Kunst und aktuelle Medienkultur in der Schule kiss - Universität ...

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Theresa Rieß / Com&Com

… Eine Möglichkeit dieser Anpassung besteht im Erfinden von Legenden.

So geschehen im Projekt »Mocmoc«, [B3] welches im Jahr 2001

mit der Einladung der Gemeinde Romanshorn an Com&Com zur Beteiligung

an einem Wettbewerb für die künstlerische Gestaltung des

neuen Bahnhofsplatzes seinen Ausgang nahm. Zentraler Bestandteil

des Projekts ist das Konstrukt der Legende vom Seeungeheuer aus

dem Bodensee:

11 Guggenheim, Gilgi; Tschirky, Marius: »Die Legende von MocMoc«, in: Hedinger, Johannes M.; Gossolt,

Marcus (Hg.): Kunst, öffentlicher Raum, Identität. Mocmoc, das ungeliebte Denkmal, Sulgen/

Zürich 2004, S. 276.

12 Ebd.

13 Hawking, Stephen; Leonard Mlodinow: Wurmlöcher, in: Dies.: Die kürzeste Geschichte der Zeit,

Reinbek 2005, S. 122–137, S. 129.

14 Zur Einstein-Rosen-Theorie in der Physik vgl. ebd., S. 130.

Ein Fischerjunge namens Roman lebt in einem

Städtchen am Bodensee. Sein einziger Freund

ist Mocmoc, ein pokémonartig aussehen des

Seeungeheuer mit großen Augen und einem

Horn an der Stirn. Jeden Morgen, wenn Roman

mit dem Boot zum Fischen auf den See fährt,

hält er mit Mocmoc Zwiesprache. Eines Morgens

bricht im Ort ein Feuer aus. Nur durch eine

Tat, durch die er seinen einzigen Freund

Mocmoc verlieren wird, kann Roman den Ort

vor der Feuersbrunst retten: Er bricht das Horn

des Ungeheuers ab und bläst hindurch. Der

Klang des Horns weckt die Ortschaft. Mocmoc

jedoch muss für die nächsten 100 Jahre in

die Tiefe hinabsteigen und so lange dort unten

verweilen, bis ihm ein neues Horn gewachsen

ist. Roman ist also vor die Wahl gestellt, sich

entweder für die Freundschaft zu einem Einzelnen

oder für die Menschen im Ort zu entscheiden.

»...entschlossen legte Roman das

Horn an seine Lippen, atmete tief durch und

blies mit aller Kraft hinein…« 11 Fortan nennen

die Bewohner ihm zu Ehren ihren Ort Romanshorn.

[M2]

Von den Einwohnern von Romanshorn wird die

vermeintlich zufällig im Stadtarchiv zutage beförderte

Gründerlegende des Städtchens zunächst

begeistert aufgenommen, die einsetzenden Mechanismen

des Merchandisings und Marketings

verschaffen dem Ort eine bisher nicht gekannte

Aufmerksamkeit und versprechen Profit. Kurz

nach der feierlichen Enthüllung des Mocmoc-Denkmals

auf dem Bahnhofsplatz im September 2003

findet jedoch eine weitere Enthüllung statt:

Das St. Gallener Tagblatt, in dem zuvor das Manuskript

der Legende abgedruckt worden war,

deckt nun die näheren Umstände des Legendenkonstrukts

auf, Mocmoc ist nun leicht als Anagramm

von Com&Com zu dechiffrieren. Ein Sturm

der Entrüstung bricht los, ein Politikum ist entstanden.

Schließlich münden die erhitzten Debatten

um die fingierte Legende, die zu ganz realen

parteipolitischen Konsequenzen führen, in eine

Abstimmung. Mit knapper Mehrheit entscheiden

sich die Bürger am 16.5.2004 für das Denkmal

und somit für die öffentliche Weiterarbeit an und

mit der Gründungslegende. Vielleicht wird man

von der Gemeinde Romanshorn dereinst sagen:

»am Ufer von Romanshorn sitzt manchmal

eines ihrer Ururenkelkinder und isst einen Apfel.

Und wenn es genau hinschaut, sieht es weit

draussen im See etwas Gelbes hervorblitzen.« 12

Wurmlöcher – in der Schule,

in der Kunst, bei Com&Com

Ein Ansatz zum Entwurf

einer Unterrichtseinheit

Beim Versuch, die Vorgehensweise der beiden

Künstler in eigenen Worten und Begriffen zu fassen,

drängte sich mir der Gedanke an ein Phänomen

auf, das aus der theoretischen Physik und aus

der Science Fiction stammt: Das Wurmloch. Wie

sich herausstellte, erwies sich die Entfaltung und

Ausarbeitung dieser Metapher als fruchtbare Denkfigur

für den Unterrichtsentwurf.

Wurmloch: Ein wundersames Gebilde, welches

die verschiedensten Assoziationen anregt. Kann

man dort hindurch schlüpfen? Was erwartet

einen dann? Wo findet man ein solches? Wissenschaftlich

lassen sich solche Fragen nicht beantworten.

Wissenschaftlich gesprochen ist das

Wurmloch ein aus der Einstein’schen Theorie

entwickeltes mathematisches Konstrukt, »… eine

dünne Röhre, ein schmaler Gang in der Raumzeit,

der zwei weit auseinander liegende, nahezu

flache Regionen verbinden kann.« 13

Fänden wir ein solches Wurmloch und begäben

wir uns dorthinein, so würden wir mit Sicherheit

niemals hindurchtauchen. Denn Wurmlöcher

existieren nur für einen winzigsten Bruchteil eines

Moments; das bedeutet, wir müssten schneller

als Licht reisen. 14 Wer wären wir dann? Und wie

wären wir dann? – Immateriell?

Anders sieht es mit der Vorstellung von Wurmlöchern

aus, wenn wir uns im Feld der Kunst bewegen.

Insofern die Herstellung von unmöglichen

Verbindungen und die Arbeit an ihnen

ge nuiner Bestandteil künstlerischen Arbeitens

ist, treffen wir hier auf Wurmlöcher jeglicher Art.

Wurmlöcher, die einen oftmals unvorhersehbaren

Übergang an einen nicht nur topografisch,

sondern auch topologisch ganz anderen Ort

ermöglichen, finden sich oftmals gerade dort,

wo man sie am wenigsten vermutet hätte, an

ganz alltäglichen Orten, deren Funktion fraglos

geworden zu sein scheint.

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