der dem eventuellen

Rückzug Israels aus dem Westjordanland zugrunde liege. Nach

diesem werde der palästinensischen Seite nur noch etwas mehr

als die Hälfte des seit 1967 durch Israel besetzten Gebietes zugeschlagen.

Der israelische Plan, Siedlungsblöcke im Westjordan-

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Studienreise Israel 2006

land zusammenzuschließen und zu annektieren, widerspreche

„allen UN-Resolutionen“. Der israelischen Regierung gehe es

„nicht mehr um die Annektierung der Siedlungsblöcke, sondern

nur noch um die Größe.“ Die „Abtrennung Jerusalems vom Westbankhinterland“

mache außerdem „Jerusalem als gemeinsame

Hauptstadt zweier Staaten unmöglich“. Sterzing beklagte, dass

das Völkerrecht bei der Diskussion um die israelische Besatzung

bzw. einen israelischen Rückzug „außen vor“ bleibe.

Den erfolgten Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen bezeichnete

Sterzing als „genialen Schachzug von Scharon, mit dem er eine

Reihe von Problemen gelöst hat, auch wenn er sich damit innenpolitisch

einige geschaffen hat“. Auch nach „der Verlegung

des Militärs aus dem Gaza-Streifen heraus an dessen Grenzen“

nennt Sterzing den Gaza-Streifen „wenn man es zynisch sagt:

Das größte Freiluftgefängnis der Welt“. Er beobachte eine

„Somalisierung des Gaza-Streifens“, der „auf dem Niveau eines

zerfallenen afrikanischen Staates gehalten“ werde. Insbesondere

die Blockierung des Personen- und Warenverkehrs aus Gaza

heraus und nach Gaza hinein durch israelische Kräfte, sagte

Sterzing weiter, verhindere eine positive wirtschaftliche Entwicklung

des Küstenstreifens.

Christian Sterzing zur Lage in den palästinensischen Autonomiegebieten

Als gegenwärtige Hauptprobleme in den palästinensischen Gebieten

bezeichnete Sterzing die wirtschaftliche Notlage sowie den

Kampf zwischen Hamas und Fatah und unter den Sicherheitsdiensten.

Einziger „Hoffnungsschimmer“ ist für Sterzing die Diskussion um

die Anerkennung des so genannten „Dokuments der nationalen

Versöhnung“ oder „Gefangenendokuments“, auf das sich Gefangene

fast aller palästinensischen Organisationen in israelischen

Gefängnissen verständigt haben. Das Dokument fordert die Gründung

eines palästinensischen Staates und gilt damit als implizite

Anerkennung des Existenzrechts Israels. Mehr als drei Wochen

nach dem Gespräch mit Sterzing, am 27.06.06, wurde das

„Gefangenendokument“ von allen wichtigen politischen Kräften

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Studienreise Israel 2006

auf Seiten der Palästinenser anerkannt. Führende Persönlichkeiten

der Hamas bestritten jedoch, dass das Dokument eine Anerkennung

des Staates Isreal beinhalte. Die Bedeutung des Dokuments

und seine möglicherweise entspannende Wirkung auf den

israelisch-palästinensischen Konflikt wurden jedoch unterdessen

von der Entführung eines israelischen Soldaten durch palästinensische

Extremisten und der militärischen Reaktion Israels überschattet.

Die „historische Bedeutung“ des

„Gefangenendokuments“ bleibt somit bis zum heutigen Zeitpunkt

abzuwarten.

Wir fahren mit zwei palästinensischen Kleinbussen von unserem

Hotel im Herzen Jerusalems ins kaum 30 Kilometer entfernte Ramallah.

Als Menschen mit EU-Pässen, die offensichtlich

„Touristen“ sind, verläuft die Passage reibungslos. Vor der Böll-

Stiftung spricht uns ein junger Mann in unserem Alter an, der offensichtlich

erfreut und neugierig ist, fremde Gesichter zu sehen,

und der augenscheinlich nicht viel zu tun hat. „Perspektivlos“,

denke ich mir, „ein politisch Denkender?“. Wohl nicht.

„Perspektive, Zukunft Suchender“ oder auch „Resignierter“ mag

es besser treffen. Wir kennen ihn nicht, des Englischen ist er, über

ein „what’s up?“ hinaus, nicht mächtig.

Jens Hoffmann

Terror Terror und und Alltag

Alltag

Vor der Exkursion wurde ich von meinem Onkel angerufen, der

mich davon abbringen wollte, nach Israel zu fahren. Er hatte sogar

ohne Erfolg versucht, meine Mutter dazu zu bringen, mir die

Fahrt zu verbieten. Zu Beginn der Reise gab es Momente der Unsicherheit;

am vorletzten Tag war mir erst im Nachhinein aufgefallen,

dass ich eben in einem Café in Israel gesessen hatte.

David

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Studienreise Israel 2006

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Friedenszentrum Givat Haviva -

„Integraler Bestandteil der

Kibbuzbewegung“

4. Juni 2006

Verfasserin: Katrin Kräuter

Auf dem Vormittagsprogramm stand das Friedenszentrum Givat

Haviva und dessen Programm zur „Friedenserziehung“. Am

Nachmittag folgte ein Blick auf arabische und jüdische Siedlungen

im Einzugsgebiet von Givat Haviva. Torsten Reibold, einst

selbst Student des Politikinstitutes der Johannes Gutenberg-

Universität Mainz, begleitete die Gruppe, berichtete über die Arbeitsabläufe

und Programme im Friedenszentrum und schilderte

die Situation von Siedlern im Einzugsgebiet Givat Havivas.

„Chancengleichheit für alle Bürger“, so lautet nach Reibold das

Motto, unter welchem Givat Haviva als Weiterbildungszentrum

der Kibbutzbewegung Ha'artzi 1949 gegründet wurde. Givat bedeutet

auf hebräisch Hügel, Haviva ist der Name der tschechischen

Jüdin Haviva Reik: Diese versuchte im Zweiten Weltkrieg,

Juden aus den von Deutschen besetzen Gebieten zu schleusen

und ließ dabei ihr Leben.

Als größte und älteste Institution in Israel, die sich für jüdischarabische

Verständigung einsetzt und nahe an der Grenze zu

den besetzten palästinensischen Gebieten liegt, ist Givat Haviva

Symbol für ein lebenslanges Lernen. Jedes Mitglied der Kibbutz-

Gemeinschaft sollte jeden Beruf ausüben können, gemäß dem

Gebot der Gleichheit.

Gleichberechtigung ist für die jüdisch friedensorientierte Institution

ein Schlüsselwort. So erklärt es sich, dass einer der wichtigsten

Entstehungsgründe Givat Havivas die Verbesserung der Chancengleichheit

der arabischen Israelis darstellt. In diesem Sinne

gründet Givat Haviva 1963 das jüdisch-arabische Institut. „Durch

gegenseitiges Kennenlernen zum Verständnis zu gelangen“ steht

bei der Friedenserziehung im Mittelpunkt. Die Integration der ara-


Studienreise Israel 2006

bischen Minderheit und Friedensforschung im Nahen Osten soll

durch verschiedene Projekte gefördert werden, im Jahr 2000 beispielsweise

durch das Projekt „Kinder lehren Kinder“, das mit

dem „UNESCO Peace Education Award“ ausgezeichnet wurde.

Gleichberechtigung fange im Friedenszentrum bei den Campus-

Mitarbeitern an, die zur Hälfte arabisch sind.

Das Programm von Givat Haviva ist bunt, reicht vom Kunst- und

Sprachenzentrum bis zu Töpfer- und Malkursen der Open University.

Im Kunstzentrum haben 15 arabische und 15 jüdische israelische

Jugendliche das „Earthhouse“ errichtet und haben dabei

über Kreativität und Kunst an einem Projekt zur Konfliktbewältigung

mitgewirkt. Kunst gebe den Kindern die Möglichkeit, auf eine

besondere Weise miteinander zu kommunizieren und das Bild

des Anderen zu verdeutlichen. Sehr erfolgreich sei auch ein Fotokurs

„Mit den Augen des Anderen“ gewesen, bei dem sich die

Kinder gegenseitig besuchten, um das Bild vom Anderen zu präzisieren

und häufig zu korrigieren. „Dabei stellen die Kinder dann

erstaunt fest: die wohnen ja genauso wie wir. Den jüdisch und

arabischen Kindern fallen dann immer mehr Gemeinsamkeiten

auf“, so Reibold.

Betreut werden die Gruppen immer von einem jüdischen und einem

arabischen Gruppenleiter. Da die Kinder aus dem Einzugsgebiet

stammen, ist Hebräisch in der Schule für alle Pflicht, so

dass ein direkter Dialog zwischen arabischen und jüdischen Kindern

möglich ist.

„Araber zeigen in der Regel mehr Interesse für unsere Projekte

als Juden“, zieht Reibold zur Arbeit der Friedenspädagogen Bilanz,

die an Schulen für die Projekte des Zentrums werben. Der

Zulauf sei sehr gut dank des Rufes von Givat Haviva, der sich

über die Jahre etabliert habe. So nehmen manchen Schulen über

Jahre an Projekten teil.

Wenn Kinder an Projekten Interesse zeigen, aber auf Grund eines

schwachen sozialen Hintergrundes nicht an diesen teilnehmen

können, übernimmt Givat Haviva in manchen Fällen die Kosten.

Auch zum Thema Parität und der Situation von Frauen existieren

Projekte. Im „Frauenzentrum“, das unter der Leitung einer jüdi-

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Studienreise Israel 2006

schen und einer arabischen Direktorin ist, diskutieren jüdische

und arabische Frauen. Hier tauschen sie sich über Themen wie

zum Beispiel die Rolle der Frau in der arabischen und jüdischen

Gesellschaft, die laut Reibold beide sehr patriarchalisch organisiert

seien, aus.

Zur Friedensforschung auf dem Campus dient die größte nichtstaatliche

Bibliothek „Peace Library“. Zeitungen aus dem Yishuf

der 20er, 30er und 40er Jahren befinden sich im digitalen Archiv

(hierzu besteht ein EU-Programm zur Medienzusammenarbeit),

auch Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler und

Historikerinnen und Historiker werden in der Bücherei fündig.

Der Erfolg des Friedenszentrums zeige sich auf wissenschaftlicher

Ebene bei der Evaluation von Vorher-Nachher-Befragungen

über lange Zeiträume. „Oft haben sich die Einstellungen gegenüber

dem Anderen im positiven Sinn verändert“, resümiert Reibold

und beschreibt: „Viele Teilnehmer kommen auch wieder zurück

und nehmen immer wieder an Projekten teil“.

Problematischer ist die Erfolgseinschätzung auf den Nahostkonflikt,

da die Gesamtbevölkerung schwer zu erreichen sei. Die Ansprechpartner

finde man meist dort, wo es überhaupt keine gemischte

jüdisch-arabische Bevölkerung gibt. Beispielsweise in der

Region El Fahem, wo dann auch Kontakte etabliert und stabilisiert

werden können.

Weitere Erfolge zeigen sich in der Publikation des Jugendmagazins

„Crossingborders“, an dem israelische, palästinensische und

jordanische Jugendliche mitwirken. Auch viele Erwachsenenprojekte

spiegelten laut Reibold den Erfolg der Friedensarbeit von

Givat Haviva wider.

Die Kostenfrage von Givat Haviva und dessen Finanzierung beantwortet

Reibold wie folgt. Die Kibbutzbewegung stelle den

Campus, die auch das Defizit übernimmt. Givat Haviva wird zu

hundert Prozent von Drittmitteln finanziert, „Fundraiser“ reisen

nach Europa, um beispielsweise bei Bund- und Länderbehörden

oder politischen Stiftungen Spender zu finden. Die 25-jährige

Freundschaft zu Rheinland-Pfalz ist ein Beispiel hierfür, auch die

Friederich-Ebert- und die Rosa-Luxemburg-Stiftung gehören zu

den Förderern. Darüber hinaus hat Givat Haviva Einnahmen über

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Studienreise Israel 2006

die Miete der Soldatinnen und Soldaten in Grundausbildung auf

dem Campus. Dass Soldatinnen und Soldaten auf dem Friedenscampus

während des Grundwehrdienstes stationiert sind, erscheint

paradox. Reibold erklärt hierzu: „Sie wohnen hier und machen

auf der Schule den Highschoolabschluss. Mit den Mietkosten

kann Givat Haviva den Campus erhalten.“ So sind bewaffnete

Soldaten oft das erste, was der Besucher und die Besucherin des

Friedenscampus erblickt.

Nach dem Aufenthalt im Friedenszentrum machte man sich auf

den Weg, um jüdische und arabische Siedlungen im Einzugsgebiet

von Givat Haviva zu besichtigen. So beispielsweise die kleine

arabische Gemeinde Barta'a, die im zentralisraelischen Wadi Ara

liegt, in der Nähe des Highway 65, der wiederrum von Hadera

nach Megiddo führt. Lange Zeit lebte in Barta'a ein einziger Clan

namens Kabha, der dort Landwirtschaft betrieb und das Heiligtum

des Ortes pflegte: Das Grab des Sheikh Muhammad auf dem

Gipfel des Berges.

Das Dorf sei ein Paradebeispiel für das komplexe Verhältnis israelischer

Araber zu Palästinensern: Die „Grüne Linie“, imaginäre

Grenze zwischen Israel und der Westbank, teilt das Dorf in zwei

Hälften, in eine palästinensische und eine zu Israel gehörende

Seite. Diese Entscheidung, getroffen 1949 von israelischen Politikern

auf einer Konferenz in Rhodos, birgt eine Vielzahl von Problemen,

beispielsweise auf administrativer, wirtschaftlicher, sozialer

und familiärer Hinsicht. Als Grenze wurde 1949 die ehemalige

Waffenstillstandslinie, die Grüne Linie, zwischen Israel und Jordanien

definiert. Sie verläuft auf der Talsohle des Wadi Ara entlang,

geht also mitten durch Barta'a. Diese Grenzziehung wird von vielen

Einwohnerinnen und Einwohnern der Stadt verurteilt, so auch

von Riad Kabha, dem ehemaligen Bürgermeister. Familien seien

durch die Grenzziehung auseinandergerissen worden: so musste

sich beispielsweise sein Großvater zwischen seinen zwei Frauen,

die eine aus West-, die andere aus Ostbarta'a entscheiden. Die

Einwohnerinnen und Einwohner aus West-Barta'a erhielten die

israelische, die aus dem Osten der Stadt die jordanische Staatsbürgerschaft.

Die administrative seit 1949 fixierte Trennung der beiden Stadt-

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Studienreise Israel 2006

hälften beeinflusste das tägliche Leben der Bewohnerinnen und

Bewohner immer mehr. Im Westen musste zum Beispiel eine

neue Moschee, im Osten ein neuer Friedhof gebaut werden, für

die Verwandten aus dem Westen sichtbar plaziert. Ost- und

West-Barta'aris konnten sich nicht frei treffen, familiäre Ereignisse

wie Hochzeiten konnten nicht mehr von den Familienmitgliedern

auf beiden Seiten der Grünen Linie zelebriert werden. Unterdessen

wurde an der Grenze auch Schmuggel betrieben.

Als die Israelis nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 die Kontrolle

über die Westbank einnahmen, konnten sich die Barta'aris wieder

frei treffen. Mittlerweile hatten sich aber schon kulturelle Unterschiede

der Ost- und Westbarta'aris gebildet, der einem repressiv

traditionellem Regime unterstandenen Osten stand im Gegensatz

zur modernen Mehrheitsbevölkerung des Westens. War die physische

Grenze durch Barta'a aufgehoben, so manifestierte sich

immer deutlicher eine psychologische und ideologische Barriere.

Beim Ausbruch der ersten Intifada 1987 wurde dies sehr deutlich.

Die durch die 1949 etablierte Grenze entstandenen Spannungen

zwischen Osten und Westen blieben auch nach 1967, erst die

Oslo-Verhandlungen und das Ende der ersten Intifada führten zu

einer Entspannung. Man besuchte die andere Seite wieder regelmäßig.

Als Folge der Busattentate nach Oslo verschlimmerte sich

die Situation wieder, so wurden beispielsweise die Kontrollen am

Grenzübergang verschärft und kein Ostbarta'ari konnte die Zufahrtsstraße

an der Grenze benutzen.

Einen positiven Einfluss auf das Verhältnis der Ost- und Westbarta'aris

hatte der Sport. Auf dem Fußballfeld kickten beide Seiten

gegeneinander, obwohl sie sich noch kurz zuvor Straßenschlachten

geliefert hatten. Wer von den Ost-Barta'aris den israelischen

Pass besitzt, dies sind etwa 300, dem wird der Alltag erleichtert.

Eine größere Bewegungsfreiheit und das Recht, in Israel legal zu

arbeiten oder auch das gelbe israelische Nummernschild zu haben,

sind nur einige Beispiele.

Die Kinder der israelischen Staatsangehörigen haben das Privileg,

sozialversichert zu sein, können auf Wohlfahrtsstaatsleistungen

zurückgreifen und die Schule im Westen Barta'as besuchen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es eine Kluft zwischen

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Studienreise Israel 2006

den Barta'aris westlich und östlich der Grünen Linie gibt. Außerdem

befindet sich in der Mitte ein Teil, eine Art Niemandsland,

das weder von palästinensischer, noch unter israelischer Verwaltung

steht. Man sieht also am Beispiel von Barta'a, wie Ungleichheiten

in der Gesellschaft verstärkt werden, Ungleichheiten zwischen

israelischen und palästinensischen Bewohnerinnen und

Bewohner, die ursprünglich aus dem gleichen Clan stammen.

Diesen Ungleichheiten entgegenzuwirken, psychologische Grenzen

durch Dialog abzubauen und generell für mehr Chancengleichheit

der arabischen Bevölkerung zu sorgen, gehört zu den

Zielen des Friedenscampus Givat Haviva.

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Studienreise Israel 2006

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„Die öffentliche Meinung bestimmt die

Politik“

Gespräch mit Avi Primor, Botschafter a. D.,

Interdisciplinary Center (IDC) Herzliya,

Tel Aviv, 4. Juni 2006

Verfasserin: Silvia Keiser

Auf dem Campus des „Interdisciplinary Center (IDC) Herzliya“,

einer Privatuniversität in der Nähe von Tel Aviv, begrüßte uns Avi

Primor zum Gespräch über den Nahostkonflikt. Primor war von

1969 bis 1999 im diplomatischen Dienst tätig, unter anderem war

er israelischer Botschafter bei der Europäischen Gemeinschaft

sowie sechs Jahre Botschafter in Deutschland. Heute ist er Vizepräsident

der Universität Tel Aviv und Direktor des „Center for

European Studies“ am IDC.

Avi Primor erinnerte zu Beginn seines Referats über den Nahostkonflikt

an den Sommer 2000, in dem sich Ehud Barak, Bill Clinton

und Jassir Arafat in Camp David zu Verhandlungen trafen.

Der damalige israelische Ministerpräsident wollte dort eine permanente

Lösung des Konflikts herbeiführen. Obwohl Clinton und

Arafat sowie seine eigenen Berater von einer solchen Vorgehensweise

abrieten, habe Barak auf diesen Plan bestanden. Schließlich

seien die bisherigen Versuche der Initiierung eines schrittweise

geführten Friedenprozesses gescheitert.

Baraks Verhalten sei, so Primor, von der israelischen und der palästinensischen

Bevölkerung verschieden wahrgenommen worden.

Die Israelis glaubten, dass Barak „den Palästinensern alles

gegeben und weitgehende Zugeständnisse gemacht habe“. Zudem

habe Barak bisher unangetastete Streitfragen, wie beispielsweise

die Zukunft Jerusalems, angesprochen. In der Wahrnehmung

der Israelis seien die Palästinenser jedoch diesen zuvorkommenden

Schritten uneinsichtig geblieben und lehnten nicht

nur alles ab, sondern antworteten sogar mit Gewalt.

Primor deutete darauf hin, dass es unwichtig sei, ob oder wie

sehr diese Wahrnehmung der Wirklichkeit entsprach. Wichtig


Studienreise Israel 2006

hierbei sei allein die Perzeption, die Fakten schuf. Es wurde allgemein

angenommen, dass die Palästinenser keinen Frieden wollten,

„sondern nur die Vertreibung der Juden“. Die palästinensische

Regierung habe alles getan, um diese Empfindungen zu

unterstützen.

Die Wahl Ariel Sharons zum Ministerpräsidenten ist, nach Primor,

aufgrund dieser wahrgenommenen Prämisse allzu erklärlich.

Schließlich habe sich Israel, in der Wahrnehmung seiner Bevölkerung,

in einer Situation befunden, in der man sich verteidigen

müsste. Sharon schien der geeignete Politiker zu sein, um diese

Aufgabe zu erfüllen. Barak hingegen hatte falsche Hoffnungen

geschürt und die Menschen enttäuscht. Das gemäßigte Lager

wurde im Zuge dieser desillusionierten Stimmung mundtot gemacht

– „wer von Frieden sprach, wurde nur belächelt“. Kein Politiker

habe sich getraut vom Frieden zu sprechen.

Schließlich ging Primor auf die Jahre der zweiten Intifada

(September 2000 bis Februar 2005) ein. Diese haben bei den Israelis

eine Atmosphäre der Unsicherheit geschaffen. Die Situation

sei als alternativlos eingeschätzt worden, daher habe man der

Regierung alle Mittel in die Hand gegeben, nach denen sie verlangte.

Ökonomisch gesehen habe Israel während der Intifada die

schlechtesten Jahre seit seinem Bestehen verzeichnet. Normalerweise

konnte das Land in guten Jahren einen Zuwachs des Bruttosozialprodukts

von sechs bis acht Prozent, in schlechten Jahren

von drei Prozent aufweisen. Seit dem Ausbruch der Intifada jedoch

schrumpfte diese Quote auf unter ein Prozent. Primor wies

darauf hin, dass diese Zahl in einem Zuwanderungsland gleichbedeutend

ist mit einem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit. Alternativen

in der Handlungsweise habe man weiterhin nicht gesehen.

Man habe in den Palästinensern keinen vertrauenswürdigen

Verhandlungspartner gesehen.

Im Jahr 2003 setzte ein Wandel ein. Man habe zwar auf palästinensischer

Seite immer noch keinen Partner finden können, aber

im Bewusstsein der israelischen Bevölkerung setzte sich die Erkenntnis

durch, dass „es so nicht weitergehen kann“. Im Januar

2003 fanden in Israel Parlamentswahlen statt. Primor wies darauf

hin, dass der neue Vorsitzende der Arbeitspartei schon damals

51


Studienreise Israel 2006

von der Möglichkeit einer unilateralen Grenzziehung und Räumung

von besetzten Gebieten gesprochen hatte. Damals habe

Sharon ihn noch verhöhnt: Jede Siedlung sei so unentbehrlich

wie Tel Aviv.

Doch schon 2004 habe Sharon diesen Plan wiederentdeckt. Er

habe einen einsetzenden Umschwung in der öffentlichen Meinung

gespürt. Die Bevölkerung habe immer mehr nach einer

Wende verlangt – „egal welcher“. Warum ergab sich nur die Alternative

eines einseitigen Handelns? Sharons Begründung: „Es gibt

ja keinen Gesprächspartner“.

Welche Konsequenzen eine solche Vorgehensweise nach sich

zogen, habe die israelische Bevölkerung damals nicht realisieren

wollen. Allein die Möglichkeit einer Wende habe gereicht, um sie

für diesen Plan zu gewinnen. Zuerst sei man noch etwas skeptisch

gewesen, doch nachdem sich ein wirtschaftlicher Aufschwung

abzuzeichnen begann, haben immer mehr an Sharon

geglaubt. Im Jahr 2004 konnte Israel wieder einen Zuwachs des

Bruttosozialprodukts von vier Prozent aufweisen. Primor stellte

die These auf, dass dies allein im Umschwung in der öffentlichen

Meinung begründet liege – „alles reine Psychologie“.

Sharon selbst sei nicht von der Räumung überzeugt gewesen.

Aber um an der Macht zu bleiben, habe er diese Maßnahmen als

notwendig angesehen. Er habe erkannt, dass die Mehrheit der

israelischen Bevölkerung eine Trennung von den Palästinensern

befürwortete. Siedlungen seien nicht mehr gewünscht gewesen.

Der Glaube an den Frieden sei trotzdem nicht geweckt worden.

Es sei der Wunsch nach mehr Sicherheit, den die Mehrheit sich

erhoffte: „Friede ist volatil, nur die Sicherheit ist wichtig – und dies

zeigte immer wieder die Geschichte.“

Der ägyptische Staatspräsident Anwar Sadat habe schon 1977

erkannt, was die israelische Bevölkerung von den Politikern verlangte.

Er habe sie begeistern können, weil er nicht Frieden, sondern

Sicherheit versprach. Arafat habe dies nie begriffen – er habe

nie von Sicherheit gesprochen. Als Sadat genau diese Bedürfnisse

der israelischen Bevölkerung ansprach, machte diese

Druck auf die Regierung. Primor kam somit zu seiner These, dass

„eine Lösung des Konflikts daher nur aus der Überzeugung der

52


Studienreise Israel 2006

Bevölkerung und der öffentlichen Meinung möglich“ ist. Das, was

die Bevölkerung wolle, werde zum politischen Faktum.

Bezogen auf die aktuelle politische Situation im Land, kommentierte

Primor die Regierungspolitik von Ehud Olmert. Dieser sei

früher ein „kleiner Raufbold des rechten Lagers“ gewesen. Er habe

eine unglaubliche Wandlung durchgemacht, wie schon Shimon

Peres. Schon vor Sharon habe er vom einseitigen Abzug

gesprochen. Ursache für dieses Urteil sei für ihn die

„demographische Frage“ gewesen. Er habe davon gesprochen,

dass ein 20-prozentiger Anteil von Nichtjuden an der Gesamtbevölkerung

für den jüdischen Staat nicht gefährlich wäre. Und diese

Zahl sei genau die, die sich innerhalb der Grenzen von 1967

ergebe. Offen habe er damals nicht von der Aufgabe aller Gebiete

reden können, aber mit einer solchen Aussage implizierte er

genau diese. Primor geht fest davon aus, dass Olmert die Räumung

der besetzten Gebiete anordnen wird. Zwar behaupte Olmert,

dass der Abzug nicht einseitig stattfinden werde, aber Primor

ist der Überzeugung, dass er trotzdem unilateral agieren werde.

Der palästinensische Ministerpräsident Abu Mazen, wie auch

die Hamas seien zu schwach. Natürlich werde es trotzdem inoffizielle

Absprachen geben. Eine Armee sei bei einem Rückzug

sehr anfällig. Daher müsse es Gespräche geben. Diese habe es

auch beim Abzug aus Gaza mit der Hamas gegeben, damit der

Rückzug friedlich verlaufen konnte.

Primor sagte voraus, dass es auch mit Abu Mazen Gespräche

geben werde. Dies werde aber zu nichts führen, da kein Palästinenser

die Angebote der israelischen Regierung annehmen könne.

Aus dem Westjordanland könne Israel nicht zu 100 Prozent

abziehen. Es gibt dort drei große Siedlungsblöcke, welche sieben

Prozent der Fläche des Westjordanlandes ausmachen. In der

Genfer Vereinbarung wurde die Möglichkeit des Verzichts auf dieses

Land angeboten, wenn ein Austausch mit Gebieten aus dem

Kernland durchgeführt werde. Primor verwies darauf, dass sich

für diesen Plan in der israelischen Bevölkerung allerdings keine

mehrheitliche Unterstützung finden lassen werde, weshalb er

auch nicht verwirklicht werde. Da aber alle auf Verhandlungen

drängen, werde es viele Lippenbekenntnisse geben.

53


Studienreise Israel 2006

An diesem Punkt der Diskussion stellt sich Primor die Frage, wer

eigentlich die Palästinenser vertrete. Das Problem der heutigen

Situation bestehe darin, dass es keinen echten Machthaber in

den palästinensischen Autonomiegebieten gebe. „Heute gibt es

tatsächlich keinen Partner!“ Mit dem Fazit, dass es wohl Verhandlungen

geben werde, diese allerdings zu nichts führen werden,

beendete Primor seine Ausführungen. Unilaterale Handlungen

seien zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber werden nicht

zu einer permanenten Lösung führen.

In der anschließenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen,

ob die palästinensischen Gebiete überhaupt überlebensfähig sein

werden, und ob nicht eine „Somalisierung“ eintreten werde. Auf

diese Problematik hatte uns Christian Sterzing von der Heinrich-

Böll-Stiftung in Ramallah hingewiesen. Primor hingegen versicherte,

dass die Zerstückelung des Gebietes nicht mehr von israelischen

Politikern vorangetrieben werde. Diesen Plan, welchen

Sharon vertreten habe, sei heute überholt. Olmert spreche nicht

mehr von Zerstückelung. Was er allerdings fordere, seien die besagten

sieben Prozent. Der Rest des palästinensischen Gebietes

solle ein einheitlicher Raum bilden. Die Lebensfähigkeit sieht Primor

allerdings nur gewahrt, wenn es einen Einklang mit Israel

geben werde. Dies sei allerdings kein Problem, wenn auf Terror

verzichtet werde, „dann geht alles gut – dann klappt es auch mit

Jordanien“. Die Hamas habe übrigens 2004 einen einseitigen

Waffenstillstand verkündet. Und seit August 2004 seien tatsächlich

keine Terroranschläge verübt worden. Aber man müsse abwarten,

denn die „Palästinenser verpassen nie die Chance eine

Chance zu verpassen“. (Tatsächlich kündigte die Hamas die Waffenruhe

wenige Zeit später, in Folge einer Explosion am Strand

von Gaza, durch die mehrere Menschen umkamen, auf)

Die Frage nach dem zukünftigen Status Jerusalems beantwortete

Primor dahin gehend, dass es bisher noch keine Verlautbarungen

darüber gibt. Er ist sich aber sicher, dass eine Trennung kommen

werde. Schließlich sei Jerusalem schon heute eine getrennte

Stadt. Es gebe faktisch zwei Städte, die Einheit sei nur ein Mythos.

In Israel wolle man die Trennung zwar nicht, aber man werde

sich damit abfinden.

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Studienreise Israel 2006

„So ausweglos wie noch nie.“

Gespräch mit Ulrich Sahm, Journalist

und Korrespondent in Jerusalem,

Schwedisches Institut, Jerusalem,

4. Juni 2006

Verfasser: Matthias Lorch

Das Schwedische Institut – ein Ort der Begegnung

Das Gebäude, in dem sich das Schwedische Institut heute befindet,

wurde 1882 vom deutschen Architekten Konrad Schick erbaut.

Das Schwedische Institut widmet sich hauptsächlich dem Studium

der jüdischen Tradition durch christliche Theologinnen und

Theologen und bietet theologische Studienseminare zum Zweck

des interreligiösen Dialogs an.

Einen Teil des Dialogs stellt das Projekt „Studium in Israel“ an der

Hebräischen Universität in Jerusalem dar, das von Alfred Wittstock

Ende der 1970er ins Leben gerufen wurde. Es soll ausländischen

Theologiestudentinnen und –Studenten die Möglichkeit

geben die theologische Tradition vor Ort kennen zu lernen und

bietet ihnen weitgehende Betreuung sowie eine Unterkunft. Ziel

ist eine Revision der (christlich) theologischen Beurteilung des

Judentums.

Über die Lage des Nahostkonflikts

Gesprächspartner an diesem Abend war Ulrich Sahm, Berichterstatter

aus Jerusalem für verschiedene Zeitungen und Korrespondent

für den Fernsehsender n-tv. Der Israel-Experte gab nach

einem kurzen historischen Abriss seine Einschätzung über die

momentane Lage des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern.

Ulrich Sahm versucht beide Seiten und ihre jeweiligen Interessen

zu verstehen. Dabei kann er auf eine über 30-jährige Erfahrung

als Journalist und Beobachter in der Region zurückgreifen.

Für Sahm stellt sich die momentane Lage als „so ausweglos wie

noch nie“ dar. Selbst in schlimmsten Kriegszeiten habe mehr

55


Studienreise Israel 2006

Hoffnung und Zuversicht bestanden. Dieser Pessimismus gründe

sich einerseits auf den Wahlsieg der Hamas und andererseits

darauf, dass die zweite palästinensische Intifada der schlimmste

Krieg seit 1948 sei, da zum ersten Mal die israelische Zivilbevölkerung

zum Ziel der Angriffe wurde.

Das Ziel, das Jassir Arafat immer verfolgt habe, die Internationalisierung

des Konflikts, wurde erreicht – doch ging damit die Entwicklung

einer selbstzerstörerischen Ideologie einher, die durch

das Bewusstsein der Unmöglichkeit eines Sieges auf der palästinensischen

Seite noch verstärkt wurde.

Ariel Scharons einseitiger Rückzug

Die Politik Ariel Scharons könne als Reaktion auf diesen politischen

Stillstand verstanden werden. Mit dem einseitigen Rückzug

aus dem Gazastreifen, der Aufgabe einiger Siedlungen im Westjordanland,

sowie der Errichtung des Grenzzauns sei klar erkennbar,

dass Israel nicht mehr auf Verhandlungen setze. Das Westjordanland

werde abgeriegelt und die künftigen Grenzen würden

ausschließlich durch israelische Interessen definiert. Die Folgen

wären laut Ulrich Sahm ähnlich wie im Gazastreifen: ein nicht überlebensfähiges

Gebiet würde dem jeweiligen arabischen Nachbarn,

hier also Jordanien, „vor die Füße geworfen“. Interessant

sei hierbei, dass entgegen anderer Verlautbarungen von Ehud

Olmert vor den Wahlen auch die Jordansenke abgegeben würde.

Ein eindeutiger Beweis hierfür sei die Errichtung israelischer

Grenzposten am nördlichen und südlichen Rand der Jordansenke

auf israelischem Territorium. Israel werde sich also aus der Jordansenke

zwischen Jordanien und der Westbank zurückziehen.

Es bliebe allerdings die Frage, wie der Umzug der jüdischen

Siedlerinnen und Siedler in den noch zu räumenden Siedlungen

der Westbank vonstatten gehen solle. Das Debakel der Siedler

aus dem Gazastreifen sei hierfür kein wünschenswertes Vorbild.

Unter den Jugendlichen der etwa 7000 ehemaligen Siedler sei

neben der Arbeitslosigkeit die Selbstmordrate eines der größten

sozialen Probleme.

56


Studienreise Israel 2006

Jassir Arafat und die palästinensische Sache

Seine Betrachtung der palästinensischen Seite beginnt Sahm mit

einem Rückblick auf das Wirken von Jassir Arafat. Dieser sei einer

der bemerkenswertesten Politiker aller Zeiten gewesen. Arafat

habe es über 40 Jahre hinweg geschafft, in der Welt ein Bewusstsein

dafür zu schaffen, dass das palästinensische Volk ein

Territorium benötige, obwohl dieses Volk eigentlich nicht existiere

bzw. in Jordanien schon über ein Land verfüge.

Problematisch für eine jordanische Lösung erscheint allerdings

die Tatsache, dass der Herrscherdynastie der Haschemiten in

Jordanien schon jetzt eine Mehrheit von 70% Palästinensern im

eigenen Land gegenübersteht. Die Bedenken über einen weiteren

Zustrom von Palästinensern nach Jordanien waren daher

wohl eine Ursache für den Verzicht König Husseins auf die Westbank

im Jahr 1988.

Internationalisierung des Konflikts

Schon Arafats mittlerweile legendäre Rede vor der UN-

Generalversammlung im Jahr 1974 machte die Welt auf die palästinensische

Sache aufmerksam. Und spätestens die erste Intifada

von 1987 bis 1993 rückte den israelisch-palästinensischen

Konflikt in den Fokus der internationalen Berichterstattung. Doch

nicht nur auf der medialen Ebene sei eine Internationalisierung

des Konflikts erkennbar. Das palästinensische Volk wurde und

wird von so unterschiedlichen terroristischen Gruppierungen wie

beispielsweise der RAF oder der El Kaida für die jeweils eigene

Sache instrumentalisiert, so Sahm. Dies veranlasste auf der anderen

Seite neben der UNO, die Großmächte USA, Sowjetunion

bzw. Russland sowie die EU dazu, auf eine Lösung des Konflikts

hinzuwirken, zu vermitteln und den Palästinensern auch beträchtliche

finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.

„Die Wahl der Hamas war eine Abwahl der Fatah“

Doch trotz dieser immensen finanziellen Unterstützung der Palästinenser

durch den Westen sei die wirtschaftliche Situation im

Westjordanland desolat, was hauptsächlich an Korruption und

Vetternwirtschaft innerhalb der Autonomiebehörde liege.

Riesige Summen an Fördermitteln, vor allem der EU verschwanden

auf dubiosen Wegen in den Taschen weniger Fatah-

57


Studienreise Israel 2006

Funktionäre, was zu einer krassen Zweiteilung der palästinensischen

Gesellschaft in Arm und Reich geführt habe.

Diese Korruption war nach Ulrich Sahm auch der Grund für den

Sieg der Hamas bei den Parlamentswahlen im Januar 2006: „Die

Wahl der Hamas war eine Abwahl der Fatah“ so Sahm. Weitere

Gründe seien im Wahlsystem zu suchen, das sich die Hamas

besser als die zerstrittene Fatah zunutze gemacht habe.

Während 66 Abgeordnete in nationaler Verhältniswahl bestimmt

wurden, wurden weitere 66 Mitglieder des künftigen Parlaments

nach Mehrheitswahl in 16 Mehrpersonenwahlkreisen gewählt.

Die zwischen alter und junger Garde zerstrittene Fatah konnte

sich hier nicht auf gemeinsame Kandidatinnen und Kandidaten

einigen, wohingegen die Hamas in jedem Wahlkreis mit nur einem

Kandidaten antrat und so vor allem ihre Direktkandidaten ins

Parlament bringen konnte.

Die Hamas – ein Verhandlungspartner?

Dass die Hamas die Bedingungen des Nahostquartetts

(Anerkennung des Existenzrechts Israels, Gewaltverzicht und Akzeptanz

bestehender Verträge) für eine Wiederaufnahme der

Zahlungen an die Palästinenser erfüllen werde, kann sich Sahm

nur schwer vorstellen und daher sei der Konflikt in einer Sackgasse

angelangt.

Das Hauptproblem sieht er darin, dass die Hamas die von der

PLO geschlossenen Verträge nicht anerkennen wolle. Dies sei

das wichtigste Element, da sonst jeglicher Fortschritt auf dem

Weg zu einer Lösung des Konflikts hinfällig sei. Keine Regierung

der Welt könne es sich laut Sahm erlauben, die von ihrer Vorgängerregierung

geschlossenen internationalen Abkommen und Verträge

für obsolet zu erklären.

Innenpolitisch sei ein blutiger Machtkampf zwischen Fatah und

Hamas zu erwarten, der jedoch unausweichlich erscheine.

Da in absehbarer Zeit den Israelis also kein Verhandlungspartner

auf palästinensischer Seite gegenübersteht, werde der Rückzug

einseitig und ohne Rücksicht auf Bedürfnisse der anderen Seite

vonstatten gehen.

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Studienreise Israel 2006

Begegnung mit der deutschen

Geschichte

Besuch in Yad Vashem,

5. Juni 2006

Verfasser: David Waldecker

„Ich will ihnen in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal

und einen Namen (hebr.: yad vashem) geben, der besser ist

als Söhne und Töchter, einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der

nicht vergeht.“ Jesaja 56,6

Die Gedenkstätte Yad Vashem liegt in unmittelbarer Nähe von

Jerusalem und beherbergt ein Museum und mehrere Gedenkstätten

für die Opfer des Holocaust.

Das Neue Museum für die Geschichte des Holocaust, das 2005

wiedereröffnet wurde (Gründung bereits 1955), erzählt die Geschichte

des Holocaust aus einer spezifisch jüdischen Perspektive.

Jüdinnen und Juden kommen also nicht primär als Opfer, sondern

als Menschen vor, die vor und während des Holocaust ein

Leben führten und danach immer noch mit Problemen zu kämpfen

hatten und haben. Von KZ- und Ghettoinsassen geschaffene

Kunstwerke und Exponate bieten ausgewählte Beispiele. Wie jedes

gute Museum liefert es mehr Informationen, als mit einem

Besuch sinnvoll verarbeitet werden können. Was bei anderen Museen

schlicht zum Wiederbesuch einlädt, ist im Neuen Museum

Programm: Die Singularität und Unfassbarkeit des industriell und

rational organisierten Massenmordes ist nur in dieser Informationsfülle

darstellbar. Auch die Architektur passt sich durch eine

verwirrende Wegführung und enge Gänge, die von einer pyramidenförmigen

großen Halle überschattet werden, der Thematik an.

Zusammengehalten wird die Ausstellung von einer Videoinstallation

auf der einen Seite des Gebäudes, die das soziale und kulturelle

Leben der jüdischen Bevölkerung in Europa vor der Shoa

darstellt und einem Balkon auf der anderen Seite mit Blick auf

Jerusalem, der stellvertretend für die neue Heimat der Überlebenden

und ihrer Kinder steht.

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Studienreise Israel 2006

Die Stationen des Museums orientieren sich lose chronologisch,

sind aber thematisch geordnet. Zitate von deutschsprachigen Autoren

mit jüdischem Hintergrund machen zu Beginn auf die spezifisch

deutsche Schuld aufmerksam. Heinrich Heines berühmtes

Diktum: „Dies war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt,

verbrennt man auch am Ende Menschen“ wird neben Büchern

gezeigt, die bei den Bücherverbrennungen, die auch in

Mainz stattfanden, vernichtet wurden. Angefangen mit einem kurzen

Abriss des jahrhundertealten, christlich motivierten, deutschen

und europäischen Antisemitismus und seiner biologistischen

Modernisierung im 19. und 20. Jahrhundert, der

„deutschen Revolution“ von 1933, wird die zunehmende soziale

und juristische Ausgrenzung bis hin zum offenen Terror und die

durchgerechnete Vernichtung in der „Endlösung“ thematisiert. Ein

ausgestelltes Zitat Kurt Tucholskys von 1933 dazu: „Ein Land ist

nicht nur das was es tut, sondern auch was es toleriert.“ Augenzeugenberichte

von Überlebenden und Alltagsgegenstände komplettieren

die Darstellung. Die spezifisch jüdische Perspektive erschöpft

sich jedoch nicht in der Ausstellung von Kunst, sondern

zeigt auch den jüdischen Widerstand, z.B. den Aufstand des Warschauer

Ghettos, andere ghetto- und KZ-interne Widerstandsgruppen

und die Partisanenkämpfe. Außerdem hört die Geschichte

nicht mit dem 8. Mai 1945 auf: Die Probleme der Überlebenden,

als „displaced persons“ im Land der Täter zu leben, und die

Auswanderung vor allem nach Israel werden dargestellt.

An das Museum schließt sich ein Gelände an, das verschiedene

Orte des Gedenkens und der Dokumentation umfasst. So zum

Beispiel die Kindergedenkstätte, in der in einem abgedunkelten

Raum die Namen, das Alter und der Herkunftsort der 1,5 Millionen

ermordeten Kinder in verschiedenen Sprachen verlesen werden.

Einer der bekanntesten Orte der Gedenkstätte ist die Allee der

Gerechten, die mit immergrünen Johannisbrotbäumen für jene

Nichtjuden bepflanzt ist, die den Opfern des Holocaust geholfen

haben.

Das die Gedenkstätte aber nicht versucht, den Holocaust zu historisieren

und zu musealisieren, zeigt die „Hall of Names“, in der

60


Studienreise Israel 2006

es für Angehörige und Freunde möglich ist, Namen von Holocaustopfern

in einer riesigen Datenbank zu suchen und auch hinzu

zu fügen. Yad Vashem will laut Bibelzitat den Opfern nachträglich

nicht nur in ihrer Abstraktheit als Summe ein Denkmal, sondern

auch als je einzelnem Individuum einen Namen geben.----

61


Studienreise Israel 2006

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Besonderheit oder Normalisierung?

Die Deutsch-Israelischen Beziehungen

5. Juni 2006

Verfasserin: Katrin Kräuter

Einleitung:

"Die deutsch-israelischen Beziehungen werden für uns immer

einen besonderen Charakter haben. Das Existenzrecht des Staates

Israel und die Sicherheit seiner Bürger wird immer unverhandelbare

Grundposition deutscher Außenpolitik bleiben. [...]Dass

Israel uns heute als verlässlicher Partner empfindet, ist keineswegs

selbstverständlich[...]", so der ehem. Bundesaußenminister

Joschka Fischer vor den Vereinten Nationen in New York 2005

(60. Jahrestages der Befreiung der NS-Konzentrationslager). Fischer

spricht hier schon das besondere oder spezielle Verhältnis

Deutschland-Israel an.

Ist Israel heute der größte Handelspartner im Nahen Osten und

Deutschlands zweitwichtigster Verbündeter (nach den USA), so

hat es lange gedauert, bis sich die Beziehung etablieren konnte.

Grund hierfür sind die Ereignisse des Zweiten Weltkrieg, die Katastrophe

der Shoa, bei der über 6 Mio Juden ermordet wurden.

Das komplexe Verhältnis, dass sich im Laufe der Zeit zwischen

den beiden Staaten entwickelt hat, gründet sich mittlerweile auf

der Kooperation in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und

Wissenschaft. Gleichzeitig befindet sich das zwischenstaatliche

Verhältnis in einem komplexen System von Beziehzungen verschiedener

Akteure, beispielsweise auf internationaler Ebene wie

der Europäischen Union oder den USA und der UNO, und deren

Entscheidungen in Blick auf Nahost.

Dass die größte bilaterale Freundschaftsbeziehung die deutsch

israelische Gesellschaft mit über 4.000 Mitgliedern ist, spricht für

die Normalisierung der deutsch israelischen Beziehungen.

Gleichzeitig wird das Verhältnis aber immer speziell bleiben, bei

der sich Deutschland zwischen „Moral und Realpolitik" zu bewegen

scheint.

Anhand einiger Thesen soll im folgenden Text diskutiert werden,


Studienreise Israel 2006

wie es überhaupt zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen

Israel und Deutschland kommen konnte. Hierzu werden einige

Ausschnitte der Geschichte beleuchtet, die beispielhaften Charakter

haben.

Besondere Beziehungen: Deutschland-Israel

Im 1948 gegründeten Staat Israel galt Deutschland lange als

„politisches Tabu". Die ersten Kooperationen betrafen die Reparationszahlungen

aus Deutschland an Israel. Allein der Gedanke

an eine wirtschaftliche Kooperation mit dem ehemaligen Nazi-

Deutschland löste in der Knesset und im Bundestag heftige Debatten

aus. Moral und Ethik für die Shoa und die aus ihr zu ziehenden

Folgen wurden dabei von Politikern wie Menachem Begin

benutzt. So konnte Israels Regierungschef David Ben Gurion nur

unter größten Schwierigkeiten ein Mandat für die Aufnahme von

Entschädigungsverhandlungen mit den Deutschen erwirken. Sein

Gegenspieler Menachem Begin machte mobil gegen die Annahme

von Reparationszahlungen, die er als Verkauf der israelischen

Ehre propagierte. Die heftigen Diskussionen in und die massiven

Proteste vor der Knesset gegen das „deutsche Blutgeld" zeigt, in

welchem Zwiespalt sich israelische Politiker nach dem Ende des

Zweiten Weltkrieges in Blick auf Deutschland befanden. Auch auf

deutscher Seite gab es Kritiker gegenüber den Reparationszahlungen.

Innerhalb der Regierungskoalition von CDU/CSU,FDP

und DP argumentierte man, Israel habe kein Recht auf Reparationen,

da es während der NS-Herrschaft noch gar nicht existiert

habe.

Aufgrund dieser gespannten Atmosphäre in der israelischen Gesellschaft

und im Parlament blieben die ersten Abkommen zwischen

Deutschland und Israel geheim. So auch das Abkommen

über militärische Zusammenarbeit zwischen Bonn und Jerusalem

1957.

Mit den offiziellen Vereinbarungen über Reparationszahlungen

zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staate Israel

im Jahre 1952, befand sich die BRD zwischen Moral und Interessenpolitik.

Mit der Unterzeichnung des Luxemburger Abkommens

1952 bekannte sich Konrad Adenauer zu der Verantwortung für

63


Studienreise Israel 2006

die NS-Verbrechen. Die während der über 40 Jahre gezahlten

Milliardenbeträge schufen eine Basis für wirtschaftliches Wachstum

in Israel. Auf moralischer Ebene projizierte man ein neues

Bild Deutschlands. Wie Adenauer beschrieb: „Das Israelabkommen

ist ausschlaggebend für das Ansehen der Deutschen in der

Welt".

Die Reparationszahlungen hatten also einen moralischen Aspekt.

Bezeichneten die Deutschen die Gelder als

„Entschädigungszahlungen", sprachen die Israelis dagegen von

shilumim, wörtlich Zahlungen, also ohne moralischen Aspekt. Das

Signal war deutlich: mit Geld kann man die Verbrechen an den

Juden nicht rückgängig machen.

Um das Verhältnis Deutschland-Israel zu beschreiben, muss

auch über das deutsch-deutsche Verhältnis reflektiert und der

Einfluss der DDR-Politik auf die Kooperation zwischen BRD und

Israel analysiert werden. Im Zeitalter des Ost/West-Konflikts erkannte

die DDR den Staat Israel nicht an, was die deutschisraelischen

Beziehungen negativ beeinflusste.

Die DDR lehnte Reparationszahlungen strikt ab, erkannte das

Existenzrecht Israels nie an, und verfolgte einen antiisraelischen

Kurs. Die DDR lehnte die israelische Politik prinzipiell ab und ignorierte

jede Art von Wiedergutmachungsansprüchen. Erst in den

80ern kam es zu einer Normalisierung des gestörten Verhältnisses

zwischen DDR und Israel, die Verhandlungen über die Aufnahme

diplomatischer Beziehungen blieben aber ergebnislos.

Der Fall der Berliner Mauer wiederum beeinflusste das Verhältnis

zwischen Deutschland und Israel positiv.

Außerdem befand, und befindet sich, die deutsche Nahostpolitik

im Spannungsfeld der israelisch-arabischen Auseinandersetzungen.

Die arabischen Staaten haben in den 50er Jahren versucht, die

Reparationszahlungen zu verhindern, indem sie mit Wirtschaftsboykott

drohten. Über wirtschaftliche Sanktionen hinaus bedienten

sich im folgenden Zusammenhang die arabischen Staaten

eines anderen Druckmittels: Sie machten weiter Druck auf Westdeutschland

und drohten im Falle eines Botschafteraustauschs

zwischen Westdeutschland und Israel, die DDR anzuerkennen.

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Studienreise Israel 2006

Nach der Hallstein-Doktrin von 1955 hätte dies zum Abbruch der

Beziehungen Deutschland/Arabische Staaten führen müssen. Als

David Ben Gurion 1960 den Wunsch nach diplomatischen Beziehungen

mit Deutschland vorschlug, lehnte Adenauer zunächst ab.

Adenauer wollte "jeden Schritt vermeiden, der die Spannungen

im Nahen Osten vergrößert". So verzögerte sich die Aufnahme

diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland

weitere Jahre bis 1965.

Die Beziehungen zu Palästinensern und der PLO, besonders deren

in der Öffentlichkeit erregte Aufmerksamkeit, spielte und spielt

ebenfalls eine wichtige Rolle im deutsch-israelischen Verhältnis.

Kann man mit dem Sechstagekrieg von 1967 von einem Höhepunkt

der proisraelischen Politik Deutschlands sprechen, so änderte

sich das mit der steigenden Rolle der PLO und deren öffentlichen

Einfluss. Mit Terroranschlägen die Weltöffentlichkeit auf die

Situation der Palästinenser aufmerksam machend, entwickelte

Deutschland eine zunehmend proarabische Haltung. Im Laufe der

Nahostkriege 1948/49, 1956, 1967 und 1973 öffnete sich die

deutsche Öffentlichkeit immer mehr den palästinensischen Interessen.

Beim Einmarsch in den Libanon 1982 verstärkt sich diese

proarabisch-patriarchalische Haltung Westdeutschlands.

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und

Deutschland folgt schließlich am 12. Mai 1965: Israel und die

Bundesrepublik Deutschland nehmen offiziell diplomatische Beziehungen

auf, durch einen Notenaustausch zwischen Erhard und

Eschkol. Die Verjährungsfrist für Nazi-Verbrechen wird auf Beschluss

des Deutschen Bundestages bis zum 31.12.1969 verlängert.

Erster Botschafter Israels in Bonn wird Asher Ben Nathan.

Dr. Rolf Friedemann Pauls wird erster deutscher Botschafter in

Israel. Als Folge der westdeutsch-israelischen Kooperation brach

Ägypten 1965 die Beziehungen zur BRD ab.

Ausblick

Bis zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen

Deutschland und Israel mussten zahlreiche Hürden überwunden

werden. Dass man erst 1965 den Schritt zur offiziellen Aufnahme

der deutsch-israelischen Diplomatie gewagt hat, ist beispielhaft

65


Studienreise Israel 2006

für die schrittweise Annäherung der beiden Staaten. War das Verhältnis

lange Zeit von der israelfeindlichen DDR-Politik beeinflusst,

wirkte sich der Fall des kommunistischen Systems und die

Wiedervereinigung Deutschlands positiv auf das wechselseitige

Verhältnis von Deutschland und Israel aus. Über die Jahre haben

sich neben der diplomatischen Kooperation Verbindungen von

Deutschen und Israelis auf verschiedenen Ebenen institutionalisiert.

Der regelmäßige Austausch beispielsweise unter deutschisraelischen

Jugendlichen, Vereinen, Wissenschaftlern, trägt zu

der Normalisierung des speziellen Verhältnisses bei. Wie Fischer

zu seiner Zeit als deutscher Außenminister sagte: „Die deutschisraelischen

Beziehungen werden [...] immer einen besonderen

Charakter haben."

Zum Weiterlesen:

Dachs, Gisela: „Dünnes Eis: Bundespräsident Köhler ist auf

Staatsbesuch in Israel", in: Die Zeit online, 01.02.2005.

Dreßler, Rudolph, Alroi-Arloser Grisha u.a.: „Deutschland und Israel",

Aus Politik und Zeitgeschichte B15/2005 vom 11.04.2005.

Kloke, Martin: 40 Jahre deutsch-isralische Beziehungen, unter:

www.bpb.de

Timm, Angelika: „DDR-Israel: Anatomie eines gestörten Verhältnisses",

in: Aus Politik und Zeitgeschichte B4/93 vom 22.Januar

1993, S.46 ff.

Perthes, Volker (Hrsg.): Deutsche Nahostpolitik. Interessen und

Optionen, Schwalbach/Ts, 2001.

66


Bethlehem

Bethlehem

Studienreise Israel 2006

Der Besuch der Stadt Bethlehem kam für uns sehr überraschend

und wird einigen wahrscheinlich ewig in Erinnerung bleiben. Die

Tagesplanung hatte sich verschoben und es wurde spontan beschlossen,

das Bethlehem zu besuchen. Das wurde einigen kleidertechnisch

zum Verhängnis, zumal wir als erstes die Geburtskirche

Jesus besichtigten, in denen schulterfreie Trägerhemdchen

und Röcke, die nicht über die Knie reichen, nicht gestattet

sind. Doch dieses Dilemma wurde mit geliehenen

„ P alästinenser-Tüchern“ à la Arafat gelöst. Weit problematischer

ging es auf dem öffentlichen Basar zu, den wir anschließend

aufsuchten. Dort wurde es den Teilnehmern und Teilnehmerinnen

auf unangenehme Art und Weise bewusst, dass sich

die Bevölkerungsstrukturen Bethlehems in den vergangenen Jahren

ziemlich gewandelt hatten. Das heute muslimisch dominierte

Bethlehem besteht nicht mehr wie früher aus einer Mehrheit von

christlichen Aarabern. Wir trafen vorwiegend auf verhüllte muslimische

Frauen, die beim Anblick einer Studentin im Minirock anfingen

zu tuscheln oder mit dem Finger zu zeigen. Als ein arabischer

Mann anfing, mit seinem Handy Fotos von den Beinen der

Studentin zu knipsen, waren einige doch ganz froh, den Basar zu

verlassen.

Sarah

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Studienreise Israel 2006

Begegnungen in der Jerusalem Foundation

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Gespräch mit Dr. Lars Hänsel (KAS) und

David Witztum, Erstes Israelisches Fernsehen

6. Juni 2006

Verfasserin: Elena Sebastian

Bei diesem Treffen hatten wir in der Jerusalem Foundation die

Chance mit zwei Referenten zu sprechen – zum einen mit Lars

Hänsel, dem Leiter des Länderbüros Israel der Konrad-Adenauer-

Stiftung (KAS), der die Bedeutung der Stiftung darstellte, und zum

anderen mit David Witzthum vom Erstes Israelisches Fernsehen,

der den Nahostkonflikt aus seiner journalistischen Fachperspektive

schilderte.

Stiftungsarbeit in Israel – die Konrad-Adenauer-Stiftung

Zu Beginn unseres Gespräches umriss Lars Hänsel die Geschichte

und die Bedeutung der Stiftungen in Deutschland, bevor

er uns die Aufgaben der KAS in Israel vorstellte. Er selbst ist seit

1998 bei der Stiftung tätig und übernahm im Februar 2006 die

Leitung des Büros in Israel.

Die Stiftungen in Deutschland entstanden nach dem Zweiten

Weltkrieg. Sie sollten den Demokratisierungsprozess unterstützen,

indem sie halfen die demokratischen Grundwerte in der Bevölkerung

zu verankern. Um den Pluralismus zu fördern, entschied

man sich nicht für eine zentrale, vom Staat geleitete Stiftung,

sondern für mehrere, oftmals von Parteien gesponserten

Organisationen. Der Aufgabenbereich dieser dehnte sich schnell

aus, so dass heute Auslands- und Entwicklungszusammenarbeit

einen großen Anteil der Tätigkeiten ausmachen.

Die KAS engagierte sich zuerst in Lateinamerika, heute hat sie

weltweit über 60 Länderbüros. In Israel begann die Arbeit vorwiegend

zusammen mit den verschiedenen Universitäten und war

meist wissenschaftlich ausgelegt. Erst später erweiterte man den

Aufgabenbereich und war auch politisch tätig. Heute ergeben sich

3 Kerngebiete, in denen die KAS Israel tätig ist:

Deutsch-israelischer Dialog – Dies bedeutet vor allem die Organi-


Studienreise Israel 2006

sation von Besuchen und Gesprächen zwischen Politikern und

Wissenschaftlern beider Nationen; der Dialog wird jedoch zunehmend

europäisch-israelisch. Bisher war das Themenspektrum

meist auf die Aufarbeitung der Shoa begrenzt, wobei Hänsel sich

deutlich für eine Erweiterung des Dialogs auf andere Gebiete

aussprach. Er betonte aber auch die Problematik, dass bei dem

stattfindenden Generationswechsel die „Verantwortung für die

Verantwortung der Geschichte“ weitergegeben werden müsse.

Unterstützung gesellschaftspolitischer und demokratischer Prozesse

– Dies schließt die Arbeit mit den Minderheiten im Staat

Israel ein (besonders die arabische Bevölkerung und die Beduinen).

Israelisch-palästinensischer Dialog – Die KAS organisierte in der

Vergangenheit mehrere Dialogprojekte für junge Führungskräfte,

bei dem etwa Mitarbeiter von Knessetabgeordneten Mitglieder

von palästinensischen NGOs trafen. Zur Zeit ist die Durchführung

solcher Projekte unmöglich, da kein Ort gefunden werden kann,

an dem sich Israelis und Palästinenser treffen könnten und das

Interesse zu einem solchen Austausch besonders auf palästinensischer

Seite äußerst gering ist.

Mehr Informationen zu den einzelnen Projekten finden sich auf

der Homepage der KAS Israel unter: www.kas.de/israel

Medienperspektive – ein Gespräch mit David Witzthum

David Witzthum studierte in Jerusalem, Brügge und Oxford Politikwissenschaft,

Philosophie und Geschichte und ist heute einer

der bedeutendsten Journalisten in Israel. Er ist Moderator und

Chefredakteur des Ersten Israelischen Fernsehens.

Die aktuelle Situation in Israel bezeichnet Witzthum zwar als

spannend, aber als starr und festgefahren, denn auf politischer

Ebene gebe es in dem Konflikt mit den Palästinensern keinerlei

Bewegung. Zwischen beiden Parteien begrenze sich der Kontakt

auf pragmatische und inoffizielle Absprachen. Die in den 90er

Jahren noch starke Kooperation zwischen Israelis und Palästinensern

sei seit der zweiten Intifada gänzlich zum Erliegen gekommen,

Kooperation werde als Kollaboration angesehen.

Hinzu kommt, dass man auf israelischer Seite so sehr mit sich

69


Studienreise Israel 2006

selbst beschäftigt sei, (was sich beispielsweise dadurch äußere,

dass in den Medien und Köpfen Themen wie etwa die Verkehrsprobleme

auf israelischen Strassen oder Gewalt in der Familie

vorherrschend seien,) dass es sicherlich mindestens ein Jahr

dauern würde, bis man wieder von einer Normalisierung der Beziehung

zu den Palästinensern sprechen könne. Witzthum unterstrich

die Bedeutung der Lage im Irak, da diese die Beziehungen

zwischen USA, Syrien, Jordanien, Israel, der Hisbollah und der

Hamas beeinflusse.

Die israelische Regierung habe das Interesse an Verhandlungen

verloren und setze jetzt auf eine einseitige Lösung des Konflikts,

deren Pläne jedoch schon seit 7 Jahren fertig seien und bisher

lediglich in den Schubladen des jetzigen Ministerpräsidenten Olmerts

gelegen hätten. In der sonst oft gespaltenen Bevölkerung

sei die Unterstützung für die unilaterale Grenzziehung sehr hoch,

was sich vor allem aus der Geschichte Israels herleiten lasse:

Das Land Israel war von je her ein vages und flexibles Konstrukt,

und auch die „Grenzen“ von 1967 waren eben keine richtigen

Grenzen, sondern lediglich eine „grüne Linie“. Daher konnten alle

Ideologien ihren Träumen nachhängen und Pläne von einem

Großisrael entwerfen. Mittlerweile überwiege im Land aber das

Verlangen nach einem Ende der Anormalität und damit nach einer

endgültigen Verwirklichung des Staates in klaren Grenzen.

Der Sicherheitszaun ist somit eine „erste Begegnung mit der Realität“

und werde von 90% der Israelis befürwortet. Hingegen lehnen

lediglich 2% den Zaun ab, weil sie glauben, dass dies die

Menschenrechte der Palästinenser verletze.

Aus Sicht der israelischen Regierung meint Witzthum, dass die

Hamas nur ein kleines Problem sei, mit dem man leben könne.

Viel schwerwiegender seien die Gruppierungen, die noch radikalere

Ziele verfolgten, wie etwa Hisbollah oder Al Quaida. Diese

Gruppen hätten bisher nur noch keine Anschläge in Israel verübt,

da die Hamas viel Macht habe und versuche diese durch die Begrenzung

des Einflusses der anderen zu erhalten. Ihren Rückhalt

in der palästinensischen Bevölkerung erlange die Hamas durch

ihre soziale Ausrichtung, die neben Nationalismus und

Islam einer der drei Grundfüße sei.

70


Studienreise Israel 2006

Vor dem Hintergrund, dass Israel die höchste Rate von Journalisten

der Welt hat, erklärte Witzthum auf die Frage, welche Bedeutung

die Medien in Israel hätten, dass diese im Land überall präsent,

schnelllebig und lebendig wären. Die Beeinflussung der Bevölkerung

durch die Medien schätzt er sehr hoch ein. Als Beispiel

hierfür nannte er die ausufernde Berichterstattung über die

Selbstmordanschläge, die in der Gesellschaft eine innere Solidarität

geschaffen hätten. Eine Zensur in Israel gebe es nur in militärisch

sensiblen Bereichen.

Die Flüchtlingsproblematik sei schon seit einiger Zeit gelöst, es

existierten so genannte „non-papers“, in denen beide Seiten sich

auf die Formalitäten einer Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge

geeinigt hätten. Dabei würde nur eine symbolische Zahl der

Flüchtlinge nach Israel zurückkehren, wodurch die demografische

Lage im Land unverändert bliebe. Auch bei anderen Streitpunkten

lägen Einigungen quasi schon auf dem Tisch und seien sehr

greifbar, aber die politische Umsetzung sei oftmals unmöglich.

Zur Partei „Kadima“ sagte Witzthum, dass diese ein Zusammenschluss

von sehr unterschiedlichen Politikern sei, deren einziges

gemeinsames Ziel sei, an der Macht zu bleiben. Sie sähen sich

als eine Partei der Mitte an, haben aber im Grunde keinen neuen

Plan oder eine neue Botschaft.

Am Ende des Gespräches fasste Witzthum seine Sicht auf den

Konflikt wie folgt zusammen: Eine Konfliktlösung sei durchaus

möglich, da die Bevölkerung beider Seiten mehrheitlich für eine

Beilegung des Streits ist. Das Problem sei jedoch die Existenzfähigkeit

eines palästinensischen Staates im Gazastreifen und im

Westjordanland. Diese Schwierigkeit könnte durch eine Konföderation

von Israel, Jordanien und Palästina umgangen werden. Bis

alle Beteiligten zu diesem Schritt bereit wären, würden sicherlich

noch weitere 10 bis 15 Jahre verstreichen, aber erst dann hätten

die Palästinenser eine Chance auf Land und die gesamte Region

auf langfristige Ruhe und Stabilität.

71


Studienreise Israel 2006

72

Die kritische Sicht eines israelischen

Historikers — Moshe Zuckermann

Gespräch mit Prof. Dr. Moshe Zuckermann,

Universität Tel Aviv, Institut für deutsche

Geschichte, 07. Juni 2006

Verfasser: Stefan Deveaux

Vortrag zur aktuellen politischen Situation in Israel

Mosche Zuckermann stand den Mainzer Studierenden am 7.6.06

in der Universität Tel Aviv im Rahmen der Exkursion Rede und

Antwort. Im Zentrum des Vortrags stand die Frage: Wie es dazu

komme, „dass sie Israelis die politische Lösung, von der alle wissen,

wie sie aussehen müsste, nicht mit Riesenschritten vorantreiben,

und zwar aus Eigeninteresse?“ Auf Anfrage der Studierenden

erläuterte Zuckermann außerdem die soziale Struktur der

israelischen Gesellschaft.

Ausgangssituation

Nachdem sich abzeichnete, dass die Verträge von Oslo nicht erfolgreich

sein würden, suchte sich die israelische Regierung eine

neue Strategie. Scharon wollte nachweisen, dass Arafat kein Verhandlungspartner

sei und die PLO nicht in der Lage ist eine Zivilgesellschaft

zu tragen. Scharon versuchte also die palästinensische

Zivilgesellschaft zu zerstören. Retrospektiv ist damit ist die

Wahl der Hamas, bei der Parlamentswahl 2006 ein direkter politischer

Erfolg Scharons, da Verhandlungen mit der Hamas nicht

möglich sind. Der Beweis, dass Israel keinen Verhandlungspartner

hat, ist erbracht worden. Während ein politischer Kompromiss

zwischen Israel und Palästina für die PLO denkbar ist, muss die

Hamas einen Kompromiss, also faktisch die Anerkennung Israels,

aus ideologischen Gründen ausschließen.

Allerdings wird die Hamas diese Position aufgeben müssen, da

eine oppositionelle Haltung gegen über Israel über längere Zeit

nicht haltbar ist. Die Hamas muss auf kurz oder lang Israel anerkennen

und Realpolitik betreiben oder sie wird untergehen.


Studienreise Israel 2006

Grundsätzlich besteht eine Kluft zwischen den Politikern der Regierungen

und der öffentlichen Meinung der Bevölkerung. Palästinenser

haben, wie auch die Israelis, direktes Interesse an Frieden.

Eine Gesellschaft, die in permanenter Unsicherheit lebt wird

an Kapitalflucht und Abwanderung zu Grunde gehen.

Warum gibt es keinen Frieden, obwohl alle vom Frieden reden?

Die Palästinenser haben nur so viel politischen Spielraum, wie die

Israelis ihnen gewähren, damit können sie keine eigenen Initiativen

ergreifen. Grundsätzlich gilt also, dass die Friedensinitiative

von den Israelis ausgehen muss.

Der Lösungsweg des Konfliktes ist bekannt und sieht vor, dass

Israel sich aus den besetzten Gebieten zurückzieht, die Siedlungen

im besetzten Gebiet abbaut, Jerusalem die gemeinsame

Hauptstadt von Israel und Palästina wird und Israel den geflüchteten

Palästinensern, mindestens formal, ein Rückkehrrecht einräumt.

Dabei ist nicht zu erwarten, dass allzu viele der geflohenen

Palästinenser tatsächlich zurückkehren, allerdings ist die Anerkennung

des historischen Unrechts durch die Israelis notwendig.

Warum setzt Israel nicht alles daran diesen Lösungsweg durchzusetzen?

Israel hat zwei Möglichkeiten, entweder gibt es die besetzten Gebiete

zurück, oder erhält die Besatzung aufrecht. In beiden Fällen

würde der israelische Staat direkt gefährdet.

Gibt Israel die palästinensischen Gebiete zurück besteht die Gefahr

eines Bürgerkrieges. Die Rückgabe des Gaza-Streifens ist

nicht mit der Rückgabe der anderen besetzten Gebiete vergleichbar,

da Gaza kein Teil der israelischen Identität ist. „Die Bilder

aus Gaza sind ein Kinderspiel dessen, was uns dann erwartet.“

Die anderen Gebiete werden von Teilen der jüdisch-israelischen

Bevölkerung allerdings als von Gott an die Juden versprochen

verstanden. Eine Räumung würde einen direkten Konflikt mit 500

bis 5000 schwer bewaffneten Siedlern hervorrufen. Es besteht die

Gefahr, dass diese Auseinandersetzung die israelische Gesellschaft

spaltet, was im schlimmsten Falle zu einem Bürgerkrieg

führen könnte.

73


Studienreise Israel 2006

Entschließt sich Israel, die Siedlungen nicht aufzugeben und die

Besatzung aufrecht zu erhalten, werden die Palästinenser nicht

aufhören Israel zu bekriegen. Diesen Kriegszustand kann Israel

auf lange Sicht nicht aushalten, da Kapital und Know-how ins

Ausland abwandern und Israel dadurch sozial und ökonomisch

zusammenbricht. Weiterhin müsste eine Besatzung die Anerkennung

der palästinensischen Bevölkerung zur Folge haben. Die

Verweigerung der Bürgerrechte würde einem Apartheidssystem

gleichkommen, das international nicht zu rechtfertigen ist. Die

demographische Entwicklung lässt vorhersehen, dass in absehbarer

Zeit die Palästinenser die Mehrheit in Israel sein werden,

die Juden also eine Minderheit im eigenen Land werden. Dies

widerspricht elementar dem Anspruch der zionistischen Idee. Moderate

palästinensische Führer bauen genau auf diese Entwicklung.

Bei jeder Entscheidung gefährden die Israelis also direkt ihren

Staat. Dies erklärt, wieso die Israelis es vorziehen den Status-quo

zu erhalten, anstatt eine der Optionen konsequent durchzusetzen.

„Im Jahre 1967 hat man den Apfel in den Mund genommen,

war nicht fähig, ihn zu schlucken, und nicht fähig, ihn auszuspucken

– nun erstickt man daran.“

Die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft

Die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft ist politisch immer

ignoriert oder überspielt worden. Als Argumente der innerisraelischen

Einigung gelten zum einen die gemeinsame Geschichte,

die Verfolgung der Juden und der Holocaust sowie das gemeinsame

Sicherheitsbedürfnis und die Bedrohung des Staates von

außen.

Bis heute ist die Identitätsfrage „Wer ist Jude?“ noch nicht geklärt.

Die Staatsgründung Israels ist religiös geprägt und damit geschichtlich

einmalig, da vornehmlich Religion als identitätsstiftendes

Merkmal genutzt wurde. Dies führt dazu, dass verschiedenste

Gesellschaftsgruppen gemeinsam in einem Staat leben, die

außer einer gemeinsamen Religion nichts vereint.

74


Studienreise Israel 2006

Die verschiedenen Fragmente der israelischen Gesellschaft

Der Zionismus ist ein modernes europäisches Projekt. Durch die

Katastrophe des Holocaust wurden die Zionisten gezwungen gezielt

orientalische Juden für Israel zu werben, um einen jüdischen

Staat mit ausreichender Bevölkerungszahl etablieren zu können.

Die kulturelle Prägung der orientalischen Juden wich erheblich

von der der europäischen Juden ab, dieser gesellschaftliche Unterschied

ist bis heute nicht überbrückt worden.

Die Gesellschaft lässt sich in vier soziale Schichten unterteilen.

Die oberste soziale Schicht, die politischen und gesellschaftlichen

Eliten, bestehen aus europäischen Juden. Darunter bilden die

orientalischen Juden die zweite Klasse. Die dritte Schicht besteht

aus den Arabern, die den Juden nicht gleichgestellt sind und ungleich

behandelt werden. Die vierte und sozial am niedrigsten stehende

Schicht besteht aus den Gastarbeitern.

Soziale Brennpunkte

1. Die Klassenunterschiede und die Kluft zwischen Arm und

Reich sind in Israel höher als in jeder anderen modernen Gesellschaft.

Die Armut in Israel nimmt zu, damit steigert sich auch das

Konfliktpotential.

2. Jüdische Einwanderer aus der ehemaligen UDSSR importieren

deren Lebensart und beeinflussen die Gesellschaft dahingehend,

dass russische Kultur, Sprache und Produkte mehr und

mehr Einfluss auf die „althergebrachten“ Traditionen nehmen.

Seitens der russischen Einwanderer besteht kein Interesse an

einer Integration in die israelische Gesellschaft, was zur Herausbildung

von russischen Subkulturen führt.

Äthiopische Juden sind eine Minderheit die Zuckermann erwähnte,

auf die er aber nicht genau eingehen wollte, deren Situation er

jedoch als eine „große Tragödie“ beschrieb.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel

Von Beginn an bestand großes Interesse an einer guten Beziehung

zwischen Deutschland und Israel auf beiden Seiten. Israel

brauchte das Geld, das Deutschland gerne zahlte um auf diese

Weise international sichtbar Stellung zur deutschen Vergangen-

75


Studienreise Israel 2006

heit und der neuen Politik zu beziehen. In der ersten Generation

wurde die deutsche Kultur ignoriert, die politischen Beziehungen

zu Deutschland waren aber immer stark und gut.

Mittlerweile beginnt die Einstellung der Israelis zu den Deutschen

indifferent zu werden, obwohl das Gedenken an den Holocaust

zunimmt und auch weiter staatlich gefördert wird. Hieran zeigt

sich, dass der Holocaust zur Geschichte wird und sich die innerisraelische

Einstellung ändert.

Antworten auf die Fragen der Studierenden zum Vortrag

Auf die Frage ob die Gefahr von außen die inneren Konflikte verbirgt

und ein Frieden diese aufbrechen ließe antwortete Zuckermann,

seiner Einschätzung nach die deutete die Ermordung Rabins

genau darauf hin, dass anscheinend die Angst bestand ein

Friede könnte den Zionismus beenden und der Friedensstifter

deshalb im „Namen der zionistischen Idee“ getötet wurde.

Auf die Frage, ob für Israel die Gefahr eines Bürgerkrieges bestehen

würde, wenn der Rückzug aus den besetzten Gebieten erzwungen

würde antwortete Zuckermann, dass er eher mit einer

Abwanderung rechnet, wenn sich die politische Situation zuspitzt.

„Nirgendwo sind Juden heute stärker bedroht als in Israel.“ Die

führe heute schon zu Abwanderung und dieser Effekt würde sich

bei einer Zuspitzung des Konfliktes noch verstärken.

Zum Weiterlesen:

Zuckermann, Mosche (Hg.) (2005): Antisemitismus, Antizionismus,

Israelkritik, Göttingen.

Zuckermann, Mosche (1999): Zweierlei Holocaust : der Holocaust

in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands, Göttingen.

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Studienreise Israel 2006

„Eine Lösung dieses Konflikts wird es

nicht geben.“

Gespräch mit Jörn Böhme,

Heinrich-Böll-Stiftung (HBS),

Landesbüro Israel, Tel Aviv,

7. Juni 2006

Verfasser: Nico Schneider,

Jens Hoffmann

Jörn Böhme - zur Person:

Der ehemalige Nahost-Referent der Grünen im deutschen Bundestag

begann seine Arbeit als Leiter des Landesbüros der HBS

in Tel Aviv im Februar 2006. Bereits seit 1998 koordinierte er die

Arbeit des Büros von Berlin aus.

I. Die Arbeit des Landesbüros der HBS in Tel Aviv

Die Arbeit der HBS im Landesbüro Tel Aviv befasst sich laut ihrem

Leiter Jörn Böhme mit den deutsch-jüdischen sowie deutschisraelischen

Beziehungen und mit dem israelischpalästinensischen

Konflikt. Die Tätigkeit teile sich dabei in vier

Arbeitsfelder auf:

Förderung der Zivilgesellschaft und der demokratischen Partizipation

der israelischen Bevölkerung

Die HBS bemühe sich um die Stärkung eines pluralistischen Meinungsspektrums

in der israelischen Gesellschaft. Es solle ein kritischer

öffentlicher Diskurs ermöglicht werden.

Umwelt bzw. Umweltgerechtigkeit

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Landesbüros unterstützten

die israelische Grünenbewegung innerhalb und außerhalb

des Parlaments. Man beabsichtige die nachhaltige Implementierung

ökologischer Werte im öffentlichen Bewusstsein.

Frauenrechte und Geschlechterdemokratie

In Zusammenarbeit mit diversen NGOs setze sich die HBS gezielt

für die soziale Gleichstellung von Mann und Frau ein. Der Fokus

liege dabei von allem auf „Palestinian women in Israel, on low

income women and on the diverse cultural, ethnic and religious

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Studienreise Israel 2006

backgrounds of women in Israel“, wie es in der Info-Broschüre der

Stiftung heißt.

Minderheitenrechte

Böhme erläuterte, die HBS interpretiere ihre Arbeit im Kontext

einer modernen israelischen Demokratie, deren integraler Bestandteil

in der Förderung und Sicherung von Minoritätsrechten

bestehe. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema habe besonders

in den letzten zehn Jahren stark an Bedeutung gewonnen,

da die Anzahl nicht-jüdischer und nicht-arabisch-israelischer

Einwohner und Einwohnerinnen stark zugenommen habe. In

zahlreichen Projekten versuche man den gesellschaftlichen Status

von Palästinensern und Beduinen zu stärken.

Auf all diesen Feldern arbeite das Landesbüro in Tel Aviv eng mit

dem Regionalbüro der HBS in Ramallah zusammen. Hier leiste

die HBS Unterstützung für die „Combattants for Peace“. Diese

Organisation setze sich aus ehemaligen israelischen Soldaten

und Soldatinnen und palästinensischen Widerstandskämpfern

und Widerstandskämpferinnen zusammen, die zur Konfliktlösung

ohne Waffengewalt entschlossen sei.

II. Jörn Böhme zu seiner Sicht der Lage im israelischpalästinensischen

Konflikt

Im weiteren Verlauf des Gesprächs erläuterte Böhme seine Sicht

der aktuellen Situation im israelisch-palästinensischen Konflikt.

Zentral kann hier eine Aussage Böhmes angeführt werden: „Eine

Lösung dieses Konflikts wird es nicht geben. Wer Gegensätzliches

glaubt, hat sich, so glaube ich, nicht genug mit dem Thema

beschäftigt.“ Er verweist dabei auf die unterschiedlichen Narrative,

die in den Bevölkerungen auf palästinensischer und israelischer

Seite vorherrschten.

Im Interesse Israels müsse stehen, dass in den palästinensischen

Gebieten kein „failing state“ entstehe. Es habe „nach 39-jähriger

Besatzung eine Verantwortung für das, was auf der anderen Seite

der Mauer passiert“.

In den Verhandlungen von Camp David im Jahr 2000, erläuterte

Böhme, sei die israelische Regierung unter Führung des damali-

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Studienreise Israel 2006

gen Ministerpräsidenten Ehud Barak mit ihrem Angebot hinter

dem „Minimium, das die Palästinenser akzeptieren konnten, zurückgeblieben“.

Er verglich das israelische Angebot an Jassir Arafat

mit einem Marathonlauf über 42 Kilometer, bei dem es nicht

genüge, dass man 15 oder 20 Kilometer der Strecke laufe.

1.Jörg Böhme zu einem eventuellen israelischen Rückzug aus

dem Westjordanland

Zur Diskussion über einen eventuellen Rückzug Israels aus dem

Westjordanland äußerte Böhme seine Sorge, dass die Aufgabe

von israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet zu enormem

Widerstand einer bestimmten Anzahl von Siedlern führen

könnte. Hierzu sei eine „Handhabe israelischer Polizeikräfte

zur ‚riot control’“ vonnöten, die bisher fehle.

Seine Sorge über radikale israelische Siedler veranschaulichte

Böhme, in dem er ein Erlebnis von einem Besuch in Hebron schilderte,

wo einige israelische Siedlerfamilien lebten. Dort seien

palästinensische Kinder auf ihrem Schulweg, der an den Siedlungsgrenzen

vorbeiführe, regelmäßig beleidigt und mit Steinen

beworfen worden, so dass die israelische Armee die Kinder auf

ihrem Schulweg beschützen müsse. Bei einer Fahrt zur Schule in

einem Militärjeep, in dem neben Schülerinnen und Schülern auch

Böhme saß, wurde selbst dieses Fahrzeug mit Steinen beworfen.

Böhme sagte, ihm sei ‚Angst und Bange’ geworden, als er sah,

dass die Siedler nicht davor zurückschreckten, israelische Militärkräfte

anzugreifen, die palästinensische Kinder beschützten.

2. Jörg Böhme zur israelischen Sperranlage zu den palästinensischen

Gebieten

Böhme sagte, die Idee zum Bau der „Mauer“ stamme aus der Arbeitspartei,

nicht aus dem Likud. Scharon habe nie eine „feste

Grenzziehung“ gewollt. Die Sperranlage sei unilateral beschlossen

und gebaut worden, da die israelische Regierung zur Ansicht

gelangt sei, sie habe auf palästinensischer Seite keinen Verhandlungspartner

für die Bedingungen, die sie anbiete.

Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung stimme der Mauer zu,

auf sie werde ihr Wunsch nach Sicherheit projiziert. Kaum ein Israeli

habe sich unterdessen die Mauer angeschaut oder sich

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Studienreise Israel 2006

überlegt, was sie für die palästinensische Bevölkerung bedeute.

Der „sicherheitspolitische Nutzen der Mauer“ werde Böhmes Meinung

nach im Allgemeinen „hoch überschätzt“.

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Samenraub Samenraub in in Israel

Israel

Nach einer Reise bleibt den Zurückgekehrten oft bloß die Erinnerung

an die vergangenen Erlebnisse. Fotos, Broschüren, Aufzeichnungen

und Mitbringsel bringen die Tage und Wochen zwar

wieder ein kleines Stück zurück, aber am Ende sitzt man doch in

der heimischen Küche und Israel ist auf einmal wieder ganz weit

weg. Deswegen DANKE an alle, die geholfen haben, dass ich,

wenn ich jetzt in meiner Küche sitze und meine Blumentöpfe anschaue,

immer noch ein in bisschen in Israel bin. Unter Einsatz

des eigenen Lebens haben wir die Samen und Früchte von den

Bäumen gezupft, ohne zu wissen was und ob daraus in Mainz

etwas werden und was der deutsche Zoll davon halten würde.

Naja, der Zoll hat nichts erfahren und gut die Hälfte der Samen ist

aufgegangen und erfreut sich bester Gesundheit. Viele Grüße

aus Israel!

Elena


Studienreise Israel 2006

Friede und Industrie -

Zusammenhänge im Industriepark Tefen

Führung durch den Industriepark &

das Museum zur Geschichte der

deutschen Juden in Israel, 08.06.2006

Verfasser: Jens Jungblut

Das Grundkonzept hinter den Industrieparks, die Steff Wertheimer

an mehreren Orten in Israel errichtet hat, ist die Verbindung

von Kunst, Bildung und Industrie. Er will mit diesen Parks den

wirtschaftlichen Aufschwung fördern, die persönliche Lebenssituation

der dort arbeitenden Menschen verbessern und somit den

Frieden in der Region fördern.

Die Idee hierbei ist, dass Menschen, die einen gewissen Besitz

und Wohlstand haben, diesen auch erhalten wollen und ihn nicht

durch Aggressionen gegenüber anderen riskieren. Wertheimer

sieht in der hohen Arbeitslosigkeit und der schlechten wirtschaftlichen

Situation der Menschen einen Hauptgrund für das Andauern

des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern. Er glaubt,

dass ein wirtschaftlicher Aufschwung und die Verbesserung der

eigenen Lebensverhältnisse die Menschen zu einem friedlicheren

und verständigeren Umgang miteinander bewegen sowie die gegenseitige

Akzeptanz erhöhen. Ein Nebenziel hierbei ist es auch,

das Image der Industrie, als „schmutziger Ort“ an dem vor allem

ungebildete Arbeit geleistet wird, zu verbessern.

Die Erfahrung mit den bestehenden Industrieparks gibt Wertheimer

Recht. In den Gegenden, in denen die Industrieparks eröffnet

wurden, stieg der Wohlstand während die Arbeitslosigkeit sank,

gleichzeitig kam es seltener zu Auseinandersetzungen zwischen

den einzelnen gesellschaftlichen Gruppen.

Steff Wertheimer, der Erfinder des, wie er es selbst nennt, „Tefen-

Konzepts“, baute seine erste Firma in Naharijah in den 60er Jahren

auf. Diese expandierte sehr stark und verhalf Wertheimer zu

Geld und Bekanntheit. Er wurde in den 80er Jahren in die Knesset

gewählt, blieb aber nicht lange Abgeordneter. Im Jahr 1984

baute er seinen ersten Industriepark in Tefen auf, der Fabrik,

81


Studienreise Israel 2006

Wohnanlage, Bildungsstätte und Kunstausstellung vereinte.

Das Konzept des „kapitalistischen Kibbuz“ ( so Ulrich Sahm 2002:

Marshall-Plan für den Nahen Osten. In: Berliner Morgenpost vom

10.06.2002. Download am 17.06.2006 unter [http://

morgenpost.berlin1.de/content/2002/06/10/politik/525990.html?

redirID]) bietet Start-Up Unternehmen Räume, Infrastruktur und

das Know-How, das sie brauchen, um ihre Produkte erfolgreich

am Markt zu platzieren. Wenn das Unternehmen soweit ist, dass

es aus sich heraus weiter wirtschaften kann, soll es aus dem Park

ausziehen, um neuen Unternehmen Raum zu schaffen. Vorausetzung

für eine Aufnahme in den Park ist eine Orientierung in Richtung

Export, da der israelische Binnenmarkt sehr klein ist, ein

Fünfjahresplan und ein nachhaltiges Konzept, durch das die Umwelt

nicht belastet wird. Das Konzept Tefens besteht also aus fünf

Teilen:

1. Der Orientierung auf den Export

2. Der Vermittlung von Know-How und Bildung

3. Der Darstellung und Erhaltung von Kunst und Kultur

4. Der Bereitstellung sicherer und bequemer Wohnanlagen

5. Der friedlichen Koexistenz von Arabern und Juden

Die vier Standorte machen zehn Prozent der Industrie Israels

aus. Zwei weitere Standorte sind in Planung, einer im Gazastreifen

und einer in der unmittelbaren Nähe davon, aber in Israel.

Aufgrund der politischen Geschehnisse sind jedoch beide Bauvorhaben

momentan gestoppt. Jedoch findet Wertheimers Konzept

nicht nur in Israel Verwendung, die Türkei und Jordanien haben

jeweils einen Park nach gleichem Konzept errichtet.

Die Idee der Konfliktlösung über eine Art Marshall-Plan und damit

verbundenem wirtschaftlichen Aufschwung finanziert Wertheimer

einzig und allein aus den Gewinnen seiner Anfangsfirma ISCAR

(Israel Carbite). Diese Firma produziert über 30.000 verschiedene

Produkte im Bereich von Bohrköpfen und Schneidewerkzeugen

mit einer weltweiten Produktion.

Teil des Industrieparks in Tefen ist auch ein Museum zur Geschichte

der deutschen Juden in Israel, den Jekkes. Wertheimer,

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Studienreise Israel 2006

der selbst aus Deutschland nach Israel emigriert ist, möchte damit

die Geschichte und den Beitrag der deutschen Juden im bzw.

am Staat Israel erhalten.

In der fünften Immigrationswelle kamen 15.000 Juden aus

Deutschland und 7.000 aus Österreich und der Tschechoslowakei

nach Israel. Diese brachten ca. 20 Mio. Pfund Sterling an Kapital

mit. Die meisten waren gut gebildet und gehörten in ihren Ursprungsländern

zur gehobenen Mittel- bzw. Oberschicht. Aufgrund

der hohen Anzahl an AkademikerInnen mussten viele Jekkes

andere, als ihre erlernten Berufe ausüben. So waren sie oftmals

in der Landwirtschaft oder handwerklichen Berufen tätig.

Allerdings sind große Teile der politischen Kultur des jungen

Staates Israel ohne den Beitrag der deutschen Juden nicht denkbar.

Hier sei vor allem erinnert an den Aufbau des Justiz- und Universitätswesens

in Israel.

Das Museum wurde in den 70er Jahren in Naharijah von Hans

Herrmann Hammerstein gegründet und 1990 nach Teffen verlegt.

Es ist das einzige Museum in Israel, das sich der Geschichte der

Jekkes widmet. Es befasst sich thematisch jedoch nicht nur mit

der Situation der Jekkes in Israel, sondern auch mit ihrer sozialen

und kulturellen Ausgangslage. Hierauf aufbauend werden berühmte

Persönlichkeiten europäischer Geistesgeschichte anhand

ihrer Lebensläufe präsentiert. Das Bild wird durch Alltagsgegenstände

sowie Fotos aus den Heimatländern, wie auch aus Israel,

komplettiert.

In der Gesamtbetrachtung waren die Jekkes sehr wichtig für die

wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Staates Israel, hatten

jedoch aufgrund der Sprachbarriere nur wenig Einfluss auf die

israelische Politik. Heute sind die Jekkes alle über 70 Jahre alt

und die nachfolgende Generation ist voll in die israelische Gesellschaft

integriert. Die meisten Enkel sprechen kein Deutsch mehr

und auch das Bewusstsein als Jekkes ist verschwunden und wurde

durch eine israelische Identität ersetzt. Somit ist es umso

wichtiger die Einflüsse der Jekkes auf Israel zu bewahren und zu

dokumentieren, um ihr Erbe auch für die Urenkel-Generation zu

bewahren.

83


Studienreise Israel 2006

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Libanon

Libanon

Stacheldraht und geschlossenes Tor – wer hier am

äußersten Nordwestzipfel Israels an die Grenze zum

Libanon stößt, für den heißt es „ Endstation “ . Auch

die Medienfreiheit findet hier unweigerlich ihre Grenzen,

denn das Filmen militärischer Einrichtungen ist

in Israel strengstens verboten – könnte ja schließlich

sein, dass die Aufnahmen für irgendwelche Spionagezwecke

missbraucht werden! Und versuchen

Sie bloß nicht, einem israelischen Soldaten zu erklären,

Sie arbeiteten NICHT für einen ausländischen

Geheimdienst, sondern nur für den Mainzer „ K3-

Kulturkanal! “ Na ja, ich hab´s jedenfalls versucht.

Bastian


Studienreise Israel 2006

Berge, Seen und ein soziales Experiment

9. Juni 2006

Verfasserin: Lisa-Marie Harlfinger

Am Freitag, den 9. Juni ging die Reise von der Stadt Tiberias am

Ufer des See Genezareth in Galiläa über den strategisch wichtigen

Golan, vorbei an historischen Nationalparks zum See selbst.

Hier wurde den Studenten die Lebensweise in einem Kibbuz näher

gebracht.

Tiberias wurde von Herodes Antipas ab 17 n. Chr. gebaut und

war Hauptstadt des Landes Galiläa - Peräa. Der Name wurde zu

Ehren des römischen Kaisers Tiberius gewählt. Die Stadt wurde

im römisch-griechischen Stil mit Palästen und typisch römischen

Bauten wie Forum, Theater und Rennbahn erbaut. Bei diesen

Arbeiten wurden teilweise auch jüdische Gräber überbaut, weswegen

die Stadt von gläubigen Juden zunächst als "unrein" gemieden

wurde. Nach der Zerstörung Jerusalems änderte sich die

Haltung zu Tiberias. Am Anfang des 3. Jahrhunderts war Tiberias

Sitz des jüdischen Gerichtshofes Sanhedrin und einer berühmten

jüdischen Talmudschule. Hier wurde gegen 210 n. Chr. die

Mischna fertiggestellt, anschließend bis ca. 450 n. Chr. der Jerusalemer

Talmud vollendet, sowie der Masoretische Text des Tanachs

überliefert. Tiberias gilt als eine der vier heiligen Städte des

Judentums neben Jerusalem, Safed und Hebron. Im Jahr 637 n.

Chr. wurde die Stadt von den Arabern erobert. Sie war jedoch

auch weiterhin von Juden bewohnt. Um 1100 eroberten die

Kreuzritter die Stadt, die sie, nach der Befestigung durch eine

Stadtmauer, als Stützpunkt nutzten. Am 4. Juli 1187 erlitten die

Kreuzritter in der Schlacht beim nahe gelegenen Hattin gegen

Sultan Saladin eine Niederlage, so dass die Stadt erneut an die

Araber fiel. 1247 zerstörte Baibars die Stadt, die erst unter osmanischer

Herrschaft (seit 1517) wieder besiedelt wurde. 1561 erwarb

Joseph Nasi, Herzog von Naxos, der aus Spanien und Portugal

vor der Inquisition geflüchtete sephardischer Jude, vom Sul-

85


Studienreise Israel 2006

tan Süleyman I. die Stadt Tiberias. Er und seine Tante Dona Gracia

Nasi schufen einen jüdischen Staat unter türkischer Herrschaft,

der jedoch nur kurz bestand. Die heutige Altstadt wurde

um 1738 errichtet. Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Bedeutung

als jüdische Siedlung wegen der verstärkten jüdischen Einwanderung

(Alijah) zu. 1940 hatte die Stadt 12.000 Einwohner, je

zur Hälfte Araber und Juden. Als es 1948 zum israelischen Unabhängigkeitskrieg

kam, flohen die Araber aus der Stadt, die zuvor

über Jahrhunderte mit den Juden in Toleranz nebeneinander gelebt

hatten. Seitdem ist Tiberias eine rein jüdische Stadt. Heute

hat Tiberias den Status einer Entwicklungsstadt.

Die Fahrt zu den Golanhöhen führte an den heißen Schwefelquellen

und den Ruinen der Bahnstrecke vorbei, die einst Damaskus

und Haifa verband

Die Golanhöhen

Schon in der Antike wurden die Golanhöhen besiedelt. Wie in Masada

während des jüdischen Aufstandes (65-72 n. Chr.) am Toten

Meer gab es in Gamla eine Festung der Zeloten, die allerdings

von den Römern schon im Jahr 67 eingenommen wurde.

Bekannt wurden die Golanhöhen im 20. Jahrhundert mit der Eroberung

durch Israel im Sechs-Tage-Krieg. Im Vorfeld hatte Syrien

versucht, Teile des Wassers vom Golan direkt in den Fluss

Yarmuk abzuleiten (wodurch es für Israel nicht mehr nutzbar gewesen

wäre); außerdem waren Siedlungen am Fuß der Höhen

wiederholt unter syrischen Beschuss geraten. Während der Eroberung

wurde ein Großteil der ursprünglichen Bevölkerung vertrieben.

Syrien konnte Teile des Golans im Jom-Kippur-Krieg 1973 zunächst

zurückerobern. Diese Gebiete gingen jedoch wieder verloren.

Die 1967 vorläufig von den Israelis eroberte Stadt Kuneitra

blieb jedoch in syrischer Hand. Im Jahr darauf schlossen Israel

und Syrien ein Waffenstillstandsabkommen; außerdem wurde

eine Pufferzone unter UN-Kontrolle (UNDOF) eingerichtet. Seit

1981 hat Israel die Golanhöhen annektiert; diese Annexion wurde

1982 auf einer UN-Sondersitzung für nichtig erklärt, trotzdem ist

es den Vereinten Nationen bislang nicht gelungen, Israel zum Ab-

86


Studienreise Israel 2006

zug zu bewegen. Für Israel haben die Golanhöhen eine starke

politische Bedeutung. Bisher stand die israelische Besetzung der

Golanhöhen einem Friedensschluss mit Syrien im Weg. Die syrische

Regierung unter Assad senior und junior verlangte vor der

Aufnahme von Verhandlungen über Frieden einen vollständigen

Abzug der Israelis vom Golan. Israel führt als Begründung für die

Besetzung die militärstrategischen und wassertechnischen Gesichtspunkte

an, die schon bei der Eroberung von zentraler Bedeutung

waren. Von den Golanhöhen wäre es für dort stationierte

Artillerie erneut ein Leichtes, große Teile Nord-Israels anzugreifen.

Der besuchte Aussichtspunkt war Mazpeh´ha´shalom in der

Nähe eines Mosh´av, eines israelischen Dorfes.

Kursi Nationalpark

Weiter ging die Fahrt zum Kursi Nationalpark. Die Überreste des

antiken Klosters wurden während des Baus einer neuen Straße

zufällig entdeckt und dann zwischen 1971 und 1974 archäologisch

erschlossen. Heute ist die Stätte ein Nationalpark und öffentlich

zugänglich. Die Lage von Kursi, seine architektonischen

Merkmale und literarischen Quellen geben ausreichend Anlass,

hier die Stätte zu vermuten, an der Jesus der Tradition zufolge

zwei von Dämonen besessene Männer geheilt hat (Mt. 8,28-33).

Um an das „Wunder der Schweine“ zu erinnern, wurde hier wahrscheinlich

zu Beginn des 6. Jahrhunderts ein Kloster errichtet.

Dieses ist von einer steinernen Schutzmauer umgeben, die ein

rechteckiges Grundstück von 140 x 120 m entstehen lässt. Der

von einem Wachturm flankierte Eingang liegt auf der Westseite in

Richtung des Sees. In der Antike führte ein gepflasterter Weg

vom Kloster zu einem kleinen Hafen, in dem christliche Pilger mit

ihren Booten anlegten. Ein breiter, gepflasterter Weg führt vom

Eingang der Klosteranlage zu einem großen Platz vor der Kirche,

die im Zentrum des Komplexes steht. Der 45 x 25 m umfassende

rechteckige Kirchenbau besteht aus einem von Säulen umstandenen

Hof; durch dieses Atrium betritt man den gottesdienstlichen

Raum selbst. In seinem Inneren tragen zwei Reihen von Steinsäulen

korinthische Marmorkapitelle mit Kreuzreliefs. Die Säulen

gliedern den Kirchenraum in ein Haupt- und zwei Seitenschiffe.

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Studienreise Israel 2006

Der gesamte Fußboden der Kirche war mit bunten Mosaiken bedeckt.

Sie sind insbesondere in den Seitenschiffen erhalten und

zeigen in quadratischen Rahmen Motive aus Flora und Fauna,

darunter Trauben, Feigen, Granatäpfel, Fische, Vögel und Wasservögel.

Die Tierdarstellungen wurden wahrscheinlich von Anhängern

der ikonoklastischen Bewegung in der frühen arabischen

Zeit (7. Jh.) fast vollständig zerstört. Am Ostende des Kirchenschiffes

liegt eine erhöhte Apsis, die über zwei Stufen zu erreichen

ist und von zwei quadratischen Seitenräumen flankiert wird.

Ein Raum wurde als Baptisterium genutzt. Dies ergibt sich aus

einer griechischen Inschrift, die den Raum dem Abt Stephanos

zurzeit Kaiser Mauritius' (Ende des 6. Jh.) weiht. Dem Kirchenbau

wurden Seitenflügel angefügt; im Nordflügel befand sich eine Ölpresse,

die wohl heiliges Öl für die Pilger herstellte. Südlich der

Kirche lag eine Kapelle mit einem Mosaikfußboden, unter der sich

eine Krypta mit den Gräbern der Klostermönche befand. Innerhalb

des Klostergeländes wurden die Wohnquartiere der Mönche,

eine Herberge für die Unterbringung von Pilgern sowie zahlreiche

Hausratsutensilien gefunden. Auf dem Hügel im Süden über dem

Kloster wurden die Überreste einer kleinen Kapelle gefunden, die

eine Höhle mit Mosaikfußboden umschloss. Vor der Kapelle lag

ein zirka sieben Meter hoher Felsen, der von einer Schutzmauer

eingefasst war, die den Verfall des Steins verhindern sollte. Diese

Anlage markiert wahrscheinlich die Stätte, an der das im Neuen

Testament erzählte Wunder stattgefunden hat. Das Kloster wurde

Mitte des 8. Jahrhunderts durch ein Erdbeben zerstört und aufgegeben.

Die Ausgrabungen der Stätte wurden von D. Urman und

V. Tzaferis für die Israelische Antikenbehörde durchgeführt.

Besuch des Kibbuz En Gev

Als drittes stand der Besuch eines Kibbuz am Rande des Sees

Genezareth auf dem Programm. Kibbuz (KIBUZ, haKibúz = der

Kibbuz) ist die hebräische Bezeichnung für eine kollektive Siedlung.

Der Kibbuz steht für ein ländliches Gemeinwesen, dass auf

den Prinzipien gegenseitiger Hilfe und sozialer Gerechtigkeit beruht;

ein sozialwirtschaftliches System, in dem Menschen Arbeit

und Besitz teilen; die Verwirklichung des Gedankens: ,,Jeder gibt

88


Studienreise Israel 2006

nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen",

ein Heim derer, die es für sich gewählt haben. Wichtigster

Grundsatz für die Menschen im Kibbuz war die „jüdische Arbeit“,

was zunächst eine Beschäftigung billiger arabischer Lohnkräfte

ausschloss. Nur jüdische Pioniere sollten den Boden bearbeiten

und von der Milchkanne bis zur Kindererziehung alles teilen, um

so die „neue Gesellschaft“ zu schaffen.

Gegründet wurden die Kibbuzim in der Zeit der zweiten Aliah aus

Osteuropa, von jungen Menschen, meist sozialistisch geprägt, die

durch körperliche Arbeit und Kultivierung des Bodens eine neue

Jüdische Gesellschaft schaffen wollten. Der erste Kibbuz war

1905 Deganija südwestlich vom See Genezareth: Damals noch

"Kwutza" – hebr. für eine Gruppe.

Die Kibbuzim spielten eine wichtige Rolle bei der Staatsgründung,

für den Staat und den Zionismus. Die Pioniere gründeten Wehrsiedlungen,

viele Kibbuzniks gehörten zu den besten Kämpfern

der Hagana durch ihre besondere Integrationsfähigkeit und Ausbildung.

Der Kibbuz ist eine basisdemokratische Gemeinschaft. Die Generalversammlung,

der alle Mitglieder angehören, trifft alle Entscheidungen,

wählt Amtsträger, verabschiedet den Kibbuzhaushalt

und bestätigt die Aufnahme neuer Mitglieder. Sie ist nicht nur

oberstes Entscheidungsgremium, sondern auch Ausdrucksform

der aktiven Teilnahme eines jeden am Leben der Gemeinschaft.

Der Kibbuz ist eine Gemeinschaft, in der sich Individuen entschlossen

haben, gemeinsam zu leben. Der Kibbuz übernimmt

die gesamte Versorgung seiner Mitglieder von Glühbirnen bis hin

zu Möbeln, von Kleidung bis hin zu Bettwäsche, von Seife bis hin

zu medizinischer Versorgung, von Erziehung und Kultur bis hin zu

Auslandsreisen.

Die Kibbuz-Gesellschaft widmete lange Zeit ihre Mittel der Erziehung.

Über Jahre hinweg wurden alle Kinder zusammen in besonderen

Räumen aufgezogen. Parallel dazu stand die Aufteilung

anderer Familienfunktionen (so z.B. der gemeinsame Speiseraum

des Kibbuz). Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten gingen

die meisten Kibbuzim dazu über, die Kinder in ihrem Elternhaus

schlafen zu lassen, und auch der gemeinschaftliche Speisesaal

89


Studienreise Israel 2006

büßte an Bedeutung ein. Ursprünglich war die Landwirtschaft

Hauptwirtschaftszweig der Kibbuzim. Inzwischen haben in vielen

Gegenden benachbarte Kibbuzim ihre Ressourcen zusammengelegt

und regionale Industrieunternehmen gegründet, die z.B.

Baumwollentkörnungsmaschinen, Speiseölraffinerien, Verpackungsanlagen

und Betriebe zur Nahrungsmittelverarbeitung

betreiben, sowie den einzelnen Kibbuzim auch eine Reihe von

Dienstleistungen - von der elektronischen Datenverarbeitung bis

hin zum Großhandelseinkauf und der gemeinsamen Vermarktung

— anbieten. Zudem spielt der Tourismus durch die Betreibung

von Gästehäusern eine wichtige Rolle.

Heute gibt es über 270 Kibbuzim in Israel, deren Mitgliederzahl

von 200 bis 2000 reicht. Insgesamt leben ca. 127.000 Menschen

in Kibbuzim, die ungefähr drei Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung

darstellen. Heute werden Lohnarbeiter angestellt,

immer mehr Kibbuzniks verdienen ihr Geld außerhalb der Siedlung.

Das Verbot privaten Besitzes ist aufgehoben, in den Speisesälen

vieler Kibbuzim müssen die Mitglieder für ihr Essen bezahlen.

Aus dem sozialen Experiment ist eine fast normale Lebensform

geworden.

Die Kollektive tragen bis heute ein Drittel zur landwirtschaftlichen

Produktion bei. Allerdings leben in den 270 Kibbuzim nicht einmal

mehr drei Prozent der israelischen Bevölkerung.

Der Kibbuz En Gev finanziert sich selbst durch Viehzucht, Agrikultur

(vornehmlich Bananenplantagen) und Tourismus. Es leben

heute nur noch circa dreihundert Kibbuzniks in En Gev.

Zum Weiterlesen:

Wolffsohn/ Bokovoy: Israel, Geschichte, Politik, Gesellschaft,

Wirtschaft. 6. Auflage, Leske und Budrich, Opladen, 2003

http://de.wikipedia.org/wiki/Tiberias

http://de.wikipedia.org/wiki/Golan

http://www.hagalil.com/israel/kibbutz/kibbutz.htm

http://www.zionismus.info/eretz-israel/kibutz.htm

Enzyclopaedia Judaica. Jerusalem, 1990/1991

90


WM

WM

Studienreise Israel 2006

Die WM zu Hause, wir in Israel – verrückt!

So oder ähnlich denkt wohl der überwiegende

Teil unserer Gruppe, als Deutschland

am Freitag, dem 09. Juni um 19:00

Uhr israelischer Ortszeit das langersehnte

globale Spektakel eröffnet. Der Gegner

heißt Costa Rica, alle sind sich des Sieges

unseres Teams sicher. Aus Rücksicht auf

die jüdisch-orthodoxen Gäste, die den Beginn

des Shabbat feiern, verzichtet man

auf „ public viewing “ in der Hotellobby.

Zu siebzehnt, bei Chips und Bier drängen

wir uns um den Fernseher in einem der

Doppelzimmer. 19:06 Uhr: Phillip Lahms

„ Z auberschuss “ schlägt im Winkel des

gegnerischen Tors ein. Ein kollektiver

Freudentaumel bricht aus, spätestens jetzt

hat die WM Israel erreicht!!!

Nico

91


Studienreise Israel 2006

92

Akko – altertümliche Metropole und

Orient Galiläas

10. Juni 2006

Verfasserin: Sarah Levy

Nico Schneider

Die Hafenstadt Akko liegt auf einer Landzunge am nördlichen

Küstenabschnitt der Bucht von Haifa. Die älteste Siedlung wurde

hier in der Bronzezeit gegründet. Die Altstadt liegt auf einer Landzunge

am Nordrand der Mittelmeerbucht von Haifa und ist von

einer, bis zu 150 m starken, Festungsanlage umgeben. Auf der

Landseite ist die Altstadt heute von der Neustadt umschlossen.

Während die Neustadt eine mehrheitlich jüdische Bevölkerung

aufweist, wird die Altstadt fast ausschließlich von israelischen Arabern

bewohnt. Die gesamte Einwohnerzahl beträgt heute schätzungsweise

47.000 Menschen.

Die wichtigsten historischen Etappen

Ca. 1500 v. Chr., in phönizischer Zeit gegründet, findet Akko seine

erste schriftliche Erwähnung in den Armarnatafeln des 14.

Jhd. v. Chr. Auch der alttestamentarische Teil der Bibel enthält

Verweise auf die Existenz Akkos (siehe: Richter 1,31). Der antike

Name der Stadt war Ptolemais, sie lag etwa 1,6 Kilometer östlich

des heutigen Stadtkerns.

Die antike Stätte von Akko wurde in hellenistischer Zeit aufgegeben.

Eine neue, von Befestigungsmauern umgebene Stadt names

Ptolemais wurde am Ort des heutigen Akko errichtet. Die

Römer bauten den natürlichen Hafen im Südteil der Stadt aus

und legten eine Bühne an, durch die Akko zu einem der wichtigsten

Häfen des östlichen Mittelmeerraumes wurde.

Seine enorme altertümliche Bedeutung erlangte Akko maßgeblich

ab dem elften Jahrhundert - dem beginnenden Zeitalter der

Kreuzfahrer. Aufgrund seiner massiven Befestigungsanlagen, die

der Stadt den militär-strategischen Ruf der Uneinnehmbarkeit einbrachte,

war es Akko stets begehrtes wie umkämpftes Statussymbol

der jeweils herrschenden Gruppe. 1104 eroberten die


Studienreise Israel 2006

christlichen Kreuzfahrer unter König Balduin I, dem jüngeren Bruder

Gottfrieds von Bouillon die Hafenstadt. Akko (damals Akkon)

wurde Haupthafen anstelle Jaffas. Es bestanden Handelsniederlassungen

der italienischen Städte Genua, Pisa und Venedig. Akko

entwickelt sich zur reichsten Stadt des Königreiches. Ende des

13. Jahrhunderts fiel die Metropole unter dem Ansturm der Muslime.

Historisch bekannt wurde dieses Ereignis als die Schlacht an

den Hörnern von Hattin 1187. Die dort erlittene katastrophale Niederlage

zwang die Kreuzritter zur Kapitulation, also der Räumung

und Übergabe des befestigten Areals. Doch die Kreuzfahrer kehrten

zurück und belagerten Akko im Jahre 1188 erneut, konnten

aber die von ihnen selbst errichteten Befestigungsanlagen nicht

erstürmen. Die Muslime kapitulierten erst am 12. Juli 1191 vor

dem englischen König Richard Löwenherz und dem französischen

König Philip Augustus (Anführer des 3. Kreuzzuges). Wegen

der anhaltenden muslimischen Besetzung Jerusalems wurde

Akko im 13. Jahrhundert die politische und administrative Hauptstadt

des lateinischen Reiches. Schließlich wurde das Zeitalter

der Kreuzfahrer im Heiligen Land 1290 in Folge einer langen Belagerung

durch die Mamelucken unter al-Ashraf Khalil beendet.

1517 wurde Akkon unter Sultan Selim I. Teil des osmanischen

Reiches. Im 18. Jahrhundert ab 1749 wurde die zum Teil verwüstete

Stadt neu aufgebaut. Es entstand die heutige Festungsanlage,

die von Jezzar Pasha, dem damaligen Gouverneur von Damaskus

errichtet wurden. Gebäude aus der Kreuzfahrerzeit, darunter

die Stadtmauern, wurden darunter teilweise oder vollständig

begraben.

1799 wurde Akkon 61 Tage lang vergeblich von Napoleon belagert.

Einer Legende nach warf dieser beim Rückzug der Truppen

mit den Worten "Wer Akkon erobert, erobert die Welt!" seinen Hut

ins Meer. Von ihm zurückgelassene Kanonen stehen heute auf

dem Festungswall.

Die Bauten der Kreuzritter

Die wichtigsten unterirdischen Funde aus dem Akko der Kreuzfahrer

liegen im nördlichen Teil der heutigen Altstadt. Es handelt

sich um Bauten, die zum Hauptquartier der Johanniter-Ritter

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Studienreise Israel 2006

(Malteserorden; gegründet 1099 n. Chr.) gehörten.

Der umfangreiche Gebäudekomplex (zirka 4.500 qm) besitzt Säle

und etliche Räume, die sich um einen weiten Innenhof gruppieren.

Die dicken Mauern waren aus behauenem Kurkar-Stein, einem

lokalen Sandstein, errichtet. Befestigt war der Bau durch

Ecktürme. Als der osmanische Herrscher von Akko, Ahmed al-

Jazzar, entschied, eine Zitadelle und einen Palast an der Stelle

errichten zu lassen, wurde der Hospitaliterbau mit Erde zugeschüttet.

Weite Öffnungen in den Mauern des Hofes führen in die

umliegenden Säle und Räume. Zur Abstützung des oberen Stockwerks

waren Spitzbögen auf gewaltigen, aus dem Mauerwerk

herausragenden, Stützpfeilern errichtet worden. Ein 4,5 m breites,

von Bögen getragenes Treppenhaus gewährte Zugang von der

Ostseite des Hofes in das obere Stockwerk. Ein umfangreiches

Netz von Wasserrinnen führte Regenwasser vom Hof in ein

Hauptleitungsrohr. In der südwestlichen Ecke des Hofes versorgte

ein aus Stein gehauener Brunnen die Bewohner mit Wasser.

Das übrige Areal umfasst neben der St.-Johannes-Krypta auch

die so genannten Ritterhallen, eine Kasernenanlage der Kreuzritter

sowie andere, mit hohen Kreuzbögen versehene Räumlichkeiten.

Die el Dschasar-Moschee

Die elDschasar–Moschee ist im Arabischen heute bekannt als

Dschamma' elBascha („Pascha-Moschee“), hieß aber früher

Dschamma' elAnwar („Lichtermoschee“), wie el Dschasar sie in

der Stiftungsurkunde nannte. Die größte aller in der Türkenzeit

gebauten Moscheen beherrscht bis heute die Akkoer Stadtsilhouette;

nicht zuletzt auch deshalb, weil sie samt ihres Vorplatzes

und ihrer Nebengebäude auf einem Felsplateau errichtet wurde.

Der arabischen Inschrift über dem Eingang zufolge wurde die Moschee

im Jahr 1781/82 eingeweiht, also unter Pascha Dschasar.

Stilistisch ordnet man das Bauwerk dem Rokoko Istanbuls zu.

Die el Dschasar-Moschee ist die fünftgrößte heute existierende

Moschee Israels. Ihre religiöse Bedeutung als heilige Stätte des

Islams erhält die Moschee durch die Verwahrung einer Schatulle

mit Barthaaren, die dem Mythos zu Folge vom Propheten Mo-

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Studienreise Israel 2006

hammed persönlich stammen sollen. Ein Mal im Jahr, zum Geburtstag

des Propheten, wird den Gläubigen, im Rahmen einer

großen Zeremonie, der Inhalt der Schatulle offenbart. Außerdem

dienen die Nebengebäude als Koranschule und Zufluchtstätte für

obdachsuchende Pilger. Der aufwendig gestaltete Innenhof mit

seinem Brunnen, die weiße Kuppel der Moschee selbst, als auch

die kleinen Kuppeln der Pilgerzimmer in ihren verschienen Farbtönen

erzeugen eine orientalische Atmosphäre.

Zum Weitrerlesen:

http://www.akko.org.il

http://www.kircheliebenscheid.de/israel01.htm

http://www.schaetze-der-welt.de/denkmal.php?id=324

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Studienreise Israel 2006

Crossing borders

25 Jahre Partnerschaft Universität Mainz

und Haifa

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Tag der Universitäts-Partnerschaft

Mainz-Haifa

11. Juni2006

Verfasserinnen: Stephanie Plata,

Silke Schmidt

Der 12. Reisetag stand ganz im Zeichen der israelisch-deutschen

Partnerschaft. Im Rahmen des Besuches an der Universität Haifa

absolvierte die Gruppe ein vielfältiges Programm. Dazu gehörten

Gespräche mit Vertretern des Jüdisch-Arabischen Zentrums, sowie

der Leiterin des Bucerius Instituts zur Erforschung deutscher

Zeitgeschichte und Gesellschaft. Den Höhepunkt bildete der Festakt

zum 25jährigen Bestehen der Universitätspartnerschaft, zu

der eigens eine kleine Delegation aus Mainz angereist war, angeführt

durch den Präsidenten der Universität, Prof. Jörg Michaelis.

Besuch des Jüdisch-Arabischen Zentrums

Das Jewish-Arab Center ist ein interdisziplinär arbeitendes,

selbstständiges Forschungszentrum angesiedelt an der Universität

Haifa, das über die Landesgrenzen hinaus für seine integrative

Arbeit zur Förderung Jüdisch-Arabischer Zusammenarbeit bekannt

geworden ist.

Auf Initiative der Universität Haifa wurde das Zentrum in den frühen

1970er Jahren mit dem Anspruch gegründet, als Plattform für

Begegnungen junger Studenten mit unterschiedlichem religiösen,

kulturellem und sozialem Background zu dienen. Gemeinsame

Projekte im sozialen, kulturellen und pädagogischen Bereich sollten

ihnen die Möglichkeit eröffnen, „den Anderen“ näher kennen

zu lernen und über universitäre Grenzen hinaus persönliche Kontakte

aufzubauen.

Um dieses Ziel zu erreichen setzte sich die Leitung des Zentrums

gleichzeitig dafür ein, die Zahl arabischer Studenten an der Uni-


Studienreise Israel 2006

versität kontinuierlich zu erhöhen und diese vor allem in ihrem

praktischen universitären Leben zu unterstützen. Heute liegt der

Anteil arabischer Studierender an der Universität Haifa bei etwa

20 Prozent.

Neben dieser sozialen Komponente entwickelte sich das Zentrum

über die Jahre zu einem international renommierten Think Tank

für internationale Forschung zum Nahen Osten (etwa Konflikttheorien

und Konfliktlösungsstrategien, kulturelle soziale und ökonomische

Aspekte des Konflikts sowie Aspekte der Komplexität Jüdisch-Arabischer

Beziehungen).

Bis heute hat das Jüdisch-Arabische Zentrum seine Aktivitäten in

allen drei Bereichen ausbauen und immer mehr Studenten für ihr

Anliegen gewinnen können. Als zusätzlichen Anreiz bietet das

Jewish-Arab Center heute 13 Studenten pro Jahr die Möglichkeit

einer finanziellen Förderung durch ein Stipendium.

Finanziell getragen werden die vielfältigen Projekte und Forschungsarbeiten

des Zentrums durch die Universität Haifa sowie

durch öffentliche und private Geldmittel auch aus Deutschland,

wie etwa von der ZEIT-Stiftung oder der German Friends of Haifa

University.

In einem persönlichen Gespräch berichteten vier junge Mitarbeiter

des Zentrums über ihre Motivation, sich für die Annäherung

jüdischer und arabischer Studierender einzusetzen und ihrer Erfahrungen,

die sie während ihres Engagements gesammelt haben

Nach Ansicht der Studenten hat sich der Kontakt zwischen jüdischen

und arabischen Jugendlichen durch die Arbeit des Zentrums

seit den 70er Jahren zwar spürbar verbessert, doch könne

derzeit noch nicht von einer zufrieden stellenden Situation gesprochen

werden.

Tendenziell habe sich gezeigt, dass vor allem arabische Studierende

eher dazu bereit seien, Angebote des Zentrums wahrzunehmen

als ihre jüdischen Kommilitonen. Dies sei jedoch nicht

auf mangelnden Willen der jüdischen Studenten zurückzuführen,

sondern vielmehr auf den Wunsch, nach Ableistung ihres Militärdienstes

ihr Studium in möglichst kurzer Zeit erfolgreich abzuschließen,

was ein außeruniversitäres Engagement oftmals verhindere.

So erkläre es sich, dass viele israelische Studenten dem

97


Studienreise Israel 2006

Projekt indifferent gegenüberstünden.

Zwar habe sich das Zentrum tatsächlich zu einer Plattform für jüdisch-arabische

Treffen entwickelt, doch entstünden derzeit aus

gemeinsamen Aktivitäten keine stabilen Freundschaften, die auch

außerhalb der Universität bestünden. Zu groß seien in diesem

Zusammenhang die Unterschiede der Studenten in ihrer Kultur,

Religion, Werten und Lebensstilen.

Als eines der wichtigsten Projekte des Zentrums zur Verbesserung

der jüdisch-arabischen Annäherung nannte Dina Zvielli, administrative

Leiterin des Zentrums, das Modell der gemischten

Schule in Israel. Derzeit erfolgt die Ausbildung arabischer und

jüdischer Schüler/Innen in getrennten Schulen, jede mit ihren eigenen

nationalen, religiösen und sprachlichen Ansätzen. Große

Unterschiede in den Lehrplänen besonders hinsichtlich der Geschichte

und Kultur „des Anderen“ unterstrichen die Notwendigkeit

eines bilingualen und bikulturellen Schulmodells in Israel, für

deren Einführung sich das Zentrum seit mehr als einem Jahr in

Politik und Gesellschaft einsetzt.

Kontakt: Ms. Dina Zvielli: Administrative Director

dzvielli@univ.haifa.ac.il

Gespräch mit Dr. Yfaat Weiss, Leiterin des Instituts zur Erforschung

deutscher Zeitgeschichte und Gesellschaft der Universität

Haifa

Es war nicht das erste Mal, dass Mainzer Studenten das Institut

für Zeitgeschichte der Universität Haifa besuchten. Bereits im

Jahre 2001 konnte eine Reisegruppe unter der Leitung von Alfred

Wittstock bei der Eröffnung der Forschungseinrichtung dabei

sein. Seitdem sind fast genau fünf Jahre vergangen, eine Zeit, in

der sich das Institut durch eine Vielzahl von Forschungsprojekten

sehr positiv entwickelt hat, wie die Leiterin Dr. Yfaat Weiss bei

dem diesjährigen Treffen berichten konnte.

Das interdisziplinär ausgerichtete Institut ist eines von 48 Forschungszentren

der Universität Haifa. Gegründet wurde es von

der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Hauptaufgabe ist die

98


Studienreise Israel 2006

Erforschung gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen in

Deutschland und Europa seit Ende des 2. Weltkrieges.

Ein spezielles Augenmerk gelte dabei dem „Blick von Deutschland

gen Osten“, so die Leiterin des Instituts. Mehrere Forschungsprojekte

hätten sich bereits mit der Geschichte der DDR

befasst und der speziellen kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung

nach der deutschen Wiedervereinigung. Einen weiteren

Schwerpunkt bildet das Thema ‚Migration und Remigration’. Unter

diesem Motto fand bereits im Jahr 2003 eine Konferenz statt, in

deren Mittelpunkt die Auseinandersetzung mit den in das Nachkriegsdeutschland

zurückgekehrten Juden stand. Dem Thema

ethnischer Migration und Staatenbildung ist auch das neuste Projekt

des Instituts gewidmet, welches die Identitätsbildung und ethnische

Homogenisierung in weiteren europäischen Staaten wie

Polen und der ehemaligen Tschecheslovakai untersucht.

Die Frage, ob auch das Thema des in Deutschland immer wieder

aufflammenden Rechtsradikalismus eine Rolle in der aktuellen

Forschung in Haifa spiele, verneinte Weiss. Es habe sich eine

„Normalisierung der Beziehungen vollzogen“, was sich momentan

an einer Art „positiven Gleichgültigkeit“ erkennen ließe. Eine sehr

„israelozentrische“ Sichtweise dominiere die öffentliche Diskussion

in Israel. Somit habe auch die Untersuchung von unterschiedlichen

von Deutschland auf Israel, wie beispielsweise durch Filme

und Medienberichterstattung angeregt, am Institut bislang keinen

großen Raum eingenommen. Für die Zukunft sei eine Arbeit in

diesem Bereich aber durchaus vorstellbar.

Auch das in Deutschland sehr umstrittene Thema der Leitkultur

sei bisher nicht Gegenstand der Forschung gewesen. Allerdings

sei diesbezüglich ohnehin eine differenziertere Betrachtung nötig,

so Weiss. Im Gegensatz zu Israel gebe es hierzulande keinen

„Multikulturalismus im eigentlichen Sinne“. Ein solcher sei erst

durch die fortschreitende Zuwanderung entstanden. Dieser Aspekt

müsse in der Diskussion um die Leitkultur beachtet werden.

Doch neben den aktuellen inhaltlichen Schwerpunkten der Forschungseinrichtung

wurde auch bei diesem Treffen das Thema

Partnerschaft angesprochen. Das Institut sieht sich nicht allein als

Forschungsstätte, sondern möchte ebenfalls einen Beitrag dazu

99


Studienreise Israel 2006

leisten, die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel im akademischen

Umfeld zu intensivieren. Ein integraler Bestandteil

der Praxis sei deshalb der regelmäßige wechselseitige Austausch

von Studenten und Wissenschaftlern beider Länder, wie Weiss

wiederholt betonte. Insbesondere Magister- und Promotionsstudenten

hätten am Institut optimale Bedingungen, um für ihre Abschlussarbeiten

zu recherchieren und nebenbei als Mitarbeiter

am Institut wissenschaftliche Erfahrung zu sammeln. Zur Unterstützung

derartiger Austauschprojekte bietet die Einrichtung in

Kooperation mit der ZEIT-Stiftung sechsmonatige Stipendien in

Höhe von 1000 EUR monatlich an, was insbesondere das Interesse

der anwesenden Studenten weckte. Die jeweils studierte

Fachrichtung sei bei der Auswahl geeigneter Kandidaten allerdings

weniger entscheidend, als die inhaltliche Angemessenheit

des Vorhabens. „Absolute Sachgebundenheit“ so summierte

Weiss die Maxime, wenn diese gegeben sei, stünde einer spannenden

akademischen Austauscherfahrung nicht mehr viel im

Wege.

(Weitere Informationen zu den Stipendienprogrammen des Institute

for Research of Contemporary German History and Society

finden sich auch im Internet unter: http://bucerius.haifa.ac.il/)

Festakt zum 25jährigen Bestehen der Universitätspartnerschaft

Mainz-Haifa

An der knapp dreistündigen Festveranstaltung nahmen am Nachmittag

Vertreter beider Hochschulen teil. Auf Seiten der Universität

Haifa sprachen u.a. der Präsident, Prof. Aaron Ben-Ze’ev, der

sich in seinem Vortrag speziell dem Finanzierungssystem des

israelischen Hochschulsystems widmete. Außerdem rekapitulierte

eine der Initiatorinnen des Partnerschaftsprojektes, Prof. Miriam

Ben-Peretz die Entwicklung des Austausches von den Anfängen

bis in die Gegenwart.

Auf Seiten der Universität Mainz, zeigte Prof. Jörg Michaelis die

im Rahmen des Bologna-Prozesses vollzogene Umgestaltung der

Studienprogramme auf. Weitere Vorträge von Mitgliedern der

deutschen Delegation beleuchteten die Entwicklung der deutschisraelischen

Beziehungen aus den Perspektiven unterschiedlicher

Fachrichtungen. Redner waren Dr. Pia Nordblom vom Histori-

100


Studienreise Israel 2006

schen Seminar, Prof. Andreas Solbach vom Institut für Germanistik

sowie Alfred Wittstock vom Institut für Politikwissenschaft.

Doch auch die Reisegruppe war aktiv in das Programm der Veranstaltung

eingebunden. In seiner einleitenden, auf Hebräisch

gehaltenen Rede erinnerte Alfred Wittstock an die Eindrücke und

Erlebnisse von Studienreisen der vergangenen Jahre und bekräftigte

die Wichtigkeit einer verstärkten Einbeziehung von Studenten

in den Austauschprozess. Im Anschluss berichteten die Studentinnen

Stephanie Plata und Silke Schmidt von ihrer Arbeit im

Rahmen der Israel Arbeitsgemeinschaft der Universität. Besonders

vor dem Hintergrund des Nahostkonfliktes wiesen sie auf die

große Bedeutung von Austauschprojekten, wie der Universitätspartnerschaft

hin. Diese leisteten einen wertvollen Beitrag zur interkulturellen

Verständigung.

Hier der vollständige Text der Vorträge:

Sehr geehrte Herren Präsidenten Ben-Ze’ev und Michaelis, werte

Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste, liebe Studierende!

In Hebräisch gehalten:

Man sagt immer die hebräische Sprache vermag in Kürze zu formulieren,

was das Deutsche über eine gewisse Länge auszudrücken

pflegt. In diesem Sinne könnte ich jetzt nur ein Wort sagen:

hinenu ! (deutsch: wir sind hier) – eine ganze Delegation aus

Mainz, die Sie bereits kennen gelernt haben, mit dem Präsidenten

an der Spitze – und nun noch hinzugekommen ist eine ganze

Gruppe meiner Studenten aus Mainz. Sie haben allesamt nach

vielen Veranstaltungen zum Thema „Israel“ am Institut für Politikwissenschaft

in Mainz zum ersten Mal „Israel“ in all seiner Komplexität

entdeckt. Zehn Tage einer Reise mit einem dicht gedrängten

Programm, mit vielen Treffen, Gesprächen und intensiven

Eindrücken liegen bereits hinter ihnen. Und heute und morgen

dürfen wir noch Gast an der Universität Haifa und in ihrer

Stadt sein. Ich hoffe, dass diese Treffen die bisherigen Eindrücke

verdichten und bereichern werden. Dafür schon jetzt meinen

herzlichen Dank.

101


Studienreise Israel 2006

„Grenzen überschreiten“ – lautete das Motto der Schrift aus Anlass

der 15-jährigen Partnerschaft zwischen unseren beiden Universitäten

– vielleicht sollte das Stichwort für die nächste Schrift

heißen: „Gemeinsam Zukunft gestalten“, wenn die bisherigen

Kontakte und Vereinbarungen zukunftsgerichtet und kontinuierlich

gemeinsame Projekte voranbringen. Aus nachvollziehbaren

Gründen, mit Blick auf unsere „Mainzer Minderheit“, - wenn ich

sie aus sprachlichen Gründen so nennen darf – möchte ich nun

aber in Englisch fortfahren; wenngleich ich über sehr viele Jahre

hier in Haifa die Erfahrung gemacht habe, dass Deutsch durchaus

ein probates Kommunikationsmittel war, dies aber auch

gleichzeitig an schmerzhafte Wunden erinnerte.

In Englisch gehalten:

Lassen Sie mich an dieser Stelle kurz an voran gegangene Treffen

erinnern, die ich mit Mainzer Studenten als Exkursionen vom

Institut für Politikwissenschaft nach Israel und eben auch nach

Haifa machen konnte: 1993, damals zusammen mit Per Fischer

(sel. Angedenkens), dem ehemaligen deutschen Botschafter in

Israel, dann 1998 und zuletzt 2001. Gerade diese letzte Reise

stand im Schatten des Attentats am Dolphinarium in Tel Aviv, das

die Gruppe aus nächster Nähe erleben musste und schmerzlich

die Verwundbarkeit Israels und die Tragweite der politischen Situation

vor Augen führte. Die Einweihung des Bucerius Institute for

Research of Contemporary German History and Society konnten

wir damals als Gäste miterleben. Für uns Zeichen einer verstärkten

Zuwendung zur deutschen Zeitgeschichte und Ausdruck für

jene zukunftsorientierte Perspektive, von der ich eingangs sprach.

Gerade dies passt spiegelbildlich zu jenen Schwerpunktthemen

zum Großthema Israel, die am Institut für Politikwissenschaft in

Mainz in den letzten zehn Jahren einer breiten, nicht nur universitären

deutschen Öffentlichkeit ins Bewusstsein gebracht werden

konnte. Doch darüber können zwei Studierende authentischer,

weil auch aus einer anderen Sichtweise berichten, als ich dies mir

anmaßen könnte.

Mir bleibt der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass mit den Gesprächen

heute und morgen neue Impulse für die Zusammenar-

102


Studienreise Israel 2006

beit in Zukunft gesetzt werden, in die verstärkt auch israelischen

und deutschen Studenten sich einbeziehen lassen. Nur sie sind

die Zukunft, für die jede Pädagogik – und universitäres Arbeiten

ist ein Teil – arbeiten sollte. Nur in der Begegnung – wie Martin

Buber sie verstanden wissen wollte – eröffnen sich die Möglichkeiten

des Transzendierens eigener Grenzen und des Schaffens

gemeinsamer Werte, die verbindend wirken.

Doch nun sollten zwei Studierende – Stephanie und Silke – das

Wort haben und ihre Sichtweise darlegen können.

Rav todot

Von Alfred Wittstock

Thank you Mr. Wittstock,

dear Prof. Ben-Ze’ev, dear Prof. Michaelis,

dear guests and fellow students from Haifa and Mainz,

As one of the representatives of the student body let me first of all

thank you very much for giving us the opportunity to speak to you

today.

In 1981, as the partnership agreement between our two universities

was created, this happened with the intention to exchange

experiences and perceptions beyond national, ideological, political

and religious borders and to overcome these borders by building

a bridge between our nations. The occasion of our meeting

here today, 25 years after the establishment of this agreement

proves that the idea of continous exchange has been carried on

and extended under the effort of both sides throughout the years.

As the word “exchange” constitutes the guiding theme of a partnership

like this, we have come to learn that it can be achieved by

many different means. For us as members of the Interdisciplinary

Working Group on Israel, with our instructor Alfred Wittstock, exchange

also forms the guiding principle of our work. By organizing

public events on Israel and connected issues, it is our primary

103


Studienreise Israel 2006

goal to trigger discourse inside and outside the classroom. Exchange

thus comprises the passing on of knowledge, the sharing

of thoughts, and the expressing of opinions.

In retrospect, the issues that were touched on these various occasions

mirrored current political developments in and around Israel,

questions regarding the long-term relationship between Israel

and Germany, as well as the subject of intercultural dialogue. Under

the title “Germans and Israelis – A Difficult Match?” one of our

first symposia was held in 1993, which targeted the relationship

between the two countries. Speakers among others were Moshe

Zimmermann and Prof. Dan Diner.

Especially in the context of this event, we experienced the strong

interest of the German audience to further explore issues of intercultural

encounter and to actively participate in the dialogue by

joining several workshops and discussions.

One of the topics that has concerned us most in these years and

which steadily attracted the attention of a large and profoundly

informed audience is the advancement of the peace process. In a

series of talks and discussions the problem was approached from

many different angles; sometimes reflecting progress, sometimes

reflecting the struggle against resignation. An event organized in

2004 under the heading “Peace in the Middle East – Hope or Utopia?”

took up this issue by looking at the different peace options

at the time.

As we learned once more during the past two weeks in Israel,

there can be no simple solution for a complicated problem like

this. But nevertheless, this finding does not minimize our motivation

to further engage in bringing the issue to public attention.

Besides the issues just mentioned by Stephanie, another topic

also needs to be emphasized here, which we have set a strong

focus on in our work; and that is the prevalence of Anti-Semitist

thought and Anti-Zionist ideas in Germany and other countries in

Europe and the Islamic World. Several symposia and talks con-

104


Studienreise Israel 2006

centrated on the reflection on actors and origins in the context of

anti-Jewish prejudices, an issue which is still of sad prominence

today. Increasing assaults of anti-Semitic background have strikingly

underlined the need to continue our engagement to fight

Anti-Semitism and Xenophobia. Certainly the most important

events in this field took place in June 2000 and June 2004. Under

the heading “Israel in the Middle East – Germany in Europe” various

speeches and workshops were organized to analyze where

anti-Semitic attitudes originate and how they can be changed. So

far, these occasions led to the most comprehensive reactions inside

and outside the university.

What the examples you have just heard about indicate is the

constant effort of our work at Mainz University to bring Israel to

public attention.

But as often happens with a discourse like this, there appears a

confrontation of opposing images and prejudices, existing in our

minds. When we talk of exchange then, this means more than just

some driving ideal. Instead, it becomes a subject to constant

questioning and discussion itself. Learning about the other also

means learning about oneself, which is thus sometimes a great

challenge to overcome. Now, this is theory! But what about reality?

How do countries actually learn about each other in daily life?

How do Germans learn about Israel? How do Israelis learn about

Germany? Most of the information we obtain stems from mediated

sources. But do the pictures on TV really show us what it is

like to be living in Israel? Do the articles we read actually allow us

to form a thorough opinion of the political situation in the country?

As students, who have been given the chance to make the impressive

experience of traveling across this country in the past

two weeks, each and everyone of us has had the chance to revise

and broaden the pictures in his or her mind. Our meetings

with experts in the field of media, politics and science helped us

gain more insights. Among several others, we had the great opportunity

to talk to renowned specialists such as Dan Bar-On, Avi

Primor and Moshe Zuckerman. Obviously, there is always an-

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Studienreise Israel 2006

other truth, which books and articles can hardly procure. As part

of this bilateral exchange, we with our work try to contribute a little

to the rethinking of opinions and to the completion of images people

have in mind about Israel. It should therefore be one of the

main tasks to extend the integration of students in the cooperation

between the universities in the years to follow. By learning about

the past and by engaging in the discourse of the present, we as

the young generation hope to carry on the dialogue to ensure a

continuous exchange process in the future.

von Stephanie Plata und Silke Schmidt

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„Haifa is different“

Studienreise Israel 2006

12.. Juni 2006

Verfasser: Christian Schulze

Besichtigung des Denkmals von Kaiser Wilhelm II. und den

„Hängenden Gärten“ der Bahai, Gespräch mit Yona Yahav

(Bürgermeister Haifa) im Rathaus von Haifa und Besichtigung der

„Deutschen Kolonie“.

Haifa ist die drittgrößte Stadt Israels, besitzt den größten Hafen

des Landes und ist mit 35.000 Studenten ebenfalls die größte Universitätsstadt.

Aufgrund der vielen Software- und Computerfirmen,

die dort ihren Sitz haben, genießt die Stadt den Ruf als innovativer

Hightech-Standort.

Trotz dieser guten Vorraussetzungen waren die letzten 15 Jahre

von einer ökonomischen Krise geprägt und aktuell herrscht eine

Arbeitslosenquote von acht Prozent. Viele junge Leute wandern

wegen fehlender Perspektiven nach Tel Aviv ab, das als das

„New York Israels“ gilt.

Überraschenderweise steht auf dem höchsten Berg Haifas, dem

„Mount Carmel“ ein Denkmal für den ehemaligen deutschen Kaiser

Wilhelm II. Dieses wurde 1982 in Erinnerung an Wilhelms Palästina-Expedition

errichtet, die er 1898 zusammen mit dem Begründer

des Zionismus, Theodor Herzl, durchführte und bei der er

im Hafen von Haifa an Land ging.

Die Bahai:

Haifa gilt als religiöses Zentrum für die Bahai, einer neuzeitlichen

Weltreligion die sich ursprünglich im Iran entwickelte und deren

durch Verfolgung und Repressionen gezwungen waren von dort

nach Haifa zu fliehen, um sich schließlich am Fuße des „Mount

Carmel“ niederzulassen. Inmitten der nördlichen Hangstruktur

befindet sich das Weltzentrum der Bahai, die „Persischen Gärten“

oder „Hängenden Gärten“. Seit ihrer Erweiterung Ende der neunziger

Jahre des 20. Jahrhunderts ziehen sie sich beinahe über die

gesamte Höhe des Hangs. Im Zentrum der kunstvoll terassenförmig

angelegten Gärten befindet sich der Schrein des Bab, in dem

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Studienreise Israel 2006

dessen Gebeine aufbewahrt werden. Der Schrein wurde schon

1909 errichtet, ist seit 1953 mit einer goldenen Kuppel gekrönt

und bildet den Mittelpunkt der Garten-Achse. Die Kosten für den

Bau der Gartenanlage belaufen sich auf rund 250 Millionen Dollar,

die von den weltweit fünf bis sechs Millionen Anhänger des

Märtyrer-Propheten Bab finanziert wurden. Die Gärten gelten als

eine der meistbesuchten touristischen Ziele Israels und der

Schrein des Bab bildet das Wahrzeichen Haifas.

Die „Deutsche Kolonie“:

Württembergische Pietisten, die es im Jahre 1868 ins Gelobte

Land zog, leiteten die rasante Entwicklung zur drittgrößten Stadt

Israels ein. Abseits der damals arabisch geprägten Siedlung errichteten

die so genannten Templer ihre Kolonie zwischen dem

„Mount Carmel“ und der Mittelmeerküste. Die breite ehemalige

Koloniestraße - heute Ben-Gurion-Avenue - zieht sich von der

See fast rechtwinklig in Richtung des Bergs. Zweigeschossige

Natursteinhäuser mit Satteldächern zeugen noch heute vom damaligen

Reichtum der Templergemeinschaft, die in und um Haifa

Ackerbau und Handwerk betrieb. Die Templer bauten Dampfmühlen,

errichteten zwei Hotels, ein Hospiz, förderten den Bau des

neuen Hafens und leiteten so die Modernisierung der Stadt ein.

„Haifa is different“:

In der Küstenstadt fällt Juden und Arabern das Zusammenleben

leichter als in anderen israelischen Großstädten, behauptet zumindest

Haifas Bürgermeister Yona Yahav. Die arabische Minderheit

sei in Politik und Wirtschaft integriert und partizipiere am

gesellschaftlichen Leben. Gründe für dieses seltene Phänomen

seien das Fehlen von jüdischen und muslimischen heiligen Stätten,

die demzufolge nicht als Konfliktgegenstände instrumentalisiert

werden könnten sowie das große Bemühen der Stadt um

Integration der arabischen Minderheit.

„The Haifa-Model“:

Ausschlaggebend für den jeweiligen Lebensstandard von Juden

und Palästinensern sei die wirtschaftliche Lebenssituation. Des-

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Studienreise Israel 2006

halb fordert Yahav mehr Ausgaben im Bildungsbereich und weniger

für das Militär. Die Stadt selbst vergibt 80 Stipendien für aus

Haifa stammende israelische Araber, denen es dadurch ermöglicht

wird, überall in Israel zu studieren. Gleichzeitig werden 5

Mio. Dollar für das arabische Bildungssystem bereitgestellt, um

gezielte Bildungsprogramme fördern zu können. Als Beispiel gilt

ein bilingualer Schulunterricht mit zwei Lehrern, die jeweils auf

arabisch und hebräisch unterrichten. Mit diesen Ausgaben soll

eine Chancengleichheit zwischen Juden und Arabern erreicht

werden, um eine soziale Gleichheit zwischen den beiden Gruppen

zu ermöglichen.

Ein Ein ganz ganz normaler normaler Strand?

Strand?

Ich gehe über den mehlfeinen Sand, um mich herum hunderte

von flanierenden, joggenden, spielenden oder einfach nur faulenzenden

Menschen. Die Wellen sind für das Mittelmeer gigantisch,

der Wind und die Sonne lassen den Stress der vergangenen zwei

Wochen fast vergessen. Hier ist nichts anders als an europäischen

Mittelmeerstränden – oder?

Bin ich der einzige, der das Patrouillenboot vor der Küste bemerkt,

der den in Richtung Süden fliegenden Kampfhubschrauber

registriert? Nein, sie sehen und hören alles, doch sie müssen

schon seit fast 60 Jahren damit leben, ich erst seit 13 Tagen. Ich

bewundere diese Menschen und nach diesen 13 Tagen ist mir

erst klar, was der Frieden, in dem ich lebe, wert ist.

Matthias

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Studienreise Israel 2006

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The German Colony – „Ein spiritueller

Tempel im Lande Zions“

Gespräch mit Prof. David Kushner (Direktor),

Anja Siegemund (Koordinatorin)

Gottlieb Schumacher Institute for the

History of Europe in Palestine

in the 19 th and Early 20 th Centuries

12. Juni 2006

Verfasser: Nico Schneider

Das Gottlieb Schumacher Institut der Universität Haifa wurde

1987 von Prof. Alex Carmel gegründet. Im Fokus der Arbeit steht

die Erforschung der „Geschichte Europas im Palästina des 19.

und frühen 20. Jahrhunderts“. Dies beinhaltet grundsätzlich die

Geschichte der Templer in Palästina, aber auch anderer Gruppen

nichtjüdischen, teils christlichen Hintergrunds. Dabei geht es auch

um europäische Konzepte, Ideologien und Politik gegenüber (und

in) Palästina sowie um die Beziehungsgeschichte zwischen Europa

und Palästina. Neben der Forschung hat man es sich zur Aufgabe

gemacht auch gleichzeitig ein Dokumentationszentrum zum

Thema zu errichten, welches mittlerweile eine umfangreiche Bibliothek

sowie ein Karten- und Fotoarchiv umfasst.

Die heutigen Arbeitsschwerpunkte des Instituts gliedern sich in

folgende Bereiche:

Die Forschung über Templer, Christen, Europäer des 19. und frühen

20. Jahrhunderts, die Planung und Initiierung von Vorlesungsreihen,

die Förderung von Studierenden (PhD, M.A.) durch

Stipendien und die Bereitstellung von Räumlichkeiten/ Forschungsmaterialien

und die Zusammenarbeit mit europäischen

Praktikanten für ein halbes Jahr.

Der Institutsgründer Alex Carmel wurde 1931 in Berlin geboren

(als Alexander Buchmann, † 19.Dezember 2002). Seine Familie

verließ nach dem Pogrom von 1938 Deutschland, seit 1939 lebte

sie in Haifa. Carmel studierte (Ph.D. 1971) und lehrte neue Geschichte

und Orientalistik an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Er wirkte am Aufbau der Universität Haifa mit, wo er der Ab-


Studienreise Israel 2006

teilung für Studien des Landes Israel an der humanwissenschaftlichen

Fakultät angehörte und gründete schließlich 1987 das Gottlieb

Schumacher Institut zur Erforschung des christlichen Beitrags

zum Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert in Haifa. Zeit

seines Lebens befasste Carmel sich mit der Erforschung der

Templerbewegung. Sein Ziel bestand im Wesentlichen in der

Verbreitung dieser „Randerscheinung“ innerhalb der Wissenschaft

und Gesellschaft.

Glaube und Historie der Templerbewegung:

Die Tempelgesellschaft hat ihren Ursprung in der pietistischen

Bewegung der lutherischen Kirche Württembergs. Spirituelles

Zentrum der Bewegung war die Vorstellung eines gemeinsamen

geistigen Tempels im Lande Zions – Palästina. Das gemeinsame

Motiv bestand maßgeblich in der Ausführung „guter Taten“, durch

die man die kollektive Erlösung erreichen wollte.

Dr. Brigitte Hoffmann schreibt zur Glaubensgrundlage der Templer:

Für uns steht Jesus im Mittelpunkt, aber auf andere Weise als im

allgemeinen Verständnis. »Christlich« kommt von »Christus« (--

der Gesalbte), der Messias, der Sohn Gottes, der Erlöser. Für

uns ist Jesus ein Mensch wie wir und gerade deshalb uns nahe;

aber ein Mensch, der - um den Gründer der Tempelgesellsehaft,

Christoph Hoffmann, zu zitieren - »die Bestimmung des Menschen,

Ebenbild Gottes zu sein, am reinsten verkörpert hat«, der

in einer unmittelbaren Nähe zu Gott gelebt hat wie vielleicht keiner,

vielleicht nur wenige, vor oder nach ihm, und der dafür gelebt

hat und dafür gestorben ist, seine Botschaft von Gott den Menschen

nahe zu bringen.

1868 gründeten Christoph Hoffmann und Georg David Hardegg

die erste deutsche Templer-Gemeinde („The German Colony“) in

Haifa, am Ausläufer des Carmel-Bergs. Sie sollte als Vorposten

und Empfangsstation für die neu eingetroffenen Gemeinschaftsmitglieder

im Heiligen Land dienen. 1870 zählte die Kolonie bereits

14 Häuser und 120 Siedler. Anfänglich beschäftigten sich die

Siedler hauptsächlich mit Landwirtschaft und Weinbau. Doch

recht schnell erkannte man die Notwendigkeit des Ausbaus der

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Studienreise Israel 2006

Infrastruktur und die Möglichkeiten, die sich daraus boten. So waren

es die in Haifa lebenden Templer, die einen Kutschendienst

zwischen Haifa und Akko einrichteten und mit Unterstützung des

lateinischen Klosters zu Nazaret und einiger arabischer Großgrundbesitzer

die "Straße" zwischen Haifa und Nazaret ausbauten

und für Kutschen befahrbar machten. 1875 war die Straße

fertig und die Templer richteten einen für sie lukrativen Kutschendienst

ein, der Touristen und Pilger nach Nazaret brachte. Dank

der bald einsetzenden wirtschaftlichen Entwicklung zählte die Gemeinschaft

in Haifa 1873 bereits 38 Wohnhäuser und ca. 250

Siedler. In den Folgejahren wurden weitere Gemeinden gegründet,

unter anderem auch in Jerusalem.

Zum Weiterlesen:

http://bucerius.haifa.ac.il/schumacher.htm

http://www.haifa.de/temp.htm

http://israel-stu.haifa.ac.il/staff/acarmel.htm

http://www.tempelgesellschaft.de/

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Zwei Zwei Zwei Wochen Wochen sind sind erst erst der der Anfang

Anfang

Studienreise Israel 2006

Der letzte Abend ist gekommen. Als Abschluss unserer Reise

steht ein gemeinsames Abendessen in einem kleinen Restaurant

in Jaffo auf dem Programm, das seinen urigen Charme

nach Außen nicht preisgibt.

Zwei Wochen Israel liegen zu dieser Zeit bereits hinter uns.

Zwei Wochen sind wir gereist, haben verschiedenste Menschen

getroffen, immer neue Eindrücke und neues Wissen in uns aufgesogen.

Wir haben die Klagemauer besucht, Ramallah gesehen

und mit Avi Primor über den Nahost Konflikt diskutiert.

Und doch essen wir an diesem Abend in Jaffo wieder viel zu viel

Vorspeise.

Es bleibt viel zu lernen!

Stephi

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Studienreise Israel 2006

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Impressum

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gruppe:

Junes Arfaoui, Bastian Beege, Katharina Binz, Gerrit Bohländer,

Hannah Blum, Stephan Deveaux, Lisa-Marie Harlfinger,

Jens Hoffmann, Jens Jungblut, Silvia Keiser, Katrin Kräuter,

Sarah Levy, Matthias Lorch, Nele Möhlmann, Kristina Müller,

Stephanie Plata, Silke Schmidt, Elena Sebastian,

Nico Schneider, Christian Schulze, Vera Tersteegen

David Waldecker, Anke Welzenheimer

Leiter und Organisator der Studienreise:

Alfred Wittstock

Druck: AStA-Druckerei


Studienreise Israel 2006

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