Mara und die Mächte der Musik - CV - Traumland Verlag

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Mara und die Mächte der Musik - CV - Traumland Verlag

Ulrike Walther

Mara und die Mächte der Musik:

Tongesichter


Ulrike Walther

Mara und die

Mächte der Musik:

Tongesichter

©2009 C. V. Traumland-Verlag

33758 Schloss Holte-Stukenbrock

Alle Rechte vorbehalten

Kein Teil dieses Werkes darf ohne schriftliche Genehmigung

des Verlages in irgendeiner Form reproduziert oder unter

Verwendung elektronischer Systeme vervielfältigt werden.

Lektorat: Jutta Weis, Pulheim

Umschlaggestaltung: Fabia Zobel, Hamburg

Layout: tesono, Jutta Weis

Illustrationen: Daphne Wieteck, Offenburg

Druck: Alinea Digitaldruck, Dresden

ISBN 978-3-934555-36-5


Für meine Söhne Sebastian und Matian – in jener Welt

und für

Hannah mit ihrer Geige,

Benjamin mit seiner Trommel,

Josa mit seinem Horn und

Paulna mit ihrer kräftigen Stimme.


VORWORT DER AUTORIN

Wenn zweihundert Menschen in einem Konzertsaal

sitzen, wird jeder beim Zuhören eine andere Erfahrung

machen. Musik zu hören und dabei seinen eigenen Gedanken

zu folgen, ist ebenso ein Erlebnis wie Musik zu

spielen.

Der Fantasie sind beim Hören keine Grenzen gesetzt

und so folgte ich bei meinen Konzertbesuchen häufig

der Musik in eine andere Welt. Eine Welt, die für mich

spannend war, und die das, was ich hörte, in Bilder und

Geschichten übersetzte. Wenn man sich darauf einlässt,

verwandeln sich musikalische Themen in Figuren und

die Handlung wird von den Stimmungen und Gefühlen

bestimmt, die man beim Zuhören empfindet.

Bei einem Besuch eines Konzerts der 3. Sinfonie von

Beethoven, auch Eroica genannt, stolperte ich über sechs

wütende Akkordschläge des ganzen Orchesters, wie ein

Klopfen an eine verschlossene Tür. In meiner Fantasie

öffnete ich diese Tür und landete in einer geheimnisvollen

Welt, in der die Musik Landschaften malt, in der

erstaunliche Wesen wie Mollbolde, Durbolde, Kontrazwichtel

oder fliegende Konzertflügel leben und in der

die Heldin Mara den Dämon der Musik bezwingen will.

Es gibt düstere und unheimliche Orte in dieser Welt,

wie im zweiten Satz der Eroica, aber auch heitere und

komische Orte, wie der Rondowald oder das Tal der

Ohrwürmer. Wenn ihr Mara und ihren Bruder Florin

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begleitet, werdet ihr sehen, dass man im Reich der Musik

Dinge erleben kann, von denen man im alltäglichen

Leben noch nicht einmal zu träumen wagt.

Ich möchte euch mit dieser Geschichte dazu anregen,

beim Hören von Musik, den eigenen Gedanken freien

Lauf zu lassen – denn das ist Musik!

In meiner Geschichte enthaltene Ausdrücke aus der

Welt der Musik findet ihr in »Glockenmunds kleinem

Musiklexikon« am Ende des Buches erklärt.

Auf geht’s zur geheimen Tür . . .

– 8 –


PROLOG

»Autsch!« Florin hielt sich den schmerzenden Finger.

Es geschah nicht zum ersten Mal, dass ihm beim Lesen

heißes Kerzenwachs auf die Hand tropfte. Rasch

warf er einen besorgten Blick auf das Buch. Das flackernde

Licht seiner Kerze tanzte über die fein geschwungenen

Linien, die Handschrift seiner Mutter.

Die aufgeschlagenen Seiten zeigten keine Spur von

Wachs.

Erleichtert stellte Florin den Kerzenständer auf seinen

Nachttisch und begann, sich einen gemütlichen Platz auf

dem Bett zu schaffen. Wie gewöhnlich fand er das Bett

von seinem Cello besetzt. Als Prinz der Musik sprach

Florin die Sprachen vieler Instrumente, doch sein Violoncello

liebte er am meisten. Behutsam stellte er den

schweren Cellokasten neben den Schrank, setzte sich auf

sein Bett und nahm wieder das Buch zur Hand. Seine

Mutter, Königin Eroica, hatte es für ihn geschrieben und

ihrem Sohn zum zehnten Geburtstag geschenkt.

Es war ein besonderes Buch. In ihm hatte die Königin

alle Geschichten und Geheimnisse ihres Königreiches,

des grenzenlosen Reichs der Musik aufgeschrieben. Am

schrecklichsten waren die Kapitel vom Verschwinden

seiner Zwillingsschwester Mara und von der Entführung

und Verzauberung seines Vaters, König Florestans.

Florin hatte seine Mutter immer wieder bedrängt, ihm

gerade diese Geschichte ganz genau zu erzählen, bis die

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Mutter sich eines Tages ein Herz gefasst hatte und sie

niedergeschrieben hatte, so wie sie ihr von der einzigen

kleinen Augenzeugin jener schrecklichen Nacht berichtet

worden war. Florin seufzte leise, als er das Kapitel mit

der Überschrift Die Verwandlung oder was vor zehn

Jahren geschah aufschlug und zu lesen begann.

Finsternis umgab ihn. Von irgendwoher aus weiter Ferne

verlor sich der matte Schimmer einer flackernden

Kerze in seinen Kerker und ließ ihn die Trostlosigkeit

dieses grauenvollen Ortes zumindest erahnen. Florestan

stöhnte leise. Die kalten, eisernen Ketten, mit denen

seine Hände auf dem Rücken gefesselt waren, schienen

jedes Leben in ihnen erstickt zu haben. Er versuchte

verzweifelt seine Hände zu bewegen, doch sie gehorchten

ihm nicht mehr. Er fühlte nur Taubheit und einen

schneidenden Schmerz. Sicher waren die Ketten mit

einem Zauberbann belegt, der es jedem Gefangenen,

selbst Florestan unmöglich machte, sie zu lösen. Handund

Fußketten waren zusammen in einen scharf gezackten

Ring am Boden geschmiedet, sodass der Gefangene

gezwungen war, auf dem Boden zu knien. Er kämpfte

gegen die Angst, die ein immer dichter werdendes Netz

um ihn webte. Sein Feind und Peiniger ließ ihn warten,

um ihn zu quälen, das wusste Florestan.

Florin biss sich auf die Lippen. Er hasste den Feind seines

Vaters, Xorron, den Dämon der Musik. Ihn, der es

vermochte jede beliebige Gestalt anzunehmen und der

die Menschen, Feen, Durbolde und Mollbolde und all

die anderen unzähligen Geschöpfe des klingenden Reiches

immer wieder in Angst und Schrecken versetzte. Er

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hasste ihn dafür, dass er seinem Vater in der Gestalt eines

schwarzen Schwanes im Palastgarten aufgelauert, ihn in

eine weiße Feder verwandelt und entführt hatte. Einen

Tag vor der Krönung und wenige Wochen nach der Geburt

der Zwillinge Mara und Florin war dies geschehen.

Damals waren Florins Großeltern so alt, dass sie sich entschlossen

hatten, die Königswürden ihrer Tochter Eroica

und ihrem Schwiegersohn, Prinz Florestan, abzugeben.

Doch ihre Macht war bereits so schwach gewesen, dass

es Xorron gelang, den Zauberbann um den Palast zu

durchbrechen. Florin wischte sich mit dem Handrücken

eine Träne von der Wange und las weiter.

So sehr er sich auch bemühte, irgendetwas Trostreiches

in der Dunkelheit zu entdecken, fanden seine Augen

nichts als nackte Mauern. Und erst die Stille. Kein

Nachtwind flüsterte in den Blättern der Bäume, kein

Kater maunzte auf den Dächern, kein Flügelschlag, kein

Harfenton, nichts. Diese für den Prinzen der Musik

so ungewohnte Stille war beinahe noch schwerer zu

ertragen als alle tongewaltigen Dissonanzen, mit denen

der grausame Dämon ihn früher bereits gequält hatte.

Draußen am Nachthimmel war der Mond aufgegangen.

Die Sterne funkelten blass und verschwommen.

›Da – waren das nicht Schritte!‹ Florestan wurde jäh aus

seinen Gedanken gerissen und lauschte angespannt in die

Stille. Sein Herz klopfte so laut, dass es ihm unmöglich

war, zu hören, ob sich dort auf den verborgenen Treppenstufen

tatsächlich leise, verhaltene Tritte näherten.

›Dreimal hochgestrichenes C, wohin ist all mein Mut?‹

›Doch horch, da waren sie wieder‹, nein er hatte sich

nicht getäuscht. Schwere, Unheil verkündende Schritte

– 11 –

kamen unerbittlich näher und näher. Florestan versuchte,

ruhig und tief zu atmen. Wenigstens diese Genugtuung

wollte er seinem Todfeind nicht gönnen: Er sollte

keine Furcht in den Augen seines Opfers finden! Keine

zwei Atemzüge mochte der Herabsteigende noch von

ihm entfernt sein. Plötzlich vernahm der Gefesselte einen

markerschütternden Klang, der ihn wie ein durch seinen

ganzen Körper brennender Schmerz durchfuhr und

ihn laut aufstöhnen ließ. Kurze abgehackte Töne der

gleichen Art folgten. Es war das grausame Lachen des

Dämons.

Unwillkürlich hatte sich Florin die Hände auf die Ohren

gepresst. Dabei war das Buch auf seinem Schoß

verrutscht und er blätterte fieberhaft, um die Stelle wiederzufinden.

Ein riesiger Schatten erschien in dem Durchgang zur

Turmtreppe und kam langsam auf den Gefangenen zu.

Nun stand Xorron in der Gestalt eines schwarzen Ritters

direkt vor ihm.

Die grünen Augen des Dämons funkelten mordlustig

unter der bleichen, hohen Stirn, die von wenigen,

schwarzen Haaren umrahmt wurde. Die hohlen Wangen

hingen schlaff darunter. Zweifellos hatte kein aufrichtiges

Lächeln je die Züge dieses Gesichtes belebt. In der

Mitte ragte die Nase wie ein zerborstener Eisberg hervor

und die Fratze des Mundes war zu einem abscheulichen

Lachen verzerrt, das von den Wänden des Kerkers

tausendfach widerhallte. An der Stelle des Kinns aber

befand sich ein glänzender, schwarzer Stein, wie der

Stachel einer Riesenspinne.

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Florin schüttelte sich vor Ekel.

»Nun, Prinz Florestan . . . , wie gefällt dir meine Gastfreundschaft?«,

spottete Xorron. Florestan schwieg.

»Was könnte ich dir wohl als Nächstes anbieten? Vielleicht

eine Kostprobe meiner zauberhaften Musik oder

lieber ein paar hungrige Wölfe, blutsaugende Flughunde

oder Giftnattern zu deiner Gesellschaft?«

Keine Gemütsregung seines Gefangenen verriet dessen

verzweifelte Angst.

»Doch nein, ich habe mir für dich etwas ganz Besonderes

ausgedacht.« Xorron lächelte sein kaltes, herzloses

Lächeln und ließ Florestan währenddessen nicht aus den

Augen.

»Ich werde dich in genau einer Stunde«, er senkte die

Stimme und hielt einige Sekunden inne, bevor er weitersprach,

»in einen schwarzbuckligen Krötendrachen

verwandeln, das grausamste und widerwärtigste Geschöpf

unter der Sonne. Dann«, fuhr er mit dröhnender

Stimme fort, »magst du dein geliebtes Königreich selbst

zerstören!«

Florestan schloss die Augen.

»Nein«, hörte er sich leise sagen, »nein, bitte!« Seine

Stimme zitterte. Er hob langsam den Kopf und blickte

seinem Feind in die Augen. Doch was er sah, ließ ihn

seinen Blick schaudernd abwenden: nichts als erbarmungsloser

Hass, nichts als tödlicher Ernst!

Abermals brach Xorron in jenes marternde Lachen aus,

dem sich Florestan diesmal schutzlos ausgeliefert fühlte.

Erst als der Gefesselte vor Qual und Erschöpfung mit der

Stirn auf den Steinboden aufschlug, wandte der Dämon

sich ab und verschwand in der Dunkelheit.

– 13 –

»Warte nur, wenn ich älter bin, dann sollst du dafür bezahlen!«

Florin schlug mit der Faust so heftig gegen den

Nachttisch, dass der Kerzenständer gefährlich wackelte.

Schnell hielt er ihn fest und beeilte sich weiterzulesen,

denn jetzt kam seine Lieblingsstelle.

Keiner der beiden hatte bemerkt, wie ein winziges

Geschöpf mit schillernden Flügeln und einer blauen

Schleife im Haar lautlos in die Finsternis der Gruft eintauchte.

Florestan kam wieder zur Besinnung, als er eine

vertraute Melodie in seinem linken Ohr singen hörte,

eine Melodie seiner Kindheit von Vertrauen, Mut und

Hoffnung.

Unwillkürlich summte er mit, als er plötzlich stutzte.

Hörte er die Töne wirklich nur in seinem linken Ohr . . .

oder war da nicht auch ein silbernes, helles, liebliches

Lachen? »Maryly?«, flüsterte er.

»Wer sonst, mein bester Freund«, erwiderte eine zarte

Stimme.

Das winzige Elfenmädchen hatte sich nun auf seiner

Schulter niedergelassen und ringelte sich zärtlich eine

seiner braunen Locken um ihren zierlichen Hals. Sie war

kaum größer als sein Zeigefinger und erinnerte in ihrer

Aufmachung an eine Primaballerina. Allerdings hatte sie

noch ein Paar hauchfeine Flügel, die sie ebenso oft putzte,

polierte und mit Blütenstaub bestreute, wie sie ihre

goldenen Locken kämmte. Doch abgesehen von ihrer

Eitelkeit war Maryly die beste und treueste Freundin,

die man sich nur wünschen konnte.

»Ich bin so froh, dass du bei mir bist«, Florestan versuchte,

mit seiner Nase die hellen Locken zu streicheln. »Uns

bleibt nicht mehr viel Zeit!« Sie nickte.

– 14 –


Maryly flog vor ihren gefesselten Freund und schlug

gleich einem Kolibri so rasch mit ihren Flügeln, dass sie

vor ihm in der Luft stand. Ein Kunststück, auf das sie

besonders stolz war.

»Höre mir nun gut zu. Ich weiß nur ein einziges Mittel,

um dich davor zu bewahren, in jenes grausame Geschöpf

verwandelt zu werden, aber es kann die Verwandlung

nur abmildern, nicht aufheben. So viel Macht können

wir der seinen nicht entgegensetzen – leider.« Florestan

lauschte gespannt und Maryly fuhr fort.

»Du musst in dem Augenblick, in dem er den Zauberbann

über dich ausspricht, mit all deiner Kraft an etwas

Wunderschönes denken, nicht an einen Menschen, aber

an etwas Wunderbares, Bildhaftes und Klingendes, das

dein Herz ganz erfüllt, verstehst du?«

Florestan nickte und ein hoffnungsvolles Lächeln huschte

über sein müdes Gesicht. »Und . . . was meinst du,

wird dann geschehen?« Er blickte ihr erwartungsvoll

und nicht ganz ohne Sorge in die Augen.

Maryly, die sich wieder auf seiner Schulter niedergelassen

hatte, schlug die Beine übereinander und spielte mit

seiner Locke. Endlich erwiderte sie seinen Blick.

»Ich weiß es nicht, mein Freund, ich kann dir nicht vorhersagen,

was geschehen wird.« Sie seufzte leise, doch als

sie spürte, wie sein Atem stockte, fügte sie rasch hinzu:

»Es hängt davon ab, an was du denken wirst und wie

mächtig dieser Gedanke ist. Ich kann den Zauber übrigens

noch ein wenig verstärken . . . «, sie kicherte leise.

»Eines ist jedenfalls gewiss: Es kann und wird ihm so

nicht gelingen, dich in eine bösartige Kreatur zu verwandeln!«

Sie schwiegen. Die Mitte der Nacht näherte sich

ihrem Höhepunkt. Xorron rieb sich gierig die eisernen

– 15 –

Hände und ein raues schabendes Geräusch erschreckte

die Stille.

»Aber, er wird mich verwandeln nur wer oder was ich

danach sein werde, ist ungewiss . . . « Florestan rieb seine

Wange an ihren Locken und sie flüsterte ihm zu: »Ich

werde bei dir bleiben, was auch immer geschehen mag.«

Horch! Da waren sie wieder, schwere klirrende Schritte,

die unaufhaltsam Stufe um Stufe zu ihnen hinabstiegen.

Vom Turm schlug es Mitternacht.

Florin klappte das Buch zu und legte es auf den Nachttisch.

Er wollte nicht weiterlesen. An dieser Stelle sollte

die Geschichte anders weitergehen, ganz anders. Traurig

stand er auf, öffnete das Fenster und stellte seine Traumharfe

auf das Fensterbrett. Dann legte er sich wieder in

sein Bett. Der Nachtwind spielte auf den Saiten der Harfe

und Florin folgte den Tönen bereitwillig in das Reich der

Nacht.

– 16 –


AUSGERISSEN

Es war Sommer. Einer jener Sommertage, die einen Lebendigkeit

und Glück mit jeder Faser des Körpers spüren

lassen. Die milde Luft war erfüllt vom Duft der Wiesenblumen

und dem Surren und Summen der eifrigen Bienen,

Hummeln und anderen Bewohner der weiten Felder

und Wiesen. Schmetterlinge tanzten frech und verspielt

immer höher und höher in den blau leuchtenden Himmel

hinein, gerade so, als flögen sie direkt zur Sonne.

Sechs nackte Kinderfüße trommelten flink über den

warmen Lehmboden und kletterten dann geschickt den

Stamm eines Kirschbaumes hinauf. Eben sah man noch

zwei kleine, braune Hände, die sich aus den Zweigen

den Hilfe suchenden Armen der Freundin entgegenstreckten,

dann waren die drei Kinder im dichten Grün

der Baumkrone verschwunden. Kurz darauf begannen

Kirschkerne in weiten Bögen – plopp – ins Gras zu fallen

und wer genau hinhörte, konnte ein leises, zufriedenes

Schmatzen aus dem Wipfel des Baumes vernehmen.

»Ich könnte den ganzen Baum leer essen«, jubelte Mara

und angelte sich geschickt eine besonders verlockende,

dunkelrote Kirsche am Ende eines kleinen Zweiges.

»Ein paar Kuchenränder dazu wären auch nicht verkehrt«,

erwiderte Raster schmatzend. »Immerhin haben

wir seit einem Tag nichts mehr gegessen!« Der drahtige

Junge saß auf der obersten Astgabel und baumelte zufrieden

mit den Beinen, die in nicht mehr ganz sauberen

– 17 –

und mehrfach geflickten hellbraunen Leinenhosen steckten.

Er war etwa zwölf Jahre alt. Die letzte Begegnung

seiner dunklen Locken mit einem Kamm schien einige

Monate her zu sein, was ihm den Spitznamen »Rasta«

eingebracht hatte. Er selbst buchstabierte seinen Namen

»Raster«, weil es männlich und aufregend klang.

Er liebte seine verfilzten Locken und hatte sich selbst

im Waisenhaus meist erfolgreich vor der Bändigung

seiner Haarpracht gedrückt, sodass die Erzieherinnen

den Kampf irgendwann aufgegeben hatten und ihm die

Haare nur abschnitten, wenn sich wieder einmal Läuse

unter den Kindern ausbreiteten.

»Aua!« Linn, die es sich auf einem der unteren Äste bequem

gemacht hatte, schüttelte empört einen Kirschkern

von ihrem Hemd. »Spuck gefälligst auf die Wiese, du

Großmaul!«

Sie war die Kleinste der drei Ausreißer und erst sieben

Jahre alt, dafür aber flink und verschlagen wie ein kleiner

Fuchs. Ihre langen weizenhellen Haare, die sie im Waisenhaus

stets zu zwei streng geflochtenen Zöpfen tragen

musste, schnitt sie sich am ersten Tag ihrer großen Freiheit

kurzerhand hinter den Ohren ab. Man hielt sie nun

eher für einen frechen kleinen Jungen, worauf sie sehr

stolz war! Sie wusste auch nicht, dass Raster es nicht

übers Herz gebracht hatte, beide Beweisstücke im Kartoffelfeuer

zu vernichten, sondern einen der Zöpfe sorgsam

in seinem Rucksack verwahrte.

»Freiheit ist schön, drum Kinder lasst uns reisen, auf

in die weite Welt, wohin es uns gefällt . . . «, trällerte

Mara ausgelassen und ließ sich an den Knien baumelnd

kopfüber herabhängen. Ihr schulterlanges braunes Haar

hing ihr auf diese Weise einmal nicht ins Gesicht, was es

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sonst stets zu tun pflegte. Ihre blauen Augen konnte man

gewöhnlich nur ab und zu hinter den braunen Strähnen

aufleuchten sehen, was ihr das Gefühl gab, nicht so leicht

entdeckt zu werden.

Die Lust auf Gebackenes führte die Freunde schon bald

ins nächste Dorf. Sie waren nun bereits seit drei Wochen

unterwegs, hatten ein Waldgebiet durchquert und die

Angst, doch noch entdeckt und in das Waisenhaus zurückgebracht

zu werden, verblasste allmählich. Im Dorf

war gerade Wochenmarkt. Die Bäuerinnen waren damit

beschäftigt, ihre Brotlaibe, Eier und Gemüsekörbe,

Beerenschalen und Honigtöpfe, Käsescheiben und geräucherten

Knackwürste wieder in den Holzkarren zu

verstauen, als die drei Kinder eintrafen.

Bereitwillig legten sie reifes Obst, Brot, Käse und Wurst

in die Rucksäcke von Raster und Linn, die sie mit bittenden

Augen aufhielten. Dafür halfen die Kinder beim

Verladen der Ware und boten einer Bäuerin an, ihr den

Karren bis nach Hause zu ziehen. Mara aber hatte nur

Augen und Ohren für einen jungen Straßenmusiker, der

etwas abseits des Platzes an einem Brunnen saß und auf

seiner Geige spielte. Die letzten Töne waren gerade verklungen,

und er wollte seine Geige in den Kasten legen,

als Mara sich zu seinen Füßen niederließ und ihm aufmunternd

zulächelte.

»Bitte, spiel noch mal, nur einmal!«

Der Mann, erfreut, endlich eine aufmerksame Zuhörerin

gefunden zu haben, griff nach seinem Instrument und

begann zu spielen. Mara hörte gebannt zu, da geschah

etwas Seltsames. Sie hörte die singenden Töne und sah

zugleich tanzende elfengleiche Wesen mit schillernden

Flügeln, dann tauchten weite wundervolle Landschaften

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in immer wechselnden Farben vor ihr auf und zum Greifen

nahe kam ihr daraus ein blonder Junge entgegen,

der ihr aus seinen schwarzen Augen lachend zuzuzwinkern

schien. »Spiel weiter!«, rief Mara flehend, doch

der Mann klappte seinen Geigenkasten zu, setzte sich

auf den Rand des Brunnens und biss genüsslich in ein

frisches Schinkenbrot. »Was hast du zuletzt gespielt?«,

wollte Mara wissen.

»Das war Mozart«, antwortete der Musiker mit stolzer

Miene. »Aha . . . « Mara bemühte sich, ihre Unwissenheit

zu verbergen, dann fragte sie leise: »Ist das eine Zaubergeige?«

Vor Lachen wäre der Mann beinahe in den Brunnen gefallen.

»Das ist gut«, rief er vergnügt aus und schlug sich

dabei auf die Schenkel. »Zaubergeige! Du hast Fantasie,

mein Kind, wir sollten zusammen auftreten . . . !« Doch

in diesem Moment riefen Raster und Linn lauthals ihren

Namen. Mara stand auf, nickte ihm zum Abschied kurz

zu und rannte davon.

Ihre Freunde waren damit beschäftigt, auf einem Handkarren

eine sperrige Kiste voller Johannisbeeren zwischen

Kartoffelsäcken zu verstauen. Mara fasste mit an

und vermied es, Raster und Linn dabei in die Augen

zu sehen. Es erschien ihr unmöglich mit irgendjemand

über das zu sprechen, was sie eben erlebt hatte. Wahrscheinlich

hatte der Mann recht und sie hatte wirklich

zu viel Fantasie, oder einen Sonnenstich, oder war halb

verhungert. Mara naschte eine Johannisbeere, verzog

jedoch gleich das Gesicht. Die nächste war zum Glück

weniger sauer.

Sie schoben nun den Karren mühsam die staubige Dorfstraße

bergan. Doch bevor sie hinter einer sanften Bie-

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gung verschwanden, blickte sich Mara noch einmal um.

Der Mann saß immer noch am Brunnenrand, die Geige

zu seinen Füßen. Er zumindest war Wirklichkeit.

Linn begann, unbekümmert mit heller Stimme ein Lied

anzustimmen und Raster schnalzte im Takt mit der Zunge

dazu. Sie kamen rasch voran und konnten so eine Unterhaltung

mit der Bauersfrau vorerst vermeiden. Durch

Maras plötzliches Verschwinden auf dem Markt hatten

es die Kinder versäumt abzusprechen, ob sie heute lieber

die Geschichte mit der kranken Cousine oder die des

reichen Großonkels in der fernen Stadt erzählen sollten.

Erwachsene konnten unangenehme Fragen stellen und es

war wichtig, eine glaubwürdige Antwort parat zu haben.

Sie bogen in einen Feldweg ein, der an einer Weide

vorbeiführte, auf der bunt gefleckte Kühe zufrieden Gras

rupften und mit ihren Schwänzen die Fliegen verjagten.

Auf Gras hatte Mara keinen Appetit. Doch die Kinder

hatten Glück. Auf dem Hof angekommen, bekam jeder

einen Becher Milch, frisch gebackenes Bauernbrot und

ein Stückchen Käse. Als die Bäuerin die schäumende

Milch in die Becher goss und das duftende Brot aufschnitt,

merkten sie erst, wie hungrig sie waren.

»Esst so viel ihr wollt!« Die Bauersfrau sah ihnen still

und wohlwollend zu. In ihren Augen spiegelte sich der

Glanz der Sommersonne und das ganze Gesicht leuchtete

wie eine reife Frucht. Dankbar nahm Mara den Becher

und trank. Ob die Augen ihrer Mutter ebenso blau

leuchteten? Doch sie fand nichts in ihrer Erinnerung als

Leere und Sehnsucht.

Schwungvoll stellte sie den leeren Becher wieder auf den

Tisch und fuhr sich mit dem Ärmel einmal quer über das

Gesicht, um alle Reste von Milch und trüben Gedanken

– 21 –

fortzuwischen. Dann lächelte sie der Bäuerin zu und

rannte zu den anderen Kindern auf die Wiese. Den ganzen

Nachmittag lang spielten sie mit den Bauernkindern

Verstecken im Heu, bewunderten die Ziegen, Schweine,

Hühner und Gänse und tollten ausgelassen mit zwei

jungen Schäferhunden auf der Weide umher.

Bald zeichneten sich die Schatten der Bäume lang und

scharf auf der sonnenwarmen Wiese ab und der Himmel

über ihren Wipfeln leuchtete in einem warmen Orange,

wie eine Erinnerung an Licht und Wärme. Die drei

wickelten sich in ihre Pferdedecken und kuschelten sich

eng aneinander ins duftende Heu.

»Was für ein herrlicher Tag«, seufzte Linn, »hier möchte

ich für immer bleiben!« Die beiden Älteren dachten das

Gleiche, wagten jedoch nicht, es auszusprechen. Linn

schnarchte schon zufrieden, als Mara die ersten Sterne

aufgehen sah.

»Raster?« Vorsichtig stupste sie ihren zottelhaarigen

Freund in die Seite.

Er gähnte. »Ja?«

»Was weißt du eigentlich über deine Eltern?«

›Dass sie auch immer sentimental werden muss, wenn sie

Sterne sieht‹, dachte er. Antwortete aber: »Meine Mutter

starb kurz nach meiner Geburt, über meinen Vater weiß

ich gar nichts . . . und du?«

»Ich bin ein Findelkind«, sagte Mara nachdenklich.

»Irgendjemand hat mich als winziges Baby vor dem

Eingang eines Konzerthauses gefunden, komisch nicht?

Um mein Handgelenk war ein silbernes Armbändchen

gebunden, auf dem mein Name stand. Auf der Rückseite

waren Noten eingraviert. Schwester Maria hat es mir zu

meinem zehnten Geburtstag endlich geschenkt, willst du

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es sehen?« Und mehr zu sich selbst als zu ihrem Freund

fügte sie leise hinzu: »Zum Glück sind wir nicht früher

abgehauen, ich bin froh, dass ich es habe!«

Raster murmelte etwas im Halbschlaf, aber Mara schubste

ihn unsanft an. »Kennst du eigentlich Mozart?«

»Nee, kann man das essen . . . ?« Doch bevor sie noch

irgendetwas erwidern konnte, war er schon tief und fest

eingeschlafen.

Mara konnte nicht schlafen. Immerzu musste sie an den

Mann mit der Geige denken. Ein milder Wind streichelte

ihr Gesicht. Irgendwo schrie ein Käuzchen. Der Hofhund

bellte einen kurzen Nachtgruß, als der Bauer aus

dem Stall trat. Dann senkte sich Stille über den Hof.

Mara lag auf dem Rücken und schaute empor. Der

Nachthimmel über ihr war nun mit tausenden und

abertausenden von Sternen bedeckt. Wie ein vertrauter

Freund nahm er sie in seine Arme und plötzlich vernahm

sie wie von weiter Ferne und doch ganz nah Klänge und

Töne. Die Musik der Sterne. Es war eine Musik von

klarer, tiefer Schönheit.

Mara lauschte wie verzaubert den sanften Melodien, bis

die Harmonien sie hinübergleiten ließen in Schlaf und

Traum.

Im Traum sah Mara einen jungen Mann. Er war gefesselt

und kniete auf dem Boden eines düsteren Gefängnisses.

Plötzlich trat ein schwarzer Ritter auf den Gefangenen

zu, in der einen Hand eine Kerze, in der anderen eine

Peitsche.

Mara warf sich im Schlaf unruhig hin und her, grauenerregende

Töne und Klänge bestimmten diesen Albtraum.

Ihre Träume waren oft von Musik begleitet, leider konnte

sie sich nach dem Erwachen nie an die Melodien und

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Geschichten der Nacht erinnern. Mara zuckte im Schlaf

zusammen, als der Ritter seine Peitsche auf den Gefangenen

herabsausen ließ. Da löste sich das Traumbild des

Kerkers auf und an seiner Stelle erschien ein leuchtender

Regenbogen.

Zufrieden rollte sich Mara auf die Seite und genoss

diesen neuen Traum, eine Sinfonie sprühender Farben.

Doch auch dieses Bild riss ab und wurde mit einem

ohrenbetäubenden Paukenschlag von einer neuen Szene

abgelöst wie in einem absurden Theater. Es war wieder

der Kerker. Der schwarze Ritter und sein Gefangener

waren verschwunden. Die Mauern waren zerborsten

und silbernes Mondlicht beschien ein Wesen der Märchenwelt.

Es war ein Regenbogendrache.

Mara stöhnte kurz im Schlaf, als das Zaubertier sich

in die Lüfte erhob und in Nacht und Dunkelheit verschwand.

Raster schnarchte an ihrer Seite laut auf.

Mara erwachte kurz, stupste den unruhigen Schläfer in

die Seite und schlief sofort wieder ein.

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