Endlose Depression - Linksreformismus

linksreformismus.de

Endlose Depression - Linksreformismus

Berliner Debatte

Initial

19. Jg. 2008

Heise

Hedtke

elektronische Sonderausgabe

ISBN 978-3-936382-59-4

© www.berlinerdebatte.de

4

Endlose

Depression

Ursachen der

langen Depression

Ein neues

Wirtschaftswunder?

Kondratieff-

Zyklus

Schumpeter und

das Jahr 2008

„Europäische Stadt“

und Schrumpfung

Flassbeck

Ruben

Bernt


Berliner Debatte Initial 19 (2008) 4

Endlose Depression

– Zusammengestellt von Ulrich Busch und Rainer Land –

Schwerpunkt

endlose Depression

Rainer Land, Ulrich Busch

Ein neuer Kondratieff,

eine Finanzkrise und die

Zukunft unserer Träume 2

Gespräch mit Heiner Flassbeck

Ursachen der langen Depression

in Deutschland 7

Arne Heise

Erlebt Deutschland ein

neues Wirtschaftswunder? 15

Karl Georg Zinn

Der Konjunkturaufschwung 2006/07 27

Karl Mai

Nulldefizit und Entschuldung

der öffentlichen Haushalte 38

Peter Ruben

Vom Kondratieff-Zyklus

und seinem Erklärungspotenzial 50

Ulrich Hedtke

Schumpeter und das Jahr 2008.

Bemerkungen zur Erstveröffentlichung

eines Briefes von Joseph A. Schumpeter

an George Garvy 66

Johannes Schmidt

Finanzmärkte und Wachstum.

Schumpeter als Ahnherr moderner

Theorien der Finanzintermediation? 79

* * *

Roland Benedikter

Politik und Religion.

Anmerkungen zur gegenwärtigen

Bestimmung ihres Verhältnisses 90

Matthias Bernt

Die politische Tradition „Europäische

Stadt“ und die Schrumpfung 102

Stefan Mann, Ines Heer

Wie sinnvoll ist die Förderung

der Regionalvermarktung? 113

Rezensionen und Besprechungen

Ralf Konersmann (Hg.):

Wörterbuch der

philosophischen Metaphern

Rezensiert von Mariele Nientied 125

Birgit Dahlke:

Jünglinge der Moderne.

Jugendkult und Männlichkeit

in der Literatur um 1900

Annotiert von Magnus Brechtken 127

Gegendarstellung von

Richard Schröder

zu Heft 1/2-2008, S. 171 128

1


2 Berliner Debatte Initial 19 (2008) 4

Rainer Land, Ulrich Busch

Ein neuer Kondratieff, eine Finanzkrise

und die Zukunft unserer Träume

Endlose Depression?

Das Jahr 2008 hat aus der Sicht der Schumpeter’schen

Wirtschaftstheorie eine besondere

Bedeutung, schreibt Ulrich Hedtke auf Seite

66 dieses Heftes, denn es markiert den Beginn

eines neuen langen Zyklus wirtschaftlicher

Entwicklung, den „Übergang vom 4. zum

5. Kondratieff“ nach Schumpeters Zählung.

Ist damit etwa das Ende der „endlosen Depression

in Sicht, welche die „immerwährende

Prosperität“ 1 der 1950er und 1960er Jahre so

folgenschwer beendete? Können wir mit einer

Erholung, gar mit einer neuen Prosperitätsphase

rechnen? Mit einem neuen gewaltigen

Innovations- und Wachstumsschub, der die

Welt noch einmal ebenso stark verändern und

verbessern wird, wie es die amerikanisch-europäische

Revolution der industriellen Massenproduktion

und der produktivitätsorientierten

Lohn- und Sozialpolitik nach dem Zweiten

Weltkrieg taten?

Werden die Löhne wieder steigen, das

Sozialsystem repariert und umgebaut werden?

Wird es gar eine globale Energiewende geben?

Wird der Aufstieg Chinas und Indiens vielleicht

doch nicht zu einem Kollaps wegen Umweltbelastungen

führen? Leuchtet am Horizont

gar „Eine-Welt“ mit einer neuen Industrie

ohne CO 2 -Emissionen, mit Autos, die in China,

Amerika, Afrika und Europa lautlos von

Elektromotoren getrieben durch die Straßen

gleiten und in der Flugzeuge durch elektronengetriebene

Magnetschwebebahnen mit Mach 3

abgelöst sind, für die Strom und Wasserstoff aus

Sonnenbatterien über Wasserstoffpipelines in

der Sahara geliefert wird? Gelingt es gar, Armut

Einführung in den Schwerpunkt

und Hunger, Unterentwicklung und Elend zu

überwinden? Und wird es Ostdeutschland mit

einem neuen Kondratieff schaffen, seine Produktions-

und Einkommenslücke zu schließen

und die Landeshaushalte zu sanieren?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Natürlich

könnte und sollte uns der rechnerische Beginn

eines neuen wirtschaftlichen Zeitalters anregen,

alte Utopien wieder einmal zu besichtigen, die

Bücher von Lem 2 aus dem Regal zu nehmen

und uns zu fragen, was aus den Utopien und

Träumen der 1960er und den Hoffnungen der

1980er Jahre geworden ist, ob wir neue haben

und ob wir die unserer Kinder und Enkel eigentlich

noch kennen. Dies ganz unabhängig davon,

auf welcher Seite wir beim wissenschaftlichen

Streit um die Theorie langer Wellen stehen und

ob er uns überhaupt interessiert.

Peter Ruben und Ulrich Hedtke präsentieren

neue empirische Analysen und theoretische

Überlegungen, nach denen es sehr sinnvoll

scheint, weiter zu erforschen und zu debattieren,

warum wirtschaftliche Entwicklung

nicht gleichförmig erfolgt, sondern in Zyklen

mit Höhenflügen, Einbrüchen, Umbrüchen

und Krisen. Paradigmenwechsel bedürfen

offensichtlich eines Generationswechsels, um

Wirklichkeit zu werden.

Ein wissenschaftlicher Standpunkt zu diesen

Fragen erfordert, nicht nur über die Länge, die

Lage und die Nachweisbarkeit solcher langen

(56-jährigen), mittleren (9-jährigen) und

kurzen (3-jährigen) „Wellen“ nachzudenken,

sondern das Schumpeters Theorie zugrunde

liegende Modell wirtschaftlicher Entwicklung

zu verstehen, zu diskutieren, gegebenenfalls

weiterzuentwickeln oder zu kritisieren. Schum-


Einführung: Ein neuer Kondratieff ...

peter wird gern hervorgekramt, um diese oder

jene Innovation zum Anfang einer „neuen

langen Welle“ hochzujubeln, oder auch, um

die Deindustrialisierung in Ostdeutschland,

die Pleitewelle der Börsenzocker und den

Niedergang ganzer Regionen gleichermaßen

als „schöpferische Zerstörung“ zu weihen.

Der wissenschaftliche Kern der Schumpeter’schen

Theorie wirtschaftlicher Entwicklung

hingegen wird nur von wenigen Außenseitern

studiert, gepflegt, benutzt und weiterentwickelt.

In den 1960er Jahren dominierte Keynes, dann

kam die Neoklassik. Zudem ist Entwicklung

auch für viele Wissenschaftler ein unheimliches

Rätsel. 3 Kaum eine wirtschaftswissenschaftliche

Theorie unterscheidet Wachstum und

Entwicklung vernünftig – gerade dies aber

war ein zentrales Anliegen von Schumpeter.

Das andere war die Verknüpfung von Wirtschaftswissenschaft

und Soziologie. Beide

wissenschaftliche Unternehmungen harren der

Fortsetzung. Wenigstens dürfen wir hoffen, dass

Schumpeters Hauptwerk „Konjunkturzyklen“

bald in Deutschland neu aufgelegt wird. Die

einzige deutschsprachige Ausgabe von 1961

ist schon seit vielen Jahren vergriffen.

Der alte und der neue Zyklus

Schumpeter sah Kapitalismus als eine Wirtschaftsweise

an, in der Innovationen durch

Kreditgeldemissionen und Expansion der

Geldmenge finanziert und daher schubweise

durchgesetzt werden. 4 Unternehmer versuchen,

gegen die lähmende Stagnation des „Gleichgewichts“

Innovationen durchzusetzen, die die

gegebenen „Produktionsfunktionen“ unterlaufen,

neue Kombinationen von Produktionsmitteln

und Arbeit, neue Produkte und Verfahren

durchsetzen. Kreditfinanzierte Innovationen

beschleunigen anfangs das Wachstum und

schaffen durch die Produktion (noch) nicht

gedeckte Einkommen, erzeugen also einen

Aufschwung bei steigender Inflation. Dieser

kreditfinanzierte Innovationsschub kommt

nach einer gewissen Zeit zum Erliegen, weil

das Ungleichgewicht zwischen Kreditmenge

und realer Produktion die Kreditkosten in die

Höhe treibt.

Die „fordistische“ Nachkriegsprosperität

der 1950er und 1960er Jahre beruhte auf einem

kreditfinanzierten Innovationsschub, dem als

sozioökonomische „Neukombination“ die Verbindung

der fordistischen Massenproduktion

(einschließlich Auto, Petrolchemie, Elektrotechnik

usw.) mit einer produktivitätsorientierten

Lohnentwicklung und einer Dynamisierung

der Sozialsysteme zugrunde lag. Voraussetzung

war der Paradigmenwechsel der Sozial-

und Lohnpolitik, der mit dem New Deal der

1930er Jahre in den USA eingeleitet wurde.

Den Startschuss gab dann der bis dahin größte

kreditfinanzierte Boom aller Zeiten, der Eintritt

der USA in den Zweiten Weltkrieg, der Aufbau

der Rüs tungswirtschaft, dem der Ausbau der

Produktionsmittelindustrie, der ungeahnte

und nicht endende Anstieg der Löhne und die

Expansion der Konsumgüterindustrie folgten,

die nicht nur die gesamten USA, sondern auch

teilweise Großbritannien und die Sowjetunion,

sowie nach dem Krieg außerdem halb Europa

versorgte. Die materielle und finanzielle Rolle

der USA in der Nachkriegswirtschaft machte

aus der fordistischen Kombination von Massenproduktion,

Lohnanstieg und Konsumgesellschaft

ein globales Erfolgsmodell, das bis in

die 1970er Jahre ganz gut funktionierte

Die in den 1950er Jahren in Gang gesetzte

„lange Welle“ hat verschiedene Regulationen

des vorherigen Kapitalismus „aufgehoben“, vor

allem aber eine fundamentale: Die Lohn- und

Transfereinkommen der Bevölkerung der entwickelten

kapitalistischen Länder orientierten

sich nicht mehr am „Bedarf“ im Sinne des

Überlebens, nicht mehr an den Reproduktionskosten

der „Ware Arbeitskraft“ 5 , sondern

am Wachstum der Produktivität 6 .

Nach Schumpeter folgt auf den Prosperitätseffekt

solcher „Neukombinationen“ eine Phase

des Abstiegs in die Rezession, weil die zuvor

getätigten Innovationen nach einer gewissen

Zeit wirksam werden; d.h. neue Produkte

gelangen auf den Markt, neue Unternehmen

verdienen viel Geld, zahlen ihre Kredite zurück,

alte Produkte werden nicht mehr gebraucht,

alte Unternehmen geraten unter Druck, es gibt

auf einmal unverkäufliche Produkte, nutzlos

werdende Fabriken und überflüssig gewordene

Arbeit neben dem zuvor entstandenen Neuen.

3


4 Rainer Land, Ulrich Busch

Es ist nicht Sättigung, sondern die durch den

vorangegangenen Innovationsschub ausgelöste

Notwendigkeit eines Strukturwandels, die

den Aufstieg zum Erliegen bringt und aus der

Prosperität in die Rezession überleitet. Diese

Phase ist zugleich Ernte und Abstieg – die

tatsächliche Produktion steigt, aber die Kreditgeldemission

geht zurück, das Angebot wächst

und die Nachfrage sinkt wegen der Unternehmenspleiten,

der steigenden Arbeitslosigkeit

und der Kontraktion der Kredite.

Eine solche lange Rezession schloss sich

offensichtlich an die „immerwährende Prosperität“

der Nachkriegszeit an, die Ölkrisen

der 1970er Jahre waren der Auslöser. Nach

Schumpeter kann man solche Rezessionen

nicht vermeiden, man kann aber den sich in der

Rezession geltend machenden Bereinigungsbedarf

und den erforderlichen Strukturwandel

zulassen, fördern, gestalten und abfedern. Es

kann aber auch passieren, dass die Rezession

zu einer Depression verlängert wird, wenn die

Akteure im Krisenszenarium falsch reagieren.

Akteure sind nicht nur die großen Zentralbanken,

die Regierungen und die Finanzminister,

sondern auch die Unternehmen und die Arbeitnehmer

in Form ihrer großen und mächtigen

Organisationen und die Organisationen der

Weltwirtschaft.

Es spricht viel für die Vermutung, dass in

den 1970er Jahren eine weltweite Kondratieff-

Rezession im Schumpeter’schen Sinne begann,

die sich durch falsche strategische Reaktionen

der wichtigsten Akteure zu einer „endlosen“

Depression verlängerte und vertiefte. 7

Es spricht auch einiges dafür, dass seit

den 1980er Jahren die restriktive Geld- und

Finanzpolitik, der Druck auf die Löhne und die

Sozialausgaben, die Forcierung des globalen

Standortwettbewerbs und die Deregulierung

der Finanzsysteme per Saldo zwei fundamentale

Effekte hatten: erstens die Sicherung „alten“

Kapitals vor der „schöpferischen Zerstörung“

(durch Abwälzung der Lasten des Umbruchs

auf die Masseneinkommen und auf den Staat);

zweitens die Verschleppung der Kondratieff-Rezession

und ihre Verwandlung in eine scheinbar

alternativlose „Wachstumsschwäche“, hinter

der vielmehr eine sich selbst verstärkende

depressive Lage der Weltwirtschaft steckt.

Indem mächtige Akteure, Finanzkapital,

Banken und Versicherungen, Autokonzerne,

aber zuweilen auch Regierungen, Gewerkschaften

und scheinbar sozial orientierte Bewegungen

gegen die Entwertung ihrer bisherigen

Besitzstände ankämpften, verhinderten sie den

Innovationsschub, der die Entwicklungsgrenzen

des alten Typs wirtschaftlicher Entwicklung

vielleicht hätte überwinden können – und

mit dem die verloren gehenden Besitzstände

durch neue und – weil zukunftsfähig – durch

bessere abgelöst worden wären.

Auf dem Weg zu einem

sozialen Ökokopitalismus?

Die wirkliche Alternative zur endlosen Depression

wäre ein neuen Typ wirtschaftlicher

Entwicklung, der einerseits die historische

Innovation der Nachkriegszeit, die Kombination

von Massenproduktion und Teilhabe der

Massen auf vernünftige Weise wiederherstellt

und weltweit sichert. Das aber wäre noch keine

neue Kombination, sondern nur die Bewahrung

einer geschichtlichen Lehre.

Die Neukombination, die einen Zyklus

wirtschaftlicher Entwicklung tragen könnte,

müsste die zentrale Entwicklungsgrenze des

alten Zyklus überwinden. Diese Grenze ist

nach unserer Sicht das Zurückbleiben der

Ressourcen effizienz hinter der Produktivitätsentwicklung,

das Überschreiten von

Tragfähigkeitsgrenzen der Natur durch die

Belastungen des steigenden Energie- und Rohstoffbedarfs

und die steigenden Emissionen,

derzeit vor allem Emissionen von CO 2 und

anderen Klimagasen.

Daraus könnte man folgern, dass die sozioökonomische

„Neukombination“, mit der

die Bewegung aus der endlosen Depression in

einen neuen Zyklus wirtschaftlicher Entwicklung

ausgelöst würde, eine Energiewende und

eine Effizienzrevolution („Faktor Vier – doppelter

Wohlstand, halbierter Naturverbrauch“)

wäre. 8 Dies würde ein neues wirtschaftliches

Paradigma, nämlich Ressourceneffizienz,

Ökosuffizienz und Ökokonsistenz 9 , mit der

Massenproduktion und der Massenteilhabe

rekombinieren und so einen neuen Pool für


Einführung: Ein neuer Kondratieff ...

technologische und zugleich sozioökonomische

Inventionen und Innovationen schaffen. Dies

deutet sich im Aufstieg der ökologischen Industrien

zaghaft an – aber bislang dominiert

immer noch die „Rettung des Alten“. Ob der

weltwirtschaftliche Aufschwung der vergangenen

Jahre der faktische Beginn eines neuen

Zyklus wirtschaftlicher Entwicklung werden

wird oder ob es sich nur um ein Zwischenhoch

in einer verschleppten Depression handelt,

das wird man erst in ein paar Jahren wissen.

Die Debatte um die „langen Wellen“ und eine

qualifizierte Rezeption von Schumpeters

Theorie wirtschaftlicher Entwicklung könnten

dazu beitragen, die Zeichen der Zeit besser zu

verstehen.

Der Artikel von Johannes Schmidt kann

dabei helfen, oberflächliche und falsche Deutungen

des Finanzsystems zu überwinden,

denn er zeigt die Fehler einer verbreiteten

„modernen“ Lesart der Schumpeter’schen

Geld- und Kredittheorie. Damit legt er ein

zentrales Element seiner Entwicklungstheorie

frei, die Finanzierung von Krediten durch

Geldschöpfung, die freilich im Unterschied

zu Keynes die Demission von Kreditgeld als

ebenso wichtigen Regulator der Bewältigung

von Umbrüchen behandelt.

Bankenkrise weltweit

Das Jahr 2008 ist nicht nur der rechnerische

Beginn eines neuen Kondratieffzyklus, es wird

auch als das Jahr einer der größten Banken-

und Finanzkrisen in die Geschichte eingehen.

In der schnellen Folge der Ereignisse ist kaum

abzusehen, ob das, was heute aufgeschrieben

wird, sich in vier Wochen, wenn das Heft

ausgeliefert ist, genauso entwertet hat, wie

das Eigenkapital der Hypo Real Estate am 29.

September und 6. Oktober 2008. Seit Monaten

hat die Immobilien- und Bankenkrise die

Wirtschaftsaussichten im Würgegriff, seit

einigen Tagen aber ist eine „neue Qualität“

festzustellen: Untergangsstimmung und Rettungsaktionismus.

Die Regierungen überbieten

sich in Milliardensummen, die sie zur Rettung

des globalen Finanzsystems und Finanzkapitals

bereitstellen wollen. Die Chancen für einen

neuen Aufschwung, noch dazu einen langen,

stehen so gesehen nicht gut.

Die Finanzkrise, die auf dem US-Immobilien

makt ihren Ausgangspunkt hatte, erfasst

inzwischen nicht nur US-Banken mit

zweifelhaften Geschäftspraktiken und faulen

Krediten in ihren Büchern, sondern auch

Investmentbanken, Kreditbanken, Hypothekenbanken,

Sparkassen, Versicherungsgesellschaften

und andere Finanzintermediäre auf

der ganzen Welt. Da der Finanzmarkt und

der Bankensektor für das Funktionieren der

Wirtschaft im gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus

von essentieller Bedeutung sind,

droht die Finanzkrise auf die Realwirtschaft

überzugreifen und die Welt, und damit auch

China, Indien, Europa und Russland, in eine

tiefe Wirtschaftskrise zu stürzen. Damit wäre

der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre

definitiv zu Ende und es würde lange dauern,

bis ein neuer Aufschwung greifen könnte.

Schon heute zeichnet sich ab, dass nach der

Krise nichts mehr so sein wird wie vorher: Der

Staat erhält eine gegenüber den letzten Jahren

erheblich gewachsene Bedeutung in der Wirtschaft,

der „freie“ Markt wird stärker als bisher

der internationalen Kontrolle unterworfen sein,

Spekulationsgeschäfte werden eingeschränkt

und kontrolliert werden.

Zudem bringt die gegenwärtige Finanzkrise

einschneidende Veränderungen für das gesamte

internationale Wirtschafts- und Finanzsystem

mit sich. Einige reden bereits von einem Ende

des ungehemmten Wirtschaftsliberalismus

und einer Renaissance der keynesianischen

Globalsteuerung. Die Zeiten der Deregulierungseuphorie

jedenfalls sind zu Ende – nur

können wir absolut nicht sicher sein, ob die

Ideen zu einer Erneuerung der Regulation

eher der nochmaligen „allerletzten“ Rettung

des Alten dienen oder ob sie auf den Weg zu

etwas Neuem, einem „sozialen Ökokapitalismus“,

führen und den 5. Kondratieff nicht nur

rechnerisch, sondern auch praktisch in die

Welt bringen.

Eine Antwort haben wir nicht, aber das

Heft bietet viele Anregungen auf dem Weg zu

Antworten. Das Buch von Friederike Spieker

und Heiner Flassbeck „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“

gab uns den Anlass zu einem

5


6 Rainer Land, Ulrich Busch

Gespräch mit dem UNCTAD-Ökonomen über

seine Sicht auf die Ursachen der langen Depression

und die Chancen eines weltwirtschaftlichen

Aufschwungs. Es war uns eine Freude und sei

unseren Lesern empfohlen.

Der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler

Arne Heise geht der Frage nach, ob Deutschland

gegenwärtig tatsächlich „ein neues Wirtschaftswunder“

erlebt und die Stagnation nachhaltig

überwindet oder ob sich dies schon bald „als

Illusion“ erweisen wird, als bloße Ideologie.

Er bemüht dafür den postkeynesianischen

Ansatz der Marktkonstellationsforschung

sowie komparative Methoden, welche den

Vergleich verschiedener Politikauffassungen

in unterschiedlichen Ländern erlauben.

Ebenfalls kritisch, was die Nachhaltigkeit

des gegenwärtigen Aufschwungs anbetrifft,

ist der Text von Karl-Georg Zinn angelegt.

Der Autor argumentiert in der Tradition von

John Maynard Keynes. Zugleich kritisiert er

populäre Verkürzungen und aktuelle Fehldeutungen

der Keynes’schen Theorie; er verweist

stattdessen auf wenig reflektierte Aussagen zur

konjunkturellen Entwicklung. Die gegenwärtige

Konjunktureuphorie hält er für „überzogenen

Optimismus“.

Ein Aufsatz aus der Feder des Hallenser

Ökonomen Karl Mai zur Staatsverschuldung

zeigt die konjunkturellen und ideologischen

Hintergründe der Nulldefizit- und Entschuldungspolitik

auf, welche neuerdings die deutsche

Finanzpolitik bestimmt. Er setzt sich mit

illusionären Vorstellungen der Politik über die

Rückführung der Verschuldung auseinander

und verdeutlicht, in welchem Maße derartige

Vorhaben vom Konjunkturverlauf abhängig

sind.

Rainer Land, Ulrich Busch

Anmerkungen

1 Nach Burkart Lutz’ genialem Buch: Der kurze Traum

immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation

der industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa

des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a.M./New York: Campus

1984

2 Vgl. Bartholomäus Figatowski: Antich, Betrisierung und

Chemokratie. Stanislaw Lems literarisches ABC des Totalitarismus

und seiner Tarnkappen. In: Berliner Debatte

Initial 16 (2005) 1, 65-78

3 Vgl. Daniel Dennett: Darwins gefährliches Erbe. Hamburg:

Hoffmann und Campe 1997, insbesondere S. 90ff.

4 Vgl. J. A. Schumpeter: Konjunkturzyklen. Göttingen:

Vandenhoeck & Ruprecht 1961, S. 234f.

5 Oder dem Marx’schen „Wert der Ware Arbeitskraft“

als dem Wert der zur Reproduktion des Arbeiters, einschließlich

seiner Familie und der nächsten Generation,

erforderlichen Konsumgüter.

6 Zur Herausbildung eines Kapitalismus mit produktivitätsorientierter

Lohnpolitik vgl. Lutz [Anm. 1], Kap. V

und VI.

7 Ähnliches war aus der Sicht Schumpeters schon in der

langen Rezession der 1930er Jahre in Europa passiert.

Die deutsche Reichsbank, die Wirtschaftsverbände und

die Regierung betrieben eine Politik der Lohnsenkungen

und der Ausgabenkürzungen. Ähnlich reagierten andere

europäische Akteure und vertieften die Rezession zu

einer Depression, der eine politische und gesellschaftliche

Katastrophe folgte – während sich die USA aus

der Depression retteten, indem sie eine neue Lohn- und

Sozialpolitik mit der schon vorhandenen, aber im Vorfeld

des Zweiten Weltkrieges expandierenden fordistischen

Massenproduktion kombinierten.

8 Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH;

http://www.wupperinst.org

9 BUND/MISEREOR: Wegweiser für ein zukunftsfähiges

Deutschland. München 2002; http://de.wikipedia.org/

wiki/Zukunftsf%C3%A4higes_Deutschland_(Studie)


Berliner Debatte Initial 19 (2008) 4

Mit Heiner Flassbeck sprachen

Ulrich Busch und Rainer Land

Ursachen der langen Depression

in Deutschland

Rainer Land (R.L.): Wir freuen uns, mit Ihnen

über einige Aspekte des Buches „Das Ende der

Massenarbeitslosigkeit“ sprechen zu können,

das Sie gemeinsam mit Friederike Spiecker

verfasst haben; es ist Ende 2007 im Westend

Verlag erschienen.

In dem Buch wollen Sie anhand empirischer

Analysen nachweisen, dass die hinter

der Produktivitätssteigerung zurückbleibende

Lohnentwicklung eines der Kernprobleme der

schwachen wirtschaftlichen Entwicklung der

vergangenen Jahre ist. Dort sehen Sie die Ursache

der hohen Arbeitslosigkeit. „Der Arbeitsmarkt

ist kein Kartoffelmarkt.“

Heiner Flassbeck (H.F.): In der Tat ist das

die Kernthese. Die herrschende Ökonomie

betrachtet den Arbeitsmarkt wie einen Kartoffelmarkt.

Wenn der Preis der Kartoffeln zu

hoch ist, dann sinkt die Nachfrage und ein Teil

der Kartoffeln bleibt übrig, so lange, bis der

Kartoffelpreis wieder sinkt. Auf den Arbeitsmarkt

übertragen sieht das dann so aus, als

müsse man die Arbeitslosigkeit mit zu hohen

Löhnen erklären. Lohnsenkung erscheint aus

dieser Perspektive als das gebotene Mittel gegen

„arbeitslose Kartoffeln“.

Nur: Kartoffeln kaufen keine Autos, aber

Arbeiter kaufen Autos. Beim Kartoffelmarkt

handelt es sich um einen Markt für ein einzelnes

Produkt, das nur einen winzigen Teil

des gesamten Gütervolumens (Bruttoinlandsprodukts)

ausmacht. Angebot und Nachfrage

sind hier unabhängig voneinander – und

unter dieser Voraussetzung gilt, dass sinkende

Kartoffelpreise zu wachsender, steigende Kartoffelpreise

hingegen zu sinkender Nachfrage

nach Kartoffeln führen. Das ist möglich, weil

die Mehrzahl der Käufer von Kartoffeln ihre

Einkommen gerade nicht aus dem Anbau von

Kartoffeln beziehen. Wäre die Nachfrage nach

Kartoffeln ausschließlich oder überwiegend

vom Einkommen der Kartoffelbauern abhängig,

würden sinkende Kartoffelpreise nicht zu

wachsender Nachfrage, sondern im Extremfall

zum Zusammenbruch des Kartoffelmarktes

führen.

Genau dies aber gilt für den Arbeitsmarkt.

Bei gesamtwirtschaftlichen Aggregaten – wie

der Summe aller Löhne und Gehälter, die mehr

als die Hälfte des gesamten Bruttoinlandsprodukts

umfasst – sind Angebot und Nachfrage

nicht mehr unabhängig voneinander (vgl. S.

43ff. des Buches). Sinken die durchschnittlichen

Löhne, so sinken einerseits die Arbeitskosten

der Unternehmen. Sie können ihre Produkte

etwas billiger anbieten. Man könnte erwarten,

dass sie mehr verkaufen können und daher

vielleicht mehr Arbeiter einstellen. Aber die

Löhne sind nicht nur Kosten, sondern auch

Einkommen. Mit den Arbeitskosten für die

Unternehmer sinken daher zugleich auch die

Einkommen der Arbeiter, also die Einkommen

derjenigen, die den Unternehmen die große

Masse ihrer Produkte abkaufen sollen. Mit den

sinkenden Einkommen gehen der Absatz, der

Umsatz der Unternehmen und die Auslastung

der Maschinen und Anlagen trotz sinkender

Arbeitskosten zurück, und es kommt nicht

zu mehr, sondern zu weniger Beschäftigung.

Löhne sind eben Kosten und Ergebnis des

volkswirtschaftlichen Prozesses. Anders als

auf einem Kartoffelmarkt sind auf dem Arbeitsmarkt

Kosten und Einkommen über die

Löhne direkt verbunden.

7


8 Interview mit Heiner Flassbeck

Lohnsenkungen oder stagnierende Löhne

führen daher nicht zu mehr Beschäftigung.

Die Länder mit dem geringsten Lohnzuwachs,

Japan und Deutschland, hatten zwischen 1996

und 2006 auch den geringsten Beschäftigungszuwachs,

während Länder mit vergleichsweise

hohem Wachstum der Löhne auch deutlich

höhere Zuwächse an Beschäftigung aufwiesen,

so die USA und Großbritannien (vgl. S. 50).

Weil die Analogie von Kartoffel- und Arbeitsmarkt

überhaupt nicht stimmt, kann das

gesamte Gebäude der „herrschenden Wirtschaftspolitik“

kein Problem lösen, und deshalb

hat es auch keinen Rückgang der Arbeitslosigkeit

gegeben. Kurz und gut: Arbeitslosigkeit

ist kein Schicksal, sondern Politikversagen,

basierend auf einer ungeeigneten, falschen

ökonomischen Theorie.

R.L.: Dies würde aber bedeuten, dass es die

depressiven Tendenzen, die es ja schon seit Ende

der 1970er Jahre gibt, nicht hätte geben müssen,

wenn man politisch anders agiert hätte?

H.F.: Das ist richtig. Das hätte alles nicht

sein müssen. Es war Politikversagen der reinsten

Form, was man auch daran erkennen kann,

dass es in anderen Ländern nicht so gelaufen

ist. Die angelsächsischen Länder haben im

Unterschied zu Deutschland in den letzten 15

Jahren eine ziemlich normale Wirtschaftsentwicklung

gehabt. Einen massiven Bruch in der

wirtschaftspolitischen Konzeption gab es nur

in Europa und speziell in Deutschland. Wir

erklären diesen Bruch damit, dass in den 1970er

Jahren ein neues theoretisches Denken um sich

gegriffen hat – die nationale Autonomie der

Geldpolitik, die vom Monetarismus inspiriert

war. Damals hat die Deutsche Bundesbank

ein neues Kapitel der Wirtschaftsgeschichte

aufgeschlagen, und das war ein schlechtes

Kapitel.

Ulrich Busch (U.B.): Gab es nicht auch

objektive Gründe für diesen Wechsel des Regulations-Konzepts?

Nein, der Bruch erfolgte zwar mit dem

Ende des Bretton Woods-Währungssystems,

aber auch dessen Ende Anfang der 1970er Jahre

war theoriegeleitet. Seitdem haben wir diese

falsche Wirtschaftspolitik. Es ist ein weitgehend

europäisches und noch genauer betrachtet ein

deutsches Phänomen. Das lässt sich auch an

Zahlen zeigen: Der Zins lag in Deutschland in

den 1950er und 1960er Jahren immer unter

der Wachstumsrate der Volkswirtschaft, seit

Anfang der 1970er Jahre liegt er fast immer

über der Wachstumsrate. Und das ist in den

USA nicht so gewesen. Auch dort gab es eine

Ölkrise und dann Monetarismus, aber seit den

1990er Jahren pragmatisches „Fine Tuning“, d.h.

die Geldpolitik änderte sich radikal. In Europa,

in Deutschland änderte sich die Politik seitdem

faktisch überhaupt nicht (vgl. S. 179).

Es ist ein gar nicht zu unterschätzender

Unterschied, ob man auf der Basis des Monetarismus

arbeitet oder wie die amerikanische

Zentralbank eine schnell reagierende pragmatische

Politik verfolgt, die mit Monetarismus

nichts, absolut nichts zu tun hat.

U.B.: Sie stellen zwei wesentliche Komponenten

heraus, die Lohnpolitik und die Geldpolitik.

Auf S. 156 steht, die eigentliche Ursache ist die

Politik der Bundesbank. Die Bundesbank hat

mit dem Geldmarkt zu tun, und ihre Analyse

bezieht sich daher auf den Geldmarktzins. Für

Investitionen ist aber der Kapitalmarktzins

entscheidend. Der Kapitalmarktzins ist stabiler

als der Geldmarktzins.

H.F.: Sicher, die Schwankungen des Kapitalmarktzinses

sind geringer als die des

Geldmarktzinses. Unsere Analyse stimmt aber

genauso, wenn man den Kapitalmarktzins betrachtet.

Den Bruch Anfang der 1970er Jahre,

nach dem Ende des Bretton Woods-Systems,

sehen wir beim Kapitalmarktzins genauso wie

beim Geldmarktzins. Der langfristige Zins ist

nun mal nicht unabhängig vom kurzfristigen

Zins.

R.L.: Heißt das denn nun, dass man mit einer

Umstellung der Politik, weg vom Monetarismus,

aus der Depression wieder herauskommen

könnte?

H.F.: Absolut, ja. Das sehen wir ja an den zwei

Jahren Aufschwung seit 2006, die uns durch die

internationale Konjunktur geschenkt wurden.

Es ist ja nicht so, dass die ganze Welt seit dreißig

Jahren in Rezession und Depression verharrt.

Überhaupt nicht. In den vergangenen fünf

Jahren gab es den größten weltwirtschaftlichen

Aufschwung seit dem Zweiten Weltkrieg. Und


Ursachen der langen Depression in Deutschland

auf diesen fahrenden Zug ist Deutschland spät

aufgesprungen und hat zwei Jahre von dem

internationalen Aufschwung profitiert, auch

am Arbeitsmarkt. Aber das ist nun gerade

wieder vorbei.

U.B.: Inwiefern ist die Ersparnisbildung ein

Problem? Hortung von Geld ist ja unter den

Bedingungen einer entfalteten Kreditwirtschaft

nicht mehr möglich, d.h. alles Geld verbleibt

im Kreiskauf.

H.F.: Ersparnisbildung muss nicht problematisch

sein, aber sie macht eine Wirtschaft

anfälliger. Sie schafft kein unüberwindliches

Problem, wenn man die negativen Effekte, die

immer dadurch auftreten, dass ein Teil der

Einkommen nicht als Nachfrage nach Gütern

und Leistungen ausgegeben wird, durch eine

entsprechend expansive Geldpolitik ausgleicht.

Anders gesagt: Ersparnisbildung muss von einer

expansiven Geldpolitik begleitet werden, will

man erfolgreich investieren.

U.B.: Aber das Geld wird ja nicht dem

Kreislauf entzogen, sondern von den Banken

als Kredit wieder ausgereicht.

H.F.: Ja, wenn es genügend Kreditnachfrage

gibt. Aber zehn Prozent Sparquote machen

die Aufgabe der Banken schwerer, weil die

Investoren, die Kredite nachfragen sollen, sozusagen

einen permanenten Nachfrageausfall

verzeichnen. Doch es ist nicht unmöglich. Die

Frage lautet, ob trotz der Ersparnis ein dynamischer

Investitionsprozess zustande kommt,

der zum Ausbau des Kapitalstocks beiträgt

und Einkommen schafft. Das funktioniert nur

mit einer expansiven Geldpolitik. Wird die

Ersparnis nicht in nachfragewirksame Kredite

umgesetzt, wird die binnenwirtschaftliche

Entwicklung gebremst, weil immer ein Teil der

Einkommen nicht nachfragewirksam wird, was

heißt, dass ein Teil der Produkte nicht abgesetzt

wird. Die Kunst der Wirtschaftspolitik besteht

eben darin, jederzeit einen Prozess in Gang

zu halten, bei dem die Anreize zu investieren

groß genug sind. Aber das geht nur, wenn die

Leute auch konsumieren. Das wird hier oft

ausgeblendet. Viele denken, die Unternehmen

investieren, wenn sie Geld haben. Das ist Unsinn.

Sie investieren, wenn sie wissen, dass die

Nachfrage stabil bleibt bzw. stabil steigt.

Mit einer Politik des „Gürtel-enger-Schnallens“

und des Lohndumpings, wie sie in

Deutschland betrieben wird, gewinnt man

zwar an Wettbewerbsfähigkeit, aber man

zwingt damit das Ausland gewissermaßen zum

Entsparen, und das kann nicht dauerhaft gut

gehen. Deutschland wird damit nicht nur per

Saldo Gläubiger anderer Länder, zwingt diese

also, über ihren Verhältnissen zu leben, und

nimmt ihnen dauerhaft Marktanteile ab. Das

muss früher oder später scheitern, weil es zu

einer erzwungenen künstlichen Deindustrialisierung

der Handelspartner führt. Die Reaktion

darauf sollte in einem funktionierenden Währungssystem

eine Aufwertung der Währung

sein, in der Deutschland rechnet. Das passiert

jetzt zwar gegenüber den Dollarraum – siehe

den steigenden Kurs des Euro gegenüber dem

US-Dollar –, aber innerhalb der Europäischen

Währungsunion (EWU) gibt es diesen Anpassungsmechanismus

nicht mehr. Das schafft ein

gewaltiges neues Problem. Unsere Behauptung

lautet, dass die merkantilistische deutsche Politik

innerhalb der EWU ein praktisch unlösbares

Problem schafft, weil es keinen vernünftigen

Ausgleichsmechanismus mehr gibt – wie im

Falle der deutschen Währungsunion übrigens.

Im Moment wird in Frankreich offen und laut

über Deindustrialisierung geredet – zu einem

Zeitpunkt, wo in Deutschland eine Re-Industrialisierung

stattfindet. Das ist die Folge

der verrückten Verschiebungen in der Wettbewerbsfähigkeit

ganzer Volkswirtschaften,

die Deutschland mit seinem Lohndumping

verursacht hat. Dies gilt für Spanien, Italien

und Portugal ganz ähnlich.

Nur über eine langfristig produktivitätsorientierte

Lohnpolitik mit Flächentarifvertrag

stabilisiert man das gesamte System, weil

eine solche Politik zyklischen Bewegungen

entgegenwirkt und ungerechtfertigte Wettbewerbsvorteile

verhindert. Gewinnabhängige

Lohnbestandteile, wie sie die Japaner mit ihrem

Bonussystem erprobten, haben den gegenteiligen

Effekt, sie verstärken die Instabilität.

U.B.: Also ist die Lohnpolitik der Gewerkschaften,

wie sie derzeit läuft, ganz richtig?

H.F.: Zur Lohnpolitik gehören immer

mindestens zwei. Wenn es so läuft, wie es

9


10 Interview mit Heiner Flassbeck

sich derzeit abzeichnet, geht es in die richtige

Richtung. Aber es wird für diesen Aufschwung

nicht mehr reichen, das hätte im vergangenen

Jahr anfangen müssen. Denn viele Abschlüsse

in diesem Jahr werden erst im Sommer wirksam.

Selbst wenn die Abschlüsse alle bei fünf

Prozent landen, kämen wir in diesem Jahr auch

nur auf 2,5 Prozent Zuwachs der Bruttolohn-

und Gehaltssumme. Das ist bei 2,5 Prozent

Preissteigerung real Null, also weit unter der

Produktivitätssteigerung. Im nächsten Jahr gibt

es keinen Aufschwung mehr, und wir werden

in die alten Fehler zurückfallen.

Man muss sich darüber im Klaren sein: Die

Lohnpolitik der vergangenen zehn Jahre war ja

nicht typisch für Deutschland, sonst hätte es

das Wirtschaftswunder nicht geben können. Sie

war Folge der übertriebenen Ideologisierung

der Wirtschaftspolitik und der Schwäche der

Gewerkschaften, die durch ihr ostdeutsches

Abenteuer fundamental geschwächt sind. Aber

viele Gewerkschaftsbosse haben inzwischen

kapiert, dass diese Lohnpolitik falsch war.

U.B.: Wie erklären Sie denn die Schwäche

der Gewerkschaften seit den 1990er Jahren?

Die Gewerkschaften haben 1990 etwas

übernommen, was sie eigentlich nicht hätten

übernehmen dürfen, nämlich die Angleichung

der Lebensverhältnisse in Ostdeutschland. Das

war eine Aufgabe des Staates. Dadurch haben

sie sich überhoben und sind vital geschwächt

worden.

U.B.: Sie meinen, die Löhne in Ostdeutschlands

seien zu schnell und zu hoch gestiegen? Da

können wir Ihnen als Ostdeutsche aber nur

eingeschränkt folgen. Die Löhne liegen im Mittel

unter 70 Prozent der westdeutschen. Und die

Entwicklung der ostdeutschen Löhne nach 1990

muss man ja auch im Zusammenhang mit der

Preisentwicklung sehen.

H.F.: Das stimmt so nicht bzw. ist so nicht

relevant. Von 1991 bis 1993 sind die Reallöhne

weit über 20 Prozent gestiegen, bei einer Produktivität,

die gesunken ist, 1991 eigentlich gar

nicht vorhanden war. Der erste Schritt war die

faktische Aufwertung durch die Währungsunion,

dann kam eine Aufwertung durch die Löhne

hinzu. Und damit war die ohnehin geringe Wettbewerbsfähigkeit

Ostdeutschlands mit einem

Schlag ruiniert. Das Problem bestand darin,

dass die Gewerkschaften sich die Angleichung

der Löhne auf die Fahnen geschrieben hatten

und die Politik sie dafür kritisiert und unter

Druck gesetzt hat. Richtig wäre es umgekehrt

gewesen: Die Regierung hätte sich die rasche

Angleichung der Lebensbedingungen auf die

Fahnen schreiben sollen, denn dies war eine

gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht eine

Aufgabe der Gewerkschaften.

R.L.: Ich glaube, das Problem war nach der

Währungs- und Wirtschaftsunion 1990 gar

nicht mehr sachgerecht zu lösen. Hätte man

eine produktivitätsorientierte Lohnentwicklung

verfolgt, dann hätte man die Reallöhne erst

einmal senken müssen, denn die Produktivität

ging 1990 zunächst nach unten, während die

Preise stiegen. Man hätte also Lohnsteigerungen

deutlich unter der Preissteigerung benötigt,

um ein wirtschaftlich begründetes Ausgangs-

Lohnniveau zu finden. Das hätte aber fatale

Konsequenzen gehabt. Die deutsche Einheit hätte

dem Osten einen sinkenden Lebensstandard

beschert (was ja in den anderen postsozialistischen

Ländern zunächst eintrat). Aber deutsche

Einheit bei sinkendem Lebensniveau im Osten?

Wie hätte man das durchstehen sollen?

Zudem hätte man in einer vereinten Volkswirtschaft

längere Zeit zwei erheblich differierende

Lohnniveaus beibehalten müssen. Das

ostdeutsche Lohnniveau hätte zunächst bei 30

Prozent des westdeutschen liegen müssen und

wäre dann in 15 Jahren auf rund 60 Prozent

des westdeutschen gestiegen. Wie sollte das

in einer Währungs- und Wirtschaftsunion

funktionieren?

H.F.: Nein. Die Löhne waren zwar über der

Produktivität, aber man hätte die Löhne nicht

senken, sondern die Produktivität schnell anheben

müssen, indem man in Ostdeutschland

massiv investiert, den Kapitalstock so schnell

es geht erneuert, und zwar mit Steuermitteln

und Regierungsgeldern. Das habe ich auch im

DIW vertreten.

Stattdessen hat die Regierung 1990 und

1991 für den Westen noch erhebliche Steuersenkungen

vorgenommen und gesagt, die

Ostdeutschen sollen sehen, wie sie die Angleichung

hinbekommen. Man hätte die Produktivität

hochdrücken müssen über Anreize für


Ursachen der langen Depression in Deutschland

Unternehmen, zu wandern. Und wenn es so zu

jährlich zehn Prozent Produktivitätssteigerung

im Osten gekommen wäre, hätten die Löhne

bequem mitsteigen können. Da wäre zwar auch

noch einiges kaputt gegangen, aber nicht so viel.

So wäre auch eine sozial weit besser erträgliche

Angleichung möglich gewesen.

R.L.: In Ihrem Buch begründen Sie, dass der

internationale Wettbewerb zwischen verschiedenen

Ländern funktioniert, wenn alle Länder

eine Lohnentwicklung verfolgen, die ihrer

Produktivitätsentwicklung entspricht, also

keine Volkswirtschaft unter und keine über ihre

Verhältnisse lebt. Dann nämlich erfolgt der

Wettbewerb über Innovationen, Produktivitätsentwicklung,

neue Produkte und Investitionen

in den Kapitalstock. Lohndumping betreibt

hingegen, wer die eigene Wettbewerbsposition

durch eine hinter der Produktivität zurückbleibende

Lohnentwicklung verbessert und dadurch

anderen Marktanteile abzunehmen versucht.

Dies kann zu einem „Standortwettbewerb“ um

die niedrigsten Löhne (oder auch die niedrigsten

Lohnnebenkosten, also die Senkung der Sozialausgaben)

führen – mit erheblichen negativen

Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung.

Eine solche Politik des Lohndumpings

verfolgt Deutschland seit etwa zehn Jahren, die

Länder der Euro-Zone sind mehr oder weniger

gezwungen, dem zu folgen – anders als die USA

oder Großbritannien.

Nun zeigen Sie in Ihrem Buch, dass eine

solche Politik unter den Bedingungen getrennter

Währungen nicht lange möglich war, weil sie

einen wachsenden Außenhandelsüberschuss

und damit eine permanente Aufwertung der

Währung des Landes zur Folge hätte, das Lohndumping

betreibt. Solche Aufwertungsschübe

kennen wir ja aus der Geschichte der Deutschen

Mark. Die derzeitige Aufwertungstendenz des

Euro gegenüber dem US-Dollar ist ein Beleg.

Die Aufwertung des Euro macht einen durch

Lohndumping entstandenen Wettbewerbsvorteil

gegenüber den USA nach einiger Zeit wieder

zunichte, indem sie die Exporte verteuert und die

Importe verbilligt. Innerhalb der Euro-Zone aber

funktioniert dieser Mechanismus nicht, denn es

gibt keine Wechselkurse mehr und daher auch

keine Möglichkeit, entstehende Wettbewerbsdif-

11

ferenzen durch Kurskorrekturen auszugleichen.

Was passiert unter diesen Bedingungen, wenn

Produktivitäts- und Lohnentwicklung divergieren?

Bricht das Euro-System zusammen?

H.F.: Wir bekommen ein Szenario, wie wir

es aus dem Verhältnis von West- und Ostdeutschland

kennen. Die Griechen, Italiener,

die Franzosen, die Spanier, die Portugiesen, die

werden alle Ostdeutsche. Sie haben mit dem

Verlust ihrer Märkte und mit Deindustrialisierung

zu tun, werden Transferempfänger – und

Deutschland bezahlt. Denn Deutschland muss

ihnen das Geld geben, mit dem sie unsere Güter

kaufen, damit wir weiter exportieren können.

Deutschland muss seinen Außenhandelsüberschuss

letztendlich selbst finanzieren. So läuft

das. Entweder geht der Euro baden, oder wir

bekommen eine europäische Transferunion.

R.L.: Werden diese Länder sich das gefallen

lassen? Die Ostdeutschen sind ja zu schwach,

um sich gegen die Rolle des deindustrialisierten

Transferempfängers zu wehren. Aber Frankreich

wird das doch nicht hinnehmen?

H.F.: Wenn es nun eine europäische Rezession

gibt, dann wird diese Diskussion sicher

mit Macht aufkommen.

R.L.: Und was wäre der Ausweg? Was müsste

man am Euro-System machen, damit es nicht

zu Deindustrialisierung und Transferunion

kommt?

H.F.: Man müsste dafür sorgen, dass die

Löhne schnell wieder der Produktivitätsentwicklung

angepasst werden, auch im Verhältnis

der Euro-Länder. Ich habe 1999, als ich noch

im Finanzministerium war, in Brüssel gesagt,

wir brauchen eine gemeinsame Lohnpolitik

der Euro-Länder. Man hat mich aber nicht

verstanden.

Doch das Problem ist in erster Line ein

Problem Deutschlands, halten wir das mal

fest. Die anderen haben sich an Deutschland

angeglichen, an die zwei Prozent Lohnstückkostensteigerung,

die Deutschland bis 1990

immer hatte (vgl. S. 194, insb. Abb. 18). Und

als die anderen bei den zwei Prozent angekommen

waren, sind die deutschen auf Null

gegangen. Das war der entscheidende Fehler,

denn Null ist eben zu wenig. Wenn man in

Euro-Land ein Inflationsziel von zwei Prozent

hat, dann sind zwei Prozent Lohnstückkosten-


12 Interview mit Heiner Flassbeck

steigerung angemessen und nicht Null, d.h. die

Nominallöhne in jedem Land müssen sich an

der Produktivitätssteigerung des jeweiligen

Landes orientieren, plus zwei Prozent für die

europäische Zielinflation. Nur dann kann die

Währungsunion nach innen und nach außen

funktionieren. Diejenigen, die gegen diese

ungeschriebenen Regeln verstoßen haben, sind

eindeutig die Deutschen.

R.L.: Kann man sich eine koordinierte

Lohnpolitik in Euro-Land vorstellen? Ist das

realistisch?

H.F.: Warum nicht? Die anderen Länder

haben ja im Vorfeld der Euro-Union die Angleichung

der Lohnentwicklung an die zwei

Prozent Lohnstückkostensteigerung auch

geschafft – von fast zehn Prozent im Jahr 1980.

(Deutschland hatte damals etwa fünf Prozent.)

Wie sie das gemacht haben, daran erinnert sich

heute kaum noch jemand. Die Österreicher

haben es immer per Druck der Regierung gemacht,

die Regierung hat dafür gesorgt, dass

die Löhne genauso stiegen wie in Deutschland.

In Belgien haben sie es per Gesetz geregelt.

Wann immer die Löhne in Belgien ein Prozent

stärker stiegen als in Deutschland, durfte die

Regierung intervenieren und die Löhne auf das

deutsche Niveau drücken. Und die Franzosen

haben es auch geschafft, obwohl sie keine großen

zentralistischen Gewerkschaften und keine

Flächentarifverträge haben. Selbst die Italiener,

alle haben es geschafft, die Lohnstückkosten an

der Zielinflationsrate zu orientieren, was heißt,

dass sie faktisch eine produktivitätsorientierte

Lohnentwicklung verfolgt haben. Nur die

Deutschen sind nach unten abgewichen und

haben damit eine Dauerkrise im eigenen Land

und große Gefahren für die gesamte Euro-Zone

heraufbeschworen. Aber auch in Deutschland

ist diese Fehlentwicklung nicht vom Himmel

gefallen, sondern durch politischen Druck

zustande gekommen.

U.B.: Was sagen Sie zu dem Argument, dass die

Deutschen zu dieser Politik gezwungen wurden?

Durch den DM-Euro-Kurs, durch die Überbewertung

der Deutschen Mark bei der Festsetzung

des Euro-Kurses seien sie gezwungen gewesen,

eine unterdurchschnittliche Lohnentwicklung

anzustreben?

H.F.: Das ist vollkommen falsch. Das Argument

ist empirisch überhaupt nicht zu belegen;

im Gegenteil. Denn wenn es so wäre, dann

würden die Handelsströme nicht so laufen,

wie sie laufen. Wäre die Deutsche Mark bei

der Euro-Einführung überbewertet gewesen,

dann hätte Deutschland seit Beginn der Währungsunion

nicht seinen Leistungsbilanzsaldo

von Null auf einen Überschuss von heute 168

Mrd. Euro gesteigert, und Franzosen, Italiener

und Portugiesen wären nicht massiv ins Defizit

gerutscht. Die Spanier haben 100 Mrd. Euro

minus. Alle sind im Minus, nur Deutschland

macht im Außenhandel plus.

Die Deutsche Bundesbank hat eine interessante

Untersuchung durchgeführt, in der

sie zeigt, dass Deutschland aus der Gruppe

der EWU-Länder das einzige Land ist, das in

den letzten Jahren global keine Marktanteile

verloren hat (vgl. Monatsbericht Juni 2007). Alle

anderen haben massiv Marktanteile verloren.

Wäre Deutschland überbewertet gewesen,

hätte die Entwicklung genau umgekehrt laufen

müssen.

Viele Leute denken, es sei gut, Exportweltmeister

zu sein und ein Land mit einem

gewaltigen Überschuss in der Leistungsbilanz.

Das ist aber ein Irrtum. Denn erstens wurde dies

mit erheblichen Wachstumsbeschränkungen

und Arbeitsplatzverlusten im Binnenmarkt erkauft.

Und zweitens wird der Exportüberschuss

durch deutschen Kapitalexport finanziert. Zu

glauben, die defizitären Handelspartner würden

die damit verbundenen Gläubigerpositionen

jemals vollwertig einlösen, also ihre Schulden

auf Heller und Pfennig zurückzahlen, ist eine

gewaltige Illusion. In Wirklichkeit verschenken

wir gerade viele Güter. Die deutsche Unterbewertungsstrategie

kennt viele Verlierer, vor

allem unter den Arbeitnehmern und den auf

dem Binnenmarkt agierenden Unternehmen,

und nur wenige Gewinner.

R.L.: Sie zeigen in Ihrem Buch, dass es zu einer an

der Produktivität orientierten Lohnentwicklung

keine sinnvolle Alternative gibt. Produktivität,

Löhne und damit auch der private Verbrauch,

der Massenkonsum, müssen im gleichen Maße

steigen. Jede andere Regulierung führt zu Ungleichgewichten,

zu Arbeitslosigkeit, und unter-


Ursachen der langen Depression in Deutschland

gräbt die Funktionsfähigkeit der internationalen

Wirtschaftsprozesse. Das sieht so aus, als sei

diese Regulationsweise in jeder Marktwirtschaft

und für alle Zeiten die einzig mögliche.

Wir meinen hingegen, dass eine solche Regulationsweise

erst nach dem Zweiten Weltkrieg

entstanden ist. Vorher wuchsen die Investitionen

– und die Unternehmensgewinne – schneller als

der Konsum und die Löhne der Bevölkerungsmehrheit.

Der Konsum der lohnabhängigen

Bevölkerung wuchs zwar, aber nicht im Maße

der Produktivität, sondern im Durchschnitt

geringer. Im 19. Jahrhundert dominierte ein

Industrialisierungsszenario, d.h. die Produktivitätsentwicklung

wurde überwiegend in Form

wachsender Profite angeeignet und für den

Aufbau neuer Industrien verwendet, nicht für

steigenden Konsum der Lohnarbeiter. Und in

der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überwog

ein Akkumulationsregime, das Rosa Luxemburg

„äußere Landnahme“ nannte und das die Akkumulation

von Kapital in die Kriegswirtschaft

und die koloniale Expansion beinhaltete. Auch

hier dürften das Wachstum der Profite, der

Unternehmergewinne und Kapitaleinkommen

deutlich über dem der Arbeitereinkommen

gelegen haben.

Der „fordistische“ Kapitalismus, bei dem die

der Massenproduktion entsprechende Nachfrage

ganz überwiegend durch Lohnsteigerungen der

Arbeiter erzeugt wird und für den mit der Produktivität

gleichgewichtig steigende Arbeitslöhne

eine existenzielle Voraussetzung sind, entstand

erst während des Zweiten Weltkriegs in den

USA und wurde unter weltwirtschaftlicher

und politischer Dominanz der USA nach dem

Krieg in Europa und Japan etabliert, später

breitete er sich in Asien und Lateinamerika

weiter aus. Die von Ihnen beschriebene Lohnregel

galt also von etwa 1940 (in den USA) bis

Anfang der 1980er Jahre in den entwickelten

kapitalistischen Industrieländern und einigen

Schwellenländern. In den USA und in Großbritannien

gab es dann eine monetaristische

Pause, die etwa zehn Jahre dauerte. Seit den

1990er Jahren haben wir erst in den USA und

etwas später auch in Großbritannien wieder an

der Produktivität orientierte Lohnsteigerungen.

Anders in Deutschland. Hier gelang es in den

1980er Jahren nur eingeschränkt, mit der bis

13

dahin eingespielten Lohnregel zu brechen. Erst

in den 1990er Jahren – nach der deutschen

Einheit – gelang es, die Lohnentwicklung auf

die Inflationsrate zu drücken.

Warum meinen Sie, dass die Regel einer

produktivitätsorientierten Lohnentwicklung

auch in der Zukunft weiter oder wieder gelten

muss? Wäre es nicht denkbar, dass die Weltwirtschaft

über lange Zeit deutlich höhere

Investitionen benötigt: Zur Bewältigung der

globalen Herausforderungen wie des Klimawandels,

zum Aufbau eines neuen weltweiten

Energiesystems ohne CO 2 -Emissionen, zur

Versorgung einer wahrscheinlich auf 9,5 Mrd.

anwachsenden Weltbevölkerung, zur Bewältigung

von Wasser- und Nahrungsmangel? Dies

sind doch wirtschaftliche Herausforderungen,

die faktisch auf eine innovative und nachhaltige

Erneuerung des gesamten Kapitalstocks der

Menschheit hinauslaufen. Wäre dafür nicht

ein Entwicklungsmodus angemessen, der eher

dem der Industrialisierung ähnelt, bei dem also

der Konsum pro Kopf langsamer wächst als

die Produktivität, dafür aber die Investitionen

deutlich schneller? Vielleicht sind wir am Ende

der Konsumgesellschaft und am Beginn einer

neuen Investitionsgesellschaft? Der Konsum wird

weiter wachsen, schon weil die Weltbevölkerung

wächst. Aber vielleicht wird der Konsum pro

Kopf deutlich langsamer wachsen, wird sich

vielleicht eher qualitativ wandeln müssen. An

die Stelle wachsenden Konsums treten deutlich

wachsende Investitionen.

H.F.: Wir haben ja nicht gesagt, dass die

Investitionen nicht schneller wachsen dürfen

als die Löhne. Trotzdem ist es immer noch

richtig, dass zunächst die Löhne so wachsen

müssen wie die Produktivität, weil sonst auch

der Anreiz zum Investieren fehlt. Dass es in der

Geschichte einmal temporär anders gewesen

sein mag, ist kein Gegenbeweis. Soll jetzt aus

bestimmten Gründen mehr akkumuliert, der

Kapitalstock also ausgeweitet werden, kann man

eine Marktwirtschaft auch dann nicht einfach

vom Konsum befreien und auf Investitionen

umschalten. Das kann man theoretisch in

einer Planwirtschaft machen (auch da ist es

häufig gescheitert), in einer Marktwirtschaft

geht das nicht. Überproportionales Wachstum

der Investitionen ist möglich, aber es muss


14 Interview mit Heiner Flassbeck

im Kontakt bleiben mit dem Einkommen der

Menschen und deren Nachfrage, national wie

international. Und damit die Nachfrage der

Haushalte solche Investitionen rechtfertigt,

müssen zunächst mal deren Einkommen im

Maße der Produktivität wachsen.

In einer solchen Entwicklung kann man

ohne Weiteres überproportional steigende Investitionen

durch Kreditschöpfung finanzieren.

Jedenfalls kann man in einer Marktwirtschaft

überproportionales Wachstum der Investitionen

nur mit steigenden Masseneinkommen

erzielen. Wenn die Lohneinkommen zurückbleiben

und die Unternehmenseinkommen

überproportional steigen, funktioniert es

nicht mehr, wie wir in den letzten zehn Jahren

gesehen haben. Die Vorstellung, steigende Gewinne

aus Umverteilung von unten nach oben

würden zu steigenden Investitionen führen, ist

schlicht falsch.

R.L.: Das scheint doch aber plausibel. Wenn

man überproportional wachsende Investitionen

haben will, muss man dafür sorgen, dass die

Unternehmenseinkommen schneller steigen

als die Lohneinkommen. Dann wird weniger

konsumiert und mehr akkumuliert. Warum

funktioniert das nicht?

H.F.: Das funktioniert nicht, weil die Unternehmen

nicht einfach mehr investieren, wenn

sie mehr verdienen. Unternehmen investieren

nicht in Sachanlagen, wenn ihre Maschinen

und Anlagen nicht ausgelastet sind, ganz gleich,

wieviel Gewinne sie machen. Dann investieren

sie in Liechtenstein. Deshalb haben ja auch

Steuersenkungen nicht die erhoffte Wirkung

auf Wachstum und Beschäftigung.

Wir beobachten umgekehrt, dass die Investitionen

gerade in den Zeiten am höchsten waren,

in denen auch der Konsum stark gestiegen ist

– weil Masseneinkommen, Massennachfrage

und Gewinne im Gleichklang zulegten. Die

zentrale Lehre der letzten zehn Jahre besteht

darin, dass hohe Gewinne ohne wachsende

Nachfrage eben nicht zu mehr Investitionen

führen. Die Investitionen waren nie so niedrig

wie in den Jahren nach 1996, obwohl die

Unternehmenseinkommen in diesen Jahren

erheblich stärker gestiegen sind als die Löhne

und damit die Lohnquote gesunken ist.

U.B.: Eine letzte Frage: Eine Bedingung für die

Umsetzung Ihrer Vorschläge ist eine institutionelle

Neuverfassung der internationalen

Finanzmärkte, die die derzeitigen spekulativen

Eruptionen einschränkt. Denken Sie dabei an

ein System regulierter Wechselkurse?

H.F.: Ja, regulierte Wechselkurse.

R.L.: Ist so etwas bei den gegebenen Interessenkonstellationen

denkbar?

H.F.: Die Interessenkonstellationen sind gar

nicht so schwierig. Es gibt viele Bestrebungen,

die in diese Richtung gehen. Mit dem gegenwärtigen

Präsidenten der USA kann man das nicht

machen, aber vielleicht mit dem nächsten. Bill

Clinton war in dieser Frage durchaus offen.

R.L.: In welche Richtung könnte das gehen?

Tobinsteuer?

H.F.: Nein. Das muss gehen in Richtung

Steuerung der Wechselkurse. Ganz eindeutig.

Steuerung der Wechselkurse nach Kaufkraftparitäten.

Die Inflationsdifferenz muss über die

Entwicklung der Wechselkurse entscheiden,

der Markt bringt das nur mit viel zu großen

Verzögerungen und Verzerrungen zustande.

U.B.: Das wäre ein Währungskorridor. Aber

wie wird der gesteuert? Über eine Interventionspflicht

der Zentralbanken?

H.F.: Ja. Die Zentralbanken müssen intervenieren,

und eine monetäre Weltinstitution muss

darüber wachen. Dann wäre der allergrößte Teil

der Spekulationen raus aus den Weltmärkten,

und eine Tobinsteuer brauchen wir wahrscheinlich

gar nicht mehr. Die Tobinsteuer hilft gegen

die jetzige Art der Spekulation ohnehin nicht,

weil die Gewinnmargen der Spekulanten viel

zu groß sind.

R.L./U.B.: Vielen Dank für das Gespräch.


Berliner Debatte Initial 19 (2008) 4

Arne Heise

Erlebt Deutschland

ein neues Wirtschaftswunder?

Betrachtungen auf Grundlage der postkeynesianischen

Marktkonstellationsforschung *

Nach der Stagnation

das Wirtschaftswunder?

Lange Zeit stand es (scheinbar) schlecht

um den „Patienten Deutschland“: Nach fast

anderthalb Jahrzehnten der Stagnation war

die Arbeitslosigkeit hierzulande höher als

fast überall sonst in der Europäischen Union,

jedenfalls aber der Trend deutlich schlechter

als in weiten Teilen Europas und, vor allem,

als in den Ländern des liberalen Kapitalismus:

USA, Großbritannien, Irland oder auch

Neuseeland. Deutschland schien der große

Verlierer der mit dem Fall der Berliner Mauer

rasant zunehmenden Globalisierung und der

fortschreitenden europäischen Integration zu

sein. Erst die mit der Agenda 2010 eingeleitete

Erneuerung des „Modells Deutschland“ schien

die Bundesrepublik auf ihre Zukunft als Dienstleistungsökonomie

1 vorzubereiten und – nach

mehreren Steuersenkungen insbesondere für

Unternehmen und Spitzenverdiener – Deutschland

als Unternehmensstandort endlich wieder

attraktiv zu machen. Wenn die Menschen diese

Politik, zumindest als sozialdemokratische

Regierungspolitik und mit technokratischer

TINA-Rhetorik gepriesen, auch nicht recht

goutierten 2 , so reibt sich ein Mitverantwortlicher

– der heutige Außenminister und frühere

Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier

– doch nun öffentlich die Hände, indem er

den gegenwärtigen Wirtschaftsaufschwung als

zwangsläufiges Ergebnis der Agenda-Politik

reklamiert und ganz unbescheiden von einem

„neuen Wirtschaftswunder“ spricht. 3

Abbildung 1 zeigt zunächst einmal den

konjunkturellen Verlauf nach dem Einigungs-

15

boom Anfang der 1990er Jahre und die darauf

folgende Krise mit anschließend stagnativem

Verlauf, der die Arbeitslosigkeit zum Ende

der Kohl-Ära 1997 auf einen (negativen) Höhepunkt

trieb. Während der ersten Amtszeit

von Kanzler Schröder sank die Arbeitslosigkeit

zwar im Trend etwas, verblieb aber hoch und

begann nach der weltweiten Rezession Anfang

des neuen Jahrtausends wieder zu steigen.

Nach mehrjähriger rezessiver Phase sprang

dann 2006 tatsächlich der Konjunkturmotor

an, und die Arbeitslosigkeit begann zu sinken,

doch lässt sich hieraus sicher noch keine strukturell

veränderte Trendentwicklung ableiten,

die als „neues Wirtschaftswunder“ bezeichnet

werden könnte.

Obwohl der Begriff „Wirtschaftswunder“

nirgendwo definiert ist, kann er ohne große

Gefahr des Dissenses reserviert werden für die

Bezeichnung einer lang anhaltenden Phase wirtschaftlicher

Entwicklung von außergewöhnlicher

Dynamik. Das – sehr seltene – Auftreten

solcher Phasen kann mit der kriegsbedingten

Vernichtung von Kapitalbeständen und der folgenden,

besonders dynamischen Akkumulation

begründet sein, wie wir es nach dem Zweiten

Weltkrieg erlebt haben (vgl. Lindlar 1997: 61ff.),

es mag aber auch durch die Wirkung von Basisinnovationen

(Kondratieff-Zyklen) zu erklären

sein (vgl. Thomas/Nefiodow 1998). Denkbar

wäre allerdings auch die Reform des Institutionen-

und Regulationsgefüges, die „blockierte“

Marktentwicklungen strukturell befreit und

damit zu einer überzyklischen Wachstumsdynamik

beitragen kann (vgl. Olson 1982)

– angebots- und standortpolitische Konzepte

verweisen gewöhnlich auf diese Überlegungen.


16 Arne Heise

Zweifellos ist es letzterer Argumentationszusammenhang,

den Steinmeier allenfalls im Blick

gehabt haben kann und für sich reklamierte: die

angebotspolitischen Maßnahmen der Agenda-

2010-Politik als institutioneller Auslöser einer

neuen Wachstumsdynamik.

Selbstverständlich ist der zu überblickende

Zeitraum noch viel zu kurz, um in seriöser

Weise den Steinmeier’schen Anspruch beurteilen

zu können (wie er allerdings natürlich

auch viel zu kurz ist, um in seriöser Weise einen

derartigen Anspruch erheben zu können). Von

außergewöhnlicher Dynamik ist allerdings bislang

nichts zu erkennen, wie auch die zugrunde

liegende Einschätzung, es seien wesentlich institutionelle,

angebotsseitige Blockaden, die die

stagnative Phase begründeten, jüngst von einer

Reihe prominenter Ökonomen überzeugend

in Frage gestellt wurde, die vielmehr auf die

Mängel des makroökonomischen Governance

in Deutschland verwiesen(vgl. Schettkat/

Langkau 2007; Schettkat 2007; Howell 2005).

Hier kann und soll keine weitere Kritik der

angebotspolitischen Orientierung der Agenda

2010 geleistet, sondern stattdessen der postkeynesianische

Marktkonstellationsansatz (vgl.

Heise 2006a; Heise 2008b) daraufhin geprüft

werden, ob er eine Einschätzung der deutschen

Makropolitik ermöglicht und womöglich – wie

z.B. in Großbritannien (vgl. Balls/O’Donnell

6

5

4

3

2

1

0

-1

-2

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2002; Nachtwey/Heise 2006) – tatsächlich

Weichenstellungen für eine günstigere Wirtschafts-

und Beschäftigungsentwicklung aufzuzeigen

vermag.

Der Marktkonstellationsansatz

zur Erklärung langfristiger

Wirtschaftsperformanz

Es ist mittlerweile unbestritten, dass die institutionelle

und regulative Einbindung ökonomischer

Aktivitäten nicht nur die Allokation der

Produktionsfaktoren in einer Volkswirtschaft

beeinflusst, sondern auch auf die Wachstums-

und Beschäftigungsentwicklung systematisch

einwirken kann. Dies ist von besonderer Bedeutung

für eine theoretische Modellierung

ökonomischer Aktivitäten, die dauerhafte,

unfreiwillige Unterbeschäftigung (also eine

nicht nur temporäre Unterauslastung der

Produktionsfaktoren) erklären kann und in

welcher makroökonomische Interventionen

folglich nicht nur temporären (zyklisch stabilisierenden),

sondern dauerhaften Charakter

erhalten: den Postkeynesianismus. 4

Die auf dem Postkeynesianismus fußende

Theorie der Wirtschaftspolitik erklärt aber

nicht nur dauerhaften, makroökonomischen

Interventionsbedarf, sondern beschreibt eine

Abbildung 1: Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung im vereinten Deutschland

2000

2001

BIP ALQ

Rechte Skala für Arbeitslosenquote (ALQ), linke Skala für jährliche Veränderung des BIP in % (BIP); Angaben

für 2007: Schätzung

Quellen: Statistisches Bundesamt (ALQ); Sachverständigenrat (BIP)

2002

2003

2004

2005

2006

2007

14

13

12

11

10

9

8

7

6


Erlebt Deutschland ein neues Wirtschaftswunder?

Ergebniskontingenz, die den hydraulischen

und teleologischen Vorstellungen von Wirtschaftspolitik

sowohl des nicht mehr sehr

populären Standardkeynesianismus wie auch

des neoklassischen Mainstreams widerspricht:

Während hier der Interventionshintergrund

immer in einem partiellen bzw. temporären

Versagen der Märkte (oder auch nur eines

Marktes) gesehen wird, ist der Staat mit

seiner Intervention prozess- oder ordnungspolitischer

Art quasi ein den Marktakteuren

gegenüberstehender, „reparierender Dritter“. 5

In postkeynesianischer Betrachtung hingegen

zeigt staatlicher Interventionsbedarf nicht

unbedingt Marktversagen an, sondern ist der

politisch zu begründende Wunsch, durch

Marktteilnahme das Marktergebnis – also

zum Beispiel die Beschäftigungshöhe oder

auch die Einkommensverteilung – in einer

bestimmten Weise zu verändern. Wie jeder

andere Marktteilnehmer von entsprechender

ökonomischer Größe kann er dabei zwar sicher

die Marktergebnisse beeinflussen, doch bleibt

das Steuerungspotenzial begrenzt: Abhängig

von den Reaktionen der Marktakteure können

Mengen- oder Preisveränderungen oder

beliebige, schwer prognostizierbare Kombinationen

von Mengen- und Preisveränderungen

eintreten (vgl. Riese 1998: 28).

Das Zusammenspiel von individuellen und

kollektiven Marktakteuren auf der einen Seite

und dem staatlichen Akteur auf der anderen

Seite kann nun durch Institutionen und Regulierungen

vorhersehbarer und damit planbarer

gemacht werden. Gleichzeitig wird damit die

Steuerungsunschärfe reduziert. Spezifische Sets

an Institutionen und Regulierungen, in Verbindung

mit anhaltenden Marktbedingungen (z.B.

Sättigungsgrade oder Bewertungsvolatilitäten)

und Politikorientierungen, können dabei als

Marktkonstellationen bezeichnet werden. Diese

Marktkonstellationen können wachstums-

und beschäftigungsförderlicher oder auch

wachstums- und beschäftigungsfeindlicher

sein – je nachdem, wie sie die Erwartungen

über künftige gesamtwirtschaftliche Nachfrage

beeinflussen. Wirtschaftspolitik kann (reales)

Wirtschaftswachstum und Beschäftigung also

nicht direkt – teleologisch – steuern, sondern

nur dazu beitragen, eine Marktkonstellation

17

zu schaffen bzw. zu erhalten, die die Erwartungen

der Wirtschaftsakteure verstetigt und

die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hoch hält

(vgl. Heise 2006a; Heise 2008b: 85f.; Heine et

al. 2006):

– Sie muss eine verlässliche und verstetigte

Finanzpolitik betreiben, die den Anforderungen

eines Vollbeschäftigungspfades

unter Wahrung der Nachhaltigkeit gerecht

wird – dies gelingt am besten durch eine

am „Capital-Budgeting“ orientierte Regelbindung

(vgl. Heise 2007).

– Sie muss das Zeitinkonsistenzproblem

durch Gewährung der Zentralbankautonomie

lösen (und damit Vertrauen in

eine preisstabilitätsorientierte Geldpolitik

schaffen) und das entstehende Prinzipal-

Agenten-Problem durch eine Beschränkung

der Autonomie auf die Instrumenten- statt

der Zielautonomie minimieren.

– Sie muss die Marktbewertungsvolatilitäten

reduzieren helfen, indem sie durch institutionelle

Vorkehrungen zu einem stabilen

Wechselkursregime beiträgt und die Kollusions-

und Kooperationsbereitschaft der

Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter

(Korporatismus) fördert oder aber jedenfalls

nicht untergräbt.


Sie muss durch institutionelle Vorkehrungen

dazu beitragen, dass das durch die akteurielle

Trennung von Geld- und Finanzpolitik

entstehende Kooperationsproblem ebenso

minimiert wird, wie die Abstimmung der

staatlichen Politikträger (Regierung und

Zentralbank) mit der Lohnpolitik erst die

Grundlage für ein inflationsfreies Wachstum

auf Vollbeschäftigungsniveau ermöglicht.

Wie an anderer Stelle gezeigt wurde (vgl. Heise

1999: 177ff.), haben die mikroökonomisch ausgerichteten

Institutionen und Regulierungen

der Arbeitsbeziehungen (z.B. Kündigungsschutz-

und Partizipationsregeln) und des

Innovationssystems (z.B. das Forschungs-,

Aus- und Weiterbildungssystem) in erster Linie

Einfluss auf die Effizienz der eingesetzten

Produktionsfaktoren (also die Produktivitätsentwicklung),

während die makroökonomisch

orientierten Institutionen, Regulierungen und

Governance-Strukturen im oben genannten

Sinne wesentlich die Menge der eingesetzten


18 Arne Heise

Produktionsfaktoren beeinflussen und deshalb

bei der Betrachtung extensiven Wachstums und

der Beschäftigungsentwicklung von besonderer

Bedeutung sind.

Wenn mindestens ein kurz- bis mittelfristiger

Zusammenhang zwischen der Arbeitsmarktlage

und der Nominallohn- und Preisentwicklung

besteht, wie ihn die ursprüngliche

und die modifizierte Phillips-Kurve postulieren,

sowie gleichzeitig das finanz- und geldpolitische

Neutralitätspostulat als unrealistisch zurück-

Tabelle 1: Performanz-Mix in verschiedenen Marktkonstellationen

Lohnpolitik

zentralkorporatistisch

dezentral

Geldpolitik (und Finanzpolitik)

akkommodierend nicht-akkommodierend

Stackelberg-Führung

der Geldpolitik

ALQ: niedrig

INF: mittel

ALQ: mittel

INF: hoch

gewiesen wird 6 , dann kommt der Fähigkeit, die

verschiedenen makroökonomischen Politikbereiche

und deren handlungsautonome Akteure

zu koordinieren bzw. zur Kooperation zu animieren,

eine überragende Rolle zu. Wir wissen

(vgl. Nordhaus 1994; Heise 2001), dass der

gesamtwirtschaftlich günstigste Performanz-

Mix entsteht, wenn es zu einer Kooperation

von Zentralbank, Regierung und Tarifparteien

kommt (das sogenannte „kooperative

Nash-Gleichgewicht“), wobei die Zentralbank

wagemutig nichtwagemutig

Stackelberg-Führung

der Lohnpolitik

ALQ: ALQ:

niedrig mittel

INF: INF:

niedrig niedrig

nicht-kooperatives

Nash-Gleichgewicht

Soskice-Fall:

ALQ: mittel –

hoch

INF: mittel -

niedrig

Calmfors-Driffil-Fall:

ALQ: niedrig –

mittel

INF: niedrig –

Deflationar

kooperativ

Kooperatives

Nash-

Gleichgewicht

ALQ: niedrig

INF: niedrig

ALQ = Arbeitslosenquote; INF = Inflationsrate; weitere Erläuterungen in: Heise (2006a); Soskice-Fall: starke Gewerkschaften

auf betrieblicher Ebene („Local Pushfullness“; vgl. Soskice 1990); Calmfors-Driffil-Fall: schwache

Gewerkschaften auf betrieblicher Ebene (vgl. Calmfors/Drifill 1988)


Erlebt Deutschland ein neues Wirtschaftswunder?

hierbei durch Gewährung von Autonomie als

besonders preisstabilitätsorientiert („konservativ“)

angenommen und für die Regierung

unterstellt wird, dass sie die Nachhaltigkeit der

Finanzpolitik berücksichtigt (Tabelle 1).

Gelingt hingegen keinerlei Kooperation der

Makro-Akteure, dann schnappt die Rationalitätenfalle

zu, und es kommt, obwohl ein für

alle besserer Performanz-Mix möglich wäre, zu

höchster Arbeitslosigkeit (und entsprechend

geringstem Wachstum) bei gleichzeitig höherer

Inflation: das sogenannte „nicht-kooperative

Nash-Gleichgewicht“.

Kommt es zwar nicht zu einer expliziten

Kooperation, aber doch immerhin zu einer

Vorfestlegung des Verhaltens eines Akteurs

unabhängig vom Verhalten der anderen Akteure

(die sogenannte Stackelberg-Führerschaft;

vgl. Pusch 2007), dann sind Performanzen zu

erwarten, die zwar besser als im unkooperativen,

aber ungünstiger als im kooperativen

Fall (Nash-Gleichgewicht) ausfallen. 7 Die

Ergebnisse dieser so zu bestimmenden Marktkonstellationen

sind in Tabelle 1 festgehalten

und werden in Heise (2006a) und Heise (2008b)

detailliert beschrieben. Hier soll nur darauf

verwiesen werden, dass die 3-Akteure-Konstellation

in einem zweidimensionalen Raum

nicht adäquat abgebildet werden kann. Deshalb

ist die Finanzpolitik nicht explizit ausgewiesen,

sondern es wird unterstellt, dass sie die

Geldpolitik jeweils unterstützt und ggf. entlastet.

Im Falle der nicht-akkommodierenden

Geldpolitik ist zusätzlich die Unterscheidung

zwischen einer „wagemutigen“ und einer

„nicht-wagemutigen“ Zentralbank gemacht

worden. 8 Dahinter verbirgt sich die empirisch

gut gesicherte Erkenntnis, dass es Zentralbanken

gibt, deren Reaktion auf inflationäre und

deflationäre Entwicklungen symmetrisch ist

(„wagemutig“), während andere Zentralbanken

deutlich asymmetrisch reagieren – das heißt,

sie reagieren auf inflationäre Entwicklung sofort

restriktiv, beantworten hingegen deflationäre

Entwicklungen nicht mit entsprechend expansiver

Geldpolitik („nicht-wagemutig“).

Deutschlands Marktkonstellation

19

Neben der Beschreibung makropolitischer Regime

wird die Marktkonstellation Deutschlands

natürlich auch durch allgemeine (dauerhafte)

Marktmerkmale gekennzeichnet – wie die

hohe Wettbewerbsintensität und den hohen

Sättigungsgrad oder die seit der Einführung des

Euro realisierte Bewertungssicherheit (Wegfall

der Wechselkursunsicherheit) für ein erhebliches

Ausmaß deutscher Ex- und Importe.

Bei der weiteren Betrachtung der deutschen

Marktkonstellation kann es allerdings nur

darum gehen, jene von den makropolitischen

Akteuren direkt beeinflussten Institutionen

und Regulierungen bzw. Governance-Systeme

zu betrachten.

Es dürfte keinerlei Zweifel daran bestehen,

dass das für Deutschland zu konstatierende

geldpolitische Regime sowohl unter

Bundesbank- wie auch unter EZB-Ägide als

nicht-akkommodierend beschrieben werden

kann. Darunter ist eine ausgesprochene

Preisstabilitätsorientierung zu verstehen, die

deutlich allen anderen Zielsetzungen (wie der

Beschäftigungsstabilisierung) übergeordnet ist

und auch sehr glaubhaft durchgesetzt wurde

(vgl. Filc/Sandte 1998). Darüber hinaus dürfte

Dullien (2004) zuzustimmen sein, wenn er

Bundesbank und EZB als „nicht-wagemutig“

beschreibt – dies wird von zahlreichen Studien

(z.B. Bibow 2001; Bibow 2004) bestätigt. Ob

die dieser Strategie inhärente Asymmetrie auf

die weitreichende Ziel- und Instrumentenunabhängigkeit

der (Bundesbank und) EZB oder

das häufig kritisierte, ambivalente 2-Säulen-

Konzept der EZB zurückzuführen ist (vgl.

Heine/Herr 2004: 183), kann an dieser Stelle

offen bleiben. Jedenfalls ist eine grundlegende

Änderung des geldpolitischen Regimes für

Deutschland nicht in Sicht.

Das deutsche Tarifvertragssystem wird

gemeinhin als korporatistisch beschrieben:

Regional-sektorale Lohnverhandlungen werden

von starken Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden

auf nationaler Ebene koordiniert

– was zwar durchaus sektorale und regionale

Differenzierungen von unvermutetem Ausmaß

ermöglicht, aber einerseits einen deflationären

Lohnwettbewerb unterbindet, andererseits


20 Arne Heise

einen gesamtwirtschaftlichen Handlungsradius

und damit die Internalisierung externer Effekte

der Lohnpolitik ermöglicht. Im Ergebnis zeigt

sich eine preisstabilitätsorientierte Lohnmoderation,

die als stabile Vorfestlegung verstanden

werden kann und damit eine Stackelberg-Führerschaft

der Lohnpolitik markiert. Der anhaltende,

wenngleich noch moderate Rückgang

des Deckungsgrades der Kollektivverträge,

die zunehmende Organisationsschwäche der

Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände

sowie die durch Öffnungsklauseln ermöglichte

„Verbetrieblichung“ der Tarifpolitik zeigen allerdings

eine Tendenz in Richtung Dezentralität

an, die zwar gegenwärtig noch keine Revision

der obigen Einschätzung des deutschen

Kollektivvertragssytems als korporatistisch

bedeutet, aber langfristig eine Neubewertung

des Lohnregimes erfordern könnte.

Da die Geldpolitik aufgrund des fehlenden

Wagemutes die Stackelberg-Führerschaft der

Lohnpolitik nicht im Sinne einer besseren

Wachstums- und Beschäftigungsperformanz

6

4

2

0

-2

-4

-6

-8

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

nutzen kann, wären nicht-inflationäre, expansive

Impulse allenfalls von einer Finanzpolitik

zu erwarten, die der Beschäftigungsstabilisierung

hohe Priorität einräumt und sich

als „nachhaltig-expansiv“ beschreiben ließe

(vgl. Heise 2007). Ob die Diskretionarität

der Finanzpolitik, die das „keynesianische“

Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967

kodifiziert, als ein solches „nachhaltig-expansives“

Fiskalregime verstanden werden kann,

muss uns deshalb nicht weiter interessieren,

weil spätestens mit dem europäischen Stabilitäts-

und Wachstumspakt von 1997, schon

früher aber mit der Vorgabe der finanzpolitischen

Kriterien des Maastrichter Vertrags ab

1991 die Diskretionarität des Stabilitäts- und

Wachstumsgesetzes faktisch durch ein am

Null-Defizit orientiertes Regime ersetzt wurde.

Auch die zeitweilige Verletzung des Stabilitäts-

und Wachstumspaktes zwischen 2002

und 2005 kann nur sehr bedingt als Hinweis

dafür taugen, dass die Finanzpolitik de facto

expansiver ausgerichtet war, als es der de jure

Abbildung 2: Strukturelle Haushaltsdefizite in Deutschland, 1980–2004

93

StrucDef Outgap StrucDefCorr StrucDefUncorr

Anmerkungen: StrucDef = strukturelles Defizit der öffentlichen Haushaltes; StrucDefCorr = um die Vereinigungskosten

korrigiertes strukturelles Defizit; StrucDefUncorr = unkorrigiertes strukturelles Defizit; Output

gap = Differenz der tatsächlichen BIP-Entwicklung vom langjährigen Durchschnitt

Quelle: European Economy, Statistical Annex, Spring 2005

94

95

96

97

98

99

2000

2001

2002

2003

2004


Erlebt Deutschland ein neues Wirtschaftswunder?

gültige Rahmen es erlaubte, denn der Anstieg

des Haushaltsdefizits ist nicht etwa durch eine

diskretionäre Ausgabenerhöhung bedingt,

sondern durch strukturelle Einnahmeverluste

aufgrund mehrfacher Steuersenkungen und

das konjunkturelle „Spielen der automatischen

Stabilisatoren“.

Abbildung 2 zeigt das Null-Defizit-Regime

der Haushaltspolitik bereits seit Mitte der

1980er Jahre vor allem dann sehr deutlich, wenn

um die (Netto-)Vereinigungskosten ab 1990

(jährlich immerhin etwa drei bis vier Prozent

des BIP) bereinigt wird. Außerdem wird ein fast

durchgängig prozyklisches Handlungsmuster

erkennbar (vgl. Schettkat 2007: 744). Die mittelfristige

Haushaltsplanung von Finanzminister

Steinbrück, die bis 2010 einen ausgeglichenen

(Bundes-)Haushalt anstrebt, zeigt keinerlei Revision

des bisherigen finanzpolitischen Kurses

an. Die Einschätzung eines wohl spätestens seit

der Kohl’schen Wende Anfang der 1980er Jahre

restriktiven Fiskalregimes wird unterstrichen,

wenn wir auf die Entwicklung der öffentlichen

Investitionen blicken, die aufgrund ihres hohen

Multiplikatoreffektes als besonders beschäftigungs-

und wachstumswirksam angesehen

werden können (Abb. 3).

4

3,5

3

2,5

2

1,5

1

0,5

0

80

82

84

86

88

90

92

94

96

21

Mit Ausnahme einer kurzzeitigen Belebung

der öffentlichen Investitionstätigkeit im Zuge

der deutschen Vereinigung Anfang der 1990er

Jahre zeigt sich ein stetiger Rückgang der

öffentlichen Investitionsquote auf historische

Tiefstände (Abb. 3) – selbst die Projektion der

Investitionstätigkeit in den nächsten Jahren zeigt

keine tief greifende Trendwende an (wie sie

Großbritannien in der zweiten Amtszeit Tony

Blairs und nun unter Regierungschef Gordon

Brown zu erleben scheint), sondern allenfalls

eine Verstetigung auf niedrigem Niveau.

Schließlich sollte darauf verwiesen werden,

dass es in Deutschland keinerlei Institutionen

gibt, die eine Koordinierung der makroökonomischen

Politikbereiche ermöglichen. Im

Gegenteil: der entscheidende Akteur 9 – die

Deutsche Bundesbank – geht vom sogenannten

„Assignment-Modell“ der Wirtschaftspolitik

aus, wonach eine Koordinierung nur die Zuständigkeiten

verwischt und deshalb zugunsten

einer klaren Zuweisung („Assignment“) von

Akteuren und Zielen unterbleiben sollte (vgl.

EZB 1999; Hesse/Naujocks 1998). Die im

Stabilitäts- und Wachstumsgesetz für genau

diese Koordinierung vorgesehene Konzertier te

Aktion ist – u.a. deshalb – folgerichtig Anfang

Abbildung 3: Öffentliche Investitionsquote in Deutschland (und Großbritannien), 1980–2009

98

2000

Deutschland Großbritannien

Daten ab 2007 sind Projektionen; linke Skala: Deutschland; rechte Skala: Großbritannien

Quelle: European Economy, Statistical Annex, Spring 2007

2002

2004

2006

2008

3

2,5

2

1,5

1

0,5

0


22 Arne Heise

der 1970er Jahre faktisch gescheitert und seither

nicht mehr genutzt worden, das kurzzeitig

aktive „Bündnis für Arbeit“ kam vollständig

ohne die Geldpolitik aus und zeigt an, worum

es letztlich in beiden Institutionen vordringlich

ging: eine stabilitätsorientierte Einkommenspolitik

(vgl. Heise 2001: 144).

Insgesamt wird man die Marktkonstellation

Deutschlands also als Stackelberg-Führung der

Lohnpolitik bei nicht-wagemutiger Geld- und

restriktiver Finanzpolitik beschreiben müssen,

deren gesamtwirtschaftliches Ergebnis ein Mix

Tabelle 2: Marktkonstellation und Makro-Performanz in Deutschland,

Großbritannien und den USA

Kurzfristiger

Realzins

Strukturelles

Defizit*

Inflationsrate

(Konsum-deflator)

Stackelberg-Führung der

Lohnpolitik

Deutschland

1997-2005

(nicht-wagemutigeGeldpolitik;restriktiveFinanzpolitik)

Großbritannien

1997-2005

(nicht-wagemutige

Geldpolitik;

expansive Finanzpolitik)

aus gehemmter Wachstumsentwicklung bei

mittlerer Arbeitslosigkeit und hoher Preisstabilität

ist – oder anders ausgedrückt: Die

stagnative Wirtschaftsentwicklung über weite

Phasen der 1980er und 1990er Jahre ist kein

zufälliges Ergebnis verschiedener exogener

Faktoren (die Globalisierung beispielsweise)

oder einer Überregulierung der (vor allem

Arbeits-)Märkte geschuldet, sondern Ausdruck

einer Marktkonstellation, die systematisch

Wachstums- und Beschäftigungspotenzial

verschenkt.

Kooperatives

Nash-Gleichgewicht

USA

1997-2005

2,5 2,9 1,8 4,7

+ 0,5 -1,0 -1,3 -2,5

1,3 1,4 1,9 7,0

BIP-Wachstum 1,6 2,6 3,2 1,8

ALQ 8,9 5,5 5,0 9,4

* für Deutschland korrigiert um die Einigungskosten

Quellen: European Economy, Statistical Annex, Spring 2007; European Economy, No. 60 (1995)

Nicht-kooperatives

Nash-

Gleichgewicht

Großbritannien

1979–1992

(Soskice-Fall)


Erlebt Deutschland ein neues Wirtschaftswunder?

Die unterdurchschnittliche Wachstums-

und Arbeitsmarktperformanz in Deutschland

wird deutlich, wenn sie z.B. mit den Marktkonstellationen

und Entwicklungen in Großbritannien

und den USA verglichen wird (vgl.

Tabelle 2). In den USA scheint eine implizite,

gelegentlich auch als ‚spontane‘ Koordinierung

bezeichnete Marktkonstellation entstanden zu

sein, in der eine expansive Geld- und Finanzpolitik

bei dezentraler, moderater Lohnpolitik

(die sogenannte „traumatized workers“-Hypothese)

ein weitgehend inflationsfreies, hohes

Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum

zumindest unterstützte und, nach dem weltweiten

Konjunktureinbruch 2001/02 erst

ermöglichte (vgl. Setterfield 2006). Allerdings

verweisen zahlreiche Autoren auch aufgrund

der mangelnden Institutionalisierung dieser

Marktkonstellation auf deren Zufälligkeit und

Kontingenz sowie die Gefahr einer immanenten

Instabilität (insbesondere eine schwer zu

stoppende Deflation) im Falle anhaltender

negativer Schocks (vgl. Blinder/Yellen 2001;

Pollin 2003). Diese Gefahr wird auch für

Großbritannien gesehen (vgl. Glyn 2005),

insbesondere dann, wenn die ursprüngliche

Stärke der Gewerkschaften auf betrieblicher

Ebene (der so genannte Soskice-Fall) weiter

schwindet. Dennoch ist Großbritanniens

Marktkonstellation nach der Übernahme der

Regierungsverantwortung durch New Labour

im Jahre 1997 und der Etablierung eines neuen

makroökonomischen Governance-Systems

(vgl. Balls/O’Donnell 2002; Heise 2008b: 119f.)

deutlich wachstums- und beschäftigungsfreundlicher

als die deutsche Marktkonstellation.

Und der Vergleich mit der früheren, von

den Tory-Regierungen unter Margret Thatcher

und John Major durchgesetzten Marktkonstellation

(vgl. Toynbee/Walker 2005: 126ff.) – die

als nicht-kooperatives Nash-Gleichgewicht bei

dezentraler, betrieblicher Lohnfindung mit

starken Betriebsgewerkschaften verstanden

werden kann – zeigt auch, dass institutionelle

Reformen 10 sehr wohl dazu beitragen können,

einen höheren Wachstumspfad bei anhaltend

verbesserter Beschäftigungsperformanz einzuschlagen.

Quo vadis, Deutschland?

23

Die Hoffnung, dass Wirtschaftspolitik – sei es

mittels mikroökonomischer, ordnungspolitischer

oder makroökonomischer, prozesspolitischer

Eingriffe – das Wirtschaftsgeschehen

nach Belieben (oder besser: nach gesellschaftlichen

Zielen) steuern könnte, ist nicht erst seit

der Ära der Globalisierung eklatant geschwunden.

Die beschränkte Steuerungsfähigkeit

zuzugestehen, heißt aber nicht, dass einem

„Laissez-faire“ – also einer weitgehenden wirtschaftspolitischen

Zurückhaltung – das Wort

geredet werden muss. Viel zu viele „Realexperimente“

zeigen gleichermaßen, dass einerseits

Makropolitik auch in Zeiten der Globalisierung

auf nationaler Ebene noch wirkungsmächtig ist

und, andererseits, häufig mit Zeit- und Wirkungsverzögerungen

(lags) und Unfähigkeit

oder Interessenverknüpfung zu kämpfen hat. 11

Deshalb sollte sich die Wirtschaftspolitik auf

regelgebundene Interventionen konzentrieren,

statt diskretionär eingreifen zu wollen.

Für eine Einschätzung langfristiger Wirtschaftsentwicklungen,

soweit sie durch wirtschaftspolitisches

Handeln beeinflusst sind,

bietet der postkeynesianische Marktkonstellationsansatz

eine gute, zunehmend empirisch

gesättigte Grundlage. 12 Danach aber ist

Deutschland weiterhin auf keinem guten Weg,

die lang anhaltende, stagnative Phase der letzten

Jahre zu überwinden. Selbstverständlich ist die

langfristige Wirtschaftsentwicklung, auf die

hier Bezug genommen wird, überlagert von

konjunkturellen Schwankungen, die auch mit

Jahren besserer Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung

verbunden sein werden. Bei

gehemmter Binnenwirtschaft werden solche

Auf-, aber auch Abschwünge in besonderem

Maße von außenwirtschaftlichen Entwicklungen

bestimmt, die sich weitgehend der

nationalen Wirtschaftspolitik entziehen. Aber

auch Ersatzinvestitionszyklen durchbrechen

stagnative Phasen immer wieder – wo beides

zusammenkommt, kann schon der Eindruck

einer neuen Wachstumsphase entstehen, der

von den politisch Verantwortlichen leicht als

‚neues Wirtschaftswunder‘ überhöht werden

kann. Doch wenn die eigentliche Marktkonstellation

keine institutionell abgesicherte


24 Arne Heise

Veränderung erfahren hat, wird sich dies als

Illusion oder, wenn gezielt eingesetzt, als Ideologie

herausstellen.

Gegenwärtig spricht nichts dafür, dass sich

die deutsche Marktkonstellation in wachstums-

und beschäftigungsfördernder Weise

verändert hat; vielmehr ist die zunehmende

Dezentralisierung der Tarifpolitik dazu angetan,

die Internalisierungsfähigkeit des deutschen

Kollektivvertragssystems zu untergraben. Die

weitgehende Fokussierung der beschäftigungspolitischen

Debatte auf mikroökonomisch

begründete Deregulierung der Arbeitsmärkte

hat hier leider schlechte Dienste geleistet.

Stattdessen sollten Institutionen geschaffen

bzw. besser genutzt werden, die großen

makroökonomischen Politikbereiche besser

aufeinander abzustimmen. Da die Geldpolitik

mittlerweile vollständig europäisiert ist und

auch die Finanzpolitik starken Restriktionen

durch den europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt

unterliegt, muss die Schaffung einer

besseren Marktkonstellation konsequenter

Weise auf europäischer Ebene erfolgen – mit

dem makroökonomischen Dialog im Rahmen

des sogenannten ‚Kölner Prozesses‘ ist dafür

zwar die institutionelle Hülle geschaffen, allein

es fehlt gegenwärtig der politische Wille zur

Nutzung dieser Institution.

Aber die deutsche Wirtschaftspolitik muss

sich nicht darauf beschränken – allerdings

sollte sie dies viel intensiver als in der jüngeren

Vergangenheit tun! –, das europäische Governance-System

in mittlerer Frist zu verbessern,

es bleiben auch nationale Gestaltungsspielräume.

Und gerade weil die EZB ihre Geldpolitik

nicht ausschließlich und in erster Linie an der

Finanzpolitik der Bundesrepublik ausrichtet,

dürfte die deutsche Finanzpolitik einiges an

expansivem Interventionsspielraum haben 13

– gleichermaßen im Rahmen einer Nachhaltigkeitsstrategie

wie auch vor dem Hintergrund der

Vermeidung eines Konfliktes (nicht-kooperatives

Nash-Gleichgewicht) mit der Geldpolitik:

Zumindest wie im Falle Großbritanniens seit

1997 dürfte die deutsche Finanzpolitik heute

ohne Gefahr einer geldpolitischen Sanktionierung

durch die EZB (und damit durchaus anders

als zu Zeiten der Bundesbank, die lediglich auf

die Preisentwicklung in Deutschland und die

deutschen Akteure blickte) die Möglichkeit

besitzen, eine „nachhaltig-expansive“ Ausrichtung

einzunehmen – dies ließe sowohl

der revidierte Stabilitäts- und Wachstumspakt

zu, wie es auch ökonomisch funktional wäre.

Doch auch hier fehlen noch die Einsicht und

der politische Wille.

Anmerkungen

* Mein Dank für wertvolle Hinweise geht an Toralf

Pusch. Alle verbleibenden Fehler gehen allein zu

meinen Lasten.

1 Die Agenda-2010-Politik floss wesentlich in die „Gesetze

für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“

(sogenannte Hartz I–IV-Gesetze) ein.

2 Es dürfte weitgehend außer Frage stehen, dass die für

die SPD 2005 verlorene Bundestagswahl wie auch die

vorher und nachher teilweise dramatischen Zustimmungsverluste

bei Landtagswahlen wesentlich auf die

Agenda-2010-Politik zurückzuführen sind.

3 So in einem SPIEGEL-Interview vom 09.07.2007.

Steinmeier sieht das 3. Wirtschaftswunder aufziehen,

nach dem 1. Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit

und dem 2. Wirtschaftswunder der Wiedervereinigung

(sic!).

4 Zwar stellt der Postkeynesianismus keine kohärente

Theorieschule dar, doch lassen sich einige gemeinsame

Merkmale identifizieren: Betonung der Unsicherheit

gegenüber dem stochastischen Risiko; Betonung der

Bedeutung des Geldes als Verbindungsstück zwischen

Gegenwart und Zukunft; Zurückweisung des „Walras-

Gesetzes“ der Märkte; Endogenität der Geldmenge;

vgl. u.a. Davidson (1994); Palley (1996).

5 Weshalb ja gelegentlich auch das Bild vom Staat als

Reparaturbetrieb gebraucht wird.

6 Dies hat jüngst der amerikanische Nobelpreisträger

George Akerlof (2007) überzeugend getan und damit

das ‚Ende der Nach-Keynes-Ära‘ markiert.

7 Ob kooperative Politikergebnisse den nicht-kooperativen

Ergebnissen vorgezogen werden, hängt einerseits

davon ab, wie die Nutzenfunktionen der Akteure aussehen

(eine ausschließlich auf Preisstabilität orientierte

Zentralbank beispielsweise kann von Kooperation oder

auch Stackelberg-Führerschaft nicht profitieren), und

ob der Nutzen der Makroakteure oder die Wohlfahrt

der Gesellschaft (bei Prinzipal-Agenten-Problemen)

betrachtet wird.

8 Die Benennung ist Dullien (2004) entlehnt, die grundlegenden

Überlegungen sind aber auch an anderer

Stelle angestellt worden (vgl. z.B. Palley 1999) und

firmieren gelegentlich unter der Metapher „Testing

the Waters“ (vgl. Pusch 2007). An dieser Stelle muss

darauf hingewiesen werden, dass es im Falle einer

nicht-wagemutigen Zentralbank den Tarifparteien

u.U. nicht gelingt, ihre Lohnpolitik zu optimieren. In

diesem Falle wäre es fraglich, ob die Bezeichnung „Stackelberg-Führerschaft“

noch korrekt wäre. Dennoch

möchte ich diesen Sonderfall der Einfachheit halber

weiter unter „Stackelberg-Führerschaft“ firmieren

lassen.


Erlebt Deutschland ein neues Wirtschaftswunder?

9 Die Bundesbank kann einerseits deshalb als entscheidend

angenommen werden, weil sich die anderen

Akteure – Regierung und Tarifparteien – strategisch

auf die Zentralbank beziehen, andererseits deshalb, weil

die autonome Zentralbank letztlich ihre Vorstellungen

von angemessener aggregierter Nachfrage durchsetzen

kann.

10 In Großbritannien waren es das Zugeständnis der

Instrumenten-Unabhängigkeit an die Bank of England

und die Verabschiedung einer glaubwürdigen „New

Fiscal Architecture“, die eine „golden rule“-Finanzpolitik

implementierten. Da bereits die Tory-Regierung

1992 faktisch (aber eben nicht de jure) der Bank of

England die Instrumenten-Unabhängigkeit zugestand

und damit die Phase extrem nicht-kooperativer Geldpolitik

(als Ausdruck der Suche nach Glaubwürdigkeit)

beendete, endete auch die als nicht-kooperatives

Nash-Gleichgewicht bezeichnete Marktkonstellation

in Großbritannien 1992.

11 In Heise (2006b) zeige ich jene Verteilungsinteressen

auf, die mittels einer „Stabilitätspolitik“ (einseitige

Fixierung der Geldpolitik auf Preisstabilisierung,

einseitige Fixierung der Finanzpolitik auf Haushaltskonsolidierung

als Benchmarks „vernünftiger“ Wirtschaftspolitik)

durchgesetzt werden können und, je

nach Verteilungskultur und Arbeitsmarktinstitutionen

verschieden, auch durchgesetzt wurden.

12 Neben der bereits zitierten Literatur sei u.a. auf Fritsche

at al. (2004) oder Sauer et al. (2007) verwiesen.

13 In der Logik des hier vorgestellten Ansatzes wäre es

natürlich zusätzlich sinnvoll, in einem erneuerten

„Bündnis für Arbeit“ zumindest eine Kooperation

zwischen der Finanzpolitik der Regierung und der

Lohnpolitik der Tarifparteien zu institutionalisieren,

die dann als „Stackelberg-Führung der Lohn- und

Finanzpolitik“ aufzufassen wäre – eine ähnlich günstige

Marktkonstellation hat es jahrzehntelang in Österreich

gegeben; sie erklärt die gute Beschäftigungsentwicklung

in unserem Nachbarland; vgl. Heise 2008b: 63ff.

Literatur

Akerlof. G.A.: The Missing Motivation in Macroeconomics;

in: American Economic Review 97 (2007) 1,

101-124

Balls, E./ O’Donnell, G.: Reforming Britain’s Economic and

Financial Policy. Towards greater economic stability,

Houndsmill 2002

Bibow, J.: Making EMU work: some lessons from the

1990s; in: International Review of Applied Economics

15 (2001), 233-259

Bibow, J.: Assessing the ECB’s Performance since the Global

Slow-down: A Structural Policy Bias Coming Home

to Roost? The Levy Economics Institute Working

Paper No. 409, 2004

Blinder, A.S./ Yellen, J.L.: The Fabulous Decade. Macroeconomic

Lessons from the 1990s, New York 2001

Calmfors, L./ Driffil, J.: Bargaining structure, corporatism

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Zyklus und Trend

Karl Georg Zinn

Der Konjunkturaufschwung 2006/07

Zur kurz- und langfristigen Perspektive

der Wirtschaftsentwicklung aus Keynes’scher Sicht

Konjunkturprognosen sind ungenau. Das

ist unvermeidlich. Denn einerseits sollen sie

nicht nur eine grobe Richtungsangabe des

Konjunkturverlaufs geben, sondern auch

die Wachstumsraten von Investitionen und

Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Beschäftigungseffekte,

die Veränderung des Preisniveaus

und dergleichen Indikatoren möglichst

präzise quantifizieren, andererseits treten in

jedem Konjunkturzyklus unvorhersehbare

Zufallsereignisse auf. Sie verursachen Abweichungen

zwischen den tatsächlichen und den

prognostizierten Daten. Auch im laufenden

Zyklus machten sich wieder solche Sondereinflüsse

geltend. Als markantestes Ereignis

dieser Art sticht die vom US-amerikanischen

Hypothekenmarkt ausgehende Schockwelle

hervor, deren Folgen noch 2008 und 2009 zu

spüren sein werden. Im Unterschied zu reinen

Börsen- und Finanzmarktkrisen, die gegebenenfalls

zentralbankpolitisch aufgefangen werden

können, betrifft die US-Hypothekenkrise

unmittelbar einen realwirtschaftlichen Bereich,

nämlich die amerikanische Bauindustrie und

Teile der privaten Haushalte, also der Konsumenten.

Die im Herbst 2007 von verschiedenen

Institutionen (unter anderem von den am

Gemeinschaftsgutachten beteiligten Instituten

und vom Internationalen Währungsfonds)

gegebene vorsichtige Entwarnung mag ihrer

psychologischen Wirkung halber legitim erscheinen,

aber solche Beruhigung steht der

wirtschaftspolitischen Vorsorge gegen einen

erneuten Crash eher entgegen. Die Stimmung

in den Unternehmen drehte bereits im Sommer

27

2007 in Richtung Pessimismus (Handelsblatt

2007a), und nach einer vorübergehenden Stimmungsverbesserung

in den ersten Monaten des

neuen Jahres wurden seit Mai 2008 ausgeprägte

Rezessionserwartungen deutlich.

Wenn von „Zufallseinflüssen“ die Rede ist,

so sollte jedoch zwischen zwei Typen unterschieden

werden, nämlich den prinzipiell nicht

vorhersehbaren Ereignissen (etwa eine große

Naturkatastrophe) und solchen Ereignissen,

die sich seit längerem vorbereiteten, deren

Eintrittszeitpunkt und Wirkungsstärke jedoch

unsicher sind. Zum letztgenannten Typus

gehört beispielsweise der Abwertungsdruck

auf die US-amerikanische Währung, die infolge

der seit mehr als 20 Jahren defizitären

US-Leistungsbilanz längst unter Abwertungsverdacht

steht – eine tickende Zeitbombe, die

irgendwann birst.

Trotz der gerade erläuterten Vorbehalte zur

Prognoseunsicherheit kann konstatiert werden,

dass die Aufschwungphase des laufenden Zyklus

im Spätsommer 2007 zu Ende ging; die gesamtwirtschaftlichen

Wachstumsraten werden

2008 und 2009 sinken und dann wahrscheinlich

wieder unter die Beschäftigungsschwelle

fallen. Falls vom Winter 2008/09 an noch

weitere negative Sondereffekte eintreten, ist

sogar ein abrupter Absturz in eine Rezession

zu erwarten. Trotz aller Unsicherheiten bei

den (kurzfristigen) Konjunkturprognosen sind

jedoch zwei recht zuverlässig vorhersagbare

und äußerst wichtige Charaktermerkmale aller

Konjunkturzyklen festzuhalten:

Erstens halten sich Konjunkturbewegungen

seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts in den

relativ engen zeitlichen Grenzen von drei bis


28 Karl Georg Zinn

fünf Jahren. Deutlich längere Zyklen stellen

Ausnahmen dar, die dann auch durch besondere

Ursachen zu erklären sind (beispielsweise durch

zentralbankpolitische Zinsdämpfungen und

Geldmengenvermehrungen wie in den USA

während der New-Economy-Spekulation in

den 1990er Jahren). Der jüngste Konjunkturzyklus

hatte 2004 mit dem Wiederanstieg der

Ausrüstungsinvestitionen begonnen, sodass

sich der Zyklus kaum über 2008/09 hinaus

erstrecken wird.

Zweitens bewegen sich Aufschwung und

Abschwung eines Konjunkturzyklus um den

längerfristigen (Wachstums-)Trend, und der

wird nicht durch die kurzfristigen Konjunkturwellen

gebrochen, sondern gründet sich auf

überzyklisch wirksame „Wachstumskräfte“. Die

Konjunkturzyklen verursachen nicht den Trend,

sondern bilden ihn sozusagen nur ab.

Beschäftigungswachstum –

nur eine Fata Morgana?

Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bleibt in

Deutschland seit Jahren hinter den Produktionsmöglichkeiten,

also dem Angebotspotenzial

der Volkswirtschaft zurück. Dies zeigt sich

auch an der im internationalen Vergleich

hervorstechenden Produktionslücke. Der

Rückgang der offiziellen Arbeitslosenquote

seit 2006 maskiert die im Trend nach wie vor

abnehmende Beschäftigung, wenn sie in geleisteten

Arbeitsstunden (= Arbeitsvolumen)

gemessen wird: 1991 betrug das deutsche

Arbeitsvolumen 59,8 Mrd. Arbeitsstunden;

2007, im Jahr des Konjunkturaufschwungs,

waren es nur noch etwa 57 Mrd. (Frankfurter

Rundschau 2007a), was zwar gegenüber 2005

(55,7 Mrd. Arbeitsstunden) eine Zunahme

darstellt, aber keinesfalls schon eine Korrektur

des langfristigen Trends bedeutet. Die Tatsache,

dass die Arbeitslosenquote 2007 und 2008 wieder

sank und auch der Arbeitsmarkt von der

Konjunkturbelebung erfasst wurde (die Zahl

der Beschäftigungsverhältnisse erreichte seit

Herbst 2007 40 Mio.), kann nicht als grundsätzliche

Wende verstanden werden. Dass die

Arbeitslosenquote auch nach Überschreiten

des Höhepunktes des laufenden Zyklus weiter

abnahm, erklärt sich aus der Regelmäßigkeit

zeitlich verzögerter Reaktion der Beschäftigung

im Konjunkturzyklus. Abgesehen von der demografisch

bedingten Abnahme der neu auf

den Arbeitsmarkt drängenden Erwerbspersonen,

wurde das im Trend gesunkene Arbeitsvolumen

einerseits auf mehr Arbeitnehmer

verteilt (Aufspaltung von Vollzeitstellen und

Anstieg der geringfügigen Beschäftigung).

Andererseits erfolgten konjunkturbedingte

Neueinstellungen, von denen aber am Ende

des Konjunkturzyklus etliche wieder verloren

gehen werden. Selbstverständlich ist auch eine

nur temporäre Zunahme der Beschäftigung

zu begrüßen, soweit es sich um Arbeitsplätze

handelt, die angemessene Bezahlung und würdige

Arbeitsbedingungen aufweisen. Doch das

ist keineswegs durchgehend der Fall. Vielmehr

liegen die Arbeitseinkommen von fast 700.000

Vollzeitbeschäftigten auf einem so niedrigen

Niveau, dass sie durch Transferzahlungen aufgestockt

werden müssen. Die niedrig bezahlte,

prekäre Beschäftigung hat weiter zugenommen,

die Tariflohnentwicklung hinkt in Deutschland

hinter der der Handelspartner hinterher, und

daher sind auch die relativen Lohnstückkosten

Deutschlands gegenüber den anderen Euro-

Ländern in den vergangenen Jahren um neun

Prozent gesunken (Dullien/Fritsche 2007:

352f.). Dies entspricht einer Absenkung des

realen Wechselkurses, was selbstverständlich

die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher

Exporteure begünstigte. Doch diese

Exportförderung durch Lohnzurückhaltung

hat fatale Folgen. Erstens verhindert sie den

dringend notwendigen Anstieg der binnenwirtschaftlichen

Massenkaufkraft. Zweitens

belasten die deutschen Ausfuhrüberschüsse

(= positiver Außenbeitrag) Wachstum und

Beschäftigung der Handelspartner. Drittens

ergeben sich permanente Wohlstandsverluste

für die deutschen Arbeitnehmer, denn es ist

unter Wohlstandsaspekten ein Verlustgeschäft,

wenn eine Volkswirtschaft Jahr für Jahr mehr

produziert als verbraucht, somit „unter ihren

Verhältnissen lebt“ und den Überschuss in Form

von Exporten dem Ausland überlässt. Viertens

geriet der deutsche „Exportweltmeister“ in

eine bedenkliche strukturelle Abhängigkeit

von der konjunkturellen Entwicklung der


Der Konjunkturaufschwung 2006/07

Handelspartner. Und fünftens schließlich

schwächen die Niedriglöhne den Druck auf

die Unternehmen, sich um Innovationen zu

bemühen, da es ihnen die relativ günstigen

Arbeitskosten leicht machen, gegenüber den

ausländischen Konkurrenten preislich wettbewerbsfähig

zu bleiben. 1

Überzogener Optimismus

Die positiven Beschäftigungseffekte des Konjunkturaufschwungs

verdanken sich keiner

nachfragepolitisch angestoßenen Belebung, sondern

der Nachfrageschub resultierte aus dem

Exportwachstum und den dadurch induzierten

Investitionen. Die Abwertung des US-Dollars

wird daher mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung

die deutsche Wirtschaft besonders hart

treffen. Der Beitrag der Beschäftigungspolitik

fiel bescheiden aus. Im Jahr 2006 wurden zwar

kleinere nachfragepolitische Impulse gesetzt,

die vor allem der seit Jahren lahmenden Bauindustrie

zugute kamen (unter anderem verbilligte

Kredite der bundeseigenen Kreditanstalt für

Wiederaufbau für das Programm Wohnen,

Umwelt, Wachstum), aber das Schwergewicht

staatlicher „Beschäftigungspolitik“ lag auf dem

durch die Agenda 2010 erheblich gesteigerten

Druck auf die Arbeitslosen, Niedriglohnbeschäftigung

und prekäre Arbeitsverhältnisse

zu akzeptieren. Wesentlich mehr Konsumentenkaufkraft

entsteht dadurch nicht, denn

bisherige Lohnersatzleistungen werden durch

Erwerbseinkommen substituiert, die keine markante

Steigerung der Kaufkraft bringen. Zwar

sinken die Ausgaben der Bundesagentur für

Arbeit, und sie erzielt Einnahmeüberschüsse,

aber wenn und solange diese gehortet, also

nicht ausgabewirksam verwendet werden,

bleibt der gesamtwirtschaftliche Nachfrageeffekt

schwach. Entgegen den ursprünglichen

29

Prognosen führte der konjunkturelle Aufwärtsprozess

nicht zu einem breiten Konsumschub,

sodass das größte Nachfrageaggregat, der

Privatkonsum (59,2 Prozent des deutschen

BIP 2005), den Konjunkturaufschwung bisher

kaum unterstützt oder ihn gar im Sinne eines

binnenwirtschaftlich fundierten Wachstums

tragen würde. Der reale Einzelhandelsumsatz

stagniert. Im September 2007 fiel der Konsumklima-Index

wieder unter die Vormonatswerte.

Die Einkommenserwartungen verschlechterten

sich, die Sparquote stieg im Verlauf des Jahres

2007, und die Anschaffungsneigung fiel sogar

unter den Mehrjahresdurchschnitt (Handelsblatt

2007b). Die Konsumzurückhaltung

korrespondiert mit der anhaltenden Umverteilung

von unten nach oben (DIW 13/2007):

Der Abwärtstrend der gesamtwirtschaftlichen

Lohnquote, das heißt des Anteils der Arbeitnehmerentgelte

am Volkseinkommen, hielt an;

sie fiel von 71,9 Prozent 2000 auf 65,6 Prozent

2006. Entsprechend stark nahm der Anteil

des Einkommens aus Unternehmertätigkeit

und Vermögen zu; von 27,8 Prozent 2000 auf

34,3 Prozent 2006. Während der Jahre 2004

bis 2006, also in der Aufschwungphase des

konjunkturellen Zyklus, zeigte sich erneut, wie

extrem die Einkommensentwicklung zwischen

abhängig Beschäftigten und den Beziehern von

Unternehmer- und Vermögenseinkommen

auseinanderliefen (Tabelle 1).

Die Zukunftsperspektiven der „Normalverdiener“

– von den einkommensschwachen

Familien ganz zu schweigen – sehen trotz der

etwas günstigeren Tariflohnabschlüsse 2007

immer noch trübe aus und werden von den

Konsumenten so auch wahrgenommen. Die

Mehrwertsteuererhöhung zum 1. Januar 2007

um drei Prozent, die laufenden Energiepreissteigerungen,

deren Ende nicht abzusehen ist,

die Abwälzung von Gesundheitskosten auf die

Patienten und dergleichen akute und drohende

Tabelle 1: Entwicklung der Einkommen, jährliche Veränderungen in Prozent

Einkommensart / Jahr 2004 2005 2006 2007

Arbeitnehmerentgelt +0,4 -0,6 +1,7 +2,8

Unternehmens- und Vermögenseinkommen +13,4 +5,9 +7,2 +6,9

Quelle: Deutsche Bundesbank, Monatsbericht, September 2007: 61*; März 2008: 61*


30 Karl Georg Zinn

Belastungen der Masseneinkommen erhöhen

die Zukunftsangst und führen zu risikobewussterem

Konsumverhalten der Menschen.

Diese wären unvernünftig und leichtsinnig,

würden sie unter solchen Voraussetzungen

ihre Konsumzurückhaltung aufgeben, selbst

wenn ihre aktuelle Einkommenssituation dies

erlaubte. Größere Anschaffungen waren in

einem Umfang von ca. 20 Mrd. Euro (DIW

2007: 611) wegen der im Voraus bekannten

Mehrwertsteuererhöhung auf 2006 vorgezogen

worden; unter anderem kam es deshalb 2007

zu einem deutlichen Rückgang der Neuwagenverkäufe

auf dem deutschen Pkw-Markt,

und der Privatkonsum trug 2007 nichts zum

Wachstum bei. Wie erwähnt, wurde 2007 von

den Privathaushalten relativ mehr gespart,

was anhaltende Zukunftsunsicherheit signalisiert.

Die aktuellen Konjunkturprognosen

der Wirtschaftsforschungsinstitute für 2008

erscheinen viel zu optimistisch, weil sie auf der

Erwartung basieren, dass 2008 nicht nur eine

Konsumbelebung eintrete, sondern diese das

gesamtwirtschaftliche Wachstum sogar tragen

werde. Der Gleichklang der Institute in diesem

Punkt mag überraschen. Er erschwert es aber

auch, skeptischeren Konjunkturbeurteilungen

Aufmerksamkeit zu verschaffen, zumal

nicht nur die von der Bundesregierung für

das „Gemeinschaftsgutachten“ ausgewählten

Institute den privaten Konsum für 2008 als

starken Konjunkturmotor einschätzen, sondern

dies auch vom Deutschen Institut für

Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, das am

Gemeinschaftsgutachten nicht beteiligt war,

ähnlich gesehen wird. 2 Es ist zwar im Sinn

eines „Nachholeffekts“, wieder mit leichtem

Wachstum des Privatverbrauchs zu rechnen,

aber es ist äußerst unwahrscheinlich, dass

sich dies als dauerhafte Wachstumsstütze

erweisen wird.

Das Wachstum der staatlichen Konsumausgaben

blieb ebenfalls sehr zurückhaltend

und überstieg weder vor noch während der

Konjunkturbelebung die 1,5-Prozent-Marke.

Auch die staatliche Investitionstätigkeit setzte

ihren rückläufigen Trend fort. Die Lücke

zwischen dem für die Zukunftssicherung

notwendigen und dem tatsächlichen Niveau

der Infrastrukturinvestitionen wurde noch

vergrößert. Der Anteil der Staatsausgaben

am BIP sank von 48,5 Prozent 2003 auf 45,6

Prozent 2006, sodass trotz der öffentlichen

Defizite von Seiten des Staates kein merklicher

Beitrag zur Überwindung der binnenwirtschaftlichen

Nachfrageschwäche kam und somit die

Finanzpolitik auch nichts zum gesamtwirtschaftlichen

Wachstum beitrug. Das Gegenteil

zeichnet sich sogar ab: Das konjunkturbedingt

gestiegene Steueraufkommen soll für die

Haushaltskonsolidierung genutzt werden, wodurch

das staatliche Ausgabenwachstum unter

dem gesamtwirtschaftlichen liegen wird. Die

Staatsquote wird noch weiter absinken, und die

verheerende Vernachlässigung der öffentlichen

Zukunftsinvestitionen wird fortdauern. Die

deutsche Steuer- und Abgabenquote (2006:

35,7 Prozent des BIP) bewegt sich unterhalb

des Durchschnitts der OECD-Länder (2006:

36,2 Prozent) und ist weit entfernt von der der

skandinavischen Wohlfahrtsstaaten (Schweden

2006: 50,1 Prozent). Es gibt also erheblichen

Spielraum für Umverteilung privaten Reichtums

in den Not leidenden öffentlichen Bereich

(Frankfurter Rundschau 2007b).

Die Konjunkturerklärung von Keynes

John Maynard Keynes erhebt zwar nicht den

Anspruch, eine eigene, völlig neue Konjunkturerklärung

zu geben, sondern er knüpft an

bereits vorliegende konjunkturtheoretische

Erkenntnisse an, aber er verbindet diese mit

zentralen Einsichten aus der Allgemeinen

Theorie. Insofern ist es berechtigt, von einem

spezifisch Keynes’schen Konjunkturverständnis

zu sprechen. Er ist sich durchaus bewusst,

dass jeder Konjunkturzyklus einer Vielzahl

von Einflussfaktoren unterliegt. Doch als

den Hauptfaktor, der den konjunkturellen

Kernprozess jedes Zyklus trägt, identifiziert

Keynes die Investitionsneigung. Damit muss

eine realitätstüchtige Konjunkturtheorie das

Zustandekommen der Investitionstätigkeit

ins Zentrum der Konjunkturerklärung rücken.

Für Keynes steht außer Zweifel, dass die Gewinnerwartung

der Investoren, die sogenannte

„Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals“, das

Investitionsgeschehen sowohl im Aufschwung


Der Konjunkturaufschwung 2006/07

als auch im Abschwung im Wesentlichen

bestimmt. In den Gewinnerwartungen verdichten

sich die unternehmerischen Einschätzungen

der künftigen Kostenentwicklung, der

steuerlichen Belastungen, vor allem aber der

Absatzaussichten, also der Erlöse. Erwartungen

sind zukunftsbezogen, und in ihnen widerspiegeln

sich sowohl die empirischen Befunde zur

gegebenen Wirtschaftslage, zu (technischen)

Innovationsmöglichkeiten und dergleichen

relativ zuverlässigen Daten als auch subjektive

Einschätzungen, Stimmungen, spekulative

Absichten, also psychologische Momente.

Diese Konstellation, in der das psychologische

Moment der Zukunftsunsicherheit eine zentrale

Bestimmungsgröße der Investitionstätigkeit

darstellt, bewirkt einen quasi asymmetrischen

Verlauf der Konjunkturbewegung: Es kann

relativ lange dauern, bis sich die Gewinnerwartungen

wieder so weit erholt haben, dass

es zu einem Aufschwung kommt, das heißt,

der Wechsel von eher pessimistischen zu

optimistischen Zukunftserwartungen gleicht

einem langsamen Aufstieg. Im Gegensatz

dazu tritt der Umschlag von optimistischen

zu pessimistischen Gewinnerwartungen in

der Regel abrupt ein, gleich einem Sturz,

sodass dann auch ein sehr rascher konjunktureller

Niedergang folgt. Diese Asymmetrie

von Aufschwung und Abschwung zeigte sich

auch in den jüngeren Konjunkturzyklen (das

abrupte Ende der New Economy zu Beginn des

Jahrzehnts ist noch in frischer Erinnerung).

Wir dürfen also mit Keynes auch heute noch

konstatieren, dass „die Erscheinung der Krise,

[…] die Ablösung einer Aufwärts- durch eine

Abwärtstendenz oft plötzlich und heftig eintritt,

während es in der Regel keinen solchen scharfen

Wendepunkt gibt, wenn eine Abwärts- in

eine Aufwärtstendenz abgelöst wird“ (Keynes

1936/2006: 266).

Im Gegensatz zu den „monetären Konjunkturtheorien“,

die Veränderungen der Geldmenge

und damit verbundene Zinsschwankungen

für die entscheidenden Konjunkturursachen

halten, betont Keynes, dass Geldmenge und

Zins zwar gewisse konjunkturbildende Einflüsse

ausüben, aber nicht entscheidend für die

Investitionstätigkeit sind. 3 Bei optimistischen

Erwartungen (hohe Grenzleistungsfähigkeit

31

des Kapitals) wird selbst eine relativ starke

Zinserhöhung die Investitionen kaum bremsen,

während bei schlechten Absatz- und

Gewinnerwartungen (niedrige Grenzleistungsfähigkeit

des Kapitals) niedrige Zinsen die

Investitionsneigung kaum stimulieren werden.

Eine solche Situation konnte in Japan während

der 1990er Jahre und auch noch zu Beginn des

neuen Jahrhunderts beobachtet werden; der

japanische Zentralbankzins lag real praktisch

bei Null, ohne dass dies zu einem Investitionsaufschwung

geführt hätte: „… es ist nicht so

leicht, die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals

zu beleben, die nun einmal durch die unkontrollierbare

und unbotmäßige Psychologie der

Geschäftswelt bestimmt wird“ (ebd.: 268).

Liegt die Investitionstätigkeit des Privatsektors

zu niedrig, um Vollbeschäftigung zu

gewährleisten – und diese Situation stellt aus

Keynes’scher Sicht den Regelfall unter Laissezfaire-Bedingungen

dar –, ist es notwendig,

den privaten und öffentlichen Verbrauch bzw.

Konsum zu steigern: „Wenn es unmöglich ist,

die Investitionen wesentlich zu vermehren,

gibt es offensichtlich kein anderes Mittel als

einen zunehmenden Verbrauch, um ein höheres

Niveau der Beschäftigung zu sichern“

(ebd.: 275).

Keynes sieht sich durchaus im Einklang mit

den unterkonsumtheoretischen Analysen der

Arbeitslosigkeit und hält diesen nur entgegen,

dass „sie vielleicht ein wenig zu viel Gewicht

auf einen zunehmenden Verbrauch in einer

Zeit legen, in der aus vermehrten Investitionen

immer noch ein großer gesellschaftlicher Vorteil

zu erzielen wäre. […] Mich selber beeindrucken

die großen gesellschaftlichen (! – Verf.) Vorteile

einer Vermehrung des Bestandes an Kapital,

bis es aufhört, knapp zu sein“ (ebd.).

Diese Feststellung von Keynes trifft vorzüglich

die gegenwärtige Situation in den USA.

Dort verfällt die Infrastruktur (New Orleans

ist repräsentativ für das ganze Land; vgl. Klein

2007: 570 ff., passim), das öffentliche Bildungssystem

wurde mehr und mehr vernachlässigt

(um der Privatisierung den Weg zu ebnen),

Steuereinnahmen werden für unproduktive

Zwecke (Krieg, innenpolitische Überwachung,

Heimatschutz und dergleichen „Transaktionskosten“)

an die Privatwirtschaft geschleust, und


32 Karl Georg Zinn

die Sparquote der privaten Haushalte bewegt

sich auf einem historischen Tiefstand. Keynes

bezweifelt, dass in den hoch entwickelten

kapitalistischen Volkswirtschaften überhaupt

ein zur Vollbeschäftigung zurückführendes

privatwirtschaftliches Investitionsvolumen

möglich sei. Daher sein Plädoyer für ein „sozial

gesteuertes Investitionsvolumen“. 4

Der ethische Aspekt

der Nachfragepolitik

Die Keynes’sche Krisendiagnose mündet in

der Empfehlung, „Nachfragepolitik“ einzusetzen,

um Vollbeschäftigung herzustellen.

Jede Nachfrageerhöhung bewirkt Wachstum

und hat Beschäftigungseffekte. Das gilt für

Butter und Kanonen. Doch gerade deshalb

kommt es bei der Nachfragepolitik darauf an,

was wächst und welche Bedürfnisse vorrangig

befriedigt werden müssten/sollten. Grundsätzlich

bieten sich alle Nachfrageaggregate

– privater Konsum, private Investitionen,

Staatsausgaben und der Export(-überschuss)

beziehungsweise der Außenbeitrag – als Ansatzpunkte

für nachfragepolitische Maßnahmen

an. Produktion und Beschäftigung sind

jedoch keine eigenständigen Ziele, sondern

sollten dem gesellschaftlichen Wohlstand dienen

bzw. im Sinn der „Glücks ökonomie“ das

Zufriedenheits niveau der Gesellschaft anheben

(Zinn 2008a). Nachfragepolitik sollte daher

bei der Auswahl ihrer Ansatzpunkte berücksichtigen,

welche Art von Nachfragesteigerung

dem Allgemeinwohl am besten dient. Vom

moralischen Standpunkt aus gesehen liegt es

auf der Hand, dass solche Entscheidungen nicht

engen Partikularinteressen dienen, also auch

nicht der neoliberalen Maxime „Profite haben

Vorrang“ folgen dürfen, sondern gesamtgesellschaftlicher

Verantwortung genügen müssen.

Praktisch kann das nur ein demokratisches und

von „corruption“ unverdorbenes Staatswesen

gewährleisten. Dies heißt aber, dass die Politik

der Privatisierung, der Deregulierung, der

Selbstverstümmelung staatlicher Wirtschaftsregelung,

des schrittweisen Rückzugs der

öffentlichen Hände aus ihrer Verantwortung

für das Wohl der Allgemeinheit immer weiter

fort von der Keynes’schen Beschäftigungs- und

Wohlstandspolitik führt.

Der Ausdruck „Nachfragepolitik“ ist eine

durchaus zutreffende Kurzformel für die

Keynes’sche Therapie des Beschäftigungsproblems.

Nachfragepolitik scheint der „Angebotspolitik“

diametral gegenüberzustehen. Doch

diese Entgegensetzung verkürzt und verzerrt

die Sache. Denn Keynes’ Plädoyer für staatliche

Nachfragepolitik impliziert unter anderem eine

Ausweitung der öffentlichen Investitionen, also

Ausgaben für die materielle und immaterielle

Infrastruktur, die im Sinn von Zukunftsvorsorge

die unabdingbare Grundlage für die Leistungsfähigkeit

der Gesamtwirtschaft bilden; und

zwar gilt das sowohl für kapitalistische als auch

für nichtkapitalistische Wirtschaftssysteme.

Die neoliberale Angebotspolitik ist eine auf

Kapitalinteressen eingeengte Version angebotspolitischen

Handelns. Daher bekämpft

sie staatliche Zukunftsvorsorge auf breiter

Front und will möglichst viele der bisherigen

öffentlichen Leistungen privatwirtschaftlichen

Gewinninteressen unterwerfen. Der Neoliberalismus

bagatellisiert oder verschweigt die

von ihm bewirkten „Kollateralschäden“, und

umso mehr streicht er den tatsächlichen oder

auch nur vermeintlichen „Kollateralnutzen“

des Marktradikalismus heraus. Doch neu ist

dieses propagandistische Manövrieren mit

Halbwahrheiten keineswegs. Vor mehr als

80 Jahren brachte Keynes dies schon auf den

Punkt: „Diese Methode stellt die Kosten des

Kampfes selbst nicht in Rechnung, sondern hat

nur die Vorteile des Endresultats im Auge, die

man für dauernde hält. Ihr zufolge besteht das

Lebensziel darin, die obersten Blätter von den

Zweigen abzugrasen, und der beste Weg, dieses

Ziel zu erreichen, ist der, wenn man zulässt,

daß die Giraffen mit den längsten Hälsen die

Giraffen mit kürzeren Hälsen aushungern“

(Keynes 1926b: 106).

Trotz der neoliberalistischen Maxime „privat

ist besser als staatlich“ fungiert der Staat

im neoliberalen Gesellschaftsmodell nach

wie vor als Steuereintreiber – zugunsten der

privatwirtschaftlichen Anbieter, die lukrative

Staatsaufträge einheimsen; man denke etwa an

die US-amerikanischen Rüstungskonzerne und

den expandierenden Bereich gewinnwirtschaft-


Der Konjunkturaufschwung 2006/07

lich betriebener „Sicherheitsdienste“, also der

modernen Söldnerheere (hierzu ausführlich:

Klein 2007: 391ff.). Staatliche Rüstungsausgaben

und deren Finanzierung mittels Krediten

scheinen sich auf den ersten Blick in das nachfragepolitische

Konzept von Keynes einfügen

zu lassen, und es ist ja auch üblich, vom USamerikanischen

„Rüstungskeynesianismus“ zu

sprechen. Doch in solchem Keynes-Verständnis

widerspiegelt sich die verstümperte Keynes-

Rezeption, sei sie durch schlichte Unkenntnis

bzw. Ignoranz gegenüber dem Keynes’schen

Gesamtwerk bedingt oder durch böswillige,

ideologische Fehldeutung verursacht. Keynes

war sich zwar bewusst, dass seine Theorie und

die nachfragepolitisch ansetzende Wachstums-

und Beschäftigungspolitik missbraucht und von

seinen sozialethischen Maximen abgetrennt

werden können, dass Verschwendung produktiver

Kräfte und Ressourcen für Vernichtungsgüter

und unsinnigen Luxuskonsum, ja

sogar eindeutige Fehlinvestitionen temporär

Wachstum und Beschäftigung steigern; doch

gerade deshalb betonte er, dass Wachstum und

Beschäftigung keinen Selbstzweck darstellen.

Vielmehr sind sie als Mittel zur Steigerung

des gesellschaftlichen Wohlstandes bzw. des

Allgemeinwohls zu begreifen. Nicht irgendeine

Nachfrage, nicht Konsum jedweder Art ist

erwünscht, sondern „vernünftiger“ Konsum.

Doch was bedeutet „vernünftig“ in diesem

Zusammenhang? Keynes’ Antwort ist lapidar

einfach: marktwirtschaftlich befriedigte Konsumnachfrage,

wie sie sich bei gleichmäßiger

bzw. sozial gerechter Verteilung ergibt. Die

Verteilungsfrage verbindet wirtschafts-, speziell

beschäftigungstheoretische Überlegungen mit

sozialethischen Wertvorstellungen. Für Keynes

sind sie zwei Seiten derselben Medaille. Darin

unterscheidet sich der „Moralphilosoph“

Keynes von seinen „positivistischen“ Gegnern,

die die untergründigen Wertvorstellungen in

ihren Lehrsätzen mit vermeintlicher Werturteilsfreiheit

maskieren (Zinn 2008b). Keynes

kämpfte mit offenem Visier. Er präsentierte

seine Theorie immer auch als Instrument, um

Vollbeschäftigung und sozialethisch akzeptable

Verhältnisse herzustellen. Anders als die Neoklassik

und ihr ideologischer Abkömmling, der

Neoliberalismus, haben Keynes und zumindest

33

die „linken“ Keynesianer sich nicht hinter

einer pseudoneutralen Maske „wertfreier“

Wirtschaftswissenschaft versteckt, um die

Adressaten ihrer Botschaft über ihre wahren

Absichten zu täuschen. Schon Jahre vor dem

weltwirtschaftlichen Zusammenbruch in der

Großen Depression (1929–1933) hatte Keynes

die fundamentalen theoretischen Mängel des

marktbesessenen Laissez-faire kritisiert und

sich – wie er damals bemerkte – „in die Höhle

des schlafenden Ungeheuers gewagt“ (Keynes

1926b: 110), um vor den wirtschaftlichen

und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen

zu warnen, die von der an der klassischen

Orthodoxie orientierten Wirtschaftspolitik

verschuldet würden. Im Februar 1926 spitzte

Keynes in einem kurzen Vortrag zum Thema

Liberalism and Labour seine Vorstellungen

über die anstehenden politischen Probleme

der Menschheit auf drei Punkte zu: effiziente

Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit und individuelle

Freiheit. 5 Diese Maximen sind für ihn, den

Wirtschaftstheoretiker der Vollbeschäftigung,

bis an sein Lebensende verpflichtend gewesen

und bestimmen bis heute den „moralischen

Geist“ des Keynesianismus.

Populäre Fehldeutung

des Keynesianismus

Keynes’sche Politik auf das Konzept antizyklischer

Defizitpolitik einzuschrumpfen und

Keynes vorzuwerfen, seine Theorie beschränke

sich auf kurzfristige, konjunkturelle Probleme,

beruht auf Unkenntnis und ideologischer

Verkürzung. Antizyklische Defizitpolitik,

also staatliche Kreditaufnahme für konjunkturpolitische

Ausgabenerhöhungen, stellt für

Keynes nur eine Notfallmaßnahme dar, wenn

es zu einer unerwarteten Krise kommt oder

aber – wie leider meist der Fall – versäumt

wurde, die gesamtwirtschaftliche Investitionstätigkeit

auf dem Vollbeschäftigungsniveau

zu stabilisieren. Vorrang gebührt jedoch der

langfristigen und kontinuierlichen Stabilisierung

des Vollbeschäftigungsniveaus mittels

eines gesamtwirtschaftlichen Investitionsbudgets.

Dies bedeutet makroökonomische

Investitionsplanung – eine Horrorvorstellung


34 Karl Georg Zinn

für Neoliberale. Die gesamtwirtschaftliche

Stabilisierungsaufgabe – so Keynes – lasse

sich nur in Kooperation von Staat und privaten

Investoren erfüllen. Keynes plädierte in diesem

Sinn für eine „somewhat comprehensive socialisation

of investment“ (Collected Writings,

Vol. 9: 378 6 ), womit die Vorauskoordination

von öffentlichen und privaten Investitionen

und nicht die eigentumsrechtliche Verstaatlichung

von Unternehmen gemeint war (Keynes

1936/2007: 319).

Keynes’ Überlegungen zur Rolle des Staates

in modernen kapitalistischen Volkswirtschaften

und zur staatlichen Verantwortung

für Vollbeschäftigung und Wohlstand finden

sich nicht nur in vielen seiner Vorträge und

Aufsätze, und zwar schon in denen aus den

1920er Jahren (Zinn 2008b), sondern werden

auch im letzten Kapitel der Allgemeinen Theorie,

die als sein Hauptwerk gilt, dargelegt. 7

Die „revolutionären“ Gedanken, die dort unter

der Überschrift „Schlussbetrachtungen über

die Sozialphilosophie, zu der die Allgemeine

Theorie führen könnte“ geäußert wurden,

blieben selbstverständlich nicht unbekannt,

aber die Keynes-Gegner hatten verständliche

Gründe, die Keynes’sche Vision nicht durch

lautstarke Kritik bekannter zu machen, und

unter den Missionaren der Allgemeinen Theorie

gab es nur wenige „Vollblutkeynesianer“; die

Mehrzahl der Anhänger von Keynes zeigte sich

lange Zeit mit der als „neoklassische Synthese“

bekannten Entschärfung der Keynes’schen

Botschaft zufrieden.

Die Verkürzung und Verzerrung der

Keynes’schen Theorie begann schon relativ

früh – kurz nach Erscheinen der Allgemeinen

Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des

Geldes (Keynes 1936/2006).

Ein Jahr nach Erscheinen der Allgemeinen

Theorie, der wirtschaftstheoretischen Epochenschrift

des vergangenen Jahrhunderts,

veröffentlichte einer der renommierten englischen

Neoklassiker, John Richard Hicks, unter

dem Titel Herr Keynes und die „Klassiker“.

Ein Interpretationsvorschlag (Hicks 1937)

einen kurzen Aufsatz über Keynes’ Buch, der

nicht nur in die Theoriegeschichte des Faches

einging, sondern die Lehrbuchdarstellungen

der Keynes’schen Theorie für die folgenden

Jahrzehnte bestimmte. Hicks vereinnahmte

sozusagen die Keynes’sche Theorie für die

Neoklassik. Während Keynes begründete,

warum Arbeitslosigkeit den Normalfall eines

Laissez-faire-Systems darstellt, wird in jener

„neoklassischen Synthese“ (Joan Robinson

nannte das „Bastard-Keynesianismus“; Barraclough

sprach vom „Vulgärkeynesianismus“)

die „Keynes’sche Arbeitslosigkeit“ zu einem

möglichen Spezialfall verharmlost. Immerhin

konzedierten die Anhänger der neoklassischen

Synthese, insbesondere ihr US-amerikanischer

Popularisator Paul Anthony Samuelson in

seinem für die Keynes-Rezeption im westlichen

Nachkriegsdeutschland einflussreichen

Lehrbuch, dass gesamtwirtschaftliche Aktivitätsschwankungen,

d.h. die konjunkturellen

Rezessionen, durch kreditfinanzierte staatliche

Ausgabenvariationen erheblich gemildert werden

könnten; zeitweilig war die ökonomische

Profession mehrheitlich sogar der Meinung,

dass die Zeit der Konjunkturschwankungen

dank der Keynes’schen antizyklischen Defizitpolitik

überwunden wäre. Insofern bestand

Konsens, dass Keynes mit seiner Feststellung

recht hatte, dass unter Laissez-faire-Bedingungen

große Konjunktur- und damit Beschäftigungsschwankungen

unvermeidlich sind: „In

Zuständen des laissez-faire kann sich daher die

Vermeidung großer Schwankungen in der Beschäftigung

ohne eine weitgehende Änderung

der Psychologie der Investmentmärkte, die zu

erwarten wir keinen Grund haben, als unmöglich

erweisen. Ich folgere, daß die Aufgabe, den

laufenden Umfang der Investitionen zu regeln,

nicht ohne Gefahr in privaten Händen gelassen

werden kann.“ (Keynes 1936/2006: 217)

Doch mit der Konzession, die die „neoklassische

Synthese“ gegenüber der Keynes’schen

Theorie bedeutete, wurden dem Tiger die Zähne

gezogen. Weder findet in jener „Synthese“ Keynes’

Hauptanliegen Platz, die gesamtwirtschaftliche

Investitionstätigkeit auf dem Vollbeschäftigungsniveau

zu stabilisieren und die Spar- bzw.

Konsumquote durch einkommenspolitische

Maßnahmen (zugunsten gleichmäßigerer

Verteilung) mit dem Vollbeschäftigungsziel in

Einklang zu bringen, noch wird auch nur andeutungsweise

Keynes’ Langfristprognose zum

unvermeidlichen Wachstumsrückgang infolge


Der Konjunkturaufschwung 2006/07

nachlassender Konsumdynamik (Stagnationstheorie)

Aufmerksamkeit gezollt (vgl. Reuter

2000; Zinn 1994). Vor dem Hintergrund des

gerade skizzierten, verkürzten und insbesondere

für die heutige Situation ganz unzulänglichen

Verständnisses der Keynes’schen Theorie würde

selbst ein Schwenk der Wirtschaftspolitik in

Richtung dieses popularisierten „Keynesianismus“

zwar das kleinere Übel gegenüber der

neoliberalistischen Angebotspolitik darstellen,

aber die tiefer liegenden Ursachen der Massenarbeitslosigkeit

auch nicht bewältigen.

Anmerkungen

1 Über die Innovationsmisere deutscher (Groß-)Unternehmen

wird seit Langem geklagt. Sie ließen

sich immer wieder Chancen entgehen, verfügbare

Forschungsergebnisse in neue Produkte und Verfahren

zu transformieren. Einen der bekanntesten Fälle

stellt das Faxgerät dar, das Ende der 1970er Jahre

in Deutschland patentiert wurde; doch die äußerst

gewinnbringende Innovation damit realisierten Japaner.

Jüngst wurde ausführlich über die „ökologische“

Innovationsfähigkeit der japanischen Kfz-Industrie

(Hybrid-Fahrzeuge) berichtet, wohingegen die deutschen

Automobilfirmen noch zu sehr auf „stärker,

schneller, größer“ setzen – mit entsprechend hohem

Kraftstoffverbrauch und ungünstigen Abgaswerten. Es

versteht sich, dass „Tempo 130“ nicht zu einer solchen

Produktphilosophie passt.

2 „Die deutsche Volkswirtschaft zeigt sich in der zweiten

Jahreshälfte 2007 ungeachtet der jüngsten Turbulenzen

auf einigen Finanzmärkten in einer konjunkturell robusten

Verfassung. Neben einem insgesamt günstigen

weltwirtschaftlichen Umfeld trägt dazu die Stärkung

der Binnennachfrage wesentlich bei, die im Vorjahr den

Außenhandel als wichtigste Triebfeder des Wachstums

abgelöst hat. […] Während in diesem Jahr die Unternehmensinvestitionen

besonders kräftig zulegen, wird

2008 die private Konsumnachfrage zur dominanten

Schubkraft für die weitere Expansion.“ (DIW 2007:

608) Sehr viel verhaltener klingt dann schon die Beurteilung

für die weitere Zukunft: „Am aktuellen Rand

bestätigt der aus den Daten bis einschließlich Juli 2007

berechnete Indikator die vom ECRI [= Economic Cycle

Research Institute – Verf.] vertretene Einschätzung,

nach der Deutschland im Laufe des Jahres in eine Phase

abgeschwächten Wirtschaftswachstums einschwenkt.

Die hohen Wachstumsraten im Jahr 2006 werden im

weiteren Verlauf nicht wieder erreicht. Keine Antwort

geben die Indikatoren auf die Frage, wie stark die

Wachstumsabschwächung ausfallen und wie lange

sie anhalten wird“ (ebd.: 610).

3 „Wir haben uns nun in der Erklärung der ‚Krise‘ daran

gewöhnt, die Tendenz des Zinssatzes zu steigen unter

35

dem Einfluß der vermehrten Nachfrage nach Geld

sowohl für den Handel als auch für die Spekulation

hervorzuheben. Zu gewissen Zeiten mag dieser Faktor

sicherlich eine verschärfende Rolle spielen und

gelegentlich vielleicht den Anstoß geben. Aber ich

behaupte, daß eine typischere und oft vorherrschende

Erklärung der Krise nicht primär eine Erhöhung des

Zinssatzes, sondern ein plötzlicher Zusammenbruch

der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals ist“ (Keynes

1936/2007: 267).

4 „Überdies würde ich ohne weiteres zugeben, daß das

weiseste Verfahren wäre, auf beiden Fronten gleichzeitig

vorzugehen. Während ich ein sozial gesteuertes

Investitionsvolumen anstrebe (im Hinblick auf die

fortschreitende Abnahme in der Grenzleistungsfähigkeit

des Kapitals), würde ich gleichzeitig alle Arten

der Politik unterstützen, die die Konsumneigung

vermehren.“ (Keynes 1936/2007: 275).

5 “The political problem of mankind is to combine

three things: economic efficiency, social justice, and

individual liberty. The first needs criticism, precaution,

and technical knowledge; the second an unselfish and

enthusiastic spirit, which loves the ordinary man; the

third tolerance, breadth, appreciation of the excellencies

of variety and independence, which prefers, above

everything, to give unhindered opportunity to the

exceptional and to the aspiring.” (Keynes 1926a: 311).

„Die politische Aufgabe der Menschheit hat drei Dinge

zu verbinden: Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, gesellschaftliche

Gerechtigkeit und persönliche Freiheit.

Das erste erfordert Kritik, Vorsicht und technisches

Wissen; das zweite eine nicht selbstsüchtige begeisterte

Haltung und Liebe für den einfachen Menschen; das

dritte Duldsamkeit, Weitherzigkeit, Würdigung der

Vorzüge der Mannigfaltigkeit und Unabhängigkeit, die

über allem anderem bereit ist, dem Außergewöhnlichen

und dem Aufstrebendem ungehinderte Möglichkeiten

zu geben.“ (Keynes 1956: 258).

6 In der jüngsten, der 10. Auflage der deutschen Ausgabe

der Allgemeinen Theorie wird der Ausdruck „Sozialisierung“

der Investitionstätigkeit mit „umfassende

gesellschaftliche Steuerung“ übersetzt; vgl. Keynes

1936/2006: 319.

7 „Unsere Kritik der akzeptierten klassischen Wirtschaftstheorie

[gemeint ist vor allem die neoklassische

Theorie – Verf.] bestand nicht so sehr darin, logische

Fehler in ihrer Analyse zu finden, als hervorzuheben,

daß ihre stillschweigenden Voraussetzungen

selten oder nie erfüllt sind, mit der Folge, daß sie die

wirtschaftlichen Probleme der wirklichen Welt nicht

lösen kann. Wenn es aber unserer zentralen Steuerung

gelingt, eine Gesamtmenge der Erzeugung festzusetzen,

die mit Vollbeschäftigung so nah als durchführbar

übereinstimmt, wird die klassische Theorie von

diesem Punkt an wieder zu ihrem Recht kommen.

[…] Von der Notwendigkeit zentraler Steuerung für

die Herbeiführung eines Ausgleichs zwischen der

Konsumneigung und den Anreizen zur Investition

abgesehen, besteht […] kein weiterer Grund für die

gesellschaftliche Steuerung des wirtschaftlichen Lebens

als zuvor.“ (Keynes 1936/2006: 320).


36 Karl Georg Zinn

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38 Berliner Debatte Initial 19 (2008) 4

Staatsverschuldung bis 2007

Karl Mai

Nulldefizit und Entschuldung

der öffentlichen Haushalte

Gegenwärtig läuft die prognostizierte Entwicklung

in Deutschland auf ein „Nulldefizit“ der

öffentlichen Haushalte hin, wobei die Bundesländer

bereits 2007 einen positiven Saldo ihrer

Finanzierung erreichen konnten. Von manchen

Politikern wird dies als Übergang zu einer

völligen Entschuldung des Fiskus begriffen,

verbunden mit der Forderung, künftig verfassungsrechtlich

jede Netto-Neuverschuldung zu

unterbinden oder wesentlich zu erschweren.

Es entsteht daher gelegentlich der Eindruck,

es gebe bereits wichtigere Probleme als eine

hohe öffentliche Verschuldung, die ja offenbar

schon nach wenigen Monaten konjunktureller

Besserung in Deutschland ihren vordergründigen

„Horror“ verloren hatte. Manche erwarten

einen weiteren Konjunkturaufschwung und

glauben daher, der „Ernst der Haushaltslage“

sei damit bereits vom Tisch.

Indessen bleibt die Staatsverschuldung in

der EU mehr oder weniger stark ausgeprägt,

wie die aktuellen Daten zeigen. Deutschland

lag hierbei in Europa mit einer Schuldenstandsquote

am BIP von 64,7% (2007) noch um 1,8

Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der

EWU-Ländergruppe (vgl. BMFi, Monatsbericht

2/2008: Tabelle S. 126). Ferner zeigt sich:

Der Schuldenstand des Bundes einschließlich

der Sondervermögen hat von 28,52 Mrd. €

im Jahr 1970 auf 940 Mrd. € im Jahr 2007 zugenommen;

bei den Ländern einschließlich ihrer

Gemeinden ist er im gleichen Zeitraum von

34,41 Mrd. € auf ca. 598,0 Mrd. € angestiegen

(SVR 2007a; Deutsche Bundesbank, Monatsbericht

2/2008: 60*). Insgesamt erreichen

bis Ende 2007 die kumulierten Schulden des

Gesamtstaates 1.538 Mrd. €. Im Vergleich zu

1989 hatten die Schulden des Gesamtstaates

um 1.065,1 Mrd. € zugenommen (SVR 2007b:

174, 184).

Geldkapital und Gläubiger des Staates

Staatsschuldpapiere sind eine finanzmarktfähige

Verkörperung von Geldvermögen

in Wertpapieren (Schuldverschreibungen,

Anleihen usw.), deren realwirtschaftlicher

Gegenwert sich in den daraus finanzierten

Staatsausgaben verkörpert. Oft bleibt außer

Sicht, dass den steigenden Staatsschulden

private Vermögenszuwächse als offenbar

„unversiegbare“ Geldquelle entsprechen: So

stiegen die kumulierten Staatsschulden 2005

um 58,54 Mrd. €, die saldierten Geldvermögen

des Sektors „private Haushalte“ hingegen um

141,2 Mrd. €. Für 2006 fielen diese Daten etwas

geringer aus (vgl. Tabelle 1). Zwischen 1991

und 2006 stiegen die jährlichen Zinslasten des

Gesamtstaates von 39,18 Mrd. € auf 64 Mrd. €

an (SVR 1998/99, Tabellenanhang: 370; SVR

2007b). Gleichzeitig vermindert die staatliche

Garantie für die Verzinsung der Schulden die

immanente Labilität des globalen Finanzmarktsystems

wie ein Dämpfungspuffer durch die

Bindung von disponiblem Geldkapital (vgl.

Hein et al. 2004: 256).

Man kann aus der „privaten Überakkumulation“

auch eine Art von „Normalverschuldung“

begründen, „die schon allein wegen der Finanzierungsüberschüsse

der anderen Sektoren

der Gesamtwirtschaft notwendig ist“, wie


Nulldefizit und Entschuldung der öffentlichen Haushalte

zum Beispiel von der Memorandum-Gruppe

argumentiert wird; und zwar in Höhe von 2%

des Produktionspotenzials (AG Alternative

Wirtschaftspolitik 2005: 153, 156). Hierbei

wird jedoch die Sicht auf die eskalierende

Verzinsung ausgeklammert.

Die Höhe und die Ambivalenz der Staatsverschuldung

könnten vermindert werden,

wenn die Gewinne stärker besteuert würden.

„Damit könnten die öffentlichen Haushalte

Einnahmen unter Verzicht auf den Umweg

über die Kapitalmärkte verbuchen.“ (Ebd.: 158)

Dies steht jedoch im strikten Widerspruch zur

neoliberalen Steuerpolitik, deren Wirkung auf

eine Senkung der Steuerquote zielt, speziell

auch für den Unternehmensbereich.

Kann oder muss der Staat sich nicht weiterhin

nutzbringend neu verschulden, fließen

die privaten Geldkapitalüberschüsse über das

Bankensystem oder direkt auf den globalen

Finanzmarkt und damit ins Ausland. 1 Die Zunahme

der privaten Nettokreditgewährung an

das Ausland betrug in Deutschland im Jahre

2006 +124,93 Mrd. € (vgl. Tabelle 1).

Der kumulierten Staatsverschuldung stehen

immer gleich hohe und anwachsende

Geldvermögen privater Gläubiger gegenüber.

Der gesellschaftliche Reichtum an Netto-Geldvermögen

widerspiegelt sich demnach partiell

in der Staatsverschuldung und zunehmend

im privaten Geldkapitalexport, womit dieser

Geldvermögensteil gesellschaftlich oder

Tabelle 1: Quellen der Staatsverschuldung, Auslandsverschuldung

sowie private Netto-Kreditgewährung ins Ausland, in Mrd. Euro

Jahr Finanzierungssalden

der privaten

Haushalte im Jahr

Zuwachs der

Staatsschulden

im Jahr

39

global genutzt wird, aber – sich zinstragend

verwertend – dennoch im Bereich privaten

Eigentums und privater Einkommensansprüche

verbleibt.

Ende 2006 erreichte der Anteil ausländischer

Gläubiger an der kumulierten Staatsschuld der

deutschen Gebietskörperschaften 46,8% bzw.

717 Mrd. €. 2 Damit entspringt fast die Hälfte der

kumulierten Staatsschuld aus der Kreditaufnahme

des Fiskus bei ausländischen Geldgebern.

Neben der Abführung von jährlich enormen

Summen an Zinsen (ca. 30 Mrd. €) zu Lasten

der Steuereinnahmen an private Ausländer, die

damit aus der deutschen Endverwendung fallen,

entstehen zusätzliche Anforderungen an die

laufenden Einlösungen von fälligen deutschen

Schuldtiteln im Ausland („Schuldendienst“)

durch die Bundesbank.

Es ist ebenso ein gern verschwiegener

Fakt, dass ausländische private Gläubiger indirekt

hochgradig den Umfang der staatlichen

Transfer-Investitionen im Osten Deutschlands

kreditieren, indem der Fiskus sich im Ausland

verschuldet.

Nutzen der Staatsverschuldung

Die Ausgaben des Staates aus den aufgenommenen

Schulden spielen eine wichtige Rolle

bei der makroökonomischen Verteilung des

BIP zwischen konsumtiver und investiver End-

Weitere Auslandsverschuldung

des

Fiskus im Jahr

Private Nettokredite

an das Ausland

insgesamt im Jahr

2000 75,37 11,69 21,32 - 26,70

2001 97,30 12,49 13,92 - 0,90

2002 101,25 53,70 51,40 + 45,89

2003 125,10 80,49 47,30 + 49,90

2004 133,40 72,29 67,00 + 85,13

2005 141,20 58,45 81,60 + 94,78

2006 134,30 43,20 50,30 +124,93

„Finanzierungssalden“ = Geldvermögensbildung minus Außenfinanzierung

Quellen: Deutsche Bundesbank: Statistische Sonderveröffentlichungen Nr. 4, von 7/2007: 26, 22; Deutsche Bundesbank,

Langzeitreihen bq 1720 und bq 1715 (www.bundesbank.de); Deutsche Bundesbank: Monatsbericht 4/2007,

Statistischer Anhang, S. 59*; sowie eigene Berechnungen.


40 Karl Mai

verwendung, besonders bei Unterauslastung

der Produktionskapazitäten und bestehender

Unterbeschäftigung. Diese Verteilungsfunktion

wird von vielen Ökonomen nicht nur

als „notwendiges Übel“, sondern als wichtige

integrierende Funktion des Staates in der Realökonomie

anerkannt. Sie entstand vor dem

Hintergrund des Versagens der spontanen

Marktregulierung bei der Ausschöpfung des

Produktionspotenzials und des ungenutzten

Humankapitals vorwiegend in Zeiten des

Konjunkturabschwungs. Sie dient insofern auch

der partiellen Minderung des Widerspruchs

zwischen eskalierendem privaten Geldvermögen

und begrenzter Massenkaufkraft auf den

Märkten der Binnenwirtschaft.

Der Sachverständigenrat (SVR) kommt in

seiner jüngsten Studie zu den Wirkungen der

Staatsverschuldung zu der Aussage: „Gemessen

an den langfristigen Wirkungen ist eine

Kreditfinanzierung öffentlicher Ausgaben

im Vergleich zur Steuerfinanzierung von

vornherein weder gut noch schlecht. Für den

Fall, dass der Zinssatz auf die öffentlichen

Schuldtitel geringer ist als die Zuwachsrate des

Bruttoinlandprodukts (Ponzi-Fall), wäre eine

Kreditfinanzierung der Steuerfinanzierung

sogar überlegen.“ (SVR 2007a: 56) Man kann

sich hier des Eindrucks nicht erwehren, dass

der Sachverständigenrat die offensichtlichen

Folgen im ausufernden Zinseszinsmechanismus

ausklammert. Dieter Meyer hält dem entgegen:

dass „primär das verschuldungsbedingte jährliche

Zinseszinswachstum und nur sekundär

ein zu schwaches Wirtschaftswachstum für

die wachsenden Haushaltslöcher verantwortlich

ist, wird dabei übersehen“ (Meyer 2003:

4). Hierin liegt tatsächlich eine oft ignorierte

Kernfrage.

Der Sachverständigenrat setzt dann bezüglich

Deutschlands fort, es „ergibt sich

zwingend, dass eine Kreditfinanzierung gegebener

öffentlicher Ausgaben im Vergleich zur

Steuerfinanzierung zwangsläufig eine intergenerative

Umverteilung in dem Sinne bewirkt,

dass eine höhere Kreditfinanzierungsquote

die sogenannten ‚Einführungsgenerationen‘

entlastet, aber zukünftige Generationen über

höhere Steuern zur Finanzierung der Zinsen auf

die erhöhte öffentliche Schuld belastet“ (SVR

2007a: 56). Richtig ist aber auch, dass die Einführungsgeneration

nur zum Teil und zunehmend

weniger steuerlich entlastet wird, aber indirekt

bei bestehender Zinsfalle die Zinslast auch aus

Steuern leisten muss, während alternativ die

Folgegenerationen vor dem Problem stehen,

dann effektiv nachzuholende Staatsausgaben

zusätzlich zu den laufenden Haushaltsausgaben

aus Steuern zu finanzieren.

Außerdem „wird übersehen, dass im Falle

einer kreditfinanzierten Investition mit den

Kosten zugleich erhebliche Nutzen in die Zukunft

verschoben werden“, wie Ulrich Busch

(2006: 51) betont; er beruft sich dabei auf das

„Prinzip der zeitlichen Äquivalenz“ (nach

Gandenberger).

In der Bundesrepublik zeigten sich bereits

vor 1989 deutliche Widersprüche bei der Nutzung

der Staatverschuldung zwecks Konjunkturförderung.

„Das System hat nicht funktioniert

und konnte auch nicht funktionieren, weil konjunkturbedingte

Mehreinnahmen zum großen

Teil durch die gestiegenen Zinslasten wieder

aufgezehrt wurden.“ (Meyer 2003: 91) Dies gilt

m.E. dann, sobald die konjunkturbedingten

Mehreinnahmen nur einem relativ geringen

Einkommensmultiplikator entspringen, das

heißt, eine unzureichende Effizienz der kreditfinanzierten

öffentlichen Haushaltsausgaben

besteht. Dies ist bei überwiegend konsumtiver

Endverwendung der Finanzmittel aus Schulden

zu erwarten.

Wesentlich günstiger ist der Einkommensmultiplikator

aber bei investiver Endverwendung

anzusetzen, zum Beispiel im Bereich

sinnvoller öffentlicher Infrastrukturinvestitionen.

Dies fand in der gesetzlichen Regelung Beachtung,

die jährliche Netto-Neuverschuldung

durch die Höhe der öffentlichen Investitionen

in die Infrastruktur zu begrenzen, weil hieraus

im Regelfall profitable private Folgeinvestitionen

mit staatlichen Mehreinnahmen hervorgehen

können.

Jedoch fielen die empirisch nachweisbaren

Effekte für resultierende haushaltswirksame

Mehreinnahmen aus öffentlichen Investitionen

längerfristig geringer aus als erwartet. Meyer

führt eine ganze Palette von Argumenten an,

um zu zeigen, warum die staatskreditierte

Finanzierung von Infrastrukturinvestitionen


Nulldefizit und Entschuldung der öffentlichen Haushalte

„nicht mehr zeitgemäß und überholt“ sei

(Meyer 2003: 39). Letztlich komme diese Kreditfinanzierung

sogar teurer als die allein durch

Steuern, weil die Zinslast streng genommen

den Invest-Objekten hinzugerechnet werden

müsste, aber eine solche „Objektkostenbuchführung“

für die öffentliche Infrastruktur fehlt.

Hier übergeht Meyer stillschweigend, dass die

Kreditaufnahme stichtagsbezogen erfolgen

kann, jedoch eine steuerliche Vorfinanzierung

der Infrastrukturinvestitionen immer einen

größeren Zeitraum für die Ansammlung der

fiskalischen Mittel erfordert.

Als im Gefolge der Wiedervereinigung die

Staatsschulden rasch anstiegen, entstanden

beachtliche Defizite sowie ein Übergang zur

fiskalischen Zinsfalle. Allerdings ist zu bedenken,

dass sich diese negative Entwicklung

zuletzt auch vor dem Hintergrund eines gravierenden

Steuersenkungswettlaufs ergab, der

enorme steuerliche Einnahmeausfälle brachte

– entgegen den laut verkündeten Intentionen

des früheren Bundesfinanzministers Hans

Eichel. Die dann folgende Stagnationsphase

nach dem Jahr 2000 führte zu einer deutlichen

Reduzierung der öffentlichen Investitionen

aus Kreditfinanzierung und damit zur faktischen

weiteren Überschreitung der nationalen

grundgesetzlichen Begrenzung der Netto-

Neuverschuldung für den Staat in Höhe der

öffentlichen Investitionen (vgl. Tabelle 2) als

retrogradem Effekt.

Der Drang neoliberaler Politiker nach Senkung

der Staatsausgabenquote steht in Übereinstimmung

mit der Steuersenkungspolitik.

Parallel zu den entstehenden Netto-Mehrgewinnen

in den Unternehmen wird von der

Politik eine sinkende Netto-Neuverschuldung

weiter vorangetrieben, während die öffentlichen

Haushaltsausgaben zurückgehen. „Diese

Einsparungen, die auch vor dem Bildungs- und

Hochschulbereich nicht haltmachen, sind der

harte Beweis für eine verfehlte Zukunftspolitik.

Eingeschränkte Staatsausgaben verschlechtern

mangels privater Finanzmittel die Lebenslage

der Einkommensschwachen sowie die

Bildungschancen für deren Kinder.“ (Hickel

2006: 25) Die Ambivalenz der neoliberalen

Politikwirkungen wird in wichtigen Zukunftsbereichen

sichtbar.

41

Ablehnende Auffassungen zum praktischen

Nutzen der durch Schulden finanzierten öffentlichen

Investitionen spiegeln sich in der

theoretischen Wirtschaftsberatung. So vertritt

der Sachverständigenrat den Standpunkt, dass

„zukünftige Generationen über höhere Steuern

zur Finanzierung der Zinsen auf die erhöhte

öffentliche Schuld belastet“ würden (SVR 2007a:

56). Wären diese Zinsen jedoch nicht zu zahlen,

dann müssten durch Steuern diese öffentlichen

Güter in vollem Umfang später erzeugt werden

– die Belastung der zukünftigen Generationen

wäre dann bei gleichbleibend unterstellten

Investitionsprogrammen sofort als investiver

Gesamtkapitalaufwand zu erbringen und daher

zunächst vielfach höher als bei bloßen Zinsen.

(Der Einwand von „kumulierten Zinskosten je

Investobjekt“ bleibt hier ausgeklammert.)

Andere skeptische Auffassungen negieren

jeden nachhaltigen Anschubeffekt durch öffentliche

Investitionen aus Konjunkturprogrammen

und sprechen von „Strohfeuer“. Da die privaten

Investitionen jedoch nicht gleichzeitig objektiv

eingeschränkt werden, weil und solange eine

Überakkumulation an verfügbarem Geldkapital

existiert und solange die EZB den Zinssatz

nicht schon in einseitiger Manier „vorbeugend“

erhöht, ist dieses Argument ursächlich abwegig.

3 Demgegenüber wird in der erzielbaren

Wirkung des bekannten makroökonomischen

Multiplikator- und Akzeleratoreffekts ein

messbarer Anschuberfolg für Konjunkturprogramme

mit sinnvoller Endverwendung der

Kreditmittel nachweisbar, wie auch verbreitet

anerkannt ist.

Besonders „tiefgründig“ ist jedoch die

Behauptung Oswald Metzgers, dass ein öffentliches

Kreditprogramm weitgehend dadurch

„verpufft“, weil es zu einer raschen

Erhöhung auch der Importe infolge steigender

Kaufkraft führen muss, sodass die Impulse

des Kreditprogramms letztlich ins Ausland

abfließen (Metzger 2004: 203). Dieser Aspekt

erscheint schon deswegen als überbetont,

weil in Deutschland langjährig stabil nur etwa

25 Prozent der Konsumtion auf direkten und

indirekten Im porten beruhen. Auch wird übergangen,

dass solche erhöhten Importe durch

erhöhte Exporte beglichen werden, die ebenfalls

aus dem Konjunkturprogramm resultieren.


42 Karl Mai

Außerdem sind die Importe hierzulande auch

mehrwertsteuerpflichtig, im Unterschied zu

den Exporten, woraus fiskalische Mehreinnahmen

aus Importen resultieren.

Letztlich zeigen sich die Widersprüche

von sinkender Netto-Neuverschuldung und

anvisierter weiterer Steuersenkungspolitik mit

Bezug auf die investiven Haushaltsausgaben

in krasser Form: Sinkende Steuereinnahmen,

sinkende Netto-Neuverschuldungen bis auf

Null, hohe oder steigende Zinslasten (und

Tilgungen) sowie ausreichend hohe fiskalische

Ausgaben für die öffentliche Infrastruktur

aus Steuermitteln engen sich wechselseitig

ein und sind nicht gleichzeitig fiskalisch zu

bewältigen.

Widersprüche bei ansteigender

Staatsverschuldung

Die neoliberale Ideologie hat bei der Beurteilung

der fiskalischen Belastungen durch die

Staatsverschuldung Verwirrung angerichtet.

Dies gilt bei den kumulierten Belastungen

sowohl für die gegenwärtigen als auch für die

künftigen Generationen. Diese werden zumeist

negativ eingestuft und selbst dann noch heftig

abgelehnt, wenn das Maastricht-Kriterium der

3%-Defizitgrenze wieder unterschritten wird

und die Verschuldungsquote am BIP zunächst

nicht weiter ansteigt – obgleich dann wieder

ein derzeit noch verfassungsrechtlich zulässiger

„Spielraum“ für eine zusätzliche Neuverschuldung

möglich wird. In links-alternativen Kreisen

wird deshalb dafür plädiert, diesen zulässigen

„Spielraum“ für eine tolerable Höhe bei Neuverschuldung

zu nutzen, ohne dass dadurch

die Schuldenquote am BIP steigen soll (vgl.

AG Alternative Wirtschaftspolitik 2007: 106).

Letztlich bleibt dies eine kompromissbehaftete

Position, infolge der weiter ansteigenden absoluten

Zinslasten in öffentlichen Haushalten.

Man kann die Staatsverschuldung hinsichtlich

ihrer funktionalen Nützlichkeit für den

Staat in zeitgeschichtlich aufeinanderfolgende

Phasen einteilen:

In der ersten Phase überstieg die jährliche

Netto-Neuverschuldung die erforderlichen

jährlichen Zinszahlungen an die Gläubiger,

d.h. saldierte Mehreinnahmen des Staates

wurden in ihrer Verfügbarkeit für öffentliche

Haushaltsausgaben immer noch erhöht. So

können die Staatsausgaben über die steuerlichen

Einnahmen hinaus eskalieren und zum

Beispiel in öffentliche Infrastrukturinvestitionen

fließen.

Die Bundesrepublik befand sich zwischen

1970 und 1990 in dieser Phase, wo die kumulierte

Netto-Neuverschuldung die Zinszahlungen

noch um 62,5 Mrd. € übertraf (SVR 2007a: 22).

Modernisierung und Ausbau der öffentlichen

Infrastruktur durch die staatliche Kreditaufnahme

waren dabei von eminenter Bedeutung

für komplexe und stetige realwirtschaftliche

Wachstumsprozesse. 4 In dieser Phase wurden

die Wirkung einer steigenden Zinslast sowie

des exponentiellen Faktors im Zinseszinsmechanismus

ignoriert, die künftige öffentliche

Haushaltsausgaben schmälern müssen, weil

sie gleichzeitig eine immanente Eskalation

der Zinslasten des Staates im Langzeitraum

bewirken können, solange die Zinsen jährlich

ins Schuldenkapital beim Staat zurückfließen

oder dort verbleiben.

In der zweiten Phase überstiegen die

erforder lichen Zinszahlungen die noch ansteigende

Netto-Neuverschuldung – die Zinsfalle

(auch Schuldenfalle) wurde wirksam. Deutschland

befand sich in dieser Phase bald nach

der Vereinigung: Zwischen 1991 und 2005

überstiegen die Zinszahlungendie gleichzeitige

fiskalische Netto-Neuverschuldung um

208 Mrd. € ; die Zinsen erreichten im selben

Zeitraum 589,3 Mrd. € kumulativ (vgl. SVR

2007a: 22, Schaubild 3).

Folglich konnte in dieser Phase die Netto-

Neuverschuldung allein die Finanzierungsnot

des Staates nicht kompensieren oder abwenden

(vgl. Tabelle 2). Letztere wurde noch durch

die Steuerreformen ab 2000/2001 vertieft, die

sehr hohe Steuermindereinnahmen pro Jahr

brachten. Daher hebt Meyer recht vordergründig

hervor: Die Kreditfinanzierung der

öffentlichen Haushalte dient „der Finanzierung

der von ihr selbst erzeugten Tilgungs- und

Zinsausgaben mit der Folge eines eigendynamisch

immer schneller und steiler wachsenden

Schuldenberges zu Lasten der nachfolgenden

Generationen“ (Meyer 2003: 2). Damit festigte


Nulldefizit und Entschuldung der öffentlichen Haushalte

sich das Problembewusstsein zur Begrenzung

der Netto-Neuverschuldung mit ihren ambivalenten

Lösungsansätzen.

Es wurden „Konsolidierungen“ auf der

Ausgabenseite der öffentlichen Haushalte

und/oder zusätzliche (Steuer-)Einnahmen

notwendig. Fallen jedoch ausreichende, durch

ein BIP-Wachstum bedingte Mehreinnahmen

infolge steuerlicher oder konjunktureller Mindereinnahmen

aus, erhöhen sich im Regelfall

zwangsläufig die Haushaltsdefizite.

Gemäß den als „Maastricht-Kriterien“

festgelegten Obergrenzen von 3,0 Prozent

für zulässige Haushaltsdefizite und von 60

Prozent des Schuldenstandes am BIP wurden

diese zum Angelpunkt der Haushaltspolitik

und lösen gesellschaftlich widersprüchliche

Folgen aus.

Für die praktische Wirtschaftspolitik entstehen

in dieser zweiten Phase deutliche Zwänge

für den Fiskus, die Haushalte aus der „Zinsfalle“

zu befreien, indem die Zinslasten zunehmend

sowohl durch „Konsolidierung“ der Haushaltsausgaben

als auch durch konjunkturelle und

steuerliche Mehreinnahmen tendenziell stabilisiert

werden. Die Voraussetzung dafür bildet

auf der Einnahmeseite ein dafür quantitativ

hinreichendes BIP-Wachstum mit steuerlichen

Mehreinnahmen.

Eine rasche Zinslastsenkung jedoch, die

allein noch keine umfassende oder nachhaltige

Haushaltskonsolidierung bedeutet, ist

wegen der nicht rasch veränderbaren Höhe der

Gesamtschulden wenig aussichtsreich – bei

plötzlichen kurzzeitigen Zinssatzsenkungen

43

allerdings marginal möglich. Damit bleiben

auch die politisch verkündeten Hoffnungen

auf eine größere „Handlungsfreiheit“ des Fiskus

zunächst in die Zukunft verschoben.

Die Staatsverschuldung kann dann in eine

dritte Phase übergehen, in der sich die Zinslasten

zunehmend anteilig ohne steigende Haushaltsdefizite

refinanzieren lassen. Dies setzt ein

anhaltendes BIP-Wachstum voraus, wenn die

Netto-Neuverschuldung jährlich schrittweise

zurückgeführt und die entstehende Einnahmenlücke

durch vermehrte Steuereinnahmen

und/oder zu Lasten der investiven und/oder

sozialpolitischen Haushaltsausgaben geschlossen

wird. Dies ist derzeit in Deutschland der

Fall. Die Zinslast kann dann durch Steuern

und zum Teil noch durch die schon rückläufige

Netto-Neuverschuldung beglichen werden.

Nulldefizit und „Tragfähigkeit“

der Staatsverschuldung

Faktisch bedeutet ein Nulldefizit, dass der Staat

als Kreditnehmer für die laufende private „Überakkumulation“,

die den Kreditbedarf der privaten

Wirtschaft für den Binnenmarkt übersteigt,

ausfällt. Folglich kann nur der Ausweg über die

jährlichen hohen Kapitalexportüberschüsse die

Absorption der Geldersparnisse erreichen. Dies

führt bei eskalierenden Exportüberschüssen

zu schärferen internationalen Widersprüchen.

Ist das offiziell angestrebte „Null-Defizit“ erreichbar,

tritt das Steueraufkommen allein in

die Refinanzierung der Zinslast ein, die sich

Tabelle 2: Zinsen/Brutto-Investitionen/Netto-Neuverschuldung

der öffentlichen Haushalte (Mrd. Euro)

Jahr Zinsausgaben Bruttoinvestitionen gesamt Jährl. Anstieg der Verschuldung

2000 65,0 36,20 11,5

2001 64,5 36,80 12,4

2002 62,7 36,10 53,8

2003 64,0 33,80 80,4

2004 62,5 31,40 72,5

2005 62,0 30,20 58,4

2006 65,1 32,50 43,6

Quellen: Deutsche Bundesbank: Monatsbericht 4/2007: 54 *; 60*; Deutsche Bundesbank: Lange Reihen, BJ9047, BQ1720,

Stand 10.07.07; SVR: Jahresgutachten 2006/2007, Anhang, Tab. 36, 78*.


44 Karl Mai

dann mit der Gesamtschuld stabilisiert und

nur noch Schwankungen des Zinssatzes folgt.

„Damit wird jedoch nicht ein einziger Euro

vom aufgehäuften Schuldenberg getilgt. Dieser

und die jährlich dafür anfallenden Zinslasten

bleiben dann lediglich langfristig konstant und

verringern sich nur relativ im Verhältnis zum

steigenden BIP.“ (Meyer 2003: 6)

Insofern ist ein „Nulldefizit“, also der

mühsam erreichte Haushaltsausgleich, jener

Zustand, der die bestehende verzinsliche

Staatsschuld lediglich „verewigt“ und den

immerwährenden Zyklus im Umschlag der

jeweils fälligen Wertpapiere der Gläubiger

(„Schuldendienst“ plus anteilige Zinsen) fortsetzt.

Das Nulldefizit ist günstig für eine Stabilisierung

der Schuldenstandsquote. Wird

die kumulierte Staatsschuld (Schuldenquote

am BIP) zunächst nur stabilisiert, erwachsen

daraus künftig weiter unbefristet entsprechend

hohe Zinslasten, die sich in dieser

Phase nicht stetig reduzieren lassen, sondern

– für die jeweilige Gesamtverschuldung – der

globalen Zinssatzhöhe folgen. Der immanente

Zinseszinsmechanismus „erntet“ sodann die

„Saat“ der privaten Gläubiger des Staates im

In- und Ausland zu Lasten der Verwendung

von Steuereinnahmen; das heißt, auch im

Zuge der nächsten Generationen wächst das

private Geldvermögen daraus exponentiell (vgl.

Jenner 1999: 159).

Vom „Nulldefizit“ verschieden bzw. logisch

unabhängig ist jedoch der Fall von fiskalischer

„Tragfähigkeit“ der Staatsverschuldung zu bewerten,

der die Finanzwissenschaft beschäftigt:

„Eine stabile Schuldenstandsquote wird als tragbar

bezeichnet, weil sie die Zahlungsfähigkeit

des Schuldners signalisiert. Das Problem ist

demnach nicht die bestehende Verschuldung,

sondern ein wachsender Anteil der Schulden

am Bruttoinlandsprodukt.“ (Brümmerhoff 2001:

607). Die Schuldenquote am BIP darf sich bei

erreichter „Tragfähigkeit“ nicht erhöhen.

Hiernach sind besondere Kriterien für

einen Zustand der fiskalischen Tragfähigkeit

der gesamten Schuldenlast (und der Neuverschuldung)

wichtig. Der Korridor für eine

„Tragfähigkeit“ der Zinslast wird geöffnet,

sofern das nominelle BIP-Wachstum tendenziell

über dem nominellen Kapitalmarktzins

für Anleihen liegt sowie die Zins-Steuerquote

und die Kredit-Steuerquote nicht ansteigen

oder sogar sinken. Jan Priewe betont: „Ist der

Zinssatz höher als der Wachstumstrend, ist ein

Primärbudgetüberschuss für Nachhaltigkeit

erforderlich.“ (Priewe 2002: 278)

In Deutschland wird gegenwärtig das Problem

dieser spezifischen „Tragfähigkeit“ kaum

diskutiert, weil die neoliberale Finanzpolitik

den verschärften Kurs auf das Nulldefizit eingeschlagen

hat, der die o.g. Bedingungen für

eine tragfähige explizite Verschuldung (Kreditaufnahme)

bereits „überflüssig“ erscheinen

lässt. Die Diskussion über die künftige Rolle der

Staatsverschuldung als „Verfassungsproblem“

führt jedoch wieder auf diese Fragestellung

zurück (vgl. Vesper 2007).

Zinsen als Mittel der Umverteilung

Eskalierende Zinslasten des Staates verringern

seine sonst verfügbaren Einnahmen und engen

damit die Handlungsfähigkeit des Fiskus ein,

insbesondere, sobald die fiskalische „Zinsfalle“

zugeschnappt ist. Man spricht dann von einer

„Lähmung der Finanzpolitik“ (Hein et al. 2004:

257). Der Zinsanstieg wird in der Literatur mannigfach

demonstriert. 5 Werden die Zinsen dem

Geldkapitaleigentümer mit der zinspflichtigen

Ablösung der Schuldpapiere ausgezahlt, stehen

sie für eine Netto-Neuverschuldung des Staates

und damit dem staatlichen Zinseszinsmechanismus

zur weiteren anlageseitigen Verfügung.

Erst mit dem Ende der Netto-Neuverschuldung

(„Nulldefizit“) müssen die zuvor privat

realisierten Zinsen im Kreislauf des privaten

Geldkapitals neu angelegt werden – der staatliche

Zinseszinsmechanismus wird insofern

zugunsten des privaten unterbrochen.

Von Kritikern der Staatsverschuldung wird

der private Umverteilungseffekt durch die

Zinsen nebst Zinseszinsen an die Gläubiger zu

Lasten der Steuern angeprangert. Hier ist jedoch

zu beachten, dass es eine Eigenschaft des Geldkapitals

schlechthin ist, sich marktgerecht durch

Zinsen zu „vermehren“, die den Kapitaleignern

zufließen. Bei Staatsverschuldung werden diese

Kapitalmarktzinsen höchstens stabilisiert, aber

nicht zusätzlich erhöht – die „Sättigung“ des


Nulldefizit und Entschuldung der öffentlichen Haushalte

privaten Kreditmarktes infolge reichlich zuströmender

laufender Geldkapitalüberschüsse

vorausgesetzt. Den Geldkapitaleigentümern ist

es daher letztlich gleichgültig, ob ihre laufenden

Zinsen über die Preise oder durch Steuern (mit

und ohne Netto-Neuverschuldung) realisiert

werden, solange ihnen der Zinszufluss normale

Renditen verschafft.

Wesentliches Merkmal der Verteilung der

Einkommen aus Geldkapital ist jedoch, dass sie

zwischen den einzelnen Einkommensgruppen

der Gesellschaft ungleich erfolgt, indem der

Netto-Zuwachs aus Zinsen das Geldvermögen

fast ausschließlich der obersten zehn Prozent

der Haushaltsgruppen erhöht.

Die gesamtstaatliche (fiskalische) Zinslast

für 2006 in Höhe von 65,1 Mrd. € erreichte

3,73% des Volkseinkommens und stellt eine

sekundäre Umverteilung zugunsten der privaten

Geldeinkommen dar. Die Nettoinvestitionen

in Anlagen aller Wirtschaftssektoren beliefen

sich jedoch 2006 nur auf 77,1 Mrd. € – im Unterschied

zur Zinslast des Staates sowie zum

Abfluss von Nettokrediten in Höhe von +94,78

Mrd. € ins Ausland (Tabelle 1 u. 2). (Nach VGR:

Nettoinvestitionen = Anlageinvestitionen ./.

Abschreibungen.)

Sofern die Zinsen für Staatsschulden bei

wirksamer Zinsfalle (also vor einem Nulldefizit)

zunehmend durch Steuern beglichen werden

müssen, treten allein hierdurch bereits erhöhte

Steuerlasten sowohl in der laufenden als auch

übergreifend in nächsten Folgegenerationen auf.

Hier gibt es dann keine vollständigen einseitigen

Lastenverschiebungen im Zeitablauf der Verzinsung

der aufgelaufenen Gesamtschulden.

Eine zusätzliche Belastung der Folgegenerationen

entsteht immer, wenn eine Gesamttilgung

der Staatsschuld begonnen würde,

während außerdem die üblichen öffentlichen

Infrastrukturinvestitionen ausschließlich

über Steuern finanziert werden. Auch wäre

zu beachten, dass mit einer Tilgung lediglich

ein früherer Aufwand abgegolten wird, der

– wäre er zuvor unterlassen worden – von

den Folgegenerationen originär aus Steuern

bei investiver Endverwendung als unvermeidlicher

Nachholbedarf bei der Bereitstellung

öffentlicher Güter in der Regel dennoch neu

zu tragen wäre.

45

Eine Nutzung weiterer Netto-Neuverschuldungen

ohne Erhöhung der Zinslast infolge

zinsloser Kredite der Notenbank kursiert zwar

noch gelegentlich als Idee in linksorientierten

Schriften, kollidiert aber mit den Regelungen in

der EWU, die nur noch steuerlich finanzierte

nationale Konjunkturprogramme billigt.

Ein Ausweg aus der fiskalischen

Finanzierungskrise?

Die Einhaltung des EWU-Defizitkriteriums

von 3,0 Prozent wird jetzt als großer Erfolg

gewürdigt, nachdem das Defizitverfahren

gegen Deutschland offiziell eingestellt wurde.

Doch sollte auch an die Ursache der zurückliegenden

Überschreitung erinnert werden:

Die fortgesetzten hohen Einnahmenverluste

(u.a. durch Steuersenkungen) haben dieses

Defizit deutlich erhöht. „Wäre die Einnahmequote

seit Beginn des Defizitverfahrens gegen

Deutschland konstant geblieben, hätten die

auf der Ausgabenseite erreichten Konsolidierungserfolge

ausgereicht, die 3%-Grenze des

Maastricht-Vertrages bereits im Jahr 2004 zu

unterschreiten“, bemerkt das BMFi (Monatsbericht

7/2007: 38). Nunmehr wird das fiskalische

„Nulldefizit“ anvisiert, das offiziell beim

Bundeshaushalt für 2011 prognostiziert wird

(ebd.: 42). Gleichzeitig sind deutliche weitere

Einnahmenverluste durch die Senkung der

Unternehmenssteuern geplant, sodass auch der

Anstieg für die künftigen Ausgaben nur relativ

gering gehalten werden soll. Dies führt zu einer

mittelfristig unterproportionalen Steigerung

der Ausgaben gegenüber den Einnahmen

zwecks Sicherung eines laufenden Primärüberschusses.

Dieses Konzept setzt jedoch eine

Wachstumsrate des BIP voraus, die zu hierfür

ausreichenden Einnahmen führt, was bei zu

erwartender Konjunkturabschwächung nicht

gesichert erscheint.

Die Ableitung wirtschaftspolitisch widerspruchsfreier

Handlungsstrategien ist auf der

Grundlage der globalen und der nationalstaatlichen

Ungleichgewichte in der Ökonomie und

der resultierenden Konjunkturschwankungen

sowie der systemischen bzw. spontanen Widersprüche

und Interessen wenig erfolgreich.


46 Karl Mai

Dies ist bei einer zeitlichen Verzögerung der

parlamentarischen und exekutiven Haushaltsreaktionen

auf die Wachstumsschwankungen

des BIP zum Teil auch ablaufbedingt. Daher ist

eine zeitweilige Neuverschuldung objektiv nicht

auszuschließen. Der für diesen Fall diskutierte

Vorschlag einer verfassungsmäßigen starren

Obergrenze für zulässige Neuverschuldungen

erscheint daher als eine nicht problemadäquate

Restriktion (vgl. Scherf 2007: 45). Sie fesselt

selbst eine begrenzte flexible Reaktion des

Staates auf konjunkturelle Abwärtsbewegungen

mittels fiskalischen Impulsen. Aus diesem

Dilemma resultiert der aktuelle Gesetzesvorschlag

in Sachsen-Anhalt, eine obligatorische

Steuerhaushaltsreserve neu einzuführen, die

aus nicht geplanten Mehreinnahmen und fixen

Zuführungen aufgebaut werden soll – um eine

Neuverschuldung zu vermeiden. Der Vorschlag

hat den Charme, eigene Zinseinkünfte in der

Reserve zu bilden.

Eine stetige Neuverschuldung ist infolge der

zeitabhängig zunehmenden Zinslast tendenziell

ineffektiv: Die Politik zur gesellschaftlichen Nutzung

der Staatsverschuldung als ein gezieltes

Instrument positiver Multiplikator- und Akzeleratoreffekte

in der Wirtschaft bleibt immer

eine schwierige Gratwanderung zwischen zu

erreichender „Tragfähigkeit“ und langfristig exponentiellem

„Zinseszinseffekt“ – ein objektiv

eskalierender Widerspruch des Kapitalsystems.

Immerhin gilt: „Nachhaltigkeit der Schuldenlast

fordert, dass ein Primärbudgetüberschuss

existiert, sofern der Wachstumstrend beim

BIP unter dem langfristigen Zinssatz liegt“,

formuliert Priewe das aktuelle Kriterium in

der Finanzpolitik (Priewe 2002: 276).

Eine Reduzierung der Staatsverschuldung

durch Tilgung der Gesamtschuld führt jedoch

immer zu einer negativen Multiplikator- und

Akzeleratorwirkung und damit zunächst zu

einer ausgabeninduzierten Verminderung des

BIP-Wachstums. Sobald das nominelle BIP

schneller steigt als die Schuldenstandsquote,

ist zunächst die relative Staatsverschuldung

reduzierbar. Diese Position mag zwar sinkende

Zins-Steuerquoten einschließen, jedoch

setzt sie den Zinseszinsmechanismus nicht

außer Kraft, der mittels staatlicher Kreditaufnahme

eine weitere Umverteilung zugunsten

der privaten Geldkapitaleigentümer bewirkt.

Der Weg zwischen der „Skylla“ der weiteren

sprunghaften Umverteilung von Zinsen

zugunsten der Geldkapitaleigentümer und

der „Charybdis“ einer fatalen destruktiven

Ausgabenkürzung der öffentlichen Haushalte

ist kompromissbehaftet und politisch voller

„Wenn und Aber“. Die Gesamtentschuldung des

Fiskus ohne beträchtliche Vermögenssteuern

bleibt unlösbar.

Im „Gemeinschaftsgutachten Frühjahr

2007“ der Forschungsinstitute heißt es: „Im Jahre

2008 dürfte der Staatshaushalt ausgeglichen

sein. Ähnlich gut war die Finanzlage zuletzt im

Jahre 1989, damals war der Budgetsaldo leicht

positiv … Ausschlaggebend für den stärkeren

Defizitabbau ist die günstige Konjunktur.“ (IWH:

Wirtschaft im Wandel. Sonderausgabe 1/2007:

56) Mit dem Defizitabbau sinkt die aktuelle

Netto-Neuverschuldung gegen Null. Dieter

Vesper warnt: „Die Fixierung der Politik auf

Defizitziele muss letztlich in eine Sackgasse

führen, da die Politik nur für die Ausgaben,

nicht aber für die Einnahmen, deren Höhe

weitgehend von der wirtschaftlichen Entwicklung

bestimmt wird, verantwortlich ist.“

(Vesper 2007: 34) Dies gilt nur bedingt, weil

der Staat über die Steuerpolitik auch wesentlich

die Höhe der Einnahmen und damit der primären

Defizite regulieren kann und dies zum

Beispiel mittels der Mehrwertsteuererhöhung

auch demonstriert hat. Was bleibt, ist das

Problem mit der BIP-Schuldenquote, bei der

nur unter günstigen Wachstumsraten „aus dem

Schuldenberg herausgewachsen werden kann“,

worauf manche Ökonomen ihre Erwartungen

für eine Lösung der Finanzkrise setzen. Dem

kann jedoch das BMWi nicht entsprechen,

das in seiner mittelfristigen Prognose für das

BIP-Wachstum 2006 bis 2011 eine jährliche

reale Wachstumsrate von 1,75 % erwartet ( Monatsbericht

7/2007: 54), die den realen Zinssatz

nicht übersteigen dürfte. Dies folgt ebenso aus

der globalen Labilität der Konjunkturen wie

im Hinblick auf die Restriktion der globalen

Naturressourcen und ihrem resultierenden

Trend zur Preissteigerung.

Eine Begrenzung der relativen Schuldenquote

am BIP findet inzwischen auch in alternativen

Kreisen Zustimmung, was jedoch eine


Nulldefizit und Entschuldung der öffentlichen Haushalte

„Verewigung“ der Zinslast einschließt, denn

für eine totale Entschuldung des Staates existieren

auch aus dieser alternativen Sichtweise

weder Motiv noch konfliktlos mobilisierbares

Finanzpotenzial. Die relative Tragfähigkeit

der Zinslast ist an enge finanzwirtschaftliche

Kriterien gebunden, von denen die wichtigsten

mit einem konkret hinreichenden realen

Wirtschaftswachstum im Vergleich zum realen

Zinssatz verknüpft sind und einen stabilen

Primärüberschuss erfordern.

Selbst eine ökonomisch zulässige, d.h. „tragfähige“

Staatsverschuldung drängt die jährlich

hohen Geldkapitalüberschüsse des „privaten

Sektors“ (Tabelle 1) zunehmend kompensatorisch

in ausländische Finanz- und Kapitalanlagen.

Dies belegt die Ambivalenz der radikalen

Absage an die Staatsverschuldung im Vergleich

zu den Bürgerinteressen (vgl. Flassbeck 2006:

158ff.). Es besteht „ein strukturelles Problem

des entwickelten Kapitalismus, das untrennbar

mit dem Zinssystem und seiner Dynamik

zusammenhängt“ (Senf 2001: 177).

Zur staatlichen Gesamtentschuldung

Künftig stellt sich die Frage, „was passiert,

wenn der Staat das Schuldenmachen plötzlich

einstellt? […] Es käme nicht mehr zu einer

Absorbierung des Übersparens, zu einer Verringerung

des tendenziellen Falls der Profitrate

und zu einer Alimentierung des Arbeitskräfteüberschusses“,

stellt Heinz Bontrup (2005:

328) fest. Diese Antwort ist noch unvollständig,

denn sie ignoriert den partiell möglichen

„Ausweg“ über den wachsenden Kapitalexport

auf den globalen Finanzmarkt sowie durch

die außerökonomische Kapitalvernichtung

infolge der staatlichen Beteiligung an globalen

kriegerischen Konflikten.

Gegenwärtig wird von Politikern die Erreichung

einer Null-Neuverschuldung als

Übergang zur weiteren fiskalischen Entschuldung

von der kumulierten Gesamtschuld

durch Rückzahlung der Kreditsumme an die

Gläubiger aufgefasst. So erklärte zum Beispiel

Ministerpräsident Oettinger, Co-Vorsitzender

der Föderalismus-Kommission, lapidar: „Unmittelbar

nach dem Erreichen einer Netto-Null-

47

Verschuldung halte ich es für erforderlich, dass

wir stufenweise die Bestandsschulden abbauen.“

(Oettinger, Die Welt-online, Interview vom

22.05.2007)

Ebenso kann man in der Öffentlichkeit die

Aussage vernehmen, dass eine gesamte Entschuldung

in dieser Form eine reine Fiktion sei:

Wie sollte der Staat die enormen Einnahmen

für eine solche echte Tilgung aus Steuereinnahmen

oder Ausgabenkürzungen mobilisieren,

für deren gesamte Restlaufzeit auch noch

riesige (!) weitere Zinslasten anfallen? Eine

Überschlagsrechnung zeigt: Je niedriger die

echte Tilgungsrate pro Jahr wäre, desto höher

wäre die insgesamt noch zu zahlende Zinslast

der Restschulden im Tilgungszeitraum. Gemäß

der langfristigen Projektion des Finanzministeriums

von Sachsen-Anhalt vom März 2007

würde (ohne Schuldenerlass) diese Tilgung

sich auf ca. 100 Jahre erstrecken mit einem

zeitgleich enorm hohen „Zinsballast“. 6 Dieser

gesamte Zinsumfang (Z n ) allein entspricht der

halben Zinslast im Anfangsjahr der Tilgung

(Z 0 ), multipliziert mit den Tilgungsjahren

(t n ) bei konstant unterstelltem Zinssatz. Als

Faustregel gilt hierbei:

(1) Z n = 0,5 * Z 0 * t n

Jede Rückzahlung der hohen Tilgungsbeträge

(mit Zinsen) an die privaten Gläubiger bei

Gesamtentschuldung hätte jedoch bedeutende

real- und finanzwirtschaftliche Folgen:

Erstens würde die Schuldentilgung makroökonomisch

„die Umkehrung der Wirkungen

der Schuldenaufnahme“ bedeuten (Andel 1999:

177), d.h. eine negative Multiplikatorwirkung

auslösen. Es gilt daher: „Massive Schuldentilgung

bremst in der Regel das Wirtschaftswachstum,

zumindest vorübergehend.“ (Priewe,

in Larcher 2002: 26)

Die Kontraktion der investiven und konsumtiven

Staatsausgaben infolge einer Tilgung

würde die Struktur und Höhe der Binnennachfrage

negativ verändern und tendenzielle

BIP-Wachstumseinbußen erzeugen.

Zweitens würde sich das Angebotsvolumen

auf dem globalen Finanzmarkt in Form von

eine profitable Anlage suchendem Geldkapital

schlagartig erhöhen. Dies würde die aggressive


48 Karl Mai

Kapitalexpansion der institutionellen Anleger

anheizen und die spekulative Kreditblase

vergrößern, wenn sich die Tilgungen mit der

ohnehin bestehenden Zuflusshöhe für die reinen

Geldkapitalüberschüsse als Geldangebot

kumulieren.

Vorerst ist davon auszugehen, dass es

eine vollständige Tilgung der gigantischen

fiskalischen Gesamtschulden mangels dafür

insgesamt und permanent erforderlicher, frei

verfügbarer Einnahmen des Staates nicht geben

wird. Dies schließt nicht aus, dass solche Rückzahlungen

mit Alibi-Funktion versuchsweise

begonnen werden, um sie bei veränderten,

fiskalisch zwingenden Umständen wieder

einzustellen. Solche brisanten Umstände sind

bereits durch die bis zu 800 Mrd. € geschätzten

Folgekosten für die Klimaänderungen für

Deutschland in greifbarer Sichtweite (vgl.

DIW 2008: 137). Ferner gilt: „Ausgeglichene

Haushalte, Staatsfinanzen ohne Verschuldung

sind auf der Grundlage des Privatkapitals nur

in kurzen Zeiträumen unter günstigen Umständen

möglich, in langen Zeiträumen aber

nicht.“ (Roth 1999: 162)

Der deutsche Fiskus würde aber durch

die steuerliche Schuldentilgung bei fehlender

Netto-Neuverschuldung zunächst zusätzlich

mit steuerlich finanzierten Ausgaben für die

eigenen Infrastrukturinvestitionen doppelt

belastet. Der Druck auf die öffentlichen Investitionen

– insbesondere auf Länder- und

Gemeindeebene – würde nicht verringert.

Nach Einsicht von Experten ist das nominelle

Entschuldungsvolumen des Fiskus bei

marktüblichen Zinsen praktisch nicht rein

steuerlich finanziert aufzubringen, zumal man

zusätzliche Sondermaßnahmen, zum Beispiel

auch international verbreitete Vermögens- bzw.

Erbschaftssteuern ausschließt. Daher formuliert

Busch kategorisch: „Die Forderung nach einer

Rückführung der Staatsschuld oder gar deren

vollständigem Abbau ist gänzlich unrealistisch,

ja geradezu irrational.“ (Busch 2006: 52)

Anmerkungen

1 „Da in Deutschland die Geldersparnisse der privaten

Haushalte deutlich höher sind als die Neuverschuldung

des Staates und der Unternehmenssektor per saldo

keine Kredite benötigt, müssen die Finanzierungs-

überschüsse über den Finanzmarkt oder über Banken

in das Ausland und dabei vor allem in die großen Defizitländer

transferiert werden.“ (Sachverständigenrat

2007b: 130)

2 Deutsche Bundesbank: Monatsbericht Juli 2007, 59*;

allerdings beträgt der Saldo von Verbindlichkeiten zu

Forderungen nur -698 Mrd. € gemäß vollständiger

Zahlungsbilanzstatistik (Beiheft zum Monatsbericht

3, Juli 2007).

3 Die praktizierte Zinspolitik der Europäischen Zentralbank

(EZB) lässt faktisch einem nationalen Konjunkturprogramm

immer dann wenig Chancen, wenn sie

die „erwartete Inflationsgefahr“ durch „Überhitzung

des Wachstums“ antizipiert, indem der Zinssatz

gleichsam „vorbeugend“ erhöht wird.

4 Dies schließt nicht aus, dass es auch vielfach unsinnige

oder unrentable Infrastrukturinvestitionen gab, die

vermeidbar gewesen wären. Es ist jedoch fraglich,

ob der Anteil solcher Fehlleistungen im öffentlichen

Sektor höher war als im gesamten privaten Sektor der

Wirtschaft.

5 So schreibt zum Beispiel Meyer: „Eine angenommene

jährliche Neuverschuldung des öffentlichen

Gesamthaushalts von 50 Mrd. EUR erzeugt bei

einem Durchschnittszinssatz von z.B. 6% aus sich

heraus selbst neue Haushaltslöcher nach einem Jahr

in Höhe von 3,0 Milliarden EUR, nach fünf Jahren

bereits 15 Milliarden EUR, und zwar nicht einmalig,

sondern jährlich. In der Addition für die fünf Jahre

zusammen betragen die neuverschuldungsbedingten

Zinsausgaben 45 Mrd. EUR.“ (Meyer 2003: 124)

6 In Sachsen-Anhalt führt dieser Sachverhalt zu der

neuen Tilgungsregelung, den jährlichen Tilgungsbetrag

kontinuierlich um die erreichte Zinskostensenkung

zu erhöhen – mit dem Effekt einer Halbierung des

Tilgungszeitraumes. (Pressemitteilung Nr. 33/08

des Finanzministeriums von Sachsen-Anhalt vom

28.02.2008)

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50 Berliner Debatte Initial 19 (2008) 4

Peter Ruben

Vom Kondratieff-Zyklus

und seinem Erklärungspotenzial

Seit 1922 sind die „langen Wellen der Konjunktur“

durch Nikolaj Dmitrievič Kondrat’ev

in die Welt des Wissens – wenigstens in die

Welt der Ökonomie, der Wissenschaft von der

Wirtschaft – eingeführt worden. 1 Bis heute

gelten sie als problematisch. Da sie nach Aussagen

ihres Entdeckers Dauern von 40 bis 60

Jahren umfassen, ist es nach 86 Jahren ihres

Daseins nicht so überraschend zu sehen, dass

die Erfahrung aller Ökonomen bisher nicht

dauerhaft genug ist, eine empirisch gültige

Entscheidung über das wirkliche Dasein der

Kondratieff-Zyklen zu fällen. 2

Gegenwärtig haben wir die Chance, die

Wende vom Jahr 2007 zum Jahr 2008 möglichst

unter dem Gesichtspunkt zu beobachten,

Kondrat’evs Annahme zu prüfen. Diese Jahreswende

stellt m.E. den Übergang vom Vierten

zum Fünften Kondratieff-Zyklus dar. 3 Vor

zehneinhalb Jahren hatte die Wochenzeitung

Freitag eine Diskussion initiiert, die sie mit der

redaktionellen Beschreibung einleitete: „Fin de

siècle. An seinem Ende hat das 20. Jahrhundert

erdumfassend alles mit allem in Beziehung

gesetzt. Die Weltgesellschaft ist ein Faktum

geworden, das den Alltag bestimmt und dem

sich niemand entziehen kann. Aber wie ist zu

begreifen, was da passiert? In Theorie und Praxis

der Wirtschaft herrscht geschäftige Ratlosigkeit:

Angebotsstrategie gegen Nachfragepolitik,

Marktentfaltung versus Globalisierungsfalle,

Sachzwang kontra humane Gestaltung, Technikeuphorie

und Katastrophenszenarien.“ 4

Ich wurde gebeten, zur geplanten Debatte

beizutragen, schrieb einen Artikel, den man

in der Internet-Edition nachlesen kann. 5 Die

Redaktion bearbeitete diesen Beitrag mit dem

Resultat, ihm den Titel „Der Kondratieff-Zyklus

schwingt ins Jahr 2007“ zu geben.

Im Jahre 2007, das wir nun hinter uns haben,

konnte man hören wie lesen, dass zur Überraschung

ökonomisierender Kommentatoren ein

unvorhergesehener Aufschwung eingetreten

wäre: Der deutsche Maschinenbau hätte höchst

erfreuliche Kapazitätsauslastungen, ebenso

die Elektroindustrie, der Schiffsbau, ja sogar

die Luftfahrt, die Chemieindustrie allerdings

nicht; aber Deutschland wäre noch immer

Exportweltmeister (mit China auf den Fersen),

die Steuereinnahmen des Staates hätten kräftig

zu- und die Arbeitslosenquote entschieden

abgenommen.

Inzwischen hat die aus den USA übergreifende

Kredit- bzw. Finanzkrise diese erfreuliche

Aussicht eingetrübt. Wachstumsprognosen

sind nach ihren Werten zurückgenommen

worden. Man bleibt aber sicher: Es geht aufwärts

mit der Wirtschaft, wenn auch nicht mehr ganz

so schwungvoll wie noch vor einem halben

Jahr. Die Vertreter der Parteien der großen

Koalition glauben zu wissen, dass sie diesen

Aufschwung der Realisierung der vom Kanzler

der rot-grünen Koalition initiierten Agenda

2010 verdanken. Gegen diese regierungstreue

Propaganda wendet sich die Kritik von links mit

der Feststellung, dass der Aufschwung bei den

lohnabhängig Beschäftigten nicht ankomme,

die Preise wie die Inflation kräftig stiegen, ja

angesichts der steigenden Kosten insbesondere

für den Erwerb von Lebensmitteln in manchen

Teilen der Welt vermehrt Hungersnöte zu

erwarten seien. Die via Liechtenstein realisierten

Steuerhinterziehungen werden von

der Öffentlichkeit mit den Löhnen verglichen,


Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotenzial

von denen man nicht leben kann. So ist die

soziale Gerechtigkeit in ihrer Erscheinung als

Einkommen der Staatsbürger das viele mobilisierende

Thema. Die Differenz zwischen

steuerflüchtigen Managern und via Staat

konstituierten ‚Aufstockern‘ ist – wenigstens

für das deutsche Rechtsempfinden und Gemüt

– denn doch gar zu groß. So kommen die in

der Koalition gegeneinander opponierenden

Politiker überein, im festgestellten Aufschwung

die Erfüllung der Steuerpflichten zu fordern,

allerdings nicht darüber, von Rechts wegen

einen zum Leben hinreichenden Mindestlohn

zu dekretieren, was jenseits deutscher Grenzen

durchaus üblich ist.

Das Bild, das die deutsche Wirtschaftsentwicklung

im Jahre 2008 liefert, ist also etwas

gemischt, sodass man zweifeln könnte, dieses

Jahr – nach der klassischen Zählung – als Beginn

des Fünften Kondratieff zu erklären. Das

ist für den Beginn eines neuen Zyklus, der ja

von einer gewissen Gleichgewichtslage ausgeht,

auch nicht sonderlich überraschend. Die so eben

präsentierte Zukunftsstudie „Deutschland

2020“ der Unternehmensberatung McKinsey

liefert allerdings Prognosen über einen kräftigen

Mangel an Arbeitskräften für den Höhepunkt

der zu erwartenden Prosperitätsphase des

Fünften Kondratieff-Zyklus, die nach der hier

vertretenen Auffassung für die Jahre 2020 bis

2023 vorauszusehen ist. 6

Eine weitere Komplikation, Kondrat’evs

„lange Wellen der Konjunktur“ in der Öko-

Abb. 1: Basisinnovationen und ihre Anwendungsfelder

51

nomie theoretisch zu unterstellen, wird noch

dadurch konstituiert, dass begeisterte Vertreter

der Kondrat’ev-Hypothese bereits den Sechsten

Kondratieff-Zyklus als gegeben oder kurz

bevorstehend avisieren. So jedenfalls Leo A.

Nefiodow auf einer internationalen Fachtagung

des Lindenthal-Instituts Köln zum Thema

„Offensiv zu Arbeitsplätzen: Weltmärkte 2010“,

die am 14. und 15. September 1996 stattfand.

Hier sprach Nefiodow über das Thema „Der

Sechste Kondratieff – Die großen neuen

Märkte des 21. Jahrhunderts“ 7 , um zunächst

festzustellen: „Derzeit befinden wir uns im

fünften Kondratieffzyklus […] Der weltweite

Innovationsprozeß wird maßgeblich von der

Basisinnovation Informationstechnik und ihren

Anwendungen bestimmt. Aber der fünfte

Kondratieff hat schon eine ziemliche Reife

erreicht. Die vorliegenden Daten deuten darauf

hin, daß wir uns in Europa schon am oberen

Abschnitt der Aufschwungphase befinden. Das

bedeutet, daß die Krisensymptome, die wir in

Deutschland und Europa derzeit beobachten,

keine vorübergehenden Erscheinungen sind,

sondern den Auslauf des fünften Kondratieff

und damit den Beginn einer längeren Schwächeperiode

ankündigen.“

Diese Sicht ist von anderen massiv angenommen

worden, was man durch einen Erkundungsfeldzug

im Internet zum Thema

‚Kondratieff‘ ohne Probleme ergoogeln kann.

Ich zitiere aus der Fülle der Beiträge die Vorstellung

Nefiodow 8 :


52 Peter Ruben

Wie man erkennt, läuft diese Präsentation

der „langen Wellen“ Kondrat’evs 9 auf die

empirisch prüfbare Annahme hinaus, diese

Wellen durch sogenannte Basisinnovationen

begründet zu verstehen. Diese Annahme ist

seit 1975 durch die bekannte Publikation von

Gerhard O. Mensch in der Rezeption des

Kondrat’ev’schen Ansatzes von 1922 und seiner

Aufnahme durch Joseph A. Schumpeter 1939

gegenwärtig gängige Redeweise geworden. 10

Nefiodow weiß natürlich, dass der in der

präsentierten Abbildung dargestellte „rein

sinusförmige Verlauf […] eine unzulässige

Vereinfachung“ ist. „In Wirklichkeit haben

wir, wenn wir den langen Zyklus auf der Innovationsebene

betrachten, eine Abfolge von

Innovationsschüben, die grafisch als S-Kurven

dargestellt werden können […] Auslöser der

bisherigen Kondratieffzyklen sind bestimmte

Innovationen, die wir […] Basisinnovationen

nennen werden.“ 11

Wer die Geschichte der Arbeit, der Produktivkräfte

und der Technik genau betrachtet,

wird Schwierigkeiten haben, dieser Annahme

ohne weiteres zu folgen. Sie stimmt auch nicht

mit der ursprünglichen Erwägung Kondrat’evs

überein. Dieser nämlich ging von der Entgegensetzung

zwischen Statik und Dynamik in

der Ökonomie aus, um sodann „zwei Arten

dynamischer Prozesse“ zu unterscheiden: „1)

unumkehrbare, die sich dadurch auszeichnen,

daß sie eine bestimmte Richtung haben und

keine Wiederholungen und Zyklen aufweisen,

sowie 2) umkehrbare, die keine Richtung haben

und zyklisch um ein bestimmtes Niveau

schwanken“. 12 Zu den irreversiblen Veränderungen

rechnet Kondrat’ev die der Technik,

der Bedürfnisse, der Wirtschaftsorganisation.

„Andere Elemente – Bevölkerung, Produktion

u.a. – unterliegen gleichzeitig sowohl dem

einen wie auch dem anderen Prozeß: Im allgemeinen

weisen sie eine bestimmte Richtung

des Wachstums auf, doch zugleich wechselt

entweder das Tempo ihres Wachstums zyklisch,

oder sie lassen eine zyklische Unterbrechung

dieses Wachstums erkennen, die manchmal

(beispielsweise in der Produktion) in einen

Rückgang übergeht, der indessen nicht die allgemeine

Tendenz des Wachstums stört. Wieder

andere, vornehmlich wertbezogene Elemente,

beispielsweise Preise, Zinsen, Wertpapierkurse

u. a. unterliegen umkehrbaren Prozessen. Die

Veränderung der Volkswirtschaft insgesamt

ist ein unumkehrbarer Prozeß.“ 13 Dieser

Ausgangsgedanke ist so einleuchtend, dass

die Leugnung von Zyklen vielfältigster Art

wohl als Ausdruck gedankenlosen Redens

gedeutet werden muss. Natürlich erlebt jeder

Mensch die Zyklen von Tag und Nacht, von

Hunger und Sattheit, von Frühling, Sommer,

Herbst und Winter, von Aussaat und Ernte,

von Erzeugung und Vernutzung, usw. usf. Es

kann sinnvoll keine Frage bestehen, ob so etwas

wie Wellen bzw. Zyklen im Wirtschaftsleben

identifizierbar sei.

1. Warum darf das Jahr 2008 als Beginn

des 5. Kondratieff festgestellt werden?

Die wirtschaftenden Menschen sind Individuen

einer biologische Gattung, die sich in sexueller

Reproduktion erhält und damit einen

Generationsabstand hervorbringt, den uns die

Biologen mit 25 bis 30 Jahren angeben. 14 Setzt

man diesen Generationsabstand in Beziehung

zur Annahme Kondrat’evs, dass nach den

verfügbaren Daten das Vorhandensein langer

zyklischer Wellen der Konjunktur als sehr

wahrscheinlich gedacht werden müsse 15 , so

versteht sich, dass ein Kondratieff-Zyklus als

die Vereinigung zweier Generationen im rein

anthropologischen Sinne verstanden werden

kann. Dies liegt nahe, bedenkt man, dass die

Menschen natürlich nicht mit kulturellen

Fähigkeiten, mit Produktivkräften versehen,

als Schneider, als Fischer oder Ingenieure etc.

geboren werden, sondern sich ihre Produktionsfähigkeiten

im Verlaufe einer ziemlich lang

währenden Lehre und Ausbildung erwerben

bzw. aneignen müssen. Mit anderen Worten:

Der Vereinigung zweier Generationen, die

uns zeitlich die Dauer von 55 Jahren (= 660

Monate) liefert, ist an die Übertragung der

Produktivkräfte 16 einer gegebenen Generation

auf die nächste gebunden.

Die Vorstellung vom Kondratieff-Zyklus als

der Summe zweier Generationen ist meines

Wissens zuerst 1979 von Fernand Braudel

eingeführt worden. Er erklärt im dritten Band


Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotenzial

seiner Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts

über den Kondratieff-Zyklus, dass „dessen

lange Wellen reichlich ein halbes Jahrhundert

oder zwei Generationen umfassen, von denen

die eine Hälfte im Zeichen einer guten, die

andere dagegen in dem einer schlechten Konjunktur

steht. Nimmt man beide Bewegungen,

langfristigen Trend und Kondratieff-Zyklus

zusammen, erhält man eine zweistimmige

Konjunkturmelodie von längerer Dauer. Das

kompliziert unsere Ausgangsbeobachtung,

bestätigt sie aber auch, zumal der Kondratieff-

Zyklus entgegen einer hartnäckig wiederholten

Behauptung nicht erst 1791, sondern schon

Jahrhunderte früher auf der europäischen

Bildfläche erscheint.“ 17

Im Anschluss an Braudel hat auch Ulrich

Hedtke die (biologische) Generationsdauer

zur Begründung der Existenz langer Wellen

im Sinne Kondrat’evs 1990 namhaft gemacht:

„Während wir also die Rahmenzeit des Kondratieffzyklus

mit 55 Kalenderjahren bestimmen,

beträgt seine Dauer im Maß der Eigenzeit der

Generationsdauer zwei Generationen. Damit

kann man die in der innovationstheoretischen

Debatte skeptisch formulierte Frage, ob für die

wirtschaftswissenschaftliche Reflexion langer

Wellen Konstanten vorausgesetzt werden können,

durchaus mit der Hypothese beantworten,

ihnen liegt die Generationsdauer zu Grunde.

Ein Kondratieff wäre dann als die konkrete

Folge zweier Generationen zu denken“. 18

Ist es so, dass für die menschliche Gattung

der Generationsabstand aus rein biologischen

Gründen 27,5 Jahre beträgt, dann ist auch

klar, dass die Kondratieff-Zyklus-Dauer mit

55 Jahren außerökonomisch bestimmt ist. Das

besagt: Wir brauchen gar keine Basisinnovationen

zu Begründung der langen Wellen an sich,

sondern nur für die genaue Determination der

anzugebenden Zyklen. Zur Feststellung dieser

besonderen Bestimmtheit sehe ich keinen

Grund, von Schumpeters Feststellung des

„bürgerlichen Kondratieff“ abzuweichen. Ich

kenne jedenfalls keine genauere Untersuchung,

gegen die Schumpeters Feststellung des Zyklus

von 1843 bis einschließlich 1897 zu ersetzen

wäre. Nefiodows Bestimmung des Zweiten

Kondratieff mit der Dauer zwischen 1850 und

1900 ist mir zu ungenau und rücksichtslos ge-

53

gen die Annahme von der Vereinigung zweier

Generationen als der Bestimmtheit des Kondratieff-Zyklus.

Angesichts der unübertroffenen

Akribie Schumpeters in der Determination des

bürgerlichen Kondratieff schlage ich vor, dessen

Dauer als Zeitetalon bzw. Dauerstandard für

die Feststellung beliebiger Kondratieff-Zyklen

zu gebrauchen. Dies bedeutet, dass die Abtragung

dieser konstanten Dauer rückwärts in die

Geschichte wie vorwärts in die Zukunft rein

hypothetisch alle anderen historisch auftretenden

Kondratieff-Zyklen festlegt und somit

die Frage nahe legt, ob diese Determination

historisch empirisch zutrifft oder nicht. Diese

Frage ist keineswegs spekulativ, sondern historiografisch

präzise zu beantworten, sofern

nur die Historiker uns mit den entsprechenden

Daten versorgen. 19

Mit der Annahme, dass die Kondratieff-

Zyklen mit klarer anthropologisch begründeter

Konstanz die Dauer von 55 Jahren realisieren,

versteht sich, dass gegenwärtig nicht vom

Beginn des Sechsten Kondratieff die Rede

sein kann, wohl aber vom Beginn des Fünften

Kondratieff im Jahre 2008. Ist die Dauer von

1843 bis 1897 für den bürgerlichen Kondratieff

gültig, versteht sich mit der vorgeschlagenen

Annahme über die zeitliche Konstanz der

Kondratieff-Dauer, dass der Dritte Kondratieff

die Zeit zwischen 1898 und 1952 umfaßt.

Schumpeter hat ihn den „neomerkantilistischen

Kondratieff“ genannt. Er ist besser der

„imperialistische Kondratieff“ zu nennen. 1898

erklären die USA Spanien den Krieg und eröffnen

damit genau den von Lenin nach Hobsons

und Hilferdings Analysen beschriebenen Zug

des modernen (kapitalistischen) Imperialismus,

den militärischen Kampf um die Neuverteilung

der Kolonien anzutreten (freilich im

Zusammenhang mit dem Aufstand der durch

die alten Kolonialherren Unterdrückten). Im

selben Jahr nimmt der deutsche Reichstag das

Flottenbauprogramm an, womit der Marsch in

der Ersten Weltkrieg – sagen wir es hegelisch

– „gesetzt“ ist, der Krieg um den „Platz an der

Sonne“, von dem der deutsche Reichskanzler

im Oktober 1897 faselte. Weltwirtschaftskrise

und Zweiter Weltkrieg komplettieren das Szenario

des imperialistischen Kondratieff bis zum

Korea-Krieg, der im Juni 1950 die nach dem


54 Peter Ruben

Zweiten Weltkrieg verbliebenen Weltmächte

unmittelbar gegeneinander stellte und erst

1953 verdämmerte. Es war aber schon für die

westdeutsche Wirtschaft seit dem Sommer

1952 zu erkennen, dass ein kontinuierlicher

Wirtschaftsaufschwung im Gange war, sodass

für die Feststellung, 1953 habe der Vierte Kondratieff

begonnen, eigentlich keine Einwände

erhoben werden können (Nefiodow lässt ihn

1950 beginnen; ich weiß nicht, warum). Es

versteht sich, dass dieser Zyklus mit unserer

Konstanzannahme im Jahre 2007 geendet haben

muss, so dass kein Weg daran vorbeiführt, das

gegenwärtige Jahr 2008 für den Beginn des

Fünften Kondratieff-Zyklus zu halten. Demnach

steht jetzt nicht der Sechste Kondratieff

zur Debatte, wie Nefiodow suggeriert, sondern

erst im Jahre 2063.

So hat es auch András Bródy im Oktober

1982 gesehen, der zu dieser Zeit die Depressionsphase

des Vierten Kondratieff-Zyklus

unter dem Titel Slowdown öffentlich mit der

Erwartung debattierte, dass sie stark ins 21.

Jahrhundert hineinreichen werde. 20 Die ersten

drei Zyklen gab er in ihren Dauern nach anderen

Autoren an, um sodann zu notieren, dass der

Vierte Zyklus seinen Prosperitätshöhepunkt in

den späten 1960er Jahren hätte (in Westdeutschland

‚Wirtschaftswunder‘ genannt), nun aber

(also anfangs der 1980er Jahre) der wichtige

Grund für die aktuellen Wachstumsschwierigkeiten

geworden wäre. Auf die Feststellung

einer konstanten Dauer des Kondratieff-Zyklus

wollte sich Bródy nicht einlassen, dafür aber

bot er die analytische Bestimmung der Dauer

T eines beliebigen Wirtschaftszyklus mit einer

Formel an, die man aus der physikalischen

Schwingungslehre kennt: Ist b die Kapitalintensität

und g die Reifungsdauer (nach dem

Englischen ‚gestation period‘), so können wir die

Gleichung T = 2 ⋅π

⋅ b ⋅ g als Determination

beliebiger Zyklen auffassen. 21 Die Form der

physikalischen Determination einer Schwin-

gungsdauer hat die Gestalt T = 2 ⋅π

⋅ a/

b

mit a und b als physikalischen Größen (z.B. a

als Länge einer Pendelaufhängung und b als

Erdbeschleunigung; beider Verhältnis liefert

gerade ein Zeitquadrat, sodass die erforderliche

Dimensionsgleichheit gewährleistet ist).

Die Schwierigkeit der Bródy’schen Bestim-

mungsgleichung liegt im Begriff der Kapitalintensität.

Um das zu erkennen, muss man

nachprüfen, was die verschiedensten Ökonomen

mit dem Wort Kapitalintensität eigentlich

meinen. Ich verwende zum Exempel das von

Klaus Gertoberens publizierte ‚Fachwörterbuch

Wirtschaft‘. Hier heißt es: „Kapitalintensität

– Kapitalausstattung je Arbeitsplatz bzw. Arbeitskraft“.

22 Dazu ist zu klären: Erstens: Was

bedeutet ‚Kapitalausstattung‘ als ökonomische

Größen- oder Maßart? Wie ist das, was

mit diesem Worte gemeint wird, zu messen?

Zweitens: Ist der Terminus Arbeitskraft etwa

als synonyme Ersetzung des Wortes Arbeitsplatz

zu verstehen? Nehmen wir an: Kapital ist

das für den Erwerb von Arbeitsbedingungen

ausgegebene Geld – und zwar so, dass mit den

erworbenen Arbeitsbedingungen für den Markt

(auf eigene Rechnung!) produziert werden

kann, dann hat das Kapital die ökonomische

Dimension [– v], v für lat. valor bzw. dt. Wert.

So tritt es auch in der Buchhaltung auf – unter

der Bezeichnung Debet (Schuld). Der Kapitaleigner

ist ein Mensch, der sein Geld bzw.

einen Teil davon für den Erwerb von Produktionsbedingungen

ausgegeben hat. Eigenkapital

hat er, wenn er eine Schuld gegen das eigene

Vermögen aufgenommen hat, Fremdkapital

hat er, falls er fremdes Geld zur Ermöglichung

eigener Produktion geliehen hat. Ist weiter die

Arbeitskraft mit der Dimension [K] ökonomisch

gegeben, so muß nach Gertoberens [– v : K] die

Kapitalintensität sein. Das widerspricht aber

allen geläufigen Intensitätsvorstellungen, die

stets mit Verhältnissen zu einer Dauer gedacht

werden. So sind z.B. die gewöhnliche Geschwindigkeit

die Intensität der Translokation (der

Ortsveränderung), die Beschleunigung die

Intensität der Geschwindigkeit, der Ruck die

Intensität der Beschleunigung. Das Verhältnis

[– v : K] ist wohl besser als Kapitalproduktivität

anzusehen. Führen wir [– v : t] als ökonomische

Dimension ein, so haben wir es, wie noch zu

zitieren sein wird, mit Bródys Bestimmung

der Arbeit im ökonomischen Sinne zu tun. Ist

die Arbeit also die Kapitalintensität? Denkbar

wäre es sehr wohl – trotz aller „ideologischen

Bauchschmerzen“ angesichts des vorgestellten

Gegensatzes zwischen Arbeit und Kapital. Denn

in der Tat wird Kapital durch Kauf, Mieten,


Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotenzial

Leihen etc. von Arbeitsbedingungen gebildet.

Und die wirkliche Arbeit ist der konkrete

Prozess, in dem die Einheit der objektiven und

subjektiven Arbeitsbedingungen besteht. Sie

ist die Wertschöpfung, daher die Kapitalverwertung,

wenn die Arbeitsbedingungen als

Kapital vorausgesetzt sind.

Bródy muss die Schwierigkeit in der Vorstellung

von der Kapitalintensität notiert haben,

denn er bietet uns die Lebensdauer als ihren

Ersatz für die Kalkulation an. 23 Das ist ein Dimensionssprung,

der mir nicht einsichtig ist.

Es versteht sich, dass unter der Quadratwurzel

in der angegebenen Zyklusdauerbestimmung

ein Zeitquadrat stehen muss, weil sonst die

Dimensionsgleichheit nicht gewährleistet

wäre. Aber ebenso sicher sind Reifungsdauer

und Lebensdauer keine a priori ökonomischen

Größenarten mehr. Auf die Menschen

angewandt, können wir selbstverständlich die

Schwangerschaftsdauer und die zu erwartende

Lebensdauer ohne Rücksicht auf eine besondere

Wirtschaftsaktivität angeben. Wir erhalten dann

eine rein anthropologische Zyklusdauer.

Unterstellen wir, dass die mit dem Kondratieff-Zyklus

gemeinten beiden Generationen

die konstante Dauer von 55 Jahren bestimmen,

können wir die zu erwartende menschliche

Lebensdauer errechnen. Bezeichnet t (t S S

= 0,75 a, ‚a’ von lat. annus – das Jahr) die

Schwangerschaftsdauer und t die zu erwar-

L

tende Lebensdauer, wäre die Bródy-Formel

durch S L t t

T ⋅ ⋅ ⋅ = 2 π wiederzugeben. Mit

der Annahme der Konstanz für die Dauer des

Kondratieff-Zyklus ist nach dieser Formel zu

sagen: 55a = 2 ⋅π

⋅ 0,75a

⋅t

. Und daraus er-

L

rechnet sich t zu 102,17… a. Das ist ein Wert,

L

den Johannes Heesters und Erwin Geschonneck

mit unterschiedlichsten Lebensverläufen bestens

repräsentieren – und andere Menschen

selbstverständlich auch.

Natürlich müssten weitere Ausführungen

über die menschliche Lebensdauer im Sinne

der Bródy-Formel angeschlossen werden. Das

ist hier nicht zu leisten. Es bleibt nur festzuhalten:

Wenn Produktions- und Lebenszeit

eines Gegenstands hinreichen, einen Zyklus

zu determinieren, so ist dieser von anderen

Größenbestimmungen unabhängig gegeben.

Wenn aber für die Bestimmung des Kondra-

55

tieff-Zyklus durch die Ökonomie begründete

Maßarten gefordert werden, so haben wir

noch immer ein Forschungsproblem vor uns,

das selbstverständlich nicht mit der Leugnung

der Existenz eines solchen Zyklus gelöst wird,

sondern mit der ökonomischen Angabe der

Gründe, die ebensowohl die Bindung wie die

Freisetzung von Arbeitskraft in Prosperität wie

Depression einer Kondratieffwelle erklären.

Wenn ich richtig sehe, hat einst G.A. Feldman

den in diesem Zusammenhang wichtigen

Hinweis mit der Feststellung gegeben, dass

„bei konstantem Bevölkerungsverbrauch der

einmalige Austausch von Maschinen und

Anlagen in der Industrie eine starke Anspannung

des Produktionsapparates und der

Arbeitskräfte“ hervorrufe und nach „dieser

Periode eine verminderte Auslastung des

Produktionsfonds und der Arbeitskräfte“

folge. „Unter kapitalistischen Bedingungen

bedeutet das die Unvermeidlichkeit starker

Konjunktursachwankungen. Auch bei uns kann

keine Kontinuität […] gewährleistet werden.“ 24

Man muss offenbar unter den ökonomischen

Gebrauchswerten zwischen Produktions- und

Konsumtionsmitteln (wie Marx getan) strikt

unterscheiden, um sodann zu klären, ob sich

aus der Erzeugung und dem Verbrauch beider

Gebrauchswertarten die Bindung und Freisetzung

von Arbeitskraft als der charakteristischen

ökonomischen schwingenden Größe erklären

lässt. Bis dahin können wir phänomenologisch

Bródys Zyklusformel für die Kondratieffwelle

akzeptieren und bei Annahme der zu erwartend

en menschlichen Lebenszeit von ca. 102

Jahren und zwei Monaten sogar von einer rein

anthropologischen Determination sprechen.

Wir erklären so die Kondratieff-Zyklen nicht

aus den Basisinnovationen, sondern diese aus

jenen Zyklen.

Ich notiere noch die rückwärts gerichtete

Kondratieff-Determination: Unterstellen wir

die Zeit von 1843 bis 1897 als Standard-Dauer,

so versteht es sich, dass der Erste Kondratieff-

Zyklus, wie bereits notiert, die Zeit zwischen

1788 und 1842 umfasst. Nefiodows Fixierung

auf das Jahr 1800 als Beginn dieser langen Welle

teile ich nicht. Vielmehr ist angenommen, dass

Eric Hobsbawms Feststellung der „doppelten

Revolution“ – „die vorwiegend politische


56 Peter Ruben

Frankreichs und die industrielle Englands“ 25

– den hier unterstellten Ersten Kondratieff-

Zyklus charakterisiert. Diese Revolution und

ihre Verteidigung prägt die Prosperitätsphase

dieser langen Welle. Der Wiener Kongress

und die Restauration prägen nachfolgend die

Depressionsphase eben desselben Zyklus.

Hinzu kommt das Naturereignis von 1815, dem

Jahr des Eintritts in die Depressionsphase: am

11. April geschieht der Vulkanausbruch des

Tambora auf Sumbawa, Indonesien (vor der

Explosion ist der Berg ein Viertausender, danach

nur noch 2.850 m hoch). Dies hat zur Folge,

dass 1816 in Europa kein ordentlicher Sommer

wirklich und keine anständige Ernte möglich

ist (die Asche des Vulkans wird 20–30 km

hoch geschleudert, sodass rund um die Erde

ein Dunstschleier entsteht, der sommerlichen

Sonnenschein verhindert). Der Hunger wird

wieder Begleiter der Menschen in Europa

und das alte „Hep, Hep!“, das in Deutschland

nach der Judenemanzipation vergessen schien,

geistert erneut durchs Land.

Natürlich können wir die Angaben über die

Zyklen weiter treiben und bemerken, dass die

lange Welle vor dem Ersten Kondratieff die Zeit

zwischen 1733 und 1787 betrifft. 1733 eröffnet

Voltaire mit seinen ‚Briefen über die Engländer‘

die französische Hochaufklärung, 1732 fand die

letzte ernsthafte Religionsverfolgung in Europa

statt, nämlich die der Salzburger Protestanten,

die nach Ostpreußen eingeladen wurden, wo

sie und ihre Nachfahren während etwa vier

Kondratieffs das Land kultivieren können, bis

ihre letzten Nachkommen wieder verschwinden

müssen. Diese vier Kondratieff-Zyklen bilden

zusammen das, was man eine „superlange

Welle“ genannt hat. Sie währt 220 Jahre und

wird uns im Folgenden noch beschäftigen.

2. Über ökonomische Dimensionen

Die Skepsis über die Existenz ‚langer Wellen‘

im Sinne Kondrat’evs hat ihren rein wissenschaftlichen

(ökonomischen) Grund in dem

Umstand, dass wir über die Natur der Wirtschaft

analytisch zu wenig wissen. Es wird in

der Ökonomie zwar ungeheuer viel gerechnet,

aber wenig gemessen. Die wichtigsten Begriffe

der Ökonomie sind in der Regel nicht definiert.

Man frage einmal, was mit dem Wort

Preis gemeint sei. Meint es dasselbe wie das

Wort Kosten? Und ist es denn akzeptabel,

eine Dauer (Zeit) als den ökonomischen Wert

zu denken, wie in ungezählten Schriften und

Meinungsäußerungen unterstellt? Ich habe

zu Fragen dieser Art meine Meinung gesagt

und setze sie für die weitere Argumentation

voraus. 26 Dazu gehört insbesondere die Annahme,

dass für die Ökonomie die Arbeitskraft

(K) eine undefinierbare Grundvorstellung

ist, die wir messtechnisch durch eine Vollbeschäftigteneinheit

(VbE) darstellen, mit deren

Hilfe wir auszählen können, welches Maß an

Arbeitskraft in einem Betrieb vorhanden ist. 27

Wer nur halbtags beschäftigt ist, realisiert nur

eine halbe VbE, falls die volle Beschäftigung für

den ganzen Tag (den vertraglich bestimmten

Arbeitstag) festgelegt ist. Die Arbeitskraft ist

selbstverständlich nicht mit der Arbeit zu

verwechseln. Letztere ist 1970 durch András

Bródy als ökonomische Maßart (Größenart)

ihrer Dimension nach wie folgt bestimmt worden:

„Die Größe der aufgewandten Arbeit [A . t]

bildet den Wert. Daraus folgt, dass [A] = [v . t -1 ]

gilt, Arbeit die Dimension eines Wertstroms

hat.“ 28 Ich übernehme diese Bestimmung mit

der Bemerkung, dass die von Bródy verwendete

ökonomische Maßart Wert (v von lat. valor)

durch jede Währung dargestellt wird. Wer liest,

dass etwa 1 € = 1,5 US-$ notiert wird, nimmt

eine Wertgleichheit zur Kenntnis (dargestellt

in unterschiedlichen Währungseinheiten, die

ihrerseits Wertmaßeinheiten sind).

Jeder weiß aus seiner schulischen Physikausbildung,

dass die Arbeit in der Mechanik als Produkt

aus Kraft (K) und Länge (l) eines Weges definiert

ist: [A] = [K . l]. Es ist genau diese Arbeit, die auch

in der Wirtschaft gebraucht und aufgewandt

wird. Wer noch imstande ist, sich einen Hucker

vorzustellen, der auf einer Baustelle Steine in

obere Etagen trägt, um den Maurern ihr Material

zu liefern, damit diese Zimmerwände errichten

können, stellt sich die physikalische Realisierung

von Arbeit vor. Bedenkt er nun noch, dass der

Hucker in der Wirtschaft für solches Tun in der

Arbeitszeit bezahlt wird, der hat die ökonomische

Natur der Arbeit, nämlich Wertschöpfung zu

sein, im Bewusstsein.


Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotenzial

Es gehört zu den großen ökonomischen

Erkenntnissen, die wir Marx verdanken, dass

der Transport auch als Gebrauchswertbildung

verstanden werden muss. 29 Mithin können wir

nach Marx die Länge eines Transportweges

als eine Gebrauchswertart- oder Nutzengröße

[N ] denken. Ökonomen sprechen mit Bezug

l

auf Nutzenmaße mit Blick auf die Abwägung

zwischen Nutzen und Kosten oft von Geldmengen,

wenn sie „Nutzen“ sagen (in der Wiener

Schule ist das durchgängig der Fall). Hier ist

mit „Nutzen“ aber gemeint, was Schumpeter

„Menge“ nennt, wenn er in einer Anmerkung

das Wort Wert durch den Ausdruck „Preis mal

Menge“ erklärt. 30 Ich fasse diesen Hinweis als

Annahme der analytischen Bestimmung „Wert

= Preis mal Menge“ auf und bemerke: Wer unter

dem Wort Menge eine (rationale) Zahl versteht,

muss zugeben, dass er die Worte Preis und

Wert für synonym hält. Denn selbstverständlich

muss auf beiden Seiten der Gleichung dieselbe

ökonomische Dimension (Qualität) bezeichnet

sein. Das kann bei Deutung des Wortes Menge

als eines Zeichens für eine Zahl natürlich nur

gegeben sein, wenn Preis (pretium) und Wert

(valor) qualitativ dasselbe bedeuten. Meint

aber Menge nicht nur eine Zahl, sondern eine

ökonomische Maßart (nämlich das, was Marx

Gebrauchswert nennt, aber auch Nutzen), so

ist klar, dass wir in der Schumpeter-Gleichung

eine echte Größengleichung der Ökonomie vor

uns haben, die wir durch v = p . Ni (mit dem

i

Index i zur Bezeichnung der Gebrauchswertoder

Nutzenarten i = 1, …, n) ausdrücken. Es

versteht sich dann, dass der Preis niemals eine

Geldsumme allein meint, sondern immer das

Verhältnis einer Geldsumme zu einer bestimmten

Gebrauchswertmenge. Die fundierende

Preisdefinition lautet: p = v : N . Wer auf die

i df. i

Frage: Was kost diese Ware? antwortet: 1,50 €,

der gibt keinen Preis, sondern einen Wert an.

Wer aber sagt: „Irische Butter bekommen Sie

zu 1,50 € das halbe Pfund“, der nennt einen

Preis. Niemand wird auf die Frage nach der

Geschwindigkeit seines Radfahrens mit der

Antwort „10 km“ zufrieden sein, sondern fordern,

dass diese Länge im Verhältnis zu einer

Dauer bestimmt werde, also etwa „10 km pro

halbe Stunde“. Genau um die Wahrnehmung

solcher Verhältnisgrößen geht es in der Kon-

57

stituierung der Ökonomie als einer messenden

Wissenschaft.

Mit diesen dimensionstheoretischen Erwägungen

ist vielleicht einsichtig, dass Feststellungen

über die Existenz oder Nichtexistenz

der ‚langen Wellen‘ ganz wesentlich davon

abhängen, was man eigentlich misst (und

statistisch erfasst). Nach meiner Sicht ist es

vor allem die Bindung und Lösung von Arbeitskraft,

die in der gesellschaftlichen Arbeit

(das ist die durch Arbeitsverträge vermittelte 31 )

zyklischen Charakter hat. Mithin hat man das

Problem, halbwegs anständige und zuverlässige

Feststellungen von Arbeitslosenquoten über

einen Zeitraum von zwei Generationen zur

Verfügung zu haben. Das ist nun gegenwärtig

mit der Vollendung des Jahres 2007 gerade

der Fall, wenn wir 1953 als Beginn des Vierten

Kondratieff-Zyklus unterstellen. Meine 1997

formulierte Prognose, dass der aktuelle Kondratieff-Zyklus

bis ins Jahr 2007 andauern werde,

steht nun der Kontrolle zur Verfügung.

Diese Kontrolle hat Ulrich Hedtke vorgenommen,

sodass ich die von ihm präsentierte

Gegenüberstellung des theoretisch gedachten

Kondratieff-Zyklus im 3-Zyklenschema (Kondratieff-,

Juglar- und Kitchin-Zyklus), in der

Wiedergabe JAS genannt, mit den tatsächlichen

Arbeitslosenquoten der alten Bundesrepublik

als Funktion der Zeit nur zu zitieren brauche.

Der tatsächliche Verlauf der Arbeitslosigkeit

zeigt eine solche Übereinstimmung mit dem

aus der Theorie folgenden Verlauf, dass wir eine

hohe positive Korrelation allein durch Wahrnehmung

der Gestalt beider Kurven erkennen.

Das bedeutet eine erfreuliche Konfirmation der

Annahme Kondrat’evs. Es bedeutet nicht den

Beweis. Dieser ist durch weitere Entwicklung der

ökonomischen Theorie zu gewinnen, die uns

erklären muss, warum das Wirtschaftssystem

Zyklen von der Dauer hervorbringt, die hier in

Rede steht. Bis das erreicht ist, begnügen wir

uns mit der ökonomischen Phänomenologie.

Sie ist jedenfalls durch die Arbeit Hedtkes in

einem Zustand, durch den man versichern

kann: Es lohnt sich, die Problemlage intensiv

weiter zu verfolgen. 32

Ich hoffe, dass der Leser angesichts des

theoretischen und empirischen Kurvenverlaufs

(vgl. Abb. 2 im Beitrag von Ulrich Hedtke in


58 Peter Ruben

diesem Heft) für den Vierten Zyklus 1953

bis 2007 Kondrat’evs Annahme für plausibel

hält. Sie ist das Ergebnis eines Bemühens, das

nach dem Zusammenbruch des europäischen

Kommunismus um die Chance gekommen ist,

noch wahrgenommen und darüber hinaus verstanden

zu werden. Die russische Revolution,

im ersten Akt 1905 bis 1907 im wesentlichen

gescheitert, im zweiten Akt 1917 durch die

bolschewistische Machtübernahme zu einem

bestimmten Resultat geführt, hat 1921 mit

der ‚Neuen Ökonomischen Politik‘ (NÖP) den

Versuch induziert, volkswirtschaftliche Planung

unter Voraussetzung des Marktes als dem Kriterium

der Planungskompetenz zu realisieren.

In diesem Zusammenhang ist zwischen den

Jahren 1921 und 1927 in der UdSSR ein für

die Ökonomie überragend bedeutungsvoller

Konflikt ausgefochten worden, der mit dürren

Worten auf den Gegensatz zwischen „indikativer“

und „direktiver“ Volkswirtschaftsplanung

hinausläuft. Um diese Auseinandersetzung

zu verstehen, in der Kondrat’ev die indikative

Planung und sein Gegner S.G. Strumilin die

direktive Planung vertrat, muss man zunächst

bemerken, dass die vorgestellte Entgegensetzung

zwischen „Markt-“ und „Planwirtschaft“

nichts mit wirtschaftlicher Realität zu tun hat.

Jedes in der gesellschaftlichen Wirtschaft (das

ist die durch Tausch bzw. Ein- und Verkauf

vermittelte, die Verkehrswirtschaft, wie man

auch sagt) agierende Unternehmen plant

selbstverständlich und zieht mit dem reellen

Ergebnis seiner Planung auf den Markt, der

dieses Ergebnis konfirmiert oder desavouiert.

Der Markt ist das Kriterium des Plans;

und planlos auf den Markt zum ziehen, heißt

schon, die Pleite zu betreiben. Für die wirkliche

Wirtschaft ist also immer die Einheit des Plans

(des Produzenten) mit dem Markt (der Konsumenten

bzw. Produkt abnehmer) gegeben. 33

Die Idee der indikativen Planung bestand darin,

an der Entwicklung der Weltwirtschaft die

für die russische bzw. sowjetische Wirtschaft

wichtigen Randbedingungen so zur Kenntnis zu

nehmen, dass ein optimaler Entwicklungspfad

vorgeschlagen werden konnte. Jeder russische

Ökonom wusste ja, dass Russlands industrielle

Revolution (die gleichzeitig mit der Japans

verlief) wesentlich durch Auslandsfinanzierung

(insbesondere französische) ermöglicht, also

die russische Wirtschaftsentwicklung durch

Bindung an den Weltmarkt verwirklicht wurde.

Für die indikativen Planer gab es bis zum

Oktober 1927 keinen Grund anzunehmen, dass

sich diese Lage ändern könnte. Die kommunistischen

Dekrete zwischen November 1920 und

Februar 1921 Über unentgeltliche Abgabe von

Lebensmitteln an die Bevölkerung (4.12.1920),

Über unentgeltliche Abgabe von Massenbedarfsgütern

an die Bevölkerung (17.12.1920),

Über die Abschaffung der Zahlungen für Brennstoffe

aller Art […], Über die Abschaffung der

Verrechnungen für die Inanspruchnahme der

Post, des Telegrafen, des Telefons […] (beide

am 23.12.1920), Über die Abschaffung der

Wohnungsmiete und anderer Zahlungen auf

Grund von Hausbesitz (27.1.1921), schließlich

Über die Abschaffung der Steuern (3.2.1921) 34

wurden nach dem Aufstand in Kronstadt im

März 1921 durch den Übergang von der Ablieferung

zur Naturalsteuer konterkariert; und

durch die geradezu beispielhafte Beseitigung

der Inflation mit Einführung des konvertiblen

Tscherwonez wurde eine klare marktwirtschaftliche

Basis konstituiert. Auf dieser Grundlage

konnte Kondrat’evs Feststellung der ‚großen

Zyklen‘ für die Volkswirtschaftsplanung bedeutsam

werden.

Leo Trotzki hat im April 1923 Kondrat’evs

Bemühen wie folgt kommentiert: „Dem III.

Weltkongreß der Komintern folgend, […]

versuchte [Professor Kondratieff] neben einem

,kleinen Zyklus‘, der einen Zeitraum von 10 Jahren

umfaßt, das Konzept eines ,langen Zyklus‘,

ungefähr 50 Jahre umfassend, zu entwickeln.

[…]Die statistische Bestimmung der langen

Zyklen, die Kondratieff zusammengetragen hat,

sollte zum Gegenstand einer sorgfältigen und

nicht leichtgläubigen Untersuchung gemacht

werden, und zwar sowohl in bezug auf die

einzelnen Länder, wie auch auf den gesamten

Weltmarkt.“ 35 Dabei wusste Trotzki: „… der

Kapitalismus lebt durch Krisen und Prosperitätsperioden,

wie der Mensch durch Ein- und

Ausatmen lebt.“ 36 Gelernt hatte er das von seinem

Lehrer Alexander Helphand (gen. Parvus),

der 1896 für die Sächsische Arbeiter-Zeitung

erstmals die Idee von der „neuen Sturm- und

Drangperiode des Kapitals“ veröffentlichte. 37


Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotenzial

Ganz in diesem Sinne spricht Trotzki in seinem

Vortrag vor dem III. Kominternkongress

am 23. Juni 1921 von „der letzten Sturm- und

Drangperiode der ökonomischen Entwicklung

vor dem Kriege, von der Mitte der neunziger

Jahre bis zum Anfang der Krise 1913/14“. 38

Trotzkis Empfehlung, Kondrat’evs Feststellungen

sorgfältig zu untersuchen, ist mit dem

stalinistischen Abbruch der Neuen Ökonomischen

Politik 1928/29 verhallt. Gegen die

indikative Planungsvorstellung siegte 1930

endgültig die direktive, d.h. die gegen die

wirtschaftlichen Proportionen gleichgültige,

subjektivistische Befehlsausgabe für die Produzenten.

Wie dieser Sieg errungen wurde,

konnte man seit 1977 in deutscher Sprache in

Strumilins Schriften nachlesen. 39 Leider kann

hierauf nicht weiter eingegangen werden. 40

3. Der Kondratieff-Zyklus und

von Gerkans Gedanken zum Ablauf

des Weltgeschehens

Welche Dauer die geistige Verarbeitung der

‚langen Dauern‘ Kondrat’evs in Anspruch

nimmt, zeigt die Verknüpfung, die nach 46

Jahren heute mit einer Überlegung herzustellen

ist, welche vom einstigen Direktor des

Deutschen Archäologischen Instituts Rom,

Arnim von Gerkan, im Alter von 78 Jahren

der Öffentlichkeit 1962 vorgestellt wurde.

Der Autor, 1884 im Baltikum geboren, 1969

in Schleswig-Holstein verstorben, hatte seine

Gedanken zum Ablauf des Weltgeschehens 41

zum Schluss mit der Mitteilung verbunden,

dass Lesern, welche sich angesichts seiner

Darstellung an Oswald Spenglers ‚Untergang

des Abendlandes‘ erinnert sehen, zu berichten

wäre, „daß ich meine Auffassung wohl etwa in

der gleichen Zeit konzipiert habe, unabhängig

von ihm, sie aber verständlicherweise zurückhielt,

weil sie doch nur als eine Art von Plagiat

aufgefaßt worden wäre“. 42 Worum geht es?

Arnim von Gerkan möchte aus kunsthistorischen

Gründen die klassische Antike zeitlich

möglichst genau bestimmen und kommt zu

folgendem Resultat: „Als Ergebnis erhalten

wir für das Altertum die Zeitspanne zwischen

etwa 1200 v. Chr. und 500 n. Chr., also eine

59

Dauer von 1.700 Jahren oder etwas mehr. Ich

habe mit den Zahlen 1.600 bis 1.800 die verschiedensten

Versuche angestellt, auf die ich

hier jedoch nicht einzugehen brauche. Nur das

möchte ich sagen, daß 1.600 Jahre entschieden

zu wenig sind. Wenn andererseits 1.800 mir

etwas zuviel vorkamen, so erhielt diese Zahl

durch einen Zufall eine unerwartete Stütze in

einer Arbeit des schwedischen Meeresforschers

O. Petterssen 43 .

Dieser hat festgestellt, daß etwa alle 1.800

Jahre Sonne und Mond in Stellungen mit größtmöglicher

Anziehung auf das Meer kommen.

Ein solches Maximum bestand um 1433 mit

harten Wintern, Zufrieren der Ostsee, Polareis

im Nordatlantik, Sturmfluten, in Südeuropa

Stürmen und Mißernten. Das Minimum lag

um 550; damals schmolz das Polareis, und

Grönland erhielt seinen Namen von Weideland

und Obstgärten. Die unmittelbaren

Ursachen sind unterseeische Flutwellen, die

warmes Atlantikwasser ins Polarmeer führen,

oder umgekehrt Eis nach dem Süden. Die

Kontamination dieser Vorgänge mit unseren

Geschichtsepochen ergibt, daß die warmen

Zeiten manche noch nicht sesshafte Völker

zum Wandern ermutigen, kalte hingegen die

sesshaften konsolidieren und eigentlich die

kulturfördernden sind.

Weil diese 1.800 Jahre ja auch nur eine runde

Zeitbestimmung sind, halte ich mich für berechtigt,

einen Mittelweg zu wählen und mit 1.750

Jahren zu rechnen, die befriedigende Resultate

geben. Wenn ich statt dessen im folgenden

1.760 schreibe, so soll das nur ermöglichen,

diesen Zeitraum beliebig zu unterteilen, ohne

zu komplizierten oder gar halben Jahreszahlen

zu gelangen.“ (Abb. 2) 44

Ich verzichte auf die Diskussion des Vergleichs

der klassischen Antike mit der neueren

europäischen Geschichte, wie ihn v. Gerkan

betreibt. Wichtig ist mir vielmehr, dass man

aus seiner Grafik entnehmen kann, dass die

‚superlangen Wellen‘ von 220 Jahren, die von

Historikern in der Regel „Zeitalter“ genannt

werden, auch bei dem Kunsthistoriker und

Archäologen Arnim von Gerkan auftreten.

Doch die avisierten 1.760 Jahre, das sind acht

Epochen (oder Zeitalter), nimmt er nur an,

„diesen Zeitraum beliebig zu unterteilen, ohne


60 Peter Ruben

zu komplizieren“. Was v. Gerkan nicht weiß

und nicht in Rechnung stellt, ist der Sachverhalt,

dass jedes Zeitalter bei dieser Dauer

genau vier Kondratieff-Zyklen umfasst und

weiter seine Zeitdetermination des klassischen

Altertums exakt 32 Kondratieffs bedeutet.

Natürlich versteht es sich, dass v. Gerkans

‚unkomplizierte‘ Dauer mit diesem Blick auf

den Kondratieff-Zyklus eine historiografische

Bedeutung erlangt, die weit über die Kunstgeschichte

hinausgeht.

Bezieht man sich auf den Marx’schen Begriff

der ökonomischen Gesellschaftsformation 45 ,

liegt es nahe, v. Gerkans Dauer gerade als Dauer

einer solchen Formation anzusehen. Er gibt

für das klassische Altertum die Zeit zwischen

1250 v. u. Z. und 510 u. Z. an. Aber Henri

Pirenne hat 1936 in „Mahomet und Karl der

Große“ erklärt, dass die arabische Expansion

die klassische Antike beende. Ich übernehme

diese Feststellung als gültig und bemerke zur

Begründung, dass – mit dem Norm-Kondratieff-Zyklus

von 1843 bis einschließlich 1897

– im Jahre 633 ein neuer Kondratieff-Zyklus per

Rechnung beginnt. Als historische Fakta stehen

zur Verfügung: 632 stirbt Mohammed, 634

erobern die Araber die byzantinische Festung

Bothra, 635 Damaskus, 636 ganz Syrien, 638

spätestens ist Jerusalem erobert, Mesopotamien

und Persien werden erobert, 641 ist Alexandria

in arabischer Hand. Damit endet wirklich, wie

es Pirenne gesagt hat, die klassische Antike.

Unterstellen wir mit Arnim von Gerkan die

1760 Jahre (oder 32 Kondratieff-Zyklen) für

diese Sozialformation, so beginnt sie nicht 1250

v. u. Z., sondern 1128 v. u. Z., und währt bis zum

Jahre 632 u. Z. Das stimmt historiografisch sehr

gut mit der Feststellung überein, dass um 1150

v. u. Z. alle Bindungen im östlichen Mittelmeer

zerstört sind, die minoische Kultur ebenso

endet wie 1157 v. u. Z die Kassitenherrschaft

in Babylon. Die Bronzezeit nimmt Abschied.

Zugleich ist das der Beginn der sogenannten

„dark ages“ (gegen 1100 v. u. Z. beginnt die

dorische Wanderung), also des ersten Zeitalters

der klassischen Antike.

Mit Blick auf den empirisch konstatierbaren

Geschichtsverlauf können wir bei Übernahme

der, wie man vielleicht sagen kann, Gerkan-

Zyklen (d.h. Zyklen der Sozialformationen) die

folgenden Epochen – natürlich nur stichwortartig

– feststellen: Wird das Jahr 633 als Beginn

der Epoche arabischer Expansion akzeptiert und

das Wissen unterstellt, dass 840 die Wikingerexpansion

im großen Stil einsetzt, so versteht

es sich, dass 633 bis 852 als Epoche (Zeitalter)

der arabischen Expansion feststeht. Ihr folgt

das Zeitalter der Wikinger, deren letzte große

Eroberung 1066 in der Schlacht bei Hastings

absolviert wird. Der Sieg der Seldschuken

über Byzanz bei Mantzikert 1071 induziert

die westeuropäische Gegenreaktion, die als

Kreuzzugskonzept vom Papst bereits 1074

entwickelt wird und im Kreuzzugszeitalter

Abbildung 2: Superzyklen im „Ablauf des Weltgeschehens“ nach von Gerkan 1962

I----220---------220---------220--------220--------------220----------220---------220----------220-----I

1250 1030 810 590 370 150 70 290 510

510 730 950 1170 1390 1610 1830 2050 2270


Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotenzial

bis zur Eroberung Akkos durch die Mameluken

im Jahre 1291 historische Existenz hat.

Ersichtlich umfassen alle drei Zeitalter stets

vier Kondratieff-Zyklen bzw. 220 Jahre. Das

ist historiografisch unstrittig. 46

Das zunächst formell zu notierende Zeitalter

zwischen 1293 und 1512 ist wohl richtig erfasst,

wenn wir es mit Karl Bücher als Epoche der

Ausbildung der Stadtwirtschaft betrachten.

Jedenfalls wird 1293 termingerecht der Adel

in Florenz, der Geburtsstadt des Kapitalismus,

entmachtet; 1295 kann Englands König ohne

Parlamentszustimmung keine Steuern mehr

eintreiben; und 1307 enteignet Frankreichs König

den Templer-Orden, die Elite des Zeitalters

der Kreuzzüge. 1515 ist Portugals Handelsreich

etabliert. Über die Bedeutung der deutschen

Hanse in dieser Epoche brauche ich kein Wort

zu verlieren. Es handelt sich zwischen 1293 und

1512 um das späte Mittelalter und die Zeit der

Ausbildung der Stadtwirtschaft, ohne die von

Volkswirtschaft hätte keine Rede sein können

(die Nationalökonomie ist die Rezeption und

Erweiterung der Stadtökonomie!).

1513 bis 1732 wird jeder als Zeitalter der

Reformation und Gegenreformation erkennen.

Und wenn man weiß, dass mit der 1733 einsetzenden

französischen Hochaufklärung (in

diesem Jahr publiziert Voltaire seine berühmten

‚Briefe über die Engländer‘) zugleich der

nationalistische Gegensatz (zunächst zwischen

Engländern und Franzosen im amerikanischen

Arkadien 1755) als Ersatz des religiösen beginnt,

so ist die Erklärung der Zeit zwischen 1733 und

1952 als Zeitalter des Nationalismus vielleicht

nicht überraschend. Jedenfalls darf man nach

der hier vorgelegten Kalkulation sagen, dass seit

1953 eine neue Epoche begonnen hat. Und es ist

vielleicht festzustellen, dass diese vermutlich das

Zeitalter der Transzendierung des nationalen

Gegensatzes ist. Jedenfalls liefert die Geschichte

der EU dafür den praktischen Beleg. Und alle

anderen internationalen Vereinungen haben

an der EU ihr Original.

Wenn wir seit 633 u. Z. Zeitalter mit der

Dauer von 220 Jahren erkennen können, gilt

diese Feststellung auch für die antike Sozialformation?

Das ist der Fall! Nach dem Zusammenbruch

der Bronzezeitkultur im östlichen

Mittelmeer sind es die phönikischen Städte,

61

die die orientalische Stadtkultur weiterführen.

1128 v. u. Z. gründen die Phöniker Gades in

Spanien, beginnt die Herrschaft Nebukadnezars

I. in Babylon, um 900 v. u. Z. ist nach Fritz

Heichelheim ein ökonomischer Aufschwung

im griechischen Bereich erkennbar 47 (vor 900

v. u. Z. besteht auf Argos eine Silberraffinerie).

Die Zeit zwischen 1128 und 909 v. u. Z. ist also

gut als bestimmtes Zeitalter zu erkennen (als

‚dark ages‘). Die anschließende Epoche (908

bis 689 v. u. Z.) ist kunstgeschichtlich als das

‚geometrische‘ Zeitalter ausgewiesen. 688 bis

469 v. u. Z. dürfen wir vom archaischen Zeitalter

(mit Bezug auf Griechenland) reden. 468

bis 249 v. u. Z. handelt es sich um das Zeitalter

der Klassik und des Frühellenismus (von der

Vollendung der Demokratie in Athen bis zum

Eingreifen Pyrrhos’ I. in die Verteidigung Tarents

gegen Rom). 248 bis 29 v. u. Z. handelt es

sich um den Hoch- und Späthellenismus (248

v. u. Z. wird das Partherreich errichtet, und 40

v. u. Z. entsteht mit der Laokoon-Gruppe das

letzte hellenistische Kunstwerk ,wie 30 v. u. Z.

der letzte hellenistische Staat – Ägypten – von

den Römern zur Provinz gemacht wird).

Was nun kommt, ist Sache Roms: 28 v. u. Z.

beginnt formell die Epoche, 27 v. u. Z. wird

Octavian zum Augustus erhoben, also das

Prinzipat etabliert, 193 u. Z. pünktlich wird

Septimius Severus der erste Soldatenkaiser;

410 erobern die Westgoten Rom, und 413

erhalten die Burgunder das Siedlungsrecht

links des Rheins zwischen Worms und Mainz.

In der Silvesternacht von 406 auf 407 dringen

Germanenstämme über den Rhein, womit die

massive germanische Expansion beginnt, die

in den eroberten weströmischen Provinzen

die Nationenbildung begründet. Prinzipat,

Soldatenkaisertum und Dominat sowie endlich

die germanische Expansion liefern die

drei Zeitalter, die die klassische Antike vor

dem Beginn der arabischen Expansion noch

realisiert. Somit ist angedeutet, dass die Annahme

von der Konstanz der Kondratieff-Dauer

durch die empirisch aufweisbare Geschichte

nicht widerlegt wird. Natürlich ist zu diesem

Aufweis wesentlich mehr zu sagen. Das ist an

dieser Stelle nicht möglich.

Es sei noch bemerkt, dass ein Rückgang

auf die Zeit vor 1128 v. u. Z. auf große Schwie-


62 Peter Ruben

rigkeiten stößt, weil uns die Historiker mit

Bezug auf die altorientalische Sozialformation

mit sehr unterschiedlichen Daten versorgen,

so dass eine Kondratieff-Analyse nicht mehr

möglich ist. Hier muss man abwarten, bis die

archäologische und historiografische Arbeit

eine verlässliche und allgemein akzeptierte

Datenbasis liefert.

Der Rückgriff auf die Epochengliederung

der menschlichen Geschichte seit dem Beginn

der klassischen Antike 1128 v. u. Z. zeigt wohl

plausibel, dass die Kondrat’ev-Hypothese

eine sehr gute historische Fundierung hat.

Mit ihr gewinnen wir eine zeitliche Ordnung,

ohne die Geschichte im wissenschaftlichen

Sinne gar nicht denkbar ist. Wir können uns

von kuriosen Präsentationen „langer“ oder

„kurzer Jahrhunderte“ freihalten, indem wir

durch die Kondrat’ev-Ordnung Anfänge und

Beendigungen historischer Abläufe genauer zu

fixieren fähig sind. Es wird dann z.B. klar, dass

nicht der Erste Weltkrieg die ‚Urkatastrophe‘

eines „kurzen Jahrhunderts“ war 48 , sondern

dass 1898 der imperialistische Kondratieff-

Zyklus mit dem Angriff der USA auf Spanien,

mit dem deutschen Flottenbauprogramm

und anderen Aktionen begann und mit dem

Korea-Krieg 1950–1953 endete, dass die

von rohkommunistischen Ideologen so sehr

vermisste Weltrevolution vielmehr seit 1905

mit enormem Tempo die Erde umfasste, von

Russland über die Türkei, Persien, China,

Mexiko und Portugal fortschritt. Den Ersten

Weltkrieg betrieben seine Initiatoren als Weg

aus der Revolutionsdrohung, genau dadurch

aber führten sie in die russisch dominierte

kommunistische Herrschaft hinein, die zum

Hilfsmittel der Befreiung der kolonialisierten

Völker wurde.

Wir gewinnen auch die Freiheit zu bestimmen,

was als Basisinnovationen in einem

gegebenen Kondratieff-Zyklus wirklich gelten

kann. Nefiodow macht sich die Sache leicht,

indem er auffällige technische Neuerungen

benennt. Betrachten wir aber die Geschichte

der Produktivkräfte und der Technik genauer,

so ist die Sache ziemlich knifflig. 1788 ist

z.B. erstmals auf der Themse ein Dampfschiff

eingesetzt worden, also ordentlich pünktlich

zum Beginn der Industriellen Revolution, 1807

hat Fulton sein Experiment auf dem Hudson

veranstaltet, aber die Agrarkrise seit 1875 in

Europa haben wesentlich die US-amerikanischen

Klipper herbeigeführt, also schnelle

Segelschiffe. Der Dampfschiffbau musste

erst durch eine Periode von Katastrophen

bitteres Lehrgeld zahlen, ehe Segelschiffe nur

noch Seeleuten zur Ausbildung dienten. Ist es

wirklich die Informationstechnik, die – nach

Nefiodow – den Fünften Kondratieff charakterisiert?

Kann man nicht auch sagen, es ist

vielmehr die Passagierluftfahrt, die friedliche

Nutzung der Kernenergie, die Raketentechnik,

welche uns 1969 den Mondbesuch ermöglichte,

die Haushaltstechnik, die eine unglaubliche

Befreiung der Frauen hervorrief, die „Traktorisierung“

der Landwirtschaft etc., welche alle

zusammen die Produktivkraftnatur des Vierten

Kondratieff charakterisieren? Jedenfalls ist

nach der hier präsentierten Annahme von der

zeitlichen Ordnungsleistung der Kondrat’ev-

Hypothese das genaue historische Studium der

Produktivkraftgeschichte die Bedingung für

die Feststellung der einen Kondratieff-Zyklus

charakterisierenden Basisinnovationen.

Anmerkungen

1 In diesem Jahr publizierte Kondrat’ev Die Weltwirtschaft

und ihre Konjunkturen in der Kriegs- und

Nachkriegszeit [Mirovoe chozjajstvo i ego kon"junktury

vo vremja i posle vojny, Vologda 1922] unter Voraussetzung

von Einsichten, die er sich 1919 bis 1921

erarbeitete. 1925 folgten „Bol’šie cikly kon"junktury“ im

1. Band der Voprosy kon"junktury, Moskva. Kondrat’evs

‚große Zyklen‘ wurden im Deutschen zu den ‚langen

Wellen‘, als ihre Darstellung im Dezember 1926 im

Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik auf

Deutsch veröffentlicht wurde (ich benutze für die

kyrilliische Schrift die sog. Bibliothekstransliteration;

vgl. Duden Bd. 1, Mannheim et al. 2006, S. 139, dort

unter „III“ aufgeführt).

2 Der Terminus Kondratieff-Zyklus ist die international

geläufige Schreibweise.

3 Ich folge der Darstellung Schumpeters, wonach der

Zweite Kondratieff die Jahre 1843 bis einschließlich

1897 umfasst; vgl. seine Konjunkturzyklen, Göttingen

1961, 314ff., wo dieser Zyklus auch der „bürgerliche“

heißt. Nach meiner Sicht liefert die Zeit von 1898 bis

1952 den Dritten Kondratieff, den Schumpeter wegen

seines Todes 1950 natürlich nicht mehr voll überblicken

konnte. Er nannte ihn den „neomerkantilistischen“; es

ist besser, ihn den „imperialistischen“ zu nennen. Damit

ist nahe gelegt, dass der Vierte Kondratieff von 1953 bis

2007 währte. In ihm erfolgte die politische Befreiung


Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotenzial

der Kolonien (mit 1960 als dem „afrikanischen Jahr“)

und mit der Grundlegung der Europäischen Union das

Ende des nationalistischen Gegensatzes wenigstens in

Europa – falls man von Jugoslawien absieht.

Der Erste Kondratieff betrifft die Industrielle Revolution,

die Dauer von 1788 bis einschließlich

1842. Die Industrielle Revolution beginnt mit dem

Zusammenschluss einer Dampfmaschine mit einer

werkzeugtragenden Maschine. Durch erstere wird

die Produktion von natürlichen Wasserläufen unabhängiger,

die im Mittelalter die Revolution der

Wassermühlen gewährleisteten. Da im Folgenden

auseinandergesetzt wird, dass der von Kondrat’ev als

gegeben angenommene Zyklus die zeitliche Ordnung

der menschlichen Geschichte überhaupt bestimmt,

gibt es eigentlich keinen ersten Kondratieff-Zyklus.

Ich behalte aber zur Verständigung die traditionellen

Namen bei, sodass Erster, Zweiter etc. und Fünfter

Kondratieff Eigennamen für genau bestimmte Dauern

sind.

4 In: Freitag, 8. August 1997, S. 6.

5 Vgl. Neue Unübersichtlichkeit und altes Wissen; http://

www.peter-ruben.de/frames/files/Gesellschaft

6 So berichtet es der Berliner Tagesspiegel am 7. Mai

2008 auf S. 2 unter dem Titel „Ganz schön viel Arbeit“.

Die Unternehmensberatung McKinsey meint, dass

bei einem vorsichtig prognostizierten Wachstum

der deutschen Wirtschaft von 1,7% jährlich im Jahre

2020 etwa 2,4 Mio. Arbeitskräfte fehlen werden, bei

einem Wachstum von 3% jährlich werden es 6,1 Mio.

sein. Diese Arbeitskraftgrößen sind diejenigen, die im

Rahmen der Kondrat’ev-These zu erwarten sind.

7 Vgl. Hans Thomas/ Leo A. Nefiodow (Hg.): Kondratieffs

Zyklen der Wirtschaft. An der Schwelle neuer

Vollbeschäftigung? Lindenthal-Institut Köln, Herford:

Verlag BusseSeewald 1998, 155-196. Das Buch Der

sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung

im Zeitalter der Information erschien in

1. Auflage im Jahr der genannten Fachtagung (1996)

und hat inzwischen viele weitere Auflagen erreicht.

1991 erschien vom selben Autor: Der fünfte Kondratieff.

Strategien zum Strukturwandel in Wirtschaft und

Gesellschaft. Frankfurt a.M./Wiesbaden.

8 Nefiodow, Leo A.: Der sechste Kondratieff, Sankt

Augustin: Rhein-Sieg-Verlag. 6. Auflage, S. 66. Vgl.

auch: http://www.kondratieff.net/index.htm

9 Die verschiedenen Schreibweisen des Namens sollten

nicht irritieren: Kondrat’ev ist die Notation in der

Bibliothekstransliteration, die den russischen Namen

Николай Дмитриевич Кондратьев in der deutschen

Sprache exakt wiedergibt.

10 Nach ersten Überlegungen 1919–1921 erschien

Kondrat’evs Buch Die Weltwirtschaft und ihre Konjunkturen

in der Kriegs- und Nachkriegszeit im Herbst

1922, natürlich in russischer Sprache, daher bis heute

international unbekannt. Es induzierte 1923 eine

heftige Diskussion, auf die der Autor reagierte. Seine

Antwort erschien in Heft 4–5/1923 der Sozialistischen

Wirtschaft unter dem Titel „Strittige Fragen

der Weltwirtschaft und der Krise (Antwort an unsere

Kritiker)“. Dieser Text ist in deutscher Übersetzung

abgedruckt in: Ulrich Hedtke: Stalin oder Kondratieff.

Endspiel oder Innovation. Berlin: Dietz Verlag 1990,

135-196. Die deutsche Edition „Die langen Wellen

63

der Konjunktur“ vom Dezember 1926 aus dem Archiv

für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik LVI (1926) 3,

573-609, stellt nicht, wie in Rezeptionen immer wieder

unterstellt, den Beginn der Geschichte der Kondratieff-Zyklen

dar, sondern nur ihren westeuropäischen

Anfang. Mit ihm setzt Schumpeters Aneignung ein,

die 1939 in seinen Business Cycles präsentiert wird.

Vgl. die deutsche Übersetzung: Joseph A. Schumpeter:

Konjunkturzyklen. Eine theoretische, historische und

statistische Analyse des kapitalistischen Prozesses.

2 Bde., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1961.

Hier wird auch der Name Kondratieff-Zyklus eingeführt

(ebd.: 171ff.). Den Beitrag von G. Mensch zur

Einführung des Wortes Basisinnovation findet man

in seinem Buch Das technologische Patt, Frankfurt

a.M.: Umschau-Verlag 1975. Hier findet der Autor

die Erholungsphase eines Kondratieff-Zyklus (das ist

das letzte Viertel einer langen Welle) als die Zeit, in

der besonders häufig grundlegende Neuerungen ge-

oder erfunden werden. Sie erfahren im nachfolgenden

Kondratieff-Zyklus ihre wirtschaftliche Durchsetzung

(von Schumpeter englisch Innovation genannt).

11 Nefiodow [Anm. 7], 156f.

12 N. Kondratieff. Strittige Fragen der Weltwirtschaft

und der Krise. In: U. Hedtke [Anm. 5], 139.

13 Ebd.

14 Ich zitiere aus der Brockhaus Enzyklopädie, 19. Aufl.,

Bd. 8, Mannheim: F.A. Brockhaus GmbH 1989, 287:

„Generationsabstand, Bevölkerungswissenschaft: der

mittlere Altersunterschied zw. Eltern und deren Kindern,

gemessen als Durchschnittsalter der Frauen bei

der Geburt. Je kleiner der G., desto schneller erneuert

sich die Bevölkerung. Der G. schwankt durchschnittlich

zw. 25 und 30 Jahren, individuell dagegen zw. 15 und 45

Jahren. Bei der heutigen Lebenserwartung können in

einer Familie vier bis fünf, in einer Bevölkerung etwa

drei Generationen gleichzeitig leben.“ Normiert man

die Durchschnittsangabe, so liegt der Generationsabstand

anthropologisch mit 27,5 Jahren (= 330 Monate)

fest. Dieselbe Angabe liefert Joachim Herrmann: Die

Menschwerdung, Berlin 1984, S. 126.

Rainer Merz hat auf der angegebenen Fachtagung des

Lindenthal-Instituts proklamiert: „Gebt dem Zufall

eine Chance! Mit Zufall meine ich das historisch

Besondere, die Freiheit der handelnden Menschen

in der Abfolge der Geschichte. Es ist ganz klar, daß

die Langen Wellen so, wie sie uns immer präsentiert

werden – in Sinuskurven – den von den jeweiligen

Bedingungen geprüften und unter ihnen handelnden

Menschen keine Chance lassen. Sie zeigen, wenn man

sie wirklich ernst nimmt, die langfristige Entwicklung

als determiniert. Deshalb: Gebt dem Zufall eine Chance!“

(In: H. Thomas/ L.A. Nefiodow (Hg.): Kondratieffs

Zyklen der Wirtschaft [Anm. 7], 333.) Damit der in

der Abfolge der Geschichte handelnde Mensch sich

in Gestalt des Zufalls seiner Freiheit erfreuen kann,

um Merz’ Freiheitsphrase zu unterstellen, muss er

doch zumindest geboren sein. Und dazu braucht

er die Paarung seiner Eltern, welche – natürlich im

Durchschnitt – 27,5 Jahre alt sein müssen, um ein

solches Zufallserlebnis möglich zu machen. Difficile

est, satiram non scribere. Selbst Rainer Merz wird die

Determination seiner Existenz durch seine Eltern als

Ermöglichung seiner Chance, im Zufall seine Freiheit


64 Peter Ruben

wahrzunehmen, nicht nicht goutieren. Sonst werden

die Menschen die Freiheit als Eigendetermination,

als Selbstbestimmung, verstehen, für die der Zufall

Umstände oder Bedingungen liefert, an denen sich

die Freiheit bewähren muss. Mit dem Zufall an sich

die Freiheit zu meinen, werden sie wohl nur als intellektuellen

Jux akzeptieren.

15 Vgl. Die langen Wellen der Konjunktur. Beiträge zur

Marxistischen Konjunktur- und Krisentheorie von

Parvus, Karl Kautsky, Leo Trotzki, N.D. Kondratieff

und Ernest Mandel. Edition Prinkipo, Berlin: Verlag

Olle & Wolter 1972, 159.

16 Ich verstehe unter dem Wort Produktivkraft keinerlei

Produktionsmittel, keinen Produktionsgegenstand,

kein irgendwie geartetes Ding, sondern ausschließlich

eine nur Menschen zukommende Fähigkeit, nämlich

die Inverse ihrer Arbeitskraft. Die Arbeitskraft (K)

ist den Menschen gewöhnlich durch biologische

Konstitution gegeben. Die Produktivkraft (κ) wird

durch Lehre erworben. Und ich schlage die Definition

κ = df 1 : K vor.

17 F. Braudel: Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts.

Aufbruch zur Weltwirtschaft. Dt. v. S. Summerer u.

G. Kurz. München: Kindler 1986. Ich habe die Sonderausgabe

1990 verwendet; dort S. 84.

18 U. Hedtke: Stalin oder Kondratieff [Anm. 10], 112f.

Die Annahme von der Generationsbestimmtheit des

Kondratieff-Zyklus unterstellt nun auch Michael A.

Alexander: The Kondratiev Cycle. A Generational

Interpretation. San Jose et al.: Writers Club Press

2002, 14f.

19 Wenn, wie bei weiten Zeiträumen der indischen Geschichte

bekannt, keine genauen Daten zur Verfügung

stehen, so können wir auch keine Kondratieff-Zyklen

feststellen. Das Gleiche gilt, wenn, wie z.B. im Fall

der altägyptischen Historie, uns die Historiker mit

den unterschiedlichsten Datierungen derselben

Ereignisse unterhalten. Von China wissen wir, dass

wohl seit 841 v. u.Z. (ich benutze diese Bezeichnung,

weil Jesus bekanntlich fünf oder gar sieben Jahre vor

seiner normativen Geburt wirklich geboren wurde,

also unsere Zeitrechnung nicht mit Christi Geburt

übereinstimmt) die vom Reich der Mitte angegebene

Chronologie zuverlässig ist. Damit ist klar, dass die

hier vorgeschlagene Normierung praktisch bis zum

Beginn der klassischen Antike verwendet werden

kann, aber leider nicht darüber hinaus.

20 Vgl. A. Bródy: Slowdown. About our economic

maladies. Budapest: Hungarian Academy of Sience.

Institute of Economics, October 1982. Diese Schrift

ist 1985 auch mit dem etwas abgewandelten Titel

‘Slowdown. Global Economic Maladies’ unter dem

Copyright des ‘Institute of Economic Growth’, Delhi,

erschienen, wobei der Autor nun in anglisierter Form

genannt wurde: Andrew Brody.

21 Ungarische Edition, 186; englische Edition, 123.

22 K. Gertoberens: Fachwörterbuch Wirtschaft. München:

Martin Greil Verlag 1991, 157. Das viel dickere Bertelsmann

Lexikon Wirtschaft von 1992 kennt gar keine

Kapitalintensität. Und aus der Brockhaus Enzyklopädie

erfahren wir: „Kapitalintensität, Volkswirtschaftslehre:

das Verhältnis des in der Produktion von Gütern und

Dienstleistungen eingesetzten Faktors Kapital (Kapital-

stock) zum Arbeitseinsatz. In der Wirtschaftsstatistik

wird die K. als Wert des Bruttoanlagevermögens je Erwerbstätigen

in Jahresdurchschnittswerten berechnet

und gibt die Kapitalausstattung je Arbeitsplatz bzw.

Arbeitskraft an. Die K. kann auch als Quotient aus

Arbeits- und Kapitalproduktivität ausgedrückt werden.

Der reziproke Wert der K. ergibt die Arbeitsintensität.

Wirtschaftszweige, Unternehmen, Fertigungsverfahren

werden als kapitalintensiv bezeichnet, wenn der

Produktionsfaktor Kapital gegenüber anderen, bes. der

menschlichen Arbeit, überwiegt. Eine zunehmende K.

weist auf die wachsende Technisierung der Produktion

hin.“ (19. Aufl., Bd. 11, 1990, 437f.) Wie man bemerkt,

treten hier Arbeit und Kapital als voneinander zu

unterscheidende „Faktoren“ auf, womit sie aber nicht

als Glieder in einer Multiplikationsaufgabe gedacht

sind, sondern als – wer weiß was? Fehlt nur noch der

„Faktor“ Boden!

23 Bródy [Anm. 20], englische Edition, 129.

24 G.A. Feldman: Zur Wachstumstheorie des Nationaleinkommens.

Hg. v. O. Kratsch. Berlin: Akademie-Verlag

1969, 43. Das russische Original erschien 1928 in den

Heften 11 und 12 der Zeitschrift Planovoje chozjajstvo

[Planwirtschaft].

25 Eric Hobsbawm: Europäische Revolutionen. Köln:

Parkland Verlag 2004 (zuerst: München/Berlin: Kindler

1966), 10.

26 Vgl. Peter Ruben: Vom Problem der ökonomischen

Messung und seiner möglichen Lösung. In: Friedrun

Quaas/Georg Quaas (Hg.), Elemente zur Kritik der

Werttheorie, Frankfurt a. M. u.a.: Peter Lang 1997,

53-75. Ders.: Was bleibt von Marx’ ökonomischer

Theorie? In: Camilla Warnke/ Gerhard Huber (Hg.),

Die ökonomische Theorie von Marx – was bleibt?

Marburg: Metropolis-Verlag 1998, 13-66.

27 Es gibt Leute, denen die Verwendung des Wortes

,Vollbeschäftigteneinheit‘ mentale Beschwerden bereitet,

sodass sie bei seiner Verwendung nur ironisch zu

reagieren vermögen. Ihnen ist zu sagen: Wer messen

will, muß Maßeinheiten einführen und ein Verfahren

angeben, nach dem sie zu gebrauchen sind, um ein

Maß (eine Größe) festzustellen. Wer nicht messen will,

erklärt seine Gleichgültigkeit gegen wissenschaftliche

Erkenntnis. Die kann er in der menschlichen Gesellschaft

natürlich pflegen, weil andere das genau nicht

tun.

28 A. Bródy: Proportions, Prices and Planning, Budapest

1970, 97.

29 Das kann man seinen ‚Grundrissen‘ entnehmen und

dem 2. Band des ‚Kapital‘; vgl. MEW 42, 428-430;

MEW 24, 151-153.

30 J. Schumpeter: Konjunkturzyklen. Erster Band [Anm.

3], 24, Anm.

31 Davon ist strikt die gemeinschaftliche Arbeit zu unterscheiden,

die nicht durch Austausch, sondern durch

Zuteilung der Arbeitsplätze an die Individuen der

arbeitenden Gemeinschaft charakterisiert ist. In der

DDR hat man sie „gesellschaftliche Arbeit“ genannt

– ein Unsinn, der nicht wahrnehmbar war, weil der

Sprachgebrauch amtlich festgelegt und ideologisch die

Gemeinschaft für die Gesellschaft gehalten worden ist

– ganz im Gegensatz zur Erkenntnis der deutschen

Soziologie in der Begründung durch Ferdinand


Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotenzial

Tönnies, der 1887 bereits den Unterschied beider

menschlichen Verbindungsarten per definitionem

eingeführt hat.

32 Vgl. den Beitrag von Uilrich Hedtke in diesem Heft,

siehe auch unter: http://www.schumpeter.info/Garvy.

pdf

33 Das lernten DDR-Studenten in Moskau, denen ihre

akademischen Lehrer vergnüglich die Frage stellten,

wie die Preise im „Sozialismus“ bestimmt würden,

um anschließend festzustellen: Natürlich auf dem

Weltmarkt! Ich spreche vom „Sozialismus“ in Anführungszeichen,

weil das Selbstbenennen keine

Garantie für korrektes Benennen ist: Sozialismus

ist eine Gesellschaftsordnung, die Gesellschaft wird

durch den Markt zusammengehalten; wer den Markt

beseitigt – z. B. durch Beseitigung konvertibler Währung

–, beseitigt die Gesellschaft, ersetzt sie durch die

Gemeinschaft, in der nicht der Tausch, sondern die

Ver- und Zuteilung den Zusammenhalt stiftet. Die

Ordnung der Gemeinschaft unter Voraussetzung der

völligen Durchsetzung des Gemeineigentums heißt

Kommunismus. Was mit Blick auf das Ergebnis der

russischen Revolution vom Oktober 1917 bis Dezember

1991 „Sozialismus“ genannt wird, war nur zwischen

1921 und 1927 der Versuch, diese Sozialordnung zu

etablieren, 1918 bis 1921 strikter Kommunismus, und

seit 1928/29 wieder.

34 Vgl. D.K. Trifonow/ L.D. Schirokorad (verantw. Red.):

Geschichte der politischen Ökonomie des Sozialismus.

Grundrisse. Dt. v. I. Stolte, G. Wermusch. Berlin: Verlag

Die Wirtschaft 1973, 150.

35 Trotzki: Die Kurve der kapitalistischen Entwicklung. In:

Die langen Wellen der Konjunktur [Anm. 10],127.

36 Trotzki: Die neue Etappe (Auszug); ebd., 70.

37 Vgl. seine Reflexion in ‚Die Handelskrisis und die Gewerkschaften‘,

in: Die langen Wellen der Konjunktur

[Anm. 10], 27.

38 Trotzki: Die wirtschaftliche Weltkrise und die neuen

Aufgaben der kommunistischen Internationale. In:

Ebd. 89.

39 S.G. Strumilin: Ökonomische Schriften 1919–1973.

Erster Band: Sozialismus und Planung. Hg. v. O.

Kratsch. Berlin: Akademie-Verlag 1977, 217-343. Gegen

Kondrat’evs ökonomische Analyse richtet Strumilin

den „proletarischen Klassenwillen“, eine merkwürdige

bolschewistische Erinnerung an die Narodnaja volja,

den „Volkswillen“ (wie sich die Volkstümler-Bewegung

nannte).

40 Zum Schicksal Kondrat’evs vgl. Klaus Gebicke: Nikolaj

Dmitrievič Kondratieff. Über dynamische Modellie-

65

rung des Kapitalismus. In: Berliner Debatte INITIAL 8

(1997) 1/2, 92-103. Hier findet man auch die deutsche

Übersetzung des Modells der ökonomischen Dynamik

der kapitalistischen Wirtschaft, wie es Kondrat’ev am

5. September 1934 aus dem Gefängnis von Suzdal’ an

seine Frau sandte. Das russische Original ist publiziert

in: N.D. Kondrat’ev: Problemy ėkonomičeskoj dinamiki

[Probleme der wirtschaftlchen Dynamik}. Hg. vom

Inst. für Ökonomie der AdW der UdSSR, Moskva

1989, 412-414.

41 In: Festschrift. Max Wegner zum sechzigsten Geburtstag,

Münster: Verlag Aschendorff 1962, 155-166. – Für

den Hinweis auf die Arbeiten Arnim von Gerkans

danke ich Peter Beurton.

42 Ebd., 166.

43 Anmerkung von A. v. Gerkan (Ausführliches Referat

in: Das Beste aus Readers’ Digest, Februar 1952, 128ff.),

ebd., 160.

44 Ebd., 159.161.

45 Vgl. dazu Peter Ruben: Wirtschaftsentwicklung und

Marxsche Formationslehre. In: Berliner Debatte

INITIAL 8 (1997) 1/2, 105-121. Die in dieser Darstellung

gegebene Zeitbestimmung wird hier korrigiert.

Ich verweise auf die von Ulrich Hedtke und Camilla

Warnke herausgegebene Internetedition http://www.

peter-ruben.de, wo der Leser weitere Ausführungen

finden kann.

46 Die in der Redaktion von Michael Bauer u.a. edierte

‚Große Weltgeschichte‘ lässt in ihrem Band ‚Chronik

und Register‘ das frühe Mittelalter im Jahre 687 mit dem

Sieg der karolingischen Hausmeier im Frankenreich

beginnen; vgl. Die große Weltgeschichte. Lexikon der

Geschichte. Chronik und Register. Augsburg: Weltbild

o.J. [2008], 47. Das ist gerade ein Kondratieff-Zyklus

später, als nach Pirenne anzunehmen ist und – wie ich

meine – eine eurozentristische Sicht der Geschichte

(es ist derselbe Fehler, den ich in meinem Artikel

1997 gemacht habe). An der kardinalen historischen

Bedeutung der arabischen (islamischen) Expansion

kann gar kein Zweifel bestehen.

47 Vgl. seine ‚Wirtschaftsgeschichte des Altertums’‘ Leiden

1938 (Neudruck 1969).

48 Gegen diese Feuilleton-Phrase möchte ich darauf beharren,

dass ein Jahrhundert weder kurz noch lang ist,

sondern immer die Summe von 100 Jahren darstellt,

dass obendrein das 19. Jahrhundert mit dem Jahre

1900 und das 20. Jahrhundert mit dem Jahre 2000

abgeschlossen ist (Enzyklopädisten suggerieren sich

gegenwärtig anderes).


66 Berliner Debatte Initial 19 (2008) 4

Ulrich Hedtke

Schumpeter und das Jahr 2008

Bemerkungen zur Erstveröffentlichung

eines Briefes von Joseph A. Schumpeter an George Garvy

Schumpeter und das Jahr 2008, wird vielleicht

der Leser stutzen, steht ein Jubiläum ins Haus

oder erscheinen wichtige Editionen? Nun wird

zwar in diesem Jahr die deutsche Übersetzung

von Thomas K. McCraws wissenschaftlicher

Schumpeter-Biografie 1 erscheinen, und – ich

schreibe diese Zeilen am 2. März – genau heute

vor 100 Jahren hat Schumpeter das Vorwort

zu seinem ersten Werk Wesen und Hauptinhalt

der theoretischen Nationalökonomie

abgeschlossen. Darum soll es hier aber nicht

gehen. Wir wollen uns vielmehr einer mit den

Konjunkturzyklen von 1939 werkimmanent

gesetzten Prognose zuwenden. Denn nimmt

man die historischen Chronologie, die uns

Schumpeter mit der zyklischen Gliederung

des historischen Verlaufs 1939 präsentiert

hat, auch projektiv ernst, dann ist in zeitlicher

Nähe zum Jahr 2008 der Übergang vom 4.

zum 5. Kondratieff (einer 1789 einsetzenden

Zählung) zu erwarten! Damit ergibt sich für

die seit langem anhaltende Diskussion um die

Kondratieffzyklen und auch für die jüngst mit

der Arbeit von McCraw wiederbelebte Debatte

zum Schumpeter’schen Hauptwerk, den eben

erwähnten Business Cycles, eine bemerkenswerte

Situation. Die gegenwärtige Wirtschaftsentwicklung

avanciert gleichsam zum empirischen

Probierstein auf die mögliche Gültigkeit des

besonderen zyklentheoretischen Ansatzes, den

Schumpeter 1939 präsentiert hat.

Bevor wir uns dem zuwenden, bedarf es

jedoch eines Zwischenschritts. Wie sollte der

1950 verstorbene Schumpeter etwas für den

Zeitraum um 2008 ausgemacht haben? Handelt

es sich nämlich, wie in der Fachliteratur immer

wieder mitgeteilt wird, bei den fraglichen langen

Wellen im Sinne Schumpeters um Vorgänge

im Intervall von 40 bis 60 Jahren 2 , dann kann

mit entsprechenden Annahmen aus den 30er

Jahren des vorigen Jahrhunderts kein besonderes

Jahrzehnt unseres Jahrhunderts und noch

weniger ein besonderes Jahr avisiert worden

sein. Wir haben daher zunächst zu fragen,

welche historischen Dauern Schumpeter im

Resultat seiner Analyse von Kondratieff- Zyklen

wirklich ermittelt hat.

Können wir uns hierzu nicht einfach an die

von Schumpeter in den Konjunkturzyklen mit

der grafischen Vorstellung seiner Dreizyklen-

Funktion gegebene Zeitdauer halten? Ebenda

ist doch das Schema eines Kondratieffzyklus

zu besichtigen, den sechs Juglar- und 18 Kitchinzyklen

überlagern 3 , und die zugehörige

Zyklusdauer ist mit 57 Jahren genau vermerkt.

Vergleicht man aber mit dieser Angabe die

Zeitintervalle, die der Autor für die empirische

Datierung des Kondratieff der Industriellen

Revolution, des Bürgerlichen und des Neo-

Merkantilistischen Kondratieff im Text seines

Hauptwerkes herausgearbeitet hat, dann ergibt

sich Korrekturbedarf. Bei geringer Abweichung

der nationalen Notierungen für den Zyklus

der Industriellen Revolution gliedert er diese

langen Wellen wie folgt: 1787 bis1842, 1843 bis

1897 und 1898 bis April 1935, wobei letzteres

Datum den Ablauf des 4. Juglar im fraglichen

Kondratieff notiert 4 . Die Zeitspanne von 1787

bis zum April 1935 umfasst damit 2 2 / 3 Kondratieff

mit einer Durchschnittsdauer von 55

Jahren und gut zwei Monaten. Das erwähnte

schematische Bild trifft also seine empirische

Datierung nicht genau.

Nun haben u.a. Walt W. Rostow, Simon


Schumpeter und das Jahr 2008

Kuznets und George Garvy nach dem Erscheinen

der Business Cycles diese Zeitgliederung

offensichtlich hinterfragt. Schumpeter antwortet

Rostow und Kuznets im März 1940.

Die beiden Antworten liegen nur vier Tage

auseinander, und man bemerkt, dass er die

Datierung der langen Wellen noch nachjustiert.

Im Schreiben an Rostow datiert er den 1.

Kondratieff von 1786 an und bezeichnet 1801,

1857 und 1911 als die Jahre der jeweiligen

oberen Wendepunkte. 5 Die Dauer zwischen

diesen Lagen beträgt danach 56 bzw. 54 Jahre

und läuft auf ein rechnerischen Mittel von 55

Jahren hinaus. Gegenüber Kuznets datiert er

die Zeitspanne von elf Kondratieffvierteln 6 auf

1787 bis 1938. Damit ist für den Kondratieff eine

Durchschnittsdauer von 54 Jahren und knapp

elf Monaten angenommen. Dementsprechend

stellt er ein Jahr später, mit den Lowell Lectures

vom März 1941, fest: „Wir haben nur wenige

Kondratieffzyklen – sie haben immerhin eine

Schwingungsdauer von ungefähr 55 Jahren.

… Nach den Daten des jeweils zugrundeliegenden

Wirtschaftsorganismus bedeutet die

Anpassung einen langen und schmerzhaften

Prozess. Die Abschwünge dieser Zyklen werden

immer von einer langen Depression angezeigt

und geprägt. Ganz erwartungsgemäß gab es

eine in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts.

Dann gab es die von 1873 und – den beiden

vorhergehenden entsprechend – diejenige,

die 1929 begann und im August 1932 ihren

Tiefpunkt erreicht hat“. 7 Nach meiner Kenntnis

des Werkes haben wir mit dieser Angabe die

für Schumpeter schließlich maßgebende Vorstellung

vor uns: Ein Kondratieff ereignet sich

damit – wie es in Kapitalismus, Sozialismus

und Demokratie heißt – „grob gesprochen, je

einmal in 55 Jahren“. 8

Wie auch in der Fachdiskussion zu den

„langen Wellen“, die ja in der Nachkriegszeit

erst in den 1980er Jahren in Gang kam, gelegentlich

vermutet wurde, kann man angesichts

des anschließenden vermeintlichen „Wirtschaftswunders“

für das Jahr 1953 im Sinne der

Schumpeterdatierung offensichtlich den Start

des 4. Kondratieff annehmen. Lässt aber nun

der weitere Verlauf der Wirtschaftsentwicklung

diese Annahme auch für die zweite Hälfte des

20. Jahrhunderts insgesamt als zutreffend er-

67

scheinen? Begegnen wir in zeitlicher Proportion

zu den von Schumpeter reflektierten großen

Depressionen der Jahre 1820, 1873 und 1929

auch im Zeitraum ab 1980 einer weltwirtschaftlichen

Depressionslage? Einer Depressionslage,

die – wenn wir die ermittelte Kondratieffdauer

aus Erkenntnisinteresse projektiv benutzen

– nach ihrem Übergang in eine Erholungsphase

um 2008 in einen nächsten Kondratieff

übergehen müsste? Genau das ist die hier zur

Debatte stehende Sicht auf Schumpeter und

das Jahr 2008. Dabei geht es mir, das sei einschränkend

gesagt, lediglich um die Datierung,

nicht um die Erklärung der Kondratieffzyklen.

Hierzu notiere ich nur kurz: In dem Maße, wie

empirische Hinweise auf sich wiederholende

55-jährige Zyklen die Frage nach der möglichen

Erklärung für einen derartig konstanten

Ausdruck historischer Dauer implizieren,

werden auch die zumeist technikbezogenen

innovationstheoretischen Begründungen der

Kondratieffzyklen problematisch. Man nehme

etwa die infrastrukturellen Umwälzungen des

Kanal-, Eisenbahn- und (Auto-)Straßenbaus, die

– bezogen auf den jeweils erreichten 50%igen

Ausbaugrad der Netze – nach Cesare Marchetti

im Rhythmus von 55 Jahren aufeinander

folgen, jedoch jeweils selbst unterschiedliche

Zeitdauern (30, 55 und 65 Jahre) benötigen, um

diesen Reifegrad zu erlangen. 9 Verschiedene

Innovationen determinieren also von sich aus

nicht die Kondratieffdauer, sondern haben

individuelle Realisierungszeiten. Während uns

die regelmäßigen Abstände zwischen den Innovationskonjunkturen

zeigen, dass Innovationen

in der Tat auch kondratieffzyklisch geschehen,

bedingen sie offensichtlich nicht, dass überhaupt

Zyklen dieses Typs existieren.

Um die Frage nach einem möglichen kreisrelationalen

Wirtschaftsverlauf für die Spanne

von 1953 bis 2008 empirisch zu debattieren,

wollen wir im Anschluss an Schumpeter einen

anderen als den gewohnten Weg des Studiums

von langen Preis- und Sozialproduktreihen

einschlagen – nicht nur, um zum Teil den

methodischen Schwierigkeiten auszuweichen,

denen die Analyse von trendbehaften Serien

notwendig begegnet. So bedarf der Rückgriff

auf langfristig quasi stationäre Zeitreihen – wie

Arbeitslosenquoten, Zinssätze und Bankrott-


68 Ulrich Hedtke

raten – kaum der Klärung des Verhältnisses

von Zyklus und Trend. Darüber hinaus geht

es mir darum, eine Art der Betrachtung aufzugreifen,

die sich aus einem aufmerksamen

Schumpeterstudium ergibt und die hier mit der

Veröffentlichung des Briefes von Schumpeter

an George Garvy aus dem Jahre 1943 vorgestellt

und illustriert wird. Hat Schumpeter

schon in seinem Hauptwerk das zyklische

Verhalten der Arbeitslosigkeit als Indikator des

Kondratieff-Verlaufes behandelt, so tritt dieser

Aspekt im anschließenden wissenschaftlichen

Briefwechsel mit Kollegen stärker hervor, und

man erfährt, dass ihm die Schwankungen der

Arbeitslosigkeit als für den Kondratieffzyklus

besonders kennzeichnend gelten. So schrieb er

im bereits erwähnten Brief an Rostow: „Nach

meiner Auffassung sind die Kondratieffabschwünge

(Rezessionen und Depressionen)

unter anderem durch eine außergewöhnlich

hohe Arbeitslosigkeit bestimmt, die praktisch

jede Generation, die sie durchlebt, für chronisch

hält. Für den gegenwärtigen Kondratieff ist

das statistisch offensichtlich und über jeden

Zweifel erhaben. Für den zweiten Kondratieff,

besonders die 1870er und 1880er Jahre, ist das

ebenfalls klar.“ 10 (Man möchte angesichts dieses

Zitates natürlich an die sozialwissenschaftlichen

Schriften der letzten Jahre erinnern, denen eine

nunmehr chronisch gewordene Massenarbeitslosigkeit

ausgemachte Sache war. Allein schon

deshalb, weil sie – ebenso wie die ihnen in den

„Wirtschaftswunderjahren“ vorausgegangenen

Diagnosen einer vermeintlich errungenen

Krisenlosigkeit der kapitalistischen Wirtschaft

– die Schwierigkeiten vorstellen, denen die

adäquate soziale Wahrnehmung angesichts

des Bestehens langer Wellen begegnet. Dazu

fehlt hier aber der Raum.)

In einem der Forschung bisher unbekannten

Brief an George Garvy vom 1. Dezember 1943,

den ich in der Schumpeter-Bibliothek der Hitotsubashi

University gefunden habe und der in

diesem Heft erstmals im Druck veröffentlicht

wird, schrieb er dem Kondratieff-Kritiker:

„Wenn zum Beispiel die von mir so genannten

Kondratieffphasen so datiert werden, wie ich

das getan habe, dann sind ihre Abschwünge

– zumindest soweit das unvollkommene Zahlenmaterial

ein Urteil erlaubt – durch eine weit

verbreitete Arbeitslosigkeit bestimmt. Dies ist

deshalb sehr wichtig, weil es der Tendenz nach

den Graphen der gewöhnlich so genannten

Zyklen Eigenschaften verleiht, die es gestatten,

aufeinanderfolgende Gruppen solcher Zyklen

zu unterscheiden. Aus diesem Grunde habe

ich eine bessere Meinung vom Konzept der

Superposition, als Sie sie zu haben scheinen.“

Schumpeter bedeutet Garvy mit diesem Hinweis:

Da sich die Juglar-Depressionen nur bei

gleichzeitiger zyklischer Kondratieff-Depression

durch eine ausgeprägte Massenarbeitslosigkeit

auszeichnen, kann man Juglarzyklen

untereinander vergleichen und sie – ähnlich

dem Vorgang Spiethoffs – nach ihrer Lage in

einem Kondratieffzyklus bestimmen. 11 Diesem

Hinweis wollen wir anschließend nachgehen

und fragen, ob der Verlauf der Arbeitslosigkeit

in Deutschland den theoretisch begründeten

Erwartungen an einen solchen Verlauf innerhalb

eines Kondratieffzyklus von 55-jähriger

Dauer entspricht.

Um die Antwort formulieren zu können,

sei kurz Schumpeters entsprechender Ansatz

referiert. Er unterscheidet die normale von

der Störungsarbeitslosigkeit. Die normale

Arbeitslosigkeit ist ihm diejenige, „die in jedem

Augenblick vorherrschen würde, wenn

das System bereits die Gleichgewichtsnähe

erreicht hätte, auf die es hinstrebt.“ 12 Dagegen

ist die die Störungsarbeitslosigkeit (Disturbance

Unemployment) darauf zurückzuführen, dass

„Unternehmen im übernormalen Maß negativen

wirtschaftlichen Einflüssen ausgesetzt

sind“. 13 In diesem Sinne vermögen Kriege,

Seuchen, Revolutionen, politische Gebietsveränderungen,

aber auch Depressionen in einem

vom Unternehmen verschiedenen Industriezweig

oder Innovationen in einem Drittland

zu wirken. 14 Weiter grenzt Schumpeter davon

diejenige Arbeitslosigkeit als technologische

Arbeitslosigkeit ab, die sich aus einer Störung

„infolge von Innovationen im System selbst“

entwickelt, und setzt so zugleich eine nationale

Dimension voraus. Um zu vergegenwärtigen,

dass mit den Innovationen keinesfalls nur technologisch,

sondern überhaupt wirtschaftlich

Neues gemeint ist, zitiere ich: „Wir verstehen

darunter nicht nur 15 die Wirkungen jeder Art

Veränderung in Industrie und Handel – or-


Schumpeter und das Jahr 2008

ganisatorische Veränderungen z.B. – auf die

Beschäftigung, sondern auch die Wirkungen,

welche Veränderungen auf die Beschäftigung in

Unternehmungen oder Industrien haben, die im

Wettbewerb mit solchen Unternehmungen und

Industrien stehen, die neue Produktionsfunktionen

einführen.“ 16 Hiervon ausgehend kann

man die Grundaussage Schumpeters wie folgt

zusammenfassen: Bei national unterschiedlichem

Normal stellt die Arbeitslosigkeit im

Kapitalismus auf lange Dauer (d.h. über einen

Kondratieffzyklus hinaus) eine wesentlich stationäre,

relativ zu positiven wie auch negativen

Veränderungen trendfreie Größe dar. Abweichungen

vom Normal sind in erster Linie durch

Innovationsschübe bestimmt, akkumulieren

höchstens in der Zeitdimension von zwei bis

drei Juglar und werden noch innerhalb eines

Kondratieff wieder absorbiert. 17

Da die Zyklen im Sinne Schumpeters mit

einer innovationsbestimmten Prosperitätsphase

starten, die die Arbeitslosigkeit unter

ihr (nationales) Normal sinken lässt und die

die Tendenz zur Ausweitung von Überstunden

wie zur Arbeitsimmigration mit sich bringt,

gilt relativ zu dieser Initialsituation für uns

die Erwartung: Wenn die Arbeitslosigkeit im

Sinne Schumpeters kondratieffzyklisch bestimmt

ist, dann muss zwischen der Zeitreihe

der Arbeitslosenquote und den negativen

Werten der von Schumpeter verallgemeinernd

herausgearbeiteten Dreizyklenfunktion eine

Verlaufsähnlichkeit bestehen.

Nachstehend wurde der Zeitverlauf der

Arbeitslosenquote (jährliche Arbeitslosenquote

in Prozent bezogen auf abhängig zivile

Erwerbspersonen) für das frühere Bundesgebiet

ohne Berlin-West nach den aktuellen

Angaben der Bundesanstalt für Arbeit für die

Jahre 1950–2007 gezeichnet. Um die allein

dem Hartz IV-Effekt (der Zusammenlegung

der Arbeitslosen- und Sozialhilfe ab 1.1.2005)

geschuldete statistische Erhöhung der Quote

zu berücksichtigen, wurden für den Zeitraum

2005 bis 2007 von den Quoten 0,6 Punkte

subtrahiert. 18

Die harmonische Dreizyklen-Funktion

– gelegentlich auch Dreizyklen-Schema genannt

– mit der Kondratieffdauer von 55

Jahren als dem amplitudenstärksten Zyklus

69

der Superposition wurde nach dem Vorgang

Schumpeters in Konjunkturzyklen gebildet. 19

Der Phasenausdruck „Jahr – 28,5“ synchronisiert

die Schwingung mit der Jahreszählung.

Der Nulldurchgang der Funktion fällt dann in

Schumpeters Kondratieff-Startjahre 1788, 1843,

1898 und (von ihm avisiert:) 1953. Kombiniert

man die Funktion in der Folge von Kitchin-,

Juglar- und Kondratieffzyklus, dann lautet der

Funktionsausdruck des Dreizyklen-Schemas,

den wir hier mit den Initialen Schumpeters

als die zeitabhängige Funktion JAS notieren

(siehe Abb. 1).

Um die Verlaufsähnlichkeit der beiden

Zeitreihen unmittelbar kontrollieren zu können,

kombinieren wir im folgenden Chart (Abb.

1) die Darstellung der negativen Dreizyklenfunktion

(rechte Ordinate) mit der Darstellung

des Verlaufs der Arbeitslosenquote 1953 bis

2007 (linke Ordinate). Gerade angesichts der

Zusammenstellung in ein und derselben Grafik

übersehe man dabei nicht die Dimensionsverschiedenheit

zwischen den Werten der beiden

Ordinaten.

Angesichts der Verlaufsähnlichkeit der

beiden Kurven besteht wohl keinerlei Anlass,

die Hypothese des Kondratieff-Verlaufs der

westdeutschen Arbeitslosenkurve 1953 bis 2008

abzulehnen. Im Gegenteil: Die Zeitreihe der

Arbeitslosenquote entspricht auch nach ihrer

Zyklusdauer der von Schumpeter als Ergebnis

seiner Studien herausgearbeiten Dreizyklen-

Funktion. Weiter ist zu erkennen, dass die

Juglarzyklen der Arbeitslosenquote besonders

in der Depressionsphase des Kondratieff wie

erwartet stark ausfallen. Dies gilt in unserem

Fall jedoch auch für dessen Erholungsphase.

Und der für die Fachmeinung ganz unerwartet

eingetretene Rückgang der Quote lässt auch

angesichts unserer zum Teil vereinigungsbedingten

Entwicklung durchaus die Vorstellung

von einer auf lange Dauer stationären

Arbeitslosenquote zu. Das Ergebnis spricht

also unmissverständlich dafür, Schumpeters

Kondratieff-Hypothese weiterhin sozialwissenschaftlich

intensiv zu studieren.

Um die Verlaufsähnlichkeit der Zeitreihen

analytisch genauer zu bestimmen, ermitteln

wir für nachstehende Länder die Kreuzkorrelationskoeffizienten

der Dreizyklen-Funktion


70 Ulrich Hedtke

Abbildung 1: Arbeitslosenquote der BRD (alte Bundesländer)

und Verlauf der (negativen) Dreizyklen-Funktion -JAS

1

JAS sin 2 π

18

( g ) y


18

1

⎢ ⋅ ⋅(

Jahr − 28,

5)

⎥ sin 2 π

⎣ 55 ⎦ 6 ⋅

6

1

:=

+ ⎢ ⋅ ⋅(

Jahr − 28,

5)

⎥ + sin⎢2⋅ π⋅

⋅(

Jahr − 28,

5)

⎣ 55 ⎦ ⎣ 55

Arbeitslosigkeit in %

18,0

16,0

14,0

12,0

10,0

8,0

6,0

4,0

2,0

0,0

1953

1955


1957

1959

1961

1963

1965

1967

1969

1971

1973

1975

4. Kondratieff

Prosperität Rezession Depression Erholung

A.-Quote Alt-BRD

Tabelle 1: Kreuzkorrelationen nationaler

Arbeitslosenquoten

Korreliert 1953–2007: Koeffizient

-JAS/Frankreich 0,94

-JAS/BRD-alt20 -JAS mit der Zeitreihe der nationalen Arbeitslosenquoten

im Intervall 1953 bis 2007. Der

methodische Vorteil der Kreuzkorrelation

besteht darin, Zeitreihen sowohl synchron als

auch diachron – d.h. mit gewählter zeitlicher

Verzögerung einer der beiden Reihen – nach

0,90

-JAS/Australien 0,86

-JAS/Belgien 0,83

-JAS/Finnland 0,78

-JAS/Österreich 0,77

-JAS/Kanada 0,70

-JAS/Japan 0,70

-JAS/Gross Britannien 0,69

-JAS/Dänemark 0,65

-JAS/Niederlande 0,53

-JAS/Norwegen 0,22

-JAS/USA 0,19


1977


1979

1981

1983

-JAS

1985

1987

1989

1991


1993

1995


1997

1999

2001

2003

2005

2007

3,2

2,8

2,4

2,0

1,6

1,2

0,8

0,4

0,0

-0,4

-0,8

-1,2

ihrer Verlaufsähnlichkeit bestimmen zu können.

Wir betrachten hier die Koeffizienten der synchronen

Datenkorrelation (also mit einem Lag

von 0), gerechnet mit Statistica (Tabelle 1).

Den Grundstock der Daten haben ich für

die Zeit von 1953–1987 – mit Ausnahme der

Werte für die Alt-BRD – den Angaben von

Angus Maddison (1991) entnommen. Sie bieten

die Raten nach den nationalen Statistiken als

Prozentsatz bezogen auf die Gesamtanzahl

der Arbeitskräfte. 21 Die Daten für die Jahre ab

1988 entstammen der OECD-Statistik und

wurden für das Jahr 2007 nach den Angaben

der nationalen statistischen Ämter ergänzt.

Da die OECD-Daten die standardisierte Rate

bezogen auf die Anzahl der zivilen Arbeitskräfte

präsentieren, sind die Gesamtreihen mit

Ausnahme der oben nachgewiesenen Reihe

für die alten Bundesländer jeweils in sich inhomogen.

22 Um die möglichen Auswirkungen

dieser Inhomogenität abschätzen zu können,

nutze ich die vom US Bureau of Labor erstellte

Comparative Civilian Labor Force Statistics, 10




Werte der Dreizyklenfunktion -JAS


Schumpeter und das Jahr 2008

Countries, 1960–2007, die für die Jahre 1960

bis 2007 nahezu ausnahmslos jeweils in sich

und zur USA-Statistik homogenere Zeitreihen

bietet. 23

Tabelle 2: Kreuzkorrelationen nationaler

Arbeitslosenquoten

Korreliert 1960–2007: Koeffizient

-JAS/Frankreich 0,95

-JAS/Italien 0,92

-JAS/BRD 0,89

-JAS/Australien 0,81

-JAS/Japan 0,73

-JAS/Schweden 0,71

-JAS/Dänemark 0,65

-JAS/Gross Britannien 0,63

-JAS/Kanada 0,59

-JAS/USA 0,06

Wie der Vergleich der beiden Korrelationstafeln

zeigt, reproduziert die zweite Tafel im Kern die

Ergebnisse der ersten, und die Unabhängigkeit

der USA-Zeitreihe vom JAS-Zyklus wird noch

deutlicher.

Abbildung 2: Arbeitslosigkeit in Deutschland und Großbritannien

und die Phasen der (negativen) Dreizyklen-Funktion -JAS

Arbeitslosenquote in %, Emigrantenquote D in Promille der Bevölkerung

35

30

25

20

15

10

5

0

-5

2. Kondratieff

71

Bemühen wir uns nun im Rückschritt vom

4. zum 3. und 2. Kondratieff um Daten, die

über den Verlauf der Arbeitslosigkeit Auskunft

geben können, so kann man trotz der überaus

prekären Datenlagen – wir sind darauf angewiesen,

die überdies zunächst nur bei einzelnen

Gewerkschaften einsetzenden Aufzeichnungen

über innerverbandliche Arbeitslosigkeit heranzuziehen

– doch Konturen ausmachen, die

über das hier bisher Besprochene hinausgehen.

Wir greifen hierzu für Großbritannien auf die

von G.R. Boyer und T.J. Hatton 2002 vorgelegte

revidierte Zeitreihe (gewerkschaftlich notierter)

Arbeitslosigkeit zurück 24 (siehe Abb. 2). Die

dieser Revision zugrunde liegenden Daten

hat auch Schumpeter 1939 benutzt und die

erkennbar relativ regelmäßige Juglarschwingung

(es „kommt auf ungefähr alle neun Jahre

ein Wellenberg“ 25 ) kommentiert, ohne dabei

die Gleichgültigkeit des Schwingungsverlaufes

gegenüber der Folge der Kondratieffphasen vor

dem Ersten Weltkrieg zu reflektieren. Dagegen

zeigt die deutsche Kurve, die wir hier nach den

Daten von B. R. Mitchell darstellen 26 , mit dem

3. Kondratieff

Depression Erholung Prosperität Rezession Depression Erholung

-JAS

Deutsche Emigranten

A.-Quote Deutschland

A.-Quote Gross-Britannien

1871

1873

1875

1877

1879

1881

1883

1885

1887

1889

1891

1893

1895

1897

1899

1901

1903

1905

1907

1909

1911

1913

1915

1917

1919

1921

1923

1925

1927

1929

1931

1933

1935

1937

1939

1941

1943

1945

1947

1949

1951

3,0

2,5

2,0

1,5

1,0

0,5

0,0

-0,5

-1,0

Werte der Dreizyklenfunktion - JAS


72 Ulrich Hedtke

Einsetzen der Erholungsphase des 2. Kondratieff

ersichtlich lange Phasen einer sozusagen

unternormalen Arbeitslosigkeit, während uns

der ergänzend herangezogene Promilleverlauf

deutscher Emigration (ganz überwiegend in

die USA) darüber hinaus auch einen gewissen

Eindruck vom Abklingen der Depression vermittelt.

R. Lloyd-Jones und M.J. Lewis bemerken

über die Situation in England: „… der 1896

beginnende Aufschwung war in Britannien

viel schwächer als in anderen Ländern. Anstatt

eines mit starkem ökonomischem Wachstum

verbundenen Hin zur Vollbeschäftigung war

die Arbeitslosenrate von 1901 bis 1910 mehr als

doppelt so hoch wie von 1896 bis 1900.“ 27

Von 1871 bis 1913 fluktuiert die Quote

im Intervall von 6% bis 8% in der Spitze und

3% bis 4% im Tief. Anschließend fiel sie in der

Zeit von 1921–1939 19 Jahre lang, bei Spitzen

von 17%, nicht mehr unter die 8%-Marke! Hat

England also die Rezession und Depression des

3. Kondratieff voll getroffen, ohne dass es vorher

zu einer guten Prosperität kam? Oder ist der

1953

1955

1957

1959

1961

1963

1965

1967

1969

1971

1973

1975

1977

1979

Abschwung nach dem Großen Victorianischen

Boom besonders moderat ausgefallen? Lloyd-

Jones und Lewis finden, in Großbritannien

sei die Prosperität des 3. Kondratieff faktisch

ausgefallen. 28 Angesichts des in diesen Jahrzehnten

ja vollzogenen weltwirtschaftlichen

Führungswechsels müssen wir für weitere

Untersuchungen das durchaus unterschiedliche

Ausmaß im Auge behalten, in dem einzelne

Länder die Kondratieffprosperität tragen. Es

ist nicht sehr sinnvoll, Datenmengen beliebiger

Ländergruppen auf ihre Kondratieffzyklik zu

testen, ohne auf die jeweilige weltwirtschaftliche

Relevanz des Landes zu blicken.

Im 3. Kondratieff liegt sowohl in England

wie in Deutschland der Höhepunkt

der Massenarbeitslosigkeit im Ausklang der

Depressionsphase des 4. Juglar, die nach der

Funktion JAS rechnerisch bis 1932 andauert.

Schauen wir nun mit dem nächsten Chart auf

die westdeutsche, französische und finnische

Arbeitslosenkurve des 4. Kondratieff. Hier

haben wir eine Ländergruppe vor uns, deren

Abbildung 3: Arbeitslosenquoten der BRD (alte Bundesländer), Finnlands

und Frankreichs und die (negative) Dreizyklen-Funktion -JAS

Arbeitslosigkeit in %

20,0

18,0

16,0

14,0

12,0

10,0

8,0

6,0

4,0

2,0

0,0

4. Kondratieff

Prosperität Rezession Depression Erholung

-JAS

Quote Frankreich

Quote Finnland

1981

1983

1985

1987

1989

1991

1993

1995

Quote Alt-BRD

1997

1999

2001

2003

2005

2007

4,6

4,2

3,8

3,4

3,0

2,6

2,2

1,8

1,4

1,0

0,6

0,2

-0,2

-0,6

-1,0

-1,4

-1,8

-2,2

Werte der Dreizyklenfunktion -JAS


Schumpeter und das Jahr 2008

Arbeitslosigkeitsspitzen, bei einem ersten

Höhepunkt im 4., deutlich im 5. Juglar und so

parallel zum Wendepunkt der Funktion JAS

liegen. (Nebenbei zu notieren, entspricht die

Depressionskurve der DDR, insofern sie sich

als Netto-Verschuldungskurve des Staates

darstellt, genau dem westdeutschen Verlauf.

Nach einem ersten Höhepunkt 1981 steigt sie

ab 1987 steil an. 29 )

Im Unterschied zu dieser Ländergruppe

tritt jedoch bei einer Schar weiterer Länder

– wie Kanada, Großbritannien, den Niederlanden,

den USA und Belgien – die Spitze der

Depression des Arbeitsmarktes bereits im 4.

Juglar auf (Abb. 3). Ich will in diesem Zusammenhang

daran erinnern, dass Schumpeter den

Kondratieffzyklus mit der Dreizyklen-Funktion

unter Einschluß des Juglar- wie des Kitchin-,

Abbildung 4: Arbeitslosenquoten Belgiens und Großbritanniens

und die (negative) Vierzyklen-Funktion -JASkorr

73

jedoch ohne Rücksicht auf den ihm durchaus

bekannten Kuznetszyklus komponiert hat.

Zwar hat er sich spätestens im Januar 1931 mit

der Aufgabe beschäftigt, neben den „langen

Wellen“, den Juglar- und den Kitchin-Zyklen

auch „ca. 20-jährige“ Zyklen in sein Konzept

so zu integrieren, „dass sie alle in derselben

Weise zu erklären sind“. 30 Schumpeter erwähnt

in seinem Hauptwerk dann Kuznets und Wardwell

als Autoren, „die Durchschnittsperioden

von ungefähr 25 beziehungsweise 15 Jahren

ermittelten“ 31 , reflektiert jedoch diesen Typ

von Zyklen nicht weiter. Ob dies daran lag, dass

Kuznets der (für Schumpeter indiskutablen)

Vorstellung von einer prinzipiellen Verlangsamung

des industriellen Wachstums anhing 32 ,

vermag ich nicht zu sagen.

Um nun für analytische Zwecke ein um

1

JASkorr sin 2 π

18 ⋅ ⎡ 18

⋅ ⋅(

Jahr − 28,

5)

⎤ 1


⎥⎦ sin 2 π

⎣ 55

6 ⋅ ⎡ 6

⋅ ⋅(

Jahr − 28,

5)

⎤ 1

+ ⎢

⎥ sin 2 π

⎣ 55 ⎦ 3 ⋅ ⎡ 3

⋅ ⋅(

Jahr − 28,

5)

⎤ 1

:=

+ ⎢

⎥ + sin⎡2⋅ π⋅

⋅(

Jahr − 28,

5)




⎣ 55 ⎦ ⎣ 55 ⎦

Arbeitslosigkeit in %

20,0

18,0

16,0

14,0

12,0

10,0

8,0

6,0

4,0

2,0

0,0

1953

1955

1957

1959

q ( g ) y

1961

1963

1965

1967

1969

1971

1973

1975

4. Kondratieff

Prosperität Rezession Depression Erholung

-JASkorr

1977

1979

1981

1983

1985

1987

1989

1991

1993

1995

1997

1999

Quote Belgien

Quote Gross-Britannien

2001

2003

2005

2007

3,6

3,2

2,8

2,4

2,0

1,6

1,2

0,8

0,4

0,0

-0,4

-0,8

-1,2

-1,6

Werte der Vierzyklenfunktion -JASkorr


74 Ulrich Hedtke

die Kuznetskomponente ergänzten Mehrzyklenverlauf

vom Typ JAS zur Verfügung zu

haben, benutzen wir die nachstehend definierte

Mehrzyklenfunktion JASkorr, wobei der Name

anzeigen soll, dass es sich hierbei um die um

den Kuznets-Zyklus korrigierte Dreizyklen-

Funktion JAS handelt. Die Frequenzen der

zyklischen Komponenten stehen zum Kondratieffzyklus

im Verhältnis von 3 : 1, 6 : 1 und

18 : 1 (Abb. 4).

Der Einfluß eines Kuznetszyklus verändert

den rechnerisch resultierende Konjunkturverlauf

erheblich und führt für die Jahre von

1957–1975 zu einem relativ rückschlagfreien

Konjunkturplateau, erreicht dann in einem

nahezu kontinuierlichen Abschwung mit

der Depression des 4. Juglar den unteren

Wendepunkt seines Verlaufes, während die

Dreizyklen-Funktion erst einen Juglar später

ihren Tiefpunkt findet. Ausgehend von der

Schumpeter’schen Konjukturanalyse könnte

so das national unterschiedliche Gewicht des

Kuznetszyklus die besonderen zyklischen

Verläufe der Arbeitslosenquote mitbestimmen.

Das legt der Vergleich der hier zur Illustration

des erwähnten Verlaufstyps (Arbeitslosenspitze

im 4. Juglar) dargestellten britischen und belgischen

Quote mit der Vierzyklen-Funktion

wohl nahe.

Abbildung 5: Gefallene in den europäischen Großmachtkriegen

im Vergleich mit der Dreizyklenfunktion JAS

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* * *

Wenn Schumpeter mit der systematischen

Darstellung der langen Wellen nicht früher als

mit dem Zyklus der Industriellen Revolution

einsetzt, so ist das ausschließlich der wirtschaftsgeschichtlichen

Datenlage geschuldet.

Einzelne Aspekte davor liegender zyklischer

Verläufe hat er in den Konjunkturzyklen bis

hinein ins frühe 18. Jahrhundert verfolgt. Systematisch

gesehen war er der Überzeugung,

dass genau in dem Maße, wie der Kapitalismus

historisch das wirtschaftliche Verhalten der

Menschen bestimmt, auch mit langen Wellen

der Wirtschaftsentwicklung zu rechnen ist. Da

wir hier thematisch bedingt besonders wirtschaftliche

Rezessions- und Depressionslagen

betrachtet haben, möchte ich zum Abschluss

dieser kleinen Untersuchung noch einen empirischen

Befund vortragen, der aus einer

ganz anderen Perspektive auf eine eventuelle

zyklische Periodizität von Kondratieff-Depressionen

und deren 55-jährigen Rhythmus

verweist. Es handelt sich dabei um die von Jack

S. Levy erarbeitete Zeitserie der Gefallenen in

europäischen Großmachtkriegen zwischen

1600 und 1920. 33 Joshua Goldstein hat diese

Daten bereits mit dem von ihm notierten

Ergebnis analysiert, hier läge im Bereich von

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Schumpeter und das Jahr 2008

ca. 50 Jahren ein erstaunlich regelmäßiger

zyklischer Verlauf vor. 34 Wir stellen hier die

Zeitreihe GPWAR von Jack S. Levy 35 relativ zur

Funktion JAS dar und erhalten das in Abb. 5

vorgestellte Resultat.

Sechs Kondratieffzyklen lang erreicht die

Kurve der Gefallenen genau immer im Zusammenhang

mit den Kondratieff-Depressionen

ihre Minima. Es gibt in dieser Zeit keine einzige

Phase der (für die Jahre vor 1780 hier ja nur

rein hypothetisch anzunehmenden) Kondratieffdepressionen,

für die die Gefallenen-Kurve

nicht ein ausgeprägtes Minimum zeigt. Wer

die geschichtlichen Zusammenhänge kennt,

hat keine Mühe mit der Interpretation. Es

geht schlicht darum, dass jede Staats- und

Fürstenverschuldung irgendwann ihre Grenze

findet und sich nach der Umwälzung der militärischen

Potenzen in Europa zwangsläufig

auch militärisch niederschlägt. 36 Wenn in der

Depression die steuerbestimmten Anteile der

Staatskassen von Jahr zu Jahr schrumpfen, dann

wird nicht nur die Armen- und Veteranenversorgung

gekürzt – wie Franz Müntefering

das jüngst beklagt und mitbesorgt hat –, man

muss auch Söldner entlassen. Diese zurückliegende

zyklische Zwangspazifizierung Europas

gehört ersichtlich zu den eher erfreulichen

politischen Vorgängen, mit denen die langen

Wellen der Wirtschaftsentwicklung im Sinne

des Schumpeter’schen Konzepts offensichtlich

eng verknüpft sind. 37

Anmerkungen

1 Thomas K. McCraw: Prophet of Innovation, Cambrigde

(Mass.) 2007

2 So teilt etwa Rainer Metz über den Ansatz Schumpeters

folgende Gliederung mit: „Kondratieff der

Industriellen Revolution (1780–1840)“, „Bürgerlicher

Kondratieff (1840–1890)“ und „Neo-Merkantilistischer

Kondratieff (1890–1940)“. In: Michael North (Hg.):

Deutsche Wirtschaftsgeschichte, München 2005, S.

498. – Ist diese Gliederung zwar nach ihren qualitativen

Zäsuren korrekt, so liegen die hier mitgeteilten

historischen Intervalle jedoch weit neben denen,

die Schumpeter wirklich herausgearbeitet hat. Dass

derartige Fehlinformation einem so hervorragenden

Kenner der Materie wie Rainer Metz unterläuft, zeigt

m.E., dass Schumpeter mitunter nicht sachgerecht

rezipiert wird.

3 Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen – Eine

theoretische, historische und statistische Analyse des

kapitalistischen Prozesses, Göttingen 1961, S. 223.

[Originalausgabe: Joseph A. Schumpeter: Business

75

Cycles – A Theoretical, Historical and Statistical

Analysis of the Capitalist Process, New York and

London 1939]

4 Vgl. Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen, Bd. 2,

S. 1043 .

5 Joseph A. Schumpeter an W. W. Rostow, 12. März

1940. In: Richard Swedberg: Joseph A. Schumpeter,

Cambrigde (UK) 1991, p. 224.

6 Entsprechend der Phaseneinteilung des Konjunkturverlaufes

vom Beginn der Prosperitätsphase des

Kondratieff der Industriellen Revolution bis zum Ende

der Depressionsphase des Neo-Merkantilistischen

Kondratieff. Vgl. Joseph A. Schumpeter: An Simon

Kuznets, 18. März 1940. In: Ders., Briefe/Letters (U.

Hedtke / R. Swedberg, Hg.), Tübingen 2000, S. 322.

7 J.A. Schumpeter: The Impact of the World Crisis.

– Lecture given at the Lowell Institute, Boston, March

11, 1941. In: Ders., The Economic and Sociology of

Capitalism, ed. by R. Swedberg, Princeton 1991. p. 350.

Im Original: „We have very few Kondratieff Cycles,

but it has an amplitude of roughly fifty-five years …

In the data of the pre-existing business organisms the

adaption is a long and painful process. The downswings

of these cycles are always indicated and studded by a

long depression. The was one in 1820s exactly where

it ought to be. There was another from 1873 and

another similar to the other two starting in 1929 and

reaching the bottom in August, 1932.“

8 Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und

Demokratie, Basel 1993, S. 109. 1946 hat Schumpeter

seine Zeitdiagnose von 1942 unter dem Zwischentitel

The Great Possibility um die Vorstellung ergänzt, angesichts

der in allen anderen Ländern dominierenden

sozialen Frage bestehe wohl allein von den USA her

insgesamt die Chance, das kapitalistische Wirtschaftssystem

„… at least for a short run of fifty years or so …“

zu erhalten. Das entspricht seiner Denkweise, mögliche

Evolutionsschübe in Kondratieffdauern vorzustellen.

Vgl. Joseph A. Schumpeter: Capitalism, Socialism &

Democracy, London 1992, p. 384.

Wir müssen aus der englischen Ausgabe zitieren. Der

Francke Verlag vertreibt die deutsche Ausgabe des

Werkes bekanntlich seit Jahrzehnten unreflektiert nach

dem Muster des von Edgar Salin mit dem Anspruch

des Schumpeter-Zensors herausgegebenen Torso-

Projektes der Nachkriegsjahre. Der Verlag reproduziert

so immer wieder eine Ausgabe des Werkes, deren

Nachauflagen Salin durch E. Boody-Schumpeter

definitiv untersagt worden waren.

9 Cesare Marchetti: Lange Wellen durchdringen alles.

In: H. Thomas/ Leo N. Nefiodow (Hg.), Kondratieffs

Zyklen der Wirtschaft, Herford 1998, S. 66.

10 Im Original: „I do think that the downgrades (recessions

and depressions) of the Kondratieffs are among other

things characterized by abnormal unemployment, which

each generation that lives through it, as matter of, believes

practically to be chronic. This is statistically quite clear,

beyond any doubt, concerning the current Kondratieff.

It is also clear for the second Kondratieff, especially in

the 70’s and 80’s.“ J. A. Schumpeter an W. W. Rostow

[Anm. 5]. Die deutsche Übersetzung des Briefes (in:

Richard Swedberg: Joseph Schumpeter, Stuttgart 1994, S.

309) bietet diese Passage als Falsifikat des Originaltextes:

Deutsch heißt es da leider „Ich glaube nicht, daß …“


76 Ulrich Hedtke

11 Vgl. Arthur Spiethoffs Konzeption der ökonomischen

Zeitspannen oder auch Wechsellagen, die keine langen

Zyklen, sondern Zeitspannen mit jeweils charakteristischer

Ausformung von Kitchin- und besonders

Juglarzyklen herauspräpariert. So findet Spiethoff

für 1895–1913 eine 19-jährige Aufschwung-Spanne,

während Schumpeter die Jahre 1898–1913 als

Prosperitätsphase eines Kondratieffzyklus bestimmt

und Spiethoffs Ansatz im Rahmen seines Dreizyklen-Schemas

natürlich insgesamt reproduziert. Vgl.

Arthur Spiethoff: Die wirtschaftlichen Wechsellagen.

(in zwei Bänden), Tübingen 1955. Wer beispielweise

die Deskription langer Wellen mit der berühmten

NBER-Chronologie der Konjukturzyklen vermitteln

möchte, kann Spiethoffs Sichtweise nutzen. So ist

in der Chronologie der von Joseph H. Davis jüngst

revidierten Rezessionsstatistik unter den 36 Rezessionen

der US-amerikanischen Wirtschaft in der Zeit

von 1800–2000 keine lang anhaltende Rezession zu

finden, die in eine der hier debattierten langwelligen

Prosperitätsphasen fällt. (So gesehen ist daher auch

die Frage nach dem Charakter der momentan von

den USA her erwarteten Rezession spannend.) Vgl.

Joseph H. Davis: An Improved Annual Chronology of

U.S. Business Cycles since the 1790s. In: The Journal

of Economic History, Vol. 66, No. 1, pp. 103-121.

12 Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen [Anm. 3],

S. 524.

13 Ibid., S. 527.

14 Schumpeter denkt hier z.B. an die Lage Venedigs nach

der Durchsetzung der atlantischen Handelswege.

15 Den Auslassungsfehler („nicht“ für „nicht nur“) in der

deutschen Übersetzung der Business Cycles, S. 527, habe

ich nach dem Text des englischen Originals [Anm. 3,

p. 514: „… include not only the effect …“ korrigiert.

16 Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen [Anm. 3],

S. 527.

17 Um eine Verwechslung mit solchen Veränderungen

eines nationalen Normals zu vermeiden, die Schumpeter

im Ausdruck möglicher gravierender politischer

Veränderungen (so etwa hin zum „Laborism“) durchaus

in Betracht gezogen hat, gilt zugleich der Vorbehalt:

insofern wirtschaftlich ein relativ frei fungierendes

kapitalistisches System besteht.

18 Gegenwärtig verfügbar unter: www.destatis.de/indicators/d/lrarb01ad.htm.

19 Vgl. Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen [Anm.

3], S. 223.

20 Die Reihe BRD-alt nach der oben stehenden Quelle.

21 Angus Maddison: Dynamic forces in capitalist development:

a long-run comparative view, Oxford 1991,

Tafel C6, pp. 260-265.

22 OECD Economic Outlook, December, No. 82 – Volume

2007, Issue 2. Annex Table 14. Standardised

unem ployment rates. URL der Institution: http://www.

oecd.org/

23 U.S. Department of Labor, Bureau of Labor Statistics.

Office of Productivity and Technology – Division of

Foreign Labor Statistics: Comparative Civilian Labor

Force Statistics, 10 Countries, 1960–2007 (16. 04.2008).

URL des Dokuments: http://www.bls.gov/fls/flscomparelf.htm

24 George R. Boyer; Timothy J. Hatton:. New Estimates

of British Unemployment, 1870–1913. In: The Journal

of Economic History, Vol. 62, No. 3., pp. 667ff.

25 Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen [Anm. 3],

S. 531.

26 B. R. Mitchell: International Historical Statistics

– Europe 1750–2000. Fifth Edition, New York 2003,

pp.163ff.

27 R. Lloyd-Jones; M. J. Lewis: British industrial capitalism

since the Industrial Revolution, London 1998, p.

125. Vgl. auch: The Cambridge Economic History of

Modern Britain. Vol. II: Economic Maturity.,Cambridge

2004, pp. 348ff.

28 R. Lloyd-Jones; M. J. Lewis: British industrial capitalism

since the Industrial Revolution, London 1998,

pp. 103ff.

29 Vgl. Eva Ehrlich: Economic Growth in Eastern Central

Europe. In: Adam Szirmai et al. (Eds.), Explaining Economic

Growth, Amsterdam 1993, p. 316. Verbunden

mit einer Juglargliederung der DDR-Geschichte dazu

auch Peter Ruben: Über den Platz der DDR in der

deutschen Geschichte; www.peter-ruben.de

30 Joseph A. Schumpeter: An Arthur Spiethoff, 8. Januar

1931. In: Ders., Briefe/Letters [Anm. 6], S. 184.

31 Joseph A. Schumpeter: Konjunkturzyklen [Anm. 3],

S. 174.

32 Vgl ibid., S. 409, Anm. 87.

33 Die Daten der Reihe sind der Arbeit von Joshua Goldstein:

Long Cycles – Prosperity and War in the Modern

Age, New Haven & London 1998 entnommen.

34 Ibid., pp. 239ff.

35 Die Reihe Battle Fatalities from Great Power War

(Kriege zwischen mindestens einer europäischen

Großmacht auf jeder Seite) habe ich der Tabelle

Goldsteins entnommen. Vgl. Joshua Goldstein: Long

Cycles [Anm. 33], p. 397f.

36 „Nach Auskunft der militärischen Experten der meisten

europäischen Staaten kostete es um 1630 fünfmal so

viel, einen Soldaten zur Schlacht aufzustellen, wie

hundert Jahre vorher.“ Geoffrey Parker: The Military

Revolution, University of Cambrigde 1988, p. 61.

37 Vgl. hierzu auch Manfred Neumann: Zukunftsperspektiven

im Wandel – Lange Wellen in Wirtschaft

und Politik, Tübingen 1990.

38 G. Garvy hatte im Fazit seiner Kritik festgestellt:

„Obgleich die Hypothese des Bestehens zyklischer

Schwingungen von langer Dauer, die von kürzeren

zyklischen Bewegungen überlagert sind, verworfen

werden sollte, verdient jedoch die Vorstellung Beachtung,

nach der die kapitalistische Wirtschaft verschiedene

aufeinanderfolgende Entwicklungsstadien

durchlaufen hat, die jeweils durch unterschiedliche

Wachstumsraten und eine besondere geografische

Ausbreitung charakterisiert sind.“ George Garvy:

Kondratieff’s theory of long cycles. In: Review of

Economic Statistics, Vol. 25, No. 4, p. 219.

39 Garvy hatte kritisch gegen Kondratieff eingewandt:

„Da die Wendepunkte der langen Zyklen mittels

ungeglätteter Abweichungen vom säkularen Trend

bestimmt wurden, sind ganz normale Wirtschaftszyklen

mit besonders starker Amplitude in der Lage,

Wendepunkte von vermeintlich langen Zyklen zu

bestimmen.“ (G. Garvy [Anm. 38], p. 218)


Schumpeter und das Jahr 2008

Anhang: Joseph A. Schumpeter an George Garvy * , Faksimile und Übersetzung **

77


78 Ulrich Hedtke

Mr. George Garvey

39-20 48th Street

Long Island City 4, New York

Lieber Herr Garvey!

1. Dezember 1943

Herzlichen Dank für Ihren interessanten

Aufsatz, den Sie mir freundlicherweise zugeschickt

haben. Wenn ich auch die Meinung der

russischen Kritiker Kondratieffs, von denen

manche wohl von außerwissenschaftlichen

Motiven bewegt worden sind, keinesfalls

teile, so stimme ich mit Ihnen mindestens im

Ansatz überein.

Gewiss besteht die wesentlichste Tatsache,

die anerkannt werden muss, in der Existenz von

deutlich unterschiedenen aufeinanderfolgenden

Stadien im Gang des kapitalistischen Systems,

und es ist vor allem diese Tatsache, die ich mit

meiner Rede von den „Kondratieffs“ hervorheben

wollte. 38 Es gibt jedoch noch zwei weitere

sehr wichtige Aspekte, die ich hervorheben

wollte und in der Tat bis in die Einzelheiten

erörtert habe.

Der erste der beiden Punkte liegt in Folgendem.

Diese Stadien der kapitalistischen

Geschichte oder Entwicklung entstehen und

verlaufen derart, dass man sie als bestimmte

generelle Eigenschaften charakterisieren kann.

Wenn zum Beispiel die von mir so genannten

Kondratieffphasen so datiert werden, wie ich

das getan habe, dann sind ihre Abschwünge

– zumindest soweit das unvollkommene Zahlenmaterial

ein Urteil erlaubt – durch eine weit

verbreitete Arbeitslosigkeit bestimmt. Dies ist

deshalb sehr wichtig, weil es der Tendenz nach

den Graphen der gewöhnlich so genannten

Zyklen Eigenschaften verleiht, die es gestatten,

aufeinanderfolgende Gruppen solcher Zyklen

zu unterscheiden. Aus diesem Grunde habe ich

eine bessere Meinung vom Konzept der Superposition,

als Sie sie zu haben scheinen. 39

Der andere Aspekt, der natürlich nur von

meinem eigenen Standpunkt aus sehr wichtig

ist und dessen Gültigkeit ich ebenfalls nachweisen

kann, besteht darin, dass zwischen den

meisten dieser Zyklen und den Phasen in der

Entwicklung des Kapitalismus eine Ähnlichkeit

besteht.

Wenn ich die Zeit finde, was vermutlich

nicht der Fall sein wird, so würde ich diese

Punkte gern noch ein bisschen weiter ausarbeiten.

Nochmals Dankeschön.

Mit freundlichen Grüßen,

Joseph A. Schumpeter

* Schumpeter schreibt „Garvey“.

** Fundstelle des Briefes: Schumpeter-Library / Hitotsobashi

University Library Tokyo. Catalogue entry:

Garvy, George. Kondratieff’s theory of long cycles.

[Cambridge, Harvard Univ. Press, 1943] 203-220 pp.

28cm. (Repr.: Review of economic statistics, Vol. 25,

No. 4) J.S. X-274; J.S.’s letter to the author inserted.

Übersetzung: Ulrich Hedtke.


Berliner Debatte Initial 19 (2008) 4

Johannes Schmidt

Finanzmärkte und Wachstum

Schumpeter als Ahnherr

moderner Theorien der Finanzintermediation?

Die Frage nach den Ursachen des Wirtschaftswachstums

wurde in der Vergangenheit meist

ohne Rückgriff auf monetäre Faktoren untersucht.

Ausschlaggebend waren und sind,

sowohl in der „alten“ als auch in der „neuen“

Wachstumstheorie, reale Faktoren: Im traditionellen

Solow-Modell (Solow 1956) ist es der

exogene technische Fortschritt, der langfristig

das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens

bestimmt. Die neue Wachstumstheorie fügt

dem im Wesentlichen zwei Dinge hinzu: Einerseits

wird der Kapitalbegriff auf Humankapital

erweitert und so gezeigt, dass Kapitalakkumulation,

insbesondere Humankapitalakkumulation,

große Bedeutung für das langfristige

Wirtschaftswachstum erlangen kann (z.B.

Romer 1986); andererseits wird der technische

Fortschritt endogenisiert, indem Modelle

des Forschungs- und Entwicklungsprozesses

ausgearbeitet werden (z.B. Aghion/Howitt

1992). 1 All das bleibt aber auf einer rein realwirtschaftlichen

Ebene.

Erst in jüngeren Arbeiten wird auch ein

möglicher Zusammenhang zwischen dem Finanzsystem

eines Landes und dem Wirtschaftswachstum

analysiert. 2 In dieser Literatur ist

häufig auch ein Verweis auf Joseph Schumpeter

und seine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung

(Schumpeter 1997 [1934]) zu finden. So

schreiben etwa King/Levine (1993: 717):

„In 1911 Joseph Schumpeter argued that

the services provided by financial intermediaries

– mobilizing savings, evaluating

projects, managing risk, monitoring

managers, and facilitating transactions

– are essential for technological innovation

and economic development.“ 3 [„1911

79

legte Schumpeter dar, dass die Leistungen

der Finanzvermittler – Mobilisierung von

Ersparnissen, Evaluation von Projekten,

Risikomanagement, Kontrolle des Managements,

Vermittlung von Geschäften

– für technologische Innovationen und die

ökonomische Entwicklung lebenswichtig

sind.“ Übers. d. Red.]

In Schumpeters Werk, so die Autoren, sei die

Bedeutung des Finanzsystems für Wachstum

und Entwicklung bereits ansatzweise herausgearbeitet

worden. Ihre eigenen, neueren

Theorien bestünden im Wesentlichen in einer

Neuentdeckung Schumpeter’scher Gedanken;

diese Gedanken würden von ihnen genauer

gefasst, exakter modelliert und empirisch

getestet.

Im vorliegenden Aufsatz soll geprüft werden,

wie es mit diesem Anspruch und der behaupteten

theoriegeschichtlichen Kontinuität steht.

Dazu wird zunächst die Position der modernen

Autoren zum Zusammenhang zwischen

Finanzintermediation/Finanzmärkten und

Wirtschaftswachstum kurz skizziert. Im darauf

folgenden Abschnitt werden die wichtigsten

Elemente von Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen

Entwicklung vorgestellt, soweit sie

für einen Vergleich mit den modernen Theorien

der Finanzintermediation von Bedeutung sind.

Der Vergleich im nächsten Abschnitt wird

dann zeigen – um das Ergebnis vorwegzunehmen

–, dass die modernen Autoren ganz

wesentliche Teile von Schumpeters Gedanken

nicht aufgenommen haben. Das entwertet

selbstverständlich ihre Theorien und Modelle

nicht, aber es zeigt, dass die Originallektüre

von Schumpeter noch weitere zusätzliche


80 Johannes Schmidt

Einsichten liefern kann. Der letzte Abschnitt

enthält einige Schlussfolgerungen.

Moderne Theorien zum

Zusammenhang zwischen Finanzmärkten

und Wirtschaftswachstum

Die modernen Autoren wählen für ihre Analysen

einen funktionellen Ansatz, d.h. sie stellen

die Frage, welche Funktionen und Dienstleistungen

der Finanzsektor zur Verfügung stellt

und wie diese Dienstleistungen Wachstum und

Entwicklung einer Wirtschaft fördern. Durch

diesen Fokus auf die Dienste des Finanzsektors

und den von ihm geschaffenen Mehrwert soll

eine Vielzahl von Aspekten und Institutionen

in den Blick kommen. Aus diesem Grunde

grenzen sich die Autoren auch von einer rein

monetären Analyse des Zusammenhangs von

Finanzsektor und Wachstum ab, wie sie z.B.

Gurley/Shaw (1955) oder Tobin (1965) vorgelegt

haben. Als Grund dafür wird angegeben,

dass derartige Analysen zu eng auf ein einziges

Finanzierungsinstrument (z.B. Geld) oder eine

einzige Sorte von Institutionen (z.B. Banken)

ausgerichtet seien. Mit der Frage nach den

„realen“ Dienstleistungen des Finanzsektors

könne eine größere Vielfalt theoretisch integriert

werden (Levine 1997: 689).

Ganz allgemein geht es darum, dass Finanzintermediäre

die zeitliche und räumliche

Allokation von Ressourcen in einer unsicheren

Welt verbessern und auf diese Weise zur Erhöhung

der Effizienz und damit des Wachstums

beitragen. Mit „unsicherer Welt“ ist hier vor

allem die asymmetrische Informationsverteilung

zwischen Unternehmern und Geldgebern

gemeint. Die Probleme, die mit einer solchen

asymmetrischen Informationsverteilung verbunden

sind, sollen durch Finanzintermediäre

beseitigt oder zumindest gemildert werden.

Genannt werden dabei meist die folgenden

fünf Dienstleistungen des Finanzsystems:

Mobilisierung von Ersparnissen, Prüfung von

Projekten, Risikomanagement, Kontrolle der

Manager und Erleichterung von Transaktionen.

Im Einzelnen geht es dabei um Folgendes (vgl.

zum Folgenden Levine 1997: 690-703; oder

auch Levine 2005: 869-881):

Mobilisierung von Ersparnissen: Ersparnisse

gelten als die Voraussetzung, damit Investitionen

finanziert werden können. Finanzintermediäre

übernehmen die Aufgabe, die Ersparnisse

von vielen verschiedenen Sparern zu sammeln

und zu „poolen“, sodass sie in vielversprechende

Investitionsprojekte gesteckt werden können.

Dabei sind in diesem Zusammenhang nicht

nur Banken angesprochen; auch der Aktienmarkt

kann eine solche Funktion übernehmen.

Vermehrte Mobilisierung von Ersparnissen

ermöglicht größere Kapitalakkumulation und

damit höheres Wachstum. Außerdem wird

durch die Zusammenfassung von Ersparnissen

aus mehreren Quellen die Finanzierung von

technisch anspruchsvollen Großprojekten

möglich, sodass auch der technische Fortschritt

gefördert wird.

Prüfung von Projekten: Ohne Finanzintermediäre

müsste jeder einzelne Sparer Investitionsprojekte

daraufhin überprüfen, ob sie

lohnend sind. Die damit verbundenen Kosten

wären für viele Sparer prohibitiv hoch. Finanzintermediäre

können diese Aufgabe der Prüfung

von Investitionsprojekten übernehmen. Wenn

sie diese Aufgabe gut und effizient erledigen,

wirkt das ebenfalls wachstumsfördernd: Kapital

wird effizient alloziiert und fließt in die

besten Investitionsprojekte, was wiederum das

Wachstum fördert.

Risikomanagement: Sparer möchten ihr

Geld oft nicht allzu lange binden und auch nicht

auf ein Projekt setzen, das möglicherweise mit

größeren Risiken verbunden ist. Auf der anderen

Seite benötigen viele Unternehmen und Projekte

eine längerfristige Finanzierung. Beiden

Seiten können die Finanzintermediäre durch

ihre Dienste entgegenkommen: Den Sparern

bieten sie die Möglichkeit, ein diversifiziertes

Portfolio zu halten und damit ihr Risiko zu

vermindern; zugleich bieten sie ihnen einen

liquiden Sekundärmarkt, auf dem sie ihre Portfolios

umschichten oder ganz verkaufen können.

Andererseits erhalten Investoren längerfristige

Finanzierungen, auch im Falle von Projekten,

die vielleicht ein höheres Risiko, zugleich aber

auch einen höheren erwarteten Ertrag haben.

Auch hier also wieder: eine Förderung von

technischem Fortschritt und Wachstum.

Kontrolle der Manager: Ohne Finanzinter-


Finanzmärkte und Wachstum

mediäre müssten die Sparer selbst die Unternehmen,

in die sie ihre Ersparnisse gesteckt

haben, und deren Manager kontrollieren.

Finanzintermediäre können demgegenüber

spezielle Finanzierungskontrakte aufstellen, die

die richtigen Anreize für Manager setzen (wie

z.B. durch Verlangen von Sicherheiten bei der

Kreditvergabe), und auch längerfristige Beziehungen

aufbauen, z.B. Hausbankbeziehungen,

womit die Kontrollkosten weiter verringert

werden können.

Erleichterung von Transaktionen: Eine größere

Produktivität hat meist eine höhere Spezialisierung

der einzelnen Wirtschaftssubjekte und

Unternehmen zur Voraussetzung. Allerdings

vergrößert das zugleich die Zahl der zwischen

den Wirtschaftssubjekten notwendigen Transaktionen.

Hier können nun Finanzintermediäre

durch die Einführung von verschiedensten

Finanzkontrakten Transaktionen erleichtern.

Damit fördern sie wiederum Spezialisierung

und das wirtschaftliche Wachstum.

Zusammenfassend geht es also darum,

dass durch besser ausgestaltete Finanzmärkte

wirtschaftliche Entwicklung und Wachstum

gefördert werden. Die Autoren versuchen dies

dann auch durch eine Vielzahl empirischer

Untersuchungen nachzuweisen. Dabei wird

aber immer auch auf Schumpeter verwiesen, der

sozusagen der Ahnherr dieser Überlegungen

sei und sie in seiner Theorie der wirtschaftlichen

Entwicklung dargelegt habe, die in erster Auflage

1912 erschienen ist. Im Folgenden ist daher zu

fragen: Stimmt diese behauptete theoriegeschichtliche

Kontinuität, oder hat Schumpeter

in seinem Werk einen etwas anderen Fokus?

Dazu sollen nun die Grundgedanken seiner

Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung kurz

dargestellt und mit den modernen Theorien

verglichen werden.

Schumpeters Theorie

der wirtschaftlichen Entwicklung

Schumpeters Untersuchung über die wirtschaftliche

Entwicklung ist eigentlich von dem

Problem geleitet worden, wodurch die in der

Wirtschaft ständig wiederkehrenden Konjunkturzyklen

verursacht werden; darauf möchte

81

er in seinem Werk eine Antwort geben. Und

in einem Satz zusammengefasst lautet seine

Antwort: Konjunkturen sind die notwendige

Begleiterscheinung von wirtschaftlicher Entwicklung

und Wirtschaftswachstum; ohne wirtschaftliche

Entwicklung keine Konjunkturen,

ohne Konjunkturen keine wirtschaftliche Entwicklung.

Dies hat mit der besonderen Struktur

seiner Erklärung zu tun, wie wirtschaftliche

Entwicklung abläuft, und hier kommen auch

die Finanzmärkte ins Spiel. 4

Der Ausgangspunkt:

Die stationäre Wirtschaft

Ausgangspunkt in seiner Theorie der wirtschaftlichen

Entwicklung ist, wie das erste

Kapitel heißt, der „Kreislauf der Wirtschaft

in seiner Bedingtheit durch gegebene Verhältnisse“

(Schumpeter 1997 [1934]: 1). Das

heißt, Schumpeter geht zunächst von einer

stationären Wirtschaft aus. In dieser gibt es

keinen endogenen wirtschaftlichen Wandel.

Die Wirtschaftssubjekte sind den ökonomischen

Umständen aufgrund ihrer Erfahrung

mehr oder weniger gut angepasst, und jede

Wirtschaftsperiode läuft in ähnlicher Weise

ab. Dabei herrscht Gleichgewicht im Sinne des

Say’schen Gesetzes: Jeder kann seine Produktion

wie geplant verkaufen und kann die von

ihm geplanten Produkte und Dienstleistungen

erwerben.

Geld ist in dieser Wirtschaft ein reines

Tauschmittel und gegenüber den realwirtschaftlichen

Vorgängen vollständig neutral. Die

Geldmenge ist dabei gerade groß genug, um

den reibungslosen Güterumlauf zu sichern.

Weiterhin gibt es in dieser stationären

Wirtschaft nur zwei Produktionsfaktoren,

nämlich Arbeit und Boden, denen die Werte

aller Güter zugerechnet werden können. Es

existiert demgegenüber kein dritter Produktionsfaktor,

genannt Kapital, bestehend etwa aus

Investitionsgütern. Denn auch der Wert dieser

Produktivgüter kann und muss ja wieder auf die

zu seiner Erstellung erforderlichen originären

Arbeits- und Bodenleistungen zurückgeführt

werden. Hinzu kommt, dass Produktion und

Verteilung in dieser stationären Wirtschaft

perfekt synchronisiert sind, sodass keine Not-


82 Johannes Schmidt

wendigkeit besteht, irgendeine Akkumulation

derartiger Güter durchzuführen. Schumpeter

sieht natürlich, dass produzierte Produktionsmittel

das Sozialprodukt steigern können, aber

sobald sie in den stationären Kreislauf integriert

sind, kann der Wert, der ihnen zugerechnet

wird, noch weiter auf Arbeits- und Bodenleistungen

zurückverfolgt werden, die für die

Herstellung dieser Produktivgüter eingesetzt

werden mussten. Wenn es noch irgendwelche

Preisunterschiede zwischen Gütern und den

Arbeits- und Bodenleistungen gibt, dann

würden sie bald durch entsprechende Anpassungsprozesse

nivelliert. Deshalb – und das

ist der entscheidende Punkt – gibt es in dieser

stationären Wirtschaft keinen Zins als separate

Einkommenskategorie.

Hinzu kommt, dass die Produktion in dieser

stationären Wirtschaft mehr oder weniger

routinemäßig abläuft und keine spezielle unternehmerische

Leistung verlangt. Es gibt daher

in dieser stationären Wirtschaft auch keinen

Unternehmer und keinen Unternehmergewinn.

Es gibt nur die von Schumpeter so genannten

statischen Wirte, die für ihre routinemäßige

Organisationstätigkeit einen Lohn erhalten.

Schumpeter zeichnet hier also ein sehr einfaches

Bild einer stationären Wirtschaft: Diese

Wirtschaft produziert jahraus, jahrein mehr

oder weniger dasselbe; die Wirtschaftssubjekte

tauschen ihre Arbeits- und Bodenleistungen

gegen die gewünschten Produkte ein; Kapital

als separater Produktionsfaktor existiert ebenso

wenig wie Zins und Unternehmergewinn;

Geld ist lediglich neutrales Tauschmittel. Das

Ganze ist eine Anpassungsökonomik: Alle

Wirtschaftssubjekte passen sich lediglich exogenen

Daten an. Die Frage ist nun, wie in dieser

stationären Wirtschaft ein Entwicklungsprozess

stattfinden kann.

Der Entwicklungsprozess bei Schumpeter

Schumpeter ist ja vor allem bekannt geworden

durch die Figur des dynamischen Unternehmers,

die er in die Literatur eingeführt hat

und die er in der Theorie der wirtschaftlichen

Entwicklung in schillernden Farben beschreibt.

Es ist nun genau dieser dynamische Unternehmer,

der sich nicht an Daten anpasst, sondern

handelt und dadurch für eine Entwicklung

sorgt, indem er aktiv wird und neue Produkte

und Produktionsverfahren einführt. Konsumenten

spielen für Schumpeter im Prozess des

Wandels und der Entwicklung eine vollständig

passive Rolle:

„... Neuerungen in der Wirtschaft [vollziehen

sich] doch in der Regel nicht so,

daß erst neue Bedürfnisse spontan bei

den Konsumenten auftreten und durch

ihren Druck der Produktionsapparat umorientiert

wird [...], sondern so, daß neue

Bedürfnisse den Konsumenten von der

Produktionsseite her anerzogen werden,

so daß die Initiative bei der letzteren liegt“

(ebd.: 100).

Entwicklung heißt: Durchsetzung neuer Kombinationen.

Darunter fallen für Schumpeter:

Herstellung eines neuen Gutes oder einer

neuen Qualität eines Gutes; Einführung einer

neuen Produktionsmethode; Erschließung eines

neuen Absatzmarktes; Eroberung einer neuen

Bezugsquelle von Rohstoffen und Halbfabrikaten;

Durchführung einer Neuorganisation,

wie z.B. Schaffung einer Monopolstellung

oder auch Durchbrechen eines Monopols

(ebd.: 100f.).

Durchgeführt werden diese neuen Kombinationen

durch den Unternehmer, der damit

neben die alten, schon existierenden Produzenten

tritt. Aber diese neuen Unternehmer haben

nun ein wichtiges Problem: Sie benötigen Güter

und Produktionsfaktoren, d.h. Arbeits- und Bodenleistungen,

um diese neuen Kombinationen

durchzuführen. Die Frage ist, woher sie diese

Güter und Faktoren bzw. die erforderlichen

Mittel für die Finanzierung erhalten.

Die traditionelle Antwort, die ja auch in

gleicher Weise von den modernen Autoren

gegeben wird, lautet: aus den Ersparnissen. Sie

bilden den Fonds, aus dem der Unternehmer

die erforderlichen Mittel beziehen kann. Diese

Antwort lehnt Schumpeter jedoch ausdrücklich

ab. Vielmehr muss man seiner Ansicht nach

davon ausgehen, dass die Ersparnisse das Ergebnis

wirtschaftlicher Entwicklung sind, nicht

deren Voraussetzung. Er schreibt:

„[Der Ersparnisse] weitaus größter Teil

fließt nicht aus einer Spartätigkeit im

eigentlichen Sinn, d.h. dem Nichtkonsu-


Finanzmärkte und Wachstum

mieren von Eingängen, die als jährlich zur

Verfügung stehender Konsumtionsfonds

überhaupt in Betracht kommen, sondern

besteht aus Rücklagen, aus jenen Resultaten

der Durchsetzung neuer Kombinationen,

in denen wir später das Wesen des Unternehmergewinns

erkennen werden.“

(Ebd.: 107f.)

Die Ersparnisse sind also bei Schumpeter

gerade nicht die Quellen, aus denen die Finanzierung

von Unternehmern fließt. Woher

aber dann? Schumpeters Antwort: aus der

Kreditgeldschöpfung des Bankensystems. Über

die Kreditschöpfung erhält der Unternehmer

die erforderliche Kaufkraft, um die Güter und

Produktionsfaktoren für die Durchführung

der von ihm geplanten Neukombinationen zu

erwerben und sie aus alten, bisherigen Verwendungen

herauszuziehen. Hier beeinflusst das

Geld die realwirtschaftlichen Zusammenhänge

und ist nicht mehr länger nur bloßes neutrales

Tauschmittel.

Bankkredit wird von den Banken ad hoc

geschöpft und ist nicht auf das Vorhandensein

von Ersparnissen angewiesen. Banken transformieren

daher nicht einfach bestehende

Kaufkraft vom Sparer zum Investoren, sondern

sie schaffen durch die Kreditschöpfung neue

Kaufkraft bzw. neue Nachfrage. In Schumpeters

Worten:

„Der Bankier ist also nicht so sehr und

nicht in erster Linie Zwischenhändler mit

der Ware ‚Kaufkraft‘, sondern vor allem

Produzent dieser Ware. Da aber heute

normalerweise auch alle Rücklagen und

Sparfonds bei ihm zusammenströmen

und sich das Gesamtangebot an sei es

vorhandener, sei es zu schaffender freier

Kaufkraft bei ihm konzentriert, so hat er

gleichsam den privaten Kapitalisten ersetzt

oder entmündigt, ist er selbst der Kapitalist

geworden. Er steht zwischen jenen, die

neue Kombinationen durchsetzen wollen,

und den Besitzern von Produktionsmitteln.

Er ist im Kerne eine Erscheinung der Entwicklung,

allerdings nur dort, wo keine Befehlsgewalt

den sozialen Wirtschaftsprozeß

leitet. Er ermöglicht die Durchsetzung der

neuen Kombinationen, stellt gleichsam im

Namen der Volkswirtschaft die Vollmacht

83

aus, sie durchzuführen. Er ist der Ephor

der Volkswirtschaft.“ (Ebd.: 110; Hervorh.

im Original)

Für die Entwicklung bedarf es also eines aktiv

handelnden Unternehmers und der Schaffung

neuer Kaufkraft durch die Banken. Dabei

betont Schumpeter, dass im Grunde nur der

Unternehmer prinzipiell des Kredits bedarf

und damit der Kredit für die industrielle Entwicklung

erforderlich ist. Kreditschöpfung ist

eng mit neuen Kombinationen verbunden; und

der Unternehmer ist der typische Schuldner.

Konsumkredit gibt es natürlich auch, aber er

ist in diesem Zusammenhang nicht interessant.

Zwei Thesen sind es also, auf die Schumpeters

Gedanken hinauslaufen und die er selbst so

wiedergibt:

Erstens: „Nur der Unternehmer bedarf

also prinzipiell des Kredits, nur für die

industrielle Entwicklung spielt er die wesentliche

Rolle, d.h. eine Rolle, deren

Berücksichtigung zum Verständnis des

ganzen Vorgangs wesentlich ist. Auch

sieht man [...] sofort, daß auch das Korrelat

der These gilt, nämlich der Satz, daß

alle wirtschaftliche Entwicklung, wo es

keine Verfügungsgewalt der Führer gibt,

prinzipiell des Kredits bedarf.“ (Ebd.: 151f.;

Hervorh. im Original)

Zweitens: „Soweit Kredit nicht aus vergangenen

Unternehmungsresultaten oder

überhaupt aus von vergangener Entwicklung

geschaffenen Reservoirs von Kaufkraft

gegeben wird, kann er nur aus ad

hoc geschaffenen Kreditzahlungsmitteln

bestehen, die weder durch Geld im engsten

Sinne, noch durch vorhandene Produkte

– Waren – gestützt sein können.“ (Ebd.:

152, Hervorh. im Original)

Der Kredit erlaubt es dem Unternehmer also,

Ressourcen aus den überkommenen Produktionsbahnen

abzuziehen und zu kaufen, noch

ehe er einen Beitrag zum Einkommensstrom

geleistet hat. Der Unternehmer erhält durch den

Kredit Kaufkraft, d.h. Geld als Zahlungsmittel,

noch bevor er neue Güter produziert hat. Mit

diesem Geld kauft er Produktionsfaktoren

bzw. deren Dienste. In diesem Prozess kommt

es zumindest anfangs zu Preissteigerungen:

Die Preise der Produktionsfaktoren und der


84 Johannes Schmidt

schon existierenden Güter können steigen,

da sich ja durch die neu geschaffene Kaufkraft

die Nachfrage erhöht; es besteht also

die Gefahr der Inflation. Aber diese Gefahr ist

nur temporär; denn wenn dem Unternehmer

die Neuproduktion gelingt, dann wird diese

Vermehrung der Zahlungsmittel bzw. der

Geldmenge durch die Neuproduktion des

Unternehmers kompensiert.

Erst in diesem Zusammenhang kommen

für Schumpeter Phänomene wie Kapital, Unternehmergewinn

und Zins ins Spiel; diese

sind, genauso wie der Kredit, Phänomene der

Entwicklung und des Wirtschaftswachstums

und im Rahmen einer stationären Wirtschaft

nicht zu erklären.

Kapital ist für Schumpeter nicht ein Bündel

von konkreten Gütern, sondern es ist Kaufkraft,

die es dem Unternehmer ermöglicht, die von

ihm benötigten Güter und Produktionsfaktoren

anzueignen.

„Jene Wirtschaftsform, in der die für neue

Produktion nötigen Güter ihren statischen

Bestimmungen durch die Intervention der

Kaufkraft entzogen werden, d.h. durch

Kauf auf dem Markte, ist die kapitalistische

Wirtschaft, während jene Wirtschaftsformen,

in denen das durch irgendwelche

Befehlsgewalt oder durch Vereinbarung

der Beteiligten geschieht, die kapitallose

dynamische Produktion darstellen. Das

Kapital ist nichts anderes als der Hebel, der

den Unternehmer in den Stand setzen soll,

die konkreten Güter, die er braucht, seiner

Herrschaft zu unterwerfen, nichts anderes

als ein Mittel, der Produktion eine neue

Richtung zu diktieren. Das ist die einzige

Funktion des Kapitals.“ (Ebd.: 165)

Kapital wird also bei Schumpeter durch seine

Funktion abgegrenzt, und es ist die Funktion

der Güteraneignung, die hier im Zentrum

steht. Kapital ist daher ein rein monetäres

Phänomen: Es besteht in dem Geld, das dem

Unternehmer überlassen wird, um sich damit

Produktionsfaktoren zu kaufen. Kapital gibt es

deshalb nicht in einer Befehlswirtschaft oder

im Sozialismus, weil dort diese Güteraneignung

über den Plan und die damit verbundene staatliche

Anordnung vonstatten geht. Aber in einer

freien Wirtschaft steht diese Möglichkeit nicht

zur Verfügung; hier ist der Unternehmer auf

den Kauf von Faktoren und Produktionsgütern

mithilfe von Geld angewiesen.

Der Gewinn des Unternehmers ist nun bei

Schumpeter an diesen Entwicklungsgedanken

geknüpft. Denn der Gewinn entsteht erst mit

der Entwicklung und der Durchsetzung neuer

Kombinationen durch den Unternehmer. Die

neue Kombination ermöglicht es dem Unternehmer

z.B., ein neues Produkt auf den Markt

zu bringen, oder auch, ein schon bestehendes

Produkt billiger herzustellen; Schumpeters

Beispiel ist die Einführung von Webstühlen

(ebd.: 209-212). In jedem Falle entsteht ein

temporärer Wertüberschuss, ein Überschuss

des Erlöses über die Produktionskosten in der

neuen Unternehmung, so lange nämlich, wie

die Preise der Produktionsfaktoren noch nicht

so weit gestiegen sind, dass ein neues stationäres

Gleichgewicht erreicht ist. Und in diesem

temporären Wertüberschuss liegt für Schumpeter

die Quelle des Unternehmergewinns.

Dieser Unternehmergewinn lockt nun auch

Nachahmer in die entsprechende Branche, es

kommt zu weiteren Produktionssteigerungen,

Konkurrenzkämpfen etc., bis am Ende wieder

das Kostengesetz herrscht, sodass alle Produktionsfaktoren

mit ihrem Grenzprodukt entlohnt

werden und in einem neuen Gleichgewicht für

einen Unternehmergewinn kein Raum mehr

verbleibt. Im neuen stationären Gleichgewicht

gibt es, wie schon vor Beginn der Entwicklung,

keinen Unternehmergewinn, weil dann neue

Routinen entstanden sind, die die Produktion

sich wieder in gewohnten Bahnen bewegen lassen,

und die keine besondere unternehmerische

Aktivität erfordern. Dieser Konkurrenzkampf,

die Reorganisation der Wirtschaft hin zu einem

neuen stationären Gleichgewicht auf höherem

Niveau (d.h. mit höherer Produktivität und

höherem Volkseinkommen) bildet dann auch

das Gerüst von Schumpeters Konjunktur- und

Krisentheorie, auf die hier aber nicht weiter

eingegangen werden soll.

Was haben die Unternehmer eigentlich

beigesteuert zur Produktion, das dann durch

den Unternehmergewinn entlohnt wird?

„Nur den Willen und die Tat: Nicht konkrete

Güter, denn diese haben sie gekauft

[...], nicht die Kaufkraft, mit der sie kauf-


Finanzmärkte und Wachstum

ten, denn diese haben sie sich ausgeliehen

[...]. Und was haben sie getan? Nicht

irgendwelche Güter aufgehäuft, auch

keine ursprünglichen Produktionsmittel

geschaffen, sondern vorhandene Produktionsmittel

anders, zweckmäßiger,

vorteilhafter verwendet. Sie haben ‚neue

Kombinationen durchgesetzt‘. Sie sind

Unternehmer. Und ihr Gewinn, das Plus,

dem keine Verpflichtung gegenübersteht,

ist ein Unternehmergewinn.“ (Ebd.: 212)

Deshalb ist der Unternehmergewinn auch nicht

durch eine Grenzproduktivität zu erklären. Der

Unternehmer schafft einen Wertüberschuss,

dem „kein Zurechnungsanspruch seitens der

Produktionsmittel gegenübersteht“ (ebd.:

223).

Wie sieht es nun mit dem Zins aus? Schumpeter

geht davon aus, dass Zins kein Element

einer stationären Wirtschaft, sondern ebenfalls

mit der Entwicklung der Volkswirtschaft

verbunden ist. In einer stationären Wirtschaft

müssen ja die Werte aller Produkte den originären

Produktionsfaktoren Arbeit und Boden

zugerechnet werden.

„Ohne Entwicklung also gäbe es [...] keinen

Zins. Er ist ein Teil von jenen großen Wellen

im Meere der wirtschaftlichen Werte, die

die Entwicklung auftürmt.“ (Ebd.: 260)

Der Zins hat seine Quelle vielmehr im Unternehmergewinn,

bzw. er ist eine Abspaltung

vom Unternehmergewinn. Der Unternehmer

nimmt einen Kredit auf, um sich in den Besitz

der erforderlichen Produktionsmittel zu setzen.

Er tut das deshalb, weil er zunächst nicht im

Besitz der erforderlichen Produktionsmittel

ist, sondern sie sich erst durch Kauf beschaffen

muss, denn sie befinden sich ja im Eigentum

anderer, bzw. die Arbeits- und Bodenleistungen

befinden sich in anderen Verwendungen,

aus denen sie herausgezogen werden müssen.

Diese Kaufkraft stellt dem Unternehmer in der

Regel der Bankier zur Verfügung und verlangt

dafür einen Zins, den ihm der erfolgreiche

Unternehmer aus dem Gewinn bezahlen kann.

Zwar kann dieser Gewinn des einzelnen Unternehmers

wieder versiegen, aber im Normalfall

bieten sich wieder andere Gelegenheiten für

andere Unternehmer zu Verbesserungen und

neuen Kombinationen und damit zu unter-

85

nehmerischem Handeln, die ständig für eine

erneute Nachfrage nach Kaufkraft sorgen,

sodass die Nachfrage nach Kredit und damit

der Zins positiv bleibt. So wird der Zins zu

einem dauerhaften Einkommenszweig, auch

wenn er sich aus einer so temporären Größe

wie dem Unternehmergewinn ableitet.

Der Zins haftet somit für Schumpeter

nicht in Wertüberschüssen bestimmter Güter

oder Produktionsmittel, sondern ist erstens

ein rein monetäres Phänomen und zweitens

eine Erscheinung nur der kapitalistischen

Wirtschaft.

„Man kann also nicht durch den Geldschleier

durchstechen, um auf Agien an

konkreten Gütern zu kommen. Sticht man

durch ihn durch, so sticht man ins Leere.“

(Ebd.: 273)

Der Zins verdankt seine Existenz der Organisation

einer kapitalistischen Verkehrswirtschaft,

in welcher der Unternehmer der

Kaufkraftschaffung durch den Bankier bedarf,

der dafür ein Entgelt verlangen kann, den Zins.

Und diese neu geschaffene Kaufkraft hat, wie

schon gesagt, zunächst kein güterwirtschaftliches

Äquivalent; die neuen Güter muss der

Unternehmer ja erst produzieren. Deshalb hat

der Zins einer kapitalistischen Wirtschaft keine

Entsprechung in einer kommunistischen Zentralverwaltungswirtschaft

– dies übrigens im

Gegensatz zum Unternehmergewinn, der nicht

nur ein privatwirtschaftliches, sondern auch ein

volkswirtschaftliches Phänomen darstellt: Denn

auch in einer Zentralverwaltungswirtschaft sei

es von Bedeutung, dass die Leitung sich über

die Wertüberschüsse im Klaren ist, die durch

neue Kombinationen entstehen, unabhängig

davon, an wen diese Wertüberschüsse dann

gezahlt werden. Anders der Zins:

„Der Zins ist nicht, wie etwa der Unternehmergewinn,

eine selbständige Frucht

der Entwicklung im Sinn von einer Prämie

für ihre Errungenschaften, wenn er sich

auch nur in der Entwicklung zeigt. Er ist

vielmehr eher eine Bremse – allerdings

eine in der Verkehrswirtschaft notwendige

Bremse – der Entwicklung, eine Art von

‚Steuer auf den Unternehmergewinn‘.“

(Ebd.: 317)

Zusammengefasst also benötigt die Ent-


86 Johannes Schmidt

wicklung bei Schumpeter zweierlei: den aktiv

handelnden Unternehmer, der neue Kombinationen

durchsetzt, und die neu geschaffene

Kaufkraft durch Geld- und Kreditschöpfung,

mit der der Unternehmer Produktionsfaktoren

kauft und diese dann anders, d.h. produktiver

verwendet. Daran knüpfen sich bei Schumpeter

das Kapital, der Unternehmergewinn, der Zins

und der Konjunkturzyklus.

Schumpeters Theorie und

ihre modernen Interpreten

Wenn nun Schumpeters Überlegungen mit

den modernen Theorien zu Finanzmarkt und

Wirtschaftswachstum verglichen werden, so

sieht man nur eine bedingte Verwandtschaft.

In Schumpeters Theorie geht es um eine

Erklärung von Kapital, Kredit, Unternehmergewinn

und Zins – Phänomene, für die Schumpeter

im Modell der stationären Wirtschaft

keinen wirklich überzeugenden Grund findet.

Erst bei Betrachtung einer sich entwickelnden

Wirtschaft werden für ihn diese Dinge verständlich.

Weitergehend kann man sagen, dass in

Schumpeters Theorie die Bedeutung des Geldes

bzw. der Geldschöpfung ein zentrales Thema

ist: Geld und Geldschöpfung in der Form der

Kreditgewährung sind nicht mehr nur neutrale

Mittel zur Abwicklung des Gütertausches,

sondern wichtige Faktoren zur Erklärung von

Wachstumsprozessen; insbesondere stellt die

Geld- und Kreditschöpfung nicht einfach nur

eine Einkleidung von güterwirtschaftlichen

Transaktionen dar. Außerdem kehrt sich in

dieser Betrachtung die Bedeutung von Sparen

und Investieren um: Ersparnisse sind nicht die

Voraussetzung von Investitionen, und Investitionen

werden auch nicht aus Ersparnissen

finanziert, sondern die Finanzierung erfolgt

über die Kaufkraftschaffung im Rahmen

der Geld- und Kreditschöpfung, bei der die

Ersparnisse in erster Linie das Ergebnis des

Prozesses sind.

All dies wird in der modernen Theorie so

nicht behandelt; Schumpeters zentrale Gedanken

finden sich hier nicht oder nur sehr

eingeschränkt wieder. Wenn man noch einmal

die fünf Funktionen bzw. Dienste von Finanz-

märkten ansieht, die in der modernen Theorie

betont werden, dann wird das deutlich. Die

modernen Autoren nennen, wie im Abschnitt

über die modernen Theorien beschrieben,

die folgenden Funktionen: Mobilisierung

von Ersparnissen, Prüfung von Projekten,

Risikomanagement, Kontrolle der Manager,

Erleichterung von Transaktionen.

Von diesen fünf Funktionen kann man

lediglich die Prüfung von Projekten explizit

bei Schumpeter finden, da die Banken aus

eigenem Interesse darauf achten müssen, nur

an solvente Kreditnachfrager Kredite zu vergeben

(ebd.: 163).

Risikomanagement und Erleichterung von

Transaktionen können problemlos in Schumpeters

Gedanken integriert werden, sie finden

sich aber nicht explizit in seinem Werk.

Mit der Kontrolle von Managern ist es nicht

so eindeutig; manche Stellen in der Theorie

der wirtschaftlichen Entwicklung lassen darauf

schließen, dass Schumpeter die Probleme der

asymmetrischen Information, die in der modernen

Theorie eine Rolle spielen, nicht oder nur

unzureichend gesehen hat. So spricht er etwa

davon (ebd.: 295), dass das Risikomoment bei

der Kreditvergabe durch einen entsprechenden

Risikozuschlag auf den Zinssatz berücksichtigt

werden könne; just dies kann aber dazu führen,

dass im Zuge der adversen Selektion genau die

„falschen“ Kreditnehmer zum Zuge kommen.

Überdies ist für Schumpeter die Überlassung

von Sicherheiten bei der Kreditvergabe nichts,

was zum Kern des Kreditgeschäfts gehört,

während die neuere Literatur die Überlassung

von Sicherheiten als wesentlichen Faktor für

die Bewältigung der Probleme asymmetrischer

Informationsverteilung im Kreditgeschäft

ansieht.

Am problematischsten ist es aber sicher,

wenn man glaubt, in Schumpeters Theorie die

Mobilisierung von Ersparnissen als Funktion

von Finanzmärkten zu finden. Hier zeigt sich,

dass Schumpeters Theorie einen gänzlich

anderen Weg geht und er den Ersparnissen

einen ganz anderen Stellenwert zuspricht.

Ersparnisse als Resultate früherer Entwicklungsprozesse

können zwar später auf dem

Kapitalmarkt erscheinen und dort eine zinsdrückende

Wirkung entfalten, aber man kann


Finanzmärkte und Wachstum

sie nicht als theoretischen Ausgangspunkt für

die Erklärung eines Entwicklungsprozesses

nehmen. Hier bleibt die moderne Theorie

auf den üblichen Erklärungswegen von der

Ersparnis hin zur Investition, die Schumpeter

gerade umkehrt. 5

Das Unverständnis der modernen Theorie

für diesen zentralen Gedanken Schumpeters

wird beispielhaft an einer Stelle besonders

deutlich: Levine (1997: 695; sowie in gleicher

Weise Levine 2005: 871) führt den folgenden

gekürzten Absatz aus der englischen Ausgabe

der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung

an, mit dem er die Nähe von Schumpeters

Theorie zu den modernen Überlegungen

belegen will:

„The banker, therefore, is not so much primarily

a middleman […]. He […] author ises

people, in the name of society as it were,

[… to innovate].“ (Schumpeter 1955: 74).

[„Der Bankier ist nicht so sehr in erster

Linie Mittelsmann [...]. Er [...] ermächtigt

Menschen, im Namen der Gesellschaft

[... Neuerungen einzuführen].“ Übers. d.

Red.]

In ungekürzter Form lautet dieses Zitat, dessen

deutsche Fassung weiter oben wiedergegeben

ist, jedoch:

„The banker, therefore, is not so much

primarily a middleman in the commodity

‘purchasing power’ as a producer of this

commodity. However, since all reserve

funds and savings to-day usually flow to

him, and the total demand for free purchasing

power, whether existing or to be

created, concentrates on him, he has either

replaced private capitalists or become their

agent; he has himself become the capitalist

par excellence. He stands between those

who wish to form new combinations and

the possessors of productive means. He is

essentially a phenomenon of development,

though only when no central authority

directs the social process. He makes possible

the carrying out of new combinations,

authorises people, in the name of society as

it were, to form them.“(Schumpeter 1955:

74; Hervorh. im Original)

Das heißt: Der Dreh- und Angelpunkt von

Schumpeters Überlegungen, nämlich der Ban-

87

kier als Schöpfer – und nicht bloßer Vermittler

– von Kaufkraft, wird hier gerade außen vor gelassen,

weil die damit verbundene Umkehrung

des Verhältnisses von Sparen und Investieren

nicht – oder jedenfalls nicht so ohne Weiteres

– in den modernen Theorieaufbau zu integrieren

ist. Übrig bleibt dann nur die Prüfung und

Auswahl geeigneter Investitionsprojekte.

Schlussfolgerungen

Der Vergleich von Schumpeters Theorie der

wirtschaftlichen Entwicklung mit den modernen

Theorien der Finanzintermediation hat

gezeigt, dass sich die modernen Ansätze zu

Unrecht auf Schumpeter berufen; insbesondere

wird von ihnen die Bedeutung der Geld- und

Kreditschöpfung, die Schumpeter als zentral für

die Durchführung eines Entwicklungsprozesses

angesehen hat, nicht berücksichtigt. Damit

verbunden ist die Umkehrung des Verhältnisses

von Sparen und Investieren in der monetären

Theorie Schumpeters gegenüber einer im

Grunde rein realwirtschaftlichen Theorie, wie

sie die modernen Ansätze darstellen.

Dieser Vergleich hat aber nicht nur einen

dogmenhistorischen Aspekt, sondern die

Schlüsse, die daraus gezogen werden, können

auch für wirtschaftspolitische Fragen eine

Rolle spielen. So ist in der modernen Theorie

die Erklärung der wachstumsfördernden Rolle

von Finanzmärkten oft mit der Forderung

nach innerer und äußerer Liberalisierung der

Finanzmärkte verbunden, auch und gerade in

Entwicklungsländern, um so Ersparnisse und

ausländisches Kapital zu mobilisieren und

für die Entwicklung eines Landes nutzbar

zu machen (so z.B. Fry 1997). 6 Nimmt man

Schumpeters Theorie ernst, wird man eine

solche Schlussfolgerung zumindest mit Vorsicht

genießen: Entscheidend ist dann nicht

die Mobilisierung von Ersparnissen – was im

Falle ausländischen Kapitals mit zusätzlichen

Risiken verbunden sein kann –, sondern die

Etablierung eines Banken- und Kreditsystems,

das Entwicklungsprozesse vorfinanzieren kann.

Setzt man dagegen auf eine Liberalisierung und

ausländisches Kapital, kann es möglicherweise

zu so hohen Zinsen kommen, dass die Entwick-


88 Johannes Schmidt

lung zu stark gebremst wird; und Schumpeter

hat ja auch diesen bremsenden Aspekt der

Zinsen deutlich gesehen (Schumpeter 1997

[1934]: 317). 7

Die Geldpolitik ist gleichfalls betroffen,

wenn man Schumpeters Theorie ernst nimmt;

denn dann darf sie nicht nur auf die Preisentwicklung

sehen, sondern muss darauf achten,

dass genügend Raum bleibt für die Finanzierung

von Investitions- und Entwicklungsprozessen

und dass diese nicht zu früh aufgrund von

befürchteten Inflationsgefahren durch restriktive

geldpolitische Maßnahmen abgebrochen

werden. Damit verbunden ist, dass ein Land

institutionell stabil genug sein muss, um eine

vorübergehende Kreditinflation auf sich zu nehmen,

ohne zugleich (durch Verteilungskämpfe)

eine allgemeine Inflation auszulösen, die dann

durch geldpolitische Restriktionen bekämpft

werden muss (Flassbeck 1996: 55).

Insgesamt betrachtet, ist Schumpeters

Theo rie der wirtschaftlichen Entwicklung trotz

der zahlreichen Verweise auf ihn von modernen

Autoren noch nicht wirklich reflektiert worden;

insbesondere die „monetäre“ Seite des von

ihm beschriebenen Entwicklungsprozesses

verdient es, in Zukunft stärker berücksichtigt

zu werden.

Anmerkungen

1 Aghion/Howitt (1998: 53ff.) bezeichnen diese Herangehensweise

als Schumpeter’schen Ansatz („Schumpeterian

approach“), da die Betonung von Innovationen

als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung auf

Schumpeter zurückgehe; wie viele andere verwenden

die Autoren dabei auch die Metapher von der „schöpferischen

Zerstörung“ (Aghion/Howitt 1992 bereits im

Titel), die sich jedoch nicht in Schumpeters Theorie

der wirtschaftlichen Entwicklung findet, sondern aus

Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie stammt

(Schumpeter 1987: 138).

2 Einen ausführlichen Überblick über die diesbezügliche

Literatur und ihre Forschungsergebnisse liefert Levine

(2005).

3 Ähnliche Verweise auf Schumpeter finden sich beispielsweise

in: Levine (1997: 688); Freixas/Rochet

(1997: 186); Fry (1997: 757); Levine/Zervos (1998:

537); Rajan/Zingales (1998: 559); Beck et al. (2000:

262); Levine (2005: 867).

4 Die folgende Darstellung beabsichtigt keine erschöpfende

Darstellung von Schumpeters Geld-, Wachstums-

und Konjunkturtheorie, sondern soll nur diejenigen

Punkte herausstellen, die für einen Vergleich mit den

modernen Theorien der Finanzintermediation wesent-

lich sind. Für eine umfassende kritische Darstellung

vgl. z.B. Naderer (1990).

5 Hier ist eine gewisse Verwandtschaft Schumpeters

zu Keynes nicht zu leugnen. Postkeynesianische

Theoretiker der endogenen Geldschöpfung nehmen

darum oft auch Schumpeter in ihre „Ahnengalerie“

auf; vgl. etwa Wray (1990: 123ff.)

6 Diese Schlussfolgerung wird neuerdings (Henry

2007) aber insofern etwas vorsichtiger formuliert,

als die Liberalisierung der Finanzmärkte und des

Kapitalverkehrs nicht zu einer signifikant höheren

Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts führe,

sondern nur zu einem höheren Niveau.

7 Flassbeck (1996: 54) verweist in diesem Zusammenhang

darauf, dass es bisher praktisch noch keinem

Land gelungen sei, auf der Basis von ausländischem

Kapital einen dauerhaften Entwicklungslungsprozess

zu initiieren.

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