Sonderausstellung - Naturpark Schwäbisch Fränkischer Wald

naturpark.schwaebisch.fraenkischer.wald.de

Sonderausstellung - Naturpark Schwäbisch Fränkischer Wald

Sonderausstellung

vom 1. April bis 6. Mai 2012

Städtische Kunstsammlung Murrhardt

ÖffnungSzeiten

Mittwoch bis Freitag: 16 bis 18.30 Uhr,

Samstag und an Sonn- und Feiertagen: 14–17 Uhr

Eintritt: 4 € / 3 € (erm. Schüler/Studenten)

führungen

Mittwoch 16.30 Uhr, Samstag und

an Sonn- und Feiertagen 15 Uhr,

sowie nach Vereinbarung, Kosten: 2 €,

Telefon 0 71 92 / 21 3 - 7 77

rAhMenprOgrAMM

iM heinrich-vOn-zügel SAAl

• vortrag: „von der liste gestrichen“ – Künstler

der Moderne unter der hitlerdiktatur

Mittwoch, 18. April 2012 – 19.30 uhr

Referentin: Ulla Groha M. A.

(Kunsthistorikerin und Museumspädagogin)

• literaturabend in Zusammenarbeit mit der

Stadtbücherei und der Buchhandlung Mauser

Helmuth James von Moltke / Freya von Moltke

„Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel“

Mittwoch, 25. April 2012 – 19.30 uhr

Es lesen Eva Derleder (Badisches Staatstheater

Karlsruhe) und Jochen Humpfer

Städtische Kunstsammlung Murrhardt

Oetinger Straße 1 • 71540 Murrhardt

Telefon 0 71 92 / 213 - 222

e-mail > touristik@murrhardt.de

Internet > www.murrhardt.de

willi BAuMeiSter (Stuttgart 1889–1955)

Willi Baumeister gilt als einer der bedeutendsten Maler der

Moderne. Als Maler, Bühnenbildner, Akademieprofessor und

Typograf genießt er internationalen Ruf und erfährt bereits zu

Lebzeiten größte Anerkennung.

Einen Namen macht er sich auch als Kunstschriftsteller.

Sein in viele Werkgruppen gegliedertes Œuvre, eingangs noch

dem Gegenständlichen verhaftet, zeigt eine immer abstrakter

werdende Formensprache.

Ab 1906 studiert Baumeister an der Stuttgarter Akademie und

gehört von 1909–1912 zur Kompositionsklasse Adolf Hoelzels.

Es entstehen erste Kontakte zu dem späteren Bauhausmaler Oskar

Schlemmer, dem er lebenslang freundschaftlich verbunden bleibt.

1919/20 entstehen die ersten „Mauerbilder“, Bildtafeln, die durch

Beimischung von Sand und Kitt mauerähnlich reliefiert und mit

kubistischem Formengut gestaltet werden.

1928 beruft die Staedelsche Kunstschule in Frankfurt den Künstler

als Leiter der Klasse für Gebrauchsgrafik, Typografie und Stoffdruck.

Am 31. März 1933 wird Baumeister in Folge der Machtübernahme

durch die Nationalsozialisten entlassen.

Seine Kunst gilt als „entartet“ und wird verfemt. Als Künstler darf

Baumeister in der Öffentlichkeit nicht mehr auftreten. Er kehrt

nach Stuttgart zurück. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit

Gebrauchsgrafik, arbeitet aber an seiner malerischen Entwicklung

konsequent weiter. Seine farbenreichen Eidos-Bilder und Ideogramme

entstehen in dieser Zeit.

Ab 1940 erhöht sich der politische Druck auf Baumeister und er

bekommt von der Reichskammer der bildenden Künste Mal- und

Ausstellungsverbot. 1943 zieht er mit seiner Familie auf die

Schwäbische Alb – sein Haus in Stuttgart wurde durch Bombenangriffe

unbewohnbar. Nach Kriegsende wird er an die Stuttgarter

Kunstakademie berufen.

1947 nimmt er seine Ausstellungsaktivitäten wieder auf.

Ida Kerkovius

Teppichentwurf

Figuren auf der Bank, 1938

Pastell auf Karton

monogr. u. r.

Galerie Henn, Stuttgart

© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

AdOlf hOelzel (Olmütz/Mähren, 1853–1934 Stuttgart)

Adolf Hoelzel studiert von 1872 bis 1873 an der Wiener Akademie

Malerei und setzt seine Studien ab 1876 in München an der

Kunstakademie fort. Er ist Mitbegründer der Malschule „Neu-

Dachau“ und lebt dort von 1888–1905. In dieser Zeit vollzieht sich

schon schrittweise die Abwendung von der Abbildhaftigkeit zur

abstrakten Malerei und er rückt schon in seinen frühen Dachauer

Landschaftsbildern vom Impressionismus ab. Eigene, von Goethes

Farbenlehre ausgehende Studien führten ihn zu einer abstrakte

Farbflächen gestaltenden Malerei. Schon 1905 – nachdem er an die

Akademie der bildenden Künste in Stuttgart berufen wurde – malt

er abstrakte Kompositionen in kräftigen Farben. Er gilt als früher

Protagonist der Abstraktion und Wegbereiter der Moderne. Um ihn

entsteht der sogenannte „Hoelzel-Kreis“, in dem sich Schüler und

Anhänger versammeln, u. a. auch die im Kontext dieser Ausstellung

genannten Maler.

Hoelzel richtete auch eine Damen-Malklasse ein.

1919 gibt Hoelzel seine Lehrtätigkeit auf und wird freischaffender

Künstler, um 1920 konzentriert er sich auf die Pastell- und

Glasmalerei.

Seine Gemälde galten nach 1933 ebenfalls als entartet und wurden

verfemt.

idA KerKOviuS (Riga 1879–1970 Stuttgart)

Ida Kerkovius, Malerin und Bildteppichweberin, zählt zum Kreis

der avantgardistischen Künstler in Stuttgart.

Zunächst nimmt sie Unterricht bei Hoelzel in Dachau. Von

1908–1911 studiert sie an der Kunstakademie in Stuttgart und

wird Meisterschülerin von Adolf Hoelzel. 1920–1923 wird sie am

Staatlichen Bauhaus in Weimar Schülerin von Paul Klee und Wassily

Kandinsky. Danach wieder in Stuttgart, schließt sie sich dem

„Hoelzel-Kreis“ an. Bereits im Jahr der Machtübernahme durch

Hitler (1933) werden ihre Werke als „entartet“ diffamiert und sie

bekommt Ausstellungsverbot; zurückgezogen arbeitet sie weiter.

Ihr Sujet sind Landschaften, Figuren und Blumenstillleben.

Angeregt durch Adolf Hoelzel und das Studium am Bauhaus

beschreitet sie eigene Wege. Von Hoelzel übernimmt sie die

leuchtenden Farben und den flächigen Kompositionsstil, um eine

größtmögliche Bildharmonie zu erreichen.

Besonders nach dem Krieg wird sie mit ihren Werken als eine

bedeutende Repräsentantin der „Klassischen Moderne“ einer

breiten Öffentlichkeit bekannt und erfährt viele Auszeichnungen

und Würdigungen.

Käthe Loewenthal

Bäume am Thuner See

Pastell auf Papier

monogr. u. r.

Privatbesitz

© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Käthe lOewenthAl

(Berlin 1878–1942, ermordet in Izbica bei Lublin)

Käthe Loewenthal wächst in einer großbürgerlichen, weltoffenen,

liberalen Familie mit jüdischer Abstammung auf und konvertiert

schon in ihrer Jugendzeit zum Protestantismus. Sehr früh zeigt sich

ihr großes künstlerisches Talent.

Unmittelbar nach ihrem Schulabschluss beginnt sie ein Studium

bei Ferdinand Hodler, den sie bei einem Schweizaufenthalt kennengelernt

hat. In dieser Zeit unternimmt sie auch mehrere Reisen ins

Ausland. 1902 geht sie an die Kunstgewerbeschule zu Leo v. König

nach Berlin. Es entstehen vorrangig Akte, Tierstudien und Porträts.

Um 1904/1905 arbeitet Käthe Loewenthal als freischaffende Künstlerin

in München. Bei regelmäßigen Reisen ins Berner Oberland

entstehen viele Landschaftsstudien. Käthe Loewenthal nimmt

regelmäßig an zahlreichen Ausstellungen in Deutschland teil. Von

1912–33 besucht sie alljährlich ihre Schwester Susanne Ritscher,

ebenfalls Malerin, auf der Insel Hiddensee und arbeitet dort an

Seestücken und Landschaftsbildern. 1914 übersiedelt Loewenthal

nach Stuttgart und studiert bei Adolf Hoelzel, dessen Hinwendung

zur abstrakten Malerei folgt sie jedoch nicht. Die nächsten zwei

Jahrzehnte arbeitet sie als freie Malerin in Stuttgart.

Mit der Machtergreifung Hitlers erhält Käthe Loewenthal 1934

Mal- und Ausstellungsverbot aufgrund ihrer jüdischen Abstammung.

Damit wird ihr die Lebensgrundlage entzogen. Persönliche

Umstände lassen sie 1935 fatalerweise wieder aus der Schweiz nach

Deutschland zurückkehren. Bald darauf muss sie ihr Atelier aufgeben

und in eine „Judenwohnung“ ziehen. Von dort wird sie nach

Weißenstein (Kreis Göppingen) in eines der sogenannten jüdischen

Altersheime zwangsumgesiedelt. Am 26. April 1942 erfolgt ihre

Deportation ins Vernichtungslager Izbica bei Lublin in Polen.

Ein Jahr später wird bei einem Bombenangriff ein großer Teil ihrer

in einem Stuttgarter Magazin eingelagerten Bilder zerstört. Aber

auch das unvollständig erhaltene Werk von Käthe Loewenthal

zeigt eindrucksvoll die herausragende künstlerische Bedeutung

der Malerin.

OSKAr SchleMMer (Stuttgart 1888–1943 Baden-Baden)

Oskar Schlemmer gehört zu den vielseitigsten Künstlern des 20.

Jahrhunderts. Seine übergreifenden Tätigkeiten als Wandgestalter,

Plastiker, Zeichner und Maler zeigen, dass er sich zeit seines

Lebens um ein Gesamtkunstwerk bemüht.

Von 1905 bis 1909 studiert er an der Kunstgewerbeschule sowie

an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart, ab 1912 als

Meisterschüler von Adolf Hoelzel. 1920 wird Schlemmer von Walter

Gropius als Leiter der Bildhauerei-Abteilung und Bühnenwerkstatt

an das Bauhaus in Weimar berufen.

1922 macht er durch die Uraufführung seines „Triadischen Balletts“

in Stuttgart international auf sich aufmerksam.

Die Arbeit am Bauhaus und die Beschäftigung mit dem Theater

gewinnen große Bedeutung für seine Kunst, die sich hauptsächlich

mit dem Problem der Figur im Raum auseinandersetzt.

Der Mensch, dargestellt als eine typisierte Figurine, bleibt das

beherrschende Thema seiner Malerei, die er unter dem Einfluss des

Kubismus zu geometrischen Bildgefügen formt.

In den Jahren 1928 bis 1930 arbeitet Schlemmer an einem Auftrag

für neun Wandbilder zur Ausgestaltung eines Raumes im Folkwang

Museum, Essen. 1929 folgt er einem Ruf an die Breslauer Akademie.

1932 erhält er eine Professur an den Vereinigten Staatsschulen in

Berlin.

1933 wird Oskar Schlemmer von den neuen Machthabern fristlos

entlassen und zeitgleich seine erste große Retrospektive in

Stuttgart noch vor Eröffnung geschlossen.

Während der Kriegsjahre arbeitet Oskar Schlemmer zusammen mit

Willi Baumeister für die Wuppertaler Lackfabrik Dr. Herberts.

In der Zurückgezogenheit der letzten Schaffensjahre entsteht

1942 die kleinformatige Serie der insgesamt achtzehn mystischen

„Fensterbilder“.

Käthe Loewenthal

Rote Blume, 30er Jahre

Öl auf Leinwand

monogr. o. l.

Privatbesitz

© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

1933-1945

Sonderausstellung

vom 1. April bis 6. Mai 2012

Städtische Kunstsammlung Murrhardt

© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Reinhold Nägele (1884-1972)

Im Kontext mit Werken von:

Max Ackermann

Heinrich Altherr

Willi Baumeister

Adolf Hoelzel

Ida Kerkovius

Käthe Loewenthal

Oskar Schlemmer

Oskar Zügel (1892-1968)


1933–1945 Käthe Loewenthal und Oskar Schlemmer zeigt nicht nur beispielhaft

die Entwicklung der „Moderne“ im süddeutschen Raum auf,

sondern skizziert am Beispiel der Künstlerbiografien auch die

Verfolgt

konsequenten Diffamierungsmaßnahmen der nationalsozialistischen

Kulturpolitik während der Hitlerdiktatur von 1933–1945 und

ihre Folgen für die künstlerische Freiheit der Avantgardebewegung.

im Mittelpunkt der Sonderausstellung 2012 der Städtischen Kunst-

Seit der Zeit der Aufklärung emanzipierte sich das Kunstwerk

sammlung Murrhardt stehen Oskar zügel und reinhold nägele im

selbst und wurde autonom. Die Kunst als Ausdrucksform der

Kontext mit werken von Malerkolleginnen und Malerkollegen,

Freiheit, der Individualität des Künstlers, endete abrupt mit der

die für den Beginn der Moderne in Süddeutschland stehen.

Machtübernahme durch Hitler 1933 und hatte für die künstlerische

Avantgarde in Deutschland und nicht nur hier, sondern später

einem glücklichen Malerleben in deutschland stand all diesen

auch in den von Deutschland annektierten Gebieten katastrophale

Künstlern das politische umfeld – hitlerdeutschland – entgegen:

Konsequenzen.

viele waren wegen jüdischer herkunft der familien verfolgt,

Ein erster dramatischer Höhepunkt war die Bücherverbrennung

andere wegen ihrer werke verfemt.

am 10. Mai 1933. Bereits im gleichen Jahr organisierte der damalige

Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie, Klaus Graf v. Baudissin

(1891–1961), eine Ausstellung „entarteter“ Kunst im ehemaligen

Auch die Murrhardter Maler Oskar Zügel und Reinhold Nägele,

Kronprinzenpalais. Unter dem Titel „Novembergeist – Kunst im

zwei Vettern, teilten diese Schicksale. Zügel wurde wegen seiner

Dienste der Zersetzung“ wurden aus dem eigenem Sammlungs-

zeitkritischen Bilder bereits ab 1933 stigmatisiert und bedroht und

bestand Werke der avantgardistischen Kunst diffamiert. Zum

Nägele ist als „jüdisch Versippter“ 1937 aus der „Reichskammer der

unübersehbaren Fanal wurde dann die Eröffnung der Ausstellung

bildenden Künste“ ausgeschlossen worden und durfte als Künstler

„Entartete Kunst“ am 19. Juli 1937 in München und die Parallelaus-

nicht mehr weiter in seinem Beruf arbeiten.

stellung „Große Deutsche Kunstausstellung“. Die bildenden Künste

Die künstlerische Entwicklung dieser beiden Maler kann unter-

wurden, wie das gesamte gesellschaftliche Leben, in den Dienst der

schiedlicher kaum sein. Doch findet man auch sehr viele Parallelen,

völkischen „Blut- und Bodenideologie“ gestellt.

da sich beide – wenn auch auf Zeit – die neusachlichen Form-

Aus dieser Kulturpolitik resultierten die Verfolgung, Vertreibung

prinzipien zu eigen machten.

und schlimmstenfalls die Ermordung zahlreicher Künstlerinnen

In der weiteren künstlerischen Entwicklung setzte sich Oskar Zügel

und Künstler.

mit Methoden der Abstraktion auseinander. In seinen Bildern der

1930er Jahre ist der Einfluss des französischen Kubismus unverkennbar.

Reinhold Nägele könnte man unter Berufung auf den Kunsthistoriker

Julius Baum einen „neuen Romantiker“ nennen.

In der Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen gewannen die

Werke von Zügel wie von Nägele eine politische Dimension. Beide

Künstler drückten ihre Gesellschaftskritik in ihren Bildern aus –

allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Während Zügel sich

mit den politischen Ansichten – insbesondere auch im Hinblick auf

den nationalsozialistischen Omnipotenzanspruch – sozialkritisch,

analytisch und visionär auseinandersetzte und u. a. den Kubismus

als eine hierfür geeignete Ausdrucksform und Gewichtung nutzte,

blieb Nägeles Kritik humorvoll hintergründig. Nach Baum erweist

sich sein scheinbar naiver Realismus als doppelbödig, als „Romantische

Ironie“.

Doch beiden Malern ist wieder gemein, dass sich insbesondere in

den sozialkritischen Werken ein literarischer Zug einmischt: Die

Bilder wollen gelesen werden!

Die Ausstellung im Kontext mit Malern wie Heinrich Altherr,

Max Ackermann, Willi Baumeister, Adolf Hoelzel, Ida Kerkovius,

Verfemt

reinhOld nägele (Murrhardt 1884–1972 Stuttgart)

Reinhold Nägeles Werk erfreut sich vor allem wegen seiner Eigenwilligkeit

allgemeiner Wertschätzung. Es entzieht sich weitgehend

der Vereinnahmung für eine bestimmte Kunstrichtung.

Ausgebildet als Dekorationsmaler, bildet sich Nägele weitgehend

autodidaktisch zum Kunstmaler weiter. Wenn es auch Kontakte zu

den Kunstakademien in Stuttgart und München gab, so war der

akademische Ausbildungsbetrieb seine Sache nicht.

Aber es ergaben sich intensive Freundschaften: So war Nägele 1923

Mitbegründer der Stuttgarter Sezession, deren Vorsitz Heinrich

Altherr führte. In München befreundete er sich mit dem Maler

und Bildhauer Jakob Wilhelm Fehrle (1884–1974) aus Schwäbisch

Gmünd. Durch Fehrle lernte er auch die Radiertechnik kennen.

In der Vielfalt der Sujets erweist sich Nägele als Erzähler mit

besonderer Liebe zum Detail – dies zeigt sich insbesondere auch

in seinem Radierwerk. In Motiven der Neuen Sachlichkeit stellt er

Bahndämme und Stromleitungen beeindruckend exakt dar.

In der Auseinadersetzung mit dem Zeitgeschehen gewann

Nägeles Werk auch eine gewisse politische Dimension. Nach der

Machtübernahme der Nationalsozialisten verliert Reinhold Nägeles

Frau Alice – praktizierende Hautärztin und Jüdin – bereits 1933 die

Krankenkassenzulassung und 1937 die Approbation; als Mitverdienerin

für den Lebensunterhalt fällt sie damit weitgehend aus.

Zu Nägeles 50. Geburtstag im Jahr 1934 finden noch Ausstellungen

im Kunsthaus Schaller und in der Sammlung Hugo Borst statt.

1937 erfolgt der Ausschluss aus der „Reichskammer der bildenden

Künste“ als „jüdisch Versippter“, das bedeutete Berufsverbot.

1939 emigrierte Reinhold Nägele mit der Familie über England nach

Amerika. 1952 besuchte das Ehepaar Nägele das erste Mal wieder

Europa. Nach dem Tod von Alice im Jahr 1961 kehrt Reinhold Nägele

nach Deutschland, nach Murrhardt, zurück. Es folgen zahlreiche

Ehrungen und Ausstellungen.

Den 40. Todestag nimmt die Kunstsammlung Murrhardt zum

Anlass, an Reinhold Nägele und sein Werk zu erinnern.

Reinhold Nägele

Gefallenen-Denkmalweihe,

1935 (Schwäbisch Gmünd)

Tempera auf Papier

Privatbesitz

© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

OSKAr zügel (Murrhardt 1892–1968 Tossa de Mar, Spanien)

Oskar Zügel wäre dieses Jahr 120 Jahre alt geworden.

Anlass für die Städtische Kunstsammlung Murrhardt, seiner zu gedenken

– nicht nur als Maler, sondern auch als Verfemter der NS-Diktatur.

Für ihn, wie für viele andere Künstler dieser Zeit, war die Unterdrückung

der geistigen Freiheit eine Katastrophe. Die Emigration

1934 nach Spanien und 1937 – nach Ausbruch des Spanischen

Bürgerkrieges 1936 – über die Schweiz nach Argentinien ließen

keine Kontinuität im künstlerischen Schaffen zu. Dies, und nicht

zuletzt auch die Verdrängung seines Werkes nach 1945 sowie

die politischen Ressentiments gegen ihn, den Emigranten, mag

erklären, weshalb Zügels Œuvre – mit einigen Ausnahmen – völlig

zu unrecht lange „übersehen“ wurde.

Oskar Zügel studierte zuerst an der Kunstgewerbeschule in

Stuttgart bei Bernhard Pankok. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte

er dann sein Studium in Stuttgart an der Akademie der bildenden

Künste zunächst bei Christian Landenberger, Adolf Hoelzel und

dann bei Heinrich Altherr fort; anschließend arbeitete er als freier

Künstler in Stuttgart.

In den kommenden Jahren beteiligte sich Zügel regelmäßig an

Ausstellungen der Stuttgarter Sezession. Reisen führten ihn nach

Paris, Berlin, Venedig, Hiddensee und Jugoslawien. Mit Paul und

Felix Klee, Oskar Schlemmer und vor allem mit Josef und Anni

Albers und Willi Baumeister, mit dem er 1930 nach Montigny reiste,

war er freundschaftlich verbunden. Es bestanden auch Kontakte zu

Ferdinand Léger, zu Braque, Picasso und Gris.

Am 5. März 1933 wird die Ausstellung „Zeichen und Bilder“ im

Museum Folkwang in Essen geschlossen. Bilder von Oskar Zügel

werden abgehängt und als degeneriert (entartet) diffamiert. Bei

einer Atelierrazzia 1934 werden Werke beschlagnahmt – es hieß –

für eine Verbrennungsaktion im Hof der Stuttgarter Staatsgalerie.

1950 kehrt Oskar Zügel aus der argentinischen Emigration nach Tossa

de Mar zurück. Sein Haus war fast komplett ausgeplündert, doch

einige seiner wichtigsten Bilder waren von Tossanern sichergestellt

und ihm nach seiner Rückkehr zurückgegeben worden.

1951 wurden überraschend im Lager der Stuttgarter Staatsgalerie Kisten

mit den, von Oskar Zügel verbrannt geglaubten Bildern, darunter den

hier ausgestellten Bilderzyklus „Genotzüchtigte Kunst“, gefunden.

In den 50er Jahren folgten Ausstellungen in Florenz – gemeinsam

mit Chagall, Léger, Klee, Kandinsky, Kirchner, Matisse, Miro, Picasso

– und in Madrid.

In den 70er, 80er und 90er Jahren werden in Gedächtnisausstellungen

Oskar Zügels Werke u. a. in Tossa de Mar, in Stuttgart,

Murrhardt und Balingen gezeigt. Seit 2002 präsentiert das

Kunstmuseum Solingen, dass sich seit Ende der 90er Jahre u.a.

zu einem Zentrum der „verfolgten Künste“ entwickelt hat, auch

Werke von Oskar Zügel.

Oskar Zügel

Genotzüchtigte Kunst V

Mouvement, 1933

Öl auf Hartfaser

sign. und dat. u. r.

Privatbesitz

heinrich Altherr (Basel, 1878–1947 Zürich)

Heinrich Altherr, ein schweizer Maler, schuf zahlreiche Wandgemälde

in Kirchen und öffentlichen Gebäuden.

Im Jahre 1913 kam er als Lehrer an die Kunstakademie nach

Stuttgart und blieb bis 1938. Er lehrte dort vor allem Bildaufbau und

Komposition.

1939 „emigrierte“ er in die Schweiz. Bereits 1937 war sein Stil von

den herrschenden Nationalsozialisten der sogenannten „entarteten

Kunst“ zugerechnet worden, da sein expressionistischer Stil mit

Motiven, die oft politisch oder sozialkritisch ausgerichtet sind,

nicht in das Weltbild der damaligen Machthaber passte.

Heinrich Altherr schuf große Wandgemälde u. a. in der Universität

Zürich und in der Paulskirche in Basel.

Für die erste künstlerische Schaffensphase Oskar Zügels war

Heinrich Altherr entscheidend. Zügel studierte bis 1922 bei Altherr.

Er war nach dem Weggang Hoelzels der fortschrittlichste Lehrer

an der Stuttgarter Akademie. Durch Altherr, Gründungsmitglied

und erster Vorsitzender der Stuttgarter Sezession, erhielt Zügel

die Gelegenheit, seine Werke in den Sezessionsausstellungen zu

präsentieren.

MAx AcKerMAnn

(Berlin 1887–1975 Unterlengenhardt, Schwarzwald)

Max Ackermann studierte 1906 an der Kunstschule Weimar bei

Henry van der Velde und wechselte 1908 zunächst an die Kunstakademie

nach Dresden und weiter an die Kunstakademie nach

München, um dann 1912 sein Studium an der Kunstakademie

Stuttgart bei Richard Poetzelberger zu beenden.

Ebenfalls 1912 begegnet Ackermann in Stuttgart dem Maler Adolf

Hoelzel, der ihn zur gegenstandsfreien Malerei anregt. Bereits 1933

bekommt Ackermann Ausstellungsverbot, 1936 auch Lehrverbot.

Er zieht sich in die innere Emigration zurück und verlegt seinen

Wohnsitz an den Bodensee.

Gerühmt als „Maler der Farbe Blau“, die Ackermann besonders in

seinen abstrakten Bildern verwendet, malt er bis in die vierziger Jahre

hinein auch gegenständlich.

Nach dem Krieg erreichen seine Werke hohe Bedeutung.

1956 beruft der „Künstlerbund Baden-Württemberg“ Ackermann als

Nachfolger des verstorbenen Willi Baumeister in den „Rat der Zehn“.

Zu Lebzeiten und nach seinem Tod im Jahr 1975 sind seine Gemälde

in vielen Ausstellungen zu sehen.

Max Ackermann

Bild vom 1.V.1963

(überbrückte Kontinente)

Öl/Tempera auf Hartfaserplatte

Galerie Bayer, Bietigheim-Bissingen

© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

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